Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Bearbeitet, Original vom Sommer 2021

Lucian Reich aus Karlsruhe, 25. März 1853

Liebe Eltern!
Vor lauter Geschäften bin ich nicht dazu gekommen der lieben Mutter zum Namensfeste zu gratulieren, es soll deshalb noch nachträglich geschehen. Der lieben ? ebenfalls, ich habe ihr als Namenstagsgruß ein Exemplar Hieronymus hübsch einbinden lassen und werde es nächstens an sie abgehen lassen.
Unsere hiesigen Subscribenten sind mit dem Werke alle sehr zufrieden, man hört nur Günstiges darüber. Die Besprechung von Dr. J. Bader darüber in der Carlsruher Zeitung lege ich hier bei, sie ist besser als die Fiklerische in den Landblättern. Beim Fürsten bin ich sehr gut aufgenommen worden. – Es wird gut sein wenn Heinemann vielleicht nur von hundert zu hundert druckt daß wir recht bald wieder in (?) kommen. Der Zettel mit den Druckfehlern ist allerdings eine von Vogel unnötigen Sparsamkeiten,

übrigens unbedeutend, der Buchbinder muß eben das Blatt auf ein Papier aufziehen. Bei den nächsten Versendungen muß es auf ein ganzes Blatt gedruckt werden. Stotz hat in Neustadt Abonnenten: Marie
Hoffmayer, lieferungsweise.
Hübsch wartet sehnlichst auf den Giebel. Xaver wird einige Zeit hier verweilen müssen. Es wäre mir lieb wenn Heinemann vorerst keine der Bilder frisch zeichnen würde, um den Druck nicht aufzuhalten. Auch muß ich gestehen daß mir der Büchsenmacher welcher Kugel gießt, nicht unwerth ist. Die Bilder finden überhaupt bei jedermann den entschiedensten Anklang. Die Art der Ausführung zieht jedermann unwillkürlich an. In Frankfurt hat sich eine Buchhandlung zur Sammlung der Sache erboten. Überhaupt scheint mir daß die ganze Sache recht gut im Gang ist.
Indem ich Euch Alle tausend mal grüße
Euer Lucian
Carlsruhe, den 25. Mrz. 53
Xaver möge nicht vergessen die Büsten vom Fürsten und der Fürstin mit hierher zu bringen.

Lucian Reich aus Rastatt, 1. August 1856

Liebe Eltern!
Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, und ich freue mich wieder einige Wochen bei Euch sein zu können. Bevor ich nach Hüfingen komme, werde ich jedoch, des früher besprochenen Projekts wegen, an den See, in die Umgegend der Arhenberger reisen. Läßt sich etwas damit machen, so kann der Aufenthalt wohl 14 Tag bis 3 Wochen dauern. Ist der Stoff nicht ergiebig, so werde ich einen Ausflug nach Zürich machen und dann direkt nach Hüfingen kommen. Unsere Prüfungen am Lyceum beginnen dieses Jahr schon mit dem 13. und ich hoffe davon

dispensiert zu werden, weil ich doch nichts dabei zu thun habe. Ich hoffe Euch Alle gesund und wohl anzutreffen; daß dir lieber Vater die Brüder in Dürrheim so gute Dienste geleistet, hat mir Heinemann geschrieben.
Von Kreidel habe ich dieser Tage Nachricht bekommen, daß das Mainau-Werklein dem Regent vorgelegt worden sei. Kreidel ertheilt der Arbeit sehr große Lobsprüche und glaubt daß sie der Regent gewiß gebührend würdigen werde. Die vorige Woche traf auch ein Schreiben von Paris ein, worin gesagt wird, daß der Uhrenmarkt angekommen sei. So wie man hört, will das neuvermählte Paar etwa am 28. Sept. die Rundreise durchs Land antreten und auf der Mainau eine kleine Rast einlegen.

Indem ich Euch und Alle herzlich grüße
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 1. Aug. 56
Die Ernte fällt hier sehr gut aus. Die Früchte sind von außerordentlicher Qualität und auch die Kartoffeln versprechen das Beste.

Lucian Reich aus Rastatt, 22. Mai 1857

Liebe Eltern!
Die Nachricht, welche mir Heinemann von dem dir lieber Vater zugestoßenen Unfall mitgetheilt, hat mich nicht wenig erschreckt, aber auch wiederum getröstet, da ich die Versicherung erhielt, die Verlezungen seien Gott sei Dank nicht gefährlich und im Verlauf weniger Tage so geheilt worden, daß du lieber Vater wieder deine täglichen Ausgänge machen kannst. Wir können alle dem Himmel nicht genug danken, daß der gefahrvolle Tag nicht zum wirklichen Unglückstag für uns geworden ist, was bei der Größe der

Gefahr, so leicht hätte der Fall sein können. Gott wolle uns vor ähnlichen Ereignissen gnädig bewahren. Ich kann mir denken, wie es die liebe Mutter und alle Familien-Angehörigen erschreckt haben wird.

Dem Heinemann werde ich nächstens schreiben. Wegen Xavers Angelegenheit in Baden konnte ich bis jezt noch nichts thun, da ich bei meinem kürzlichen Besuche dort den Fohr zufällig nicht angetroffen habe. Ich werde nächstens wieder einmal hinüber gehen.

Hier in Rastatt geht alles seinen gewohnten ruhigen Gang fort; vom Ministerium erhielt ich die Versicherung, daß mein Gehalt demnächst auf die normalen 600 fl gestellt werden solle.

Indem ich baldigen weiteren Nachrichten entgegen sehe, wie es dir lieber Vater ferner geht, grüße ich alle herzlich
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, d. 21. Mai 1857

Lucian Reich aus Rastatt, 3. Mai 1858

Liebe Eltern!
Ich wollte bisher warten Euch Nachricht zu geben bis ich dem Heinemann zugleich hätte die Holzstöcklein für den ? ? mitschicken können. Dies kann aber erst im Laufe der nächsten Woche geschehen. Ich bin sehr begierig, wie es dir liebe Mutter geht, hoffentlich von Tag zu Tag besser. Den gleichen Tag, wie ich hierher kam hatte eine Nachbarsfrau, die viel zu meinen Hausleuten kommt das nämliche Unglück

nur war der Fall gefährlicher, weil der Knochen durch die Haut herausdrang. Sie mußte bis jetzt liegen, den Arm auf einem Kissen befestigt. Ich bin hier wieder in meine gewöhnliche Tätigkeit eingetretten. Von Freiburg höre ich daß die Zeichnungen zu den Glasfenstern sehr viel Beifall finden. Auf Xavers Großherzog ist man allenthalben sehr gespannt; er wird aber gut thun, wenn er selbst damit nach Carlsruhe geht. In Baden herrschen noch immer die Blattern und es geht niemand hin, der nicht

muß. Wenn ich nach Carlsruhe komme so werde ich den Schmuck für den Sepperle für seine getreue Pflege dort einkaufen. Bis dahin lebt alle wohl und benachrichtigt mich bald wie es der lieben Mutter geht. An Xavers Familie und Heinemann, Nober viele herzliche Grüße

von euerm dankbaren Sohn
Lucian
Rastatt, 3. Mai 1858

Lucian Reich um 1860
Dieser Brief ist nicht datiert, aus dem Inhalt geht aber hervor, daß er um 1860 geschrieben sein muß. Um 1860 war Franz Xaver mit der Ausführung des Großherzog-Leopold-Denkmals beschäftigt.
Josefa Namenstag ist am 19. März.

Liebe Eltern!
Zum morgigen Namensfeste gratuliere ich dir liebe Mutter herzlich, der Himmel möge uns dieses Fest noch vielmal ungetrübt feiern lassen. Wie ich heute von Heinemann höre wird die Base Martha, die leider keinen guten Winter gehabt hat, ? zu Euch hinauf kommen, sollte sie gerade bei Euch anwesend sein, so bitte ich sie herzlich zu grüßen.

In Herrn ? Angelegenheit bin ich immer noch derselben Ansicht, wie ich sie ihm umgehend mitgetheilt habe. Er soll sich auf ein auswärtiges Gutachten, wobei auch Männer vom eigenen Fach mitzusprechen haben, berufen, gegen ein willkürliches ? näher ? Verwerfung ? der Auffassung und der Motive, wodurch ja alle künstlerische Freiheit gerade zu ver? wäre bescheidenen Einspruch erheben.
Im Übrigen sich bei nochmaliger Bearbeitung streng an die Natur halten, was abgeschlossen von anderen Künstlern und ihren

Arbeiten der einzig richtige Weg ist, wobei auch nicht gesagt ist, daß man sich in Kleinlichkeiten verlieren soll. Sollte er Lust haben nach München zu gehen, so würde ich dort nur kleine Skizzen machen oder vielmehr in kleinen Skizzen von den jezigen Figuren beibehalten was man dort für gut findet.

Sollten in Betreff der Leopoldfigur Steine in den Weg zu werfen versucht werden, so würde ich mich entschieden auf das gegeben gutheißend Wort des Großherzogs und seines Bruders des Prinzen Wilhelm berufen,

Leopold I. Grossherzog von Baden von Xaver Reich in Konstanz

und dem Großherzog zu bedenken geben, daß mit Zurücknahme dieses gegebenen Wortes ?? dein Ruf als Künstler gefährdet werde. Die Figur ist entschieden gut und wird später, wenn sich die Staubwolken verzogen haben, ihre Anerkennung finden.
Indem ich bitte der lieben Josephine im Garten zu gratulieren ebenso bei Nober auch bei Heinemanns meine Grüße auszurichten.
Euer dankbarer Sohn Lucian
Unsere diesjährigen Remunerationen sind für diejenigen, welche keine Dienstwohnung haben, um 50 reichlicher ausgefallen.

Lucian Reich aus Rastatt, 3. Januar 1861
Die 5. Tochter von Xaver Reich, Amalie, wurde am 25.12.1860 geboren und starb erst am 31.08.1955 in Hüfingen.

Liebe Eltern!
Zum neuen Jahr meine herzlichsten Glückwünsche; der Himmel wolle uns noch lange gesund und wohl beisammen erhalten. Ebenso wünsche ich dir lieber Vater zum Namensfeste Glück und Segen. Eine dritte Gratulation bitte ich in Xavers Familie gelangen zu lassen, wegen der glücklichen Ankunft des Christkindleins.
Über die Brunnenangelegenheit ist noch keine Bestimmung getroffen;

nur soviel wurde mir gesagt, daß die Kosten zur Figur durch freiwillige Beiträge gedeckt werden sollen. Vor einigen Tagen erhielt ich aus Württemberg eine Anfrage wegen 2 Cartons zu Kirchenfenstern.
Dieser Tage werdet Ihr ein Kistchen mit einigen Flaschen Markgräfler erhalten.
Indem ich alle Familienangehörige herzlich grüße und ihnen Glück zum Neujahr
wünsche
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, 3. Jr. 61

Lucian Reich aus Rastatt, 18. März 1866
Eine Tochter von Xaver Reich war Marie Josefa Amalie Reich. Sie hat am 08.03.1866 den Karl Eschborn, FF Forstverwalter, geheiratet. Sowohl die Mutter von Lucian Reich als auch seine Nichte hießen also Josepha. (Vielen Dank an Markus Greif, der das Rätsel mit dem Eschborn’schen Haus entziffert hat)

Liebe Eltern!
Zum hl. Josephsfest meine herzlichsten Glückwünsche dir, liebe Mutter, so wie auch unsere Josepha’s im Garten und neugegründetem Eschborn’schen Hause.
Die frühe Ostern macht mir die Ferienreise zu Euch hinauf unthunlich. Mein Bild erfordert zur Vollendung noch recht gut den ganzen Monat, und da ich die Goldrahm dazu hierher bekomme, so werde ich es noch einige Tage im Schloß zur Ansicht aufstellen. Ich glaube, daß es sehr gut geworden ist. Nach diesem werde ich noch zwei kleinere Altarbilder für eine

Kirche in der Nähe von Ettlingen malen. Unterdessen wird der August herankommen, den ich dann wie gewöhnlich zur Hinaufreise benützen werde.
Xaver wird am besten thun, das Relief mit Oel- oder Schellack zu colorieren, denn auch in der großen Tonwaarenfabrik bei Koblenz geschieht mit Figuren, Vasen etc., die ins Freie kommen, das gleiche.
Indem ich Euch alle, ins besonders das junge Ehepaar, von dem ich gestern einen Brief erhalten, bestens grüße Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 18. Mrz. 66

Luzian Reich (07.01.1787 – 18.12.1866) und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866). Die lieben Eltern starben kurz nacheinander vor Weihnachten 1866.
Foto von Johann Nepomuk Heinemann (dem lieben Schwager) etwa 1866.

Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 19. September 1880.
Margareta Stoffler aus Geisingen war die Frau von Lucian Reich und Mutter der einzigen Tochter Anna. Marie Heinemann war die einzige Tochter von „Lisette“ Reich (seine Schwester Elisabeth 15.12.1819-22.06.1871) und dem „lieben Schwager“ . https://hieronymus-online.de/hufinger-kunstlerkreis/

Lieber Schwager!
Das an Xaver und Dich gerichtete Schreiben wird Dir mitgeteilt worden sein.
Euch beiden, als den nächsten Angehörigen, wollte ich keine gedruckten Todesanzeigen zuschicken. Dir das tiefe Gefühl der Trauer über diese ? zu schildern, kann ich unterlassen, da du von dem gleichen Geschick betroffen worden und alles schmerzliche an dir selbst erfahren hast. Dieses Geschick hat ohnehin viel Gemeinsames, unsere gute unvergeßliche Margarete viel Ähnlichkeit mit der guten Lisette selig. Beide gleich anspruchslos u. verzichtend auf äußerlichen Lebensgenuß opferten sich ganz

den Ihrigen. Beiden war nur eine Tochter beschieden, auf die sich ihr ganzes Lebens? vereinigt hat. Und was uns selbst betrifft, so sind wir beide im Alter, wo man nur noch im Wohlergehen u. Glück der Kinder sein eigenes Finden kann.
Was nun meine gute Anna betrifft, so war sie an dem 10 monatlangen Krankenlager der Mutter fast über ihre Kräfte angestrengt, so daß sie jezt der Ruhe und Erholung dringend von nöthen hat. Wir haben eine Schwester der Verewigten bei uns, die einige Wochen bleiben. Anna hofft, Du werdest gestatten, daß deine Marie im Laufe des Winters auf Besuch zu uns kommt. Obwohl uns die Trauerzeit nunmehr Zurückgezogenheit auferlegt, so würden wir ihr den

Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen versuchen.
Mit herzlichen Grüßen auch von Anna Dein trauernder Schwager Lucian R.
Rastatt, 19. Sept. 80

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt “Muckle” (1817 – 1902) mit Fes? Mütze; Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.

Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 24. Sept. 1880

Lieber Schwager!
Dein Schreiben mit der Versicherung, Deine Marie werde uns besuchen, war ein freundlicher Lichtstrahl im Dämmer unserer Traurigkeit. Anna meint wenn sie nur schon da wäre, damit sie ihr Herz gegen sie ausschütten könnte. Wie man aber den Kindern nicht alles zur gleichen Zeit gibt, sondern die Süßigkeiten vertheilt, damit sie lange daran haben, so bin ich der Meinung, solle man es auch mit Liebeswerken umgehen, u. glaube, daß Marie ihren Besuch auf eine Weile verschieben solle, bis die Schwägerin, die wir hier haben uns verlaßen hat. Es würde sonst der Fall eintreten, daß beide, sie und Marie, uns zur gleichen Zeit wieder allein lassen würden; und würden wir dann

Marie Heinemann

die schmerzliche Lücke, zumal Abends, doppelt fühlen. Bis dorthin werden wir, so hoffe ich, dann auch wieder in der Faßung u. Stimmung sein, Marie den Aufenthalt mehr angenehm zu machen. Anna, die in der Sorge u. Wiederinstandsetzung unseres Hauswesens, einen Ableiter gegen trübes Sinnen und Denken sucht, wird dann sich wohl auch wieder mehr ihren Freundinnen zu wenden, von welchen einige bei unserem Unglück sich treu bewährt haben. Auch ich werde mich mehr in’s Unvermeidliche fügen gelernt und wieder mehr Theilnehmend gegen Alles was mir Gutes und Liebes noch geblieben ist, erzeigen können. Abends gehe ich nicht mehr aus, u. werde nicht mehr ausgehen. Meist bin ich um 9 Uhr schon zu Bett, ebenso Anna und unsere Base. Es sind nun schon 8 Tage seit dem Hinscheiden unserer guten Mutter Margareth, so schnell

auch im Trübsinn die Zeit hingeht, so habe ich doch das Gefühl, als wäre sie uns schon seit Jahren entrißen.
Hätte ich nicht für Anna zu leben u. zu sorgen, so würde ich im Hinblick, daß auch meine Laufbahn naturgemäß keine allzulange mehr sein kann, mit Shakespeare im Hamlet ausrufen, „s’ist ein Ziel, auf’s innigste zu wünschen!“ – Doch genug hiervon. – Anna erwartet täglich ein Brieflein von Marie, die wir beide herzlich grüßen wie Euch alle
Euer trauender anhänglicher Schwager und Onkel
Lucian
Rastatt 24. Sept. 1880

*Transkription unter den Briefen ist das meiste von einer großen Unbekannten – mit einer Schreibmaschine getippte Seiten waren bei den Briefen dabei. Ist also nicht alles von mir.

Maria Josepha Heinemann Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.
Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.

Feld- und Hirtenleben

Hieronymus Kapitel 6

Sechstes Kapitel gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich

“Kennst du auch die goldene Zeit
Mit den frommen Kinderträumen
Ach sie darf nicht lange träumen
Ihre Heimath liegt gar weit”

A. Schreiber

Feld- und Hirtenleben

In das Stilleben des heimatlichen Tales zurückgekehrt, hatte Hieronymus Muße genug, die Erinnerungen, die er als bunte Bilder aus der Stadt mitgebracht, zurechtzulegen und andern mitzuteilen.

Mit erneuter Lust und Liebe wollte er jetzt wieder hinter das Zeichnen und Malen gehen. – Doch vorderhand mußte er seinen Eifer zähmen; denn mit dem Frühling waren andere Beschäftigungen gekommen, die, an den Spruch erinnernd: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen, wohl geeignet waren, die Gedanken abzuziehen und auf das Alltägliche, Materielle zu lenken. Nebst einem Vierling Feld zu einem Küchengarten hatte Mathias vom Hofbauern einige bisher unbebaute Grundstücke in Pacht erhalten; sie lagen entfernt vom Haus oben am Waldsaum. Um sie zur Ansaat tauglich zu machen, mußten sie erst umgebrochen werden. Da hieß es denn „schaffen, solang der Tag ei’m hilft“. Seines Handübels wegen konnte der Vater, wie schon erwähnt, schwere Feldarbeit für sich allein nicht mehr verrichten, während die Zeit der Mutter mit Hausgeschäften und dem Nähen für Kunden vollauf in Anspruch genommen war. – So mußte denn der Sohn ein übriges tun, soviel es die noch schwachen Kräfte erlaubten. – Es war kein leichtes Geschäft, das mit Gestrüpp und Unkraut bewachsene Feld umzubrechen und den steinigen Boden zu behacken – doch tat er’s mit Freuden, im Bewußtsein, den Eltern damit ihr Los erleichtern zu können. Wenn er aber dann abends mit dem Vater heimkam, mit schrundigen, oft blutiggerissenen Händen, so war’s ihm nicht mehr ums Zeichnen und Malen.

Ja, oft beschlich ihn der Gedanke, er werde wohl zeitlebens ein gewöhnlicher Taglöhner bleiben und den Vater, der immer mehr über zunehmende Schmerzen in der Hand klagte, unterstützen und vor Not schützen müssen. – Waren solche Geschäfte beendigt, so kamen wieder andere; und bis das Heu und Ohmd unter Dach und Fach waren, die Garben gebunden und gedroschen waren, mußte mancher Schweißtropfen über die Wangen rinnen. Und zu alldem war der Sohn des Hausmanns häufig auch noch vom Bauer selbst in Anspruch genommen, namentlich im Herbst, wenn das Vieh auf die Weide getrieben und gehütet werden mußte. Dieses Amtlein lag dem Kleinen meist ausschließlich ob; doch hatte er nicht selten dabei eine Gesellschafterin – Florentina, das Töchterlein des Hofbauers.

Das Kind des reichen Mannes hatte in der Jugend wenig Genuß von der Wohlhabenheit des Vaters. Dieser, ein eigensinniger Mann, dem alles nur nach seinem Kopf gehen sollte, setzte etwas darein, seine Kinder, wie er sagte, nicht zu verzärteln und sie in Geschäften und Kleidern den Geringsten im Tale gleich zu halten. So ersparte ihm der ganz nach seinem Sinne geartete einzige Sohn Peter, kaum den Kinderschuhen entwachsen, beinahe schon vollständig einen Knecht. Der Junge fuhrwerkte und tat wie ein Alter.

Tagelang half er dem Fahrknecht mit dem Zuge Bauholz und schwere Holländerstämme aus den Waldungen schleifen; und wenn er abends heimkam, so verrichtete er unverdrossen und pünktlich noch alle Geschäfte im Stall und beim Haus. Freilich – in der Schule hatte er’s kaum zum Lesen und Schreiben gebracht, was jedoch dem Alten wenig Kummer machte. Florentina hingegen schien weniger nach seinen Wünschen gedeihen zu wollen. Sie zeigte ein aufgeweckteres Temperament. Oft führte sie Klage bei der Mutter über die unnötige Sparsamkeit des Vaters, besonders wenn sie sehen mußte, wie andere Kinder, namentlich ihre Kameradinnen Juliana und Martina, die Töchterchen des Stabhalters, immer so neumodisch geputzt und nett einher kamen, während allerdings in dem barfüßigen Mädchen Florentina niemand die Tochter des reichsten Bauern im Tal vermutet haben würde. In solchen Dingen jedoch war die Mutter von geringem Einfluß bei ihrem Mann. Hatte dieser einmal seinen Kopf auf etwas gesetzt, so blieb’s dabei.

So zum Beispiel wollte er durchaus nicht zugeben, daß seine Tochter in der Schule schreiben lerne. Aber hier siegte die List des Mädchens über den Eigensinn des Vaters. Florentina, von der Mutter begünstigt, machte ihre Schreibstudien in der Mühle, und Hieronymus war dabei ihr Lehrer. Und wahrlich, sie war eine aufmerksame Schülerin, die es in zierlichen Schriftzügen bald ihrem Instruktor gleichtun konnte. – So gewöhnten sich die Kinder an ein stetes Zusammenleben. Sie glichen zwei nahe stehenden Bäumchen, deren Zweige und Kronen immer mehr und mehr ineinanderwachsen und sich verranken, um so in festem, getreuem Zusammenhalten dereinst heitere und stürmische Tage gemeinschaftlich zu durchleben.

Das Hüten der zahlreichen Herden des Hofbauers die lange Herbstzeit hindurch war nicht ohne Abwechslung. Bald geschah es im Talgrund, in den Matten am Bach, bald höher oben am Wald, auf weitschichtigen Heiden, an Abhängen, wo zwischen mächtigen Granitblöcken die nahrhaftesten Futterkräuter wachsen. War das Geschäft an sich auch kein besonders kurzweiliges, so fand Hieronymus eine gewisse Befriedigung in dem Gedanken, es komme ja auch den Eltern zugut, weil die Kuh und die paar Geißen, welche der Vater angeschafft, ebenfalls mit hinausgetrieben werden durften.

Florentina kam nicht nur häufig, um dem Hirtenknaben ein Abendbrot zu bringen, sie war ihm in der letzten Zeit förmlich zur Aushilf beigegeben worden. Es gab keine Stelle auf dem ganzen umfangreichen Hofgut, wo das Zweigespann bei seinem unsteten Feld- und Hirtenleben nicht hingekommen wäre.

An feuchtkalten Tagen kampierten sie in der Köhlerhütte des Forbachklaus und hörten ihm, am Herde gelagert, gerne zu, wenn er vom Heiligen Land, von Jerusalem und Bethlehem erzählte oder von Begebenheiten aus alten Zeiten, von Räuberbanden und Zigeunerhorden. – Sehr oft erzählte er den Kindern auch von der längst versunkenen Stadt, die droben auf dem Laubhauserberg gestanden haben sollte, an der Stelle im Wald, wo jetzt noch viele Steintrümmer zu sehen. –

Hier erzählt der Forbachklaus den Kindern die Geschichte der längst versunkenen Stadt, die droben auf dem Laubhauserberg gestanden haben soll. Laubhausen soll eine keltische Stadt gewesen sei die zum Krumpenschloss gehöre, mutmaßten schon manche. Andere meinen es wäre eine Siedlung aus dem frühen Mittelalter. Wobei diese Vermutung auch inzwischen bewiesen wurde. Sicher ist, dass vom Krumpenschloss sichtbar Mauern übrig sind, von Laubhausen selber nur viele Mutmaßungen.

Ebenso verhält es sich mit der Sage von dem prächtigen Kloster, welches auf dem Tierstein gestanden habe. Hierfür sind die Anzeichen noch dürftiger. Das große Kreuz auf demselben wurde erst 1866 errichtet und dürfte von daher im Buch noch keine Rolle spielen. Aber auch um dieses Kreuz ranken sich schon viele Legenden.

Dann brachte er die Rede auf das prächtige Kloster, welches, der Sage nach, auf dem großen Tierstein gestanden habe. „Es muß“, meinte er, „ohng fähr zu der Zeit g wesen sein, wo noch die Ritter auf dem Zindelstein dort g’haust habe, von denen einer als Kreuzfahrer ins Heilige Land zogen ist und hernach den große Karfunkelstein heimbracht hat. In dunklen Nächte, heißt es, hab er ihn zuweilen auf die Ringmauer g’legt, daß es weit naus ins Tal gezündet hab; und deswegen soll das Schloß den Name Zindelstein bekomme habe.“ –

Der Forbachklaus erzählt auch Geschichten zum Zindelstein und dem Karfunkelstein. Hiernach zog ein Kreuzfahrer von Zindelstein ins Heilige Land und kehrte mit dem Karfunkelstein zurück. Diesen legte der Ritter auf die Ringmauer und das Zündeln erhellte das ganze Bregtal und gab der Burg ihren Namen. Die Geschichten sind in der 1. Version des Buches besser erklärt.

Ruine Zindelstein etwa 1970

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
ruckt alles witers, alles chunnt und goht.

Johann Peter Hebel

Auch vom bösen Grafen auf dem Hammerschloß erzählte der Klaus den Kindern, der vor den rebellischen Bauern die Flucht ergriffen und – damit sie seine Spur nicht finden sollten – seinem Gaul die Eisen verkehrt hab aufnageln lassen. –

Zur Geschichte vom bösen Grafen auf dem Hammerschloß konnte mir Dr. Jörg Martin erhellendes berichten:

Ausführlich wußte er auch zu berichten von den sieben Schwestern von Vöhrenbach und vom Wunderkirchlein, in das die Fräulein vor den wilden Hunnen sich geflüchtet und aus welchem stets noch nächtlicherweile Harfengetön und Gesang erklingen soll.

Die Geschichte von den sieben Schwestern von Vöhrenbach und dem Wunderkirchlein läßt sich auf Wikipedia nachlesen.

Zuweilen war es auch die Hütte Stoffels, wohin das Paar seine Schritte lenkte. Als Hieronymus diesen alten Forstknecht zum erstenmal wieder seit seiner Ankunft aus der Amtstadt sah, erzählte er ihm, der Vetter Feldwaibel hab ihm gesagt, daß im vorigen Herbst der Kuhhirt von Hüfingen um zehn Pfund Wachs gebüßt worden sei, weil ihm der Wolf eine Kuh zerrissen hab.
– Der Alte lachte. „ Was man jetzt für en Aufhebens macht“, sagte er, » wenn sich mal so ne Bestie blicke laßt. Zu meiner Zeit ist es gar nix Seltenes g’wesen. Hab, als ich noch Knecht beim Oberförster g’wesen bin, in einer Nacht oft zwei bis drei g’sehe, wenn wir im Winter vor der Hütte das Schalmenfleisch g’legt habe.“

Florentina dankte Gott, daß diese Tiere seltener geworden. Hieronymus aber versicherte sie, daß, sollte je einmal ein Wolf daherkommen, er dem Luder mit seinem Stock gewiß den Garaus machen werde.

Der letzte Wolf wurde auf der Baar 1805 bei Bachzimmern erlegt. So war wohl die Kuh bei Hüfingen das letzte Tier das vom Wolf gerissen wurde. Was es allerdings mit den zehn Pfund Wachs auf sich hat, kann ich nur erahnen. So musste der Hirte für sein Versagen die Kuh zu schützen, wohl Wachs für Kerzen besorgen?

Oft leisteten sie dem Stoffel auch Gesellschaft, wenn dieser in der erlenbeschatteten Bregach mit dem Forellenfang sich beschäftigte, wobei sie ihm gerne behilflich waren, während das ihrer Hut anvertraute Vieh, zerstreut weidend, in den üppigen Wiesen und Gründen umherlief.

Bei Sturm und Gewitter flüchteten sie unter die hohen, überhängenden Felsen des Tiersteins und lagerten sich unter seinem schwärzlich angerauchten Gestein, wo die Vaganten oft kochend übernachteten. – Nicht selten verschanzten sich die Kleinen auch im verfallenen Gemäuer des einsamen Zindelsteins. – Stille, klare Herbsttage verbrachten sie unter den hohen Tannen des Weißwaldes, wo einzelne Stellen eine weite Aussicht gewährten, bis hinaus zu den Schneebergen der Schweiz. – Wenn sie dann so in der Wildnis, um das glimmende Feuer gelagert, einander ihre geheimsten Herzenswünsche in jugendlicher Lebensfreude offenbarten, kam das Gespräch auf allerlei, in der Nähe und Ferne, Gegenwärtiges und Zukünftiges.

Tierstein

„Wenn du wünschen könntest, was du wolltest, was tätest du dir wünschen?“ fragte ihn einmal das Mädchen.
„Ich? Wenn ich emal groß bin, möcht ich ein Ritter sein, wie der vom Zindelstein einer g’wesen ist; da würd ich fortziehen ins Morgenland, und wenn ich heimkäm, brächt ich dir auch so ein‘ Karfunkel mit, wie der g‘ wesen ist, von dem der Klaus erzählt.“
„Ja“, sagte Florentina, ,weit, weit im Meer, da ist ein Felsen von Karfunkelstein, so groß fast wie der Tierstein; es kommt aber nur wunderselten ein Schiff dazu. Da müßtest du ja ein Schiffsmann sein.“ „Ein Schiffsmann möcht ich kein‘ sein“, entgegnete Hieronymus; „lieber möcht ich ein rechter Maler sein, so geschickt, daß mich der Kaiser an sein‘ Hof berufe tät. „
„Oh, du bist ja schon ein rechter Maler“, meinte Florentina. „Du kannst’s ja fast schon besser als dein Vater. Der kann ja nur Kästen anstreichen und Herrgöttle anmalen; du aber kannst ja schon ganze Bildle malen auf Papier!“
„Hab’s früher au g’meint, daß ich was könn“, entgegnete Hieronymus.
„Seitdem ich aber im Hüfinger Schloß g‘ wesen bin und die Gemäld‘ und andere schöne Sache g’sehn hab, weiß ich, daß ich noch gar nix kann. Wollt nur, du wärst bei mir g‘ wese – hab allewil bei mir selber denkt, wenn nur au die Florentine da wär!“ – Und dann erzählte er der Freundin ausführlich von all jener Pracht und Herrlichkeit, erzählte ihr auch von dem vornehmen, hübsch frisierten Herrenkind im Garten des Vetters, welches zuletzt noch seine gute Freundin geworden usw. – Das war denn freilich eine Welt, von der Florentina, die noch nie aus ihrem Tal herausgekommen, sich kaum eine Vorstellung machen konnte. – Wenn hernach der Tag sich neigte, der Abendstern schon über’m Bergwald flimmerte, und aus dem Tal das Betglöcklein wie eine Stimme aus der Heimat ertönte und die zerstreuten Menschen sich zu sammeln ermahnte, falteten auch sie die Hände zum Gebet.

Manchmal gab es auch größere Gesellschaften, wenn andere Hirten oder Kinder mit Lesholz, mit Körbchen voll Heidel- oder Wacholderbeeren aus dem Wald daherkamen und ein Stündchen sich hier niederließen. – Dann wurden Spiele gemacht; die Mädchen, gesondert, zählten an in fremdklingenden Lauten oder mit deutschen Sprüchlein.

Bei den Buben ging’s gewöhnlich wilder zu. Und hatte man genug ausgetobt und ausgespielt, so scharte man sich zusammen, die Mädchen unter der großen Tanne dort, die mit ihren fast bis auf den Boden reichenden Ästen ein förmliches Dach bildete.

„Wir wollen eins singen!“ heißt es, nachdem alle Platz genommen.
„Was für eins?“
„Es war einmal ein junger Knab'“, schlägt Juliana vor.
„Das mag ich nit“, sagt Florentina, „weil es allewil dabei heißt: das Trauern nimmt kein Ende mehr! – Lieber ein lustiges: Es reist ein Bettelmann aus Ungarn daher.“
„Nein!“ sagt ein anderes. „Lieber noch: Schlaf ein! Schlaf ein, mein Kindelein! Wo wird der Reiter, dein Vater sein? Wo suche, wo finde, wo finde?“ „O je! das alte Wiegelied!“ fällt Florentina ein. „Wißt ihr was? Jetzt singe wir das Lied vom Grafen und der Nonne.“
„Ja, gelt“, unterbricht sie schnippisch ein drittes, „das singst du nur so gern, weil’s heißt:
Ei, Jungfer, wärt‘ Ihr ein wenig reich, Fürwahr, ich wollt Euch nehmen, Fürwahr, ich wollt Euch nehmen: Wir sähten einander gleich.
Endlich nach vielem Hin- und Herreden werden sie einig, und ein altesWeihnachtsliedchen wird angestimmt:

„Inmitten der Nacht,
Die Hirten erwacht,
Die englischen Stimmen
Das Gloria singen,
Die himmlische Schar:
Geboren Gott war.

Die Hirten im Feld,
Die laufen’s so schnell;
Vor Rennen und Laufen
Kann keiner mehr schnaufen,
Dem Krippelein zue,
Der Hirt und der Bue!“

Jetzt aber fahren die Buben dazwischen – und alles hat ein End‘. Die Buben haben nämlich, während die Mädchen ihre Liedlein probiert, oben am Rain sich niedergelassen, dort bei der alten Eiche, wo eine förmliche kleine Küche mit Herd und Rauchfang im trockenen Boden ausgehöhlt zu sehen ist. Bald ist ein Feuer angefacht; Hieronymus zieht ein irdenes Schüsselein aus seinem Zwillichsack, Dionys hat Schlehen mitgebracht, die im Schmalz geschmort werden sollen. Romulus bringt Speck, der, in Stücke geschnitten, überm Feuer gebraten und dann zum Schwarzbrot mit beneidenswertem Appetit verzehrt wird.

Unterdessen sind die Nebel, welche oben am Walde gelagert, gewichen, sie ziehen ab in einzelnen Fetzen und Dunstgestalten. Ein plötzlicher Windstoß saust durch die Tannen und raschelt im dürren Heidegras, das Vieh rennt verscheucht aus den Hürsten, und ein mutwilliger Bub ruft: „der Landenberger! der Landenberger!“ Ein anderer rennt zur großen Tanne, unter welcher die singenden Mädchen wie die Küchlein unter den Flügeln der Henne sitzen, und schreit hinein: „der Landenberger kommt!“ Und kreischend fährt der Kreis auseinander; und eins will das andere bereden, es habe den bösen Vogt gesehen im flatternden Mantel ohne Kopf durchs Gebüsch reiten.

Zur Geschichte vom bösen Grafen Ladenberger auf dem Hammerschloß konnte mir Dr. Jörg Martin ebenfalls erhellendes berichten:

Gerne zogen die kleinen Nomaden auch den Landfahrern nach, wenn diese auf Waldblößen lagerten, spengelten und Kessel flickten, während ihre Weiber bettelnd in den Ortschaften und Gehöften umherzogen. Der Lange Hans, wenn er bei guter Laune war, spielte ihnen dann die lustigsten Stücklein und „Hopper“ auf, nach welchen sie so lange tanzten und sprangen, bis irgendein Geschrei mit Rauferei entstand, wozu die Vagantenkinder immer sehr aufgelegt waren. Der Lange aber, eine strenge Kinderzucht führend, fuhr alsdann nach einigem Zusehen dazwischen und erteilte seinem eigenen Fleisch und Blut mit einer alten ledernen Säbelscheide eine derbe Lektion mit den Worten: „Habt’s mit euers Gatting!“ – womit er sagen wollte, ein jeder solle sich zu seinesgleichen halten.

Sehr oft befand sich Hieronymus auch allein, ein unumschränkter Regent seiner Herde, ein Fürst des Waldes und der Trift. – Wenn er dann, im Grase liegend, hinaufschaute in das blaue Meer des Himmels, in welchem einzelne lichte Wölkchen wie Kähne dahinzogen – so träumte er sich hinaus in die Welt, in die Fremde, sah sich zurückkehren nach Jahren in das Vaterhaus, als ein Mann, glücklich und geehrt von Bekannten und Freunden. – Dann sprang er auf aus der Ruh, bestieg den höchsten Fels und schaute hinab ins Tal – und es war ihm so wohl, so fröhlich ums Herz, daß er mit einem weithin schallenden Jauchzer sein Glück den Bergen und Wäldern verkünden mußte.

Wer wollte es unsern Hirtenkindern verdenken, wenn sie wünschten, das ungebundene Leben in Feld und Wald möchte noch lange, recht lange kein Ende nehmen? – Dennoch begrüßten sie wieder mit einer anderen Art von Behagen den ersten Schnee, die ersten Stürme, welche Menschen und Vieh zurück in ihre Wohnungen trieben. Für Hieronymus brachte der Winter manch freie Stunde, während welcher er dem Vater beim Schreinern und Bäscheln helfen oder seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Zeichnen und Malen, obliegen durfte.

Auch in diesem Kapitel begegnen uns wieder die Landfahrer. Der Lange Hans bringt hier auf den Punkt was damals für alle gegolten hat:

Habt`s mit euers Gatting!

Das Bruderkirchlein und die Familie des Köhlers
Beim rauchenden Meiler

Mehr dazu auch von Wolf Hockenjos:

Hieronymus und der Wald

Hier geht’s zur Übersicht:

Hieronymus Das Buch Von Lucian Reich 1858

Mehr zum Hieronymus gibt es hier:

Der Hüfinger Künstlerkreis

Johann Nepomuk Heinemanns „Hieronymus“

Xaver Reich

Überarbeitete Version, 1. Version war am 1. Juni 2022

Die Eltern: Luzian Reich und Josefa Schelble
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann Anfang 1866

Franz Xaver Reich (1. August 1815 in Hüfingen – 8. Oktober 1881 in Hüfingen) war der ältere Bruder von Lucian und Elisabeth (Lisette).

Die Schelble waren ein Althüfinger Geschlecht. Der Urgroßvater, Franz Xaver (*28.08.1731) war Kunsthandwerker, und zugleich versah er, wie schon sein Vater, den Amtsdienerdienst.
Franz Xaver Schelble fertigte die Altäre in Meßkirch, Gutmadingen, Hausach, Löffingen und die mit Hilfe seines Schwiegersohnes und Geschäftsnachfolgers Johann Gleichauf die Seitenaltäre der Hüfinger Pfarrkirche. Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) war mit Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816) verheiratet.

Der Großvater Franz Joseph Donat Schelble (*17.02.1762-13.02.1835) war Korrektionshausverwalter und beschäftigte sich mit Uhrenmachen und beaufsichtigte die Römischen Ausgrabungen im Mühleschle und am Fuße des Hölensteins, wofür er vom fürstlichen Protektor mit einer goldenen Repetieruhr beschenkt wurde.

Alter Eingang vom Römerbad

Luzian Reich gründete in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Mal- und Zeichenschule in Hüfingen. Dort unterrichtete er unter anderen auch seine Söhne Lucian und Xaver, die Brüder Nepomuk und Josef Heinemann und auch Rudolf Gleichauf.

So schreibt Lucian Reich im Denkbuch: „Glückliche Zeit so ein Vakanztag, in dem man in der Stube am Zeichentisch sitzt, während es draußen stürmt und den Schnee wirbelnd durch die Gassen jagt, oder regnet, „was abe mag!” Und so saßen auch wir, mein Bruder Fr. Xaver und ich, mit („Muckle”) Joh. Nep. Heinemann (gleich mir im teuren Jahr 17 geboren) manche Stunde zusammen.

Xaver Reichs Geflügelhof

Aber praktisch, wie der Xaveri in allem war, wollte er bald auch mit seiner Kunstfertigkeit Geld verdienen. So z. B. hatte er einen ganzen Geflügelhof in Thon modelliert, der im Ofen des Hafners Härle gebaut und naturgetreu koloriert wurde.

Es war kurz vor dem Klausenmarkt, und die Herrlichkeit wurde einer vertrauten Käsehändlerin zum Verkauf übergeben. Aber so oft die kleinen Künstler am Tischlein der Frau vorbeistrichen, sahen sie die Schaar noch vollzählig.

Endlich – die meisten Krämer hatten bereits eingepackt – war sie vom Tischlein verschwunden und die Frau händigte den beiden – mit Abzug ihrer Prozente – das Geld hierfür ein. Um den kleinen Spekulanten die Unternehmungslust nicht zu benehmen, hatte die Mutter eine Base auf den Markt geschickt, den ganzen Kram einzukaufen was die Brüder natürlich erst viel später erfuhren.

Lucian Reich, Badische Fortbildungsschule. Nr. 7, 1900, S. 97 ff.

Nach der Förderung durch seinen Vater, kam Xaver Reich 1832 auf Empfehlung seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an das Städelsche Institut. Durch seinen Onkel wurde er auch Mitglied in dessen Cäcilienverein.

Lucian Reich im Denkbuch: „Mein Bruder hatte sich für die Plastik entschieden. Formensinn und außerordentlich geschickte Hand befähigten ihn hierzu. Jeden Herbst kam Onkel Schelble zu Besuch in die Vaterstadt, und was wir von ihm vom Städel’schen Kunstinstitute hörten, ließ uns Frankfurt in ganz verklärtem Lichte erscheinen. Gegen Ende der 20ger Jahre war Zwerger, der Zögling Danneckers, aus Italien zurückgekommen.
In Hüfingen, bei seinem Schwager, Schloßverwalter Wehrle, vollendete er seinen „Hirtenknab” in Karrarischem Marmor. Von Schelble empfohlen, hatte er bald nachher eine Berufung an das Städel’sche Institut erhalten. Und nun erbot er sich, meinen Bruder als Schüler anzunehmen; und somit verließ dieser im Herbste 1832 mit Onkel und Tante die Vaterstadt, und im Jahr darauf fuhr auch ich mit ihnen der ersehnten freien Reichsstadt (Frankfurt) zu. Das Städel’sche Institut war gewissermaßen noch im Entstehen begriffen. Mein Bruder hatte seine Lehrzeit noch im alten Hause auf dem Roßmarkt begonnen, und der Umzug ins neue war kurz vor meiner Ankunft bewerkstelligt worden, so daß zehn oder zwölf Malerschüler, mit mir dem jüngsten, erstmaligen Besitz von den obern vier, in den Hof und Garten hinausgehenden, Ateliers nahmen. Es war eine gemischte Genossenschaft, die sich da zusammengefunden, ein Konglomerat verschiedenster Ausbildungsstufen und Richtungen, jeder mit einem andern Gegenstand beschäftigt.

Xaver Reich gezeichnet von
Nepomuk Heinemann 1838

Foto von Xaver Reich

Franz Xaver Reich
Lithografie seines Schwagers Johann Nepomuk Heinemann, 1848, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 609.

Franz Xaver Reich
gezeichnet von Josef Heinemann

Lucian Reich schreibt viel über seinen Bruder im Denkbuch:
https://hieronymus-online.de/denkbuch-von-lucian-reich-1896/

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Lucian Reich im Denkbuch: „Kamen wir Mittwoch abends aus dem Aktzeichnen, so nahmen wir den Weg an der Hauptwache vorbei zum Rauchschen Hause, in dessen Saal der Verein seine Proben abhielt. Xaver reihte sich dann jedesmal den Sängern an, während ich, oft der einzige Zuhörer, unter der Galerie Platz nahm. Während unsres drei-, resp. vierjährigen Aufenthaltes in der Mainstadt hatten wir, ohne bei befreundeten Familien eingeladen zu sein, selten einen Abend außer dem Hause zugebracht.

Blick aus einem Fenster des Hotels „Russischer Hof“

auf der Zeil nach Westen zur Hauptwache (William Henry Fox Talbot, 1846)
Kalotypie Notiz auf dem Abzug: „street at Frankfort, gloomy day, 32 minutes in camera“ Hinweis: Talbots Abzug ist höchstwahrscheinlich seitenverkehrt. Der 1891 abgerissene Russische Hof befand sich auf der Nordseite der Zeil, siehe dazu auch ein Foto von Mylius, die Katharinenkirche hingegen auf der Südseite. Die Zeil verläuft in ost-westlicher Richtung zur Hauptwache; es ist von der Zeil aus daher nicht möglich, die Katharinenkirche rechts (nördlich) vom Hauptwachengebäude sehen.
Foto: Wikipedia

Xaver Reich ging 1836 nach München und arbeitete in der Bildhauerwerkstatt von Ludwig Schaller, der Ludwig Schwanthaler bei der Ausschmückung der 1836 eröffneten Pinakothek unterstützte. Zwerger, Schaller und Schwanthaler waren Vertreter des klassizistischen Stils.

Vermutlich Johann Nepomuk Zwerger
(* 28. April 1796 in Donaueschingen; † 26. Juni 1868 in Cannstatt).
Deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Hier 1829 gezeichnet von Luzian Reich senior.

Lucian Reich im Denkbuch: „Im Atelier Schallers hatte er (Xaver), obgleich im Steinarbeiten nicht geübt, resolut zu Hammer und Meißel gegriffen und nach Schallers Modell die Holbeinstatue für die Pinatothek in Stein ausgeführt. Im Lehrsaal Zwergers war er bis in die letztere Zeit der einzige Schüler gewesen, der sich ausschließlich der Plastik widmete. Zu den jüngern Fachgenossen, mit denen er jetzt verkehrte, zählte vor allen Hähnel (später Professor in Dresden). Entwürfe, die er mir von seiner Tätigkeit als Mitglied eines Komponiervereins zuschickte, ließen ein frisches, freudiges Schaffen erkennen. Jetzt, nach kurzem Verweilen in der Vaterstadt, hatte er das Glück, an Fürst Karl Egon zu Fürstenberg einen Mäcen zu finden. Der erste bedeutende Auftrag betraf die Donaugruppe für den fürstlichen Park, wozu er das Modell in München fertigen sollte.….

….Im Gesellschaftshause Frohsinn hatte er (Xaver) Atelier und Wohnung gemietet; und ein glücklicher Gedanke war es den Kunstheros Cornelius um einen Besuch zu bitten. Und er kam oft, der kleine große Mann mit dem Blicke des Adlers, und nicht nur mit Worten, auch mit genial hingeworfenen Bleistiftstrichen suchte er den jugendlichen Modelleur auf die Erfordernisse monumentaler Plastik ausmerksam zu machen. Wozu mir in Frankfurt die Anregung gefehlt, das tat ich jetzt wieder, indem ich ein Bild aus dem Leben malte. Hierauf begab auch ich mich ebenfalls nach München, wo ich im „Frohsinn, den auch Schaller und Bildhauer Eduard Wendelstädt, Sohn des Inspektors am Städelschen Institut, bezogen hatten, mich einquartierte. (Das bedeutendste Werk dieses talentbegabten, frühe verstorbenen Künstlers ist die Statue Karls des Großen auf der Mainbrücke zu Frankfurt.)“

Johann Nepomuk Schelble, der geliebte Onkel und Gönner starb viel zu früh am 06.08.1837.

Lucian Reich in den Wanderblühten: „Es war am 6. August des Jahres 1837, an einem Sonntag, als das Totenglöcklein der Stadtkirche üblicherweise den Einwohnern verkündete, dass ein Mensch aus ihrer Mitte geschieden sei. – Es war das Scheidezeichen für Johann Nepomuk Schelble. – Im Geleite der Seinigen hatte er denselben Tag einen Spaziergang auf ein entferntes Grundstück unternommen, als er zurückkehrend am Eingange seines Gartens von einem Blutsturz befallen wurde, der seinen Leben in den Armen seiner Gattin ein schmerzliches schnelles Ende machte.

Lucian Reich im Denkbuch: Unser Schaffen und Streben war im besten Zuge, als uns, wie ein Blitz aus heiterem Himmel — denn er hatte sich ja in anscheinender Besserung befunden — die Nachricht vom Tode Schelbles traf.

Wegen in des Todes kehrten die Brüder nach Hüfinger zurück, wo Xaver 1837 für Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg die monumentale Sandsteingruppe „Donau mit den Zuflüssen Brigach und Breg“ schuf, die ihn öffentlich bekannt machte.

Wilhelm August Rehmann, Leibarzt und Hofrat von Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg veranlasste, dass Xaver Reich eine Skizze modellieren konnte, welche die Donau mit ihren Zuflüsse Brigach und Breg zeigte. Karl Egon II. war vom Ergebnis begeistert und beauftragte Reich damit das Modell 1837 im großen Maßstab herzustellen. Im Schloss Hüfingen erhielt er von seinem Mäzen dann ein Atelier geräumt, um die Gruppe in Sandstein auszuführen. Die Sandsteingruppe wurde auf der „großen Insel im Schwanenweiher“ (heute: Pfaueninsel) im Schlosspark von Donaueschingen aufgestellt.

Danubiagruppe auf der Pfaueninsel (Postkarte 1906)

Durch Heinrich Hübsch ihn erhielt Xaver Reich vom badischen Großherzog Leopold den Auftrag, die Gruppe für das Giebelfeld der Trinkhalle Baden-Baden auszuführen, die Hübsch von 1839 bis 1842 errichtete.

Trinkhalle in Baden-Baden

Heilung durch die Quellennymphe

Durch ein Stipendium von Karl Egon II. wurde es Xaver Reich möglich, sich für einen zweijährigen Italienaufenthalt nach Rom zu begeben (1842/43). Dort freundete er sich mit dem aus Karlsruhe stammenden Bildhauer Christian Lotsch (1790–1873) an, der seit 1822 in Rom ansässig war.

Ostersonntagabend in Rom

Am nämlichen Abend (des Ostersonntags) ist Beleuchtung der Kuppel des Petersdomes. Das ganze Gebäude scheint zu glühen, man glaubt in einer Zauberwelt zu sein. Um ein Uhr in der Nacht wechselt auf einen Augenblick die Beleuchtung auf andern Punkten werden Pechkränze angezündet. Bei jeder Lampe ist ein Mann. Wer dies nicht gesehen hat, für den ist der Eindruck nicht zu beschreiben. Nach aller Aussagen soll auf der ganzen Welt nichts brillianteres stattfinden, selbst in Paris nicht. Die Lokalität ist hierzu äußerst günstig.

Das Schauspiel dauert ungefähr eine halbe Stunde in steter Abwechslung. Kanonen, welche dazwischen feuern, machen sich besonders schön. Zu Ende speit die ganze Engelsburg Feuer – man glaubt sich seines Lebens kaum sicher.«

Franz Xaver Reich, FFA, Tagebuchaufzeichnungen nach Wohl-lebe, J. L., Künstlermappe.

Aus dem Stadtlexikon Karlsruhe

Ludwig Winter in Karlsruhe

Weitere Arbeiten von Reich in Karlsruhe sind das überlebensgroße realistische Standbild des badischen Staatsministers Georg Ludwig Winter (heute Beiertheimer Allee) sowie die Engelsfigur des Denkmals für die Opfer des Theaterbrandes (1847/48). Auch in Baden-Baden finden sich noch Werke von ihm, darunter die Statuen der Justitia (Schwert, Waage) und Lex (Gesetzesbuch, Schwörstab) am Hauptportal des 1842/43 nach Plänen von Friedrich Theodor Fischer erbauten Amtshauses (heute Ärztehaus).

Seine Wettbewerbsteilnahme für eine Kolossalskulptur „Handel und Schifffahrt“ auf dem Hauptportal des nach Plänen von Heinrich Hübsch realisierten Zollareals am Mannheimer Freihafen machte den Karlsruher Oberbaurat Ende der 1830er-Jahre auf Reich aufmerksam. In den folgenden zwei Jahrzehnten fertigte der Bildhauer für Hübschs wichtigste Bauwerke Bauplastiken an. Dazu gehören die Figurenreliefs am Hauptportal der neuen Gemäldegalerie (1837-1845; heute Staatliche Kunsthalle Karlsruhe), die unter anderen Albrecht Dürer, Hans Holbein den Jüngeren und Peter Vischer zeigen, das Giebelrelief der Trinkhalle in Baden-Baden (1839-1842; Entwurf und Gipsmodell von Johann Christian Lotsch) mit der Heilung der Kranken durch eine Quellnymphe, das Giebelrelief sowie die 20 lebensgroßen Figurenreliefs und 100 Medaillonköpfe mit Gestalten aus Oper und Drama am neuen Großherzoglichen Hoftheater (1851-1853; im Zweiten Weltkrieg zerstört) sowie die beiden Figurenpaare oberhalb der Eingänge in das Orangeriegebäude des Botanischen Gartens (1853-1857), welche Allegorien der vier Jahreszeiten darstellen. Beim Abräumen der Trümmer des Hoftheaters 1963 konnten viele der Medaillons und Figurenreliefs geborgen werden. Sie fanden zur Bundesgartenschau 1967 in und bei der im Wintergarten des Botanischen Gartens eingerichteten Badischen Weinstube eine neue Verwendung. Fünf der Medaillons wurden dem Heimatmuseum in Bad Dürrheim überlassen. 

https://stadtlexikon.karlsruhe.de/index.php/De:Lexikon:bio-1185
Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich
Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich
Figurenreliefs an der Trinkhalle

Lucian Reich schreibt am 25.März 1853 an seine Eltern: „Hübsch wartet sehnlichst auf den Giebel. Xaver wird einige Zeit hier verweilen müssen.

Das von Leopold beauftragte und 1848 aufgestellte Denkmal für die 63 Todesopfer die beim Brand des Karlsruher Hoftheaters am 28. Februar 1847 ums Leben gekommen waren, war der vorerst letzte Auftrag Reichs in Karlsruhe; er kehrte nach Hüfingen heim.

Alter Friedhof Karlsruhe

Familienleben

Am 28. August 1843 heiratete Xaver Reich in Kirchenhausen Josefa Elsässer (* 20. April 1823-19.11.1900).

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Kinder von Xaver und Josefa Reich:

1. Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Hat angeblich später den Ölberg am Aufgang zu St. Johann von Donaueschingen geschaffen. Anna Reich schreibt in ihrem Brief 1876: „So, so dein Amerikaner Vetter, war ein solcher Herzeroberer, nun ich bin froh, daß ich ihn nicht kennen lernte„. Dies spricht dafür, dass es uneheliche Nachfahren gibt, von denen die Cousinen wussten. Ob Berthold in Amerika war, ist nicht bekannt. Anscheinend ist er aber erst 1925 gestorben, wie Vetter schreibt.

In der Chronik vom Vetter steht: „Der Sohn Bertold, im Juni 1854 in Karlsruhe geboren und am 24. Oktober 1925 gestorben, trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Bildhauer.

Im Hüfinger Sippenbuch gibt es gleich gar keinen Berthold. Aber dass Berthold 1844 in Karlsruhe geboren wurde, macht mehr Sinn, da 1854 die Reichs in Hüfingen wohnten.

2. Erwina Amalia Josepha, geboren 05.08.1845 in Karlsruhe -?

3. Maria Josefa Amalia, geboren am 21.01.1848 in Hüfingen. Am 8.3.1866 heirat mit Karl Eschborn *9.7.1834, FF Forstverwalter. Lucian Reich 1866 in einem Brief an die Eltern: „Zum hl. Josephsfest meine herzlichsten Glückwünsche dir, liebe Mutter, so wie auch unsere Josepha’s im Garten und neugegründetem Eschborn’schen Hause.“
1 überlebendes Kind von dreien: Maria Josefa ( *1.6.1867-?)

4. Amalia Maria Anastasia geboren am 23.09.1850 in Hüfingen, gestorben am 22.10.1939 in Hüfingen

5. Klara Mathilde, geboren am 27.11.1852 in Hüfingen, verheiratet am 27.9.1877 mit Sigmund Gayer geboren in Unterliezheim am 23.03.1847, Forstverwalter Geisingen. Enkel Oberforstrat Erwin Gayer ?

6. Karl Guido geboren am 14.11.1858 in Hüfingen. Anna Reich schreibt ihrem Brief 1876: „Soso du sprachst mit meinem Herr Vetter Bodenhopser, Schubladenzieher, wenn du zu ihm kommst wieder, dann bitte ich dich um alles in der Welt, sage zu ihm er sei ein Erdslügner ein fauler Fisch, ein ein ein Spinnenbobelenhirn u. noch vieles Andere hast gehört dieses sagst zum hast’s gehört, er wird dann schon wissen warum u. was drum und dran hängt.“

Carl Guido heiratet eine Josephine (Sophia) Kirchler geboren am 15.12.1864 und beide wandern spätesten 1886 in die USA aus. Sophia Reich stirbt in New Jersey am 24.10.1926.

Census von 1900 New Jersey

Kinder:

Hermann, *13.05.1887 New Jersey – 1953 verheiratet mit Myrtis M Gifford (1893-1981)
Kind: Robert Hermann Rich (1930-1992). Kinder von Robert: Pamela Bennetsen, Brian Rich, Robert Rich.

Christian, 11.02.1989 New Jersey

George, 10.03.1890 New Jersey

William Alexander Reich, *9.04.1891 in New Jersey- 25.06.1941
Kinder: Margret Reich, William Reich, Ernest Reich, Ruth Clara (Reich) Prince 4.08.1918 in New York, NY-8.12.2002)

Catherine Katie ? (Reich) Smith, 8.09.1895-?
Tochter: Virginia Catherine (Smith) Macian 9.03.1920-30.05.2001 Plam Beach

Ernest George Reich, 6.06.1895 in Jersey City, 34.02.1967 in Leon County, Florida,
2 Kinder

Philip Reich, 2.09.1897 in Jersey

Michael Reich, ?

7. Amalia geboren am 25.12.1860-31.8.1955. Wird in den Briefen als „Christkindlein“ erwähnt: „Eine dritte Gratulation bitte ich in Xavers Familie gelangen zu lassen, wegen der glücklichen Ankunft des Christkindleins.

Fronleichnam in Portici

1842/43 war Xaver Reich in Pisa, Florenz und in Verona und begeisterte sich für die Tradition der Blumenteppiche.

Nach Vorbild aus Portici fertigte er in Hüfingen vor seinem Elternhaus den ersten Blumenteppich und legte so den Grundstein einer langen Tradition.

Film von Ernst Kramer in den späten 1920er

Franz Xaver Reich wohnte mit seiner Familie im ehemaligen Anwesen seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an der Bräunlinger Straße.

In Hüfingen erweiterte er die Ziegelei, die er von seinem Vater übernommen hatte, um die Produktion von Terrakotten.

Tages-Neuigkeiten
1853

Donaueschingen, 15. Febr. Seit mehreren Wochen sah man die hiesigen Freunde der Kunst in das nahe Städtchen Hüfingen wandern, um im fürstlichen Schlosse in dem Atelier des Bildhauers X. Reich das nun bis zum Brennen des Thones vollendete Giebelfeld zu sehen, welches bestimmt ist, den Vorbau des neuen Theaters in Karlsruhe zu schmücken. Wir glauben dasselbe sowohl in der Erfindung, als in der Ausführung ein vollkommen gelungenes nennen zu dürfen. Die durch die bekannte Giebelform für die Komposition so sehr erschwerte Aufgabe wurde auf eine Weise gelöst, als wäre dem Genius des Künstlers die freie Bezwingung seiner Schwingen zu Gebote gestanden.

In der Mitte steht eine hohe weibliche Figur – die Poesie – und theilt nach beiden Seiten des Giebelfeldes den Kranz des Ruhmes aus; an ihre linke Seite lehnt sich der Liebesgott, ein kräftig gesunder Knabe mit Bogen und Pfeil. Die beiden Gruppen zur Linken und Rechten enthalten die Koryphäen der Dichtkunst und der Musik. Zur Linken ist die erste Figur Schiller, der seinem Nachbar und Freunde Goethe ein so eben geschriebenes Gedicht zur freundschaftlichen Prüfung überreicht. Die dritte, in der Ecke des Giebelfeldes ausgestreckte, mit dem Arme auf seinen Werken ruhende Gestalt ist Lessing; er ist in das Lesen eines Buches vertieft, um seine Verdienste nicht nur als schaffender, sondern auch als kritisch prüfender Geist anzuzeigen. Auf der rechten Seite des Feldes erblickt man zuerst den heiteren, liebenswürdigen Mozart mit der Violine in der Hand. Hinter ihm und von ihm abgewendet sitzt Beethoven ernst und düster mit Aufschreiben einer Komposition beschäftigt. In der Ecke der rechten Seite, der Gestalt Lessing’s auf der linken entsprechend, ruht Gluck mit seinem edlen, ritterlichen Kopfe rückwärts gegen Beethoven gewendet; eine griechische Leyer in seiner Hand mag den antiken Geschmack seiner Muse bedeuten.

Sämtliche Figuren sind edle, würdige Gestalten und den besten Vorbildern entsprechende, gelungene Porträts. Die ganze Gruppe ist lebendig und reich; die zwischen rechts und links herrschende Symmetrie, bedingt durch die architektonische Form, hat durchaus nichts Steifes oder Störendes. Wir halten dieses Werk des rühmlich bekannten Künstlers zwar für sein schwierigstes, aber auch für sein gelungenstes, und sind überzeugt, daß wir durch dieses Urtheil die Erwartungen Derjenigen, welche die andern Werke des bescheidenen Meisters, seinen Engel auf dem Friedhofe und die Marmorfiguren an der Akademie ec. zu Karlsruhe, kennen, nicht zu hoch spannen, wenn auch das Material dieser lezteren Skulpturen in dem Auge des Laien ein günstiges Vorurtheil erzeugt.

Möge nun dem Künstler bei dem Brennen dieser seiner größten Arbeit das Glück so günstig sein, als es seine Zuversicht erwartet. Die geringste Ungleichheit im Trocknen würde bei diesen Dimensionen ein Springen der Masse veranlassen und so das Produkt von langen Monaten und unermüdlichem Fleiß vernichten.

Donaueschinger Wochenblatt, Nr. 15 vom 22. Februar 1853
Orangerie KA

Franz Xaver Reichs Terrakotten überstanden großenteils die Bombennacht vom 27. September 1944, der auch das Hoftheater zum Opfer fiel. Der Landtag bewilligte seinerzeit eine hohe Summe zu ihrer Bergung. Bürgermeister Max Gilly gelang es im Jahre 1967, einige der geretteten Medaillons für Hüfingen zu erhalten.

Zu diesen Karlsruher Arbeiten kamen Aufträge zur Ausgestaltung der Orangerie, für die er die vier Jahreszeiten schuf, und der Gewächshäuser. Xaver Reichs bekanntestes Medaillon aber wurde dasjenige des alemannischen Dichterfürsten Johann Peter Hebel auf dessen Grabstein in Schwetzingen.

Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 061263d

Hebeldenkmal von Lucian Reich

Foto: 3268zauber, Wikipedia 2009

In der Zwischenzeit führte der unermüdlich tätige Künstler, dem ein Atelier im Schloß zur Verfügung stand, ehrenvolle Aufträge des Fürstenhauses in Donaueschingen aus. So entstand der Jagdhumor zeigende Fries an der fürstlichen Gewehrkammer in Donaueschingen. Die Medaillons am gegenüberliegenden Karlsbau, die etwas trocken und kühl wirken, zeigen neben den Häuptern von Dürer, Peter Fischer, Thorwaldsen und Cornelius hauptsächlich Vertreter der Naturwissenschaften. Tiefer empfunden und persönlicher gestaltet sind die mythologische »Flora« am Giebel des Gewächshauses.

Der Engel auf der Elisabetheninsel, den Fürst Carl Egon II in Erinnerung an seine früh verstorbene Gemahlin Elisabeth aufstellen ließ, wurde nach einem Entwurf von Xaver Reich gegossen. Zu seinen Donaueschinger Arbeiten zählt auch das Turnierrelief an der Reithalle.

Die Inschrift auf der Vorderseite des Sockels lautet:
Der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost. Sp. Salomon 14, 23
auf der Rückseite: „Karl Egon Fürst zu Fürstenberg seiner unvergeßlichen Frau Elisabeth, Prinzessin Reuß ä. L. zu Greiz. geb. 23. März 1824, gest. 7. Mai 1861“ .
Das Denkmal wurde nach einen Entwurf von Xaver Reich gegossen.


In der Terrakottenbrennerei schuf er den plastischen Schmuck für das Hoftheater Karlsruhe und den Fries für die fürstliche Gewehrkammer in Donaueschingen sowie die Medaillons am Sammlungsgebäude gegenüber. Im Auftrag des Erzbischöflichen Baumeisters Lukas Engesser fertigte er zusätzliche Werke für badische Kirchen.

Als nach dem Brand des Klosters Maria Hof bei Neudingen Fürst Karl Egon II. in den Jahren 1835-56 die Gruftkirche erbauen ließ, wurde Franz Xaver Reich mit der Ausschmückung beauftragt. Er modellierte die vier Engel aus Zinkguß auf den vier Nebentürmchen, die die Kuppel flankieren. Von ihm stammen ebenso die Madonna und die beiden Heiligenfiguren über der Portalwand wie die beiden Klosterfrauen über dem Portal. Ganz Raphael nachempfunden, dessen Werke Reich während seines Romaufenthaltes besonders stark beeindruckt hatten, ist das Verkündigungsrelief des Hauptaltars. Im Jahre 1870 entstanden die beiden Seitenaltäre, die wiederum eine Madonna und die acht Seligkeiten darstellen.

Neudingen

Foto mit dem Storch von
Wolf Hockenjos

In Hüfingen sind die Skulpturen des Karl Borromäus im Hof des Landesheimes und eine Madonna über dem Portal der Pfarrkirche aus Sandstein Zeugen des unermüdlichen Schaffens des Hüfinger Künstlers. Eine weitere Madonna schuf Franz Xaver Reich für das Portal des Konstanzer Münsters, und auf der Rheinbrücke standen die Statuen der Bischöfe Konrad (934-974) und Gebhard II. (979-995), die seit den dreißiger Jahren den Rheinsteig schmücken.

Landesheim 1950

Gebhard II.

In den Nischen auf der badischen Seite der zwischen 1858 und 1861 erbauten Rheinbrücke von Kehl standen die Figuren des » Vater Rhein« und der »Mutter Kinzig« von Hans Baur und Franz Xaver Reich. Als der östliche Teil der Brücke nach der Kriegserklärung vom 22. Juni 1870 von badischen Pionieren gesprengt wurde, stürzten auch die Statuen in den Rhein. Die Statue Reichs wurde später wieder gefunden und in Verbindung mit einem Brunnen als Kriegerdenkmal vor dem Rathaus von Kehl aufgestellt. Das Rathaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nach dem Kriegsende nicht wieder aufgebaut. Die Kinzigstatue steht seit der Behebung geringer Schäden aber noch heute auf ihrem Platz.

Mutter Kinzig am Kriegerdenkmal 1870/71 in Kehl am Rhein.
Foto: Wikipedia 2010

Für den Erzguß der Porträtsbüste des Großherzogs Leopold erstellte Franz Xaver Reich im Auftrag der Stadt Baden-Baden das Modell. Gleichermaßen stammen von ihm die Modelle für die ehernen Standbilder des Abtes Martin Gerbert von St. Blasien in Bonndorf, die Bildnisse des Landgrafen Joachim und des Fürsten Karl Egon II. im Ornate eines Ritters vom Goldenen Vlies für den Monumentalbrunnen in Heiligenberg. Für die Heiligenberger Schloßkapelle modellierte er zusammen mit dem Bildhauer Sauer aus München den Kreuzweg, der, von der Millerschen Erzgießerei in München gegossen, in der Nagelfluwand am Weg zur Klause Egg eingelassen ist.

Madonna an Verena und Gallus von Xaver Reich

St. Peter und Paul in Bonndorf

Die Figurengruppe über dem Haupteingang vom Konstanzer Münster

Denkmal Abt Martin Gerbert von Xaver Reich aus dem Jahr 1856 im Bonndorfer Martinsgarten

Fürstenbrunnen in Heiligenberg von Xaver Reich

Leopold I. Grossherzog von Baden
von Xaver Reich

Bischof Konrad (934-974)
am Rheinsteig

Gebhard II. (979-995)
in Konstanz

Lucian Reich 1860 in einem Brief an die Eltern:Sollten in Betreff der Leopoldfigur Steine in den Weg zu werfen versucht werden, so würde ich mich entschieden auf das gegeben gutheißend Wort des Großherzogs und seines Bruders des Prinzen Wilhelm berufen, und dem Großherzog zu bedenken geben, daß mit Zurücknahme dieses gegebenen Wortes ?? dein Ruf als Künstler gefährdet werde. Die Figur ist entschieden gut und wird später, wenn sich die Staubwolken verzogen haben, ihre Anerkennung finden.
Indem ich bitte der lieben Josephine im Garten zu gratulieren ebenso bei Nober auch bei Heinemanns meine Grüße auszurichten.

Das Landhaus an der Bräunlinger Straße in dem
Johann Nepomuk Schelble und dann Xaver Reich mit Familie gewohnt hat.
Josephines Garten“ war vermutlich vor dem Haus,
wo heute noch die alten Bäume der Freunde der Natur stehen.

Zu den bedeutendsten Werken des Bildhauers zählt der Marmorengel am »Echo« in Baden-Baden, der vom Fürsten Karl Egon III. in Auftrag gegeben wurde.


Für das Denkmal seines Schwagers, des langjährigen verdienstvollen Donaueschinger Landtagsabgeordneten Kirsner, am Bahnhof, modellierte er dessen Büste, und für diejenigen des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen wurde ihm die Goldene Medaille des Hofes zuerkannt. Für den Donaueschinger Friedhof hatte Franz Xaver Reich schon im Jahr 1843 einen eindrucksvollen Corpus für das zentrale Kreuz gemeißelt.

Als die Donauquelle im Schloßhof 1875 von Adolf Weinbrenner neu gefaßt und umgruppiert wurde, gestaltete Xaver Reich die Gruppe: „Die junge Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar“. 1895 schuf der Künstler Adolf Heer eine neue Marmorgruppe die über die Einfassung der Donauquelle kam – die „Mutter Baar“ darstellend, wie sie ihrer „Tochter“, der jungen Donau, den Weg weist.

Mutter Baar am alten Zusammenfluss

1939 schenkte Fürst Max Egon die Figurengruppe mit der jungen Donau „als Kind im Schoß der Mutter Baar“ von Xaver Reich der Stadt Donaueschingen. Reichs Gruppe fand in den 1970er Jahren in der Nähe des Zusammenflusses von Brigach und Breg eine vorläufige Bleibe. Im Jahr 2021 wurde sie für die Umgestaltung des Zusammenflusses entfernt und im Jahr 2025 am neu gestalteten Zusammenfluss feierlich wieder eingeweiht.

Zum 150. Jubiläum der Figurengruppe – Die jungen Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar von Xaver Reich

Zur Wiederaufstellung am neuen Donauzusammenfluss hielt der Leiter des FF-Archives, Dr. Jörg Martin, heute am 14. September 2025 eine Vortrag über die Mutter Baar und Xaver Reich.

Dr. Jörg Martin zur jungen Donau als Kind im Schoß der Mutter am 14. September 2025

Vielen Dank an Dr. Martin der heute so nebenbei auch die lange ungeklärte Frage, wo die Donauquelle nun sei, ein für allemal beantwortet hat.

Die Donauquelle gluckst vor Freude,
weil sie jetzt weiß wo es beginnt,
ein langer Weg, ein langes Leiden,
das jetzt nicht nur im Sand verrinnt.
Der Ruf tönt nun wie Donnerhall,
auch in den fernen Ländern.
Furtwanger beruhigt euch nun,
jetzt könnt ihr nichts mehr ändern.

F.Hucke (Haimaddischder)
https://hieronymus-online.de/donauquelle-folge-352/

Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:
 „Zu den bedeutendsten Aufträgen, die mein Bruder von Fürst Karl Egon III. erhalten hat, gehörte die Aufgabe, bei der Neueinfassung der Donauquelle im Schloßhofe auch diese mit einer Figur oder Gruppe zu charakterisieren. Statt wieder eine Nymphe, sagte mir Xaver, wolle er die junge Donau als Kind im Schooße der Baar in Vorschlag bringen. Dem Fürsten gefiel dieser die Heimat des Stromes so klar bezeichnende Gedanke; und der Beauftragte modellierte das Modell zu der Gruppe dann in München im Verkehr mit den Freunden Schwind und Schaller und auch mit Professor Widenmann.

Die junge Donau als Kind im Schoße der Mutter Baar.
Hier bei der Zwischenlagerung 2024 in der Verbandskläranlage.

Aus dem Denkbuch von Lucian Reich: „Zu den bedeutendsten Aufträgen, die mein Bruder von Fürst Karl Egon III. erhalten hat, gehörte die Aufgabe, bei der Neueinfassung der Donauquelle im Schloßhofe auch diese mit einer Figur oder Gruppe zu charakterisieren. Statt wieder eine Nymphe, sagte mir Xaver, wolle er die junge Donau als Kind im Schooße der Baar in Vorschlag bringen. Dem Fürsten gefiel dieser die Heimat des Stromes so klar bezeichnende Gedanke; und der Beauftragte modellierte das Modell zu der Gruppe dann in München im Verkehr mit den Freunden Schwind und Schaller und auch mit Professor Widenmann.

Sein letztes erhaltenes Werk waren die Statuette zu einer Schlittschuhläuferin in moderner Tracht sowie eine Skizze zu einer Grablegung Christi. Er starb am 8. Oktober 1881 in Hüfingen.

Xaver Reich, Bildhauer
1. August 1815 – 8. Oktober 1881
Josepha Reich, geb. Elsässer
23. Aprlil 1823 – 19. November 1900

Quellen: Wikipedia, Chronik der Stadt Hüfingen von August Vetter 1984, Sippenbuch der Stadt Hüfingen, Briefe von Lucian Reich, Briefe von Anna Reich, Denkbuch von Lucian Reich, Fotos von Wikimedia und privat.

Die Fahne vom Hüfinger Frauenverband

Vielen Dank an Tobias Korta für die Überlassung des für Hüfingen relevanten Artikels aus dem Staatsarchiv Freiburg mit dem Titel: Materialsammlung zur Familie Curta in Freiburg / 1933-1934 / T1 (Zugang 1992/0346).

Geschlecht Curta von Apotheker Hugo Alfred Curta in Berlin am 15. November 1935 Auszug aus dem Bericht
Von Apotheker Hugo Alfred Curta in Berlin am 15. November 1935 über seinen Großvater.

Über Franz Joseph Curta (*10. Februar 1801 in Hüfingen – 1861 in Donaueschingen) wird berichtet dass er teilweise die Revolution von 1848 als Fahnenträger mit gemacht hatte und die von den Hüfinger Frauen gestickte Fahne trug. Er rettete sie beim Rückzug indem er das vom Stock entfernte Tuch um den Leib wickelte.

Was weiterhin aus der Fahne wurde wird nicht erläutert.

Der Augenblick der Entscheidung ist gekommen!
Worte können unser Recht und unsere Freiheit nicht erobern
.

(*1, 2, 3 Erste Version war am 15.01.2020)

Paul Revellio

Paul Revellio hat beschrieben wie am 10. April 1848 Friedrich Hecker von Konstanz aus die in Hüfinger Wirtshäusern versammelten Bauern, Tagelöhner und Handwerker aufgerufen hat, sich bewaffnet den Donaueschingern anzuschliessen:

Dezember 1848 Carl Revellio, Bürgermeister Joseph Hug und Sägewerksbesitzer Wilhelm Steiner gründen mit einer Art Rütlischwur den bald 114 Mitglieder umfassenden und stets im Ratssaal tagenden Volksverein. (nach 3)

Die Ackerbürgerschaft ging also in der bewegenden und bewegten Zeit auf die Barrikaden und machte 1848/49 Revolution über ihre Wehrausschüsse und über den Volksverein, unter dessen 114 Mitgliedern keine Frau war. (1)

Deshalb gründete sich 1849 der 130 Mitglieder zählende Frauenverein und setzte sich auf seine Weise für eine Veränderung ein.

Der Verein hatte mit den 130 Mitgliedern mehr als der Hüfinger Volksverein. Leider gäbe es im Hüfinger Stadtarchiv keine Hinweise auf die Tätigkeit des demokratischen Frauenvereins (3). Da ich weiß, dass dort Seiten aus den Büchern heraus getrennt wurden, könnten diese Hinweise durchaus nachträglich vernichtet worden sein.

Josefa Reich, geborene Elsässer
(1823-1900)

Elisabeth Reich 1819-1871

Elisabeth (Lisette) Heinemann, geb. Reich 1819-1871

Josepha Reich geborene Schelble. Foto von 1865

Katharina Nober 1805-1871

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Durch mehrere Berichte im Donaueschinger Wochenblatt gibt es aber einige Hinweise auf das Treiben des Vereins:

Schlacht bei Kandern 1848
Foto: Wikipedia

Hüfingen, 13. Juni.
Eine ziemliche Anzahl hiesiger Frauen und Jungfrauen hat sich vereinigt, die hiesige Wehrmannschaft teils durch Geldbeiträge, teils durch Fertigung und Anschaffung der zum Felddienste erforderlichen Bedürfnisse nach Kräften zu unterstützen.

Zu demselben Zwecke wurden deshalb von jenen folgende Gegenstände und Geldbeträge bereits geliefert:

Kleidungsstücke und Weißzeug.
1 Schlafrock, 1 gestrickter Kittel,
80 Hemden, 19 Leintücher, 36 Handtüchlein, 18 paar Unterhosen, 72 paar Socken.
Verbandsgegenstände.
138 Verbandtüchlein, 146 Binden, 12 Säckchen, 1 Korb voll Charpie.
Ferner: 1 Couverte.
An barem Gelde 31 fl. 40 kir.
An das Finanzministerium wurden schon früher eingesandt 61 f. 36 kt.
zusammen 93 fl. 16 kr.

Indem man dieses hiermit zur öffentlichen Kenntnis bringt, wird den edlen Spenderinnen zugleich der Dank ausgedrückt für ihre wohltätige Unterstützung und warme Teilnahme am Kampfe für die Sache und Freiheit des Volkes und des Vaterlandes.

Der Civilkommissär Häfelin

Donaueschinger Wochenblatt 13. Juni 1849
*Fotos aus „American Dreams“ im Haus der Geschichte Stuttgart, Dezember 2023


Friederich Hecker’s Abschied in Strasbourg auf seiner Reise nach Amerika. Setzt Eure Hoffnung nicht auf mich allein, einen sterblichen Mann, sondern auf Eurer gutes Recht und Euren eigenen Muth, auch ich verzweifle nicht an dem Gelingen der gorssen Volkssache, ungeachtet ich Vaterland, Frau und Kinder verlassen muss, ungeachtet mir mein mühsam erworbenes Gut genommen, und die Fürstenknechte mit ihrem aussaugenden Gefolge mich noch täglich vor der Welt mit Schmähungen übergiessen – nie ist eine große Sache ohne Opfer errungen worden!


Friedrich Hecker’s Ankunft in Nord-Amerika. Nach 14 tägiger Seereise betrat der edle Republikaner mit seinem Freunde Schöninger den freien Boden Nord Amerikas. Dort wurde ihm von seinen unzähligen Freunden ein Empfang bereitet, wie wenige gekrönte Häupter dessen sich rühmen können. Durch die oberste Behörde persönlich bewillkomt, wurde er Ehrengast der gesamten Freistaaten. Dort wird er freiere Staalseinrichtungen beobachten, und einst in sein bedrängtes Vaterland zuruckgekehrt, verwirklichen, was von so vielen als unerreichbar dargestellt wird.

Der Frauen- und Jungfrauen-Verein.

Das teure Vaterland ist in Gefahr,
So rüstet euch, ihr edle Nationen,
Bewaffne dich, du treue Männerschaar,
Es gilt die stolzen Fürsten zu entthronen,
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

So ruft das edle Volk von Ost bis West,
So ruft es selbst in Nordens düstern Gauen;
Drum mutig auf was Gott am Leben läßt,
Die Tyrannei soll eure Wunder schauen:
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

In Ungarn wo der Söldnerkampf erbraust,
Dort seht ihr umgestürzte Trümmer rauchen;
Mit Zorn geballt ist jede Mannes-Faust,
Das Flammenschwert in Fürstenblut zu tauchen:
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

So schleudern höhnend die Tyrannen jetzt,
Des Blitzes Glut in unserm deutschen Lande
Eidbrüchige! ihr habt den Schwur verletzt,
Habt aufgelöst der Gesellschaft Bande:
Drum gilt’s gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

Es stehen selbst des Volkes Frauen ein,
Die friedlich sonst im eignen Hause wohnen,
Und bilden einen Tätigkeits-Verein,
Zur Unterstützung deutscher Legionen:
Ja, gilt es doch dem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

Jungfrauen, Frauen, kommt und schaaret euch!
Besorget, spendet eure Kampfesgaben!
Die allgemeine Not macht alle gleich,
Und Alle werden sich am Siege laben:
Drum „Vorwärts,“ Gut und Blut dem Krieg,
Um jeden Preis der Freiheit Sieg!

Donaueschinger Wochenblatt Juni 1849

Epitaph auf dem Hüfinger Friedhof.

Der Frauen und Jungfrauen Verein dahier zählt nun 130 Mitglieder, die alle gern und willig bereit sind, dem Zwecke des Vereins zu dienen, und daher freudig ihre Gaben auf den Altar des Vaterlandes niederlegen. Damit aber der Verein glücklich bestehe und gedeihe ist nötig, daß unter den Mitgliedern stets Einigkeit sei und bleibe. Daß diese sowohl von den gegenwärtigen als auch von den allenfalls noch beitretenden Mitgliedern gepflegt werde, steht zu erwarten, da alle vom Geiste der Eintracht und Liebe beseelt sind, womit sie an der guten Sache Anteil nehmen und Unterstützung da gewähren wollen, wo es notwendig ist.

Hüfingen, den 27. Juni 1849.
Die Vorsteherin: Karoline Höfler.
Die Schriftführerin: Elisabetha Gilli.

Donaueschinger Wochenblatt Juni 1849

Elisabetha Gilly geboren am 16.05.1825 und verheiratet am 08.01.1852 mit Markus Frey aus Hausen vor Wald, Gastwirt zum Löwen.

Karoline Höfler. Geboren als Karoline Aberle um 1817. Eltern Andreas Aberle und Magdalena Eytenbenz aus Möhringen. Wirtin vom Gasthaus Löwen. Ihr Mann Michael Höfler stirbt 1842 mit nur 29 Jahren.

Elisabetha Gilly war die Tochter von Josef Gilly aus Hondingen und Agatha Wagner. Sie wurde nach ihrer Großmutter Elisabetha Martin benannt.

Der Löwenwirt hieß „Leuenbaschi„. Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:

…und an hohen Festtagen spielte er in der Kirche die Orgel, und der „Leuenbaschi” (Löwenwirt) sagte dann: „I ha’s bim erschte Griff scho gmerkt, daß es nit de Prezepter Thäddä ischt!” Dieser, der pensionierte Präzeptor Thaddäus Bader, war nämlich stets noch Organist.

Denkbuch von Lucian Reich 1896

Foto von Wikimedia von einem Frauenverein um 1900

Hüfingen, 27. Juni.
Es ist wahrhaft erfreulich, wenn man wahrnimmt, wie hiesige Frauen und Jungfrauen in bedeutender Anzahl sich gleichsam wetteifernd bestreben, beim gegenwärtigen deutschen Freiheitskampfe unterstützend mitzuwirken, so viel sie nur immer vermögen. Dies beweist, wie sehr sie erkennen, was dem Volke und Vaterlande not tut, und was der Geist der Zeit fordert.

Dieselben haben darum einen Verein gebildet, wohlwissend, daß das Wirken für eine edle Sache nur durch vereinigte Kraft mit segenbringendem Erfolge gekrönt sein kann. Diesem Vereine haben sie daher Festigkeit verliehen durch angemessene Statuten, welche am 18. d. M. festgesetzt wurden, an welchem Tage sonach der Frauen- und Jungfrauen-Verein daselbst seine förmliche Konstituierung erhielt.

Der Zweck desselben ist zunächst die Teilnahme an den allgemeinen Freiheitsbestrebungen, die Unterstützung der hiesigen Wehrmannschaft und solcher hiesiger Personen, welche im Dienste der Freiheit unglücklich werden. Zur Erreichung dieses Zweckes werden alle 14 Tage von den Mitgliedern Geldbeiträge in die Vereinskasse entrichtet, die jedoch nicht festgesetzt, sondern dem Ermessen eines jeden Mitgliedes anheim gestellt sind. Auch werden Kleidungsstücke und zum Feld- und Wehrdienste erforderliche Bedürfnisse herbeigeschafft. Über schon früher eingegangene Beiträge und angeschaffte Gegenstände wurde schon am 13. d. M. vom Civil-Kommissär daher in diesem Blatte berichtet.

Es wurde nun noch von den Frauen und Jungfrauen eine neue, äußerst geschmackvolle und sinnreiche Fahne angeschafft und gefertigt. Am 20. d. M. fand die feierliche Übergabe derselben an das Bataillon des ersten Aufgebots des diesseitigen Bezirkes auf dem quadratförmigen, freien Platze bei der Kirche dahier statt: die Frauen und Jungfrauen des Vereins bildeten vom Rathause aus, wo sie sich gesammelt hatten, in festlicher Kleidung mit dreifarbigen Bändern und Schärpen geschmückt, einen Zug. Demselben voran gingen drei hierfür erwählte Jungfrauen, von denen eine derselben die zu übergebende Fahne trug, die dann, nachdem der Zug auf dem dem genannten Platze angekommen war, die Fahne nach gehaltener Rede dem Bataillons-Komandanten überreichte.

In dieser Rede wurde besonders herorgehoben, daß auch das weibliche Geschlecht beim Kampfe für die Rechte und Freiheiten des Volkes nicht gleichgültig zusehe, sondern bereit sei, sich nach der ihm dargebotenen Möglichkeit daran zu beteiligen. Unter Anderm enthielt die Rede auch den Wunsch, daß, wie einst unsere tapfern und heldenmütigen Vorfahrer unter der deutschen Fahne das unerträgliche Joch der römischen Zwingherrschaft brachen, auch diese Fahne sich entfalten möge im heiligen Kampfe gegen unsere deutschen Freiheitsunterdrücker, und daß sie, vereint mit andern wackern Streitern, mit Gott zum Siege für Volk und Vaterland führen möge, auf daß endlich Freiheit, Wohlstand und Bildung sich über Alle erstrecke.

In geeigneter Weise erwiderte auch der Bataillons-Kommandant und endete mit einem Hoch auf die Frauen und Jungfrauen des Vereins. Am Nachmittage desselben Tages marschierte dann das mutige und staatliche Bataillon nach Geisingen und Möhringen, wo es bis heute harrt, um nach dem wirklichen Kampfplatze zu ziehen, wo unsere badischen Brüder schon kämpfen gegen hessische, mecklenburgische, nassauische und preußische Söldner, die noch so verblendet sind, daß sie sich mißbrauchen lassen für die Unterdrückung des Bürgers. Hoffentlich werden auch diese noch zur Einsicht gelangen, daß sie im Fürstenheere nur für ihre eigene Knechtung und Unterjochung die Waffen führen.

Vincenz Rombach im Donaueschinger Wochenblatt am 27. Juni 1849

Die Hüfinger „Wehrmanschaft“ schloß sich am 7. Juli 1849 Sigels Volksarmee an, als diese durch Hüfingen marschierte. Hier, so berichtete Lucian Reich als Augenzeuge, „sah man noch einmal sämtliche Artillerie im Schloßhof aufgestellt . Um Mitternacht bei magischem Vollmondschein machte die ganze Retirade noch einen kurzen Halt in den Gassen. Dann ging es weiter der Schweizer Grenze zu nach Stühlingen. Unterwegs verbrannte man noch die gedeckte hölzerne Wutachbrücke in Grimmelshofen

Die vom Frauenverein angefertigte Fahne wurde allem Anschein nach bei Grimmelshofen verloren. So schreibt der „Verweser“ Gilly dem Ortsvorsteher von Grimmelshofen einen Brief mit der Bitte sich nach der Fahne zu erkundigen. Der Ortsvorsteher schrieb zurück, dass keine Fahne zurückgeblieben sei. (3)

Mit der Niederschlagung der Badischen Revolution fand der Frauenverein anscheinend noch kein Ende und existierte im Untergrund fort. So spendete der Verein 1908 für die bei der Donaueschinger Brandkatastrophe Geschädigten 30 Mark. (2)

Brandkatastrophe in Donaueschingen am 5. August 1908.
Hier spendete der Frauenverein den Geschädigten 30 Mark.

Auch in der Festschrift von 1914 vom Gausängertag wird der Frauenverein erwähnt im Zusammenhang mit dem Krieg von 1870.

Formale Zusammenschlüsse und damit eine organisierte Frauenbewegung gab es im Deutschen Bund erst ab 1859 mit dem Badischen Frauenverein.

Der Hüfinger Frauenverein war somit wohl 1849 der erste demokratische Frauenverein im Deutschen Bund und mit 130 Mitgliedern auch beachtlich groß.

(1) Begegnungen mit dem 925-jährigen Hüfingen, Hugo Siefert, Schriften der Baar Bd 52 ab Seite 17, (2009)

(2) Hüfingen 1083-2008 Beschreibung einer Stadt im 925. Jubiläumsjahr. Kulturhistorische Reihe der Stadt Hüfingen, Band 9, Hugo Siefert (2009).

(3) Hüfingen und die Badische Revolution. Von Biedermännern und Heckerhüten. Kulturhistorische Reihe der Stadt Hüfingen, Band 3, Beatrice Scherzer (1998).

Skulptur in Donaueschingen am Bahnhof

Hüfinger Frauenverband im Schwarzwälder Hausschatz 2025

Unterstützung für die republikanischen Rebellen 1848/1849

Teile vom Artikel unten erschienen im Schwarzwälder Hausschatz 2025
zusammen mit dem großen
Franz Filipp sel.A.

Den Hausschatz gibt es beim

Besuche aus der Heimat
Zur Erntezeit
Die Fastnacht

Vierzehntes Kapitel gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich


E freude Stund e guti Stund,
s’ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.

>Johann Peter Hebel

Besuche aus der Heimat – Zur Erntezeit – Die Fastnacht

Der nahende Herbst hatte unserem Hieronymus mehrere Besuche von zu Hause gebracht, erst den Vater und die Mutter, welche kamen, nach des Lehrlings Tun und Treiben und nach der Zufriedenheit des Meisters sich zu erkundigen. Dionys, des Stabhalters Sohn, war sogar später bei ihm über Nacht geblieben und hatte mit ihm das Lager geteilt. Er hatte ihm verschiedene Grüße ausgerichtet und Neuigkeiten erzählt aus der Heimat, worunter die interessanteste gewesen, daß die Florentine immer vollkommener und schöner werde. Von sich selber konnte der junge Handelsmann sagen, daß, ohne Rühmens, sein Geschäft prächtig floriere, und daß auf dem ganzen Wald kein Geschäftsmann zu finden sei, dem mehr Geld durch die Hand laufe als ihm und seinem Vater.

Die Eltern des Hieronymus waren hoch erfreut über das gute Zeugnis, welches der Meister seinem Lehrling ausgestellt, nach Hause zurückgekehrt. Denn auch der Feldwaibel hatte ihnen halb scherzhaft die Versicherung gegeben, daß er, als Beistand, bis jetzt noch nicht den mindesten Grund gehabt, hinsichtlich der geleisteten Bürgschaft irgendwie in Sorgen zu sein.

Nicht nur im eigentlichen Geschäft, auch bei Feldarbeiten griff Hieronymus wacker ein, wobei er – dank der Erziehung daheim – in allen Sätteln sich gerecht erzeigte. – Als sein Meister, der nebenbei auch Feldbau betrieb, zur Erntezeit einmal eines Garbenbinders wegen sehr in Verlegenheit war, erbot sich der Lehrling zur Verrichtung dieses sonst nur geübten Männern anvertrauten Geschäftes. Der Meister schüttelte anfangs ungläubig den Kopf; jener aber ergriff alsbald den Bindnagel, holte aus dem Stadtbächlein die dort zum Einweichen eingelegten „Wieden“, die Magd nahm den „Schaub“ auf den Kopf, die mit frischem Wasser gefüllte „Lägel* an den Arm, und die Meisterin ging zum Antragen mit. Und siehe da – Hieronymus band die hundert Korngarben so regelrecht, wie es der geschickteste Oberknecht nicht hätte besser machen können.

Ebenso willig und gewandt zeigte er sich als Mäher. Frühmorgens, wenn kaum der erste Wachtelschlag den anbrechenden Tag verkündete, schritt er mit andern zum Tor hinaus, die Sense oder das Räff (zum Mähen der Mischelfrucht) über der Schulter, das hölzerne „Futterfäßle“ mit dem Wetzstein hinten am ledernen Gurt befestigt. Und kam er nach vollbrachter Arbeit abends heim, und waren Suppe und Sauermilch verspeist, so nahm er ungeheißen wieder das „Dangelgeschirr“ zur Hand und dengelte, auf einem Holzblock vor dem Scheuertor sitzend, mit den Nachbarn lustig um die Wette. – War dieses Geschäft besorgt und hatte er am Brunnen sich gewaschen, dann erst konnte er sich Ruhe gönnen, indem er sich ein Stündchen noch zur Familie setzte, auf das Bänklein vor dem Haus.

Wie zur Winterszeit gewisse Stuben und Stüblein Sammelorte waren für nachbarliche Abendgesellschaften, so waren es im Sommer die Bänklein vor den Häusern, bei welchen die Freunde in und außer dem Haus sich zu versammeln pflegten.

Erforderten unter der Woche die Erntearbeiten ein frühes Schlafengehen, um morgens wieder zeitig bei der Hand zu sein, so fiel diese Rücksicht am Samstagabend sowie vor einem Feiertag natürlich weg. – Da saßen sie denn oft bis Mitternacht, hemdärmelig, barhäuptig unter dem Himmel voll Sternengefunkel und Wetterleuchten, während im offenstehenden Haus nichts sich regte als das Heimchen und der laute Schlag der Wanduhr in der Stube. – Es hörte sich angenehm zu, dem Gesang der fremden Schnitter und Schnitterinnen, die in Gruppen vor dem Haus des Bauers dort noch ein Stündchen sich verkühlen lassen wollten. Und war auch der Oberamtsrat ein gestrenger Herr, so konnte es ihm doch entfernt nicht einfallen, den Schnittersleuten das Singen überhaupt verbieten zu wollen, wie dies ein halbes Säkulum später von einer nahen Amtsstadt aus geschehen sein soll.

Da es dem fruchtreichen Gau zur Erntezeit an Arbeitskräften fehlt, so kam – wie heute noch – regelmäßig Aushilfe vom benachbarten Heuberg oder von den nächsten Schweizerorten daher, jede Schar unter der Obhut eines besonderen Schnittmeisters. Auch Kinder mit Säcklein zum Ährenlesen waren dabei. War ein Großbauer nicht ganz von der filzigen Sorte, so ließ es sein in diesem Punkte löblicher Stolz gewiß nicht zu, seinem Gesinde das Zusammenrechen hinter dem Garbenbinden her zu gestatten. – Das Verzettelte sollte eben lediglich den Armen gehören.

Bevor es ganz einwinterte, war unserm jungen Freunde noch ein unverhofftes Zusammentreffen vorbehalten. Die Heugabel auf der Schulter, war er mit dem Meister und seinen Leuten zum oberen Tor hinausgeschritten, auf der Schlehwiese noch einiges Ohmdgras einzuheimsen, als von dem Wege, welcher nach dem Roten Rain führt, ein wohlbekannter Pfiff sein Ohr traf.

Das Zeichen kam von einem Patrone, welcher auch dem Leser nicht zum erstenmal vor die Augen tritt. Der Kommende trug über der Schulter, an einem glattgeschälten, äpfelbaumenen Stock, eine Anzahl Vogelkäfige, unter dem Arme, in ein hochrotes Nastuch gewickelt, eine Geige; die kurzen, hellgrün gestreiften Beinkleider waren am Knie mit flatternden Bändeln befestigt; über dem rot und gelb getupften „Leible“ glänzte eine herzförmige silberne Busennadel zum Anheften des leicht geschlungenen Halstüchleins.

Ein breiter Filzhut mit Pfauenfedern und ein zinnener Schlagring mit schwerem Knopfe am kleinen Finger der rechten Hand, womit schon manche Stirn und Nase blau oder rot gesiegelt worden, vollendeten das Kostüm eines Landfahrers; und daß es der Lange Hans sei, bedurfte für Hieronymus keines zweiten Blickes. Er war, vom Walde kommend, seiner Bande vorangeschritten, die Baar der Kirchweih willen zu besuchen.

„Auf e paar Wörtle!“ raunte er dem stehengebliebenen Hieronymus zu, indem er ihn etwas auf die Seite nahm. „Der Zufall hot mer ‚en Gang verspart; schau“, sagte er geheimnisvoll, als sie allein waren, „di haun i grad aufsuche wölle!“
-„Ihr kommt von daheim?“ fragte Hieronymus. „Es sind doch alle g’sund und wohl?“
„Alls g’sund und wohl!“ bestätigte der Lange. „Schau! Du woißt gar nit, was de for e Glückskind bist, Gott soll mi leaba lau – wenn’s nit wohr ist. Schau, i hau der no e b’sundere Gruß ausz richte von enere G’wisse – de kennst mi scho – Hieronymus!“ lispelte er verschmitzt, „schau, i hau der was z’bringen; i kenn reiche Bauresöhn, en Finger vo der Hand gäbet si drum, wenn ihne so was passiere tät; roht, was haun i do, Männle?“ Mit diesen Worten zog er ein Päcklein aus der Rocktasche.
„Ihr macht Spaß, Hans“, meinte Hieronymus, mit forschendem Blick auf den Langen.
„Koi bißle!“ versetzte dieser. – „Schau, i will di nit lang im Wunder lau -’s Laubhauserbaure Töchterle hot mer auftrage, i soll di schäa grüeße – und do schickt dir das Dundersmädle ne Krämle – i haun ihr’s sealber b’sorge müesse auf’m Vöhrebacher Johrmärkt; i hau scho lang g’merkt, wo Barthle de Most holt!“ Dem jungen Burschen war das Blut ins Angesicht geschossen; der Lange hatte ihm das Päcklein überreicht. Der Empfänger aber war unwillkürlich mit der Hand in die Tasche gefahren, als wollte er den wohlverdienten Botenlohn herauslangen. „Hans“, sagte er nach einigem scheinbaren Grübeln, „ich hab kein Münz, wenn Ihr aber nach der Kirchweih wieder bei mir einspreche wollt „
„Hot nix z’sage, Hieronymus! Schau, i bin die best Seel im ganze Ländle, und wenn i nor älle Leuta healfa könnt – als Menschefreund – beim Dunder, tät’s!“ – Bei diesen Worten hatte der Landfahrer seinen Hut aufs linke Ohr gedrückt; „mer schwätze noch später mit’nander von deare Sach – adjes!“ sagte er, mit einem Händedruck und streifte im Fortgehen ein Blatt vom nahen Weidenbusche, um darauf die Melodie des Liedes: „Und du kennst mi au mit“ zu pfeifen. Hieronymus aber eilte rasch seinen Leuten nach.

Das Ohmd auf der Wiese war bald in Schober gehäufelt, und der Lehrling erhielt vom Meister die Weisung, auf den Fuhrmann zu warten. Kaum sah der Zurückgebliebene sich allein, als er, aufs duftige Ohmdgras niedergelassen, sein Päcklein bedächtig und nicht ohne einige Beklommenheit öffnete. – Ein schwarzseidenes Halstuch mit roten Zipfeln fiel ihm in die Augen, dabei ein Schreiben von seiner ehemaligen Schülerin: Dieses wenige, schrieb sie, schicke sie ihm für den Kleiderkasten, den er ihr so schön renoviert und für welchen sie ihm noch nichts habe geben können. „Mich und Deine Mutter“, schloß der Brief, „dunkt es schon eine halbe Ewigkeit, seit Du fort bist, und wir reden oft von Dir und hat Dich noch keins vergessen, und wenn wir beten, beten wir auch für Dich.“ – Unten am Rande des Schreibens hatte die Briefstellerin noch ein Verslein beigesetzt:

„So viel Tröpflein in dem Meer,
So viel Sandkörnlein hin und her,
Als Blatt und Früchten an Bäumen sein,
Als Strahlen hat der Sonnenschein,
Als Gras und Kraut die Erde tragt,
Als Stern und Geist der Himmel hat,
So viel hunderttausend Mal seist Du gegrüßt.“

Er lag noch lange träumerisch auf dem weichen Lager und schaute aufwärts in die Luft. In den abgemähten Stoppeln zirpten die Grillen ihr eintöniges Lied, und von den nahen Schlehenbüschen zitterten vergilbte Blätter schon herbstlich zu Boden, aber Hieronymus war es zumute, als breche eben der Frühling an mit all seinen Knospen und Blüten; und wenn er hinüberschaute nach den dunkelblauen Höhenzügen des Schwarzwaldes, wo der Rauch von den Kohlenmeilern wie Säulen in die stille Luft aufstieg und das ferne Rufen und Singen vereinzelter Hirten in den Wiesen umher durch die Landschaft klang – so glaubte er tausend Grüße zu vernehmen aus der Heimat.

Der Fuhrmann war gekommen, der Wagen geladen, und der Glückliche bestieg ihn, um mit dem Hochgefühl eines Siegers durch das Tor in die Stadt einzuziehen. Die Winternebel lagen auf der Landschaft, und schon hatte es der Lehrling so weit gebracht, daß ihn sein Meister für würdig hielt, einen erst kürzlich entdeckten Grundpfeiler der bildenden Kunst kennenzulernen. Es war , die durch Vereinigung der Natur und Kunst auf den rechten Grund und Grad der Vollkommenheit gesetzte Zeichnungswissenschaft oder Proportion der Figuren von der Geburt bis zum vierundzwanzigsten Jünglingsalter«. Ein Werk, worin, beiläufig gesagt, die leibliche Gestalt des Menschen mit ebensoviel Sicherheit und Scharfsinn ausgemessen war wie seine geistige Natur in gewissen philosophischen Abhandlungen der alten und neuen Zeit. – Hieronymus brachte das Heft oft zu seinem Freunde Severin, wo die beiden im warmen Stüblein manche Mußestunde mit Zeichnen und Tuschen zubrachten.

Unter solchen Beschäftigungen verging der Winter; Advent, Weihnachten, der Neujahrstag waren vorüber sowie der Dreikönigstag; und man näherte sich der Zeit, von welcher es heißt: Lichtmeß bei Tag eß, das Spinnen vergeß. – Die Fastnacht fiel heuer ziemlich frühe, und Hieronymus freute sich, das ungewohnte Leben und Treiben dieser Tage einmal mit ansehen zu können.

Bereits einige Tage vor dem „schmutzigen Donnerstag“ , dem ersten der drei Narrentage, sah man allabendlich die Gassenjugend vor dem Untertor versammelt, wo der Baptistle, ihr Liebling, wohnte. – Welch ein Jubel und Geschrei, wenn bald da, bald dort an einem Fensterlein des Tores der Kopf des närrischen Kauzes in wunderlicher Grimasse, ähnlich dem Lällekönig zu Basel, zum Vorschein kam – oder wenn eine Hand herausfuhr, welche Wolken von Puder unter den Haufen streute – oder wenn durch irgendeinen Spalt des alten Gebäudes plötzlich eine große Schlange unter das jugendliche Publikum raschelte, die, ehe sie erhascht werden konnte, ebenso schnell wieder oben verschwand.

Baptistle bewohnte sein Torstüblein, wie Diogenes sein Faß, in Armut, aber in philosophischer Geringschätzung alles dessen, was die Menschen irdische Güter und Schätze zu nennen pflegen. – Hinter dem grünen Kachelofen lagen in bunten Haufen seine Narrenkleider, zusammengeflickte Fetzen, seltsame wunderliche Trachten, welche ihm in Ermangelung eines Bettes das ganze Jahr hindurch zum Lager dienen mußten, weshalb er auch zu sagen pflegte: es gehe nichts über ein Federbett, er habe nur eine einzige Feder darin und schlafe herrlich wie ein König, wie gut müßten erst diejenigen schlafen, die viele darin hätten. Eine gräuliche, an vielen Stellen schon geflickte Riesenschlange nebst einem ausgestopften Kalb, dessen Kopf und Hinterteil einst vergoldet gewesen, teilten mit dem närrischen Patron den engen Stubenraum. – Es war dieses Getier das einzige, was er aus der Erbschaft seiner seligen Großmutter als wünschenswert an sic gezogen, und stammte ursprünglich aus einer Zeit, in welcher man für gut gefunden, moralisch-deklamatorische Aufzüge statt der altväterischen Fastnachtspossen dem Volke zur Erbauung vorzuführen. „Ludendo corrigo mores!“ lautete das Motto auf einem noch vorhandenen Programm. Bei solch einem Umzug, wobei in Begleitung von Instrumental- und Vokalmusik die sieben Todsünden dargestellt wurden und wobei auch die Großmutter des Baptistle mitgewirkt hatte, dienten jene Tiere als symbolische Beigaben.

Wenn unser moderner Diogenes auch keinen eigentlichen Lebenszweck zu kennen schien, denn seine Narrheit war rein um ihrer selbst willen da, und grünte, um zu grünen, wie das Semper vivum, so war er doch in Wirklichkeit nicht ohne Sorgen. Diese aber bestanden nicht etwa darin, daß er sich gekümmert hätte, was er wohl morgen essen werde (dafür ließ der Philosoph unsern Herrgott und gute Leute sorgen), sein Sinn bezog sich lediglich auf die Instandhaltung und zweckmäßige Vermehrung seiner Narrengarderobe. – Ein Geschäft, welches, wenn auch unbewußt, von manch andern, sich weise dünkenden Menschenkindern ebenso sorgsam gepflegt wird!

Sah unser Baptistle eine schön geputzte Person in neuen Kleidern über die Gasse gehen, so konnte man sicher sein, daß der Narr alsbald bei jener seine Aufwartung machte, bittend um einige Abfälle von dem neuen Prachtgewande; ja, ich glaube, wäre ein neuer Alexander vor ihn hingetreten mit der Aufforderung: eine Gnade sich zu erbitten – Baptistle hätte nur um einen einzigen Zipfel des königlichen Purpurs gebeten, um damit seine Narrenjacke zu flicken!

Einmal war allgemeine Landestrauer und das Narrenlaufen von Amts wegen verboten; man mußte sich, wenn auch ungern, fügen. Baptistle aber vermochte es nicht zu überwinden, daß sein Dichten und Trachten eines ganzen Jahres, gerade als er die Früchte davon zu ernten vermeinte, verkümmert und vernichtet werden sollte. Er ging, dem Herrn Amtsrat seine untertänigste Aufwartung zu machen und demütigst die Bitte vorzutragen: ob es ihm nicht wenigstens gestattet werden möchte, maskiert den Kopf durch das Fenster zu stecken? – Dies allenfalls konnte, unbeschadet des Ansehens der obrigkeitlichen Verfügung, verwilligt werden. – Mit vielen Bücklingen nahm Baptistle die gnädigste Erlaubnis entgegen, und mit schmunzelnder Miene sah man ihn seinem Stüblein zuschreiten.

Des anderen Morgens, am Schmutzigen Donnerstag, als der Herr Rat in Seelenruhe sein Pfeifchen zum Fenster herausschmauchte, denn die Frau Rätin liebte den Qualm im Zimmer nicht, entsteht gewaltiger Rumor auf der Gasse; der Stadtknecht stürzt zur Tür herein: „Der Baptistle“, berichtet er atemlos, „erfrecht sich – narrenzulaufen!“
„Augenblicklich her mit ihm“, befiehlt mit zornglühendem Antlitz der Rat. – Und man führt den Kontravenienten vor den gestrengen Herrn. – Baptistle hatte sein stattliches Narrenhäß angetan und ein Schiebfenster als Halskragen über den Kopf gestülpt.

Überrascht starrt der Amtmann bald den Baptistle, bald dessen seltsame Halskrause an, dann aber fährt er heraus: „ Wer hat Ihm erlaubt?“
„Gestrenger Herr!“ entgegnete der Schalksnarr mit tiefer Reverenz, „haben mir ja Permission erteilt zum Maskieren und den Kopf zu meim‘ Fenster rausstrecken zu dürfen. – Das hier ist mein Stubenfenster, wo ich rausschau!“ — Ob diesem Gebaren war selbst richterlicher Ernst nicht mehr haltbar, und mit gnädigem Lächeln gab der Rat den Bescheid: „Für diesmal soll es Ihm hingehen, aber auf den Gassen laß er sich hinfüro nicht mehr blicken – verstanden?“ Der Baptistle geht.

Aber am zweiten Fastnachtstag erblicken die Einwohner des Städtleins oben am Schellenberger Wald ein seltsames Schauspiel. – Es war unser Eulenspiegel mit der Schuljugend, welcher eingedenk der Worte des Stadtgebieters: sich nicht mehr auf der Gasse blicken zu lassen, das freie Feld zum Tummelplatz seiner Narrenstreiche gewählt hatte.

Aus diesem Vorgang hätte der Herr Rat wohl merken können, daß man einen tief gewurzelten Baum nicht wohl ausreißen kann, ohne daß einige Würzelein und Zäserchen zurückbleiben, welche von neuem ausschlagen.

Als diesmal der erste Fastnachtsmorgen angebrochen, hatte sich gleich nach dem Gottesdienste wieder die ganze Kinderschar vor dem Untertor versammelt. – Als der Held nicht alsogleich erscheinen wollte, erhob sich wie bei einem Theaterpublikum Lärm und Spektakel. – Endlich rumpelt es auf der Stiege – Baptistle erscheint – und zwar in der Gestalt eines „Eselsreiters“. – Unter dem scheckigen Waffenröcklein schaut der hölzerne Kopf des Langohrs hervor, auf welchem der Ritter, im Sattel sitzend und die Zügel in der Hand, zu reiten scheint, während auf der Kehrseite Schwanz und Hinterteil des Tierleins zu schauen sind. Über der Schulter hängt die ausgestopfte Kälberhaut, eine malerische Beigabe, die ihrem Träger beinahe das Ansehen eines in die Neuzeit übersetzten Herkules verlieh.

Donnernder Jubelruf erschallt beim Anblick des Heros, der, seiner Rosinante die Sporen gebend, kühn unter den Haufen sprengt – fort bewegt sich der Troß -, während der Ritter, wie Zeus seine Blitze auf verweglich nahende Sterbliche, sein an einem Stricke befestigtes Kalb den neckenden Buben stäubend auf den Rücken schleudert. Gaß auf, Gaß ab, durch Dick und Dünn geht der Ritt, und die begleitende Schar, blau vor Zeter und Rennen, läßt im Chorus die Narrenverslein erschallen:

Alle Vöglele singet so hell
Bis am Samstig z’Obed!
Alle Meideli hättest mi gern,
O! wie bin i ploget!
Narroh!

Hideli, hädele, hinterm Städtlele
Hät en Bettelma Hochzit,
Es giget e Müüsli,
Es tanzet e Lüüsli,
Es schlagt en Igeli Trumme,
Alle Tierli, wo Wädeli hond,
Sollet zur Hochzit kumme!
Narroh!

Somit war die Fastnacht eröffnet, dem Faß der Zapfen ausgestoßen, und nach dem Sprichwort: „ein Narr macht hundert“, ließ sich mancher vorher unentschlossene Geselle bewegen, einzusteigen ins allgemeine Narrenschiff und die zwei- oder dreitägige Lustfahrt mitzumachen.

Doch sehen wir uns gelegentlich auch einmal nach unserm Lehrling um, welche Rolle denn dieser gespielt. Wenn es schwer ist, in solch bewegtem Durcheinander den einzelnen im Auge zu behalten, so darf doch als gewiß angenommen werden, daß Hieronymus weder unter den Maskierten noch auf dem Tanzboden zu finden gewesen; denn unsere Voreltern hatten den einfältigen Glauben, daß einem Lehrjungen (so wie auch einem Schulpflichtigen) noch keine Stelle allda gebühre, und daß ein solcher, dort betroffen, von Meistern und Gesellen nach Haus gejagt zu werden verdiene. Deshalb dürfen wir mit gutem Grund annehmen, daß er unter den Zuschauern sich befunden, ein Platz, der diesmal besonders ergötzlich gewesen sein mochte.

Es waren zu jener Zeit die alten, etwas in Abgang gekommenen Nationalmasken, die „Hansel“, oder wie sie auch heißen, die „Narro“ wieder in Aufnahme gekommen; denn weil Narrheit und Mode sozusagen Geschwisterkind sind, so unterliegt auch erstere dem Wechsel der Zeit und der Laune.

Das „Häß“ dieser Hansel war kurz vorher in der Werkstatt des Meisters Amtsdiener hübsch renoviert, d. h. bunt bemalt worden.

Der Hansel oder „Heine“, in den Städten Rottweil, Villingen, Donaueschingen und Hüfingen sowie in mannigfacher Abwechslung in der Seegegend heimisch, erscheint als ein Gemisch des altdeutschen Pickelhärings und des italienischen Pantalone. Eine große Holzlarve, „Scheme„, bedeckt das Gesicht, eine Kapuze mit hängendem Fuchsschwanz, zuweilen auch ein breiter Kragen, zieren Kopf und Hals. Die weite Jacke, die schlotterige Hose, beide von weißem Zwillich, bemalt mit Laubwerk und Figuren, und die kreuzweis übergehängten Riemen mit schweren metallenen Schellen sind die Kleidung des Hansels. – Als Waffe schwingt er den hölzernen Flamberg oder die Pritsche, oder er bedient sich der weit ausgreifenden „Narrenscher“. – In allen Häusern ist ihm Zutritt gestattet; und hat er hier die Bolzen seines Witzes verschossen oder gestrehlt, wie die Villinger sagen – so betritt er sein eigentliches Lustrevier, die Gasse, wo die dankbare Jugend seiner harrt -; und daß er ja in Gang und Haltung sich nicht verrate, bediente er sich des üblichen „Narrensprungs“, unnachahmlich jedem Hergelaufenen, d. h. Fremden.

Unser Bildchen soll eine solche Hanselsszene veranschaulichen. Gelockt von Apfelkorb und Bierkrug, umschwärmt ein tobender, schreiender, haschender Haufe den Hansel, fort geht es im Takte des Schellengeklingels, und aus hundert Kehlen erschallt es lustig:

I ha de Narr am Seile,
I han e recht erwischt;
I laß en nimme renne,
Bis d’Fasnet umen ischt!

Narro, Narro siebe sie,
Siebe, siebe Narro gsi;
Narro, Narro Gigeboge,
Was de seist, isch all’s verloge.
Narroh!

Nicht immer iedoch sind’s die alten Liedle, welche der jugendliche Troß dem „auswerfenden“ Hansel singt; manchmal bringt dieser ein neues, eigens auf bestimmte Persönlichkeiten oder Ereignisse gereimtes auf’s Tapet. – Erscheint er aber „nüchtern“, d. h. mit leeren Händen, dann muß er sich’s gefallen lassen, selbst die Zielscheibe des Spottes zu werden:

Hansele, due Lumpehund!
Häst nit g’wißt, daß d‘ Fasnet kummt?
Hättest ’s Muul mit Wasser g’riebe,
Wär der’s Geld im Beutel bliebe!
Narroh!

Dem guten Wälderkinde Hieronymus wollte das Tollen und Treiben des närrischen Theaters fast befremdlich vorkommen; ja, es war ihm anfangs unheimlich zumut, wenn ihn so ein schellenbehangener Narr auf der Straße anredete und er dann – in die finstern Augenhöhlen der großen, lächelnden Holzlarve blickend – nicht recht wußte, wie er den „hänselnden“, foppenden Ton des Schalkes passend erwidern sollte. Und da er, wie schon angedeutet – ohnedies als Lehrling zur Passivität verurteilt war, so entschloß er sich, die freie Zeit des letzten Fastnachtstages zu einem Besuch im stillen Dorfe der betagten Großeltern zu benützen. Des andern Tages, am Aschermittwoch, wollte er dann, über Villingen zurückkehrend, seinen Freund Severin aufsuchen, der dort im Wirtshaus „Zum Hecht“ jedesmal über diese Zeit bei der Tanzmusik mitwirkte. Die „Hecht“-Wirtin war die Patin des musikalischen Altgesellen, und dieser nicht der Mann, einem sich darbietenden Nebenverdienst so leicht den Rücken zu kehren.

Auch dort, in der alten vorderösterreichischen Reichsstadt, stand dazumal die Narrenzunft im höchsten Flor. Der erste Tag, der schmutzige Donnerstag, gehörte in Villingen ehedem ausschließlich der Schuljugend; da hatten die Buben das Recht, narrenzulaufen. Fiel es aber einem Jungen ein, auch an den folgenden Tagen maskiert unter die Erwachsenen sich zu mischen, so wurde er ergiffen und zur Abkühlung des allzu hitzigen Narrengeblüts in den nächsten Brunnen getaucht.

Die derben, mitunter anstößigen Späße und Possen der früheren Zeit, die rücksichtslosen Kundgebungen und verletzenden Persiflagen in Prosa und Versen sind überall verschwunden und haben löblicherweise einem harmloseren Humor das Feld eingeräumt; ebenso manche der unschönen, ständigen Figuren der alten Narrenbühne, wie zum Beispiel die „Hexe“ und der „ Wuest„, die es mit ihren Besen in der Hand lediglich auf Scharmützel mit den Gassen-buben abgesehen hatten, sowie auch der wild sich gebärdende „Butzesel*, der stets von einer Anzahl Narros begleitet sein mußte, die ihn mit Peitschenhieben von beliebten Angriffen auf das, namentlich ländliche, Publikum abzuhalten hatten.

Wueschtvater a.D. Roland Weißer

Als der Held unserer Erzählung, nachdem er bei den Großeltern übernachtet, am Aschermittwoch-Nachmittag die Stadt Villingen betrat und über den Marktplatz schritt, bemerkte er dort viele, müßig um ein schwarzes Gerüst herumstehende Leute, und weiterhin in einer Gasse sah er leidtragende Männer in schwarzen Ratsmänteln mit langen, flatternden Trauerflören daherkommen. – Schon wollte er einen Vorübergehenden fragen, was für eine vornehme Person denn begraben werden solle, als ihm einfiel, es werde wohl der alten Fastnacht gelten. Denn schon in Hüfingen hatte er gehört, daß heute auch dort die Fastnacht „begraben“ werden sollte.

Mit Severin, den er richtig noch im „Goldenen Hecht“ traf, konnte er sodann Zeuge sein von dieser, im Charakter damaliger Zeit liegenden (jetzt aber erfreulicherweise nicht mehr gebräuchlichen) Zeremonie. – Nachdem sie im Wirtshaus zusammen eine Flasche geleert und sich die von der Gotte „Hecht“-Wirtin zubereiteten Fastenküchle trefflich schmecken lassen, begaben sie sich auf den Marktplatz, wo man auf einer Art Sarkophag die irdischen Reste der Entschwundenen – in Gestalt eines mit Stroh ausgestopften Narros – bereits enthüllt auf dem Paradebett liegen sah.

Mittlerweile hatte der Zug sich gebildet. In den wunderlichsten An- und Aufzügen, eine antiquarische Blumenlese aus allen Gerümpelkammern des Orts, waren die Teilnehmer herbeigekommen, ohne Larven, nur mit bemalten oder berußten Gesichtern. Die Agnaten und nächsten Anverwandten der allerhöchst Vergangenen trugen alle schwarze Ratsmäntel, von welchen sich dazumal in jedem Hause mindestens ein Exemplar vorfand, weil kein Bürger ohne diesen Mantel vor Rat erscheinen durfte. – Unter lautem Wehklagen und Seufzen setzte sich der Kondukt in Bewegung, voran die Totengräber und der Standartenträger, hinter ihnen die von vier Narro getragene Bahre, dann sämtliche in Sack und Asche trauernden Zunftgenossen, und ganz zuletzt trippelte – als Hauptperson der Feierlichkeit – die „Leidfrau“, in einem Kostüm, wie die Hex vor Tag, wie man zu sagen pflegt. Aller Spott, alle schlechten Witze, gereimt und ungereimt, wurden von den das Geleite umschwärmenden Zuschauern auf die Leidfrau losgelassen, die in unbändigstem Schmerze sich die Haare ausraufte und ganze Fetzen aus ihrer antiken Gewandung riß.

Am meisten Spaß hatten Hieronymus und sein Begleiter an der Person des mit vielen hohen – nunmehr aber schwarzverschleierten Orden gezierten Hofastrologen der jüngst verwichenen Herrscherin, der gravitätisch unter den übrigen traurigen Hof- und Kammerlakaien einherschritt. Durch den oberen Teil einer Kunkel schaute der gelehrte chaldäische Doktor, wie durch ein Fernrohr, beständig nach den Sternen, als sollten dort – wie dies beim Tode mächtiger Potentaten schon der Fall gewesen sein soll – außerordentliche Zeichen und wichtige Ereignisse verkündende Konstellationen sich zeigen; und eben wollte er dem mutwilligen Publikum den nahe bevorstehenden Weltuntergang prophezeien, als er – zum nicht geringen Gelächter der Zuschauer – auf einer, durch das herrschende Tauwetter schlüpferig gewordenen Stelle ausglitschte und – ziemlich unsanft zunächst an seine eigene Hinfälligkeit erinnert wurde.

Das Ziel des Zuges war – eine bittere Ironie auf den Ausgang aller menschlichen Lust und Herrlichkeit – der große Dung- und Kehrichthaufen am Spital, der den Leichnam aufzunehmen bestimmt war. Große Eile hatte es übrigens damit nicht; denn überall, wo man unterwegs ein Wirtshaus traf, wurde haltgemacht und das grambeschwerte Herz mit der süßen Bacchusgabe zu erleichtern gesucht.

Am genannten Orte angekommen, ging sodann die Versenkung mit allerlei Parodien und einer Predigt vor sich – wobei manche alte Narren – wie Hieronymus und Severin zu bemerken glaubten – in ihrem Katzenjammer wirkliche Tränen vergossen – wahrscheinlich im betrübenden Gedanken an ihre so leicht gewordenen Geldbeutel und an die Buß- und Fastenpredigten, die ehelicherseits zu Hause ihrer warteten.

Unsere Schilderung aber sei mit dem bis auf den heutigen Tag noch gültigen Sprichworte geschlossen:

Würden alle Narren Kolben tragen, so würde das Holz teuer.


Drei Filme der Hüfinger Fasnet von 2015



Hier noch zum Vergleich ein Filmchen von 2014 mit Villinger Narros

Und weil es so schön passt hier noch der Hexensunntig in Bräunlingen 2011

Landfahrerleben
Heimreise

Hieronymus
Das Buch von Lucian Reich 1858

Der Hüfinger Künstlerkreis

Johann Nepomuk Heinemanns „Hieronymus“

Haus Nober

ergänzt mit Fotos und Infos, Originalbeitrag vom 16. Dezember 2022

Der Leinenweber, bzw. Tuchmacher Johann Martin Nober wurde am 9.01.1688 in Hüfingen geboren und verstarb ebenda am 27.11.1741. Ein Enkel, Joh. (C)Kaspar Nober (1765-1842) wurde Tuchmachermeister und kaufte das Haus an der Hauptstraße 5.

Katharina Schelble, geborene Götz (1760-1847)

Sohn Johannes Evangelist Nober (18.10.1806-11.02.1887) heiratet Katharina Schelble (1806-1871, Tochter des Korrekturhausverwalters Franz Josef Schelble und Katharina Götz). Mit der Heirat wird Luzian Reich der Ältere sein Schwager, da dieser mit der Schwester von Katharina, Josepha Schelble, verheiratet ist. Der Bruder der beiden Schwestern ist der berühmte Musiker Johann Nepomuk Schelble.

Die Fabrikantenfamilie Nober betreibt auch eine Weberei außerhalb in der Donaueschinger Straße.*

Johann Caspar Nober, 13.12.1765-17.08.1842

Josepha Reich geborene Schelble. (19.03.1788-12.11.1866)

Katharina Nober geborene Schelble
(09.08.1806-16.04.1871)

J.C. Nober ist hier der Sohn Johann Evangelist Nober 16.10.1806 -11.02.1887

Die Anfänge des Hauses Hüfingen Hauptstraße 5 sind nicht geklärt.

Haus J.C. Nober etwa 1900
1953
Haus Nober 1910
Haus J.C. Nober etwa 1930
Haus Nober 1978
1978
Verschwommenes Foto vom Bekleidungsgeschäft Haus Nober 1998
Haus Nober 1998

Die Hauptstrasse als wesentlicher Teil der Vorderstadt scheint nach einem Brand irgendwann um 1400 erbaut worden sein. 1702 Abriss des alten oberen Schlosses und Beginn eines Neubaus durch die Fürstenberger. Es werden auch Steine des alten hinteren Schlosses verwendet. Bis 1744 wohnte der Fürst von Fürstenberg zeitweise selbst im Schloss.

Das Haus Hauptstraße 5 muss irgendwie mit dem Schloss zu tun gehabt haben und möglicherweise  auf Grund der Stilrichtung in Richtung Barock zwischen 1702 und 1744 errichtet oder wenigstens modernisiert worden  zu sein.*

Auf einer Karte von 1786 besitzt das Haus schon den heutigen Grundriss (leider keine Quelle in dem Zeitungsartikel).

Alle Bürger Hüfingens, egal welchen Handwerks,  hatten  im Nebenerwerb noch etwas Landwirtschaft und so hatte auch das Haus Hauptstraße 5 noch bis 1960  eine Scheuer und noch Relikte von Aufbewahrungsräumen und möglicherweise kleine Stallungen.

Ende 18.Jhd war es nachweislich das Gasthaus zur Sonne.*

Das Sonnenkreuz trägt im Fuße des Sockels die Jahreszahl 1783

Thomas Winterhalder von der Kalten Herberge (Urach) hatte das Haus 1811 gekauft und war bis 1816 als Besitzer und Wirt eingetragen. Winterhalder war mit Maria Mayer (1769 –1813 ) verheiratet und hatte 8 Kinder, ein Sohn war Matthä Winterhalder (23.07.1799-18.11.1863). Thomas Winterhalder war Uhrmacher und dessen Sohn gründete ca. 1850-1860 die Firma Winterhalder und Hofmeier (W&H, Schwärzenbach). (Infos per E-Mail von Dr. Peter Schlesselmann).

Nach dem Tod von Maria Mayer hatte Winterhalder das Haus 1815 an seinen Pächter Fischerkeller verkauft und zog nach Fiedenweiler. Er hatte aber noch eine Hypothek von 2500  Gulden auf dem Besitz.

Im Jahre 1823 erwarb urkundlich Johann Caspar Nober das Haus Hüfingen Hauptstraße 5 durch Kauf vom damaligen Sonnenwirt Thomas Winterhalder bzw. seinem Pächter und seit 1815 auch Nachbesitzer Johann Baptist Fischerkeller (30.6.1781- 25.8.1853).

Fischerkeller war mit Martha Engesser verheiratet (seit 1813) und baute sich ein neues Gasthaus zu Sonne an der Schaffhauser Straße.

Fischerkeller musste diese “Winterhalder- Hypothek“ auf sein neues Anwesen übertragen, damit  J.C. Nober den vollen Kaufpreis an Fischerkeller bezahlen und die Eigentumsübertragung erfolgen konnte. *

Grabstein auf dem Friedhof Hüfingen


Hier ruht
Johann Babtist Fischerkeller
geboren zu Donaueschingen den 21ten August 1749. 
gundler Kaplan zu Jungnau druch 13 – zu Kaseifingen G_ und endlich dazu ad 6. Blasium durch 26 Jahre ? seine irdische Laufbahn den 21 ten Juny 1852.
Gott gebe Ihm und allen ? die Ewige ? Amen

Aufnahme „Fischerkeller“ von 1880.
Vermutlich Ferdinand oder Mathias, Gastwirt zur Sonne

Mehr zu Fischerkeller und Curta gibt es in den Akten zum Rotrain aus 1835.

Caspar Nober stellte im Haus Webstühle auf und betrieb eine Woll-und Textilweberei. Er hatte das Geschäft der Weberei  von seinem Vater, Johannes Nober (16.12.1719-13.09.1788) und Großvater Martin Nober (9.01.1688 -27.11.1741) erlernt. (Fa. Martin Nober und Comp). 

In dem Universal Lexikon von dem Großherzoglichen Baden von 1843  steht unter anderem: „Hüfingen hat 238 Häuser…. Herr Xaver  Reich hat hier  ein Bildhaueratelier…. In diesem Schloss wohnen gewöhnlich die Witwen aus der Fürstenbergischen Familie. Unweit des Schlosses steht eine Nobersche Spinnmaschinenfabrik für Tuchweber, wobei 12 Arbeiter beschäftigt sind…..“*

Später betrieb Caspar Nober zusammen mit seinem Sohn Johann Evangelist Nober die Weberei in noch größerem Stil in der Schaffhauserstraße (nach dem 2. WK Schreinerei Schelble).  Firma Caspar Nober und Sohn.*

Maria Heinemann
(23.12.1857-19.05.1948)

Maria Josepha Heinemann am Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit ihrer Cousine Elisabeth Heinemann (Grießhaber).
Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich, der Tochter von Luzian Reich.

Marie Heinemann und Joh. Karl Nober

Maria Nober
(geborene Heinemann) im Jahr 1878

Johann Evangelist jüngster Sohn (von 14 Kindern), Johann Karl Nober (11.04.1850-11.12.1920) heiratete Maria Josefa Heinemann (23.12.1857-19.05.1948) die Enkeltochter von Luzian Reich und Tochter des Litographen Joh. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich. Sie übernahmen später die Hauptstraße 5, handelten dort mit Woll- und Textilwaren und nannten sich J.C. Nober, wie schon der Vater in seiner Todesanzeige. Das Gründungsdatum des Geschäftes wurde auf den Beginn der Nobers in diesem Haus mit 1823 festgeschrieben.

Eingang mit alter Tür 1974

Glasnegativ von Wilhelm Kratt (1869-1949),
Generallandesarchiv Karlsruhe

Die Spinnerei in der Schaffhauser Straße wurde von seinen Brüdern weiterbetrieben und wurde 1875 geschossen.*

Klara Nober 1892
(06.08.1882-21.08.1961)

Klara Nober und Robert Rosenstiel 1913
Marie Heinemann gezeichnet von ihrem Onkel Josef Heinemann

Haus Nober etwa 1910

Robert Rosenstiel und Klara Nober. Im Hintergrund das Gemälde von Marie Heinemann.

Das Wollgeschäft des Johann Karl Nobers funktionierte erfolgreich weiter und wurde später an den Schwiegersohn Robert Rosenstiel aus Unadingen übergeben.

Maria Josepha Nober,
geborene Heinemann in der Hauptstr. 5

*Alle Daten und Infos sind aus dem Sippenbuch von Hüfingen und den unten aufgeführten Zeitungsausschnitten.

Hüfingen, 15. März 1927
Zur Zeit läßt Herr Kaufmann Robert Rosenstiel in seinem alten Patrizierhaus dem ehemaligen Gashaus zur Sonne die Zimmer renovieren. Dabei wurden im oberen Stock die Deckengemälde blosgelegt, von deren Vorhandensein die Familie wohl Kenntnis hatte, aber nie wußte, was die Gemälde darstellen und welchen Charakter und Kunstwert sie haben. Dann seit Jahrzehnten sind die Gemälde übertüncht gewesen und nur die reiche Stückarbeit im ganzen Obergeschoß verriet, daß hier echte Heimatkunst einmal herrliche Räume geschaffen hatte. Die ganze Lamperie zeigt später eingemalte Jagdszenen. An der Decke wurden nun die Bildwerke in den reichumrahmten Feldern wenigstens zum Teil frei gelegt. Es stellt sich heraus, daß lauter biblische Bilder wohl aus dem 18. Jahrhundert an die Decke gemalt sind und zwar ist die Geschichte des ägyptischen Josef in verschiedenen Szenen dargestellt, Josef wird von seinen Brüdern verkauft, Josef und das Weib des Buthiphar, Josef als König, wie er sich zu erkennen gibt etc. Wenn einmal die Bilder wieder von kunstfertiger Hand hergestellt sind, dann besitzt sicher Herr Rosenstiel eines der schönsten Häuser weit und breit. Die Familie bewahrt auch noch eine ganze Reihe von kunstvollen Schnitzarbeiten, Zeichnungen, Bildern und allerlei anderen Kunstgegenständen aus dem Nachlaß der Hüfinger Künstlerfamilien Heinemann-Reich als kosbare Erbstücke auf, denn Frau Rosenstiel ist die Enkelin des Lithographen J. Nep. Heinemann und amit mit den Künstlern Luzian und Franz Xaver Reich und Gleichauf verwandt oder verschwägert. Herr Rosenstiel weiß den reichen Familienschatz wohl zu würdigen.

Zeitungsartikel von 1927

Wappen Rosenstiel

Zeitungsartikel unbekannter Herkunft und Datum

Das Geschlecht der Tuchmacher und Wollenweber Nober war in den Kirchenbüchern der katholischen Pfarrei Hüfingen seit 1596 erwähnt. In direkter Linie können folgende Ahnherren festgestellt werden: Georg Nober, geboren am 2. Juni 1679, Johannes Nober (28. Dezember 1641 bis April 1690), Johann Martin Nober, Tuchwalker (9. Januar 1688 bis 27. November 1741), Johannes Nober, Leineweber und Tuchmacher (16. Dezember 1719 bis 13. September 1788), Johann Caspar Nober, Tuchmachermeister
und Leineweber (13. Dezember 1765 bis August 1842), Johann Evangelist Nober, Kaufmann und Tuchfabrikant (18. Oktober 1806 bis 11. Februar 1887), Johann Carl Nober, Textilkaufmann (11. April 1850 bis 11. Dezember 1920), Robert Rosenstiel, Textilkaufmann (4. Juni 1887 bis 3. Dezember 1960), verheiratet mit der einzigen Tochter Clara des Johann Carl Nober (am 22. Oktober 1912).

Erwerb des Geschäftshaus in der Hauptstraße am Tor 1823 durch Johannes Caspar Nober und zwar durch Kauf vom damaligen Sonnenwirt Thomas Winterhalter, Vormals aus Friedenweiler bei Neustadt, beziehungsweise seinem Pächter und Nachbesitzer Johann Baptist Fischerkeller, Gastwirt zur Sonne (30.Juni 1781 bis 25. August 1853), der seit 18. November 1813 mit Martha Engesser verheiratet war und sich ein neues Gasthaus zur Sonne vor dem Tor an der Schaffhauser Straße an der Abzweigung nach Freiburg erbaute.
Die Ehefrau des vormaligen Sonnenwirts Thomas Winterhalter, Maria Mayer, geboren 1769, war am 20. Juni 1813 kinderlos gestorben. Dieser hatte das Haus um 1815 an den oben genannten Johann Baptist Fischerkeller verkauft, hatte aber noch eine Hypothek von 2500 Gulden auf dem Anwesen, welche dann von Fischerkeller auf seinen Neubau übernommen wurden, so dass Caspar Nober den Kaufpreis ganz an Fischerkeller zu bezahlen hatte.

Gründung der Firma J. C. Nober: Sie ist auf 1823 datiert.
Daß der »Handel mit Wolle und Wollenwaaren schon vom Vater des Johann Caspar Nober unter der Firma Martin Nober & Comp. und später unter der Firma Caspar Nober & Sohn, ferner, dass Johann Evangelist Nober das Geschäft des Wollenwaaren-Handels bei seinem Vater erlernt und betrieben habe«, geht aus einen Zivilprozess des Jahres 1839 (16. April) »in Sachen des Handelsmannes
Limberger und Comp. von hier, Kläger, gegen den Tuchmacher Johann Evang. Nober wegen Beeinträchtigung im Handelsgewerb« beim Bezirksgericht Hüfingen hervor.

Tuchfabrik und Wollweberei: Diese betrieben Johann Caspar und Johann Evangelist Nober in Hüfingen an der Schaffhauser Straße (jetzige Schreinerei Schelble). Diese konnte unter den Brüdern des Johann Carl Nober um 1875 den Anschluss an das Maschinenzeitalter nicht mehr finden und ging als Handwerksbetrieb in den folgenden Jahren ein. Nur das Handelsgeschäft mit Textilwaren und Wolle wurde von Johann Carl Nober im Haus Hauptstraße 5 und später von dessen Schwiegersohn Robert Rosenstiel unter der Firma J. C. Nober, Textilwaren und Garngroßhandlung, weiter betrieben.

Ofen in der Hauptstr. 5

Zeitungsartikel unbekannter Herkunft
etwa aus 1990 vermutlich von von Franz-J. Filipp

Die Josefsgeschichte an der Stuckdecke

Bilder aus der Genesis im Obergeschoss

Hüfingen (ff). In fünf Bildszenen dokumentiert ist im Gebäude Rosenstiel-Nober in Hüfingens Hauptstraße im zweiten Obergeschoss die so genannte Josefsgeschichte als Deckengemälde, eingefasst in Stuck. Thema ist die biblische Erzählung, die auch Stoff für Thomas Manns Roman, aber auch für das Musical zum Thema Josef waren. Ein historischer Kern mag sicher vorhanden, aber nicht belegt sein. Literarisch ist die Josefsgeschichte als Novelle zu betrachten. Wie die Geschichte erzählt, begegnet der zweitjüngste Sohn des Erzvaters als Siebzehnjähriger Jakob (Genesis 37 bis 50, Ps 105). Wegen der Bevorzugung durch den Vater und seiner Träume, die einen Vorrang vor seinen Brüdern und sogar vor seinen Eltern ausdrückt, erregt er den Hass seiner Brüder. Die Absicht der Brüder, ihn zu töten, wird wegen des Einspruchs von Ruben, dem Ältesten, und von Juda nicht ausgeführt. Er wird aber als Sklave an eine ismaelitische Karawane mitgegeben und durch diese nach Ägypten verkauft. Dem Vater wird der Tod durch ein wildes Tier vorgetäuscht. Der reiche Ägypter Potifar kauft Josef schließlich als Sklaven.

Das erste Motiv der Deckengemälde stellt die Brüder Josefs dar wie sie ihn an ägyotische Kaufleute verkaufen. Dieses Deckengemälde wurde durch Bombenabwürfe in der Nähe des heutigen Bürgerhauses Krone im Kriegsjahr 1945 in Mitleidenschaft gezogen.

Ein weiteres Bild zeigt den Versuch der Verführung Josefs im Hause Potifars durch dessen Ehefrau.

Das zentrale Motiv, das heute jedoch durch eine Zwischenwand zerteilt wird und deshalb in seiner Bildaussage nicht erkennbar ist, stellt eine Traumszene des König mit sieben mageren und sieben fetten Kühen dar. Das vierte Bild unmittelbar über dem Eingang zur Wohnstube von der Treppe zeigt ein Gastmahl, zu dem Josef als Verwalter der königlichen Kornspeicher eingeladen hatte. Auf einem abgebildeten Becher ist die Jahreszahl 1748 zu erkennen, was Rückschlüsse auf das Alter der Gemälde zulassen dürfte. In der letzten Szene direkt am Fenster zur Hauptstraße ist Josef schließlich mit seinen Brüdern zu sehen.

  • Decke im Haus Nober

Für Theo Wössner, den langjährigen Vorsitzenden des katholischen Bildungswerkes Hüfingen und dessen Frau die in dem Haus früher gewohnt hat, sind die Darstellungen »einmalig«, wie er erklärt. Und Klaus Sigwart, der Hüfinger Restaurator, verweist in diesem Zusammenhang auf Bürgerhäuser in Villingen. Dort konnten sich die Gemälde in den Stuben lediglich nur wohlhabende Bürger leisten.

Zeitungsartikel vom 19. Juni 2004 von Franz-J. Filipp

Biblische Szenen über dem Sofa

Hüfingen. Strategien und Lösungsansätze für den Einzelhandel, ein Thema mit dem sich schon bald der neu gewählte Gemeinderat beschäftigen dürfte. Doch mit dem Ankauf des Hauses Rosenstiel-Nober hat die Stadt Hüfingen zugleich auch ein historisches Erbe angetreten.

Das alte Gemäuer entpuppt sich für Bürgermeister Anton Knapp und Stadtbaumeister Ewald Fürderer bei einem ersten Rundgang als kleines Schatzkästchen. Vor allem die in Stuck gefassten Deckengemälde sind älteren Datums und eine Rarität, direkt über dem Wohnzimmersofa der heutigen Wohnungsmieter.

Und was von der Straßenseite hinter der in früheren Jahren sanierten Fassade kaum zu vermuten ist, Türen, Holztäfelungen oder Fußböden scheinen ebenfalls die Jahrhunderte unbeschadet überstanden zu haben. Bis auf das Ladengeschäft mit einer Nutzfläche von 184,5 Quadratmetern im Erdgeschoss geben die alten Holzdielen auf den 183,9 Quadratmetern im ersten Obergeschoss knarrende Stadtgeschichte preis. Mit zum Teil alten Schlössern bewehrte Tü-ren, dem alten Kachelofen oder durch die Trennwände mit kunstvollen Schnitzereien eröffnet das Haus Rosenstiel-Nober zugleich den Blick auf ein Stück Stadtgeschichte.

Weitere 191,7 Quadratmeter Nutzfläche stehen im zweiten Obergeschoss zur Verfügung.

Hüfingens Verwaltungschef möchte zudem die Idee eines Dienstleistungszentrums in dem historischen Gemäuer mit den neu gewählten Bürgervertretern voraussichtlich noch vor der Sommer im Rahmen einer Klausurtagung gemeinsam mit der Komm-In GmbH aus Sternenfels zur Diskussion stellen. Ziel soll es dabei sein, Dienstleister in der Kernstadt zu halten. Das Konzept von Dienstleistungen, etwa der Stadtverwaltung oder von Banken, sowie Lebensmittelhandel oder Bäcker unter einem Dach als modulares System soll durch interessante Öffnungszeiten etwa an Samstagen neue Impulse zur Belebung der Innenstädte bieten und »Tante-Emma-Läden«, überlebensfähig machen. Träger der Zentren können dabei Kommunen oder Investoren sein.

  • Bild im Haus Nober


Der letzte Zeitungsartikel über das Haus war am 9. Januar 2014

Zeitungsartikel aus dem Jahr 2014 über das Haus Nober
Zeitungsartikel über das Haus am 9. Januar 2014 von Stephanie Jakober


Hoffnung für das Haus Nober

Das Gebäude an der Hüfinger Hauptstraße besitzt einen spätmittelaltern Kernbau. 1747 wurde es umgebaut. Diese spätbarocke Ausstattung dominiert das heutige Erscheinungsbild. Vor allem im Inneren, wo die beiden oberen Stockwerke durch hochwertige Ausstattung geprägt werden. In einer bauhistorischen Untersuchung wird das Haus als Quelle der Kulturgeschichte bezeichnet, die Einblick in das Leben und Wirken der Menschen ab dem 16. Jahrhundert ermöglicht.

Der Textilbetrieb Nober: 1823 wurde das Haus von Johann Caspar Nober erwoben. Davor war es im Besitz des Sonnenwirts Thomas Winterhalter.
Nober war Tuchmacher und Leinenweber und machte aus dem Haus an der damaligen Marktstraße sein Geschäftshaus, um dort mit Wolle und Wollwaren zu handeln. Johann Caspar und sein Sohn Johann Evangelist führten auch ein große Tuchfabrik und Wollweberei an der Schaffhauser Straße. Diese musste aber um 1875 unter Johann Karl Nober geschlossen werden. Danach wurde nur noch der Textil- und Wollbetrieb weitergeführt.

Von Johann Karl Nober ging dann der Betrieb an dessen Schwiegersohn Robert Rosenstiel über, dessen Tochter Hildegard von 1960 bis 1984 Eigentümerin war und auch das Geschäft selbst geführt hat. Danach übernahm Peter Biechele das Textilgeschäft, führte es aber unter dem Namen Nober weiter. Lange Zeit war Hildegard Rosenstiel noch im Betrieb als Beraterin zu Stell, wenn es um den Einkauf der Kollektionen ging. 2002 führten die Töchter Petra und Elke Biechele das Geschäft weiter. Der Mietvertrag mit der Erbengemeinschaft lief 2004 aus, die Schwestern gaben daraufhin ihr Geschäft auf.

Bauantrag aus dem Jahr 2020
Bauantrag aus dem Jahr 2020
Zeichnung aus dem Bauantrag vom 29. Februar 2002
Zeichnung aus dem Bauantrag vom 29. Februar 2020

Seit 2019

Seit 2020 Krav Maga umgezogen ist, steht das Gebäude leer. Im Jahr wurde 2020 dem Gemeinderat ein Bauantrag gezeigt und die Baufreigabe erfolgte im Dezember 2022.
Im September 2023 gab es kurzfristig einige Aktivitäten und am Fenster des Zimmers mit dem Tanzboden und dem Gastraum mit den Wandbemalungen aus 1748, wurden ermordete Fische getrocknet.

Laut Landratsamt würde „das Vorhaben von einem denkmalerfahren Architekten begleitet“.

Was also mal übrig bleibt von den barocken Kunstwerken steht in den Sternen.

Haus Nober am 1. Oktober 2025
Haus Nober am 1. Oktober 2025

Der Hänslehof und das Denkbuch von Lucian Reich 1896

Liebe Leserinnen und liebe Leser,
Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Momentan befinde ich mich noch im Jahr 1806 in Villingen bei den Benediktinern. Es ist für mich total faszinierend wie sich die Menschen und Ereignisse im frühen 19. Jahrhundert zusammen fügen und auch bis heute noch so Vieles von unserem Denken und Tun beeinflussen.

Ganz neu habe ich in der Badischen Heimat einen Beitrag über den Hänslihof aus dem Jahr 1938 entdeckt. Der Hof ist im Dezember 1985 vollständig abgebrannt und eigentlich war alles verloren geglaubt. Nicht ganz. Weil es gibt diesen wunderbaren Artikel von Arnold Tschira. Die pdf von diesem unglaublich interessanten Artikel über das Elternhaus von Luzian Reich (07.01.1787- 18.12.1866) habe ich unten an geeigneter Stelle auch eingefügt.

Das Nützliche, das Schöne und unsere Wurzeln

Unsere Geschichte ist ein lebendiger Teil von uns und um so mehr wir darüber wissen, um so mehr verstehen wir, wie wir und unsere Zeitgenossen ticken. Auch in der Gegenwart wäre es wichtig, würden die Menschen hin schauen wo das Nützliche, Schöne und unsere Wurzeln liegen.

Das Denkbuch von Lucian Reich hat er 1896 in den Schriften der Baar veröffentlicht.

Die Schriften der Baar werden auf den Seiten des Baarvereins zur Verfügung gestellt.

In den Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar und der angrenzenden Landesteile in Donaueschingen stand 1896:


Der Ausschuß hat diese „Blätter“ des geehrten Verfassers gern veröffentlicht und ist überzeugt, daß sie nicht nur von seinen engeren Landsleuten gern werden gelesen, sondern auch allein schon wegen der vielen darin vorkommenden in der Literatur und Kunst bekannten Persönlichkeiten weitere Kreise interessieren werden.

Unten findet sich die Transkription vom Denkbuch in kursiv. Für die heutige Zeit habe ich es mit Bildern und Informationen ergänzt.

Blätter aus meinem Denkbuch.

Von Lucian Reich.

Die Großeltern — denn mit diesen muß ein richtiges biographisches Denkbuch beginnen — väterlicherseits sind mir nur aus frühester Jugend im Gedächtnis. Wir Kinder kamen nicht so oft mit ihnen zusammen.

Eltern von Xaver, Lucian und Elisabeth: 
Luzian Reich (07. 01.1787 – 18.12.1866) und Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866).
Großeltern von Xaver, Lucian und Elisabeth:
Mathias Reich (07.05.1754 – 24.11.1827) und Anastasia Buckin (23.12.1752-24.11.1824).
Franz Josef Schelble (12.02.1862-13.02.1835) und Katharina Götz (01.11.1760-04.04.1847).

Die Fahrt von Hüfingen nach Dürrheim war eine beschwerliche. Von Donaueschingen aus führte nur ein schlecht unterhaltener Karrenweg am Weiherhaus und seinem riesigen Schlagbaum, wo Weg- und Brückengeld erhoben wurde, vorbei durch die einsamen, von der Stillen Musel durchzogenen Weiherwiesen.

Karte von Martin Menradt etwa 1663
Foto: Dr. Jörg Martin FF Archiv
Landkarte der Baar 1620

Die Weiherwiese war früher ein fürstlicher Fischweiher nördlich von Donaueschingen am Römerweg.

Wie der Großvater Mathias, der ältere, daher nach altem Herkommen nicht erbberechtigte Sohn eines Hofbauern, durch den Machtspruch des Komturs von Hintersheim zum „zweiunddreißigsten Bürger“ der „geschlossenen“ Gemeinde Dürrheim auf- und angenommen wurde, habe ich im „Hieronymus“ eingeflochten.

Aus dem Hieronymus Kapitel 3, Frühlingsanfang – Der Hofbauer und die Familie des Hausmanns:

>Der Vater des Mathias war im Kirnachertal daheim, auf der Grenze zwischen dem Schwarzwald und der Baar. Das elterliche Gut war kein unbeträchtliches, aber der Vater des Mathias war der älteste Sohn, und nur der jüngste konnte dem „Recht“ nach in den Besitz eintreten, während die älteren Brüder sozusagen leer ausgingen. So durfte der Mann noch von Glück sagen, daß er eine vermögliche Witwe im Dorfe Dürrheim kennenlernte, welche ihm ihre Hand reichte, wie er dann auch nach langem Warten dort das Ortsbürgerrecht erhielt. Unter mehreren Kindern aus dieser Ehe hatte unser Mathias ebenfalls das Unglück, ein Erstgeborener zu sein, weshalb er sehen konnte, wie und wo er sich durchbringen werde, wollte er nicht zeitlebens in Abhängigkeit vom jüngsten Bruder gleichsam als Knecht im Hause leben.<

Dürrheim war dazumal noch ein stilles Dorf, dessen Bewohner sich fast ausschließlich mit Feldbau beschäftigten. So anfänglich auch der Großvater. 
„Von einem ledig verstorbenen Bruder hatte er etliche Jauchert eigentümliches Feld geerbt und nebenbei ödeliegende Plätze auf der Gemarkung gepachtet und urbar gemacht; aber nie länger als auf 6 Jahre sich gebunden, weil er wohl wußte“ heißt es in den väterlichen Aufzeichnungen, „daß Neubruch nach Verfluß dieser Zeit im Ertrag nachläßt. Durch Fleiß und Umsicht hatte er’s zu einer geachteten Stellung in der Gemeinde gebracht. Oft berieten sich die Ortsvorgesetzten mit ihm über Kulturen und Verbesserungen.“
„Zwischen der Feldarbeit, namentlich über Winter, drechselte er Kunkeln, Spinnrädlein, Häspel u. dgl. Ein alter Bildschnitzer und Faßmaler, der mit seiner ledigen Tochter von Ort zu Ort zog und Heiligenbilder verkaufte, übernachtete oft bei uns im Haus: und dieser veranlaßte den Vater sich ebenfalls mit solchen Arbeiten zu befassen. Und so schnitzte er Kirchenleuchter, Fahnenknöpfe, Wirtsschilde und Kirchhofkreuze, welch letztere Arbeit eine andauernde und ziemlich einträgliche war.“

Beim Flachs brechen.
Spinnerin.
Der Hänslehof im Jahr 1967.
Foto: WDR Digit/overland

Die Mutter war Hebamme (Anastasia Buckin 23.12.1752- 24.01.1824 vom Hänslehof), da sie ein sehr gutes Examen bestanden, mit der Befugnis, aderlassen, schröpfen und eine kleine Hausapotheke halten zu dürfen. Kein Krankes war im Ort, das nicht zuerst bei ihr Hilfe gesucht hätte. Nebstdem war sie eine geschickte Näherin, die nicht nur gewöhnliche Schneiderarbeit, auch zur Bauerntracht gehörige Stickereien und Kirchenparamente zu fertigen verstand und eine bedeutende Kundsame hatte.“

Kundsame ist ein vergessenes alemannisches Wort für Kundschaft. Anastasia Buckin war also Ärztin und Künstlerin und hatte eine große Kundschaft.

Der Hänslehof in Bad Dürrheim ist am 12. Dezember 1985 vollständig abgebrannt. Es gibt aber in der Badischen Heimat über die Baar aus dem Jahr 1938 einen wunderbaren Artikel von Arnold Tschira mit vielen Bildern vom Hänslehof. Den Artikel habe ich abfotografiert und hier gibt es die pdf dazu – schaut euch zumindest mal die tollen Fotos an!

Die Stube gegen Osten
Die Stube gegen Westen
Stiege im Hänslihof

„Und ich, was soll ich über mein Tun und Treiben sagen? Ich war eben ein vergratner Bauernbub; die landwirtschaftlichen Geschäfte konnte ich zwar alle und wurde auch streng dazu angehalten, aber sie gewährten mir keine Aussicht selbständig zu werden. An eine Verheiratung oder Versorgung, wie man es nannte, durfte ich nicht denken. Wie und wann ich angefangen zu malen, d. h. anzustreichen, und zu schnitzen, weiß ich nicht zu sagen, ich wurde eben darin erzogen.“

Benediktinerkloster in Villingen von der Schulgasse aus, fertiggestellt 1693.

„Der vielfältige, oft wochenlange Aufenthalt im Villinger Benediktinerkloster, wo der Bruder meiner Mutter den Dienst des Konventdieners und Klosterschneiders versah, hatte mich, da ich auch Vorlesungen über Physik und Mathematik besuchen durfte, bald so weit gebracht, daß ich einen Schritt weiter tun konnte als der Vater. Doch blieb alles ohne eigentlichen Zusammenhang. Pinsel und Meißel wechselten täglich mit dem Pflug, der Sense und der Holzaxt. Und dabei hieß es immer, der Salber hat auch gar keine Lust zum Feldgeschäft!“

„Das sagten aber nur meine beiden Geschwister, die Eltern dachten anders, besonders die Mutter, die meinte, ich könnte es doch zu etwas Rechtem bringen. Also machte ich immer zu, schnitzte Küchengerätschaften, Lichtstöcke, Fahnenstangen und Grabkreuze in Menge, malte Motivtafeln dem Dutzend nach, flickte Heiligenbilder und Hausaltärchen oder strich Brautfahrten an, ging wieder eine zeitlang ins Kloster, porträtierte die alten Herrn und ließ mich loben oder auslachen, je nachdem.“

„Die Patres konnten mich alle recht gut leiden. Einmal sollte ich nach ihrem Willen zu einem Uhrenschildmaler in Furtwangen in die Lehre gehen, ein andermal wollten sie mich in einer Kattunfabrik in St. Gallen als Musterzeichner unterbringen; schon hatte ich den Paß und alles nötige bereit; aber es wurde nichts daraus, was dem Vater recht war denn sagte er, wenn der Bue geht, bin ich ohne Hilf und kann nichts mehr machen“.

Lucian Reich hat in den Wanderblühten die Schildermaler Familie Kirner festgehalten. Dort gibt es auch die Chronik, oder Etwas von dem Ursprung dieses Hauses, so wie über die Lebensverhältnisse der Familie Kirner. Niedergeschrieben von Anton Kirner.

Aus dem Kirner Kabinett in Furtwangen: „Die Eltern in der Stube. Mutter Genofeva, geb. Dilger (1765-1838) und Vater Johann Baptist (1767-1835) genannt Schuhpeterhänsle. Das Ölbild hat Johann Baptist Kirner fast 30 Jahre nach dem Tod seiner Eltern in Erinnerung an seine Jugendzeit im Elternhaus gemalt. Einige Details hatte er in früheren Jahren in Skizzen festgehalten. Das Gemälde hatte er seinem Neffen Hermann Duffner zur Hochzeit versprochen; es ist eines der letzten Werke vor seinem Tode im Jahre 1866.“

Kattunfabrik von Heinrich Jacob Bodemer in Naundorf bei Großenhain 1856.
Foto: Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza 
http://digital.slub-dresden.de/id252070399

Kattun ist dichtes Baumwoll-Gewebe in Leinwandbindung.
Über die Kattunfabrik Hösli in St. Gallen gibt es nur diesen Eintrag

„Bei der Sekundiz des Prälaten 1804, welcher der Bischof und andere hohen Herrn anwohnten, sollte auf dem Klostertheater die neue Oper, die 7 Makkabäischen Brüder, gegeben werden. Zur Herstellung der Dekorationen war der Maler Sandhas (später Hofmaler in Darmstadt) berufen worden. Diesem machte ich den Farbenreiber und durfte wohl auch selbst mit Hand anlegen; und auf diese Weise lernte ich manches von der Malerkunst.“
Und daß der Gehilfe etwas von dem praktischen Meister gelernt, beweisen die in Oel gemalten Bildnisse seiner Eltern in ihrer ehrbaren altbaarischen Tracht.

Prälat (Abt) Anselm Schababerle  geboren 10. März 1730 in Baden-Baden, gestorben am 26. Januar 1810 in Villingen war der letzte Abt des Benediktinerklosers in Villingen. Eine Sekundiz ist ein 50-jähriges Priesterjubiläum. Dem zufolge wurde Schababerle 1754 zum Priester geweiht, da er 1804 seine Sekundiz feierte.

Epitaph von Abt Anselm in der Benediktinekirche in Villingen

Petition des Abts Anselm vom 24.02.1806 um Erhaltung und Bestätigung der dortigen Lehranstalt.

Die Petition aus St. Georgen zu Villingen den 24ten Hornung 1806.
Unterschrieben ist die Petition von:
allerunterthänigst treugehorsamste
Anselm Abt
P. Niklaus Schababerle Prior und Konvent. 

In Klöstern steht P. für Pater (Ordenspriester). Ein Prior ist ein Pater, daher bedeutet P. Niklaus = Pater Niklaus. Der Abt („Anselm Abt“) unterschreibt als 1. und der Prior („P. Niklaus Schababerle Prior“) unterschreibt als 2., und er tut das „für den Konvent“. Pater Schababerle war vermutlich mit dem Abt verwandt und stand in der Hierarchie direkt unter dem Abt Anselm. 
Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 31 Bü 138

Der Abt hatte also vergeblich versucht, die Schule zu erhalten.

Ansicht des Garteneingangs hinter dem Schloss in Darmstadt von Josef Sandhaas.
Josef Sandhaas wurde im Kinzigtal geborgen. Er erhielt seine Ausbildung als Maler bei dem Kunstmaler Joseph Anton Morath in Stühlingen und begann seine Laufbahn als Klostermaler im Benediktinerkloster in Villingen. Leider ist von ihm sehr wenig erhalten, nicht mal das Geburtsdatum auf Wikipedia kann stimmen.
Quelle: Wikimedia Commons

Die Oper der sieben Makkabäischen Brüder stammt aus 1644 von dem Jesuitenorden.
Quellle: Würzburg, der Jesuitenorden und die Anfänge der Oper von Irmgard Scheitler.

Im Jahre 1804 gehörte Villingen noch zum Bistum Konstanz. Karl Theodor von Dalberg (8.02.1744 – 10.02.1817) war von 1799 bis 1817 der wohl letzte Bischof in Konstanz.

Geboren im J. 1786 (Lucian Reich wurde am 7. Januar 1787 in Bad Dürrheim geboren) mit unverkennbaren Anlagen würde er’s ohne Zweifel zum tüchtigen Künstler gebracht haben. Allein es waren Kriegszeiten, und nachdem das Kloster aufgehoben war, fand der junge Mann keine Stütze mehr. Denn die Kunst, in welcher ihn der Pfarrer daheim heran ziehen wollte, hatte mit der bildenden nichts gemein. Ein leidenschaftlicher Nimrod, nahm dieser seinen Schüler häufig mit hinaus, und zwar so lange, bis ihnen von herumstreifenden Franzosen die Gewehre abgenommen wurden. 

נִמְרוֹד – Nimrod wird im Hebräischen von der Wurzel מרד mrd, deutsch‚ sich widersetzen, rebellieren abgeleitet. Nimrod gilt gewöhnlich als derjenige, der den Bau des Turmes von Babel anregte, ein Sinnbild dafür, dass die Selbstüberschätzung des Menschen gegenüber Gott zum Niedergang führt.
Bild: König Nimrod nimmt die Huldigungen der Steinmetze entgegen.
Detail des Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel d. Ä., 1563.
Nach Pieter Brueghel the Elder, Public domain, via Wikimedia Commons

Endlich wandte er sich dem Schulfache zu. Nachdem er die Vorbereitungen an der Normalschule in Villingen beendet und bei Schulvisitator Pfarrer Flad in Urach (1810) das vorschriftsgemäße Examen mit bester Note bestanden — obgleich er in der Musik sich nicht ausgebildet hatte —, erhielt er den Dienst in Bubenbach. „Zum Einstand“, schreibt er, „hatte mir der Vater 6 Viertel Frucht mitgegeben, die ich alsbald zum Müller schickte“. „Muß es Brod gei (geben)?“ fragte dieser. „Ja, sagte ich, wußte aber nicht, daß auf dem Wald der Müller insgemein auch Bäcker ist. Nach einigen Tagen erhielt ich circa 30 Laib Brod, die ich, wollte ich sie nicht schimmlig werden lassen, unter die Armen verteilte.“

Schon nach anderthalb Jahren wurde er auf die Oberlehrerstelle in Hüfingen befördert; denn als Beförderung, und zwar in doppelter Beziehung, mußte es angesehen werden, weil er kein geborener Fürstenberger war. Als er sich seinem neuen Bestimmungsorte näherte, trugen sie just den letzten Freiherrn von Schellenberg, den Sprossen eines weiland um Kaiser und Reich vielfach verdienten Geschlechtes, zum Thor hinaus nach dem Friedhof St. Leonhard. Und dem gänzlich verarmten Manne sollte der neue Lehrer dann bald nachher eine Gedenktafel in die Stadtkirche fertigen.

Wappen derer von Schellenberg

In Hüfingen trat er in den Ehestand (15.05.1813) mit Maria Josepha, der ältesten Tochter des Korrektionshausverwalters Schelble.

Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1865.

Die Schelble waren ein Althüfinger Geschlecht. Der Urgroßvater, Franz Xaver (*28.08.1731) war Kunsthandwerker, und zugleich versah er, wie schon sein Vater, den Amtsdienerdienst, und daß er in ersterem Fache — im Marmorieren, Vergolden und Gravieren in Grund Tüchtiges zu leisten verstand, bezeugen (oder bezeugten) die Altäre in Meßkirch, Gutmadingen, Hausach, Löffingen und die mit Hilfe seines im Hause erzogenen Schwiegersohnes und Geschäftsnachfolgers Joh. Gleichauf gefertigten Seitenaltäre der Hüfinger Pfarrkirche.

Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) war mit Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816) verheiratet. Ein Enkel war Rudolf Gleichauf.

Alter Eingang vom Römerbad

Mit Vorliebe trieb er Musik, sowie auch sein Sohn Franz Joseph, mein Großvater. (Franz Joseph Donat Schelble *17.02.1762-13.02.1835). Im Laufe der 20iger Jahre als Korrektionshausverwalter in den Ruhestand versetzt, beschäftigte sich dieser mit Uhrenmachen für Leute, die für Reparaturen nichts ausgeben wollten oder konnten, beaufsichtigte die Römischen Ausgrabungen (im Volksmunde Schatzgräberei genannt) im Mühleschle und am Fuße des Hölensteins, wofür er vom fürstlichen Protektor mit einer goldenen Repetieruhr beschenkt wurde, verfertigte uns Enkeln Schlittschuhe und Schlagnetze zum Vogelfang, und an hohen Festtagen spielte er in der Kirche die Orgel, und der „Leuenbaschi“ (Löwenwirt) sagte dann: „I ha’s bim erschte Griff scho gmerkt, daß es nit de Prezepter Thäddä ischt!“ Dieser, der pensionierte Präzeptor Thaddäus Bader, war nämlich stets noch Organist.

Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825

Alle diese Menschen und Schatzgräbereien finden sich auch in der Akte über die Anlage auf dem Rotrain aus 1820 bis 1845.

Da das Denkbuch für einen einzelnen Beitrag inzwischen zu groß geworden ist, werde ich es in unterschiedliche Abschnitte unterteilen. Dann hat sich die Software die letzten Jahre geändert und die Bearbeitung der alten Datei ist fast unmöglich geworden.

Dies war also der 1. Teil bis 1812 als Luzian Reich nach Hüfingen kam und seiner Heirat mit Josefa Schelble 1813.

Denkbuch von Lucian Reich 1896 alte Forsetzung

Zum 200. Geburtstag von Josef Heinemann

Erste Version war im Dezember 2023

Ein Mitglied vom Hüfinger Künstlerkreis war Josef Heinemann, geboren am 29. Dezember 1825 in Hüfingen und gestorben am 2. April 1901 ebenfalls in Hüfingen. Das Grab scheint leider ganz abgeräumt zu sein.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit); Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.

Der Vater, Josef Heinemann (18.03.1794 – 31.12.1855) war Naglermeister und Armenhausverwalter. Er war am Bau der Hüfinger Anlage beteiligt und wird in dieser Beziehung mehrfach in den Akten erwähnt: Akte über die Anlage auf dem Rotrain. Die Mutter Katharina Strobel (16.04.1791-20.11.1869) war die Tochter des herrschaftlichen Försters Anton Strobel (1762-02.10.1812) aus Mundelfingen.

Josef Heinemann, hat am 03.11.1857 Maria Josefa Gleichauf (10.02.1828-23.03.1891) in Bonndorf geheiratet. Josefa war eine Schwester von seinem Freund Rudolf Gleichauf und das Paar hatte 7 Kinder.

Josef Heinemann (1825 – 1901)
Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Nepomuk Heinemann.
Pfarrer Josef Heinemann, Onkel des Malers Josef Heinemann und des Lithographen Nepomuk Heinemann.
Pfarrer Josef Heinemann, Onkel des Malers Josef Heinemann und des Lithographen Nepomuk Heinemann.
Marie Heinemann (1857 – 1948)
Gemalt von ihrem Taufpaten und Onkel Josef Heinemann.
Mehr zu Marie gibt es im Artikel über das Haus Nober.
Marie und Kätherli (Katharina Heinemann 30.04.1828-27.01.1900. Kätherli war die Schwester von J. Nepomuk und Josef Heinemann)
Foto von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1868

Großherzog Leopold finanzierte Josef Heinemann ein Stipendium in Höhe von 200 Gulden, das ihm einen Aufenthalt in München ermöglichte. Dort hielten sich damals auch Lucian und Xaver Reich, Rudolf Gleichauf sowie sein Bruder Nepomuk auf. Sein erster Lehrer in München wurde der Akademieprofessor Strählhuber und nach ihm Julius Schnorr von Carolsfeld. Damals arbeitete Schnorr an seinen Darstellungen aus dem Nibelungenbuch.
Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:

Mit Jäger, Gießmann und Strähuber, die unter Schnorrs Leitung dessen Nibelungen in der Residenz ausführten, bekannt geworden, beteiligte ich mich regelmäßig an ihren Kegelabenden in einem Privatgarten.

Josephsgeschichte: Jacob schenkt Joseph einen bunten Rock (1850)
Bildnis der Malerin Ida Müller, Freiburg (1841). Heinemann war hier erst 16 Jahre alt.

1848 verließen die Freunde München und gingen nach Frankfurt zum Onkel der Brüder Reich, dem Musikdirektor Johann Nepomuk Schelble.
Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:

Xaver Reich, etwa 1850 gezeichnet von Josef Heinemann

In das vielseitige, nach außen hin aber wenig bewegte Leben unseres Frankfurter Aufenthaltes tönten bald auch schrille Mißklänge politischer Geschehnisse. Mit dem Rufe auf der Straße: Die Liberalen stürmen die Hauptwache waren eines Abends die Bewohner der freien Stadt aus ihrer Ruhe und Behaglichkeit geschreckt worden. Es galt, wie bekannt, zunächst den Sitzen der Herrn in der Eschenheimer Gasse. Das über die festgenommenen studentischen Tollköpfe verhängte, jahrelange heimliche Gerichtsverfahren, von dem nur zuweilen ein Schein gleich dem einer Blendlaterne in die Öffentlichkeit drang, war nichts weniger als geeignet, die bundestägliche Justiz populär zu machen. Und als eines Morgens — wir befanden uns just auf dem Wege zum Städelschen Institut — einer dem andern in den Straßen zurief: Sie sind durch heut Nacht! und die Leute in Gruppen vor der Konstablerwache standen und zu den Käfigen hinauf schauten, an welchen die Stricke, an denen sie sich herabgelassen, noch zu sehen waren, und es hieß, draus im Weiher beim Bethmannschen Garten habe man die Fußstapfen der Flüchtlinge entdeckt — da war unter der nach hunderten zählenden Menge gewiß nicht Einer, der ihnen nicht von Herzen glückliche Reise gewünscht hätte.

Nachdem der Sturm sich gelegt, und man in Ruhe sich wieder den Künsten des Friedens zuwenden konnte, hatten wir, ehe wir unser angefangenes Werk fortsetzten, Musterblätter für Schwarzwälder Uhrenschildmaler herauszugeben begonnen, wozu auch Joseph Heinemann und Heinrich Frank Beiträge gaben.

Im Jahr 52 hatte mich der Bau eines andern Kunsttempels wieder in die Residenz geführt, das Hoftheater, an und in welchem es Verschiedenes zu malen gab, wozu auch Joseph Heinemann und Gleichauf berufen wurden und auch mein Bruder mit seinen Terrakotten sich beteiligen sollte.

Bild aus der Kinderbibel in der polnischen Version. Aus dem Kommentar 1761.
Bild aus der Kinderbibel in der polnischen Version. Aus hieronymus/#comment-1761

Josef Heinemann kam danach wieder zurück nach Hüfingen. Hier wurde er berühmt durch die Bilderbibel die er im Auftrag der Herderschen Verlagsbuchhandlung schuf.

Nach dieser Bilderbibel schnitten die Holzschneider die Illustrationen in der Schulbibel für Volksschulen des Freiburger Weihischofs von Dr. Friedrich Justus Knecht, die später von Dr. J. Schuster und G. May neu bearbeitet, in mehreren Diözesen offiziell eingeführt und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Ein Foto einer kolorierten Fassungen ist sogar schon in den Kommentaren auf dem Hieronymus aufgetaucht.

Zu den Arbeiten Josef Heinemanns zählen auch 14 Kreuzwegstationen für die Kirche in Ettlingen, Wandbilder in der Kirche von Ohlsbach und Oberöwisheim und ein Apostelzyklus im Chor und in der Kuppel der Gruftkirche zu Neudingen.
Er malte auch die Fresken in der Kapelle des Schlosses Heiligenberg und das Rosenkranzbild für einen Seitenaltar in der Stadtkirche zu Donaueschingen, der im Jahre 1873 aufgestellt wurde. Er zeichnete 1868 die Kartons für die Glasfenster der Donaueschinger Stadtkirche. Im Treppenhaus eines Museums in Donaueschingen war auch mal eine Kohlenzeichnung mit dem Titel: Graf Heinrich zu Fürstenberg nach der siegreichen Schlacht bei Dürnkrut 1278 auf seine Burg Fürstenberg zurückkehrend.

Unten die Biblische Geschichte für Schule und Haus

Biblische Geschichte für Schule und Haus
Die Erschaffung der Welt
Adam und Eva
Kain und Abel
Die Sündflut
Noah geht aus der Arche und opfert
Turmbau zu Babel
Abraham
Joseph wir von seinen Brüdern verkauft
Joseph prüft seine Brüder
Jakobs und Josephs Tod
Der geduldige Job
Moses‘ Geburt
Moses‘ Flucht und Berufung
Die zehn Plagen
Das Osterlamm und der Auszug aus Ägypten
Der Durchgang durch das Rote Meer
Die Wunder in der Wüste
Gott verkündet die zehn Gebote
Das heilige Zelt
Der Hohepriester, die Priester und die Leviten
Moses‘ und Marons Zweifel. Die eherne Schlange.
Der Einzug in das Gelobte Land.
Heli und Samuel
David wird zum Könige gesalbt
Davids Kampf mit dem Riesen Goliath
David, der fromme und gotterleuchtete König
Salomons Gebet und weises Urteil.
Der Bau und die Einweihung des Tempels.
Der Prophet Elias.
Das Opfer des Elias.
Elias wird getötet und beruft den Elisäus. Seine Auffahrt.
Tobias und der Engel Raphael.
Judith
Jeremias
Daniel rettet die keusche Susanna.
Die drei Jünglinge im Feuerofen
Daniel in der Löwengrube
Esther
Die makkabäischen Brüder
Die Verkündung der Geburt des Johannes
Die Verkündung der Geburt Jesu
Mariä Heimsuchung
Die Geburt unseres Herrn Jesus Christus
Die Darstellung Jesu im Tempel
Die Darstellung Jesu im Tempel
Die Weisen aus dem Morgenlande
Die Flucht nach Ägypten und die Rückkehr
Der Knabe Jesu im Tempel
Jesu wird von Johannes getrauft
Die Hochzeit zu Kana
Jesus reinigt den Tempel
Jesus und die Samariterin
Jesus lehrt, treibt den Teufel aus und heilt Kranke
Der reiche Fischfang
Die Bergpredigt
Der Erweckung des Jünglings von Raim
Die Büßerin Magdalena
Die Seepredigt
Der Sturm auf dem Meer
Die Tochter des Jairus und das kranke Weib
Jesus vermehrt Brote
Bekenntnis und Vorrang des Petrus. Gewalt der übrigen Apostel
Die Verklärung Jesu
Das Gleichnis vom bamherzigen Samariter
Jesu der gute Hirt
Das Gleichnis vom verlorenen Sohne.
Das Gleichnis von dem reichen Manne und dem armen Lazarus.
Jesu segnet Kinder.
Die Auferweckung des Lazarus.
Der feierliche Einzug Jesu in Jerusalem.
Das Osterlamm und die Fußwaschung.
Jesus sagt den Verrat des Judas, die Flucht der Apostel und die Verleugnung des Petrus vorher.
Jesus am Ölberge.
Jesus wird dem Barabbas nachgesetzt, gegeiselt und gekrönt.
Jesus wird dem Volke vorgestellt und zum Tode verurteilt.
Jesus wird gekeuzigt.
Jesus spricht die sieben letzten Worte und stirbt.
Die Eröffnung der Seite und das Begräbnis Jesu.
Die Auferstehung Jesu.
Die Himmelfahrt Jesu.
Die Ausgießung des Heiligen Geistes.
Stephanus der erste Märtyrer.
Der Kämmerer aus Äthopien.
Die Bekehrung des Saulus.
Die Taufe des Heiden Kornelius.

das letzte Bild fehlt im Buch. Falls jemand noch ein vollständiges hat, freue ich mich über ein Foto!

Leider wurde die künstlerische Arbeit Josef Heinemanns seit dem Beginn der 1870er Jahre durch den Grünen Star (Glaukom) immer stärker gehemmt. Es zwang ihn schließlich, Pinsel und Stift für immer aus der Hand zu legen. Am 2. April 1901 starb Josef Heinemann in Hüfingen.

Fridolin Heinemann (19.12.1859-4.2.1926) führte später das künstlerische Erbe des Vaters weiter. Er stand als Glasmaler in München in hohem Ansehen. Die Glasgemälde in der Heiliggeistkirche in München und in St. Verena und Gallus in Hüfingen wurden im 2. Weltkrieg zerstört. In der Lorettokapelle ist ein Gemälde von ihm zu finden.

„Madonna“ (laut Chronik von August Vetter 1984 sei das eine Madonna?) in der Lorettokapelle von Fridolin Heinemann.

Über Weihnachten und Neujahr

Hieronymus Kapitel 10

“E freie frohe Muth
e gsund und frölich Blut
goht über Geld und Guth.”
>Johann Peter Hebel

Es muß kalt sein, denn wir sehen auf dem Bilde den Stoffel wider Gewohnheit frühe schon von der Jagd heimkehren. Mag aber auch das Alter Ursache haben, vor dem rücksichtslosen Gaste sich zurückzuziehen und Türen und Fenster zu verschließen, so hat doch für die Jugend jegliche Jahreszeit ihre eigenen Freuden: ist es nicht die blühende Rose am Stock, so ist es die Eisblume an der Fensterscheibe.

Nehmen wir einen Sonntagnachmittag. Der Nebel hat das Feld geräumt und die Sonne strahlt glanzvoll über dem weißbepuderten Tannenwald; die Birken und Erlen sehen aus, als kämen sie frisch vom Zuckerbäcker – und in tausend und tausend flimmernden Sternchen glitzert das Schneefeld. – Das ist für die Buben eine Lust, denn jetzt gilt es zu zeigen, wer dort auf der „Schleifer“ des Mühlbachs der Gewandteste und Keckste sei – und die Mädchen am besten zu necken verstehe. – Das waren auch für Hieronymus und seine Kameraden stets um so vergnügtere Tage gewesen, als sie nicht so häufig sind, diese Tage fröhlichen Treibens; denn oft erblickt man in der tief eingeschneiten Landschaft auch nicht ein menschliches Wesen. Nur Raben und Schneegeier flattern über das öde Gefilde, während scharfe Windswehen die Hütten und Höfe mit gewaltigen Schneemassen förmlich in Belagerungszustand versetzen, so daß der Hausvater morgens weder Laden noch Haustüre zu öffnen vermag und genötigt ist, wenn er dem Nachbar einen Besuch machen will, zuerst Minen und Tunnels zu graben.

Wie aber nach dem Ausspruch des Dichters: „Eines schickt sich nicht für alle“, gewisse Dinge in Scherz und Ernst immer nur einem gewissen Alter zukommen, so sahen die herangewachsenen Bürschlein bereits schon eine jüngere Altersklasse lustig auf dem Eis sich tummeln. – Ganz entsagen jedoch konnten sie diesem Vergnügen nicht. War die Schuljugend mit einbrechender Dämmerung vom Bache verschwunden, stieg der Vollmond über dem Wald empor und bestrahlte er die Schneelandschaft so helle, als wollte er’s mit wunderbarem Flimmern und Blitzen der verschwundenen Sonne fast gleichtun, so begaben sich Hieronymus, Dionys und Romulus mit anderen auf den überfrorenen „Gumpen“ unterhalb der Mühle; und auch Florentina und Juliana mit ihren Gespielinnen machten sich herbei, um ein halbes Stündchen lang die spiegelglatte Bahn wieder einmal zu probieren.

Die kurzen Tage hindurch saß Hieronymus fleißig bei der Arbeit. Die langen Abende jedoch gewährten Muße genug, auch noch eine Nebenbeschäftigung vornehmen zu können. – Wie damals in den meisten Kirchen bildliche Weihnachtsvorstellungen, sogenannte Kripplein, beliebt waren, so konnte man in manchen Häusern ebenfalls welche sehen. Für Kinder bildeten sie eine sehr anmutige Unterhaltung. Denn nicht nur erblickten sie da in romantischer Landschaft den Stall mit der Heiligen Familie, auch die drei Weisen aus dem Morgenlande kamen bereits über das Gebirge daher, und am Neujahrstag fand die Darstellung im Tempel statt – und so ging es fort, bis zum ersten Wunder am Hochzeitstisch zu Kana.

Auch Vater Mathias besaß von früher her eine Schachtel voll solcher Figürchen, nur war ihm bisher noch nie so viel Zeit geblieben, dieselben renovieren und eine Landschaft dazu erbauen zu können. Diesem Geschäfte unterzog sich jetzt Hieronymus. Frisch machte er sich daran, von Kohlenstücken eine Felsenlandschaft zu gestalten – eine Schöpfung, die indes nicht sogleich gelingen wollte. Denn bereits war der Berg erbaut, und Bachweber, der sich’s nicht nehmen ließ, auch mit Hand anzulegen, wollte eben als Schlußstein noch ein Kohlenstück einsetzen, als der Brocken seinen Fingern entschlüpfte und der Erschrockene, im Begriff, denselben noch zu erhaschen, an eine der hinten angebrachten Stützen stieß, wodurch – zum nicht geringen Entsetzen der Zuschauer, unter denen auch der Laubhauser sich befand – ein fataler Rutsch erfolgte, der dem mühsam geschaffenen Heiligen Lande den Untergang brachte. – Beim zweiten Versuch wurde der Leim zu schwach genommen und das Werk zu nahe an den warmen Ofen gestellt, was abermals Senkungen und Risse zur Folge hatte; und so gelang die Arbeit erst, nachdem Bruder Cyriak herbeigeholt und zu Rat gezogen worden war. Der in solchen Dingen wohlerfahrene Mann gab die rechten Rezepte und Anleitungen zum Leimen – und bald konnte man zum Grundieren und Kolorieren der Landschaft schreiten.

Der Bruder hatte sich anheischig gemacht, ein neues, in Wachs gegossenes Christkindlein zu stiften, während Hieronymus sich angeregt fühlte, manche Lücke im biblischen Personal kunstgerecht auszufüllen. Er machte es hierbei wie die alten Meister: er griff keck ins Leben hinein und brachte Personen seiner nächsten Umgebung – so gut es seiner Unzulänglichkeit gelingen mochte – in den historischen Rahmen. So stellte er seinen Vater, kenntlich an Haltung und Kleidung, als Hirten dar, sich selbst nebst Dionys und Romulus als Hirtenkinder. Auch der Lehrer Bachweber erschien in einer folgenden Darstellung, und zwar als Schriftgelehrter.

Am meisten Beifall erhielten von seinen Schöpfungen: ein Einsiedler, der im Habit des Bruders Cyriak oben auf den Felsen hinter Bethlehem vor seiner mit einem Kreuze gezierten Klause das Ave-Maria läutete; ferner ein Tiroler Gemsjäger, benebst einer Schwarzwälder Ankenhändlerin, im Begriff, mit ihrer Ware den Wochenmarkt in Jerusalem zu besuchen. – Um die Kritik gelehrter Ästhetiker und Kunstliteraten brauchte er sich ebensowenig zu kümmern wie die alten Meister, weil er glücklicherweise ebensowenig wie diese von solchen etwas wußte.

Am Heiligen Abend und die ganze Weihnachtszeit über kamen viele Kinder und Erwachsene aus dem Tal, um das Werk zu bewundern. Manche fühlten sich bemüßigt, dem Christkindle ein kleines Opfer zu entrichten – was zwar nicht verlangt, aber vernünftigerweise auch nicht abgelehnt wurde.

War unter dem Opfergeld auch mehr Kupfer als Silber zu finden, so gab solches dem Künstler doch schon wieder – rechnete er – Futterzeug zum neuen Rock; denn daß ein solcher notwendig, darüber herrschte im Hause längst keine Meinungsverschiedenheit mehr; nur hatte die Anschaffung bisher immer verschoben werden müssen, der im vorigen Kapitel erwähnten finanziellen Bedrängnisse wegen.

Am Neujahrstage mußte Hieronymus, wie gewöhnlich an diesem Tage, schon vor dem Kirchgang mit den Eltern hinübergehen in den Hof, um den bäuerlichen Herrschaften pflichtschuldigst zu gratulieren. Es geschah mit der üblichen Redensart: Glückseliges Neujahr, und man wünsche, was man sich selber wünsche – Gesundheit und langes Leben und nach diesem die ewige Seligkeit usw. Auf dem Tisch im Hofe dufteten bereits die von allen übrigen Gratulanten sehr bewunderten Attribute des Tages, Meisterstücke der Bäckerkunst unseres Mathias und seiner Anastas: ein mit Zucker bestreuter „Guck-inofen“ nebst etlichen mürben, von Butter glänzenden „Eierringen“, im Durchmesser nicht viel kleiner als ein Pflugrad.

Festtäglich geputzt trat Florentina rasch aus der Kammer in die Stube ein, dem Besuche das Neujahr „abzugewinnen“- Hieronymus sah sie heute zum erstenmal wieder seit ihrer Rückkehr aus dem Hause des Kaiserzollers, wo sie seit etwa acht Wochen sich aufgehalten, um nach dem Wunsche der Mutter im dortigen Wirtshaus das Kochen zu lernen. – Hieronymus konnte eine leichte Überraschung kaum verbergen; war es die Glorie der Morgensonne, die in vollem Winterglanze durch die Scheiben strahlte, oder machten es die neuen Kleider, in denen die Tochter des Hauses nun zum erstenmal in die Kirche gehen wollte – genug, der Freund schien sich heute zum erstenmal bewußt zu werden, daß Florentina ein – bildschönes Mädchen sei. Und fast gar wäre ihm der Ausruf entschlüpft: „O wie schön bist du!“ – Aber er korrigierte sich schnell und sagte – „sind deine Kleider!“

Es waren in der Tat auch Prachtstücke von bestem Samt und Seide: das grüne, reich verzierte Goller, fast zu eng für den weißen Hals, der dunkelrote Brustlatz, gestickt in echtem Gold und Silber, dazu die bauschige, violett schimmernde Taffetschürze mit dem silbernen Gürtel darüber, das faltenreiche Halstuch, die feinen Hemdärmel, weiß wie frisch gefallener Schnee. – Alles zeigte klar, daß ihr Vater in Sachen des Putzes, wie er jetzt selbst oft zu sagen pflegte, nimmer Meister sei.

Und als die liebliche Maid ihrem jugendlichen Freund zur Bekräftigung der guten Wünsche für das neue Jahr die Hand gab, bemerkte dieser am Ringfinger der dargebotenen Rechten ein massiv silbernes Ringlein mit einem leuchtenden Karfunkelstein – ein Neujahrsgeschenk war’s von ihrer Patin, der Frau Kaiserzollerin.

Wie nun das an der Schwelle des jungfräulichen Alters stehende Mädchen in diesem standesgemäßen Anzuge vor ihm prangte, mochte ihm wohl ein leises Gefühl sagen, wie beträchtlich der Abstand sei zwischen dem Sohne des armen Hausmanns – und der Tochter des reichsten Hofbauern im ganzen Tal.

Geschärft mochte diese Erkenntnis noch werden durch das Gespräch der Eltern, die im Fortgehen zu allerlei Betrachtungen sich veranlaßt fühlten über den Reichtum der Familie und über das einstige große Heiratsgut des einzigen Töchterleins, auf dessen Hand sicherlich schon dieser und jener vermögliche Hofbauernsohn spekuliere usw. – Oft schon hatte Hieronymus dieses Thema von den Eltern besprechen gehört, aber noch nie war es ihm so nachhaltig ins Gehör gefallen – wie heute.

Zerstreut kam er aus der Kirche nach Haus; und nach dem Essen begab er sich zum Stabhalter, diesem einen schön gemalten Neujahrswunsch zu überreichen; ein blankes Käsperle war der Lohn für diese Aufmerksamkeit, welches Geldstück der Empfänger mit einer gewissen Befriedigung den übrigen Sparpfennigen beigesellte. – War er nur einmal gehörig ausgerüstet – dann sollte ihn nichts mehr zurückhalten hier im Tal; denn daß da sein Glück nicht blühe, daß er hinaus, etwas Rechtes erlernen und werden müsse, das wurde dem guten Burschen mit jedem Tage mehr klar.

Im Laufe des Nachmittags kamen noch sämtliche nächste Anverwandte des Laubhausers auf den Hof. Es ging hoch her im Haus, denn bei solchen Anlässen wollte der Bauer zeigen, wie gut es mit Küche und Keller zu Laubhausen bestellt sei. Aber nur Ebenbürtige waren zur Teilnahme berechtigt.

Vettern und Basen, mit denen kein Staat zu machen war, wurden nur so nebenbei, in der Küche oder im Hinterstüblein abgespeist. Während kleinere Hausmanns- oder Taglöhnerskinder vor der Haustür dort standen und die ankommenden Schlitten und ihre Insassen musterten oder begehrlich und wunderfitzig durch die Fensterscheiben lugten und vom Peter zuweilen ein duftendes „Küchle“ oder ein paar „Sträuble“ hinausgelangt bekamen – wandelte Hieronymus gedankenvoll hinter den Häusern hinweg, hinüber zur einsamen Hütte des Stoffels.

Der wunderliche alte Junggeselle war eben im Begriff, von seinem unzertrennlichen Dachshund begleitet, einen Gang in den Wald zu machen, und Hieronymus schloß sich ihm an. – Im Fortgehen erzählte der Stoffel seinem jungen Freund, wie nächstens wieder ein großes, von der Herrschaft anbefohlenes Treibjagen auf Säu und Hochwild abgehalten werden solle. „Du weißt“, sagte er, „daß kürzlich in Unterhölzer beim Wartenberg der große Eichwald zum Tiergarten eingezäunt worden ist, wo allein noch Hoch- und Schwarzwild g’hegt werde soll. «

„Vorgestern“, bestätigte Hieronymus, „hab ich g’seh‘, wie sie schon die Wehrblahen und die Garn und Schweinsseil mit den Steckgabeln auf Wägen von Donaueschingen herbracht haben – nüber ins Jägerhaus. Da sind schon die Hundsbube versammelt mit den Leit- und Hetzhund; auch das Zelt hab ich g’sehen ablade für die Herrschaft, – die Fürstin soll ja selber eine so g’schickte Jägerin sein.“

„Allerdings – aber wenn’s so fortgeht“, meinte der Alte verdrießlich, indem er Feuer schlug, um seinen Ulmer wieder in Brand zu versetzen, „wird’s bald höre haben mit der Jagd auf Edelwild. Weiß noch gut die Zeit, wo die Hirsch rudelweis in strenge Winternächte vor die Bauernhöf komme sind, oft bis in die Scheuern, wenn der Knecht vergessen hat, das Scheuertor recht zu schließe.“

Indem sie unter solchen Gesprächen den Wald durchstreiften, der – weil der Schnee fest gefroren – gut zu begehen war, und der Stoffel seinen Begleiter da und dort auf die Fährten und das Getieger des Wildes aufmerksam machte – flog ein Kreuzschnabel über ihren Köpfen hinweg. – „So ein Kreuzschnabel„, sagte der Stoffel, „ist ein wahrhafter echter Schwarzwälder. Wenn die andern wehleidig vor dem Winter Reißaus nehmen oder vor den Häusern und Scheuren auf dem Bettel rumziehen, ist es dem Bürschle erst recht wohl im Wald, so daß es mitten im Winter, im Jänner schon, ans Nesten und Brüte denkt.“

Kreuzschnabel im Schwarzwald

Zu einer Lichtung des Waldes gekommen, wo ein hungriges Häslein um einzelne, aus der Schneedecke ragende Sträucher und Stäudlein sich mühte, nahm der Stoffel seinen Stutzen von der Schulter und machte mit einem wohlgezielten Schusse den Nahrungssorgen des guten Tierles, wie er sich ausdrückte, ein Ende. – „Es wird auf eins rauskomme“, lachte er, indem er zur Stelle schritt und den armen Lampe in den Büchsenranzen schob, „ob dich heut nacht ein Fuchs oder morgen der alte Stoffel verspeist. – Einer lebt vom andern, das ist der Lauf der Welt – und selber essen macht fett, das heutig‘ Evangelium! – Hast du Lust, Hieronymus, so bist du höflich invitiert auf morgen zum ersten Werktagsschmaus. – Man darf die alten ehrwürdige Bräuch nit abgehe lasse.«

„Ihr habt’s gut, Stoffel!“ entgegnete Hieronymus, den Alten, der sein Gewehr wiederum lud, mit lächelnder Miene betrachtend. „Ihr lebt, wie es Euch g’fallt, und schert Euch um niemand und um nix, was andern ’s Herz schwer macht.“

„Närrischer Kerl“, versetzte mit heiserem Lachen der Stoffel, „kannst’s ja auch so haben, wenn du willst! – Was braucht sich einer viel zu kümmern, wenn er nur sein bißle Leben und von Zeit zu Zeit sein Brätesle uf em Tisch hat!“
„Um das handelt es sich nit allein!“ sagte Hieronymus mit einem halb unterdrückten Seufzer. „Man strebt halt b’ständig weiter – in der Hoffnung -„
„Ei was, Hoffnung!“ brummte der Alte, unwirsch ihn unterbrechend. „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren. Die Hoffnung ist ein betrügliches Weibsbild, das viel verspricht und wenig halt‘; hat manchen schon sein Lebtag am Narrenseil rumg’führt.“
„Wenn die Hoffnung nit wär“, meinte Hieronymus ernst, „so wär’s ja zum Verzweifeln. – Und wege was soll man nit hoffen und trachten – nach Glück und -„
„Hoffen und trachte nach Luftschlössern?“ fiel der Alte höhnisch ein.
„Schau, en Spatz in der Hand ist mir lieber als die Taub uf ‚em Dach, das magre Häsle da im Ranzen mir ang’nehmer als der fetteste Rehbock drüben am Feldberg. – Laß das unnötige Schmachten und Trachte. – Laß anderen ihr eingebildet Glück; laß ihne den Geldsack und die Ehrestelle. – Hast du wenig – so brauch wenig, hast dann au nit nötig, dich viel zu bedanken oder jemand zu schmeicheln. – Und kommt dir trotzdem emal einer überzwerch – so zeig ihm, wo er her ist – und daß du nix nach ihm z‘ frage hast.“ Das war in kurzen Worten so ziemlich die ganze Lebensphilosophie des Stoffels, der übrigens seinen jungen Freund nicht ganz verstanden, nicht erraten zu haben schien, wo diesen der Schuh drückte. – Der Alte kümmerte sich in der Tat um niemand, und niemand kümmerte sich viel um ihn, weder der Stabhalter, Vogt noch Amtmann oder der Pfarrer. Er seinerseits brauchte keinen; er zahlte weder Steuern noch Abgaben, weder Sporteln noch Frevelbußen, und kam auch nie in die Lage, Stolgebühren entrichten oder um Dispens nachsuchen zu müssen. – Von Haus aus Wilderer und Fischer nach Belieben, an dem die Jäger und Aufseher gerne vorbeigingen, als hätten sie ihn nicht gesehen, hatte er später sich herbeigelassen, ein Dienstlein anzunehmen.

Der einsichtsvolle Oberförster übertrug ihm nämlich die Aufsicht über das Wild und die Dressur der Jagdhunde. Die Besoldung bestand hauptsächlich im Schußgeld vom Raubzeug; und wenn hie und da auch einmal eine Kugel nebenaus ging und zufällig einen fetten Rehbock oder – wie heute – ein unvorsichtiges Häslein traf, so fiel es niemand ein, den Schützen deshalb zur Rede setzen zu wollen.

Die Raben zogen schon heimwärts, den Bergwäldern zu, als die beiden, herabgestiegen ins Tal, den Rückweg antraten – und am Kreuzweg sich verabschiedeten. – Der klare Wintertag schloß mit einem prächtigen Sonnenuntergang. Als Hieronymus einmal zurückschaute, sah er das Tagesgestirn eben in glühendes, nach oben hin violett verschwimmendes Rot hinabsinken.

Die Berge standen in kaltblauen Schatten am Horizont, nur der Schnee im Tal und auf dem eingefrorenen Bache schimmerte stellenweis wie angehaucht vom Abendrot. – Gedankenvoll betrachtete Hieronymus das schöne Naturspiel eine Weile – dann schritt er weiter. – Aus eisgrauen Wolkenschichten schaute im Osten die blaßgelbe, unvollkommene Scheibe des Mondes über die Höhen, finster schon lagen die Häuser und Hütten – nur die Fenster am Laubhauserhof flammten und spiegelten noch die späte Glut des Himmels ab.

Am andern Tage kam richtig der Gemeindsbote mit der Ansage zur großen Jagd. – Auch Hieronymus rüstete sich dazu; es war nicht das erste Mal, daß er eine solche Hetze mitmachen mußte. – Aber die fürstlichen Herrschaften kamen nicht; die Jagd wurde verschoben, von einem Tag zum andern – bis endlich Tauwetter einfiel. – Ein lauer Föhn war über Nacht ins Land gekommen. Die Tannen verloren ihren Duft und schauten schwarz und melancholisch über das Schneefeld. Es schien, als wolle am Dreikönigstag der Frühling schon seinen Einzug halten. Seine Vorboten, Sturm und Regen, hatten bereits eine allgemeine Mobilmachung angeordnet, und selbst das Eis auf dem Bache erhielt schleunigst Marschbefehl. Es drängten und schoben sich die Schollen auf- und untereinander, gleich einem retirierenden Heere, das im Abziehen noch Brücken und Stege sprengt und soviel wie möglich am Wege hin verwüstet. – Aus allen Wäldern und Schluchten stürzten reißende Gießbäche hervor; das Wasser wuchs stündlich, und man fürchtete für die Hütten und Höfe im Tal, und selbst im Laubhauserhof fand man’s geraten, die Haus- und die Stalltüre mit Mist zu verschanzen.

Einsilbig, in sich gekehrt, verbrachte der von seinem Spaziergang gehörig durchlüftete Bursche den Abend. Früh ging er zu Bett, aber noch lange traf die laute Unterhaltung drüben im Hof sein Ohr – er hörte die umständliche Verabschiedung der Gäste vor der Haustür, das „Bhütigott!“ und „Kommet guet heim!“ der Zurückbleibenden und der Scheidenden – bis endlich, mit dem Geklingel des letzten abziehenden Schlittens, alles in Nacht und Schweigen versank.

Aber der besiegte Winter gab sein Spiel noch lange nicht verloren. Kurz nach Lichtmeß nahm er, als erfahrener Feldherr, im Sturme wieder die Höhen und Pässe – und es fiel eine solche Masse Schnee, daß die Wohnungen in den Niederungen förmlich gesperrt und blockiert wurden.

Dazumal war es auch, daß ein einsamer Hof am Feldberg mit seinen Bewohnern wochenlang unter der Schneedecke begraben lag, bis endlich – es war gerade Karfreitag – Umwohnende den Dachfirst endlich wieder aus dem Schneemeer hervorragen sahen und zu Hilfe zogen. Man brach ein Loch in das Dach und rief hinunter, ob alle noch am Leben seien. „Ja“, erscholl es aus der Tiefe. „Wißt ihr auch, daß heut Karfreitag ist?“ war die zweite Frage der Obenstehenden. „Gottsnamen!“ hieß es unten, »wir verspeisen soeben ’s letzte Stück vom letzten Stier!«

Auch Unglücksfälle durch Lawinen kamen vor, ähnlich der gänzlichen Zertrümmerung des Königenhofs bei Waldau in neuerer Zeit, wobei die vom jähen, von keinem schützenden Waldmantel mehr bedeckten Berg herabrutschende Schneemasse sämtliche Bewohner mit ins Grab riß. – Wie häufig geschieht, mußten auch damals die Leute am Feldberg aufgeboten werden, diesem Beherrscher des Schwarzwaldes im Juli oder August den Schnee vom Haupte zu schäufeln; denn, sagen sie, wär’s ihm nur einmal wieder gelungen, die uralte Mode einzuführen und die Haube das ganze Jahr hindurch aufzubehalten, so wäre der Schwarzwälder Gletscher fertig, wie er’s vor Jahrtausenden gewesen.

In der ersten Ausgabe hatte Lucian Reich auch noch den Text eines Liedes mit drin:

Ich bring heut ein`sehr fröhliche Bost,
Auf daß ihr Hirten die Freuden verkost`;
Als ich nun bei der Nacht,
Bei meinen Schäflein wacht,
Habens ein`liebliche Musik gemacht.

Ich greif einlends nach meiner Schalem;
Und ruf gleich meinen Schäflein herbei,
Aber sie lassen mich,
Sammt meiner Pfeif`im Stich,
Springen, frohlocken und erfreuen sich.

Kommt laß uns nach Bethlehem geh`n
Um nun alldorten das Wunder zu seh`n:
Es war ein alter Stall,
Der voller Feuer stral`,
Wo sich die himmlische Musik erschall.

Ich sah dorten das göttliche Kind,
Liegen im Viehstall bei Esel und Rind.
Herzliebstes Jesulein,
Wir wollen dir dankbar sein,
Daß du bei Sünder gekehret hast ein!


https://hieronymus-online.de/lucian-reichs-hieronymus/embed

Der Hüfinger Künstlerkreis

Die erste Version von diesem Artikel hatte ich am 07. Juli 2020 veröffentlicht. Seit damals hat sich viel getan. Die Kunst, die Menschen und die historischen Begebenheiten haben sich zu einem kontinuierlichem Geflecht aus zusammenhängenden Ereignissen entwickelt. Von diesem Geflecht ist der Hieronymus-online die logische Fortsetzung und hier kommt eine grobe Zusammenfassung des Hüfinger Künstlerkreises:

Die Familie Menradt

Die Familie Menrad gehört zu einer der ältesten Hüfinger Künstlerfamilien. Hierzu gab es am Montag den 23. Februar 2026 einen Vortrag von Dr. Jörg Martin, dem Leiter des FF Archives.

Vortrag über Martin Menrad von Dr. Jörg Martin

von Martin Menrad ein Gemälde von 1682, das er im Auftrag des Fürsten Anton Egon zu Fürstenberg-Heiligenberg gemalt hatte.
Karte aus dem Jahr 1664 von Hüfingen, Behla und Sumpfohren von Martin Menrad
Karte aus dem Jahr 1662 von Hüfingen von Martin Menradt
Foto: Dr. Jörg Martin
Die Stadt Hüfingen im Jahre 1682 nach einem Gemälde von Martin Menrard

Hieronymus Lang

folgt irgendwann.

Der Hofmaler Joseph Weiß

Der FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (15.02.1735-16.06.1790) ist einer der frühesten Vertreter der Hüfinger Künstlertradition. Das Geschlecht läßt sich bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges zurückverfolgen, ist aber erloschen. Der früh verstorbene Joseph Weiß, der Großvater des Malers, war Gastwirt im Gasthaus zum Hirsch gewesen.

Franz Joseph wurde am 15. Februar 1735 als zweitältestes Kind der Eheleute Josef Weiß und Elisabeth Spiegelhalter geboren. Von seinen sechs Geschwistern lassen sich in der Folgezeit nur zwei als in Hüfingen seßhaft belegen. Er selber schloß zwei Ehen in Donaueschingen. Aus der ersten Ehe gingen die drei Kinder Johannes Nepomuk, Xaver und Maria Anna hervor. Sie war 1762 in Donaueschingen geschlossen worden. Seine zweite Ehefrau hieß Maria Anna Neyerin. Sie verstarb 1796 im Alter von 40 Jahren.

Er hat die Fahne der Jakobusbruderschaft für das Jokobifest gemalt. Der Jakobitag ist am 25. Juli und wird in vielen Städten heute noch gefeiert. Das Jokobifest war auch in Hüfingen einst sehr wichtig und wurde dann leider vergessen, weil Blumen ausreissen anscheinend mehr Spaß macht. Die etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch an diese Pilgerwanderungen.

Die Jakobusfahne wird heute an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und begegnet uns in Kapitel 17 und 23 im Hieronymus. Der Hofmaler Weiß war mit den Reichs befreundet und ist in allen Büchern von Lucian Reich zu finden. In St. Verena und Gallus hat er die Seitenaltäre von Maria Anna und und Jakobus gemalt.

Fahne der Jakobsbruderschaft vom Hofmaler Weiß
Vielen Dank an Markus Leichenauer für das Foto!
Seitenaltar in St. Verena und Gallus.
Jakobus mit Wanderstab in der Hand, dem Volke predigend aus 1774.
Die links unten auf der Tafel gemalte Männergestalt soll ein Selbstbildnis des Hofmalers Franz Josef Weiß sein.

Xaver Schelble, Sebastian Fritschi und Johann Georg Kaltenbach

folgt irgendwann

Johann Baptist Seele

Als weiterer früher Vertreter der Hüfinger Künstlertradition gilt Johann Baptist Seele (27. Juni 1774 in Meßkirch – 27. August 1814 in Stuttgart). Sein Vater Franz Xaver Seele diente ab 1776 in Hüfingen als Unteroffizier im fürstenbergischen Kreiskontingent. Johann Baptist Seele stieg bis zum Hofmaler des württembergischen Königs auf. In den Wanderblühten widmet ihm Lucian Reich Seele ein ganzes Kapitel: Wanderblühten – Johann Baptist Seele.

Fun Fact: Der Hof- und Theatermaler Josef Sandhaas aus dem Kinzigtal war der Zeichenlehrer von Luzian Reich am Benediktinerkloster in Villingen bis zum Jahr 1805 (Denkbuch). Dessen Schwester Gretel (Maria Margarete) Sandhaas (1771–1830) hat damals in Hüfingen Seele „bussiert“. Der Sohn aus dieser Beziehung, Carl Friedrich Sandhaas, wurde später ein großer, aber auch komplizierter Künstler.

Johann Baptist Seele 1792
Johann Baptist Seele1800
Johann Baptist Seele 1810

Fotos aus den Schriften der Baar 44 (2001). Der Maler Johan Baptist Seele und sein Werk, von Gabriele Brugger.

Luzian Reich

Der eigentliche Künstlerkreis entstand um den Unternehmer Luzian Reich (7. Januar 1787 in Bad Dürrheim – 18. Dezember 1866 in Hüfingen), auch genannt „der Ältere“. Er selber zeichnete mit „Senior“.

Über Luzian Reich, auch von ihm selber geschrieben, steht viel im Denkbuch, das sein Sohn im Jahr 1896 in den Schriften der Baar veröffentlich hat.

Luzian Reich senior ein Selbstbildnis im Stadtmuseum Hüfingen
Selbstbildnis im Stadtmuseum
Foto vom alten Luzian Reich mit Stock und Mütze auf einem geschnitzten Stuhl
Luzian Reich etwa 1866. Foto von seinem Schwiegersohn Johann Nepomuk Heinemann
Von einer Tafel aus dem Museum mit Foto der alten Kaplanei ein der der Unterricht statt fand
Tafel im Stadtmuseum
Kunstrdruck aus der Zeichenschule von Luzian Reich mit der Akelei von Dürer etwa aus dem Jahr 1830
Kunstdruck aus der Zeichenschule von Luzian Reich mit der Akelei von Dürer (etwa 1830)
Luzian Reich etwa 1860
Foto: Nepomuk Heinemann

Die Zeichenschule von Luzian Reich:
Der Oberlehrer, Maler, Kunstschreiner und Bildhauer gründete in Hüfingen eine Zeichenschule für Buben und Mädchen. Er sammelte Ölbilder, Kupferstiche, Radierungen, Lithographien, Zeichnungen, Skulpturen und Töpferkunst die zum Teil aus aufgehobenen Klöstern stammten. Diese vielfältige Sammlung diente seinen Kunstschülern als Lehr-und Anschauungsmaterial.

Luzian Reich und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann Anfang 1866
Tafel im Stadtmuseum mit Abbildung der Ziegelhütte
Tafel im Stadtmuseum

Katharina Götz (01.11.1760-04.04.1847) mit Goldhaube, gemalt von Luzian Reich, ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Elisabeth, Xaver und Lucian Reich.

Eltern von Xaver, Lucian und Elisabeth: Luzian Reich und Josefa Schelble.
Großeltern: Mathias Reich und Anastasia Buckin (Bad Dürrheim).
Franz Josef Schelble und Katharina Götz (Hüfingen).

Josepha Schelble ein Gemälde von Luzian Reich senior im Stadtmuseum Hüfingen

M. Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866) gemalt von ihrem Ehemann Luzian Reich.
Sie ist die Schwester von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Mutter von Xaver Reich, Elisabeth Heinemann geb. Reich und Lucian Reich dem Jüngeren.

Luzian Reich unterrichtete in seiner Mal- und Zeischenschule neben seinen Kindern Xaver, Elisabeth und Lucian die Brüder Nepomuk und Josef Heinemann, sowie deren Vetter Rudolf Gleichauf.

Madonna von Luzian Reich senior
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731

Auch gründete Luzian Reich zusammen mit seinem Schwager Schelble und dem Hofrath Baur den Verein Freunde der Natur. Die Freunde der Natur – des Nützlichen und Schönen errichteten auf dem Rotrain eine Anlage in der auch Konzerte gegeben wurden.

Der Musikdirektor Johann Nepomuk Schelble
Sohn, Bruder, Schwager und Onkel

Der Bruder von M. Josefa Schelble (18. März 1788 -12. November 1866) war Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 – 7. August 1837 ), der Gründer des Cäcilienvereins in Frankfurt a. Main.

Johann Nepomuk Schelble (1789 -1837)
Zeichnung von unbekannt.

Über Schelble gibt es hier die Dissertation von Oskar Bormann aus dem Jahr 1926. Lucian Reich hat seinem Onkel zwei Kapitel in den Wanderblühten gewidmet: Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble – Prolog und Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble und auch im Denkbuch wird er oft erwähnt.

Johann Nepomuk Schelble war Chorknabe im Kloster Marchtal wo er wissenschaftlichen und musikalischen Unterricht erhielt. Als das Kloster 1803 aufgehoben wurde, kehrte er zu seiner Familie nach Hüfingen zurück. In der Stadtmusik Hüfingen spiele er Piccoloflöte und besuchte die Schule in Donaueschingen, wo er an dem kunstliebenden Fürsten Karl Egon von Fürstenberg einen Beschützer fand. Am 24. Juli 1818 gründete er in Frankfurt den Cäcilienvererin.

alte Zeichnung

Foto: Allegorie zur Namensgebung des Cäcilienvereins. Zeichung von Moritz August von Bethmann-Hollweg um 1828.

Neue Disputa:

Oben bei den Engeln die heilige Cäcilia und Händel, Beethoven, Mozart, Hayden
unten
Schelble, seine Frau Molly und die Gründungsmitglieder des Cäcilinvereins.

Foto aus >Die Leute singen mit so viel Feuer…< Der Cäcilienchor Frankfurt am Main 1818 bis 2018.

1820 erhielt Schelble ein Angebot vom Fürsten Karl Egon die Stelle des Hofkapellmeisters zu übernehmen. Um ihn in Hüfingen zu halten wurde die Anlage am Rotrain zum großen Teil vom Fürstenhaus finanziert. Nach der mutwilligen Zerstörung durch Faller, Auer und Ruf in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1821, hatte Schelble dann in Frankfurt einen 10-Jahres Vertrag abgeschlossen.

In Hüfingen erwarb Schelble 1824 ein „Landgütchen“, das er sein „Ruhetal“ nannte. Mit 48 Jahren starb Schelble in den Armen seiner Frau Molly am Eingang seines Hüfinger Hauses an der Bräunlinger Straße.

Eine Freude für sie war, wenn nachmittags der „Nepomuk und die Molly“ kamen. Aber auch sie waren immer viel in Anspruch genommen mit Einrichtung und Verbesserungen ihres Hauses und Gütchens. Die Großmutter stammte aus der Hofbauernfamilie Götz, deren Haus in der Vorderstadt noch ganz die mittelalterliche Bauart zeigte und auch eine allerdings trübselige geschichtliche Bedeutung hatte, insofern als die Scheuer der Hauptschauplatz war des gräuelvollen Blutbades vom Jahre 1632 beim Überfall der Stadt durch Württembergisches Kriegsvolk.
Gelegentlich einer Reise, die Onkel Schelble zur Kräftigung seiner angegriffenen Gesundheit nach Gastein unternommen, wobei wir ihn bis München begleiten durften, hatten wir Schaller, den Landsmann Binders, kennen gelernt. — Die Badekur hatte den erwarteten Erfolg nicht gehabt; im Sommer 1836 sah der gute Onkel sich genötigt, aller Tätigkeit zu entsagen und sich nach Hüfingen in sein von ihm mit so großem Interesse gegründetes Landgütchen zurückzuziehen.
Ich war so lange noch in Frankfurt geblieben, um das Fortschaffen der Möbel überwachen zu können. Felix Mendelssohn war gekommen, die interimistische Leitung des Cäcilienvereins zu übernehmen.
aus dem Denkbuch

Das Landgütchen
Foto von Karl Schweizer 1980

Im Bade Gastein hatte er vergeblich Heilung gesucht; ist so mächtig in die Heimat zu, wo er in der stärkenden Luft des Hochlandes Besserung hoffen durfte. – Und wirklich schien erneutes Leben noch einmal wiederkehren zu wollen – doch war es leider nur Täuschung – das Vollgefühl der Gesundheit kehrte nimmermehr wieder. Demungeachtet war er noch immer unausgesetzt thätig. Nebst der Sorge für die häusliche Einrichtung seiner kleinen Gartenwohnung beschäftigte ihn der Singunterricht der Kinder, die er um sich versammelt hatte; auch hier im Kleinen, wie früher im Großen, wollte er den Sinn und die Empfänglichkeit für das Schöne wecken und fördern. – Frohe Hoffnung gänzlicher Genesung beschlichen die Brust der Seinigen; um so unvorbereiteter traf sein plötzliches Dahinscheiden.

Es war am 6. August des Jahres 1837, an einem Sonntag, als das Totenglöcklein der Stadtkirche üblicherweise den Einwohnern verkündete, dass ein Mensch aus ihrer Mitte geschieden sei. – Es war das Scheidezeichen für Johann Nepomuk Schelble. – Im Geleite der Seinigen hatte er denselben Tag einen Spaziergang auf ein entferntes Grundstück unternommen, als er zurückkehrend am Eingange seines Gartens von einem Blutsturz befallen wurde, der seinen Leben in den Armen seiner Gattin ein schmerzliches schnelles Ende machte.

Ein Mitglied des Cäcilienvereins (Johannes Weismann) unternahm es, für die Freunde in kurzgefassten Zügen eine Schilderung des Lebens und Wirkens des Verewigten zu entwerfen. Und wohl darf er als die Denkweise Vieler betrachtet werden, wenn der Verehrer am Schlusse seines Nekrologs ausruft: „Fürwahr, ein ungewöhnlicher, ein großer Mensch ist mit ihm von der Erde geschieden; denn seine Aufgabe war eine große, und er hat sie im großen Sinn aufgefaßt und gelöst. Darum erkannte sich der Verein mit tiefem Schmerze verwaist, als er sich ihm die Überzeugung aufdrang, dass Schelble ihm unwiederbringlich entrissen sei. Darum ist es so natürlich, dass wir immer von Neuem an ihn erinnert werden, dass wir ihn immer wieder vor unserem Geistesauge erblicken, den Mann mit der großen Stirne, mit dem edelgebildeten Haupte, dem tiefblickenden Auge, wie er anspruchslos am Klavier saß und mit klarem, ruhigen Sinn die Tonwelt, das Ganze wie das Einzelne beherrschte“.
aus den Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble

Man kann kaum glauben, wie viel ein einziger Mensch, der was will, auf alle andern wirken kann; S. steht dort ganz allein…Er hat sich einen sehr bedeutenden Wirkungskreis geschaffen und die Leute im eigentlichsten Sinne weiter gebracht …
Felix Mendelssohn Bartholdy in einem Brief an Carl Friedrich Zelter

Lucian Reich

Ein Sohn von Luzian Reich und Josefa Schelble und somit der Neffe von Nepomuk Schelble war Lucian Reich (26. Februar 1817 – 2. Juli 1900).

Lucian Reich, gezeichnet von seinem Schwager Nepomuk Heinemann.

Lucian Reich hat aus Geldnot erst am 8. August 1874 Margareta Stoffler (1825-1880) aus Geisingen geheiratet; die Tochter Anna Reich war deswegen unehelich und ihre Daten sind nicht bekannt. Anna Reich kam mit ihrem Vater später wieder nach Hüfingen und pflegte ihn bis zu seinem Tod am 2. Juli 1900. Danach heiratete sie einen verwitweten Landwirt in Neudingen und zog seine (8 ?) Kinder groß. Sie selber hatte nie eigene Kinder und starb hoch betagt in der Neudinger Mühle.

Maria Josepha Heinemann Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.

Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann 1875-1881

Lucian Reich nach einer Photographie gezeichnet von Karl v. Schneider. Hüfingen 1907.

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Anna Reich 1885
Foto von Nepomuk Heinemann

Lucian Reich wirkte jahrzehntelang als Zeichenlehrer am damaligen Großherzoglichen Lyceum in Rastatt. Einen Namen machte er sich vor allem durch seine heimatkundlichen Bücher und seine Illustrationen.

Zeichnung aus den Wanderblühten.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind;
J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit);
Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife;
Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr;
Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.

Das bekannteste von Reich geschriebene und illustrierte Buch trägt den Titel „Hieronymus. Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde„.

Lisette Reich
Die übersehene Schwester

Die Tochter von Luzian und Josefa Reich und Schwester von Lucian und Xaver war Elisabeth Reich (15. Dezember 1819 – 24. Juni 1871). Sie heiratete am 31. Januar 1854 einen Schüler ihres Vaters, Johann Nepomuk Heinemann (30.05.1817 – 22.02.1902).

Elisabeth (Lisette) Reich 1819-1871
Allegorie der Donauquelle von J.N. Heinemann
Selbstportrait von Nepomuk Heinemann

Der Fotograf und Schnitzer Muckle Heinemann
Schwager und Neffe

Johann Nepomuk Heinemann (30.05.1817 – 22.02.1902) begann eine Lehre als Uhrschild-Maler in Neustadt. Danach lernte er in Donaueschingen die Technik der Lithographie. Wie alle Hüfinger Künstler hielt er sich in den folgenden Jahren, wie sein Bruder Joseph, zu Studienzwecken in München auf.

Die Eröffnung einer eigenen Druckerei in Hüfingen wurde ihm auf Intervention des Fürstenhauses genehmigt. Mit Entwürfen von Lucian Reich, seines Bruders Joseph Heinemann und von Heinrich Frank begann er das Buchprojekt Hieronymus – Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde.

Bleistiftzeichnung Karl von Schneider (1847 – 1923) von Johann Nepomuk Heinemann
Bild mit Liebespaar und einer Ziege
Uhrenbild von Heinemann 1850

Johann Nepomuk Heinemann war einer der ersten Fotografen im Land. Auch das Fürstenhaus Fürstenberg in Donaueschingen zählte zu seinen Kunden. Dieses Geschäft blühte in den 1860er Jahren auf und zahlreiche Portraits von Zeitgenossen entstanden in seinem Studio.

So auch Amélie Karoline Gasparine Leopoldine Henriette Luise Elisabeth Franziska Maximiliane Fürstenberg. Geboren am 25.05.1848 Schaffhausen und verstoben am 08.03.1918 in Baden-Baden. Tochter von Karl Egon II Fürst zu Fürstenberg (1820-1892).

  • Altes Foto der Fürstenfamilie



Die Tochter von Nepomuk Heinemann und Lisette Reich war Maria Josepha Heinemann („Marie“ 23. Dezember 1857 – 19. Mai 1948) die am 19. September 1881 den Kaufmann Karl Nober (Haus Nober Hauptstr. 5) geheiratet hat.


Marie Heinemann (1857 – 1948)

Marie und Kätherli
(Katharina Heinemann 30.04.1828-27.01.1900. Kätherli war die Schwester von Nepomuk und Josef Heinemann)
Fotos von Nepomuk Heinemann etwa 1868

Nepomuk Heinemann 1895
Nepomuk Heinemann 1895
Todesanzeige vom 24.02.1902

Selbstbildnis von Johann Nepomuk Heinemann von 1840


Xaveri
Der Bildhauer Xaver Reich
Bruder und Vater

Ein weiterer Sohn von Luzian Reich war Franz Xaver Reich (1. August 1815 – 8. Oktober 1881).
Nach initialer Förderung durch seinen Vater, kam Xaver Reich 1832 auf Empfehlung seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an das Städelsche Institut. Durch seinen Onkel wurde er auch Mitglied in dessen Cäcilienverein.

Xaver Reich
gezeichnet von Nepomuk Heinemann 1838

Foto von Xaver Reich im Stadtmuseum

Franz Xaver Reich
gezeichnet von Josef Heinemann

Lucian Reich schreibt viel über seinen Bruder im Denkbuch: https://hieronymus-online.de/denkbuch-von-lucian-reich-1896/

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Wilhelm August Rehmann, Leibarzt von Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg veranlasste, dass Reich eine Skizze modellieren konnte, welche die Donau mit ihren Zuflüsse Brigach und Breg zeigte. Karl Egon II. war vom Ergebnis begeistert und beauftragte Reich damit das Modell 1837 im großen Maßstab herzustellen. Im Schloss Hüfingen erhielt er von seinem Mäzen dann ein Atelier geräumt, um die Gruppe in Sandstein auszuführen. Die Sandsteingruppe wurde auf der „großen Insel im Schwanenweiher“ (heute: Pfaueninsel) im Schlosspark von Donaueschingen aufgestellt.

Danubiagruppe auf der Pfaueninsel (Postkarte 1906)

Nach Vollendung der Arbeit machte sich Xaver Reich 1842 zu einer Romreise auf. Aufenthalte in Pisa, Florenz und in Verona begeisterten ihn für die Tradition der Blumenteppiche.

Nach Vorbild aus Portici fertigte er in Hüfingen vor seinem Elternhaus den ersten Blumenteppich und legte so den Grundstein einer Tradition in Hüfingen die leider den Gallustag ersetzen sollte.

Film von Ernst Kramer in den späten 1920er

Franz Xaver Reich wohnte mit seiner Familie im ehemaligen Anwesen seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an der Bräunlinger Straße. In Hüfingen hatte er die Ziegelei seines Vaters übernommen und zu einer Terrakottenbrennerei umgewandelt. In ihr brannte er plastischen Schmuck. (aus dem Denkbuch von Lucian Reich)

Ziegelhütte und Terrakottenbrennerei Reich.
Sie stand da, wo heute der Kofenweiher ist.

Der Engel auf der Elisabetheninsel, den Fürst Carl Egon II in Erinnerung an seine früh verstorbene Gemahlin Elisabeth aufstellen ließ, wurde nach einem Entwurf von Xaver Reich gegossen. Zu seinen Donaueschinger Arbeiten zählt auch das Turnierrelief an der Reithalle.

Die Inschrift auf der Vorderseite des Sockels lautet:
„Der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost. Sp. Salomon 14, 23“ auf der Rückseite: „Karl Egon Fürst zu Fürstenberg seiner unvergeßlichen Frau Elisabeth, Prinzessin Reuß ä. L. zu Greiz. geb. 23. März 1824, gest. 7. Mai 1861“.
Das Denkmal wurde nach einen Entwurf von Xaver Reich gegossen.
Die junge Donau als Kind im Schoße der Mutter Baar von Xaver Reich von 1875.
Sandsteingruppe am alten Zusammenfluss von Brigach und Breg in Donaueschingen.
Foto aus dem Jahr 1980.

Als die Donauquelle im Schloßhof neu gefaßt und umgruppiert wurde, gestaltete Xaver Reich die Gruppe: „Die junge Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar“. Sie musste allerdings in den siebziger Jahren der Marmorgruppe des Vöhrenbacher Bildhauers Adolf Heer weichen, die heute noch die von Adolf Weinbrenner geschaffene Quellfassung schmückt. Reichs Gruppe fand in der Nähe des Zusammenflusses von Brigach und Breg eine vorläufige Bleibe und wurde 2025 am neu gestalteten Donauzusammenfluss wieder aufgestellt.

Der Maler Rudolf Gleichauf
Vetter

Ein weiters Mitglied des Hüfinger Künsterkreises war Rudolf Gleichauf (29. Juli 1826 in Hüfingen – 15. Oktober 1896 in Karlsruhe). Gleichauf erhielt ein Stipendium des Fürsten Karl Egon II. zu Fürstenberg an der Münchner Akademie bei Schnorr von Carolsfeld.

Rudolf Gleichauf
29. Juli 1826 – 15. Oktober 1896

Außer zahlreichen Wandgemälden hat Gleichauf im Auftrag des badischen Hofs und der badischen Regierung zwischen 1862 und 1869 zahlreiche Aquarellbilder und eine Vielzahl von Kostümstudien geschaffen, die sich in der Badischen Landessammlung erhalten haben und für ein „umfängliches badisches Trachtenwerk“ geplant waren, das jedoch nicht vollendet wurde.

Unten Allegorische Darstellungen der Fakultäten für Theologie, Philosophie, Jurisprudenz und Medizin für die Universtität Heidelberg von Rudolf Gleichauf.

Theologie
Philosophie
Jurisprudenz
Medizin

Die zwei Bronzereliefs des Bildhauer Johannes Hirt auf dem Grabstein von Adolf Heer und Rudolf Gleichauf befinden sich auf dem Hüfinger Friedhof.

Adolf Heer Bildhauer geboren 13. September 1819 gestorben 29. März 1898

Grab Adolf Heer und Rudolf Gleichauf


Josef Heinemann
Der vergessene Hüfinger Maler

Eine Schwester von Rudolf Gleichauf war mit dem Künstler Josef Heinemann (27.12.1825 – 02.04.1901) einem Bruder von Johann Nepomuk Heinemann, verheiratet.

Josef Heinemann (1825 – 1901)
Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Johann Nepomuk Heinemann.

Marie Heinemann (1857 – 1948)
Gemalt von ihrem Taufpaten Josef Heinemann.

Auch Josef Heinemann studierte wie sein Schwager Gleichauf an der Münchner Akademie bei Julius Schnorr von Carolsfeld.

Jacob schenkt Joseph einen bunten Rock (1850)
Die selten dargestellte Szene der Josephsgeschichte des Alten Testaments entstand im Umfeld von Bibel-Illustrationen. Heinemann arbeitete an verschiedenen Editionen sogenannter Bilder-Bibeln mit.

Bildnis der Ida Müller, verh. Maier (1841)
Heinemann porträtiert die 20-jährige Blumen- und Stillebenmalerin als „Tochter aus gutem Hause“. Die noch ungleiche anatomische Exaktheit von ausdrucksstarkem Gesicht und summarischer Hand zeigt, dass es sich um ein Jugendwerk des 18-jährigen Zeichners handelt.


Es fehlen hier noch einige Hüfinger Künstler. Ich verweise auch noch auf die Seite der Hüfinger Persönlichkeiten: https://hieronymus-online.de/huefinger-persoenlichkeiten/


Mehr Fotos und Infos zum Hüfinger Künstlerkreis gibt es auch auf der Seite des Stadtmuseums: