Alemannentagung
Niklas Grüninger über ein besonderes Phänomen im Alemannischen 

29. April 2025 von Niklas Grüninger

Hallo liebe Mundelfinger,

im letzten Jahr habe ich für mein Studium in Germanistik eine Masterarbeit über ein besonderes Phänomen im Alemannischen geschrieben und die dabei gewonnenen Ergebnisse auf der Alemannentagung in Bern vorgestellt. Ich freue mich nun sehr darüber, dass ich euch ebenfalls ein wenig über die Ergebnisse der Arbeit berichten kann und hoffe sehr, dass dasThema für euch interessant ist. Ich habe versucht, alle Fachbegriffe verständlich darzustellen und auch einige Beispiele aus unserem Dialekt darzustellen.
Da ich vor einer Woche eine Doktoratsstelle in Dialektologie an einem Graduiertenkolleg begonnen habe, werdet ihr im Laufe des nächsten Jahres sicher noch einmal von mir hören.
Wenn es dann so weit ist und ich nach Versuchspersonen suche, würde ich mich sehr darüber freuen, den Großteil meiner Forschung mit Mundelfingern durchzuführen zu können, um unseren Mundelfinger Dialekt in allen Altersgruppen weiter zu erforschen.

Einleitung

Einleitung

Das Thema meiner Masterarbeit war ‚Wahrnnehmungsimperative im Alemannischen – Methoden zur Beschreibung und Analyse lexikalischer Variation‘. Was erst einmal relativ kompliziert klingt, bedeutet im Grunde, dass ich mich für diejenigen Wörter interessiert habe, mit denen man andere dazu auffordert, etwas anzuschauen. Obwohl bei uns in Mundelfingen dafür vor allem ‚guck‘ verwendet wird, kennen wohl alle von uns auch die Variante ‚lueg‘, die in weiten Teilen des Raums Waldshut-Tiengen üblich ist. Auch das für uns hochdeutsch klingende ‚schau‘ kommt öfters vor allen bei den jüngeren Dialektsprechern vor. Im Prinzip und auch laut der aktuellen Forschung wird angenommen, dass diese drei Aufforderungen ein
und dasselbe bedeuten: jemand soll sich etwas Bestimmtes anschauen.
Die These, die ich für meine Masterarbeit erforscht habe, war jedoch, dass diese drei Varianten in denjenigen Räumen, in denen man alle drei gleichzeitig benutzt, unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen aufweisen. Um dies herauszufinden, habe ich 130-Stunden langes Videomaterial aus Gesprächen zwischen Eltern und Kindern aus dem hochalemannischen Raum analysiert und verschiedene sprachliche Aspekte herausgearbeitet, mit denen es möglich ist, vorauszusagen, welche Variante wann vorkommt. Obwohl die Daten zum Großteil aus dem Raum WT stammen, können die Ergebnisse trotzdem auch auf unser Mulläfingerisch bezogen werden.

Trockene Zahlen

Da das Spektrum der sogenannten ‚Variationslinguistik‘ stark auf Statistik aufbaut, musste ich während meiner Forschung viel mit Zahlen, Prozenten und Wahrscheinlichkeiten arbeiten.
Diese trockenen Zahlen sind an sich wenig interessant und ich werde im folgenden Beitrag versuchen, die Ergebnisse so gut wie möglich ohne zähe Statistiken darzustellen. Was allerdings interessant ist, sind die sogenannten ‚Tokenzahlen‘, also die Gesamtanzahl der Vorkommen von ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ im kompletten Videomaterial. ‚Lueg‘ wurde dabei mit 1475 Vorkommen am häufigsten benutzt, aber auch ‚guck‘ (336 Vorkommen) und ‚schau‘ (224 Vorkommen) waren relativ häufig anzutreffen.

Teil 2

Lautliche Einflüsse

Der erste Aspekt, den ich in meiner Arbeit untersucht habe, waren die lautlichen Einflüsse der drei Varianten ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘. Hier hat sich gezeigt, dass unser Dialekt zwei seh spezielle ‚Vorlieben‘ hat, die dafür sorgen, dass Sprecher des Alemannischen die Varianten so auswählen, dass deren lautliche Umgebung gewissen Regelmäßigkeiten folgt.
Die erste spezielle Eigenschaft unseres Dialekts ist, dass wir es nicht mögen, wenn ein sogenannter Hiatus zwischen Zwei Wörtern besteht: wir vermeiden es so gut wie möglich, ein Wort, das vokalisch endet (z.B. ‚schau‘) mit einem Wort zu kombinieren, das vokalisch anfängt (z.B. ‚einmal‘). Diese Regel erklärt, weshalb für uns das Wort ‚schau‘ hochdeutsch klingt: wir vermeiden es, da die Gefahr besteht, dass ein Hiatus entsteht. Und tatsächlich haben die Sprecher im Videomaterial ‚schau‘ extrem selten verwendet, wenn darauf ein Vokal folgt; stattdessen wurde häufig ‚lueg‘ verwendet, um diesen Hiatus zu vermeiden.

Interessant zu wissen ist auch, dass wir alle ganz unbewusst eine Strategie verwenden, um diese zwei aufeinandertreffenden Vokale zu ‚überbrücken‘. Bei dieser Strategie (hiatustilgendes ‚n‘) fügen wir zwischen zwei Vokalen ein ‚n‘ ein, das den Hiatus zwischen den Wörtern verhindert. Stellt euch mal vor, wie ihr folgendes im Dialekt sagen würdet: „Ich bin gestern gegangen.“ Viele haben jetzt wohl so übersetzt: „Ich bi geschtert gangä.“ Hier fällt auf, dass ‚bin‘ in unserem Dialekt eigentlich kein ‚n‘ hat und wenn jemand statt ‚ich bi‘ ‚ich bin‘ sagt, fällt sofort auf, dass diese Person wohl Hochdeutsch spricht. Stellt euch jetzt aber mal vor, ihr wollt den gleichen Satz als Frage formulieren: „Bin ich gestern gegangen?“
Die allermeisten haben für diese Frage wohl die beschriebene Strategie benutzt und ein ‚n‘ eingefügt, damit zwischen ‚bi‘ und ‚ich‘ kein Hiatus entsteht: „Bi–n–i geschtert gangä?“.
Diese Strategie verwenden wir überraschend oft und vielleicht fällt euch in Zukunft manchmal auf, dass ihr in Gesprächen oft ein zusätzliches ‚n‘ einfügt. Einige fragen sich jetzt sicher auch, weshalb wir ‚ich‘ manchmal mit ‚ch‘ aussprechen und manchmal ohne. Diese Frage kann mit der zweiten lautlichen Eigenschaft unseres Dialektes erklärt werden.

Teil 3


Wie im vorherigen Kapitel bereits angedeutet wurde, kombinieren Sprecher ‚guck‘ ebenfalls sehr selten mit Vokalen, obwohl ‚guck‘ eigentlich mit einem Konsonanten endet und somit keinen Hiatus verursachen kann. Hier kommt die zweite Eigenart unseres Dialekts ins Spiel: die sogenannte ‚Resilbifizierung‘. Der bekannteste Dialektologe Deutschlands Peter Auer hat einmal zwischen „Akzentsprachen“ und „Silbensprachen“ unterschieden. Hochdeutsch tendiert allgemein zu den Akzentsprachen: Wörter werden klar voneinander abgetrennt und mit einem besonderen Laut, dem glottalen Plosiv, voneinander abgegrenzt; so würde ‚luge einmal‘ durch diesen besonderen Laut vor dem ‚e‘ in ‚einmal‘ klar in zwei Wörter unterteilt.
In unserem Dialekt gibt es diesen Laut allerdings nicht, weshalb das Alemannische (wie z.B. das Französische) zu den Silbensprachen tendiert und verschiedene Wörter ‚resilbifiziert‘, also nicht nach Wortgrenzen, sondern nach Silben trennt. Versucht mal, im Hochdeutschen ‚luge einmal‘ nach Silben zu trennen. Hier hätten wir vier Silben: „lu-ge ein-mal“. Und jetzt versucht, das gleiche mit unserem Dialekt (‚lueg ämol‘) zu machen. Jetzt müsste euch aufgefallen sein, dass wir diese Zwei Wörter verschmelzen und nur drei Silben haben: ‚lue- gä-mol‘ – das ist diese spezielle ‚Resilbifizierung‘. Mit dieser Regel kann ebenfalls erklärt werden, weshalb ‚guck‘ seltener mit Vokalen vorkommt als ‚lueg‘. Bei ‚lue-gä-mol‘ endet die erste Silbe mit einem schön lautenden doppelten Vokal, einem sogenannten Diphthong. Wenn wir das gleiche mit ‚guck‘ machen, entstehen folgende Silben: ‚gu-ckä-mol‘. Hier endet die erste Silbe auf einem kurzen einfachen Vokal, was sich wesentlich weniger schön anhört.

Das hat seine Gründe: Silben, die mit zwei Vokalen oder einem langen Vokal enden, heißen ‚schwere offene Silben‘, während ‚leichte offene Silben‘ mit einem kurzen Vokal enden. In unserem Dialekt versuchen wir beim Verschmelzen von Wörtern, so oft wie möglich schwere offene Silben an Wortenden zu haben, weshalb sich ‚lueg ämol‘ schöner anhört als ‚guck ämol‘. Zurück zur Frage, weshalb wir manchmal ‚ich‘ und manchmal einfach nur ‚i‘ sagen.
Wenn wir Wörter verschmelzen, versuchen wir, wenn nur irgend möglich, die Struktur ‚Konsonant-Vokal‘ bzw. ‚CV‘ einzuhalten. Bei ‚Ich bi gangä‘ kommt es nicht zu Wortverschmelzungen bzw. Resilbifizierungen: ‚Ich – bi – gang – ä.‘ Wenn wir es allerdings wieder umstellen, kommt es wegen des hiatustilgenden ‚n‘ zu einer Wortverschmelzung zwischen ‚bin‘ und ‚ich‘: ‚Bi-ni gang-ä?‘ Bei der Wortverschmelzung fällt nun auf, dass die ersten zwei Silben jetzt strikt dem Muster ‚Konsonant-Vokal‘ folgen, was nicht mehr der Fall wäre, wenn wir ‚ich‘ mit ‚ch‘ aussprechen. Und genau aus diesem Grund sagen wir nur ‚i‘ in diesen speziellen Fällen, während wir ‚ich‘ sagen, wenn keine Wortverschmelzung vorliegt.
Als Schlusswort dieses Teils lässt sich also sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man ‚lueg‘ verwendet, stark erhöht ist, wenn darauf ein Vokal folgt, während ‚guck‘ und ‚schau‘ wahrscheinlicher vor Konsonanten vorkommen.

Die sogenannten Modalpartikeln ‚mal‘ (‚mol‘) und ‚einmal‘ (‚ämol‘)

Teil 4

Die drei Varianten ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ haben eine Gemeinsamkeit, die sie von anderen Wortarten unterscheidet: sie alle kommen häufig mit den Wörtern ‚mal‘ oder ‚einmal‘ vor.
Die Fragen, die sich hier stellen, lauten: Weshalb kommen die Varianten manchmal mit diesen Wörtern vor und manchmal nicht? Warum bestehen so große Unterschiede in den Statistiken zwischen den Varianten? Und welche Funktionen haben die Modalpartikeln ‚mal‘ und ‚einmal‘?
Bevor ich diese Fragen beantworte, erst einmal zu den grundlegenden Zahlen: Allgemein kommen ‚schau‘ und ‚lueg‘ häufiger mit ‚mal‘ oder ‚einmal‘ vor als nicht, während ‚guck‘ viel seltener mit diesen Wörtern vorkommt.


Wenn wir uns nun anschauen, wie häufig die Varianten mit ‚mal‘ und wie häufig mit ‚einmal‘ vorkommen, fällt auf, dass fast nur ‚lueg‘ mit ‚einmal‘ vorkommt.

Diese Unterschiede sind sehr groß und deuten bereits darauf hin, dass hier irgendeine bestimmte Systematik dahinterstecken muss. Um das herauszufinden, müssen wir erst einmal wissen, was man bereits über ‚mal‘ und ‚einmal‘ weiß.
Überraschenderweise sind sich viele Forscher noch nicht ganz einig darüber, was diese beiden Wörter ‚mal‘ und ‚einmal‘ eigentlich genau bedeuten. Während einige sagen, dass diese Wörter eine Aufforderung höflicher machen, sagen andere, dass man sie nur benutzt, wenn man ausdrücken will, dass die Aufforderung nur einmalig ist. Für meine Arbeit bin ich davon ausgegangen, dass man ‚mal‘ und ‚einmal‘ immer dann an ‚guck‘, ‚lueg‘ oder ‚schau‘ anhängt, wenn man auf etwas sehr Wichtiges oder Neues hinweisen will.
Um herauszufinden, ob das auch stimmt, habe ich geschaut, ob nach den Aufforderungen etwas mit einem unbestimmten Artikel (‚ein‘, ‚einer‘, ‚eine‘) oder mit einem bestimmten Artikel (‚der‘, ‚die‘, ‚das‘) eingeführt wird; wenn ein unbestimmter Artikel verwendet wird, wird etwas Neues eingeführt und es müsste entweder ‚mal‘ oder ‚einmal‘ benutzt werden, während die bestimmten Artikel etwas bereits Bekanntes beschreiben. Und tatsächlich hat meine Analyse gezeigt, dass ‚mal‘ und ‚einmal‘ fast ausschließlich verwendet werden, wenn unbestimmte Artikel folgen, also etwas Neues eingeführt wird.

Teil 5

Es hat sich aber noch eine weitere Funktion von ‚mal‘ herausgestellt, die vor allem von Kindern verwendet wird, wenn sie die Aufmerksamkeit einer anderen Person wollen. Wenn ein Kind etwas gefunden hat oder etwas zeigen will, verwendet es häufig Wiederholungen:
‚Papa, papa, schau mal, schau mal, schau mal.‘ Stellt man sich nun vor, dass ein Kind dasselbe macht, allerdings ohne ‚mal‘, hört sich das auf jeden Fall unnatürlicher an. ‚Mal‘ kann also auch verwendet werden, wenn zwar nichts Neues eingeführt wird, man allerdings die Aufmerksamkeit eines anderen auf sich ziehen will, was bei Kindern sehr häufig vorkommt.
Nun stellt sich noch die Frage, weshalb vor allem bei ‚lueg‘ zwischen ‚mal‘ und ‚einmal‘ unterschieden wird. Natürlich spielt hier auch wieder die lautliche Thematik eine Rolle: da nach ‚lueg‘ viel häufiger Vokale vorkommen als bei ‚schau‘ und ‚guck‘, macht es natürlich Sinn, dass ‚einmal‘ vor allem nach ‚lueg‘ vorkommt. Allerdings erklärt das nicht, weshalb auch ‚mal‘ nach ‚lueg‘ vorkommt. Der Grund für diese Unterscheidung hat sich als sehr vielfältig herausgestellt und soll in einem späteren Teil ausführlicher dargestellt werden.
Bezogen auf die Thematik dieses Artikels hat sich allerdings schon eine Facette herausgestellt. Stellt euch vor, ihr wollt jemandem etwas zeigen, das sich gerade bei euch im Raum befindet. Und versucht jetzt, diese Sache einmal mit ‚guck mol …‘ und einmal mit ‚guck ämol …‘ zu beschreiben. Wenn euch jetzt aufgefallen ist, dass nach ‚ämol‘ automatisch und unbewusst eine längere Sprechpause eingefügt wird als nach ‚mol‘, macht ihr das gleiche, was ich in meiner Arbeit herausgefunden habe. Wenn ich sage ‚guck mol – än Stift‘, würden ich und die Sprecher in den Videos spontan keine bzw. eine sehr kurze Pause zwischen ‚mol‘ und ‚än‘ einfügen. Wenn ich allerdings sage ‚guck ämol – än Stift‘, ist diese Pause wesentlich länger. Das liegt daran, dass ‚einmal‘ einen Suchauftrag beinhaltet, der bei ‚mal‘ nicht vorhanden ist: wenn man ‚guck ämol‘ sagt, gibt man der anderen Person Zeit, die Sache, auf die man hinweisen will, selbst zu finden. Bei ‚guck mol‘ geht es allerdings nur darum, die Aufmerksamkeit auf die Sache zu lenken, wobei die Suchanforderung wegfällt. Und wer sich gedacht hat, dass man dem Gefühl nach nach ‚ämol‘ eher längere Sätze wie ‚… do isch än Stift‘ einfügen würde als nach ‚mol‘, hat auch schon eine kleine Vorschau auf ein späteres Kapitel.

Als Schlusswort dieses Artikels kann also gesagt werden, dass ‚guck‘ dazu tendiert, Sachen wieder in den Fokus zu rücken, die bereits bekannt sind. ‚Schau‘ wird häufig von Kindern verwendet, wenn sie die Aufmerksamkeit einer anderen Person haben wollen. ‚Lueg‘ hat die Funktion, neue Sachen hervorzuheben und beinhaltet häufig Suchaufträge, die Spannung bei der anderen Person erzeugen sollen.

Deiktika: Die Wörter ‚so‘, ‚da‘, ‚dort‘, ‚der‘ …

Teil 6

Im Laufe meiner Arbeit bin ich auf etwas sehr Unerwartetes gestoßen: ‚lueg‘ wird wesentlich öfter (12%) mit dem Wort ‚so‘ kombiniert als ‚guck‘ (2,08%) und ‚schau‘ (1,34%). Das bedeutet, dass ‚so‘ in irgendeiner Weise mit ‚lueg‘ verbunden ist, die es wahrscheinlicher macht, dass beide zusammen auftreten. Um dieser Frage nachzugehen, muss zuerst klargestellt werden, was das Wort ‚so‘ in Verbindungen mit ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ überhaupt für Funktionen haben kann. Einerseits kann ‚so‘ als sogenannter Operator bzw. Diskursmarker fungieren, auf was im nächsten Kapitel näher eingegangen werden soll.
Andererseits gehört ‚so‘ zur Gruppe der sogenannten Deiktika. Dieser Fachbegriff beschreibt alle Wörter, die in ihrer Bedeutung eine Zeigegestik beinhalten; wenn man zum Beispiel sagt ‚guck da‘, erwartet der Hörer automatisch, dass eine Richtung vom Sprecher vorgegeben wird. Zu diesen Deiktika gehören üblicherweise die Demonstrativa, also die Wörter ‚da‘, ‚dort‘, ‚der‘, ‚die‘, ‚das‘ etc,, aber eben auch das Wort ‚so‘. Was dieses Wort allerdings so besonders macht, ist, dass es immer automatisch auf die Position des Sprechers zeigt. Wenn man jemandem sagt ‚gucke so‘, weiß der Hörer automatisch und ohne Zeigegeste, dass er die Aufmerksamkeit auf den Sprecher richten soll. Dabei verwendet man ‚so‘ in diesem Kontext immer dann, wenn man einer anderen Person zeigen will, in welcher Art und Weise etwas
gemacht werden muss. Zum Beispiel wird der Trainer im Fußballverein beim Training häufiger etwas sagen wie: „Guckt, so müsst ihr das machen.“ Ohne dass der Trainer jetzt mit seiner Hand auf sich selbst zeigt, wird jedem Spieler aufgrund des Wortes ‚so‘ sofort klar sein, dass man den Trainer beobachten soll.

Teil 7

Was aber, wenn nun ein Spieler einen anderen Spieler darauf hinweisen will, den Trainer zu beobachten? Selbst wenn dieser Spieler sagen würde ‚guck, so macht das der Trainer‘, würde der Hörer trotzdem denken, er solle den Sprecher anschauen und nicht den Trainer. Hier kommen sogenannte ‚W-Termsätze‘ ins Spiel, die in gewisser Hinsicht ein Gegenstück zu den Deiktika sind. An sich ist ‚guck so‘ gleichbedeutend mit ‚guck, wie ich das mache‘ bzw. ‚guck, was ich mache‘. Und nur diese Konstruktion kann auch in unserem Beispiel verwendet werden: ‚guck, was der Trainer macht‘ bzw. ‚guck, wie der Trainer das macht‘. Das gleiche Prinzip gilt auch für alle anderen Zeigewörter. Warum aber ist dann das Verhältnis des Wortes ‚so‘ derart unterschiedlich?
Angenommen die beiden Arten Deiktika (‚gucke so‘) und W-Termsätze (‚guck, wie der das macht‘) sind Gegenstücke, so müsste eine gewisse Systematik zwischen deren Vorkommen bestehen. Und tatsächlich hat sich gezeigt, dass folgender Trend besteht: je öfter Deiktika verwendet werden, desto seltener kommen W-Termsätze vor. Und noch weiter: das Wort ‚so‘ steht in einer starken Konkurrenz mit den Demonstrativa ‚der‘, ‚das‘ und ‚die‘. Dieses Ergebnis wurde bisher noch nicht in der Forschung beschrieben und könnte vor allem im Hinblick auf unseren Dialekt neue Erkenntnisse bringen.

Alles zusammengenommen kann also eine Konkurrenz zwischen allen Wörtern und Sätzen gezogen werden, die die Aufmerksamkeit des Hörers auf eine Position ungleich dem Sprecher richten und denen, die die Aufmerksamkeit auf die Position des Sprechers richten. So hat sich letztlich gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ‚lueg‘ auftritt, um mehr als das 11-fache erhöht ist, wenn die Aufmerksamkeit auf die Sprecherposition gerichtet wird.

Diskursmarker: Wenn ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘ nichts mit sehen zu tun haben

Teil 8

Nun hat das Wort ‚so‘ allerdings noch eine zweite große Funktion, und zwar die als Diskursmarker. Dieses Konzept zu erklären, kann ganz schön lange und kompliziert werden, weshalb ich versuche, es mit einem Beispiel zu verbildlichen. Wenn jemand sagt ‚guck so‘, ist wie beschrieben klar, dass der Sprecher will, dass man ihn beobachtet. Wenn man jetzt allerdings sagt ‚so, guck ämol, jetzt messä mo überlegä, wie mos machäd‘, hat das Wort ‚so‘ klar eine andere Funktion und auch das Wort ‚guck‘ bedeutet nicht mehr unbedingt, dass man etwas beobachten soll. Im zweiten Beispiel fungiert ‚so, guck ämol‘ als sogenannter Diskursmarker. Diese Diskursmarker werden benutzt, um die Aufmerksamkeit des Hörers nicht auf eine beobachtbare Sache zu richten, sondern auf das, was man danach sagt. Und
genau diese Funktion ist bei ‚guck‘, ‚lueg‘ und ‚schau‘ relativ weit verbreitet. Wenn man sich nun wieder die unterschiedlichen Zahlen und Anteile zwischen den drei Wörtern als Diskursmarker anschaut, sticht erneut ‚lueg‘ heraus, das mit Abstand am häufigsten als Diskursmarker verwendet wird. Darüber hinaus überschreitet der Diskursmarkeranteil von ‚lueg einmal‘ die erwarteten Anteile um über das Doppelte, was eindeutig beweist, dass Sprecher zwischen ‚lueg mal‘ und ‚lueg einmal‘ unterscheiden, um anzuzeigen, dass ein Diskursmarker verwendet wird.

Dieses Ergebnis hängt mit den Ergebnissen von Teil 3 zusammen. Erinnert ihr euch, dass man nach ‚guck ämol‘ instinktiv eine längere Sprechpause macht als nach ‚guck mol‘? Typisch und charakteristisch für Diskursmarker ist, dass sie durch Sprechpausen von dem abgegrenzt werden, was danach gesagt wird. Somit kann also gesagt werden, dass ‚lueg einmal‘ bzw. in unserem Fall ‚guck ämol‘ instinktiv als Diskursmarker aufgefasst wird, der durch Sprechpausen erkenntlich wird.


Grammatik und Satzbau: Was für Sätze werden für ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ benutzt?

Teil 9

Der letzte von mir untersuchte sprachliche Einfluss betrifft die Grammatik und die Länge der Sätze, in denen ‚guck‘, ‚lueg‘ und ‚schau‘ benutzt werden, denn es macht einen Unterschied, ob der Satz minimal (‚Gucke!‘) oder maximal (‚Dort vorne, guck, was der macht!‘) besetzt ist. Auch stellt sich die Frage, ob es Regelmäßigkeiten zwischen den drei Wörtern gibt und ob sie eher am Anfang, in der Mitte oder am Ende des Satzes stehen. Erneut hat sich gezeigt, dass sich die drei Wörter stark voneinander unterscheiden: ‚guck‘ kommt am häufigsten in minimalen Sätzen vor (36,9%), gefolgt von ‚schau‘ (20,54%) und ‚lueg‘ (12,88%). Diese Zahlen spiegeln die bereits gewonnenen Ergebnisse wider, da vor allem ‚lueg‘ mit dem Wort ‚einmal‘ komplexere Sachen anzeigt als ‚guck‘, das häufig auf bereits Bekanntes hinweist.
Weiter noch zeigen die Zahlen, dass in diesen Minimalsätzen das Wort ‚mal‘ wesentlich
häufiger vorkommt als in größeren Sätzen.


Aber was bedeutet das nun? Dass die minimalen Sätze häufiger das Wort ‚mal‘ aufweisen deutet darauf hin, dass es vor allem bei ‚guck‘ möglich ist, die Sache, die man zeigen will, durch die sprachliche Zeigegestik von ‚mal‘ zu ersetzen, womit dieses Wort eine Art Platzhalterfunktion erfüllt. Dementsprechend ist zu erwarten, dass das Wort ‚mal‘ weggelassen werden kann, wenn das Objekt beschrieben wird (‚guck, do isch der Stift‘), allerdings nicht, wenn nur darauf gezeigt wird (‚guck mol‘). Somit würde ‚mal‘ auch in denen Fällen Neues beschreiben, in denen die Sache nicht sprachlich beschrieben wird.


So kompliziert das obige Schaubild wirken mag, so beweist es generell erneut die Ergebnisse, die in den anderen Teilen bereits beschrieben wurden. ‚Schau‘ und ‚lueg‘ können kaum Sätze ohne ‚mal‘ bilden, ‚guck‘ aber schon, was beweist, dass ‚guck‘ stark dazu tendiert, auf
Bekanntes zu zeigen. ‚Schau‘ weist die häufigsten minimalen Sätze mit ‚mal‘ auf (‚Schau mal!‘), was ebenfalls damit zusammenhängt, dass diese Konstruktion häufig von Kindern verwendet wird, um Aufmerksamkeit zu erregen. ‚Lueg‘ bildet am häufigsten komplexe und lange Sätze, was alle bisher beschriebenen Tendenzen bestätigt, aber auch zeigt, dass dieses Wort häufig von Erwachsenen verwendet wird.

Hauptergebnisse und Schlusswort


Teil 10

So, und was sind nun die größten Hauptergebnisse meiner Arbeit? Ganz allgemein hat meine Arbeit bewiesen, dass die drei Varianten ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘ unterschiedliche Funktionen haben und nicht, wie bisher beschrieben, bedeutungsgleich sind. Diese Diversität an Möglichkeiten ist einzigartig in unserem Dialekt, da nirgendwo anders in Deutschland alle drei Varianten verbreitet sind und zusammen vorkommen. Ebenfalls lässt sich allgemein sagen, dass es möglich ist, die Auftretenswahrscheinlichkeit aller drei Wörter anhand verschiedener sprachlicher Eigenschaften vorherzusagen. Das bedeutet, dass wir in unserem Dialekt (auch wenn diese Sachen eher im Raum WT liegen) unbewusst zwischen mehreren Varianten eines Wortes unterscheiden und instinktiv die passende Variante im passenden
Kontext verwenden, was im Hochdeutschen so gut wie nicht vorhanden ist.
Dabei passen wir die Wahl der Variante ganz ohne viel Nachdenken an verschiedenste Faktoren an: lautlich passen wir darauf auf, dass kein Hiatus entsteht und die richtige Silbenstruktur vorliegt. Wir kombinieren sie mit den Wörtern ‚mal‘ und ‚einmal‘ je nachdem, was wir zeigen oder erreichen wollen. Wir passen die sprachliche Zeigegestik an, um zu unterscheiden, ob auf den Sprecher oder auf etwas ungleich dem Sprecher gezeigt wird. Wir verwenden die Varianten metaphorisch als Diskursmarker und passen unsere Sprache so an, dass der Hörer genau weiß, dass es sich um einen Diskursmarker handelt. Und wir variieren die Länge und Komplexität unserer Sätze je nachdem, was wir mit welcher Variante erreichen wollen – und all das ohne jemals irgendwelche Regeln gelernt zu haben, einfach aus dem
Bauch heraus, wie wir es von Kind an von unseren Eltern und Großeltern gelernt haben.

Ich bedanke mich vielmals für euer Interesse und hoffe, dass ihr meinen Beitrag trotz aller
Fachbegrifflichkeiten spannend fandet.

Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen

Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stücklein blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Marien’s ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsere liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.

Den Verweis hierfür mögen Wetter- und andere Propheten führen. So viel ist entschieden gewiss, dass zu Anfang der 20er Jahre, am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blauste Himmel sich über dem alten Städtlein Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Tore gesegnet; und hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf dem Gartenhängen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüt geradezu Hosen zu nennen wagt, sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fangschnüren. In der Ferne hörte man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen entlegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen ausgeklopft. Wer im Felde zu tun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so Manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte sein Tschako noch lackieren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefel, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.

„Wenn es nur auch so hält“, sagte der alte Hafnermeister, in den er seinen Sappeursbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig heraus ausstaffierte.
„Es bleibt gut“, bemerkte ein Nachbar, der sassianene Gerbermeister. „Mein Laubfrosch sitzt jetzt schon seit vorgestern früh hoch auf der Leiter, und das Männle am Rathausfähnle läßt gutes Wetter supponieren.“
„Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“, erwiderte der Andere.
Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit geziemender Würde begangen wird.

Zur Zeit unserer Erzählung war dieser Tag für die ganze Baar sozusagen ein Volksfest, zu welchem die Gäste von nah und fern zusammenströmten. Nicht wenig zum Glanz des Tages trug eine bürgerliche Miliz und ein Musikkorps bei, welche beide nach dem Muster anderer kleinen Städte auch hier errichtet worden waren. Die Musik, von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs trefflichste eingeübt, hatte den Beifall aller Hörer und die wackeren Musketiere exerzierten und manövrierten, dass es eine Lust war, ihnen zuzusehen. Und weil dazumal noch nicht jeder alte Student und Gevatter Handschuhmacher sich einbildete, ein größerer Mann zu sein, der das Volk beglücken und Deutschland umgestalten müsse, so ginge alles im besten Contento, zur Freude für Jung und Alt.

Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberster, der trefflich Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah es aus, wenn er in der Uniform mit kurzen hirschledernen Beinkleidern und Suwarowstiefeln, ähnlich einem Erzherzog Karl oder Fürst Schwarzenberg, vor der Fronte stand.

Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marte, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne kein Wasser ziehe oder ob der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bub in der Eigenschaft eines Feldjägers atemlos und schwitzend daher gelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn.

Gedachter Marte war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte, und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerzieren gründlich studiert bei den Österreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, dass selbst der Major „das Meiste von ihm habe“. „Gleich!“ sagte er, „gleich werd‘ ich erscheinen.“ Er rückte noch einmal seine Waffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger vor dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgerkorps in Reih und Glied und begann sämtliche Schwenkungen und Manövers, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinter her aber zog ein Haufen von Buben mit Bohnenstecken statt der Gewehr, und machten alle Exercitien glücklich nach.

„Stellt euch“, sagt der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren. „Stellt euch nur morgen auch Alle präzis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, dass wir den alten Ruhm nicht einbüßen“.

Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwebel Marte und den Korporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauen zu: „Ihr Leut‘, ich fürcht‘, dass uns die Zwei“ – hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin – „morgen bei den Salven Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten.!

„Herr Major“, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: “ das wird’s nicht wohltun; wofür verzürnen die Leutele. Ich weiß ein besser Mittel, laßt mir mich machen. Morgen, bevor und dass wir einmarschieren, will ich tun, als visitiere ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Lichtstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut‘ haben ihre Plaisir.“ – Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandierte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Alten die Musketen heimtragen durften.

Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Burschen die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf den Rücken, kam aus dem Felde. Der andere schien auf der Reise begriffen zu sein; er mochte etwa 24 Jahre zählen, ein stämmiger Bursche mit braunem Haar und rötlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit gehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: Über den neuen schwarzen Lederhosen, den neuen grünen Samtschoopen und das rote Leible. In der Hand trug eine schwanke Haselnussgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken hieb, der vor ihnen hertanzte. K

„Konrad“, sagte der mit der Sense, „das kann ich dir sagen, seit du auf dem Hofe bist, kennt man dich fast nicht mehr, du bist ein Weltkerle geworden“.
„D’rum bin ich gesund, Gott Lob“, erwiderte der im Sonntagsstaat, „Essen und Trinken schmeckt mir, und überflüssige Sorgen mach‘ ich mir auch keine“.
„Ja, wenn eine gewisse nicht wär!“
„Du hast gehört läuten, und weißt nicht wo, Franzsepp“, meinte Konrad. „Was soll denn das für eine gewisse sein? – Vom Hörensagen lügt man gern“. –
Er suchte ablenkend das Gespräch auf eine andere Materie zu leiten, uls sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so dass man die vergoldeten Zeiger der Turmuhr sehen konnte, machte er ein Paar von den blanken runden Knöpfen an dem roten Leibe auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kirchturmuhr.-
„Sechs Uhr!“ , sagte er, „Die geht eine halbe Stund‘ früher als die Bräunlingerin. Sechse, Siebene – bis um Achte bin ich daheim.“
„Ei was! kannst’s du auch Neune werden lassen“, rief der Franzsepp. „Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler miteinander trinken in der Sonne, denn so jung kommen wir doch nicht mehr zusammen.“
„Nichts da, sag Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!“
„Aha, es zieht den Menschen eben heim; ei, das muss ja ein großmächtiges Zugpflaster sein, das so stark zieht. – Aber morgen kommst doch zum Fest?“
„Ja, freili'“, rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Tore über die Bregach führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen wandern sie in aller Seelenruhe zum Tore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht sich ja gar so gut von Allem, was die Woche über passiert, von Altem und Neuen, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen, sie kommt auch wohlfeiler, als die im Wirtshause.

Heute, an so einem geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit alten Zeiten in Stein gehauen, auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und bedächtiger Miene sah er, wie immer, dem Lauf des Baches nach, der in einiger Entfernung die Stadtmühle treibt.

Der Wanderer verließ die Brücke und gegen den Fußweg hin, dadurch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegende, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindschritte oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zog sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde. Denn nachdem die Betglocken, welche in der Umgegend den kommenden Festtage verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathaussstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.

Was trieb ihn denn so vorwärts, und hier sind immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinem Ältern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an laue Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschen? Oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ih der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? –

Hier ist nun der Ort, wo ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündlein von Hüfingen zu dem Dorfe zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und an einen anderen Weg einschlagen; wenn wir unsere Schritte fördern, so kommen wir immer noch zur gleichen Zeit mit ihm an.

Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen.
Richtig. Der Marsch ist so weit nicht, als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein und sein Xaver aus Russland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der 13-jährige Waisenknabe nur noch einen einzigen älteren Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in den Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß. Durch Rührigkeit und Sparsamkeit hatte sich der Knecht bald so emporgeschwungen, dass er als Pächter des fürstlichen Meierhofes zu Waldhausen sich dauernd wieder niederlassen konnte. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihm ein Verwandter zu sich, der keine Kinder hatte, aber sehr für möglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer, hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf dem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegte; im Übrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt, auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der Tat im Stande gewesen, „die Laus und den Balg zu schinden“. Dieser trockene, einsilbige Vetter und dieses knickrische Weib war nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und kühle Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, dass ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da ist der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählich zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.

Dazumal war noch die Ross- und Nachtweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte Rossbubenverfassung, welche seitdem auch von dem raschen Lauf der Zeit umgestürzt worden ist. Da nämlich die jüngeren Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, dass sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektiert wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „ausfuhren“, das heißt die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeinenes Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mussten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stillieger“ und waren die Oberhäupter der anderen. Sie lagen nämlich still, das heißt müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußte ihre Unterthanen alle Arbeit für sie tun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und abzäunen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolkes. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein eingesetzt werden. So geschah es unserem Konrad, dass er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall tat und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, dass er ein Stillleger werden sollte. Der Barbier des Orts, das sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, einen wirklicher Pfleger an ihm wurde, voller Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.

Aber er hatte auch noch Muße, um anderen Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein 18. Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegte, die Mädchen des Dorfes mit anderen Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, dass dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermutet hätte. Was er auch tun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg. Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareille mit den schönen roten Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Tony’s „zumpferne“ Agnes? oder eine von des Müllers Töchtern? Keine von all diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche als Bub bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinetwillen in Tränen zu sehen, ihm ein Genuss gewesen war? Ja die, die war’s, des alten, vermöglichen Vogts sein feines Mariannle, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei.

Freilich hätte er lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliches Bild vor seinen Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden solle, denn er wusste wohl, welch Kluft sei, zwischen der reichen Tochter des Vogts und einem armen Bauernknecht. Er konnte aber nicht, denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letztlich angeschaut hatte, so dass es ihm dabei war, als sähe er in das Paradies hinein. Ihr roter Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht zu sehr zu seinen Gunsten auslegen.

Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammerfenster oben heraus sehen durfte, da konnte er noch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, dass es das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, Niemand anderes war, als das Mariannele. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpflein ein klein wenig herauf, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.

Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach der Amtsstadt zur „Ziehung“. Zu Fuß war sie ausgezogen, das ganze Dorf hatte ihnen Glück gewünscht. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der konscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammengenommen hatten, zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen.

Als der Wagen in’s Dorf hineinfuhr und an dem Hause, an welchem die Bürger und Mädchen beisammen standen, vorbeifuhr, stimmten die lärmenden Rekruten ein Lied an. Und ein Buckliger, den der lustige Zufall Nummer Eins hatte ziehen lassen, brachte mit kreischende Stimme dem Soldatenstand ein lautes Vivat.

Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf eine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: „Verspielt! Nummer 17!“ entgegenhielt, da wurden die gute Mariann‘ blass bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm doch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.

Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft losgemacht hatte, ich bin froh, dass ich fort komm‘. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann‘ kannst du dir keine Hoffnungen machen. Sie ist hübsch – dazu reicher Leute, Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser ’s Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, dass sie dir hold ist, einfältiger Kerl? Also nur fort – Unglückskind – fort, fort!

Doch so schnell sollte es nicht gehen.
„Hast du denn gar keine Fehler?“ Fragte ihn sein Vetter nach einiger Zeit, als er sich zur Visitation stellen mußte.
„Zwanzig Jahre und kein Fehler!“, sagte die Riedbäuerin dazwischen. „das wär mir was! Jugend hat kein‘ Tugend.“
„Von solchen Fehlern ist nicht die Red‘. Annekäther“, bemerkte der alte Rittbauer.
„Keinen, dass ich weiß“, erwiderte Konrad. „Den linken Arm kann ich nicht mehr ganz biegen, seit ich ihn gebrochen habe.“
„Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben“, sagte sein Pfleger. – „Ja“, dachte Conrad, „das werd‘ ich wohl bleiben lassen; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.“
Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt.
„Was ist’s denn mit dem Arm da?“ Fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem anderen Ton, als dass Mariannle einst gefragt hatte.
„Ich hab‘ ihn vor zwei Jahren gebrochen“.
„Untauglich!“ hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonderer kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, dass noch ganz andere Kerle vor der Türe standen.

Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amzhause ging: das hab‘ ich schon gemerkt, dass der Soldatenstand just kein Schleckhafen ist. – Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in die Abstandsstube unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte er in den Bart hinein, „Aufrecht, dummer Bauerntölpel!“ Wie aber der Konrad auf dieses mit einem grimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, dass der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.

So hat ihm also das Vorhaben, durch die Nötigung der Umstände aus seinem heimatlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb mir nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben?

Die Familie des Mädchens gehörte zu den wohlhabendsten der Baar. Seit mehr als einem Jahrhundert war das Vogtamt beständig bei diesem Hause verblieben. Der älteste Besitzer des Stammgutes hatte unter anderem das Recht, mit eigenem Wappen zu siegeln, und selbst die regierenden Fürsten beliebten früher Zeit während der Jagd öfters ihre Einkehr in dem wohlgelegenen Bauernhause zu nehmen.

Kein Wunder also, dass der Vogt einen gewissen angeerbten Stolz und behäbige Selbstgefühl zur Schau trug. Zudem war er der Mann, der noch viel auf alte Sitten und Bräuche hielt. So herrschte zum Beispiel in dem Dorf noch die Sitte, die Gemeindeversammlungen im Freien unter der alten Linde bei der Kirche abzuhalten. Am Sonntag, wenn Wichtiges verhandelt werden sollte, postierte sich der Bannwart jedes Mal an die Kirchtür und entbot dem herauskommen den Bürger mit den Worten: „Ihr Mannen, ’s ist G’meind, Ihr sollet warten unter der Linden!“

Als einige Neurer später darauf drangen, die Versammlung, wie bereits anderwärts, im neuen Schulhause abzuhalten, stand sich der Vogt, der bei dieser Gelegenheit in eigensinnigen Widerspruch und Wortwechsel gerathen war, bewogen, das Vogtamt abzugeben, und vom Gemeindewesen gänzlich sich zurückzuziehen.

Um diese Zeit waren namentlich Zwei, der Sohn des Krämermichels und der Sternenwirtssohn: die waren nach anderthalb jähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und konnten etwas französisch. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimatleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs taten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andere in Bern oder Lausanne ein Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu gefallen, entschlossen sie sich endlich zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. „In Frankreich ist es so und so“ pflegte der Eine, der ein halbes Jahr im Elsass gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der Andere hatte die Parole umgekehrt: „So ist’s in der welschen Schweiz nicht“, warf er hin, so oft ihm etwas mißfiel.

Leider aber stieß er erste, der Franzos‘, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann‘ auf’s Angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahrte, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe.

Sein Bruder hatte ihm schon früher den Antrag gemacht, zu ihm auf dem Maierhof zu kommen, um den Dienst eines Oberknechts bei ihm zu versehen. Ein Antrag, der unserem Konrad eben recht kam.

Am „Bündelstage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er sein Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündeleien, das er in ein rotes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, dass das Mariannele just unter der Hausthür stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitet ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim.

Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn.

Der Pachthof, zu dem wir den jungen Landwirt begleiten, liegt auf einem stillen, waldbegrenzten Tal hinter dem Städtlein Bräunlingen, auf der Grenze zwischen der Baar und dem Schwarzwald. Auf kahler Anhöhe schauen die Überreste einer Burg. Das Wiesengelände, in dessen Mitte der Maierhof, ein weitläufiges steinernes Gebäude mit zackigen Giebeln sich erhebt.

Wenn es wahr ist, dass Tätigkeit und Unmuße am Besten geeignet sind, von Fällen von selbstquälerischen Sinnen und Grillenfangen abzulenken, so hätte es hier unzweifelhaft unserem Konrad gelingen müssen, seine Gedanken loszuwerden. Denn da galt es tüchtig Hand anzulegen von morgens früh bis abends spät. So sehr der Oberknecht und Gehilfe aber auch mit Arbeit überladen war, fand er dennoch Zeit genug, sich wachend und schlafend an die Heimat zurück zu träumen. –

Wenn die Schneestürme durch die winterliche Gegend wehten oder in kalten, hellstirnigen Nächten das Eis im nahe Teiche krachte, und Abends das Gesinde um den warmen Ofen sich gelagert hatte, führten ihn seine Gedanken nach Hause. – Jetzt, dachte er, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen, und die Weiber spinnen, dass der Ofen zittert, und die Männer liegen auf der Ofenbank. Jetzt wird der alte Kasper hereinkommen, er reibt die Hände, klagt über die Grindskälte und setzt sich in den Herrgottswinkel, wo er zu erzählen anhebt.

Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Geister, um so lieber, wenn der Wind gerade recht schauerlich um Kamin und um die Dächer rumort und die „Nachtfrau“, wie er sagt, um die Häuser schleicht. – So hörte ihn Konrad alle die alten Geschichten wieder vorbringen: vom „Berchenappele“ und anderen gespenstischen Weiblein, die in den Wäldern zwischen Hüfingen und seinem Heimatorte ihr so neckisches Wesen treiben sollen. – „Der Krieg“, schloss der Alte gewöhnlich, „hat die Geister alle vertrieben, d’rum hört man auch so wenig mehr davon“.

Solche und ähnliche Szenen malte sich in ungestörten Augenblicken der Träumer gerne aus. Aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter zu kehrten in das Vogtes Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich ein kein Hausrecht hatten. – Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimat nähert, gleichen Schritt mit ihm halten wolle, denn seht, er ist auf einmal bedeutend in der Marsch geraten, und wenn ihm das „Appele“ unterwegs keinen Streich spielt, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kaspar von ihm erzählen zu hören.

An einem hellen Februartag ging Konrad, vor der Sonntagskirche, auf einen der nächsten Berge, die „Windstelle“ genannt, und erstieg hier die höchste Tanne, um nur wieder einmal den Kirchturm seines Dorfes zu erblicken. Er hatte eine weite, weite Aussicht da oben, über all die dunklen Tannenwälder hinaus, in die Baar, bis an den blauen Osterberg und den hohen Randen. Da saß er denn, während ringsum die vielen Morgenglocken zusammen klangen, und sah und suchte; aber er konnte den wohlbekannten Turm nicht finden. Da, sagte er, indem er mit der Hand gegen den Fürstenberg wies, da muss er liegen. Eine ganze Stunde saß er auf dem Baum, bis sich die Ferne in bläulich weißen Duft gehüllt hatte; dann stieg er ein wenig mißmutig herunter doch war es dabei wunderlich zu Sinne, just als schon der Frühling anbrechen wollte.

Als er auf dem Hofe zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, dass seine Base, die Riederbäuerin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich, denn er wusste wohl, dass ihm seine Frau trotz ihres unfreundlichen Wesens unentbehrliche geworden war. Die Ehe hatte unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, dass sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, dass zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so aneinander gewöhnt und gefesselt waren, dass der überlebende Teil bald seinen losgelassenen Widerpart nachwelken musste.

Am Donnerstag, sagte, der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße, darunter aber auch einen ganz besonderen vom – Mariannele.

Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmergeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! , sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Teil des Tages das Gegenteil von dem, was er Morgen gewesen. Es schien ihn etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlicht betreten umher und fast schüchtern, so dass der alte Veitle, der Karrenknecht, vermutete, es sei ihm der Geist begegnet, der in dem Hofe zu weilen sich hören lasse, wenn er mit seinem Viergespann rassend durch das Haus fahre. – So viel ist übrigens gewiss, dass der junge Mensch so zerstreut war, dass er den Pferden den Wasserkübel statt des Heu’s in die Krippe schüttete.

Was hatte er denn gewagt? Es gab Jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimnis bleiben sollte. Denn wie das Mariannele den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergeselle, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet er viele hundert Grüße aus vom Konrad, – der sei nämlich bei ihm gewesen auf dem Waldhauserhof – und praktizierte ihr dabei ein Brieflein in die Hand.

Sie wurde blass und rot vor Schrecken und hätte beinahe das schwarz im Goldschnitt eingebundene Gebetsbuch und den Rosenkranz mit den blanken silbernen „Gottesregeln“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie den Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und unter Herzklopfen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:


Das Jokobifest war in Hüfingen sehr wichtig und wird auch schon im Hieronymus behandelt.

In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder. Deshalb bemerkt der Hafnermeister (Ofenbauer) mit dem Sappeursbart (sapeur=Steinhauer):

„Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“.

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe im Hieronymus Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Im Jahre 1824 fiel der Samstag auf den 24. Juli, also war das Jakobifest auf das sich Hüfingen vorbereitet am Sonntag den 25. Juli 1824.

Lucian Reich beschreibt hier genau die Vorbereitungen in Hüfingen auf das Fest, an dem er selber 7 Jahre alt gewesen ist.

Schützenhaus

Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im “unteren Angel” ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das “Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen” mit “Bürstenbüchsen” zur Pflicht gemacht. (1)

Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April).

Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)

Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises (1)

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Mit dem „Bündelstag“ ist sicher Mariä Lichtmess gemeint.
Dies war einer der wichtigsten Tage im Bauernjahr, da am 2. Februar Knechten und Mägden in der Landwirtschaft erlaubt war, ihren Dienstherrn zu wechseln.

Der Hüfinger Kirchturm hatte es damals den Menschen wohl sehr angetan. Hierzu fällt mir der Ferienbummler von Josef Schelble aus dem Jahre 1899 ein. Hier kann man auch dem Mühlenbach und dem damaligen Stadtmüller begegnen:

Nach der lieben Vaterstadt
Die den grünen Kirchturm hat

Der Maierhof und die Schafweide Waldhausen gehörte damals dem Kloster Bebenhausen, einer Zisterzienserabtei, wobei Lucian Reich schrieb „fürstlicher Maierhof zu Waldhausen“. Waldhausen gehörte tatsächlich den Fürsten zu Fürstenberg und war bis zur Eingemeindung nach Bräunlingen selbstständig.

Über das Leben der „Roßbuben“ und auch die „Stilllieger“ hat Lucian Reich auch schon im Hieronymus berichtet. Auch die Roßbubenverfassung macht er hier wieder zum Thema.
Am Ende des Kapitels wird der Pfingstritt der Knechte und Roßbuben beschrieben, an dessen Ende der Pfingsthagen in den Brunnen geworfen wurde.

Die „Riedbauern“ lebten vermutlich Richtung Rieböhringen bei Hausen vor Wald, da er ein bis zwei Stunden von Hüfingen unterwegs war, den Fürstenberg sehen konnte und der Vogt gerne im Adler einkehrt.

Melodien der Baar – Kirchenglocken Hüfingen, Behla, Hausen, Fürstenberg, Mundelfingen und Sumpfohren

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

Wanderblühten – Das Buch

Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog


„Keine Kohle, kein Feuer
Kann brennen also heiß,
Wie stille heimliche Liebe,
Die Niemand nicht weiß“
Volkslied

„Hoffnung hintergehet zwar,
Aber was wandelmüthig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treu gesinnten Herzen gütig!“
v. Logau

Was habt ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebste Bildchen! Läßt sich der Freund und Gevatter vernehmen. – Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimelig aus! Ja, eine ganze Heimat, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, Die Baar, die an den Schwarzwald stößt.-

Wie still und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchen die Seele der jungen Mutter atmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das einen kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitert sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräte, und hat sich auch des behaglichen Haustiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüffelein rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch das offene Fenster hauchte frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nötig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. – Wißt ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in dem Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“ wie Gottfried von Straßburg sagt! Nein, wir wollen’s frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.

Das kann schon werden, sagte er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypfernen Venus emporkräuselt.

Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal, jetzt handelt es sich darum, ihn weiter zu fördern.

Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: Damit ist alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke, oder mit dem weißleinen Häublein in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele ernst gewesen ist.

Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Schutzengeln überlassen, nach welchen seiner Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er seine erste Selbstständigkeit erlangt hat.

Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in den Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschlosse herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muss er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hause „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den „Busch„Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hause sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim oberen Bierhaus ist’s lebendig; dort liegt die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.

Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem fliederbeschlagenen Buche gelesen hat.

Meinhalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musizieren. Aber an Regensonntage da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick.

Zwick! das ist mir eine unbekannte Gegend.
So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur.
Jetzt weiß ich, wo ich d’ran bin. Das ist die Treibschnur;
die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt.
O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, dass einem das Herz im Leibe lacht. Das ist andere Arbeit.
Nun, was hilft’s. Die Freude wird auch nicht ewig währen.
Wenn Hölth sagt:

Bald sitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero,
Verschimmeltes Latein,

So ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in dem leinenen Häublein, oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick, oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muss, und die Sonne scheint so lustig draußen, dass es einem wie Quecksilber durch die Adern ringt. –

Ja, das ist halt freilich eine harte Nuss. Wir wollen froh sein, dass wir sie durchgeknackt haben. Übrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.

Ja, im Winter tut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Eckballen, Marbel, Ball und andere Ergötzungen, und in der Schule selbst führen wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.

Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange, dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darf es mein Konrad nicht bringen; auch muss er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich‘ da nicht nur um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge. als da sind die Geschichten vom ägyptischen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgle“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt.
Halt – kann er denn die Mädchen leiden?
Das nicht gerade. Vielmehr zupft und rupft er sie, scheucht und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist‘ s ihm ein „gemähtes Wiesle“. Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei es auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen.
An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.

Noch einmal Halt – Ist keine ist keine darunter, die er, – wie soll ich mich ausdrücken? – so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wisst schon – es gibt Fälle, da hat man Beispiele.
Allemal ist so eine d’runter, das versteht sich.
Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name tut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigentümlich besonders nicht leiden kann.
Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang.
Also, Marianne?
Des erreichen Vogts Marianneli. Die Jagt er immer am hitzigsten, die kneift der am ärgsten, wenn er sie erwischen kann.
Und doch hat sie ihm gewiss nie etwas zuleide getan.
Bewahre, sie könnte keine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das kleine freundliche Mädel ja nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kammerädinnen ist.

Doch kann das im stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, dass sie ein wenig vornehmer ist als er.
Freilich tut er das, und ich will gleich so ein Zeug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützte diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh‘ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kammerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann‘, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solche sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins?
Grad‘ dir schenk‘ ich keins, sagt er: Warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in eurem Shopf Tabak rauchten?
Ich kann ja aber auch nichts dafür, sagt sie, und die Tränen fließen ihr in die Augen, dass sie allein leer ausgehen soll.
Kauf dir eins, sagt er. Ihr sind. Ihr seid ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache.
Sie sieht ihn aber nicht an?
Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule und unten an der Haustür auf sie, und sagt: da, Mariann, ich schenk es dir doch. – Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich es auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. – Nachher aber ist sie aber gleich wieder gut.
Da muss er übrigens doch noch etwas extra tun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen.
Ja, nach feiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehntscheuer. Es wird hin und her geraten, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben auszuteilen, sagt endlich der Konrad.

Das ist, schätze ich, wohl, „Engel und Teufel“?
Ja, es kommt auf eins heraus.

Die Kinder sitzen im Kreis, eines teilt die Farben oder Blumen aus, ein anderes stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum anderen und sagt ihm ins Ohr: du bist eine rote Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke und so weiter.
Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt es: du bist ein Schlehenbusch, du eine Brennessel, du ein grüner Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. – Wer ist drauß‘? fragt die Austeilerin. – Der Engel mit dem Schein. – Herein. – Was hätt Er gern? – Eine Farb‘. – Was für eine? – Eine weiße Rose. – Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel –
Den macht unser Konrad?
Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappdeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. – Wer ist drauß? – Der Teufel mit der Schürgabel. – Was hätt‘ er gern? – Nun bekommt auch der Teufel seinen Anteil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappern entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz allen Ratens nicht auf die rechte Farbe kommen kann.

Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann‘ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumenname nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muss es sich auch noch gefallen lassen, dass die Seele, und der vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wütend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorbei marschierenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann‘ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten.
Zarte Aufmerksamkeit!

Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne einen Zetermordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster raus. Was gibts? – Der Konrad hat die Mariann‘ ins Gesicht geschlagen, dass sie blutet. – Habe ich dir nicht schon oft gesagt, du sollst nichts mit dem Rotzer haben?

Welche Demütigung für seine satanische Majestät!
Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Salzsäure vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrentiteln hinnimmt, faßt in eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in Arbeit.

Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen!
Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem gestrengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer des Buben führt, zählt ihm noch etliche aus dem ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich ins Bett. – Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, besser jetzt, als später!

Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.

Wenn er das vorher wüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der hier so harmlos träumte. – Wenn ich so einen kleinen runden Kindskopf sehe, so pflegte ich immer zu denken: Du wirst mit der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.

Und doch, wie klein sind die Unfälle, über die wir zurerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Tränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!

Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.

Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr und kraus durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsren Auge das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihrer vollkommenen Gestalten, die wir in Unmuth und Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist denn manches böse Fädelein verschwunden, das uns so dick wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut, denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornämlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. – Aber nun webt mir für unseren Schützling einige freundliche Fäden ein.

Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig tut es mir leid, dass ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die mißfarbigen, denn es nötigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.

Ihr seid unerbittlich, wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.

Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen, denn seine Eltern sind sehr arm. Wie? Da sagt Euer Bildchen die Wahrheit nicht.
Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armut, und das Zimmer sieht so blank gescheuert und wohlhabend aus.

Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichtum, gilt aber doch nichts im Pfandbuch, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Haus aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unseren Konrad, wenn er in Armut aufwächst?

Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus.
Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet wacker auf dem Felde, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht 13 Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.

Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so grässlich auf! Wie und wo kommt der denn ums Leben?
Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge.
Halt, halt, Meister Lucian, man muss den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, solange er mit Ehren geschehen kann. Oder – ja, nun merk‘ ich’s. – Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während ihr mir weiß macht, dass ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecken der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.

Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus Dem abnehmen, was-

Was etwa einem Vater geschehen ist?
Nun, ich will nur so viel sagen, dass ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes und dass ich dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelsehrohr von des zugedrückten Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; den ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.

Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchlein und teilt es mit, ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.

Darauf legt der Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewusstsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.

Lucian Reich erzählt hier zuerst eine Unterhaltung mit „einem schriftgeübten Freund und Sohn der Musen“ und nennt sich hierbei selbst „Meister Lucian“.

Mater nati fata requirens – die Mutter des Sohnes sucht das Schicksal

„Wachse ‚ n und trüeihe“
bzw. „Wachset und trüeihet!“

Johann Peter Hebel

Zwick, so heißt das vordere Ende einer Geißelschnur oder Treibschnur. Das Wort Peitsche wurde damals wohl nicht in diesem Zusammenhang benutzt.

O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht.

Rottweiler Schlinge mit Zwick

Bald schwitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero‘,
Verschimmeltes Latein,

Darauf legt Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschicht an, wie folgt.

Amalgam, Gottfrieds Lade, Uhremacher Riehle und Getti Beppi Kramer

überarbeiteter Beitrag vom 16.02.2021

„Hai,Hai,los, mirgond„

Uugeduldig ruefts dorchs Huus im Lassberg. „ Heinz, jetz sind er frisch aazoge und scho wieder dappsch i die onzig Drecklache, s Hubertle häsch au verlättertet, zienet frische Kniestrümpf aa ! dass mer eich z Hifinge zoege khaa. Hond er Zai fescht bürschtlet und d Fingernägel putzt ? Dorle , du nimmsch d Mechtild a d Hand, ab gohts. Mir gond, jetzt laufet zue bigott“. Die Fünf Mauze hoppet gattig am Rothuus vorbei gege de Bahhof. Dä gohts über de Iisesteg a de Labrante, geg de Schützeberg mit em Pavillion, em Bellvedere. A Aamedshofe vorbei verzellt d Motter no die Gschicht vum Viktor v. Scheffel über de Jüngling, Kreuzfahrer und Maidlischmecker Juniperus, der mit dem Sevelpalme. Und scho sim mit dene kortzwiehlige Gschichte vu de Motter, vum Klärle, am Schächerkäppele. Wie sichs für e streng liberal- katholische Famile ghöhrt, word dä no e Vater Unser und e Gegrüsset seist du Marial betet. Au dä verzellt d Motter, e halbe Hifingerei, die Heiligegschicht vu de Schächerkapelle und die Sage vu de Schächerkatz dezue. D Mechtild isch noch dem lange Weag scho ganz schee muuggig und drum muess sie de wuselig Heinz, dem goht de Moscht nie uus, uff de Buckel nähe und bis zum Onkel Ernscht i de Eschingerstroos trage. Dä word gschellet und es giht e gross Halloo. De Onkel Ernscht kunnt uussi, de Sohn, de Siegfried, d Tochter , d Tante Anny und de hinter, e weng hännefiddlig, d Tante Else, d Frau vum Ernscht. Sie isch e Sächsin bei Dräsden und liidet drum als derartige Fremdsprochlerin ziemlich im Huuswese und im Boor- Städtle. De Onkel Ernscht isch en erfolgriiche Zahnarzt, en Dentischt, und de Sohn Siegfried hät au scho e Behandlungszimmer im Huus und unterstützt scho anerkannt und globt de Vater Ernscht. Hifinge und halb Eschinge goht wegem guete Ruef und de nit ganz unumstrittene vergangene Beziehunge zum Kamerad Ernst Kramer gi Zai mache lau. Gi s Klavier richte lau, wie mer au salopp sait. Die jung Tante Anny, d Tochter vum Ernscht, isch au mit eme Zahschlosser verhierotet, mit em Preise Karl us Aamedshofe. Die beide triebet au scho erfolgriich e Dentischtebuddi z Blumberg um. Dä, im Schmelztiegel der Nationen uff de Boor, gihts i de Mühler, me kennt au sage i de Muhlsteibrüch vu dene Bergwerks- Haudege, fascht soviel zum Bohre, wie zu de Doggererz Bergwerksziit z Blombe i de Doggererz- Stolle. E guets Gschäft für Zahschlosser isch au de legendär und berüchtigt Boxclub Blumberg. Vu dene Max Schmeling Nocheiferer hät kaum no on die vordere Zai. Also vill Arbet für de Karl mit Gebiss mache. Im Geld aber muess er bei dene Schlawacke aber immer schwer hinnedriirenne.


Else, Amalgam aariehre ! aber zack, zack !

„So Klärle, wen nemmer mer z erscht draa ? Guet, die klei Mechtild. Die andere sollet in Garte, d Anny isch au grad uff Bsuech, no kennet sie mit em Ingridli spiele„ Dä, im pflegte und schee möbilierte, herrschaftliche Garte stond Schaukle, Sandkäschte und Spielsache die iis immer e grosse Freud und Spass machet.
Iiseri Kleini nimmt im grosse Patientestuehl platz, d Motter hebt ere eweng s Händli und hät e frisch, wiis Sackduech parat. De Onkel Ernscht nimmt uff me Art Baarhocker, der mit feinem Leder beschlage isch, platz. So Baarhocker wered später mol, wie mer no sehne wered, au e grosse, uusägliche Liedeschaft vum Onkel Ernscht. Drei, vier Zängli. silbrigi Hääckli und e winzigs Spiegeli leit er z reacht, de riesig Lampebolle word aaknips und de schattelos Strahl uffs Muul uusgrichtet und des Bohrergstellaasch word uusmöbiliert. Der Bohrergalge mit 2-3 Glenk, mit silbrige spiral- Triebrähmli und eme handliche Bohrfuetterhalter isch s angschiiflössend Gschierr i dem Raum und macht en sorrige, giigsige Contertenor- Ton. „ So , mach mol s Muul uff, Kleini, ganz guet, do hät s Klärli als Zahputzgendarm guet gschaffet. Aha, koe onzig Loch, dir momer nuu eweng Zahstoe abschliefe.“ Jetzt kunnt des Bohrergstell i Iisatz, es fangt a i hohne, gruusige Tön zum Sorre aa. En Polierbohrer word iigsetzt und eweng a de Zähnli ummegschrupperet. „Guet isch, Maidli, Klärle, kaasch se abilupfe, bisch Tapfer gsii. Gang ussi in Garte zum Spiele. Bring mer de näscht, Klärle“ Jetzt kumm ich draa und e weng goht mer s Klämmerli scho. Wieder die gliich Prozedur, aber desmol endeckt er e Loch. „ A4, obe, Else riehr Amalgam aa ! Uffpasse Biebli, jetzet bohremer e klei weng, Mosch ganz tapfer sii. So des hetemer, no verputze mit Amalgam und denno kaasch wieder Eis und Malzer schlecke uhni dass es die im Muul elektrisiert. Klärle , s Näscht “ Au beim Dorle find er nuu oe Loch und sie isch sowieso die Geduldigtscht, Liedensfähigscht und Tapferscht vu de ganz Famile. Au hit no. „Heinz du Strolch, kumm inni, häsch wieder d Maidli zwickt und pfätz und ploget, du bisch doch en Oberbandit“ De Heinz gilt als hertgsottene Eisefuess i de Stadt, dem nähmert z Noh kumme derf. Er wacht über iiseri Maidli und au über mich wie en scharfe Hofhund. Aber uff em Zahnarztschragge isch er en Hoseschiesser. De onzig wo drääset und joomeret und kum stillhebt. Natierli hät er, halt au eweng disziplinloser bim Zaiputze wie mir andere Kinder, gar zwei Löcher wo bohret, gstopf und verschliffe were mond. Sogar de zäh und hertgsotte Onkel Ernscht isch froh, wo ner den scharrige Satansbroote ab em Stuhl hät. Bei de Cousine Klärle muess au nuu Zahstoe grasplet were. Dass de Vetter Ernst gearn eweng noh a de Wiiber aalohnet und sogar vor de nette, mit keltischem Uusähne uusgstatte Cousine, die warm Nähe suucht, des büglet s Klärle couraschiert ab. D Sächsin „Äelse“ moss des all im Hintergrund vielmol aagucke und liide. „Jetztet goht s no in Garte, Else, mach dene Kinder no en Kakkoo, bring en siesse Silberperle Sprudel und Breetli. Siegfried, lass emel noo und kumm au uussi, wenn s Klärle scho mol do isch“ Silberperle Sprudel gihts nit all Tag und so gueti Breetli vum andere Bue vum Onkle Ernscht, vum Konditor Karl- Heinz, des isch erscht reacht en seltene Gnuss. So isch de erscht Bsuch z Hifinge scho e Freid und e unterhaltsams Erlebnis.

Beim Vetter Gottfried im Lade:

Die ganz Bandi rennt jetzet frsich gstärkt die paar hundert Meter geg s Städli. Dä am Peterstörle, wie mer dere Engstell zwische de Kirch St. Verena und em Schoofbuechelade sait, stürmemer de Kauflade vum Onkel Gottfreid. „Ja wa kunnt denn do, Gute Tag Bäsli- Klärle, bisch wieder mol mit de ganze Bagage do z Hiefinge. Hai kumm inni und verzell mer s Neischt vu ei und us Eschinge. Verena, bring dene Kind en Sprudel und e paar Malzer. Im Klärle e Likörle und mir en dopplete Rossler. Soso. Bim Ernscht warteter scho. Du, guck emol, do hanni no e neis Biechle; „Mi Boor mi Hoemet“. Des schenkt i der, no hät de Frieder au ebbis zum Lese am Obet, wenn die ganz Kinderbandi im Nescht isch. Ah soo, jetzt gond er zerscht no zum Riehle Wilhelm ums Eck ?, Schee dass er do waret und de Vetter Gottfried nit vergesset. Also Adee, bis denno wieder im Herbscht“.


Uhrmacherluupe, Holzfuess, Ohreringli bim Wilhelm Riehle i de Weitegass:

Die ganz Bloos rennt jetzt ums Eck ummi i d Weitegass zum kleine Lädeli vum Uhremacher Wilhelm Riehle. Des isch de Haus- und Hofuhremacher und Lieferant für Kettli, Kriezli, Uhre und Schmuck für die ganz Familie. I dere grosse Familie gihts ständig Geburtstäg, Kommunione, Taufe , Feschter, Firmunge womer ebbis netts und uuvergänglichs zum Schencke hät. D Maidli grieget Ohreringli, wo mer Löchli steche muess, zu de Kommunion en Roskranz oder au vu de Oma e goldene Uhr und zu de Firmung e Kriezli mit eme goldige Kettle. Hit sticht de Riehle, desell hät immer so e Uhrmachluppe i om Aug innizwickt und en Holzfuess,e uuseligs Kriegsaadenke, de kleine Mechthild Löchle i d Ohrläppli, weil des Äffli zu Oschtere die erschte Ohrringli grieget. Er huckt uff me runde, oefiessige Drehstuehl am Fenschter zum Liicht und käsperlet präzis und feinfühlig a ere Sackuhr ummenand und isch umgähe vu winzige Werkziig, Schruubezierli, Pinzettli, Zängli, Zahrädli, Lupe und Pinseli, die alli uff me Samett- Teppichle akkurat parat nebeenand lieget. D Mechtild word e weng abglenkt vu de Motter und scho hät de Riehle s erscht Ohrläppli gstoche, es rennet zwei Tröpfle Bluet uss und denno kunnt au s ander Orläppli draa. Tapfer hät des Maidli stillghebt und nuu paar Tränli rennet am Bäckli abi. Hoffahrt muess halt au liide. So, au des vum Hifinger Bsuech isch erlediget und me verabredet sich uff de Ostersamschtig zum Uussueche vu dene Ohrringli. D Ladeschelle macht Ding – Dong und mir wetzet gattig devuu.

Tante Emme und de Getti Wilhelm „Beppi“ Kramer, de letscht Städlibuur.

Zum näschte Bsuech sinds nuu paar Schritt ums Eck ummi, i de Süess Winkel, zum Getti vu de Motter Klare, zum Wilhelm Kramer oder, wie er im Städtli hoesst: Zum Kramer Beppi. Desell isch on vu de letschte Städlibuure, der all no kon Kramer 13 PS Alleschaffer hät und all no mit de Stier und Kuhefuhrwearch uffs Feld, gi Heibe und Öhmde, Herdepfelhacke und Mische uusfahrt. Bis er uff de Äcker mit sim klepprige Iisereife- Loeterwage a de Lorete oder am Siirebrinnili isch, sind die andere Buure mit ehrne neie, naglende Diesel- Bulldogg, mit Gummiwäge draa, scho bi de zweite Fuhri. De knitz und boemager, en Hämpfling isch er, de Getti Beppi. Er wohnt im zweite Stock im Kramer- Eckhuus und gegenüber vum Gässli isch sin Stall, wo er die klepprige Wäderkiehli, de Stier, e paar Goesse und Hiener iiquartiert hät. Es isch e hohlose Buureschafferei, bei dere er vu de walküreartige, on Kopf grössere wie de Beppi, de Tante Emme, e gebürtige, Döggingerei, fliessig und schaffig unterstützt word. Statt „suscht“ sait sie „suss“, wa ere i de Familiechronik de Übername „De Suss“ iidrait. D Tante Emme und de Beppi hät gwisst, dass die ganz Eschinger Bagage kunnt und uff Punkt Zwölfi hät d Tante Emme en grosse Hafe selbergmachti, dampfende Nuddlesuppe uff em Tisch. Dezue gihts alls us em oegene Huus- und Buurewese: En grosse Krueg kühle, frischgmolkeni Milch, wahrschienlich vum beschte Kühli, de Alma. Dezue en Riebbel Buurebrot mit eme wunderbare Guh und mit frischem Anke, wo no Wassertropfli bim Striiche uussispritzet. Die Beide sind kinderlos und hond für die ein- zwei Stunde, wo die ganz Bandi im Huus ummistricht, e grossi Freid. Sind aber au froh, wo wieder bald die gwohnt Ruhe is Huus iikehrt. Oe Attraktion isch im muffige Untergschoss: en alte Webstuhl vu de Vorfahre, die alli Weber waret und dene ihr Webgstellarsch de Beppi no i Ehre haltet, bis es bald emmol no ganz vermauchet isch und verkheit. Zum Abschied griegt jedes Kind no e greichte, duftende Brotwurscht als Wegzehrung und wieter gohts mit Karacho gege s Spitaltor.


Friedhofsbsuech

A de Bregbruck, korz vor em Friedhof, word natierli, wie sichs für e fromme Familie ghört, no schnell e „Gruesst seist du Marie“ vor em Heilige Sank Nepomuk bruddlet. Desell soll helfe, dass s Städtli nit bei dene Breghohwasser absuuft. Helfe duets aber doch nit all. Uff em Friedhof wered no alli Gräber vu de Hifinger Vorfahre bsuecht. D Motter woes gnau wo die alli lieget und a jedem Grab word no mit em alte Rasierbemsel oder eme Sevelpalme , wo im Weihwasswerkesseli a jedem Grab liet, e „Ruhe in Frieden“ gmurmlet und drei mol Weihwasser bemslet.


Bim Onkel Karl i de Autowerkstatt und de Tante Idde und de knorrige Tante Marie, de Kramer- Engländere.
De buebegrechtescht Bsuech stoht jetzt no aa. Bim Onkel Karl, im Opel Autohaus und Tankstell Schmid i de Schaffhuuserstross dürfet d Buebe mit em güetige und geduldige Onkel Karl eweng dorch die verölt Werkstatt muuse. Dä schmeckts noch Altöl, Gummi, Benzin, Schweissapparat und Kompresser Luft. En Opel Kapitän, en Opel Record und en Gogo hät er grad uff de Hebebühni i de Kur und giht de Gselle und Lehrbuebe Aawiesung, wa sie schruube mond, nochfille und iistelle sollet. D Maildi sind scho bei de Tante Idde und de Grosstante Marie i de guete Stubbe gie en Kakoo trinke. D Töchter vum Karl und de Idde, d Helene und d Elisabeth, hond Tankstelledienst und kennet nu ganz korz emol i d Stubbe innischaeche und eweng wunderfitze, wa die Eschinger Bandi so triebt. Und i jedem Kind schenket sie e Relleli rappeschwarze Bäredreck us em Tankstellekiosk. Natierli zogatet mer wieder über de ussergwöhnlich Uffenthalt vu de Tante Marie in London, wo sie als Junge Frau i „Stellung“ bei riiche, brittische Gschäftsliit war und ganz guet Oxford Englisch glehrt hät. D Motter kaa au no eweng Englisch und giht genauso mit e paar englische Sätz aa , wie d Tante Marie. Des hond beidi scho manchmol hoffährtig uussighängt. Und natierli hät d Tante Marie und Tante Idde verzellt, wa de Bue Ritschert und d Selma, die Uswanderer gi Amerika , gi Tomaston/ USA, so alls triebet und wa de Enkel- Bue, de Ritscherd- Wendelin II so macht und ob und wenn sie wiedermol i d Hoemet kummet zum de Uhrehandel mit Old Germany am Lebe z haalte.

Hoem gohts mit em Bregtäler i de Holzklass

Mensch war des wieder en Tag do z Hiefinge bei de Verwandschaft. Wieder vill erfahre, vill vu de Verwandschaft mitgriegt, d Werkstatt mit dem Riesbolle vu Auto, em Opel Kapitän, erlebt und vor allem die Stroriax vum Onkel us Amerika stolz genosse und und im Kopfkino uusgmolt. „Wa du häsch en Onkel z Amerika“ wäret sie Morge i de Schuel wieder frooge und erhabe und aageberisch saisch denno: „ Yes, his name is Ritscherd Kreimer“.

Weil alli ziemlich kaputt sind gomer as Hifinger Bahhöfle und passet der Bregtäler Arbeiterzug um Fievi ab, wo scho Arbeiter us Briilinge hucket und no e ganze Horde vu Sägwerksarbeiter vu de FF – Holzwerk uff de Fierobetzug wartet. D Motter moss no e Familiekärtli für so uugfähr Oe Mark am Schalter löse, bevor mir iis mit de Sägwerker zemet i de Bregtäler innizwänget. De Motter machet die noch Holz, Sägmeahl, Schweiss und Carbolineum stinkende Holzwürm uff eme Holzbank platz und mir Kinder stond im Gang, hebet iis a de bäppige, schweissige Lederrähme , die vu de Decke abi hanget und sehnet nomol d Schächerkapelle vu hinne, z Amedshofe d Juniperusquell, am DJK Platz de Lokfriedhof, denno s Drehkriez am Lokschuppe, de Steg a de Labrante vu unne und s Stellwerk am Eschinger Bahhof und scho simer wieder dehoem.

Jo so, wars, des mit em Almalgam, em Sprudel, de Nudlesuppe, de Brotworscht, em Ohrläpplisteche, em Holzfuess vum Riehle, em Benzinguh und em Bäredreck vum Tankstellekiosk und em Onkel us Amerika.

Heuernte in den 1930ern

Quelle: Historisches Filmmaterial aus dem Nachlass von Ernst Kramer. Die Veröffentlichung dient ausschließlich der Dokumentation der Hüfinger Ortsgeschichte. Sollten Rechteinhaber Einwände haben, bitten wir um eine kurze Mitteilung.


Die Turmfalken von der Zehntscheuer sind zurück!

Dieses Jahr konnte Jessy sogar einen Film beim Fressen machen.
Vielen Dank!

11. Juni 2024

Auch dieses Jahr haben die Turmfalken wieder in der Zehntscheuer gebrütet.
Vielen Dank an Jessy Kasprzak für die Fotos!


Turmfalken in der Zehntscheuer am 9. Juni 2022
Turmfalken in der Zehntscheuer am 9. Juni 2022
Foto: Thomas Kring
Turmfalken in der Zehntscheuer am 9. Juni 2022
Foto: Thomas Kring
Turmfalken in der Zehntscheuer am 9. Juni 2022
Foto: Thomas Kring



Kreistag erhöht die Kreisumlage

Damit es bei den nächsten Kreistagswahlen nicht wieder untergeht möchte ich hier einen kleinen Artikel veröffentlichen bei dem ich Hüfingen erzähle, was unser Kreistag und sein Landrat so treibt.

Es ist nämlich so, dass hier draußen in Hüfingen sich aufgeregt wird, wenn man mit dem Landratsamt zu tun haben muss, aber sonst nicht hin guckt. Der Landrat, der nicht mal von uns gewählt werden darf und der Kreistag bestimmen nämlich sehr viel über unser Leben. Auch die hohen Beamten (Landrat, Landesbeamter, Amtsleiter) verdienen sehr viel Geld – unser Geld – und wenn unsereins was möchte, stellen die sich tot. Es sei denn, man zwingt sie sich mit uns Bürgern abzugeben, dann kann man sicher sein, dass der Aktionismus sehr steigt, um dem Störenfried zu zeigen wo der Hammer hängt. Siehe auch: Fremdverwaltet von oben herab

Heute geht es als Einstieg um die Erhöhung der Kreisumlage.

Kreisumlage

Finanztechnisch und rechtlich ist die Kreisumlage ein Instrument des interkommunalen Finanzausgleichs in Form einer öffentlich-rechtlichen Geldleistung der kreisangehörigen Gemeinden an den Kreis. Die Festsetzung der Kreisumlage ist unabdingbarer Bestandteil der Haushaltssatzung des Landkreises. (*aus Wikipedia)

Kreisumlage im Schwarzwald-Baar-Kreis

Die Verwaltung – also der Landrat – forderte eine Erhöhung dieser Umlage auf 33 %. Also mehr Geld von uns und der Stadt Hüfingen. Jetzt muss man fast von Glück sprechen, dass der Kreistag nur eine Erhöhung auf 32 % genehmigt hat. Die Stadt Hüfingen rechnete im Haushalt 2025 mit 32,50 % .

Steuern, Zuweisungen und Umlagen aus dem Haushalt 2025,

Hüfingen muss also mehr bezahlen für Nichts! Wenn wir krank werden oder was brauchen, müssen wir nach VS fahren. Die Kreisaufgaben, wie der Sozialbereich, beschränken sich nämlich auf das Oberzentrum. Hier in der zahlenden Provinz sind wir auf das Ehrenamt angewiesen wie unsere unermüdlichen Helfer vor Ort .

Die Deckelung der Personalkosten auf 76,5 Millionen Euro trifft wieder nur die Angestellten vom Landratsamt. Diese müssen jetzt mehr arbeiten, weil vakante Stellen nicht besetzt werden. Aber die wichtigen Männer, die bedeutsam für ein sehr hohes Gehalt auf Fotos posieren, betrifft dies nicht.

Windpark Länge, Gasthaus Frank, Bauhof Umbau, Erweiterung Feuerwehr, Kanalbefahrungen, Vergaberichtlinie, Aubachhalle, Spendenbericht, Hüfinger Bote und App

Hier geht es um die Sitzung am 27. März 2025

Unterlagen wie immer hier: https://huefingen-sitzungsdienst.komm.one

Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Technik

– 07/2025- Dem Umbau und der Sanierung eines Zweifamilienhauses mit Errichtung von zwei Gaupen in Hüfingen, Kernstadt wird einstimmig zugestimmt.

– 08/2025- Dem Anbau von einer Außen-Stahltreppe an ein bestehendes Wohnhaus im Hohen II wird auch einstimmig zugestimmt.

– 09/2025- Unterirdischer Löschwassertank für den Windpark Länge

Die solarcomplex GmbH & Co KG beantragen die Errichtung eines unterirdischen Löschwassertanks auf auf Gemarkung Fürstenberg. Eigentümer des Grundstücks ist die Stadt Donaueschingen.

Unterirdischer Löschwasserbevorratungstank mit einem Volumen von 100m³ und mit einem Durchmesser von 2,90m und eine Länge von 16,0m.

Die geplanten sechs neuen Windkraftanlange auf der Länge

Hier gibt es keine Einwendungen und auch der Ortschaft hat einstimmig zugestimmt.

– 10/2025- Der Errichtung von Gaupen im 2. Dachgeschoss eines Wohn- und Geschäftshauses an der Hauptstraße in Hüfingen wird einstimmig zugestimmt.

– 11/2025- Umbau Wohnhaus zu zwei Wohneinheiten

Die Erwerber eines Hauses in der Grabengasse beantragen den Umbau des bestehenden Wohnhauses zu zwei Wohneinheiten. Bei dem Gebäude handelt es sich um ein zweigeschossiges Wohnhaus mit Satteldach aus dem 17. Jahrhundert. In der Denkmalliste des Landesdenkmalamtes ist das Gebäude als „Prüffall“ eingetragen. Der bestehenden Schleppdach-Anbau soll entfernt werden. Als Befreiung von den Festsetzungen des Bebauungsplans muss die Ausführung als Flachdach anstatt eines Steildach mit einer Dachneigung von 45-55° wird einstimmig zugestimmt.

– 12/2025- Dem Neubau eines Einfamilienhauses mit Garage in Behla an der Römerstraße wird auch einstimmig zugestimmt.

– 13/2025- Der Errichtung einer Mehrfachgarage mit 7 Stellplätzen im Dreiangel wird auch einstimmig zugestimmt. Die überplanten Flächen sind bereits versiegelt und werden z.Zt. als Lagerplatz, Stellplätze und Containerstellplätze genutzt.

Öffentliche Gemeinderatssitzung ab 18:30 Uhr

Der Gemeinderat hat beschlossen für 750.000 € das Grundstück vom Gasthaus Frank zu kaufen! Super! Danke!

Frank in Hüfingen ist Geschichte

TOP 4
Umnutzung und Umbau der Lagerfläche im DG des städt. Bauhofes zur Schaffung von Büro- und Sozialräumen, 2. BA – Vergabe der
Planungsleistungen

Der Bauhof soll umgebaut werden.
Hierbei wird die ehemalige Lagerfläche im Dachgeschoß, mit Umkleideräumen, mit Duschen und WC‘s für die Mitarbeiter des Bauhofs, der Stadtwerke, Wasserwerk und neu auch des Forstbetriebes umgebaut. Zusätzlich wird auch ein schwarz-weiß Bereich für den Kanalreiniger geschaffen.
Der Forstbetrieb erhält im Erdgeschoss des Gebäudes eine Werkstatt zur Wartung der Gerätschaften, da die Forsthütte auf Loretto zukünftig entfallen wird. Der neue Sozialraum wird künftig groß genug für die gesamte Belegschaft sein. Um zukünftig auch weibliches Personal im Bauhof einstellen zu können, erhalten die Damen einen eigenen Dusch- und Umkleidebereich. Die Planungsleistungen werden 47.762,32 € kosten und es soll der übliche Architekt beauftragt werden.

Der Gemeinderat lässt sich erklären warum die Planungsleistungen so teuer sein sollen und wurde anscheinend vom Bauamtsleiter überzeugt. Der Gemeinderat hat dann einstimmig zugestimmt.

TOP 5
Erweiterung FGH Hüfingen – Vergabe von Erd- und Rohbauarbeiten

Die Submission zur Vergabe Erweiterung Feuerwehrgerätehaus fand am 06.03.2025 statt. Bei der öffentlichen Ausschreibung haben sechzehn Firmen die Angebotsunterlagen angefordert, insgesamt sieben Firmen haben ein Angebot abgegeben.


Nach der Nachberechnung und fachtechnischen Überprüfung durch ein Ingenieurbüro ergab sich eine Bieterreihenfolge. Das wirtschaftlichste Angebot kam von einer Firma aus Hohentengen mit einer Bruttoangebotssumme 654.015,52 €.

Hier stimmt der Gemeinderat mit einer Enthaltung zu.

TOP 6
LRS Trafostation – Vergabe Lieferung Trafostation und Erdarbeiten

Die Submission zur Vergabe „Neue Stromversorgung Lucian-Reich-Schule“ fand am 07.03.2025 statt. Es wurden zwei Angebote abgegeben. Nach der Nachberechnung und fachtechnischen Überprüfung durch ein Planungsbüro aus Donaueschingen ergab sich, dass eine Firma aus Hüfingen als wirtschaftlichster Bieter mit den Arbeiten für die Trafostation mit Mittelspannungsanlage in Höhe von 333.277,08 € beauftragt werden soll.

Hier stimmt der Gemeinderat einstimmig zu.

TOP 7
Vergabe Umbau barrierefreie Bushaltestellen Hüfingen und Ortsteile

Zur öffentlichen Ausschreibung des barrierefreien Ausbaus der Bushaltestellen wurden sechs Angebote und ein Nebenangebot abgeben. Die Submission zur Vergabe „Barrierefreier Ausbau Bushaltestellen“ fand am 07.03.2025 statt. Nach der Nachberechnung und fachtechnischen Überprüfung durch ein Ingenieurbüro aus Donaueschingen wird ein Angebot von 361.626,59 € brutto ausgewählt. Hier werden 75% über Fördermittel vom Land Baden-Württemberg finanziert, da in jeder Ortschaft mindestens ein barrierefreier Zugang nachgewiesen werden muss. Der von Behla wird verbunden mit der neuen Ortsmitte.

Auch dies wird einstimmig beschlossen.

TOP 8
Vergabe EKVO 2025 Hüfingen 2. Abschnitt

Die Stadt plant die Befahrung der Kanalisation in Hüfingen gemäß der Eigenkontrollverordnung (EKVO). Die Schmutz- und Regenwasserkanäle sollen durch eine Kanaltechnikfirma gereinigt und befahren werden. Die Dokumentation der TV-Befahrung soll in die Kanaldatenbank übernommen und hinsichtlich der Schäden ausgewertet werden.

Bellemer Kanallabyrinth

Es wird Zeit, dass hier mal Pläne angefertigt werden durch die auch jemand durchsteigt. Hoffentlich gibt es dieses Mal auch Männer die kapieren was auf den Plänen steht. Ich freue mich, wenn zukünftig alles Schmutzwasser ins Klärwerk kommt und nicht in unseren Biotopen endet.

Die Verwaltung schlägt den günstigsten Bieter für 55.657,73 € vor. Auch diesem wird einstimmig zugestimmt.

TOP 9
Vergaberichtlinien der Stadt Hüfingen
Antrag der CDU-Fraktion

Gemäß dem Antrag der CDU-Fraktion folgt eine Erläuterung zu den Vergaberichtlinien der Stadt Hüfingen:

Ausschreibungen werden prinzipiell nach der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) und der Vergabe- und Vertragsordnung für Leistungen (VOL) getätigt.

Direktvergabe:
Die Stadt Hüfingen vergibt Aufträge bis zu einer Gesamtsumme von 5.000 € als Direktvergabe.
Hier werden zwischen zwei bis vier Firmen direkt aufgefordert, ein Angebot für die zu vergebende Leistung abzugeben. Die Vergabe der Leistungen erfolgt formfrei, d. h. es bedarf keines vorherigen Vergabeverfahrens und es kann verhandelt werden.
Ab einer Gesamtsumme von 5.000 € werden mindestens 3 Angebote von Firmen eingeholt.

Reparaturvergabe:
Praxisbeispiel: Heizungsausfall im Winter in den Turnhallen.
Ein ortsansässiger, für die Leistung qualifizierter Handwerker kann direkt für die Leistung der Ersatzbeschaffung/Reparaturarbeiten angefragt und beauftragt werden. Die Höhe der Gesamtsumme des Auftrags ist hier nicht von Bedeutung. Dies steht mit den Vergaberichtlinien für Kommunen im Einklang. Es geht darum, bei unvorhersehbaren Ausfällen/Schäden schnellstmöglich handeln zu können.

Beschränkte Ausschreibung:
Die Vergabestelle überlegt im Vorfeld, welche Firmen für die Ausführung der auszuschreibenden Leistungen qualifiziert sind. Dies kann z. B. aufgrund Bekanntheit aus früherer Zusammenarbeit, guter Referenzen, räumlichen Aspekten (Ortsansässigkeit), etc. geschehen. Es handelt sich hier um eine Ausschreibung im nationalen Bereich.

Öffentliche Ausschreibung:
Die Vergabestelle fordert eine unbegrenzte Anzahl von Firmen öffentlich zur Abgabe eines Angebots auf. Hierfür wird ein Leistungsverzeichnis auf der Vergabeplattform „AI Vergabemanager“ eingestellt, auf das berechtigte Unternehmen über die Plattform zugreifen und ein Angebot abgeben können. Die Plattform filtert die Unternehmen bereits vor. Das heißt: Wenn eine Vergabe zu Straßenbauarbeiten geplant ist, haben auch nur Firmen mit Zugang als Straßenbaufirma die Möglichkeit auf Einsichtnahme des
Leistungsverzeichnisses. Für einen Schreiner z. B. ist diese Ausschreibung dann nicht
ersichtlich. Bei der öffentlichen Ausschreibung liegt die Gesamtsumme des Auftrags noch unterhalb des
EU-Schwellenwerts von derzeit 5.538.000 € (ohne USt.) bei öffentlichen Bauaufträgen und
221.000 € (ohne USt.) bei öffentlichen Liefer- und Dienstleistungsaufträgen 1. Es fällt somit
unter das nationale Vergaberecht.

Offene Ausschreibung:
Bei der offenen Ausschreibung wird ebenfalls, wie bei der öffentlichen Ausschreibung, eine unbegrenzte Anzahl an Firmen zur Abgabe eines Angebots aufgefordert. Unterschied ist, dass der EU-Schwellenwert mit der Vergabesumme überschritten wird. So haben Firmen aus dem gesamten EU-Raum die Möglichkeit, das Leistungsverzeichnis herunterzuladen und mit einem Angebot an der Vergabe teilzunehmen.
Laut Vergaberecht und Gemeindeprüfungsanstalt (GPA) ist die öffentliche und offene Ausschreibung bevorzugt zu behandeln, weil hier der Wettbewerb unter den Unternehmen am ehesten erhalten bleibt (unbegrenzte Anzahl an Unternehmen kann teilnehmen). Zudem sorgt das EU-Recht bei der offenen Ausschreibung dafür, dass qualifizierte Unternehmen aus dem gesamten EU-Raum die Möglichkeit auf Teilnahme an der Ausschreibung erhalten.

Der CDU Fraktionssprecher möchte die Richtlinien etwas präzisieren und eigentlich eine Entlastung. Die SPD Fraktionssprecherin und der Sprecher vom Freien Forum wollen das Bauamt nicht mit Vorschriften überlasten, ebenso nicht die LBU. Der CDU Sprecher präzisiert dann nochmal sein Vorhaben. Er möchte nur einen verbindlichen Handlungsrahmen schaffen der dann den Handwerkern bekannt ist. Unser Bürgermeister meint, dass die Vergabe oft schwierig sei, damit sich niemand zurückgesetzt fühlt und alles möglichst transparent zu machen. Das Bauamt und der Bürgermeister hätten fast täglich damit zu tun. Deswegen wird das Thema nochmal in die Fraktionssprechstunde gelegt.

TOP 10
Erwerb und Umrüstung der PV-Anlage auf der Aubachhalle in Mundelfingen

Die Stadt Hüfingen hatte bis zum 31.12.2025 die Dachfläche auf der Aubachhalle an die Solargemeinschaft Mundelfingen GbR verpachtet. Bislang speiste die PV-Anlage der Solargemeinschaft in das Stromnetz der ESB ein.

Die Solargemeinschaft Aubachhalle GbR hat der Stadt Hüfingen angeboten, die PV-Anlage auf der Aubachhalle mit 39,1 kWp zu erwerben. Die PV-Anlage ist nach 20 Jahren vollends abgeschrieben. Die Stadt Hüfingen hat der Solargemeinschaft für die PV-Anlage I mit 39,1 kWp ein Kaufpreis von netto 5.000 € geboten.

Die PV-Anlage I auf der Aubachhalle soll zu einem Kaufpreis von netto 5.000 € von der Solargemeinschaft Mundelfingen GbR erworben werden.

Die Arbeiten für die Umrüstung auf Eigenverbrauch nebst Erwerb eines Stromspeichers mit 13,8 kWh sollen für 16.426,08 € netto vergeben werden.

Dies wird auch einstimmig beschlossen.

TOP 11
Beschluss über die Annahme der Geld- und Sachspenden 2024; Spendenbericht 2024

Den Spendenbericht kann ich hier nicht veröffentlichen, aber es wurden 2024 insgesamt 7.600 € an Spenden eingenommen. Der größte Anteil macht das Sommertheater mit 6.400 € und enttäuschend klein sind die Spenden für die Jugendfeuerwehr. Irgendwie sind unsere Unternehmer hier sehr knausrig. Schade eigentlich für das tolle Projekt.

Die Spenden und Zuweisungen sollen gemäß dem beiliegenden Spendenbericht zur
Kenntnis genommen und angenommen werden. Dem wird auch einstimmig zugestimmt.

TOP 12
Finanzielle Beteiligung von Umlandgemeinden an weiterführenden Schulen – Villingen-Schwenningen, Sanierung Gymnasium Romäusring, Investition Gymnasium am Hoptbühl, Sanierung und Ausbau Sprachheilschule

Nach Furtwangen kommt nun die Stadt Villingen-Schwenningen und will auch die Umlandgemeinden zur finanziellen Beteiligung der Schulbauinvestitionen heranziehen. Dies umfasst das Gymnasium Romäusring mit 2 Schülern, das Gymnasium am Hoptbühl mit 1 Schüler und die Sprachheilschule mit 2 Schülern.

Diese Thema war schon in der Sitzung am 24. Oktober 2024 und in der Sitzung am 20. Februar 2025. Es geht wieder um dieses obsolete VGH-Urteil vom 6. Dezember 2022. Seitens des Gemeindetags gibt es Bestrebungen hier Lösungen zu erarbeiten, allerdings ohne einen ungefähren Zeitrahmen nennen zu können.

Diese Thema ist meiner Meinung nach Teil unseres dysfunktionalen Staates, absolut unnötige Arbeitsbeschaffung und hetzt die Kommunen gegenseitig auf. Vor allem auch angesichts der Tatsache, dass Stuttgart sich selber nicht sonderlich um Gesetze schert, aber die Kommunen sollen es dann, aber auch nur bei bestimmten Themen. Nicht nur beim Lidllager wurde EU Recht gebrochen, ich habe weiteres hier aufgeführt: Fremdverwaltet von oben herab . Gesetzte werden nur dort eingehalten bei denen auch jemand klagen darf und kann.
Stuttgart schaut dem Gemetzel der Gemeinden untereinander tatenlos zu.

Wenn die Gemeinden die Freiwilligkeitsphase ablehnen, dann wird das Verfahren beschleunigt. Also müssen die Gemeinderäte hier mal wieder zustimmen, was sie auch mit einem Stöhnen tun.

TOP 13
Antrag der CDU-Fraktion – Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit

Unten sind nur die Antworten, die ich für wichtig erachte. Wer alle will, möge selbst schauen.

zu 1. Welche (kommunalverbandlichen / gewerblichen) Anbieter gibt es?
Es gibt eine sehr große Auswahl an App-Anbietern aus der freien Wirtschaft. Darüber hinaus wird auch über Komm.One als kommunales Rechenzentrum eine Bürger-App angeboten.
Eine sinnvolle Lösung kann auch der jeweilige Homepage-Anbieter sein, da hier die Inhalte
nur einmal gepflegt werden müssen und sich somit automatisch synchronisieren.

zu 3. Welche Städte und Gemeinden haben bereits eine kommunale App?
Villingen-Schwenningen bietet seit 2016 eine App für die Bürger an, die zum Informieren, Parkplatz suchen, Tickets kaufen, Kita finden usw. ausgelegt ist. Umgesetzt wurde die App vom Anbieter „Make a Smile Media“ aus Villingen-Schwenningen. Mönchweiler nutzt seit 2017 die „City Hub App“ vom Schramberger Unternehmen digital softfolio. Die App hat in ganz Baden-Württemberg die gleiche Oberfläche. Jede Kommune kann ihren persönlichen Auftritt selbst gestalten. Durch die optische und digitale Mängelverwaltung können die Meldungen über Lob und Tadel direkt mit einem Bild (inkl. Standortlieferung über Google Maps) an die Gemeindeverwaltung übersendet werden.
St. Georgen (seit 2020) und Bad Dürrheim (seit 2021) nutzen den „digitalen Dorfplatz“ vom Schweizer Anbieter „Crossiety“, der als App genutzt werden kann. Besonders ist die Kommunikationsmöglichkeit für die Bürger untereinander.
Unterkirnach nutzt eine Bürger-App vom Anbieter „Hirsch & Wölfl“ aus Vellberg. Auch hier sind die informativen Inhalte der Webseite verfügbar.
Furtwangen nutzt seit 2024 eine Park-App zur Bezahlung der Parktickets (Anbieter ist „Parkster GmbH“ aus München).
Donaueschingen bietet seit 2024 die Erlebnis-App „Donaueschingen erleben“ an, die eine interaktive Tour durch Donaueschingen ermöglicht.
Blumberg bietet „Blumberg digital“ als App an, mit der Funktion 3D-Modelle, historisches Film- und Bildmaterial, interaktive Bildergalerien und Animationen anzeigen zu lassen. Zukünftig werden auch aktuelle kommunale Themen wie z.B. Baugebiete ebenfalls bereitgestellt.

zu 7. Wie viele Bürger (in der Kernstadt und je Ortsteil) haben den Hüfinger Boten zum Stichtag 31.12.2024 abonniert?

Hüfingen: 627 Exemplare
Behla: 67 Exemplare
Fürstenberg: 78 Exemplare
Hausen vor Wald: 95 Exemplare
Mundelfingen: 125 Exemplare
Sumpfohren: 38 Exemplare

zu 16. Welche Kosten kämen auf die Stadt Hüfingen bei einer Vollverteilung zu?
Für die Stadt Hüfingen würden nach heutigem Stand folgende Positionen anfallen:
12.100€ Herstellungskosten (48 Ausgaben á 12 Seiten, 3.337 Exemplare)
49.300€ Zustellung über Austräger (Mindestlohn)
3.900€ Verwaltungskosten für die Angestellten Austräger

65.300€/Jahr

zu 17. Gäbe es ein Modell, nachdem der Verlag die Kosten trägt und durch den Anzeigenteil refinanziert?
Eine Finanzierung ausschließlich von Anzeigen ist nicht möglich. Die Kosten können durch Reduzierung des Redaktionellen Umfanges erreicht werden. Ebenfalls können die Kosten bei Verzicht auf die 4-farbigkeit im Innenteil stark reduziert werden. Eine weitere Reduzierung der Kosten ist möglich, wenn der Produktionsverlauf optimiert wird (Anpassung der Abgabe und Freigabe-Zeiten).

Der CDU Fraktionssprecher bedauert, dass sich dann wohl eine kostenlose Vollverteilung ausschließt, da es leider viel zu viel Geld kostet. Die SPD fragt wie wohl eine App angenommen wird, ob man da was weiß. Der Bürgermeister war mit dem Hauptamtsleiter in St. Georgen und konnte sehen wie die App dort ein ganz großer Erfolg ist. Über 7.000 Leute hätten die App und sie würde sehr gut angenommen. St. Georgen hat laut google 8.500 Einwohner. Der Bürgermeister schlägt vor mit dem Hüfinger Boten alles so beizubehalten und parallel eine App zu entwickeln.

TOP 14
Informationen der Verwaltung und Anfragen aus dem Gemeinderat

Es gibt einige neuen Stellenbesetzungen und Hüfingen ist Gewinnerin bei Natur nah dran!

Mete Ünal soll im Namen der Nachbarskinder die Frage stellen, wann man wieder auf dem Spielplatz Bleichewiese spielen darf.

Das Regierungspräsidium hat noch immer nicht geantwortet. Der Bauamtsleiter hat schon 6 x nachgefragt.

Absperrungen am Spielplatz Bleichewiese

Ebenso sei beim RPF Straßenbau niemand zu erreichen wegen der Lärmschutzwand.

Fremdverwaltet von oben herab

Am 20 Mai wird eine Verkehrsschau an der LRS stattfinden.

Präsentation 5000 Jahre Siedlungsgeschichte im Ziegeleschle – Werkstattbericht der Rettungsgrabung

Patrick Haas beim Vortrag


von Rolf Ebnet am 26. April 2025

Am 20. März 2025 wurden in der Hüfinger Stadthalle vor ca 170 interessierten und beeindruckten Zuschauern die Ergebnisse der 17-monatigen Rettungsgrabung präsentiert.
Zuerst möchte ich die nicht nur für mich überraschenden Erkenntnisse wiedergeben.

Die Siedlungsgeschichte bei Hüfingen begann bereits vor mindestens 4500 Jahren und fußte letztendlich in der Gründung der Stadt Hüfingen.

Wie sagte Herr Dr. Jenisch vom Landesdenkmalamt (LDA) in der abschließenden Diskussionsrunde?
„Es ist gut möglich, dass es noch heute einen Hüfinger Bürger geben kann, der die Gene der frühen Bewohner vom Ziegeleschle in sich trägt.“
Wie kommen das LDA zusammen mit den Archäologen der Firma ArchaeoTask zu den Erkenntnissen?
Dazu bedarf es Funde aller Art wie Scherben, Knochen, Skelette, Eisenfunde, Gräber, Brunnen etc. Aus den Funden, aber auch aus den Fundlagen (exakte Positionen, wie und wo die Funde entdeckt wurden) schließt letztendlich der Archäologe auf den Befund, der nun eine rund 2500 Jahre längere Siedlungsgeschichte bei Hüfingen erkennen lässt und bisher so nicht bekannt war.

Während der 17-monatigen Rettungsgrabung wurden auf der rund 1,7 Hektar großen Fläche rund 6.900 archäologische Strukturen, sogenannte Befunde, entdeckt und dokumentiert. Die daraus geborgenen Funde, hauptsächlich Tonscherben von Gefäßen, wurden gereinigt, katalogisiert und hinsichtlich ihrer zeitlichen Einordnung bestimmt. Dadurch lassen sich im Ziegeleschle mehrere Siedlungen verschiedener Zeitstellung nachweisen. Die in einem digitalen Plan kartographierten Befunde zeigen eindeutige dörfliche Strukturen mit Straßen und Wegen, möglicherweise lassen sich sogar einzelne Hofstellen mit Häusern, Werkhütten und Zäunen voneinander abgrenzen. Zur Siedlung gehören darüber hinaus Brunnen, ein Teich und Feuerstellen, dazwischen finden sich einzelne Gräber.

Die erste Besiedlung begann bereits am Ende der Jungsteinzeit, fast 3000 Jahre vor Christus, in der Zeit der Schnurkeramik. Aus dieser Zeit stammt das Grab eines Mannes, der eine Axt und eine Klinge aus Feuerstein bei sich hatte, die in den Zeitraum zwischen 2800 bis 2500 v. Chr. datieren. Einzelne Scherben, Steinartefakte und Gruben zeigen darüber hinaus, dass sich hier eine der selten nachweisbaren Siedlungen der Schnurkeramik befunden haben muss.
Weitere Funde wie eine Vasenkopfnadel und Tonscherben schließen auf eine Nutzung des Areals während der späten Bronzezeit (1300-800 v. Chr.), die vor allem vom Mühlöschle und dem Galgenberg bekannt ist. Auch römische Funde zeigen, dass das Ziegeleschle um die Zeitenwende immer wieder aufgesucht wurde.
Die Hauptphase der Siedlung liegt im Hochmittelalter (1000-1250 n. Chr.), zu der auch die 14 Brunnen und der Teich gehören. Die Menge und Verteilung der Brunnen lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass jede Hofstelle ihren eigenen Brunnen errichten wollte. Ein bisher noch undatiertes und beigabenloses Grab dürfte ebenfalls in diese Zeit fallen.
Einzelne Scherben aus dem Spätmittelalter und Funde aus der Neuzeit (Musketenkugeln, Münzen und eine Maultrommel) belegen, dass das Ziegeleschle auch nach der Aufgabe der Siedlung immer wieder genutzt und aufgesucht wurde, wenn auch nicht mehr in dem Maße wie zuvor.
Das Gewann Ziegeleschle ist durch die vielen unterschiedlichen Funde sicherlich ein Hotspot der südwestdeutschen Besiedlungsgeschichte, die noch nicht zu Ende geschrieben ist. Das Gewann Lorettenacker wurde bisher noch nicht detailliert untersucht und birgt sicherlich noch weitere Funde, die die Geschichte von Hüfingen mit Hilfe der Archäologen weitererzählen werden.

Steinaxt und Silexklinge aus dem Endneolithikum.

Fragment eines Mühlsteines aus dem Hochmittelalter (11./12. Jahrhundert)

Eine Silexklinge wird durch Abschlag aus Feuerstein (Silex) hergestellt.

Bleibt zu wünschen, dass die Funde in Verbindung mit der Hüfinger Geschichte bald in Hüfingen im Stadtmuseum präsentiert werden. Sicherlich sollten in solch einer Ausstellung die früher gemachten Funde, angefangen beim Römerbad, die zukünftige Hüfinger Sammlung ergänzen um die Hüfinger Siedlungsgeschichte ganzheitlich als Dauerausstellung zu präsentieren. In der Diskussionsrunde steht Bürgermeister Haas einer solchen Ausstellung sehr positiv gegenüber, ist sich aber bewusst, dass der Aufwand nicht unterschätzt werden darf. Eine Arbeitsgruppe die sich aus Bürgermeister Haas und ehrenamtlichen Helfern rekrutiert, wäre ein Anfang.

Im Heimatmuseum Niedereschach/Fischbach wurde zusammen mit dem LDA ein Römerzimmer eingerichtet, wo man viele Fundgegenstände aus der Grabung eines Römerbades und römischen Gutshofes (villa rustica) aus dem 2. Jahrhundert besichtigen kann.

Dies als Beispiel, dass die kompletten Ausgrabungen mit Willen und Einsatz der Gemeinde als Dauerausstellung präsentiert werden kann.

Foto: Simon Rottler von ArchaeoTask

Hiefinger Wasserleitunge

Beitrag vom 21.02.2022

vu Galg- Gamp- und Schwengelpumpe und vu Elektropumpe

Verzeller :
Gschechteverzeller sottet konni Bewies hinverribringe Sie sottet Träum hinterlau
Dene mir aagregt nohsinniere kennet

Busage, Heiratstreffpunkte beim Tränken a de Sierbrinnili
Tränke mit Turteltauben

Uhni Wasser isch Alles nint

Bis zu drei- vier Stunde vu de ganze, lange Tagesarbetsziit hät mer im Buurewese uff de Boor fürs Versorge vum Huuswese mit Wasser bruucht. Au z Hifinge, z Belle, z Huuse, Sumpfohre und z Mullefinge. D Hifinger Buure waret do sogar no gut draa. Die hond nämli s Wasser mit Schwengel- oder Kolbepumpe us em kiesige Bode vum Bregschwämmfächer unne uffi pumpe kinne. Im Uffsatz vu de Hannah über d Wasserversorgung sieht mer e wunderschee Bild vu ere iisene Schwengelpumpi.

Brunnen bei der Lägel mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber)
und ihrer Cousine Marie Heinemann (Nober).
Marie Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.


Und d s Wäschwiib am Berkanal macht diitlich wievil Uffwand und Ziit d Wiiber, Mägd und Kinder alloenig nuu vers Wäsche uffbringe hond messe. Do isch s Viehtränke no gar nit iigschlosse.

Waschfrau am Mühlebach

Die schlaeue Römer honds eweng gschieder gmacht mit ihrem Römerbad. Des stoht a me Ort, wo e Muckeseckili Wasser us eme Gräbli oder ere winzige Karstquelle hinneverri gsuuterlet isch und ihrni Badbecke im freie Gfäll über Tonröhrle gfüllt hät. S Städli selber liit aber i de Tupfebeni i de Bregaue und d Breg liet tiefer wie d Hiesli, d Ställ und d Handwerkerhieser. Au us em herzige Stadtbächli lauf om s Wasser hat doch nit berguff i d Hieser zum Koche, Waesche, Tränke und Putze. Also hond Buureliit am Morge frühe scho s Vieh abkettet und a d Breg, as Stadtbächli und as Siirebrinniligräbli gfüehrt. Und d Mägd, Kinder und Frau hond Huushalswasser au dä hole messe. Drum verehred d Hiffinger au immer no ihr herzig Stadtbächli. Eweng besser isch es wore, wo die erschte Gussschwengelpumpe im ganze Städtli verdoelt, s Wasser us em Kiesbodde unne uffi pumpt hond. I de Eschinger Chronike word vu nuu 6 „ Gamp“ und „ Galg“ – Brunne gschwätzt anne 1880. Des dürfts au z Hifinge vor de Schwengelpumpe Modi so gähe haa. Gampbrunne sind langi Holzstämm zwische ere starke Astgabl glageret, wo en Eimer am ohne End aabunde isch und e Zugseil am kürzere End. Mit dere Gamperei, d Schwiizer saget nit ummesuscht, zum Balkeschaukle „Gigampe“ , hät mer also Wasser us de gmuurete Brunne Gschöpft. Uuwillkürlich stieget om do die Gampbrunnebilder us de Pannonische, de Puschta Ebeni bei de Magyare uff. De Brunne därf aber do debie nit allzu tief sii wegem gringe Hub vu dene Gampbrunne. En Galgbrunne isch e Portalgrüscht, wie en Galge ebbe, mit ere Kurbel zum ab- und ufftribble vu eme Eimer. So wie beim Grächuffzug oder i de historische Burghöf. Uff em Warteberg isch dä des Seil 45 m lang bis emol e Muggeseckili Wasser kunnt. Und uff em Fürsteberg wars no vill tiefer. On Grund worum mer des Städli uffem Jurazeugeberg noch em Brand uffgähe hät.

Galgbrunne Unterkirnach

Des Glück mit dem Grundwasser us em Kiesbode hond aber die Teilortsdörfer nit kaa.

Mullefinge hät bis zum Bau vu me Turbinehuus und eme Pumpehiesli i de Gauche bei de Burgmühli kum Wasser ghet. Erscht wo vu dem Pumpehiesli e Quellwasser a de südliche Halde vu de Gauche elektrisch gi Mullefinge in Hochbehälter hät pumpet were kinne, war die Wassernot ver vill Johr kleiner. (siehe Baarvereinsjahrbuch 2020, Aufsatz Harald Ketterer).

Burgmühle und altes E-Werk in der Gauchachschlucht

Erscht i de 70-er Johr isch es dorch de gherig Aastieg vum Verbruuch wieder eng wore. Me muess sich mol vorstelle: Mitte 1800 war de Wasserverbruuch so um die 10 Liter/ Tag und Person. Bei zusätzliche Viehaltung nomol 5 – 10 Liter meh pro Stückli War. Hitzutag liet er bei fascht 140 Liter/ Tag und Bundesbürger. Und s meischt nuu zum Abtranspotiere vum Lokuswasser. Obwohl mir im Quelleland wohnet, war Wasser, wa im freie Spiegel, also im Gfälle und e klei weng Druck in en Hochbehälter gluttere hät kinne, Mangelwar. Erscht wo de Fürst s Kraftwerk Stalleg baut hät, hät mer uff de Boor des Grundwasser us em Breg- Brigach Kiesschwemmfächer mit elektrische Energie uffi fördere, also i Hochbehälter uffipumpe könne. So hond denno die Baargmonde gliichmässige Druck uff die Leitunge bis i ihri Awese griegt. Und trotzdem häts i dene südliche Dörfer vu Hifinge all klemmt. Wasserversorgung und Strom sind also engschte Verwandte.

Alter Hochbehälter auf dem Galgenberg

Endlich meh Wasser

Ende vu de 70- er treffet sich de Gilli Max, de Schoofbueche Egon, de Schoofbueche Arnold, de Buechholz Auguscht und de jung Bauleiter vu nere Villinger Baufirme a de Wegkreuzung Eichhöf/ Sumpfohre. Es lieget scho bergwies rappeschwarzi Duktili Gussrohr wie Holzbolder a de Weg gi Sumpfohre und Belle. Spatestich hosst so ebbis, wenn e grösseri Baustell aafangt. Hifinge hät sich schwer i Kosten gstürzt beim Bau vum wichtige Hochbehälter a de Lehre, de Hifinger „Wasser- Handgranat“. E neus, markants, rundum sichbars profans Wahrzeiche vu dem ehemalige Römerstädtle. Hit zu Tag noch über 50 Johr ziemli iigwaase und sogar überwase und drum nimme so allsiitig sichtbar.

Hüfinger „Wasserhandgranate“

„Aber jetzt sind mir au mol draa, löset endlich euer Iigmondungsverspreche wege iisere Wasserknappheit ii“ joomeret die Borgermäschterle vu de Teilort Sumpfohre, Belle, (au Fürsteberg), Huuse und Mullefinge unüberhöhrbar im Tenor. Des verspreche word also a dem Tag au operativ endlich mol iiglöst. De Gilli Max hät e Fläschle billige Sekt vum Baum im Mantelsack und fünf Plastiksektgläsli. „Zum Wohl und e Guets Glinge“ hoesst desmol de „Trocke-Sekt“ Richtspruch uhni die obligate Zimmermanne. Desmol halt uhni en Zimmermaa, weils um Humus, Dreck, Wasser, Schlamm, Torf, Sand und Rohr goht. Für Zimmermanne fangt unterm Humus de Bergbau aa. Planierraupe, e Caterpillar D4 mit Moorfahrwerk schiebet uff 12 m i de Braeti de Humus weg, Bagger buddlet en Grabe bis uff Froschtiefe vu me Meter 1,8, de Hifinger Bauhof verdoehlt die Gussrohr vum Bolder eweg am Grabe entlang mit em Unimog 411 und eme selberbaute Rohrnachläufer, d Baufirma macht mit ere CAT Laderaup und Jäckle Sand e Sandbett und die fliessige, starke Bauhofwassermanne verleget die vu de Stadt selber kaufte Rohr vu de Halberger Hütte im Saarland uff des Sandbett. Die exakt und gwissehaft vereleite Rohr wered mit Jäggle Sand und de Laderaup iigsandet, de Grabe wieder mit de Laderaupe CAT 955 zuegschobe und de Humus mit de Moorraup CAT D4, besser wie vorher, wieder tupfebbe iiplaniert. D Buure kinnet gar nit so schnell gucke wie mer am Sumpfohremer Hochbehälter isch und sie glaubets kaum, wie schnell mer scho wieder iisaie khaa mit em Saatguet vu Süddeutsche Saatzucht a de Briilinger Stroos.

Hochbehälter Sumpfohren

„Saperlott, des Zämetschaffe vum Bauhof und dere Firma klappt jo so guet wie no nie“, lobet die Buure und die Bürger. Vum Sumpfohremer Hochbehälter gohts dorch d Stroos und am Grabe entlang gi Belle. Südlich vu Belle mit ere Rohdurchpressung dorch d Bundesstroos und am Hang entlang gege Huuse. Zmols word mer doch kurz uffghaalte. De Schofbueche Egon isch grad uff de Baustell, wo de Bagger dorch e moorigs Holzbengelgwirr baggeret. „Halt, Stopp, des moss im Denkmalamt gmedlet were. Des miesst die alt, 2000 jährig Römerstroos sii“ , sait de Egon und goht, i de Vor- Handyziit, is Büro gi telefoniere. Die Bauigel sind närsch, dass sie i ihrem Tatdrang und Fleiss bremst wered und suufet zum Verdruss im Bauwage e Kischte Bier. Dä hucket die Maschinischte Willi Player, Willi Hüttl, Erwin Stockmayer, Hermann Vikoler und Alfred Grailer am speckige Veschpertisch zämet, machet Sprich und schwätzet Bayerwalderisch. Zu dere Ziit hoesset die Baubbaraber no nit Giovanni, Anselmo, Svonko, Hassan, Bujahr oder wie hit: Nikita und Slavomir. Genau i dere Reihefolg vu de letschte 50 Johr, sondern so, wie mer im Armehuus Bayrische Wald ebe goesse hät und i de 50-er in Schwarzwald gi Fremdarbeite gange isch und au blibbe sich.

Zwei Tag später derf mer wietergrabe. S Denkmalamt verkündet grosskozig, dass sie die Trasse scho lang kenne dätet und scho zig so Knüppeldämm als Römerstroosse gfunde hettet und so Unterbaute villmol dokumentiert hebet. De Egon war e wenig knickt und fascht beleidigt, dass mer ihn so abbüglet hät. Er häts s jo so guet gmond und Wunder waa gmond, wa er jetzet a archäologische Sensation sinere Hoemtstadt hät vermelde kinne. Wundere tuet om aber hit no, wieso die römische Itaker a dem forztrockene Hang so e Bengelgflecht als Stroosse- Matratz baut hond. Au dä hät mer also nit Immer so genau uff Sinn und Zweck und Koschte guckt und im Centurio uffs Wort gfolget. Über den Buck gege Huuse isches denno au mol ziemli nass, schlammig, schmierig wore. De Unimog vu de Staedtler hät paarmol usem Morascht mit de Moorraupe zoge were messe. Südlich vu Huuse a de Waldstross und südlich vu de Kreissstroos isch es wieter gege Mullefinge gange. Über 12 km Rohr sind bis gi Mullefinge i d Nähe vum Dreschschuppe verleit wore. D Mullefinger hond ihre Gaucheleitung uffgähe kinne und alli 4 Gmonde hond für die verbrauchsintensiver Ziit Wasser zueverlässig vu Hifinge, us de Tiefbrunne und em Bregkiesschwemmfächer kaa.
Im Autor isch leider des sicher bierseelig Wasserfescht vorläufig us em episodische Gedächtnis kheit, oder es isch „verrauscht“. Es muess aber stattgfunde haa, weil die Hauptprotagonischte fest- und trinkfreudige Gemeinwohl- Mensche waren. Froge kaa mer konn meh. Amend kennt mer no en Spesenzettel im Stadtarchiv finde?

Wa eigentlich nit so ganz gschied isch, isch de Umstand, dass s meischt vu dem uffi pumpte Wasser mit Fäkalie verdreckt word und als Transportmittel wieder gi Hifinge lauft, oder au sogar pumpt word. Und denno i de Verbandskläralag aakundt und wieder mit viel Stromverbruuch „greinigt“ were muess. Wie hät emol en ETH Professor us Züri drastisch gsait: „ Nu de Mensch isch so bleed und versaut ( sch……… i s ) s eige Trinkwasser“

Ja so wars, und später mol verzellemer die ganz Gschicht vu de gsamte Baaremer Wasserversorgung.

Alter Hochbehälter auf dem Galgenberg

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Hüfinger Trinkwasser-Reise

Wanderblühten – Das Burgele

Dr. Ursula Speckamp schrieb hier über Heinrich Jansjakob (1837-1916) aus seinem Reisetagebuch, Verlassene Wege unterm 21. Juni 1900:

Ehe ich heute meine Reise fortsetzte, besuchte ich noch einen alten Ehrenmann, der einst in Rastatt mein Zeichenlehrer war – den Maler und Volksschriftsteller Lucian Reich. – Im dritten Stock eines kleinen Häuschens in Hüfingen, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinen Besuch, der dreiundachzigjährige Greis, in dessen Zügen Bitterkeit und Biederkeit sich die Waage halten. – Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. – Unermüdlich ist er aber noch geistig tätig, liest und zeichnet und schriftstellert.

Wanderblühten
aus dem
Gedenkbuche eines Mahlers.
Von
Lucian Reich.

Mit einem Titelblatt von Rudolf Gleichauf und Bildern
von L. Reich,

mit der Feder auf Stein gezeichnet
von
Johann Nepomuk Heinemann.

Karlsruhe.
Herder’sche Buchhandlung (A. Geßner).

1855


Das Buch habe ich hier im Januar 2022 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen.
Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise.
Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz.
In blau sind unten Erklärungen dabei.

Eingang

Eingang

Mehrere durch Lebensberuf und Neigung gleichgesinnte Freunde, welche in ihrer kleineren Stadt des badischen Oberlandes ihren Sitz hatten, waren gewohnt, ihre abendlichen Mußestunden vereint im häuslichen Kreise einer befreundeten Familie zuzubringen.

Es war in Zeiten gesellschaftlicher Verwirrung und Zwiespältigkeit, die Manchen, dem es unerquicklich erscheinen mochte, dem Tagesgetriebe sich hinzugeben, auf sich selbst oder den Umgang Weniger zurückwiesen. Das Haus, wo die Verbündeten ihre Zusammenkünfte hielten, war eine freundliche Gartenwohnung am Rande der Stadt, und hatte, um mich eines beschreibenden Vergleiches zu bedienen, einige Ähnlichkeit mit der Villa des Cicero bei Tusculum, wo bekanntlich dieser Philosoph öfter mit seinen Freunden zusammenkam, um diejenigen Materien zu besprechen, die er später niederschrieb, und nach dem Namen seines Landhauses betitelte, der Nachwelt hinterließ.

Wenn unser schwarzwäldisches Tuskulanum, welches, beiläufig gesagt, dem Italienischen gleichen mochte wie etwa einer Tanne dem Lorbeer, wenn es auch nicht das Glück hatte, Philosophen und große Gelehrte unter seiner seine Besucher zu zählen, so steht, so fehlte es doch keineswegs an Stoff zu gegenseitiger Unterhaltung und probaten Mitteln, den einförmigen Tageslebens eine farbige Folie unterzulegen.

Die Zeit, wo die Sonne im Zeichen der Waage zum zweiten Mal, dem Tage und der Nacht gleiche Dauer gibt, war vorüber, und der Winter begann bereits sein ganzes Aufgebot von dienstbaren Geistern: Frostn Nebel und Stürme, mobil zu machen und über das Land zu schicken, so dass jedermann wieder gerne zu Stuben und Ofen seine Zuflucht nahm.

Auch in unserem Tuskulanum hatte die Behaglichkeit einer stillen Häuslichkeit sich wieder geltend gemacht, und statt wie noch vor Kurzem die Abende im Freien zu verbringen, saßen jetzt die Freunde in dem Stüblein am runden Tische in der Nähe des Ofens, in welchen ein tüchtiges Feuer brummte, wie um die Wette mit dem eisigen Nordwinde, der draußen über die herbstlichen Stoppelfelder brauste und im Kamin seine Klagelieder sang.

Eines Abends, als ein junger Mann, der gewöhnlich das Amt eines Dorflehrers bekleidete, der Gesellschaft eine Novelle vorgetragen, bemerkte der Zuhörer, als jener geendet: „das ist wieder einmal eine jener romanhaften Liebesgeschichten, wie sie gewöhnlich in Büchern, aber selten oder nie im Leben vorkommen.“

„Ja wohl“, versetzte daraufhin ein Anderer, „man sieht auf den ersten Blick, dass das Ding keinen wahren Boden hat, also rein aus der Luft gegriffen und lediglich nur Machwerk ist. – Es gibt aber, sollte man meinen, im Leben genug Motive, die zu solchen Schilderungen recht guten Stoff abgeben und jedenfalls mehr Interesse erregen würden, als solche oberflächliche Erzeugnisse. – Mir fällt gerade ein Geschichtchen ein, welches ich einst von einem gesprächigen Alten vernommen, und wenn ihr mir Gehör schenken wollt, so will ich es gerne zum Besten geben.“

„Es soll uns willkommen sein!“ hieß es von allen Seiten, und nachdem der Freund sein Pfeifchen gestopft und angezündet hatte, begann er seinen Vortrag.

„Druf bruckt er ’s Füür mit de Fingeren abe,“ und macht ’s Deckli zu.
„Se willi den näumis verzehle,“ seit er,
und sizt nieder, „doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;“
von Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann

Die erste Geschichte ist die eines alten Herren, des Baschi, den der Erzähler bei einer seiner Wanderschaften in einer alten Friedhofskapelle trifft. Der alte Baschie erzählt, wie er seine Frau, das Burgele, kennenlernte.

Das Burgele

Als ich einst, fing er an, nach längerer Abwesenheit meinen Aufenthalt wieder auf einige Monate im elterlichen Hause genommen, ward mir manche freie Zeit zu Ausflügen in die Umgegend und den angrenzenden Schwarzwald.

Auf einer dieser Wanderung in den nächsten Schwarzwaldtäler wollte ich bei einem alten Bekannten nicht vorübergehen. Es war dies ein schon bejahrter Mann mit gutem Gedächtniß, welcher mancherlei von der alten Zeit und ihren Sitten zu erzählen wußte.
Seine Wohnung lag etwas abseits des Städtleins, dicht neben dem Kirchhofe, auf welchem er das Geschäft seines Totengräbers zu verstehen, eines Totengräbers zu versehen hatte.

Eine in der Mitte des Platzes stehende, halb zerfallene Kirche war ihres hohen Alters wegen schon oft der Gegenstand meiner Betrachtung geworden. Einst die Pfarrkirche des Dorfes, war sie, seit der Erbauung einer neuen Kirche innerhalb des Städtlein selbst verlassen, und seit Menschengedenken kein Gottesdienst mehr in ihr gehalten worden. Von den verödeten, entweihten Altären blickten noch alte holzgeschnitzte Heiligenbilder, als Denkmäler jener kräftigen, begeisterten Zeit, welche dem Leben und der Kunst einen goldenen Boden bereitete und an den Wänden zeigten sich noch hie und da Überreste von alten Malereien; aber die Fenster waren zerbrochen und das Blei hing schlotternd herab, dem Wind und Wetter seinem Durchzug gewährend. Nur noch einzelnen Betern diente jetzt die Kirche zur einsamen Gottesverehrung, und in den hinteren Räumen, neben zertrümmerten Kirchenstühlen, bewahrte der Totengräber die Bahre auf und sein übriges Geschirr. Denn der Kirchhof ist immer noch wie vor Zeiten die Begräbnisstätte der Ortseinwohner, und die Glocken im alten Turme läuten noch jeden Abgeschiedenen auf dem Heimweg.

Diesmal fand ich das Haus des Totengräbers verschlossen und suchte deshalb meinen Mann auf dem Kirchhof. Es war zur schönen Sommerzeit; der alte Lindenbaum an der Mauer stand in vollen Blüten, und einige Kinder waren beschäftigt, diese in Körbchen zu sammeln, zum heilsamen Tranke. Ein paar fromme Mütterlein wandelten betend zwischen den Gräbern, und weiterhin sah ich endlich den Alten, wie er eben einem Verstorbenen seine letzte Ruhestätte bettete.

Ich trat näher und grüßte ihn; er reichte mir die Hand aus dem halbfertigen Grabe und sagte, wie es ihn freue, mich wieder einmal hier zu sehen. Zugleich erkundigte er sich nach meinem bisherigen Aufenthalte, und als ich ihm gesagt, ich komme aus ich komme aus dem Unterland, so fragte er mit Theilnahme nach Neuigkeiten von dort.

„Das Neueste“, antwortete ich, „ist jetzt die Eisenbahn, an welcher über Kopf und Hals gearbeitet wird, so dass schon eine Strecke unterhalb Karlsruhe befahren werden kann.“ Es war nämlich zu Anfang der vierziger Jahre.

„Hm!“ sagte er, „was der Mensch doch für Erfindungen macht, um schneller durch’s Leben z’kommen – es geht ja ohnehin schnell g’nug, d’Zeit selber ist en Eisenbahn.“

„Und ihr seid der Bahnwärter an der letzten Station, nicht wahr?“ erwiderte ich, auf das offene Grab deutend, „da müssen eben alle Passagiere aussteigen, weil jenseits eine andere Spurweite beginnt, zu welcher die irdischen Räder nicht mehr passen“, setzte ich bei, sein Gleichnis weiter ausmalend.

Er nickte, obwohl er mich nicht ganz verstanden haben mochte. „Ja, ja“, sagte er nach einer Weile, „’s geht rasch mit dem Lebe, das ist jetzt das dritte Mal, dass ich den Kirchhof umgab‘. Ihr könnt Euch denke, wie Mängem ich schon sein Bettle g’macht hab‘. Da schaufle ich eben dem Kranzwirth aus, en Mann, der seiner Zeit in Ehr und Reichtum g’standen, es weiß kein Mensch wie groß, er und seine seine vier schönen Töchter, -und jetzt ist keins mehr da von Allen nix als Knoche – lauter Vergänglichkeit.“

Der Mann fragte mich hierauf, wo ich hin wolle, denn er hatte bemerkt, dass ich Kappe und Regenschirm bei mir trug, und auf meinem meine Erwiderung, dass ich eine kleine Reise vorhabe und beim Rückweg wieder bei ihm zu sprechen gedächte, um mit ihm mehr noch von den alten Zeiten zu plaudern, deutete auf ein altes, graues Männlein, welches mühsam den Hügel herauf gegen die Kirche kam. „Der kann doch von Allerlei erzähle“, sagte er, „das ist einer der Ältesten im Ort, der alt‘ Baschi.“

Dieser Weisung zufolge verabschiedete ich mich von meinem nimmer rastenen Gärtnersmann und schritt auf die Kirche zu, in der Absicht, mit dem Alten anzuknüpfen. Er war schon innerhalb des Gotteshauses angekommen und hatte ermüdet in einem der Kirchstühle Platz genommen.

„Geht’s immer noch ein wenig, Großvater?“ fing ich an.
Kann’s nicht lobe“, gab er zur Antwort, „’s ist bald Mathä am Lezte mit dem Baschi – wär’aber auch kein Wunder“, setzte er lächelnd bei.

„Wie alt, Mann, seyd ihr wohl?“ fragte ich weiter.
„Ihr könnt denke, es sind jetzt schon 65 Jahr, seit ich geheiratet habe, und 15 Jahre sind’s, seit’s Bugele selig tot ist – und ich leb‘ alleweil noch.“
„s’Burgele war euer Weib?“ fragte ich, und als es bejahte, erkundigte mich, ob es auch aus dem Städtlein gewesen.
„Ah, b’hütesgott!“ sagte er kopfschüttelnd, „es ist in der Schollach daheim g’wese, wenn Ihr wisset, wo die liegt.“
„Recht wohl“, versetzte ich, „aber wie habt Ihr sie denn kennengelernt?“
„Auf sonderbarliche Art, Herr, unsere Liebe hat mir Prügel eingefangen – abt Ihr auch schon mal so was gehört – mit Prügel!“ sagte er lachend.
„Das ist allerdings ein wunderlicher Anfang“, bemerkte ich; „denn dass schon manche Liebe auf diese Art geendet hat, ist bekannt, aber damit angefangen, das ist unerhört – Bin doch begierig, zu hören, wie sich’s zugetragen.“
„Von Profession“, fuhr der Baschi fort, „bin ich ein Zimmermann, weil es aber daheim mit allsfort Arbeit gebe hat, so bin ich ‚rum zogen im ganzen Fürstenbergischen und weiters; denn, Herr, dazumal sind nicht noch so viel Häuser im Rauch aufgegange, wie jetzt, und d’rum auch weniger gebaut worden. Vor sechsundsechzig Jahren aber hat es sich ereignet, dass der Wolfshalder-Hof verbronne; ’s hat selbige Tag ein entsetzlich‘ Wetter am Himmel gehabt, und man hat sagen wollen, es sei unter erschröckliche Schlägen en feurige Drach‘ aus finsteren Wolken auf’s Haus ‚rab g’fahre. Gesehen habe ich es nicht, aber so viel ist richtig, dass selbigmal der Wolfshaber-Hof verbrannt worden ist bis auf den Grund. Der Schaden ist groß gewesen, aber das Vermögen vom Wolfshalderbauer noch größer; das Holz zum Bau hat er im eigenen Wald geschlagen, und die Bretter auf der eigenen Sägemühle schneiden lassen, und an baarem Geld hat es ihm nicht gefehlt. – Da habe ich denn auch Arbeit gefunden als junger Zimmergesell. Mein Meister ist der Seppetoni selig gewesen, ein Ausbund von Geschicklichkeit, wie man in siebe Herre Länder kein‘ mehr antrifft, Herr! – Gegen den Herbst ist der Hof wieder gestanden, größer und properer als z’erst, und am Donnerstag nach Michäli ist der Dachstuhl aufgeschlagen worden. Dazumal aber habe ich noch keine Bekanntschaft gehabt; doch bekennen muss ich, s’Zinkebaure Jüngste hat mir gefallen, ne bundesnett Weibsbild, gesund und frisch wie eine Rose. Das Mädel aber hat nichts von mir wissen wollen, und das hat mich bitterlich verdrossen. Wie nun der Dachstuhl glücklich aufgeschlagen gewesen war, habe ich den üblichen Spruch gehalten, denn in derartigen Dingen habe ich meines Gleiche g’sucht. Mein Vater selig ist der Spielhans gewesen, ein Tanzgeiger und Reimereißer obenaus; aber ’s Geigen ist jetzt abgekommen beim Tanz, es muss jetzt Alles pfiffen und trompetet sein. – Des Zinkebaure Jüngster und ihre Kamerädine zum Schabernack, habe ich aber in den Spruch noch das Versle eing‚flickt:

„Von schöne Mädle, das ist bekannt,
hat es die feinste hierzuland;
Doch will ich nicht lang suchen und laufen,
Will ein Dutzend um ein alt’s Strohseil kaufen“,

und da sind sie halt waidlich ausgelacht worden.
Darnach aber ist der Schmaus angangen und alle Nachbarn und Bekannten sind dazu invitiert worden. Herr! das ist en Esse g’wese – potz Dunder! Zuerst sind komme: Knöpfle im Specksuppe, Leberwürste und zwei Dudelsäck, d’rauf grüner Speck, Schulterblättle und Rippestückle, nach dem geräucherten Speck und Bratwürste, und auf das erste noch vier Hammestoze* und Stücker habe wir davor ‚runter g‚säbelt, wie Brieftasche – e Sauerkräudle dazu, so schön wie en Goldfaden; aber z’allereletzt sind noch aufgetrage worden zwei Guckinofen** und Torten und Muskete“.
* Schinken
** Gugelhopf

„Pasteten, wollt Ihr sagen“, unterbrach ich ihn.
„Nun ja, ich sage ja nur Muskete, mit Mandeln und Zibeebe, denn ihr müsst wissen, dass die jüngste Tochter vom Wolfshalder Klosterfrau gewesen ist in Friedenweiler, und die hat das Backwerk spendiert; und was an Wein draufgegangen, ist nicht zum sage.
Am Samstag darauf bin ich heim, um meiner Mutter, tröstet sie Gott, die schwarz Wäsche z’bringe, und wie ich da mit meinem Bündel unterm Arm guten Mutes fort marschiere und zum Bildstöckle komme -was geschieht? Die Mädel passe mir auf, von wegen dem Spruch. „Da kommt er mit seinem wüsten Maul“, höre ich sagen, „und da hat’s Trinkgeld“. Jetzt aber ist es losgegangen mit Ruten und Besen über mich her! Da ist dabeigewesen ’s Zinkebaure Jüngste, ’s Fralkebühlers Rosle, das Brunnenbachers Kätherle, s‘ Bierwirths Sepperle, s‘ Waldbauers Burgerle und noch drei Andere. Da habe ich denn für jedwedes unnütz‘ Wort, was ich gesprochen habe, ein Paar Flausen überkommen und es ist mir ganz recht geschehen.

Die aber, die mir’s am Allerärgsten gemacht hat, die ist s’Burgele gewesen. „Du wirst an mich denken“, sagte es und versetzte mir noch ein Paar herzhafte mit den bloßen Händen und seine weißen Arme – gibt mir en Blick und macht sich aus dem Staub mit den Anderen.

Die Geschicht aber hat mir z’denke g’macht, absonderlich s’Burgele’s Benehmen und seine Wort‘, und ihr dürft mir’s glauben, Herr, es ist mir zur Nacht verkommen im Traum – und fein lieblich Gestalt ist wieder vor mir gestanden, und es sagt mit freundliche Worte zu mir: „Du wirst an mich denken“, und gib mir, statt den Streichen, e‘ Schmüzli und rennt fort .- ‚s ist e‘ Sach, Herr, um d‘ Jugend!

Am Montag darauf komme ich wieder zurück; da habe ich denn für den Spott auch nicht sorgen dürfe, von wege dem Trinkgeld. Am nämlichen Nachmittag aber sehe ich, nit weit von unserem Zimmerplatz s’Burgele, wie es auf dem Grasplatz vor ihrem Haus Garn spreitet; es ist ein schöner Tag gewesen. – Ich lug hinüber, und wie ich so während der das Holz’bschlagen ‚nüber schiel, glitscht mir’s Breitbeil aus am Holz und fahrt mir tief in den Waden am linken Fuß, und das Blut ist rausgesprungen wie ne Brunnenröhre; –‚s Burgele sieht’s und springt rüber.

„Um Gotteswille“, ruft es, „was hast g’macht und was ist passiert, o Baschi!“ Und es reißt in der Eil sein Fürtuch vom Leib und will mir’s Blut stille, nimmt mich am Arm und führt mich in ihr Haus; und die Anderen sind her g’sprungen und haben mich noch gar verbunden. Zum Glück ist grad das Kräuter-Toneli bei der Hand mit seiner Kunst und Sympathi; es nimmt e‘ Gläsle mit Kupferwasser und lasst etliche Blutstropfen d’rein fallen und sagt: „das Glas muss jetzt ‚e reine Jungfrau in ihrem Kleiderkasten aufhebe, doch so, dass weder Sonne noch Mond dazukommt“, und s’Burgele springt auf und sagt: „gebt’s mir her, Tonele!“ und es nimmt’s und verschließt’s in seinem Kasten, und im nämlichen Augenblick ist s’Blut gestillt, und d’Schmerze sind weg, wie weg g’wischt.

„O Burgele, Burgele, sag ich, was tust du am mir, ich kann’s dir mein Lebtag nicht vergelten.“
„Es ist ja gern geschehen“, sagt es, „und wenn’s nur bald wieder gesund wirst, Baschi!“
Ich aber bin bald wieder heil worde, denn es hat sich schnell bessert, und s’Burgele ist bei mir bliebe früh und bis spät und hat mir abg’wartet. Schon nach acht Tagen habe ich wieder marschieren können und bin heim gegangen. Wie ich aber daher oben angekommen, so fangt die Blessur unverhofft wieder an zu bluten und die Mutter meint, es kommt von der Mühe im Laufe; sie rennt fort und holt den Scharfrichter-Hans, der hat auch verstanden z‘ „stille“. – Ich sage ihm, so und so ist’s gegangen und das und das hat mir geholfen; er aber macht seine Spargelementer und sagt, dass ich mindestens acht Tage Hausarrest haben soll. – „Aber das kann ich euch sagen“, macht er, „wenn ich nicht dazugekommen wäre, hätte es euch könne das Leben kosten, Baschi; ich vermute nämlich nichts anderes, als dass das Fläschle, von dem er mir sagt, an der Sonne oder an’s Feuer gekommen ist.“

So wird mir doch, denke ich, s’Burgele den Streich nicht gespielt haben, es täte mir wahrhaftig weher als der böse Fuss, und macht mir so meine Gedanken. Zwölf Tage habe ich d’Stube hüte müssen und wie ich wieder hoch marschieren können, ist der erste Gang – in d’Schollach.

Wie ich zu s‘ Waldbauers Haus hin komm‘, treffe ich gerad ’s Kräuterweible vor der Tür, und es winkt mir und nimmt mich zur Seite.
„Baschi“, sagt es, „Ihr habt nicht gut g’handelt am Bugele“, und Dies und Jenes.
„Warum?“ sagt ich. „und was meint ihr damit?“ und sie erzählte mir Alles.
„Drum hat es en „Anhalter“ g’habt ’s Zinkebauers Franz, und Vater und Mutter haben ihm zugesprochen, es soll ihn nehme. Geld hat er und Haus und Hof dazu; aber s’Burgele will nit. Lieber ledig sterben als den Franz! sagt es, und wie sie ihm weiters zuspreche, wird es krank und ißt nicht und trinkt nicht, denn die Liebe ist eine Krankheit, sagt das Sprichwort. Keinem Menschen aber hat es anvertraut, was ihm fehlt und wo sein Kummer sitzt, als mir.“
„Ich habe ’s im Vertrauen in den Baschi gesetzt.“ sagt es, „und keinen Anderen will ich und mit keinem Anderen kann ich leben; wenn er nur käme und wenn ich mit ihm reden könnt“. – Aber wer nicht kommt, das ist der Baschi, und es wartet und wartet, und es kommt kein Baschi. „Er hat mich vergessen“, seufzt es und brieget. Und so, Freund, stehe jetzt die Sache“, sagt’s Toneli, „sprecht, wie seyd ihr g’sinnt, und was ist z’machen. Euer Zuspruch wird besser helfen als alle meine Kräuter und alle Sympathie.“

Ihr könnt euch vorstellen, Herr, wie groß auf einmal meine Freude und meine Hoffnung geworden sind, und ich sag ihm, wie es mir gegangen, wie mein Fuß wieder rebellisch worden sey und was mir der Scharfrichter-Hans bedeutet habe, von wegen dem Gläsle. Aber s’Töneli erklärt und mir d’Sach.

„s’Burgele ist unschuldig, und ihr könnt ihm keine Schuld beimessen; s’Barbele, seine jüngste Schwester, hat den Streich gespielt und s’Gläsle heimlich aus dem Kasten genommen und an die Sonne gestellt aus Wunderwitz. s’Burgele ist dazugekommen und zum Tod erschrocken, und rennt schnell zu mir und sagt mirs.“

„Burgele, habe ich gesagt, es gibt Gegenmittel und ich will es anwenden, Dir und dem Baschi zuzlieb, aber hätte gefährlich ablaufen können, mit solchen Sachen lässt sich nicht spaßen.“

„Tonele“, sag ich, „Ihr seid mein guter Engel, der mich leitet und führt, und grüßet mir s’Burgele, es soll mir verzeihe, wenn ich es erzürnt habe, und ich wollte selber noch mit ihm reden“, und so und so und so.

Den nämlichen Tag noch ist es aufgestanden, und am anderen Morgen hat es eine Wallfahrt gemacht, mit dem Bärbele und dem alte Tonele nach, Tryberg zur Kreuztanne; und wie sie wieder retour kommen, so stehe ich ihnen auf dem Weg beim Bildstöckle, wo ich vor 14 Tagen die Flause bekommen habe.

Es ist schon ziemlich dunkel gewesen, und wie sie daherkommen, so gehe ich aufs Bugele zu und sage „Verzeiht mir Burgele (denn ich hab’s Herz nimmer g’habt, „Du“ zu ihm z’sagen) und zürnet mir nicht.“ Es aber gibt mir die Hand und sagt „ich wüßte nicht wegen was, Baschi“ zieht e’Betbüchle heraus und reicht mir e‘ Helgele: „da hast dein’n heilige Namenspatron, und wir haben auch e‘ wenig für dich betet bei der Kreuztanne, und du darfst mich aber wohl noch duzen!“ sagt es. Und s’Tonele winkt mir mit den Auge.

Und das ich’s kurz mache, Herr, wir haben einander geheiratet trotz meiner Armut und alle Hindernissen. Aber Harz hat es kostet, das kann ich sagen, bis die Älteren das Jawort gegeben haben und bis alles in Richtigkeit gewesen ist. Denn, selbiger Zeit ist’s Hochzeitmachen nicht so leicht gegangen, wie heut zu Tage; aber ich habe gute Patrone gehabt und unser Bürgermeister hat mir geholfen mit guten Attestate, sonst wär es auch nicht gegangen.

Mit der Arbeit und Sparsamkeit haben wir uns durchgeschlagen, und wenn auch im Anfang Schulden vorhanden gewesen sind, so haben wir uns doch in kurze Jahre frei gemacht. – Freud und Leid, gute und böse Tage haben wir miteinander ertragen und unser Herrgott hat uns geholfen. d‘ Burgele ist jetzt schon 15 Jahre tot, aber kein Stund vergeht dem Tag, wo ich nicht an ihn’s denke, und sein Tag im Jahr und kein Tag im Jahr, wo ich nicht für ihn‘ s bet. – Ich denke, Der, der das Menschenherz trennt, wird’s auch wieder vereinigen. – Das, sagte er, an seinem abgetragenen blauen Rock deutend, ist mein Hochzeitsrock und mit dem soll man mich auch ins Grab legen. – Wenn’s nur bald Gotteswill wär.

Der Alte schwieg, und seine Lippen bewegten sich wie in stillen Gebete. Ich legte ein Geldstücklein in seinen nebenan stehenden Hut und er nickte stumm zum Abschied.
Als ich nach einigen Wochen wieder von meinem Ausflug zurückkam und meinem Versprechen gemäß beim alten Totengräber einsprach, rief mir dieser schon von weitem entgegen „der Baschi ist fort, – er ist erlöst, unser Herr Gott hat ihn endlich zu sich genommen. – Dort hinten bei der Linde habe ich ihm’s Bett gemacht, nicht weit von seinem Burgele. Er hat sich gefreut auf sein‘ Sterbestund, tröst ihn Gott – er hat’s überstanden!“

So erzählte der Freund, und alle baten ihn, diese Geschichte doch aufzuschreiben, dem guten Burgele und dem Baschi zum Gedächtnis und ihren, den Zuhörern, zur freundlichen Erinnerung an eine angenehm verbrachte Stunde.

Der Erzähler hatte der Gesellschaft zu willfahren versprochen und brachte wirklich nach einiger Zeit die kleine Novelle Schwarz auf weiß. – „da bekanntlich“, sagte er mit sehr ernsthafter Miene, indem er das Werk den Freunden reichte, „Bescheidenheit schriftstellerischer Verdienste holdefte Tochter ist, so glaube auch ich mit unserem gefeierten Landsmann und Dichter von dieser Arbeit sagen zu dürfen, dass ihr Inhalt und ihre Manier sie besonders für die Freunde ländlicher Natur und Sitten eignet; und wenn Herren und Damen höherer Bildung sie nicht ganz unbefriedigt aus den Händen legen, so ist der Wunsch des Verfassers erreicht. Ich habe“, schloss er, „der kleinen Gabe nach eine bildliche Darstellung beigegeben, gleichsam als heimatlichen Boden und Fundort des Blümleins, welches also ausgestattet ich Euch überreiche.“

Wie zu erwarten, erntete der Autor großes Lob – ein Ding, womit Freunde in der Regel nicht allzu sparsam umgehen zu pflegen. Auch wurde dabei der Wunsch ausgesprochen, es möchte dem Einzelnen Mehreres dere Art angereihet werden, so dass es, wie eben Kranze die Blume (welche oft für sich alleine wenig ist) im Verein mit anderen gehoben und bedeutsamer erscheine.

„Gut!“ ließ sich der Erzähler der freundlichen Idylle vernehmenm „um also den Anforderungen wohlmeinender Freunde zu entsprechen, wie es gewöhnlich in Vorreden heißt, will ich Eurem Begehren nachkommen und dem Versuch machen. – Was ich jedoch geben möchte, sind, und bei dem gewählten Bild stehen zu bleiben, weniger künstlich gezogene Zier- und Prachtblumen, als vielmehr solche, wie sie etwa ein Wanderer am Wege durch Felder und Wälder zu pflücken Gelegenheit findet, oder mit anderen Worten, Schilderungen aus dem Gedenkhefte eines Reisenden. – Was aber die Art und Weise der Darstellung betrifft, so wolle der geneigte Leser, wie ein alter Scribent in seiner Vorrede sich ausdrückt, dieselbe sich wohl gefallen lassen und wenn einige Fehler und Mängel sich eingeschlichen, dieselben mit seiner Nachsicht und gewohnten Leutseligkeit wohlgeneigt zudecken; was mich nicht allein unendlich obligieren, sondern auch ermutigen würde, in Zukunft mehr Anderes mitzuteilen, sintemal in einige Jahre über durch selbst eigene Notierung, als auch nach gepflogener Korrespondenz, verschiedene Historien zusammen bekommen, welche der wißbegierigen Welt keineswegs verdeckt werden, noch in ewige Vergessenheit geraten sollen. – Indessen bleibe das liebe Publikum mir gewogen und lebe verpflichtet, dass ich ihm zu dienen allzeit bereitwillig verbleibe u.s.w.“

Nach diesen und ähnlichen Präliminarien wurde ganz weiter ausgemacht, dass einige Abende in der Woche den Mitteilungen gewidmet werden sollen, vorausgesetzt, dass nicht etwa wichtige Stadt- und Landneuigkeiten einliefern, die eine gründliche patriotische Besprechung vor Allem notwendig machten. Zum Schluss versprach noch ein Mitglied, den ganzen ehrenwerten Club in Tusculanum, wie er leibte und lebte, zu Papier zu bringen und sollen je die Abhandlung, etwa unter dem ansprechenden Titel: „Wanderblühten“ oder „fliegende Blätter aus der Reisetasche eines modernen Pilgers“, gedruckt und herausgegeben werden, so, meinte er, könne das Ding eben so gut, wie manche bescheidene Neuere ihr eigenes Bildnis als empfehlendes Tavernschild vor ihren Werken aushängen, dem Ganzen als Titelblatt beigegeben werden.

So viel über die Veranlassung, welcher die nachfolgenden Mitteilungen zunächst ihr Entstehen verdanken.

„Und woni gang, go Gresgen oder Wies in Feld und Wald,
go Basel oder heim, s’isch einerlei, igang im Chilchhof zu“
Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann

Der Baschi war Zimmermann und hat das Burgele bei Arbeiten an einem niedergebrannten Hof kennengelernt. Aus Unachtsamkeit haut er sich mit dem Breitbeil in die linke Wade. Zum Glück kommt gerade „das Kräuter-Toneli“ vorbei, nimmt ein Gläschen mit Kupferwasser und läßt etliche Blutstropfen hinein fallen. Das Glas muss dann bei einer reinen Jungfrau in ihrem Kleiderkasten aufbewahrt werden. Es darf aber weder Sonne noch Mond drauf scheinen. Burgerle nimmt das Gläschen zu sich in ihren Kleiderkasten. Der Baschi ist sehr dankbar, dass sie ihm das Leben gerettet hat. Die Blutung hört sofort auf.

Danach geht der Baschi zu seiner Mutter ihr die Schmutzwäsche zu bringen. Bei der Mutter angekommen blutet das Bein wieder. Die Mutter holt den Scharfrichter-Hans, der auch verstehen würde Blut zu stillen. Der befiehlt zwölf Tage Hausarrest. Und meint, dass das Fläschle mit dem Blut an die Sonne gekommen sei. Baschi wundert sich, dass das Burgele ihm solch einen Streich gespielt hat, der ihm fast das Leben kostet.

Als es ihm wieder besser geht, trifft er an dem Bildstock das Kräuter-Toneli. Toneli erzählt Burgele hätte einen reichen Mann heiraten sollen, aber sie würde ich weigern und nur den Baschi wollen. Dann sei die kleine Schwester an ihren Kleiderkasten und habe das Fläschchen mit dem Blut am Fenster angeguckt. Kräuter-Toneli wurde sofort von Burgele dazu gerufen und konnte Baschi gerade so nochmal retten, sonst wäre er jetzt tot.

Da lässt Baschi dem Burgele Grüße ausrichten. Darauf hin geht das Burgele mit Freundinen nach Tryberg an die Kreuztanne zum beten. Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen. Diese kommt nämlich schon im Kapitel 22 vom Hieronymus vor.

Als das Burgele mit den Freundinnen zurück kommt, wartet der Baschi an dem Bildstock auf sie. Die zwei sprechen sich aus und werden heiraten.

Nach der Geschichte mit dem Baschi und seinem Burgele, entschließen sich die Freunde von nun an Geschichten zu sammeln und aufzuschreiben.

Pilgerfahrten
durch
das Breisgau und den Schwarzwald.

Die Pilgerfahrt beginnt in Staufen an der Johanneskapelle.

„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“
Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann

Wanderblühten – Pilgerfahrten

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