Zum 200. Todestag von Johann Peter Hebel

Johann Peter Hebel, geboren am 10. Mai 1760, gestorben am 22. September 1826 in Schwetzingen

Hegeldenkmal von Lucian Reich mit Menschen in Trachten darum

Am 22. September 2026 jährt sich Johann Peter Hebels Todestag zum 200. Mal. Aus diesem Anlass finden in ganz Baden zahlreiche Veranstaltungen statt.

In ganz Baden? Nein. Im alten badischen Unterland scheint man sich noch an seine Künstler zu erinnern. Das Oberland dagegen hält offenbar nicht mehr so viel davon.

Im Hieronymus und auch in den Wanderblühten finden sich zahlreiche Zitate von Hebel. Aber ich möchte hier zunächst Joseph Bader zu Wort kommen lassen:


Joseph Bader in der Badenia, Band II, 1840, S. 215–218.

Etwas über Hebel

In dem schönen Schloßgarten, der eine Zierde unserer Residenz ist, wandelte ein Fremder durch die herrlichen, schattenreichen Baumgänge. Nachdem er viele Partheien gemustert und bewundert hatte, gerieth sein Fuß an eine einsame Stelle, wo ein hochgrüner Rasenplatz von malerischen Baumgruppen eingeschlossen liegt, aus dessen Mitte ein kleines Denkmal von Eisen in gothischem Geschmacke mit einem ehernen Brustbild sich erhebt.

Johann-Peter-Hebel-Denkmal vom Stadtwiki Karlsruhe

Freudig überrascht betrachtete er die malerische Scene, und trat dann neugierig näher, um aus den Inschriften des Denkmales zu vernehmen, welchem verdienten Manne die Mit- oder Nachwelt dies Zeichen dankbarer Verehrung gestiftet habe. Und siehe da — er fand den Namen Hebel. Jetzt wendete er mit sichtbarem Vergnügen seine Blicke wieder aufwärts zu dem Brustbilde, und forschte aufmerksam nach den Zügen des edlen Dichters.

Inzwischen hatte ich mich ihm genähert, und leicht geriethen wir in’s Gespräch über den Gegenstand seiner Betrachtung. Er kannte die Hebel’schen Gedichte ziemlich genau und verstand den poetischen Geist, welcher sie durchweht. Wir erinnerten uns, wie man früher zuweilen denselben verkannt, und dieser alemannischen Muse die ächte Volksthümlichkeit abgesprochen habe(¹). Der Fremde bedauerte, das Letztere nicht besser beurtheilen zu können, da ihm das Land und Volk, wo Hebel sich bewege, zu unbekannt sey. Wir, der ich dort einheimisch bin, war dies eine erwünschte Gelegenheit, mich über Etwas auszusprechen, was den Fremden und durch ihn wieder Andere belehren konnte.

„Es ist eine vornehme Absprecherei, Hebels Gedichte nur als poetische Curiosa zu betrachten. Sie seyen nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben nur angedichtet worden, das kann man leider von hundert und hundert ähnlichen Poesien sagen, von den hebelschen aber keineswegs. War ihr Verfasser nicht ein Sohn des Landes, redete er nicht wirklich die Mundart des Landvolks, bewegte er sich nicht lange Zeit in dessen Sitten und Gebräuchen, und hatte er nicht selbst ganz den Charakter, den Geist und das Gemüth eines Wiesenthälers? Als Hebel seine Gedichte schrieb, war solches ein Erguß seiner Erinnerungen aus der Heimath und seiner wachsenden Sehnsucht nach derselben. Diese schöne, geliebte Heimath erfüllte noch ganz das Herz des jungen Mannes, als ihn sein Aufenthalt in der Residenz schon in ganz andere Umgebungen und Verhältnisse gezogen. Er durchirrte im Geist jene wohlbekannten Thäler und Berge, besuchte seine Landsleute in ihren Hütten und Dörfern, begrüßte alte Freunde, unterhielt sich mit ihnen in Ernst und Scherz, schwang sich dann empor auf die Höhen der Poesie, und sang in der Zunge seiner Väter, was er gesehen, gedacht und empfunden.“

Ich begleitete diese Worte mit einiger nähern Auseinandersetzung, und der Fremde schien darin Manches ihm ebenso Einleuchtende als Neue zu finden. „Sie werden mir es glauben, ich bin ebenfalls auf dem Lande geboren, bin oft und vielfach unter dem Volke gewesen — also von der Seite aus ein kompetenter Richter über das Volksthümliche in Hebels Werken, und gerade daß ihr Geist, wie ihr Ausdruck so ganz volksthümlich ist, das machte mir sie werth, und das machte sie auch dem Volke selbst werth. Es versteht sie in ihrem Sinn, ihren Bildern und Anspielungen vollkommen — sie sind in seiner Art und Weise. Denn wären sie es nicht, welcher Bauernjunge, welches Landmädchen würde sie lesen oder singen? Daß aber zumal die hebelschen Lieder häufig auf dem Lande gesungen werden, so häufig als andere beliebte Volkslieder, davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht. Sie sehen also, Hebel war nicht bloß zum Dichter, sondern eigentlich zum Volksdichter geboren und erzogen. Wie ächt, wie unnachahmlich sind die Schilderungen im „Karfunkel“, im „Statthalter von Schopfheim“, in der „Wiese“. Mit diesen Augen sieht das oberländische Volk, so denkt, so fühlt, so trauert und scherzt es. Das Alles aber, was ich über die Volksthümlichkeit der alemannischen Gedichte gesagt, ist in den wenigen Worten enthalten, welche aus Hebels eigenem Munde rühren: „Das Heimweh, sagte er, hat sie gedichtet.“

„Was die hebelsche Zunge anbetrifft, so ist sie allerdings eine aus mehreren oberländischen Besonder-Mundarten zusammengeschmolzene und veredelte(²). Dadurch geht aber für die Hauptsache nichts verlohren; die charakteristische Eigenthümlichkeit des Alemannischen lebt vollkommen in der Ausdrucksweise Hebels, wenn auch das oberländische Volksdeutsch an keinem einzelnen Orte genau so gesprochen wird, wie er es schreibt(³). Der Markgräfler, der Wiesenthäler läßt sich in den Wörtern und Sätzen nicht verkennen, dagegen ist die Betonung mehr hauensteinisch, weil der Hauensteiner die Vokale ohne Beiklang, und dem Hochdeutschen am nächsten ausspricht(⁴). Der Anknüpfungspunkt zur Veredelung lag also im alemannischen Sprachstamme selbst, und es ist somit auch hier von keiner Einmischung des Fremdartigen die Rede.“

Wir hatten uns während dieser Unterhaltung auf die nächste Ruhebank niedergelassen. Ich erwähnte dem Fremden, daß hier das Lieblingsplätzchen des verewigten Dichters gewesen seyn soll, weswegen man auch die Stelle für sein Denkmal ausgewählt habe. Der Verfolg des Gesprächs führte nunmehr auf die spätern Lebensverhältnisse Hebels, namentlich in gesellschaftlicher Beziehung, auf seinen stets jugendlichen Geist, seine muntere Laune und seinen treffenden, übrigens immer gutmüthigen Witz. Es kam alsdann auch seine politische Ansicht zur Sprache, und ich weiß nicht, ob ich recht sah, aber mir schien es, als ziehe sich ein kleines Wölklein über die Stirne des Fremden. Vielleicht dachte er an den Sandwirth Hofer.

Ich vermied jedoch geflissentlich diesen Punkt, weil er mich unangenehm berührte, und bemerkte nur flüchtig, daß in der spätern Zeit wohl gar Mancherlei den freien Flug des Dichters gehemmt und seine edlere Thätigkeit beschränkt haben möge.

Der Fremde nahm endlich Abschied von mir und verlor sich in die nächste Allee. Ich aber verweilte noch auf der Ruhebank, in ungestörter Einsamkeit dem Zuge einiger Lieblingsgedanken nachhängend. Bald jedoch wurde ich darin unterbrochen — es fielen mir Hebels Nachahmer wieder ein! Ich muß es frei heraus sagen, nichts kann man lesen, was mehr den Makel der Mislingtheit an sich trüge, als die sogenannten alemannischen Gedichte, wie sie der größten Zahl nach in die Welt geschickt werden. Schon der gute Fellner, welcher doch sein Breisgauisch nicht übel verstand, scheiterte an der Versuche der Nachahmung, und diese Neuern — nicht einmal des Idiomes sind sie mächtig, von dem Geiste, der solche Dichtungen durchwehen und beleben soll, zu geschweigen. Bis zum Ekel aber treiben sie die Wiederholung der paar hebelschen Reime, Ausdrücke und Wendungen, die ihnen zunächst in das Ohr fielen, und beschimpfen dadurch das Andenken an den Vater der alemannischen Poesie. Ich hätte sie gerne alle um das Monument versammelt, diese Pfuscher, um sie Angesichts der Büste Hebels an ihre Sünden zu erinnern. Geärgert übrigens durch die leidige Unterbrechung, erhob ich mich, eilte nach Hause und rief durch die Lesung der „Wiese“ meine gute Stimmung wieder zurück.

(1)
Bader zitiert hier Wolfgang Menzel. Der vollständige von ihm zitierte Abschnitt lautet:

„Die Volkslieder in besondern Mundarten, wie die von Hebel, sind nur als poetische Kuriosa zu betrachten. Sie unterscheiden sich von den ächten alten Volksliedern dadurch, daß sie nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben angedichtet worden sind. Wie sehr der Dichter sich bemüht, ein Bauer zu scheinen, er bleibt doch immer nur ein Bauer aus der Theatergarderobe. Ich kann die Begeisterung für Hebels und ähnliche Gedichte nicht theilen, sie widern mich vielmehr gerade so an, wie die Schweizerinen und Tyrolerinen auf den Redouten. Es ist eine alberne Affektation sogenannter Naivetät darin, die sich in der Wirklichkeit ganz anders verhält. Merkt man nun gar, daß der Dichter seinen Bauern wieder den längstversauerten Milchbrei politischer Kindlichkeit einpappelt und sich gleich einem Dorfschulmeister bei der Ankunft hoher Herrschaften zum Vivat einexercirt, so geht die Illusion gänzlich verloren, und man sieht statt der Natur nur ein theatralisches Machwerk, wie die göthischen Festzüge und gewisse Wiener Vorspiele.“

(2)
„Hebel sagt selbst in der Vorrede zu seinen Gedichten: ‚Der Dialekt, in welchem diese Gedichte geschrieben sind, herrscht in dem Winkel des Rheines zwischen dem Frickthal und dem Sundgau, und weiterhin in mancherlei Abwandlungen bis an die Vogesen und Alpen und über den Schwarzwald bis nach Schwaben.‘“

(3)
„Wollte der Dichter genau den Dialekt schreiben, wie er in seiner Heimath, im Markgräfischen, gesprochen wird, so mußte er anstatt des Vokals a fast durchgängig ein breites und dumpfes o setzen, wie für das e meist ein sanftes a. Die verschiedene Aussprache dieser beiden Buchstaben ist charakteristisch — beinahe so weit das Gebirge reicht hört man ein helles deutliches a und e, dann in den Vorhügeln einen Mittelton von a und o, ä und a, endlich gegen den Rhein zu beinahe ein volles o und a.“

(4)
„Der Klekgauer und Hauensteiner spricht z. B. ganz deutlich: ‚Haber‘, und ‚mache‘, ‚Engel‘ und ‚sege‘, der niedere Breisgauer dagegen: Höber, möche, Angel, sage. Jener spricht: wenn, denn, au, dieser: wänn, dänn, oei.“ davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht.

Und damit sind wir wieder in Hüfingen.

Denn auch hier hat Hebel eine Spur hinterlassen. So schuf Xaver Reich das Medaillon auf Hebels Grabstein in Schwetzingen – sein bekanntestes Medaillon.

Stein von Johann Peter Hebel von Xaver Reich in Schwetzingen

Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 061263d

Aus dem Hieronymus 1853 und den Wanderblühten 1855

Bild von der Taufe mit Kindern

„geb dir Gott e glücklich Jahr und freudige Sinne!”

in der guten Stube mit Baby

„Es isch en Engel usem Paradies
u Mutterliebi heißt si schöne Amme.”

spielende Kinder vor einem Schwarzwaldhof

„Sie ziehn di uf, und lehre di laufe,
gen der n freudige Sinn u zeige der nüzlige Sache”

Kinder gehen in eine Schule. Der Lehrer wartet auf der Veranda.

„und jez göhnt in d’Schul –
fall mer keis, gent achtig u lehret was menich ufgit!”

„Sie lüte weger s’ Zeiche scho
der Pfarrer, schint’s, well zitli cho.”

Ein Köhler mit seinem Meiler unter einem Felsen. Ein Wandersmann kommt vorbei.

So hüt di vorem böse Ding
s’bringt nume Weh und Ach’
Wenn’s Sunntig isch se bet und sing
Am Werchtig schaff di Sach.

„E freie frohe Muth
e gsund und frölich Blut
goht über Geld und Guth.”

Ein Junge mit einem Jäger im Wald an einem Bach. Im Hintergrund Rehe.

Es chunnt e chuele Abedluft,
und an de Halme hangt der Duft
denckmol, mer göhn jez an alsgmach
im stille Frieden unter Dach!

Hieronymus steht auf einer Lichtung über Hüfingen

„Siehsch des ordelig Städtli
mit sine Fenstern und Gieble,”

Zwei Jäger mit Flinten in Begleitung von Kindern und zwei älteren Herren. Im Hintergrund

„De freudig Stündli
isch’s nit e Fündli?”

Fasnet im Hüfingen mit Marienbrunnen in der Mitte und trinkenden Narren drum herum.

„E freude Stund e guti Stund,
s’ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.

die Landfahrer sitzen im Wald vor einer Höhle an einem Feuer.

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle,
Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate,
Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.”

Kinder vor begrüßen einen Storch am Himmel. Im Hintergrund Häuser und eine Kirche.

Willchumm Herr Storch! bisch au scho do,
und schmecksch im Weiher d’Frösche scho?
und meinsch der Winter heig si Sach,
und’s besser Wetter chöm alsgmach?

Männer schlafen auf einer Weide und ein bewaffneter Soldat bewacht sie dabei. Hinterm Zaun stehen zwei Buben die zuschauen.

Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom,
und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.

Soldaten in einer Stadt ziehen einem Mann der am Boden sitzt einen Schuh aus. Auf dem Balkon im Hintergrund

„Drunter ischs und drüber gange was me cha sage.
Menge brave Ma hets nime chönne prästiere,
het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet.

Die Braut wird geschmückt mit einem Scheppel. Drei Mädchen auch mit Scheppel schauen dabei zu. Im Hintergrund der Schrank mit Aussteuer.

„O wie chlopft der di Herz, wie lüpft si di flatterig Halstuch,
und wie stigt der d’Röthi jez in die lieblige Backe,
wie am Himmel s’Morgeroth am duftige Maitag”

Das junge Paar reitet auf edeln Pferden. Das Mädchen trägt einen Strohhut

„Zum frohe Sinn, zum freie Muth,
und Heimet zu schmeckt alles gut.”

Zwei Köhler vor einer Grube. Ein Kind bewacht den Meiler und dahinter ist ein Bruderhäusschen zu sehen.

„Und chunt zur Zit e Biderma,
ans Füür, und zündet ’s Pfifli a,
und setzt si nänmen ane mit,
se schmeks em wohl, un – brenn di nit!

Ein junges Ehepaar sitzt vor einem Haus und diskutiert. Über ihnen ein Kreuz und neben ihnen eine Katze, davor ein Brunnen.

„Erhalt mer Gott mi Friedli!!“

Ruhig Gewissen, eigner Herd
Ist Gott und aller Ehren werth.

Ruhig Gewissen, eigner Herd
Ist Gott und aller Ehren werth.

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
ruckt alles witers, alles chunnt und goht.

Bild mit dem Hüfinger Künstlerkreis um den Tisch

„Druf bruckt er ’s Füür mit de Fingeren abe, und macht ’s Deckli zu. „Se willi den näumis verzehle,“ seit er, und sizt nieder, „doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;“

„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“

„Es isch e brave Ma, in alle Stücke biwandert,
u si Frau, Statthalters Blut, mit Tugend bihaftet.“

Die Gartenlaube aus 1860 mit Männern beim Hebel-Schoppen in Hausen. Eine Dame schaut zu und Kinder bekommen auch was vom Wein. Unterm Tisch liegt ein Hund.

Beim „Hebel-Schoppen“ in Hausen. Originalzeichnung von Luc. Reich in Rastatt. Die Gartenlaube, 1860.

Menschen in Tracht am Hebel Denkmal

Immer bleibet Dir Namen und Ehr Und ewger Nachruhm.

Gezeichnet von Lucian Reich. Vervielfachung ausschließlich vorbehalten Auf Stein gezeichnet von J.N. Heinemann, Hüfingen. 1835

Aus dem Landesarchiv Karlsruhe J-M

Heinrich Hansjakob besucht Lucian Reich in Hüfingen

von Dr. Ursula Speckamp am 21.10.2021

Den am 1. Dezember 1899 gefassten Entschluss, das Schriftstellern aufzugeben, hielt Hansjakob nur zwei Monate durch, dann griff er wieder zur Feder. Und, so schrieb er weiter fast bis zu seinem Tod am 23. Juni 1916. Sein letztes Werk war eine Antikriegsschrift, die im Frühjahr 1916 erschien. 1)

Das Tagebuch, das er während seiner Sommerreise im Jahr 1900 führte, gibt über rund 100 Seiten Aufschluss über die Baar, wie Hansjakob sie erlebte.2) Bei dem großen Interesse, das der Schriftsteller Menschen, vor allem solchen aus dem „einfachen Volk“ entgegenbrachte, erstaunt es nicht, dass der Leser dieses Reisetagebuchs, das 1902 unter dem Titel „Verlassene Wege“ herauskam, viel über die Begegnungen Hansjakobs mit anderen Menschen erfährt. Da der Priester und Philologe – er war Absolvent zweier Fakultäten – schon bald nach Beendigung seines Studiums als Lehramtspraktikant in Donaueschingen weilte (Januar 1864 bis April 1865), gehen manche seiner Ausführungen auch in jene Zeit zurück.

Als Lehramtspraktikant selbstverständlich damals zu Fuß unterwegs, reist Hansjakob in späteren Jahren, so auch jetzt, meist in der eigenen Kutsche. Das erlaubte ihm, die Route selbst zu bestimmen, ungestört zu schauen, nachzudenken und zu schreiben. Hansjakob war ein unermüdlicher Arbeiter. Von Freiburg her kommend verlässt Hansjakob mit Wolterdingen den Schwarzwald und gelangt in „die alte Bertholds-Baar“. „Die Baar“, urteilt Hansjakob, „unterscheidet sich wesentlich vom Schwarzwald. Sie entbehrt seiner Romantik, seiner düstern Wälder, seiner Felsen und seiner Wasserfälle; aber dafür ist sie auch nicht so rauh und so kalt, und während ihre Höhen lichte herrliche Wälder krönen, gedeihen in den Tälern und auf den Ebenen noch reichlich alle Halmfrüchte. Drum hat die Baar auch einen viel wohlhäbigern, aber auch stolzern Bauernstand als der Schwarzwald. Heute, im hellen Sonnenschein….machten mir ihre langgezogenen Bergrücken und ihre grünen, satten Triften den Eindruck süßer Elegie.“ (67 f.) Er muss sich gestehen, dass die Baar auch schön sei, sie habe eben ihren eigenen Charakter, und den Charakter müsse man nicht nur bei Menschen in Ehren halten.

Blick über das Römerbad auf Hüfingen.
Foto: Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825. Privatbesitz.

Nach dem Besuch von Bräunlingen, Mundelfingen, Donaueschingen erwacht Hansjakob am Morgen des 21. Juni 1900 im Hüfinger Pfarrhaus. Solche Pfarrhausunterkünfte hatte Hansjakob auf seinen Reisen oft, besonders in der Diözese Freiburg, in der er etliche Pfarrer kannte, boten Pfarrhäuser doch eher als es Gasthöfe vermochten, eine ruhige Übernachtungsmöglichkeit. Ein passender Titel für das vorliegende Reisetagebuch „Verlassene Wege“ wäre auch, wie Hansjakob bemerkt, „Von Pfarrhaus zu Pfarrhaus“. (S.VII)

Lucian Reich von Johann Nepomuk Heinemann

Schon zu früher Stunde begibt er sich zu dem „Volksschriftsteller Lucian Reich“. (109) Der war einst am Rastatter Gymnasium Hansjakobs Zeichenlehrer gewesen. „Im dritten Stocke eines kleinen Häuschens, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinem Besuch, der dreiundachtzigjährige Greis, in dessen Züge sich Bitterkeit und Biederkeit die Waage halten. Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. Unermüdlich ist er aber noch geistig thätig, liest und zeichnet und schriftstellert.“ (109)

Luzian Reich senior ein Selbstbildnis im Stadtmuseum Hüfingen

Luzian Reich senior
(7. Januar 1787 in Bad Dürrheim – 18. Dezember 1866 in Hüfingen)

Hansjakob holt nun aus, um das Leben von Lucian Reich nachzuzeichnen: Lucian Reich, gebürtiger Hüfinger – sein Vater war hier Lehrer und Bildhauer – erbte ebenso wie sein Bruder die künstlerische Begabung des Vaters. Der Bruder Xaver wurde ein bedeutender Bildhauer, Lucian Maler und Schriftsteller.
„Er half dem berühmten Maler Schwind die Kunsthalle in Karlsruhe mit Bildern schmücken und malte später auch im neuerbauten Hoftheater.“ (109 f.)

Xaver Reich
gezeichnet von Johann Nepomuk Heinemann 1838

Während dieser Arbeit veröffentlichte Reich sein bestes Buch, wie Hansjakob urteilt: “Hieronymus, Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwald“. (110) Hansjakob hält es für eines der besten Volksbücher überhaupt. Die Illustrationen, alle von Reich selbst, zeichnete sein Hüfinger Jugendfreund Heinemann in Stein. Heinemann lebt auch heute noch in Hüfingen. Die Herausgabe des Werkes war ein finanzielles Desaster: Um die Veröffentlichung zu ermöglichen, gab der Fürst von Fürstenberg einen Vorschuß. Ein Verleger fand sich nicht; es mußte „in Komissionsverlag genommen werden“. (110) Der Verkauf lief gut, dennoch blieb ein Defizit, nachdem der Fürst den Vorschuß zurückerhalten „und – nicht sehr fürstlich – auch genommen hatte“. (110) Mit den späteren Werken von Lucian Reich ging es ähnlich. 

Johann Nepomuk Heinemann 
(30.05.1817 – 22.02.1902)

In den 1850er Jahren, so Hansjakob, ging es der „malenden Kunst“ in Baden schlecht. Um sich einigermaßen durchzubringen, nahm Reich 1855 die Stelle eines Zeichenlehrers am Rastatter Lyzeum an. Im Rastatter Schloß erhielt er ein Atelier. Am Lyzeum wirkte er bis 1889. Während dieser langen Jahre gelang es ihm nicht, auch nur Reallehrer zu werden. „Er blieb Hilfslehrer mit einem Höchstgehalt von 116 Mark monatlich und ohne Anspruch auf Witwen – und Waisenversorgung und Pension.“ (111) Hansjakob erinnert sich gut an seinen Zeichenlehrer: Er war ein stiller, ernster, sinniger Mann. Er ging im Zeichensaal von Schüler zu Schüler und stand „jedem mit Rat und That“ bei. (111) Und jetzt? „Gutthatsweise“ erhielt er ein Ruhegeld von 71,50 Mark monatlich. Davon lebte er 11 Jahre bis zu seinem Tod, der wenige Wochen später eintrat. „Bitter hat er´s empfunden und bitter mir heute darüber geklagt, daß er kaum zum Leben habe und seine Tochter mittellos zurücklassen müsse.“ (112)

Beim Abschied übergibt Reich dem Schriftsteller den letzten Brief eines zum Tode verurteilten Revolutionärs, den er von dessen sterbender, in Hüfingen ihre Tage beschließender Braut – sie war ledig geblieben – vor einige Jahren erhalten hatte. Reich meinte, Hansjakob könne diesen Brief „am besten verwerten“, was Hansjakob tut, indem er über den zum Tode Verurteilten – es handelt sich um Joseph Kilmarx aus Rastatt – berichtet und diesen Brief in „Verlassene Wege“ aufnimmt.

Kilmarx war Soldat, Feldwebel, Magdalene Peter, als Waise von einer Verwandten in Rastatt erzogen, seine Braut. Als die Revolution ausbrach, schloss sich Kilmarx ihr an. Beliebt bei seinen Kameraden wurde er bald tüchtiger Offizier. Nachdem die Festung Rastatt kapituliert hatte, nahmen ihn die Preußen gefangen und verurteilten ihn zum Tode. Hier Kilmarx´ Abschiedsbrief:

Rastatt den 8. Oktober (1849) Morgens 6 Uhr 1849

Liebes Bäßle und Magdalene!

Die Todesstunde naht. Schauerlich pfeift der Wind in meinem Kerker, als wäre er der Verkünder meines Dahinscheidens. Ich schrecke nicht davor, ich bin versöhnt mit Gott, dem Allmächtigen und sterbe als Christ, der keine böse That begangen hat. Längst einer halben Stunde gehe ich zu meinem und zu eurem Vater, zu meinen Geschwistern und zu euren, wo ich´s besser finden werde als allhier. Ich vertraue auf Gott, habe mich zu ihm gewendet, und er wird mir alles verzeihen und mich zu sich in sein Reich aufnehmen. Denkt auch später an mich, schließt mich in euer Gebet ein, ich werde es auch thun. Den Allmächtigen werde ich bitten, daß er euch Segen willfahren läßt. Der Magdalene wünsche ich Glück in allem, was sie je unternehmen wird, wenn sie einstmals Frau sein wird. Die Thüre wird geöffnet, zum Todesplatz geht´s: Lebet wohl, im Himmel sehen wir uns wieder. 

J. Kilmarx

Hansjakob fügt hinzu, daß der Brief mit fester, sicherer Hand geschrieben sei. Kilmarx ging furchtlos in den Tod. Der Schriftsteller erinnert sich: „Sein greiser, invalider Vater, den ich noch wohl kannte, begleitete ihn auf dem Todesgange und rief ihm zu: ` Joseph, bleib ‘standhaft! ´“ (116)

Kapitulation in Rastatt.
Foto: Bundesarchiv, Landesbildungsserver.

Als Hansjakob von seiner Reise zurückkehrt, findet er in Freiburg einen Brief von Lucian Reich vor, in dem dieser noch einige Notizen über sein Leben nachsendet und mitteilt, er fühle, daß er in Kürze sterben werde. Als Hansjakob den Brief in Händen hält, ist Reich bereits verstorben. In jenem Brief bittet Reich Hansjakob darum, sich etwas um seine mittellose Tochter anzunehmen. „Ich that es“, berichtet Hansjakob, „und durch die mächtige Vermittlung des Finanzministers Buchenberger erhielt sie eine namhafte Unterstützung von Karlsruhe. So wird einigermaßen gesühnt, was an dem Vater versäumt wurde.“ (118 f.) (Anmerkung von Hieronymus-online: Die Tochter von Lucian Reich, Anna Reich, heiratete einen verwitweten Müller und reichen Landwirt aus Neudingen und zog dessen Kinder groß. Sie selbst verstarb kinderlos in hohem Alter.)

Anna Reich

Um halb neun Uhr morgens beendet der Reisende seinen Besuch bei Lucian Reich. Schon bald, bei munteren Pferden und ausgeruhtem Kutscher erreichen sie Behla, und Hansjakob nimmt Abschied von der Baar: „Sie lag, wenn auch nicht sonnenbeglänzt, doch so stattlich und so bescheiden vornehm  vor meinem Auge, daß ich mir sagte: `Fürwahr, wenn ich kein Schwarzwälder wäre, möchte ich aus der Baar sein. ` Die Residenz Donaueschingen glänzte von unten zu mir herauf wie eine reizende Hirtenkönigin.“ (119) 

1) Heinrich Hansjakob, Zwiegespräche über den Weltkrieg, gehalten mit Fischen auf dem Meeresgrund, Stuttgart 1916
2) Ders., Verlassene Wege, Waldkirch 1986 (Nachdruck von 1902). Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.

Der Hüfinger Künstlerkreis

Xaver Reich

Denkbuch 1896 von Lucian Reich

Hieronymus – Das Buch 

Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann 1875-1881

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Bearbeitet, Original vom Sommer 2021

Die hier zusammengestellten Briefe von Lucian Reich stammen aus den Jahren 1853 bis 1880. Die frühen Briefe richten sich an seine Eltern Luzian Reich senior und Maria Josefa Schelble die späteren an seinen Schwager Johann Nepomuk Heinemann, den Ehemann seiner verstorbenen Schwester „Lisette“ Reich.

Die Briefe geben einen unmittelbaren Einblick in Lucian Reichs familiäres und berufliches Leben. Neben persönlichen Nachrichten berichten sie von seinen literarischen und künstlerischen Arbeiten, vom Erscheinen des Hieronymus, von seiner Beschäftigung mit der Mainau und dem badischen Bodensee sowie von den Arbeiten seines Bruders Franz Xaver Reich. Besonders deutlich wird dabei auch Lucians Rolle als Vermittler und Ratgeber in den künstlerischen Angelegenheiten seines Bruders. Die Briefe enthalten zudem Hinweise auf Kontakte zum badischen Hof und auf Personen aus Lucians beruflichem und künstlerischem Umfeld, die in anderen Quellen nur am Rande erscheinen.

Die Briefe aus den Jahren 1853 bis 1866 stammen aus der Zeit, in der Lucians Eltern noch lebten. Mit dem Tod seiner Mutter Maria Josefa im November 1866 und seines Vaters Luzian Reich senior im Dezember desselben Jahres endet dieser Teil der Korrespondenz.

Die beiden erhaltenen Briefe von 1880 richten sich an Lucians Schwager Johann Nepomuk Heinemann. Sie entstanden kurz nach dem Tod von Lucians Ehefrau Margarete und nehmen zugleich Bezug auf den Tod von Elisabeth („Lisette“) Heinemann. Besonders eindringlich ist Lucians Schilderung der beiden Familien und ihrer einzigen Töchter Anna Reich und Marie Heinemann.

Die Briefe ergänzen Lucian Reichs späteres Denkbuch um unmittelbare Zeugnisse aus seinem Leben und lassen zugleich erkennen, wie eng literarische Arbeit, Kunst, Familie und die Beziehungen innerhalb des Hüfinger Künstlerkreises miteinander verbunden waren.

Lucian Reich aus Karlsruhe, 25. März 1853

Liebe Eltern!
Vor lauter Geschäften bin ich nicht dazu gekommen der lieben Mutter zum Namensfeste zu gratulieren, es soll deshalb noch nachträglich geschehen. Der lieben
12egi ebenfalls, ich habe ihr als Namenstagsgruß ein Exemplar Hieronymus hübsch einbinden lassen und werde es nächstens an sie abgehen lassen.
Unsere hiesigen Subscribenten sind mit dem Werke alle sehr zufrieden, man hört nur Günstiges darüber. Die Besprechung von Dr. J. Bader darüber in der Carlsruher Zeitung lege ich hier bei, sie ist besser als die Fiklerische in den Landblättern. Beim Fürsten bin ich sehr gut aufgenommen worden. – Es wird gut sein wenn Heinemann vielleicht nur von hundert zu hundert druckt daß wir recht bald wieder in Bezug vom Exemplar kommen. Der Zettel mit den Druckfehlern ist allerdings eine von Vogel unnötigen Sparsamkeiten,

übrigens unbedeutend, der Buchbinder muß eben das Blatt auf ein Papier aufziehen. Bei den nächsten Versendungen muß es auf ein ganzes Blatt gedruckt werden. Stotz hat in Neustadt Abonnenten: Marie
Hoffmayer, lieferungsweise.
Hübsch wartet sehnlichst auf den Giebel. Xaver wird einige Zeit hier verweilen müssen. Es wäre mir lieb wenn Heinemann vorerst keine der Bilder frisch zeichnen würde, um den Druck nicht aufzuhalten. Auch muß ich gestehen daß mir der Büchsenmacher welcher Kugel gießt, nicht unwerth ist.

Die Bilder finden überhaupt bei jedermann den entschiedensten Anklang. Die Art der Ausführung zieht jedermann unwillkürlich an. In Frankfurt hat sich eine Buchhandlung zur Sammlung der Sache erboten. Überhaupt scheint mir daß die ganze Sache recht gut im Gang ist.
Indem ich Euch Alle tausend mal grüße
Euer Lucian
Carlsruhe, den 25. Mrz. 53
Xaver möge nicht vergessen die Büsten vom Fürsten und der Fürstin mit hierher zu bringen.


12egi ist wohl ein Spitzname einer anderen Josefa – vielleicht seiner Schwägerin der Frau von Xaver

Lucian Reich hat später auch viel für Johann Bader geschrieben – so in der Badenia Die Geschichte der Stadt Hüfingen im Jahr 1862. Unten die Rezension Baders in der Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 (No. 70) aus der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe:

Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 mit der Rezension von Bader rechts
Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 mit der 2. Seite der Rezension von Bader

Mit dem Giebel auf den Hübsch wartet ist der Giebel der Trinkhalle in Baden-Baden gemeint. Diesen hat Xaver Reich gemacht:

Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich

Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich


Lucian Reich aus Rastatt, 1. August 1856

Liebe Eltern!
Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, und ich freue mich wieder einige Wochen bei Euch sein zu können. Bevor ich nach Hüfingen komme, werde ich jedoch, des früher besprochenen Projekts wegen, an den See, in die in die Umgegend der Arenberger
reisen. Läßt sich etwas damit machen, so kann der Aufenthalt wohl 14 Tag bis 3 Wochen dauern. Ist der Stoff nicht ergiebig, so werde ich einen Ausflug nach Zürich machen und dann direkt nach Hüfingen kommen. Unsere Prüfungen am Lyceum beginnen dieses Jahr schon mit dem 13. und ich hoffe davon

dispensiert zu werden, weil ich doch nichts dabei zu thun habe.

Ich hoffe Euch Alle gesund und wohl anzutreffen; daß dir lieber Vater die Brüder in Dürrheim so gute Dienste geleistet, hat mir Heinemann geschrieben.
Von Kreidel habe ich dieser Tage Nachricht bekommen, daß das Mainau-Werklein dem Regent vorgelegt worden sei. Kreidel ertheilt der Arbeit sehr große Lobsprüche und glaubt daß sie der Regent gewiß gebührend würdigen werde. Die vorige Woche traf auch ein Schreiben von Paris ein, worin gesagt wird, daß der Uhrenmarkt angekommen sei. So wie man hört, will das

neuvermählte Paar etwa am 28. Sept. die Rundreise durchs Land antreten und auf der Mainau eine kleine Rast einlegen.

Indem ich Euch und Alle herzlich grüße
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 1. Aug. 56
Die Ernte fällt hier sehr gut aus. Die Früchte sind von außerordentlicher Qualität und auch die Kartoffeln versprechen das Beste.


Arenenberg ist der Name eines Schlosses am Untersee. Das Projekt von Lucian Reich war die Geschichte des Schlosses Arenenberg und insbesondere der damit verbundenen Napoleon-Erinnerungen (Schriften der Baar 1972). Das Projekt entstand wohl im Nachgang vom Buch Die Insel Mainau und der Badische Bodensee im Auftrag seiner Königlichen Hoheit des Regenten Friedrich von Baden. Es kam allerdings nicht zustande. Vermutlich ließ sich „nichts daraus machen“ und Lucian Reich hat einen Ausflug nach Zürich gemacht.

Luzian Reich senior stammt vom Hänslihof in Bad Dürrheim: Denkbuch.

Adolph Kreidel (1817–1885), badischer Hofbeamter, war seit 1849 Privatsekretär des Prinzen Friedrich von Baden und ab 1854 Hofsekretär mit dem Charakter eines Geheimen Sekretärs. Im Zusammenhang mit der Entstehung des Mainau-Werkleins vermittelte er Lucian Reich historisches Material aus dem Generallandesarchiv und stand mit ihm in mündlichem und schriftlichem Austausch.

Das neuvermählte Paar war Großherzog Friedrich I. von Baden (1826–1907) und seine Gemahlin Luise, geborene Prinzessin von Preußen (1838–1923). Die beiden hatten am 20. September 1856 in Berlin geheiratet.


Lucian Reich aus Rastatt, 22. Mai 1857

Liebe Eltern!

Die Nachricht, welche mir Heinemann von dem dir lieber Vater zugestoßenen Unfall mitgetheilt, hat mich nicht wenig erschreckt, aber auch wiederum getröstet, da ich die Versicherung erhielt, die Verlezungen seien Gott sei Dank nicht gefährlich und im Verlauf weniger Tage so geheilt worden, daß du lieber Vater wieder deine täglichen Ausgänge machen kannst. Wir können alle dem Himmel nicht genug danken, daß der gefahrvolle Tag nicht zum wirklichen Unglückstag für uns geworden ist, was bei der

Größe der Gefahr, so leicht hätte der Fall sein können. Gott wolle uns vor ähnlichen Ereignissen gnädig bewahren. Ich kann mir denken, wie es die liebe Mutter und alle Familien-Angehörigen erschreckt haben wird.

Dem Heinemann werde ich nächstens schreiben. Wegen Xavers Angelegenheit in Baden konnte ich bis jezt noch nichts thun, da ich bei meinem kürzlichen Besuche dort den Fohr zufällig nicht angetroffen habe. Ich werde nächstens wieder einmal hinüber gehen.

Hier in Rastatt geht alles seinen gewohnten ruhigen Gang fort; vom Ministerium erhielt ich die Versicherung, daß mein Gehalt demnächst auf die normalen 600 fl gestellt werden solle.

Indem ich baldigen weiteren Nachrichten entgegen sehe, wie es dir lieber Vater ferner geht, grüße ich alle herzlich
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, d. 21. Mai 1857


Daniel Fohr (1801–1862), Landschaftsmaler, seit 1839 badischer Hofmaler und lebte seit den 1840er Jahren in Baden-Baden.

Xavers Angelegenheit in Baden“ dürfte sehr wahrscheinlich mit den 1856 genehmigten und 1857 auszuführenden Giebelstatuen der Trinkhalle zusammenhängen. Warum Lucian dafür ausgerechnet Daniel Fohr aufsuchen wollte, ist bislang nicht belegt.

Giebel der Trinkhalle

Am Giebel Oos und Murg als sitzende Quellnymphen


Lucian Reich aus Rastatt, 3. Mai 1858

Liebe Eltern!

Ich wollte bisher warten Euch Nachricht zu geben bis ich dem Heinemann zugleich hätte die Holzstöcklein für den Xaver mitschicken können. Dies kann aber erst im Laufe der nächsten Woche geschehen. Ich bin sehr begierig, wie es dir liebe Mutter geht, hoffentlich von Tag zu Tag besser. Den gleichen Tag, wie ich hierher kam hatte eine Nachbarsfrau, die viel zu meinen Hausleuten kommt das nämliche Unglück

nur war der Fall gefährlicher, weil der Knochen durch die Haut herausdrang. Sie mußte bis jetzt liegen, den Arm auf einem Kissen befestigt. Ich bin hier wieder in meine gewöhnliche Tätigkeit eingetretten. Von Freiburg höre ich daß die Zeichnungen zu den Glasfenstern sehr viel Beifall finden. Auf Xavers Großherzog ist man allenthalben sehr gespannt; er wird aber gut thun, wenn er selbst damit nach Carlsruhe geht. In Baden herrschen noch immer die Blattern und es geht niemand hin, der nicht

muß. Wenn ich nach Carlsruhe komme so werde ich den Schmuck für den Sepperle für seine getreue Pflege dort einkaufen. Bis dahin lebt alle wohl und benachrichtigt mich bald wie es der lieben Mutter geht. An Xavers Familie und Heinemann, Nober viele herzliche Grüße

von euerm dankbaren Sohn
Lucian
Rastatt, 3. Mai 1858


Lucian Reich um 1860 – 18. März
Dieser Brief ist nicht datiert, aus dem Inhalt geht aber hervor, daß er um 1860 geschrieben sein muß. Um 1860 war Franz Xaver mit der Ausführung des Großherzog-Leopold-Denkmals beschäftigt. Josefa Namenstag ist am 19. März.


Liebe Eltern!

Zum morgigen Namensfeste gratuliere ich dir liebe Mutter herzlich, der Himmel möge uns dieses Fest noch vielmal ungetrübt feiern lassen. Wie ich heute von Heinemann höre wird die Base Martha, die leider keinen guten Winter gehabt hat, nun zu Euch hinauf kommen, sollte sie gerade bei Euch anwesend sein, so bitte ich sie herzlich von mir zu grüßen.

In Herrn Xavers Angelegenheit bin ich immer noch derselben Ansicht, wie ich sie ihm ungesäumt mitgetheilt habe. Er soll sich auf ein auswärtiges Gutachten, wobei auch Männer vom eigenen Fach mitzusprechen haben, berufen, gegen eine willkürliche Verwerfung der Auffassung und der Motive, wodurch ja alle künstlerische Freiheit geradezu beseitigt wäre. Im Übrigen sich bei nochmaliger Bearbeitung streng an die Natur halten, was allerdings von andern Künstlern und ihren

Arbeiten der einzig richtige Weg ist, wobei auch nicht gesagt ist, daß man sich in Kleinlichkeiten verlieren soll. Sollte er Lust haben nach München zu gehen, so würde ich dort nur kleine Skizzen machen oder vielmehr in kleinen Skizzen von den jezigen Figuren beibehalten was man dort für gut findet.

Sollten in Betreff der Leopoldfigur Steine in den Weg zu werfen versucht werden, so würde ich mich entschieden auf das gegeben gutheißend Wort des Großherzogs und seines Bruders des Prinzen Wilhelm berufen,

und dem Großherzog zu bedenken geben, daß mit Zurücknahme dieses gegebenen Wortes ja dein Ruf als Künstler gefährdet werde. Die Figur ist entschieden gut und wird später, wenn sich die Staubwolken verzogen haben, ihre Anerkennung finden.

Indem ich bitte der lieben Josephine im Garten zu gratulieren ebenso bei Nober auch bei Heinemanns meine Grüße auszurichten.
Euer dankbarer Sohn Lucian
Unsere diesjährigen Remunerationen sind für diejenigen, welche keine Dienstwohnung haben, um 50 reichlicher ausgefallen.


Josefa Elsäßer Frau von Xaver Reich

Die 1861 auf dem Leopoldsplatz in Baden-Baden aufgestellte Porträtstatue Großherzog Leopolds wurde nach einem Modell von Franz Xaver Reich im Erzguß ausgeführt. Sie wurde später im Rahmen der Metallspende eingeschmolzen.

Josephine im Garten ist vermutlich wieder die Schwägerin Josefa Reich die im Landgütchen von Johann Nepomuk Schelble zu der Zeit wohnte.


Lucian Reich aus Rastatt, 3. Januar 1861

Liebe Eltern!

Zum neuen Jahr meine herzlichsten Glückwünsche; der Himmel wolle uns noch lange gesund und wohl beisammen erhalten. Ebenso wünsche ich dir lieber Vater zum Namensfeste Glück und Segen. Eine dritte Gratulation bitte ich in Xavers Familie gelangen zu lassen, wegen der glücklichen Ankunft des Christkindleins.
Über die Brunnenangelegenheit ist noch keine Bestimmung getroffen;

nur soviel wurde mir gesagt, daß die Kosten zur Figur durch freiwillige Beiträge gedeckt werden sollen. Vor einigen Tagen erhielt ich aus Württemberg eine Anfrage wegen 2 Cartons zu Kirchenfenstern.

Dieser Tage werdet Ihr ein Kistchen mit einigen Flaschen Markgräfler erhalten.

Indem ich alle Familienangehörige herzlich grüße und ihnen Glück zum Neujahr wünsche

Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, 3. Jr. 61


Die 5. Tochter von Xaver Reich, Amalie, wurde am 25.12.1860 geboren und starb erst am 31.08.1955 in Hüfingen.

Mit der „Brunnenangelegenheit“ ist vermutlich ein damals geplantes, möglicherweise nicht ausgeführtes Projekt für eine Brunnenfigur gemeint. Eine eindeutige Zuordnung konnte bislang nicht festgestellt werden.


Lucian Reich aus Rastatt, 18. März 1866

Liebe Eltern!

Zum hl. Josephsfest meine herzlichsten Glückwünsche dir, liebe Mutter, so wie auch unsere Josepha’s im Garten und neugegründetem Eschborn’schen Hause.
Die frühe Ostern macht mir die Ferienreise zu Euch hinauf unthunlich. Mein Bild erfordert zur Vollendung noch recht gut den ganzen Monat, und da ich die Goldrahm dazu hierher bekomme, so werde ich es noch einige Tage im Schloß zur Ansicht aufstellen. Ich glaube, daß es sehr gut geworden ist. Nach diesem werde ich noch zwei kleinere Altarbilder für eine

Kirche in der Nähe von Ettlingen malen. Unterdessen wird der August herankommen, den ich dann wie gewöhnlich zur Hinaufreise benützen werde.
Xaver wird am besten thun, das Relief mit Oel- oder Schellack zu colorieren, denn auch in der großen Tonwaarenfabrik bei Koblenz geschieht mit Figuren, Vasen etc., die ins Freie kommen, das gleiche.

Indem ich Euch alle, ins besonders das junge Ehepaar, von dem ich gestern einen Brief erhalten, bestens grüße Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 18. Mrz. 66


Eine Tochter von Xaver und Josefa Reich war Marie Josefa Amalie Reich. Sie hat am 08.03.1866 den Karl Eschborn, FF Forstverwalter, geheiratet. Sowohl die Mutter von Lucian Reich, die Schwägerin und seine Nichte hießen also Josepha. (Vielen Dank an Markus Greif, der das Rätsel mit dem Eschborn’schen Haus entziffert hat)

Foto von Luzian und Josepha mit kunstvoll geschnitzem Holzrahmen

Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.
Fotografiert von Johann Nepomuk Heinemann um 1865. 
Die Fotografien sind in einen geschnitzten Rahmen mit den Lebensdaten des Ehepaares gefasst: Maria Josefa Schelble († 12. November 1866) und Luzian Reich senior († 18. Dezember 1866).


Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 19. September 1880.

Lieber Schwager!

Das an Xaver und Dich gerichtete Schreiben wird Dir mitgeteilt worden sein.
Euch beiden, als den nächsten Angehörigen, wollte ich keine gedruckten Todesanzeigen zuschicken. Dir das tiefe Gefühl der Trauer über diese Trennung zu schildern, kann ich unterlassen, da du von dem gleichen Geschick betroffen worden und alles schmerzliche an dir selbst erfahren hast. Dieses Geschick hat ohnehin viel Gemeinsames, unsere gute unvergeßliche Margarete viel Ähnlichkeit mit der guten Lisette selig. Beide gleich anspruchslos u. verzichtend auf äußerlichen Lebensgenuß opferten sich ganz

den Ihrigen. Beiden war nur eine Tochter beschieden, auf die sich ihr ganzes Lebensglück vereinigt hat. Und was uns selbst betrifft, so sind wir beide im Alter, wo man nur noch im Wohlergehen u. Glück der Kinder sein eigenes Finden kann.
Was nun meine gute Anna betrifft, so war sie an dem 10 monatlangen Krankenlager der Mutter fast über ihre Kräfte angestrengt, so daß sie jezt der Ruhe und Erholung dringend von nöthen hat. Wir haben eine Schwester der Verewigten bei uns, die einige Wochen bleiben. Anna hofft, Du werdest gestatten, daß deine Marie im Laufe des Winters auf Besuch zu uns kommt. Obwohl uns die Trauerzeit nunmehr Zurückgezogenheit auferlegt, so würden wir ihr den

Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen versuchen.
Mit herzlichen Grüßen auch von Anna Dein trauernder Schwager Lucian R.
Rastatt, 19. Sept. 80


Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt “Muckle” (1817 – 1902) mit Fes; Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.

Johann Nepomuk Heinemann war mit der Schwester von Lucian Reich, Lisette (Elisabeth 1819-1871), verheiratet.

Margareta Stoffler aus Geisingen war die Frau von Lucian Reich und Mutter der einzigen Tochter Anna. Marie Heinemann war die einzige Tochter von „Lisette“ Reich (seine Schwester Elisabeth 15.12.1819-22.06.1871) und dem „lieben Schwager“ . https://hieronymus-online.de/hufinger-kunstlerkreis/

Anna Reich 1885
Marie Heinemann gezeichnet von ihrem Onkel Josef

Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 24. Sept. 1880

Lieber Schwager!

Dein Schreiben mit der Versicherung, Deine Marie werde uns besuchen, war ein freundlicher Lichtstrahl im Dämmer unserer Traurigkeit. Anna meint wenn sie nur schon da wäre, damit sie ihr Herz gegen sie ausschütten könnte. Wie man aber den Kindern nicht alles zur gleichen Zeit gibt, sondern die Süßigkeiten vertheilt, damit sie lange daran haben, so bin ich der Meinung, solle man es auch mit Liebeswerken umgehen, u. glaube, daß Marie ihren Besuch auf eine Weile verschieben solle, bis die Schwägerin, die wir hier haben uns verlaßen hat. Es würde sonst der Fall eintreten, daß beide, sie und Marie, uns zur gleichen Zeit wieder allein lassen würden; und würden wir dann

die schmerzliche Lücke, zumal Abends, doppelt fühlen. Bis dorthin werden wir, so hoffe ich, dann auch wieder in der Faßung u. Stimmung sein, Marie den Aufenthalt mehr angenehm zu machen. Anna, die in der Sorge u. Wiederinstandsetzung unseres Hauswesens, einen Ableiter gegen trübes Sinnen und Denken sucht, wird dann sich wohl auch wieder mehr ihren Freundinnen zu wenden, von welchen einige bei unserem Unglück sich treu bewährt haben. Auch ich werde mich mehr in’s Unvermeidliche fügen gelernt und wieder mehr Theilnehmend gegen Alles was mir Gutes und Liebes noch geblieben ist, erzeigen können. Abends gehe ich nicht mehr aus, u. werde nicht mehr ausgehen. Meist bin ich um 9 Uhr schon zu Bett, ebenso Anna und unsere Base. Es sind nun schon 8 Tage seit dem Hinscheiden unserer guten Mutter Margareth, so schnell

auch im Trübsinn die Zeit hingeht, so habe ich doch das Gefühl, als wäre sie uns schon seit Jahren entrißen.
Hätte ich nicht für Anna zu leben u. zu sorgen, so würde ich im Hinblick, daß auch meine Laufbahn naturgemäß keine allzulange mehr sein kann, mit Shakespeare im Hamlet ausrufen, „s’ist ein Ziel, auf’s innigste zu wünschen!“ – Doch genug hiervon. – Anna erwartet täglich ein Brieflein von Marie, die wir beide herzlich grüßen wie Euch alle
Euer trauender anhänglicher Schwager und Onkel
Lucian
Rastatt 24. Sept. 1880


*Transkription unter den Briefen ist das meiste von einer großen Unbekannten – mit einer Schreibmaschine getippte Seiten waren bei den Briefen dabei. Ist also nicht alles von mir.

Maria Josepha Heinemann Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.
Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.

Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann 1875-1881

überarbeitet, 1. Version von 2022

Die Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann gehören zu den persönlichen Dokumenten aus dem Umfeld der Familie Reich, die heute noch überliefert sind. Die Originalbriefe sind leider verschollen; überliefert ist lediglich eine vermutlich in den 1950er Jahren angefertigte Transkription.

Anna Reich lebte zu dieser Zeit mit ihren Eltern in Rastatt, Marie Heinemann in Hüfingen. Die beiden jungen Frauen waren eng miteinander verbunden: Marie war die Tochter von Elisabeth (Lisette) Reich, einer Schwester von Annas Vater Lucian Reich. Damit waren Anna und Marie Cousinen.

Die Briefe aus den Jahren 1875 bis 1881 erzählen von Freundschaft, Verliebtheit und Enttäuschungen, von Besuchen und Reisen, Tanzstunden, Bällen und Kränzchen – aber auch von Familie, Krankheit und Tod. Neben den sehr persönlichen Mitteilungen blitzt darin immer wieder die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts auf: Rastatt und Hüfingen, das „Oberland“, Geisingen, Verwandte und Bekannte, Kleidung und Alltagsgegenstände, aber auch die weitreichenden Verbindungen der Familie. So berichtet Anna etwa Ende 1875 beiläufig vom Tod eines Onkels in Amerika.

Foto von Anna Reich
Anna Reich
Foto von Marie Heinemann
Maria Josepha Heinemann
23.12.1857 – 19.03.1948
Zeichnung von Lucian Reich
Lucian Reich
26.02.1817 – 2.07.1900
Zeichnung von Xaver Reich
Xaver Reich
1.08.1815 – 8.10.1881
Zeichnung von Elisabeth Reich.
Elisabeth (Lisette) Reich
15.12.1819 – 24.06.1871
Marie und Kätherli (Katharina Heinemann 30.04.1828-27.01.1900. Kätherli war die Schwester von Nepomuk und Josef Heinemann) Fotos von Nepomuk Heinemann etwa 1868
Marie und Katharina Heinemann
Selbstportrait von Johann Nepomuk Heinemann
Nepomuk Heinemann
30.05.1817 – 22.02.1902
Zeichnung von Luzian Reich senior
Luzian Reich senior
Foto von Luzian und Josepha mit kunstvoll geschnitzem Holzrahmen
Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.Die Fotografien sind in einen geschnitzten Rahmen mit den Lebensdaten des Ehepaares gefasst: Maria Josefa Schelble († 12. November 1866) und Luzian Reich († 18. Dezember 1866).
Josefa Schelble ein Gemälde von Luzian Reich senior im Stadtmuseum Hüfingen

Josefa Schelble

Katharina Schelble
01.11.1760-04.04.1847 mit Goldhaube, gemalt von Luzian Reich, ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Katharina Schelble
01.11.1760-04.04.1847 mit Goldhaube, gemalt von Luzian Reich, ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Foto vom alten Luzian Reich mit Stock und Mütze auf einem geschnitzten Stuhl
Luzian Reich etwa 1866. Foto von seinem Schwiegersohn Johann Nepomuk Heinemann

Luzian Reich senior (07.01.1787 – 18.12.1866) und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866).
Die Großeltern von Marie Heinemann und Anna Reich. Sie starben kurz nacheinander vor Weihnachten 1866.
Fotos und Zeichnungen von Johann Nepomuk Heinemann.

Lucian Reich (1817-1900) hat Margareta Stoffler (1825- 16.09.1880) erst am 8. August 1874 in Geisingen geheiratet; deshalb sind die Daten von Anna Reich nicht bekannt. Anna Reich war also ein uneheliches Kind und bei der Hochzeit ihrer Eltern schon fast erwachsen. Anna Reich kam mit ihrem Vater später wieder nach Hüfingen und pflegte ihn bis zu seinem Tod am 2. Juli 1900. Danach heiratete sie einen verwitweten Landwirt in Neudingen und zog seine (8 ?) Kinder groß. Sie selber hatte nie eigene Kinder und starb hoch betagt in der Neudinger Mühle.

Marie Heinemann (Maria Josepha 23.12.1857-19.05.1948) war die einzige Tochter von Lisette Reich (Elisabeth 15.12.1819-24.06.1871) und Muckle Heinemann (Johann Nepomuk 30.05.1817-22.02.1902). Lisette Reich starb schon früh, deshalb kümmerte sich seine Schwester, Kätherli Heinemann (Katharina 30.04.1828-27.01.1900) um den Haushalt.


Rastatt, den 7. 7. 1875

Theuerste Marie!

Weil du Sonntag Morgen’s auf einen Brief von mir wartest, will ich nicht säumen, dir einen solchen zu übersenden. Gute Marie: ich glaube, daß dies endlich der letzte Brief ist, der nicht in jede Hände gelangen sollte, deßhalb, will ich dir jetzt noch einmal ausführlich, was ich selbst weiß, von dem, schon so oft erwähnten Unahnnehmlichkeiten schreiben, mit dem festen Vorsatz, nie mehr etwas darüber zu schreiben, – Ich habe dir’s geschildert, bis Sonntag, nun will ich fortfahren. – Also an dem im letzten Schreiben erwähnten Sonntag, haben wir einander Abends verfehlt, ich, Fanny und Maria, waren in Kuppenheim, u. da kommen wir ziemlich spät heim, weshalb ich St. nicht mehr traf. Ich sah ihn nie mehr, – bis gestern Abend, hatt ich ich das Vergnügen ihn zu sprechen. Ich forderte ihn auf, er soll mir deinen Brief weisen, ja sagte er, den habe ich jetzt zerrißen, ich kann ihnen nichts mehr davon zeigen, so sagte ich also mit einer zweiten Lüge, wollen sie die erste verdecken, aber es hilft ihnen nichts, vor meinen Augen sind sie ein Lügner, er sagte nein das bin ich nicht, ich habe einen Brief von Marie gehabt. Dann sagte er jetzt geben sie mir meinen Brief von der Marie, aber das will ich ihnen sagen, ist darin geschimpft, oder nur ein Wort, daß mir nicht gefällt, dann schicke ich ihn wieder retour u. schreibe noch etwas unten hin, da sagte ich um der Marie diese Unannehmlichkeit zu ersparen, bekommen sie ihn gar nicht in ihre Hände, denn daß keine Schmeichelworte für sie darin stehen, werden sie sich, wie ich ungelesen, denken können, da sagte er, dann geben sie ihn mir lieber nicht, aber was darin steht möchte ich doch wißen, das sollen sie sagte ich, öffnete denselben, gab ihm die Querte und las ihm den Inhalt des Briefes vor, den Satz wegen Sch. ließ ich aus mehreren Gründen draus, sonst las ich ihn Wort für Wort vor, (könnte ich zeichnen, ich würde dir sein Bild entwerfen, daß Komisch genug aussah) als ich geendet, zerriß ich denselben vor seinen Augen, er sagte so genug ich werde ihr auch schreiben, grüßte ganz kurz, drehte mir den Rücken u. rannte wie besessen von mir weg, ich glaube ich werde ihn jetzt nie mehr sehen.

Wegen der Neuigkeit, die ihm Herr Bausch sagte, fragte ich ihn auch, es war die, die du dir dachtest, nämlich wegen Herrn Ri. wegen einem Porträt sagte er auch etwas,

B. habe sich, glaube ich, bei deinem Vater photographieren lassen, dann habest du mit ihm gesprochen, oder was weiß ich. Doch jetzt genug davon, für ein u. allemal, du liebe Marie mußt mir noch einmal schreiben darüber, besonders wenn St. dir schreibt, was ich aber nicht glaube, auch schreibe mir, ob ich recht oder unrecht gehandelt habe mit dem Brief.

Ach theuerste Marie es thut mir sehr weh, daß ich mir immer den Vorwurf machen muß, daß ich Schuld bin, dir diese Kränkungen verursacht zu haben, ich bitte dich herzlich um Verzeihung, Vergeße alles so gut du kannst, nur mich, und die schöne Zeit die du hier erlebtest, nicht. Glaube mir, St. kann dir nichts Gefährliches anthun, wenn er auch hinkommt, sei deßhalb außer Sorgen, wegen deßen.

Sch. ist noch immer für mich von der Welt verschwunden, ich weiß gar nichts von ihm.

Theuerste Freundin, ich bitte dich habe Nachsicht mit meiner schlechten Schrift, das nächste Mal werde ich dir besser schreiben. – Ich sitze den ganzen lieben langen Tag in meinem Zimmerchen u. denke u. studiere wie es sein könnte, ich bin immer so zerstreut, u. das wirst du meinen Briefen wohl anmerken, glaube nicht, daß ich das vergessen, was mir so wehe that, wegen Aug. Ka. wenn ich seiner schon nicht mehr erwähne, geschieht es nicht aus Vergeßlichkeit, sondern nur um eine noch stark blutende Wunde, nicht zu erneuern.

Durch diese Auftritte in denen du leider auch verwickelt bist, habe ich als Momente, den Schmerz ein wenig vergeßen, aber nun hören jetzt auch diese auf, diese hinterließen mir mehr Zorn und Verachtung als Schmerz.

Ich geh nie aus, sonst hätte ich auch ordentliches Papier gekauft.

Nepomuk Heinemann.
Der Vater von Marie.
Lisette Reich
Die Mutter von Marie und Tante von Anna.
Lucian Reich.
Der Vater von Anna und Onkel von Marie.
Zeichnung von Xaver Reich
Xaver Reich
Der Onkel von Anna und Marie

Rastatt, den 20.7.1875

Theuerste Marie!

Dein liebes Briefchen erhielt ich gestern Morgen, ich lag noch im Bett, als ich in’s Wohnzimmer kam, erblickte ich auf dem Tische dasselbe, mit welcher Hast ich dasselbe erbrach, wirst du dir denken können. Gute Marie, herzlichen Dank für dessen Inhalt, der mir bewiesen, das du Antheil an meinem, dir anvertrauten Schmerze nahmst, ach wie wohl thaten mir deine von Herzen ausgesprochenen Worte. – Diesen Morgen früh erhielt ich wieder zwei Briefe, der eine zeigte mir den – Hochzeitstag an – der gestern war, hätte ich das gewußt, daß gestern also seine Vermählung stattfinden würde, ich glaube ich währe nicht so ruhig neben Fräulein Werner im Garten geseßen. Ich kann’s gar nicht begreifen, daß die Geisinger, woher ich die Zeit doch so viele Briefe bekam, seiner nie erwähnten, es lief so schön ab, du hattest mich darauf vorbereitet, u. gestern erhielt ich die Anzeige schon, von seiner Vermählung, ich weis nicht wußten’s die Geisinger nicht, oder waren sie so nachsichtig mit mir, – Gott sei Dank, daß es so abgelaufen ist, jetzt schreibt mir gewiß niemand mehr Etwas von ihm. Ich kann mich jetzt schon eher faßen, ich glaube es ist wie du schreibst, die Zeit heilt alle Wunden, aber das glaube ich auch u. fühle es eine Narbe läßt sie zeitlebens mir zurück. – Doch genug denn ich fühle, ich bin noch nicht so stark, als ich mir es gerne vormachen wollte. Möge es ihm in seinem neuen Stande wohl ergehen!

Theure Marie! was mich nicht nur beleidigt, sondern noch weit mehr wehe that, war dass du mein Vertrauen das ich dir schenkte so schlecht mit Gegenvertrauen belohntest. Ich habe dir doch Alles nur Alles, meine Gedanken, anvertraut u. du magst mir nicht einmal anvertrauen, daß du eine zweite Korrespondenz nach Rastatt führtst!

Dies hätte ich nie gedacht daß du so wenig Zutrauen zu mir hättest! Um dies eine bitte ich dich, sei so gut u. nenne weder mich noch Herrn Schneider in deinem Schreiben, denn nur zum Belächeln von deinem Herrn Korrespondent, fühlen wir und doch noch zu gut! Ich merkte wohl, daß er ordentlich bei Herrn Schneider gedatscht hat, aus Allerlei konnt ich’s entnehmen. Ich werde dir nicht mehr so viel schreiben, denn es könnte deinem Vater doch auffallen, wenn du gar zu viele Briefe von hier erhieltest. u. jedenfalls weiß der Herr St. amüsantere Neuigkeiten zu schreiben als ich, er ist ja ein sehr abenteuerlicher Mann.

Karl von Schneider (2.11.1847 – 26.09.1923) Litograph in Hüfingen 
Bleistiftzeichnung von J. Nepomuk Heinemann, etwa 1895

vermutlich Karl von Schneider (2.11.1847 – 26.09.1923) Litograph in Hüfingen
Bleistiftzeichnung von J. Nepomuk Heinemann, etwa 1895

Was die Reise anbelangt im Herbst ist sie vollständig von mir aufgegeben worden, als ich diese Neuigkeit erfuhr; Vater u. Mutter gaben ihre Einwilligung dazu, ich währe Ende September gekommen, aber jetzt werde ich ihnen diesen Grund angeben warum ich nicht gehe, ich sage ich finde es nicht für nöthig, da wir dieses Jahr so viel Besuch vom Oberland gehabt hätten, ich wollte warten bis das nächste Jahr.

Auch dies habe ich mir vorgenommen, nie mehr Jemand zu meinem Freunde oder meiner Freundin zu erheben mag das Schicksals Tücken über mich verhängen was es sei, ich wills versuchen allein zu tragen, der Gedanke dabei soll mich bestärken, daß man Alles dem lieben Gott klagen soll.

Viele Grüße von meinen Ib. Eltern u. deiner dich nie vergeßenden Cousine

Anna Reich.

Viele Grüße an Reichen.

Viele Grüße von Späth Marie. Im Theater war ich noch nie. Die Poststraße am Sonntag gelaufen mit Fanny und Marie.


Im 19. Jahrhundert wurde „Oberland“ als regionale Bezeichnung für den südlichen Teil des Großherzogtums Baden verwendet. Also ungefähr die Gegend zwischen Schwarzwald, Bodensee und Hochrhein. Das Unterland ist die Gegend um das untere Main-Gebiet, also nördlicher und rheinischer Raum. Da Anna zu der Zeit mit ihren Eltern in Rastatt wohnte, rechnet sie wohl Rastatt zum Unterland. Zwischen dem badischen Ober- und Unterland bestand im 19. Jahrhundert ein ausgeprägtes regionales Spannungsverhältnis. Das Oberland fühlte sich gegenüber dem politisch und wirtschaftlich stärker von Karlsruhe und dem Unterland geprägten Baden häufig benachteiligt und bewahrte zugleich ein starkes eigenes alemannisches Regionalbewusstsein.

Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint (siehe auch weiter unten) also dem Onkel von Marie und Anna. Josefa und Xaver Reich hatten 6 Kinder: Berthold Lucian Joseph Reich (01.06.1844-?), Maria Josefa Amalia (21.1.1848-?), Amalia Maria Anastasia (23.9.1850-22.10.1939), Klara Mathilde (27.11.1852-?), Karl Guido (14.11.1858 – ?), Amalia (25.12.1860-31.8.1955).

Portrait von Xaver Reich 1838 gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann.
Portrait von Xaver Reich 1838
Zeichnung von Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)
Foto von Xaver Reich
Foto von Xaver Reich

Rastatt, den 23.8.1875

Gute Marie!

Durch die Erlaubnis, von meinen Eltern, dich in Bälde zu besuchen, bin ich so frei und zeige dir meine Ankunft, die wahrscheinlich die nächste Woche eintreten wird, an. Ich erwarte aber jedenfalls noch einen Brief vorher von dir, worin ich hoffe, daß du mir rückhaltslos anzeigst, ob es dir angenehm, oder vielleicht auch dich unangenehm berühren könnte, wenn ich komme. –

Den Tag kann ich noch nicht bestimmen, Fräulein Gerstner geht mit mir bis Offenburg, sie geht auf einige Wochen nach Freiburg, um unangenehmen Erinnerungen auf Monate auszuweichen, wie ich auch. –

Liebe Marie, Neuigkeiten, die mich wie dich interessieren, will ich aufsparen bis ich’s dir mündlich erzählen kann. Nur soviel will ich dir einstweilen mitteilen, Fräulein Sch. ist jetzt fort, am Sonntag sei sie fortgekommen, Fräulein St. scharwänzelt noch immer in der Stadt herum, Fräulein Mathilde fühlt sich wirklich sehr vereinsamt u. verlaßen, denn Beker ist verreist u. zwar in Donaueschingen soll er sich befinden, oder wo weiß ich.

Wirklich gehe ich meist zu Gerstner Mathild, ihr kann ich Alles anvertrauen, da sie sich ja in dem gleichen Verhältnisse befindet wie ich.

Ich will nun enden für heute und dich nochmals bitten mir bald zu schreiben, hinsichtlich was meine Reise betrifft, oder aber wenn du mir nicht schreibst, ist es auch eine Antwort, die ich zu deuten weiß, die dann lautet, du brauchst nicht kommen.

Meine Sinnlosigkeit bessert sich so nach und nach wieder, ich hoffe daß es bei deinem Einflusse, den du auf mich übst, gelingen wird, so ziemlich mich davon zu befreien.

Leb nun wohl und sei herzlich gegrüßt u. geküßt von deiner dich innigliebenden

Anna Reich

Viele Grüße von Marie und Mathild

Nicht wahr die Rosenzeit ist vorbei?


Rastatt, den 6. Dez. 1875

Meine Ib. gute Mary

Dein Brief, welchen ich so sehnlichst erwartete, erhielt ich Donnerstag Abends, u. zwar in einer solchen schwermütigen Stimmung, es war schon dunkel, ich saß draußen im traulichen Zimmerchen u. weinte so stille vor mich hin, indem ich überdachte, wie ich so ganz verlaßen auf der Welt sei, ich dachte an vorigen Winter zurück, an die Tanzstunde, wies da so ganz anders war. Auch schweiften meine Gedanken zu dir hinauf Ib. Mary, ich dachte auch an jene Zeit als du hier warst, ich sagte Mary hat mich gewiß auch vergeßen, sie ist glücklicher als ich. – Ja sie ist glücklicher als ich – dachte ich, bis ich deinen Ib. Brief gelesen, Ib. Mary, ich weinte, als ich deine Worte las, ich nahm herzlichen Antheil an euch Beiden. Ach Ib. Mary, es thut mir sehr weh, daß auch du schon solch bittere Erfahrung machen mußtest, ach wo hätte ich so Etwas von Joseph gedacht, als ich bei dir war, du schreibst Ib. Mary, du könntest ihm nicht zürnen, auch ich könnte es nicht, aber bemitleiden, bedauern würde ich ihn, an deiner Stelle. Er dauert mich sehr, wenn ich so bedenke, wie es ihm jetzt sein wird, und wie man’s ihm jetzt macht. Ich hätte müssen weinen, wenn ich ihn gesehen hätte, wie er dir den Album gab und dich um Verzeihung bat, ach Gott wie wird ihm das so schwer gefallen sein. Ewig Lebewohl sagte er dir, ja das glaube ich im Moment hält er jetzt Alles für verloren, aber mit der Zeit ändert sich’s doch wieder, wieviele sind in ähnlicher Lage, für die sich später wieder alles günstiger und freundlicher gestaltet, wegen dem lb. Mary könntet ihr doch zusammenkommen, denn ich zweifle gar nicht, daß du ihm von Herzen verzeihst.

Um dies bitte ich dich meine lb. Mary, vergrößere seinen Kummer nicht noch durch dein Verhältnis zu Strobel, denke dir wenn er es erfährt, daß du so bald wieder einem anderen deine Liebe schenkst, ach wie würde ihn das schmerzen, denn es müßt ihm ja wie Spott von dir vorkommen, ich werde doch glauben dürfen, daß du lb. Mary für die Liebeserklärungen, von dem mir so unheimlichen Menschen, taub bist.

Wer weiß, vielleicht hofiert er dir nur, um sich zu rächen an dir, o wenn ich an jene unheimlichen Augen und Mundverziehungen denke, fürchte ich mich wahrhaft. – Wird J. R. das Mädchen heiraten? Den Schlag für seine aristokratische Frau Mutter.

Du wünscht theure Mary, daß ich nie so getäuscht werde wie du, bin ich’s nicht vor dir geworden? Das war ja noch härter für mich, denn du liebtest, wie du ja immer gesagt, J. R. nicht recht, aber ich, nun ich will schweigen, denn bald würden mir die Thränen wieder in die Augen steigen. Ach, u. zudem muß ich als wieder denken, er ist durch mich getäuscht worden, der arme Teufel, er meinte ja nur ich liebe ihn nicht, der dumme Sch. ist schuld, hätt mir der Aff nich hofiert, währs ganz anderst, nun was vorbei ist, ist nicht zu ändern, wer weiß für was es gut ist. – Liebe Mary, gestern war Onkel Reich bei uns, er brachte mir einen prachtvollen Ring, der mich sehr freute, nun hätte ich jetzt Ringe genug an mir, aber wie ich zum vierten kam, darüber tadelst du mich mich ganz sicher liebe Mary, ich vertauschte A.K. Ring, gegen einen anderen – denke dir letzten Donnerstag nahm ich ihn mit als ich auf den Markt ging u. ging damit in einen Goldwarenladen, zeigte ihn und fragte, ob ich nicht einen andern dagegen haben könnte, die Frau betrachtete und preiste ihn indem sie sagte – dieser Ring ist streng getragen worden, es klang mir wie ein Vorwurf, als ich diese Worte hörte, ja dachte ich, er ist ja streng getragen worden, denn immer glänzte er an seiner lb. Hand, es ist doch nicht recht von mir, daß ich ihn vertauschte, denn er hatte ihn auch immer getragenm u. gab mir ihn den letzten Abend als ich bei ihm war, er zog ihn von seinem Finger und steckte ihn mir an, mit den Worten, nimm einmal diesen Ring, bis ich einen Andern für dich habe, Mutter schimpfte mich auch als ich ihr’s sagte, nicht wahr Ib. Mary ich hab ihn doch nicht sollen hergeben.

Von Sch. weiß ich nichts, will auch nichts mehr von ihm wissen, ebenso von Emil, er war ein einziges mal bei mir, so lange er hier ist und schrieb zweimal von hier aus, ich gab ihm den Abschied, es führt ja doch zu nichts, es ist nichts, als das man unangenehme Auftritte dabei hat, auch Fridmann habe ich wieder beleidigt, er geht an mir vorbei und grüßt mich nicht mal mehr, ich gab Allen den Abschied, es führt ja doch zu nichts, ich fange nie mehr so was an, mach es du auch so lb. Mary.

Schrieb dir Herr Fridel noch nicht? Herr Riemk? war hier, wie mir Mathild schrieb, besucht mich aber nicht, was mir sehr lieb ist.

Vorgestern erhielten wir die Todesnachricht von Onkel aus Amerika, von dem ich meine schöne Goldgarnitur habe, wirklich folgt Schlag auf Schlag, wirklich ist’s fast zum rasend werden für mich.

Ach, Ib. Mary, könnten wir doch auch hie und da zusammenkommen, ach, wir hätten jetzt auch so viel zu erzählen und zu schwätzen, ich meine als es könne nicht sein, daß wir ? zusammen kömmen, wenn man nur auch mal die Sonnenschirme wieder mal brauchen könnte, denn ich habe Hoffnung, daß du mir ihn dann auch bringst, ach wie glücklich wäre ich dann!

Heute kam zum größten Leidwesen Elises Herr Sihiel nach Mannheim, er mußte sehr schnell fort, denke dir den ? für’s Elisle, sie hat ihn jetzt so arg gerne, denkst auch noch an die zwei, bei der Maientour u. an uns zwei auch u. an selbige Soldatenknöpf am Arm? Selige Erinnerung.

Gestern feierte Sternenwirths Wilhelm die Verlobung mit einem schönen Frauenzimmer von Kuppenheim, weist von dort wo wir damals so lustig waren, wo wir so tanzten miteinander.

Wie ich aus deinem Schreiben entnommen, hast du das Weihnachtsgeschenk auch schon wie ich auch, ich bekomme einen grauen Habolakregenmantel, er gefällt mir sehr gut, er kostete 12 fl. Deine Jacke lb. Mary kommt wirklich theuer, sie wird aber auch schön sein. Reichen Mary hat ja auch eine, Klara eine Pelzgarnitur u. Amelie einen Mantel, so schrieb es mir, Mittwoch schickte ich ihm seine Höschen, die es hier gelassen u. sein Armband, es wirds auch gesagt haben, denn ich habe ja Grüße u. Allerlei an dich ihnen aufgetragen.

Mein gefärbtes braunes Kleid ist ordentlich geworden, ich hab’s mit braun kariertem Stoff verziert auf der Taille eine Weste davon auf den Ärmel u. auf den Rock ebenfalls vom gleichen Stoff.

Ach du liebe Zeit am Mittwoch sollte ich beichten, was soll ich auch zuerst sagen, die Rastatter Sünden oder die Oberländer, oder am Ende das Stelldichein auf dem Schloßplatze, wo man den bei jener so schönen Maientour versprochenen Kuß erhielt? Ich muß auch wie jedes Jahr auf das Schlittenfahren verzichten, obwohl es dieses Jahr ?? viel Schnee hat bei uns und so grandig kalt, daß in meinem Zimmerchen die Fenster nie aufgefrieren, ich schlafe jetzt immer im Zimmer vorne, auf dem Kanape. Man sieht fast nicht mehr den Sprung an meinem Fenster, vor lauter Eis, aber deswegen denke ich doch noch oft an die Fortuna, denn wir verirrten uns auch einmal dort hinten aus der Tanzstunde!!

Strickst immer noch Socken, ich häkle wirklich kleine Tüchle zwei, das Muster das du mir gehäkelt Ib. Mary von Frau Heitz, viele Grüße von ihr, sie war heute bei uns, wenn die Rosen wieder blühen, werdest du auch hoffentlich wieder kommen.

Und nun zum Schluße Ib. Mary. Sei doch so gut u. schreibe mir Ausgangs dieser Woche, denn ich sehne mich als nach einem Brief von dir, nicht wahr schreibst mir bald, u. auch viel.

Herzlich grüßt und küßt dich deine dich liebende

Cousine Anna.


Der Onkel aus Amerika scheint ein Onkel von Anna zu sein, weil sie die Goldgarnitur erwähnt. Vermutlich war das ein Bruder von ihrer Mutter Margareta Stoffler (1825-1880). Eine Maria Stoffler aus Geisingen, ist in der baden-württembergischen Auswandererdatenbank des Landesarchivs erfasst. Sie wanderte 1851 aus.

Der erstgeborene Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe ist später auch ausgewandert, sowie Guido Karl, geboren 14.11.1858. Joseph Reich ist vielleicht J.R. da die Mutter und Frau von Xaver – Josefa Reich – den Ruf der „aristokratischen Mutter“ hatte. Mehr bei Xaver Reich.


Rastatt, den 12. 2. 1876

Liebe Mary!
Auf deinen letzen Brief, der von so gedankenloser u. kalter Erzeugung mir hinlänglichen Beweis liefert, weis ich Nichts zu antworten. Deshalb soll mein Brief im höchsten Stadium des Schmerzes u. der Trostlosigkeit u. zugleich der höchsten Unruhe geschrieben, nur diese eine Gewissensfrage an dich stellen, was willst du lb. Mary dadurch bezwecken, daß du leugnest was ich dir geschickt, das du mich aufforderst dir dasjenige zu schicken, wovon ich leider nur zu gut die Gewißheit habe, daß solches schon geschehen, warum, warum, frag ich mich immer selbst, stellt diese, der ich so völliges Vertrauen bis daher geschenkt, mich als Lügnerin, oder doch zum mindesten eine gedankenlose, oder eine solche, die nicht weis was sie thut, dar.

Du kannst mich auffordern, ich soll dir das Gedicht schicken, indem du im Herzen denken musst, oi oi oi ich habe es ja schon sogar gelesen, ja schon zerrissen. Ich weiß keinen anderen Grund für dein mir so rätselhaftes Betragen, als diesen: daß ich dich Ib. Mary in meinem ahnungslosen Gedicht beleidigte, wenn du meinst, daß mein Gemisch Gemarsch, diesen ehrenvollen Titel tragen darf, ich würde mich nicht getrauen, es Gedicht zu nennen, ich dichtete es ja aber auch mit der Gewißheit, daß es nicht kritisirt werden soll, aber auch nicht, wie schon erwähnt nicht in dieser Meinung, dich Ib. Mary dadurch zu kränken, daß du’s einfach leugnest, du habest es gar nicht erhalten.
Ich bitte dich tausendmal um Verzeihung deswegen.

Eine Bitte habe ich an dich Ib. Mary, im nächsten Schreiben, dem ich sehnsuchtsvoll entgegensehe, schreibe mir nur diese Worte: „Ich habe es erhalten.“ über diese Sache, sonst nichts. Meine Ruhe stellst du mir dadurch wieder her, denn du darfst mir glauben daß es mir Gedanken macht, daß du schreibst, du habest es das Gedicht nicht erhalten, es ist mir nicht einerlei, in wessen Hände es ist. Inwiefern habe ich mich unwissentlich bei Frl. Elise vergangen? Daß sie meinen letzten Brief, den ich ihr geschrieben, nicht der Mühe werth hält, ihn zu beantworten?
Wie ich mir denke, interessiert dich Nichts was ich dir von unserem nächsten Kränzchen mitteilen könnte, obwohl es sehr interessantes währe, dir Vorkehrungen die darauf getroffen werden, zu berichten, besonders das wunderschöne Quartett, zu dessen Ausführung wir schon zwei mal Tanzstunden hatten, 8 Paare wurden dazu gewählt.
Baldiger Antwort entgegensehent verbleibe ich deine dich innigstliebende Cousine
Anna
So kann man in Unannehmlichkeiten kommen wenn man an ? Böses denkt.


Elise (Elisabetha Heinemann 17.10.1858-27.06.1932)
1. Heirat 25.08.1881 mit Rudolf Franz Restaurator in Donaueschingen; hatte ein Sohn mit ihm der 1911 ledig starb.
2. Heirat 21.04.1884 nach Bad Dürrheim mit August Grieshaber; hatte 7 weitere Kinder.

 Elise mit ihrer Cousine Marie .

Ohne Datum (verm. Feb. / März 1876)

Meine liebe theure Cousine!

Ach wie lange lange schon ist es, daß ich deine letzten Zeilen erhielt. Es dünkt mich eine Ewigkeit, ich kann mich kaum noch erinnern, u. warum. Ja warum Ib. Mary vernachlässigten wir uns gegenseitig diese Zeit her, so unverzeihlich? Ich weiß Ib. Mary ich versprach dir schon die vorige Woche zu schreiben, ich wollte dir auch gleich nach der Faschingszeit schreiben, aber es war mir rein unmöglich, obwohl ich so vieles mit dir über diese vergangene Zeit zu plaudern hätte, ach so vieles, was für die Feder viel zu langweilig währe, wollte ich dir Alles niederschreiben wie es war – frage mein Bild, daß ich dir hier schicke, o wenn sich auch dieses große Maul öffnen könnte u. dir von der schönen Zeit erzählen könnte, ich glaube, daß dann der ganze Zug im Gesichte ein freundlicherer u. vergnügterer wäre, nicht wahr in meinem Gesicht findest du lb. Mary keinen Zug, der mit einem Fastnachts-Kostüm harmonierte, findest nicht jenen mich verklärenten Zug, den du einst fandest, als ich an jenem Abend von Geisingen wieder zu dir zurück kam. –

Theure Mary, bei dem kostümierten Kränzchen, wo wir acht Italiener Paare die Hauptrolle spielten, gefiel es mir zu gut, seit ich hier auf Bälle und Kränzchen gehe, ist dieses das einzige, an das ich fast täglich mit innigstem Vergnügen zurück denke, obwohl es mich auch oft so wehmütig stimmt, daß ich weinen möchte, wenn zwei zusammen kommen, die dabei waren, darf man sicher glauben, daß ihr gewähltes Thema vom Kränzchen ist, ohne Ausnahme gefiel es Allen sehr gut dabei.

Weniger gut gefiel es uns beim Tanzstund-Kränzchen, letzten Freitag v. W. ich glaube daß es uns auch gefallen hätte, wenn nicht Alle das andere Kränzchen im Kopf gehabt hätten, ich hatte mein Sommerkleid wieder an, ich ließ mich dieses mal auch frisieren, oben hatte ich gesteckte Locken, unten 3 Häng-Locken u. 2 Rosen an der Seite, die Frisur war sehr hübsch, wie man mir sagte, ich war eigenliebig gefallsüchtig genug, sogar noch zu glauben, wenn man mir sagte, sie gehe mir so gut.

Montag und Dienstag von 7 Uhr bis 10 Uhr gingen wir zu 7 Frauenzimmern, wie man sich hier beliebt auszudrücken, wir fanden als auch Herrn, die uns kannten unter-wegs, 5 waren in Domino, Frl. Wettin als Alte u. Frl. Habich als Köchin, den ersten Abend war es sehr schön, an den zweiten kann ich nur mit Wehmuth denken, o es hätte schöner sein können am Dienstag als am Montag, wenn mich nicht des Schicksals-Tücke, oder vielmehr ein unseliger Zufall so verfolgt hätten.

Auf Dienstag Abend hatten wir mit unseren Ib. schönen Italiener Buben verabredet gehabt, wenigstens ich und Notars Mathild, da währen also diese zwei noch mit uns, auch in Domino natürlich, im Löwen sollten wie aufeinander warten, so war es abgemacht, wir waren zuerst da, jetzt merke auf lb. Mary – Sch. hatte ich vor einer Stunde etwa auch gesehen, er sagte mir er gehe auch hier schnurren wie und wo wir uns treffen, ich sagte ich wisse es nicht, da sagte er wir wollen ein Losungswort gebrauchen, ich stimmte bei, indem ich dachte, ja heute Abend gilt bei dir weder Losungswort noch Suchen meinerseits, endlich trennten wir uns, er in der Hoffnung mich heute Abend noch einmal sprechen zu können, ich aber – ihn nicht mehr zu treffen. Wie schon erwähnt, waren wir zuerst im Löwen. Ich lief mit einem Student herum, der vorigen Abend schon bei uns war, ich unterhielt mich sehr gut mit ihm, obschon ich ihn nicht weiter kannte, auf einmal steht ein großer, schwarzer Domino vor uns, ich berücksichtigte denselben nicht weiter, er wechselte einige Worte mit dem Student, auf einmal trat er dicht vor mich u. sagte das mir bekannte Losungswort, ich schrak unter meinem Domino ordentlich zusammen, ich antwortete ihm nicht darauf denn schon sah ich den kommen, auf den ich wartete, noch einmal wiederholte Sch. das Losungswort worauf mir unbewußt die Antwort darauf meinen Lippen entfuhr, natürlich kannte er mich u. ich ihn, ich sagte nun dem Student ade, obwohl ich lieber bei ihm geblieben wäre, ich lief nun ich weis selbst nicht wie mit Sch. im Saal herum, so lange bis mich mein Herr erkannte, er kam auf mich zu, engagierte mich auf den soeben beginnenden Polka, ich tanzte nun mit ihm indem er mir so allerlei sagte, wie es schön werden könne usw. als der Tanz beendet sagte er die Gesellschaft wolle fort, ich müsse auch mit ihm, da Sch. nahm mich von seinem Arm weg, der andere aber sagte ja wir gehen jetzt, kommen sie Frl. Reich, Sch. sagte, nein sie geht nicht, sie bleibt bei mir, da sagte der andere wer ist denn dieses, ich antwortete ich kenne ihn nicht, mittlerweil kommen die anderen Frauenzimmer her u. sagten laß doch den fremden Domino fahren, wenn du ihn nicht kennst,

Sch. sagte, sie laßt ihn aber nicht fahren, gleich munkelten einige es ist Sch. es ist Sch. darum laßt sie ihn nicht gehen, der andere fixierte ihn nun überall u. wollte ihn durchaus kennen, das einmal sagte er, ja es ist Sch. das eine mal, nein es ist nicht Sch. Dann sagte er zu mir, indem er mich am Arm nahm, jetzt gehen sie mit mir, sei es wer es wolle, Sch. raunte mir nun in’s Ohr ja Anna gehe nur, gehe nur, ich zwinge dich nicht zum dableiben, ach ich war so unschlüssig, so wankent, der andere sagte immer, ach ich bitte ihnen kommen sie doch mit mir, es ist ja Sch nicht, inzwischen kommt Kunz auf uns zu u. sagte so da ist Sch. das ist Sch. u. das ist d’Reich, du kannst dir denken wie mir’s war, der Andere ging nun von mir weg, indem er sagte, da kann man sehen, wenn sie Sch. am Arm haben, lassen sie mich fahren, jetzt sind sie im Himmel nicht wahr, ich wollte ihn zurückhalten, vielleicht mit ihm gehen, ich wußte es nicht, kurz ich wollte ihn zurückhalten, aber Sch. sagte laß ihn doch endlich einmal laufen, du bleibst bei mir, nun blieb ich bis 10 Uhr im Löwen bei Sch. die anderen gingen ins Kreuz, da dort auch ein Kränzchen war, der Andere habe dann zu Notars Math. noch allerlei gesagt wegen mir und Sch. seitdem grüßt er mich nicht mehr, ach wie viel mußt ich doch schon wegen Sch. aushalten, er schrieb mir schon wieder, seit Fastnacht Dienstag, schon am Freitag, ach der Sch. ich weiß nicht, so viel Unangenehmes hatte ich schon wegen ihm, schon so oft sind wir böse gewesen u. immer wieder kommen wir zusammen, ich weiß selbst nicht wie, ich stelle oft an mich die Frage, bist du nicht das dümmste einfältigste Mädchen Wo es gibt, nur an einen solchen zu denken, bei dem auch gar keine Hoffnung ist, bei dem ist es ja doch nie Etwas. Das der Andere jetzt wieder böse ist mit mir wegen Sch. ist mir auch nicht einerlei, bei den Andern lauft alles so stille ab, bei mir wissen es gleich alle wenn Sch. dagewesen, es geschieht mir aber ganz recht, wenn der Andere (seinen Namen will ich dir nicht nennen, ich weis selbst nicht warum, ich habe jetzt auch kein Recht mehr dazu) nur nicht böse wäre mit mir, auf Versöhnung rechne ich nicht, denn jetzt da kein Ball u. nichts mehr ist, kommen wir nicht mehr zusammen, nun ich muß mich eben darin fügen.

Und nun meine lb. Mary, wie gefielst du im Samtkleid, ach ich sehe ein siegreiches Lächeln an deinen Lippen schweben, ach du wirst zärtlich geliebt von St. meine Ahnung sagt mir, daß auch die Zeit über sehr vergnügt u. glücklich an der Seite eines hoffnungsvollen Jünglings umherschwebtest. Ach bitte schreibe mir Alles wie es gewesen, was er gesagt u. halt so Alles.

Ich will enden indem ich dich bitte mir ja recht bald zu schreiben, ach schreibe mir Morgen gleich, denke wie lange her es schon ist seitdem du geschrieben Tausend Küße und Grüße von deiner

Anna.


ohne Datum

Meine liebe Marie!

Hier sende ich dir das Ding, möge es gute Folgen haben! Ich kann dir nicht beschreiben Ib. Marie, wie mich dies Gedicht in Alteration versetzte, wenigstens 7 Bogen Papier versudelte ich, bis ich endlich zufrieden war mit meinem Werke, ich sage dir wenn ich mein eigenes Todesurtheil hätte unterzeichnen müßen, hätte mich’s nicht in größere Aufregung versetzen können wie dies Gedicht, gezittert habe ich, meine Schrift war so verändert, findest du dies nicht auch, ich hatte so viele Gedichte die für U. paßen, somit konnte ich fast zu keinem Resultate kommen, zuerst schrieb ich ihm diese beiliegenden, doch verwarf ich sie wieder, jetzt habe ich ihm dies geschrieben, ich weis nicht ist es dir bekannt: Einsam, bin ich nicht allein, denn es schwebt ja süß und mild usw. wenn nicht will ich dir’s schreiben. Meinst du auch er bekomme es durch diese Adreße?

O, liebe Marie, wenn ich nur bei dir sein könnte! Gelt dir gefällt es noch nicht so recht, ist dir noch Alles fremd, du bist eben auch ein Wesen, das sich nirgends gleich heimisch fühlt, ohne daß man dir zuerst zuvorkommend entgegentritt.

Ich kann dir nicht sagen wie ich mich freue aufs Frühjahr, denn du mußt zu mir kommen, o Marie, komme doch in mein Zimmerchen, o da plaudert sich’s so heimlich, so traulich, komme, komme.

Was hast du für zwei Wesen neben dir? Poetisch o. Prosaisch, fühlst du keine Simpathie für sie, ich bitte dich um Alles liebe Marie, schließ mir keine Freundschaft mit ihnen, denn dann würde ich sicherlich verlieren dadurch, du mußt wissen, in der Liebe wie in der Freundschaft bin ich sehr egoistisch. Könnte ich dir doch ein wenig Wärme von m. Zimmer abtreten, du armes Kind, du dauerst mich, wenn und ein so herzblutstockendmachend kaltes Zimmer hast, schlafst du allein? Sage mir liebe Marie, warum konntest du nicht kochen hier? O denk dir wie schön es gewesen wäre!

In der freudigen Hoffnung über Alles mündlich mit dir bald sprechen zu können, will ich nun weiteres nicht erörthern, aber dann wird’s geplaudert o u. wie!

Also sei so freundlich und besorge mir das Ding da recht, ich werde dir Dank dafür wissen, vielleicht kann ich dir’s durch ähnlichen Gegendienst wett machen.

Im Geiste umarme ich dich und verbleibe deine dich von Herzen liebende Cousine

Anna.

Baldige Antwort!

Schlaf wohl, möge deine Liebe dich erwärmen in deinem kalten Logis!

O gelt schreibst mir wegen dem dings, es ist mir, wie wenn ich ein Staatsverbrechen begangen hätte, ich möcht nur die Wirkung sehen u. hören, glaubst du er zieh mich?

Zürnt er mir?


Katharina Heinemann, Schwester von Nepomuk und Josef
Marie und Kätherli (Katharina Heinemann, Schwester von Nepomuk und Josef)
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1867
Marie Heinemann gezeichnet von ihrem Onkel Josef

Rastatt, den 8. 4. 1876

Meine theure Mary!

Endlich, endlich nach langem peinlichem Wartens, erhielt ich deine so sehnlichst erwünschten Zeilen, wie sehr mich dein Bild erfreute, werde ich dir nicht erst zu schreiben brauchen, ach ich war ganz entzückt, du forderst mich auf, theure Mary, dir unverholen meine Kritik über dein Bild mitzutheilen, nun dazu bin ich gern bereit, du bist im Allgemeinen, glaube ja nicht daß ich dir schmeicheln wolle, sehr sehr gut getroffen, so gut das wenn ich dich betrachte, meine ich immer, du müßest den Blick auf mich wenden u. deinen Mund öffnen u. mir erzählen u. antworten auf das was ich dich so gerne fragen würde, wenn du nur den Blick auf mich richten würdest, aber was, es wäre ja doch nicht anderst. Auch muß dein Samtkleid so schön sein, ich beneide dich darum, die Kette liebes Kind macht nicht viel Effekt, man meint, wenn man deine Taille nur so flüchtig betrachtet es sei ein weißer Besatz an der Taille, nun das ist ja aber auch Nebensache, dein Ib. Gesichtchen ist doch sehr naturell.

Nicht wahr das bewußte erste Veilchen-Sträußchen revaschierst (revangierst) du mit deinem Bilde? Ja, ja, ach St. wird ganz entzückt dich täglich hundert mal betrachten u. küßen. Wie glücklich bist du, jeden Abend kannst du, während dem der Ib. Vollmond, die schönen milden Abende, noch durch sein Erscheinen romantischer u. schwärmerischer macht, Arm in Arm ein unblauschtes Plätzchen aussuchen, ach Gott, ach Gott, zu sagen hat man sich in solchen Momenten Nichts, ich kann mich gut in deine wirkliche Lage versetzen obwohl ich nicht in derselben bin.

Wirklich sind doch die Abende sinnberauschend schön, denke dir meine Ib. Eltern wandern auch schon wieder jeden Abend in Gottes freie Natur hinaus, ich gehe als zu Buderina Abends, oder sie kommt zu mir, dann gehen wir als auch auf dem Rheinauer Wege mutterseelen allein spazieren, gestern Abend kamen Buderina und Frl. Seitz zu mir, wir blieben da bis nach neun Uhr, hernach begleitete ich sie heim, morgen gehen wir drei nach Rothenfels, Maientouren wollen wir als auch wieder machen, ach was für ein Unterschied wird es dieses Jahr sein, gegen voriges Jahr, könnte ich dir nur ausführlich den nirentödtenten Durcheinander unter uns erzählen, wir drei sind mit den anderen alle böse, Alssermann u. ich, denke dir dieses Unglaubliche, laufen aneinander vorbei wie wenn wir uns fremd währen, ebenso Gerstner und Kurz, die zwei letzten sind jetzt immer beieinander, sie kommen als auch zu Späth, da erfahre ich alles wieder, was sie von mir sagen, denke dir Späth weiß auch alles wegen Sch. dieses ist mir eigentlich das ärgste, daß es Mary erfahren hat, denke dir Sch. erzählte den Studenten Alles, wie ich hörte aus Eifersucht, wenn er Verstand und bisschen überlegt hätte, hätte er zu Allen geschwiegen, dieses kann ich ihm nie niemals verzeihen, nach Ostern, wenn seine Ferienzeit vorüber, kommt er wieder hierher, natürlich nicht ahnent, was unter dieser Zeit geschehen ist, ich gehe nicht zu dem Rendezvous, ich will unter keiner Bedingung mehr mündlich mit ihm sprechen, wenn er in Karlsruhe wieder ist schicke ich ihm seine Briefe u. fordere meine zurück u. damit fertig, ich will und darf ihn, der mir so unsäglich viel Unannehmlichkeiten bereitete, nicht mehr sehen.

Auch meine geringe Persönlichkeit erhielt schon vorigen Monat 4 Veilchensträußchen die ich trotz des Verwelkens aufbewahre, als Erinnerung, Ach Ib. Mary, ich bräuchte so notwendig einen Sonnenschirm, ich kann ja nirgends hin, ach bitte sei so barmherzig u. schicke mir auch einen neuen, weist einer mit einer Kette, du darfst den schwarzen behalten, auch schicke ich dir herzlich gern mein weißes Überkleid dafür, ersuche Amelia, es gibt dir auch etwas dazu, ich schreibe ihm deswegen, denn wie du weist sollte ich auch ein Sommerkleid haben, kann ja sonst den ganzen Sommer nicht fort, u. eben ein Kleid, ein Schirm, Schuhe, Handschuhe u. Hut, erlauben meine Mittel nicht anzuschaffen, ach bitte sei mir doch nicht böse, weil ich geradezu mich erfrecht (dich) direkt mit einer Unverschämtheit zu belästigen, verzeihst du mir dieses nicht?

Was ich für ein Samtkleid bekomme, weis ich noch nicht, ebensowenig wann, wenn ich mal den Stoff habe will ich dir Müsterchen beilegen, O, wie gut hast du’s, jetzt bekommst du ein Samtkleid, zwei Samtkleider u. hast doch schon zwei so schöne Sommerkleider gehabt, wenn ich nur dein gelbes hätte, wie gerne wollte ich mich den Sommer über mit demselben behelfen, aber ich armer Teufel besitze zwei einzige Kleider u. zwar beide für den Winter.

Liebe Mary, den Schmuck, den du mir auf Fastnacht geschickt, vergaß ich dir beizulegen, wenn ich dir das Überkleid schicke, lege ich denselben bei auch bisschen wohlriechendes Gewässer. Vorige Woche schickte ich Emil seine Photographie durch Eduard zurück, er ist seither schon wieder 3 mal an unserem Haus vorbei, ich weiß nicht, will er mich dadurch ärgern oder was, aber jedenfall lauft er mir nicht zu lieb vorbei, denn er schaut als nicht einmal an’s Fenster, die Tropfen wissen nicht, wie sie einem ärgern wollen.

Den Zopf von Kätherlein bekomme ich erst nach Ostern, sie hätten wirklich so viel zu thun, aber ich glaube die Hauptursache ist, weil die Friseure Madame bald in’s Wochenbett kommt.

? gibt Alssermann’s Buben keine Stunde mehr, sie hat jetzt einen Zahlaspirant, er schickte ihr ein schönes Poesiebuch zu ihrem Namenstage. Viele Grüße von Mary, u. jetzt brauchst du nicht mehr so lange auf ihre Photographie warten, sie lasse sich bald photographieren.

Gestern war kurz ihr Fischer da, denke dir sie liefen per Arm die Stadt hinunter. O du liebes Kind lebe wohl u. vergnügt u. denke auch bischen hir und da meiner in deinem Glück, o lieb so lange du lieben kannst, es kommt die Zeit u.s.w.

Schönen Gruß an ? Strobel, viele an’s Kätherlein. Viele Grüße von meiner Mutter an dich u. Kätherlein. Jetzt ist’s bald ein Jahr, seitdem du hier warst.

Ach bitte schreib mir doch recht bald wieder u. auch viel, es interessiert mich alles. Wenn in der Sch. Geschichte Fortsetzung folgt, will ich dir dieselbe mittheilen. Mit deiner Busenfreundin bin ich böse. Schreibe mir ja recht bald, bedenke daß deine Briefe wirklich mein einziger Trost sind.

Hat Strobel Anna schon geheiratet? Ist Schrenk Peggi schon wieder da von Stuttgart? Ist Hug Friedel gesund?


Rastatt, den 7. 9. 1876

Liebe Mary!

Die innigsten herzlichsten Glückwünsche zu deinem Namens-Tage, ruft dir deine dich innigstliebende Cousine aus der Ferne zu.

Ich will dir gewöhnliche Phrasen, die immer und immer bei solcher Veranlassung in Anwendung gebracht werden, unterlaßen, du bist mir gewiß nicht böse darob, denn du weißt ja, das ich dir nur Liebes und Gutes wünsche, wenn ich die Gaben des ? auch nicht so einzeln dir wünsche u. beschreibe.

Ach, wie glücklich war ich voriges Jahr an deinem Namens-Feste; jetzt ist es mir von dem Schicksale vergönnt, dir wie damals meine Wünsche mündlich darzubringen, nun in das Unveränderliche, von den Göttern bestimmte Schicksal muß man sich eben geduldig fügen.

Unwillkürlich drängt sich ein Gedanke mir auf, u. zwar, wann werde ich dir wieder mündlich gratulieren können? Doch genug, ich will auf ein anderes Thema übergehen

Wie stehts in Bezug auf die noch zweifelhafte Verlobung? Ist’s als noch ein Geheimnis, oder ist dieselbe schon ein Futter für Kritisirendes u. Verhechelnte?

Es wundert mich ob es zu etwas wird, ich meine eine schlechte Parthie wäre es nicht, er hat ja ein süßes Geschäft auch ist er ein schöner, gefälliger Bursche. Will ihn Klara nicht mehr? So, so dein Amerikaner Vetter, war ein solcher Herzeroberer, nun ich bin froh, daß ich ihn nicht kennen lernte, denn weist mein Herz ist auch nicht gewappnet genug, gegen Amors Pfeile. Du zweifelst, ob er Frl. Rank heirathen wird, nun ein Risiko ist es doch jedenfalls von ihr.

Liebes Kind was faselst du von schöner Gelegenheit zu kommen, ich meine du hast auch nicht weiter zu mir als ich zu dir, u. zudem ist des Jahreskehr an dir, o wie oft, wie oft dachte ich daran, diesen meinem Lieblings-Wunsch dir mitzutheilen, aber wenn ich mir als jene nierentötenden, hoffnungsvernichtenden Worte ins Gedächtnis zurückrief, die da lauteten: „Es ist vorbei mit Rastatt“ da trieb ich meine Wünsche mit einem Stoßseufzer verbunden, in die unergründlichsten Tiefe meines Herzens. Mein Papa kommt nicht mit den Bildern, denn die Schule beginnt nächsten Dienstag wieder. Papa und Mama werden Euch das nächste Jahr das Vergnügen schenken, Mamale muß zuerst noch ein neues Röckchen u. neues Peterlie han, no kummt sie.

Ach bitte liebe Mary, komme im November oder noch bisle später, dann gehst du als mit mir auf die eroberungsreichen Kränzchen, denke dir köstlichen Spaß (?), bitte schreibe mir das nächste Mal ob du Lust hättest zu kommen, dann schreibe ich an Onkel, damit du um so eher Erlaubniß von ihm erhält, ich versichere dir ich bin nicht mehr so wunderlich wie voriges Jahr, ich bin wie ein umgekehrter Sack.

Aber blutete dir dein Herz nicht, als du die niederschmetternde Nachricht erhieltest, Herr Strobel herze und küße eine Andere? Denke dir Emil kommt wieder oft zu uns. Komme morgen Abend zum Zapfenstreich, diese Woche waren schon zwei, nämlich bei der Sedan-Feier u. Dienstag Abend General Moltke, der hier war zu Ehren, ’s ist als recht ordeli darbei. Am Sonntag gehe ich nach Ettlingen um meine Freundin, die schon längere Zeit dorten ist, abzuholen, dann werden wir noch nach Karlsruhe ge-hen.

Und nun liebes Kind muß ich enden. Denke beim Anblick des kaum erwähnenswerthen Geschenkchens: „Wenig aber von Herzen.“

Herzliche Grüße von meiner Mutter u. sie läßter ou gratulire u. du sollist ou kumme.
Auch viele Grüße an Kältherlein.
Bitte Ib. Mary schreibe mir so bald wie möglich. Das wurmse surmse, hast du nicht recht entziffert, auch die beiden Buchstaben hatten nicht dieselbe Bedeutung, die du ihnen zuschreibst, sie waren bedeutungsllooooss.

Was bekommst du allerhand zum Namensfeste, von wem?
Also noch einmal die herzlichsten Glückwünsche auf morgen und viel Vergnügen.

Lebe nun recht wohl und schreibe recht bald deine dich liebende Anna.

Ist die Ernte auch schon vorbei droben?
Gott Straß es ist sinnverwirrend kalt.


Mit amerikanische Vetter handelt es sich wohl um den erstgeborenen Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Ein anderer Sohn, Guido Karl, geboren 14.11.1858, ist wohl erst später ausgewandert. Der „Amerikaner Vetter“ kann aber auch der älteste Sohn des Fridolin Heinemann – Josef Heinemann (*21.11.1857) sein der nach Amerika ausgewandert ist, wobei auch dieser 1876 vielleicht noch zu jung war.


Rastatt, den 24. 10. 1876

Meine theure Mary!

Schon sind etliche Tage verfloßen, seitdem ich dein Ib. Brieflein erhalten. Ich wollte dasselbe wie gewöhnlich, gleich beantworten, wurde aber durch verschiedene Ereignisse, zum Theil sehr unangenehme, davon abgehalten. Gerne würde ich dieselbe nennen, befürchte jedoch deine Geduld auf eine zu harte Probe dadurch zu setzen, will’s also, auf obiges bezug nehmend, nicht nennen und alles bei mir behalten.

Ach wären wir doch beisammen, dann ja dann.

Theure Mary, wie geht es sonst, seit ihr wieder alle wohl? Hoffentlich. Vater ist G.s. D. ganz wohl. Mütterchen so so, la la, meine geringe Persönlichkeit befindet sich auch wohl. o je. Bei Durchlesung der so schlimm u. sehr unangenehm ausgefallenen Verlobung von M. wurde ich ganz starr u. Entsetzen ergriff mich davor. Nur so Etwas nicht. Weniger erstaunt war ich bei Durchlesung wo du mir schreibst Amelie habe sich beleidigt gefühlt, der verspäteten Gratulation wegen, ich dachte mirs, thut mir leid aber ändern konnte ich’s nicht, ich sah zu spät im Kalender nach, wo sein Tag verzeichnet ist.

Herr Gott Salon, werdet Ihr aber nobel in Hüfingen, schon wieder neue Hüte mit ächten Federn darauf! Ich behalte meiner von voriges Jahr wieder.

Ich wollte zuerst meinem Cousin einen Brief für dich mitgeben, aber ich fürchtete der Teufel mache uff. Vater hat ihm einen für Onkel R. und Herr Pfarrer mitgegeben. Du mußt nämlich wissen er war in Heidelberg in einem Geschäft u. nun ist er bei’s Fritscherichs in Hüfingen comis, gestern Morgen kam er bei uns an, und ging heute Mittag ins Oberland. Ich erzählte und schwatzte ihm immer von dir, zeigte ihm deine Photographie. Ich sagte zu ihm er solle als auch mit dir tanzen, er ist nämlich ein guter Tänzer, er ging auch in die Tanzschule. Er ist so groß wie du, hat gerade solch schwarze Haare wie du und akurat solche rothe Wänglein wie du. Er mußte mir versprechen, dir hie und da Fensterparade zu machen, wenn es dich auch ärgert, macht nichts. Ich lege dir an’s Herz, gehe auch zu ihm in Laden u. schreibe mir, wenn er Unfuge u. d. gl. treibt droben, was ich zwar nicht hoffe, ich sprach ihm sehr zu, er soll auch brav sein, ich erfahre es wenn er es nicht sei u. s. w. einen heillosen Mist schwatzte ich an ihn hin.

Liebe Mary, ach könntest du nur auch hie und da Abends bei uns sein, o wie vergnügt wollten wir sein, so aber ist’s halt langweilig, besonders heute Abend, Mutter spinnt, Vater ist noch in Karlsruhe, er kommt erst um neun Uhr heim, u. ich sitze da u. schreibe für mein liebes Kind einen Brief jetzt da.

Weder Tag’s noch Abend’s werden wir in unserem Alltäglichen gestört o je.

Du schreibst mir immer was Andere für Kavaliere haben, deiner vergißt aber immer mir zu nennen, hoffentlich wird’s bald, od. ich erfahre es irgendwo andersher, wart‘ mir Mädele, mußt ja nicht denken, es komme mir einmal in den Sinn du habest keinen Gschboutsi, o je.

Ist’s bei Euch droben auch schon so nerventödtent kalt? Herr Gott Salon, Mutter friert schon wieder von Morgens früh bis Abends spät, o je. Gott-Straß, wirklich ist’s ehrlos langweilig o je. Fort komme ich wenn ich Kommissionen machen muß, sonst nicht, ich bin am liebsten daheim. Wirklich mache ich stramm an Vaters Hemden. Was schaffst denn du?

Bitte liebe Mary, komme doch diesen Winter zu mir, dann gehst mit auf die Kränzchen. Soll ich deinem Vater schreiben deswegen? Nicht wahr Ib. Mary, du schreibst mir recht bald wieder, o ich bitte dich um alles in der Welt darum. Und nun schlaf wohl. träume süß, am Morgen nicht zu früh.

Ade Kind, grüße mir die Leute, die mich kennen.

Ein Satz im Dialekt dann:

je es ist so warm do hin, jo jo.

Schreibe recht bald wieder deiner dich innigstliebenden Anna.
Viele Grüße von Mutter. Grüße auch’s Kätherlie u. Elise.


hat gerade solch schwarze Haare wie du — ist ein Witz, da Marie Heinemann blond war.


Rastatt, den 26. 11. 1876

Meine theure Mary!

„Selige Erinnerung der Vergangenheit!“ durchlebe ich im Geiste noch einmal den gestrigen, vergnügungsreichen Abend, muß ich unwillkürlich an oben angeführte Worte denken.

Liebe Mary, nach langer langer Zeit endlich kam ich einmal wieder zum Tanzen u. was drum und dran hängt, u. zwar gestern Abend, um 8 Uhr begann das Konzert, woselbst ein Hofopernsänger von Karlsruhe mitwirkte, Herr Gott Salon, nein der hatte eine Stimme, so hörte ich noch nie singen, das Konzert dauerte bis 10 Uhr, nach einer 1/2 stündigen Pause, wurde der Tanz durch Polonaise eröffnet, u. nachher verstrich die Zeit unglaublich, nierentödtent, sinnverwirrent schnell, durch herz-blutstockenmachende Tänze u. was drum u. dran hängt. Um 1/2 4 Uhr gingen wir schon heim, ach ich hätte so gern noch den nächstfolgenten Lacie mitgetanzt aber – Nun was habe ich jetzt davon, nichts als das Nachdenken u. was drum u. dran hängt. Liebes Kind dies ist Alles, was ich dir aus meinem einförmigen Alltagsleben mittheilen kann.

Nun nun du schreibst ja mir einen gräßlich scharf verfaßten Brief, dein zweitletzter Brief gelang ja in meine ?, ich schrieb ja Elise nicht, daß ich keinen Brief erhalten habe von dir, sondern blos warum du mir so lange nicht mehr geschrieben, es kommt mir fast vor, als währe es ein Verbrechen, wenn du mir schreibst ohne daß ich dir vorher antworte geld so ist’s. Herr Gott Salon wehrt die sich wenn man sagt Fridolin Fridolin od. wenn man singt: Holdes Grün, wie lieb ich dich, weil mein Schatz ein Jäger ist. u. doch – Wer dir begegnet auf der bekannten Straße weis ich nicht, da jene Erwähnung, nur eine von meiner im Hirn erzeugten Einbildung wahr, bei uns nennt mans ?, Witz, Spaß u. d. gl. was du so gleich alterirt bist!

Soso du sprachst mit meinem Herr Vetter Bodenhopser, Schubladenzieher, wenn du zu ihm kommst wieder, dann bitte ich dich um alles in der Welt, sage zu ihm er sei ein Erdslügner ein fauler Fisch, ein ein ein Spinnenbobelenhirn u. noch vieles Andere hast gehört dieses sagst zum hast’s gehört, er wird dann schon wissen warum u. was drum und dran hängt.

Was ich auf Weihnachten mache fragst du mich, ha ich sticke Vater ein paar Pantoffeln u. du?

Elise schrieb mir heute auch. Denke dir gestern Abend sagte ein Herr zu mir, ich war in Hausach, da traf ich Herrn Bernauer, er sei auf der ? dort, dann haben sie so halt so von der Tanzstunde geschwätzt, dann habe Herr B. gesagt, er solle mich herzlich grüßen u. so. u. so. er hni halt ou n Freud g’ha, Herr Gott Salon, denkst auch noch an seine Knöpfe u. was drum u. dran hängt?

Liebe Mary ich bitte dich um Alles in der Welt u. um noch vieles Andere komme doch nach Rastatt, aber nicht erst an Fastnacht, komme Gott-Straß auf Weihnachten, es sind ja drei Feiertage, bis dorthin ist jedenfalls wieder ein Kränzchen, o Mary komme, komme doch, soll ich an Onkel schreiben deswegen, od. erhältst du ohne dies Erlaubniß, ach nicht wahr du schreibst mir das nächste Mal davon, o mein ich hätte dir auch vieles Erlebte nie wieder Kehrendes zu erzählen, wenn es von dir abhängt zu kommen od. nicht – so erfülle meine inständige Bitte u. wähle Ersteres.

Kätherlein laße ich noch nachträglich herzlich Glück wünschen zu seinem gestrigen Namenstage d. h. wenn es sie noch annimmt. Meine Mutter kommt nächste Woche hinauf, aber nicht im Hemd. Ich gehe nächsten Monat oder im Januar nach Paris, als Musiklehrerin eine Stelle habe ich schon bei Graf Murat. Meine Adresse ist dann:

A. R.
per Gram a Loth e le va Murat???
Lo schemo???
a Paris N. 386

Bin ich erst einmal in Paris, weis ich dir mehr zu schreiben. Elise schreibe ich noch einmal bevor ich gehe. Also bis dahin Gott befohlen liebes Kind. Auf Ib. baldige Antwort hoffend grüßt und herzt dich innigst deine dich treu und ewig, innigst u. aufrichtig liebende Anna Die Liebe klebt wie Bärendreck

Man bringt sie nicht vom Herz hinweg
Gute Nacht, ins Guschi gehe ich jetzt u. denke an dich u. noch an vieles Andere u. was drum u. dran hängt.

Schreibe ja recht bald wieder od. ich erschieße mich mit Gansdreck, wir stopfen ja eine, da hab ich ja schon Gelegenheit.


Rastatt, den 29. 12. 1876

Meine theure Mary!

Schon ist wieder ein Jahr in dem Strom des Lebens dahingeflossen, wieviele freundliche, mitunter auch freudige Erinnerungen steigen vor unserem geistigen Auge empor, wenn wir uns das erlebte alte Jahr zurückrufen, nicht wahr liebe Mary, trübe Stunden zählt das verflossene Jahr keine oder doch nur sehr wenige, der liebe Gott wolle uns auch im neuen Jahr nicht mehr senden. Doch ich komme von meinem eigentlichen Thema ganz ab. Ich wollte dir ja Alles Liebe u. Gute von Herzen zum neuen Jahre senden. Du lieber Gott, füge es doch, daß die liebe Mary bald wieder einmal zu mir kommt, weist wir hätten ja miteinander so viel zu erzählen, was weist du ja schon.

Liebe Mary, ich will gar nicht viele Worte gebrauchen, meinen Neujahrs-Wunsch dir darzubringen, begnüge dich also mit den oben wenig erwähnten Worten.

Daß du diese Feiertage nicht kommst, habe ich zu meinem größten Leidwesen bemerkt, nun wie verliefen dieselben? Bei mir verliefen sie sehr ruhig. Was bekamst du zu Weihnachten? Ich bekam eine augenblendent, sinnverwirrent, herzerobernten Jacken. Mein ich bin schön d’rin, obwohl dieses noch Niemand zu mir gesagt, glaube ich’s doch.

Kränzchen besuchte ich diesen Winter erst ein einziges, nächsten Sonntag das zweite, o wärst du doch da, denke dir wie schön es währe, Tänzer gibt es genug, Beweis hirvon ist, das ich noch nicht ein mal sitzen bleiben mußte, ist doch gewiß viel gesagt, am Samstag ziehe ich mein schwarzes Kleid an, es ist sehr schön gemacht. Donnerwetter, wenn du nur bei mir wärst, mein ich wollte dir deine Grillen austreiben, durch Allerlei Schnurren u. Schnaggen u. Possen und Rosen u. s. W.

Neues Ib. Kind weis ich dir nicht viel. Kunz Fanny ist in Freiburg, als Ladenmädchen, warum sie von daheim fortging od. mußte, laßt sich leichter mündlich erzählen, als schriftlich.

Reichen habe ich (eigentlich: mich) nie eingeladen dieses Jahr, aber Vater haben sie schon eingeladen, so viel ich gehört, will ja Klara kommen, horche auch droben, sage du gehest auf Fastnacht herunter, ob sie nichts sagen zu dir, bitte aber nenne meinen Namen nicht. Ich weis jetzt also nicht kommt eine od. nicht, od. wann, od. wo, od. wie, hast gehört sage einmal so etwas droben, schreibe mir dann, was sie gesagt haben. Schreibe mir auch die nächsten Tage. Elise hätte ich auch geschrieben, aber da sie fort ist, finde ich es für unnöthig. Sage ihr ich laße sie grüßen u. s. w. Ob keine Aussichten hier sind fragst du mich, ha für dich gibts vielleicht schon, für mich ist’s wirklich nichts.

Liebe Mary schreibe mir auch recht bald u. auch viel geld! Ich freue mich auf die Fastnacht, sonst sage ich jetzt Nichts mehr. Grüße uns herzlich Onkel u. Kätherlein u. auch glückseliges Neujahr, hast’s gehört? Schreibe mir auch bald. Denke am Samstag um 8 Uhr jetzt geht sie auf’s Kränzlein.

Herzliche Grüße u. Küße nehme im Geiste entgegen von deiner A. R.

Wie viele Neujahrs-Karten werde ich noch bekommen 1 od. O thut nichts.

Wie viele erwartest du? 5 od. 11!


Xaver Reich
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint. (siehe oben)

Xaver Reich (Franz Xaver 01.08.1815-08.10.1881) und Josefa (1823-19.11.1900) Elsässer hatten 5 Kinder:

Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe
Maria Josefa Amalia (21.1.1848 verheiratet 08.03.1866 mit Karl Eschborn),
Mary (Amalia Maria Anastasia 23.09.1850-22.10.1939),
Klara (Klara Mathilde 27.11.1852-?),
Karl Guido (14.11.1858-?), ausgewandert in die USA
Amelie ( Amalia 25.12.1860-31.8.1955)

„Die Reichen“ war sicher auch so gemeint, da Xaver Reich es zu deutlichem Wohlstand geschafft hatte und seine Töchter von den Cousinen wohl etwas „abgehoben“ waren. Deswegen auch oben: „Wird J. R. das Mädchen heiraten? Ein Schlag für seine aristokratische Frau Mutter.„

Über Karl Guido Reich geboren am 14.11.1858 in Hüfingen, heiratet Josephine (Sophia) Kirchler geboren am 15.12.1864, gestorben in New Jersey am 24.10.1926. Auswanderung nach Amerika.
5 Kinder



Rastatt, den 4. 1. 1877

Erwählte, einzige Freundin meines Herzens!

Habe dir zu vermelden, daß den 21. d. M., also nächsten Samstag über 14 Tage, ein Maskenball ist u. gleich hernach einige Kränzchen, vielleicht ist vorher auch noch Etwas. Ich bin nun der Ansicht, daß du bis 21. kommen sollst, denn speziell nur der Fastnachtsvergnügungen wegen hierher zu kommen währe Thorheit, denn über Fastnacht ist rein gar nichts hier.

Richte es also so ein, daß du im Verlauf von 8 Tagen kommen kannst, dies liegt doch gewiß im Bereiche der Möglichkeit, aber nicht ausser den Grenzen deines Willens. – Von Reichen wird keines kommen, wenn Mary krank ist. Wie geht es ihr? Warum thun sie so geheimnisvoll mit ihrer Krankheit?

Schreibe mir sobald du kannst, ob du jetzt kommst, oder erst später, ich rathe dir komme jetzt.

Deinen weißen Schleier kannst du hier schon brauchen, sogar sehr gut. Meine geringe Persönlichkeit hat noch nie einen weißen Schleier getragen, wird auch keinen tragen, da dies zu nobel für mich wäre, schwarze Schleier habe ich auf dem Sonntags u. Werktagshute. Was ich zu Weihnachten bekam will ich dir zeigen wenn du in meinem Zimmer stehst. Ach Gott, wenn du auch in meinem Zimmer bist, welch köstlicher Spautz!

Schreibe mir doch auch gleich, zugleich wann du kommst, damit ich wischen kann u. Spinnbobeln weg thun kann u. was drum u. dran hängt. Herr Gott Salon!

Nehme auch viele und 1 helles Kleid mit. Boa u. Muff, Hut u. Schleier u. deine Uhr u. was drum und dran hängt. Schreibe mir also recht bald. On, wie, wann u. u. u. du kommst.

Tausend Grüße u. Güse empfangen im Geiste von deiner dich sehnlichsterwartenten A. R.

Jaso, meine Ib. Eltern danken ? für deine lieben u. gutgemeinten Glückwünsche u. ich danke a recht schön dafür. Gruß von Mammale u. sollischt au bald kumme.

Auf baldiges Wiedersehen.

Grüße an Onkel und Käthchen.


Rastatt, im Mai 1877.

Meine liebe Marie!
Wie ergeht es dir liebe Mary? Bist du immer gesund und munter? Was ist deine Hauptbeschätigung? Im Garten wirst du die goldene Zeit des Wonnemonats meist zubringen und die Kinder Floras hegen und pflegen, In dieser Arbeit beneide meist dich wirklich. Welche Wonn, welche beseligende Empfindung, in Gottes prachtvoller Natur beschäftigt zu sein, in diesem Monate, da ja alles grünt und blüht! O, Wonn!
O, seliger Genuß!

Nacht ihr keine Maientouren? Dieses Jahr macht ich noch nicht ein einzige, kam
ganz gewiß auch nicht dazu. Ist ?..

Mit wem macht Ihr diese diese gottvollen, seelen- und herzerquikenden Vergnügungen? Elise mit R. F. und mein Marichen mit J. St. den daß Ihr zwei Euch wieder gefunden, spüre ich in allen Gliedern, od. ists das nicht, ists sonst ebes intressantes mit dir. Nicht nur am Tage, sondern in der Träume Stille umkaugelt mich dein Ib. Bild. Schon oft wenn ich selig, allem menschlichen Treiben entrückt, in Morpheus Zauberarmen ruhte, riß mich ein Traumbild wieder in die Wirklichkeit zurück, was war es für ein Traumbild? Mir träumte: „Meine Mary sei soeben in Rastatts kugelfesten Mauern angekommen, ich bin ganz überselig, ich führe sie in unserer schönen Wohnung herum, ich gehe Arm in Arm mit ihr auf den Murgdamm bummeln u.s. w. auch kommt es oft vor daß ich dir eine Schüssel unterheben muß, warum, ha aus einem gewißen Grunde. Doch liebe Mary allen Scherz bei Seite, kein Tag vergeht an dem ich nicht fortwährend an dich denken muß. Doch soweit ich dich kenne, glaubst du mir dieses offene Bekenntniße nicht, u. es ist denoch so. Ach liebe Mary, warum kamst du nicht an Fastnacht? Warum nicht jetzt erst, o ich könnte rasend werden wenn ich daran denke, wie schön wie gottvoll hätten wir es auch da, in jeder Beziehung, warum mustest du auch noch einmal in jene mölankolische Wohnung kommen! Mir gruselt es eiskalt den Rücken herauf wenn ich an unsere erste Logis denke.

Meine einzige Freude und Ermunterung ist das Wohlbefinden meiner Ib. Eltern u. unsere schön unterhaltende Wohnung.
Zu erzählen hätte dir schon einiges, aber schreiben? nun dadurch würde ich deine Geduld einer zu harten Probe unterwerfen. Von Elise hätte ich dir auch einiges mitzutheilen, gewiß würdest du mir bei Ihrem Roman gerne zuhören.
Frl. Fanny Kunz ist auch wieder hier, hat einen Zahlaspiranten.

UI. kommt jede Woche einmal zu unseren Herren-Buben hinauf, ich gehe ihm jedesmal aus dem Wege, so gut ich kann, was ihm jedenfall sehr angenehm ist, er kam in eine unangenehme Geschichte hinein mit einem Offizier und zwar auf offener Straße, ich bin sehr begierig, wie das Ende abläuft, er zeigte es beim Direktor an.
Habt Ihr auch immer so unbeständige Witterung? Wirklich ist der Himmel wieder ganz mit Regenwolken angefüllt.
Morgen ist Fronleichnams-Fest.
Ach Gott! Selige Erinnerung aus meiner Kinderzeit! Wenn ich morgen nur einer Prozeßion beiwohnen könnte, wie du weist, haben die Rastatter diesen schonen ehrwürdigen Brauch abgehen laßen.
Denkst du auch an jenen Fronleichnams-Tag als du hier warst, weist wir machten morgens eine Maientour, von der wir im höchsten Grade Herzerweiterung bekamen.

liebe Mary ich habe eine junge, wilklich fabelhaft gescheidte, unglaublich schöne Katze, of wenn wir so allein beisammen sie ermüdent ihr Köpfchen auf meinen Schoß legt, erzähle ich ihr als von dir, und herzerweichend ?rührend anzusehen, laufen ihr als die hellen Thränen über ihre behaarten Wangen, besonders wenn ich als an die Stelle komme, wo wir an einem Sonntagnachmittage so sehnsuchtsvoll im Engel in Niederbühl im oberen Stocke umherschoßen.

Liebes Kind sind die erinnerungsreichen Momente bei dir bald herum? Bei mir gehen sie Gott-Straß erst recht an, Herr Gott Salon. Donnerwetter der Kerl.

Nicht wahr liebe Mary, du vergißest mich nicht, auch wenn du dich in deinem gewünschten Elisium befindest!

Wenn du nur halb soviel an mich denkst, wie ich an dich, dann bin ich befriedigd, dann bin ich’s zufrieden. Was macht auch Fritschi’s Schubladenzieher? Er komme nach Karlsruhe als Grenadier.

? ja schon wieder ein neues Kleid? Ich bekomme keines, ich veränderte mein vorigjähriges, ich macht selbst Bolenfransen daran, die kolossal schön sind, wenn ichs anziehe springt mir als immer unsere Katze nach, vor lauter Blesier, die sie an den Bollen hat, wenn dus nur sehen köntest, du wirdest gewiß heulen.

Bitte gute Mary, schreibe mir auch recht bald.

Viele Grüße von meiner Mutter

Herzliche Grüße und Küsse (im Geiste) von deiner dich liebenden Anna.


Rastatt, im August 1877

Meine liebe Mary!

Je länger ich zög’re einen Brief zu beantworten, desto schwerer finde ich einen Anfang dazu, wenn ich ihn endlich einmal beantworten will. Schon volle 10 M. sitze ich hier über Papier und Feder gebückt und suche und hasche nach einem, wenn nicht zischen, so doch ordentlich geschriebenen Anfangs-Satze. Und nun ich mit meinem, zwar nicht schmeichelhaften Bekenntniße den Anfang machte, ist mir geholfen. Ich will nun versuchen, was ich weiß nach einander dir Ib. Mary herzudiktiren.

Gesund und wohl verlaufen mir die Tage sehr ruhig und einsam. Ich bin immer zu Hause die ganze Woche, gehe regelmäßig, Montag, Donnerstag und Samstag auf den Wochenmarkt, kaufe da ein was notwendig ist u. gehe wieder nach Hause, da ich nie od. höchst selten eine von meinen Freundinnen dorten treffe, da dieselbe die Einkäufe durch ihre Leute besorgen laßen. Sonntag’s ist mein erster Ausgang in die Kirche, woselbst sich mein Gemüth u. meine Seele erhaben fühlt.

Trotz zwischen Elise und mir noch die alte Freundschaft besteht u. wir einander noch von Herzen gut sind, komme ich höchst selten zu ihr, voriges Jahr um diese Zeit verstrich kein Tag, das wir nicht beieinander waren, warum Ib. Mary, diese Frage ist sehr inhaltsschwer für Elisen auf ihr künftiges Glück od. Unglück wirkent. Wenn ich dir’s mündlich erzählen könnte –

Doch genug von diesem. Ludovica kommt auch selten, eben auch darum. Zu Späthen komme ich sehr wenig. Mary erzählte mir letzthin Sch. sei als Leutnant hier gewesen, also seit Fastnacht schon drei mal und ich habe ihn noch nie gesehen, sehne mich auch nicht mehr nach seiner holden Gestalt. ? ist nach dem er das Examen sehr gut bestanden am Freitag dem 9ten von hier fort. Er kam zu uns um mir adie zusagen, Mutter und ich waren allein zu Hause, Ib.

Mary, wie du weist ist es ja schon lange Zeit mit uns aus gewesen, aber als er kam, um mir Lebewohl zu sagen, fühlte ich, daß er mir noch nicht fremd ist. Stillschweigend und mit abgewandtem Gesicht streckte ich ihm meine Hand hin, ich hörte wie er mit ziternter Stimme sagte: Lebewohl: mehr sah und hörte ich nicht denn ich ging in mein Zimmer und ließ ihn stehn. Mutter sagte mir nachher er währe furchtbar aufgeregt gewesen, er habe ganz gebebt, weist lb. Mary, mir fällt nichts schwerer als ein Abschied u. nicht wahr ein Abschied ist hart, wenn man aber Abschied nimmt für’s Leben, das ist mehr als hart, dafür weis ich keinen Ausdruck. Er kommt nach Würzburg, woselbst er lustig studieren will bis er Amtmann ist, das dies ein Abschied für’s Leben war ist gewiß, denn er sagte zu Fr. Frank, mein Weg führt mich nicht mehr nach Rastatt, er sagte noch vieles zu Fr. Frank. könnte ich dir alles mündlich erzählen, gewiß du bliebst nicht unberührt davon – doch ab davon –

Die vorige Woche hatten wir Besuch von meiner Cousine von Geisingen, ich erfuhr viel Neues von dorten, mitunter sagte sie mir auch, du seist erst mit Fridolin und mit einem kleinen Mädchen (vielleicht Heinemanns Elise) in Geisingen gewesen, Fridolin und du seien ja Brautleute, o ja sagte ich, dieses ist mir nichts Neues, Mary nimmt keinen andern als Fridle.

Donnerwetter!

Wie sieht es auch in euerem Garten aus? Hat Onkel wieder viel Arbeit? Was macht Elise? Wie steht ihre Herzensangelegenheit? Verspührst du keine Herzerweiterungsanfälle mehr? Stein

Ich habe dieses Übel in kolosal starkem Quantum wirklich.

Liebe Mary ich komme wahrscheinlich die nächste Woche ins Oberland, werde aber in Donaueschingen nicht aussteigen, sondern direkt nach Hattingen fahren, woselbst ich einen kranken Schatz besuchen werde. Wenn ich nicht in’s Oberland komme, gehe ich nach Kutzbrunn. – Denke dir Gott-Straß Kunz Fanny ihr Schatz hat sich eine Ader geöffnet, warum er dieses gethan weis ich nicht. Wie geht es Herrn St.?

Was ich zu meinem Namenstage bekam ist folgendes: 2 ? , 2 paar schöne Glacehandschuhe, von Elise ein prachtvolles seidenes Hemd, wie beiliegendes Müsterchen zeigt, weiter 1 ? u. noch viel Gratulationskarten. Doch würde ich meinen vorigjährigen Namenstag dem diesjährigen vorziehen – Grüße mir alle deine Freundinnen Mary, Elise und Stanni u. Babete u. s. W. s‘Kätherli grüß mir ganz besonders und morgen komme ich ? Dialekt – Scherz

Bitte sei do gut und schreibe mir so bald dir’s möglich ist u. recht viel.

Sei herzlich gegrüßt von deiner dich aufrichtig und treu liebenden

Cousine Anna

Herrn Förderer sehe ich jeden Tag, schade das du mich nicht bist.
Emil ist in Hagenau auf 6 Wochen


Rastatt, im Dez. 1877

Meine theure Cousine!

Du hattest ganz recht als du schriebst, ich wäre dir schon lange Antwort schuldig, obwohl ich mich dieser Nachlässigkeit selbst anklagte, finde ich doch ein Wort der Entschuldigung, indem ich immer dachte, mein Mariechen hat jetzt wieder andere Sachen zu denken und zu sinnieren als an seine Rastatter Cousine zu schreiben, und ihre interssantlosen Briefe zu lesen.

Um so mehr freute es mich deswegen daß du trotzdem doch noch Briefe von mir verlangst, die Folgerung hiervon muß sein, das du doch noch ein klein wenig an mich denkst.

Aber Ib. Kind was habe ich Elise geschrieben? Über welchen Punkt soll ich dir Aufschluß gegeben? Was Ihr für zwei Tropfen seid ist mir unerklärlich, du schreibst nicht von Ihr, und Sie nicht von dir u. trotzdem weiß ich doch Alles von Euch beiden.

Warum hast du mir nicht einmal schreiben mögen, daß Elise in Karlsruhe war u. warum hat sie nicht aussteigen mögen hier, du bist schuld, du wirdt zu ihr gesagt haben, a was du brauchst nicht zu dieser, kannst zu Elise sagen ich habe vor Zorn geweint, als ich erfuhr, daß sie noch nicht einmal so viel Takt habe, wenn sie hier durchfährt u. mich noch nicht einmal besucht, eine Schande ist es. O wer weiß ob du nicht auch schon hier durchgefahren bist, ohne mich zu besuchen, wer weiß wer Natürlich seitdem man wieder in Besitz ist von Herrn St. Photographie denkt man nicht darüber hinaus, ja jener Ball, war halt doch günstig, halt so, für Elise soll er auch sehr günstig gewesen sein, habe ich gehört. War Frl. Kleinler Mary nicht dort?

Bitte richte einen Gruß aus, von meiner Cousine Auguste an oben genanntes Frl. sie lernten sich in Freiburg kennen. Am Sonntag war ich auf einem Kränzchen woselbst es mir so ordentlich gefiel…

(schwer leserlich)

An Weihnachten komme ich sehr wahrscheinlich ins Oberland, da ich mit meiner Cousine Auguste muß, vielleicht komme ich auch auf einen Tag nach Hüfingen. Ich freue mich ? bis ich dich wiedersehe und mit dem Glauben komme, du hast mir gewiß vieles zu erzählen, trag es immer zu Herrn St. er dürfe mich nicht mehr ?

?

Auch bin ich nicht im Stande heute einen ordentlichen Brief zu schreiben.

Grüße von uns allen besonders von deiner dich von Herzen liebenden Cousine

Anna.

Baldige Antwort.
Ich bin geistig und körperlich phlegmatisch


ohne Datum

Meine liebe Marie, du must mir glauben, das ich oft nicht mehr weiß, was ich thue, ach du bist glücklich zu schätzen gegen mir, allerdings haben dich die Ereigniße letzerer Zeit auch arg angegriffen, aber dir nur Zorn bereitet, den man eher vergesßen kann, als ein verlorenes nie mehr ersetzendes Lebensglück, wie das Meine, doch ich will enden davon u. nie mehr seiner erwähnen, aber glaube mir, wenn ich mir den Zwang auch anthue heiter zu scheinen, es ist nur eine Maske, hinter der ein Herz schlägt, das nichts mehr von Fröhlichkeit u. Vergnügen wißen kann.

Ich will dir nur einiges von meiner Geistesabwesenheit mitteilen. Vorgestern habe ich anstatt das Kaffemehl Eimerweiß in den Kaffe geschüttet, was es für eine Brühe war, kannst dir denken, gestern morgen hat Mutter Bohnen abgethan u. zu mir gesagt wenn sie weich sind thust’s raus, hast’s gehört, ja sagte ich als sie fort war wußte ich Nichts mehr davon, ich nahm in Gedanken den Kessel samt den Bohnen u. schüttete sie den Schüttstein ab, in der Meinung es sei nur Wasser, was Mutter dazu sagte will ich verschweigen, sie fragt alts mich nimmts nur Wunder an was du auch denkst, ja denke ich als ich weiß an was.

Bitte schreibe bald wieder, sei unterdeßen herzlich geküßt u. gegrüßt von deiner auf dich trauenden Anna.


Maria Heinemann (23.12.1857-19.05.1948)
Marie 1878
Marie gemalt von ihrem Taufpaten Josef Heinemann.

Maria Josepha Nober, geborene Heinemann in der Hauptstr. 5


Margareta Stoffler aus Geisingen war die Frau von Lucian Reich und Mutter der einzigen Tochter Anna. Sie starb am 16.September 1880. – siehe auch die Briefe von Lucian Reich an seinen Schwager J.N. Heinemann.

Marie Heinemann war die einzige Tochter von “Lisette” Reich. Die Schwester von Lucian Reich Elisabeth Heinemann (15.12.1819 – 22.06.1871) .


Rastatt, den 18ten Okt. 1880

Meine liebe Marie!

Verzeihe wenn ich dich so lange auf einen Brief warten ließe, jeden Tag nahm ich mir vor, dir zu schreiben, kam aber nie dazu, warum? ich weis es selbst nicht. Ich bin noch nie ruhig und gefaßt zur Überlegung, ich weis nicht gut Marie was ich dir über meinen frühern Plan und Wunsch weiter schreiben soll, oft hab ich Stunden in denen ich dich liebe Marie so sehnsüchtig herbei wünsche, ? sehnlicher als wenn ich allein am Grabe, auf dem Flecken Erde stehe, daß mein Alles, Alles birgt, o Mutter, o Mutter; glaubst du ich störe ihre Ruhe wenn ich sie oft besuche mit ihr spreche u. um sie weine?

Dann habe ich aber auch wieder Stunden in denen ich Niemand um mich haben möchte, einsam dem Schmerze nachhängen ist zu Zeiten lindernd. Sei mir nicht böse, ich kann ja nicht dafür.

Daß es sehr einsam, traurig bei uns ist wirst du begreiflich finden, ich möchte zu Niemand gehen, am Grabe meiner Mutter fühle ich mich am wohlsten. O, ich komme oft nicht über den Gedanken hinaus, keine Mutter mehr; fort ohne Abschied u. wir sehen uns doch so lange nicht mehr, todt, todt ist sie, sie gibt mir keine Antwort mehr wenn ich am Grabe bei ihr stehe, u. mit ihr spreche, sie plauderte als doch so viel und so gerne mit mir, besonders das letzte Jahr; den Sommer 1880 vergeße ich nie, o Gott was ist das Leben, ein eitler Traum, alles vergänglich, nichts bleibt, als die Verdienste um den Himmel, u. wie saumselig, nachlässig ist man um dies.

Gott hilf mir, stehe du mir bei, führe mich bald zu meiner Mutter, hole mich dahin zu ihr, wo es keine Trennung mehr gibt.

Könntest du liebe Marie nicht über Allerseelen kommen, o bitte wenn möglich, laße mich die erste Allerseelen nicht allein an ihrem Grabe stehen, ich weiß das Grab deiner eigenen Mutter hält dich zurück, aber bei dir ist’s nicht der erste Allerseelentag, komme also wenn möglich über Allerseelen, wenn du nicht kommen kannst oder willst, wenn ich diese Tage allein sein muß, will ich’s die anderen auch sein, Gott unser gerechter Gott wird mir beistehen, mich nicht verlaßen.

Mit größtem Bedauern erhielten wir die traurige Nachricht von Onkel und Berthold’s Erkrankung, wie geht es ihnen? Ist auch eine schwere Heimsuchung Gottes, doch es kommt von Gott, der Mensch muß sich fügen. Herzliche Besserung wünschen wir für beide. Onkel hat einen Schachteldeckel zurückgelassen, er schrieb kürzlich darum, wenn du kommst, kannst du ihn mit nehmen, andern Fall schicken wir ihn per Post, nicht wahr, nächstens erhalte ich Bericht von dir, und zwar ganz bestimmt ob und wann du kommst. Herzliche Grüße an die Familie Reich, nochmals von Herzen gute Besserung für die Kranken,

Amelie habe ich auch geschrieben, was weiß ich nicht mehr, ich bin so vergeßlich.

Auf baldiges Wiedersehen, sage ich zuversichtlich liebe Marie!
Gruß an Onkel u. Kätherli von Vater und deiner trauernden Anna

Heute erhielten wir von Karlsruhe die Nachricht, daß Alssermanns Mathild ein Mädchen hat.
Schreibst du mir bald?

Gruß und Kuß von deiner Anna.


Rastatt, im Dez. 1880

Meine liebe Marie!

Ganz einsam sitze ich am Tische, um bei dem trüben Lichte der Lampe an Dich zu schreiben. Ich weiß nicht liebe Marie ist das Licht trüber wie sonst, od. sind’s meine Augen, es ist alles so trübe, so ganz anderst, meine Mutter hat so vieles mit genommen, gute Mutter hörst du mich nicht mehr? Niemand hab ich mehr, mit dem ich von Herzen reden kann, o ich hätte meiner Mutter so vieles zu sagen, aber ich finde sie nicht mehr, sie ist fort, liebe Marie zwei schwarze Männer trugen sie hinab, das sah ich u. mehr nicht. Nach einigen Tagen führten sie mich auf den Gottesacker, an einen frisch aufgeworfenen Grabeshügel, sie sagten nicht hier unten ruht sie, mein Herz sagte es mir, hier unten in Gottes Erde liegt sie kalt und unbeweglich, o theurer Flecken Erde, es ist so ruhig dort oben, wenn ich am Grabe meiner Mutter stehe ist mir immer als hörte ich sie sagen, weine nicht, blick aufwärts suche Trost bei dem der Vater aller Waisen ist, u. gewiß liebe Marie Menschen mit ihren leeren Worten haben mir noch ein Trost, noch ein Beruhigung gegeben, nur der, auf den ich meine ganze Hoffnung setzte, Gott der Barmherzige erbarmt sich meiner, er gibt mir Trost, o wie wäre jetzt mein Leben, ich müßte ja verzweifeln, wenn nicht ein guter Gott sich meiner annehmen.

Wie thöricht ist der Mensch der nur nach Zeitlichem, nach Unbeständigem jagt u. ringt, was ist eigentlich das Leben? Wie schnell ist’s dahin, wie bald wird die Zeit da sein wo auch mich schwarze Männer hinab tragen um mich der kühlen Erde zu übergeben, wenn ich nur neben meine Mutter käme, wirst du auch meinem Sarge folgen? Wird auch jemand um mich weinen?

O, Gott sei mir gnädig!

Wäre das Unmögliche möglich, könnte ich meine vergangenen Jahre nochmals durchleben, wie vieles würde ich anderst machen, wie vieles mit anderen Gedanken beginnen, Gott nur du verstehst mich, nur zu dir kann ich reden.
Es ist mir Alles wie ein Traum, meine Mutter ist mir wie eine Traumgestalt, du Ib.

Marie u. Alle die mir einst so lieb und theuer waren, Alle mit denen ich so gerne verkehrte, es ist mir als träumte ich immer fort, seit dem Tode meiner lieben Mutter, Mutter o Mutter!

Weihnachten ist vorbei, stille doch mit Gottes Hilfe nicht so traurig wie ich fürchtete sind die Feiertage bei mir herumgegangen. Bei dir liebe Marie? Wann werde ich dich wohl wieder sehen? O ein trauriges Wiedersehen wird es sein, nicht wie früher.

Vielleicht kommen wir im Sommer hinauf, Vater meint es wäre besser für mich, ich glaube nicht, ich kann doch nicht so weit vom Grabe meiner Mutter, gestern Abend spät war ich auch bei ihr, ich fürchte mich Nachts nicht mehr auf dem Friedhofe, ich bin ja bei meiner Mutter, was soll ich fürchten, schaudrig sei es Abends droben sagen die Leute zu mir, was mir einfalle, o ich find nicht.

Liebe, gute Marie so gerne würde ich dich wieder sehen, ach so gerne, und doch fürchte ich mich vor unserem ersten Wiedersehen, ich weiß nicht wie es noch kommt, o Mutter, liebe gute Mutter.

Vater ist gesund, Gott sei Dank, er ist recht zu bedauern, er hatt’s recht langweilig, langweilig find ich’s nur, wenn ich mit jemand reden soll, ich bin am liebsten allein.
Bitte recht bald zu schreiben gute Marie. Grüße uns recht herzlich d. Ib. Vater u. Kätherlie, das mir auch wie eine Nebelgestalt vorkommt, du auch, alle Bekannten.

Baldiger Antwort entgegensehend küßt und grüßt dich herzlich deine

Anna.

Reich’s schreiben uns nicht


Am 19.September 1881 heiratete Maria Josepha Heinemann den Kaufmann Joh. Karl Nober (11.04.1850-11.12.1920)

Marie Heinemann und Joh. Karl Nober. (Aufnahme nach der Hochzeit)

Im August 1881

(„laut Poststempel, der Brief selbst ist nicht datiert„)

Liebe gute Marie!

Hälst du deinen Vorwurf gegen mich noch aufrecht, wenn ich dir sage daß ich für die damalige Zeit unzurechnungsfähig war? Sieh‘ Ib. Marie ich weiß damals habe ich oft Briefe geschrieben, daß was sie enthielten jedoch weis ich nicht. Der Todt m. guten Mutter hatte mir doch so sehr zugesetzt dass ich lange Zeit für nichts mehr verantwortlich gemacht werden konnte. Wenn man der Sache nachspüren wollte liegt vielleicht in deinem Vorwurfe blos eine Beschönigung od. Deckmäntelchen für deine eigene Sünde, gelt du hast eingesehen dass du mich trotz Brautstandes zu sehr vernachlässigt hast, gelt es grübelt dir? Natürlich war meine Ib. Marie zu stolz um dies‘ zu gestehn gelt so ist’s?

Das ich dir nie zürnen kann, davon hättest du dich nach geringer Mühe schon längst überzeugen können.

Bei deiner Einladung magst du vielleicht richtig vorausgesetzt haben, daß ich derselben nicht nachkommen kann, denn wie du weist ist ja im Sept. u. zwar Mitte Sept. der Todtes-Tag v. m. seligen Mutter, ich bin mit Gottes Gnade ruhiger geworden, aber September ist u. bleibt für mich ein traurig stimmender Monat. Wie könnte ich in dieser Zeit an einer Hochzeit Theil nehmen, meine gute Marie, dies ginge über meine Kräfte.

Vater meinte auch ich habe schon früher sollen nach Geisingen u. einige Tage nach Hüfingen, aber ich kann nicht ich bin an Rastatt gefesselt, es hält mich mächtig zurück

Ach Ib. Marie es kam so ganz anders als wir’s uns zusammen ausgemalt haben, wenn man uns damals gesagt hätte, ich wäre an deinem Hochzeitstage nicht zugegen was hätten wir auch geantwortet? Im Geiste Ib. gute Marie bin ich bei dir, an diesem so ernsten, wichtigen Tage, ich will beten für dich.

Das du mir den Tag bestimmtst ist selbstverständlich. Am Ende führt Euch Eure Hochzeitsreise nach Rastatt? Wie wäre das? Bitte lege dies dem Herrn Bräutigam vor, o Ib. Marie komme ja ja! Erfülle mir doch eine Bitte in d. Leben kommet.

Elise kann ich nur von Herzen bedauern.
Gottes Segen gute Marie zu deinem Vorhaben, vergeße nicht zu beten.
Wie gerne ich mit dir plaudern möchte kann ich dir nicht beschreiben. Kommt ihr?

Herzliche Grüße an Alle von Vater und deiner dich treu liebenden

Anna

an den Rändern:
Wann schreibst du mir wieder? Nächstes Jahr um diese Zeit? Na gibt’s eine Fehde?
Kommt ihr? Ich sehe Euch schon im Geiste.
Eine Empfehlung an den Herrn Bräutigam

Akte über die Anlage auf dem Rotrain aus 1820 bis 1845. Geschichte der Freunde der Natur Hüfingen.

18. Dezember 2025

Im Landesarchiv in Freiburg liegt die Akte Rotrain Staatsarchiv StAF B 695/1 Nr. 731. In dieser Akte wird der Beginn und der Zweck des Vereins der Freunde der Natur Hüfingen vor 200 Jahren beschrieben. Die Akte umfasst etwa 140 Seiten und beschreibt die Aktivitäten von 1820 bis nach dem langsamen aussterben 1845 als der Hüfinger Gesangsverein noch ein letztes Mal die Bänke und Tische hat herrichten lassen. Seit der Revolution wurde die Anlage dann sich selbst überlassen.

Die Freunde der Natur – des Nützlichen und Schönen waren von Beginn an eine basisdemokratische Gesellschaft. Es wurde alles transparent abgestimmt und offengelegt, auch gab es keine Mitgliederbeiträge sondern nur freiwillige, projektbezogene Spenden und freiwillige Arbeit. Die Freunde der Natur Hüfingen e.V. stehen in guter Tradition der alten ehrwürdigen Gesellschaft. Auch heute gibt es sehr viele Unterstützer die ihre Beiträge leisten, sowohl finanziell, ideell als auch durch freiwillige Arbeit – jenseits des modernen Vereinsrechts, das einen jährlichen Mitgliedsbeitrag und auch Mitgliederlisten verlangt.

Großherzogliches Badisches Fürstlich Fürstenbergisches
Bezirksamt Hüfingen
Verwaltungssachen

Ort: Hüfingen
Anlage Verschönerung
Rubric: Genannte Anstalten
In Sachen
Der Verschönerung einer Anlage auf dem rothen Rain
Jahr 1820-1845

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820 StAF B 695/1 Nr. 731

1.  Urkunde von 1820 über Entstehung den Anlage

Zu Hüfingen
die Herstellung der Anlage auf dem rothen Rain von 1820 bis 1830

Akten Verzeichniß

  • 1.  Urkunde von 1820 über Entstehung den Anlage
  • 2. Protokoll von 1821 über deren Zerstörung
  • 3. Prokoll von 1821 über Auffoderung der Bürgerschaft zur Entdeckung der Frevler
  • 4. a.c. Pasquille von 1821 über die vermeintlichen Thäter
  • 5. belegte Rechnung von 1821 über die Herstellung des Steges
  • 6. Protokoll von 1828 die Herstellung des Forstweges vom Steg in die Anlage
  • 7.  Plan zu einem Portal in die Anlage
  • 8. Rechnung über baare Einnahmen und Ausgaben für die Anlage von 1820 bis 1830 gestellt

von dem nun pensionierten Hofrath und Obaramtmann Baur
ano 1834.

Epitaph der Familie des Hofraths und Oberamtmanns Anton Baur in der St. Leonhardskapelle in Hüfingen aus dem Jahr 1809.

Anton Baur Fürstlich Fürstenbergischer Hofrat und Obervogt, Großherzoglicher Badischer Hofrat und Oberamtmann. Geboren am 24.06.1769 in Gegenbach gestorben am 24.04.1841 in Donaueschingen.

Er war verheiratet mit Magdalena Schmider (6.11.1778-13.07.1807)

Das Paar hatte eine überlebende Tochter: Magdalena Baur. Sie heiratete am 24.04.1826 Karl Dominik Mangold, den Badischen Salinen-Kassierer in Dürrheim.

Eine Anlage auf dem rothen Rein einer Stadt Waldung von Nadelholz im Schoosen Öschle der berühmte Tonkünstler und Sänger Nepomuk Schelble, wirklicher Director des Musikvereins zu Frankfurth am Mayn, veranlaßte während seines kurzen aber uns unvergeßlichen Sommer Aufenthaltes in seiner Geburts und Vaterstadt dahier diese neue Anlagen dadurch, daß er den rothen Rein zu seinem Lieblings Standpunkt erwählte, wo ein grosser Theil unseres Schönen flachen Hochlandes zu übersehen ist.
Ein hier öfter in freundschaftlichem Zirkel um diesen Künstler versammelten Anverwandten Korrektions Haus Verwalter Schelble, dessen Vater
(Vater von Johann Nepomuk Schelble), und Oberlehrer Reich (Luzian Reich, verheiratet mit Josefa Schelble), dessen Schwager wollten das Angedenken an den geliebten nun in Rückerinnerung zu dessen vollen Genus der Gast in der freyen Natur dadurch fortan erhalten daß sie gemeinschaftlich mit dem ersten Amtsactuar Guttenberg und dem zweyten Gleichauf auch mit noch mitgenommen werthen Bürgern zuerst das Rondell auf der östlichen Spitze des Berges mit einem angenehmen Wege dahin herstellten.

worunter Xaver Schreiner sich ausgezeichneten

Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837), Lithografie von Heinrich Ott. Foto: Frankfurt am Main: Stadt- und Univ.-Bibliothek
Das Leben und wirken von Johann Nepomuk Schelble wird von seinem Neffen Lucian Reich in den Wanderblühten beschrieben: https://hieronymus-online.de/wanderbluhten-johann-nepomuk-schelble-2/
Foto von Luzian Reich senior (07.01.1787-18.12.1866)
und
Josefa Schelble (18.03.1788-12.11.1866)
Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) gemalt von Luzian Reich (senior) ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829. Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und Josefa Schelble.

Diese erste der Anlagen war noch nicht ganz vollendet, so folgten diesem Beyspiel schon mehrern von Freunden der lieben Natur, und so entstand gleich die zweyte Anlage rechts auf einer Ruine vom Rentamts Controlleur Hasenfratz dahier. Ihm folgte der Bezirks Baumeister Dief durch Anlegung eines Weges gleich unter dem erstgenannten Rondel rechts an der Nordwestlichen Seite des Berges durch eine Bergschlucht, von da abwärts diernist Hisele auch einen Wege am Berge her einleitete. Zur eigenen, und zur Beqnümlichkeit derjenigen, welche ohne vörgerliche Anstrengung den Gipfel erreichen wollen, suchte diese der Unterzeichneten dahin auf dem hergestellten Wege Nordwestlich am Berge zu führen welchen, wo dem neuen Steinbruch mit Hülfen aller ein Pendel gleich denn vorderen angelegt wurde.

Höllenstein=Hölenstein=Höllstein=Höhlenstein (seit über 200 Jahren unterschiedlich geschrieben); Römerbad = römische Alterthümer; Schosen = Schoßen; Rotrain=rother Rain; Hammeltal beginnt südlich vom Römerbad; den Galgen hatte Luzian Reich senior etwa zur selben Zeit zusammen mit Bürgermeister Josef Burkhard vom Berg geworfen (siehe Denkbuch)

Alle diese Anlagen geschahen vom August dieses Jahrs in wenigen Wochen ganz freywillig von Natur Freunden mit wirklich erstaunungs würdiger Anstrengung, die nur von Begeisterung für das Schöne zu erwarten ist.
So Erstaunlich auch diese neuen Werke wären, so würde doch das Angenehme durch den Anblick der fürchterlich und gefährlichen Ruine des alten Steinbruches Südlich verbittert. Der Unterzeichnete wagte das Unternehmen auch diese Ruine in eine gefahrlose so viel möglich angenehme Anlage zu verwandlen und er bedürfte der Mitwirkung aller Vaterfreunden, um durch den Abgrund zu gangbare Wege zu leiten, zu diesem Ende die dem Einsturz drohenden Felsen abzutragen und dadurch die Abgründe auszufüllen, was unseren schwachen Kräften anfangs übersteigend erachtet wurde, ward durch stets vermehrte Anstrengung hergestellt und in Krone dazu eine Kapelle mit der hölzernen Statue des heiligen Johannes in der Wüste auf dem Giebel errichtet, in deren Grundstein gegenwärtige Urkunde in einem Stein und in einer blechernen Büchse verwahrt liegen solle, zum Angedenken über die Veranlassung und Entstehung dieser Anlagen, deren Fortsetzung durch die von Natur zu schönen Anlagen geeignete Waldung vom Sinne unserer Mitbürger fürs Schöne und Angenehme zu erwarten, ist. 
Hüfingen den 10 ten October 1820
Anton Baur
Hofrath und Oberamtman

Der Weg der durch den alten Steinbruch nach oben führt.
Der Weg führte zur Kapelle mit einer Statue des heiligen Johannes in der Wüste auf dem Giebel.

Die Ruhe im Tempel der Natur besänftiget die Stürme des Gemüts

Das Waldhisli wurde vermutlich auf das Fundament der Johannishütte (Johannes Kapelle) gebaut.
Das Waldhisli etwa 1950
Alter Stein vom Fundament
Bild aus der Hüfinger Chronik mit dem Brunnen
Die Statue des Johannes auf einem Brunnen in Hüfingen. Vielleicht war es der Johannes von der Kapelle. Foto: 1886 vermutlich Nepomuk Heinemann

>„Die Ruhe im Tempel der Natur besänftiget die Stürme des Gemüts“ wie die Inschrift an der „Johannishütte“ in den gemeinsam von Bürgern und Beamten geschaffenen „Anlagen“ im nahen Tannengewälde des „Rotenraines“ lautete, konnte als Motto für die 20ger Jahre gelten. Es war recht eigentlich die Zeit der Gartenhäuschen, Ruhebänke und idyllischen Plätzchen, verbunden mit Freundschaft und Geselligkeit.<
von Lucian Reich im Denkbuch 1896

2. Protokoll von 1821 über deren Zerstörung

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820 StAF B 695/1 Nr. 731

Actum
Hüfingen den 10ten März 1821.

In Gegenwart sey zu dieser Verhandlung vom Großherzogl. Bezirkamt Hüfingen Speciel commitierten Actuers Guttenberg.

N. 2905. et. 6.
Nachdem vor einigen Tagen allgemein das Gerücht sich verbreitet hat, daß in der, im vorigen Herbst von einigen Freunden der Natur neu errichteten Anlage dahier, bereits alle Bäume umgehauen worden, so wurde der im Fragentia benannte vom Großherzoglichen Bezirksamt beauftragt, unter Bezug des Bürgermeisters Neukum, Rathsfreunden Burkard, und Heinmanns einen Augenschein vorzunehmen, und den Erfund nach vorgenommener genauer Prüfung anzuzeigen.
In dessen Folge begab man sich heute Mittags um 1 Uhr mit Bürgermeister Neukum und den erwähnten Rathsfreunden Burkard und Heinemann in die Anlage wo folgendes gefunden wurde.


In der Chronik von August Vetter aus 1984 steht, dass früher den Schultheißen ein Stabhalter zur Seite stand. Seit dem frühen 18. Jahrhundert, gab es dann nur noch Bürgermeister. Ihm oblag die Verwaltung des Stadtsäckels. Der Bürgermeister hatte also keinen Stabhalter mehr und wurde von den Bürgern gewählt. Von 1809-1826 lässt sich kein Name in der Chronik ausmachen wer Bürgermeister war. Laut dieser Akte war es aber Bürgermeister Neukum. Ob es der selbe Neukum war, wie der in der Chronik steht, Johann Baptist Neukum, lässt sich nicht feststellen, da im Sippenbuch nichts über Neukum steht. 1854-1863 war auch wieder ein Neukum Bürgermeister, vermutlich der Sohn von Johann Baptist, von daher gehe ich davon aus, dass Hüfingen drei verschiedene Bürgermeister Neukum hatte.

Folgende Bürgermeister stehen in der Chronik:
1803-1809: Xaver Stuckle
1826–1831: Josef Burkhard, Sonnenwirt
1831–1837: Johann Baptist Neukum
1837–1840: Fidel Ganter
1840–1848: Josef Hug

Litographie von Josef Burkhard dem Hüfinger Bürgermeister im frühen 19. Jahrhundert.
Litographie von Josef Burkhard aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
Litographie von Johann Baptist Neukum aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
Litographie von Josef Hug aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.

In der Akte ist von 1820-1840 Bürgermeister Neukum genannt, später kommt dann Bürgermeister Burkhard hinzu. Josef Burkhard (06.03.1772-12.11.1855) – Gastwirt zur Sonne, Metzger, Bierbrauer und Bürgermeister von 1826–1831 steht im Sippenbuch. Bürgermilitäroffizir J. Burkhard schreibt in der Chronik 1806 eine Proklamation an die Hüfinger Bürger. Vermutlich ist das Amt des Bürgermeisters in den Kriegswirren (Frankreich- bzw. Russlandfeldzug) etwas untergegangen. Zu Neukum gibt es leider gar nichts im Sippenbauch. Vielleicht war er oder sein Vater vor Bürgermeister Burkhard Bürgermeister. 1833 werden auf jeden Fall beide als Bürgermeister genannt, Neukum und Burkhard. Von Fidel Ganter ist nirgendwo die Rede, weder in der Akte noch in der Bürgermeistermappe. Er ist im Sippenbuch auch nicht als Bürgermeister, sondern als Gastwirt zur Krone (Fidel Ganter *um 1780-3.10.1853).


Gleich beym Eintritt in die Anlage in dem ovalen Zirkel fand man von den gefället befindlichen Balsampappeln im ganzen – 15. Stück und von den Vogelbeerbäumen ebenfalls 15. Stück theils ganz abgeschnitten, theilen abgesägt, und bemerkten zugleich daß mehrere Hiebe in die Baumstecken fiehlen wodurch zwey von allen Bäumer unbeschädiget blieben. Im Verlaufe der Untersuchung zeigte sich, daß an der mit Stein gemauerten Wand bey der Kapelle Steine ausgebrochen, welches sichbar mit Gewalt geschehen. Als man von dar weiter aufwärts in die stierfache aller Lücken vom vordern Rondel kam, war der Anblick schmerzlich; wie der alles verheerende Hagel einen schauerlichen Anblick der Fluren gewahrt, eben so verwüstet lagen die schönen Bäume von Menschen niedergehauen zu Boden. Die Hiebe wurden die meister linken andere aber rechts geführt, und die Spuren der Fußtritte verraten große Männer. Diese schändliche Handlung ist beispiellos.

Von den Vogelbeerbäumen auf diesem Platze sind 26 Stück von den Kanatensischen Pappeln 19, Balsampappeln 33, Silberpappeln 10, welche alle schon gesetzt, mit Stecken versehen, und bereits getrieben haben, ganz ruinniert, und ebenso nämliche Schicksal traf auch die zum Nachsetzen vorbehaltene, einzugrabenden Bäumen.
Von den Kanntensichen Pappeln wurden niedergehauen 52 Stück, von den Silberpappeln 24 Stück und von den Balsampappeln 18 Stück. Dann der in der Mitte dieser Alleen befindliche schöne große Birnbaum wurde bis bereits auf die Hälfte eingsägt. In der geraden Allee oben gegen den Platz sogenannten Musikanten, wurden auch noch drey Balsampappeln ein Opfer der Verwüstung. Unbeschädiget blieben im ganzen mehr nicht als 48 Stück.
Zur genauere Übersicht der gesamten Verwürstungen aller Baumgattungen folgt nun die Zusammenstellung derselben an Balsampappeln 69 Stück, Vogelbeerbäume 41 Stück, Kanatensischen Pappel  71 Stück, Silberpappeln 34 Stück, Birnbäume 1 Stück. Zusammen 216 Stück.
Hierauf folgt nunmehr die von obangeführten Urkunden Personen nach ihren schon aufgezeichneten Plänen entworfene Berichtung der Beschädigungen.

Sie brachten in Ansatz 
für 66 Stück Balsampappeln a 154  – 16f30r.
für 41 Stück Vogelbeerbäume a 182 – 10 f 15.
für 71 Stück  Kanatensische Pappeln a 18 – 17. f. 45.
für 36 Stück Silberpappeln a 15 – 8. f 30.
3 Stück weitere Balsampappele a 15 – 45.
1 Stück Birnbaum – 30.
216 Stück –  54 f 154.

Hierzu die Auslagen wegen Beyfahrt der Bäume.

Für 2 jährige Vogelbeerbäume von Gutmadingen, a 1 f45 – 3 f 30
Für 2 jährige Pappeln von Allmentshofen a 1 – 2 f
Taglöhne für 2 Knechte a 24r des Tage für jeden in zwey mahlen – 1 f 36
Für das Löcher graben, einpflanzen und Binden der Bäume, die Pfähle herführen und diese setzen. Das Stück zu 8 40 für 216 Stück -28 f 48
Dann für die Wiederausbesserung der ruinierten Mauer dem Mauer einen Taglohen 48. Zusammen 90 F 57 R Sampat: 90 f 5 7r
für gegenwärtige Untersuchung:
Seit dem in praesenten Benannten pro 1/2 Tag Diät dem Bürgermeister 30n dem Rathsfreund Burkhard 20, Heinemann 20. summa 93 f 7

Die Richtigkeit der vorstehenden bekräftiget durch eigenhändige Unterschrift
Actuar Guttenberg
Neukum Bürgermeister
H. Burkhard Rathesfreund
Heinemann Rathsfreund


Die fürstenbergische Regierung wollte die Obstbaumzucht in der Baar voran treiben. So sollten Baumschulen an den kältesten und rauhesten Stellen auf magerem Boden angelegt werden. Oberamtmann Anton Baur, Oberlehrer Luzian Reich und Stadtrat Josef Burkhard (später Bürgermeister) setzten sich hier besonders ein. Auch sollte eine Allee zur Baumschule entstehen. Diese Allee wurde mit 400 Pappeln bepflanzt, die vom Fürsten Karl Egon von Fürstenberg gestiftet wurden. Er übernahm auch den größten Teil der Kosten für den Steg vom Höllenstein zu den römischen Altertümern, der dort über die Breg führte und dessen Bau weiter unten erläutert wird. (Nach der Chronik von August Vetter 1984)

Ein alter Briefkopf zeigt Hüfingen etwa 1840 mit den Pappelpflanzungen und der Anlage am Rotrain.

3. Prokoll von 1821 über Auffoderung der Bürgerschaft zur Entdeckung der Frevler

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820 StAF B 695/1 Nr. 731

Actum
Hüfingen den 14. März 1821
In Gegenwart des Hofraths und Oberamtmans Baur Acluante Guttenberg betreffend R. N3077. et. 8.

Die Zerstörung der neuen Anlage auf rothen Rain.

Am letzten Faßnacht Sonntag den 21 des Nachts geschah die obengedachte Zerstörung, und zwar, wie das UntersuchungsProtokoll vom 10ten dies No. 2905 nachweiset von mehrern Männern, erkenntlich an den Fußtritten im nassen Lösboden, und wie schon aus der durch Sägen und Spalten sichtlich angewandten Manneskraft zu erkennen war. Der Schaden beträgt im mässigen Anschlag 90f Jor ohne zu berechnen, daß die Bäume bereits im Treiben waren, und dem Nachtheil gänzlich nie mehr vergütet werden kann, weil man bey dem wirklich zum Versetzen noch einzigen Zeitpunkt genüglich Bäume in der Eile nicht aufbrächte, wenn auch die durch diesen abscheulichen Frevel mit Grund mißstimmten Freunde des Nützlichen und Schönen noch in der Lage wären, die Anlage so gut möglich, noch in diesem Fruhjahr wieder herzustellen.
Doch, wer möchte hierzu Lust haben, ohne Sicherheit für die Zukunft vor ähnlichen Freveln?
Zur Ehre der guten Bürger darf man wohl annehmen, daß diese solches Werk der Finsterniß, und die ruchlosen Thäter mit Abscheu brandmarken; allein daran genügt es noch nicht; allen, die hieran weder Antheil genommen haben, noch diese Schandthat genehmigen, liegt daran, zur Rettung des guten Rufs der Hüfinger mitzuwirken, um die Thäter aus der Verborgenheit ans Tageslicht zu reissen, und sie der Gerechtigkeit zu überantworten.
Dies erheischt nebst dem noch das gekeuniäre Interesse so vieler Bürger von hier, welche einen nicht unbeträchtlichen Vortheil dadurch schon gehabt, theils noch zu erwarten hatten, daß die nun zerstörte neue Anlage, und die damit in Verbindung zu setzen vorgehabte römischen Alterthümer manche Auswärtige herbeÿ zog, und letztere den Bürgern durch Arbeit einen Erwerb verschaften, der nun durch diesen kein gänzlich aufhört, denn Secnissimus (der Landesherr) wollen dem Vernehmen nach ganz natürlich die Lust verloren haben, für Nachgrabung dieser Alterthümer etwas mehr aufzuopfern, wenn nicht die Frevler entdeckt, und zur gebührenden Strafe gezogen werden, welche in dessen Ermanglung sonst eben so leicht auch an diesen Altertümern ihre Bosheit verüben könnten.
Bürger! Euch allen, die nicht zur kleinen Anzahl dieser Bösewichter gehören legt in obigen Rücksichten der Ehre und des Interesse alles daran, zur Entdeckung der Thäter nach allen Kräften mitzuwirken, wozu jeder auch die mindesten Umstände zur Erreichung dieses guten Endzwecks dahier anzugeben von selbst schon geneigt seyn und hierzu bey seinen Bürgerpflichten aufgefordert wird den Arm zu erheben, welche dieser Gesinnung, und auch geneigt seyen, die neue Anlage wenn sie soviel thünlich repariert würde, eben für die Zukunft so zu sichern wie die römischen Alterthümer darneben, wird man die Bürgerschaft darüber vernehmen, welche gegen das Angenehme und Nützliche dieser neuen Anlagen auf dem Gemeinds Eigenthum etwas einzuwenden haben, wo sofort erst diejenge auch melden mögen, welche in den hierwegen zu errichtenden Verein sich einlaßen wollen. Der nebst der gedachten Reparation, und Fortsetzung der neuen Anlage, auch deren Sicherheit, und jenen der römischen Alterthümer darneben bezweckt.
Dieser Verein bildet eine vollkommene gleiche Gesellschaft aus Freunden der Natur, des Nützlichen und Angenehmen, wobey nur mit Beschluß der Mehrheit von allen oder eines vor diesen zu erwählenden engern Ausschuses in allem was die neue Anlage auf rothen Rain betrift, fürgefahren werden solle.
Hierauf erklärte sich kein einziger der anwesenden Bürger, welche zum weit größten Theil, nämlich von 183 bis auf 35 anwesend waren, gegen die neue Anlage, im Gegentheil ward ihr Unwille gegen diese Zerstörer sichbar und laut.

Sr Guttenberg
(148 Unterstützer!)

Stammbuch: Georg Guttenberg (geboren um 1786) fürstlich Fürstenbergischer Rentmeister.

4. Pasquill von 1821 über die vermeintlichen Thäter

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820 StAF B 695/1 Nr. 731

22. März 1821

Am Fasnacht Sontag in der Nacht nahm mancheiner wohl in acht sie giengen über Berg und Thal in die neu gemachte Anlag
2
Dort spielten sie ein schönen Streich, die Bösewichter ohne gleich mit Sägen und auch Beil begannen sie die Anlag zu zerstören
3
Sie fingen nun zu hauen an der Teufel in halber Menschengestalt. Sie hieben 216 Bäume mit karacktenlosem Mut entzwei
4
Dann gehen sie nach verübtem Schmaus mit Schossen Dreck und Koth nach Haus. Das merkte man in aller Früh an ihren angehabten Schuh.
5
Wer nur diese sind gewesen dies läst sich für leicht enträtseln. Sie glaubten sich voll Ehr und Rang darauf folgt aber Spott und Schand. Sie wollten sich zu Räthen erheben und niemand wollt das Mehre ihnen geben darauf worden sie Fuchs teifels wild.
Jetzt muss die Anklag sein Verdacht.

29. März 1821

1
komm mein Freund nun komm und Horche was ich hier zusagen hab
In dem Roten Rein, jetzt horche, sind die Bäume aber ab
2
Schöne Spuren hat man jetzt nun alle, wer auch dieses hat getan, es wehre nun jetzt auch der Faller dass der Auer es getan
3
Auch Faller Nagler kan es wissen. Er ist auch von dieser Brut das merkt man in sein Gewissen. Auch sein Gesicht ist nicht ganz gut
4
auch der gewissen hafte Martin Ruf gehert auch in ihre Mitten. Er solte gleich die Säg und ruft „Sie haut ich hab sie geschliffen“
5
auch der Gewissen hafte Mann das sollte man nicht glauben, stellet an noch einen Man zu dem Baum umhauen
6
er Neigt sich vor dem Hochalthar er Neigt sich vor dem Hochalthar, bereit bis zu den Füßen, doch dieses gleichen Häuchler gar, und nicht wert das verschisen

Abschrift
Die Zerstorung der neuen Anlag in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1821

Pasquill

Abschrift 
Die Zersterung der neuen Anlag in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1821

Fallet Bäumchen fallet
Alles heute nacht erschallet
Laut vom Jubelthon
Luna selbst wird mich erheren
Eine Anlag zu zersteren
Ruf ich auch noch Pluto an

Als uns gedanken=Räthe niemand wollte Mehren
Unterstand ich mich, und half zersteren
Ein Erholungsort sehr angenehm und schön
Ruf ich jetzt Ruhe es ist geschehen.

Ruft nicht so laut! Sprach nach vollbrachter That ein Heüchlerischer Bether
Und nehmt euch wohl in Acht, es gibt ein fürchterliches Wetter.
Fort fort es ist geschehen, wir müssen jetzt ganz still nach Hause gehen.

5. belegte Rechnung von 1821 über die Herstellung des Steges

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820 StAF B 695/1 Nr. 731

Die anliegende Rechnung
Anno
Die Herstellung eines Steges über die Bergach zu den vorgermanischen Alterthümeren ins Hammelthal und zu genannten Anlage auf rothen Rain wird nun auf den hier Verifizierten erhaltenen 81/2 Seiten Stebnisen a 12 f. 30 k. pen. eine Summe von 88 f15x anschein berücksichtigt nicht ist hiesige Schmid Johann Gilly wenn der deßen gießen nur obigen Preis übernommen hat, folgende Zahlungen zu leisten haben. 1.) dem Zaunenmannen Peütschi und Kauferle gehören an 49 f 24. über Abzug des Nachlasses es 8. dannoch 41. 24 Latus 41 24

Weitere Rechnungen mit Namen der Handwerker

Vielleicht Reste vom Steg über die Bregach
Weg hoch zur Anlage am Sumserstein vorbei.
Anlage im Jahr 2025

Rechnung
Die Herstellung eines Steges über die Bregach zu den römischen Alterthümer im Hammelthal, und zu der neuen Anlage auf rothen Rain bey Hüfingen

An Arbeitslohn
1. Zimmermann Fritschi mit 4. Gesellens laut Conto.
2. Schmid Heitzmann für 2. Hangwerk.
3. Baumeister Röthele.
4. den Behlamern für 2. Stammen Beifuhr a 1 fl 30 x
5. den Waldhausern für 3. Stämme 2 fl 30 x
6. den Wolterdingern für 10. Flöcklinge
7. Trinkgeld den obigen Zimmer- und Fuhrleuten
8. Für den Anstrich des Steges mit Künöhl,
Arbeitslohn zusammen 77.56

An Material
Stämme Bauholz von Waldhausen a 2 f 30 x
Setto vom Wolfsbühel
Das ist 12.30

10. Stöcklinge von Wolterdingen a 40 kr
16. detto von hier à 90 kr für 157 lb Eisen samt Koh Nägel und Klammern
Künöhl zum Anstricht 10. Maß à 163 zusammen
3. An Günther Vergütung
Dem Baumeister Röthele für den Weg, lang 516. Schuh, breit 8 Schuh tut 4128. Schuh, nach dem Cataster, à 100 fl die Jauchert, betragt Summa 
Summarium
Arbeitslohn, Materialien, Vergütung
Beträgt zusammen 151.24
Als Beiträge hierzu kommen hiervon abzuiehen Zimmermann Fritsche et Consorten ad2. Schmid Heitzmann Arbeitslohn. Das ist 16.46

Transport 18.46
ad 3. Baumeister Röthele 4.90
ad 4. den Behlamer Fuhrleuten 3.-
ad 5. Waldhauser Fuhrleute 7.30
ad 6. Wolterdinger Furhleute 2.-
ad 7. das Trinkgeld ad 2.-
ad 8. fürs Anstreichen von Materiale die 3. Stämme Bauholz, in Hoffnung gnädigsten Nachlasses -.4

ad 9. Detto vom Handelsmann Curta 5.-
ad 10. Stöcklinge in Hoffnung gnädigsten Nachlasses
an Gutsvergütung 16,-
Zusammen 71.4
Wenn nun vom ganzen Betrag ad 157.24
Abgezogen werden obige  71.42
Verbleiben noch 79.42

Fürtan wir das Glück, nebst den in Hofnung gnädigsten Nachlasses schon in Abgang geschrieben 7 fl 30 kr, und 6 fl 40 kr für Holz und Stöcklingen entweder obige Summe  baar oder zu für 61/2 Zentner Stabisen à 17 fl im Preise zu Hammereisenbach zu erhalten, so wäre dem Rückfluss ausgeglichen.

Hüfingen am 10. Juni 1821
Hofrath und Oberamtamann
Baur.

Jakob Seidel, Ambros Röthle, Joseph Willmann, Joseph Martin.

Rotrain 1821 und 1968

Aus Orthophotos 1968 von leo-bw

6. Protokoll von 1828 die Herstellung des Forstweges vom Steg in die Anlage

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820 StAF B 695/1 Nr. 731

Zuerst sind Briefe von Hofrath Baur von 1822 über Maßnahmen und Rechnungen und er wünschte ein glückliches neues Jahr am 2. Januar 1822.
Es folgen Briefe über Stabeisen mit dem Bergverwalter Mayer aus Hammereisenbach.

Dokument 7
Consignation über die Baukosten, der neuangelegten Straße über den Bregbach hinter Höllenstein.
1. für Zimmermannarbeit Jakob Fritschi 49.24
2. für Schmidarbeit Johan Heizman 32.24
3. Naglerarbeit Ambros Röthele 9.30
Hiervon kommt in Abzug die freywilligen bey Zang als Ambros Röthele laut Beleg No 3
per Johan Heizman, Jakob Fritschi, Joseph Fritschi,
Georg Groman, Johan Groman, Leonhart Schafbuch
Tut 26.16 bleibt über Abzug dessen 64.2
Hüfingen den 9. Juni 1821
Ambros Röthele

Dokument 8
Conto Endtes gesetzer habe auf Befehl des Herrn Oberamtsmann Manns einen grügen Fußsteg über den Bregbach gemacht.
Den 18ten Mai ist Holtz geschlagen worden. Meister Georg Gromann, Leon Schafbuch, Josef Frischi, Johan Groman,
Zu diesem Steg ist Freiwilliger Tag vom Jakob Fritschi, Joseph Fritschi, Georg Groman, Johan Groman, Leonhard Schafbuch,
Hüfingen den 7. ten Oktober 1821
Jakob Seitz Zimmermeister

Dokument 9
Nota: zu Bemerken ist, das an vorhandenem Conto pa 31 fl 24 kr wegen einem freiwillligen Beitrag 8 fl 16 kr ab gehen. So bleibt noch zu bezahlen 22.38
Hüfingen am 7ten Juni 1821 P. Heizmann Schm
id

Vielleicht Reste des Stegs über den Bregebach
Weg am Höllenstein November 2025
Weg zur Anlage bei den römischen Altertümern

Dokument 10
Conto: Eides benannter hat aus dem neuangelegten Stegbau hinteren Höllstein über den Bregebach angeschafft
450 Stück Bodenzigel à 44
4 Stück gantz Leistnägel
8 Stück halb Leistnägel
2 Stück gerlist Flammennägel
für Reparation 11 Stück gewisshauen per Stück
Vorzeit derselben bei Anweisung des Bauholzes und Aufbauen bei dem Stegbau 3 Zug à 1f30x Summa 9.30
Hüfingen den 9. Juni 1821
Ambros Räthele

Dokument 11
Homma! Ich glaube, Sie und ich kamen wegen dem Holz ganz kurz aus der Geschichte, beim Ziegel einheitlich die Anwesenheit Serenissimi benutzen und höchstselben hinterbringen verbunden, daß das Oberforstamt auf die Zahlung des Holzes dringe und daß es nur ein Wort brauche damit der Oberfürst mit diesen ohnehin unbedeutenden Posten abschreibt. Es geschieht ganz sicher. Verehrungsvoll danehigen den 4. Juni 1821
Ihr Freund und Diener Dilger

Dokument14
Brief: An Herrn Bangamts Verwalter Mayer zu Hammereisenbach.
Wir haben im letzten Sommer einen Steg unweit der Oberen Mühl daher zu den römischen Alterthümern und zu der neuen Anlage hierzu hergestellt, wegen uns Serenissimus mit einen gnädigsten Beitrag zugesichert. Nach der mir gestern von Herrn Kabinots Sekretär, Rath Baur zogen nach demünschung gemachter Eröffnung sind sechs und nun halber Zentner Stabeisen auf dem Hamereisenbacher Werke ob solchen Beylang bestimmt. Welches Eisen sogleich abgehalten wieder könne um nun die Bauche verschobene Rechnung berücksichtigen zu können, wollen auf, müßte

Dokument12+13
Brief: An Herren Kalamets, Sekretarius Rath Baur, Zogenrath zu Donaueschingen
Hüfingen 16. Nov. 1821. Laped
Nachdem Sie Seele Mahler für Seine Herrn Stahen so leicht ich dazu was ich in Mitten der 1790 ger Jahren von Seele zu Donaueschingen – als wird vom Jugend Freund erhielt und brauchbar als eine Freundschaft tiefes Andenken auf vermeichtlichen würdig. Sein Bilder von ihm stehen in der Academie zu Stuttgart nach als Anfängen verfertiget, welches er bei seinem nachherigen Besuche der hier nach keiner Aussehrung zu retounieren wollten zu allein der wasen Schelbischen levis!
Brusesting Boll Hauser

(Wenn ich mal Zeit habe versuche ich den Brief besser zu transkribieren)


Als früher Vertreter der Hüfinger Künstlertradition gilt Johann Baptist Seele (27. Juni 1774 in Meßkirch – 27. August 1814 in Stuttgart). Sein Vater Franz Xaver Seele diente ab 1776 in Hüfingen als Unteroffizier im fürstenbergischen Kreiskontingent. Johann Baptist Seele stieg bis zum Hofmaler des württembergischen Königs in Stuttgart auf.

Johann Baptist Seele 1810
Das Altarbild von Seele in St. Verena und Gallus

Das Altarbild in der Stadtkirche zu Hüfingen
In der Morgenfrühe des 4. Juni 1812, am Donnerstag nach dem Fronleichnamsfest, fuhr durch das untere Stadttor eine vollbesetzte Kutsche Donaueschingen zu. Stolzer Rosselenker auf dem Bock war der hiesige Josef Neukum, der den ehrenvollen Auftrag hatte, den württembergischen Galeriedirektor und Hofmaler Johann Baptist von Seele und seine beiden Kinder durch die Baar nach Stuttgart, in ihre Heimat, zu führen. Viel Ehre war dem Künstler im gastlichen Hüfingen, wo er bereits eine Woche weilte, zuteil geworden, und reich beschenkt kehrte er nun wieder in die königliche Residenz zurück.
J. B. von Seele, der von neidischen Kollegen als „Husaren- und Dragonermaler” angefeindet wurde, hatte aus Liebe für die Bewohner der Stadt Hüfingen, in der er die ersten Jahre seiner Jugendzeit zugebracht, ein Gemälde von 14 Schuh (4,20 m) Länge und 8 Schuh (2,20 m) Breite gemalt, vorstellend den am Kreuz hangenden Christus, darunter die Mutter Maria, den Jünger Johannes und die büßende Magdalena.


Ab Dokument 15 folgt ein Streit um den Weg an der Wiese die der „Hirschenwirt Auer“ vom Handelsmann Curta und dieser vom Baumeister Ambros Röthele gekauft hatte.
Augustin Auer (in Tengen geboren um 1770 – 29.09.1837) war mit Magdalena Fritschi verheiratet und hatte mit ihr 9 Kinder. Der Leinenweber und Hirschenwirt war 1821 beteiligt an der Zerstörung der Anlage. Ein Sohn, Franz Josef Auer (04.05.1796-08.11.1832), war Schüler in der Zeichen- und Malschule von Luzian Reich senior (hier „Lehrer Reich“) und wurde später Portraitmaler . Von ihm ist die Rede im Denkbuch von Lucian Reich: „Zwei andre aus der vaterstädtischen Zeichenakademie hervorgegangene Künstler waren der Maler Auer und sein etwas jüngerer Landsmann Durler. Ersterer, der Sohn des Hirschwirts in Hüfingen, hatte sich bei Seele in Stuttgart zum Porträtmaler ausbilden wollen, sich jedoch der strengen Zucht des Meisters frühe schon entzogen, wie sein Landsmann Zwerger, damals im Atelier Danneckers beschäftigt, zu erzählen wußte: Eines Tages war der Freund zu ihm gekommen mit dem Gesuch, ihm doch seinen neuen Frack zu leihen zu einer Fahrt nach Ludwigsburg, wo er einer Hinrichtung beiwohnen wolle. Zwerger entsprach seiner Bitte, hat aber ihn — den neuen Frack — nie mehr zu sehen bekommen(.….)Nach Jahren war der leichtlebige Künstler kränklich in die Vaterstadt zurückgekehrt, wo da und dort in einer Stube noch lange ein von seiner Hand gemaltes Miniaturporträt zu sehen war.“
Der Baumeister Ambros Röthele wohnte offensichtlich nicht in Hüfingen. Der Vater des Handelsmanns Curta ist auf dem Hüfinger Friedhof zu finden, er wurde von österreichischen Plünderern ermordet. Johann Jakob Curta (27.9.1797-18.10.1864) war der Handelsmann der die Wiese vom Baumeister Ambros Röthele gekauft und an Augustin Auer verkauft hatte. Ein Bruder vom Handelsmann Curta, Johann Franz Valentin Curta (24.05.1794-26.04.1837) wird in der Chronik ebenfalls als Gastwirt zum Hirsch und als Wachsfabrikant betitelt.

Johann Franz Valentin Curta, Kaufmann aus Italien, geboren in Gressoney am Monte Rosa, gestorben in Hüfingen am 19.10.1805 . Er wurde von österreichischen Soldaten beim Plündern vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder niedergeschossen und ist drei Stunden später gestorben. Er war verheiratet mit Rosina Burkhard und sie hatten 12 Kinder. Ein Sohn, Johann Franz Valentin Curta, wurde Gastwirt zum Hirsch und Wachsfabrikant und ein Johann Jakob wurde Handelsmann.

Actum Hüfigen den 24ten September 1828. In Gegewwart des Hofrath und Oberamtmann Baur actuante Rchtp. Dilger
Hüfingen N. 8521 p1.
Der Bürgermeister Burkart erscheint mit nachbenannten Parthien:
Hirschewirth Auer, welcher vorbringt: ich habe vor 2 Jahren eine Wiese hinter dem Höllenstein vor Handelsman Curta dahier gekauft, worüber bekanner Dingen ein Fußweg in die Anlage und auf Schoßen eben so wie zu den römischen Allerthümer im Hammelthal von dem neuen Steg angeht. Dieser Fußweg von 6 bis 7 Schutz breit läuft der erkauften Wiese wurde im Jahr 1821 nach Errichtung der Anlage an der damals dem Baumeister Röthele gehörenden Wiese hergestellt, welcher dieselbe nachher an Handelsmann Curta verkaufte. Dieser verfertigte die Producirte Schrift am 13te Nov. 1823 unterzeichnet Von Ambos Röthele bedingt habe den gedachten Fußweg ein nach dem im Praesentia benanten zu Gefallen mit Errichtung der Anlage für weniger Zeit, jedoch nicht herkömlich gestattet haben. Ich will zwar haben Zuschweig ist abeschlagen wissen, jetzige Anlagen ist aber der Stadt eine billige Entschädigung bekommen an zemmi von Leuschen.

Bürgermister Burkard erwidert hierauf: Es ist dem in Raesentia bewusten und lärmliglich bekannt, daß dieser Bregweg zu dem oben erwähnten Endzweck von Baumeister Röthele als dem damaligen Eigenthümer der nachher Curtaischen und zur anrischen Wiese bewilliget, sofort mit Bäumen besetzt und sogar nachher vor guten Grund beraubt würde, so daß man ihn mit Kies auffüllen müßte und noch mehr aufgefällt werden muß. Hiernach kann von einer Entschädigung gar kein Rede mehr sein, weil dieser Fußweg zur Zeit schon bestanden, wo Röthele die Wies an Curta, sofort diese an Auer wieder Verkaufte.

Aussagen von Curta, Auer und zwei andere:

nicht mehr Recht verlange als was dieser von Röthele erworben und lezterer hat bekannter Dinger den befragten Weg unentgedlich gestattet.
Man findet hier aus den Akten, betreffend die Errichtung der Anlage zu bemerken nothwendig, daß die gedachte Anlage mit allgemeiner thätiger Mitwirkung des Publicus im durch ergiebige Unterstützung hochfürstl. gnädigster Herrschaft schon aus 1820 angefangen er in der Folge hergestellt wurde daß statt der gefährlichen und unangenehmen Weges neben des Wasenmeisters Haus und Anger vorbei, am linken Ufer von der Bregach ein Weg als nachsorger Inhaben meiner Wies den Grund von diesem Fußweg gegen die Ordung hinweg und duch die Wiese genommen diesen nicht ganz gemäß lautet die Vorliegende, von Curta aufgesezte Schrift, deren Unterzeichung von mir derselbe zu bewirken wußte. Um die ich um nach dem obigen erläutere.
Klagender Auer repliciret um: Ich glaubte nach der Vorliegenden Schrift zur Entschädigungsforderung an die Stadt berechtiget zu sein, obschon die Geschichte sich erwähnter Maßen zugetragen habe.
Bürgermeiser Burkhard Namens der beklagten Gemeinde deplicirtes:
Auer Runta Muu Curta

Handelsmann J. Curta v. dolm hat noch geschehen Ab und Gegenrechnung die an mir erkaufte Wiese hinter dem Höllstein als vollkommens und begehltes Eigenthum zu besitzen – item wird demselben bezeuget, daß er zwischen meine Wiese und Jacob Seidel führende Fußweg keineswegs zu leiden verbunden, sondern derselbe den Frau
Hofrathsamtsmeister Baurzi gefallen an mir für einige Zeit – jedoch nicht verbindlich, gestattet werden
Hüfingen 13ten October 1823
Ambros Röthele

Der Weg ist mit Bäumen bepflanzt mit beträchtlichen Kosten hergestellt und daß zu diesen Fortsetzung über die Wur der Baumeister Röthele das in den hierzu erforderlichen Platz mehrtgeldlich und als Beitraglos sehr ermöglicht, herzustellen, wenn nun man auch diesen Weg mit Bäumen bepflanzt hat.
Bei dieser Kerge ergeht nun der Bescheid
Wird der Hirschewirth Auer mit seiner Entschädigungsforderung an die Stadt gewerde wegen des von Baumeister Röthele, als vormaliger Wieseneigenthümer abgetretenen Platzes zum derzeitigen Fußweg hiermit abgewiesen, und in die Kosten dieses Streites verfällt.
eröfnet durch 10 Uhr mit den, daß weil der Streitgegenstand nur 1 bis 2 Louis, der Werth beträgt, auch keine Appellation stattfinde
P. S. 2 te Test. Dilger Bichtsp

Über Josef Dilger gibt es im Sippenbuch keine Daten, nur dass er später wohl Großherzoglicher Notar war.


8. Rechnung über baare Einnahmen und Ausgaben für die Anlage von 1820 bis 1830 gestellt

Die Anlage auf rothen Rain entstanden a. 1820, wurde bisher verbessert, und im vorigen Jahr mit einem beträchtlichen Kostenaufwand bekannterdingen vollendet, ohne jemanden vom Jahr mit Beiträgen in Anspruch zu nehmen.
Allein das Reparieren der Anlage vorzüglich der Tempel und Bänke und das Reinigen der Wege ist auch dieses Jahr erfoderlich, um dieses schöne Werk der Natur und des menschlichen Fleisses vor Verwilderung und seinem Untergang zu erretten.
Daß dieses abermals – obschon nicht so beträchtlich, wie in früheren Jahren mit Kosten verbunden, ist eben so begreiflich, als daß diese Kosten nicht wie es im vorigen Jahre geschehen von einem allein bestritten werden können.

Wer nun um Erhaltung dieser öffentlichen Anstalt sich verdient zu machen gedenket, der wird gebethen, denjenigen Beitrag anher gefällig zu bemerken, den er zu geben geneigt ist, worüber seiner Zeit gewissenhafte Rechnung wird gelegt werden.
Hüfingen am 3ten Juni 1830.

Baur Oberamtman zu seinen beträchtlichen Auslagen für die Anlage seit ihrer Entstehung und besonders in vorigen Jahr, zum obigen Endzweck Rentmeister Guttenberg mit dem Ansigen überwieß einen weitern Beytrag zu leisten, weden die Unterhaltung der Anllage für zuvor einen größere Aufqand fordern sollte.
Amtmann Schweb, wie Herr Rentmeister Gatten bey- Oberunnehmer Kornacher, Oberunnehmer Ahächtt Fischer, Bechtspunkunkt Gantio mit der nämlichen von Herr Rückmeister Guttenberg beigefügten Bemerkung Dilger wie H Gemminister Guttenberg in Bezug des Zeugnißes bemerkete

Thadäus Harpher, Engesser, Amtsregeser Zoff, Verwalter, Limberger Schliesser Limberger, Joseph Gleichauf

Conto
Die unterschriebenen haben auf Anordung des Herrn Amts Actuar Gleichauf mit Arbeit in der Anlage zu gebracht. Erstlich der Georg Haller und Franz Joseph Mog jeder 3Tag bernen der Michael Jurig und Georg Labor jeder 2Tag perTag Dreysig Kreuzer.
Betragt sich zusummen 5 f.
Summe 5 f
Den Empfang bescheinigt
Hüfingen den 22ten August 1831
Fanz Joseph Mog
Georg Haller
Michael Thury
Georg Labor
Die Bezahlung haben wie von dem Herrn Rechtsstrackkigkont Ganter mit Dank erhalten.

Rechtsanwalt Johann Nepomuk Ganter geboren 1802 in Meßkirch

Conto
Die unterschriebenen haben durch Anordnung des
Herrn Amts Actuar Gleichauf mit Arbeit in der Anlag zugebracht.
Erstlich Georg Haller per Tag 30x
Michael Thury 30x
Franz Joseph Moq jeden 1 Tag 30x
Ferner Johann Hermann einhalber Tag 15x
Georg Labor 5 Tag 2 f 30 x mit 4 f 15 x
Den Empfang bescheint durch den Herrn Rechtes Praktikant Ganter mit Dank erhalten Hüfingen 1831
Thury, Georg Labor

Unterzeichneter hat für Arbeiten in der Anlage von 2 1/2 Tag per 30x erhalten 1f 12 x
Hüfingen den 5. Juni 1831 Paster März

Unterzeichneter hat aus dem Anlagefond für viertägige Arbeit zu 30x per Tag erhalten Hüfingen den 5. Juni 1831 Folzmaur

Unterzeichneter hat für Arbeiten in der Anlage 7 Tage per 30x erhalten is 3 f 30x bescheinigt Hüfingen am 12. Juni 1831 Georg Labor

Unteerzeichneter hat für Arbeiten in der Anlage für 5 Tage à 30 x erhalten 2 f 30 x Hüfingen am 12.Juni 1831
C. Sulzmann

2 Mahnung an den Hofrath Baur:

Dem Großherz. Bad. Fürstl. Fürstenberg Präsident Herrn Hofrath und Amtmann Baur zu Allmendshofen Hüfingen d 4. Mai 1833
… haben sich Euer wohlgebohren mit einem Beytrag von 8 fr. unterzeichnet, aber hier noch nichts gezahlt
Der Verein zur Erhaltung der Anlage….
… Dem Herrn Hofrath und Amtmann Baur zu Donaueschingen Hüfingen 2. Juni 1833
…Euer Wohlgborgen muß ich im Namen der Gesellschaft für die Erhaltung der Anlage auf dem rothen Rain dahier und bezüglich auf mein Schreiben vom 11ten v. M geziemend bitten, Ihnen eigenes werthes Versprechen uns gegeben einen Zuschuss 8 fl aus dem Jahr 1830 bald an mich zu senden
…

Es folgt eine Reihe weiterer Bettelbriefe und dann am 4. Juni 1833 dies hier:

Im Jahr 1820 hat unter kräftiger Leitung und Mitwirkung des vorigen hießigen Amtsvorstandes des verehrten Herrn Hofraths und Oberamtmanns Baur die Anlage auf rothen Rain dasein ihre Entstehenz erhalten.
Dies ein schönes Wirken der unausgesetzten Thätigkeit, und der steten Unterstützung verehrter Freunde der unseren schönen Natur verdankt diese Anstalt ihr bisheriges Fortbestehen. Die gestellte Rechnung über die Einnahmen und Ausgaben des letztern Helfer aufenthümen .

Das Resultat eines Zuschusses von 8 f 24 x allein dieser reicht nicht hin, um nöthig gewordene Reparationen, das Reinigen der Wege, das Verpfahlen und Anbinden der Bäume, das Auffüllen des Kießes in die Wege, u.d.g. bestreiten zu können. Wenn daher die mit unbeschreiblicher Wege und bedeutendem Kostenaufwand
gestiftete Anlage nicht wieder zerfallen
solle, so sind freiwillige Beiträge zur Erhaltung nöthig, da wir sie zu begleichen keinen Sand besitzen.
Ohne mir darüber eine Direction anmassen zu wollen, glaube ich mich doch einigermassen verpflichtet für den gegenwärtigen Augenblick zum weitern Fortbestand der Anlage eine Bitte um Unterstützung an die hier nach benannten Herren machen zu müßen.
In der Folge wird es von dem Gutding der betragenen verehrlichen Mitglieder abhängen einen Leiter und Aufseher aus ihrer Mitte zur Erhaltung der Anlage zu wählen.
Die nachbenannten Herren werden daher ersucht, die Stunde ihrer Beiträge für dieses Jahr gefällig einzutragen und sich zur Bestätigung am Ende zu unterzeugen.
Hüfingen 4. Juni 1833
Schwab
Heinemann

Der Oberamtmann Eusebius von Schwab war der Nachfolger von Anton Baur der 1830 in den Ruhestand ging.
Es folgt die Liste der Freiwilligen der Freunde der Natur von 1833

  1. Baur Amts Physian
  2. Bekk, Emil Zimmermann Gutsverwalter
  3. Billmann Vikar
  4. Brunner Landmesser
  5. Dilger Actuar
  6. Ebner von Eßlingen
  7. Eckhardt Alumnus
  8. Engeßer Bezirksbaumeister
  9. Ganter Actuar
  10. Gebhardt Obermüllerinspektor
  11. Gerhardt Aktuar
  12. Gindel Oberförster
  13. Gleichauf Actuar
  14. Gmeinder Mauermeister
  15. Hirsch Bezirksagronom
  16. Kaliwoda Forstmann
  17. Rebstein Decan und Pfarrer
  18. Rebstein Particulier
  19. Reichlin Amtman
  20. Schmidt Camaro Prantz
  21. Schwab Spitten Prunter
  22. Schwab Amtman
  23. Wintermantel Actum
  24. Wolf Apotheker
  25. Zepf Amtsdiener
  26. Salomon Gugenheim

27. Herr Ruef
28. Bürgermeister Neukum übernimmt die Herstellung des Steges
29. Bürgermeister Burkard
30. Kronenwirth Ganter
31. Löschenoth Höfler
32. Kranzwirt Heinemann
33. Lehrer Reich
34. Musiker Schelble
35. Schmid Gespanner
36. Hendler
37. Zugmeister Werle
38. Handelsmann Curta
39. Zimmermann Zepf

Nr. 22 Schwab Amtmann. Sippenbuch: Eusebius von Schwab, Amtsrevisor und Oberamtmann war mit Maria Anna Schmutz verheiratet und sie hatten zwei Töchter. Anna von Schwab heiratete 1839 Heinich von Luseck, fürstlich Fürstenbergischer Ingenieur.

Nr. 26 Salomon Guggenheim wird im Zuge der 1848er Revolution öfters in der Chronik erwähnt und kommt am 20. Juli 1850 vor das Hofgericht in Konstanz wegen Hochverrats. Danach verliert sich seine Spur.

Nr.28 Bürgermeister Johann Baptist Neukum, Bürgermeister von 1831–1837.

Nr.29 Bürgermeister Josef Burkhard (06.03.1772-12.11.1855) . Gastwirt zur Sonne, Metzger, Bierbrauer und Bürgermeister von 1826–1831.

Nr. 33 der Lehrer Reich: Luzian Reich (07.01.1787-18.12.1866) war Oberlehrer und Industrieller, er hatte eine Mal- und Zeichenschule in Hüfingen. Mehr über ihn gibt es im Denkbuch von seinem Sohn Lucian Reich: https://hieronymus-online.de/denkbuch-von-lucian-reich-1896/

Nr. 34 der Musiker Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837) starb, als er von einem Spaziergang in sein „Landgütchen“, das er sein „Ruhetal“ nannte, zurückkehren wollte, am Eingang desselben durch einen Blutsturz in den Armen seiner geliebten Gattin am 6. August 1837 abends um ½7 Uhr. Über den „Onkel Schelble“ berichtet Lucian Reich eingehend in den Wanderblühten.

Brief von Dilger zum Konzert in der Anlage 1833

Der zur Förderung des allgemeinen Vergnügens immer bereite Kapellmeister des hiesigen Bürger Militerrkorps Herr Abstuar Gleichauf hat sich nach gepflogener Rücksprache mit den in dieser Beziehung gleichgesinten weitern Kapellgliedern auf mehrseitiges Verlangen dahin ausgesprochen, daß heute Abend 6 Uhr in den hiesigen Anlagen türkische Musik gemacht werden würde.
Der Unterzeichnete nimmt sich daher die Freiheit die hiesigen hochzuverehrenden Freunde der Musik und Geselligkeit hiervon mit dem Anfügen zu benachrichtigen, daß hierdurch eine Auslage von cicta. 6 fl erwächst, die aus Mangel an einem hande durch Repartition auf die Zuhörer getilgt werden muß. Diejenigen hoch zuverehrenden Herrn, die sich zur Tilgung dieser kleinen Ausgabe bereit finden, werden daher ersucht, sich auf der Kehrseite gefällig zu unterzeichnen

Hüfingen am 28 Juni 1833.
Dilger

Einladung
Zu beliebigen Beiträgen für ferneren Erhaltung und Ausbesserung der Anlage auf rohten Rain hier.
Die bekannte Anlage auf rothem Rain verdankt der kräftigen Leitung und unermüdeten Mitwirkung des vorigen hiesigen Amtsvorstandes des Penstannten Herrn Hofraths und Oberamtamanns Baur seine Entstehung im Jahr 1820. Rastlos und mit eigenen bedenkenden Geldaufopferung hat er die Erhaltung und das Fortbestehen dieser von der Natur begünstigten Anlage uns nur mit geringen Beiträgen zu bezweken verstanden, bis in das Jahr 1830, in welcher Zeit er die Versetzung in den Ruhestand nahm.
Im Juli 1833, seit dieser Zeit aber nicht wieder, wurden die Trennk dieser Anlage um Beiträge gebeten, um dieselbe nicht ihrem Zerfall heimzugeben. Die eingezogenen Beiträge wurden zur Erhaltung verwendet, und darüber Rechnung geführt, welche auf beliebige Verlangen vorgelegt und eingesehen werden kann.
Gegenwärtig aber befindet sich diese Anlage in einem Zustand, der eine bedeutende Verbesserung nöthig macht, wenn das 21te Jahr ihrer Entstehung
nicht das Ziel ihrer Auflösung sein solle. Ein Pfand zur Erhaltung besteht nicht, und es muß daher die Güte unter lieben Freunden in Anspruch genommen werden. Die nachbenannten Einen werden dafür ersucht eine belibiege Gabe zu spenden, den Betrag auszuwerfen, und neben demselben Gewerthen Namen beyzusetzten
Hüfingen den 11ten April 1841
Schwab

Ansicht von Hüfingen 1833 vom Roten Rain aus. Zeichnung von Josef Brukhard.
Ansicht von Hüfingen 1833 vom Roten Rain aus. Zeichnung von Josef Burkhard.

Die Ansicht, gezeichnet von Josef Burkhard (Bürgermeister von Hüfingen) zeigt auf dem Rotrain einen Maler beim porträtieren. Links im Bild ist die Seemühle mit dem Wohnhaus.
Das große Haus im Vordergrund ist das „Ruhetal“ von Johann Nepomuk Schelble. Am Eingang desselben starb er durch einen Blutsturz in den Armen seiner geliebten Gattin am 6. August 1837 abends um ½7 Uhr. Über den „Onkel Schelble“ berichtet Lucian Reich eingehend in den Wanderblühten.

Das Landgütchen wurde später die Heimat von Xaver Reich und seiner Familie.
Auch sieht man schön die neu gepflanzen Bäume der Anlage.

Mitgliederliste 1841

Mitgliederliste1841 Namen der Herrn Spender

  1. Ambühl SchnillungsCommission
  2. Beck fürstl. Gutsverwalter
  3. Bogenschütz Oberforst Infonction Actten
  4. Brunner Amtschürwig
  5. Firchen Amtsa
  6. Ganter Kaplan
  7. Gebhardt
  8. Gleichauf
  9. Hannscher
  10. Huß Amtsakuator
  11. Löstlin Oberstänstinspector Actum
  12. von Lusek Fürstl. Somst Ingenieur
  13. Rebstein Denen
  14. Rebstein Partikulier
  15. Rümel Amtsverhaut immerut
  16. Schreiber Vikar
  17. Schwab Oberamtamann
  18. Ewald Forstinspections Actum
  19. Wagner Dito
  20. Weber Registrator
  21. Wolf Agrotschen
  22. Wunsch Amtsschreiber
  23. Zogst Amtsarzusom

Zur Herstellung des Daches auf der Johannes Kapelle in der Anlage dahier sind 20 Bund Vesenhaub erforderlich.
In Ermangelung eines Fonds werden die hiesigen Landwirthe um gefällige Abgab des obigen Berdürfnißes ersucht.
Hüfingen den 27. Juni 1841
Schwab

Namen der Geber
1. Johann Bausch
2. Gerorg Steinmauer
3. Johan Heinemann
4. Jokob Heinemann Witwe
5. Bek, fürstlicher Gutsverwalter
6. Karl Neukum
7. Joseph Gilly

Bild aus der Hüfinger Chronik mit dem Brunnen
Die Statue des Johannes auf einem Brunnen in Hüfingen. Vielleicht war es der Johannes von der Kapelle. Foto: 1886 vermutlich Nepomuk Heinemann

Fesenhaub (auch geschrieben: Vesenhauf, Vesenhaup, Fesenhaup)
Bedeutung: Strohbündel, Reisigbündel, Besenbündel – früher verwendet zum Dachdecken, Feuermachen oder Besenbinden.

Es würde irgendwie Sinn machen, dass bei der Renovierung der Johannes Kapelle 1841 der geschnitzte Johannes seinen Weg auf die Viehtränke in der Stadt gefunden hatte.

An dieser Stelle folgen 15 Seiten Rechnungen aus dem Jahr 1841 für die ich unten nur eine einzige zeige:

Verzeichnis

Über gefertigte MaurerArbeit in der Anlage zu Hüfingen.

Da sind die eingestürzten Maueren, auf Anordnung des Herrn OberAmtmann Schwab, und Herrn Gleichauf wieder hier aufgerichtet und hergestellt, wie auch an mehren stellen die Mauerwercke verbessert worden.

Hüfingen am 29ten Juni 1841
Maurer Meister Sepple

Die letzten Seiten der Akte sind aus 1845 als die Sängergesellschaft Hüfingen die Bänke und Tische der Anlage herrichten ließ. Vermutlich sind zu dem Zeitpunkt alle ursprünglichen Mitglieder der Freunde der Natur ausgestorben.

Nach vielseitig geäußertem Wunsch soll die hiesige schöne Anlage wieder hergestellt, und verbessert werden.
Da dieses, und insbesondere die Vertigung der nöthigen Tische und Bänke eine größere Auslage erfordert, so muß man in Ermangelung eines Lands den Weg freiwilliger Beiträge der Freunde der Natur
empfehlen.
Der hiesige Gesangsverein hat bereits beschlossen, die wöchentlichen Beiträge aller Mitglieder einsweilen 4 Wochen lang für die Anlage zu verwenden.
Man macht nun an die übrigen Gauernherren und Bürger der hiesigen Stadt das geziemende
Ansuchen, zum obigen Zweck einen beliebigen Beitrag leisten und in den gefälligst bemerken
zu wollen.
Hüfingen am 26. Mai 1845
Namen ausser dem Hufschmid nicht lesber

Rechnung
anbeschran
Auf Verodnung der Sänger Gesellschaft, hat der unterzeichnete nachstehende Schreiner Arbeit in der hiesigen Anlage geliefert.
5 Bäncke, 1 Tisch und eine Steige Reisige
vom Rasina und Stämer herbei geschafft
Arbeit 9 Tage per Tg 24x3f 36x Summe Gulden 36
Den 27te Juli 1845
Bescheid Xaver Hepting Schreiner Meister

Xaver Reich zum 211. Geburtstag

Am 1. August 1815 wurde Franz Xaver Reich in Hüfingen geboren.

Noch ein großer Künstler, mit dem man dem merkwürdigen Slogan der Stadtverwaltung „Wir stehen auf Geschichte“ ein wenig Leben hätte einhauchen können. Die Stadt erklärt dazu, man wisse, wo man herkomme, stehe auf geschichtsträchtigem Boden und verbinde mit der „Hüfinger DNA“ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bei so viel historischem Selbstbewusstsein ist es bemerkenswert, wie wenig Interesse den Menschen gilt, die diese Stadt und ihre Geschichte tatsächlich geprägt haben.

Franz Xaver Reich gehört zu den bedeutenden Künstlern, die Hüfingen hervorgebracht hat. Sein Name und seine Arbeiten sind Teil der Geschichte dieser Stadt. Doch Geschichte bewahrt sich nicht von selbst. Man muss sie kennen, erzählen, zeigen und gelegentlich auch daran erinnern, dass es sie überhaupt gibt.

Denn Geschichte entsteht nicht dadurch, dass man einen Römerkopf zum Logo erklärt. Sie besteht aus Menschen, ihren Werken und den Spuren, die sie hinterlassen haben – vorausgesetzt, jemand interessiert sich noch für sie.

Während eine antike Besatzungsmacht heute Hüfingens Identität verkörpern darf, geraten die Menschen, die hier geboren wurden, lebten und wirkten, zunehmend aus dem Blick.

Deshalb hole ich Franz Xaver Reich zu seinem Geburtstag wieder nach vorne – nicht als Dekoration für einen Leitspruch, sondern als den Menschen und Künstler, der zu Hüfingen gehört.

Überarbeitete Version, 1. Version war am 1. Juni 2022

Die Eltern: Luzian Reich und Josefa Schelble
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann Anfang 1866

Franz Xaver Reich (1. August 1815 in Hüfingen – 8. Oktober 1881 in Hüfingen) war der ältere Bruder von Lucian und Elisabeth (Lisette).

Die Schelble waren ein Althüfinger Geschlecht. Der Urgroßvater, Franz Xaver (*28.08.1731) war Kunsthandwerker, und zugleich versah er, wie schon sein Vater, den Amtsdienerdienst.
Franz Xaver Schelble fertigte die Altäre in Meßkirch, Gutmadingen, Hausach, Löffingen und die mit Hilfe seines Schwiegersohnes und Geschäftsnachfolgers Johann Gleichauf die Seitenaltäre der Hüfinger Pfarrkirche. Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) war mit Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816) verheiratet.

Der Großvater Franz Joseph Donat Schelble (*17.02.1762-13.02.1835) war Korrektionshausverwalter und beschäftigte sich mit Uhrenmachen und beaufsichtigte die Römischen Ausgrabungen im Mühleschle und am Fuße des Hölensteins, wofür er vom fürstlichen Protektor mit einer goldenen Repetieruhr beschenkt wurde.

Alter Eingang vom Römerbad

Luzian Reich gründete in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Mal- und Zeichenschule in Hüfingen. Dort unterrichtete er unter anderen auch seine Söhne Lucian und Xaver, die Brüder Nepomuk und Josef Heinemann und auch Rudolf Gleichauf.

So schreibt Lucian Reich im Denkbuch: „Glückliche Zeit so ein Vakanztag, in dem man in der Stube am Zeichentisch sitzt, während es draußen stürmt und den Schnee wirbelnd durch die Gassen jagt, oder regnet, „was abe mag!” Und so saßen auch wir, mein Bruder Fr. Xaver und ich, mit („Muckle”) Joh. Nep. Heinemann (gleich mir im teuren Jahr 17 geboren) manche Stunde zusammen.„

Xaver Reichs Geflügelhof

Aber praktisch, wie der Xaveri in allem war, wollte er bald auch mit seiner Kunstfertigkeit Geld verdienen. So z. B. hatte er einen ganzen Geflügelhof in Thon modelliert, der im Ofen des Hafners Härle gebaut und naturgetreu koloriert wurde.

Es war kurz vor dem Klausenmarkt, und die Herrlichkeit wurde einer vertrauten Käsehändlerin zum Verkauf übergeben. Aber so oft die kleinen Künstler am Tischlein der Frau vorbeistrichen, sahen sie die Schaar noch vollzählig.

Endlich – die meisten Krämer hatten bereits eingepackt – war sie vom Tischlein verschwunden und die Frau händigte den beiden – mit Abzug ihrer Prozente – das Geld hierfür ein. Um den kleinen Spekulanten die Unternehmungslust nicht zu benehmen, hatte die Mutter eine Base auf den Markt geschickt, den ganzen Kram einzukaufen was die Brüder natürlich erst viel später erfuhren.

Lucian Reich, Badische Fortbildungsschule. Nr. 7, 1900, S. 97 ff.

Nach der Förderung durch seinen Vater, kam Xaver Reich 1832 auf Empfehlung seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an das Städelsche Institut. Durch seinen Onkel wurde er auch Mitglied in dessen Cäcilienverein.

Lucian Reich im Denkbuch: „Mein Bruder hatte sich für die Plastik entschieden. Formensinn und außerordentlich geschickte Hand befähigten ihn hierzu. Jeden Herbst kam Onkel Schelble zu Besuch in die Vaterstadt, und was wir von ihm vom Städel’schen Kunstinstitute hörten, ließ uns Frankfurt in ganz verklärtem Lichte erscheinen. Gegen Ende der 20ger Jahre war Zwerger, der Zögling Danneckers, aus Italien zurückgekommen.
In Hüfingen, bei seinem Schwager, Schloßverwalter Wehrle, vollendete er seinen „Hirtenknab” in Karrarischem Marmor. Von Schelble empfohlen, hatte er bald nachher eine Berufung an das Städel’sche Institut erhalten. Und nun erbot er sich, meinen Bruder als Schüler anzunehmen; und somit verließ dieser im Herbste 1832 mit Onkel und Tante die Vaterstadt, und im Jahr darauf fuhr auch ich mit ihnen der ersehnten freien Reichsstadt (Frankfurt) zu. Das Städel’sche Institut war gewissermaßen noch im Entstehen begriffen. Mein Bruder hatte seine Lehrzeit noch im alten Hause auf dem Roßmarkt begonnen, und der Umzug ins neue war kurz vor meiner Ankunft bewerkstelligt worden, so daß zehn oder zwölf Malerschüler, mit mir dem jüngsten, erstmaligen Besitz von den obern vier, in den Hof und Garten hinausgehenden, Ateliers nahmen. Es war eine gemischte Genossenschaft, die sich da zusammengefunden, ein Konglomerat verschiedenster Ausbildungsstufen und Richtungen, jeder mit einem andern Gegenstand beschäftigt.„

Xaver Reich gezeichnet von
Nepomuk Heinemann 1838

Foto von Xaver Reich

Franz Xaver Reich
Lithografie seines Schwagers Johann Nepomuk Heinemann, 1848, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 609.

Franz Xaver Reich
gezeichnet von Josef Heinemann

Lucian Reich schreibt viel über seinen Bruder im Denkbuch:
https://hieronymus-online.de/denkbuch-von-lucian-reich-1896/

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Lucian Reich im Denkbuch: „Kamen wir Mittwoch abends aus dem Aktzeichnen, so nahmen wir den Weg an der Hauptwache vorbei zum Rauchschen Hause, in dessen Saal der Verein seine Proben abhielt. Xaver reihte sich dann jedesmal den Sängern an, während ich, oft der einzige Zuhörer, unter der Galerie Platz nahm. Während unsres drei-, resp. vierjährigen Aufenthaltes in der Mainstadt hatten wir, ohne bei befreundeten Familien eingeladen zu sein, selten einen Abend außer dem Hause zugebracht.„

Blick aus einem Fenster des Hotels „Russischer Hof“

auf der Zeil nach Westen zur Hauptwache (William Henry Fox Talbot, 1846)
Kalotypie Notiz auf dem Abzug: „street at Frankfort, gloomy day, 32 minutes in camera“ Hinweis: Talbots Abzug ist höchstwahrscheinlich seitenverkehrt. Der 1891 abgerissene Russische Hof befand sich auf der Nordseite der Zeil, siehe dazu auch ein Foto von Mylius, die Katharinenkirche hingegen auf der Südseite. Die Zeil verläuft in ost-westlicher Richtung zur Hauptwache; es ist von der Zeil aus daher nicht möglich, die Katharinenkirche rechts (nördlich) vom Hauptwachengebäude sehen.
Foto: Wikipedia

Xaver Reich ging 1836 nach München und arbeitete in der Bildhauerwerkstatt von Ludwig Schaller, der Ludwig Schwanthaler bei der Ausschmückung der 1836 eröffneten Pinakothek unterstützte. Zwerger, Schaller und Schwanthaler waren Vertreter des klassizistischen Stils.

Vermutlich Johann Nepomuk Zwerger
(* 28. April 1796 in Donaueschingen; † 26. Juni 1868 in Cannstatt).
Deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Hier 1829 gezeichnet von Luzian Reich senior.

Lucian Reich im Denkbuch: „Im Atelier Schallers hatte er (Xaver), obgleich im Steinarbeiten nicht geübt, resolut zu Hammer und Meißel gegriffen und nach Schallers Modell die Holbeinstatue für die Pinatothek in Stein ausgeführt. Im Lehrsaal Zwergers war er bis in die letztere Zeit der einzige Schüler gewesen, der sich ausschließlich der Plastik widmete. Zu den jüngern Fachgenossen, mit denen er jetzt verkehrte, zählte vor allen Hähnel (später Professor in Dresden). Entwürfe, die er mir von seiner Tätigkeit als Mitglied eines Komponiervereins zuschickte, ließen ein frisches, freudiges Schaffen erkennen. Jetzt, nach kurzem Verweilen in der Vaterstadt, hatte er das Glück, an Fürst Karl Egon zu Fürstenberg einen Mäcen zu finden. Der erste bedeutende Auftrag betraf die Donaugruppe für den fürstlichen Park, wozu er das Modell in München fertigen sollte.….

….Im Gesellschaftshause Frohsinn hatte er (Xaver) Atelier und Wohnung gemietet; und ein glücklicher Gedanke war es den Kunstheros Cornelius um einen Besuch zu bitten. Und er kam oft, der kleine große Mann mit dem Blicke des Adlers, und nicht nur mit Worten, auch mit genial hingeworfenen Bleistiftstrichen suchte er den jugendlichen Modelleur auf die Erfordernisse monumentaler Plastik ausmerksam zu machen. Wozu mir in Frankfurt die Anregung gefehlt, das tat ich jetzt wieder, indem ich ein Bild aus dem Leben malte. Hierauf begab auch ich mich ebenfalls nach München, wo ich im „Frohsinn, den auch Schaller und Bildhauer Eduard Wendelstädt, Sohn des Inspektors am Städelschen Institut, bezogen hatten, mich einquartierte. (Das bedeutendste Werk dieses talentbegabten, frühe verstorbenen Künstlers ist die Statue Karls des Großen auf der Mainbrücke zu Frankfurt.)“

Johann Nepomuk Schelble, der geliebte Onkel und Gönner starb viel zu früh am 06.08.1837.

Lucian Reich in den Wanderblühten: „Es war am 6. August des Jahres 1837, an einem Sonntag, als das Totenglöcklein der Stadtkirche üblicherweise den Einwohnern verkündete, dass ein Mensch aus ihrer Mitte geschieden sei. – Es war das Scheidezeichen für Johann Nepomuk Schelble. – Im Geleite der Seinigen hatte er denselben Tag einen Spaziergang auf ein entferntes Grundstück unternommen, als er zurückkehrend am Eingange seines Gartens von einem Blutsturz befallen wurde, der seinen Leben in den Armen seiner Gattin ein schmerzliches schnelles Ende machte.„

Lucian Reich im Denkbuch: Unser Schaffen und Streben war im besten Zuge, als uns, wie ein Blitz aus heiterem Himmel — denn er hatte sich ja in anscheinender Besserung befunden — die Nachricht vom Tode Schelbles traf.

Wegen in des Todes kehrten die Brüder nach Hüfinger zurück, wo Xaver 1837 für Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg die monumentale Sandsteingruppe „Donau mit den Zuflüssen Brigach und Breg“ schuf, die ihn öffentlich bekannt machte.

Wilhelm August Rehmann, Leibarzt und Hofrat von Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg veranlasste, dass Xaver Reich eine Skizze modellieren konnte, welche die Donau mit ihren Zuflüsse Brigach und Breg zeigte. Karl Egon II. war vom Ergebnis begeistert und beauftragte Reich damit das Modell 1837 im großen Maßstab herzustellen. Im Schloss Hüfingen erhielt er von seinem Mäzen dann ein Atelier geräumt, um die Gruppe in Sandstein auszuführen. Die Sandsteingruppe wurde auf der „großen Insel im Schwanenweiher“ (heute: Pfaueninsel) im Schlosspark von Donaueschingen aufgestellt.

Danubiagruppe auf der Pfaueninsel (Postkarte 1906)

Durch Heinrich Hübsch ihn erhielt Xaver Reich vom badischen Großherzog Leopold den Auftrag, die Gruppe für das Giebelfeld der Trinkhalle Baden-Baden auszuführen, die Hübsch von 1839 bis 1842 errichtete.

Trinkhalle in Baden-Baden

Heilung durch die Quellennymphe

Durch ein Stipendium von Karl Egon II. wurde es Xaver Reich möglich, sich für einen zweijährigen Italienaufenthalt nach Rom zu begeben (1842/43). Dort freundete er sich mit dem aus Karlsruhe stammenden Bildhauer Christian Lotsch (1790–1873) an, der seit 1822 in Rom ansässig war.

Ostersonntagabend in Rom

Am nämlichen Abend (des Ostersonntags) ist Beleuchtung der Kuppel des Petersdomes. Das ganze Gebäude scheint zu glühen, man glaubt in einer Zauberwelt zu sein. Um ein Uhr in der Nacht wechselt auf einen Augenblick die Beleuchtung auf andern Punkten werden Pechkränze angezündet. Bei jeder Lampe ist ein Mann. Wer dies nicht gesehen hat, für den ist der Eindruck nicht zu beschreiben. Nach aller Aussagen soll auf der ganzen Welt nichts brillianteres stattfinden, selbst in Paris nicht. Die Lokalität ist hierzu äußerst günstig.

Das Schauspiel dauert ungefähr eine halbe Stunde in steter Abwechslung. Kanonen, welche dazwischen feuern, machen sich besonders schön. Zu Ende speit die ganze Engelsburg Feuer – man glaubt sich seines Lebens kaum sicher.«

Franz Xaver Reich, FFA, Tagebuchaufzeichnungen nach Wohl-lebe, J. L., Künstlermappe.

Aus dem Stadtlexikon Karlsruhe

Ludwig Winter in Karlsruhe

Weitere Arbeiten von Reich in Karlsruhe sind das überlebensgroße realistische Standbild des badischen Staatsministers Georg Ludwig Winter (heute Beiertheimer Allee) sowie die Engelsfigur des Denkmals für die Opfer des Theaterbrandes (1847/48). Auch in Baden-Baden finden sich noch Werke von ihm, darunter die Statuen der Justitia (Schwert, Waage) und Lex (Gesetzesbuch, Schwörstab) am Hauptportal des 1842/43 nach Plänen von Friedrich Theodor Fischer erbauten Amtshauses (heute Ärztehaus).

Seine Wettbewerbsteilnahme für eine Kolossalskulptur „Handel und Schifffahrt“ auf dem Hauptportal des nach Plänen von Heinrich Hübsch realisierten Zollareals am Mannheimer Freihafen machte den Karlsruher Oberbaurat Ende der 1830er-Jahre auf Reich aufmerksam. In den folgenden zwei Jahrzehnten fertigte der Bildhauer für Hübschs wichtigste Bauwerke Bauplastiken an. Dazu gehören die Figurenreliefs am Hauptportal der neuen Gemäldegalerie (1837-1845; heute Staatliche Kunsthalle Karlsruhe), die unter anderen Albrecht Dürer, Hans Holbein den Jüngeren und Peter Vischer zeigen, das Giebelrelief der Trinkhalle in Baden-Baden (1839-1842; Entwurf und Gipsmodell von Johann Christian Lotsch) mit der Heilung der Kranken durch eine Quellnymphe, das Giebelrelief sowie die 20 lebensgroßen Figurenreliefs und 100 Medaillonköpfe mit Gestalten aus Oper und Drama am neuen Großherzoglichen Hoftheater (1851-1853; im Zweiten Weltkrieg zerstört) sowie die beiden Figurenpaare oberhalb der Eingänge in das Orangeriegebäude des Botanischen Gartens (1853-1857), welche Allegorien der vier Jahreszeiten darstellen. Beim Abräumen der Trümmer des Hoftheaters 1963 konnten viele der Medaillons und Figurenreliefs geborgen werden. Sie fanden zur Bundesgartenschau 1967 in und bei der im Wintergarten des Botanischen Gartens eingerichteten Badischen Weinstube eine neue Verwendung. Fünf der Medaillons wurden dem Heimatmuseum in Bad Dürrheim überlassen. 

https://stadtlexikon.karlsruhe.de/index.php/De:Lexikon:bio-1185
Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich
Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich
Figurenreliefs an der Trinkhalle

Lucian Reich schreibt am 25.März 1853 an seine Eltern: „Hübsch wartet sehnlichst auf den Giebel. Xaver wird einige Zeit hier verweilen müssen.„

Das von Leopold beauftragte und 1848 aufgestellte Denkmal für die 63 Todesopfer die beim Brand des Karlsruher Hoftheaters am 28. Februar 1847 ums Leben gekommen waren, war der vorerst letzte Auftrag Reichs in Karlsruhe; er kehrte nach Hüfingen heim.

Alter Friedhof Karlsruhe

Familienleben

Am 28. August 1843 heiratete Xaver Reich in Kirchenhausen Josefa Elsässer (* 20. April 1823-19.11.1900).

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Kinder von Xaver und Josefa Reich:

1. Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Hat angeblich später den Ölberg am Aufgang zu St. Johann von Donaueschingen geschaffen. Anna Reich schreibt in ihrem Brief 1876: „So, so dein Amerikaner Vetter, war ein solcher Herzeroberer, nun ich bin froh, daß ich ihn nicht kennen lernte„. Dies spricht dafür, dass es uneheliche Nachfahren gibt, von denen die Cousinen wussten. Ob Berthold in Amerika war, ist nicht bekannt. Anscheinend ist er aber erst 1925 gestorben, wie Vetter schreibt.

In der Chronik vom Vetter steht: „Der Sohn Bertold, im Juni 1854 in Karlsruhe geboren und am 24. Oktober 1925 gestorben, trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Bildhauer.„

Im Hüfinger Sippenbuch gibt es gleich gar keinen Berthold. Aber dass Berthold 1844 in Karlsruhe geboren wurde, macht mehr Sinn, da 1854 die Reichs in Hüfingen wohnten.

2. Erwina Amalia Josepha, geboren 05.08.1845 in Karlsruhe -?

3. Maria Josefa Amalia, geboren am 21.01.1848 in Hüfingen. Am 8.3.1866 heirat mit Karl Eschborn *9.7.1834, FF Forstverwalter. Lucian Reich 1866 in einem Brief an die Eltern: „Zum hl. Josephsfest meine herzlichsten Glückwünsche dir, liebe Mutter, so wie auch unsere Josepha’s im Garten und neugegründetem Eschborn’schen Hause.“
1 überlebendes Kind von dreien: Maria Josefa ( *1.6.1867-?)

4. Amalia Maria Anastasia geboren am 23.09.1850 in Hüfingen, gestorben am 22.10.1939 in Hüfingen

5. Klara Mathilde, geboren am 27.11.1852 in Hüfingen, verheiratet am 27.9.1877 mit Sigmund Gayer geboren in Unterliezheim am 23.03.1847, Forstverwalter Geisingen. Enkel Oberforstrat Erwin Gayer ?

6. Karl Guido geboren am 14.11.1858 in Hüfingen. Anna Reich schreibt ihrem Brief 1876: „Soso du sprachst mit meinem Herr Vetter Bodenhopser, Schubladenzieher, wenn du zu ihm kommst wieder, dann bitte ich dich um alles in der Welt, sage zu ihm er sei ein Erdslügner ein fauler Fisch, ein ein ein Spinnenbobelenhirn u. noch vieles Andere hast gehört dieses sagst zum hast’s gehört, er wird dann schon wissen warum u. was drum und dran hängt.“

Carl Guido heiratet eine Josephine (Sophia) Kirchler geboren am 15.12.1864 und beide wandern spätesten 1886 in die USA aus. Sophia Reich stirbt in New Jersey am 24.10.1926.

Census von 1900 New Jersey

Kinder:

Hermann, *13.05.1887 New Jersey – 1953 verheiratet mit Myrtis M Gifford (1893-1981)
Kind: Robert Hermann Rich (1930-1992). Kinder von Robert: Pamela Bennetsen, Brian Rich, Robert Rich.

Christian, 11.02.1989 New Jersey

George, 10.03.1890 New Jersey

William Alexander Reich, *9.04.1891 in New Jersey- 25.06.1941
Kinder: Margret Reich, William Reich, Ernest Reich, Ruth Clara (Reich) Prince 4.08.1918 in New York, NY-8.12.2002)

Catherine Katie ? (Reich) Smith, 8.09.1895-?
Tochter: Virginia Catherine (Smith) Macian 9.03.1920-30.05.2001 Plam Beach

Ernest George Reich, 6.06.1895 in Jersey City, 34.02.1967 in Leon County, Florida,
2 Kinder

Philip Reich, 2.09.1897 in Jersey

Michael Reich, ?

7. Amalia geboren am 25.12.1860-31.8.1955. Wird in den Briefen als „Christkindlein“ erwähnt: „Eine dritte Gratulation bitte ich in Xavers Familie gelangen zu lassen, wegen der glücklichen Ankunft des Christkindleins.„

Fronleichnam

1842/43 war Xaver Reich in Pisa, Florenz und in Verona und begeisterte sich für die Tradition der Blumenteppiche.

Nach italienischem Vorbild fertigte er in Hüfingen vor seinem Elternhaus den ersten Blumenteppich und legte so den Grundstein einer langen Tradition.

Film von Ernst Kramer in den späten 1920er

Franz Xaver Reich wohnte mit seiner Familie im ehemaligen Anwesen seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an der Bräunlinger Straße.

In Hüfingen erweiterte er die Ziegelei, die er von seinem Vater übernommen hatte, um die Produktion von Terrakotten.

Tages-Neuigkeiten
1853

Donaueschingen, 15. Febr. Seit mehreren Wochen sah man die hiesigen Freunde der Kunst in das nahe Städtchen Hüfingen wandern, um im fürstlichen Schlosse in dem Atelier des Bildhauers X. Reich das nun bis zum Brennen des Thones vollendete Giebelfeld zu sehen, welches bestimmt ist, den Vorbau des neuen Theaters in Karlsruhe zu schmücken. Wir glauben dasselbe sowohl in der Erfindung, als in der Ausführung ein vollkommen gelungenes nennen zu dürfen. Die durch die bekannte Giebelform für die Komposition so sehr erschwerte Aufgabe wurde auf eine Weise gelöst, als wäre dem Genius des Künstlers die freie Bezwingung seiner Schwingen zu Gebote gestanden.

In der Mitte steht eine hohe weibliche Figur – die Poesie – und theilt nach beiden Seiten des Giebelfeldes den Kranz des Ruhmes aus; an ihre linke Seite lehnt sich der Liebesgott, ein kräftig gesunder Knabe mit Bogen und Pfeil. Die beiden Gruppen zur Linken und Rechten enthalten die Koryphäen der Dichtkunst und der Musik. Zur Linken ist die erste Figur Schiller, der seinem Nachbar und Freunde Goethe ein so eben geschriebenes Gedicht zur freundschaftlichen Prüfung überreicht. Die dritte, in der Ecke des Giebelfeldes ausgestreckte, mit dem Arme auf seinen Werken ruhende Gestalt ist Lessing; er ist in das Lesen eines Buches vertieft, um seine Verdienste nicht nur als schaffender, sondern auch als kritisch prüfender Geist anzuzeigen. Auf der rechten Seite des Feldes erblickt man zuerst den heiteren, liebenswürdigen Mozart mit der Violine in der Hand. Hinter ihm und von ihm abgewendet sitzt Beethoven ernst und düster mit Aufschreiben einer Komposition beschäftigt. In der Ecke der rechten Seite, der Gestalt Lessing’s auf der linken entsprechend, ruht Gluck mit seinem edlen, ritterlichen Kopfe rückwärts gegen Beethoven gewendet; eine griechische Leyer in seiner Hand mag den antiken Geschmack seiner Muse bedeuten.

Sämtliche Figuren sind edle, würdige Gestalten und den besten Vorbildern entsprechende, gelungene Porträts. Die ganze Gruppe ist lebendig und reich; die zwischen rechts und links herrschende Symmetrie, bedingt durch die architektonische Form, hat durchaus nichts Steifes oder Störendes. Wir halten dieses Werk des rühmlich bekannten Künstlers zwar für sein schwierigstes, aber auch für sein gelungenstes, und sind überzeugt, daß wir durch dieses Urtheil die Erwartungen Derjenigen, welche die andern Werke des bescheidenen Meisters, seinen Engel auf dem Friedhofe und die Marmorfiguren an der Akademie ec. zu Karlsruhe, kennen, nicht zu hoch spannen, wenn auch das Material dieser lezteren Skulpturen in dem Auge des Laien ein günstiges Vorurtheil erzeugt.

Möge nun dem Künstler bei dem Brennen dieser seiner größten Arbeit das Glück so günstig sein, als es seine Zuversicht erwartet. Die geringste Ungleichheit im Trocknen würde bei diesen Dimensionen ein Springen der Masse veranlassen und so das Produkt von langen Monaten und unermüdlichem Fleiß vernichten.

Donaueschinger Wochenblatt, Nr. 15 vom 22. Februar 1853
Orangerie KA

Franz Xaver Reichs Terrakotten überstanden großenteils die Bombennacht vom 27. September 1944, der auch das Hoftheater zum Opfer fiel. Der Landtag bewilligte seinerzeit eine hohe Summe zu ihrer Bergung. Bürgermeister Max Gilly gelang es im Jahre 1967, einige der geretteten Medaillons für Hüfingen zu erhalten.

Zu diesen Karlsruher Arbeiten kamen Aufträge zur Ausgestaltung der Orangerie, für die er die vier Jahreszeiten schuf, und der Gewächshäuser. Xaver Reichs bekanntestes Medaillon aber wurde dasjenige des alemannischen Dichterfürsten Johann Peter Hebel auf dessen Grabstein in Schwetzingen.

Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 061263d

Hebeldenkmal von Lucian Reich

Foto: 3268zauber, Wikipedia 2009

In der Zwischenzeit führte der unermüdlich tätige Künstler, dem ein Atelier im Schloß zur Verfügung stand, ehrenvolle Aufträge des Fürstenhauses in Donaueschingen aus. So entstand der Jagdhumor zeigende Fries an der fürstlichen Gewehrkammer in Donaueschingen. Die Medaillons am gegenüberliegenden Karlsbau, die etwas trocken und kühl wirken, zeigen neben den Häuptern von Dürer, Peter Fischer, Thorwaldsen und Cornelius hauptsächlich Vertreter der Naturwissenschaften. Tiefer empfunden und persönlicher gestaltet sind die mythologische »Flora« am Giebel des Gewächshauses.

Der Engel auf der Elisabetheninsel, den Fürst Carl Egon II in Erinnerung an seine früh verstorbene Gemahlin Elisabeth aufstellen ließ, wurde nach einem Entwurf von Xaver Reich gegossen. Zu seinen Donaueschinger Arbeiten zählt auch das Turnierrelief an der Reithalle.

Die Inschrift auf der Vorderseite des Sockels lautet:
„Der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost. Sp. Salomon 14, 23“
auf der Rückseite: „Karl Egon Fürst zu Fürstenberg seiner unvergeßlichen Frau Elisabeth, Prinzessin Reuß ä. L. zu Greiz. geb. 23. März 1824, gest. 7. Mai 1861“ .
Das Denkmal wurde nach einen Entwurf von Xaver Reich gegossen.


In der Terrakottenbrennerei schuf er den plastischen Schmuck für das Hoftheater Karlsruhe und den Fries für die fürstliche Gewehrkammer in Donaueschingen sowie die Medaillons am Sammlungsgebäude gegenüber. Im Auftrag des Erzbischöflichen Baumeisters Lukas Engesser fertigte er zusätzliche Werke für badische Kirchen.

Als nach dem Brand des Klosters Maria Hof bei Neudingen Fürst Karl Egon II. in den Jahren 1835-56 die Gruftkirche erbauen ließ, wurde Franz Xaver Reich mit der Ausschmückung beauftragt. Er modellierte die vier Engel aus Zinkguß auf den vier Nebentürmchen, die die Kuppel flankieren. Von ihm stammen ebenso die Madonna und die beiden Heiligenfiguren über der Portalwand wie die beiden Klosterfrauen über dem Portal. Ganz Raphael nachempfunden, dessen Werke Reich während seines Romaufenthaltes besonders stark beeindruckt hatten, ist das Verkündigungsrelief des Hauptaltars. Im Jahre 1870 entstanden die beiden Seitenaltäre, die wiederum eine Madonna und die acht Seligkeiten darstellen.

Neudingen

Foto mit dem Storch von
Wolf Hockenjos

In Hüfingen sind die Skulpturen des Karl Borromäus im Hof des Landesheimes und eine Madonna über dem Portal der Pfarrkirche aus Sandstein Zeugen des unermüdlichen Schaffens des Hüfinger Künstlers. Eine weitere Madonna schuf Franz Xaver Reich für das Portal des Konstanzer Münsters, und auf der Rheinbrücke standen die Statuen der Bischöfe Konrad (934-974) und Gebhard II. (979-995), die seit den dreißiger Jahren den Rheinsteig schmücken.

Landesheim 1950

Gebhard II.

In den Nischen auf der badischen Seite der zwischen 1858 und 1861 erbauten Rheinbrücke von Kehl standen die Figuren des » Vater Rhein« und der »Mutter Kinzig« von Hans Baur und Franz Xaver Reich. Als der östliche Teil der Brücke nach der Kriegserklärung vom 22. Juni 1870 von badischen Pionieren gesprengt wurde, stürzten auch die Statuen in den Rhein. Die Statue Reichs wurde später wieder gefunden und in Verbindung mit einem Brunnen als Kriegerdenkmal vor dem Rathaus von Kehl aufgestellt. Das Rathaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nach dem Kriegsende nicht wieder aufgebaut. Die Kinzigstatue steht seit der Behebung geringer Schäden aber noch heute auf ihrem Platz.

Mutter Kinzig am Kriegerdenkmal 1870/71 in Kehl am Rhein.
Foto: Wikipedia 2010

Für den Erzguß der Porträtsbüste des Großherzogs Leopold erstellte Franz Xaver Reich im Auftrag der Stadt Baden-Baden das Modell. Gleichermaßen stammen von ihm die Modelle für die ehernen Standbilder des Abtes Martin Gerbert von St. Blasien in Bonndorf, die Bildnisse des Landgrafen Joachim und des Fürsten Karl Egon II. im Ornate eines Ritters vom Goldenen Vlies für den Monumentalbrunnen in Heiligenberg. Für die Heiligenberger Schloßkapelle modellierte er zusammen mit dem Bildhauer Sauer aus München den Kreuzweg, der, von der Millerschen Erzgießerei in München gegossen, in der Nagelfluwand am Weg zur Klause Egg eingelassen ist.

Madonna an Verena und Gallus von Xaver Reich

St. Peter und Paul in Bonndorf

Die Figurengruppe über dem Haupteingang vom Konstanzer Münster

Denkmal Abt Martin Gerbert von Xaver Reich aus dem Jahr 1856 im Bonndorfer Martinsgarten

Fürstenbrunnen in Heiligenberg von Xaver Reich

Leopold I. Grossherzog von Baden
von Xaver Reich

Bischof Konrad (934-974)
am Rheinsteig

Gebhard II. (979-995)
in Konstanz

Lucian Reich 1860 in einem Brief an die Eltern: „Sollten in Betreff der Leopoldfigur Steine in den Weg zu werfen versucht werden, so würde ich mich entschieden auf das gegeben gutheißend Wort des Großherzogs und seines Bruders des Prinzen Wilhelm berufen, und dem Großherzog zu bedenken geben, daß mit Zurücknahme dieses gegebenen Wortes ?? dein Ruf als Künstler gefährdet werde. Die Figur ist entschieden gut und wird später, wenn sich die Staubwolken verzogen haben, ihre Anerkennung finden.
Indem ich bitte der lieben Josephine im Garten zu gratulieren ebenso bei Nober auch bei Heinemanns meine Grüße auszurichten.
„

Das Landhaus an der Bräunlinger Straße in dem
Johann Nepomuk Schelble und dann Xaver Reich mit Familie gewohnt hat.
„Josephines Garten“ war vermutlich vor dem Haus,
wo heute noch die alten Bäume der Freunde der Natur stehen.

Zu den bedeutendsten Werken des Bildhauers zählt der Marmorengel am »Echo« in Baden-Baden, der vom Fürsten Karl Egon III. in Auftrag gegeben wurde.


Für das Denkmal seines Schwagers, des langjährigen verdienstvollen Donaueschinger Landtagsabgeordneten Kirsner, am Bahnhof, modellierte er dessen Büste, und für diejenigen des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen wurde ihm die Goldene Medaille des Hofes zuerkannt. Für den Donaueschinger Friedhof hatte Franz Xaver Reich schon im Jahr 1843 einen eindrucksvollen Corpus für das zentrale Kreuz gemeißelt.

Als die Donauquelle im Schloßhof 1875 von Adolf Weinbrenner neu gefaßt und umgruppiert wurde, gestaltete Xaver Reich die Gruppe: „Die junge Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar“. 1895 schuf der Künstler Adolf Heer eine neue Marmorgruppe die über die Einfassung der Donauquelle kam – die „Mutter Baar“ darstellend, wie sie ihrer „Tochter“, der jungen Donau, den Weg weist.

Mutter Baar am alten Zusammenfluss

1939 schenkte Fürst Max Egon die Figurengruppe mit der jungen Donau „als Kind im Schoß der Mutter Baar“ von Xaver Reich der Stadt Donaueschingen. Reichs Gruppe fand in den 1970er Jahren in der Nähe des Zusammenflusses von Brigach und Breg eine vorläufige Bleibe. Im Jahr 2021 wurde sie für die Umgestaltung des Zusammenflusses entfernt und im Jahr 2025 am neu gestalteten Zusammenfluss feierlich wieder eingeweiht.

Zum 150. Jubiläum der Figurengruppe – Die jungen Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar von Xaver Reich

Zur Wiederaufstellung am neuen Donauzusammenfluss hielt der Leiter des FF-Archives, Dr. Jörg Martin, heute am 14. September 2025 eine Vortrag über die Mutter Baar und Xaver Reich.

Dr. Jörg Martin zur jungen Donau als Kind im Schoß der Mutter am 14. September 2025

Vielen Dank an Dr. Martin der heute so nebenbei auch die lange ungeklärte Frage, wo die Donauquelle nun sei, ein für allemal beantwortet hat.

Die Donauquelle gluckst vor Freude,
weil sie jetzt weiß wo es beginnt,
ein langer Weg, ein langes Leiden,
das jetzt nicht nur im Sand verrinnt.
Der Ruf tönt nun wie Donnerhall,
auch in den fernen Ländern.
Furtwanger beruhigt euch nun,
jetzt könnt ihr nichts mehr ändern.

F.Hucke (Haimaddischder)
https://hieronymus-online.de/donauquelle-folge-352/

Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:
 „Zu den bedeutendsten Aufträgen, die mein Bruder von Fürst Karl Egon III. erhalten hat, gehörte die Aufgabe, bei der Neueinfassung der Donauquelle im Schloßhofe auch diese mit einer Figur oder Gruppe zu charakterisieren. Statt wieder eine Nymphe, sagte mir Xaver, wolle er die junge Donau als Kind im Schooße der Baar in Vorschlag bringen. Dem Fürsten gefiel dieser die Heimat des Stromes so klar bezeichnende Gedanke; und der Beauftragte modellierte das Modell zu der Gruppe dann in München im Verkehr mit den Freunden Schwind und Schaller und auch mit Professor Widenmann.“

Die junge Donau als Kind im Schoße der Mutter Baar.
Hier bei der Zwischenlagerung 2024 in der Verbandskläranlage.

Aus dem Denkbuch von Lucian Reich: „Zu den bedeutendsten Aufträgen, die mein Bruder von Fürst Karl Egon III. erhalten hat, gehörte die Aufgabe, bei der Neueinfassung der Donauquelle im Schloßhofe auch diese mit einer Figur oder Gruppe zu charakterisieren. Statt wieder eine Nymphe, sagte mir Xaver, wolle er die junge Donau als Kind im Schooße der Baar in Vorschlag bringen. Dem Fürsten gefiel dieser die Heimat des Stromes so klar bezeichnende Gedanke; und der Beauftragte modellierte das Modell zu der Gruppe dann in München im Verkehr mit den Freunden Schwind und Schaller und auch mit Professor Widenmann.„

Sein letztes erhaltenes Werk waren die Statuette zu einer Schlittschuhläuferin in moderner Tracht sowie eine Skizze zu einer Grablegung Christi. Er starb am 8. Oktober 1881 in Hüfingen.

Xaver Reich, Bildhauer
1. August 1815 – 8. Oktober 1881
Josepha Reich, geb. Elsässer
23. Aprlil 1823 – 19. November 1900

Quellen: Wikipedia, Chronik der Stadt Hüfingen von August Vetter 1984, Sippenbuch der Stadt Hüfingen, Briefe von Lucian Reich, Briefe von Anna Reich, Denkbuch von Lucian Reich, Fotos von Wikimedia und privat.

Rudolf Gleichauf zum 200. Geburtstag

Der 200. Geburtstag von Rudolf Gleichauf wäre eine schöne Gelegenheit gewesen, dem Leitspruch „Wir stehen auf Geschichte“ ein wenig Leben einzuhauchen. Geschichte besteht nicht nur aus Logos und Leitbildern, sondern aus den Menschen, deren Spuren wir bewahren. Oder eben nicht.

Zwischen einem schönen Leitspruch und seiner gelebten Umsetzung kann ein großer Unterschied liegen.

Meinem Lieblingskünstler Rudolf Gleichauf haben wir zu seinem 200. Geburtstag nicht nur den ausführlichen Beitrag gewidmet, sondern auch ein kleines Büchlein mit einigen seiner Werke.

Wer lieber Papier in der Hand hält als auf einen Bildschirm zu schauen, darf mich gerne ansprechen. Besonders für unsere Hüfinger Offline-Familie habe ich Exemplare da und gebe sie gerne weiter.

Für alle anderen gibt es das Büchlein hier auch als PDF:

Aktualisiert, Originalbeitrag vom März 2023

Ein Mitglied des Hüfinger Künsterkreises war Rudolf Gleichauf (29. Juli 1826 in Hüfingen – 15. Oktober 1896 in Karlsruhe). Nachdem Luzian Reich einige Illustrationen des damals erst zehnjährigen Gleichauf an Julius Schnorr von Carolsfeld geschickt hatte und dieser Gleichaufs Talent bestätigte, erhielt Gleichauf ein Stipendium des Fürsten Karl Egon III. zu Fürstenberg an der Münchner Akademie bei Schnorr von Carolsfeld. Gleichauf folgte Schnorr von Carolsfeld 1846 dann nach Dresden an die Dresdner Akademie, wo er zahlreiche Kopien von Gemälden Alter Meister anfertigte.

Rudolf Gleichauf
(1826 – 1896)

Litographie um 1850 von J.N. Heinemann

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt “Muckle” (1817 – 1902) mit Fes (Mütze); Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.

1848 kehrte er zeitweilig nach Hüfingen zurück, musste aber nicht zum Soldatendienst, da er ein Glückslos gezogen hatte. 1850 war er an der Hochschule für Bildende Künste (Städelschule) in Frankfurt am Main. Um jene Zeit schmückte er die Trinkhalle in Baden-Baden mit einem Kinderfries aus. Dort befindet sich auch ein Relief aus gebrannter Tonerde von Gleichauf, das den Türkenlouis darstellt.

Die Trinkhalle Baden-Baden wurde nach den Plänen Heinrich Hübsch rechterhand des Kurhauses erbaut. Die Bilder sind von Jakob Götzenberger gestaltet worden. Sie stellen Szenen aus Mythen und Sagen der Region dar und halten somit auch Ausflugsziele in der näheren Umgebung fest.

Kinderreigen über den Eingängen in den Brunnensaal von Gleichauf

Foto etwa 1900
Dr. Josef Durm
(14.02.1837 – 03.04.1919)
Abbildung aus der Chronik der Residenzstadt Karlsruhe für das Jahr 1896

Von Frankfurt wurde er von Oberbaudirektor Heinrich Hübsch (1795-1863) nach Karlsruhe berufen, um Bauten der Oberbaudirektion mit Wandgemälden zu versehen. Diese Tätigkeit führte er auch unter Hübschs Nachfolger Josef Durm (1837—1919) fort.

Zu Gleichaufs Werken aus dieser Zeit gehört die Darstellung der Hygeia am Giebel des Vierordtbades. Gleichauf schuf hier ein Bild in Freskomalerei, das allerdings binnen zweier Jahrzehnte verblasst war. Daher wurde das Bild 1892 im Lithokaustik-Verfahren auf Keramik übertragen und blieb so erhalten.

Giebel über dem Eingang des Vierordtbades in Karlsruhe mit Darstellung der Hygeia in Begleitung (Lithokaustik 1892 von Professor Robert Ulke; übertragenes Original-Fliesengemälde (etwa 1872) von Rudolf Gleichauf)

Eid des Hippokrates
Ἱπποκράτους ὅρκοςHippokratous horkos

Ὄμνυμι Ἀπόλλωνα ἰητρὸν καὶ Ἀσκληπιὸν καὶ Ὑγείαν καὶ Πανάκειαν καὶ θεοὺς πάντας τε καὶ πάσας ἵστορας ποιεύμενος ἐπιτελέα ποιήσειν κατὰ δύναμιν καὶ κρίσιν ἐμὴν ὅρκον τόνδε καὶ ξυγγραφὴν τήνδε.

„Ich schwöre, Apollon den Arzt und Asklepios, Hygeia und Panakeia sowie alle Götter und Göttinnen als Zeugen anrufend, dass ich nach Kräften und gemäß meinem Urteil diesen Eid und diesen Vertrag erfüllen werde.“

1864 schuf er für den Wartesaal des im 2. Weltkrieges zerstörten Bahnhofes in Freiburg Medaillions. Dies waren Metallplatten, die auf Goldgrund Trachtenköpfe zeigten.

Die Deckentondi in der Alten Aula der Universität Heidelberg schuf Gleichauf in den Jahren 1885/86.

Alte Aula der Universität Heidelberg

Allegorische Darstellung der Fakultät für Theologie.

Frau mit blauem Gewand und Schrifttafel, Buch und Kreuz auf dem Haarreif

Allegorische Darstellung der Fakultät für Theologie.
Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Bibel und Gesetzestafel mit den zehn Geboten und einem blauen Gewand. Blau ist in der Bibel eine Farbe, die reich an Symbolik und spiritueller Bedeutung ist. In der gesamten Heiligen Schrift taucht sie in verschiedenen Zusammenhängen auf, die ihre vielfältigen Facetten in Verbindung mit der Göttlichkeit, dem Himmel, der Heiligkeit und der göttlichen Offenbarung beleuchten. Es handelt sich um eine Farbe, die mit Gott und seinem Heiligtum sowie mit dem Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz in Verbindung gebracht wird.

Allegorische Darstellung der Fakultät für Philosophie.

Frau auf Globus mit Schriftrolle und gelbem Gewand Allegorische Darstellung der Fakultät für Philosophie. Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Schriftrolle und Globus. Teil eines Ensembles der vier Gründungsfakultäten der Universität Heidelberg in der Aula der Alten Universität in Heidelberg

Allegorische Darstellung der Fakultät für Philosophie.
Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Schriftrolle und Globus mit einem gelben Gewand.
Gelb gilt als die Farbe der Weisheit, des Wachstums, Licht, Kreativität, Neugier, Intellekt und Wissbegierde. Sie ist aber auch die Farbe des Neids und der Gier.

Allegorische Darstellung der Fakultät für Medizin.

Frau mit grünem Gewand und Schale mit Schlange

Allegorische Darstellung der Fakultät für Medizin.
Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Schlange und Schale und grünem Gewand.
Grün steht für Wachstum, Heilung, Gleichgewicht, Harmonie, Barmherzigkeit, Hoffnung, Gesundheit aber auch Gift.
Sola dosis facit venenum (Paracelsus)
Interessant hierbei, dass die Dame bei der Skizze für die Familie die Brust bedeckt hat.


Allegorische Darstellung der
Fakultät für Jurisprudenz.

Frau mit rotem Gewand und Schwert und Buch in

Allegorische Darstellung der Fakultät für Jurisprudenz.
Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Richtschwert, Gesetzesbuch und Urkunde mit rotem Gewand.
Rot ist die Farbe der Justiz. Blutsühne, rote Wimpel bei Gerichtstagen, rote Tinte bei Todesurteilen, rote Talare hoher Richter

Außer zahlreichen Wandgemälden hat Gleichauf im Auftrag des badischen Hofs und der badischen Regierung zwischen 1862 und 1869 auch 39 Aquarellbilder und eine Vielzahl von Kostümstudien geschaffen, die sich in der Badischen Landessammlung erhalten haben und für ein „umfängliches badisches Trachtenwerk“ geplant waren, das jedoch nicht vollendet wurde. Im Museum war 2009/2010 die Ausstellung mit Werken von Rudolf Gleichauf zu sehen: https://www.stadtmuseumhuefingen.de/rudolf-gleichauf/

Eine Schwester von Rudolf Gleichauf war mit Joseph Heinemann verheiratet, einem Bruder von Johann Nepomuk Heinemann.

Rudolf Gleichauf und die „Badischen Landestrachten“

von Susanne Huber-Wintermantel im Almanach 1996

Rudolf Gleichauf ist neben Lucian Reich der „Kronzeuge“ für die Tracht der Baar. 1826 in Hüfingen geboren und väterlicherseits mit Johann Nepomuk Schelble verwandt, wurde ihm eine solide Ausbildung am Städel’schen Institut in Frankfurt ermöglicht. Er verbrachte mehrere Jahre in München bei Schnorr von Carolsfeld, später lebte und wirkte er in Karlsruhe und starb dort 1896.

Gleichauf war ein sehr guter Portraitist, außerdem arbeitete er mit den großherzoglichen Baudirektoren Hübsch und Durm zusammen. Er wirkte unter anderem an der Ausmalung der Kunsthalle, des Hoftheaters und des Vierordtbades in Karlsruhe, der Trinkhalle in Baden-Baden und verschiedenen Kirchen mit. Auch am fürstlichen Hofe in Donaueschingen war Rudolf Gleichauf als Dekorationsmaler tätig.

Die Tracht war nicht sein eigentliches Thema und vermutlich galt ihr auch nicht sein besonderes Interesse. Ein großherzoglicher Auftrag vom 1. Februar 1861 bewirkte jedoch, daß sich der Künstler mit Akribie mit Trachten befasste: Er sollte eine „systematische bildnerische Dokumentation“ der badischen Trachten anfertigen. Rudolf Gleichauf schuf bis zum Ende des Jahres 1869 39 Aquarelle, die heute im Besitz des Badischen Landesmuseums sind.

Geplant war, ein umfassendes badisches Trachtenwerk zu veröffentlichen. Der Kunstverlag H. Müller in Stuttgart sollte die Bilder herausgeben – das Unternehmen gelang nur ansatzweise: nachdem zehn Blätter in den Handel gekommen waren, wurde der Druck weiterer Bilder eingestellt, da es an interessierten Abnehmern mangelte.

Für Hüfingen ist interessant, daß jedoch noch weitere Drucke hergestellt wurden – nicht von Müller, sondern vom Hüfinger Lithographen Johann Nepomuk Heinemann. Diese Blätter unterscheiden sich durchaus von den Müller-Drucken, zeichnen sich durch zurückhaltendere Farbgebung aus und sind dem Original-Aquarell von Gleichauf ähnlicher.

Trachtenmädchen aus der evangelischen Ostbaar

Die Gleichaufschen Trachten werden von ihren Trägern regelrecht „präsentiert“; auch die den Aquarellen vorhergegangenen Skizzen zeigen keine „Schnappschüsse“ sondern Personen, die dem Künstler Modell saßen. Zieht man noch in Betracht, daß Rudolf Gleichauf selbst zu den baaremer Trachten, die er zwischen 1862 und 1865 dokumentierte, geschrieben hat, daß sie zu diesem Zeitpunkt sehr selten, 40 Jahre zuvor, also um 1820 noch häufiger anzutreffen gewesen seien, so erstaunt seine Darstellungsweise nicht. Rudolf Gleichauf kannte demzufolge aus eigener Anschauung die Tracht nicht mehr als allgemein übliche Kleidung, genausowenig wie die Personen, die ihm in der Tracht Modell saßen. Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der noch eine Tracht besaß und bereit war, dem Künstler Modell zu sitzen, könnte auch ein Grund für den relativ langen Zeitraum von acht Jahren, die Gleichauf für seine Dokumentation brauchte, gewesen sein. Auch die Tatsache, daß die fertige Serie kaum Abnehmer fand und der Druck nach nur zehn Blättern eingestellt worden ist, spricht für sich.

Die Gleichauf’schen Trachtenbilder entsprechen Darstellungen in einem Modejournal, sind ästhetisch sehr ansprechende Werke, dazu ist Rudolf Gleichauf bis ins Detail genau – jeder Knopf, jede Naht und jeder Stich sind zu erkennen. Dazu kommt die ausführliche Beschreibung jeder Tracht und die Auflistung aller Einzelbestandteile mit der Preisangabe für eine „feinere“ und eine „geringe“ Ausführung. Vergleicht man nun die Kosten für die Anschaffung einer einfacheren Tracht mit dem Verdienst eines Knechtes bzw. einer Magd zu dieser Zeit, so wird schnell deutlich, daß eine Tracht nicht für jeden erschwinglich war.

In den nachfolgenden Ausführungen gibt Rudolf Gleichauf eine Beschreibung der Volkstrachten aus der Baar und zwar aus dem westlichen Teil (es handelt sich um handschriftliche Aufzeichnungen, die bisher nicht veröffentlicht worden sind:

Die Tracht der Baar ist zu Hause in den Orten:

Donaueschingen, Hüfingen, Allmendshofen, Pfobren, Unterbaldingen, Aasen, Gutmadingen, Sumpfohren, Neudingen, Fürstenberg, Behla, Riedböbringen, Riedöschingen, Blumberg, Hausenvorwald, Bacheim, Unadingen, Döggingen, Mundelfingen, Ofterdingen, Bräunlingen, Löffingen, Bruggen, Hubertshofen, Wolterdingen, Tannheim, Aufen, etc.
Dieselbe wurde vor etwa 40 Jahren noch ziemlich allgemein getragen, gegenwärtig findet man sie in ihrer Ächtheit nur noch bei Einzelnen oder mit vielen modernen Abweichungen. Sie besteht bei den Männern in dem bis an die Hüften reichenden Kittel „Schopen“ von dunkelgrünem oder schwarzem Samt mit Stahlknöpfen, oder auch, besonders bei Verheirateten Männern in dem langen dunkelblauen Tuchrock mit Stehkragen u. engen Ärmeln u. weißem Futtertuch, u. in dem schwarz u. rothseidenen Halstuch, das aber zuweilen mit einem goldenen Ring zusammengehalten wird u. über welchem der Kragen des Leinenhemdes hervorsieht, sodann in der Pelzmütze von Marderpelz mit Goldtroddeln, oder in dem hohen runden, schwarzen Filzhut mit handbreitem Rand, den kurzen schwarzen enganliegenden Lederhosen mit reicher Verzierung an den Hüften u. großen blanken Stahlknöpfen besetzt, den weißen baumwollen oder wollenen gestrickten Strümpfen u. den bis über die Knöchel reichenden Lederschuhen „Knodenschuhen“ oder in Stiefeln, die hier über die Waden oder die Knie reichen, das Hemd ist von Leinenzeug u. hat ziemlich weite Ärmel, das Brusttuch von rothem Scharlach bis an die Hüften reichend, wird über der Mitte der Brust mit runden blanken eng aneinander gereihten Knöpfen von Zink zusammengeknöpft.
Die weibliche Tracht ist charakteristisch durch den hohen weißen, etwas spitz zulaufenden Strohhut mit schmalem Rand, der an den Stellen wo er über den Schläfen aufzusitzen kommt, mit breiten schwarzen seidenen „gewässerten“ Bändern besetzt ist, die oben zu einer Schleife gebunden zu bei
den Seiten bis beinahe auf die Füße herabreichen, unter diesem, oder auch

(wie in gegenwärtıger Zeit) ohne diesen wird die schwarze Kappe getragen, die nach vorne zu mit zwei schwarzseidenen Bändern besetzt ist, die gleich denen auf der Rückseite entweder frei herabhängen oder unter dem Kinn gebunden werden, die nur wenig erhöhte handbreite flache Rückseite der Kappe ist mit Silber oder Goldstickereien auf Samt oder mit gelben Brockat verziert, an dem unteren Ende desselben sind zwei schwarzseidene Bänder oben schleifenartig verbunden, befestigt, und hängen bis auf die Füße herab; ein weiterer Bestandteil bildet der Schopen (Ärmelschopen) von schwarzem Tuch mit engangliegenden vorne umgeschlagenen Ärmeln, hinten kurz und nach vorn zu länger ausgeschnitten, auf der vorderen Fläche und auf den Ärmelumschlägen mit aufgemodelten (verzierten) handbreiten schwarzen Seidenbändern besetzt, am oberen Rand und auf der Rückseite in der Form der Schulterblätter ist 1½ Zoll breiten gemodelten schwarzen Samtbändern besetzt; der Goller, meist von Samt, mit Gold oder Silberstickerei und Flimmer umschließt zur Hälfte den Hals, und bedeckt den oberen Theil der Brust und des Mieders, an seinen vorderen Ecken rothseidene Bänder oder Ketten, die unter den Armen durch-geschlungen an den Ecken der hinteren Seite befestigt werden; über dem Goller ist das große roth oder schwarzseidene Halstuch mit lichten Randverzierungen geschlungen, und auf dem Rücken geknüpft; Brust und Rücken sind von dem oberen Theil der Jüppe (Hüppe) von buntem Brockatstoff oder von buntem Samt oder Seidenstoff bekleidet, vorn durch den mit Stickerei verzierten Brustlatz (Vorstecker) verbunden, der durch die Nestel (schmale farbige Samtbändchen oder auch Ketten, die durch die an den Seiten befindlichen Haften gezogen werden) festgehalten wird; die „Hüppe“, der Oberrock besteht aus schwarzem Wollenstoff, ist sehr eng gefältelt, ein Fuß hoch am unteren Rande mit roth und blauem Wollenstoff besetzt, und reicht bis an die Knöchel; der Unterrock ist von scharlachrothem Wollenzeug, die Schürze von farbigem, meist blauem oder grünem Baumwollenstoff mit schmalen gelben Streifen ist in viele Falten gezogen und so groß, daß sie beinahe den Oberrock vollständig bedeckt, bei reichen Frauen und festlichen Anlässen ist sie auch von Seidenzeug; das Hemd von Leinenzeug hat faltenreiche Ärmel die über dem Ellenbogen festgebunden werden; an Sonntagen, bei Kindstaufen, Hochzeiten etc. ist die Gürtelkette, über den Hüften um den Leib geschlungen, von versilbertem Messingdraht oder von Silber vorn in vielen Kettenreihen herabfallend, eine besondere Zierde; die Strümpfe von weißer Baumwolle sind gestrickt die Schuhe von schwarzem Leder sind weit ausgeschnitten.

In früheren Zeiten trugen die Jungfrauen bei Prozessionen, bei Hochzeiten die Braut die Schapeltracht; die Schapel war eine 1 Fuß hohe, oben 5 Zoll breite Jungfrauenkrone, von bunten Glasperlen, Blumen, Gold und Silberflitter, von welcher zwei lange buntseidene Bänder bis auf die Füße herabhingen; in die, von der Stirne straff zurückgezogenen Haare wurde hochrothes Wollengarn geflochten nach mittelalterlicher Weise; ein schwarzer Flor oder taffetnes Tuch war in der Gegend der Schläfen befestigt und nach Art der altdeutschen Marienbilder um Wangen und Kinn und Hals bis auf die Brust herab geschlungen, zu dem festlichen Anzuge trugen sie eine schwarzseidene Schürze und die Gürtelkette, in der Hand eine Wachskerze, und ein weißes Schild mit rothen Rosen und dem Nahmenszug der Hl. Maria bemalt.

In längsvergangenen Jahren sollen die Männer unter dem blauen langen Tuchrock einen beinahe ebenso langen Rock ohne Kragen von karmesinrothem Wollenstoff getragen haben, ferner von Hosenträgern über dem Brusttuch festgeknüpft; die Frauen der damaligen Zeit Pelzkappen ähnlich denen, wie sie später Männer und Burschen trugen.
In Trauerfällen war die ganze Tracht schwarz, nur der Hut der Frauen weiß und darunter eine Spitzenhaube, die unter dem Kinn mit schwarzen Bändern gebunden wurde. Besuche und Reisen in der Gegend wurden von den Bauernhofsbesitzern und ihren Frauen zu Pferd gemacht.

Es ist natürlich, daß bei den Feldgeschäften der Landleute manche wesentliche Theile der Tracht zur bequemeren Verrichtung der Arbeit, oder auch um die Kleider zu schonen, nicht angezogen wurden, sodaß man, um die ganze Tracht zur Anschauung zu bringen, genöthigt ist, zumeist die Sonntagstracht darzustellen, und hierbei hat auch selten eine Ausnahme gemacht werden können; zur Sommerszeit arbeiten Männer und Burschen fast immer in gewöhnlichen Kitteln oder Hemdärmeln, die langen Röcke werden vermieden; Frauen und Mädchen tragen statt der schwarzen „Hüppe“ und statt dem Brustlatz und der engen Nesteleinfassung eine leichtere Bekleidung, auch das enganliegende Käppchen wird oft vermieden, und statt dessen ein farbiges Tuch entweder einfach um den Kopf gelegt und am Kinn gebunden, oder bei großer Hitze nur oben auf dem Kopfe von den Zöpfen festgehalten, sodaß es in leichtem Faltenwurf über das Gesicht hervorsteht und Schatten gewährt, ist das Mädchen, daß sich einen derartigen Kopfputz zurechtmacht, noch jung, vielleicht auch hübsch und guter Laune, so wird noch ein lustig blühend und rankendes Zweiglein bin-eingeflochten, das sich oft nicht minder glücklich ausnimmt, als die silbergestickten auf dem sonntäglichen dunkelsamtenen Goller.

In vier Bildern, und zwar drei Bildern in Kniestückformat und ein Gesamtbild in ganzen Figuren, beschreibt Rudolf Gleichauf die Trachten der westlichen Baar.

Das Bild links zeigt die männliche Tracht, einen Burschen in dem Samtschopen mit Stahlknöpfen, in der Marderpelzmütze, in dem „rothen“ Brusttuch „Leible“ mit den vielen runden Knöpfen, den schwarzen, verzierten Lederhosen, die stets bereite Ulmer Pfeife in der Hand steht er im „Esch“ (Gemarkung) zwischen Kornfeldern, einen Bekannten erwartend; die Ferne ist im Charakter der Baar gehalten.

Das Bild rechts zeigt die weibliche Tracht, eine junge Frau in dem hohen weißen Strohhut mit den schwarzseidenen Bändern zur Seite, in dem großen seidenen Halstuch, in dem schwarzen Armelschopen, mit dem gestickten Vorstecker und den „rothsamtenen“ Nesteln, mit der silbernen Gürtelkette auf der festtäglichen Schürze, dem „Bigkorb“ an dem einen Arm ist sie als auf der Wanderung in ein nahegelegenes Dorf oder Städtchen gedacht.

Das Bild links stellt ein junges Mädchen dar als Schnitterin in der fruchtbaren Baar; das Kopftuch aufgebunden, mit breiten Zöpfen und grünen Ranken geschmückt, mit der Sichel in der Hand von der Arbeit ausruhend, sitzt sie im Freien neben sich den Krug und ein Sträußlein Erdbeeren.

Das Gesamtbild unten zeigt männliche und weibliche Trachten, wie sie oben beschrieben sind, in ganzen Figuren, darunter auch ein Schapelmädchen.

Unten 6 Abbildungen vom Hüfinger Lithographen Johann Nepomuk Heinemann:

Trachtenträgerin aus dem Hanauerland

Trachtenträgerin aus Neustadt Lenzkirch.

Trachtenträgerin aus dem Schappachtal

Trachtenträger aus dem Renchthal

Trachtenträger aus dem Hanauerland

Schnitterin mit Hausen vor Wald im Hintergrund

Im Kelnhofmuseum in Bräunlingen befinden sich auch einige Drucke an der Wand:

  • Trachtenträgerin aus Neustadt Lenzkirch 


Foto von Gleichauf 1896
Gleichauf 1896
Fotografie von Th. Schuhmann & Sohn, Karlsruhe

Links Abbildung aus: Chronik der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe für das Jahr 1896, S. 52f.

Rechts Ansicht der Bundesfestung Rastatt 1859.
Vermutlich hat er die Skizze hierfür bei einem Besuch seines Vetters Lucian Reich in Rastatt angefertigt.

Stich von Rastatt
Ansicht der Bundesfestung Rastatt (nach einer Zeichnung von Rudolf Gleichauf) 1859
Generallandesarchiv Karlsruhe J-B Rastatt 4


Ein Kehlkopfleiden endete das erfolgreiche Leben Rudolf Gleichaufs am 15. Oktober 1896.

Christi Himmelfahrt in der Friedhofskapelle

Gemütvoll schildert Dr. Cathiau den Abschied der Freunde von dem Heimgegangenen. Sie hatten sich versammelt „in jener heimeligen Friedhofskapelle von Karlsruhe, von deren Altarwand das Werk des Verblichenen, „Christi Himmelfahrt“, im Abendsonnengolde verklärt niederblickte. Als der Sarg über der Gruft schwebte, da sang aus dem herbstlichen Laubdickicht des nahen Fasanengartens ein verspäteter Buchfink sein Vale amice! . . .“
(Aus Badische Heimat 31 (1951), Rudolf Gleichauf – Ein Gedenkblatt von Balthasar Mooser)

Die Grabsteine von Adolf Heer und seinem Freund Rudolf Gleichauf

Nach dem Tode Adolf Heers veranlasste der Landschaftsmaler Wilhelm Klose eine würdige Grabstätte für seinen Freund. Die Ausführung lag in den Händen von Bildhauer Johannes Hirt, der ein langjähriger Mitarbeiter von Heer war. Die zwei Bronzereliefs von Heer und Gleichauf am Grabstein sind mit J. Hirt signiert. Das Grabmal fand seinen Platz auf dem sogenannten „Hügel“ auf dem Friedhof in Karlsruhe.

Im Jahre 1976 hieß es im Südkurier: „Silberdisteln schmücken das gemeinsame Grab von A. Heer und R. Gleichauf, wo den Besuchern von der Friedhofsverwaltung erklärt wird: „Wir halten es für eine Selbstverständlichkeit und Pflicht, den Gräbern Heers und Gleichaufs unsere Aufmerksamkeit zu schenken“. Mit wenigen einprägsamen Worten wird die Bedeutung der Künstler skizziert: .. Heer und Gleichauf haben im vergangenen Jahrhundert mitgeholfen, die Züge des Kunstschaffens in Karlsruhe zu prägen“. *

Monate später wird dann in einem Schreiben an die Stadtverwaltung Hüfingen und wahrscheinlich auch Vöhrenbach (dort ist Adolf Heer geboren) angefragt, ob Interesse am Grabstein der beiden Künstler bestehe: „Das Grab wird aufgelöst.“

Die Stadtverwaltung holte die Grabsteine nach Hüfingen und sie stehen jetzt bei der Aussegnungshalle.

Adolf Heer Bildhauer
geboren 13. September 1819
gestorben 29. März 1898

Grabmal 1973 noch in Karlsruhe

Grabstein von Adolf Heer und Rudolf Gleichauf ohne die ehemals kunstvolle Einfassung.

Rudolf Gleichauf Historienmaler
geboren 29. Juli 1826
gestorben 15. Oktober 1896


*Bildhauer Prof. Adolf Heer,
Sein Leben und seine Werke auf der Baar und dem Umland von Erich Willmann
Schriften der Baar 53, (2010)

Der Hüfinger Künstlerkreis

Bild mit dem Hüfinger Künstlerkreis um den Tisch

Die erste Version dieses Artikels habe ich am 7. Juli 2020 veröffentlicht. Damals war der Hüfinger Künstlerkreis für mich noch vor allem eine Gruppe von Namen und Werken, die miteinander in Verbindung standen. Seitdem hat sich viel getan – und mit jedem neuen Fund sind weitere Verbindungen sichtbar geworden.

Aus einzelnen Künstlerbiografien ist nach und nach ein dichtes Geflecht aus Familien, Freundschaften, Lehrern und Schülern, Mäzenen und Weggefährten entstanden. Malerei und Bildhauerei verbinden sich darin mit Musik, Literatur, Fotografie und Kunsthandwerk. Die Wege führen von Hüfingen nach Donaueschingen, München, Frankfurt, Karlsruhe, Rastatt und bis nach Italien – und immer wieder zurück nach Hüfingen.

Luzian Reich und seine Zeichenschule stehen mitten in diesem Geflecht. Seine Kinder Xaver, Elisabeth und Lucian gehören ebenso dazu wie die Brüder Nepomuk und Josef Heinemann und ihr Vetter Rudolf Gleichauf. Johann Nepomuk Schelble verbindet die Hüfinger Kunstgeschichte mit der Musikgeschichte Frankfurts, Xaver Reich brachte von seiner Italienreise die Idee der Blumenteppiche mit nach Hüfingen, Nepomuk Heinemann wurde zu einem der frühen Fotografen des Landes und Lucian Reich hielt Menschen, Geschichten und Erinnerungen schließlich in seinen Büchern fest.

Doch der Hüfinger Künstlerkreis beginnt nicht erst im 19. Jahrhundert. Seine Spuren reichen weit zurück – zu Künstlern wie Martin Menradt, dem Hofmaler Franz Joseph Weiß oder Johann Baptist Seele. Und auch im 19. Jahrhundert erschöpft er sich nicht in den bekannten Namen. Immer wieder tauchen Menschen auf, die bislang am Rand standen oder beinahe vergessen wurden.

So ist aus diesem Artikel über die Jahre etwas anderes geworden als ursprünglich geplant: keine abgeschlossene Kunstgeschichte Hüfingens, sondern eine fortlaufende Spurensuche. Denn hinter jedem Namen öffnet sich eine neue Geschichte, hinter jedem Bild eine weitere Verbindung.

Und genau aus diesem Geflecht heraus ist auch Hieronymus-online gewachsen. Der Name ist dabei kein Zufall: Lucian Reichs „Hieronymus. Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde“ gehört selbst zu dieser Hüfinger Kunst- und Erzähltradition. Hieronymus-online führt sie auf seine Weise weiter – mit den Menschen, Bildern, Dokumenten und Geschichten, die sich bis heute finden lassen.

Was folgt, ist deshalb keine vollständige Geschichte des Hüfinger Künstlerkreises. Es ist eine Zusammenfassung dessen, was sich bislang zusammengefügt hat – und sie wird vermutlich nie ganz fertig sein.

Die Familie Menradt

Die Familie Menrad gehört zu einer der ältesten Hüfinger Künstlerfamilien. Hierzu gab es am 23. Februar 2026 einen Vortrag von Dr. Jörg Martin, dem Leiter des FF Archives.

Vortrag über Martin Menrad von Dr. Jörg Martin

von Martin Menrad ein Gemälde von 1682, das er im Auftrag des Fürsten Anton Egon zu Fürstenberg-Heiligenberg gemalt hatte.
Karte aus dem Jahr 1664 von Hüfingen, Behla und Sumpfohren von Martin Menrad
Karte aus dem Jahr 1662 von Hüfingen von Martin Menradt
Foto: Dr. Jörg Martin
Die Stadt Hüfingen im Jahre 1682 nach einem Gemälde von Martin Menrard

Hieronymus Lang

folgt irgendwann.

Der Hofmaler Joseph Weiß

Der FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (15.02.1735-16.06.1790) ist einer der frühesten Vertreter der Hüfinger Künstlertradition. Das Geschlecht läßt sich bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges zurückverfolgen, ist aber erloschen. Der früh verstorbene Joseph Weiß, der Großvater des Malers, war Gastwirt im Gasthaus zum Hirsch gewesen.

Franz Joseph wurde am 15. Februar 1735 als zweitältestes Kind der Eheleute Josef Weiß und Elisabeth Spiegelhalter geboren. Von seinen sechs Geschwistern lassen sich in der Folgezeit nur zwei als in Hüfingen seßhaft belegen. Er selber schloß zwei Ehen in Donaueschingen. Aus der ersten Ehe gingen die drei Kinder Johannes Nepomuk, Xaver und Maria Anna hervor. Sie war 1762 in Donaueschingen geschlossen worden. Seine zweite Ehefrau hieß Maria Anna Neyerin. Sie verstarb 1796 im Alter von 40 Jahren.

Er hat die Fahne der Jakobusbruderschaft für das Jokobifest gemalt. Der Jakobitag ist am 25. Juli und wird in vielen Städten heute noch gefeiert. Das Jokobifest war auch in Hüfingen einst sehr wichtig und wurde dann leider vergessen, weil Blumen ausreissen anscheinend mehr Spaß macht. Die etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch an diese Pilgerwanderungen.

Die Jakobusfahne wird heute an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und begegnet uns in Kapitel 17 und 23 im Hieronymus. Der Hofmaler Weiß war mit den Reichs befreundet und ist in allen Büchern von Lucian Reich zu finden. In St. Verena und Gallus hat er die Seitenaltäre von Maria Anna und und Jakobus gemalt.

Fahne der Jakobsbruderschaft vom Hofmaler Weiß
Vielen Dank an Markus Leichenauer für das Foto!
Seitenaltar in St. Verena und Gallus.
Jakobus mit Wanderstab in der Hand, dem Volke predigend aus 1774.
Die links unten auf der Tafel gemalte Männergestalt soll ein Selbstbildnis des Hofmalers Franz Josef Weiß sein.

Xaver Schelble, Sebastian Fritschi und Johann Georg Kaltenbach

folgt irgendwann

Johann Baptist Seele

Als weiterer früher Vertreter der Hüfinger Künstlertradition gilt Johann Baptist Seele (27. Juni 1774 in Meßkirch – 27. August 1814 in Stuttgart). Sein Vater Franz Xaver Seele diente ab 1776 in Hüfingen als Unteroffizier im fürstenbergischen Kreiskontingent. Johann Baptist Seele stieg bis zum Hofmaler des württembergischen Königs auf. In den Wanderblühten widmet ihm Lucian Reich Seele ein ganzes Kapitel: Wanderblühten – Johann Baptist Seele.

Fun Fact: Der Hof- und Theatermaler Josef Sandhaas aus dem Kinzigtal war der Zeichenlehrer von Luzian Reich am Benediktinerkloster in Villingen bis zum Jahr 1805 (Denkbuch). Dessen Schwester Gretel (Maria Margarete) Sandhaas (1771–1830) hat damals in Hüfingen Seele „bussiert“. Der Sohn aus dieser Beziehung, Carl Friedrich Sandhaas, wurde später ein großer, aber auch komplizierter Künstler.

Johann Baptist Seele 1792
Johann Baptist Seele1800
Johann Baptist Seele 1810

*Fotos aus den Schriften der Baar 44 (2001). Der Maler Johan Baptist Seele und sein Werk, von Gabriele Brugger.

Luzian Reich

Der eigentliche Künstlerkreis entstand um den Unternehmer Luzian Reich (7. Januar 1787 in Bad Dürrheim – 18. Dezember 1866 in Hüfingen), auch genannt „der Ältere“. Er selber zeichnete mit „Senior“.

Über Luzian Reich, auch von ihm selber geschrieben, steht viel im Denkbuch, das sein Sohn im Jahr 1896 in den Schriften der Baar veröffentlich hat.

Luzian Reich senior ein Selbstbildnis im Stadtmuseum Hüfingen
Selbstbildnis im Stadtmuseum
Foto vom alten Luzian Reich mit Stock und Mütze auf einem geschnitzten Stuhl
Luzian Reich etwa 1866.
Foto von seinem Schwiegersohn Johann Nepomuk Heinemann
Von einer Tafel aus dem Museum mit Foto der alten Kaplanei ein der der Unterricht statt fand
Tafel im Stadtmuseum
Kunstrdruck aus der Zeichenschule von Luzian Reich mit der Akelei von Dürer etwa aus dem Jahr 1830
Kunstdruck aus der Zeichenschule von Luzian Reich mit der Akelei von Dürer (etwa 1830)
Luzian Reich etwa 1860
Foto: Nepomuk Heinemann

Die Zeichenschule von Luzian Reich:
Der Oberlehrer, Maler, Kunstschreiner und Bildhauer gründete in Hüfingen eine Zeichenschule für Buben und Mädchen. Er sammelte Ölbilder, Kupferstiche, Radierungen, Lithographien, Zeichnungen, Skulpturen und Töpferkunst die zum Teil aus aufgehobenen Klöstern stammten. Diese vielfältige Sammlung diente seinen Kunstschülern als Lehr-und Anschauungsmaterial.

Luzian Reich und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann Anfang 1866
Tafel im Stadtmuseum mit Abbildung der Ziegelhütte
Tafel im Stadtmuseum

Katharina Götz (01.11.1760-04.04.1847) mit Goldhaube, gemalt von Luzian Reich, ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Elisabeth, Xaver und Lucian Reich.

Eltern von Xaver, Lucian und Elisabeth: Luzian Reich und Josefa Schelble.
Großeltern: Mathias Reich und Anastasia Buckin (Bad Dürrheim).
Franz Josef Schelble und Katharina Götz (Hüfingen).

Josepha Schelble ein Gemälde von Luzian Reich senior im Stadtmuseum Hüfingen

M. Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866) gemalt von ihrem Ehemann Luzian Reich.
Sie ist die Schwester von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Mutter von Xaver Reich, Elisabeth Heinemann geb. Reich und Lucian Reich dem Jüngeren.

Luzian Reich unterrichtete in seiner Mal- und Zeischenschule neben seinen Kindern Xaver, Elisabeth und Lucian die Brüder Nepomuk und Josef Heinemann, sowie deren Vetter Rudolf Gleichauf.

Madonna von Luzian Reich senior
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731

Auch gründete Luzian Reich zusammen mit seinem Schwager Schelble und dem Hofrath Baur den Verein Freunde der Natur. Die Freunde der Natur – des Nützlichen und Schönen errichteten auf dem Rotrain eine Anlage in der auch Konzerte gegeben wurden.

Der Musikdirektor Johann Nepomuk Schelble
Sohn, Bruder, Schwager und Onkel

Der Bruder von M. Josefa Schelble (18. März 1788 -12. November 1866) war Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 – 7. August 1837 ), der Gründer des Cäcilienvereins in Frankfurt a. Main.

Johann Nepomuk Schelble (1789 -1837)
Zeichnung von unbekannt.

Über Schelble gibt es hier die Dissertation von Oskar Bormann aus dem Jahr 1926. Lucian Reich hat seinem Onkel zwei Kapitel in den Wanderblühten gewidmet: Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble – Prolog und Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble und auch im Denkbuch wird er oft erwähnt.

Johann Nepomuk Schelble war Chorknabe im Kloster Marchtal wo er wissenschaftlichen und musikalischen Unterricht erhielt. Als das Kloster 1803 aufgehoben wurde, kehrte er zu seiner Familie nach Hüfingen zurück. In der Stadtmusik Hüfingen spiele er Piccoloflöte und besuchte die Schule in Donaueschingen, wo er an dem kunstliebenden Fürsten Karl Egon von Fürstenberg einen Beschützer fand. Am 24. Juli 1818 gründete er in Frankfurt den Cäcilienvererin.

alte Zeichnung

Foto: Allegorie zur Namensgebung des Cäcilienvereins. Zeichung von Moritz August von Bethmann-Hollweg um 1828.

Neue Disputa:

Oben bei den Engeln die heilige Cäcilia und Händel, Beethoven, Mozart, Hayden
unten
Schelble, seine Frau Molly und die Gründungsmitglieder des Cäcilinvereins.

Foto aus >Die Leute singen mit so viel Feuer…< Der Cäcilienchor Frankfurt am Main 1818 bis 2018.

1820 erhielt Schelble ein Angebot vom Fürsten Karl Egon die Stelle des Hofkapellmeisters zu übernehmen. Um ihn in Hüfingen zu halten wurde die Anlage am Rotrain zum großen Teil vom Fürstenhaus finanziert. Nach der mutwilligen Zerstörung durch Faller, Auer und Ruf in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1821, hatte Schelble dann in Frankfurt einen 10-Jahres Vertrag abgeschlossen.

In Hüfingen erwarb Schelble 1824 ein „Landgütchen“, das er sein „Ruhetal“ nannte. Mit 48 Jahren starb Schelble in den Armen seiner Frau Molly am Eingang seines Hüfinger Hauses an der Bräunlinger Straße.

Eine Freude für sie war, wenn nachmittags der „Nepomuk und die Molly“ kamen. Aber auch sie waren immer viel in Anspruch genommen mit Einrichtung und Verbesserungen ihres Hauses und Gütchens. Die Großmutter stammte aus der Hofbauernfamilie Götz, deren Haus in der Vorderstadt noch ganz die mittelalterliche Bauart zeigte und auch eine allerdings trübselige geschichtliche Bedeutung hatte, insofern als die Scheuer der Hauptschauplatz war des gräuelvollen Blutbades vom Jahre 1632 beim Überfall der Stadt durch Württembergisches Kriegsvolk.…
Gelegentlich einer Reise, die Onkel Schelble zur Kräftigung seiner angegriffenen Gesundheit nach Gastein unternommen, wobei wir ihn bis München begleiten durften, hatten wir Schaller, den Landsmann Binders, kennen gelernt. — Die Badekur hatte den erwarteten Erfolg nicht gehabt; im Sommer 1836 sah der gute Onkel sich genötigt, aller Tätigkeit zu entsagen und sich nach Hüfingen in sein von ihm mit so großem Interesse gegründetes Landgütchen zurückzuziehen.
Ich war so lange noch in Frankfurt geblieben, um das Fortschaffen der Möbel überwachen zu können. Felix Mendelssohn war gekommen, die interimistische Leitung des Cäcilienvereins zu übernehmen.
aus dem Denkbuch

Das Landgütchen
Foto von Karl Schweizer 1980

Im Bade Gastein hatte er vergeblich Heilung gesucht; ist so mächtig in die Heimat zu, wo er in der stärkenden Luft des Hochlandes Besserung hoffen durfte. – Und wirklich schien erneutes Leben noch einmal wiederkehren zu wollen – doch war es leider nur Täuschung – das Vollgefühl der Gesundheit kehrte nimmermehr wieder. Demungeachtet war er noch immer unausgesetzt thätig. Nebst der Sorge für die häusliche Einrichtung seiner kleinen Gartenwohnung beschäftigte ihn der Singunterricht der Kinder, die er um sich versammelt hatte; auch hier im Kleinen, wie früher im Großen, wollte er den Sinn und die Empfänglichkeit für das Schöne wecken und fördern. – Frohe Hoffnung gänzlicher Genesung beschlichen die Brust der Seinigen; um so unvorbereiteter traf sein plötzliches Dahinscheiden.

Es war am 6. August des Jahres 1837, an einem Sonntag, als das Totenglöcklein der Stadtkirche üblicherweise den Einwohnern verkündete, dass ein Mensch aus ihrer Mitte geschieden sei. – Es war das Scheidezeichen für Johann Nepomuk Schelble. – Im Geleite der Seinigen hatte er denselben Tag einen Spaziergang auf ein entferntes Grundstück unternommen, als er zurückkehrend am Eingange seines Gartens von einem Blutsturz befallen wurde, der seinen Leben in den Armen seiner Gattin ein schmerzliches schnelles Ende machte.

Ein Mitglied des Cäcilienvereins (Johannes Weismann) unternahm es, für die Freunde in kurzgefassten Zügen eine Schilderung des Lebens und Wirkens des Verewigten zu entwerfen. Und wohl darf er als die Denkweise Vieler betrachtet werden, wenn der Verehrer am Schlusse seines Nekrologs ausruft: „Fürwahr, ein ungewöhnlicher, ein großer Mensch ist mit ihm von der Erde geschieden; denn seine Aufgabe war eine große, und er hat sie im großen Sinn aufgefaßt und gelöst. Darum erkannte sich der Verein mit tiefem Schmerze verwaist, als er sich ihm die Überzeugung aufdrang, dass Schelble ihm unwiederbringlich entrissen sei. Darum ist es so natürlich, dass wir immer von Neuem an ihn erinnert werden, dass wir ihn immer wieder vor unserem Geistesauge erblicken, den Mann mit der großen Stirne, mit dem edelgebildeten Haupte, dem tiefblickenden Auge, wie er anspruchslos am Klavier saß und mit klarem, ruhigen Sinn die Tonwelt, das Ganze wie das Einzelne beherrschte“.
aus den Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble

Man kann kaum glauben, wie viel ein einziger Mensch, der was will, auf alle andern wirken kann; S. steht dort ganz allein…Er hat sich einen sehr bedeutenden Wirkungskreis geschaffen und die Leute im eigentlichsten Sinne weiter gebracht …
Felix Mendelssohn Bartholdy in einem Brief an Carl Friedrich Zelter

Lucian Reich

Ein Sohn von Luzian Reich und Josefa Schelble und somit der Neffe von Nepomuk Schelble war Lucian Reich (26. Februar 1817 – 2. Juli 1900).

Lucian Reich, gezeichnet von seinem Schwager Nepomuk Heinemann.

Lucian Reich hat aus Geldnot erst am 8. August 1874 Margareta Stoffler (1825-1880) aus Geisingen geheiratet; die Tochter Anna Reich war deswegen unehelich und ihre Daten sind nicht bekannt. Anna Reich kam mit ihrem Vater später wieder nach Hüfingen und pflegte ihn bis zu seinem Tod am 2. Juli 1900. Danach heiratete sie einen verwitweten Landwirt in Neudingen und zog seine (8 ?) Kinder groß. Sie selber hatte nie eigene Kinder und starb hoch betagt in der Neudinger Mühle.

Maria Josepha Heinemann Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.

Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann 1875-1881

Lucian Reich nach einer Photographie gezeichnet von Karl v. Schneider. Hüfingen 1907.

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Anna Reich 1885
Foto von Nepomuk Heinemann

Lucian Reich wirkte jahrzehntelang als Zeichenlehrer am damaligen Großherzoglichen Lyceum in Rastatt. Einen Namen machte er sich vor allem durch seine heimatkundlichen Bücher und seine Illustrationen.

Zeichnung aus den Wanderblühten.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind;
J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit);
Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife;
Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr;
Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.

Das bekannteste von Reich geschriebene und illustrierte Buch trägt den Titel „Hieronymus. Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde„.

Lisette Reich
Die übersehene Schwester

Die Tochter von Luzian und Josefa Reich und Schwester von Lucian und Xaver war Elisabeth Reich (15. Dezember 1819 – 24. Juni 1871). Sie heiratete am 31. Januar 1854 einen Schüler ihres Vaters, Johann Nepomuk Heinemann (30.05.1817 – 22.02.1902).

Elisabeth (Lisette) Reich 1819-1871
Allegorie der Donauquelle von J.N. Heinemann
Selbstportrait von Nepomuk Heinemann

Der Fotograf und Schnitzer Muckle Heinemann
Schwager und Neffe

Johann Nepomuk Heinemann (30.05.1817 – 22.02.1902) begann eine Lehre als Uhrschild-Maler in Neustadt. Danach lernte er in Donaueschingen die Technik der Lithographie. Wie alle Hüfinger Künstler hielt er sich in den folgenden Jahren, wie sein Bruder Joseph, zu Studienzwecken in München auf.

Die Eröffnung einer eigenen Druckerei in Hüfingen wurde ihm auf Intervention des Fürstenhauses genehmigt. Mit Entwürfen von Lucian Reich, seines Bruders Joseph Heinemann und von Heinrich Frank begann er das Buchprojekt Hieronymus – Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde.

Bleistiftzeichnung Karl von Schneider (1847 – 1923) von Johann Nepomuk Heinemann
Bild mit Liebespaar und einer Ziege
Uhrenbild von Heinemann 1850

Johann Nepomuk Heinemann war einer der ersten Fotografen im Land. Auch das Fürstenhaus Fürstenberg in Donaueschingen zählte zu seinen Kunden. Dieses Geschäft blühte in den 1860er Jahren auf und zahlreiche Portraits von Zeitgenossen entstanden in seinem Studio.

So auch Amélie Karoline Gasparine Leopoldine Henriette Luise Elisabeth Franziska Maximiliane Fürstenberg. Geboren am 25.05.1848 Schaffhausen und verstoben am 08.03.1918 in Baden-Baden. Tochter von Karl Egon II Fürst zu Fürstenberg (1820-1892).

  • Altes Foto der Fürstenfamilie



Die Tochter von Nepomuk Heinemann und Lisette Reich war Maria Josepha Heinemann („Marie“ 23. Dezember 1857 – 19. Mai 1948) die am 19. September 1881 den Kaufmann Karl Nober (Haus Nober Hauptstr. 5) geheiratet hat.


Marie Heinemann (1857 – 1948)

Marie und Kätherli
(Katharina Heinemann 30.04.1828-27.01.1900. Kätherli war die Schwester von Nepomuk und Josef Heinemann)
Fotos von Nepomuk Heinemann etwa 1868

Nepomuk Heinemann 1895
Nepomuk Heinemann 1895
Todesanzeige vom 24.02.1902

Selbstbildnis von Johann Nepomuk Heinemann von 1840


Xaveri
Der Bildhauer Xaver Reich
Bruder und Vater

Ein weiterer Sohn von Luzian Reich war Franz Xaver Reich (1. August 1815 – 8. Oktober 1881).
Nach initialer Förderung durch seinen Vater, kam Xaver Reich 1832 auf Empfehlung seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an das Städelsche Institut. Durch seinen Onkel wurde er auch Mitglied in dessen Cäcilienverein.

Xaver Reich
gezeichnet von Nepomuk Heinemann 1838

Foto von Xaver Reich im Stadtmuseum

Franz Xaver Reich
gezeichnet von Josef Heinemann

Lucian Reich schreibt viel über seinen Bruder im Denkbuch: https://hieronymus-online.de/denkbuch-von-lucian-reich-1896/

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Wilhelm August Rehmann, Leibarzt von Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg veranlasste, dass Reich eine Skizze modellieren konnte, welche die Donau mit ihren Zuflüsse Brigach und Breg zeigte. Karl Egon II. war vom Ergebnis begeistert und beauftragte Reich damit das Modell 1837 im großen Maßstab herzustellen. Im Schloss Hüfingen erhielt er von seinem Mäzen dann ein Atelier geräumt, um die Gruppe in Sandstein auszuführen. Die Sandsteingruppe wurde auf der „großen Insel im Schwanenweiher“ (heute: Pfaueninsel) im Schlosspark von Donaueschingen aufgestellt.

Danubiagruppe auf der Pfaueninsel (Postkarte 1906)

Nach Vollendung der Arbeit machte sich Xaver Reich 1842 zu einer Romreise auf. Aufenthalte in Pisa, Florenz und in Verona begeisterten ihn für die Tradition der Blumenteppiche.

Nach Vorbild aus Portici fertigte er in Hüfingen vor seinem Elternhaus den ersten Blumenteppich und legte so den Grundstein einer Tradition in Hüfingen die leider den Gallustag ersetzen sollte.

Film von Ernst Kramer in den späten 1920er

Franz Xaver Reich wohnte mit seiner Familie im ehemaligen Anwesen seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an der Bräunlinger Straße. In Hüfingen hatte er die Ziegelei seines Vaters übernommen und zu einer Terrakottenbrennerei umgewandelt. In ihr brannte er plastischen Schmuck. (aus dem Denkbuch von Lucian Reich)

Ziegelhütte und Terrakottenbrennerei Reich.
Sie stand da, wo heute der Kofenweiher ist.

Der Engel auf der Elisabetheninsel, den Fürst Carl Egon II in Erinnerung an seine früh verstorbene Gemahlin Elisabeth aufstellen ließ, wurde nach einem Entwurf von Xaver Reich gegossen. Zu seinen Donaueschinger Arbeiten zählt auch das Turnierrelief an der Reithalle.

Die Inschrift auf der Vorderseite des Sockels lautet:
„Der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost. Sp. Salomon 14, 23“ auf der Rückseite: „Karl Egon Fürst zu Fürstenberg seiner unvergeßlichen Frau Elisabeth, Prinzessin Reuß ä. L. zu Greiz. geb. 23. März 1824, gest. 7. Mai 1861“.
Das Denkmal wurde nach einen Entwurf von Xaver Reich gegossen.
Die junge Donau als Kind im Schoße der Mutter Baar von Xaver Reich von 1875.
Sandsteingruppe am alten Zusammenfluss von Brigach und Breg in Donaueschingen.
Foto aus dem Jahr 1980.

Als die Donauquelle im Schloßhof neu gefaßt und umgruppiert wurde, gestaltete Xaver Reich die Gruppe: „Die junge Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar“. Sie musste allerdings in den siebziger Jahren der Marmorgruppe des Vöhrenbacher Bildhauers Adolf Heer weichen, die heute noch die von Adolf Weinbrenner geschaffene Quellfassung schmückt. Reichs Gruppe fand in der Nähe des Zusammenflusses von Brigach und Breg eine vorläufige Bleibe und wurde 2025 am neu gestalteten Donauzusammenfluss wieder aufgestellt.

Der Maler Rudolf Gleichauf
Vetter

Ein weiters Mitglied des Hüfinger Künsterkreises war Rudolf Gleichauf (29. Juli 1826 in Hüfingen – 15. Oktober 1896 in Karlsruhe). Gleichauf erhielt ein Stipendium des Fürsten Karl Egon II. zu Fürstenberg an der Münchner Akademie bei Schnorr von Carolsfeld.

Rudolf Gleichauf
29. Juli 1826 – 15. Oktober 1896

Außer zahlreichen Wandgemälden hat Gleichauf im Auftrag des badischen Hofs und der badischen Regierung zwischen 1862 und 1869 zahlreiche Aquarellbilder und eine Vielzahl von Kostümstudien geschaffen, die sich in der Badischen Landessammlung erhalten haben und für ein „umfängliches badisches Trachtenwerk“ geplant waren, das jedoch nicht vollendet wurde.

Unten Allegorische Darstellungen der Fakultäten für Theologie, Philosophie, Jurisprudenz und Medizin für die Universtität Heidelberg von Rudolf Gleichauf.

Theologie
Philosophie
Jurisprudenz
Medizin

Die zwei Bronzereliefs des Bildhauer Johannes Hirt auf dem Grabstein von Adolf Heer und Rudolf Gleichauf befinden sich auf dem Hüfinger Friedhof.

Adolf Heer Bildhauer geboren 13. September 1819 gestorben 29. März 1898

Grab Adolf Heer und Rudolf Gleichauf


Josef Heinemann
Der vergessene Hüfinger Maler

Eine Schwester von Rudolf Gleichauf war mit dem Künstler Josef Heinemann (27.12.1825 – 02.04.1901) einem Bruder von Johann Nepomuk Heinemann, verheiratet.

Josef Heinemann (1825 – 1901)
Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Johann Nepomuk Heinemann.

Marie Heinemann (1857 – 1948)
Gemalt von ihrem Taufpaten Josef Heinemann.

Auch Josef Heinemann studierte wie sein Schwager Gleichauf an der Münchner Akademie bei Julius Schnorr von Carolsfeld.

Jacob schenkt Joseph einen bunten Rock (1850)
Die selten dargestellte Szene der Josephsgeschichte des Alten Testaments entstand im Umfeld von Bibel-Illustrationen. Heinemann arbeitete an verschiedenen Editionen sogenannter Bilder-Bibeln mit.

Bildnis der Ida Müller, verh. Maier (1841)
Heinemann porträtiert die 20-jährige Blumen- und Stillebenmalerin als „Tochter aus gutem Hause“. Die noch ungleiche anatomische Exaktheit von ausdrucksstarkem Gesicht und summarischer Hand zeigt, dass es sich um ein Jugendwerk des 18-jährigen Zeichners handelt.


Es fehlen hier noch einige Hüfinger Künstler. Ich verweise auch noch auf die Seite der Hüfinger Persönlichkeiten: https://hieronymus-online.de/huefinger-persoenlichkeiten/


Fotos und Infos zum Hüfinger Künstlerkreis gibt es auch auf der Seite des Stadtmuseums:

Der Hüfinger Frauenverband

Der Augenblick der Entscheidung ist gekommen!
Worte können unser Recht und unsere Freiheit nicht erobern
.

Erste Version war am 15.01.2020

Paul Revellio
Bürgermeister Joseph Hug von 1840-1848

Paul Revellio hat beschrieben wie am 10. April 1848 Friedrich Hecker von Konstanz aus die in Hüfinger Wirtshäusern versammelten Bauern, Tagelöhner und Handwerker aufgerufen hat, sich bewaffnet den Donaueschingern anzuschliessen:

Dezember 1848 Carl Revellio, Bürgermeister Joseph Hug und Sägewerksbesitzer Wilhelm Steiner gründen mit einer Art Rütlischwur den bald 114 Mitglieder umfassenden und stets im Ratssaal tagenden Volksverein. *3

Die Ackerbürgerschaft ging also in der bewegenden und bewegten Zeit auf die Barrikaden und machte 1848/49 Revolution über ihre Wehrausschüsse und über den Volksverein, unter dessen 114 Mitgliedern in Hüfingen keine Frau war. *1

Ähnliche Erfahrungen veranlaßte Louise Otto, eine Zeitung herauszugeben.

Die Anfänge der deutschen Frauenbewegung um 1848*4

Im April 1849 gründete Louise Otte eine Frauenzeitschrift unter dem Motto „Dem Reich der Freiheit werb‘ ich Bürgerinnen„.

Frauen, die die langwierigen Debatten über die „Grundrechte des deutschen Volkes“ und das „Reichswahlgesetz“ in der Frankfurter Nationalversammlung verfolgt hatten, mußten enttäuscht feststellen:

„... aber sie denken bei all‘ ihren endlichen Bestrebungen nur an eine Hälfte des Menschengeschlechts – nur an die Männer. Wo sie das Volk meinen, da zählen die Frauen nicht mit.“ (Frauen-Zeitung 1/1849) *4

Im Programm der ersten Nummer schrieb Louise Otto:

„die Geschichte aller Zeiten, und die heutige ganz besonders, lehrt, daß diejenigen auch vergessen wurden, welche an sich selbst zu denken vergaßen.“ (Frauen-Zeitung 1/1849)

Gegen zunehmenden reaktionären Druck, aber getragen von der Zustimmung ihrer Leserinnen und der wachsenden Zahl gleichgesinnter, vorwiegend weiblicher Mitarbeiter, schaffte sie es, von April 1849 bis Dezember 1850 wöchentlich eine Nummer herauszugeben. Auf acht Seiten waren darin neben Noveletten und Gedichten mit sozialkritischer Tendenz, neben Nachrichten und Kommentaren zum Zeitgeschehen und Korrespondenzen aus vielen Städten des Deutschen Bundes Abhandlungen zu frauenspezifischen, kulturellen und religiösen Fragen zu lesen, sowie in der Rubrik ,Blick in die Runde‘ Verschiedenes aus dem Alltag der Frauen.*4

Die Teilnahme der Frauen an der Revolution aber beschränkte sich nicht auf Worte und Beteuerungen oder fürsorgende Hilfsdienste: „Da ist es nicht getan mit Charpie-Zupfen, Verwundete pflegen, Kleidernähen und Kochen für das Heer“ (Frauen Zeitung 14/1849). Die Frauen blieben nicht länger Zuschauer, die um die Helden der Revolution trauerten und ihre Toten beweinen durften. Sie legten selbst Hand an. Wir erfahren, dass Frauen auf den Barrikaden Dresdens gekämpft, dass sie die Festungen Rastatts, jenen letzten vergeblichen Kampfplatz zwischen Revolutionstruppen und preußischem Militär, mit ihren Männern gemeinsam verteidigt haben.*4 (Charpie ist ein Wundverband aus aus weich gezupften Fäden von Leinenstoffen)

„Wenn die Geschichte dieser Tage einst mit historischer Treue geschrieben wird, dann werden die ‚Frauen Rastatts“ einen ehrenvollen Platz in ihr einnehmen.“ (Frauen-Zeitung 24/1850)

Die Geschichte wird auch heute nicht immer mit jener „historischen Treue“ geschrieben, die Louise Otto bereits 1850 einforderte. Frauen erscheinen in vielen historischen Darstellungen nach wie vor seltener als Männer – nicht, weil sie keine Rolle gespielt hätten, sondern weil ihre Beiträge häufig übersehen oder nicht dokumentiert wurden.

Auch in der regionalen Geschichtsschreibung zeigt sich dieses Muster. Veröffentlichungen des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar oder des Almanachs Schwarzwald-Baar widmen sich überwiegend den Männern. Frauen treten meist nur am Rande in Erscheinung oder bleiben ganz unerwähnt.

Bereits 1982 schrieb die Historikerin Ute Gerhard, das Geschichtsbild werde „erst neuerdings […] in wesentlichen Zügen korrigiert“. Mehr als vier Jahrzehnte später ist diese Korrektur vielerorts noch immer ausgeblieben. Auch im 21. Jahrhundert werden Frauen in der historischen Überlieferung häufig ausgeklammert – und mit ihnen ein bedeutender Teil der lokalen Geschichte.

Wer die Geschichte der Frauen nicht erzählt, erzählt die Geschichte einer Gesellschaft nur zur Hälfte.

Der Hüfinger Frauenverein

Überraschend ist die große Zahl der Frauenvereine um 1848, die aufgrund der neuen Quellen aus dem „Dunkel der Geschichte“ aufgetaucht sind. Durch die mehrfachen Aufrufe in der Frauen-Zeitung zur Gründung von Frauenvereinen, insbesondere das Angebot der Redaktion, „den Vereinen als Organ zu dienen“ und ihre Angelegenheiten zu besprechen (Frauen-Zeitung 11/1850), wurde eine große Zahl von Frauen-Zusammenschlüssen bekannt.*4

So pathetisch im Stil der Zeit war die Redeweise der Breslauerin nicht, die von einem „festen und schönen Band“ der Frauenvereine träumte, das wie ein „diamantener Gürtel das ganze Vaterland umgeben soll“ (Frauen-Zeitung 9/1850).

Neu an den Vereinigungen von 1848 war ihre politische Zielsetzung, die schon in ihrer Bezeichnung als „demokratische Frauenvereine“ zum Ausdruck kommt, aber nicht in allen Zusammenschlüssen der Frauen mit gleicher Intensität verfolgt wurde. Der Schritt zur Vereinsgründung ist sicherlich nicht ohne den allgemeinen Zug der Zeit zum Vereinswesen als Vorstufe politischer Parteiungen zu verstehen. Dennoch war eine derartige Initiative für Frauen in der männlichen Öffentlichkeit in jedem Fall ein persönliches Wagnis, das Mut und Organisationstalent erforderte.*4

Georgine, die sich in der Frauen-Zeitung wiederholt für die Gründung von Vereinen, insbesondere für die Assoziation der Arbeiterinnen einsetzte, schrieb:

…lassen wir uns aber durch das Geschrei der am ,alt Hergebrachten‘ festhängenden Menge über Emanzipation nicht irre machen, verlieren wir den Mut nicht, wenn man uns lächerlich zu machen sucht, sondern legen wir kräftig Hand an, um die veralteten Schranken niederzureißen…. Viele werden mir entgegenhalten, daß es in diesen unruhigen Tagen nicht an der Zeit sei, solche Neuerungen und Reformen zu beginnen, doch ich halte die Jetztzeit gerade für die passendste, weil die Not der Arbeiterinnen jetzt einen so hohen Grad erreicht hat, daß Zögerung Sünde wäre …“ (Frauen-Zeitung 11/1849).

Motiv für die Vereinsgründungen war für die einen die soziale Not, für andere eine politische Erfahrung, für die es in dieser Zeit nicht an Gelegenheiten mangelte. Wie die vielen Solidaritätsadressen und Teilnahmebriefe an Eugenie Blum belegen, muss die Hinrichtung Robert Blums, des linken Demokraten und Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung, im Oktober 1848 in Wien für viele Frauen wie ein Signal gewirkt haben. Das Schicksal der Witwe des Freiheitskämpfers bot Identifikationsmöglichkeiten, die zur Teilnahme und Mitwirkung drängten.*4

Obgleich diese Frauenvereine auf den ersten Blick wie traditionelle Wohltätigkeitsvereine wirkten und mit zunehmender Behinderung durch die Reaktion zur Tarnung so wirken wollten, war ihre Zielsetzung doch eine politische, ja, ihre Mitglieder verwahrten sich ausdrücklich gegen die Festlegung der Frauenaktivitäten auf die „den Menschen niederdrückende Wohltätigkeit“ (Frauen-Zeitung 10/1849) oder das „Wohltätigkeitsprinzip“ (Frauen-Zeitung 10/1850). Sie nahmen mit ihrer praktischen Hilfe Partei zunächst für die Aufständischen – sie nannten sie „Freiheitskämpfer“ oder „Vaterlandsfreunde“ *4

Vor diesem Hintergrund ist auch die Gründung des Hüfinger Frauenvereins im Jahr 1849 zu sehen. Er entstand in einer Zeit, in der sich überall in Deutschland Frauen zusammenschlossen, um sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren. Die Gründung eines Frauenvereins war damals keineswegs selbstverständlich. Sie erforderte Mut und den Willen, die Rolle der Frau in der Gesellschaft neu zu denken.

Über den Hüfinger Frauenverein selbst ist heute jedoch nur wenig bekannt. Fest steht, dass er 1849 gegründet wurde und rund 130 Mitglieder zählte – mehr als der Hüfinger Volksverein. Allein diese Zahl zeigt, dass der Verein in Hüfingen keine Randerscheinung war, sondern auf eine breite Unterstützung stieß.

Über seine konkrete Tätigkeit haben sich bislang fast keine Unterlagen erhalten. Im Stadtarchiv finden sich heute keine Hinweise mehr auf einen Frauenverein. Ob entsprechende Dokumente nie dauerhaft aufbewahrt wurden, später verloren gingen oder bewusst beseitigt wurden, lässt sich heute nicht mehr klären. Da in anderen historischen Quellen nachweislich Seiten aus Archivbänden entfernt wurden, kann auch eine spätere Vernichtung einzelner Hinweise nicht ausgeschlossen werden. Belegen lässt sich dies jedoch derzeit nicht.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die Frauenvereine der Revolution von 1848/49. Sie zeigen das politische und gesellschaftliche Umfeld, in dem auch der Hüfinger Frauenverein entstand. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, welche Ideen und Ziele seine Gründerinnen bewegt haben könnten.

Die folgenden Lithografien zeigen junge Hüfingerinnen aus der Zeit um die Gründung des Frauenvereins. Ob sie dem Verein angehörten, ist nicht überliefert.
Hüfingen zählte 1834 insgesamt 1.466 Einwohner (Gemeindelexikon des Großherzogtums Baden). Der Frauenverein hatte rund 130 Mitglieder. Damit gehörte ihm nahezu jeder zehnte Einwohner Hüfingens an. Bezogen auf die Zahl der erwachsenen Frauen dürfte der Anteil der Vereinsmitglieder sogar deutlich höher gewesen sein.

Josefa Elsässer (1823-1900)
Elisabeth Reich
(1819-1871)
Katharina Nober
(1805-1871)

Durch mehrere Berichte im Donaueschinger Wochenblatt gibt es einige Hinweise auf das Treiben des Vereins.


Hüfingen, 13. Juni.
Eine ziemliche Anzahl hiesiger Frauen und Jungfrauen hat sich vereinigt, die hiesige Wehrmannschaft teils durch Geldbeiträge, teils durch Fertigung und Anschaffung der zum Felddienste erforderlichen Bedürfnisse nach Kräften zu unterstützen.

Zu demselben Zwecke wurden deshalb von jenen folgende Gegenstände und Geldbeträge bereits geliefert:

Kleidungsstücke und Weißzeug.
1 Schlafrock, 1 gestrickter Kittel,
80 Hemden, 19 Leintücher, 36 Handtüchlein, 18 paar Unterhosen, 72 paar Socken.
Verbandsgegenstände.
138 Verbandtüchlein, 146 Binden, 12 Säckchen, 1 Korb voll Charpie.
Ferner: 1 Couverte.
An barem Gelde 31 fl. 40 kir.
An das Finanzministerium wurden schon früher eingesandt 61 f. 36 kt.
zusammen 93 fl. 16 kr.

Indem man dieses hiermit zur öffentlichen Kenntnis bringt, wird den edlen Spenderinnen zugleich der Dank ausgedrückt für ihre wohltätige Unterstützung und warme Teilnahme am Kampfe für die Sache und Freiheit des Volkes und des Vaterlandes.

Der Civilkommissär Häfelin

Donaueschinger Wochenblatt 13. Juni 1849


Der Bericht vermittelt einen Einblick in die Arbeit des Hüfinger Frauenvereins. Die Frauen organisierten nicht nur Kleidung, Verbandsmaterial und Geldspenden in beachtlichem Umfang. Der öffentliche Dank des Civilkommissärs macht zugleich deutlich, dass ihr Engagement als Unterstützung des Kampfes „für die Sache und Freiheit des Volkes und des Vaterlandes“ verstanden wurde.

*Fotos aus „American Dreams“ im Haus der Geschichte Stuttgart, Dezember 2023


Friederich Hecker’s Abschied in Strasbourg auf seiner Reise nach Amerika. Setzt Eure Hoffnung nicht auf mich allein, einen sterblichen Mann, sondern auf Eurer gutes Recht und Euren eigenen Muth, auch ich verzweifle nicht an dem Gelingen der gorssen Volkssache, ungeachtet ich Vaterland, Frau und Kinder verlassen muss, ungeachtet mir mein mühsam erworbenes Gut genommen, und die Fürstenknechte mit ihrem aussaugenden Gefolge mich noch täglich vor der Welt mit Schmähungen übergiessen – nie ist eine große Sache ohne Opfer errungen worden!


Friedrich Hecker’s Ankunft in Nord-Amerika. Nach 14 tägiger Seereise betrat der edle Republikaner mit seinem Freunde Schöninger den freien Boden Nord Amerikas. Dort wurde ihm von seinen unzähligen Freunden ein Empfang bereitet, wie wenige gekrönte Häupter dessen sich rühmen können. Durch die oberste Behörde persönlich bewillkomt, wurde er Ehrengast der gesamten Freistaaten. Dort wird er freiere Staalseinrichtungen beobachten, und einst in sein bedrängtes Vaterland zuruckgekehrt, verwirklichen, was von so vielen als unerreichbar dargestellt wird.

Kaum ein Dokument vermittelt den Geist des Jahres 1849 eindrucksvoller als das Gedicht unten. Es zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit Frauen damals zum gemeinsamen Handeln aufgerufen wurden. Nicht als stille Helferinnen im Hintergrund, sondern als Teil einer Bewegung, die für Freiheit, Demokratie und gesellschaftliche Veränderung eintrat:


Der Frauen- und Jungfrauen-Verein.

Das teure Vaterland ist in Gefahr,
So rüstet euch, ihr edle Nationen,
Bewaffne dich, du treue Männerschaar,
Es gilt die stolzen Fürsten zu entthronen,
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

So ruft das edle Volk von Ost bis West,
So ruft es selbst in Nordens düstern Gauen;
Drum mutig auf was Gott am Leben läßt,
Die Tyrannei soll eure Wunder schauen:
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

In Ungarn wo der Söldnerkampf erbraust,
Dort seht ihr umgestürzte Trümmer rauchen;
Mit Zorn geballt ist jede Mannes-Faust,
Das Flammenschwert in Fürstenblut zu tauchen:
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

So schleudern höhnend die Tyrannen jetzt,
Des Blitzes Glut in unserm deutschen Lande
Eidbrüchige! ihr habt den Schwur verletzt,
Habt aufgelöst der Gesellschaft Bande:
Drum gilt’s gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

Es stehen selbst des Volkes Frauen ein,
Die friedlich sonst im eignen Hause wohnen,
Und bilden einen Tätigkeits-Verein,
Zur Unterstützung deutscher Legionen:
Ja, gilt es doch dem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

Jungfrauen, Frauen, kommt und schaaret euch!
Besorget, spendet eure Kampfesgaben!
Die allgemeine Not macht alle gleich,
Und Alle werden sich am Siege laben:
Drum „Vorwärts,“ Gut und Blut dem Krieg,
Um jeden Preis der Freiheit Sieg!

Donaueschinger Wochenblatt Juni 1849


Nur zwei Wochen später veröffentlichte der Hüfinger Frauen- und Jungfrauenverein einen weiteren Bericht im Donaueschinger Wochenblatt. Daraus geht hervor, dass der Verein inzwischen 130 Mitglieder zählte. Zugleich werden erstmals die Namen der beiden Vereinsvorstände genannt: Karoline Höfler als Vorsteherin und Elisabetha Gilli als Schriftführerin.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Zahl der Mitglieder als das Selbstverständnis des Vereins. Im Mittelpunkt stehen Einigkeit, gemeinsames Handeln und die Unterstützung der „guten Sache“. Der Text vermittelt das Bild einer gut organisierten Gemeinschaft von Frauen, die sich ihrer Verantwortung bewusst war und ihren Beitrag zu den politischen Ereignissen des Jahres 1849 leisten wollte:


Epitaph auf dem Hüfinger Friedhof.

Der Frauen und Jungfrauen Verein dahier zählt nun 130 Mitglieder, die alle gern und willig bereit sind, dem Zwecke des Vereins zu dienen, und daher freudig ihre Gaben auf den Altar des Vaterlandes niederlegen. Damit aber der Verein glücklich bestehe und gedeihe ist nötig, daß unter den Mitgliedern stets Einigkeit sei und bleibe. Daß diese sowohl von den gegenwärtigen als auch von den allenfalls noch beitretenden Mitgliedern gepflegt werde, steht zu erwarten, da alle vom Geiste der Eintracht und Liebe beseelt sind, womit sie an der guten Sache Anteil nehmen und Unterstützung da gewähren wollen, wo es notwendig ist.

Hüfingen, den 27. Juni 1849.
Die Vorsteherin: Karoline Höfler.
Die Schriftführerin: Elisabetha Gilli.

Donaueschinger Wochenblatt Juni 1849


Elisabetha Gilly geboren am 16.05.1825 und verheiratet am 08.01.1852 mit Markus Frey aus Hausen vor Wald, Gastwirt zum Löwen.

Karoline Höfler. Geboren als Karoline Aberle um 1817. Eltern Andreas Aberle und Magdalena Eytenbenz aus Möhringen. Wirtin vom Gasthaus Löwen. Ihr Mann Michael Höfler stirbt 1842 mit nur 29 Jahren.

Elisabetha Gilly war die Tochter von Josef Gilly aus Hondingen und Agatha Wagner. Sie wurde nach ihrer Großmutter Elisabetha Martin benannt.

Der Löwenwirt hieß „Leuenbaschi„. Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:

…und an hohen Festtagen spielte er in der Kirche die Orgel, und der „Leuenbaschi” (Löwenwirt) sagte dann: „I ha’s bim erschte Griff scho gmerkt, daß es nit de Prezepter Thäddä ischt!” Dieser, der pensionierte Präzeptor Thaddäus Bader, war nämlich stets noch Organist.…

Denkbuch von Lucian Reich 1896

Foto von Wikimedia von einem Frauenverein um 1900

Mit Karoline Höfler und Elisabetha Gilly erhalten die wenigen überlieferten Nachrichten über den Hüfinger Frauenverein ein Gesicht. Hinter den Namen stehen zwei Frauen aus der Mitte der Hüfinger Bürgerschaft, deren Engagement heute nur noch durch wenige Zeitungsberichte und Einträge im Sippenbuch nachvollziehbar ist.

Bemerkenswert ist, dass sich ihre Lebenswege mit dem Gasthaus „Löwen“ verbinden. Karoline Höfler führte das Gasthaus nach dem frühen Tod ihres Mannes als Wirtin weiter. Elisabetha Gilly heiratete später den Löwenwirt Markus Frey. So wurde ausgerechnet der „Leuenbaschi“, den Lucian Reich in seinem Denkbuch mit einer Anekdote verewigte, zu einem kleinen Bindeglied in der Geschichte des Hüfinger Frauenvereins.

Die Fahne vom Hüfinger Frauenverband

Die Gründung des Vereins wurde schon wenige Tage später durch eine öffentliche Fahnenweihe sichtbar:


Hüfingen, 27. Juni.
Es ist wahrhaft erfreulich, wenn man wahrnimmt, wie hiesige Frauen und Jungfrauen in bedeutender Anzahl sich gleichsam wetteifernd bestreben, beim gegenwärtigen deutschen Freiheitskampfe unterstützend mitzuwirken, so viel sie nur immer vermögen. Dies beweist, wie sehr sie erkennen, was dem Volke und Vaterlande not tut, und was der Geist der Zeit fordert.

Dieselben haben darum einen Verein gebildet, wohlwissend, daß das Wirken für eine edle Sache nur durch vereinigte Kraft mit segenbringendem Erfolge gekrönt sein kann. Diesem Vereine haben sie daher Festigkeit verliehen durch angemessene Statuten, welche am 18. d. M. festgesetzt wurden, an welchem Tage sonach der Frauen- und Jungfrauen-Verein daselbst seine förmliche Konstituierung erhielt.

Der Zweck desselben ist zunächst die Teilnahme an den allgemeinen Freiheitsbestrebungen, die Unterstützung der hiesigen Wehrmannschaft und solcher hiesiger Personen, welche im Dienste der Freiheit unglücklich werden. Zur Erreichung dieses Zweckes werden alle 14 Tage von den Mitgliedern Geldbeiträge in die Vereinskasse entrichtet, die jedoch nicht festgesetzt, sondern dem Ermessen eines jeden Mitgliedes anheim gestellt sind. Auch werden Kleidungsstücke und zum Feld- und Wehrdienste erforderliche Bedürfnisse herbeigeschafft. Über schon früher eingegangene Beiträge und angeschaffte Gegenstände wurde schon am 13. d. M. vom Civil-Kommissär daher in diesem Blatte berichtet.

Es wurde nun noch von den Frauen und Jungfrauen eine neue, äußerst geschmackvolle und sinnreiche Fahne angeschafft und gefertigt. Am 20. d. M. fand die feierliche Übergabe derselben an das Bataillon des ersten Aufgebots des diesseitigen Bezirkes auf dem quadratförmigen, freien Platze bei der Kirche dahier statt: die Frauen und Jungfrauen des Vereins bildeten vom Rathause aus, wo sie sich gesammelt hatten, in festlicher Kleidung mit dreifarbigen Bändern und Schärpen geschmückt, einen Zug. Demselben voran gingen drei hierfür erwählte Jungfrauen, von denen eine derselben die zu übergebende Fahne trug, die dann, nachdem der Zug auf dem dem genannten Platze angekommen war, die Fahne nach gehaltener Rede dem Bataillons-Komandanten überreichte.

In dieser Rede wurde besonders herorgehoben, daß auch das weibliche Geschlecht beim Kampfe für die Rechte und Freiheiten des Volkes nicht gleichgültig zusehe, sondern bereit sei, sich nach der ihm dargebotenen Möglichkeit daran zu beteiligen. Unter Anderm enthielt die Rede auch den Wunsch, daß, wie einst unsere tapfern und heldenmütigen Vorfahrer unter der deutschen Fahne das unerträgliche Joch der römischen Zwingherrschaft brachen, auch diese Fahne sich entfalten möge im heiligen Kampfe gegen unsere deutschen Freiheitsunterdrücker, und daß sie, vereint mit andern wackern Streitern, mit Gott zum Siege für Volk und Vaterland führen möge, auf daß endlich Freiheit, Wohlstand und Bildung sich über Alle erstrecke.

In geeigneter Weise erwiderte auch der Bataillons-Kommandant und endete mit einem Hoch auf die Frauen und Jungfrauen des Vereins. Am Nachmittage desselben Tages marschierte dann das mutige und staatliche Bataillon nach Geisingen und Möhringen, wo es bis heute harrt, um nach dem wirklichen Kampfplatze zu ziehen, wo unsere badischen Brüder schon kämpfen gegen hessische, mecklenburgische, nassauische und preußische Söldner, die noch so verblendet sind, daß sie sich mißbrauchen lassen für die Unterdrückung des Bürgers. Hoffentlich werden auch diese noch zur Einsicht gelangen, daß sie im Fürstenheere nur für ihre eigene Knechtung und Unterjochung die Waffen führen.

Vincenz Rombach im Donaueschinger Wochenblatt am 27. Juni 1849


Die von den Hüfinger Frauen gestiftete und gefertigte Fahne begleitete das Hüfinger Aufgebot in den letzten Wochen der Badischen Revolution. Als sich Sigels Volksarmee Anfang Juli 1849 über den Schwarzwald in Richtung Schweizer Grenze zurückziehen musste, verliert sich zunächst ihre Spur:

Die Hüfinger „Wehrmanschaft“ schloß sich am 7. Juli 1849 Sigels Volksarmee an, als diese durch Hüfingen marschierte. Hier, so berichtete Lucian Reich als Augenzeuge, „sah man noch einmal sämtliche Artillerie im Schloßhof aufgestellt . Um Mitternacht bei magischem Vollmondschein machte die ganze Retirade noch einen kurzen Halt in den Gassen. Dann ging es weiter der Schweizer Grenze zu nach Stühlingen. Unterwegs verbrannte man noch die gedeckte hölzerne Wutachbrücke in Grimmelshofen“. Die vom Frauenverein angefertigte Fahne wurde allem Anschein nach bei Grimmelshofen verloren. So schreibt der „Verweser“ Gilly dem Ortsvorsteher von Grimmelshofen einen Brief mit der Bitte sich nach der Fahne zu erkundigen. Der Ortsvorsteher schrieb zurück, dass keine Fahne zurückgeblieben sei. (3)

Aus dem Schriftwechsel geht hervor, dass der Verweser Gilly beim Ortsvorsteher von Grimmelshofen nach der Fahne nachfragen ließ. Dort war sie jedoch nicht zurückgeblieben.

Erst Jahrzehnte später findet sich ein weiterer Hinweis von Hugo Alfred Curta der 1935 über seinen Großvater Franz Joseph Curta berichtet.


Vielen Dank an Tobias Korta für die Überlassung des für Hüfingen relevanten Artikels aus dem Staatsarchiv Freiburg mit dem Titel: Materialsammlung zur Familie Curta in Freiburg / 1933-1934 / T1 (Zugang 1992/0346).

Geschlecht Curta von Apotheker Hugo Alfred Curta in Berlin am 15. November 1935 Auszug aus dem Bericht
Von Apotheker Hugo Alfred Curta in Berlin am 15. November 1935 über seinen Großvater.

Über Franz Joseph Curta (*10. Februar 1801 in Hüfingen – 1861 in Donaueschingen) wird berichtet dass er teilweise die Revolution von 1848 als Fahnenträger mit gemacht hatte und die von den Hüfinger Frauen gestickte Fahne trug. Er rettete sie beim Rückzug indem er das vom Stock entfernte Tuch um den Leib wickelte.

Ob die Fahne die Wirren der Revolution überstand und irgendwo erhalten blieb oder später verloren ging, ist bis heute nicht bekannt.

Der Frauenverein von Hüfingen im 20. Jahrhundert

Mit dem Jahresbegin 1850 begann die Repression: „Das Verbot der Versammlungen des Frauen-Vereins für hilfsbedürftige Familien ist bereits keine Neuigkeit mehr, über die ich zu berichten hätte. Man geht jetzt so weit, nicht nur Vereine, sondern auch einzelne Personen zu überwachen und sie für alles, was sie reden und tun, verantwortlich zu machen…“ (Frauen-Zeitung 17/1850)….Selbst Konzerte „zum Besten der hilfsbedürftigen Familien“ wurden von der Polizeibehörde untersagt (Frauen-Zeitung 40/1850).*4

Ein wichtiges Prinzip sowohl der demokratischen wie der Bildungsvereine jener Zeit war im Gegensatz zu vielen Vereinsgründungen nach der Mitte der 60er Jahre ihre demokratische Verfassung und das Selbstvertretungsrecht der Frauen.

Vor allem anderen aber verfolgten die Frauenvereine das Ziel, die Frauen „in größerer Selbständigkeit und Selbstachtung zuüben“ (Frauen-Zeitung 27/1850). Die Zweckmäßigkeit einer gesonderten, autonomen Vereinigung für Frauen bei grundsätzlich gleichen politischen Zielen mit der demokratischen Opposition wurde also reflektiert. Die Frauen kamen zu dem Schluss, dass da, wo ihre Interessen mit denen der Männer nicht identisch sind, sie sich untereinander assoziieren müßten (Frauen-Zeitung 4/1849); auch sie machten bereits die bittere Erfahrung, daß die „Linken“ die Frauen nicht unbedingt unterstützten (Frauen-Zeitung 5/ 1850).*4

Die Frauenvereine ereilte das Schicksal aller Arbeiterassoziationen und -vereine, sie wurden mit gleicher Härte verfolgt. Seit der Mitte des Jahres 1850 wurden sie aufgelöst, zunehmenden Repressalien ausgesetzt durch Haussuchungen, Beschlagnahmungen der Vereinskassen, Verhaftungen der Vorstände und schließlich ganz verboten (Frauen-Zeitung 17, 22, 30, 40/1850) usw.). Als die ersten Versammlungen in Gegenwart von Polizisten stattfanden, lästerten die Frauen noch: „Die bewaffnete Macht wird sich doch unmöglich vor den Frauen fürchten?“ (Frauen-Zeitung 13/1850).*4

Die in nahezu allen Bundesstaaten nach 1850 erlassenen Vereinsgesetze verboten „Frauenspersonen“ und Minderjährigen nicht nur die Mitgliedschaft in politischen Vereinen, sondern sogar den Besuch politischer Versammlungen. Insbesondere die Vereinsgesetze, die mehr als ein halbes Jahrhundert gültig waren (in Preußen bis 1908), nahmen den Frauen alle öffentlichen Rechte und Einwirkungsmöglichkeiten und trugen wesentlich dazu bei, die ersten Anfänge einer deutschen Frauenbewegung zu zerstören. Die scharfe staatliche Repression gegen die Vereinigung von Frauen und Organisation von Fraueninteressen liefert jedoch nicht zuletzt einen Beleg für die politische Bedeutung der deutschen Frauenbewegung um 1848.*4

Mit der Niederschlagung der Badischen Revolution endete auch die erste deutsche Frauenbewegung. Frauenvereine wurden überwacht, ihre Versammlungen verboten, Vorstände verfolgt und schließlich politische Vereinigungen von Frauen durch die Vereinsgesetze vieler deutscher Staaten für Jahrzehnte unmöglich gemacht.

Brandkatastrophe in Donaueschingen am 5. August 1908.
Hier spendete der Frauenverein den Geschädigten 30 Mark.

Umso bemerkenswerter ist ein späterer Nachweis aus Hüfingen. Im Jahr 1908 spendete der Frauenverein 30 Mark für die Geschädigten der verheerenden Brandkatastrophe in Donaueschingen*2. Damit ist belegt, dass es in Hüfingen auch Jahrzehnte nach der Revolution noch einen Frauenverein gab.

Auch in der Festschrift von 1914 vom Gausängertag von 1914 wird der Hüfinger Frauenverein im Zusammenhang mit dem Krieg von 1870 erwähnt. Ob es sich dabei um eine unmittelbare Fortführung des 1849 gegründeten Vereins handelt oder um eine spätere Neugründung, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen.

Fest steht jedoch, dass der Hüfinger Frauenverein bereits 1849 bestand – zu einer Zeit, als organisierte politische Frauenvereine noch eine Ausnahme waren. Erst mit dem Badischen Frauenverein entstand ab 1859 wieder eine dauerhaft organisierte Frauenbewegung im Großherzogtum Baden.

(1) Begegnungen mit dem 925-jährigen Hüfingen, Hugo Siefert, Schriften der Baar Bd 52 ab Seite 17, (2009)

(2) Hüfingen 1083-2008 Beschreibung einer Stadt im 925. Jubiläumsjahr. Kulturhistorische Reihe der Stadt Hüfingen, Band 9, Hugo Siefert (2009).

(3) Hüfingen und die Badische Revolution. Von Biedermännern und Heckerhüten. Kulturhistorische Reihe der Stadt Hüfingen, Band 3, Beatrice Scherzer (1998).

(4) Über die Anfänge der deutschen Frauenbewegung um 1848. Von Ute Gerhard in Frauen suchen ihre Geschichte (1982)

Skulptur in Donaueschingen am Bahnhof

Hüfinger Frauenverband im Schwarzwälder Hausschatz 2025

Unterstützung für die republikanischen Rebellen 1848/1849

Teile vom Artikel unten erschienen im Schwarzwälder Hausschatz 2025
zusammen mit dem großen
Franz Filipp sel.A.

Den Hausschatz gibt es beim

Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt. Dies hier ist der erste Teil und handelt vor allem von Lucian Reichs Vater: Luzian Reich. 

Es ist für mich total faszinierend wie sich die Menschen und Ereignisse im frühen 19. Jahrhundert zusammen fügen und auch bis heute noch so Vieles von unserem Denken und Tun beeinflussen.

Ganz neu habe ich in der Badischen Heimat einen Beitrag über den Hänslihof aus dem Jahr 1938 entdeckt. Der Hof ist im Dezember 1985 vollständig abgebrannt und eigentlich war alles verloren geglaubt. Nicht ganz. Weil es gibt diesen wunderbaren Artikel von Arnold Tschira. Die pdf von diesem unglaublich interessanten Artikel über das Elternhaus von Luzian Reich (07.01.1787- 18.12.1866) habe ich unten an geeigneter Stelle auch eingefügt.

Das Nützliche, das Schöne und unsere Wurzeln

Unsere Geschichte ist ein lebendiger Teil von uns und um so mehr wir darüber wissen, um so mehr verstehen wir, wie wir und unsere Zeitgenossen ticken. Auch in der Gegenwart wäre es wichtig, würden die Menschen hin schauen wo das Nützliche, Schöne und unsere Wurzeln liegen.

Das Denkbuch von Lucian Reich hat er 1896 in den Schriften der Baar veröffentlicht.

Die Schriften der Baar werden auf den Seiten des Baarvereins zur Verfügung gestellt.

In den Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar und der angrenzenden Landesteile in Donaueschingen stand 1896:


Der Ausschuß hat diese „Blätter“ des geehrten Verfassers gern veröffentlicht und ist überzeugt, daß sie nicht nur von seinen engeren Landsleuten gern werden gelesen, sondern auch allein schon wegen der vielen darin vorkommenden in der Literatur und Kunst bekannten Persönlichkeiten weitere Kreise interessieren werden.

Unten findet sich die Transkription vom Denkbuch in kursiv. Für die heutige Zeit habe ich es mit Bildern und Informationen ergänzt.

Blätter aus meinem Denkbuch.

Von Lucian Reich.

Die Großeltern — denn mit diesen muß ein richtiges biographisches Denkbuch beginnen — väterlicherseits sind mir nur aus frühester Jugend im Gedächtnis. Wir Kinder kamen nicht so oft mit ihnen zusammen.

Eltern von Xaver, Lucian und Elisabeth: 
Luzian Reich (07. 01.1787 – 18.12.1866) und Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866).
Großeltern von Xaver, Lucian und Elisabeth:
Mathias Reich (07.05.1754 – 24.11.1827) und Anastasia Buckin (23.12.1752-24.11.1824).
Franz Josef Schelble (12.02.1862-13.02.1835) und Katharina Götz (01.11.1760-04.04.1847).

Die Fahrt von Hüfingen nach Dürrheim war eine beschwerliche. Von Donaueschingen aus führte nur ein schlecht unterhaltener Karrenweg am Weiherhaus und seinem riesigen Schlagbaum, wo Weg- und Brückengeld erhoben wurde, vorbei durch die einsamen, von der Stillen Musel durchzogenen Weiherwiesen.

Karte von Martin Menradt etwa 1663
Foto: Dr. Jörg Martin FF Archiv
Landkarte der Baar 1620

Die heutigen Weiherwiesen gehen auf einen ehemaligen fürstlichen Fischweiher nördlich von Donaueschingen am Römerweg zurück.

Wie der Großvater Mathias, der ältere, daher nach altem Herkommen nicht erbberechtigte Sohn eines Hofbauern, durch den Machtspruch des Komturs von Hintersheim zum „zweiunddreißigsten Bürger“ der „geschlossenen“ Gemeinde Dürrheim auf- und angenommen wurde, habe ich im „Hieronymus“ eingeflochten.

Als „geschlossene Gemeinde“ wurden Orte bezeichnet, in denen die Zahl der Bürgerstellen festgelegt war. Neue Bürger konnten in der Regel nur aufgenommen werden, wenn eine Bürgerstelle frei wurde oder – wie hier – durch einen besonderen Hoheitsakt.

Aus dem Hieronymus Kapitel 3, Frühlingsanfang – Der Hofbauer und die Familie des Hausmanns:

>Der Vater des Mathias war im Kirnachertal daheim, auf der Grenze zwischen dem Schwarzwald und der Baar. Das elterliche Gut war kein unbeträchtliches, aber der Vater des Mathias war der älteste Sohn, und nur der jüngste konnte dem „Recht“ nach in den Besitz eintreten, während die älteren Brüder sozusagen leer ausgingen. So durfte der Mann noch von Glück sagen, daß er eine vermögliche Witwe im Dorfe Dürrheim kennenlernte, welche ihm ihre Hand reichte, wie er dann auch nach langem Warten dort das Ortsbürgerrecht erhielt. Unter mehreren Kindern aus dieser Ehe hatte unser Mathias ebenfalls das Unglück, ein Erstgeborener zu sein, weshalb er sehen konnte, wie und wo er sich durchbringen werde, wollte er nicht zeitlebens in Abhängigkeit vom jüngsten Bruder gleichsam als Knecht im Hause leben.<

Dürrheim war dazumal noch ein stilles Dorf, dessen Bewohner sich fast ausschließlich mit Feldbau beschäftigten. So anfänglich auch der Großvater. 
„Von einem ledig verstorbenen Bruder hatte er etliche Jauchert eigentümliches Feld geerbt und nebenbei ödeliegende Plätze auf der Gemarkung gepachtet und urbar gemacht; aber nie länger als auf 6 Jahre sich gebunden, weil er wohl wußte „heißt es in den väterlichen Aufzeichnungen, „daß Neubruch nach Verfluß dieser Zeit im Ertrag nachläßt. Durch Fleiß und Umsicht hatte er’s zu einer geachteten Stellung in der Gemeinde gebracht. Oft berieten sich die Ortsvorgesetzten mit ihm über Kulturen und Verbesserungen.“
„Zwischen der Feldarbeit, namentlich über Winter, drechselte er Kunkeln, Spinnrädlein, Häspel u. dgl. Ein alter Bildschnitzer und Faßmaler, der mit seiner ledigen Tochter von Ort zu Ort zog und Heiligenbilder verkaufte, übernachtete oft bei uns im Haus: und dieser veranlaßte den Vater sich ebenfalls mit solchen Arbeiten zu befassen. Und so schnitzte er Kirchenleuchter, Fahnenknöpfe, Wirtsschilde und Kirchhofkreuze, welch letztere Arbeit eine andauernde und ziemlich einträgliche war.“

Jauchert
Der Jauchert (auch Jauchert oder Juchart) war ein früher gebräuchliches Flächenmaß. Seine Größe war regional unterschiedlich und entsprach auf der Baar ungefähr der Fläche, die ein Gespann an einem Tag pflügen konnte.

Neubruch
Als Neubruch bezeichnete man neu urbar gemachtes Land. Nach einigen Jahren ließ dessen Ertrag häufig nach, wenn keine ausreichende Düngung oder Fruchtfolge erfolgte.

Beim Flachs brechen.
Spinnerin.
Der Hänslehof im Jahr 1967.
Foto: WDR Digit/overland

„Die Mutter war Hebamme (Anastasia Buckin 23.12.1752- 24.01.1824 vom Hänslehof), da sie ein sehr gutes Examen bestanden, mit der Befugnis, aderlassen, schröpfen und eine kleine Hausapotheke halten zu dürfen. Kein Krankes war im Ort, das nicht zuerst bei ihr Hilfe gesucht hätte. Nebstdem war sie eine geschickte Näherin, die nicht nur gewöhnliche Schneiderarbeit, auch zur Bauerntracht gehörige Stickereien und Kirchenparamente zu fertigen verstand und eine bedeutende Kundsame hatte.“

Kundsame ist ein heute vergessenes alemannisches Wort für Kundschaft. Anastasia Buckin war nicht nur Hebamme mit einer für ihre Zeit bemerkenswerten medizinischen Ausbildung, sondern auch eine geschickte Kunststickerin. Sie genoss offenbar eine große Kundschaft und hohes Ansehen weit über die Geburtshilfe hinaus.

Der Hänslehof in Bad Dürrheim brannte am 12. Dezember 1985 vollständig ab. Glücklicherweise ist in der Zeitschrift „Badische Heimat“ (Jahrgang 1938) der wunderbare Beitrag „Eine Baaremer Bauernstube. Der Hänslihof in Bad Dürrheim und sein Hausrat“ von Arnold Tschira erhalten. Er enthält zahlreiche eindrucksvolle Fotografien des Hofes und seiner Einrichtung. Den Artikel habe ich für diese Ausgabe digitalisiert und als PDF beigefügt – schon allein die historischen Aufnahmen sind einen Blick wert:

Die Stube gegen Osten
Die Stube gegen Westen
Stiege im Hänslihof

„Und ich, was soll ich über mein Tun und Treiben sagen? Ich war eben ein vergratner Bauernbub; die landwirtschaftlichen Geschäfte konnte ich zwar alle und wurde auch streng dazu angehalten, aber sie gewährten mir keine Aussicht selbständig zu werden. An eine Verheiratung oder Versorgung, wie man es nannte, durfte ich nicht denken. Wie und wann ich angefangen zu malen, d. h. anzustreichen, und zu schnitzen, weiß ich nicht zu sagen, ich wurde eben darin erzogen.“

Malen bedeutete im 19. Jahrhundert häufig zunächst das handwerkliche Bemalen oder Anstreichen von Gebäuden, Möbeln und Gebrauchsgegenständen. Erst später entwickelte sich daraus für Luzian Reich die künstlerische Malerei.

Vergratner ist ein heute kaum noch gebräuchlicher alemannischer Ausdruck für jemanden, der nicht den für ihn vorgesehenen oder erwarteten Lebensweg einschlägt. Lucian Reich bezeichnet sich damit selbst, bevor er seinen Weg als Maler und Bildschnitzer fand.

„Der vielfältige, oft wochenlange Aufenthalt im Villinger Benediktinerkloster, wo der Bruder meiner Mutter den Dienst des Konventdieners und Klosterschneiders versah, hatte mich, da ich auch Vorlesungen über Physik und Mathematik besuchen durfte, bald so weit gebracht, daß ich einen Schritt weiter tun konnte als der Vater. Doch blieb alles ohne eigentlichen Zusammenhang. Pinsel und Meißel wechselten täglich mit dem Pflug, der Sense und der Holzaxt. Und dabei hieß es immer, der Salber hat auch gar keine Lust zum Feldgeschäft!“ 90

Salber war ein mundartlicher Ausdruck für jemanden, der viel „herumsalbte“, also mit Farben, Anstrichen oder handwerklich-künstlerischen Arbeiten beschäftigt war.

Benediktinerkloster in Villingen, von der Schulgasse aus gesehen. Der Giebel des Konventgebäudes wurde 1693 vollendet.

91„Das sagten aber nur meine beiden Geschwister, die Eltern dachten anders, besonders die Mutter, die meinte, ich könnte es doch zu etwas Rechtem bringen. Also machte ich immer zu, schnitzte Küchengerätschaften, Lichtstöcke, Fahnenstangen und Grabkreuze in Menge, malte Motivtafeln dem Dutzend nach, flickte Heiligenbilder und Hausaltärchen oder strich Brautfahrten an, ging wieder eine zeitlang ins Kloster, porträtierte die alten Herrn und ließ mich loben oder auslachen, je nachdem.“

„Die Patres konnten mich alle recht gut leiden. Einmal sollte ich nach ihrem Willen zu einem Uhrenschildmaler in Furtwangen in die Lehre gehen, ein andermal wollten sie mich in einer Kattunfabrik in St. Gallen als Musterzeichner unterbringen; schon hatte ich den Paß und alles nötige bereit; aber es wurde nichts daraus, was dem Vater recht war denn sagte er, wenn der Bue geht, bin ich ohne Hilf und kann nichts mehr machen“.

Lucian Reich hat in den Wanderblühten die Schildermaler Familie Kirner festgehalten. Dort gibt es auch die Chronik, oder Etwas von dem Ursprung dieses Hauses, so wie über die Lebensverhältnisse der Familie Kirner. Niedergeschrieben von Anton Kirner.

Aus dem Kirner Kabinett in Furtwangen: „Die Eltern in der Stube“. Mutter Genofeva, geb. Dilger (1765–1838), und Vater Johann Baptist (1767–1835), genannt „Schuhpeterhänsle“. Das Ölbild malte Johann Baptist Kirner fast 30 Jahre nach dem Tod seiner Eltern in Erinnerung an seine Jugendzeit im Elternhaus. Einige Details hatte er bereits früher in Skizzen festgehalten. Das Gemälde hatte er seinem Neffen Hermann Duffner zur Hochzeit versprochen. Es gehört zu den letzten Werken Kirners vor seinem Tod 1866.

Kattunfabrik von Heinrich Jacob Bodemer in Naundorf bei Großenhain 1856.
Foto: Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza 
http://digital.slub-dresden.de/id252070399

Kattun ist dichtes Baumwoll-Gewebe in Leinwandbindung.
Über die Kattunfabrik Hösli in St. Gallen gibt es nur diesen Eintrag

„Bei der Sekundiz des Prälaten 1804, welcher der Bischof und andere hohen Herrn anwohnten, sollte auf dem Klostertheater die neue Oper, die 7 Makkabäischen Brüder, gegeben werden. Zur Herstellung der Dekorationen war der Maler Sandhas (später Hofmaler in Darmstadt) berufen worden. Diesem machte ich den Farbenreiber und durfte wohl auch selbst mit Hand anlegen; und auf diese Weise lernte ich manches von der Malerkunst.“
Und daß der Gehilfe etwas von dem praktischen Meister gelernt, beweisen die in Oel gemalten Bildnisse seiner Eltern in ihrer ehrbaren altbaarischen Tracht. 91

Prälat (Abt) Anselm Schababerle  geboren 10. März 1730 in Baden-Baden, gestorben am 26. Januar 1810 in Villingen war der letzte Abt des Benediktinerklosers in Villingen. Eine Sekundiz ist ein 50-jähriges Priesterjubiläum. Dem zufolge wurde Schababerle 1754 zum Priester geweiht, da er 1804 seine Sekundiz feierte.

Epitaph von Abt Anselm in der Benediktinekirche in Villingen

Petition des Abts Anselm vom 24.02.1806 um Erhaltung und Bestätigung der dortigen Lehranstalt.

Die Petition aus St. Georgen zu Villingen den 24ten Hornung 1806.
Unterschrieben ist die Petition von:
allerunterthänigst treugehorsamste
Anselm Abt
P. Niklaus Schababerle Prior und Konvent. 

In Klöstern steht P. für Pater (Ordenspriester). Ein Prior ist ein Pater, daher bedeutet P. Niklaus = Pater Niklaus. Der Abt („Anselm Abt“) unterschreibt als 1. und der Prior („P. Niklaus Schababerle Prior“) unterschreibt als 2., und er tut das „für den Konvent“. Pater Schababerle war vermutlich mit dem Abt verwandt und stand in der Hierarchie direkt unter dem Abt Anselm. 
Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 31 Bü 138

Der Abt hatte also vergeblich versucht, die Schule zu erhalten.

Ansicht des Garteneingangs hinter dem Schloss in Darmstadt von Josef Sandhaas.
Josef Sandhaas wurde als 15. Kind des Schmiedes Josef Fidel Sandhaas am 31. Mai 1784 in Haslach im Kinzigtal geboren. Er erhielt seine Ausbildung als Maler bei dem Kunstmaler Joseph Anton Morath in Stühlingen und betätigte sich bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Klostermaler bei den Benediktinern in Villingen, wo er für die Opern im Klostertheater auch als Theaterdekorationsmaler tätig war. Später wurde er in Darmstadt Großherzoglicher Hof- und Theatermaler. Leider ist von ihm sehr wenig erhalten, nicht mal das Geburtsdatum auf Wikipedia kann stimmen.
Quelle: Wikimedia Commons

Die Oper der sieben Makkabäischen Brüder stammt aus 1644 von dem Jesuitenorden.
Quellle: Würzburg, der Jesuitenorden und die Anfänge der Oper von Irmgard Scheitler.

Im Jahre 1804 gehörte Villingen noch zum Bistum Konstanz. Karl Theodor von Dalberg (8.02.1744 – 10.02.1817) war von 1800 bis 1817 der wohl letzte Bischof in Konstanz.

91 Geboren im J. 1786 mit unverkennbaren Anlagen würde er’s ohne Zweifel zum tüchtigen Künstler gebracht haben. Allein es waren Kriegszeiten, und nachdem das Kloster aufgehoben war, fand der junge Mann keine Stütze mehr. Denn die Kunst, in welcher ihn der Pfarrer daheim heran ziehen wollte, hatte mit der bildenden nichts gemein. Ein leidenschaftlicher Nimrod, nahm dieser seinen Schüler häufig mit hinaus, und zwar so lange, bis ihnen von herumstreifenden Franzosen die Gewehre abgenommen wurden. 

Zur Datierung: Reich nennt hier das Jahr 1786. Nach dem obigem Stammbaum wurde Luzian Reich senior am 7. Januar 1787 in Bad Dürrheim geboren.

Nimrod ist eine Gestalt aus dem Alten Testament, die als mächtiger Jäger beschrieben wird. Im Deutschen wurde „Nimrod“ daher auch als Bezeichnung für einen leidenschaftlichen Jäger verwendet. Wenn Lucian Reich den Pfarrer einen „leidenschaftlichen Nimrod“ nennt, meint er damit also schlicht dessen große Jagdleidenschaft.

Die Aufhebung des Benediktinerklosters
Was die Aufhebung des Klosters für Luzian Reich senior bedeutete, schildert Hermann Preiser in seinem Buch Die Benediktiner in Villingen. Nach dem Preßburger Frieden vom 26. Dezember 1805 fiel Villingen zunächst an Württemberg. Am 4. Januar 1806 wurde dem Konvent die Auflösung des Klosters eröffnet. Nur wenige Monate später gelangte Villingen durch die Rheinbundakte an das neu gegründete Großherzogtum Baden. Auch unter der neuen Herrschaft blieb das Kloster nicht erhalten; weitere Teile der Ausstattung wurden entfernt.
Preiser beschreibt die Vorgänge sehr anschaulich und berichtet unter anderem vom Abtransport beziehungsweise der Versteigerung des beweglichen Klosterbesitzes, der Entfernung liturgischer Gewänder sowie der Verbringung der Silbermannorgel und des Glockenspiels nach Karlsruhe. Auch die Klosterbibliothek wurde auf verschiedene Orte verteilt.
Quelle: Hermann Preiser, Die Benediktiner in Villingen.

92 Endlich wandte er sich dem Schulfache zu. Nachdem er die Vorbereitungen an der Normalschule in Villingen beendet und bei Schulvisitator Pfarrer Flad in Urach (1810) das vorschriftsgemäße Examen mit bester Note bestanden — obgleich er in der Musik sich nicht ausgebildet hatte —, erhielt er den Dienst in Bubenbach. „Zum Einstand“, schreibt er, „hatte mir der Vater 6 Viertel Frucht mitgegeben, die ich alsbald zum Müller schickte“. „Muß es Brod gei (geben)?“ fragte dieser. „Ja, sagte ich, wußte aber nicht, daß auf dem Wald der Müller insgemein auch Bäcker ist. Nach einigen Tagen erhielt ich circa 30 Laib Brod, die ich, wollte ich sie nicht schimmlig werden lassen, unter die Armen verteilte.“

Friedenweiler aus den „Wanderblüthen“ von Lucian Reich, mit der Feder auf Stein gezeichnet von Johann Nepomuk Heinemann (1855).

Mit „Wald“ ist hier der Schwarzwald gemeint; „Wälder“ bezeichnet die Bewohner des Schwarzwaldes.

Schon nach anderthalb Jahren wurde er auf die Oberlehrerstelle in Hüfingen befördert; denn als Beförderung, und zwar in doppelter Beziehung, mußte es angesehen werden, weil er kein geborener Fürstenberger war. Als er sich seinem neuen Bestimmungsorte näherte, trugen sie just den letzten Freiherrn von Schellenberg, den Sprossen eines weiland um Kaiser und Reich vielfach verdienten Geschlechtes, zum Thor hinaus nach dem Friedhof St. Leonhard. Und dem gänzlich verarmten Manne sollte der neue Lehrer dann bald nachher eine Gedenktafel in die Stadtkirche fertigen.

Joseph Anton von Schellenberg (1754–1812)
Joseph Anton von Schellenberg war der letzte männliche Spross des alten Geschlechts der Freiherren von Schellenberg in der Baar. Wegen seiner hohen Verschuldung musste er 1783 die Dörfer Hausen vor Wald, Neuenburg und Bachheim verkaufen. Damit endete die Herrschaft der Schellenberger in der Baar endgültig.
In den folgenden Jahren verlor Joseph Anton auch sein übriges Vermögen und kehrte schließlich nach Hüfingen zurück, wo er als Mieter im einstigen Schellenbergischen Haus lebte. Er starb am 8. Oktober 1812 völlig verarmt. Seine Ehefrau ließ ihm in der Hüfinger Pfarrkirche eine Gedenktafel errichten. Lucian Reichs Vater, Luzian Reich senior, meißelte die Tafel unter dem Wappen der Familie.

Die Inschrift lautet:

„Dem Freiherrn Joseph Anton von Schellenberg,
geboren den 31. Mai 1754, gestorben den 8. Oktober 1812,
letzten Sprossen eines alten, edlen Geschlechts,
setzte dieses Denkmal ehelicher Liebe seine trauernde Gattin,
Franziska von Schellenberg, geb. Freiin von Lilgenau.“
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„Wie die Blätter am grünen Stamme wachsen und abfallen,
so die Geschlechter der Menschen.
Das eine stirbt ab und ein anderes wird geboren.“
Sirach XIV, 18–19

Quelle: Eugen Balzer, Die Herren von Schellenberg in der Baar, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, Heft 11, 1904.

Wie die Blätter am grünen Stamme wachsen und abfallen, so die Geschlechter der Menschen. Das Eine stirbt ab und ein Anderes wird geboren.
 Gedenktafel für den letzten Freiherrn Joseph Anton von Schellenberg (1751–1812) in der Stadtkirche Hüfingen.

Lucian Reich verwendete denselben Spruch später als Motto für den Hieronymus. Im Vorwort schreibt er:

„Diese Worte aus den Sprüchen des Sirach, welche wir als Motto über den Eingang unserer kleinen Bildergallerie gesetzt, deuten dem Publikum den Sinn an, in welchem dieselbe unternommen und aufgestellt worden.“

In Hüfingen trat er in den Ehestand (15.05.1813) mit Maria Josepha, der ältesten Tochter des Korrektionshausverwalters Schelble.

Foto von Luzian und Josepha mit kunstvoll geschnitzem Holzrahmen
Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.
Fotografiert von ihrem Schwiegersohn Johann Nepomuk Heinemann um 1865. 
Die Fotografien sind in einen geschnitzten Rahmen mit den Lebensdaten des Ehepaares gefasst: Maria Josefa Schelble († 12. November 1866) und Luzian Reich († 18. Dezember 1866).

92 Die Schelble waren ein Althüfinger Geschlecht. Der Urgroßvater, Franz Xaver (*28.08.1731) war Kunsthandwerker, und zugleich versah er, wie schon sein Vater, den Amtsdienerdienst, und daß er in ersterem Fache — im Marmorieren, Vergolden und Gravieren in Grund Tüchtiges zu leisten verstand, bezeugen (oder bezeugten) die Altäre in Meßkirch, Gutmadingen, Hausach, Löffingen und die mit Hilfe seines im Hause erzogenen Schwiegersohnes und Geschäftsnachfolgers Joh. Gleichauf gefertigten Seitenaltäre der Hüfinger Pfarrkirche.

linker Seitenaltar in Verena und Gallus vom Hofmaler Weiß

Der Jakobusaltar der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus.
Das Altarbild von 1774 zeigt den heiligen Jakobus mit Wanderstab, dem Volke predigend. Die Entwürfe für den Altar fertigte Matthias Faller aus St. Peter. Das Gemälde stammt vom fürstenbergischen Hofmaler Franz Josef Weiß (15. Februar 1735–14. Juni 1790), die Fassung von Franz Xaver Schelble (28. August 1731–1. Februar 1804). Die links unten im Gemälde dargestellte Männergestalt soll ein Selbstbildnis des Hofmalers Weiß sein.

Franz Xaver Schelble war der Urgroßvater von Lucian Reichs Ehefrau Maria Josefa Schelble. Seine Tochter Anna Maria Schelble (27. März 1760–27. Dezember 1816) war mit Johann Gleichauf (4. Februar 1764–23. März 1816) verheiratet. Gleichauf war Geschäftsnachfolger seines Schwiegervaters und fertigte gemeinsam mit ihm die Seitenaltäre der Hüfinger Pfarrkirche. Ein Enkel von Johann Gleichauf war der Maler Rudolf Gleichauf.

Alter Eingang vom Römerbad

92 Mit Vorliebe trieb er Musik, sowie auch sein Sohn Franz Joseph, mein Großvater. (Franz Joseph Donat Schelble *17.02.1762-13.02.1835).

Im Laufe der 20iger Jahre als Korrektionshausverwalter in den Ruhestand versetzt, beschäftigte sich dieser mit Uhrenmachen für 93 Leute, die für Reparaturen nichts ausgeben wollten oder konnten, beaufsichtigte die Römischen Ausgrabungen (im Volksmunde Schatzgräberei genannt) im Mühleschle und am Fuße des Hölensteins, wofür er vom fürstlichen Protektor mit einer goldenen Repetieruhr beschenkt wurde, verfertigte uns Enkeln Schlittschuhe und Schlagnetze zum Vogelfang, und an hohen Festtagen spielte er in der Kirche die Orgel, und der „Leuenbaschi“ (Löwenwirt) sagte dann: „I ha’s bim erschte Griff scho gmerkt, daß es nit de Prezepter Thäddä ischt!“ Dieser, der pensionierte Präzeptor Thaddäus Bader, war nämlich stets noch Organist.

Römerbad bei Hüfingen.
Aquatinta von Wilhelm Scheuchzer, gestochen von G. L. von Kreß, Verlag J. Velten, Karlsruhe, um 1826.

 Die von Franz Joseph Donat Schelble erwähnten römischen Ausgrabungen im „Mühleschle“ und am Fuße des Hölensteins gehören zu den frühen archäologischen Untersuchungen in Hüfingen. Im Volksmund wurden solche Grabungen damals auch „Schatzgräberei“ genannt.
Schatzgräbereien finden sich auch in der Akte über die Anlage auf dem Rotrain aus 1820 bis 1845.
und bei Revellio im: Das Kastell Hüfingen

Da das Denkbuch für einen einzelnen Beitrag inzwischen zu groß geworden ist, werde ich es in unterschiedliche Abschnitte unterteilen. Dann hat sich die Software die letzten Jahre geändert und die Bearbeitung der alten Datei ist fast unmöglich geworden.

Dies war also der 1. Teil bis 1812 als Luzian Reich nach Hüfingen kam und seiner Heirat mit Josefa Schelble 1813.

Eine Übersicht der einzelnen Teile gibt es hier:

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896

Der 2. Teil ist hier: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830

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