Heinrich Hansjakob besucht Lucian Reich in Hüfingen

von Dr. Ursula Speckamp am 21.10.2021

Den am 1. Dezember 1899 gefassten Entschluss, das Schriftstellern aufzugeben, hielt Hansjakob nur zwei Monate durch, dann griff er wieder zur Feder. Und, so schrieb er weiter fast bis zu seinem Tod am 23. Juni 1916. Sein letztes Werk war eine Antikriegsschrift, die im Frühjahr 1916 erschien. 1)

Das Tagebuch, das er während seiner Sommerreise im Jahr 1900 führte, gibt über rund 100 Seiten Aufschluss über die Baar, wie Hansjakob sie erlebte.2) Bei dem großen Interesse, das der Schriftsteller Menschen, vor allem solchen aus dem „einfachen Volk“ entgegenbrachte, erstaunt es nicht, dass der Leser dieses Reisetagebuchs, das 1902 unter dem Titel „Verlassene Wege“ herauskam, viel über die Begegnungen Hansjakobs mit anderen Menschen erfährt. Da der Priester und Philologe – er war Absolvent zweier Fakultäten – schon bald nach Beendigung seines Studiums als Lehramtspraktikant in Donaueschingen weilte (Januar 1864 bis April 1865), gehen manche seiner Ausführungen auch in jene Zeit zurück.

Als Lehramtspraktikant selbstverständlich damals zu Fuß unterwegs, reist Hansjakob in späteren Jahren, so auch jetzt, meist in der eigenen Kutsche. Das erlaubte ihm, die Route selbst zu bestimmen, ungestört zu schauen, nachzudenken und zu schreiben. Hansjakob war ein unermüdlicher Arbeiter. Von Freiburg her kommend verlässt Hansjakob mit Wolterdingen den Schwarzwald und gelangt in „die alte Bertholds-Baar“. „Die Baar“, urteilt Hansjakob, „unterscheidet sich wesentlich vom Schwarzwald. Sie entbehrt seiner Romantik, seiner düstern Wälder, seiner Felsen und seiner Wasserfälle; aber dafür ist sie auch nicht so rauh und so kalt, und während ihre Höhen lichte herrliche Wälder krönen, gedeihen in den Tälern und auf den Ebenen noch reichlich alle Halmfrüchte. Drum hat die Baar auch einen viel wohlhäbigern, aber auch stolzern Bauernstand als der Schwarzwald. Heute, im hellen Sonnenschein….machten mir ihre langgezogenen Bergrücken und ihre grünen, satten Triften den Eindruck süßer Elegie.“ (67 f.) Er muss sich gestehen, dass die Baar auch schön sei, sie habe eben ihren eigenen Charakter, und den Charakter müsse man nicht nur bei Menschen in Ehren halten.

Blick über das Römerbad auf Hüfingen.
Foto: Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825. Privatbesitz.

Nach dem Besuch von Bräunlingen, Mundelfingen, Donaueschingen erwacht Hansjakob am Morgen des 21. Juni 1900 im Hüfinger Pfarrhaus. Solche Pfarrhausunterkünfte hatte Hansjakob auf seinen Reisen oft, besonders in der Diözese Freiburg, in der er etliche Pfarrer kannte, boten Pfarrhäuser doch eher als es Gasthöfe vermochten, eine ruhige Übernachtungsmöglichkeit. Ein passender Titel für das vorliegende Reisetagebuch „Verlassene Wege“ wäre auch, wie Hansjakob bemerkt, „Von Pfarrhaus zu Pfarrhaus“. (S.VII)

Lucian Reich nach einer Photographie gezeichnet von Karl v. Schneider.

Schon zu früher Stunde begibt er sich zu dem „Volksschriftsteller Lucian Reich“. (109) Der war einst am Rastatter Gymnasium Hansjakobs Zeichenlehrer gewesen. „Im dritten Stocke eines kleinen Häuschens, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinem Besuch, der dreiundachtzigjährige Greis, in dessen Züge sich Bitterkeit und Biederkeit die Waage halten. Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. Unermüdlich ist er aber noch geistig thätig, liest und zeichnet und schriftstellert.“ (109)

Luzian Reich senior
(7. Januar 1787 in Bad Dürrheim – 18. Dezember 1866 in Hüfingen)

Hansjakob holt nun aus, um das Leben von Lucian Reich nachzuzeichnen: Lucian Reich, gebürtiger Hüfinger – sein Vater war hier Lehrer und Bildhauer – erbte ebenso wie sein Bruder die künstlerische Begabung des Vaters. Der Bruder Xaver wurde ein bedeutender Bildhauer, Lucian Maler und Schriftsteller.
„Er half dem berühmten Maler Schwind die Kunsthalle in Karlsruhe mit Bildern schmücken und malte später auch im neuerbauten Hoftheater.“ (109 f.)

Xaver Reich
gezeichnet von Nepomuk Heinemann 1838

Während dieser Arbeit veröffentlichte Reich sein bestes Buch, wie Hansjakob urteilt: Hieronymus, Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwald“. (110) Hansjakob hält es für eines der besten Volksbücher überhaupt. Die Illustrationen, alle von Reich selbst, zeichnete sein Hüfinger Jugendfreund Heinemann in Stein. Heinemann lebt auch heute noch in Hüfingen. Die Herausgabe des Werkes war ein finanzielles Desaster: Um die Veröffentlichung zu ermöglichen, gab der Fürst von Fürstenberg einen Vorschuß. Ein Verleger fand sich nicht; es mußte „in Komissionsverlag genommen werden“. (110) Der Verkauf lief gut, dennoch blieb ein Defizit, nachdem der Fürst den Vorschuß zurückerhalten „und – nicht sehr fürstlich – auch genommen hatte“. (110) Mit den späteren Werken von Lucian Reich ging es ähnlich. 

Johann Nepomuk Heinemann 
(30.05.1817 – 22.02.1902)

In den 1850er Jahren, so Hansjakob, ging es der „malenden Kunst“ in Baden schlecht. Um sich einigermaßen durchzubringen, nahm Reich 1855 die Stelle eines Zeichenlehrers am Rastatter Lyzeum an. Im Rastatter Schloß erhielt er ein Atelier. Am Lyzeum wirkte er bis 1889. Während dieser langen Jahre gelang es ihm nicht, auch nur Reallehrer zu werden. „Er blieb Hilfslehrer mit einem Höchstgehalt von 116 Mark monatlich und ohne Anspruch auf Witwen – und Waisenversorgung und Pension.“ (111) Hansjakob erinnert sich gut an seinen Zeichenlehrer: Er war ein stiller, ernster, sinniger Mann. Er ging im Zeichensaal von Schüler zu Schüler und stand „jedem mit Rat und That“ bei. (111) Und jetzt? „Gutthatsweise“ erhielt er ein Ruhegeld von 71,50 Mark monatlich. Davon lebte er 11 Jahre bis zu seinem Tod, der wenige Wochen später eintrat. „Bitter hat er´s empfunden und bitter mir heute darüber geklagt, daß er kaum zum Leben habe und seine Tochter mittellos zurücklassen müsse.“ (112)

Beim Abschied übergibt Reich dem Schriftsteller den letzten Brief eines zum Tode verurteilten Revolutionärs, den er von dessen sterbender, in Hüfingen ihre Tage beschließender Braut – sie war ledig geblieben – vor einige Jahren erhalten hatte. Reich meinte, Hansjakob könne diesen Brief „am besten verwerten“, was Hansjakob tut, indem er über den zum Tode Verurteilten – es handelt sich um Joseph Kilmarx aus Rastatt – berichtet und diesen Brief in „Verlassene Wege“ aufnimmt.

Kilmarx war Soldat, Feldwebel, Magdalene Peter, als Waise von einer Verwandten in Rastatt erzogen, seine Braut. Als die Revolution ausbrach, schloss sich Kilmarx ihr an. Beliebt bei seinen Kameraden wurde er bald tüchtiger Offizier. Nachdem die Festung Rastatt kapituliert hatte, nahmen ihn die Preußen gefangen und verurteilten ihn zum Tode. Hier Kilmarx´ Abschiedsbrief:

Rastatt den 8. Oktober (1849) Morgens 6 Uhr 1849

Liebes Bäßle und Magdalene!

Die Todesstunde naht. Schauerlich pfeift der Wind in meinem Kerker, als wäre er der Verkünder meines Dahinscheidens. Ich schrecke nicht davor, ich bin versöhnt mit Gott, dem Allmächtigen und sterbe als Christ, der keine böse That begangen hat. Längst einer halben Stunde gehe ich zu meinem und zu eurem Vater, zu meinen Geschwistern und zu euren, wo ich´s besser finden werde als allhier. Ich vertraue auf Gott, habe mich zu ihm gewendet, und er wird mir alles verzeihen und mich zu sich in sein Reich aufnehmen. Denkt auch später an mich, schließt mich in euer Gebet ein, ich werde es auch thun. Den Allmächtigen werde ich bitten, daß er euch Segen willfahren läßt. Der Magdalene wünsche ich Glück in allem, was sie je unternehmen wird, wenn sie einstmals Frau sein wird. Die Thüre wird geöffnet, zum Todesplatz geht´s: Lebet wohl, im Himmel sehen wir uns wieder. 

J. Kilmarx

Hansjakob fügt hinzu, daß der Brief mit fester, sicherer Hand geschrieben sei. Kilmarx ging furchtlos in den Tod. Der Schriftsteller erinnert sich: „Sein greiser, invalider Vater, den ich noch wohl kannte, begleitete ihn auf dem Todesgange und rief ihm zu: ` Joseph, bleib ‘standhaft! ´“ (116)

Kapitulation in Rastatt.
Foto: Bundesarchiv, Landesbildungsserver.

Als Hansjakob von seiner Reise zurückkehrt, findet er in Freiburg einen Brief von Lucian Reich vor, in dem dieser noch einige Notizen über sein Leben nachsendet und mitteilt, er fühle, daß er in Kürze sterben werde. Als Hansjakob den Brief in Händen hält, ist Reich bereits verstorben. In jenem Brief bittet Reich Hansjakob darum, sich etwas um seine mittellose Tochter anzunehmen. „Ich that es“, berichtet Hansjakob, „und durch die mächtige Vermittlung des Finanzministers Buchenberger erhielt sie eine namhafte Unterstützung von Karlsruhe. So wird einigermaßen gesühnt, was an dem Vater versäumt wurde.“ (118 f.) (Anmerkung von Hieronymus-online: Die Tochter von Lucian Reich, Anna Reich, heiratete einen verwitweten Müller und reichen Landwirt aus Neudingen und zog dessen Kinder groß. Sie selbst verstarb kinderlos in hohem Alter.)

Um halb neun Uhr morgens beendet der Reisende seinen Besuch bei Lucian Reich. Schon bald, bei munteren Pferden und ausgeruhtem Kutscher erreichen sie Behla, und Hansjakob nimmt Abschied von der Baar: „Sie lag, wenn auch nicht sonnenbeglänzt, doch so stattlich und so bescheiden vornehm  vor meinem Auge, daß ich mir sagte: `Fürwahr, wenn ich kein Schwarzwälder wäre, möchte ich aus der Baar sein. ` Die Residenz Donaueschingen glänzte von unten zu mir herauf wie eine reizende Hirtenkönigin.“ (119) 

1) Heinrich Hansjakob, Zwiegespräche über den Weltkrieg, gehalten mit Fischen auf dem Meeresgrund, Stuttgart 1916
2) Ders., Verlassene Wege, Waldkirch 1986 (Nachdruck von 1902). Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.

Hüfinger Frauenverband im Schwarzwälder Hausschatz 2025

Unterstützung für die republikanischen Rebellen 1848/1849

Teile vom Artikel unten erschienen im Schwarzwälder Hausschatz 2025
zusammen mit dem großen
Franz Filipp sel.A.

Den Hausschatz gibt es beim

Der Augenblick der Entscheidung ist gekommen!
Worte können unser Recht und unsere Freiheit nicht erobern
.

(*1, 2, 3 Erste Version war am 15.01.2020)

Paul Revellio

Paul Revellio hat beschrieben wie am 10. April 1848 Friedrich Hecker von Konstanz aus die in Hüfinger Wirtshäusern versammelten Bauern, Tagelöhner und Handwerker aufgerufen hat, sich bewaffnet den Donaueschingern anzuschliessen:

Dezember 1848 Carl Revellio, Bürgermeister Joseph Hug und Sägewerksbesitzer Wilhelm Steiner gründen mit einer Art Rütlischwur den bald 114 Mitglieder umfassenden und stets im Ratssaal tagenden Volksverein. (nach 3)

Die Ackerbürgerschaft ging also in der bewegenden und bewegten Zeit auf die Barrikaden und machte 1848/49 Revolution über ihre Wehrausschüsse und über den Volksverein, unter dessen 114 Mitgliedern keine Frau war. (1)

Deshalb gründete sich 1849 der 130 Mitglieder zählende Frauenverein und setzte sich auf seine Weise für eine Veränderung ein.

Der Verein hatte mit den 130 Mitgliedern mehr als der Hüfinger Volksverein. Leider gäbe es im Hüfinger Stadtarchiv keine Hinweise auf die Tätigkeit des demokratischen Frauenvereins (3). Da ich weiß, dass dort Seiten aus den Büchern heraus getrennt wurden, könnten diese Hinweise durchaus nachträglich vernichtet worden sein.

Josefa Reich, geborene Elsässer
(1823-1900)

Elisabeth Reich 1819-1871

Elisabeth (Lisette) Heinemann, geb. Reich 1819-1871

Josepha Reich geborene Schelble. Foto von 1865

Katharina Nober 1805-1871

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Durch mehrere Berichte im Donaueschinger Wochenblatt gibt es aber einige Hinweise auf das Treiben des Vereins:

Hüfingen, 13. Juni.
Eine ziemliche Anzahl hiesiger Frauen und Jungfrauen hat sich vereinigt, die hiesige Wehrmannschaft teils durch Geldbeiträge, teils durch Fertigung und Anschaffung der zum Felddienste erforderlichen Bedürfnisse nach Kräften zu unterstützen.

Zu demselben Zwecke wurden deshalb von jenen folgende Gegenstände und Geldbeträge bereits geliefert:

Kleidungsstücke und Weißzeug.
1 Schlafrock, 1 gestrickter Kittel,
80 Hemden, 19 Leintücher, 36 Handtüchlein, 18 paar Unterhosen, 72 paar Socken.
Verbandsgegenstände.
138 Verbandtüchlein, 146 Binden, 12 Säckchen, 1 Korb voll Charpie.
Ferner: 1 Couverte.
An barem Gelde 31 fl. 40 kir.
An das Finanzministerium wurden schon früher eingesandt 61 f. 36 kt.
zusammen 93 fl. 16 kr.

Indem man dieses hiermit zur öffentlichen Kenntnis bringt, wird den edlen Spenderinnen zugleich der Dank ausgedrückt für ihre wohltätige Unterstützung und warme Teilnahme am Kampfe für die Sache und Freiheit des Volkes und des Vaterlandes.

Der Civilkommissär Häfelin

Donaueschinger Wochenblatt 13. Juni 1849

Schlacht bei Kandern 1848
Foto: Wikipedia


Friederich Hecker’s Abschied in Strasbourg auf seiner Reise nach Amerika. Setzt Eure Hoffnung nicht auf mich allein, einen sterblichen Mann, sondern auf Eurer gutes Recht und Euren eigenen Muth, auch ich verzweifle nicht an dem Gelingen der gorssen Volkssache, ungeachtet ich Vaterland, Frau und Kinder verlassen muss, ungeachtet mir mein mühsam erworbenes Gut genommen, und die Fürstenknechte mit ihrem aussaugenden Gefolge mich noch täglich vor der Welt mit Schmähungen übergiessen – nie ist eine große Sache ohne Opfer errungen worden!


Friedrich Hecker’s Ankunft in Nord-Amerika. Nach 14 tägiger Seereise betrat der edle Republikaner mit seinem Freunde Schöninger den freien Boden Nord Amerikas. Dort wurde ihm von seinen unzähligen Freunden ein Empfang bereitet, wie wenige gekrönte Häupter dessen sich rühmen können. Durch die oberste Behörde persönlich bewillkomt, wurde er Ehrengast der gesamten Freistaaten. Dort wird er freiere Staalseinrichtungen beobachten, und einst in sein bedrängtes Vaterland zuruckgekehrt, verwirklichen, was von so vielen als unerreichbar dargestellt wird.

*Fotos aus „American Dreams“ im Haus der Geschichte Stuttgart, Dezember 2023

Der Frauen- und Jungfrauen-Verein.

Das teure Vaterland ist in Gefahr,
So rüstet euch, ihr edle Nationen,
Bewaffne dich, du treue Männerschaar,
Es gilt die stolzen Fürsten zu entthronen,
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

So ruft das edle Volk von Ost bis West,
So ruft es selbst in Nordens düstern Gauen;
Drum mutig auf was Gott am Leben läßt,
Die Tyrannei soll eure Wunder schauen:
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

In Ungarn wo der Söldnerkampf erbraust,
Dort seht ihr umgestürzte Trümmer rauchen;
Mit Zorn geballt ist jede Mannes-Faust,
Das Flammenschwert in Fürstenblut zu tauchen:
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

So schleudern höhnend die Tyrannen jetzt,
Des Blitzes Glut in unserm deutschen Lande
Eidbrüchige! ihr habt den Schwur verletzt,
Habt aufgelöst der Gesellschaft Bande:
Drum gilt’s gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

Es stehen selbst des Volkes Frauen ein,
Die friedlich sonst im eignen Hause wohnen,
Und bilden einen Tätigkeits-Verein,
Zur Unterstützung deutscher Legionen:
Ja, gilt es doch dem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

Jungfrauen, Frauen, kommt und schaaret euch!
Besorget, spendet eure Kampfesgaben!
Die allgemeine Not macht alle gleich,
Und Alle werden sich am Siege laben:
Drum „Vorwärts,“ Gut und Blut dem Krieg,
Um jeden Preis der Freiheit Sieg!

Donaueschinger Wochenblatt Juni 1849

Epitaph auf dem Hüfinger Friedhof.

Der Frauen und Jungfrauen Verein dahier zählt nun 130 Mitglieder, die alle gern und willig bereit sind, dem Zwecke des Vereins zu dienen, und daher freudig ihre Gaben auf den Altar des Vaterlandes niederlegen. Damit aber der Verein glücklich bestehe und gedeihe ist nötig, daß unter den Mitgliedern stets Einigkeit sei und bleibe. Daß diese sowohl von den gegenwärtigen als auch von den allenfalls noch beitretenden Mitgliedern gepflegt werde, steht zu erwarten, da alle vom Geiste der Eintracht und Liebe beseelt sind, womit sie an der guten Sache Anteil nehmen und Unterstützung da gewähren wollen, wo es notwendig ist.

Hüfingen, den 27. Juni 1849.
Die Vorsteherin: Karoline Höfler.
Die Schriftführerin: Elisabetha Gilli.

Donaueschinger Wochenblatt Juni 1849

Elisabetha Gilly geboren am 16.05.1825 und verheiratet am 08.01.1852 mit Markus Frey aus Hausen vor Wald, Gastwirt zum Löwen.

Karoline Höfler. Geboren als Karoline Aberle um 1817. Eltern Andreas Aberle und Magdalena Eytenbenz aus Möhringen. Wirtin vom Gasthaus Löwen. Ihr Mann Michael Höfler stirbt 1842 mit nur 29 Jahren.

Elisabetha Gilly war die Tochter von Josef Gilly aus Hondingen und Agatha Wagner. Sie wurde nach ihrer Großmutter Elisabetha Martin benannt.

Der Löwenwirt hieß „Leuenbaschi„. Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:

…und an hohen Festtagen spielte er in der Kirche die Orgel, und der „Leuenbaschi” (Löwenwirt) sagte dann: „I ha’s bim erschte Griff scho gmerkt, daß es nit de Prezepter Thäddä ischt!” Dieser, der pensionierte Präzeptor Thaddäus Bader, war nämlich stets noch Organist.

Denkbuch von Lucian Reich 1896

Foto von Wikimedia von einem Frauenverein um 1900

Hüfingen, 27. Juni.
Es ist wahrhaft erfreulich, wenn man wahrnimmt, wie hiesige Frauen und Jungfrauen in bedeutender Anzahl sich gleichsam wetteifernd bestreben, beim gegenwärtigen deutschen Freiheitskampfe unterstützend mitzuwirken, so viel sie nur immer vermögen. Dies beweist, wie sehr sie erkennen, was dem Volke und Vaterlande not tut, und was der Geist der Zeit fordert.

Dieselben haben darum einen Verein gebildet, wohlwissend, daß das Wirken für eine edle Sache nur durch vereinigte Kraft mit segenbringendem Erfolge gekrönt sein kann. Diesem Vereine haben sie daher Festigkeit verliehen durch angemessene Statuten, welche am 18. d. M. festgesetzt wurden, an welchem Tage sonach der Frauen- und Jungfrauen-Verein daselbst seine förmliche Konstituierung erhielt.

Der Zweck desselben ist zunächst die Teilnahme an den allgemeinen Freiheitsbestrebungen, die Unterstützung der hiesigen Wehrmannschaft und solcher hiesiger Personen, welche im Dienste der Freiheit unglücklich werden. Zur Erreichung dieses Zweckes werden alle 14 Tage von den Mitgliedern Geldbeiträge in die Vereinskasse entrichtet, die jedoch nicht festgesetzt, sondern dem Ermessen eines jeden Mitgliedes anheim gestellt sind. Auch werden Kleidungsstücke und zum Feld- und Wehrdienste erforderliche Bedürfnisse herbeigeschafft. Über schon früher eingegangene Beiträge und angeschaffte Gegenstände wurde schon am 13. d. M. vom Civil-Kommissär daher in diesem Blatte berichtet.

Es wurde nun noch von den Frauen und Jungfrauen eine neue, äußerst geschmackvolle und sinnreiche Fahne angeschafft und gefertigt. Am 20. d. M. fand die feierliche Übergabe derselben an das Bataillon des ersten Aufgebots des diesseitigen Bezirkes auf dem quadratförmigen, freien Platze bei der Kirche dahier statt: die Frauen und Jungfrauen des Vereins bildeten vom Rathause aus, wo sie sich gesammelt hatten, in festlicher Kleidung mit dreifarbigen Bändern und Schärpen geschmückt, einen Zug. Demselben voran gingen drei hierfür erwählte Jungfrauen, von denen eine derselben die zu übergebende Fahne trug, die dann, nachdem der Zug auf dem dem genannten Platze angekommen war, die Fahne nach gehaltener Rede dem Bataillons-Komandanten überreichte.

In dieser Rede wurde besonders herorgehoben, daß auch das weibliche Geschlecht beim Kampfe für die Rechte und Freiheiten des Volkes nicht gleichgültig zusehe, sondern bereit sei, sich nach der ihm dargebotenen Möglichkeit daran zu beteiligen. Unter Anderm enthielt die Rede auch den Wunsch, daß, wie einst unsere tapfern und heldenmütigen Vorfahrer unter der deutschen Fahne das unerträgliche Joch der römischen Zwingherrschaft brachen, auch diese Fahne sich entfalten möge im heiligen Kampfe gegen unsere deutschen Freiheitsunterdrücker, und daß sie, vereint mit andern wackern Streitern, mit Gott zum Siege für Volk und Vaterland führen möge, auf daß endlich Freiheit, Wohlstand und Bildung sich über Alle erstrecke.

In geeigneter Weise erwiderte auch der Bataillons-Kommandant und endete mit einem Hoch auf die Frauen und Jungfrauen des Vereins. Am Nachmittage desselben Tages marschierte dann das mutige und staatliche Bataillon nach Geisingen und Möhringen, wo es bis heute harrt, um nach dem wirklichen Kampfplatze zu ziehen, wo unsere badischen Brüder schon kämpfen gegen hessische, mecklenburgische, nassauische und preußische Söldner, die noch so verblendet sind, daß sie sich mißbrauchen lassen für die Unterdrückung des Bürgers. Hoffentlich werden auch diese noch zur Einsicht gelangen, daß sie im Fürstenheere nur für ihre eigene Knechtung und Unterjochung die Waffen führen.

Vincenz Rombach im Donaueschinger Wochenblatt am 27. Juni 1849

Die Hüfinger „Wehrmanschaft“ schloß sich am 7. Juli 1849 Sigels Volksarmee an, als diese durch Hüfingen marschierte. Hier, so berichtete Lucian Reich als Augenzeuge, „sah man noch einmal sämtliche Artillerie im Schloßhof aufgestellt . Um Mitternacht bei magischem Vollmondschein machte die ganze Retirade noch einen kurzen Halt in den Gassen. Dann ging es weiter der Schweizer Grenze zu nach Stühlingen. Unterwegs verbrannte man noch die gedeckte hölzerne Wutachbrücke in Grimmelshofen

Die vom Frauenverein angefertigte Fahne wurde allem Anschein nach bei Grimmelshofen verloren. So schreibt der „Verweser“ Gilly dem Ortsvorsteher von Grimmelshofen einen Brief mit der Bitte sich nach der Fahne zu erkundigen. Der Ortsvorsteher schrieb zurück, dass keine Fahne zurückgeblieben sei. (3)

Mit der Niederschlagung der Badischen Revolution fand der Frauenverein anscheinend noch kein Ende und existierte im Untergrund fort. So spendete der Verein 1908 für die bei der Donaueschinger Brandkatastrophe Geschädigten 30 Mark. (2)

Brandkatastrophe in Donaueschingen am 5. August 1908.
Hier spendete der Frauenverein den Geschädigten 30 Mark.

Auch in der Festschrift von 1914 vom Gausängertag wird der Frauenverein erwähnt im Zusammenhang mit dem Krieg von 1870.

Formale Zusammenschlüsse und damit eine organisierte Frauenbewegung gab es im Deutschen Bund erst ab 1859 mit dem Badischen Frauenverein.

Der Hüfinger Frauenverein war somit wohl 1849 der erste demokratische Frauenverein im Deutschen Bund und mit 130 Mitgliedern auch beachtlich groß.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich die Frauen in Hüfingen ihrer Wurzeln besinnen!

(1) Begegnungen mit dem 925-jährigen Hüfingen, Hugo Siefert, Schriften der Baar Bd 52 ab Seite 17, (2009)

(2) Hüfingen 1083-2008 Beschreibung einer Stadt im 925. Jubiläumsjahr. Kulturhistorische Reihe der Stadt Hüfingen, Band 9, Hugo Siefert (2009).

(3) Hüfingen und die Badische Revolution. Von Biedermännern und Heckerhüten. Kulturhistorische Reihe der Stadt Hüfingen, Band 3, Beatrice Scherzer (1998).

Skulptur in Donaueschingen am Bahnhof

März-Errungenschaften

Die 1848er Revolution: Auswirkungen auf Wald und Jagd in der Region

Wer bereitete eigentlich die Revolution vor? Die Hirsche und Rehe taten es, welche nachts in den Kornfeldern weideten; sie waren die eigentlichen Demagogen, die Aufreizer zum Missvergnügen, sie waren es, die dem armen Bauersmann die ersten liberalen Ideen einpflanzten. (Wilhelm Heinrich Riehl: Land und Leute. Stuttgart 1861)

Geschichtliche Ereignisse, zumal Revolutionen wie jene vor 175 Jahren, lassen sich nie monokausal erklären. Dennoch darf gefragt werden: Gab es Riehls vierbeinige „Demagogen“, die „Aufreizer zum Missvergügen“, etwa auch auf der Baar? War der herrschaftliche Wald auch im Fürstenbergischen so etwas wie das Zwing-Uri der großen Herren neben dem schutzlosen Äckerchen des kleinen Landmanns, wie er in „Land und Leute“ behauptet? Die Hirsche, soviel ist sicher, können es nicht mehr gewesen sein, denn die waren in freier Wildbahn nicht mehr vorhanden: Die hatte Fürst Joseph Wenzel bereits 1781 in einer generalstabsmäßig vorbereiteten viertägigen Treibjagd durch 7560 zur Jagdfron verpflichtete Untertanen in einen 2000 ha großen „Thiergarten“ im Tal von Bachzimmern treiben lassen. Schon in den Jahrzehnten zuvor war der Abschuss verstärkt und den Bauern erstmals erlaubt worden, Schutzmaßnahmen gegen den Wildverbiss durchzuführen, nachdem rund 1000 ha Ackerland wegen der enormen Wildschäden nicht mehr bewirtschaftet werden konnten. 

Spätestens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nach Ausrottung von Wolf und Luchs, hatten insbesondere der Rotwildbestand und damit auch der Leidensdruck der Untertanen so zugenommen, dass der Fürst reagieren musste. Die Rotwildstrecke auf der Baar und „über Wald“ hatte 1753 die Rekordhöhe von 1357 Stück plus 191 Stück Fallwild betragen. 

„Abschaffung des Hochgewildes im Freien“ 
„Großer Thiergarten“ im Tal von Bachzimmern 

Seine großmütige „Abschaffung des Hochgewildes im Freien“, das Ende der Rotwildjagd außerhalb des Geheges, ließ sich der Fürst von den betroffenen Gemeinden allerdings teuer bezahlen: die Ablösesumme betrug stolze 80.000 Gulden! Der allerletzte Hirsch fiel 1851 fernab der Baar in den F.F.-Wäldern nahe Menzenschwand. Umso ungestörter hatten sich unterdessen der Rehwildbestand und sogar die Hasen vermehren dürfen. 

Ab 1818 existierte in Karlsruhe eine Zweite Kammer (eine Vorstufe des Parlaments), die alsbald förmlich geflutet wurde von Beschwerden und Petitionen, mit welchen erboste Bürgermeister auf die Nöte ihrer Bürger aufmerksam machten. So beklagt sich 1833 die Stadt Geisingen: Auf ihrer Gemarkung liege die Hofjagd des Fürsten, der das Wild ungewöhnlich stark hege, sodass es dem Landmann über den Kopf wachse. „Nicht bloß in den Saatfeldern, sondern auch in den Wäldern machen Rehe und Hasen unermesslichen Schaden.“

1837 folgt eine Petition zahlreicher Gemeinderäte und Gutsbesitzer aus Wolterdingen, Aufen, Mistelbrunn, Hubertshofen und Grüningen wegen allzu hohen Wildstands.

Ihr folgt 1839 eine Petition der Bürgermeister von Löffingen, Seppenhofen, Bachheim, Reiselfingen, Ditishausen, Göschweiler, Unadingen und Rötenbach: Auf ihren Gemarkungen, die der Standesherrschaft als Leibjagd vorbehalten seien, werde ein übertriebener Wildstand gehalten. Der Schaden, den das Wild in Gärten, auf den Feldern und in den Wäldern anrichte, sei ungeheuer. Der Wildstand sei hier so groß, wie er im ganzen Großherzogtum nirgends anzutreffen sei. Ganze Rudel von Rehen beweideten ihre „Öschen“. Was sie auch einsäen würden, die Felder sähen aus wie abgemäht.

Durch Wildverbiss geschädigte Weißtanne

Da in der Zweiten Kammer sachverständige Landwirte so gut wie nicht vertreten waren, neigte man dazu, die Schilderungen der Gemeinden als „Phantasiegemälde“ abzutun. Die Schuld an den Missständen liege nicht beim Fürsten, sondern bei seinen Bediensteten. Die Jagd verführe nun einmal zu Nichtsnutz und Liederlichkeit, weshalb der weise Großherzog es seinem Waldhutpersonal (wie auch den Lehrern) untersagt hatte, eine Jagd zu pachten.

Wie man andererseits mit Forstbeamten umsprang, die sich in Sachen Wildschäden zu weit aus dem Fenster lehnten, lehrt das Beispiel des großherzoglichen Bezirksförsters August Cron, der 1836 die (landesherrliche) Bezirksforstei Hüfingen übertragen bekommen hatte. In einer öffentlichen Versammlung hatte er die Wildstände auf den F.F.-Jagden zu kritisieren gewagt und war deshalb beim Fürstenhaus in Ungnade gefallen. Der Fürst höchstselbst beschwerte sich beim Großherzog über das für einen landesherrlichen Bezirksförster „höchst ungeeignete Verhalten“ und verlangte dessen Versetzung. Mit der Untersuchung des Falles wurde der Donaueschinger F.F.-Kollege beauftragt, der Cron als Mitglied einer ultraliberalen Partei verleumdete. Es ehrt den Großherzog, dass er seinem strafversetzten Beamten in Anerkennung seiner treuen Dienste 1870 das Ritterkreuz 1. Klasse zum Zähringer Löwenorden verliehen hat.

Derlei Disziplinierungsversuche änderten freilich nichts daran, dass die Zweite Kammer auch 1846 noch förmlich überschwemmt wurde mit Petitionen wegen Jagd und Wild, deren Ton sich zunehmend emanzipierter, in den Ohren des Fürsten zunehmend schriller und ungehöriger ausnahm. Eine Petition aus Tannheim etwa bezeichnete das Jagdrecht als „ein mittelalterliches Institut zur Lust und zum Vergnügen des Adels und zur Plage des Landmanns“. In der Diskussion über die Ergebnisse einer zur Klärung von Wildschadensfragen eingesetzten Kommission meldete sich auch der charismatische Mannheimer Abgeordnete Friedrich Hecker zu Wort, derselbe, der zwei Jahre später, am 15. April 1848 an der Spitze eines 400 Mann starken Zugs in Donaueschingen einmarschieren sollte, nachdem er zuvor in Konstanz die Republik ausgerufen hatte: „Obwohl ich Jäger bin“, unterstützte der streitbare Advokat einen Kommissionsantrag zum Dauerthema Wildschäden und führte dazu aus: „Das Jagdrecht ist als ein Ausfluss des Eigentums betrachtet worden. Es wäre nichts Natürlicheres, als dass jeder, der Grund und Boden besitzt, sich gegen Schädigung durch das Wild Hilfe schafft, indem er es erlegt.“

Vor dem Hintergrund katastrophaler Missernten erkannte die Regierung die brennende Lunte, und so erging im Mai 1847 noch eine Generalverfügung des Ministeriums des Innern gegen den Missbrauch des Jagdrechts. Dennoch sind auch in diesem Jahr noch zahlreiche Beschwerden der Baargemeinden beim Ministerium eingegangen, gegen die sich der Fürst mit Nachdruck verwahrte: Es würden hier „alljährlich waidmännische Jagden abgehalten“, und die hohe Jagd auf Rotwild sei sogar schon seit über einem Jahrhundert ganz beseitigt. Die Verbitterung des Fürsten über die wachsende Entfremdung zwischen ihm und dem Volk nahm weiter zu: „Wenn die Behauptungen der ungestümen Verfasser der Eingaben mich als Jagdberechtigten auch sehr empfindlich treffen, so müssen Form und Ausdruck, in welchen sie verfasst sind, noch weit mehr den gerechten Unwillen erregen. Nicht an mir kann es sein, eine Sprache zu ahnden, welche dem Gesetz zum Hohn in rücksichtslosen Ausfällen durch Drohung mit Gewalt und Selbsthilfe Person und Eigentum bedroht und die Erreichung unangemessener Wünsche auf solche Weise erzwingen will.“

Weit ist es nicht mehr bis zum Ausbruch offener Feindseligkeiten, so wenig verwunderlich es noch ist, dass die Baar zu einem der Zentren der Demokratiebewegung werden sollte. Am 1. März 1848 wurde der Kammer ein von Friedrich Hecker unterzeichnetes Programm vorgelegt, das dann auch mit geringen Änderungen dem Großherzog vorgelegt wurde mit der Forderung nach Beseitigung der Reste des Feudalwesens, insbesondere auch des Jagdregals. Zwar versprach die Regierung, den Forderungen nachzugeben, doch die Zusagen kamen zu spät: im Odenwald brachen offene Gewalttätigkeiten aus bis hin zur Zerstörung standesherrschaftlicher Rentämter. Auf der Baar kam es im März und April zwar auch zu Plünderungen und zu unerlaubtem Jagen, doch zur Schadensbegrenzung trug der Umstand bei, dass der Fürst eilends noch auf zahlreiche Rechte verzichtete und die Jagdausübung in den Jagden auf die Gemeinden übertrug.

Auch Großherzog Leopold reagierte noch rasch – zwei Tage vor Heckers (von den blutigen Berliner Barrikadenkämpfen ausgelösten) Konstanzer Putsch: Er unterschrieb das „Gesetz zur Aufhebung der Feudalrechte“ als da sind „Bann- und Fronpflichen“, aber auch sämtliche Jagd- und Fischereirechte, womit das Jagdregal gefallen war. Eine „billige Entschädigung der Berechtigten“ sollte durch besondere Gesetze nachträglich bestimmt werden. Doch wenigstens dieses Ergebnis der agrarsozialen Unruhen sollte den Bauern in den nachfolgenden Zeiten der Reaktion niemand mehr streitig machen.

Mitten in den revolutionären Wirren, am 26. Juli 1848, war noch als Übergangslösung das Gesetz zur Ausübung der Jagden verabschiedet worden, das den Gemeinden  das Jagdrecht zusprach und den Staatsbehörden das Recht, Anordnungen zur Verringerung des Wildstands und der Wildschäden treffen zu können. Im Nachhinein wird man das Jagdgesetz vielleicht sogar als Taschenspielertrick, als Bauernfang einordnen dürfen. Mit ihm ist es der Regierung jedenfalls gelungen, die Bauern aus der revolutionären Front herauszubrechen. Womit es den preußischen Interventionstruppen leicht gemacht wurde, die Unruhen auch in Baden niederzuschlagen. Preußische Standgerichte verhängten und vollstreckten bis zum 27. Oktober 40 Todesurteile.

Als sich im März herumgesprochen hatte, dass den Kammern der Gesetzentwurf über die Abschaffung der Feudalrechte vorlag, begann für ein paar Monate der Volksbewaffnung das, was sich in späteren Forst- und Jagdpublikationen als „Vernichtungskrieg gegen da Wild“ niederschlug: der rechtlose Zustand der „freien Büchse“, der nach Auskunft des F.F.-Jagdchronisten Stephani dazu geführt hat, dass „der Rehstand strichweise fast völlig aufgerieben“ worden sei. Dem Wald, insbesondere der so verbissgefährdeten Weißtanne, verschaffte die erfolgte Dezimierung des Rehwilds eine kurze Verschnaufpause und vielerorts eine Welle von Waldverjüngung, von der auf der Baar und im Schwarzwald noch heute viele tannenreiche Altbestände zeugen.

Gedenkstein im Unterhölzer Wald

 *iKurzfassung des Kapitels „März-Errungenschaften“ in Hockenjos, W.: Waldpassagen. Dold-Verl. Vöhrenbach, 2000