Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble – Prolog


Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.

Johann Wolfgang von Goethe in Torquato Tasso

Gleichzeitige Menschen haben, wie eine aufmerksame Vergleichung zeigt, nicht selten auffallende Ähnlichkeit in der Art und Weise ihres Bildungsganges. Und es ist dies sehr natürlich; bilden ja doch Zeit und Umstände, so zu sagen das Klima, in welchem die Pflanzen aufwachsen und sich entfalten.

Unter die Landsleute, welche sich ehrenvoll und tüchtig hervorgetan, dürfen wir mit Recht die Musiker Conradin Kreutzer, Krebs und Schelble zählen. In ungefähr äußerlich gleich beschränkten Verhältnissen geboren, führte sie allein ihr Talent und Streben auf die Bahn, auf welcher sie (jeder in seiner eigenen Weise) für ihre Zeit Bedeutendes leisteten. – Wie bei ihrem Landsmann Seele, sind es die Orte Donaueschingen, Stuttgart und Wien, die bei Schilderung jenes Lebens und Wirkens vorzugsweise genannt werden müssen. Krebs, 1774 in Überauchen bei Villingen geboren, besuchte fast gleichzeitig mit Seele die Schule zu Donaueschingen, wo er nebenbei Gesangsunterricht nahm, und später am Hofe zu Stuttgart als tüchtig gebildeter Sänger und Theoretiker einen passenden Wirkungskreis fand. –

Kreutzer, ein (1782) geborener Mößkircher, kam, wie Schelble nach Marchthal, schon frühe in das Kloster Zwiefalten, wo er gründlichen musikalischen Unterricht genoss, und nachdem er einige Zeit in Wien sich aufgehalten, in Stuttgart und Donaueschingen die Stelle eines Kapellmeisters begleitete, sowie später in Wien die Direktorsstelle bei der Oper an der Josephstädter Bühne und am Burgtheater.

Was die Lebensgeschichte Schelble’s anbetrifft, so glaube ich dieselbe etwas ausführlicher geben zu müssen, zumal verschiedene hinterlassene Briefschaften, sowie Mündliches und Schriftliches von Freunden* die (eigene nahe Verwandtschaft mit eingerechnet) mich in den Stand setzen, einen biographischen Versuch mit einigem Glück bewerkstelligen zu können.
* Schätzenswerthe Beiträge verdanke ich dem Musiker und Schüler Schelble’s, Franz Xaver Gleichauf in Frankfurt; so wie ich auch dem Urtheile dieses gründlich gebildeten Musikers in Betreff Schelble’s musikalischer Leistungen treuchlich gefolgt bin.

Lebensgeschichten im allgemeinen sind jedoch immerhin Bruchstücke; denn wie Vieles verschlingt nicht unmittelbar die Woge der Zeit, und wie bald ist die Stelle, wo wir gelebt und gewirkt haben, überwachsen von dem üppigen Grün nachkommender Geschlechter, die oft kaum mehr wissen, wer von den Vorfahren das Bäumlein gepflanzt und gepflegt hat, dessen Schatten oder Frucht sie genießen. Bleibt ja doch gewöhnlich gerade das prunk- und anspruchlosere, darum aber vielleicht um so gesegnetere Wirken ungenannt, weil es verschmäht hat, in den Vordergrund sich zu stellen und von der Welt Beifall und Lohn zu heischen.

Schelble’s künstlerische Leistungen aber verdient unsere volle Beachtung, nicht nur deshalb, weil sie als schöne Erinnerung festgehalten zu werden verdienen, sondern, was noch mehr ist, weil sie als Vorbild für unsere und künftige Zeiten gelten dürfen. Sein ganzes Wirken und Streben erinnert recht eigentlich daran, dass die Kunst ein Göttliches im Menschen ist, welches zu erhalten und zu pflegen des wahren Künstlers hoher Beruf sein müßte!“

Nach dieser kurzen Vorbetrachtung wollen wir nun den Lebensgang des Meisters in möglichster Treue zu schildern versuchen.

Es ist eine, durch viele Beispiele bestätigte Wahrnehmung, dass ein Talent, gleichwie das Samenkorn, zum Keimen einer Anregung bedarf, einer Umgebung, wo es seine erste, wenn auch zuweilen spärliche Nahrung zieht. Dieser Satz auf die vorliegende Lebensgeschichte angewendet, möchte es fast scheinen, als werde auf dem Lande, oder was das Nämliche ist, in kleinen Landstädten, zumal in jenen unruhigen Kriegszeiten, wenig künstlerisch Anregendes vorhanden gewesen sein. Bei näherer Betrachtung jedoch dürfte sich ergeben, dass jener Boden in dieser Beziehung so ungünstig nicht gewesen, als wir auf den ersten Blick glauben möchten.

Um von der Musik allein zu reden, war es diese Kunst ganz besonders, dies bis herab in’s Kleine überall ihre Liebhaber und Pfleger fand. Der Umstand, dass in den damaligen Klöstern und ihren Unterrichtsanstalten vorzugsweise Musik getrieben wurde, mag wohl das Meiste hierzu beigetragen haben; denn selten kam ein Studierter von dort zurück, ohne wenigstens einige musikalische Bildung ins praktische Leben mitzubringen; daher nicht leicht ein kleines Städtlein gefunden wurde, wo nicht geistliche und weltliche Beamte in mancherlei Weise bei Kirchenmusiken, oder bei Unterrichte der Jugend sich thätig gezeigt hätten. Auch bei den Schullehrern wurde hauptsächlich nur auf musikalische Befähigung gesehen; eine gute Singstimme bei einiger Fertigkeit im Lesen und Schreiben genügte oft allein schon bei Bewerbungen um eine Stelle, den Ausschlag zu geben. „Vorsersamst“, hieß es gewöhnlich in der Dienstausschreibung, „solle er (der Schulmeister) eines gesitteten Lebenswandels sein, gut schreiben, lesen und rechnen, die Orgel schlagen, geigen und Baßsingen, auch wo möglich die blasenden Instrumente behandeln können.“

Zu allem diesen hatte das bürgerliche Leben noch mehr konservative Zähigkeit. Ein Gewerbe, eine Fertigkeit oder Kunst erbten sich nicht selten von dem Vater auf den Sohn durch mehrere Generationen fort. War zum Beispiel der Großvater Zeug- oder Schuhmacher ein fertiger Geiger, so war es gewiss nicht minder auch der Sohn und der Enkel. Und so konnte es kommen, dass in einem lange heimischen Fache zuweilen ein Talent hervortrat, welches über das Gewöhnliche hinausging.

Ein weitere Anregung und Förderung für strebende Jüngere war, um von unserer Gegend allein zu sprechen, stets auch der fürstlich fürstenbergische Hof. – In der Zeit, von der hier die Rede ist, war es insbesondere die Fürstin Maria Antonie, welche durch Pflege der schönen Künste ein heiteres, genussreiches Leben um sich schuf. Unter ihrem Mäcenate war in Donaueschingen ein Hoftheater erbaut worden, wo durch eigene, so wie aus der Ferne herberufene Kräfte viele jener Zeit entsproßte Meisterwerke dramatischer Kunst zur Aufführung kamen. Vor allem war die ewig schönen Produkte des heiteren, lebensfrischen Mozart, welche mit Sorgfalt und Liebe einstudiert, auf der neuen Bühne gegeben wurden; und der Eindruck, den diese Leistungen auf die größten Teil des Publikums hervorbrachten, mußte umso größer sein, je weniger man gewohnt war, je etwas derartiges hören und zu sehen. Vergünstigt durch die damaligen tiefen Friedenszeiten hatte die Kunst in ihrem gemeinsamen Aufschwung noch etwas Jugendliches, Frisches, was selbst durch die nachfolgenden Kriegswetter nicht ganz verkümmert werden konnte.

Man wird nun gerne zugeben, dass all dieses ein Element gebildet habe, worin eine junge Pflanze einige Nahrung und einigen Halt finden mochte. – Von diesen allgemeinen Umrissen zum Einzelnen übergehend, finden wir die Vorälteren Schelble’s* seit frühesten Zeiten als Bürger des fürstenbergischen Städtlein Hüfingen. Der Großvater, sowie der Urgroßvater trieben das kunstverwandte Handwerk der Faßmalerei, ein Gewerbe, welches heutzutage teilweise unsere Vergolder ausüben. Nebenbei versahren diese Männer noch den Kanzleidienst beim dortigen fürstlichen Justizamte, und als Lieblingsbeschäftigung trieben sie Musik. Stets fanden sie sich unter denen, welche in der Pfarrkirche des Ortes als leidliche Dilettanten mitwirkten und zwar als Violinspieler.
*Die ältere Schreibweise des Namens Schelblin.

Dieser letztere Fertigkeit war auch ein Erbschaft des Vaters unseres Schelble. Das Kunstgewerbe, die Faßmalerei, wiewohl er von Jugend auf darin unterrichtet war, behagte eben nicht sonderlich. Sein Sinn ging mehr auf Musik, Mechanik und Rechenkünste. Weil aber alles dieses, ohne bestimmten Zweck getrieben, wenig geeignet schien, eine sichere Existenz zu gewähren, so hatte der junge Mann sich entschlossen, Schullehrer zu werden. Er nahm deshalb Unterricht bei dem Normallehrer und Musikpräzeptor Käfer in Donaueschingen, wo er sich nebst Schulwissenschaftlichen Anweisung im Orgel- und Klavierspiel erhielt. Der gänzliche Mangel einer Singstimme jedoch, ohne welche er nie auf bessere Plätze Anspruch gehabt hätte, war es, was den Kandidaten bewog, dem Lehrfache zu entsagen, und sich wieder dem angestammten Haus- und Familiengeschäfte zuzuwenden.

Zur selben Zeit war in dem Städtlein ein Kaplan, Namens Reeser, welcher als Gesanglehrer und Direktor der Kirchenmusik sehr in Ansehen stand. Eine seiner Schülerinnen, die Chorsängerin Katharina Götz, die Tochter eines bemittelten Bauern, zeichnete sich durch eine hübsche Stimme so vorteilhaft aus, dass man ihr von verschiedenen Seiten rieth, in’s Kloster zu gehen, wo damals diese Eigenschaft als Empfehlung gelten konnte. Durch die Erzählung und das Zureden Verwandter und Freunde für das klösterliche Leben im Voraus eingenommen, hatte das 15-jährige Mädchen endlich den Entschluss gefasst, der Welt zu entsagen und in einem nahen Kloster Amtenhausen sich aufnehmen zu lassen. Ein Gleiches wollte eine ihrer Freundinnen thun.

Unter Glück- und Segenswünschen der Ältern hatten die beiden Jungfrauen voll Zuversicht ihre Wanderung dorthin angetreten, um sich vorläufig einer Probezeit und Prüfung im Gesang zu unterziehen, von derem Erfolge ihre Aufnahme in das geistliche Stift abhängig gemacht worden war.

Alles ging nach Wunsch, und die beiden Mädchen wurden mit den besten Versprechungen aus dem Kloster entlassen, nachdem man ihnen den Tag bestimmt hatte, an welchen sie sich wieder anmelden sollten. – Sei es, dass die Abgeschiedenheit, der Zwang und der Ernst des klösterlichen Aufenthaltes auf die jugendlichen, noch von keiner bitteren Erfahrung getäuschten Gemüter ungünstigen Eindruck gemacht, oder dass ihr Entschluss sein ursprünglicher gewesen – genug, die Beiden wandelten schweigend heimwärts; und als sie aus dem engen Tale herausgekommen, in die sommerhelle Landschaft, wo überall im Felde fleißige Hände sich regten und die glänzender Welle die junge Donau floss, während hundertfältige Jubelstimmen aus den grünen Buchenwälder riefen – da wurde es den Himmelsbräuten sonderbar zu Mut. „Katharina““ unterbrach die Eine das bisherige Schweigen, „nicht wahr, wir gehen nicht in’s Kloster!“ Und die Andere, als wäre eine schwere Last von ihrem Herzen, stimmte lebhaft und entschieden bei.

Ohne sich umzusehen, wie sie später noch oft erzählten, hatten die Mädchen den Weg zurückgelegt und als sie heim gekommen, wußten sie den Ihrigen viel von der Abenteuer und dem baaren Gelde zu erzählen, was man als notwendiges Erfordernis zum Eintritt in das Kloster ihnen zur Bedingung gemacht habe.

Unterdessen hatten die Umstände den ehemaligen Schulamtskandidaten Franz Joseph Schelble auf eine Bahn geführt, die mehr seiner angeborenen Neigung zu entsprechen schien. Der junge Mann war nämlich öfters als geübter Klavierstimmer in’s Schloss nach Donaueschingen gerufen worden, wo er manches Neue im Fache des verbesserten Instrumentenbaus sah und hörte, was bei ihm Nachahmung erweckte. Durch natürliches Geschick und eigenes Nachdenken gelang es ihm in kurzer Zeit, Klaviere nach der damals einfachen Bauart herzustellen. Eines dieser Instrumente kam der Fürstin Antonie zu Gesicht, und die hohe Frau schenkte der vaterländischen Arbeit so viel Beifall, dass sie das Werk ankaufte und den Verfertiger ermunterte, auf dem betretenen Weg weiter zu schreiten. Diese und ähnliche Erfolge bewogen den strebsamer Mann seine Versuche zum förmlichen Geschäfte auszudehnen, welches ihm dereinst die Mittel zur Gründung eines eigenen Hausstandes darbieten solle. Dieser Gedanke mochte wohl vor Allem eine Neigung eingegeben haben, welche der Jüngling der hübschen Chorsängerin Katharina Götz zugewendet hatte – ein Verhältniß, welches im Jahr 1787 glücklich zur Heirat gedieh. Die jungen Eheleute bezogen ein eigenes, aus ihren wenigen zusammengebrachten Vermögen erbautes Haus, wo am 16. Mai des Jahres 1789 unser Johann Nepomuk, das zweite Kind ihre Ehe, das Licht der Welt erblickte.

Um dieselbe Zeit war der Dienst eines Verwalters oder Vorstehers des fürstenbergischen Zuchthauses zu Hüfingen in Erledigung gekommen. – Unter dieser Zahl der Bewerber gehörte auch der Instrumentenmacher Franz Josef Schelble. Die Herren Regierungsräte hatten bereits in einer Sitzung einem ihrer Vergünstigten die Stimme gegeben, als der regierende Fürst Joseph Wenzel mit den Worten: „Der Klaviermacher muss die Stelle haben!“ dareinfuhr und der Debatte ein Ende machte.

Auf diese Weise hatte der junge Ehemann einen neuen Wirkungskreis erhalten, der ihn jedoch nicht hinderte, seiner angeborenen Neigung zum mechanischen Arbeiten volles Genüge zu tun. Neben der Verwaltungskanzlei (es wurde damals noch nicht so viel geschrieben und gesandelt wie heut zu Tage) ward bald eine Werkstätte eingerichtet, wo in freien Stunden der Verwalter mit einigen Gesellen dem Klavier und Orgelbau oblag, und dazwischen hinein wohl auch einmal in astronomischen und anderen Uhrwerken sich versuchte. – Das Interesse an diesen Arbeiten war groß, jedenfalls größer als der pekuniäre Vorteil, den sie brachten. Konnte ja doch bei dem erfinderischen Geiste des lebhaften Mannes nicht methodisch durchgeführt werden, nebstdem dass das Amt eines Vorstehers der Strafanstalt bei äußerst kleinem Hilfspersonal seine meiste Zeit in Anspruch nehmen mußte.

Der kleine Sohn zeigte schon im zarten Alter eine unverkennbare Liebe zur Musik. – Das elterliche Haus war zur selben Zeit der Sammelplatz verschiedener Beamten und befreundeten Bürger der kleinen Amtsstadt, wovon die meisten als Lieblingsbeschäftigung etwas Musik trieben und in dem Hause öfters ihre Proben und Übungen abhielten. Es konnte wohl nicht fehlen, dass auch der kleine Johann Nepomuk einige Unterweisung in dieser Kunst erhielt, und zwar durch seinen Vater im Klavierspielen, während andererseits die Mutter und ehemalige Chorsängerin dem Kinde gern ihre Lieder vorsang.

Unter solchen Beschäftigungen waren die Kriegszeiten hereingebrochen, und das geräumige Zuchthaus zu Hüfingen war zu einem österreichischen Spital eingerichtet. Unter den längere Zeit dort Einquartierten befand sich auch ein kaiserlicher Feldpater, welcher auf dem Klaviere nicht geringe Fertigkeit besaß, und mit Vorliebe mozartlische Melodien vortrug. Das Spiel dieses Mannes machte solchen Eindruck auf den 7-jährigen Knaben, dass er oft sagte: Wenn es einmal so weit gebracht haben werde, wie der Herr Feldpater, so wolle er zufrieden sein.

Gleichzeitig mit den Anfangsgründen auf dem Klavier erhielt der Kleine auch Unterricht im Singen, in welcher Kunst Kaplan Eiselin, ein Nachfolger Reeser’s, sein erster Lehrer war. Bei diesem Manne von etwas reizbarem Temperamente hatte jedoch der Schüler wenig gute Stunden. Abgesehen davon, dass der Unterricht nach sehr pedantischer Methode gegeben wurde, hatten die Zöglinge von dem ungeduldigen Wesen ihres Instruktors gar manche Unannehmlichkeiten zu erdulden. So wie es zum Beispiel für den aufmerksamen Beobachter gewisse Zeichen in der Luft gibt, woraus die bevorstehenden Erscheinungen der Atmosphäre zu erraten sind, ähnlich so kommen die Kinder schon aus dem Äußeren des geistlichen Herrn den Humor und die Stimmung ihres Lehrers prophezeien. War nämlich in der Morgenstunde seine Garderobe wohlgeordnet, die Hasrtour glatt und das Zopflein sorgfältig gewickelt, so durfte man mit Gewissheit einen wolkenfreien Tag verhoffen; zeigte sich aber das Gegenteil, so wußten die Untergebenen, dass es heute nicht ohne Sturm und Unwetter abgehen werde.

Der sanftmütige Knabe Schelble stand aber noch im besonderen Ungunst des Lehrers, denn je mehr Fortschritte der talentvolle Kleine machte, desto mehr glaubte jener eine Entmutigung seiner übrigen, meist älteren Schüler daraus erwachsen zu sehen. Die Ungnade des Instruktors ging zuletzt in offene Vernachlässigung über, die bald damit endete, dass der Schüler unter dem Vorwande, es gebreche ihm am Talent, ganz von dem Unterricht ausgeschlossen wurde. Ein Freund des Schelble’schen Hauses und nicht ungeschickter Organist und Klavierspieler, der Amtskanzlist Schlosser, nahm sich jedoch des Ausgewiesenen an, und setzte den musikalischen Unterricht mit ihm fort. Der Zögling machte seinem Lehrer alle Ehre, und nicht lange so wurde der Kleine ausersehen, bei einer Festvorstellung, welche der Rückkehr des, wegen Kriegsunruhen geflüchteten fürstlichen Hofes galt, im Hoftheater zu Donaueschingen die Begrüßungsarie zu singen. Der kindliche Versuch fand beifällige Beachtung, und der Fürst Karl Joachim belohnte den kleinen Sänger mit einem Goldstücke.

Schmeichelhaft und gerechtfertigt durch diese Erfolge, machte jetzt Freund Schlosser den Ältern den Antrag: dem Sohne zu seinem Freiplatz im Kloster Obermarchtal, wo er einen Freund hatte, verhelfen zu wollen. Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, und die nötigen Schritte wurden getan und der Knabe erhielt die Zulassung.

Jenes geistliche Reichsstift war seinerzeit eines der bedeutendsten Klöster des schwäbischen Oberlandes; seine weitläufigen, nahe der Donau gelegenen Gebäulichkeiten beherbergten ausgedehnte Unterrichtsanstalten. Vater Ulrich Braig, Direktor der Chormusik, war der Freund, an welchen Schlosser seinen Schützling empfohlen hatte. Und wahrlich es bedurfte eines väterlichen Freundes und Führers, sollte der 11-jährige Chorknabe in dieser ungewohnten, großen Umgebung nicht mutlos und kleinmütig werden. – In musikalischer Beziehung jedoch fand der Schüler nicht, was er erhofft hatte. Der Unterricht, in einer geistlos pedantischen Methode gegeben, konnte ihn nur wenig frommen. Doch sollte das jugendlich empfängliche Gemüt auch hier nicht ganz leer ausgehen; wenn nämlich die Mönche nachts im Chore der hehren Klosterkirche sich versammelten, um begleitet von dem herrlichen Orgelspiel des damals berühmten Contrapunktisten Sirt Bachmann, die Psalmen anzustimmen, da sei es, nach Schelble’s eigenem Zeugnisse, diese Musik gewesen, welche einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht habe.

Ein freudiges Ereignis war dem Chorknaben der Besuch seiner älteren Schwester, die mit einem alten Diener der Hüfinger Strafanstalt und dessen Weibe, welche in der Nähe zu Hause war, die Reise nach Marchthal gemacht hatte. Der Alte brachte seinem kleinen Liebling zum Willkomm einen buntfarbigen Spielball, den eine in Zuchthause sitzende Vaganten eigens zu diesem Zwecke hatte fertigen müssen. – Da konnte wohl das Sprichwort Anwendung finden: Es ist ein kleines worüber sich Kinder freuen!

Der Aufenthalt in dem Stifte war nur von kurzer Dauer; denn schon nach zwei Jahren zog die allgemein ausgesprochene Sävularition der Reichsklöster auch diesem Institute seine Auflösung zu, und Schelble war genötigt, wiederum ins Vaterhaus zurückzukehren.

Es war zur Winterszeit und außerordentlich kalt; der mit Winterkleidern nicht hinlänglich versorgte Sängerknabe erkältete sich auf dem offenen Fuhrwerke, welches ihn mit einem jüngeren Landsmann in die Heimat bringen sollte, dermaßen, dass er bei seiner Ankunft, eher noch das entfernt liegende elterliche Haus erreichen konnte, bei einem Onkel unter- und zu Bette gebracht werden mußte.

Sein Verweilen im Heimathause fiel in die Epoche, wo seine Stimme zu wechseln begann, weshalb alle Muße allein nur auf das Klavierspielen verwendet wurde. – Eines Tages spielte Schelble für sich allein mehrere Klavierstücke durch, als er plötzlich durch den Zuruf: „Bravo – aber im Bass geht es zu stark“, unterbrochen und überrascht wurde. Es war ein alter fürstenbergischer Soldat, welcher zum offenen Fenster herein (das Zimmer lag zu ebener Erde) den Spieler belauschte und also kritisiert hatte.

Schelble, über die sonderbare Bemerkung betroffen, fand nach einigem Nachdenken, dass der alte Kriegsmann mit seinem Tadel ganz Unrecht nicht habe, und verwendete, wie er später erzählte, seitdem mehr Aufmerksamkeit auf das Spiel der linken Hand.

Um diese Zeit las der junge, sich selbst überlassene Musiker zufällig einen Auszug einer damals erscheinenden Zeitschrift von Forckel: „Über Sebastian Bach’s Leben und Kunstwerke“, worin unter Anderem auseinander gesetzt ward, nach welchen Grundsätzen Bach die Mechanik des Klavierspiels angewendet und geübt habe. Schelble bekannte, dass ihm diese Andeutungen von nun an als goldene Regel gegolten, die er bei seinem ferneren Studium zur Richtschnur genommen habe.

Als humoristische Beigabe zu dieser ernsteren Beschäftigung mochte wohl der Jüngling seine Tätigkeit bei der städtischen Musikbande betrachten, welches Korps den Zweck hatte, bei kirchlichen Festen und Aufzüge verschönert mitzuwirken. Als Mitglied dieser geziemend uniformierten Truppe hatte Schelble die Ehre, das Picolo zu spielen, auf welchem Instrumente der junge Mann bedeutend Virtuosität besessen haben soll.

Bei all diesem Treiben jedoch war nicht wohl abzusehen, wie Musik allein ihrem Jünger eine solide haltbare Existenz für die Zukunft schaffen werde. Den Ältern wenigstens erschien die Kunst ein allzu unsicherer Boden, weshalb sie den Entschluss faßten, den Sohn das Gymnasium in Donaueschingen besuchen zu lassen, wo er die in Marchtal angefangenen Sprach- und auch anderen Studien fortsetzen und nebenher bei dem fürstlichen Kammersänger und Expeditor Weiß, der ein Schüler des berühmten Raff in München war, Unterricht in Gesang nehmen sollte.

Seine Stimme hatte sich unterdessen wieder gehoben und er suchte sie nach der strengen, wenn auch etwas einseitigen Methode dieses Lehrers eifrig auszubilden. Es war dies der erste gründliche Unterricht der ihm zuteil wurde, und hatte nicht wenig Einfluss auf die erste Richtung, welche Schelble fortan hielt. – Der Aufenthalt in Donaueschingen gab dem talentvollen Schüler öfters Gelegenheit, bei Hofmusiken und Konzerten, so wie auch im Hoftheater sich hören zu lassen. Und hier war er es, wo dem 16-jährigen Sänger einst bei der Aufführung der Oper: „die beiden Savoiarden“, eine anmutige, zarte Huldigung zuteil wurde, und zwar von Seiten einer durch Vorzüge des Geistes und Herzens gleich ausgezeichneten jugendlichen Fürstentochter, die, einen passenden Augenblick wahrnehmend, dem Sänger nach geendigtem Spiele das seidene Tuch zuwarf, welches ihr in der Rolle eines Savojardenknaben zur Augenbinde gedient.

Je mehr aber der Jüngling in seiner Kunst sich hervortat und Beifall gewann, desto eifriger ließ sich der Vater angelegen sein, dem Musenfache einen praktischen soliden Boden unterzubereiten. Er hatte deshalb Schritte gethan, seinem Sohne eine Stelle im fürstlichen Hauptarchive zu Donaueschingen zu verschaffen, und schon war eine provisorische Anstellung mit einem kleinen jährlichen Gehalte verwilligt, als Schelble erklärte, unter jeder Bedingung seinem ursprünglichen Berufe getreu bleiben zu wollen, und durch nichts sich binden zu lassen, was ihn von der einmal beschrittenen Bahn ablenken könne. Ja er stellte sogar den Eltern ein heimliches Entweichen aus der Heimat in Aussicht, wenn es ihm nicht gelingen solle, auf gütlichem Wege abzukommen. Denn längst schon hatte er seinen Blick weiter gerichtet, nach einem Orte, wo ihm eine höhere Stufe musikalischer Bildung werden konnte.

Er hatte den Plan gefasst, nach Darmstadt zu gehen, wo damals der berühmte Abbé Vogler lebte. Teilnehmende Freunde unter diesen besonders der fürstliche Hofrat und Leibarzt Rehman und seine Gattin, hatten ihm dazu geraten. Er wollte den Weg über Hechingen nehmen, wo einer seiner früheren Gönner, der ehemals fürstenbergische Musik- und Rittermeister von Hampeln, an der Hofkapelle angestellt war. Von dort gedachte er Stuttgart zu besuchen, wo ihm die Landsleute Krebs der Kammersänger und der Galeriedirektor Seele nützlich sein konnten. –

An Ersteren wies ihn ein Empfehlungsbrief von seinem Lehrer Weiß, obwohl dieser den talentvollen jungen Mann lieber bei sich behalten hätte, und ihm deshalb bereits ein kleines Gehalt als Sänger in Donaueschingen ausgemittelt hatte. Bei Seele konnte die Bekanntschaft der beiderseitigen Eltern als Anlass des Besuches gelten.

Also ausgerüstet verließ Scheble im Jahre 1807 Donaueschingen und die Vaterstadt. Über die Reise und seine Ankunft in Stuttgart berichtet ein vorhandener Brief, den wir hier einschalten wollen.


Conradin Kreutzer

22. November 1780 in der Thalmühle bei Meßkirch im Fürstentum Fürstenberg – 14. Dezember 1849 in Riga.

Johann Baptist Krebs

Über Johann Baptist Krebs (12. April 1774 – 15. September 1851) gibt es von Josef Vogt in den Schriften der Baar Band 63 (2020) den Artikel: Vom Taglöhnersohn aus Überauchen zum Opernstar und Logenmeister in Stuttgart:

Begegnung mit Johann Nepomuk Schelble aus Hüfingen
Als Johann Nepomuk Schelble am 16. Mai 1789 in Hüfingen geboren wurde, war Johann Baptist Krebs bereits 15 Jahre alt und hatte schon regen Kontakt nach Donaueschingen. Möglicherweise waren es zwei Umstände, die den Hüfinger Schelble und den aus Überauchen stammenden Krebs zusammenführten. Wie Krebs wurde auch Schelble durch den Donaueschinger Hofmusiker Franz Xaver Weiß geformt und hatte seine ersten Auftritte am dortigen Hoftheater. Als er im Alter von 18 Jahren durch die Vermittlung des in Hüfingen aufgewachsenen, beim Herzog und späteren König Friedrich I. als Hofmaler tätigen Johann Baptist Seele (1774–1814) 1807 nach Stuttgart kam, begegnete er dem zu dieser Zeit schon über 10 Jahre an der dortigen königlichen Oper tätigen Krebs. Offensichtlich verstanden sich die beiden von der Baar stammenden Musiker auf Anhieb. Krebs arrangierte ein Vorsingen vor dem König, der Schelble daraufhin sogleich als Hofsänger einstellte. Obwohl Schelble nur sieben Jahre in Stuttgart weilte, bevor er 1814 nach Wien weiterzog, entwickelte sich zwischen Krebs und Schelble eine fruchtbare Zusammenarbeit. So wissen wir, dass Schelble eine wichtige Aufgabe in dem von Krebs 1811 gegründete Musikinstitut am Waisenhaus übernahm, in dem er nach den Grundsätzen des Reformpädagogen Pestalozzi Jungen und Mädchen für den Einsatz an der Hofoper im Musizieren, Tanz und Schau- spiel unterrichtete. Erhalten aus der künstlerischen Zusammenarbeit von Krebs und Schelble ist uns die am 2. Februar 1813 in Stuttgart uraufgeführte Oper in drei Akten „Graf Adelbert“, zu der Krebs das Libretto und Schelble die Musik geschrieben hat.

Katharina Götz

Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847), war die Mutter von Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 – 7. August 1837) und Maria Josefa Reich (18. März 1788 -12. November 1866).

Die jungen Eheleute bezogen ein eigenes aus ihrem wenigen zusammengebrachten Vermögen erbautes Haus, wo am 16. Mai des Jahres 1789 unser Johann Nepomuk, das zweite Kind ihrer Ehe, das Licht der Welt erblickte.

Franz Joseph Schelble

Franz Joseph Donat Schelble (17.02.1762-13.02.1835) wird hier von Lucian Reich als Instrumentenbauer bezeichnet. Er hatte zusammen mit Katharina Götz 14 Kinder.

Maria Antonia Anna von Hohenzollern-Hechingen 

10. November 1760 – 25. Juli 1797.

Der Fürst Joseph Wenzel Johann Nepomuk starb am 2. Juni 1783 in Donaueschingen. Sein Sohn war Joseph Maria Benedikt Karl Fürst zu Fürstenberg (9. Januar 1758 – 24. Juni 1796), verheiratet mit Maria Antonia Anna von Hohenzollern-Hechingen. Von daher muss der damals „regierende Fürst“ Joseph Maria gewesen sein.

Wie sein Vater, Joseph Wenzel, war auch Joseph Maria ein Musikliebhaber – er selbst wird als „talentvoller Klavierspieler“ und seine Ehefrau, Maria Antonie, als „ausgezeichnete Sopranistin“ geschildert. Das Fürstenpaar pflegte die vom Vater angeknüpfte Beziehung zu Vater und Sohn Mozart. 1784 wurde die bisherige Hofreitschule in Donaueschingen zu einem Hoftheater mit über 500 Plätzen umgebaut, wo auch Mozart-Opern aufgeführt wurden. (nach Wikipedia)

Zucht- und Arbeitshaus Hüfingen

Nach dem Kreistagsbericht vom 25.Juli 1715 sollte das Donaueschinger Zucht- und Arbeitshaus zur Aufnahme von mindestens 300 Personen dienen; auch “arme Kinder und Waisen, alte unkräftige Leute, Tolle und Irrsinnige sollten Aufnahme finden, dagegen nicht eigentlich Zigeuner, die den Venetianern ad triremes zu überlassen waren”. (*)

Nach 9-jährige Bauzeit wurde am 7. Oktober 1758 der Bau und die Einrichtung fertig und am 16. Mai 1759 ergeht ein Erlaß an sämtliche Oberämter mit der Anfrage, ob Züchtlinge oder Kinder einzuweisen seien. Am 23. Januar 1790 wurde Franz Joseph Schelble Zuchtmeister. Er war der letzte fürstenbergische Zuchthausverwalter und wurde 1808 in badischen Dienst übernommen. (*)

Am 27. Juli 1809 wurde das Zuchthaus in ein Korrektionshaus umgewandelt und zum Korrektionshausverwalter wurde Zuchtmeister Schelble ernannt.

Alle nach badischen Kriminalgesetzten Verurteilten wurden nach Freiburg abtransportiert. Das Korrektionshaus wurde 1828 aufgehoben. Schelble starb mit 78 Jahren am 13. Februar 1835 und seine Ehefrau Katharina geb. Götz am 4. April 1847 mit 87 Jahren. (*)

1850 diente das Gebäude eine Zeitlang als Kaserne, 1853 als Fürsorgeerziehungsanstalt, die nach dem in der Nacht vom 22./23. März 1853 abgebrannten Kloster in Neudingen den Namen Mariahof führt und seither katholische schulpflichtige Knaben beherbergte.

Das Bauwerk wurde 1972 abgerissen.

*Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Dr. F. Wangener: Aus der Geschichte des Zucht- und Arbeitshauses in Hüfingen

Johann Nepomuk Schelble

Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837) hatte also 12 jünger Geschwister und eine ältere Schwester, Maria Josefa (19.03.1788-12.11.1866). Maria Josefa heiratete Luzian Reich (senior) und war die Mutter von Lucian Reich (der Jüngere). Lucian Reich und Johann Nepomuk Schelbe waren also Neffe und Onkel.

Im Jahre 1800 trat Johann Schelble als Chorknabe in das Kloster Marchtal ein wo er wissenschaftlichen und musikalischen Unterricht erhielt. Als das Kloster 1803 aufgehoben wurde, kehrte er zu seiner Familie nach Hüfingen zurück. In der Stadtmusik Hüfingen spiele er Piccoloflöte und besuchte die Schule in Donaueschingen, wo er an dem kunstliebenden Fürsten von Fürstenberg einen Beschützer fand. 

Fahnenmarsch mit Piccoloflöte von 1819. Datei erstellt durch Loris Gerber, Public domain, via Wikimedia Commons

Also ausgerüstet verließ Schelble im Jahr 1807 Donaueschingen und die Vaterstadt. Über die Reise und seine Ankunft in Stuttgart berichtet ein vorhandener Brief, den wir hier einschalten wollen.

Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen

Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stücklein blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Marien’s ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsere liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.

Den Verweis hierfür mögen Wetter- und andere Propheten führen. So viel ist entschieden gewiss, dass zu Anfang der 20er Jahre, am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blauste Himmel sich über dem alten Städtlein Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Tore gesegnet; und hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf dem Gartenhängen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüt geradezu Hosen zu nennen wagt, sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fangschnüren. In der Ferne hörte man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen entlegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen ausgeklopft. Wer im Felde zu tun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so Manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte sein Tschako noch lackieren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefel, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.

„Wenn es nur auch so hält“, sagte der alte Hafnermeister, in den er seinen Sappeursbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig heraus ausstaffierte.
Es bleibt gut“, bemerkte ein Nachbar, der sassianene Gerbermeister. „Mein Laubfrosch sitzt jetzt schon seit vorgestern früh hoch auf der Leiter, und das Männle am Rathausfähnle läßt gutes Wetter supponieren.“
Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“, erwiderte der Andere.
Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit geziemender Würde begangen wird.

Zur Zeit unserer Erzählung war dieser Tag für die ganze Baar sozusagen ein Volksfest, zu welchem die Gäste von nah und fern zusammenströmten. Nicht wenig zum Glanz des Tages trug eine bürgerliche Miliz und ein Musikkorps bei, welche beide nach dem Muster anderer kleinen Städte auch hier errichtet worden waren. Die Musik, von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs trefflichste eingeübt, hatte den Beifall aller Hörer und die wackeren Musketiere exerzierten und manövrierten, dass es eine Lust war, ihnen zuzusehen. Und weil dazumal noch nicht jeder alte Student und Gevatter Handschuhmacher sich einbildete, ein größerer Mann zu sein, der das Volk beglücken und Deutschland umgestalten müsse, so ginge alles im besten Contento, zur Freude für Jung und Alt.

Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberster, der trefflich Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah es aus, wenn er in der Uniform mit kurzen hirschledernen Beinkleidern und Suwarowstiefeln, ähnlich einem Erzherzog Karl oder Fürst Schwarzenberg, vor der Fronte stand.

Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marte, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne kein Wasser ziehe oder ob der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bub in der Eigenschaft eines Feldjägers atemlos und schwitzend daher gelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn.

Gedachter Marte war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte, und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerzieren gründlich studiert bei den Österreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, dass selbst der Major „das Meiste von ihm habe“. „Gleich!“ sagte er, „gleich werd‘ ich erscheinen.“ Er rückte noch einmal seine Waffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger vor dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgerkorps in Reih und Glied und begann sämtliche Schwenkungen und Manövers, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinter her aber zog ein Haufen von Buben mit Bohnenstecken statt der Gewehr, und machten alle Exercitien glücklich nach.

Stellt euch“, sagt der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren. „Stellt euch nur morgen auch Alle präzis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, dass wir den alten Ruhm nicht einbüßen“.

Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwebel Marte und den Korporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauen zu: „Ihr Leut‘, ich fürcht‘, dass uns die Zwei“ – hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin – „morgen bei den Salven Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten.!

„Herr Major“, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: “ das wird’s nicht wohltun; wofür verzürnen die Leutele. Ich weiß ein besser Mittel, laßt mir mich machen. Morgen, bevor und dass wir einmarschieren, will ich tun, als visitiere ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Lichtstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut‘ haben ihre Plaisir.“ – Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandierte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Alten die Musketen heimtragen durften.

Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Burschen die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf den Rücken, kam aus dem Felde. Der andere schien auf der Reise begriffen zu sein; er mochte etwa 24 Jahre zählen, ein stämmiger Bursche mit braunem Haar und rötlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit gehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: Über den neuen schwarzen Lederhosen, den neuen grünen Samtschoopen und das rote Leible. In der Hand trug eine schwanke Haselnussgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken hieb, der vor ihnen hertanzte. K

„Konrad“, sagte der mit der Sense, „das kann ich dir sagen, seit du auf dem Hofe bist, kennt man dich fast nicht mehr, du bist ein Weltkerle geworden“.
D’rum bin ich gesund, Gott Lob“, erwiderte der im Sonntagsstaat, „Essen und Trinken schmeckt mir, und überflüssige Sorgen mach‘ ich mir auch keine“.
Ja, wenn eine gewisse nicht wär!“
Du hast gehört läuten, und weißt nicht wo, Franzsepp“, meinte Konrad. „Was soll denn das für eine gewisse sein? – Vom Hörensagen lügt man gern“. –
Er suchte ablenkend das Gespräch auf eine andere Materie zu leiten, uls sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so dass man die vergoldeten Zeiger der Turmuhr sehen konnte, machte er ein Paar von den blanken runden Knöpfen an dem roten Leibe auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kirchturmuhr.-
„Sechs Uhr!“ , sagte er, „Die geht eine halbe Stund‘ früher als die Bräunlingerin. Sechse, Siebene – bis um Achte bin ich daheim.“
Ei was! kannst’s du auch Neune werden lassen“, rief der Franzsepp. „Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler miteinander trinken in der Sonne, denn so jung kommen wir doch nicht mehr zusammen.“
Nichts da, sag Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!“
„Aha, es zieht den Menschen eben heim; ei, das muss ja ein großmächtiges Zugpflaster sein, das so stark zieht. – Aber morgen kommst doch zum Fest?“
Ja, freili'“, rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Tore über die Bregach führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen wandern sie in aller Seelenruhe zum Tore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht sich ja gar so gut von Allem, was die Woche über passiert, von Altem und Neuen, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen, sie kommt auch wohlfeiler, als die im Wirtshause.

Heute, an so einem geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit alten Zeiten in Stein gehauen, auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und bedächtiger Miene sah er, wie immer, dem Lauf des Baches nach, der in einiger Entfernung die Stadtmühle treibt.

Der Wanderer verließ die Brücke und gegen den Fußweg hin, dadurch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegende, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindschritte oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zog sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde. Denn nachdem die Betglocken, welche in der Umgegend den kommenden Festtage verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathaussstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.

Was trieb ihn denn so vorwärts, und hier sind immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinem Ältern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an laue Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschen? Oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ih der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? –

Hier ist nun der Ort, wo ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündlein von Hüfingen zu dem Dorfe zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und an einen anderen Weg einschlagen; wenn wir unsere Schritte fördern, so kommen wir immer noch zur gleichen Zeit mit ihm an.

Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen.
Richtig. Der Marsch ist so weit nicht, als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein und sein Xaver aus Russland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der 13-jährige Waisenknabe nur noch einen einzigen älteren Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in den Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß. Durch Rührigkeit und Sparsamkeit hatte sich der Knecht bald so emporgeschwungen, dass er als Pächter des fürstlichen Meierhofes zu Waldhausen sich dauernd wieder niederlassen konnte. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihm ein Verwandter zu sich, der keine Kinder hatte, aber sehr für möglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer, hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf dem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegte; im Übrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt, auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der Tat im Stande gewesen, „die Laus und den Balg zu schinden“. Dieser trockene, einsilbige Vetter und dieses knickrische Weib war nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und kühle Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, dass ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da ist der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählich zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.

Dazumal war noch die Ross- und Nachtweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte Rossbubenverfassung, welche seitdem auch von dem raschen Lauf der Zeit umgestürzt worden ist. Da nämlich die jüngeren Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, dass sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektiert wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „ausfuhren“, das heißt die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeinenes Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mussten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stillieger“ und waren die Oberhäupter der anderen. Sie lagen nämlich still, das heißt müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußte ihre Unterthanen alle Arbeit für sie tun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und abzäunen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolkes. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein eingesetzt werden. So geschah es unserem Konrad, dass er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall tat und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, dass er ein Stillleger werden sollte. Der Barbier des Orts, das sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, einen wirklicher Pfleger an ihm wurde, voller Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.

Aber er hatte auch noch Muße, um anderen Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein 18. Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegte, die Mädchen des Dorfes mit anderen Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, dass dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermutet hätte. Was er auch tun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg. Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareille mit den schönen roten Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Tony’s „zumpferne“ Agnes? oder eine von des Müllers Töchtern? Keine von all diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche als Bub bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinetwillen in Tränen zu sehen, ihm ein Genuss gewesen war? Ja die, die war’s, des alten, vermöglichen Vogts sein feines Mariannle, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei.

Freilich hätte er lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliches Bild vor seinen Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden solle, denn er wusste wohl, welch Kluft sei, zwischen der reichen Tochter des Vogts und einem armen Bauernknecht. Er konnte aber nicht, denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letztlich angeschaut hatte, so dass es ihm dabei war, als sähe er in das Paradies hinein. Ihr roter Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht zu sehr zu seinen Gunsten auslegen.

Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammerfenster oben heraus sehen durfte, da konnte er noch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, dass es das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, Niemand anderes war, als das Mariannele. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpflein ein klein wenig herauf, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.

Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach der Amtsstadt zur „Ziehung“. Zu Fuß war sie ausgezogen, das ganze Dorf hatte ihnen Glück gewünscht. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der konscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammengenommen hatten, zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen.

Als der Wagen in’s Dorf hineinfuhr und an dem Hause, an welchem die Bürger und Mädchen beisammen standen, vorbeifuhr, stimmten die lärmenden Rekruten ein Lied an. Und ein Buckliger, den der lustige Zufall Nummer Eins hatte ziehen lassen, brachte mit kreischende Stimme dem Soldatenstand ein lautes Vivat.

Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf eine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: „Verspielt! Nummer 17!“ entgegenhielt, da wurden die gute Mariann‘ blass bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm doch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.

Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft losgemacht hatte, ich bin froh, dass ich fort komm‘. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann‘ kannst du dir keine Hoffnungen machen. Sie ist hübsch – dazu reicher Leute, Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser ’s Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, dass sie dir hold ist, einfältiger Kerl? Also nur fort – Unglückskind – fort, fort!

Doch so schnell sollte es nicht gehen.
Hast du denn gar keine Fehler?“ Fragte ihn sein Vetter nach einiger Zeit, als er sich zur Visitation stellen mußte.
Zwanzig Jahre und kein Fehler!“, sagte die Riedbäuerin dazwischen. „das wär mir was! Jugend hat kein‘ Tugend.“
Von solchen Fehlern ist nicht die Red‘. Annekäther“, bemerkte der alte Rittbauer.
Keinen, dass ich weiß“, erwiderte Konrad. „Den linken Arm kann ich nicht mehr ganz biegen, seit ich ihn gebrochen habe.“
Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben“, sagte sein Pfleger. – „Ja“, dachte Conrad, „das werd‘ ich wohl bleiben lassen; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.“
Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt.
Was ist’s denn mit dem Arm da?“ Fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem anderen Ton, als dass Mariannle einst gefragt hatte.
Ich hab‘ ihn vor zwei Jahren gebrochen“.
Untauglich!“ hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonderer kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, dass noch ganz andere Kerle vor der Türe standen.

Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amzhause ging: das hab‘ ich schon gemerkt, dass der Soldatenstand just kein Schleckhafen ist. – Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in die Abstandsstube unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte er in den Bart hinein, „Aufrecht, dummer Bauerntölpel!“ Wie aber der Konrad auf dieses mit einem grimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, dass der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.

So hat ihm also das Vorhaben, durch die Nötigung der Umstände aus seinem heimatlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb mir nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben?

Die Familie des Mädchens gehörte zu den wohlhabendsten der Baar. Seit mehr als einem Jahrhundert war das Vogtamt beständig bei diesem Hause verblieben. Der älteste Besitzer des Stammgutes hatte unter anderem das Recht, mit eigenem Wappen zu siegeln, und selbst die regierenden Fürsten beliebten früher Zeit während der Jagd öfters ihre Einkehr in dem wohlgelegenen Bauernhause zu nehmen.

Kein Wunder also, dass der Vogt einen gewissen angeerbten Stolz und behäbige Selbstgefühl zur Schau trug. Zudem war er der Mann, der noch viel auf alte Sitten und Bräuche hielt. So herrschte zum Beispiel in dem Dorf noch die Sitte, die Gemeindeversammlungen im Freien unter der alten Linde bei der Kirche abzuhalten. Am Sonntag, wenn Wichtiges verhandelt werden sollte, postierte sich der Bannwart jedes Mal an die Kirchtür und entbot dem herauskommen den Bürger mit den Worten: „Ihr Mannen, ’s ist G’meind, Ihr sollet warten unter der Linden!“

Als einige Neurer später darauf drangen, die Versammlung, wie bereits anderwärts, im neuen Schulhause abzuhalten, stand sich der Vogt, der bei dieser Gelegenheit in eigensinnigen Widerspruch und Wortwechsel gerathen war, bewogen, das Vogtamt abzugeben, und vom Gemeindewesen gänzlich sich zurückzuziehen.

Um diese Zeit waren namentlich Zwei, der Sohn des Krämermichels und der Sternenwirtssohn: die waren nach anderthalb jähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und konnten etwas französisch. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimatleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs taten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andere in Bern oder Lausanne ein Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu gefallen, entschlossen sie sich endlich zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. „In Frankreich ist es so und so“ pflegte der Eine, der ein halbes Jahr im Elsass gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der Andere hatte die Parole umgekehrt: „So ist’s in der welschen Schweiz nicht“, warf er hin, so oft ihm etwas mißfiel.

Leider aber stieß er erste, der Franzos‘, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann‘ auf’s Angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahrte, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe.

Sein Bruder hatte ihm schon früher den Antrag gemacht, zu ihm auf dem Maierhof zu kommen, um den Dienst eines Oberknechts bei ihm zu versehen. Ein Antrag, der unserem Konrad eben recht kam.

Am „Bündelstage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er sein Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündeleien, das er in ein rotes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, dass das Mariannele just unter der Hausthür stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitet ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim.

Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn.

Der Pachthof, zu dem wir den jungen Landwirt begleiten, liegt auf einem stillen, waldbegrenzten Tal hinter dem Städtlein Bräunlingen, auf der Grenze zwischen der Baar und dem Schwarzwald. Auf kahler Anhöhe schauen die Überreste einer Burg. Das Wiesengelände, in dessen Mitte der Maierhof, ein weitläufiges steinernes Gebäude mit zackigen Giebeln sich erhebt.

Wenn es wahr ist, dass Tätigkeit und Unmuße am Besten geeignet sind, von Fällen von selbstquälerischen Sinnen und Grillenfangen abzulenken, so hätte es hier unzweifelhaft unserem Konrad gelingen müssen, seine Gedanken loszuwerden. Denn da galt es tüchtig Hand anzulegen von morgens früh bis abends spät. So sehr der Oberknecht und Gehilfe aber auch mit Arbeit überladen war, fand er dennoch Zeit genug, sich wachend und schlafend an die Heimat zurück zu träumen. –

Wenn die Schneestürme durch die winterliche Gegend wehten oder in kalten, hellstirnigen Nächten das Eis im nahe Teiche krachte, und Abends das Gesinde um den warmen Ofen sich gelagert hatte, führten ihn seine Gedanken nach Hause. – Jetzt, dachte er, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen, und die Weiber spinnen, dass der Ofen zittert, und die Männer liegen auf der Ofenbank. Jetzt wird der alte Kasper hereinkommen, er reibt die Hände, klagt über die Grindskälte und setzt sich in den Herrgottswinkel, wo er zu erzählen anhebt.

Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Geister, um so lieber, wenn der Wind gerade recht schauerlich um Kamin und um die Dächer rumort und die „Nachtfrau“, wie er sagt, um die Häuser schleicht. – So hörte ihn Konrad alle die alten Geschichten wieder vorbringen: vom „Berchenappele“ und anderen gespenstischen Weiblein, die in den Wäldern zwischen Hüfingen und seinem Heimatorte ihr so neckisches Wesen treiben sollen. – „Der Krieg“, schloss der Alte gewöhnlich, „hat die Geister alle vertrieben, d’rum hört man auch so wenig mehr davon“.

Solche und ähnliche Szenen malte sich in ungestörten Augenblicken der Träumer gerne aus. Aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter zu kehrten in das Vogtes Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich ein kein Hausrecht hatten. – Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimat nähert, gleichen Schritt mit ihm halten wolle, denn seht, er ist auf einmal bedeutend in der Marsch geraten, und wenn ihm das „Appele“ unterwegs keinen Streich spielt, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kaspar von ihm erzählen zu hören.

An einem hellen Februartag ging Konrad, vor der Sonntagskirche, auf einen der nächsten Berge, die „Windstelle“ genannt, und erstieg hier die höchste Tanne, um nur wieder einmal den Kirchturm seines Dorfes zu erblicken. Er hatte eine weite, weite Aussicht da oben, über all die dunklen Tannenwälder hinaus, in die Baar, bis an den blauen Osterberg und den hohen Randen. Da saß er denn, während ringsum die vielen Morgenglocken zusammen klangen, und sah und suchte; aber er konnte den wohlbekannten Turm nicht finden. Da, sagte er, indem er mit der Hand gegen den Fürstenberg wies, da muss er liegen. Eine ganze Stunde saß er auf dem Baum, bis sich die Ferne in bläulich weißen Duft gehüllt hatte; dann stieg er ein wenig mißmutig herunter doch war es dabei wunderlich zu Sinne, just als schon der Frühling anbrechen wollte.

Als er auf dem Hofe zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, dass seine Base, die Riederbäuerin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich, denn er wusste wohl, dass ihm seine Frau trotz ihres unfreundlichen Wesens unentbehrliche geworden war. Die Ehe hatte unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, dass sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, dass zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so aneinander gewöhnt und gefesselt waren, dass der überlebende Teil bald seinen losgelassenen Widerpart nachwelken musste.

Am Donnerstag, sagte, der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße, darunter aber auch einen ganz besonderen vom – Mariannele.

Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmergeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! , sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Teil des Tages das Gegenteil von dem, was er Morgen gewesen. Es schien ihn etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlicht betreten umher und fast schüchtern, so dass der alte Veitle, der Karrenknecht, vermutete, es sei ihm der Geist begegnet, der in dem Hofe zu weilen sich hören lasse, wenn er mit seinem Viergespann rassend durch das Haus fahre. – So viel ist übrigens gewiss, dass der junge Mensch so zerstreut war, dass er den Pferden den Wasserkübel statt des Heu’s in die Krippe schüttete.

Was hatte er denn gewagt? Es gab Jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimnis bleiben sollte. Denn wie das Mariannele den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergeselle, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet er viele hundert Grüße aus vom Konrad, – der sei nämlich bei ihm gewesen auf dem Waldhauserhof – und praktizierte ihr dabei ein Brieflein in die Hand.

Sie wurde blass und rot vor Schrecken und hätte beinahe das schwarz im Goldschnitt eingebundene Gebetsbuch und den Rosenkranz mit den blanken silbernen „Gottesregeln“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie den Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und unter Herzklopfen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:


Das Jokobifest war in Hüfingen sehr wichtig und wird auch schon im Hieronymus behandelt.

In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder. Deshalb bemerkt der Hafnermeister (Ofenbauer) mit dem Sappeursbart (sapeur=Steinhauer):

Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“.

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe im Hieronymus Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Im Jahre 1824 fiel der Samstag auf den 24. Juli, also war das Jakobifest auf das sich Hüfingen vorbereitet am Sonntag den 25. Juli 1824.

Lucian Reich beschreibt hier genau die Vorbereitungen in Hüfingen auf das Fest, an dem er selber 7 Jahre alt gewesen ist.

Schützenhaus

Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im “unteren Angel” ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das “Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen” mit “Bürstenbüchsen” zur Pflicht gemacht. (1)

Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April).

Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)

Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises (1)

Mit dem „Bündelstag“ ist sicher Mariä Lichtmess gemeint.
Dies war einer der wichtigsten Tage im Bauernjahr, da am 2. Februar Knechten und Mägden in der Landwirtschaft erlaubt war, ihren Dienstherrn zu wechseln.

Der Hüfinger Kirchturm hatte es damals den Menschen wohl sehr angetan. Hierzu fällt mir der Ferienbummler von Josef Schelble aus dem Jahre 1899 ein. Hier kann man auch dem Mühlenbach und dem damaligen Stadtmüller begegnen:

Nach der lieben Vaterstadt
Die den grünen Kirchturm hat

Der Maierhof und die Schafweide Waldhausen gehörte damals dem Kloster Bebenhausen, einer Zisterzienserabtei, wobei Lucian Reich schrieb „fürstlicher Maierhof zu Waldhausen“. Waldhausen gehörte tatsächlich den Fürsten zu Fürstenberg und war bis zur Eingemeindung nach Bräunlingen selbstständig.

Über das Leben der „Roßbuben“ und auch die „Stilllieger“ hat Lucian Reich auch schon im Hieronymus berichtet. Auch die Roßbubenverfassung macht er hier wieder zum Thema.
Am Ende des Kapitels wird der Pfingstritt der Knechte und Roßbuben beschrieben, an dessen Ende der Pfingsthagen in den Brunnen geworfen wurde.

Die „Riedbauern“ lebten vermutlich Richtung Rieböhringen bei Hausen vor Wald, da er ein bis zwei Stunden von Hüfingen unterwegs war, den Fürstenberg sehen konnte und der Vogt gerne im Adler einkehrt.

Melodien der Baar – Kirchenglocken Hüfingen, Behla, Hausen, Fürstenberg, Mundelfingen und Sumpfohren

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

Wanderblühten – Das Buch

Heimkehr und Heiratsantrag
Unverhoffte Rückkehr
Der eigene Herd

Hieronymus Kapitel 23

Heimkehr und Heiratsantrag – Unverhoffte Rückkehr
Der eigene Herd

Fünfmal schon hatte der Frühling Wald und Flur mit neuem Grün geschmückt, seitdem Helena das Haus der Pflegeeltern verlassen. Immer noch war sie auf Wildenstein die treue Dienerin, die liebreiche Pflegerin der Kinder, die unermüdliche Gehilfin im Haushalte des Schloßverwalters.

Wohl trat bisweilen das Bild früherer Tage ihr vor die Seele, und das bitter wehmütige Gefühl des Alleinstehens in der Welt wollte sie anwandeln. Doch Tätigkeit und Pflichtübung leiteten ab vom trüben Sinnen und füllten, grünenden Ranken gleich, die Lücken ihres Innern; leise keimende Hoffnungen erleuchteten es wohl auch mit dem Scheine künftiger glücklicher Tage.

Schon wehte der Wind wieder über die Haberstoppeln – weder die Wachtel in den Furchen noch die Lerche in den Lüften ließen ihr Lied mehr erschallen, da schritt ein Wandersmann auf der Straße von Sigmaringen stromaufwärts durch das Donautal. Er war vorbeigezogen an der alten Hochveste Werrenwag, welche, ein Wächter über das Tal, von schroffem Fels herniederschaut. Bereits war die Sonne dem Untergehen nahe, als der Wanderer sich auf die rechte Talseite gewendet, wo ein nur wenig gangbarer Pfad hinzog.

Schloss Werenwag oder „Hochveste Werrenwag„, wie Lucian Reich schreibt, befindet sich im Oberen Donautal der Gemeinde Beuron.

Schloss Werenwag
Foto: Roland Nonnenmacher auf Wikipedia

1629 erhielten die Grafen von Fürstenberg das Schloss, das sie 1721 an die Freiherren von Ulm zu Erbach verkauften. Erst im Jahr 1830 kam Werenwag wieder in den Besitz der Fürsten von Fürstenberg. (Wikipedia)

Lange Schatten ruhten auf dem tiefen, felsumgürteten Grund und seinem grünflutenden Strom. Nur die hohe, fürstenbergische Burg Wildenstein schaute kühn noch dem Tagesgestirn ins leuchtende Antlitz. Eine Gestalt aus längst verflossener Zeit, schien der ernste, schmucklose Bau den Pilgrim im Tale zu begrüßen.

Auf steilem Pfade stieg der Fremde den zackigen Felsgipfel hinan. Vor der Zugbrücke, welche, mit ihren langen Armen einer riesigen Spinne vergleichbar, den breiten Felsspalt überdeckte, stand er eine Weile still, das Haus mit seinem gewaltigen viereckigen Turme zu beschauen. Das Dach hing nur lose in eisernen Schlaudern darüber, denn die festgewölbte Stirne des Baues trotzt auch dem zerschmetternden Wurfgeschoß. War die Brücke aufgezogen, so fanden nur noch Raben und Geier den Eingang in das einsame Felsennest.

Burg Wildenstein, Postkarte ca. 1910
Foto: Wikimedia

Dumpf dröhnte die alte Brücke, als der Wanderer in luftiger Höhe über den Abgrund schritt, um durch das finstere Tor in den engen Burghof zu gelangen. Im abendlichen Dunkel erblickte er hier an dem mittelalterlich überdachten Ziehbrunnen, welcher durch den Felsen bis auf die Sohle des Stromes niedergeht, ein Mädchen, eben im Begriff, ein kupfernes Wassergefäß auf den Kopf zu heben. – Einem schüchtern forschenden Blicke des Mädchens in das sonngebräunte Angesicht des jungen Mannes – folgte freudig überraschendes Erkennen – es waren Hieronymus und Helena.

Wie eine weiterschleppte Taube, frei gelassen, den Flug wieder nach dem wohlbekannten Dache richtet, und die Schwalbe nach vergangenem Winter wiederum die alte Heimat sucht, also kehrte der lang Gewanderte nach fast fünfjähriger Abwesenheit in die Heimat zurück. Das Verlangen, Verwandte zu sehen und die bewährte Jugendfreundin, hatte den Heimkehrenden bewogen, die Heerstraße zu verlassen und den rauhen, wenig begangenen Weg im Stromtal einzuschlagen.

Als zartes, feingeputztes Herrenkind war sie einst dem schlichten Knaben im Zwilchkittel gegenübergestanden, und jetzt – sah er das bürgerlich und häuslich gekleidete Mädchen vor sich, ihm die schöne, doch etwas schwielige Hand zum Gruße darreichend.

Freundlich aufgenommen von den Vettersleuten und ebenso gut bewirtet, weilte der Reisende einen Tag auf dem Schlosse. Als er des Morgens wieder fürbaß zog, den steilen Felsabhang hinunter, sah man den sonst eilfertigen Wanderer wiederholt nachdenklich stehenbleiben, als habe er etwas vergessen, etwas liegenlassen oben auf der Burg. – Ofter blickte er zurück nach dem Orte, den er eben verlassen – wiewohl ein dichter Herbstnebel verhüllend um die Felsen zog und die kahlen Giebel des Hauses nur undeutlich aus dem Duft hervorschauten. Offenbar fesselte den Blick des Dahinziehenden ein mehr als gewöhnliches Interesse. Dennoch vermögen wir nicht viel mehr zu berichten, als daß unser Freund hatte versprechen müssen, über’s Jahr wiederum auf Besuch nach Wildenstein zu kommen. – Unverkennbar aber ist gewesen, daß die Züge des Wanderers von innerer Freudigkeit erglänzten wie die grünende Flur vom hellen Streiflicht der aufgehenden Sonne.

Dem heimgekehrten Sohne war die Freude des Wiedersehens von Vater und Mutter leise getrübt durch die Wahrnehmung, wie die so sehr Geliebten seitdem merkbar gealtert hatten.

Die Heimat übte auf den gereiften jungen Mann ihre wohltätigen Zauberkräfte. Manches erschien ihm zwar jetzt in verändertem Lichte; der rosige Schimmer der Jugend hatte der wenig phantastischen Tagesbeleuchtung weichen müssen. Aber er hatte hier seine Jugend verlebt, und wenn er um sich schaute, so sproßten auf jedem Platze, aus jedem Busch in Feld und Wald alte Erinnerungen auf, die ihm, wie Blumen, ihre erquicklichen Düfte zuwehten.

Doch nicht als Träumer und Phantast war er zurückgekehrt: obwohl er sich anfangs vorgenommen, sein Besuch solle nur ein vorübergehender sein, so war sein ganzes Sinnen und Trachten doch alsbald auf Tätigkeit und festen Lebensberuf gerichtet. Seit der Einkehr in Wildenstein schien es, habe er ein ungewisses Streben ins Weite aufgegeben; und schon in den ersten Tagen seiner Wiederkunft ward ihm durch Romulus eine wohl zu erwägende Idee geboten.

Dieser, der langjährige Student, hatte, wie er seinem Freunde Hieronymus vor Jahren schon geschrieben, wirklich umgesattelt und sich dem Schulfach zugewendet. In Donaueschingen, wo er bei dem dortigen Normallehrer und Musikpräzeptor Unterricht genommen, hatte er ein gutes Examen gemacht und alsogleich auch eine Anstellung auf dem Wald erhalten. Bei einem Besuch in der Heimat war er mit Hieronymus unter anderm auch auf die Uhrenindustrie zu reden gekommen, welche Industrie in dem Tal, wo er den Schuldienst versah, besonders schwunghaft betrieben wurde. Namentlich die Uhrenschildmalerei war es, welche zur Zeit mehr und mehr selbständig sich ausbildete. Zu den größeren Spieluhren mit Gestellen und Säulchen wurden ganze Tableaux verlangt, die geübtere Kräfte als die bisherigen verlangten; und Romulus machte seinem Freunde den Vorschlag, die Sache in die Hand zu nehmen.

Hieronymus war nicht abgeneigt. – Ein Anfang ward gemacht; ein gesegneter Fortgang fehlte nicht. Denn nach kurzer Zeit waren seine Arbeiten weit und breit in der Umgegend bekannt und gesucht. – Eine Uhrenhändler-Compagnie bot ihm bald auch Kapitalien zur Vergrößerung des Geschäftes, aber er schlug es aus, um seine Selbständigkeit nicht zu gefährden. – Wo aber ein guter Grund gelegt, das Gedeihen sichtbar ist, da wenden die Augen der Nachbarn sich hin; denn sie wissen mit Salomo, daß im Hause des Weisen ein lieblicher Schatz sei.

Der Stabhalter, praktisch in allem, was er tat, gab dem Meister Schildmaler nicht undeutlich zu verstehen, daß er noch eine zweite hübsche Tochter habe und auch imstand sein würde, einem braven Schwiegersohn nachhaltig unter die Arme zu greifen. – Aber auch in diesem, wie im Punkte des Anerbietens der Uhrenhändler-Compagnie, schien Hieronymus ziemlich harthörig zu sein. – Und wo der Sitz des Übels lag, konnte entnommen werden aus einem Zwiegespräch in Hüfingen, wohin Hieronymus gegangen war, um seine dortigen Freunde zu besuchen.

Es war am Herz-Jesu-Fest, welches Fest der Stadt immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte. Auch das Bäbele von Wildenstein war zum Besuch der alten Eltern gekommen. Die kirchlichen Feierlichkeiten waren vorüber und die Familie und Hieronymus im Hausgärtlein versammelt, den lauen Sommerabend im Freien zu genießen. Man plauderte von allerlei; und als endlich die Mutter Annakäther ins Haus sich begeben, um ein Nachtessen zu richten und auch ihr Mann sich vom Bänklein erhoben hatte, um die Vogelkäfige aus dem Garten in die Stube zu bringen, hatte Hieronymus mit der Verwaltersfrau, in den Wegen auf und abgehend, ein Gespräch angefangen.

Das Herz-Jesu-Fest „welches Hüfingen immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte“ wird heute noch in Fürstenberg gefeiert. Das traditionelle Fest findet stets zehn Tage nach Fronleichnam statt und gehört heute noch zu den kirchlichen Höhepunkten der Fürstenberger.

Die Frau äußerte sich scherzhaft über sein Glück und gratulierte ihm zu den vorteilhaften Heiratsanträgen, die ihm, wie sie von ihrer Mutter gehört, gemacht worden seien. Hieronymus ging auf den Scherz ein. „Ich bin ein Glückskind“, sagte er, „Ihr habt Recht, Base, und ich muß Euch auch gestehen, daß ich das Heiratskapitel seit neuerer Zeit öfter in Betracht ziehe. – Zum freiwillig ledigen Stand, mein‘ ich, gehört ein gewisses Genie – oder aber eine solche Selbstgenügsamkeit, wie sie mein Freund Severin besitzt. Zu beidem fühl‘ ich keine Anlage in mir. Meiner Natur nach bin ich mehr zum folgsamen Ehemann geschaffen.

„Folgsam“, wiederholte die Base lachend, „das ist eine Tugend, die eine Frau sehr glücklich machen kann. – Da Ihr aber, wie man hört, so heiklich seid, so wär ich doch begierig auf Eure Wahl.“ „Vielleicht ist sie gar schon getroffen, diese Wahl!“ warf Hieronymus zum Ernst übergehend hin. „Ich will offen mit Euch reden, Frau Bas. – Seht, als ich im vorigen Herbst auf der Heimreis‘ bei Euch auf Wildenstein eingekehrt bin, da ist es dem lang in der Fremde gewanderten Menschen wieder einmal recht heimelig ums Herz worden; und ich gesteh’s, als ich das treue Walten und Schaffen Eurer Helene gesehen, hab ich unwillkürlich den Mann beneidet, dem sie der Himmel einst als Frau an die Seite setzen wird. „Euer Gusto ist nicht der schlechteste“, versetzte schalkhaft die Base. „Ei, ei, am End werd ich gar meine Haushälterin und Lehrerin meiner Kinder einbüßen sollen. – Bedenkt doch -“ „Bedenken? Was soll ich bedenken? Daß ein so braves Mädchen nicht mehr frei sein werde – nicht wahr?“ „Richtig, etwas ähnliches hab ich sagen wollen. – Ich will Euch ein Geheimnis mitteilen, Vetter, obwohl man nicht aus der Schul schwätzen soll. – Ihr wißt, jedermann hat Geheimnisse, so ein Heiligtum, in welches nur Vertraute zuweilen einen Blick tun dürfen. Als mir Helene einmal ihre Andenken aus früheren Jahren im Haus ihrer Pflegeeltern gezeigt hat, hab ich auch etwas dabei gefunden, so wie – alte Liebe rostet nit.“

„Briefe vielleicht, von irgendeinem Verehrer?“ fragte Hieronymus ein wenig betroffen.
„Nicht weit neben die Scheibe geschossen“, entgegnete lächelnd die Frau, „’s ist so was gewesen – wie schön gemalte Neujahrswünsch‘: Spann auf den goldenen Bogen, Aurora, schönste Frau, und dergleichen; und das Mädchen hat mir gestanden, daß sie von jemand herrührten, den es nicht vergessen könne!“
„Also so sorgsam immer noch aufgehoben?“ fragte Hieronymus in einem Ton, der nichts weniger als gleichgültig klang. „Ja – es sind schöne Zeiten gewesen!“ setzte er bei – und die Base glaubte zu bemerken – obwohl es schon dunkelte und die Fledermäuse bereits um die alte Stadtmauer und um das Gärtlein flatterten – zu sehen glaubte sie, daß es freudig, wie ein heller Strahl über das Gesicht des jungen Meisters hinziehe.

„Aber noch ein’s“, nahm die Base wieder das Wort: „Vermögen -“ „Hat sie keines!“ unterbrach sie rasch Hieronymus. „Das weiß ich. Aber ich denk, ihre guten haushälterischen Eigenschaften bilden ein Kapital, das sich reichlich verzinsen wird.“ „Wenn Ihr so rechnet, Vetter“, entgegnete die Frau, „so könnt ich mich vielleicht dazu verstehen, Euch einen Liebesdienst zu erweisen.“ „Ich nehm Euch beim Wort, Frau Bas!“ versetzte Hieronymus lebhaft, ihre Hand ergreifend. – Und noch denselben Abend verfaßte er ein Schreiben an Helene, welches die Verwaltersfrau bestens zu besorgen versprach. – Das Fräulein möge nicht übel aufnehmen, schrieb er, wenn er sich die Freiheit nehme, einen Brief an sie zu richten; es müsse einmal gewagt sein. Eilig, wie ein rasch fließendes Waldwasser dränge es ihn dem Ziele zu. – Er komme sich vor wie Noah in der Arche, der die Taube ausgeschickt habe, die, so hoffe er, nun auch für ihn mit dem Olzweig zurückkehren werde – usw.

Des andern Morgens zogen beide Paare von dannen; das Bäbele nämlich mit dem Brief nach Wildenstein, Meister Hieronymus mit seiner Hoffnung nach Laubhausen. – Und wir können nur wünschen, daß die Liebesbötin ihr Anbefohlenes fester verwahrt gehalten als der Antragsteller seine Hoffnung. Denn unterwegs schon kamen ihm allerlei Zweifel über die Aufnahme seines eiligen Briefes. – War es vielleicht Selbsttäuschung, als er auf Wildenstein in den Augen des Mädchens ein besonderes Wohlwollen gegen ihn zu erblicken vermeinte? – Doch – wenn er dann wieder an die Mitteilungen der Base dachte, so war es ihm, als wehe ihn frische Morgenluft an, alle Zweifel zerstreuend.

Zu Hause angekommen, zählte der ungeduldige Mensch Tage und Stunden – es war unmöglich, daß so bald Antwort da sein konnte, und doch blickte er jeden Morgen die Straße entlang, auf welcher der Amtsbot, der auch alle Privatbriefe besorgte, zu kommen pflegte. Mitten in diese mühende Unentschiedenheit hinein fiel aber ein Ereignis, welches, einem Meteorstein ähnlich, die ganze Nachbarschaft in Aufregung versetzte.

Wie eine alte, breit gewurzelte Tanne Generationen absterben und jüngere um sich heranwachsen sieht und, in scheinbar unverwüstlicher Zähigkeit Wind und Wetter trotzend, immer dieselbe bleibt – also lebte stets noch der greise Köhler Klaus, versah sein Handwerk mit der gewohnten Sorglichkeit. – An seinen Schürbaum gelehnt, sah der Alte in jenen Tagen einen fremden Mann dem Kohlplatz zuschreiten. Er hielt den Wanderer seiner Kleidung nach für einen Jakobsbruder, der auf dem Wege nach Hüfingen im Begriffe stehe, zum dortigen Jakobifest zu pilgern.

Jakobusbrunnen

Und noch ein Kirchenfest: Das Jakobifest.
In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder.

Der Fremde war angetan mit einem braunen Pilgergewand, während ein breitrandiger Hut sein ernst schauendes Gesicht beschattete, welches in stark ausgeprägten Zügen tiefe Spuren ungewöhnlicher Erlebnisse trug. Der Ankömmling hatte den Alten begrüßt und, wie es schien, ermüdet dem rauchenden Meiler gegenüber auf dem Rasen Platz genommen. Fragen an den Alten hatte dieser in gewohnter Dienstfertigkeit beantwortet. Nachdem der Unbekannte die große, altersgraue Gestalt des Köhlers einige Augenblicke unverwandt angeblickt, sagte er forschend: „Wie geht es Eurer Familie?“
„Des Stabhalters, meint Ihr? – Gut, gottlob!“
„Und Eurem andern Schwiegersohn?“
Der Alte schwieg betroffen und mißtrauisch.
„Ich habe gehört, er lebe noch“, fing der Fremde wieder an. „
„Würdet Ihr ihn wieder erkennen, alter Vater, wenn er jetzt auf einmal vor Euch stünde?“ Klaus schaute blitzenden Auges dem Manne ins Gesicht. – „Tolberg“ schrie er in heftiger Bewegung. „Weich, Versucher!“ Und zum gewaltigen Schlag ausholend, schwang der Köhler den Schürbaum.

Der Pilgersmann aber nahm den Hut vom Kopfe und sagte gelassen:
„Schlagt zu, wenn es dann besser ist! – Seht her, Vater, meine Haare sind so grau wie die Eurigen.“ – Da ließ der Alte die Arme sinken und stöhnte: „Und Euer Kind?“„Werdet Ihr wiedersehen, wenn es Gottes Wille ist“, versicherte Tolberg.

„Und mein ungeratener Sohn – Euer Kamerad?“
„Dieter“, entgegnete zögernd der Schwiegersohn, „dem wird Gott gnädig sein!“
„Also tot! – Gott verzeih ihm, wie ihm sein Vater verzeiht.“ Der Alte mußte sich setzen, seine Knie wankten.
„Ihr sollt alles hören – über alles Auskunft erhalten – aber jetzt faßt Euch, kommt zur Hütte und von da in Euer Haus – laßt den Jungen hier beim Geschäft zurückkommt!“

Tolberg faßte den alten Mann am Arme, ihn nach der Hütte zuführend; und nach kurzem Verweilen sah man sie weiterschreiten, in der Richtung nach der Wohnung des Köhlers. Klaus hatte niemanden noch den Namen des Fremden genannt, doch verbreitete sich bald das Gerücht, Tolberg sei wieder da und suche seine verlorene Tochter, welche mit den Landfahrern herumziehe. Von dem Angekommenen wußte man nur so viel, daß er, nachdem er in früher Morgenstunde lange auf dem Grabe Johannas verweilt, des andern Tages schon wieder das Tal verlassen habe.

Nach etwa einer Woche war der Fremde bei Nacht wieder im Haus des Köhlers angekommen, und gleich des andern Morgens in der Frühe empfing Meister Hieronymus in seiner Werkstatt ein Handbillett, von Tolberg unterzeichnet, worin dieser ihn, einer notwendigen Unterredung halber, zu sich ins Haus des Köhlers einlud. Der Meister säumte nicht lange, denn es war ihm alsobald klar, daß man von ihm Auskunft erwarte über Herrn Tolbergs Tochter, mit welcher er ja in früher Jugend so oft zusammen war und welche er vor wenig Jahren noch bei den Vaganten getroffen hatte.

In der Wohnstube des Köhlers eingetreten, fand Hieronymus daselbst einen ältlichen, mildernst aussehenden Herrn, welcher, nachdem er sich überzeugt, daß er in dem Angekommenen den rechten Mann vor sich habe, also anfing: „Entschuldiget, junger Freund, daß ich Euch hierher bemüht – ich heiße Tolberg – ohne Zweifel habt Ihr diesen Namen schon nennen gehört und wißt auch, daß ich der Schwiegersohn des Forbachklaus bin. Daß ich ein Töchterlein hier zurückgelassen, wird Euch ebenfalls nicht fremd sein – ja, man sagte mir, daß Ihr sie näher kennen sollet.“

„Wenn ich nicht irre“, versetzte zögernd Hieronymus, „so kenne ich sie allerdings, wir waren früher oft zusammen. – Doch jetzt im Augenblick wär ich nicht imstande“ – Der Sprecher stockte, es war ihm ein zu heikler Punkt, die fatale Vagantengeschichte zu berühren.

„Ich verstehe schon“, fiel der alte Herr ein, „ich will jedoch gleich von der Hauptsache mit Euch reden. – Nachdem der Himmel die Tochter glücklich in die Arme ihres Vaters zurückgeführt hat, gestand mir das Mädchen, als ich sie nach allen ihren Lebensumständen genau befragte, daß sie ihr Vertrauen und ihre ganze Lebenshoffnung schon von früher her auf einen wackern jungen Mann gesetzt habe; sie glaubt auch, daß ihr besagter junger Mann wohl zugetan sei. – Ich habe“, fuhr er mit bewegter Stimme weiter, „ich habe in diesem Punkte eine zu herbe Schule durchgemacht, als daß ich der Neigung meines Kindes hemmend in den Weg treten möchte. – Weil mir nun“, schloß der Sprecher mit lächelnder Miene, „das Mädchen einen gewissen Hieronymus als ihren Freund bezeichnet – so hab ich Euch heute hierher rufen lassen.“

Dem Angeredeten war es bei dieser Wendung der Rede siedend heiß geworden, er erinnerte sich wieder der Zutunlichkeit Schön Rösels gegen ihn, als er sie damals im Walde getroffen. – Verwirrt und verlegen, wußte er nicht alsogleich etwas Passendes zu erwidern.

Herr Tolberg, der sein Schweigen für Schüchternheit auslegen mochte, fuhr ermunternd fort: „Ich wünsche, junger Freund, daß Ihr in allen Stücken Euer Zutrauen auf mich setzen möchte; ich höre, daß Ihr tätig und strebsam seid – ist Euch mit einem Kapitälchen zur Erweiterung Eures Geschäftes gedient, so sprecht offen.“

„Verehrtester Herr*, fiel jetzt Hieronymus mit Entschiedenheit ein, „für Euren gütigen Antrag muß ich höflich danken. Ich glaube vorerst mit Fleiß und Beharrlichkeit mein vorgestecktes Ziel ohne fremde Hilfe zu erreichen. Was aber das andere, nämlich Eure Tochter anbetrifft, so will ich offen und aufrichtig gegen Euch sein, wie Ihr es gegen mich seid. – Eure Tochter, ja, ich habe sie gekannt schon in frühester Jugend, sie war meine Gespielin, ich erinnere mich auch, daß sie immer besonders freundlich gegen mich gewesen ist – doch die Jahre und Verhältnisse haben uns getrennt – es sind vielleicht schon sechs bis sieben Jahre oder noch länger, seit ich sie zum letzten Mal im Wald – in der Nähe des Grumbentobels – gesehen und gesprochen habe.“ Die Geschichte am Stöckle-Turm kam ihm zwar auf die Zunge, doch hielt er stockend inne.

Tolberg schaute den Sprecher groß an, aber Hieronymus fuhr fort: „ Wenn sie aber ihr Vertrauen in mich gesetzt hat, so tut’s mir herzlich leid. – Meine Hoffnung und mein Entschluß stehen fest. – Ich kenne ein Mädchen, und wenn es geht, wie ich hoffe, und sie mir ihre Neigung zugewendet und Gott meinem Tun und Schaffen Gedeihen schenkt, so soll niemand als sie die Gefährtin meines Lebens sein. Und wenn ich heute zum Millionär, ja zum König würde, so sollte keine andere als sie meine Königin sein.

In Tolbergs Mienen drückten Erstaunen und Betroffenheit sich immer deutlicher aus. „Eure Gesinnungen muß man ehren; aber was redet Ihr da“, fügte er kopfschüttelnd bei, „vom Wald, von sieben Jahren?“ Der junge Meister fühlte seine Lage immer peinlicher werden. Tolberg aber schritt unwirsch, fast verdrießlich nach der Kammertür: „Da, sprecht selbst miteinander, ich kann nicht klug werden aus der Geschichte.“

Halb starr blickte Hieronymus auf die geöffnete Tür, als befürchtete er einen Auftritt wie weiland in der unterirdischen Bettelküche. Da trat Tolberg wieder ein, an seiner Hand – nicht Schön Rösel, sondern – Helena in all ihrer Lieblichkeit, gleich einer in lauer Frühlingsnacht aufgebrochenen Rose.

Wie von bösem Zauber gebannt stand der Freund da – also Helene des reichen Tolbergs Tochter! Dieser Gedanke durchfuhr ihn blitzschnell, und er vermeinte seine Hoffnung vor seinen Augen versinken zu sehen. – Lächelnd aber trat das Mädchen auf ihn zu. „Ich bin Euch Antwort schuldig – Hieronymus -!“ sagte sie treuherzig. „Hier!“ Und damit legte sie ihre Rechte in die seinige. Und freudig überrascht drückte der Überglückliche ihre Hand an seine Brust. Überlassen wir jedoch die beiden ihrem Glücke und wenden uns, wie der Leser wohl nicht anders erwarten wird, zunächst der Geschichte Tolbergs zu.

Nach der Zurückkunft ins Vaterhaus lebte der junge Mann in der ersten Zeit noch ganz dem Andenken seiner Johanna. Wenn die Verhältnisse ihn wie ein lastendes Gewicht niederdrückten, schwangen sich die Gedanken in jene friedlichen Tannenwälder – wo ein liebendes Weib seiner harrte.

Nicht allzulange jedoch konnte sein leicht veränderlich Wesen festhalten an solch sehnsüchtig unbefriedigenden Schattenbildern. Der Tod Johannas traf bereits den für die Welt erzogenen Sohn reicher Eltern in einer Stimmung merklich verkühlten Herzens, und es kam bald so weit, daß der junge Herr seiner Verbindung mit jener Tochter des Waldes kaum noch als eines unüberlegten Streiches, einer jugendlichen Verirrung gedachte.

Wohl lag die Versorgung des hinterbliebenen Kindes dem von Natur aus nicht zum gewissenlosen Menschen geschaffenen Vater am Herzen. – Dieses Kind jedoch mußte auswärts erzogen werden; der Jugendstreich des Sohnes sollte und mußte vertuscht bleiben – so wollte es die Ehre des Hauses. – Der Sohn erinnerte sich jener freundlichen Familie des Obervogts, die er während seines Aufenthaltes im Schwarzwalde kennengelernt. – Hier konnte man das Kind unterbringen. Fern von der verfeinerten und verbildeten Welt sollte das Töchterlein eine anständige, aber einfache Erziehung erhalten. Später, wenn sich die Verhältnisse geändert, kalkulierte der Vater, konnte die herangewachsene Tochter ja immer noch in die Arme ihres unbekannten Vaters zurückgeführt werden.

Durch den geistlichen Herrn in Laubhausen wurde die Sache auch befriedigend ins Reine gebracht. Der Obervogt mit seiner Familie war unterdessen von seinem früheren Posten abgerufen und in ein entferntes Städtchen des Kinzigtales, später als Amtsrat nach Hüfingen versetzt worden. Ein regelmäßiges Jahresgehalt sollte für die Mühen und übernommene Pflege entschädigen.

Nachdem sich dieser Knoten im Leben des jungen Herrn Tolberg so befriedigend gelöst, hatte er der Stimme der Vernunft und der seines Vaters so weit Gehör gegeben, daß er für gut fand, sich wieder zu verheiraten. Es war begreiflich eine vorteilhafte Partie, eine Heirat nach der Mode. Ein Sohn, dieser Verbindung entsprossen, wurde in Paris erzogen. Nach dem Tode des alten Fabrikherrn aber waren die Bande der ehelichen Liebe bereits schon so lose geworden, daß eine beiderseits gewünschte Trennung des Paares erfolgte.

Die Vorläufer der Revolution hatten sich eingestellt. Man weiß, welch ein Schauplatz von Unfug und Greueln gleich zu Anfang dieses Weltereignisses das Elsaß gewesen. Tolberg war es gelungen, zu rechter Zeit noch einen, wenn auch kleinen Teil seines Vermögens nach Basel in Sicherheit zu bringen. Zur Flucht aber wollte er sich nicht entschließen, wie viele Freunde ihm auch das Beispiel dazu gegeben.

Da geschah es eines Tages, als er kurz vorher einen anonymen Warnungsbrief erhalten, daß ein ungebetener, lange nicht mehr gesehener Gast vor den ernstnachdenklichen Fabrikherrn trat. Es war ein verwahrloster, wildaussehender Mensch, nicht mehr jung. Auf dem schwarzen Filzhütlein, welches er beim Eintritt in das Wohnzimmer kaum ein wenig beiseite gerückt, prangte eine große dreifarbige Kokarde; eine schlotterig umgeschlagene Halsbinde verbarg Hals und Kinn, halbzerrissene, gestreifte weiße Pantalons, ein blautuchenes Militärkolett mit rotwollenen Epauletten bezeichneten einen Neufranken, der Dialekt aber, in welchem sich der branntweinduftende Bruder an den Hausherrn wendete, einen verkommenen Deutschen.

„Bon jour, lieber Schwager!“ lautete die Begrüßung. In merklicher Unruhe und mit einem Blick des Unwillens auf den Sprecher erhob sich Tolberg, ohne etwas zu erwidern. „Ich weiß“, fuhr der Eingetretene in maliziösem Tone fort, „daß ich hier, bei meinen lieben Verwandten, immer gerne gesehen und mit Ungeduld erwartet werde.“ „Du kommst“, fuhr Tolberg heraus, „jetzt gerade sehr ungelegen.“ „Ungelegen?“ wiederholte der andere höhnisch, „ich, der Dieter, das Genie, wie man mich früher zu nennen beliebte.“ „Zu oft schon hast du meine Güte mißbraucht mit deiner Zudringlichkeit.“

„Oho“, brauste Dieter auf, denn er war es wirklich, „aus dem Ton beliebt man aufzuspielen – ich bin jetzt der zudringliche Lump? – Ah, richtig, ich hab ja keine hübsche Schwester mehr, mit welcher sich der Herr en passant verlustieren könnte – doch jene Zeiten sind vorüber, und jetzt wirft man den Dieter in den Winkel wie einen durchgetretenen Stiefel. – Ah foudre!“ schrie der halbbetrunkene Altgeselle in anscheinender Erbosung, „verdammter Royalist; Kerl! ich spieß dich wie ein zappelnder Frosch!“ Er hatte aus einem Knotenstock, den er in der Linken hielt, einen Stockdegen gezogen und die spitze Klinge dem zitternden, erblassenden Tolberg auf die Brust gesetzt.

„Doch halt! Du dauerst mich – Schwager, du steckst in böser Haut – und der gutmütige Dieter, dem man schon so oft in diesem Haus die Tür gewiesen, das gutmütige Bruderherz kommt, um dich zu verwarnen. – Schau, die Axt ist am Baum – der Klub in Schlettstadt hat deinen Untergang beschlossen – bin ich nicht sein Mitglied – und ist nicht sein Vorstand mein deutscher Landsmann aus dem Badischen? – Wenn Monsieur Tolberg, der Aristokrat, nicht heut abend noch vor Sonnenuntergang das Felleisen schnürt, so“ – hier fuhr Dieter mit dem Finger quer über den Hals. – Tolberg erblaßte. „Schau“, fuhr der Klubist fort, „Dieter, das Genie, hat so spekuliert: du warnst den sorglosen Schwager und hilfst ihm in der Eil einige Trümmer seines Reichtums retten. – Fraternité, egalité, brüderliche Teilung – auch dem Republikaner liegt das Hemd näher als der Rock!“

Ehe jedoch Tolberg etwas auf diesen Vorschlag entgegnen konnte, wurde die Türe des Gemaches aufgerissen, ein Diener stürzte herein: „Rettet Euch, Herr, wir sind verloren!« keuchte der Mann. – Als wär eine Bombe in das Haus gefallen, also wirkte diese Hiobsbotschaft. – Sei es, daß man sich zu einer Flucht schon länger versehen – Tolberg eilt in das anstoßende Kabinett, reißt einen Koffer auf, nimmt daraus eine Schatulle und verschwindet durch ein zweites Zimmer – sein Diener hinter ihm her.

Dieter, wie ein Rüde, dem die nahe Beute entrinnt, stürzt den Flüchtigen nach, Tolberg und der treue Diener durcheilen den anstoßenden Garten, übersteigen die Mauer und gelangen glücklich ins Freie. Der Ort war aber schon umstellt von den Sendlingen des Schlettstadter Klubs. – In dem Augenblick, als der zu Tod erschrockene Fabrikherr mit seinem Diener querfeldein gegen ein nahes Gehölz sich wenden will, vertritt ihnen Dieter den Weg – wie eine Katze war er hinter den beiden her über die Mauer geklettert.

„Halt!“ schrie er mit vorgehaltener Klinge. „Die Schatulle, das Geld – so entkommst du mir nicht!“ Eine Minute verloren und alles verloren. – Tolberg wirft die hemmende Last von sich – aber vom Garten her nahen Stimmen – sie waren entdeckt. – Einige Schüsse krachen. – „Ich hab mein Teil!“ röchelt Dieter, vorwärts aufs Angesicht fallend über die Geldkiste, die er eben im Begriff war aufzuheben. Die andern rennen gegen den Wald, aber auch von dieser Seite kommen Bewaffnete, schneiden ihnen den Weg ab und bringen die Flüchtlinge zur Haft.

Tolbergs Güter wurden konfisziert, er selbst in den Kerker geworfen. Das über dem Haupte des Unglücklichen schwebende Fallbeil sollte übrigens sein Opfer nicht erreichen. Tolberg hatte Mittel und Wege gefunden, aus dem Gefängnis zu entkommen. Ein ehemaliger Handelsfreund verbarg ihn in seinem Hause; nachts führte ein vertrauter Knecht den Verkleideten aus der Stadt. – Als Tolberg beim Scheine einer Straßenlaterne dem stummen Führer ins Gesicht schaute, erschrak er innerlich – er glaubte Kolumban, den ehemaligen Köhlerknecht des Forbachklaus, vor sich zu sehen. – Beim Abschied wollte er ein Geldstück in die Hände des Führers drücken – der Mann wies es von sich. – „Ich kenn Euch“ – sagte er trocken zu dem Flüchtling, „behaltet in Gottes Namen, was Ihr habt.“ –

Nach wochenlangem Umherirren war es Tolberg gelungen, Nizza zu erreichen. Ein toskanisches Handelsschiff, welches nach Livorno segelte, nahm ihn auf. Am zweiten Tage der Fahrt aber wurde das Schiff von algerischen Korsaren angegriffen, genommen und nach Oran gebracht. Das Los Tolbergs wie all seiner Gefährten war die Sklaverei.

Zu harter Feldarbeit angehalten, hatte der Unglückliche jetzt Muße genug, während manchen schlaflosen Nächten sein bisheriges Leben zu überblicken. Ein Strahl bessernder Selbsterkenntnis mußte in sein Inneres gefallen sein. Seine Hände falteten sich oft zum Gebet – und wenn ihn sein Geschäft an den Meeresstrand führte, blickte er tränengefüllten Auges über die endlose Flut, die ihn trennte von allem, was ihm einst angehört.

Es waren viele Jahre verflossen, der Sklave hatte seinen Herrn gewechselt, und sein neuer Dienst führte ihn bisweilen in das sardinische Konsulatsgebäude. Dort gelang es ihm, Verbindungen zu knüpfen und endlich durch die bereitwillige Vermittlung des humanen Konsuls aus Deutschland sich die nötigen Gelder zu seinem Loskauf zu beschaffen.

Der Freigelassene hatte seinen Weg zunächst nach Italien genommen und nach glücklicher Fahrt in Civitavechia gelandet, gerade in dem Augenblick, als zur Feier eines christlichen Festtages hehres Geläute von den Türmen der Hafenstadt erschallte. – Überwältigt von dem Eindrucke dieses lange nicht mehr gehörten Klanges, fiel der Pilgrim auf sein Antlitz, und Tränen benetzten den Boden. – Sein nächstes Reiseziel war Rom. Von da pilgerte er weiter der Schweiz zu, wo jedoch sein Aufenthalt nicht länger dauerte, als es zum flüchtigen Ordnen seiner Vermögensverhältnisse vonnöten gewesen.

Hier erfuhr Tolberg denn auch das Schicksal seines in Paris zurückgebliebenen Sohnes; er war bald nach der Flucht des Vaters als ein Opfer der Revolution gefallen. Jetzt wanderte der Pilger rastlos dem Schwarzwalde zu, denn in die Heimat und die früheren Lebensverhältnisse zurückkehren mochte er nun nicht mehr. Nachdem Tolberg, wie wir gesehen, den alten Schwiegervater noch am Leben gefunden, galt der nächste Besuch der verwitweten Amtsrätin.

Die gute Frau konnte ihren Augen kaum trauen, als sie den längst Verschollenen vor sich sah, von dem sie nur wußte, daß er dem Blutgerüste entkommen und geflüchtet wäre. Stets noch auf die mögliche Rückkehr des Geächteten hoffend, hatte sie, dem gegebenen Worte treu, immer noch gezögert, die Pflegetochter mit ihren Verwandten auf dem Walde bekannt zu machen. Das Fortziehen des Mädchens aber zur befreundeten Familie durfte der Frau um so unbedenklicher scheinen, als es überhaupt nicht in ihrer Macht gestanden, solches zu verhindern. Zudem waren die Jahresgelder, welche man sonst regelmäßig bezogen, seit dem Verschwinden Tolbergs ausgeblieben.

Dokumente über Heimat und Abkunft der Pflegetochter, welche der Amtsrätin früher schon durch den alten geistlichen Herrn eingehändigt worden, hatte die Frau, für den Fall unerwarteten Todes, bei Gericht niedergelegt. Eben war Helena den Ihrigen bei einer Feldarbeit behilflich, als sie mit dem Bedeuten nach Hause gerufen wurde, daß der Bruder ihres unbekannten Vaters, dem sie manches zu danken habe, auf Wildenstein angekommen sei und sie alsogleich zu sprechen wünsche.

In ihrer ländlichen Kleidung, die Ärmel aufgeschürzt, betrat das Mädchen die mittelalterliche Verwalterswohnung, wo Tolberg ihrer harrte. – Bei diesem Anblicke Helenens ward der Vater fast sprachlos, er glaubte, Johanna vor sich zu sehen. – Helena aber eilte mit liebenswürdiger Hast auf ihn zu, ergriff seine Hand und bedeckte sie niedergebeugt zu seinen Füßen mit Küssen. „Gott, der Vergelter alles Guten“, sprach sie mit bebender Stimme, „lohne Ihnen alle Wohltaten, die Ihre Güte einer Waise in so reichlichem Maße gespendet!“

Kaum fühlte der alte Herr noch genug Kräfte, das dankbare Kind aufzurichten und an sein Herz zu drücken. – „Keine Waise“ – rief er, „meine Tochter, mein gutes geliebtes Kind!« Vater und Tochter umfaßten sich und hielten sich in langer, sprachloser Umarmung. – Als nach diesem Wiederfinden die Frau Amtsrätin in die Stube trat, flüchtete sich Helena aus der Umarmung des Vaters an die Brust der Pflegemutter; und in Liebe, Dank und elterlicher Wonne schlugen drei bewegte Herzen.

Ein neuer schöner Tag für Helena war derjenige, welcher sie in das Tal zurückführte, wo ihre Wiege stand, zu ihren Verwandten und vor allem in die Arme der leiblichen Schwester ihrer seligen Mutter. Dem alten Klaus war jetzt noch die Freude beschieden, seiner Enkelin, der Tochter der unvergeßlichen Johanna, noch einmal ins Gesicht zu schauen. Mit besonderer Freundschaft und Innigkeit schloß sich auch Florentina an die bräutliche Helena an.

Was aber soll ich erzählen von Vater Mathias, von Mutter Anastasia? Im Sohne sah der Vater alle Hoffnungen erfüllt, und in Helena hatte die Mutter eine liebende Tochter, eine Pflegerin ihres Alters gefunden. Zum Sitze häuslichen Glückes war die niedere Hütte des greisen Paares geworden, welches bisher so mutig unter allen Lebensverhältnissen ausgeharrt. – Hieronymus hatte im Frühjahr in der Nachbarschaft ein Haus gekauft und vollständig sich darin schon eingerichtet. Von der Hochzeit unseres Brautpaares mag nur soviel berichtet werden, daß das familiäre Mahl in der Mühle stattgefunden.

Severin, unseres Meisters erprobter und langjähriger Freund, war seit einiger Zeit schon zu ihm auf den Wald gezogen. – Der Aufenthalt in der, wie er meinte, so geräuschvollen Stadt an der Land- und Heerstraße war ihm verleidet. Sprach man ja doch allenthalben schon wieder von einem Kriege. Und der Junggeselle fürchtete nichts so sehr, als wieder Einquartierung zu bekommen. – Als Gehilfe und Mitarbeiter im Geschäfte der Schildmalerei war es vorzüglich die Aufgabe des kunstgeübten Altgesellen, die Gestelle oder Kasten der Spieluhren zu erbauen, zu schnitzen und in allerlei Art und Weise zu verzieren.

Durch Severin nun und Romulus war die geräumige Müllerstube für das Hochzeitsmahl bekränzt und mit passenden Inschriften geschmückt worden. Ein freundliches Geschick führte noch einmal alle unsere Bekannten hier zusammen. Wir sehen bei der fröhlichen Feier den Großvater, die Eltern und Pflegeltern der Brautleute, die Kinder von Helenens Pflegemutter, den Onkel Stabhalter mit Frau und Töchtern, Dionys und Florentina sowie den Laubhauser; unten am Tisch Philipp und Juliana, Peter und sein Agathle, den Kaiserzoller und sein Weib. – Der Feldwaibel als Veteran, mit dem wohlverdienten Ehrenzeichen auf der Brust, Frau Annakäther, die es sich jedoch nicht nehmen ließ, heute das Mahl bereiten zu helfen, der greise Schulmeister Bachweber, Severin und Romulus waren die andern Festgenossen.

An der Tafel sah man den letzteren eifrig beflissen, Platz zu finden neben Martina, der Herzenserkorenen, der zweiten Tochter des Stabhalters. Dieser war anfangs der Werbung des Normalschullehrers um sein Töchterlein nicht sonderlich hold gewesen; aber Juliana, gleichsam austilgend den Auftritt beim Ausmarsch ihres Landsturmmannes, war des Bewerbers eifrige Fürsprecherin beim Vater geworden und hatte diesen auch glücklich umzustimmen gewußt; und Romulus hatte die Freude, heute beim Mahl sich vom Stabhalter als Bräutigam und künftigen Schwiegersohn proklamiert – und von allen herzlich beglückwünscht zu sehen.

Etwas später erschien auch der junge Herr Pfarrer im Brauthause. Der alte geistliche Herr war bereits vor einigen Jahren heimgegangen und der Neffe ihm im Amte gefolgt. Der Verwalter von Wildenstein und das Bäbele, seine Frau, hatten der persönlichen Einladung der Brautleute leider keine Folge geben können, diese dagegen ihnen versprechen müssen, ihre Hochzeitsreise ins Donautal zu machen.

Wenn es wahr ist, daß verklärte Geister noch teilnehmen an den Leiden und Freuden der Lieben, welche sie hier zurückgelassen, wahrlich, so mußte es heute geschehen, wo Tolbergs Blicke oft und ausdrucksvoll auf der lieblichen Gestalt der Braut hafteten und das Bild der seligen Johanna vor seine Seele trat. Wenn in zweier Freundinnen Herzen je ein wehmütiger Gedanke sich einmischte, so war es die kindliche Treue, mit welcher Helena und Florentina dem Angedenken geliebter Toten ein stilles Opfer brachten.

Es muß angenehm gewesen sein, dies Opfer, denn der Geist ungetrübter Seelenheiterkeit schien fortwährend sich niedergelassen zu haben über alle, die da anwesend waren beim Festmahle. Allen war es, als gehörten sie einer Familie an, deren Glieder nach langer Trennung sich glücklich wiedergefunden.

Severins schön geschriebene Verse an der Stubentüre, an welcher zwei goldene, mit Rosenketten verschlungene H prangten, wurden zum eigentlichen Wahrspruch des Festes:

„Einigkeit, ein festes Band,
Halt zusammen Leut und Land;
Wenn all Uhren zugleich schlagen ein,
Wird Fried in allen Landen sein!“

Fahne der Jakobsbruderschaft

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Bildstock zu Ehren des Stadtpatrons St. Jakobus von Bernhard Wintermantel 1987

Hier geht es zu Kapitel 24:

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Das Wiedersehen
Bedenkliche politische Neuigkeiten
Einquartierungen

Hieronymus Kapitel 17

Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom, und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.
>Johann Peter Hebel

Das Wiedersehen – Bedenkliche politische Neuigkeiten
Einquartierung

Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zu unserm Freunde Hieronymus zurück. Hohe Zeit wird es sein, wollen wir anders Zeuge sein seines Erwachens aus dem tiefen Schlaf, worin wir ihn verlassen. Jedenfalls sind wir nicht mehr die ersten im Hause; denn, mochte es Ahnung gewesen sein oder sonst eine verwandte Stimmung, genug, als kaum der Tag zu dämmern begann, war die erst wieder genesene Mutter vom Lager aufgestanden und nach einigem Herumgehen im Hause in die obere Kammer getreten, wo sie ihren Hieronymus ausgestreckt auf dem Strohsack liegen sah.

Verwunderungsvoll blieb sie stehen bei diesem unverhofften Anblick, still die Hände über der Brust gefaltet. – Eine fröstelnde Morgenluft drang durchs offene Fenster; sie fühlte es, wendete sich geräuschlos zu dem Kleiderkasten, dort den alten Mantel ihres Mannes vom Nagel zu nehmen und ihn vorsichtig über den Schlummernden zu breiten. Als es geschehen, ohne den Jüngling zu wecken, war sie, auf den Zehen trippelnd, wieder davongeschlichen. – Die wohltuende Wärme hatte den Schlaf länger auf den Augenlidern des Müden festgehalten, und er erwachte erst, als in und außer dem Haus schon alles lebendig war. – Es bedurfte einer Weile, bis die sinnenden Gedanken sich zurechtfanden; erst heftete er den Blick wie forschend an die Holzdecke des Gemaches, dann auf den schützenden Mantel – der Nachtmarsch, die Landfahrer, war das alles ein Traum gewesen?

Gedanken folgen sich schneller, als die Zunge sie auszusprechen vermag, und es bedurfte keines zweiten Blickes auf die Umgebung, um dem Erwachenden klarzumachen, daß jene Vorgänge Wahrheit und er wirklich im Vaterhause angekommen sei. Aber auch diesen Gedanken vermochte er noch nicht mit voller Freudigkeit zu erfassen, denn noch regte sich das gestrige Bedenken. Wie war er angekommen? Schon nach dreiviertel Jahren bei Nacht und Nebel, fast wie ein Dieb. – Wo blieb der gemachte Mann, den alles bei der Heimkehr heimlich beneiden und anstaunen würde, wie ihm der Zauberspiegel seiner Phantasie so oft vorgemalt? Ein halb ausgelernter Lehrling und weiter nichts war er noch. Ja, wenn er sich außer dem Hause nur sehen lassen wollte, mußte vorerst die Nähnadel der Mutter in Anspruch genommen werden, denn der bewußte blautuchene Sonntagsrock, welchen er beim Abmarsch angetan, hatte durch die Hecken, Dornen und Felsen der Wildnis zu große Unbilden erfahren.

Doch soviel war unserem Freunde im Leben bereits klargeworden, daß jeglicher von seinen Wünschen und Hoffnungen ansehnlichen Rabatt verwilligen müsse, weil die Wechsel, die wir selbst in jugendlicher Erwartung auf die Zukunft ausstellen, von der Wirklichkeit selten nach ihrem Nennwerte honoriert werden. – Aus diesen Träumereien riß ihn der Klang einer Mädchenstimme, welche er unter tausenden erkannt haben würde und welche fragte, ob denn Hieronymus noch nicht erwacht sei. Rasch fuhr er auf, ordnete eilig das Nötigste an seinem Anzug und war dann mit ein paar Sätzen unten.

Herzlich grüßten sich Mutter und Sohn; die erstere hatte längst erraten, daß der Besuch nur ihrenthalben eingetroffen, und dem Sohne zeigte das Aussehen der Mutter, daß ihre Gesundheit so ziemlich wiedergekehrt wäre.

„Ich wollt nit haben, daß dir der Vater was von meinem Anfall schreiben sollt“, sagte die Mutter.
„Aber welcher gute Geist hat denn heut nacht den Mantel über mich gebreitet und Euch und der Florentina da meine Ankunft gemeldet?“ fragte lächelnd der Sohn.
„Deine Ankunft?“ erwiderte die Mutter scherzhaft, „mein kleiner Finger hat mir’s g’sagt, und der Florentina hat’s träumt – nit wahr, Florentina?“ Als aber der Jüngling sich jetzt gegen diese wendete, denn diese war die Fragerin, sie zu begrüßen, schien er verlegen, fast schüchtern. Florentina, die, wenn auch ferne, im Bilde seiner stillglühenden Gedankenwelt die traute Gefährtin all seines Tuns und Lassens gewesen, stand vor ihm in ihrer früheren unwandelbaren Freundlichkeit, nur dünkte ihn, ihre Mienen seien ausdrucksvoller, ihre Augen noch schöner geworden; dem ungeachtet vermochte der junge Mann den alten Ton der Zutraulichkeit nicht wiederzufinden. – Das Wiedersehen hatte ihn froh, aber einsilbig, fast stumm gemacht. – Florentina schien es zu bemerken; auch sie blickte wortkarg vor sich hin – und schied, indem sie die Erwartung aussprach, daß er auch ihnen drüben im Hof gleich einen Besuch machen werde.

Vom Vater Mathias, der inzwischen eingetreten, wurde dann sogleich eine Art Programm entworfen, zur Feststellung der Reihenfolge, wie die Besuche des Ankömmlings aufeinander zu folgen hätten; denn ein Verstoß gegen die Etikette in diesem Punkt wär auf dem Laubhauserhof so gut wie an jedem andern Hof übel vermerkt worden. „Es wird notwendig falle“, meinte der Vater, „daß wir zuerst nübergehe in den Hof; darnach zum Herrn Pfarrer, dann zum Stabhalter, und dann kannst du noch zum Lehrer Bachweber dich begeben.“

Vom Lehnsherrn, dem man somit die erste Aufwartung machte, wurden sie in gewohnter trockener, mitunter sarkastischer Manier empfangen. Als Hieronymus auf die Frage, ob er nun bald alles gelernt hab, von den Schwierigkeiten seines Faches zu reden angefangen, äußerte der Bauer: „’s ist e Sach, wenn einer en Herr werde will!“ Er – wie der Vater des Kaplans zu Hüfingen – hielt außer der Landwirtschaft und den notwendigsten Handwerken alles andere für Herrengeschäfte, d. h. eigentlich für gar keine.

Hieronymus war so klug, den Stich nicht fühlen zu wollen; er wußte ja, daß es so bös nicht gemeint sei; zudem blickte ihn bei jedem Trumpf, den der Alte ausspielte, ein schönes Augenpaar so freundlich und beweglich an, als wollte es abbitten und entschuldigen des Vaters – Unhöflichkeit. – Der Laubhauser, nachdem seine Grillen wegen des „Obenauswollens“ versummt hatten, wurde glimpflicher, und er befahl der Tochter, eine Flasche Wein zu holen. Die Bäuerin aber kam mit einem hölzernen, appetitlich beladenen Speckteller und einem Laib Brot daher und nötigte den Gast zum Sitzen.

Mittlerweile war die Ankunft des Lehrlings in der Nachbarschaft bekanntgeworden, und es kamen Bachweber, der Fohrlenbacher und zuletzt auch der Stabhalter herbei – weniger um ihn zu begrüßen, als um von ihm Neuigkeiten zu hören aus der Stadt. Allgemein sprach man zur Zeit von einer Kriegserklärung der Mächte gegen Frankreich; ja, es hieß, es sei dies bereits schon geschehen und Befehl zum Ausmarsch der Reichsvölker gegeben worden.

Hieronymus war in der Tat in der Lage – obwohl sein Sinn just auf ganz andere Dinge stand als Kriegserklärungen -, aus bester Quelle Auskunft zu geben; hörte er doch immer das Neueste vom Feldwaibel und auch vom Meister, die stets noch regelmäßig die Abendgesellschaft beim Verwalter besuchten, wo bekanntlich die Zeitung gehalten wurde. – „Der Feldwaibel“, berichtete er, „hat mir letzthin anvertraut, daß die Ordre zur Ausrüstung der Kreistruppen schon gegeben sei. Und in der Zeitung steht, daß der Kardinal Rochan zu Ettenheim eine ganze Armee von französischen Edelleuten aufg’stellt hab, daß die Patrioten aber ihr ,Friede den Hütten und Krieg den Palästen‚ nächstens au bei uns proklamieren wolle.“ „s ist richtig!“ bestätigte der Fohrlenbacher, „mein Student hat’s gestern ebenfalls heimbracht. – Aber er meint, der gemeine Mann bei uns werd sich nix Übles von ihne zu versehe habe; sie kämen nur, um uns zu helfen und zu erleichtern.“

Kardinal Rochan zu Ettenheim, oder besser Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené war 1785 Akteur in der Halsbandaffäre am französischen Hof .

1790 nimmt Kardinal de Rohan im Straßburger Amtshaus (dem Palais Rohan) Residenz. Er versammelt hier eine konterrevolutionäre Armee. Ettenheim ist zeitweise Straßburger Bischofssitz. Er muss dann aus seinen linksrheinischen Besitzungen fliehen.

Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Der sogenannte Koalitionskrieg war der erste Krieg einer großen Koalition zunächst aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 zur Verteidigung der Monarchie.
Die Markgrafschaft Baden war seit dem 23. November 1792 von der Reichsversammlung aufgefordert ihr Kontingent für die Reichsarmee zu stellen. Baden war Mitglied des Schwäbischen Reichskreises. Seit 1681 besagten die Reichsmatrikel, wie groß die Kontingente der verschiedenen Reichskreise zu sein hätten. In Baden stellte 1792/93 die untere Markgrafschaft 10700, die obere rund 6000 Mann, die mit dem österreichisch-breisgauischem Kontingent in die österreichische Oberrheinarmee eingegliedert waren. Dieses Landaufgebot wurde als militärisch wenig kampfstark angesehen und fand hauptsächlich als Besatzung der rechtsrheinischen Reichsfestungen Kehl und Philippsburg (Speyer) Verwendung (aus Wikipedia)
Allerdings scheint hier Lucian Reich deutlich vom Vormärz und von Georg Büchner (1834) beeinflusst zu sein.
Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières! war der französische Schlachtruf und wird dem französischen Schriftsteller Sébastien Roch Nicholas Chamfort zugeschrieben. Büchner erst hat den Ruf sozusagen umgedreht Paix aux chaumières! Guerre aux châteaux!

„Freili werde sie uns erleichtern!“ warf der Stabhalter spöttisch ein. „Grad so, wie sie uns in de vorige Kriegen Erleichterung verschafft haben!“ „Diesmal werd es anderst komme, meint der Romulus“, entgegnete mit Nachdruck der Fohrlenbacher.
„Anderst?“ fragte hitzig der Stabhalter.
„Hab erst gestern e Schreiben bekomme, worin es steht, wie sie’s sogar den eigene Landsleut drübe machen. Da schreibt mir ein G’schäftsfreund, wie sie im Elsaß den Bürgern die Häuser niederreißen und abbrennen und sie mit Gewalt dann zur Schanzarbeit fortschleppen. – Und so und noch ärger würden sie’s auch bei uns mache!“ schloß der Stabhalter, der als rechnender Geschäftsmann der Meinung war, die besten Händel seien kein‘ Batzen wert.
„Wird diesmal nit so weit kommen“, sagte Bachweber mit Zuversicht.
„Es muß einer die kaiserliche Armee nur kenne, so wie ich sie kenn, aus der Zeit, wo ich noch beim Regiment gewesen bin.“
„An der ganze G’schicht“, nahm der Laubhauser aufgebracht das Wort, „ist nix anders schuld als die neu freidenkisch Lehr. Wir haben au bei uns so Patriote, die nur drauf warte, bis geteilt und alles gleichg‘ macht wird. Hab erst kürzlich von reisende Handwerksbursche g hört, daß sich die freidenkische Professoren in Freiburg und in Mainz schon lange Bärt wachse ließen und Reden einstudiere täte, um die französische Patriote, wenn sie komme, hübsch ordeli begrüße zu könne!“

Kaiserliche Truppen

Hiermit ist die Habsburgische Armee –HRR– gemeint. Das Haus Habsburg-Lothringen stellte bis nach dem Tod Kaiser Franz‘ I. Stephan von 1765 bis 1806 die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

Ein kaiserlicher Kürassier im Polnischen Thronfolgekrieg vor Philippsburg 1734 („Jung-Savoyen“ – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift) Foto: Wikipedia

„Was werde wir nit alles noch erlebe müsse!“ jammerte Mathias. – Sein Sohn aber, der fröhlicher in die Zukunft schaute, unterhielt sich unterdessen angelegentlich mit der Mutter und Tochter, die ihn freundlich zum Essen und Trinken nötigten. Zwischen ihm und Florentina hatte sich bald die frühere Unbefangenheit wieder geltend gemacht. Hieronymus erzählte von seinen Arbeiten und Erlebnissen in der Stadt und ließ sich dann von dem Mädchen ausführlich berichten, was es seitdem Neues hier im Tale gegeben. – Er hatte zum Besuch im Hof das bewußte rotgesäumte Halstuch umgetan, mit dem er sonst nur an Festtagen Staat zu machen pflegte; und als er bemerkte, wie der Freundin Augen während des Gesprächs öfter an dem hübschen Tüchlein hafteten, ergriff er das volle Glas, um mit einem freudigen „Florentina, ich bring dir’s!“ anzustoßen. Und während sie lächelnd Bescheid tat – und Hieronymus dann auch mit der Bäuerin Gesundheit trank -, hatten auch die Männer die Gläser wieder zur Hand genommen, um angesichts der drohenden Kriegsgefahr hoch den Frieden leben zu lassen.

Drei Tage verblieb der Sohn im Elternhause; es wurde ihm viel Ehre angetan; der Herr Pfarrer, der Stabhalter, sogar der Laubhauser hatten ihn zu Gaste geladen. Letzterer freilich nicht aus eigenem Antrieb, vielmehr auf Andringen der Bäuerin, welche es für schicklich hielt und gegen die andern nicht zurückbleiben wollte.

Wieder zurückgekehrt nach der Stadt, war es nun des guten Sohnes eifriges Anliegen, sein Gelübde zu erfüllen. Zunächst war das beschädigte Muttergottesbild auf dem Blechtäfelein wiederherzustellen oder vielmehr neu zu malen. Figuren in Öl zu malen hatte der Lehrling bisher noch wenig versucht. Doch war ihm einige Mal die Gelegenheit zuteil geworden, im Auftrag seines Meisters die Werkstatt des Hofmalers Weiß in Donaueschingen zu besuchen und dort dem Meister bei der Arbeit zuzusehen. Ein natürliches Geschick und guter Wille waren ihm treffliche Beistände, und so kam immerhin etwas zustande, was sich sehen lassen durfte.

Vom F.F. Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) aus Hüfingen sind in St. Johann einige Gemälde zu besichtigen seien und er hat die Fahne der Jakobusbruderschaft gemacht. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und begegnet uns in Kapitel 23 nochmals.

Fahne der Jakobsbruderschaft

Nach Severins Rat hatte Hieronymus sich einen kleinen Kupferstich, „Maria vom guten Rat“, zum Muster genommen; und als das Bildchen fertig war, machten die beiden Freunde eines Morgens sich ungesäumt auf den Weg, es an seine Stelle zu bringen. Der Steinmetz hatte sich mit Schlegel, Zweispitz und dem übrigen Benötigten versehen, und nach wenig Stunden tüchtiger Arbeit stand der umgeworfene Stein wieder auf festgemauertem Fundamente. Das Votivbildchen schimmerte in erneuter Schönheit aus seiner Vertiefung, und noch manches Jahr nachher verrichtete der Wandersmann, welchen sein Weg vorüberführte, in Andacht sein stilles Gebet davor.

So ruhig, friedlich wie bisher sollten aber die Lehrjahre unseres Freundes nicht mehr lange verlaufen, denn die Stürme, welche vorerst nur am Niederrhein und bis hinab nach Holland getobt, nahmen jetzt auch ihre Richtung nach den bisher so stillen Gauen des Oberrheins und Schwarzwaldes. Daß der Reichstag wirklich den Krieg erklärt habe, daß das alte Räderwerk einer Reichsarmee noch einmal in Gang gesetzt werden sollte, daß die Kreiskontingente mobil, d. h. marschfertig gemacht werden müßten, das war nach und nach für jedermann eine Gewißheit. Und wollte es manchem auch noch unglaublich vorkommen, so mußte dieser Unglaube weichen, als bald nachher längs der ganzen Heerstraße, von Engen, Geisingen bis ins Höllental, kaiserliche Einquartierung angesagt wurde.

Seit einem Menschenalter hatte man in diesem Gebirgswinkel Deutschlands keine kaiserlichen Soldaten mehr gesehen. Die ganze Umwohnerschaft, jung und alt, war ihnen entgegengeeilt, als es hieß: Sie kommen! Auch Hieronymus mit seinen Bekannten stand an der Landstraße, um den ersten Zug dahermarschieren zu sehen. Da wendete sich ein alter Dragonerwachtmeister, welcher am Ende der Vorhut ritt, lächelnd den gewichsten Schnurrbart streichend, gegen die Gaffer mit den Worten:

„O liebe Leutl, werdet Soldaten noch g’nug z’sehen kriegen; werd’t uns bald nimmer nachlaufen!“

Man weiß, wie richtig diese Prophezeiung eingetroffen ist; denn Welle auf Welle flutete der Kriegsstrom daher. Selbst der Laubhauserhof bekam ungebetene Gäste. – Eines Morgens sah der Bauer sein Haus besetzt von einem Trupp wildfremder Kameraden mit langen Flinten, langen Messern im Gürtel und rote Mäntel über der Schulter.

Ohne viel Umstände hatten sie sich’s bequem gemacht, und der Hofbauer konnte jetzt mit Recht sagen: ich bin nimmer Meister. – Bald waren die Nachbarn einig, daß dies Rotmäntler seien, von welchen ihnen die Großeltern so Unerbauliches aus den vorigen Kriegen erzählt. Der Laubhauser aber tröstete sich in dem Gedanken, daß er, in kluger Voraussicht der kommenden Gefahr, vor einiger Zeit schon seine Kronentaler vergraben habe, im Garten hinter dem Immenhäusle. „Der Teufel ist en Schelm“, hatte er zur Bäuerin gesagt, „ich trau nit.«

Daß allerdings wenig Grund zum Trauen vorlag, konnte der gute Mann schon nach einer Stunde merken an gewissen Lücken in den Vorräten der Speckkammer und des Hühnerstalls sowie an mangelnden Wäschestücken, welche am Hag zum Trocknen aufgehängt waren – obwohl er seiner Einquartierung an Speis und Trank nichts hatte abgehen lassen. – Als die unheimlichen Gäste des Guten ein Genüge getan und sich unter dem großen Apfelbaum aufs Ohr gelegt, schlich der Laubhauser hinüber zum Fohlenbacher, den er in Welthändeln für einen erfahrenen Kopf hielt. Aber auch diesem lag das Haus voll seressanischen Volkes, und er wußte in der Tat wenig Trost als höchstens: er hab es schon lang vorausgesagt, daß es so kommen werde. – Die Kinder aber waren unterdessen an den Zaun geschlichen, wo die braunen, schwarzhaarigen Gesellen wie Katzen im Sonnenschein auf dem Rasen lagerten.

Der Begriff „Rotmäntler“ bezieht sich auf die Seraschaner. Die Sereschaner, eine aus Südslawen gebildete Heerestruppe des Österreichischen Militärs, hatte rote Mäntel an und die markanten Schnauzbärte.

Seressaner (Internetfund)

Kurze Zeit nachher gab es wieder andere Gäste, die Condéer; aber das Betragen dieses Emigrantenkorps wollte den Leuten noch weniger gefallen als das der Rotmäntel. – Der Meister des Hieronymus, sonst ein äußerst konservativ gesinnter Mann, sagte einmal zu seinem Lehrling: „Jetzt kann ich mir das schreckliche Gericht, welches über die Vornehmen drüben gekommen ist, einigermaßen erklären!“ – Einst hatten sie einen dieser Emigranten, der zwei Söhne bei sich hatte, im Quartier; die Meisterin mußte ihnen weichgesottene Eier mit Weißbrot bringen; als jedoch die Frau sehen mußte, wie die jungen adeligen Herren nur die Kruste der Brötchen verspeisten, das Weiche aber zum Fenster hinauswarfen, ohne daß der adelige Herr, ihr Vater, sie daran gehindert hätte, entsetzte sich das gute Weib ob dieser „Sünde“. – Als sie jedoch gleich darauf von einem der jungen Kavaliere in gebrochenem Deutsch gefragt wurde, ob denn ihr Kind, dem sie eben Brei im Pfännchen gebracht, auch schon eine Zunge habe, mußte sie wieder lachen über solch grasse Unwissenheit. – Spät in der Nacht verlangten sie dann vom Hausherrn, er solle ihnen einen Wegweiser verschaffen bis an die Schweizer Grenze; der Meister bestimmte seinen Lehrling dazu, der dann erst am andern Morgen wieder zurückkam – mit einem Goldstück beschenkt. Es war das erste gemünzte Gold, welches in seinen Besitz kam. Der Meister gönnte ihm den Fang von Herzen, meinte aber, wenn es mit der Kampflust der übrigen bestellt sei wie bei diesen, so werde das Korps nicht viel ausrichten.

Während dieser Vorgänge war auch das Fürstenbergische Kontingent auf den Kriegsfuß gebracht worden. Werbeplätze wurden aufgetan im ganzen Schwäbischen Kreis und die Mannschaften vollzählig gemacht; es kostete jedoch Anstrengung, das durch die lange Friedenszeit fast eingerostete deutsche Schwert aus der Scheide zu ziehen.

Fürstenberger Grenadier von 1760 (1)

Bild 1 von 5

Fürstenberger Grenadier von 1760 (1)

Unserm Feldwaibel zu Hüfingen, welcher so manche Kapitulation ausgedient, wäre jetzt ein ehrenhafter Rücktritt in das Invalidenkorps offengestanden, allein das vermochte der alte Soldat bei bevorstehendem Feldzug nicht über sich zu bringen. Von vornherein war er entschlossen, noch einmal für Kaiser und Reich sein Leben in die Schanze zu schlagen.

Was ihm am meisten naheging, war, daß er diesmal den Feldzug ohne seine getreue Annakäther mitmachen mußte. Nicht an dem Willen der Hausfrau lag dies, denn mit Freuden wäre sie auch diesmal noch dem Manne ins Feldlager gefolgt, aber es war lange her seit dem Siebenjährigen Krieg, das Alter forderte bei dem Weibe unerbittlich sein Recht.

Die Mannschaft war ziemlich bald vollzählig. In der Rheinebene sollte das schwäbische Kontingent sich sammeln. Aber die einzelnen Abteilungen, welche dort anlangten, mußten zuerst gleichmäßig uniformiert, zum Teil zweckdienlicher bewaffnet werden. – Der Sommer ging darüber hin, bis das Korps mit dem Nötigen versehen, bis einige Ordnung und Gliederung in die unzusammenhängende Masse gebracht war und man es unternehmen durfte, dieselbe gegen den Feind zu führen.

Dem Feldwaibel waren bei solchen Zuständen alle Hände voller Arbeit, und er hatte nicht viel Muße, auch wenn es in seiner Art gelegen wäre, sorglich trübe Gedanken in die Heimat zu senden.

Dort aber saß jetzt einsam Frau Annakäther an ihrem Spulrade, für die Zeugmacher in der Stadt Wolle zu spinnen. Beim Abschied von dem fortziehenden Gatten hatte sie mehr Festigkeit bewiesen, als man vielleicht erwartet. Jetzt aber war ihr tausendmal des Tages, als müßte sie seinen Tritt auf der Stiege hören oder seine Stimme im Hausgange, und manch stille Träne wischte sie sich mit der grobleinenen Schürze von der vergrämten Wange.

Hieronymus war ihr Tröster in der ungewohnten Einsamkeit, und es erleichterte sie jedesmal, wenn er herüberkam, Bericht zu bringen von dem kaiserlichen Heere oder vom fernen Kriegsschauplatz.

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

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Lehrjahre
Kleinstädterleben
Das Freischießen

Hieronymus Kapitel 13

“De freudig Stündli isch’s nit e Fündli?”
>Johann Peter Hebel

Die Lehrjahre – Kleinstädterleben – Das Freischießen

Hieronymus, wie das Kind im Hause des Meisters gehalten, zeigte sich willig wie anstellig und hatte sich bald wieder an die regelmäßige Arbeit gewöhnt. In kurzer Zeit war er so weit, daß er dem Meister brauchbare Arbeit liefern konnte. – Denn schon bei seinem Scheiden von der Heimat hatte er den guten Vorsatz gehabt, nicht eher an eine Rückkehr zu denken, bevor er nicht etwas Namhaftes erlernt und eine gewisse Selbständigkeit erworben habe. – Allerdings mußte er diesen Entschluß sich manchmal wieder zurückrufen, wenn ihn eine Sehnsucht beschlich nach den Tälern und Bergen, dem Schauplatz seines Jugendlebens. – Besonders lebhaft traten diese Bilder vor seine Seele, wenn er nach Feierabend an seinem Kammerfenster stand, und die fernen Tannenberge ihre dunklen Umrisse in verglimmendem Abendrot abzeichneten, oder phantastische Wolkengebilde wie Schlösser und Gebirge dort aufstiegen und – wandelbar wie Gedanken – wieder zerflossen im dämmerigen Luftmeer. – Doch blieb ihm glücklicherweise wenig Muße, solchen Gedanken und Träumereien nachzuhängen, denn die Gegenwart, alles, was er sah und hörte, nahm seine Teilnahme zu sehr in Anspruch; auch konnte in diesem Lebensalter, wo die Hoffnungen noch keine Täuschung erfahren haben, wo man andern so leicht vertraut und sich anschließt, bei dem offenen jungen Mann die Stelle eines Freundes unmöglich lange unbesetzt bleiben.

Schon der nächste Sonntag brachte für den Lehrling die Gelegenheit, beim Feldwaibel einen Gesellen zu finden, zu welchem er sich alsbald hingezogen fühlte, und dem er auch sein Leben lang in aufrichtiger Freundschaft zugetan blieb. Es war jener Severin, von welchem der Feldwaibel seinem jungen Vetter bereits am Tage seiner Ankunft gesprochen und eine Arbeit von ihm vorgezeigt hatte.

Severin zählte etwas mehr an Jahren als Hieronymus, allein ein eigentümliches Ereignis erschloß ihnen bald gegenseitig die Herzen. Severin besaß eine hübsche Sammlung von Zeichnungen, die er seinem Freunde am nächsten Feiertag zu zeigen versprach. „Die Mutter ist zwar krank“, fügte er seiner Einladung bei, „aber es geht gottlob wieder um ein Guts besser.

Gestern ist sie vom Kaplan versehen worden, und heut kann sie schon wieder aufstehen. – Die Gote ist den Morgen bei ihr und wartet ihr ab.“ Es war ein stiller Sonntagnachmittag, ein solcher, wo alles, selbst die Natur, zu ruhen und sich zu vertiefen scheint. – Freund Severin mit seiner betagten Mutter bewohnte ein Unterstüblein in einem abgelegenen Stadtviertel. – Als Hieronymus bei ihm eingetreten, fand er den jungen Steinmetzen eben beschäftigt, in Erwartung des versprochenen Besuchs Zeichnungen in einer Mappe zu ordnen. „Ich hab schon glaubt, du kommest nit“, erwiderte Severin freundlich, aber leise redend, den Gruß des Ankommenden. »Wir müssen ein wenig still tun, weil die Mutter schläft.“ Dabei deutete er auf die halb offenstehende Tür des Hinterofens, wo Hieronymus die sieche Matrone in einem Lehnstuhl schlummernd erblickte.

Während der Steinmetz nun behutsam das Klebtischlein von der Wand herabklappte, um die Zeichnungen daraufzulegen, nahm er wahr, wie der Blick des Malerlehrlings auf einer eingerahmten Tafel an der Wand haftete, welche einen in Alabaster gearbeiteten Steinmetzenschild enthielt. „Es ist eine Arbeit von mir, und das ist mein Steinmetzenzeichen“, erklärte er dem Lehrling.

„Ja, wenn ich’s emal so weit brächt, wie Ihr“, sagte Hieronymus mit einem tiefen Atemzug; „und g’wiß versteht Ihr Euch auch auf Musik“ fuhr er fort, auf eine Klarinette deutend, welche nebenan auf dem Schafte lag.
„Früher, ja, da hab ich viel g’spielt; es ist der Mutter ihr Liebstes – aber jetzt“, sagte er, indem er besorgt gegen den Ofen hinblickte, „jetzt – seit den paar Wochen, hab ich alles liegenlassen.“ Das Auge des Lehrlings wendete sich wieder der Schlafenden zu; es war, als suchte er nach einem Worte, das er nicht finden konnte.

Mittlerweile hatte der Steinmetz seine Mappe aufgeschlagen, und Hieronymus vermochte nur zu staunen über die zierlichen Arbeiten, welche jener ihm vorlegte. Die Blätter, alle numeriert, waren teils mit der Feder, teils in Tusch ausgeführt, und stellten mancherlei Grundrisse dar, Fenster- und Türgewände, Filialen und Blattkreuze, allerlei Maßwerk und Schnörkel. Denn wenn damals gleich die gotische Baukunst von dem herrschenden Geschmack längst schon in die ästhetische Rumpelkammer geworfen worden war, so bestand unter den Steinmetzen doch noch der Verband der alten Bauhütten, und man heischte von jedem Gesellen und angehenden Meister Kenntnis der Regeln jener Kunst.

Nachdem fast alles durchgesehen und Severin eben einen kunstreichen Riß erläutern wollte, hörte er die Mutter sich regen und mit schwacher Stimme seinen Namen rufen. Behende, aber leisen Trittes war Severin zu der Kranken geeilt, zu fragen, ob sie was bedürfe. „Severin, spiel mir doch noch einmal etwas“, lispelte die Mutter, und der Sohn gehorchte, wenngleich sichtbar beklommen. Er langte das Instrument vom Schafte herab, band zuerst sorgsam das Blatt am Mundstück fest, und spielte einen jener gemütlichen Ländler, welche die Frau stets so gerne gehört hatte. Nachdem er geendet und wieder zu der stille gewordenen Mutter hintrat – war sie zusammengesunken – eine Leiche. – Mit den Tönen war auch ihr Geist fortgezogen aus seiner gebrechlichen Hülle – hinüber in ein besseres Land!

Hieronymus teilte aufrichtig den herben Schmerz des jammernden Sohnes; der ganze bedeutsame Moment aber verfehlte seine Wirkung auf beide nicht. Es war ihnen, als seien sie schon seit Jahren bekannt, und sie blieben von nun an unwandelbar anhängliche Freunde. Den Sonntagnachmittag brachte Hieronymus gerne beim Feldwaibel zu.

Wie bereits erwähnt, hatte der Vetter den ganzen Siebenjährigen Krieg mitgemacht, und auch Annakäther, seine treuanhängliche Ehehälfte, war ihm, nach damaligem Kriegsgebrauch, ins Feld gefolgt. – „Wollte ich meine Erlebnisse aus dem Krieg alle aufschreiben“, sagte der alte Soldat oft, „so würd‘ es ein ganzes Buch geben.“ In Friedenszeiten war es die Obliegenheit der meist verheirateten Mannschaft, Polizeidienste im Bezirk und auf den Jahrmärkten zu tun und insbesondere hier im Städtchen in der landesherrlichen Strafanstalt Wachdienste zu versehen. – Die Wachstube dort mit ihrem Tabaksqualm und den Erzählungen der langgedienten Kriegskameraden hielt unsern Lehrling manches Viertelstündchen fest. – Oft auch holte ihn sonntags nach der Vesper Freund Severin ab zu einem Spaziergang.

Sie schlenderten auf Feldwegen durch die weitläufigen Gemarkungen und machten Pläne für die Zukunft, während aus dem reifenden Kornfelde die Wachtel rief oder da und dort eine Kette Rebhühner an ihnen vorbeisauste.

Seit dem Tode des Mütterleins, welches den Sohn allein bisher im Heimatorte festgehalten, war bei Severin mehr und mehr der Entschluß gereift, zu wandern und sein Fortkommen in der Fremde zu suchen. Auch Hieronymus wollte dies tun, sobald nur die Lehrzeit glücklich beendet sein würde. – Dann stand auch ihm die Welt frei und offen! – Welche Aussichten boten sich ihnen da – glänzend wie die Wolkenberge dort im sonnigen Himmelsblau, farbig wie der Regenbogen nach erfrischendem Gewitter. – Mitunter suchten sie auch den Tambour Gsell auf im Wald, wo der Alte tagelang dem Vogelfang oblag, und wo dann Hieronymus, als Zögling Stoffels, Gelegenheit hatte, seine Kenntnisse vom Jagdwesen an den Mann zu bringen.

Als sie einst, von einem solchen Ausflug heimkehrend, über die Höhen von „Schosen“ wanderten, machten sie an einer Stelle einen Augenblick Halt, die eine Aussicht bot über die weiten Fruchtfelder der Baar und den westlich liegenden Schwarzwald. Die Sonne war hinunter, und durch das Laub der vereinzelten Kirschbäume in der Nähe säuselte schon der Abendwind, dem heißen Tage kühlenden Abschied zufächelnd.
„Dort, wo jetzt der Abendstern vorkommt“, nahm Hieronymus nach einer Weile das Wort, „in der Richtung, wo die hohen Tannen stehen, da muß der Laubhauserhof liegen.“
„Hast du noch nie kein Heimweh gehabt?“ fragte Freund Severin.
„Heimweh?“ wiederholte Hieronymus. „Wenn du“ – (denn sie duztensich bereits gegenseitig) – „wüßtest, wie ich mich in der letzten Zeit von daheim fortg’sehnt hab, würdest du mich nit fragen.“
„Es muß aber doch auch recht schön sein auf’m Wald. – So en Hofbauer muß en rechter Freiherr sein, der nach niemand viel zu fragen hat“, meinte Severin. – „Ist der Laubhauser reich?“
„Das will ich meinen“, versetzte Hieronymus. „Sein Wald allein ist größer als euer Wolfbühl dort. Und der vermöglichste Bauer von euern treibt nit halb soviel Vieh auf die Weid als wie der Laubhauser.“
„Hat er Kinder?“ fragte Severin.
„Einen Sohn und eine Tochter!“
„Ist die Tochter hübsch?“ fragte Severin weiter; – hübsch! – Hieronymus wußte nicht, was er erwidern sollte. – Schön und seelengut, wollte er sagen, allein das Wort erstarb ihm auf den Lippen – und er sagte bloß: „Ich wollt nur, du könntest sie mal sehen! – Der Alte ist ein stolzer Mann“, setzte er weiter ausholend bei, „viel besser ist die Bäuerin, ganz g‘ mein und verständig und die Güte selber. – Ganz so ist auch die Tochter – der Peter aber schlagt dem Vater nach!“

Dann erzählte er, einmal in dieses Fahrwasser gekommen, dem Freund umständlich von allen Verhältnissen daheim, von frühester Jugend bis zum Abschied von dort, wobei natürlich der Name Florentina mehr als einmal genannt und hervorgehoben werden mußte.
Severin ließ ihn ausreden. Es schien ihm ein Licht aufzudämmern; jedenfalls war er glücklicher im Erraten und Verstehen, als es der Stoffel am Neujahrstag gewesen. – Herzensangelegenheiten hatten übrigens dem guten Severin für seinen Teil bisher noch wenig zu schaffen gemacht. Er glaubte an dergleichen nicht denken zu dürfen, solang er für die alte Mutter zu sorgen hatte.

Fürstenberger Grenadier von 1760 (1)

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Fürstenberger Grenadier von 1760 (1)

Wie heutzutag die Turner-, Sänger- und andern Feste mit ihren Fahnenweihen und Banketten das Interesse des friedliebenden Stadtbürgers allerwärts in Anspruch nehmen, ebenso allgemein war dazumal die Teilnahme an den verschiedenen kirchlichen Festlichkeiten und Umzügen. Für unsern Wäldersohn hatten diese, wenn sie auch gewohnte Dinge betrafen, doch einen neuen, großartigen Zuschnitt. Hatte er in seinem heimatlichen Tale dem Fronleichnamstag stets mit größter Erhebung beigewohnt, so sah er dieses Fest jetzt in der Amtsstadt mit einer Prachtentfaltung und unter Umständen begehen, wovon er früher keine Ahnung gehabt hatte. Das Schließen der Stadttore während der Prozession, die in Blumenpfade verwandelten Gassen, das Allerheiligste, begleitet von den zwölf jüngsten Bürgern in Uniform und mit Hellebarden auf der Schulter, die Beamten, die vierundzwanzig Ratsverwandten in ihren schwarzen Mänteln, die Grenadierkompanie in Parade, die regelmäßigen Gewehr- und Böllersalven beim Segen, das alles konnte einen hohen Eindruck auf sein Gemüt nicht verfehlen. – Ein anderes, ihm ebenso neues Gepräge trug das Jakobifest zu Ehren des Kirchenpatrons, wobei die gesamte Jakobsbruderschaft sich von nah und fern in Pilgertracht mit Stab und Muschelhut zu versammeln pflegte, um, geleitet von sämtlichen Zünften, einen Umzug zu halten.

Bei all der andächtigen Stimmung, die unsern Lehrling an solchen Tagen zu erfassen pflegte, war er jedoch immer noch in einem Alter, wo man über dem Himmlischen das Irdische nicht ganz aus den Augen verlieren möchte. Und so können wir nicht verschweigen, daß ihn die am Herz- Jesu-Fest von Händlern aus dem nahen Klettgau hergebrachten Kirschenkörbe und am Jakobifest die Zainen voll duftender „Bestlebirnen“ fast ebensosehr interessierten wie die vorgenannten Umzüge.

Übrigens fehlte es auch damals nicht an weltlichen Festlichkeiten und Vergnügen. Hervorragend darunter war das städtische Scheibenschießen, welches alljährlich auf den Tag Peter und Paul seinen Anfang nahm und allsonntäglich bis zur in den Oktober fallenden Kirchweih fortgesetzt wurde.

Schien die Bestimmung des von der fürstlichen Regierung gegebenen Schützenbriefes: „die Untertanen und Hintersassen auf eine etwa hereinbrechende Kriegsgefahr oder andern sich ergebenden Notfall zur Landesdefension tauglich zu machen“, auch keinen praktischen Wert mehr zu haben, so wurde doch immer noch daran festgehalten, daß jeder Bürger oder Bürgerssohn, der das neunzehnte Jahr zurückgelegt, verpflichtet sein sollte, den regelmäßigen, sonntäglichen Schießübungen wenigstens sechs Tage des Jahres beizuwohnen.

Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im „unteren Angel“ ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das „Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen“ mit „Bürstenbüchsen“ zur Pflicht gemacht. (1)

Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April). Wie schon im vorletzten Kapitel erwähnt, war der Großvater von Lucian Reich, der Zuchtverwalter Franz Joseph Schelble, der hier zum wiederholen Male gewonnen und das „Beste“ im Hauptschießen davon getragen hatte.

Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)

Postkarte von 1890 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Diesmal sollte der Beginn der Übungen besonders festlich begangen werden mit einem Freischießen, bei welchem die fürstliche Freigebigkeit die ersten Preise spendete. – Die Gesellschaft, welche stets noch beim Zuchthausverwalter zusammenkam und bewährte Schützen unter ihren Gliedern zählte, hatte schon geraume Zeit vorher ihre Zurüstungen zum bevorstehenden Wettkampfe gemacht. Jeder betrachtete es gewissermaßen als eine Ehrensache, die ersten Preise nicht außerhalb der Mauern der Stadt in die Hände fremder Schützen gelangen zu lassen. – Sämtliche Standrohre von großem und kleinem Kaliber wurden neu visiert (der Verwalter selbst, zur Zeit erster Schützenmeister, war der Büchsenmacherei kundig), frisch geschmirgelt und im Zuchthausgarten, in Lett gelegt, frisch eingeschossen, bei welcher Arbeit auch Hieronymus, als solcher Dinge gewöhnt, mit Hand anlegen durfte.

Der Auszug geschah nach Bestimmung des Schützenbriefs. Nach beendetem Gottesdienste wirbelten die Trommeln, und sämtliche Schützen mit Ober- und Untergewehr eilten dem Rathaus zu, wo das Schützenbanner aufbewahrt war. Von da begaben sie sich in guter Ordnung und formierten Gliedern, unter Vortritt der beiden Schützenmeister, mit fliegender Fahne, Trommeln und Pfeifen auf die Schießstatt vor dem obern Tor. Nachdem die Fahne in der Stube des Schützenhauses aufgepflanzt worden, verkündeten Böllerschüsse den Anfang des Schießens, zu welchem von nah und fern geladene Teilnehmer sich eingefunden hatten.

Der Nachmittag bildete sodann erst den Glanzpunkt des Festes. Alles war vor die Tore geströmt, auf den Schauplatz der Unterhaltung. Oben im Schützenhaus wurde Wein und Bier verzapft; an den Fenstern, welche eine Aussicht auf die Scheiben boten, erblickte man sonntäglich geputzte Frauen und Töchter.

Auch Hieronymus hatte sich unter die Zuschauer gemischt, und als er die Augen einmal hinaufgleiten ließ zu den Fenstern, gewahrte er alsbald die Frau Oberamtsrätin mit Fräulein Helena und ihren jüngeren Geschwistern dort; und fast wär er ein wenig in Verlegenheit gekommen, der n es wollte ihn bedünken, daß ihm, als Lehrling, hier in dieser Gesellschaft von Herren, Damen und Bürgern, eigentlich kein Platz gebühre. Von solchen Gedanken angewandelt, begab er sich ins Erdgeschoß des Hauses, wo die Ladbänke angebracht waren, froh, daß es ihm vergönnt sei, hier dem alten Franz, dem Büchsenspanner seines Meisters, beim Laden an die Hand gehen zu dürfen.

Postkarte von 1943 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Das Schießen war im besten Zug, als es – um die Mitte des Nachmittags – plötzlich hieß: „der Fürst kommt!“ – Alles geriet in Bewegung, und auch Hieronymus rannte von der Ladbank hinweg vor das Haus. Alle Blicke wendeten sich dem Städtchen zu, wo über die Brücke, von der Residenz Donaueschingen kommend, eine vierspännige Kutsche heranrollte mit einem Vorreiter und begleitet von zwei rot uniformierten Leibhusaren. In dem stattlichen offenen Wagen saß der regierende Fürst, Joseph Maria Benedikt, mit einigen Kavalieren. – Zu gleicher Zeit sah man auch seine Gemahlin, welche im Schlosse gegenüber abgestiegen, an den Fenstern desselben erscheinen, um von dort aus das Schießen mit anzusehen.

Der Landesherr mischte sich heute selbst unter die Schützen und tat manch trefflichen Schuß. Die Gewehre waren Prachtexemplare und Meisterstücke der Büchsenmacherkunst; die stahlblauen, silbereingelegten Rohre, die geschnitzten, mit Perlmutter und Elfenbein reich verzierten Schäfte und die Schloßbleche, auf welchen Scharmützel und ganze Bataillen in künstlicher Gravierung zu sehen, erregten allgemeine Bewunderung.

Der regierende Fürst, Joseph Maria Benedikt zu Fürstenberg-Stühlingen (9. Januar 1758 – 24. Juni 1796) übernahm 1783 die Regierung. Seine Frau war Maria Antonia von Hohenzollern-Hechingen. Die Ehe blieb kinderlos.

Plötzlich entstand ungewöhnlicher Lärm und Aufregung, Böllerschüsse krachten darein, und den Zeiger an der „Stechscheibe“ in seiner Hanswurstjacke sah man seine Späße und Sprünge machen: es mußte ein außergewöhnlicher Schuß gefallen sein.
„Wer?“ schallte es durch ein Sprachrohr vom Schlosse her.
„Der Zuchtverwalter!“ wurde auf diese Weise vom Schießplatz aus zurück berichtet.
Es war die Gewohnheit der Fürstin, bei jedem guten Schusse, der auf der Scheibe gezeigt wurde, vermittelst des Sprachrohrs anfragen und sich den Namen des Schützen melden zu lassen.

Der Zuchtverwalter hatte diesmal einen Glücksschuß getan – und den „Zweck“ (Zentrum) geschossen. Gleich darauf zeigte sich Fortuna auch dem Meister unseres Hieronymus gewogen, und zwar auf der „Schnapperscheibe“, und der Lehrling freute sich, daß nun doch die besten „Gaben“ im Städtlein verbleiben würden. Diese, die Gaben, bestanden im Hauptschießen in feinem Zinngeschirr, damals eine Zier jeder bürgerlichen Haushaltung, nebst etlichen silbernen Löffeln. Als Preise im „Schnapper“ dagegen sah man Wachs- und Unschlittkerzen mit verschiedenen wertvollen Rittergaben ausgestellt.

Durch den Büchsenspanner Franz war unser Lehrling Hieronymus eingeladen worden, auch einmal einen Schuß zu probieren. Der junge Bursche aber glaubte die Einladung ablehnen zu müssen – obwohl er vielleicht seine Überlegenheit über manchen Schützen fühlen mochte, dessen Kugel statt ins Schwarze in den hinter den Scheiben ansteigenden Rain oder in die benachbarten Krautgärten flog. – Allerdings – durch einen glücklichen Schuß hätte er der Gesellschaft zeigen können, daß auch er – nicht links, der Waffen nicht so ganz ungewohnt sei. – Wie aber – wenn ihm das Schicksal einen Streich spielen und die Kugel ebenfalls dem Rain oder den Gärten zuwehen würde? – Welches Gelächter alsdann unter den Zuschauern, wenn der Pritschenmeister herbeikäme, den Neuling mit dem klappernden Szepter vorschriftsmäßig abzustrafen! Nicht um alles in der Welt hätte er den Mamsellen oben am Fenster – die Ratsfamilie weilte stets noch dort – den spaßhaften Anblick verschaffen mögen. Und überdies mochte er wohl fühlen, daß es sich für den Lehrjungen nicht schicke, hier es den Herren und Meistern gleichtun zu wollen.

Postkarte von 1929 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Doch werden wir unsern Freund bald bei einer andern Gelegenheit im glänzendsten Lichte seiner Geschicklichkeit erblicken. Und um dem Leser diesen Moment nicht allzulange vorzuenthalten, wollen wir den Ausgang des gegenwärtigen Freischießens, welches drei Tage in Anspruch nahm, nur kurz berichten.

Wie vorauszusehen, hatte der Verwalter mit seinem Zentrumsschuß das „Beste“ im Hauptschießen davongetragen: eine große zinnerne Suppenschüssel mit einem silbernen Schöpflöffel. Seinem Freund, dem Naglermeister, warf das Glück den zweiten Preis, zwei Dutzend schwere Zinnteller, in den Schoß, während Hieronymus das Vergnügen hatte, seinem Meister einen ansehnlichen Pack Wachskerzen, Schnappergabe Nr. 1, nach Hause tragen zu dürfen. – Wem die übrigen Preise und die Rittergaben zuteil geworden, ist aus den alten, mangelhaften Schützenrodeln nicht mehr mit Gewißheit zu entnehmen.

Die Gelegenheit für Hieronymus, von welcher wir gesprochen, ergab sich bei einem der kleineren Freischießen, welche im Laufe des Herbstes in den umliegenden Dörfern ausgeschrieben wurden.

Es war ein nebliger Oktobertag, als man wohlausgerüstet von der Amtsstadt auszog, hinauf nach Mistelbrunn. Hieronymus und ein paar andere Schildknappen waren in der Gesellschaft. – Auf der Schießstatt hinter dem Wirtshaus ging es schon lebhaft zu, als unsere Freunde dort ankamen. Nach der alten, zum Sprichwort gewordenen Erfahrung: „einem nüchterne Ma goht kein Schick a“, hatten sie zuerst eine Erfrischung zu sich genommen und dann wohlgemut ihr Feuer eröffnet – diesmal jedoch ohne den gewohnten Erfolg.

Der Verwalter, welcher soeben einige fatale „Schlenker“ auf der Probierscheibe getan, schüttelte, die „Muck“ (Korn) auf seiner Büchse betrachtend, ärgerlich den Kopf: „der Wind muß mich genommen haben, denn so wie die Fähnlein weisen, zieht er an. – Wir müssen ein wenig zugeben“, meinte er, indem er vorsichtig mit beiden Daumen das Korn etwas seitwärts rückte und sodann, die Büchse auf den Nagel legend, auch das „Guckerle“ zurechtschraubte.
„Weiß nicht“, entgegnete der Kaplan, „ich hab bis jetzt immer konträr in den Wind geschossen.“
„’s ist bigott wie verhext“, brummte der nebenan stehende Schmied vom Ort, verdrießlich seine alte Radschloßbüchse auf die Ladbank schiebend.
„Den ganzen Tag noch kein ordentlicher Schuß! – Bin nur froh, daß es euch au nit besser geht, ihr Herren aus der Stadt.“
„Ein schwacher Zweikreisler hat bis jetzt noch ’s Beste inn, obwohl schon über vierzig Doppel abg’schosse worde sind“, bestätigte der inzwischen hinzugetretene Wirt, der als „Bestgeber“ das Schießen ausgeschrieben.
„Nur Geduld, der letzt hat noch nicht g’schosse!“ warf der Meister Amtsdiener hin. „Ich denk, Schwager“, wendete er sich zum Verwalter, „wir machen vorderhand Waffenstillstand. Vielleicht legt sich der Wind unterdessen.“
„Ei was, Wind!“ versetzte der Naglermeister. „Das neblig Wetter ist schuld; wir müssen am Pulver zusetzen.“

Während sie so sich berieten und jeder eine der hundert, den Schützen bekanntlich so geläufigen Ausreden vorbrachte, war Hieronymus von der Schießstatt weg gegen den vom Wald herziehenden Fußweg gesprungen, und man sah, wie er lebhaft grüßend, einem alten Gesellen, der Büchse und Kugelsack trug, die Hand reichte.

„Aha, da kommt der Stoffel!“ rief der Schmied, nach jener Richtung deutend. „Wollen seh‘, wie es dem geht, der kann mehr als Brot essen.“ Es war wirklich der Stoffel, der ehemalige Kamerad des Hieronymus, der jenen schon von ferne bemerkt hatte und ihm entgegengeeilt war.
„Ist recht, daß du da bist“, sagte, auf dem Platz angekommen, der Alte, indem er seinen Tiroler von der Schulter nahm und dann aus dem ledernen Futteral losschnallte. „Eh mein Herr, der Oberförster, kommt, mußt du é paar Schuß tun, Hieronymus. Ich will dir gleich laden.“
„Gut!“ meinte der Amtsdiener, sein Meister. „Versuch mal dein Glück, vielleicht kannst du mehr als wir.«
„Ich will’s probiere!“ entgegnete Hieronymus, freudig auf den Vorschlag eingehend.
„Nimm dich aber in acht“, warnte der Stoffel seinen Freund und drückte nicht ohne Anstrengung mit dem Setzstock die Kugel in das Rohr.
„Du weißt, der Tiroler hat viel Schluß und stoßt e‘ bißle, schießt aber sonst teufelsmäßig.“

Nachdem die Büchse geladen, trägt sie der Alte auf den Stand und Hieronymus folgt. – Fast alle Zuschauer hatten sich um die beiden geschart. Der Stoffel legt das Rohr vorn auf den Nagel, gibt dem Schützen den Kolben in die Hand, röhrt auf, reibt den Feuerstein mit dem Daumen-nagel, hält vorsichtig den aufgezogenen Hahn solange fest, bis Hieronymus den Finger in den Bügel gelegt und sich fertiggemacht, tritt dann zurück und kommandiert: „laß brechen!“ Der Schütze hält den Atem an, zielt lange endlich kracht der Schuß – aber o Schrecken! – Die Büchse rumpelt vom Nagel herab, die Schattenbleche klappern – und der Schütze liegt der Länge nach auf der Nase – im Sand. – Der Stoffel springt vor und bemächtigt sich des Geschützes – und lacht hämisch – der Gefallene rafft sich auf, bestürzt, sprachlos – reibt sich die Knie und die Ellenbogen. – Die Umstehenden aber, als sie ihn unbeschädigt sehen – brechen in ein schallendes Gelächter aus.

„Hab ich dir nit g’sagt, daß er stoßt?“ grinst der Stoffel. – Doch jetzt wenden sich alle Blicke nach der Scheibe. Der Schwarz Weißgerber, der renommierte Zeiger, den der Wirt extra von Hüfingen verschrieben und engagiert hatte, war herausgetreten, hatte kaum auf das Ziel geblickt, als er wie betrunken ins Gras taumelte. – Jetzt wußte man, wieviel Uhr es geschlagen. Neben dem Zeigerschirm qualmte Rauch auf – es krachten Böllerschüsse – und „e Mäßle vom Beste*, schreit der Stoffel durch die hohle Hand dem Zeiger zu, der, aufspringend, seinen Hut in die Höhe wirft – und endlich, nach vielen Späßen, den Zeigstock in den Schuß hängt – ein allgemeiner Ausruf der Verwunderung – das Zentrum war rund hinausgeschossen. Jetzt ging es los: „das ist wieder e Stückle vom Stoffel“, murmelte der Schmied; „dem jungen Mensch hätt’s übel aufstoßen könne“, ein anderer; „er hat ihm eine Freikugel geladen“, ein dritter.

Aber der Schuhfränzle, Gemeindeschreiber im Dorf, vom Wirt als Schützenmeister aufgestellt, rannte herbei: – „Ihr Herren“, fing er an, indem er, mit der Hand Platz machend, im Kreise herumfuhr: „Ihr Männer – ich als Schützenmeister muß Einsprach‘ erheben – Ich nehm‘ euch alle zu Zeugen, ihr habt gesehe‘, was vorgangen ist. – Der Stoffel ist mir en rechter Mensch -, ich will nix über ihn sagen. – Aber ihr habt g’seh‘, wie’s dem jungen Mensch gangen ist. – In dem alten Schützenbrief, der heutzutage noch gilt (bei diesen Worten legte der Sprecher den Zeigefinger der Rechten in den ausgestreckten Daumen der Linken), da heißt es Paragraph achtundzwanzig ganz deutlich: daß diejenigen, so mit Zauberei, Teufelswerk oder unerlaubten Sachen schießen, den Schuß verlieren und nebstdem nach rechtlicher Erkenntnis von Obrigkeits wegen in Straf verfallen. – Ihr Männer! Der Schuß kann nit gelten, ich als Schützenmeister muß protestiere.

Mit ernsthaftem Gesichte hatten viele dem Redner zugehört, andere jedoch, unter ihnen unsere Freunde, lachten. „Guter Freund!“ nahm der Verwalter das Wort, „man merkt, daß Ihr nicht auf den Kopf gefallen seid – aber laßt doch jedem sein Pläsier -; wem es Vergnügen macht, bei jedem Schuß auf die Nase zu fallen, der mag’s in Gottes Namen tun, davon steht ja nichts im Brief.“
„Wer mir das Kunststückle nachmachen will, der soll’s probieren“, meinte Hieronymus, indem er mit der Hand seine rechte, etwas geschwollene Wange hielt. Die Lacher waren jetzt auf des Lehrjungen Seite, und der Wirt konnte nicht anders sagen, als „er hat Recht“

Um jedoch unsern Freund nicht in das Licht eines Schwarzkünstlers oder Hexenmeisters zu stellen, sei es gesagt, daß alles mit ganz natürlichen Dingen zugegangen. Die Büchse hatte noch den kurzen, deutschen Schaft, dieses und Stoffels Warnung, daß das Gewehr stark stoße, hatten verursacht, daß der Schütze beim Zielen sich stark nach vorwärts gelehnt, die Büchse beim Schuß über den Nagel vorgerutscht war und jener das Gleichgewicht verloren hatte. Der Zentrumsschuß war entweder Folge seines richtigen Zielens oder bloßer Zufall.

Werfen wir zum Schluß einen Blick auf unser Bildchen, welches den Heimzug unserer Freunde darstellt, so entnehmen wir daraus, daß der beste Schuß unserem Hieronymus geblieben sein mußte, denn der Schmalzkübel, den die Buben an einem Aste, ähnlich den Männern mit der großen Traube aus dem Gelobten Lande, tragen, deutet unzweifelhaft auf das gewonnene Beste. Und wenn das nebenan hängende Päckchen etwa gar voll jener hellbraunen Bohnen wäre, ohne welche es, wie manche behaupten wollen, heutzutage fast keine zufriedene Ehe mehr gäbe – wahrlich, so dürfen wir annehmen, daß die sieghaften Schützen von ihren Frauen und Töchtern daheim mit vergnügten Gesichtern willkommen geheißen wurden.

Die „hellbraunen Bohnen“ ohne die es heutzutage fast keine zufriedene Ehe mehr gäbe, sind vermutlich Kaffeebohnen.

“De freudig Stündli isch’s nit e Fündli?”
>Johann Peter Hebel

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

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Der Besuch in der Stadt

Hieronymus Kapitel 5


Ruhig Gewissen, eigner Herd Ist Gott und aller Ehren werth.
>Johann Peter Hebel

Der Besuch in der Stadt

Es traf sich oft, daß der Feldwaibel auf Kommando zu Streifzügen und Exekutionen auf den Wald kam, wo er, wenn immer möglich, in der Mühle einzusprechen Gelegenheit nahm. Dies war auch kurz nach jenem nächtlichen Brande geschehen, welchen der Lange Hans auf dem Laubhauserhof noch spät abends angezeigt, und weshalb später dringender Verdacht der Brandstiftung auf die Vagabunden gefallen war.

Ein Einbruch, den der Stumpfarm geleitet und wobei auch der Hans die Hand im Spiel gehabt haben sollte, war durch einen Bauern verraten und bei Gericht angezeigt worden; und allgemein vermutete man, daß diesem dafür von der Bande der rote Hahn aufs Dach gesteckt worden sei, wobei, wie wir gehört, auch der Kaiserzoller zu Schaden gekommen war. Es wurde eine Streife angeordnet, aber ohne Erfolg, denn der Herr Graf von Bettelrain und Nirgendheim mit Gefolge war in strengstem Inkognito längst über die Grenze gereist, und die verhaßten „Balmacker“, wie die Soldaten in der Gaunersprache heißen, hatten das Nachsehen. – Nach einiger Zeit aber, als die Emigranten annehmen konnten, es sei über das Geschehene Gras gewach-sen, kehrten sie wieder zurück auf ihre Domänen, wofür sie die Bauernhöfe ansahen. Diesmal aber hatten sie sich in ihrer Voraussetzung getäuscht, denn sie wurden alsbald abgefaßt, eingesteckt und scharf inquiriert. Es kam jedoch dabei nicht viel mehr heraus als die gewöhnlichen Atzungs- und Untersuchungskosten für den Staat, denn die guten Leute waren ja, wie alle Spitzbuben, die nicht auf frischer Tat ertappt werden, völlig unschuldig und nach der Untersuchung wieder ebenso „ehrlich“ wie vorher.

Bald hatten Diebstähle und anderer Unfug wieder so überhandgenommen, daß eine Generalstreife notwendig schien, und diese führte den Feldwaibel auf einige Tage zu seinen Freunden nach Laubhausen; denn der einsamere Schwarzwald war es besonders, wohin sich die Landfahrer während solcher unbequemen Züge flüchteten und versteckten. – Die graubärtigen Weißröcke hatten hoch und teuer geschworen, daß ihnen diesmal kein Schopf und kein Knopf von der Hanikelbande durchschlüpfen solle. In Verbindung mit den aufgebotenen Bettelvögten und Bauern wurden alle Schlupfwinkel in Feld und Wald, alle Bettelküchen und Feuerstellen, wo die Zunft gewöhnlich lagerte, gründlich durchsucht, die Kameraden auch haufenweis zusammengetrieben, diejenigen, welche sich nicht als sauber übers Nierenstück auszuweisen vermochten, abgeführt und hinter Schloß und Riegel gesetzt.

Hieronymus und seine Kameraden beteten zu Gott, daß doch ja der Lange Hans nicht aufgegriffen werden möge, denn er war ja ihr bester Freund und Lehrmeister. Hatte er, der fertige Spielmann, den Romulus nicht geigen gelehrt und den Hieronymus maultrommeln? Wer hatte ihnen so zierliche Vogelkäfige von Draht gestrickt und ihnen alle Vorteile und Gelegenheiten gezeigt, um Schwarzblättchen, Kreuzschnäbel und andere Vögel zu fangen?

Hier stellt sich Lucian Reich wieder deutlich auf die Seite der Landfahrer und läßt Hieronymus und seine Freunde beten, dass zumindest ihr „bester Freund und Lehrmeister“ nicht aufgegriffen wird.

Und erst kürzlich hatte er auch dem Hieronymus wieder einen Bund feiner Bleistifte vom Vöhrenbacher Markt mitgebracht, wo er stets so wohlfeil einzukaufen pflegte. Kein Wunder also, wenn die Buben wünschten, er möge den ergrimmten Musketieren nicht in die Waffen fallen.

Diesmal kam der Lange wirklich auch ungerupft davon, denn es wurden nur solche Vögel gefangen und abgeführt, die von irgendeiner Behörde signalisiert oder in den Gaunerlisten eingetragen waren – und der Hans war ja, wie er selbst oft versicherte und wie es sich bei früheren Untersuchungen zur Genüge herausgestellt, der ehrlichste Mann im ganzen Schwäbischen Kreis.

Der Feldwaibel hatte bei seinem Besuch in der Mühle natürlich auch Einsicht von den Kunstleistungen unseres Hieronymus genommen. Er selbst verstand etwas von diesen Dingen, war er doch ein Hausfreund vom Faßmaler und Vergolder in Hüfingen. Zwar das Porträt des edlen Ritters, mit dem er ja im Frühjahr überrascht werden sollte, wurde ihm jetzt noch nicht gezeigt; dafür sah er aber andere Blätter, denen er alles Lob spenden konnte. Hieronymus solle nur so fortfahren, sagte er, und ihn dann im Frühjahr in Hüfn-gen besuchen, wo er allerlei Schönes und Merkwürdiges zu sehen bekommen werde. Erst kürzlich, erzählte er, habe die dortige Pfarrkirche zwei schöne neue Seitenaltäre bekommen, welche das Werk seines Freundes, des Faßmalers, seien. Die Altarblätter hiezu habe der Hofmaler in Donaueschingen gefertigt.

Jakobsfahne vom Hofmaler Weiss

Fahne der Jakobsbruderschaft vom Hofmaler Weiß
Vielen Dank an Markus Leichenauer für das Foto!

linker Seitenaltar in Verena und Gallus vom Hofmaler Weiß

Jakobus mit Wanderstab in der Hand, dem Volke predigend aus 1774.

Die links unten auf der Tafel gemalte Männergestalt soll ein Selbstbildnis des Hofmalers Franz Josef Weiß sein.

So war denn die Sache aufs beste eingeleitet; und noch nie in seinem Leben hatte der fleißige Schüler sich so auf den Frühling gefreut wie diesmal. Hätte die Sonne nur halb soviel Eifer und Ungeduld an den Tag gelegt wie er, der Schnee wäre längst geschmolzen gewesen und der holde Lenz schon um Lichtmeß oder Fastnacht ins Land gekommen. So aber schien die Gute – ihm recht zum Schabernack – nur deshalb jeden Tag früher aufzustehen, um durch Auftauen und wieder gefrieren lassen die dicke Schneedecke immer noch zäher und undurchdringlicher machen zu wollen. – Es war erster Mai – und noch hatte die Gegend ihr weißes Wollehemd an. Ja, am vierten oder fünften mußte sogar der Bahnschlitten wieder geführt werden. Hatte dieses Fuhrwerk dem Knaben sonst jedesmal viel Spaß gemacht, wenn er und seine Kameraden als Ballast obenauf unter Lachen und Jubel den sprühenden Schneestaub um Ohren und Augen sich sausen lassen – so sah er jetzt den Zug mit Verdruß am Haus vorbeikutschieren. Denn, „wenn der Schnee weg ist und man auch ’naus ins Freie kann!“ hatte der Vetter Feldwaibel ausdrücklich seiner freundlichen Einladung beigefügt.

Doch die Sache machte sich rascher, als man vermutete. Der Wind schlug plötzlich um und blies aus einer anderen, weicheren Tonart. Der neue Schnee fraß sozusagen den alten; die ganze Nacht über rutschten und rauschten die Lawinen groß und klein ins Tal herab. Und als Hieronymus des Morgens früh zum Fenster hinauslugte, sah er den Bach vom Eise befreit, ein paar Tage später – und auch das Feld war geräumt. – Bachweber, der die Schule geschlossen und sich anschickte, die langen Sommerferien wieder drüben beim Schwager zuzubringen, gab die tröstliche Versicherung, die schönen Tage würden dauernd und kein Rückfall, weder von Frost noch von Schnee, mehr zu befürchten sein: Das wollte er dem Fluge der Vögel, dem Benehmen der Spinnen und andern Naturerscheinungen entnommen haben.

Und so geschah es auch. – Gegen Mitte des Monats säte der Laubhauserbauer den Haber – und Vater Mathias trug die Stöcke aus der obern Kammer hinab ins Immenhäusle; und jetzt durfte auch der Sohn den längst vorbereiteten Ausflug antreten.

Es war des Knaben erste selbständige Reise, für ihn eine Fahrt ins Gelobte Land, von welchem ihm aus den Kinderjahren nur wenig in der Erinnerung geblieben war. Der Vater gab ihm das Geleite bis zum Zindelstein, um ihm noch einige Anstandsregeln einzuprägen.

Schon in Wolterdingen, wo er den Wald hinter sich hatte, glaubte der kleine Wandersmann in der Fremde zu sein; mit einem gewissen Trostgefühl jedoch bemerkte er dort einen Landsmann und alten Bekannten wieder neben sich: den Bregbach, welcher murmelnd und plätschernd ihm treues Geleite gab. – Das Wetter war zweifelhaft; der Himmel, mit einem milchweißen Flor überzogen, ließ kaum durch einen hellern Fleck den Stand der Sonne erraten; doch morgen war der heilige Pfingsttag! Und da konnte es unmöglich schlechtes Wetter geben. Und er täuschte sich nicht, denn kaum hatte er den Fußweg vom Dorfe abwärts eingeschlagen, so trat die Sonne siegreich strahlend aus dem dünnen Gewölk hervor; es schien, als würde ein Vorhang am Himmel weggezogen, recht eigentlich zur Verschönerung des kommenden Festtages. – Durch die grünenden Wiesen hin gaukelten ein paar gelbe Schmetterlinge, wahrscheinlich machten auch sie ihren ersten Ausflug wie der kleine Tourist. Dieser war jedoch nicht so leicht, ohne alles Gepäck, fortgezogen wie die Sommervögel. Über seiner Schulter hing ein ganz anständiger Zwerchsack, der keine geringe Last vermuten ließ. Und in der Tat hatte die Mutter ihrem Einzigen beim Abmarsch noch etwas mitgegeben, von dem sie überzeugt war, daß es der haushälterischen, genau rechnenden Base Annakäther ein beifälliges Lächeln abzugewinnen imstande sein werde.

In seinem vorderen Teil nämlich beherbergte der Sack nichts geringeres als einen großen, sorgfältig in eine hölzerne Schachtel verpackten Butterballen, während die hintere Abteilung, des Gleichgewichtes wegen, mit einem nicht minder schweren Hafen voll Honig belastet war – Dinge, welche man in der Baar nicht von solcher Güte haben konnte wie auf dem Wald. – Unterm Arm trug er dann noch die Rolle mit dem bewußten Bildnis, welches nachträglich noch schön koloriert worden war. – So ausgerüstet, schritt er mit seinem dicken Haselnußstock in der Rechten munter vorwärts.

Die Sonne meinte es wahrlich gut, obwohl sie bereits im Sinken war; und gerne hätte der kleine Sackträger auch einmal ausgeruht, dort, wo der Fußweg auf kurze Strecke sich im Holz verliert – wenn er nicht gefürchtet hätte, bei gar zu später Tageszeit in Hüfingen anzukommen. Aus diesem Grunde ließ er Bräunlingen rechts liegen, den näheren Weg am Abhang hin, der Mühle zu, einschlagend. Dort, am brausenden Wuhr, wo die badenden Gänse einen so merkwürdigen Lärm erhoben, als verwunderten sie sich über die Ankunft des Reisenden, dort erblickte er die ersten Häuser von Hüfingen, in welches er heute zum erstenmal allein, ohne die Eltern, eintreten sollte. Das Herz schlug ihm vor Freude und Beklemmung, als er näher und näher kam und die, wie er meinte, große Stadt mit ihren zackigen Hausgiebeln und rauchenden Schornsteinen vor sich liegen sah. Und als er durch das obere Tor in diese eingetreten und vom Kirchturm feierliches Geläute erklang, als Vorbedeutung des kommenden Festtages, so wurde er fast kleinmütig und verlegen: er fühlte sich fremd in den unbekannten Gassen.

Vor den Häusern standen plaudernde Männergruppen, den früheren Feierabend in behaglicher Ruhe genießend, und am Stadtbächlein und an den Brunnen waren fleißige Hände noch mit Waschen und Putzen beschäftigt. Aber die Kinder, welche bisher vor dem Rathaus um die hohe, mit eisernen Geländern versehene Freitreppe ihr lärmendes Wesen getrieben, hatten sich, nachdem die Betglocken ausgeklungen, gebührendermaßen schon von der Gasse entfernt. Das steinerne Muttergottesbild auf dem Stadtbrunnen, an welchem die Knechte und Buben ihre Rosse tränkten, sah schon bekränzt für den morgigen Tag herab auf den Platz.

Hieronymus erinnerte sich von seinen früheren Besuchen her nur noch dunkel der Gasse, in welcher seine Verwandten wohnten. Nach vielem Zögern fragte er endlich einen Vorübergehenden, wo der Vetter wohne, was man ihm natürlich erst sagen konnte, als er Name und Stand desselben beigesetzt.

Das Ehepaar saß eben beim Abendessen, als Hieronymus eintrat. Obwohl das Mahl für Gäste nicht eingerichtet, mußte der Ankömmling, nachdem er die vielen Grüße von daheim ausgerichtet und sein Gepäck im Stubenwinkel abgelegt hatte, dennoch ohne Umstände sogleich mithalten.

Im reinlichen Stüblein blickten ihn die Gerätschaften und Möbel wie alte Bekannte nach langer Trennung wieder an. An derselben Stelle wie vor Jahren hing noch das große holzgeschnitzte Kruzifix, gegenüber dem Bildnisse des Fürsten Frobenius in der gewaltigen Allongeperücke. Auf der geschweiften Kommode tickte immer noch die Stockuhr in ihrem hübsch eingelegten Holzkästchen; die Turteltauben unter dem Ofen und das Eichhörnchen in seinem Häuschen schienen stets noch dieselben zu sein wie damals; und die schön gemalten Tassen im Glaskästchen erinnerten ihn lebhaft an den Tag, an dem er zum erstenmal den köstlichen, fremdländischen Trank geschlürft.

Die Base zeigte sich ausnehmend zutunlich, namentlich seit dem Momente der feierlichen Enthüllung des gewichtigen „Krams“ im Zwerchsack; und auch der Vetter sprach sich sehr belobend aus über das wohlgetroffene Bild-nis, das er sogleich mit Stecknadeln an die Wand heftete.

Nach dem Essen kam noch ein zweiter Gast, der invalide Tambour Gsell, der Hausfreund und Diener des Feldwaibels. – Als der Alte das Porträt des Prinzen Eugenius sah, versicherte er, dasselbe sei ausnehmend gut getroffen, nur etwas jünger sehe er aus als damals, wo er ihn als Kommandierenden am Rhein gesehen und sogar einmal mit ihm gesprochen habe. Es sei nach einer Attacke gewesen, wo der Prinz vor allen seinen Generälen gesagt habe, wenn er ein ganzes Regiment solcher Kerle hätte wie der Tambour Gsell, so würde er’s getrost nicht bloß mit dem Türk oder Franzos, sondern mit allen Potentaten der Welt aufnehmen.

Nachdem Hieronymus sodann von allem, wie es zu Haus stehe, gehörig Bericht erstattet und alle sonstigen Fragen der Base gewissenhaft beantwortet hatte, wurde ihm das Schlafkämmerlein angewiesen. Das Ehepaar erfreute sich nur einer einzigen Tochter, die an den Schloßverwalter in Wildenstein im Donautal verheiratet war. Seit ihrem Wegzug stand die Kammer unbewohnt, in welcher Hieronymus nun ein wohlaufgerichtetes Gastbett fand.

Vergnügt über den glücklichen Verlauf der Reise, erfreut über die gute Aufnahme im Haus, versenkte er sich alsbald in die Federn, wo ein fester Schlaf nicht lange auf sich warten ließ.

Als er morgens nach erquicklichem Schlummer die Augen aufschlug, warf die Sonne bereits ihre Strahlen schräg durch das Fensterlein, welches der Feldwaibel mit Bewilligung des Stadtrats schräg in die Stadtmauer hatte brechen lassen. Nach kurzem Besinnen erhob er sich rasch, denn bereits hörte er die Base in der Küche nebenan rumoren, und auch der Vetter hustete schon in der Stube. Er streckte den Kopf zum Fenster hinaus – es war der schönste Morgen – ganz nach Bachwebers Prophezeiung. – In der alten Stadtmauer und auf den Vogelbeerbäumen am Stadtgraben hin schrien und jagten sich die Spatzen wie in tollem Jubel über den schönen Tag. Rechts am Wiesfeld hin floß die Breg – langsam, als wolle sie ausruhen von ihrem ungestümen Lauf über Stock und Stein. – Die glatte Fläche dampfte wie in Schweiß ge-raten. Weiter hinaus in der Hochebene, in den von Morgennebeln halb verhüllten Dörfern längs den blauen Linien des Heuberges, tönten Morgenglocken – es war ein Festtag – herrlich weit und breit. In den Gärten unten an der Mauer standen schon einige Hausväter betrachtend vor den Bienenstöcken oder vor den Beeten voll knospender Tulpen und Aurikeln, während auf der Straße von Donaueschingen her festlich gekleidete Leute, einzeln oder in Gruppen, der Stadt zu wandelten.

Die Base erschien jetzt unter der Kammertür, freundlich guten Morgen wünschend und zum Kaffee kommandierend; denn ein solcher wurde heute wiederum aufgetischt, einmal des Vierfestes wegen und dann zu Ehren ihres Gastes. – War Kaffee zu jener Zeit auch noch ein teures Getränk, so kam das Frühstück die Base doch nicht hoch zu stehen, weil sie aus der Küche der ihr geneigten Frau Oberamtsrätin regelmäßig den Satz vom jüngst genossenen Trank der Ratsfamilie erhielt, woraus sie dann eine zweite, mit vielen Zusätzen vermehrte, aber keineswegs verbesserte Auflage veranstaltete.

Während des Frühstücks verkündete die Base ihrem Gast, daß er mit ihr und ihrem Mann den Spätgottesdienst besuchen dürfe. Seine Toilette hiezu war schnell gemacht. Denn kurzes Haar ist bald gebürstet, sagt das Sprichwort; desto mehr Zeit brauchte indes die Base, um sich gehörig in Staat zu setzen. Sie zog, was nur bei ganz absonderlichen Gelegenheiten geschah, ihr seidenes, großgeblümtes Hochzeitskleid an, ein Geschenk der verstorbenen Fürstin, bei welcher sie lange Zeit in Diensten gestanden. Den Kopfputz bildete die zierliche Goldhaube mit dem mit Perlen und Flitter besetzten Boden; und als Vervollständigung kam hinzu noch das grünschillernde Mieder mit langer Taille, wie es die Tracht der Bürgerfrauen mit sich brachte.

Der Gottesdienst selbst hatte für Hieronymus etwas Überraschendes; das mit Pauken und Trompeten eingeleitete Hochamt, die vollen Orgeltöne und die Instrumentalmusik stachen so gewaltig ab gegen das einfache Ritual in seinem Heimatkirchlein, daß er wie in eine andere Welt sich versetzt glaubte.

Mit Staunen und Ehrfurcht betrachtete der Knabe – wie einst sein Vater die Bildnisse im Rittersaal zu Villingen – die lebensgroßen Apostel im Langhaus, die Altäre und die steinernen Ritter- und Frauengestalten auf den freiherrlich schellenbergischen Grabmälern an den Wänden umher, und in seinem Innersten regte sich der leise Wunsch, auch dereinst so etwas machen zu können. Bald ward dieser Wunsch zum Gebet, welches er zu Gott emporsendete, daß er ihm solche Fertigkeit gnädig verleihen möge.

Nach dem Gottesdienste sehen wir den Knaben mit seinem Vetter im Gärtchen am Hause lustwandeln, wo in den reinlichen, mit Buchs eingefaß-ten Beeten im herrlichsten Flor Tulpen und Hyazinthen blühten und die tiefglühende Pfingstrose bereits am Aufbrechen war. Bunte Schmetterlinge, summende Bienen wiegten sich von Blume zu Blume, denn es war hier an der Stadtmauer, die Haus und Garten nach außen hin abschloß, ganz sommerlich warm und windstill. – Alles war so friedlich, so ungestört wie die damalige Friedenszeit selbst, die sich in ihrer Harmlosigkeit überall in allen Zuständen des öffentlichen wie des Familienlebens klar abspiegelte.

Hieronymus betrachtete seinen Vetter, der sich mit ihm auf der Bank unter dem Holunderstrauch niedergelassen, mit heimlicher Verwunderung, denn der Feldwaibel glänzte heut in seiner Paradeuniform; und in der Tat sah der alte Kriegsmann in dem weißen, rot ausgeschlagenen Kolett mit blanken weißen Knöpfen, dem Dreispitz mit Silberborten und weißem Busch darauf, ganz stattlich aus. Sein stark markiertes Gesicht mit dem vorwärts-dressierten Backenbart, die steifgepuderten Haarlocken und der schwarz ein-gebändelte Zopf sowie der ganze abgemessene Anstand des Mannes mußten jedem in seiner Umgebung schuldigsten Respekt einflößen.

Eben wollte der Vetter seinem Gaste sagen, daß sie dann morgen ins hiesige Schloß und auch in den Hofgarten gehen wollten – als ein Rütteln und Schütteln an der Gartentür die Blicke beider dorthin lenkte. Alsbald gewahrten sie auch ein frisiertes, gepudertes Kinderköpfchen, das über die Tür hereinlugte und Einlaß verlangte; obgleich das Pförtchen nicht verschlossen war, konnte es die Kleine doch nicht öffnen, denn in der einen Hand trug sie einen Blumenstrauß, in der andern den Fächer, und dem Ellenbogen wollte der hölzerne Riegel nicht weichen.

Hier trifft Hieronymus das erste mal auf Helena, die Tochter des Herrn Oberamtsrates und er geht danach mit seinem Vetter, dem „Feldwaibel“ nach Donaueschingen auf einen Spaziergang.

Bevor der Feldwaibel hinzutreten konnte, war ihm seine Frau zuvorgekommen, weil auch sie die kommende Visite vom Fenster aus bemerkt hatte. – Das geputzte Dämchen war heute eigentlich nur gekommen, um sein neues Kleid und seine Frisur zu zeigen. Frau Annakäther führte es an der Hand auf ihren Mann und Hieronymus zu; und nachdem der Feldwaibel gebührendes Lob gespendet, wurden die Kleinen einander förmlich vor-gestellt. – Da standen sie einander gegenüber – hier das Stadt- und Beamtenkind in seinem seidenen bauschigen Kleidchen und den violetten Atlasschuhen – dort das bäuerliche Wälderkind im leinenen Kittel, mit kurzen Lederhosen und schwer genagelten Bundschuhen; zwischen ihnen Frau Annakäther in ihrer Bürgerstracht, gleichsam als vermittelnder Genius. Mit jeder Hand hielt sie eines der Kinder gefaßt und bemühte sich, dieselben einander näherzubringen, was ihr jedoch durchaus nicht gelingen wollte, weil Hieronymus, schüchtern und verlegen, immer zurückwich; und so vermochte die Base es mit keiner Lieb dahin zu bringen, daß die Kleinen sich die Hände reichten. – Später allerdings ging die Sache besser.

Der Abstand zwischen dem höheren und niederen Herkommen ward in jugendlicher Zutraulichkeit bald vergessen, und nach einer Weile wandelten die beiden Hand in Hand zwischen den Beeten umher. Helene machte ihren neuen Freund auf jede Blume und Blüte aufmerksam, an deren Pflege und Wachstum sie als Mithelferin der Hausfrau kindlichen Anteil genommen; denn manche Stunde verbrachte sie hier im Garten und Haus. Zuletzt führte sie ihn zu einem Beetchen an der Mauer, welches ihr gehörte und worin der Anfangsbuchstabe ihres Namens eingesät und bereits als zartes Grün auf dem dunkeln Grunde sich zeigte. – Und als Hieronymus die Entdeckung machte, dieses H sei ja auch der Anfangsbuchstabe seines Namens, ward dies mit Jubel dem lächelnden Feldwaibel verkündet, der bisher behaglich auf dem sonnigen Bänkchen sitzengeblieben. Nur ungern trennten sich die beiden Kinder, als das Mädchen zuletzt von der Magd zum Mittagessen abgerufen wurde.

Helenchen war die Tochter des Herrn Oberamtsrats, der in der Nähe ein herrschaftliches Haus bewohnte. Herr Rat und Frau Rätin waren dem Feld-waibelschen Ehepaar in Gnaden sehr gewogen, und die Frau Amtsrätin kam oft herüber, um in allerlei häuslichen Angelegenheiten die Hilfe der dienstfertigen Frau Annakäther in Anspruch zu nehmen. Und auch dem Feld-waibel war es nicht selten vergönnt, tätig dort mit Hand anlegen zu dürfen – versteht sich, ohne Sold.

Nachmittags pflegte sich, in regelmäßigem Gang wie eine Wälderuhr, der Tambour Gsell einzustellen. War es gestern, am Vorabend, sein Geschäft gewesen, das Kolett seines Feldwaibels mit Weißerde anzustreichen, auszuklopfen und auszubürsten, Knöpfe und Schnallen blank zu machen, so kam er jetzt, um den Vögeln in den Käfigen Mehlwürmer, Ameiseneier und andere Leckerbissen zuzustecken. Nebenbei unterließ er natürlich nie, pflichtgemäß Rapport zu erstatten über wichtige Stadtneuigkeiten. – Solche gab es heute glücklicherweise keine, wenigstens keine, die aufregender Natur gewesen wären. Und so konnte der Feldwaibel ungestört seine Zeit dem Gaste widmen.

Nach der Vesper machten sie zusammen einen Spaziergang, hinab durch die Wiesen, über Almendshofen nach Donaueschingen. Es war ein Tag, den man unmöglich in Haus und Stube zubringen konnte – voll Lerchenwirbel und Himmelsruh. – Es lag in der Absicht des Feldwaibels, dem wißbegierigen Knaben die Hauptmerkwürdigkeit der Gegend, die Donauquelle, zu zeigen.

Bei dem kleinen Wäldner war die Neugierde um so größer, als ihm der Lehrer Bachweber schon so mancherlei vom Donaustrom, vom Ursprung bis zum Ausfluß, erzählt hatte: wie das Gewässer oberhalb Ulm schon zweihundert Schritt breit und schiffbar werde – und wie er, als Schneidergeselle auf seiner Wanderschaft von Ulm abwärts, auf dem Wiener Ordinarischiff nach Wien gefahren und sicherlich weiter bis nach Ungarn und ans Schwarze Meer gekommen wäre, wenn’s der Zufall oder das Glück nicht gewollt, daß er, bald nach seiner Ankunft in der Kaiserstadt, ein Engagement als Kompanieschneider gefunden hätte.

Hieronymus hatte sich den Ursprung immer ziemlich stark vorgestellt, wenigstens so viel Wasser, meinte er, werde der Brunnen haben wie die Breg bei Hammereisenbach.

Nun sah er aber, im Schloßhof angekommen, eine Quelle, etwa halb so groß wie der Forellenweiher beim Laubhauserhof. – Während er in das Quirlen und Blasenaufwerfen des kristallklaren Wasserbeckens hinabschaute, erzählte ihm der Vetter, wie es früher Sitte gewesen, daß jeder Fremde, der zum erstenmal die Quelle in Augenschein genommen, zum Andenken einen Sprung in dieselbe habe tun müssen. „Ist es ein Vornehmer, ein Fürst oder Edelmann gewesen“, berichtete er, „so ist ihm vorher der Willkomm im großen silbernen Becher dargereicht worden, wozu die Böller geknallt und die Musik gespielt haben. – So soll es auch dazumal gewesen sein – wie mir ein Piarist am hiesigen Pädagogium erzählt hat -, als Kaiser Max, von Villingen her, den Donauursprung besichtigt hat. Da seien allhier Zelt‘ aufgeschlagen und allerlei Spiel‘ und Kurzweil getrieben worden.“ „Der Lehrer hat uns oft g’sagt“, nahm Hieronymus das Wort, „der rechte Ursprung sei eigentlich unsre Breg, weil sie am weitesten herkommt.“

„Ich weiß“, versetzte der Feldwaibel, „die Gelehrten und Professoren, die ja sonst alles am besten wissen wollen, sind in diesem Punkt selber nicht im klaren. Erst kürzlich hat der Abt von St. Blasi eine Landkart im Druck ausgehen lassen, die unser Hauptmann letzthin auf die Wachtstube gebracht hat, auf welcher weder der hiesige Quell noch die Bregach – sondern die Brig hinter St. Georgen als der alleinige Ursprung der Donau verzeichnet ist.

Ja, wem soll man jetzt glauben?“ fragte Hieronymus, der keinenfalls der Brig den Vorzug vor seinem heimatlichen Bach einräumen mochte.

„Wem man glauben soll? – Den Alten!“ entschied der Feldwaibel. „Seit Menschengedenken heißt die Quell hier und die drüben bei Allmendshofen – Donau. Und bis die Gelehrten einmal einig sind, wird es am besten sein, den Ursprung hier in der Baar anzunehmen, wo das wässerige Kleeblatt gleichsam zu einem Stiel zusammenwachst.“

Selbstverständlich wird die Donauquelle besichtigt und der jahrhundertalte Streit um die „richtige“ Quelle wird diskutiert. Die Argumente waren vor 200 Jahren genau die gleichen wie heute und der Feldwaibel entscheidet, dass die Donau ihren Ursprung hier in der Baar habe, wo das „wässrige Kleeblatt gleichsam zu einem Stiel zusammenwachst“.

Das schien auch dem Kleinen das vernünftigste zu sein; und der Vetter sagte ihm dann, sie wollten jetzt noch einen Gang durch den fürstlichen Hofgarten machen. Der Hofgärtner besorgte früher den Dienst im Schloßgarten zu Hüfingen, wo ihn der Feldwaibel oft besucht und manche Tulpenzwiebel oder sonstige Sämerei von ihm erhalten hatte. Sie trafen den Mann im Garten, vor dem Treibhaus; und während er ihnen bereitwillig die Pflanzen und Blumen zeigte, erzählte er seinem Freunde, daß die fürstliche Regierung nächstens einen Befehl ergehen lassen werde zur Bepflanzung der Landstraßen mit Obstbäumen. „Es ist wahrhaftig kein Überfluß“, meinte er, „wenn die Baar mit Bäumen geziert wird. Denn, sagt selbst, Feldwaibel, ist es nicht ein trostloser Anblick, wenn man zum Beispiel aus dem schönen Kinzigtal heraufkommt und unsere baumlose Hochebene überschaut?“

„Wie man’s nimmt“, entgegnete der Feldwaibel. „Als Gärtner habt Ihr vollkommen recht. – Fragt aber einmal einen Bauern, der wird Euch sagen, daß es in der Welt nichts Schöneres gebe als so ein glatter Fruchtösch, Feld an Feld wie ein Schachbrett – insonderheit wenn die Ernt reif ist und das Aug über die gelben, im Sonnenschein wie ein Meer schwankenden Kornfelder hinschauen kann.“
„Ganz richtig“, versetzte der Hofgärtner. „Hätt ich aber zu befehlen, so müßte mir jeder Bauer wenigstens ein halbes Dutzend Obstbäume in jeden Acker pflanzen.“
„Würde nicht lang guttun“, meinte der Feldwaibel, „der Bauersmann ist kein Freund vom Schatten; und das hiesige Klima ist dem veredelten Obstbaum nicht günstig. Besser als das wäre meines Erachtens, wenn man das Wildobst im Wald und Feld mehr schonen würd. Erinnere mich noch recht wohl, wie wir daheim den ganzen Winter über gedörrte Holzäpfelschnitz oder teige Holzbirnen im Vorrat gehabt haben. Und eine ordentliche Kunkelstube hätt Euch den Abend nicht rumzubringen gewußt, wenn die Spinnerinnen keine Schnitz oder gedörrte Schlehen zum ‚Annetzen‘ gehabt hätten. – Und jetzt noch darf in keinem rechten Bauernhaus das Fäßle hinterm Ofen fehlen, in dem die Bäurin ihren Essig aus Wildobst aufbewahrt.“

„In dem Punkt mögt Ihr recht haben, Feldwaibel“, räumte der Hofgärtner ein. „Andernteils aber müßt Ihr wieder zugeben, daß so manches unbenützte Plätzlein um Haus und Dorf vorhanden ist, wo ein Baum, gleichviel, ob Obstbaum oder sonst einer, recht gut stehen und niemand im Weg sein würde.“

„Einverstanden, Herr Hofgärtner, bin ganz Eurer Meinung“, sagte der Feldwaibel, „und bedaure nur, daß der alte Brauch mit Pflanzen von Linden so ganz abzukommen droht. Denn abgesehen von den Gemeindelinden ist keine Kirch, kein Kirchhof, keine Kapell oder Schützenhaus gewesen, wo früher nicht Linden hingepflanzt worden sind. – So ein Lindenbaum aber ist für den Landmann eine kleine Apothek, wo er den Lindenblütentee umsonst haben kann, für die Immen im Frühling aber eine wahre Honigweid. – Und daß auch der Holzbildhauer am liebsten zum Lindenholz greift, wenn er etwas Schönes machen will, ist bekannt.“

Dieses bis heute leidige Thema läßt sich auch an der Geschichte der Freunde der Natur sehen. Der Vater von Lucian Reich, Luzian Reich senior, hatte zusammen mit dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und anderen in der Hüfinger Anlage einige Bäume gepflanzt. Der Hauptteil selber aber wurde 1821 von wütenden Bauern zerstört. Baaremer Bauern scheinen traditionell etwas gegen Bäume zu haben, auch wenn diese nicht auf ihrem Land stehen.

Hieronymus schenkte begreiflicherweis diesem landwirtschaftlichen Gespräch, das die beiden noch eine Weile fortsetzten, wenig Aufmerksamkeit.

Interessanter als Holzäpfel und Lindenblüten erschienen ihm die prächtigen Pomeranzen- und Zitronenbäume, die er hier mit ihren Früchten zum erstenmal in natura zu sehen bekam. – Nachdem der Feldwaibel dann noch etwelche neuangekommene Blumensorten umständlich bewundert hatte, trat er mit seinem Vetter den Rückweg an.

Viel Neues und Schönes brachte auch der zweite Pfingstfeiertag, an welchem der Feldwaibel seinen Gast sogleich nach dem Essen hinauf ins fürstliche Schloß führte, das jedem Fremden gerne gezeigt wurde. – Dasselbe, ursprünglich zum Witwensitze bestimmt und jetzt nur von einem Verwalter bewohnt, war erst neuerdings mit allerlei Merkwürdigkeiten neu ausstaffiert und möbliert worden.

Der Feldwaibel besichtigt hier mit Hieronymus das Schloss in Hüfingen, welches zu der Zeit nur von einem Verwalter bewohnt war.

Das war denn für Hieronymus wieder eine ganz neue Welt. Schon das hohe geräumige Stiegenhaus, durch welches der Verwalter die beiden führte, erregte Bewunderung. Es hingen da große, in Öl gemalte Ahnenbilder des fürstenbergischen Hauses, die in ihren kriegerischen Rüstungen und prächtigen Ordensgewändern einen tiefen Eindruck auf den Knaben machten. Es waren die ersten lebensgroßen Bildnisse, die er in seinem Leben gesehen.

Nicht minder schön und wunderbar dünkte ihn das, was er in der langen Zimmerreihe zu betrachten bekam. Er glaubte in einem Heiligtum zu wandeln. Die kostbaren farbigen Tapeten, die Vorhänge von schwerem Damast mit großen Quasten, die mit Seidenzeug überzogenen Sessel, Lehnstühle und Sofas, die zierlich eingelegten Kästchen und Pfeilertischlein, von welchen eines ein ganzes Kartenspiel, benebst dem Titelblatte eines Kalenders in kunstvoller Einlage zeigte, die allmächtig großen Spiegel, in denen der Kleine seine ganze Figur vom Kopf bis zum Fuß betrachten konnte – alles war ihm neu und entlockte ihm Ausdrücke des höchsten Erstaunens. In einem größeren Zimmer erschaute man Merkwürdigkeiten der seltensten Art. Gleich beim Eintritt fielen die Augen auf eine freistehende, längliche Kommode, auf welcher ein Truthahn, ein Pudel und ein Pfau saßen, überaus täuschend aus verschiedenfarbigen Schneckchen und Muscheln zusammengesetzt. Aus gleichem Material gebildet waren die an den Wänden angebrachten Affen, Waldteufel, Tiger und Meerkatzen, alle so natürlich, daß man fast darob erschrak. Dazwischen wieder ganze Landschaften, Städte, Schlösser und Seehäfen mit Schiffen, aus Rinde, Baumzweigen, Moos und Korallen gemacht.

Der Verwalter sagte dem entzückten Kleinen, daß alle diese Herrlichkeiten eigenhändige Arbeiten des fürstlichen Archivars in Donaueschingen seien. Ein anderes Gemach, das dem jugendlichen Beschauer groß wie ein Saal vorkam, war mit hübschen, mythologischen Figuren geziert, Grau in Grau auf die Wand gemalt; und in einem folgenden, äußerst behaglichen Kabinettchen mit der Aussicht auf die Brücke und die Lorettokapelle sah er zum erstenmal in seinem Leben ein Welschkamin. Kohlen und Feuerzange lagen noch da, als wär die wärmende Glut erst gestern ausgegangen. – Dann kamen Zimmer mit schönen Gemälden: Herodias, das Haupt des Johannes tragend, Diana auf der Jagd, Lot und seine Töchter, Wildbrethändler, Landschaften, Bataillenstücke, duftige Pastellbilder, Windhunde und seltenes Wild. – Auch war zu finden eine Anzahl Vögel, halb erhaben mit natürlichem Gefieder, auf Tableaux aufgelegt, jeder in seinem Element, im Wasser, auf dem Baum oder im Gras. Und die nebenbei in Kästen zur Schau gestellten Mineralien und Stufen aus den Bergwerken im Kinzigtal sowie verschiedene Kuriositäten bildeten eine von allen Kennern jener Zeit hochgeschätzte Sehenswürdigkeit.

Am meisten bewunderte Hieronymus den großen Elefantenzahn, den er mit Mühe kaum vom Boden zu lüpfen vermochte, nicht minder das Straußenei, die Kokosnüsse, die glänzenden Meermuscheln und den großen Magnet, der ein ganzes Hufeisen trug. Und blickte er an die Decke hinauf, so mußte er staunen über die Tempel, Girlanden und Figuren, welche halb erhaben, in Stucko, die Plafonds schmückten.

Der gute Junge hatte nur einen Wunsch, daß auch Vater und Mutter anwesend sein möchten, um teilzunehmen am Beschauen all dieser Herrlichkeit.

Nachdem das Merkwürdigste oben beschaut, stiegen sie in den Schloßgarten hinab, um sich in der schattigen Lindenallee und zwischen den geschorenen Hecken und Laubwänden vergnüglich zu ergehen. Und als zum Schluß der Vetter beim Verwalter, der zugleich auch wirtete, ein Glas frisches Braunbier mit Käs und Brot bestellt hatte, ließ sich Hieronymus, der sich ganz müde und hungrig gesehen, diese leiblichen Genüsse mit ebenso großer Inbrunst schmecken wie vorher die geistigen.

Im Verlauf des Nachmittags ward unserm Wälderkind auch noch Gelegenheit geboten, den sogenannten Pfingstritt der Knechte und Roßbuben mit anzusehen, von welchem der Vater oft schon erzählt hatte. – Mit bebänderten Tannenbäumchen in den Händen, zog die verschieden kostümierte Kavalkade durch das obere Tor in die Stadt ein, wo nach den üblichen Sprüchen und Schwänken der vollständig in Rinde gehüllte „Pfingsthagen“ unter dem Jubel der Schuljugend in den Brunnen geworfen wurde. Nach dieser feierlichen Handlung wurde vor den Häusern gesammelt, zum Schmaus, welcher im Wirtshaus zum Leuen abgehalten werden sollte. Auch dabei, bei diesem Umritt, war es Aufgabe der Gassenjugend, den armen durchnäßten Pfingsthagen tüchtig zu necken, der, hinter den andern herreitend, die Hände zu den Fenstern emporhob mit dem beweglichen Ruf: „I ha au no nünd!“ Nach all diesen Erlebnissen sehnte sich Hieronymus wieder recht sehr nach Hause, um den Eltern und Kameraden von dem Gesehenen und Gehörten ausführlich Bericht erstatten zu können.

Am Ende des Kapitels wird der Pfingstritt der Knechte und Roßbuben beschrieben, an dessen Ende der Pfingsthagen in den Brunnen geworfen wurde.

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