Geschichte aus der Baar von Lucian Reich 1845

Aus dem Deutschen Familienbuch zur Belehrung und Unterhaltung von 1845 


Der arme Konrad und des Vogts Mariann’

In den Wanderblühten gibt es ein Kapitel über Konrad das ich in drei Beiträge unterteilt hatte:

Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog
Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen
Wanderblühten – Kindheit in Hüfingen – Liebe Mariann

Jetzt hatte ich im Deutschen Familienbuch zur Belehrung und Unterhaltung von 1845 den Artikel “Der arme Konrad und des Vogts Mariann` Geschichte aus der Baar. Mit einer Zeichnung von Lucian Reich” gefunden.

Der arme Konrad und des Vogts Mariann’
Geschichte aus der Baar.
Mit einer Zeichnung von Lucian Reich.

Was habt Ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebstes Bübchen! Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimlich aus! Ja, eine ganze Heimath, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, die Baar, die an den Schwarzwald stößt. – Wie still

und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchem die Seele der jungen Mutter athmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das den kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitet sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräthe, und hat sich auch des behaglichen Hausthiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüsselchen rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch …

Bild aus dem Deutschen Familienbuch 1845

Bild aus den Wanderblühten 1855

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das offene Fenster haucht die frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nöthig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. — Wißt Ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in den Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht auch aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“, wie Gottfried von Straßburg sagt! nein, wir wollens frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.

Das kann schon werden, sagt er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypsernen Venus emporkräuselt.

Bild mit dem Hüfinger Künstlerkreis um den Tisch

Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal. Jetzt handelt es ſich darum, ihn weiter zu fördern.

Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: damit iſt alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke oder mit der Kugelmütze in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele Ernst geweſen ist.

Gedicht von Johann Peter Hebel

Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Engeln überlasen, nach welchen ſeine Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er ſeine erste Selbstständigkeit erlangt hat.

Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in der Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschoß herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muß er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hauſe „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den „Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hauſe sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim obern Bierhaus iſt’s lebendig; dort liegen die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.

Was wird denn gespielt?
Es wird gekegelt und gespengelt.

Nach dem Kugelſpiel brauch’ ich nicht zu fragen; aber das Spengeln, das ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen.

Das ist halt wie in England. Nur die zwei besten Spieler schieben die Kugeln, und die andern wetten auf sie. Das letztere aber heißt man Spengeln.

Warum?
Weiß nit.

Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem silberbeschlagenen Buche gelesen hat.

Meinethalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musiciren. Aber an Regensonntagen, da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick 

Zwick! das ist mir schon wieder eine unbekannte Gegend.

So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur.

Jetzt weiß ich, wo ich dran bin. Das iſt die Treibschnur; die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt.

O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht. Das iſt andre Arbeit.

Nun, was hilft’s? Die Freude wird auch nicht ewig währen. Wenn Hölty ſagt:

Bald sitzeſt du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero
Verschimmeltes Latein,

Die Knabenzeit von Franz Schubert

so ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in der Kugelmütze oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muß, und die Sonne scheint o lustig draußen, daß es einem wie Quecksilber durch alle Adern rinnt. —

Ja, das ist halt freilich eine harte Nuß. Wollen froh sein, daß wir sie durchgeknackt haben. Uebrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.

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Ja, im Winter thut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Marbel, Ball und andre Ergötzungen, und in der Schule selbst führten wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.

Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darfs mein Konrad nicht bringen; auch muß er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich’s da nicht um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge, als da sind die Geschichten vom frommen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgi“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt.

Halt — kann er denn die Mädchen leiden?

Das nicht gerade. Vielmehr zöpft und ropft er sie, schenkt und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist’s ihm ein „gemähtes Mieele.“ Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei’s auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen. An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.

Noch einmal Halt — Ist keine darunter, die er — wie soll ich mich ausdrücken? — so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wißt schon — es gibt Fälle, man hat Beispiele.

Allenmal ist so eine drunter, das versteht sich.

Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name thut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigenthümlich besonders nicht leiden kann.

Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang.

Also Marianne?

Des reichen Vogts Marianneli. Die jagt er immer am hitzigsten, die kneipt er am ärgsten, wenn er sie erwischen kann.

Und doch hat sie ihm gewiß nie etwas zu Leide gethan.

Bewahre, sie könnte seine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das feine freundliche Mädli nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kamerädinnen ist.

Doch kann das im Stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, daß sie ein wenig vornehmer ist als er.

Freilich thut er das, und ich will gleich so einen Zug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützt diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s Herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh’ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kamerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann’, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solches sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins? — Grad’ dir schenk’ ich keins, sagt er: warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in einem Schopf Tabak rauchten? — Ich kann ja aber nichts dafür, sagt sie, und die Thränen stehen ihr in den Augen, daß sie allein leer ausgehen soll. — Kauf dir eins, sagt er, ihr seyd ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache.

Sie sieht ihn aber nicht an?

Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule unten an der Hausthür auf sie, und sagt: da, Mariann’, ich schenk dir’s doch. — Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich’s auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. — Nachher ist sie aber gleich wieder gut.

Da muß er übrigens doch noch etwas extra thun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen.

Ja, nach seiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehentscheuer. Es wird hin und her gerathen, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben austheilen, sagt endlich der Konrad.

Das ist, schätz’ ich wohl, „Engel und Teufel“?

Ja, es kommt auf eins heraus. Die Kinder sitzen im Kreis, eines theilt die Farben oder Blumen aus, ein andres stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum andern und sagt ihm in’s Ohr: du bist eine rothe Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke, und so weiter. Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt’s: du bist ein Schlehenbusch, …

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du eine Brennnessel, du eine grüne Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. — Wer ist drauß? fragt die Austheilerin. — Der Engel mit dem Schein. — Herein. Was hätt’ Er gern? — Eine Farb’. — Was für eine? — Eine weiße Ros’. — Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel —

Den macht unser Konrad?

Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappendeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. — Wer ist drauß? — Der Teufel mit der Schürgabel. — Was hätt’ Er gern? — Nun bekommt auch der Teufel seinen Antheil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappen entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz alles Rathens nicht auf die rechte Farbe kommen kann. Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann’ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumennamen nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muß es sich noch gefallen lassen, daß die Seele, nach der er vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wüthend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorübermarschirenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann’ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten.

Zarte Aufmerksamkeit!

Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne ein Zeternmordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster heraus. Was gibt’s? — Der Konrad hat die Mariann’ in’s Gesicht geschlagen, daß sie blutet. — Hab’ ich dir nicht schon oft genug gesagt, du sollest nichts mit dem Roßer haben?

Welche Demüthigung für seine satanische Majestät!

Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Säule vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrenstiteln hinnimmt, faßt ihn eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in die Arbeit.

Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen!

Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem ge­strengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer der Buben führt, zählt er ihm noch etliche aus dem Ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich in’s Bett. — Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, die Prügel braucht ihm hernach der Amtsdiener nicht mehr zu geben, es ist besser, er hat sie von mir. — Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.

Wenn er das vorherwüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der er hier so harmlos träumt. Da kann man wohl sagen, wie es in der Glocke heißt:

Ihm ruhen noch im Zeitenschosse
Die schwarzen und die heitern Loose.

Freilich wohl. Wenn ich so einen kleinen runden Kinderkopf sehe, so pflege ich immer zu denken: Du wirst der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.

Und doch, wie klein sind die Anfälle, über die wir zuerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Thränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!

Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.

Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsern Augen das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihren vollkommenen Gestalten, die wir in Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist manches böse Fädchen verschwunden, das uns so wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut; denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornehmlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. — Aber nun webt mir für unsern Schützling einige freundliche Fäden ein.

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Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig thut mir’s leid, daß ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die rechten grauen und schwarzen; denn es nöthigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.

Ihr seyd unerbittlich wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.

Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen; denn seine Eltern sind sehr arm.

Wie? da sagt Euer Bübchen die Wahrheit nicht. Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armuth, und das Zimmer sieht ja so blankgescheuert und wohlhabend aus.

Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichthum, gilt aber doch nichts im Pfandbuche, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Hause aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unsern Konrad, wenn er in Armuth aufwächst?

Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus.

Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet sich auf dem Felde krumm, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht dreizehn Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.

Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so gräßlich auf! Wie und wo kommt denn der um’s Leben?

Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge.

Halt, halt, Meister Lucian, man muß den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, so lange es mit Ehren geschehen kann. Oder — ja, nun merk ich’s — Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während Ihr mir weiß macht, daß Ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecke der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.

Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich Euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus dem abnehmen, was —

Was etwa seinem Vater geschehen ist?

Nun, ich will nur so viel sagen, daß ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes, und daß ich, dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelrohr vor das zugedrückte Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; denn ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.

Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchel und theilt es mit; ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.

Darauf legt Meister Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.

—

Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stückchen blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Mariens ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsre liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.

Den Beweis hiefür mögen Wetter- und andre Propheten führen. So viel ist entschieden gewiß, daß Anno Damals am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blaue Himmel sich über dem alten Städtchen Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Thore gesegnet; auch hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf den Gartengehegen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüth geradezu Hosen zu nennen wagt; sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fang­schnüren. In der Ferne hörte …

Jakobsfahne vom Hofmaler Weiss

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man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen abgelegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen, denn dies sind die Stadtfarben, ausgestopft. Wer im Feld zu thun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte seinen Tschako noch lasiren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefeln, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.

Wenn es nur auch so hält, sagte der alte Hafnermeister, indem er seinen Gappeurdbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig herausstaffirte.

Es bleibt gut, bemerkte sein Nachbar, der kassianene Gerbermeister. Mein Laubfrosch sitzt schon seit vorgestern früh hoch oben auf der Leiter, und das Männli am Rathhausfähnli läßt gutes Wetter supponiren.

Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben, erwiderte der Andere.

Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Stadt- und Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit großer Herrlichkeit begangen wird. Dieser Tag ist für die ganze Baar ein Volksfest, zu welchem von nah und fern Gäste herbeiströmen. Nicht wenig trägt zum Glanze des Tages das Bürgermilitär bei, das auch in der ganzen Gegend als das beste im Exerciren und Marschiren berühmt ist. Kein andres Corps feuert so präcis. Die Salven sind meist Ein Schlag; wunder selten schießt einer vor, und wenn je einer nachschießt, so trägt gewiß nicht er, sondern das schlechte Pulver oder das große Zündloch die Schuld. Die türkische Musik ist von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs Trefflichste eingeübt, und wer sie spielen hört, sollte nicht glauben, daß die Hände, welche diese Instrumente so fertig behandeln, meist mit schweren Feld- oder Handarbeiten überladen sind.

Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberst, der treffliche Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah er aus, wenn er im goldbordirten Hute mit den grünen Hahnenfedern vor der Fronte stand.

Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marti, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne seine Kleider ziehe oder der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bube in der Eigenschaft eines Feldjägers athem­los und schweigend dahergelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn. Gedachter Marti war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte; und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerciren gründlich studirt bei den Oesterreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, daß selbst der Major „das Meiste von ihm habe.“ Gleich! sagte er, gleich werd’ ich erscheinen. Er rückte noch einmal sein Gewaffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger bei dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgercorps in Reih’ und Glied und begann sämmtliche Schwenkungen und Märsche, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinterher aber zog ein Haufe Buben mit Bohnenstengeln statt der Gewehre, und machte alle Exercitien glücklich nach.

Stellt euch, sagte der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren, stellt euch nur morgen auch alle präcis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, daß wir den alten Ruhm der Hüfinger Bürgergarde nicht einbüßen.

Litographie von Josef Burkhard dem Hüfinger Bürgermeister im frühen 19. Jahrhundert.

Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwaibel Marti und den alten Corporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauten zu: Ihr Leut’, ich fürchte, daß uns die Zwei — hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin — morgen bei der Salve Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer ist, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten. — Herr Major, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: das wird’s nicht wohl thun; wir erzürnen die Leutle. Ich weiß ein besser Mittel, laßt nur mich machen. Morgen, bevor und daß wir einmarschiren, will ich thun, als visitire ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Seilstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut’ haben ihr Plaisir. — Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandirte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Bohnenstengeln heimtragen durften.

Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Bursche die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf dem Rücken, kam aus dem Felde. Der andre schien auf der Reise …

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begriffen zu sein; er mochte etwa vier und zwanzig Jahre zählen, ein strammer Bursche mit braunem Haar und röthlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit hergehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: über den neuen schwarzen Lederhosen die neue grüne Sammthaube, die man in unserer Gegend „Schoopen“ heißt. In der Hand trug er eine schwanke Haselnußgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken Hieb, der vor ihnen hertanzte.

Aber Konrad, sagte der mit der Sense, das kann ich dir sagen, seit du in der Neustadt bist, kennt man dich fast nicht mehr; du bist ein Weltkerle geworden.

Drum schmeckt mir Essen und Trinken, erwiderte der im Sonntagsstaat, und überflüssige Sorgen mach’ ich mir auch keine.

Ja, wenn nur eine Gewisse nicht wär’!

Geh mir weg mit dem Geschwätz, Franzsepp! rief der Konrad. Was soll denn das für eine Gewisse sein? Vom Hörensagen lügt man gern. — Er brachte schnell das Gespräch auf eine andre Materie, und als sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so daß man die vergoldeten Zeiger der Thurmuhr sehen konnte, machte er ein paar von den blanken runden Knöpfen an der rothen Weste auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kir­chenuhr. Sechs Uhr! sagte er. Die geht eine halbe Stunde früher, als die Neustädterin. Sechse, Siebene — bis um Achte bin ich daheim.

Ei was! kannst’s auch Neune werden lassen, rief der Franzsepp. Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler mit einander trinken, denn so jung kommen wir doch nit mehr zusammen.

Nichts da, viel Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!

Aha, der Mensch will heim! Das muß ja ein großmächtiges Herzgesperr sein, und das Zugpflaster darauf noch größer, weil’s dich so völlig in’s Heimwesen zieht. Aber morgen kommst doch zum Fest?

Freili, freili! rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Thore über die Breg führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen, wenn sie kaum den Löffel gewischt haben, wandern sie in aller Seelenruhe zum Thore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht es sich ja gar so gut von allem, was die Woche über passirt, von Altem und Neuem, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen; sie kommt auch wohlfeiler als die im Wirthshause. — Heute, an einem so geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit undenklichen Zeiten in Stein ausgehauen auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und verdrießlicher Miene sah er wie immer dem Lauf der Breg nach, und hatte seine gewöhnliche Laune nicht abgelegt.

Alt Hüfingen mit deer Breg

Der Wanderer verließ die Brücke und ging den Bußweg hin, der durch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegenden, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindigkeit oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zogen sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde: denn nachdem die Betglocken, welche der Umgegend den kommenden Festtag verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathhausstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.

Was trieb ihn denn so vorwärts und was hieß ihn immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinen Eltern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an lange Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschten? oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ihn der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? — Hier ist nun der Ort, wo Ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündchen von Hüfingen zu dem Bauernorte zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und einen andern Weg einschlagen; wenn wir unsre Schritte fördern, so kommen wir immer noch zu gleicher Zeit mit ihm an.

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Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen.

Richtig. Der Marsch ist nicht so weit als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein Vater aus Rußland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der dreizehnjährige Waisenknabe nur noch einen einzigen Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß, und verheirathete sich später nach Neustadt. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihn ein Verwandter zu sich, der seine Rinder hatte, aber sehr vermöglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf einem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegt; im Uebrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Der Krieg hatte ihm, wie noch manchem andern, Kreuz und Herzeleid gebracht und Wagen und Rosse genommen. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt; auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der That im Stande gewesen, „die Haut um ihren Balg zu schinden“. Dieser trockene einsilbige Vetter und dieses „genaue“ Weib waren nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und trübe Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, daß ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da es der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählig zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.

Dazumal waren noch die Roß- und Nachweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte glorreiche Roßbubenverfassung, welche seitdem auch von dem zerstörenden Geiste dieser Zeit umgekehrt worden ist. Da nämlich die jungen Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, daß sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektirt wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „auffuhren“, d. h. die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeines Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mußten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stilllieger“ und waren die Oberhäupter der andern. Sie lagen nämlich still, d. h. müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußten ihre Unterthanen alle Arbeit für sie thun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und absäumen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit Einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolks. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein dabei eingesetzt werden. So geschah es unserm Konrad, daß er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall that und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, daß er ein Stilllieger werden sollte. Der Barbier des Orts, der sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, ein wirklicher Pfleger an ihm wurde, volle Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.

Aber er hatte auch noch Muße, um andre Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein achtzehntes Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegt, die Mädchen des Dorfes mit andern Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, daß dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermuthet hätte. Was er auch thun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg.

Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareili mit den schönen rothen Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Grie­stony’s „zumpfere“ Agnes? Oder eine von des Egerte-Baschi’s? Keine von allen diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche er als Bub’ bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinen willen in Thränen zu sehen ihm ein Genuß gewesen war? Ja die, die war’s, des alten vermöglichen Vogts sein feines Marianneli, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei. Freilich hätte er ihr lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliche …

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Bildchen vor seine Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden sollte, denn er wußte wohl, daß Berg und Thal zwischen der Tochter des Vogts und einem armen Bauernknechte stand. Er konnte aber nicht; denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letzt angeschaut hatte, so daß es ihm dabei war, als sähe er in ein Paradies hinein. Ihr rother Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht so sehr zu seinen Gunsten auslegen.

Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammersfenster oben herausschauen durfte, da konnte er doch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, daß das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, niemand anders war, als das Marianneli. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpfchen ein klein wenig herum, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.

Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach Hüfingen, um das „Soldatenloos“ zu ziehen. Zu Fuße zogen sie aus; das ganze Dorf wünschte ihnen Heil und Glück. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der conscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammen genommen hatten, wieder zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen. Die meisten waren betrunken. Vorne auf dem Wagen saß ein Bursche, der den größten Strauß auf dem Hut und den größten Rausch darunter trug. Der lustige Zufall, daß bei der Ziehung Nummer Eins an ihn gekommen war, hatte ihn ganz ausgelassen gemacht. Deshalb ließ er sich’s auch gefallen, daß ihm die andern einen Bogen Papier, mit einer großen 1. bezeichnet, auf seinen Buckel hefteten; denn wenn er fidel war, so konnten seine Kameraden alle mit ihm treiben; fing er aber nicht von selbst an, so durfte es sich keiner herausnehmen, ihn zu spotten. Als der Wagen in’s Dorf herein und an dem Hause, an welchem die Mädchen bei einander standen, vorüber fuhr, schrie er diesen zu: Hell auf und glatt weg, ihr Jungfern! jetzt müßt ihr eure Hoffnungen auf mich fahren lassen. Viva ’s badisch Corps! Hierauf stimmte er das Lied an:

Wollt ihr wissen, wer ich bin?
Ich bin ein Soldatenkind,
Hab’ auch Lust zum Streiten.

Einer blies Klarinette dazu. Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf seine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: Verspielt! Nummer 17! entgegenhielt, da wurde die gute Mariann’ blaß bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm noch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.

Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft los gemacht hatte, ich bin froh, daß ich fort komme. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann’ kannst du dir keine Hoffnung machen. Sie ist hübsch — dazu reicher Leute Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, daß sie dich möchte, wenn du auch zehnmal heirathen könntest, einfältiger Kerl? Also nur fort — ich bin ein Unglückskind — fort, fort!

So hat schon oft einer gesagt, und ist dennoch daheim geblieben.

Hast du denn gar keinen Fehler? fragte ihn sein Vetter nach einigen Tagen, als er sich zur Visitation stellen mußte. — Zwanzig Jahre und kein Fehler! sagte die Riedbäurin dazwischen: das wär’ mir was! Jugend hat kein Tugend. — Von solchen Fehlern ist nicht die Red’, Annekäther, bemerkte der alte Riedbauer. — Keinen, daß ich weiß, erwiderte Konrad. Den linken Arm kann ich nicht mehr so stark biegen, seit ich ihn gebrochen habe. — Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben, sagte sein Pfleger. — Ja, dachte Konrad, ihr könnt lang warten; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.

Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt. Was ist’s denn mit dem Arm da? fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem andern Tone, als das Marianneli einst gefragt hatte. — Ich habe ihn vor zwei Jahren gebrochen. — Untauglich! hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonders kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, daß noch ganz andre Kerle vor der Thüre standen.

Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amtshause ging: das hab’ ich schon gemerkt, daß der Soldatenstand just kein Schlaraffen ist. — Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in der Abstandsbude unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte…

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er in den Bart hinein: Aufrecht, dummer Bauerntölpel!
Wie aber der Konrad auf dieses mit einem ingrimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, daß der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.

So hatte ihm also das Vorhaben, durch die Nöthigung der Umstände aus seinem heimathlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben? Da waren namentlich zwei, der Sohn des Krämermichels und der obere Bierwirthsohn: die waren nach anderthalbjähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und warfen mit französischen Brocken um sich. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimathleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs thaten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andre in Bern oder Lausanne ein „großartiges“ Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu Gefallen entschlossen sie sich endlich, zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. In Frankreich ist es so und so, pflegte der eine, der ein halbes Jahr im Elsaß gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der andre hatte die Parole umgekehrt: So ist’s in der welschen Schweiz nicht, wo er hin, so oft ihm etwas mißfiel. Leider aber stieß der erste, der Franzos’, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann’ auf’s angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahr wurde, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe. Da kam ihm denn ein Antrag seines Bruders eben recht, der ihn ermahnte, die Nase doch auch einmal ein wenig in die Welt hinaus zu stecken und nicht immer hintern Ofen hocken zu bleiben. Er rieth ihm für’s erste, bei seinem Nachbar, dem Wirth zu Neustadt, in Dienst zu gehen und späterhin mit einer Compagnie Uhrenhändler in’s „Land“ zu reisen. Denn so als armer Bauernknecht kannst du doch zu nichts kommen, schloß er. — Das „Land“ aber, von welchem er sprach, ist nichts mehr und nichts weniger, als Amerika. Warum man es in jener Gegend so heißt, das kann ich nicht sagen, vielleicht weil es das Land der Verheißung ist, wo einem die gebratenen Tauben in’s Maul fliegen.

Konrad ließ sich das nicht zweimal sagen. Am „Bündlitage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er seinen Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündelchen, das er in ein rothes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, daß das Marianneli just unter der Hausthüre stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitete ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim. Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. —

Im Wirthshause zu Neustadt merkte er bald, daß er hier in einem andern „Klima“ war. Es ging lebhaft zu an den langen Winterabenden. Uhrenhändler, die weit in der Welt herumgekommen waren, Schildmaler, Uhrmacher, Waldbauern machten die Gesellschaft aus. Da wurde französisch, englisch und deutsch durch einander parlirt, gewürfelt, gehopft und Wein genug dazu getrunken, während die dicke Wirthin schon seit nach dem Essen mit ihren Freundinnen Tarok spielte. Der Schwarzwälder ist beweglicher in seinem ganzen Thun und Lassen, was durch den Verkehr mit Fremden noch gesteigert wird. Bei den Bewohnern der Baar dagegen trifft man angeborne Ruhe und derbe Behaglichkeit; denn ihr Reichthum ist der Boden, ihre Beschäftigung der Feldbau. Deshalb konnte es unserm Konrad gar nicht schaden, wenn er zur Abwechslung auf seinem Lebensgange auch ein wenig „herumgetrieben“ wurde.

Das hielt ihn aber nicht ab, sich wachend und schlafend in die Heimath zurückzuträumen. Jetzt, dachte er manchen Abend, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen. Die Mädle spinnen, daß der Boden zittert, und die Mannsbilder liegen auf der Ofenbank. Jetzt kommt der alte Kapfer herein, reibt die Hände, klagt über die „Grindkälte“, begibt sich in den „Hinterofen“ und hebt von da aus zu erzählen an. Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Gespenster, namentlich wenn gerade der Wind im Kamin und um die Dächer rumort, und „die armen Seelen in den Lüften heulen.“ So hörte ihn Konrad in Gedanken alle die alten Geschichten wieder vorbringen, vom Riedgeist, der die durch’s Ried Wandernden in Sumpf und Graben führte, so daß sie umgekommen wären, wenn nicht die geweihte Schnee- und Nebelglocke, die jeden Abend um neun Uhr geläutet wurde, ihnen heraus und …

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auf den rechten Weg geholfen hätte, — vom Deckrischen Eßeli, die bald als junges Bauernmädchen, bald als altes Weib dem Wanderer auf den Rücken hockte und ihn erst am „Trank“, wo der Wald endet, wieder verließ. Dem Eseli war der Kasper mehr als einmal im Walde begegnet. Der Krieg, schloß er gewöhnlich, hat aber die meisten dieser Geister vertrieben.

Solche und andre Scenen malte sich Konrad aus, während die Würfel der Schwarzwälder um ihn her klapperten; aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur ein Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter und kehrten in des Vogts Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich kein Hausrecht hatten. — Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimath nähert, gleich Schritt mit ihm halten wollen; denn seht, er ist auf einmal bedeutend in den Marsch gerathen, und wenn ihm das Elseli nicht unterwegs aufhält, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kasper von ihr erzählen zu hören. Aber bei dem ist kein Platz mehr, daß ein Elseli aufsitzen könnte.

Ansicht von St Verena und Gallus mit Statue von Xaver Reich

Als er in die Neustadt zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, daß seine Base, die Riedbäurin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich; denn er wußte wohl, daß ihm seine Frau trotz ihres unfreiwilligen Wesens, unentbehrlich geworden war. Die Ehe hat unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, daß sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, daß zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so an einander gewöhnt und gefesselt waren, daß der überlebende Theil bald seiner losgerissenen Reiserbse nachwelken mußte. — Am Donnerstag, sagte der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße; darunter war aber ein ganz besonderer vom — Marianneli.

Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmungsgeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Theil des Tages das Gegentheil von dem, was er am Morgen gewesen. Es schien ihm etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlich betreten umher und war so zerstreut, daß er den Pferden den Wasserkübel statt des Heus in die Krippe schüttete.

Was hatte er denn gewagt? Es gab jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimniß bleiben sollte. Denn wie das Marianneli den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergesell, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet ihr viel hundert Grüße aus von Konrad, — er sei nämlich bei ihm g’west in der Neustadt drin — und praktizirte ihr dabei ein Brieflein in die Hand. Sie wurde blaß und roth vor Schrecken, und hätte beinahe das schwarz mit Goldschnitt eingebundene Gebetbuch und das „Nister“ mit den blanken silbernen „Gottegeldern“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie dem Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und mit begierigen Augen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:

Zuvor muß ich abbitten das ich die Keckheit habe Dich mit diesem Schreiben zu belästigen. Ich kann nicht unterlassen dir mein ganzes Herz zu zu eröffnen. Ja liebste Mariann du wirst zwar…

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sagen ich sei nicht bei Verstand. Ja! es kommt mir oft selber auch so vor.

Jetzt muß ich nur diese einzige Bitte an Dich stellen, wie es wäre wenn ich jetzt mit einer Compagnie Uhrenhändler fort gienge und kam nach einiger Zeit wieder zu rück und ich konnte mir von dem ersparten Geld einen kleinen Gewerb kaufen und die liebe Mariann wär noch nicht geheurathet. Gefetzt der Fall sie hätte von denen die um Sie angehalten haben keinen mögen??

Ich möchte nur wissen ob die liebe M. auch hie und da an mich denken thut wenn ich fort bin, im fremden Frankreich oder Amerika. Wenn ich das wüßte ging ich hundert mal ringer fort. Zum Schluß muß ich die liebe M. von Herzen bitten mich dieses Schreiben wegen nicht aus zu lachen oder gar verspotten. Denn wie es mir ums Herz ist muß es heraus, und ich meine ehrlich. Mündlich war ich nicht so keck. Leb tausend mal wohl. Viel tausend Gruß an Dich und zürne nicht.

Dein Dich bis in den Tod liebender
Konrad
in der Neustadt.

NB. am Donnerstag komm ich hinaus zu Euch zum Opfer für die Baß da hoff zu erfahren wie es mit mir steht. Legst du in der Kirche unter der Wandlung dein Gebetbuch auf die rechte Seite so sehe ich es als ein günstiges Zeichen an — legst du es aber links so ersehe ich draus daß du von mir nichts wissen willst.”

Was nun am Donnerstag in der Kirche geschah, das weiß ich nicht zu sagen, denn wer wird auch so genau darauf sehen, ob die Mädchen ihre Gebetbücher links oder rechts legen? Aber so viel ist gewiß, daß der alte Kasper die Beiden am Gartenhag unter dem Obstbaum beisammen sehen sah, Hand in Hand. Da es jedoch heller Tag war und die Erscheinung nichts von Gespenstern an sich hatte, so behielt er sie vorläufig für sich. Der Vogt soll derweil im Adler und die Vöglein auf einem Krankenbesuch in der Nachbarschaft gewesen sein. — Ein nichtsnutziger Distelfink schrie nachher aus Leibeskräften in der ganzen Gegend herum, der Konrad habe das Marianneli frei frank geküßt. Er hätte sie gern in’s Geschrei gebracht; aber es achtete niemand auf ihn.

Auf dem Heimwege summte Konrad das Lied vor sich hin:

Keine Kohle, kein Feuer kann brennen also heiß,
Wie stille heimliche Liebe, die niemand nicht weiß.

Dazwischen hielt er auch, während er wieder auf jener Höhe stehen blieb, ein Selbstgespräch, und das lautete wie folgt:

Kreuz Donner — des Vogts Mariann’, ’s schönſt Mädl im ganzen Ort! Und — du! Herr Gott!

Nachdem er aber solches gesagt, hub er abermals zu singen an.

Von dieser Zeit an war er wie umgewandelt. Die ganze Welt kam ihm schöner und heller vor. Das Marianneli hatte ihn um Gottes willen gebeten, er möge doch sein Vorhaben, nach Amerika zu gehen, fahren lassen; unser Herrgott könne sie ja auch ohne dies das Ziel ihrer Wünsche erreichen lassen.

Das war nun fromm und gut gedacht; aber Konrad sah wohl ein, daß er jetzt die Hände regen müsse. Durch Fleiß und Anstrengung, sagte er zu sich, hat es schon mancher zu etwas gebracht. Muß man denn mit dem Geldsack geboren werden, wie dieser und jener, die deswegen doch Strohköpfe sind? Frisch gewagt ist halb gewonnen! — Seit ihm die Mariann’ gesagt hatte, wie gern sie ihn habe, war ihm sein Muth und Selbstvertrauen mächtig gewachsen, und er wäre um ihren Besitz bis an’s End’ der Welt gelaufen. Die Uhrenbändler-Compagnie, der er sich anzuschließen gedachte, wollte schon im Herbst aufbrechen. Sein Vetter, der Riebauer, als er ihm seinen Entschluß mittheilte, hatte in seiner gewohnten trockenen Weise darauf erwidert: Es kann nichts schaden, wenn du auf dir selber bleibst. — Der Tod seiner Frau schien nichts in seinem Wesen geändert zu haben; nur war es auffallend, wie er oft zerstreut mit suchenden Blicken durch die Stube ging. Den Konrad hatte er, was dieser auch einwenden mochte, genöthigt, noch einen Tag länger bei ihm zu bleiben. Das war ein langweiliger Tag für ihn gewesen; denn sein Vetter that den Mund nicht auf, und das Marianneli konnte er nicht mehr zu sprechen bekommen.

Die gute Mariann’ saß inzwischen zu Hause, und dachte, den Kopf auf die Hand gestützt, darüber nach, was ihr Vater zu dieser „Bekanntschaft“ hinter seinem Rücken sagen würde. Das sollte sie nur allzu bald erfahren.

Als Konrad seine Verbindung mit der Uhrenbändlergesellschaft in’s Reine gebracht hatte, schrieb er ihr einen Trostbrief, worin er ihr die Nachricht, daß die Sache abgemacht sei, auf die gelindeste Weise beizubringen suchte. Diesen Brief gab er einem Zweischgenwassermanne mit, der bei dem Vogt aus- und einging, und den er zufällig in der Neustadt traf. Derselbe wurde aber unterwegs aufgehalten, und weil ihm Konrad gesagt hatte, es pressire, so überlieferte er den Brief

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einem Bauern aus dessen Dorfe, dem er just auf dem Löffinger Fruchtmarkt begegnete. Er sagte ihm aber nicht, von wem das Document sei und was es damit für eine Bewandtniß habe, sondern schärfte ihm lediglich ein, den Brief dem Marianneli richtig einzuhändigen und den Alten nichts davon merken zu lassen. Der gute Mann, der keine Ahnung hatte, was in einem solchen Schreiben stehen könne, wovon der Alte nichts wissen dürfe, trug den Brief getreulich heim. Wie er ankommt, sieht er die Vögtin aus dem Hause gehen, und denkt: Jetzt ist das Nest sauber; den Vogt treffe ich ohnehin nicht, um die Zeit sitzt er im Adler drüben und trinkt sein Schöpple. Geht also gutenmuths hin und macht die Thüre auf. Wer aber gerade vor dem Spiegel steht und den Seifenschaum aus dem fetten Gesichte trocknet, das ist der Vogt. Es ist doch verflucht, daß mich das verteufelte Katzendokterle jedesmal schneiden muß, wenn es mich halbirt, spricht er dazu und legt ein Stücklein Zündschwamm auf den beleidigten Theil, welcher aussieht, als ob der Pflug über ihn gegangen wäre. Der arme Mann erschrak und wollte wieder rücklings zur Thüre hinaus. Der Vogt aber, der ihn in dem unseligen Spiegel gesehen hatte, sagte, ohne sich umzuwenden: Nu, Antoni, was bringt Ihr Guts? — Dies machte den Liebesboten vollends ganz bestürzt und verwirrt; er stotterte etwas von einer „Commission“ und von der „Jungfer Tochter“, legte zuletzt den Brief auf den Tisch und salvirte sich zur Thüre hinaus, indem er „Nichts für ungut!“ murmelte.

Der Vogt sieht ihm verwundert nach. Jetzt erst hat er sich umgekehrt, sein Auge fällt auf den Brief; den betrachtet er gemächlich von allen Seiten. „Cito cito“ stand auf der Adresse. An meine Tochter? sagt er: das werd’ ich doch auch wissen dürfen. Krack — ist das Siegel offen und — Himmel — Kreuz — Hagel und so weiter und so weiter — Welch ein Gewitter brach über die arme Mariann’ herein, die in diesem verhängnißschweren Augenblicke, Geschäfte halber an nichts denkend, unter der Thüre erschien. Der zweifelhaftigste Wetterprophet hätte ihr das Einschlagen prophezeit, so furchtbar tobte und „töberte“ der Vogt über diese „heimliche Garess’“, wie er sich auszudrücken beliebte. Zu guter Zeit kam jetzt auch die Mutter nach Hause und wendete das Aergste von der Armen ab. Die Vögtin hatte von jeher solchen Donner- und Hagelwettern gegenüber eine Art von Assecuranz geltend zu machen gewußt.

Marianneli war bis in den Tod betrübt, und konnte ihrem Konrad nur so viel zu wissen thun: er möge um Gottes willen nicht mehr an sie schreiben und sich ja nicht so bald wieder im Orte blicken lassen. Alles sei verrathen.

So schnell Konrad im Hoffen und Vertrauen gewesen war, so schnell ließ er sich nun durch diese Hiobspost darniederschlagen. Eigentlich hätte er sich von Anfang an vorstellen können, daß es über kurz oder lang so gehen werde. Aber diese jungen Köpfe finden ein besonderes Vergnügen darin, sich durch jeden Hasenfuß, der ihnen über den Weg läuft, lustig machen zu lassen. Es ist aus, rief er, ich seh’, es ist alles aus! Das beste für mich ist: fort, in die Welt hinaus, und nie mehr zurück!

Er machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er dieses Leid über das arme Mädchen gebracht habe. Aber sehen mußte er sie doch noch vorher, um Verzeihung bitten und Abschied von ihr nehmen.

Er wußte, daß der Vogt jedes Jahr regelmäßig, und zwar meist in Gesellschaft seiner Töchter, zum Jakobifeste nach Hüfingen ging, und das ist der Grund, weshalb wir ihn diesmal auf dem Heimwege begriffen finden. Er hoffte die „Gewisse“, mit der ihn der Franzsepp geneckt hatte, bei dem Feste zu treffen, hoffte sie vielleicht noch vorher benachrichtigen zu können. Um eine Minute flüchtigen Gesprächs oder gar nur einen Blick aus der Ferne zu erhaschen, hat er die Wanderung angetreten und manchen guten Schritt gethan. Gott gebe ihm Gelingen! Denn wenn der Vogt morgen zu Hause bleibt, so ist die Rechnung ohne den Wirth gemacht.

Die Finsterniß brach immer tiefer herein. Um sich das Herz frisch zu erhalten, summte er ein Liedchen, das er in der Neustadt von einem Handwerksburschen gehört hatte:

’S gibt keine größere Freudigkeit
Auf dieser Erde,
Als wenn zwei junge junge Leut’
In den Ehstand treten.

Da gibt’s keine Sorg’ und Noth,
Kein Kreuz, kein Leiden.
Nichts als der bittere bittere Tod
Der kann sie scheiden.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nicht wie,
Muß er auf die Seite Seite sehn
Und schweigen still.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nit z’machen,
Muß er auf die Seite Seite sehn
Und freundlich lachen.

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Lachen, das ist ein schweres Ding,
Leichter ist’s Weinen.
Was ich am liebsten liebsten hab’,
Das muß ich meiden.

Unversehens stand er vor dem Dorfe, wo schon alle Lichter ausgelöscht waren. Er wollte in seines Vetters Hause niemand mehr wecken und ging still und leise die hintere Treppe, die vom Garten herführt, hinauf. Auf dem Boden war ein Gelaß mit dem Rang und Charakter einer Rumpelkammer, wo nie jemand schlief. Dort gedachte er zu übernachten. Er griff durch das Katzenloch in der Thüre, und richtig, der Schlüssel lag an der gewohnten Stelle. Nun tappte er in die finstere Kammer hinein und zwischen ausgedientem Roßgeschirr, zerbrochenen Rechen und Heugabeln herum, bis er endlich einen Haufen „Kuder“ (Abwerg) fand. Der thut’s aus dem Fundament, sagte er und legte sich darauf, nachdem er zuvor den Schoopen angezogen hatte. Er konnte aber lange nicht schlafen, denn er mußte tausend Pläne schmieden, wie er morgen in aller Frühe dem Marianneli ein Zeichen geben könnte. Endlich fiel er in einen unruhigen Schlaf, aus dem er bald wieder erwachte. Eine drückende Schwüle umgab ihn. Er stand auf und sah zum Kammerfenster hinaus. Todtenstille herrschte über dem Dorf. Kein Blatt rührte sich. Im Westen stand eine dichte Wolkenmauer, aus der es hie und da wetterleuchtete, schwarz und drohend am Himmel. Am Waldrand oben brannte in einem Hause ein einzelnes Licht; vielleicht war der Kasper, der alte Geisterseher, krank. Des Vogts Haus lag stumm und finster zwischen den Obstbäumen des Gartens. Der Wächter im Dorfe unten rief Mitternacht.

Konrad ließ das Fenster offen stehen, begab sich in sein Nest zurück und schlief bald wieder ein. Da träumte ihm, er stehe bei der Mariann’ und wolle ewigen Abschied von ihr nehmen. Wie er sie aber küssen will, wer kommt dazwischen? der Vogt! und ruft: Hab’ ich dir nicht schon oft gesagt, du sollest nichts mit dem — Abermals mußte er den unvergeßlichen Ehrentitel aus seinen Knabenjahren entgegen nehmen. Das Marianneli lief schreiend von ihm weg, er wollte ihr nach, der Vogt aber hob seine gewichtige Hand auf — da weckte ihn plötzlich ein mächtiger Knall. Die Kammertüre wurde aufgerissen, das Fenster schlug klirrend zu. Eine lange weiße Gestalt stürzt zur Thüre herein, stracks auf das Fenster los und riegelt es eiligst zu, während Konrad noch schlaftrunken den Kopf erhebt. Als aber dem Gespenst einige wohlbekannte Flüche entschlüpfen, erkennt er seinen Vetter. Nun ist es ihm wie ausgemacht, daß der Knall vorhin ein Schuß gewesen und das Haus von Dieben überfallen sei, weshalb der Riedbauer die Fenster zu verwahren trachtete. Er springt auf, seinem Vetter beizustehen; der aber an ihm vorbei zur Kammer hinaus: Zu Hülfe! Schelmen, Diebe! schreit er und rennt die Treppe hinab. Ich hab’ also doch recht, man will einbrechen, sagt Konrad, und erwischt ein altes zerbrochenes Joch: mit dem laß ich mir keinen auf den Leib, wart’, ich will euch den Text lesen, ihr Lumpengesindel!

Indem hört er seinen Vetter mit den Knechten die Treppe herauf kommen. Du stellst dich mit der Mistgabel unten an’s Fenster, commandirt er im Dunkeln, und ihr andern schlagt euch zu mir! sie müssen noch im Hause sein. — Die Thüre geht auf, und herein schreitet der alte Riedbauer voran mit dem „Heulicher“ in der Faust. Wo sind sie? ruft ihm Konrad entgegen.

Alle guten Geister — Morblement, das ist ja bigott der Konrad! schreit der Alte, wirft die Waffe weg und leuchtet mit der trüben Laterne vor. Ein Blitz, der die Kammer erhellt, hilft nach, und sie erkennen sich von Angesicht zu Angesicht. Ei so behüt’ mich Gott! ruft der Alte, etwas aufgeregter als gewöhnlich: du schlimmer Bub’, wie hast du mich erschreckt; es ist mir in alle Glieder gefahren.

Nun klärte sich das Mißverständniß auf. Der alte Riedbauer, der in der Nacht wenig schlafen konnte, hatte ein Gewitter herankommen hören, dem ein starker Sturm vorausging. Mit der verdrießlichen Sorglichkeit des Alters dachte er sogleich: Ich will nur sehen, ob die Magd nicht wieder einmal das Fenster droben offen gelassen hat! — und richtig, kaum gedacht, so hört er, wie das Fenster in der Rumpelkammer, das Konrad offen ließ, vom Winde hin und her geschlagen wird. Ingrimmig erhebt er sich aus den Federn, macht sich hinauf und wäre beinahe nicht auf die erbärmliche Weise mit dem unvermutheten Gaste zusammengerathen.

Nachdem sie sich nun hinlänglich angeschrieen und verständigt hatten, gingen sie alle in die vordere Stube hinunter, wo schon das übrige Gesinde im Gebet versammelt war. Eine der Mägde verfügte sich in die Küche, um das am Palmtag geweihte Scheit, dessen Rauch den Blitzen feuert, auf dem Herde anzuzünden.

Jetzt aber brach ein furchtbares Wetter aus, Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag, so daß das alte Haus in seinen Grundfesten erzitterte. Der Riedbauer hatte indessen einen schlechten Rock übergeworfen, seinen breitrandigen Regenhut aufgesetzt und ging mit den Knechten in den Stall, um die Stalltüre gegen das andringende Wasser mit Mist zu verwahren; denn der

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Regen fiel in Strömen und schwemmte sich draußen zu einem wahren See.

Endlich ließ die ärgste Wuth des Gewitters nach, das Donnerrollen verzog sich in die Ferne, und man wollte eben Anstalt machen, wieder in’s Bett zu gehen, als Konrad auf einmal sagte: Ich glaube, sie schießen auf dem Fürstenberg. — Jetzt ist’s los (schief), bemerkte der alte Riedbauer. Alle eilten vor das Haus und wendeten sich nach der Gegend jenes Berges, der eine weite Aussicht über die Baar gewährt und damals noch mit Wächtern und Kanonen für Brandfälle versehen war. Sie hatten sich auch nicht getäuscht. Deutlich sahen sie den Blitz des Pulvers, und bum! hallte der Schuß nach einiger Zeit in die Landschaft heraus. Jetzt wurde es im Dorf lebendig: da und dort klirrte ein Fenster auf. Wo brennt’s? rief man heraus. Niemand wollte es wissen. Am Horizont leuchtete eine starke Röthe auf.

Konrad stieg mit seinem Vetter auf den Heuboden. Sie hoben Ziegel und lugten mit scharfen Augen, konnten aber nicht über die Brandstätte einig werden. Während sie noch hin und her riethen, kam das Geschrei, es brenne im Walde, wo der Blitz eingeschlagen habe. Einige junge Bursche warfen sich auf ihre Rosse und jagten der Gegend zu, wo man das Feuer vermuthete. Die Feuerspritze wurde aus ihrem Behältniß herausgeschoben, Laternen geisterten hin und her. Der Vogt commandirte oben zum Fenster heraus; als er aber nicht gehört wurde, bemühte er sich auf die Straße hinab. Konrad, der seine Augen überall hatte, sah ihn unten erscheinen, und in diesem Augenblicke kam ihm ein guter Gedanke. Husch war er drüben, wo er das Töchterlein am Fenster sprechen hörte. Grüß Gott, Marianneli! — Um Gottes willen, flüstert sie, du bist’s! — Ja, ich — morgen — biet’ allem auf, um deinen Vater auf’s Fest nach Hüfingen — Er geht ja, er geht! — Gute Nacht! und fort war er. Denn daß der Alte nicht allein gehe, bedurfte keiner Erörterung.

Die Unruhe wogte inzwischen im Dorfe hin und her. Endlich, nach einer halben Stunde ängstlichen Harrens, kamen die Reiter zurück und meldeten, daß die ganze Sache nichts zu bedeuten habe. Der Blitz hatte bei einem einzeln stehenden Bauernhof in eine alte Tanne geschlagen, um welche etliche Klafter Holz aufgeschichtet lagen, sonst aber keinen weitern Schaden gethan. Das Feuer war erloschen, das Gewitter vorbeigegangen; bald schimmerten die Sterne wieder hell und klar durch die zerrissenen Wolken, und die aufgeschreckten Bewohner des Dorfes legten sich zu Bette, um noch ein ruhiges Morgenschläfchen zu thun.

In der Stadt aber dämmerte kaum der erste Morgenstrahl, als die guten Hüfinger durch die „Tagwacht“ aus ihren Träumen aufgerufen wurden. Mit innerlichem Behagen hörten sie von ihren Federn aus, wie die türkische Musik durch alle Straßen zog. Dazwischen knallten Schüsse freudig in den jungen Tag hinein und luden Nah und Fern zum Feste. Sie kamen vom untern Thor, wo die kurzen Böller, Katzentöpfe genannt, aufgestellt waren. Ein alter Soldat bediente sie, der in „Spaningen“ gewesen war und Wunderdinge davon zu erzählen wußte.

Vom frühen Morgen an war das Militär auf dem Exercierplatz beim Schützenhause versammelt. Der Major ließ es nicht an Ermahnungen fehlen, während seine Mannschaft fröhlich zusah, wie auf allen Wegen die Einwohner der umliegenden Dörfer in Schaaren zu den Thoren der Stadt hinein strömten. Alles freute sich über den klaren Tag und den schönen blauen Himmel.

Das Musikcorps aber hatte den goldnen Ochsen zum Sammelplatz gewählt, um sich auf die bevorstehenden Strapazen des Tages gehörig vorzubereiten. Einige ungeheure Platten voll Kaldaunen wurden aufgetragen; denn die Weisheit der Völker weiß, daß es sich mit leerem Magen mangelhaft musicirt, besonders was Blasinstrumente anbelangt. Eben kam noch eine volle Platte auf den Tisch, als eine Ordon­nanz vom Major erschien und den Tagesbefehl überbrachte: schleunig aufbrechen! Es war Zeit zum Einmarsch, die Glocken konnten jeden Augenblick in die Kirche läuten. Auf! rief der Kapellmeister. Alle griffen nach ihren Instrumenten und stürzten mit pflichtschuldiger Eile zu Thür und Thor hinaus. Nur Einer blieb noch ein wenig zurück. Die volle Schüssel mit den herrlichsten, fein abgeschmä­lzten Kaldaunen hielt seine Seele gefesselt. Wie? die sollte unberührt, gewissermaßen unbegraben bleiben? — Ich seh’ nicht ein, warum ich dem Ochsenwirth was schenken sollte, sagte er kaltblütig, indem er das Futter seines kübelförmigen Tschakos aufknüpfte und den duftenden Inhalt der Schüssel hineinschüttete. Dies gethan, zog er den Knoten wieder zu, setzte den Tschako auf und eilte mit der Gottesbescherung seiner Truppe nach.

Ein jeder Mensch hat seinen Geschmack, seine Leidenschaft, seine Herzensschwäche. Während solche Heldenthat an der Kaldaunenschüssel verübt wurde, befleißigte sich unser Konrad der Wegelagerei. Er hatte Morgens bei guter Zeit seine Lenden gegürtet und sodann bei der Höhe des Hexenberges, über den die Straße führte, seinen Stand genommen, um die Gegend auszuspioniren. Nicht lange harrte er also, da kam in der Ferne ein Bauernwägelein daher gerasselt, das er zu erkennen meinte. Wie er näher schaute, glaubte er auch einen

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dicken Mann darauf zu erkennen. Und wie er noch näher schaute, entdeckte er neben ihm einen weißen Hut, der ihm vollends gar nicht unbekannt vorkam. Schnell sprang er hinter einen am Wege stehenden Schlehenbusch, und siehe, da kamen sie! Selbstgefällig und breit saß der Vogt — doch was kümmerte ihn der! kein gleichgültigeres Ding gibt es auf der Welt, als einen Schwiegervater, von dem man gar nicht weiß, ob er es jemals werden wird. Er sah an ihm vorbei auf das Töchterlein, das im dunkelgrünen Sammtschoppen an seiner Seite saß, einen frischen Resedastrauß am Busen zwischen dem rothen Laß und Goller, unter dem weißen Hut ein paar sonntäglich geflochtene gewaltige hellbraune Zöpfe, und zwischen den Zöpfen das frische herzige Angesicht. Er hätte ihr weiß nicht was anthun können zur Strafe, daß sie so einen schlechten Werks hatte und keinen Blick nach dem Schlehenbusche warf. Der „Tralle“! konnte er denn nicht ausrechnen, wie viele Büsche sie schon vergebens drum angesehen haben mochte, ob nicht ihr Holderstock dahinter wachse? Er hatte ja die Wahl: warum stellte er sich nicht hinter einen solchen, dem ein Treffer zugedacht war? Für diesmal hatte er eine Niete gezogen. Sie sauste achtlos vorüber, und ihre schwarzseidenen Hutbänder flatterten lustig im Morgenwind. Er sah dem Wäge­lein nach, bis es hinter den ersten Häusern der Stadt verschwand.

Ich bin nur froh, dachte der Vogt, als er wenige Minuten nachher mit seiner Tochter, den Einmarsch der Truppen erwartend, am Fenster des goldenen Kreuzes stand: ich bin nur froh, daß sie die verteufelte Caress’ mit dem Konrad so bald vergessen hat! — Ihr Köpfchen war heute ganz absonderlich in Bewegung; alle Augenblicke streckte sie es zum Fenster hinaus. Nu, so hab’ doch nur noch ein klein wenig Geduld, sagte der Vogt zu ihr: sie müssen ja gleich zum Thor herein kommen. — Er glaubte, ihr Herz denke an nichts anderes, als an die Hüfinger Bürgergarde.

In diesem Fall hätte sie sehr ungeduldig werden müssen, denn der Einmarsch wurde wider Vermuthen verzögert. Als nämlich der Major „Angetreten!“ commandirte und die Trommler sich eben in Bereitschaft setzten, den Wirbel zu beginnen, bemerkte man erst, daß die große Trommel ihres Bearbeiters ermangle. Ohne diese Hauptperson war nichts zu machen. Noch fünf Minuten höchstens! und außer Vermuthungen und Gerüchten, wie sie täglich in den Zeitungen zu finden sind, war nichts Sicheres über den Vermißten in Erfahrung zu bringen. Jeder wollte ihn in einer andern Schenke gesehen haben. Der Tambour-Major stieß greuliche Flüche unter der großen Bärenmütze hervor. Lauf, sagte der Kapellmeister zu dem Triangelspieler, einem elfjährigen Dilettanten in einem faltigen rothen Frack, dessen Flügel bis auf den Boden hingen: lauf! und zählte ihm ein halbes Dutzend Vierhäuser an den Fingern her. Der Triangelist gab sein Instrument in die Hände des Bretenschlägers, dessen Tonwerkzeug auch Rollensieb oder zur Abwechslung Tambourin geheißen wird, nahm den großen Tschako unter den einen, den rolandsmäßigen Hirschfänger unter den andern Arm, vertheilte seine beiden Frackflügel eben so und begann nach solchen Vorbereitungen spornstreichs zum Thor hineinzurennen, als im gleichen Augenblick der sehnlichst Erwartete noch eiliger zum Thor herausrannte, so daß ihr Zusammentreffen einen musikalischen Klang, ähnlich einem Schlag auf die große Pauke, zur Folge hatte. Nachdem der Spätling von allen Seiten gehörig abgekapitelt und der verblüffte Triangelist an seinen Posten zurückgekehrt war, wirbelten die Trommeln und der Einmarsch begann.

Unter dem gewölbten Thore erscholl die Musik; zu gleicher Zeit fielen die Glocken ein. Eine unabsehbare Menschenmenge wälzte sich neben und hinter dem Zuge her. Alle Fenster waren mit geputzten Menschen, mit fröhlichen Angesichtern gefüllt; über die ganze Stadt verbreitete sich das herrlichste Festtagsgefühl. Die Bajonette der Bürgersoldaten blinkten und blitzten im goldenen Sonnenschein; die blaue Fahne mit dem Stadtwappen und dem Wahlspruch „für Gott und sein Volk“ flatterte freudig in der klaren Morgenluft.

Seht! sagten die Bauersleute, als die Musik vorüberzog: der dort spielt das anstrengendste Instrument, der schwitzt wie ein Präcepter. Damit meinten sie den, welcher die Kaldaunen im Tschako hatte; das Fett war ihm nämlich durch das Futter gedrungen und lief da und dort über sein Gesicht herunter. Gleichwohl machte er eine so zufriedene Miene, als ob er sagen wollte: „das Spiel des Lebens sieht sich heiter an.“

Frau in Schappeltracht

Nun erfolgte ein feierlicher Umgang durch die Stadt, wobei sechs Schappelmädchen das blumengeschmückte Muttergottesbild trugen. Dieses Ehrenamt bekleiden von jeher sehr stattliche Bauernmädchen mit reich verzierten Schappeln, welche schöne und geschmackvolle Kopf­bekleidung aus dem grauen Alterthume stammt und bei den Dichtern des Mittelalters unter dem nämlichen Namen eine große Rolle spielt.

Als das Militär vor der Kirche angekommen war, wurden die Gewehre auf dem Platze in Pyramidenform gestellt und mit Wachen versehen. Darauf begann der Gottesdienst.

Während des Hochamts finden wir die Mariann’ in einem der überfüllten Kirchenstühle. Sie betet in

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dem bekannten schwarzen Buche so inbrünstig, als wollte sie dem Himmel all ihr Leid und ihren Kummer klagen. Als sie ein Blatt umwandte, fiel ihr Blick auf ein eingelegtes Blatt, das von der kunstreichen Hand ihres Liebsten kam, und haftete lange auf der Einfassung von Rosen und Vergißmeinnicht. In einem grünen Kranze aber standen die Worte:

Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn’ aufgehet,
Und ich am Ende, wo der Abendstern entstehet,
So scheidet uns doch nichts: mein Herze bleibt dir
In Unglück und Gefahr, dein Herze bleibt mir.

Unter diesen Zeilen hatte er noch einen dörflichen Rebus angebracht. Derselbe lautete folgerndermaßen:

Rebus von Konrad für Marian mit einem Bild vom Sensemann

Ueber diesen Gedanken vergaß sie alles, was um sie her vorging. Ihr Herz war ganz bei Konrad, den sie vor der Kirche unter der Menschenmenge gesehen und dessen Gruß sie mit einem Augenwink erwidert hatte. Während sie so in ihre Träume versunken war, ertheilte der Priester den Segen. Die gläubige Gemeinde kniete nieder. Bataillon, fertig! wurde vor der Kirche commandirt. Feuer! und die Gewehre krachten, so daß das arme Marianneli beinahe vor Schrecken das Buch zu Boden fallen ließ. Dumpfe Böllerschüsse schlugen vom untern Thore her an die Kirchmauer.

Nach dem Gottesdienst spielte die Musik noch eine Zeit lang vor dem Rathhause. Der Schmelz und die Blüthe des Festes war aber jetzt vorüber. Wohl wurde noch exercirt und musicirt, manche Gewehrsalve krachte noch, aber die eigentliche Feststimmung war verflogen. Um den rechten Uebergang vom Zapfenstreichen zum Alltäglichen zu treffen, gibt es eine äußerst scharfsinnige Erfindung, welche auf der Uhrtafel gewöhnlich mit der Ziffer Zwölf bezeichnet ist. Diese trat denn auch jetzt zur angemessenen Zeit in ihre Rechte ein, oder, wenn ich es unverblümt sagen soll, die Leute begaben sich zum Mittagessen.

Die Zahl der fremden Zuschauer war bedeutend angewachsen, und die vierfüßigen sowohl als die geflügelten Bewohner der Baar erlitten an diesem Tage eine Niederlage, welche die Geschichte zu den schwersten zählt. Nachher zerstreute sich die Menschenmenge wieder im Freien. Vor der Vesper aber scheuchte sie ein kurzer Regen in die Häuser und Scheunen zurück. Da ging es bunt und kraus durch einander.

Ob und wo der Konrad gegessen hat, ist ein Geheimniß geblieben. Wir begegnen ihm erst wieder auf den Straßen, wo er wie besessen auf und ab rennt, um einen Blick, ein Wort von der Mariann’ zu erhaschen. Doch der Vogt wich und wankte nicht von ihrer Seite. Mißmuthig und halb verzweifelnd warf er sich endlich in ein Bierhaus, dem goldenen Kreuz gegenüber, wo er durch den beweglichen Fensterschieber spionirte. Ein Mädchen kam und stellte ihm ungefragt ein Glas Bier hin, das er instinktmäßig bezahlte. Das Gebräu des Königs von Brabant ist Labsal für den Durstigen, der es mit unzweideutiger Absicht genießt; wenn man es aber bloß zum Vorwande trinkt, so wird ihm die Menschenseele gram, und auf diese Weise ist es zu erklären, daß Konrad in seinem Hasse mehrere Schoppen nach einander vertilgte, ohne es recht zu bemerken, da sein Hauptberuf in genauerem Zusammenhange mit dem Fensterschieber war. Auf einmal sieht er den Vogt herauskommen, allein, das heißt ohne seine Tochter, und in eifrigem Gespräche mit einigen Bekannten, mit welchen er sich allmählig die Straße hinauf und in den goldenen Kreuz hinein verfügt. Wie ein Pfeil, von der Sehne eines Starken geschleudert, fuhr Konrad in’s goldene Kreuz hinüber.

In der Wirthsstube ging es sehr lärmend und lustig her. Die halbe Baar saß da und zechte wacker. Soldaten und Musikanten von Hüfingen verzehrten ihre Löhnung; denn nach Beendigung der Parade waren jedem fünfzehn Kreuzer Gage aus der Stadtkasse verabreicht worden, und wer sich eines Schnurrbarts rühmen konnte, der hatte noch eine Zulage von einem Groschen erhalten. Auf den Tischen lagen musikalische Instrumente umher; an den Wänden hingen da und dort die abgeschnallten Säbel.

Konrad blieb einen Augenblick unter der Thüre stehen und überschaute das Getümmel. Endlich erblickte er die, welche seine Augen suchten. Sie saß bei einigen ihrer Bekannten. Diesmal war er glücklicher als hinter dem Schlehenbusche: sie sah ihn ebenfalls, so wie er nur in die Thüre getreten war. Er gab ihr einen Wink mit den Augen. Stille erhob sie sich, kam herüber und stellte sich etwas abseits mit ihm in einer Fernstervertiefung.

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Sie hatte die Augen voll Thränen, als Konrad so vor ihr stand und ihre Hände fest in den seinigen hielt. Eine Zeit lang schwiegen sie still, dann begann er allerlei verworrene Dinge durch einander zu reden. Er sehe nun ein, sagte er, daß sie niemals zusammenkommen würden, er sehe deutlich, daß er zum Unglück geboren sei, und sie solle ihn nur so schnell als möglich vergessen. Wie ernstlich es aber mit dieser Bitte gemeint war, ist daraus abzunehmen, daß er im gleichen Athemzuge hinzufügte, es werde sein einziger Trost in dem fernen Lande sein, wenn er sich vorstellen könne, daß sie hie und da noch seiner gedenke. Sie erwiderte wenig darauf; denn sie war zum Tode betrübt. In drei Wochen, hatte er ja gesagt, werde er wahrscheinlich schon auf dem Meere sein.

Konrad war beständig bange, der Vogt möchte zurückkommen. Er wollte ihr eben zu verstehen geben, sie sollte ihn an die Thüre begleiten, um allda Abschied zu nehmen, als diese aufging und eine höchst widrige Störung den Scheidekuß der beiden Liebenden auf’s Grausamste vereitelte.

Zur Thüre herein kamen der oben erwähnte Wirthesohn, der im Elsaß französisch geworden war, und sein Freund, der junge Krämer. Der Erstere hatte, wie wir wissen, früher der Mariann’ auf’s Angelegentlichste die Coeur gemacht und Konraden hiedurch aus der Heimath vertrieben. Nach dessen Abgang war er zuversichtlicher und zudringlicher geworden, und gewiß würde der Vogt seine Bewerbung mit demjenigen Nachdruck, der sich von ihm erwarten ließ, unterstützt haben, wenn nicht gerade zur nämlichen Zeit einige Liebesaffairen der zweideutigsten Art, die er auswärts hatte, vom Gerücht in Umlauf gebracht worden wären. Dies machte den Vogt doch etwas bedenklich, seine Tochter einem Menschen von so wurmischem Charakter zu geben, und da er keineswegs der Mann der vertrackten Wendungen war, so konnte er nicht umhin, dem Bewerber seine Ansicht mit unverkennbarer Deutlichkeit unter die Nase zu reiben. Der Abgewiesene trug seinen Korb mit großer Bosheit von dannen, die er namentlich gegen Konrad kehrte, weil er in diesem den Haupttreffer erkannte, der ihm, zwar nicht in den Absichten des Vaters, aber desto gewisser im Herzen der Tochter vorgeschoben war. Wie er nun die Beiden so unvermuthet Hand in Hand am Fenster stehen sah, fing es alsbald wie lauter Gift und Galle in ihm zu kochen an. Er und sein Freund ließen Wein auffahren, „eine Maß vom besten“, und hierin lag eine hochmüthige Herausforderung, über die man nicht einen Augenblick im Zweifel sein konnte. Um aber seinen Zorn auf geistliche Art auszulassen, warf er den Teller mit dem Brode an die Wand, ebenso einige Gläser. Der Mariann’ zitterte schon das Herz im Leibe; aber es sollte noch besser kommen. Denn nun trat er halb betrunken mit verglasten Augen, die ohnehin nicht die schönsten waren, vor die Beiden hin und fing an zu fischeln. Konrad würdigte ihn anfänglich keiner Antwort. Der Andere aber wurde dadurch immer tückischer und beleidigender; er sprach von den amerikanischen Urwäldern und ihrem vortrefflichen Holze, das besonders gut zu Bettelstäben für Solche tauge, die nicht gerne arbeiten und deshalb auswandern. Da stieg dem Konrad das Blut in den Kopf; doch schwieg er noch. Als aber nun der Widersacher mit noch unverschämteren Redensarten und einem n’est ce pas, Madame Conrade? sich zur Mariann’ wendete, da übermannte ihn die Wuth, die Besinnung verging ihm, und comme ça flog der Franzos über Tisch und Bänke, daß Gläser, Teller, Flaschen umherwirbelten und der Wein in Strömen auf dem Boden floß. Allgemeiner Aufruhr. Wohlmeinende Hände griffen zu, um den wüthenden Konrad zurückzuhalten. Andere halfen dem Gestürzten wieder auf die zitternden Beine und führen ihm säubernd und bürstend über den von oben bis unten zerrissenen Rock. Sein Freund hatte eine durchaus neutrale Stellung angenommen. Der Hornist der Bürgergarde schoß wie ein Blitz herbei, um sein auf dem Tische liegendes Horn in Sicherheit zu bringen. Denn, sagte er, es ist wie wenn’s das auf sich hätte! Schon einmal wurde es mir zusammengequetscht wie ein Knöpfelsteig, drauß in Behla, wo ich aufspielte und mir zwei Combattanten mitten in den besten Händeln darauf hinstießen. Ich mußte es wieder auftreiben lassen. Am Ton hat es nichts verloren — contraire! — Als die größte Gefahr vorüber und die Ordnung im Groben hergestellt war, sprang auch die gerade anwesende Polizei herzu und predigte: Friede, Friede! nur keine Händel, Kinder Gottes, sonst —!

Konrad sah in das thränende totenblasse Angesicht, das ihn so flehend anblickte; er ließ die Arme sinken, sein Zorn schwand hin und es war ihm sehr übel zu Muthe. In diesem Augenblicke ging die Thüre auf und der Vogt trat herein. Konrad warf der Mariann’ einen Abschiedsblick zu und stürzte fort, am Vogt vorüber, die Treppe hinunter, zum Thor hinaus.

Und so sehen wir ihn denn wieder den nämlichen Weg dahinwandern, den er gestern hergekommen ist. Er hieb aber nicht mehr mit der Gerte nach den tanzenden Mädchen, er summte kein Lied mehr vor sich hin, er hielt kein Selbstgespräch. Finster und gedankenlos rannte er über Stock und Stein, ohne zu bemerken, daß die Sonne in rothem Dunste unterging und der Himmel

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sich übergoß. Die Nacht brach schnell herein; es fing still und durchdringlich zu regnen an. Als er am Zündelstein vorbeikam, sah die alte Burgruine finster und schauerlich in das enge Schwarzwaldthal herab. Unter ihr brauste die Breg dahin. Er blieb einen Augenblick stehen; es war ihm so wehe, daß ihm ein böser Gedanke durch den Kopf fuhr; doch gab er bald darauf der vernünftigen Erwägung Raum, daß er nicht schwimmen könne, und schleunig eilte er von der Stätte der Versuchung fort. Bei finsterer Nacht kam er, durchnäßt bis auf die Haut, in Neustadt an. Den Hut hatte ihm der Wind vom Kopf gerissen und einen Abhang hinunter geweht. Er tappte leise zu seinem Bette; aber müde und aufgeregt zugleich, wie er war, warf er sich die ganze Nacht in qualvoller Unruhe hin und her.

Aus diesem Bette war er gestern Morgen so fröhlich, so hoffnungsreich aufgesprungen. Galt es auch einen Abschied, vielleicht für’s Leben, so galt es doch einen kommenden Schmerz, und einen warmen Kuß dazu, den ein junges Blut auch unter den traurigsten Umständen nicht verschmähen wird. Nun aber, wie hatte der so lange ersehnte Tag geendet? Statt des Kusses mit einer Prügelei. „O harte Sehnsucht, süßes Hoffen!“ — Und was wird der Vogt zu der Geschichte sagen? Wie wird er toben über den Händel, der sich vor einer ganzen Stube voll Menschen um seiner Tochter willen erhob! Arme Mariann’! Ein neues Ungewitter über dir! und dein Liebster steht nun als Unruhstifter, als Händelmacher da. Jetzt ist er endlich doch, nur leider auf eine Weise, die er sich am wenigsten wünschte, zum Helden geworden. Das ist aber noch nicht alles. Das Schönste wird nachfolgen, wenn sein Widersacher, wie nicht anders zu erwarten, die Sache vor das Amt bringt. — Die Gesetze für Schlaghändel waren damals etwas strenger als jetzt. Schon sah er sich im Geiste auf der Bank vor dem Rathhause liegen, und der Amtsdiener mit dem Haselnußstecken stand daneben. Schöne Aussicht!

Jetzt nur so schnell wie möglich fort! war sein erster Gedanke, als er aus einem kurzen Schlummer den andern Tag erwachte. Aber was half es ihm, wenn er die Vorbereitung zur nahen Abreise auch noch so sehr beschleunigte! Er mußte eben warten, bis die Gesellschaft fertig war. So lebte er in beständiger Angst. Jeden Morgen fürchtete er eine Vorladung vom Amte zu erhalten. Er hatte sich schon ganz an den Gedanken gewöhnt, daß ihm das Vaterland ein tief wurzelndes Vergißmeinnicht mit auf den Weg geben werde, und war deshalb nicht sehr verwundert, als wirklich eines Morgens der Amtsdiener mit einer Invitation erschien. Er trage auch das, mein Herz! dachte er oder wenigstens schwebte ihm ein derartiger Gedanke vor, als er dem Boten der Gerechtigkeit mit etwas zögernden Schritten folgte.

Amtmiene und Amtssprache hatten, besonders dazumal noch, etwas Fürchterliches. Der Bescheid, der ihm zugedacht war, wurde mit einem Tone verlesen, als ob es ihm um den Kopf gehen sollte. Aber wie war ihm, als die gefürchtete Untersuchung sich in eine Nachricht verwandelte, die ihm so unvermuthet kam, als ein holländisches Erbe! Der alte Riedbauer hatte das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt, vorher aber noch darüber verfügt und seinem jungen Vetter einen beträchtlichen Theil seines Vermögens hinterlassen.

Konrad hatte nie auch nur im Traume daran gedacht, daß sich sein Schicksal auf eine so einfache Weise wenden könnte. Er stand stumm und starr vor Erstaunen; der Hingang des guten alten Mannes machte ihn schmerzlich betrübt. Als er aber von Amtswegen ein wenig angefahren wurde, kam er wieder zu sich, dankte im Stillen für die gnädige Strafe und machte, daß er weiter kam.

„Jetzt nur so schnell als möglich fort!“ dies war abermals sein erster Gedanke, als er das Amtshaus verlassen hatte; nur meinte er es ganz anders als jenen Morgen nach seiner Zurückkunft von Hüfingen. Daß er es aber anders und wie er es meinte, ersehen wir am deutlichsten daraus, daß er schon nach einer Viertelstunde auf dem Wege war, den er nie wieder zu betreten gehofft hatte. Ein Beispiel, wie der Mensch sich irren kann! Warum eilte er aber so sehr? Lag ihm denn der Mammon so gewaltig am Herzen, daß er’s nicht erwarten konnte, bis er ihn gehoben hatte? Gott bewahre! seine Absicht war eine ganz andere, obgleich der Mammon allerdings dabei eine Hauptrolle spielte. Laßt alle Poeten in der Welt zusammenkommen und ihre Schmuckkästchen umstürzen, um eine Liebschaft gehörig aufzuputzen, was hilft’s? Aber werft ein paar tausend solide harte Thaler dazu, die just nicht vorher gewaschen zu werden brauchen, dann, ja dann wird das Ding gleich ein anderes Gesicht haben. Warum also rennt der Pfiffikus, der Konrad, so spornstreichs dahin? Weil er sehr wohl weiß, daß er dem Vogt jetzt dreist unter die Nase treten darf, daß es diesem sogar eine Ehre sein wird, wenn er bei ihm „einkehrt“, wie auch, daß er sich wegen jener That­handlung kein Gewissen mehr zu machen braucht, sintemal dieselbe nichts weniger ist als eine gemeine Rauferei, sondern eine wohlverdiente Execution, dabei aber noch ein sehr lustiger Streich und ein absonderliches Heldenspiel, mit Einem Worte, um es nicht gar zu lang zu machen, er weiß, daß er

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aufgehört hat, ein „R . . . r“ zu sein, — und damit ist die Geschichte zu Ende.

———

Lassen wir zwei Jahre verstreichen, und machen dann noch einen flüchtigen Besuch in dem Dorfe, wo Konrad geboren wurde.

Es ist Sonntag früh, der herrlichste Sommermorgen, wo der Bauer zum Edelmann wird und der Städter ein armer Schlucker ist. Gleich beim Eintritt in’s Dorf sticht uns das weiland finstere rauchige Haus des alten Riedbauers gar stattlich in die Augen. Es ist von Grund aus „renovirt“, die Fensterläden sind frisch grün angestrichen, der fromme Spruch über der Hausthüre ist wieder aufgefrischt und mit einem zierlich gemalten Blumenkranze umgeben. Im Gärtlein hinter dem Hause blühen die Rosen, und der Nägeleinstock auf der Laube hinten gilt für den schönsten im ganzen Ort.

Wir treten in die von der Morgensonne freundlich erhellte Stube. Da sitzt still und im Gebet versunken unsre Mariann’ bei einer Wiege. In dieser Wiege schläft ihr Konrad, aber nicht der große, ihr Herr und Oberhaupt, denn der befindet sich so eben in der Kirche, sondern der kleine Konrad, ihr liebes Kind. In ihrer Hand erblicken wir das wohlbekannte schwarz eingebundene Gebetbuch mit dem goldenen Schnitt. Ob sie dankt oder bittet, das läßt sich so genau nicht sagen; vielleicht ist beides der Fall. Denkt sie aber an ihren Sohn, so betet sie gewiß, daß der Herr ihm eine leichtere Jugend schenken möge als seinem Vater, und dazu ist auch alle Aussicht vorhanden. Doch blickt sie so zufrieden in ihr Buch, als ob ihr kein Wunsch mehr übrig geblieben wäre. Der größte wenigstens ist erfüllt; denn nachdem Konrad das Haus und ein gutes Stück Feld von seinem wackern Vetter, dem frommen Bonifacius, angetreten und Amerika, das „Land“, links liegen gelassen hatte, so fehlte ihm nichts mehr als sein Marianneli. Ob der Vogt gleich eingewilligt oder Sperenzien gemacht hat, thut sehr wenig zur Sache. Genug, daß er eingewilligt hat; und das entnehmen wir mit Sicherheit daraus, daß die beiden jetzt Mann und Frau sind. Wen noch ein Zweifel plagt, der mag den Herrn Pfarrer fragen; wozu hat man denn die Kauf- und Trauungsbücher?

So eben sind die Glocken, welche zum Gottesdienste riefen, verhallt. Durch das offene Stubenfenster sieht man noch die letzten Nachzügler in die Kirche wallen, den alten Kasper, den Geisterseher, und eine Nachbarin mit ihrem Kinde. Sonst ist’s im ganzen Dorfe still. Nur die Bienen vom nahen Immenstande summen am Fenster. Der grünende Rosmarin, von welchem vor anderthalb Jahren die Mariann’ ihr Brautkränzlein nahm, steht, heilig aufgehoben und gepflegt, auf dem Fenstergesims.

Aus der Ferne aber, von Hüfingen her, hallen dumpfe Böllerschüsse. Sie feiern heute das Jakobifest.

Und eben jetzt, wo die junge Frau durch den wohlbekannten Knall an den Tag, der ihre Hoffnungen so grausam knicken zu wollen schien, erinnert wird, trifft sie beim Umwenden auf das Blatt, das immer noch im Buche liegt, und liest mit stiller Freundlichkeit: „Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn’ aufgehet!“

Die Sonne ging jetzt über zwei glücklichen Menschen auf, die wohl sagen konnten: „Dein Herze bleibet mir, mein Herze bleibet dir!“ und wenn der Abendstern am milden Himmel glänzt, so sieht er abermals zwei glückliche Menschen, die nach vollbrachtem Tagewerk froh plaudernd auf der Bank vor ihrem Hause sitzen.

Jeden Sonntag vor der Kirche kommt der Vogt mit der Vögtin herüber. Seit er nichts mehr gegen den Konrad einzuwenden hat, weil derselbe sein Schwiegersohn ist, glaubt auch dieser zu finden, daß der Alte sein so übler Mann sei. Wenigstens hat er die harte Schale abgelegt, und gleicht einer alten Nuß, die zwar vielleicht etwas ranzig, aber im Ganzen doch immerhin genießbar ist. Wenn er dann wohlgefällig mit dem dickbackigen kleinen Konrad vor dem Spiegel steht, so sagt er oft: Der wird wie sein Großvater, er schlägt mir nach. — Gott gebe nur, daß er nicht gar so eigensinnig wird! pflegt die Vögtin jedesmal darauf zu bemerken.

Mariann aus dem Familienbuch zehn Jahre Früher trägt sie keine Haube. Es schläft eine Katze am Boden. Draußen geht ein Mann. An der Wand hängt ein weiße Strohhut

Bild aus dem Deutschen Familienbuch 1845

Mariann liest im Buch an der Wiege. Im Hintergrund eine Schwarzwalduhr und am Boden schläft eine Katze

Bild aus den Wanderblühten 1855

9. Oktober geht’s im Jugendhaus wieder los!

Das Jugendhaus startet am 9. Oktober wieder durch! 

Ab 17 Uhr sind alle Kinder und Jugendlichen herzlich eingeladen, vorbeizukommen, sich zu treffen, zu spielen, zu chillen – und einfach gemeinsam Zeit zu verbringen.

Auf euch warten Kicker, Billard, Musik, Waffeln, Turniere, ein Glücksrad und vieles mehr. Der Eintritt ist kostenlos und offen für alle ab 6 Jahren.

Jackson und sein Team freuen sich auf euch – und auf einen tollen Neustart im Jugendhaus!

📍 Bürgerhaus Krone, Kronengasse, Hüfingen

Beitrag vom 17. August 2026

Jackson Agbonkhese war in der letzten Gemeinderatssitzung zu Gast und hat dort sein Konzept für „ZukunftsWerte“ vorgestellt. Ab September übernimmt er damit einen Teil der neuen Hüfinger Kinder- und Jugendarbeit. Im Oktober soll das Projekt dann richtig starten.

Sein Ansatz verbindet Bewegung, Wertevermittlung, Resilienz und soziale Kompetenzen und soll die klassische offene Jugendarbeit ergänzen. Wer mehr über die Vorstellung im Gemeinderat wissen möchte, findet hier meinen Bericht über die Gemeinderatssitzung.

Natürlich sind wir alle neugierig, was daraus entstehen wird. Ich habe mich deshalb heute mit Jackson getroffen, um mehr über ihn und seine Ideen zu erfahren.

Jackon mit mir vor der alten Hütte vom Jugendhaus

Die schlechten Tage dieser alten Hütten auf dem Schari sind gezählt!

Wo heute noch kaputte Scheiben und keine Farben zu sehen sind, soll wieder Leben einziehen. Ein eigener Ort für die Hüfinger Kinder und Jugendlichen – zum Treffen, Gestalten und gemeinsamen Machen.

Ich freue mich so sehr, dass es wieder losgeht! ❤️

Was ich dabei übrigens selbst noch gar nicht wusste: Jackson lebt schon seit längerer Zeit in Hüfingen. Wie er überhaupt hierhergekommen ist, erzählt er in einem kurzen Podcast:

Wie Jackson nach Hüfingen kam

Und natürlich wollte ich auch genauer wissen, was hinter „ZukunftsWerte“ steckt und was er ab September mit den Kindern und Jugendlichen in Hüfingen vorhat:

Das Konzept „ZukunftsWerte“

Jetzt darf es also losgehen. Ab September startet Jackson mit einem Teil seiner Arbeit, im Oktober soll „ZukunftsWerte“ dann richtig Fahrt aufnehmen.

Ihr werdet hier sicher noch einiges davon hören.

Jackson auf dem Schari

76 Jahre nach der Abstimmung für einen Südweststaat

Wahlergebnisse 1950

Südbaden nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die politische Zukunft Badens keineswegs entschieden. Das Land war durch die Besatzungszonen geteilt: Südbaden gehörte zur französischen Besatzungszone, Nordbaden zur amerikanischen. Gleichzeitig wurden Pläne für einen Zusammenschluss der südwestdeutschen Länder vorangetrieben.

Am 24. September 1950 wurden die Menschen in Baden erstmals dazu befragt. Das Ergebnis war eindeutig: 59,6 % der badischen Bevölkerung stimmten für die Wiederherstellung des alten Landes Baden, während in Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern große Mehrheiten für einen Südweststaat votierten. Die Abstimmung hatte allerdings zunächst nur den Charakter einer Volksbefragung und war rechtlich nicht bindend.

Leo Wohleb, der damalige Staatspräsident von (Süd-)Baden und entschiedene Gegner des Südweststaats, erklärte unmittelbar danach: „Der schwäbische Angriff auf Baden ist abgeschlagen.“

Abgeschlagen war er damit allerdings noch lange nicht.

Da sich die Länder nicht auf eine Neuordnung einigen konnten, regelte der Bundestag die Angelegenheit schließlich per Gesetz. Bei der Volksabstimmung vom 9. Dezember 1951 stimmten in Baden erneut 62,2 % für die Wiederherstellung des alten Landes. Trotzdem entstand 1952 das neue Bundesland Baden-Württemberg.

Die Geschichte war damit allerdings noch nicht zu Ende. Das Bundesverfassungsgericht stellte 1956 fest, dass der Wille der badischen Bevölkerung durch die Entwicklung nach 1945 überspielt worden sei, und ließ ein erneutes Volksbegehren zu. Erst 1970 kam es schließlich zur endgültigen Abstimmung über die Wiederherstellung Badens – mit einem inzwischen völlig anderen Ergebnis.

Was damals geschah, welche Argumente für und gegen den Südweststaat vorgebracht wurden und wie die badische Frage in der zeitgenössischen Presse diskutiert wurde, zeigen die folgenden Zeitungsausschnitte.






De Südweschtstaat

1950 von Gottfried Schafbuch

S’rumoret zmol landuff, landab.
Min Nochber debret bsässe:
Jetzt, guck emol des Gschmier do aa,
d’Badenser sottes fresse.

Südweschtstaat schtoht do krottebroat,
Potzhageldunderwätter,
sott ech am End en Schwob no geä?
Ho sell, sell wär no nätter.

Wertschaftlech dei’s iis besser gau,
Minischter kennt mer spare.
Und s’badisch Ländle sei fer sech
en ganz verfahrne Karre!

Wie dear Borscht frech ischt mit sim Gschmuus!
Dem will ech d’Moaning sage.
Am liebschte dät jo schüttle ech
des Schwäbli fescht am Krage.

Worum wend d’Schwobe iis denn ha,
dont alli Schlech probiere?
Merkscht nit, sie wend e riiechi Bruut
gi Schtugart inni fiehre.

Sie wend de Rhii und d’Häfe haa,
de Wald und iisri Rübe.
De hoaße Quelle boazets au,
de Dubak no denäbe.

Nitt lang wurs gau, no dätet hie
im Rothuus Schwobe sitze
und i de Schuel e Schwäbli dät
zmol iisri Kinder fitze.

Glaub nu, iis ginges dräckig gnueg,
mier dierftet ninnt me sage.
Vum Muschterländli wäret d’Liit
… halt blos s’fifft Rad am Wage.

Wer des nit merkt, kennt d’Schwobe nitt,
die ‚Hoiligsblechliberger‘.
Ech glaub, wer nit fer Bade schtimmt,
der goschet nochher erger.

Wenn Wertteberg iis sacket ii,
dont d‘ Kind i spätre Ziite
im Kerchhof vu de Hoamettreu
uff isri Grabschtea diite.

Guet Nacht, schloof gsund, und moarn nitt z’frich.
Dues hinter d’Ohre schriibe:
Wear nitt im Hern vernaglet ischt,
will oafach BADISCH bliibe!

Baden nach Bayern eingliedern?

Beitrag vom 15. Januar 2026

Da aus Bayern die Rufe nach einer Neuordnung der Bundesländer kommen, hat mich dies veranlasst den Ruf nach einer Eingliederung in die Schweiz zu überdenken.

Am 24. September 1950 stimmten etwa 65% der hiesigen Wahlberechtigten gegen einen Südweststaat und für die Wiederherstellung Badens. Unter Missachtung der Volksbefragung untersteht Hüfingen der baden-württembergischen Landkreisordnung, wird von Stuttgart regiert und vom RP in Freiburg verwaltet. Im Unterschied zu Bayern und 14 anderen Bundesländern dürfen wir den Landrat nicht direkt wählen und bekommen von Stuttgart einen 1. Landesbeamten bestimmt.

Jetzt beschimpfen schwäbische Männer aus Stuttgart Bayern, dass eine Neuordnung der Bundesländer aus Heimatliebe nicht möglich sei. Was ein Blödsinn. Die haben Angst um ihre Fleischtöpfe! Die undemokratische baden-württembergische Landkreisordnung wird zum Machterhalt benötigt.

Landräte werden in Baden-Württemberg durch den Kreistag gewählt. Die Amtszeit beträgt acht Jahre, eine Wiederwahl ist unbegrenzt möglich. Eine vorzeitige Abwahl ist nicht möglich. Ein Landrat bekommt in Baden-Württemberg das höchste Gehalt in ganz Deutschland und wir haben 35 Stück davon.

Gehalt für Landräte in Deutschland
Gehalt für Landräte in Deutschland laut Stepstone.
Abgerufen am 14.09.2025

Von den vielen höheren Beamten möchte ich gleich gar nicht anfangen. So gibt es an den verschiedenen Regierungpräsidien unzählige davon. Dann auf den Landratsämtern die ganzen Dezernenten und ähnliches. Die Besoldungen von Beamten in Baden-Württemberg kann hier nachgelesen werden:

https://lbv.landbw.de/-/besoldungstabellen

Die Arbeit wird übrigens von Menschen gemacht die nicht verbeamtet sind, sondern beim Gehalt abhängig von den Erfolgen von Verdi sind. Auf genau auf diese Menschen zeigen jetzt die Beamten zum sparen.
Von einer echten Reform würden nämlich diese „normalen“ Menschen profitieren, ganz gewiss nicht die Politiker. Deswegen wird es keine Reformen geben. Mit „Heimatliebe“ hat dies absolut gar nichts zu tun.

Eine Neuordnung der Bundesländer wäre eben aus Heimatliebe dringen notwendig, damit unser Steuergeld auch bei den Menschen ankommt. Momentan wird alles kaputt gespart. Ausgaben für ÖPNV, Kultur, Jugend und Natur werden gekürzt, damit die oberen Beamten sich weiter in Sicherheit wiegen können.

Für mehr demokratische Partizipation!
Fremdverwaltet von oben herab.
Kreistag erhöht die Kreisumlage

Baden in die Schweiz eingliedern?

Beitrag vom 11. November 2024

Am 10. November 2024 habe ich eine kurze, eher spöttische, Bemerkung von den Südbadischen Landsenioren in der Zeitung gelesen : „….schlug er mit mit einem Lächeln vor, Baden in die Schweiz einzugliedern…“. Dies war auf die Landkäufe in Südbaden von Schweizern bezogen – aber die Bemerkung hat doch einige Überlegungen in mir ausgelöst.

Wenn man es genau nimmt, so wurde Südbaden nach dem Krieg gegen seinen Willen von Stuttgart annektiert. Aber fangen wir früher an, bei den Schellenbergern. Diese stammten nämlich aus Liechtenstein:

Burg Schellenberg in Liechtenstein.

Nach den Schellenbergern wurde Hüfingen an das Haus Fürstenberg verkauft und gehörte sehr lange dem Fürstenhaus – obwohl immer wieder verschiedene plündernde Armeen durchzogen. Während der 1848er Revolution waren die Hüfinger Bürgerinnen und Bürger ganz vorne dabei und der Fürst flüchtete in die Schweiz. Nach Zuhilfenahme der Württemberger Armeen wurden die Aufständischen, soweit nicht rechtzeitig in die Schweiz und USA entfleucht, ermordet.

Also gehörte Hüfingen im Grunde seit der missglückten 1848er Revolution den Preussen und dem Deutschen Kaiser. Dies ist natürlich sehr verkürzt dargestellt und die Nazizeit lasse ich besser mal weg. (Da gibt es mal einen eigenen Artikel sobald ich Zeit habe.)

Heute wird Hüfingen von Stuttgart regiert und vom RP in Freiburg verwaltet. Wir unterliegen also der Landkreisordnung von Baden-Württemberg, die den Bürgerinnen und Bürgern nur sehr wenig demokratische Rechte einräumt.

Deswegen hätte die Idee ein Schweizer Kanton zu werden doch einigen Charme. Wir hätten eine von uns gewählte Kantonsregierung und eine Regierungspräsidentin oder Regierungspräsident, anstatt eines von oben bestimmten Landrates. – Der Regierungspräsident wechselt in der Regel jährlich oder nach dem Anciennitätsprinzip (Anzahl Jahre in der Regierung). Dieses Amt wäre mit keinerlei anderen Privilegien und keinem anderen Sonderstatus verbunden als der Leitung der Regierungssitzungen.

Davon abgesehen würden die Schweizer uns auch besser verstehen, als die in Stuttgart.

Blütenstaub im September

21. September 2026 von Thomas Kring

Mit Blütenstaub verbinden die meisten Menschen den Frühling. Warum aber ist unser Hof Mitte September gelb-grünlich gepudert? In der kurzen Filmsequenz sind die Mengen an Pollen gut zu erkennen.

Hat der extrem trockene Sommer unseren Nadelbaum durcheinander gebracht? Oder steckt etwas anderes dahinter?

Unsere heimischen Nadelbäume, Fichten, Tannen und Kiefern, blühen im Frühling und Frühsommer, also von März bis Juli. Es gibt aber Ausnahmen unter den Nadelgehölzen: Die Zedern! Diese blühen erst im Herbst (September bis November).

Und genau so ist es bei uns: Vor einigen Jahren wurde in unserem Hof eine Libanonzeder (Cedrus libani) gepflanzt. 

Zapfen der Libanon-Zeder im Hof der Hauptstr. 52

Die männlichen Blütenzapfen erscheinen bereits im Juni und sind 3 cm bis 5 cm lang. Im August färben sie sich gelblich. Die weiblichen Blütenzapfen sind nur ca. 8 mm groß und bläulich-grün. Sie erscheinen erst im September.

Der Zeitpunkt der Pollenbildung im September/Oktober passt also für die Bestäubung. Nach der Bestäubung brauchen die Zapfen rund zwölf Monate zur Reife. Die reifen Zapfen sind harzig und 7 cm bis 11 cm groß.

Das natürlich Verbreitungsgebiet der Libanon-Zeder befindet sich im Libanon, in Syrien und der Türkei. Dort wächst sie Höhenlagen zwischen 800 und 2100 m.

Zapfen mit Blütenstaub der Libanon-Zeder im Hof der Hauptstr. 52

Quellen (jeweils abgerufen am 21. September 2026)
www.schifferstadt.de/bauminformationen/libanonzeder
https://virtuelle-gaerten.uni-hohenheim.de
https://www.waldwissen.de//libanonzeder

Zum 200. Todestag von Johann Peter Hebel

Johann Peter Hebel, geboren am 10. Mai 1760, gestorben am 22. September 1826 in Schwetzingen

Hegeldenkmal von Lucian Reich mit Menschen in Trachten darum

Am 22. September 2026 jährt sich Johann Peter Hebels Todestag zum 200. Mal. Aus diesem Anlass finden in ganz Baden zahlreiche Veranstaltungen statt.

In ganz Baden? Nein. Im alten badischen Unterland scheint man sich noch an seine Künstler zu erinnern. Das Oberland dagegen hält offenbar nicht mehr so viel davon.

Im Hieronymus und auch in den Wanderblühten finden sich zahlreiche Zitate von Hebel. Aber ich möchte hier zunächst Joseph Bader zu Wort kommen lassen:


Joseph Bader in der Badenia, Band II, 1840, S. 215–218.

Etwas über Hebel

In dem schönen Schloßgarten, der eine Zierde unserer Residenz ist, wandelte ein Fremder durch die herrlichen, schattenreichen Baumgänge. Nachdem er viele Partheien gemustert und bewundert hatte, gerieth sein Fuß an eine einsame Stelle, wo ein hochgrüner Rasenplatz von malerischen Baumgruppen eingeschlossen liegt, aus dessen Mitte ein kleines Denkmal von Eisen in gothischem Geschmacke mit einem ehernen Brustbild sich erhebt.

Johann-Peter-Hebel-Denkmal vom Stadtwiki Karlsruhe

Freudig überrascht betrachtete er die malerische Scene, und trat dann neugierig näher, um aus den Inschriften des Denkmales zu vernehmen, welchem verdienten Manne die Mit- oder Nachwelt dies Zeichen dankbarer Verehrung gestiftet habe. Und siehe da — er fand den Namen Hebel. Jetzt wendete er mit sichtbarem Vergnügen seine Blicke wieder aufwärts zu dem Brustbilde, und forschte aufmerksam nach den Zügen des edlen Dichters.

Inzwischen hatte ich mich ihm genähert, und leicht geriethen wir in’s Gespräch über den Gegenstand seiner Betrachtung. Er kannte die Hebel’schen Gedichte ziemlich genau und verstand den poetischen Geist, welcher sie durchweht. Wir erinnerten uns, wie man früher zuweilen denselben verkannt, und dieser alemannischen Muse die ächte Volksthümlichkeit abgesprochen habe(¹). Der Fremde bedauerte, das Letztere nicht besser beurtheilen zu können, da ihm das Land und Volk, wo Hebel sich bewege, zu unbekannt sey. Wir, der ich dort einheimisch bin, war dies eine erwünschte Gelegenheit, mich über Etwas auszusprechen, was den Fremden und durch ihn wieder Andere belehren konnte.

„Es ist eine vornehme Absprecherei, Hebels Gedichte nur als poetische Curiosa zu betrachten. Sie seyen nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben nur angedichtet worden, das kann man leider von hundert und hundert ähnlichen Poesien sagen, von den hebelschen aber keineswegs. War ihr Verfasser nicht ein Sohn des Landes, redete er nicht wirklich die Mundart des Landvolks, bewegte er sich nicht lange Zeit in dessen Sitten und Gebräuchen, und hatte er nicht selbst ganz den Charakter, den Geist und das Gemüth eines Wiesenthälers? Als Hebel seine Gedichte schrieb, war solches ein Erguß seiner Erinnerungen aus der Heimath und seiner wachsenden Sehnsucht nach derselben. Diese schöne, geliebte Heimath erfüllte noch ganz das Herz des jungen Mannes, als ihn sein Aufenthalt in der Residenz schon in ganz andere Umgebungen und Verhältnisse gezogen. Er durchirrte im Geist jene wohlbekannten Thäler und Berge, besuchte seine Landsleute in ihren Hütten und Dörfern, begrüßte alte Freunde, unterhielt sich mit ihnen in Ernst und Scherz, schwang sich dann empor auf die Höhen der Poesie, und sang in der Zunge seiner Väter, was er gesehen, gedacht und empfunden.“

Ich begleitete diese Worte mit einiger nähern Auseinandersetzung, und der Fremde schien darin Manches ihm ebenso Einleuchtende als Neue zu finden. „Sie werden mir es glauben, ich bin ebenfalls auf dem Lande geboren, bin oft und vielfach unter dem Volke gewesen — also von der Seite aus ein kompetenter Richter über das Volksthümliche in Hebels Werken, und gerade daß ihr Geist, wie ihr Ausdruck so ganz volksthümlich ist, das machte mir sie werth, und das machte sie auch dem Volke selbst werth. Es versteht sie in ihrem Sinn, ihren Bildern und Anspielungen vollkommen — sie sind in seiner Art und Weise. Denn wären sie es nicht, welcher Bauernjunge, welches Landmädchen würde sie lesen oder singen? Daß aber zumal die hebelschen Lieder häufig auf dem Lande gesungen werden, so häufig als andere beliebte Volkslieder, davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht. Sie sehen also, Hebel war nicht bloß zum Dichter, sondern eigentlich zum Volksdichter geboren und erzogen. Wie ächt, wie unnachahmlich sind die Schilderungen im „Karfunkel“, im „Statthalter von Schopfheim“, in der „Wiese“. Mit diesen Augen sieht das oberländische Volk, so denkt, so fühlt, so trauert und scherzt es. Das Alles aber, was ich über die Volksthümlichkeit der alemannischen Gedichte gesagt, ist in den wenigen Worten enthalten, welche aus Hebels eigenem Munde rühren: „Das Heimweh, sagte er, hat sie gedichtet.“

„Was die hebelsche Zunge anbetrifft, so ist sie allerdings eine aus mehreren oberländischen Besonder-Mundarten zusammengeschmolzene und veredelte(²). Dadurch geht aber für die Hauptsache nichts verlohren; die charakteristische Eigenthümlichkeit des Alemannischen lebt vollkommen in der Ausdrucksweise Hebels, wenn auch das oberländische Volksdeutsch an keinem einzelnen Orte genau so gesprochen wird, wie er es schreibt(³). Der Markgräfler, der Wiesenthäler läßt sich in den Wörtern und Sätzen nicht verkennen, dagegen ist die Betonung mehr hauensteinisch, weil der Hauensteiner die Vokale ohne Beiklang, und dem Hochdeutschen am nächsten ausspricht(⁴). Der Anknüpfungspunkt zur Veredelung lag also im alemannischen Sprachstamme selbst, und es ist somit auch hier von keiner Einmischung des Fremdartigen die Rede.“

Wir hatten uns während dieser Unterhaltung auf die nächste Ruhebank niedergelassen. Ich erwähnte dem Fremden, daß hier das Lieblingsplätzchen des verewigten Dichters gewesen seyn soll, weswegen man auch die Stelle für sein Denkmal ausgewählt habe. Der Verfolg des Gesprächs führte nunmehr auf die spätern Lebensverhältnisse Hebels, namentlich in gesellschaftlicher Beziehung, auf seinen stets jugendlichen Geist, seine muntere Laune und seinen treffenden, übrigens immer gutmüthigen Witz. Es kam alsdann auch seine politische Ansicht zur Sprache, und ich weiß nicht, ob ich recht sah, aber mir schien es, als ziehe sich ein kleines Wölklein über die Stirne des Fremden. Vielleicht dachte er an den Sandwirth Hofer.

Ich vermied jedoch geflissentlich diesen Punkt, weil er mich unangenehm berührte, und bemerkte nur flüchtig, daß in der spätern Zeit wohl gar Mancherlei den freien Flug des Dichters gehemmt und seine edlere Thätigkeit beschränkt haben möge.

Der Fremde nahm endlich Abschied von mir und verlor sich in die nächste Allee. Ich aber verweilte noch auf der Ruhebank, in ungestörter Einsamkeit dem Zuge einiger Lieblingsgedanken nachhängend. Bald jedoch wurde ich darin unterbrochen — es fielen mir Hebels Nachahmer wieder ein! Ich muß es frei heraus sagen, nichts kann man lesen, was mehr den Makel der Mislingtheit an sich trüge, als die sogenannten alemannischen Gedichte, wie sie der größten Zahl nach in die Welt geschickt werden. Schon der gute Fellner, welcher doch sein Breisgauisch nicht übel verstand, scheiterte an der Versuche der Nachahmung, und diese Neuern — nicht einmal des Idiomes sind sie mächtig, von dem Geiste, der solche Dichtungen durchwehen und beleben soll, zu geschweigen. Bis zum Ekel aber treiben sie die Wiederholung der paar hebelschen Reime, Ausdrücke und Wendungen, die ihnen zunächst in das Ohr fielen, und beschimpfen dadurch das Andenken an den Vater der alemannischen Poesie. Ich hätte sie gerne alle um das Monument versammelt, diese Pfuscher, um sie Angesichts der Büste Hebels an ihre Sünden zu erinnern. Geärgert übrigens durch die leidige Unterbrechung, erhob ich mich, eilte nach Hause und rief durch die Lesung der „Wiese“ meine gute Stimmung wieder zurück.

(1)
Bader zitiert hier Wolfgang Menzel. Der vollständige von ihm zitierte Abschnitt lautet:

„Die Volkslieder in besondern Mundarten, wie die von Hebel, sind nur als poetische Kuriosa zu betrachten. Sie unterscheiden sich von den ächten alten Volksliedern dadurch, daß sie nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben angedichtet worden sind. Wie sehr der Dichter sich bemüht, ein Bauer zu scheinen, er bleibt doch immer nur ein Bauer aus der Theatergarderobe. Ich kann die Begeisterung für Hebels und ähnliche Gedichte nicht theilen, sie widern mich vielmehr gerade so an, wie die Schweizerinen und Tyrolerinen auf den Redouten. Es ist eine alberne Affektation sogenannter Naivetät darin, die sich in der Wirklichkeit ganz anders verhält. Merkt man nun gar, daß der Dichter seinen Bauern wieder den längstversauerten Milchbrei politischer Kindlichkeit einpappelt und sich gleich einem Dorfschulmeister bei der Ankunft hoher Herrschaften zum Vivat einexercirt, so geht die Illusion gänzlich verloren, und man sieht statt der Natur nur ein theatralisches Machwerk, wie die göthischen Festzüge und gewisse Wiener Vorspiele.“

(2)
„Hebel sagt selbst in der Vorrede zu seinen Gedichten: ‚Der Dialekt, in welchem diese Gedichte geschrieben sind, herrscht in dem Winkel des Rheines zwischen dem Frickthal und dem Sundgau, und weiterhin in mancherlei Abwandlungen bis an die Vogesen und Alpen und über den Schwarzwald bis nach Schwaben.‘“

(3)
„Wollte der Dichter genau den Dialekt schreiben, wie er in seiner Heimath, im Markgräfischen, gesprochen wird, so mußte er anstatt des Vokals a fast durchgängig ein breites und dumpfes o setzen, wie für das e meist ein sanftes a. Die verschiedene Aussprache dieser beiden Buchstaben ist charakteristisch — beinahe so weit das Gebirge reicht hört man ein helles deutliches a und e, dann in den Vorhügeln einen Mittelton von a und o, ä und a, endlich gegen den Rhein zu beinahe ein volles o und a.“

(4)
„Der Klekgauer und Hauensteiner spricht z. B. ganz deutlich: ‚Haber‘, und ‚mache‘, ‚Engel‘ und ‚sege‘, der niedere Breisgauer dagegen: Höber, möche, Angel, sage. Jener spricht: wenn, denn, au, dieser: wänn, dänn, oei.“ davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht.

Und damit sind wir wieder in Hüfingen.

Denn auch hier hat Hebel eine Spur hinterlassen. So schuf Xaver Reich das Medaillon auf Hebels Grabstein in Schwetzingen – sein bekanntestes Medaillon.

Stein von Johann Peter Hebel von Xaver Reich in Schwetzingen

Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 061263d

Aus dem Hieronymus 1853 und den Wanderblühten 1855

Bild von der Taufe mit Kindern

„geb dir Gott e glücklich Jahr und freudige Sinne!”

in der guten Stube mit Baby

„Es isch en Engel usem Paradies
u Mutterliebi heißt si schöne Amme.”

spielende Kinder vor einem Schwarzwaldhof

„Sie ziehn di uf, und lehre di laufe,
gen der n freudige Sinn u zeige der nüzlige Sache”

Kinder gehen in eine Schule. Der Lehrer wartet auf der Veranda.

„und jez göhnt in d’Schul –
fall mer keis, gent achtig u lehret was menich ufgit!”

„Sie lüte weger s’ Zeiche scho
der Pfarrer, schint’s, well zitli cho.”

Ein Köhler mit seinem Meiler unter einem Felsen. Ein Wandersmann kommt vorbei.

So hüt di vorem böse Ding
s’bringt nume Weh und Ach’
Wenn’s Sunntig isch se bet und sing
Am Werchtig schaff di Sach.

„E freie frohe Muth
e gsund und frölich Blut
goht über Geld und Guth.”

Ein Junge mit einem Jäger im Wald an einem Bach. Im Hintergrund Rehe.

Es chunnt e chuele Abedluft,
und an de Halme hangt der Duft
denckmol, mer göhn jez an alsgmach
im stille Frieden unter Dach!

Hieronymus steht auf einer Lichtung über Hüfingen

„Siehsch des ordelig Städtli
mit sine Fenstern und Gieble,”

Zwei Jäger mit Flinten in Begleitung von Kindern und zwei älteren Herren. Im Hintergrund

„De freudig Stündli
isch’s nit e Fündli?”

Fasnet im Hüfingen mit Marienbrunnen in der Mitte und trinkenden Narren drum herum.

„E freude Stund e guti Stund,
s’ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.

die Landfahrer sitzen im Wald vor einer Höhle an einem Feuer.

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle,
Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate,
Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.”

Kinder vor begrüßen einen Storch am Himmel. Im Hintergrund Häuser und eine Kirche.

Willchumm Herr Storch! bisch au scho do,
und schmecksch im Weiher d’Frösche scho?
und meinsch der Winter heig si Sach,
und’s besser Wetter chöm alsgmach?

Männer schlafen auf einer Weide und ein bewaffneter Soldat bewacht sie dabei. Hinterm Zaun stehen zwei Buben die zuschauen.

Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom,
und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.

Soldaten in einer Stadt ziehen einem Mann der am Boden sitzt einen Schuh aus. Auf dem Balkon im Hintergrund

„Drunter ischs und drüber gange was me cha sage.
Menge brave Ma hets nime chönne prästiere,
het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet.

Die Braut wird geschmückt mit einem Scheppel. Drei Mädchen auch mit Scheppel schauen dabei zu. Im Hintergrund der Schrank mit Aussteuer.

„O wie chlopft der di Herz, wie lüpft si di flatterig Halstuch,
und wie stigt der d’Röthi jez in die lieblige Backe,
wie am Himmel s’Morgeroth am duftige Maitag”

Das junge Paar reitet auf edeln Pferden. Das Mädchen trägt einen Strohhut

„Zum frohe Sinn, zum freie Muth,
und Heimet zu schmeckt alles gut.”

Zwei Köhler vor einer Grube. Ein Kind bewacht den Meiler und dahinter ist ein Bruderhäusschen zu sehen.

„Und chunt zur Zit e Biderma,
ans Füür, und zündet ’s Pfifli a,
und setzt si nänmen ane mit,
se schmeks em wohl, un – brenn di nit!

Ein junges Ehepaar sitzt vor einem Haus und diskutiert. Über ihnen ein Kreuz und neben ihnen eine Katze, davor ein Brunnen.

„Erhalt mer Gott mi Friedli!!“

Ruhig Gewissen, eigner Herd
Ist Gott und aller Ehren werth.

Ruhig Gewissen, eigner Herd
Ist Gott und aller Ehren werth.

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
ruckt alles witers, alles chunnt und goht.

Bild mit dem Hüfinger Künstlerkreis um den Tisch

„Druf bruckt er ’s Füür mit de Fingeren abe, und macht ’s Deckli zu. „Se willi den näumis verzehle,“ seit er, und sizt nieder, „doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;“

„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“

„Es isch e brave Ma, in alle Stücke biwandert,
u si Frau, Statthalters Blut, mit Tugend bihaftet.“

Die Gartenlaube aus 1860 mit Männern beim Hebel-Schoppen in Hausen. Eine Dame schaut zu und Kinder bekommen auch was vom Wein. Unterm Tisch liegt ein Hund.

Beim „Hebel-Schoppen“ in Hausen. Originalzeichnung von Luc. Reich in Rastatt. Die Gartenlaube, 1860.

Menschen in Tracht am Hebel Denkmal

Immer bleibet Dir Namen und Ehr Und ewger Nachruhm.

Gezeichnet von Lucian Reich. Vervielfachung ausschließlich vorbehalten Auf Stein gezeichnet von J.N. Heinemann, Hüfingen. 1835

Aus dem Landesarchiv Karlsruhe J-M

Draisine, Dögginger Loch, Ihlemühli

Weg runter in die Schlucht der Eulenmühle

24. April 2021

Wo d Mehlbuebe no mit de Draisine zum Müller gfahre sind,
Und au mit de Draisine zum Hergottsdag:

„Ihr Heilandsakramenter, ihr kennet doch de Fahrplan!“

So moss de Grossvater Felix de gross Bue, de Wilhelm, und de ander Dögginger Stromer , de Starke- Willi, aagjoolet haa. De Grossi Felix war Bahhofsvorstand z Dögginge und hät natierli au s Stellwerk z Dögginge unterhalb vum Dögginger Tunnel vu de Hölletalbah dirigiert. Grad isch en Zug vu Löffinge mit eme uugwöhnlich lange Pfiife in Bahhof iigfahre. De Opa Felix hät no friendli mit de Hand am Bähnlerkappe grüesst, wo scho de verruesst Lokführer, kum hät er d Miggi aadriblet, us em Lokstand abighoppet isch mit ere Sauwut im Ranze de Felix aagjoolet hät.: „ Lek mi doch am Arsch, kinneter nit besser uffbasse, grad sind vor mir zwei so Soecher am End vum Tunnel vure Draisine abihgoppet, hond Mehlsäck abgworfe und d Draisine grad no vum Gleis abgekippt griegt. Wo ni die gsähne han im heale Gegeliicht am Tunneluusgang, hann i gmigget und Pfiffe, dass Fahrgäscht vu de Holzsitz abibolderet sind, bestimmt s Hirn aagschlagge hond und s Frachtguet im ganze Güterwaggon ummenand boggelet und krachet isch. Wa waret des für zwei oefältige Dackel, die Mehlbuebe ? 

Hää ? „ Uusahmswies schtot de bärestark Wälderkaib, sunscht nit grad uff s Muul kait, verdatteret uffem Peron. „ Wa isch do gsiee, wo isch des gsie ? „  Nomol loot de gähwüetig Dampflockvirtuos sin Dampf ab und scheisst de Lix, so hät mer im Opa gsait, nomol zähmet bevor er wieder freie Fahrt gegg Eschinge kriegt. Trotz allem moss de Fahrplan iighaalte were und uff d` Minut dä z Eschinge, am badische Iisebahknotepunkt, so ebbis wie de Arc de Triumph z Paris, iifahre. „ Mundidie „ sait de Felix no paarmol, dene Quatratsladschi gib is aber !“   Mundidie isch im gottesfürchtige Felix sind gwähnliche Fluech, im Gesesatz zu de Booremer Buure die ganz anderi gottsläschterliche und uukeusche Flüech druff hond. Des Mundidie hät er us em 1. Weltkrieg, us Lothringe mitbroocht und hoesst eigentlich dä selli charmant und gottesfürchtig „ Mon Dieux „. „De Mundidie“ hät mer im Lix denno au später z Gräninge gsait, woner aaschliessend au dä Bahhofsvorstand war. 

Paar Minute später fahrt e zweits Gfährt im Bahhof ii. E Draisine, mit zwei grosse Buebe und paar wiisse, handgwobene Meahlsäck druff. Vor em Wohnteil vum Bahhof migget sie und stieget ab. Und denno gohts los: De Vater Felix pforret us em Stellwerk und loot Schräe ab wie en Aabrennte. Jetzet kunnt sii bsunder Strofgricht:  De Lederrähme us em Hosebund und de Wilhelm, sin Bue über s Knie und e paar knallherte Peitscheschläg uff s Fidle. S Bläre khaa de heldhaft 14- Jährig grad no verhebbe. Des sich gsesse. De Starke Willi loht er in Ruhe, des soll seller Vater erledige. Jetzt wered unter de strenge Uffsicht vum Vater die schwere Mehlsäck, zum guete Glick isch konn verplatzt, uff d Bühni trait und i de muusdichte Mehlkischte versorget. D Säck stammet vum Onkel vu de Frau Sophie us Hifinge, vum Kramer – Beppi. Kramer stoht au uff dene guet gwobene Mehlsäck. De Beppi war en guete, dipflischiessige und aagsähnene Leineweber im Süesse Winkle. Der Mehl- Tagesbfehl war zwar erlediget, aber für wa fer en Priis ?

Frühner, also no so bis id 30-erJohr, war e Bahgleis wie d Hölletalbah au e hilfreiche Magistrale für de klei Persone- und Wahreverkehr. Woni hit bei ere Besichtigung vum neue Gleis vu Löffinge bis Dögginge mit eme hochmoderen, vollautomatisierte 400 m lange Gleisausbau.- und Verlegezug z Dögginge westlich vum Tunnle gstande sind, han ich im Joachim Binkert kurz die tragig komisch Familiehistorie aadietet. De Studiefreunmd Joachim isch immer no bi de Bahn aktiv und de Projektleiter vu dere Sanierung. Er und no on, de Andy Glatz und de Schwitzer Rene Müller, sind vu den 25 Semesterkollege Bähnler wore. De Joachim hät de Baaremer und de Hegaufraktion vu iiserem Semester FH Konstanz 1974 die technisch uuglaublich Baustelle zu iiserm grosse Respekt zoeget. 

Eine Draisine aus Holz mit roten Rädern

Draisine

Die Draisinegschicht , die ich für en einmalige Fall z Dögginge ghalte han, hät de Joachim voll bestätigt und ergänzt. Sin Grossvater war Stellwerkbähnler z` Radolfzell Richtung Stahringe. Er isch vu Radolfzell zum so 1 km usserhalb liegende Stellwerk jede Tag hin- und zruck mit de Draisine gfahre. Des war au z` Dögginge die üblich Fahr– Transport u. Reiseart. Im Grossi sie Frau, d Sophie Kramer, war us Hüfinge. Und wenn sie gi Iikaufe, zu de Verwandschaft, zum Zahnarzt Vetter Ernst Kramer oder au a Kirchefeschter z Hüfinge gange sind, sind die mit de ganze Familie Bagage mit ere Draisine gfahre. De Fahrplan hät en Bähnler genau kennt und so isch mer amend uff e Abstellgleis z Huuse oder z Hüfinge gfahre wenn en Zug kumme isch oder me hät die Draisine kurz vum Gleis abi gschunde und denno wieder druff gmorkst. So hond die Manne, Wieber, Kind d Muckibuddi spare kenne. Dä sind au so silbrige, verchromte Pump- und Giegmaschine uffgstellt und me moss sogar no zahle ohne dass mer on Meter vorwärts kunnt.  Bei de Draisine war des alls ummesunscht. 

Zora auf dem Pfad runter zur Eulenmühle

Dögginger Mehlbuebe:  Bahhof, Dögginger Loch, Iihlemülle hin und zruck. (Eulenmühle in der Gauchach) 

Wa isch a dem Werktig i de 20- Johr aber passiert ? De ältscht Bue vu s Hilperts, de bommstark Wilhelm, hät noch de Schuel vu de Motter Sophie und em Vater Felix de Ufftrag griegt, d Fruecht vu dem kleine Woezeäckerli am Bahdamm mahle z lau, dass mer wieder guet Buurebrot ver s ganz Johr bache khaa. Dass es i om goht, hät au de Starke Willi, au er war, Nomen est Omen, scho bäre- Stark, d Fruecht vus Starke, des waret Buure im Ort, mahle lau solle. Dögginger , Unedinger, Dittishuusemer hond i de Ihlemilli i de Obere Gauche bim legendäre Ihlemillier mahle lau. So hond allso die beide grosse Kerli d Fruechsäck vu beide Familie uff d  Draisine vum Bahhofsvorstand glade und sind i de Zugpause geg Weste mit de Handschwengel- Draisine gfahre. Gli noch em Bahhof kunnt s 550 m lang Dögginger Tunnel, s uubeleuchtet Dögginger Loch, s längscht Tunnel vu de Hölletalbah. Des isch ziemelich guet und schnell gange weil dä d Bah Abwärtsgfäll hät bis zu de Gauchachbruck vu uugfähr 2/oo. Dorch s Loch hond sie vu de aazundene Carbitfunzle eweng heal khaa und es isch noch em Scheitelpunkt am Tunneliigang gattig wie gschmiert grennt. Uff de Gauchachbruck hond sie ziemli migge messe, dass sie nit geg Unedinge pforret sind. Dä noch de Bruck hond sie d Fruechsäck vorsichtig, dass sie nit platzt sind , a s Bankett gleit. Denno hond sie die schwere Bolle die gähe Halde mit 40 Meter Höhe a d Gauche, an Weag zu de Ihlemilli, uff em Buckel abi schloepfe messe. D Draisine hät natierli vum Gleis kippt were messe, dass Zueg frei Fahrt ghet hond. Zerscht sind sie zum Ihlemiller gloffe zum en schwere Handloeterewage hole. Mit dem hond sie die Säck a d Ihlemilli uffi gfahre. Im Miller hond sie beim Verwäge genau uff Doope guckt, so wies de Vatter Felix gsait hät, und hond de Wiegrodel in Hosesack gschoppet. D Milleri hät ene no e Glas Milch gähe und en guete Hoemweag gwiescht. Uffizue geg s Dögginger Loch isch es i de Zugpaus, die sie genau kennt hond, jetzt au uhni volle Säck schwerer gange, aber doch schnell gnueg bevor de näscht Zug kumme isch.

Die Eulenmühle

 Oe Woch später hond sie die gmahle War wieder hole kinne. Wieder sind sie noch de Schuel mit de leere Draisine dorch s Loch bis noch de Gauchebruck. Dä wieder Draisine vum Gleis kippt und ab zum Ihlemiller. Bei de Gegewägerei vum Mehl hond sie wieder genau zueguckt. Miller waret nämlich als Trickser, manchmol au als Bschiesser eweng verruefe und nit so aagsehne, obwohl sie meischtens, im Gegesatz zu de Kleibuure oder gar de Bähnler, ziemlich riich waret. Mit em Handwage isches jetzt wieder a d Gauchebruck und mit de zentnerschwere Säck uff em Buckel die gähe Halde uffi as Gleis und a die Draisine. Gwisst hond sie genau, dass de Friiborger Zug bald kumme word. Aber es isch jo so guet grennt beim herfahre und au vor ere Woch. Do hond sie aber d Rechnung nit mit de schwere Säck und de Steigung gege s Dögginger Loch und durchs Loch gmacht. Desmohl hond sie ghörig giige und gampe messe, dass sie gschwitz hond wie Brauereirösser, halt wie Draisinepumper. Vor em Loch no Carbitfunzel aazunde und mit jugendlicher Risikobereitschaft nint wie inni is fischter Tunnel. Wo sie so 200 Meter vor em End vum Loch und fascht am Scheitelpunkt, am Hochpunkt, verzwieflet gege d Schwerkraft kämpfet, höret sies scho fauche, des giegsig Dampross. Es kunnt immer näher und mit letzter Kraft, grad so 50 Meter vor de Lok, werfet sie grad no am Tunneluusgang im Freie d Säck vu de Draisine, hoppet abi , kippet des schwer Draisine Iisegstellarsch vum Gleis und höhret des Gjojl und Gschroe vum Lokführer und vum riesige Heitzer. Des hät sogar die de Höllegrach vu de Lok übertönt. „Leck mi am Arsch, des isch grad no guet gange“, sait de Starke Willi. Und de Wilhelm murmlet kleiluut „ Du häsch guet spotte, de Ranze voll grieg ich und die Strieme vum Ledergurt vum Vatter lond mi die näschte Tag uuruhig uff em herte Schuelbank hucke “

altes Familienfoto

Die Uffstellerei vu de Draisine, des Ufflade und denno die liicht Abfahrt vum Tunnelloch bis an Bahhof war konn Triumpfzug vu heldehafte Athlete, es waret gschlagene, gnickte, brochene Kämpfer gege die Gsetz vu de Schwerkraft und de Gleisneigung. Die Lektion wär mit hängende Köpf und demutsvoll glehrt. De oe isch en erfolgriiche Baustoffhändler wore und de ander zerscht Mechaniker und denno en „Spätberufene Pallottiner Missionar im Palmölgarte des Herrn“ im ferne Brasilie. 

Jo, so war des Mehlbuebedebakel i de 20- er Johr z Dögginge 

Die Kapelle der Eulenmühle mit den großen alten Bäumen

Transparenzinitiative 2.0

Im Mai 2020 startete die junge Fraktion, der ich damals angehörte, eine Transparenzinitiative.

Damals schrieb Michael Steinemann: „Ich hab zu oft das Gefühl, dass bei zu vielen Dienstleistungen die Verwaltung uns Gemeinderäte, aber auch die Bürgerinnen und Bürger irrtümlicherweise in einer Holschuld sehen.“

Heute, sechs Jahre später, steht derselbe Mann offenbar auf der anderen Seite der Rathausmauer – zumindest ist von dem damaligen Transparenzanspruch ist nicht mehr besonders viel zu erkennen. Denn in den vergangenen Jahren wurde still und heimlich so einiges gestrichen, abgeschafft oder verändert. Na ja – nicht immer ganz still, wenn ich mir das Frank ansehe. Aber manches wurde tatsächlich so behandelt, als ginge es die Öffentlichkeit schlicht nichts an.

Bild vom Frank noch mit dem letzten der Bäume der schon halb zerstört wurde und die gerodete Fläche vor dem Hotel. Der Himmel wurde in dramatische Farben geändert.

Was verschwindet, wenn niemand darüber spricht?

Das vorzeitige Roden der alten Bäume ohne Plan wurde weder vorher, währenddessen noch danach auf irgendeine Weise kommuniziert.

Und dann gab es da noch etwas, das die meisten vermutlich gar nicht bemerkt haben: Der Sozialpreis wurde abgeschafft.

Nicht, dass ich diesen Preis irgendwie besonders toll gefunden hätte. Aber zunächst wurde nach Vorschlägen gefragt, dann wurde im Gemeinderat öffentlich über eine Änderung der Richtlinie diskutiert und die Sache vertagt. Anschließend verschwand der Sozialpreis einfach aus dem Haushalt.

Was danach aus ihm wurde, wurde jedenfalls nicht mehr öffentlich erklärt.

Nachdem 2025 ausschließlich Männer ausgezeichnet wurden, fällt im Rückblick zumindest auf, dass bei der letzten Vergabe offenbar niemand auf die Idee gekommen ist, auch einmal die Frauen in den Blick zu nehmen, die sich in Hüfingen engagieren.

Aber hey – es gibt ja keine Frauen in Hüfingen, die Verantwortung übernehmen.

Also, nicht dass ich mich falsch verstanden wissen will: Die Männer machen natürlich einen tollen Job. Aber sie sind halt nicht die einzigen. Nur scheint es in Hüfingen nach wie vor eine ziemlich eigentümliche Arbeitsteilung zu geben: Frauen sollen unsichtbar bleiben und brav ihren Job im Hintergrund machen. Wenn Männer sich engagieren, ist es Ehrenamt. Wenn Frauen sich engagieren, ist es selbstverständlich.

Und genau darum geht es: Transparenz ist keine Selbstdarstellung!

Wenn Transparenz vor allem als Selbstlob unserer Männer verstanden wird – als Erzählung darüber, wie toll sie sind –, dann kann man natürlich sehr transparent sein, ohne tatsächlich irgendetwas transparent zu machen. Aber vollkommen egal, warum der Sozialpreis gestrichen wurde: Es wurde weder transparent gemacht noch kommuniziert.

Vom Logo, das uns unter Missachtung der Gemeindeordnung heimlich übergestülpt wurde, möchte ich eigentlich gar nicht schon wieder anfangen. Aber es gehört dazu.

Denn es geht beim Logo längst nicht mehr nur um drei Wellen und eine Farbwelt. Es geht darum, welche Geschichte eine Gemeinde über sich selbst erzählen will – und was dabei unter den Tisch fällt.

Da wird Geschichte zur hübschen Kulisse, Natur zum Gestaltungselement und Gemeinschaft zur PowerPoint-Folie. Hauptsache, die Geschichte stimmt.

Nur: Eine Gemeinde besteht nicht aus dem, was man in einer Präsentation über sie erzählen möchte. Sie besteht auch aus ihrer tatsächlichen Geschichte, aus Widersprüchen, Konflikten, unterschiedlichen Erinnerungen und Menschen, die Fragen stellen.

Das ist ungefähr so, als würde man ein Gedicht schreiben:

Alles ist schön.
Wir sind schön.
Unsere Geschichte ist schön.
Unsere Natur ist schön.
Unsere Gemeinschaft ist schön.
Unser Ehrenamt ist schön.
Unsere Heimat ist schön.
Unsere Zukunft ist schön.
Und wir?
Wir sind natürlich ganz besonders schön.

Und darunter steht dann:
„Die verwendeten Adjektive verdeutlichen unsere emotionale Verbundenheit mit der Region.“

Nur: Transparenz bedeutet nicht, eine möglichst schöne Geschichte über sich selbst zu erzählen.

Transparenz bedeutet, sichtbar zu machen, wie Entscheidungen zustande kommen.
Welche Überlegungen gab es? Welche Alternativen wurden geprüft? Wer hat welche Argumente vorgebracht? Warum wurde eine Möglichkeit verworfen und eine andere gewählt?

Und vor allem: Was passiert dort, wo es unterschiedliche Auffassungen, Kritik oder Einwände gibt? Gerade dort beginnt Transparenz und nicht bei der Frage, wie schön man sich selbst darstellen kann.

2.500 Euro und eine ziemlich bekloppte Idee

Aber genug von den possierlichen Geschichten.

Vielleicht hat es ja jemand bemerkt: Unser Gemeinderat hatte im Dezember eine super Idee, wie man 2.500 Euro sparen kann: Man kündigt einfach die Mitgliedschaft im Naturpark Südschwarzwald.

Das war eine unglaubliche Knalleridee!

Wahrscheinlich hat die Männer das Wort „Natur“ im Namen gestört. Denn Natur ist ja grün und kann weg. Schließlich hat Hüfingen jetzt drei Wellen im Logo, die die großartige Natur symbolisieren sollen.

Das Ganze wurde übrigens im Zuge der nichtöffentlichen Haushaltsberatungen beschlossen. Erst als die Kündigung öffentlich bekannt wurde, kam der Naturpark selbst ins Spiel und bot an, dem Gemeinderat zu erklären, was Hüfingen mit seiner Mitgliedschaft eigentlich gewinnt. Danach wurde die Kündigung einstimmig zurückgenommen.

Naturparkmitgliedschaft kündigen, Natur ins Logo schreiben – so sieht konsequente Kommunalpolitik aus.

Ach ja, dazu fällt mir ein: Ein Symbol, das man glaubt erklären zu müssen, taugt nichts.

Na ja, diesen Schwachsinn hat unser Gemeinderat dann irgendwann doch eingesehen. Was auch ein Klassiker ist: erst ins eigene Knie schießen und anschließend feststellen, dass es vielleicht doch weh tut. Nur wäre es ja schön, wenn solche Entscheidungen nicht erst öffentlich werden müssten, damit man anschließend merkt, dass man vielleicht noch einmal darüber hätte reden können.

Auch hier stellt sich aber die Transparenzfrage: Wie kommt eine solche Entscheidung überhaupt zustande? Welche Argumente gab es dafür? Welche dagegen? Und warum musste die Öffentlichkeit erst mit einer bereits getroffenen Entscheidung konfrontiert werden?

Wenn das Frühlingserwachen ausbleibt

Ein weiterer Punkt, den immerhin die neugierige Hannah mitbekommen hatte und deshalb kommunizieren konnte, war das Frühlingserwachen. Hier durften sich die Gewerbetreibenden zunächst großartig anmelden (übrigens ähnlich wie die großartige Einholung der Vorschläge für den Sozialpreis, für den sich doch manch einer Mühe gegeben hatte). Dass die Veranstaltung anschließend nicht stattfindet, war offenbar keine Information, die man für kommunikationswürdig hielt.

Die Hüfinger Gewerbetreibenden merken es ja dann, wenn nichts ist.

Eine Gewerbetreibende hat sich deshalb bei der Stadt beschwert und bekam die Antwort: Das habe doch in der Zeitung gestanden. Nun ist der Hieronymus inzwischen offenbar „die Zeitung“. Zumindest im Amtsblatt oder der Lokalpresse stand es jedenfalls nicht.

Aber selbst wenn eine Information irgendwo in der Zeitung steht: Ist es wirklich die Vorstellung von transparenter Kommunikation, dass diejenigen, die sich für eine Veranstaltung angemeldet haben, selbst herausfinden müssen, dass sie nicht stattfindet? Die Gewerbetreibenden hatten sich angemeldet. Die Stadt wusste also, wen diese Information unmittelbar betrifft. Es wäre nun wirklich keine übermenschliche Leistung gewesen, diese Menschen einfach zu informieren.

Transparenz ist jedenfalls auch nicht, dass eine Information irgendwo steht und man sich anschließend darauf beruft, dass sie dort gestanden habe.

Sechs Jahre später

Und sechs Jahre später lohnt sich deshalb noch einmal ein Blick auf die Worte von damals.

„Die bisherige Taktik ‚Wir geben euch nur so viel Informationen wie unbedingt nötig‘ ist kein Erfolgsmodell für die Zukunft.“

Tja.

Scheinbar schon.

Jedenfalls dann, wenn man Transparenz mit Öffentlichkeitsarbeit verwechselt.

Denn eine Kommune ist nicht dann transparent, wenn sie möglichst viel über sich selbst erzählt. Sie ist transparent, wenn Bürgerinnen und Bürger nachvollziehen können, was entschieden wurde, warum es entschieden wurde, wer daran beteiligt war und auf welcher Grundlage die Entscheidung getroffen wurde.

Transparenz bedeutet, sichtbar zu machen, wie Entscheidungen zustande kommen.

Welche Überlegungen gab es? Welche Alternativen wurden geprüft? Wer hat welche Argumente vorgebracht? Warum wurde eine Möglichkeit verworfen und eine andere gewählt? Und vor allem: Was passiert dort, wo es unterschiedliche Auffassungen, Kritik oder Einwände gibt? Transparenz bedeutet, auch die Stellen sichtbar zu machen, an denen es unbequem wird. Die Diskussion, den Widerspruch, den Fehler, die Änderung einer Entscheidung, den Einwand und manchmal auch das Eingeständnis:

Das war keine gute Idee.

Das wäre übrigens mal zur Abwechslung eine ziemlich gute Geschichte:

Eine Kommune, die ihren Bürgerinnen und Bürgern nicht nur erzählt, wie schön alles ist, sondern ihnen zutraut, auch mit der Wirklichkeit umzugehen.

Vielleicht wäre das eine Transparenzinitiative 2.0 wert.

Epitaph auf dem Hüfinger Friedhof mit einer Dame die das Schwert schwingt

Für mehr demokratische Partizipation!

Demokratie lebt nicht allein davon, dass in regelmäßigen Abständen gewählt wird. Sie lebt auch davon, dass Bürgerinnen und Bürger Einfluss darauf nehmen können, wer politische Verantwortung übernimmt, und dass unterschiedliche Teile der Bevölkerung angemessen vertreten sind.
Gerade auf der Ebene der Landkreise lohnt deshalb ein genauerer Blick auf die Frage, wie demokratische Beteiligung organisiert ist.

Wer die Landräte in Baden-Württemberg bestimmt

Baden-Württemberg gehört gemeinsam mit Schleswig-Holstein zu den beiden Bundesländern, in denen die Landrätinnen und Landräte nicht unmittelbar von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt werden. In den übrigen elf Flächenländern werden die Landräte direkt gewählt.

In Baden-Württemberg wählt stattdessen der Kreistag den Landrat oder die Landrätin. Die Amtszeit beträgt acht Jahre, eine Wiederwahl ist möglich. Der Landrat beziehungsweise die Landrätin ist dabei nicht nur Vorsitzende bzw. Vorsitzender des Kreistags und seiner Ausschüsse, sondern zugleich Leiterin bzw. Leiter des Landratsamtes und der staatlichen unteren Verwaltungsbehörde. Damit steht das Amt an einer wichtigen Schnittstelle zwischen kommunaler Selbstverwaltung und staatlicher Verwaltung.

Das Verfahren ist demokratisch legitimiert – aber eben indirekt. Die Bürgerinnen und Bürger wählen den Kreistag; dieser bestimmt anschließend die Person an der Spitze der Kreisverwaltung.
Die Frage ist deshalb durchaus berechtigt, ob eine unmittelbare Wahl durch die Bürgerinnen und Bürger nicht auch auf dieser Ebene mehr demokratische Beteiligung und eine stärkere persönliche Legitimation schaffen könnte.

Und wie sieht es mit der Repräsentation aus?

Ein Blick auf die Geschlechterverteilung macht die Frage besonders interessant.

Von den 35 Landkreisen in Baden-Württemberg werden derzeit gerade einmal zwei von einer Frau geführt: Marion Dammann im Landkreis Lörrach und Stefanie Bürkle im Landkreis Sigmaringen. Damit liegt der Frauenanteil bei den Landrätinnen und Landräten bei nur 5,7 Prozent. An dieser Größenordnung hat sich gegenüber den vergangenen Jahren kaum etwas verändert.

Dabei bilden Frauen keineswegs eine kleine Bevölkerungsgruppe. Im Schwarzwald-Baar-Kreis lebten nach den aktuell verfügbaren Zahlen des Statistischen Landesamtes zum 30. Juni 2024 insgesamt 214.133 Menschen. Davon waren 106.080 Männer (49,5 Prozent) und 108.053 Frauen (50,5 Prozent).

Frauen stellen damit etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung – an der Spitze der Landkreise sind sie dagegen nur in zwei von 35 Fällen vertreten.

Das allein sagt noch nichts über die Qualifikation einzelner Personen oder über die Gründe für diese Verteilung aus. Es zeigt aber eine auffällige Diskrepanz zwischen der Zusammensetzung der Bevölkerung und der Zusammensetzung der politischen Führungsebene.

Genau hier beginnt für mich die eigentliche Frage nach demokratischer Partizipation: Wie können politische Strukturen so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen nicht nur vertreten werden, sondern sich auch tatsächlich angesprochen und beteiligt fühlen?

Die direkte Wahl des Landrats oder der Landrätin wäre dabei eine Möglichkeit. Sie würde die Entscheidung über die Person an der Spitze des Landkreises unmittelbar zu den Bürgerinnen und Bürgern bringen.

Das wäre keine Abwertung des Kreistages. Im Gegenteil: Der Kreistag bleibt ein wichtiges demokratisches Gremium. Aber zwischen der Wahl von Kreisrätinnen und Kreisräten und der anschließenden Entscheidung über die Person an der Spitze der Verwaltung liegt derzeit eine zusätzliche Entscheidungsebene.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, auch in Baden-Württemberg einmal ganz unaufgeregt darüber zu sprechen, ob wir unseren Bürgerinnen und Bürgern an dieser Stelle nicht mehr direkte demokratische Beteiligung zutrauen können.

Gewaltenteilung

Der französische Philosoph Montesquieu beschrieb vor mehr als 200 Jahren ein Grundprinzip moderner Demokratie: Staatliche Macht soll nicht an einer einzigen Stelle konzentriert sein. Die drei Gewalten – Exekutive, Legislative und Judikative – sollen sich gegenseitig begrenzen und kontrollieren.

Die Exekutive, also die ausführende Gewalt, setzt Gesetze und politische Entscheidungen um. Dazu gehört die Verwaltung. Die Legislative, also die gesetzgebende Gewalt, beschließt die Gesetze und kontrolliert die Regierung. Die Judikative schließlich ist die rechtsprechende Gewalt und soll unabhängig von den anderen Gewalten über die Einhaltung des Rechts wachen.

In der Praxis ist das Verhältnis natürlich komplizierter, als es ein einfaches Drei-Säulen-Modell vermuten lässt. Aber der Grundgedanke bleibt wichtig: Demokratische Macht braucht Kontrolle.

Gerade auf kommunaler und regionaler Ebene stellt sich deshalb die Frage, wie gut diese gegenseitige Kontrolle tatsächlich funktioniert. Was passiert, wenn politische Entscheidungsträger, Verwaltung und die Menschen, die über ihre Arbeit berichten, über viele Jahre eng miteinander verbunden sind?

Ich habe diese Frage unter anderem im Zusammenhang mit dem Petitionsausschuss und dem Behlaer Weiher erlebt. Dort entstand bei mir jedenfalls nicht der Eindruck, dass die verschiedenen Institutionen ihre Kontrollfunktion immer so wahrnehmen, wie man es sich von einer lebendigen Demokratie wünschen würde.

Wer kontrolliert die Kontrollierenden?

Zur demokratischen Kontrolle gehört noch eine weitere Kraft, die Montesquieu in dieser Form natürlich noch nicht kennen konnte: die Presse beziehungsweise die Medien.

Zeitungen, Radio, Fernsehen und heute auch digitale Medien sollen nicht nur über politische Entscheidungen informieren. Eine freie Presse soll auch Fragen stellen, Widersprüche sichtbar machen und dort genauer hinschauen, wo staatliches oder politisches Handeln erklärungsbedürftig ist.

Gerade deshalb ist die lokale Presse für eine funktionierende Demokratie so wichtig.

Was geschieht, wenn diese Kontrollfunktion schwächer wird?

In einer kleinen Region kennen sich Politik, Verwaltung, Vereine, Unternehmen und Medien zwangsläufig recht gut. Das kann vieles einfacher machen. Es kann aber auch dazu führen, dass kritische Fragen schwieriger werden.
Wenn offizielle Pressemitteilungen weitgehend übernommen werden, wenn die Perspektive der Verwaltung stärker sichtbar ist als die der betroffenen Bürgerinnen und Bürger oder wenn ehrenamtliches Engagement erst dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn es in das vorhandene Bild passt, entsteht ein Ungleichgewicht.

Das muss keine große Verschwörung sein. Oft reicht schon Nähe.
Wer sich kennt, geht vielleicht vorsichtiger miteinander um. Wer regelmäßig zusammenarbeitet, möchte den anderen nicht unbedingt vor den Kopf stoßen. Und wer auf Informationen aus Verwaltung oder Politik angewiesen ist, überlegt sich möglicherweise zweimal, wie kritisch er berichtet.

Für eine Demokratie ist deshalb nicht nur wichtig, dass niemand ausdrücklich Druck ausübt. Ebenso wichtig ist, dass Menschen und Institutionen frei genug sind, auch ohne Druck kritisch nachzufragen.
Das gilt für Parlamente und Kreistage genauso wie für Verwaltungen, Gerichte und die lokale Presse.
Demokratische Kontrolle bedeutet schließlich nicht, dass alle gegeneinander arbeiten sollen.
Sie bedeutet, dass Widerspruch möglich sein muss.

Mein Fazit

Demokratie ist mehr als die Möglichkeit, alle paar Jahre ein Kreuz bei einer Wahl zu machen.

Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen ihre Anliegen einbringen können, dass unterschiedliche Interessen sichtbar werden und dass politische Macht kontrolliert wird. Dazu gehören starke Parlamente und Gemeinderäte ebenso wie eine unabhängige Verwaltung, eine freie Presse und eine lebendige Zivilgesellschaft.

Gerade deshalb halte ich es für problematisch, wenn politische Entscheidungen und personelle Macht über lange Zeit sehr stark bei wenigen Strukturen konzentriert sind.

Das ist keine Frage der Parteifarbe.

Denn ein demokratisches System sollte nicht nur dann funktionieren, wenn die „richtigen“ Parteien die Mehrheit haben. Es muss auch dann funktionieren, wenn sich politische Mehrheiten verändern.

Wenn heute eine Partei oder eine Parteienkonstellation über viele Jahre die entscheidenden Positionen besetzen kann, dann kann morgen eine andere politische Kraft von denselben Strukturen profitieren. Was wir einer Partei nicht an Macht in die Hände geben möchten, sollten wir deshalb auch keiner anderen geben.

Das gilt ganz besonders angesichts der Veränderungen in unserer politischen Landschaft. Die AfD ist inzwischen in vielen Parlamenten vertreten und erzielt auch in Baden-Württemberg erhebliche Wahlergebnisse. Sollte sie irgendwann in einem Landkreis über eine entsprechende Mehrheit verfügen, würde sie in einem System mit stark konzentrierten Entscheidungsstrukturen nicht plötzlich auf weniger Macht stoßen als die Parteien, die diese Strukturen zuvor genutzt haben.

Genau deshalb sollte die Antwort auf politische Veränderungen nicht lauten, die Machtverhältnisse lediglich gegen andere auszutauschen.

Die Antwort sollte sein, Macht besser zu verteilen.

Dazu gehört für mich auch eine stärkere unmittelbare Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Dazu gehört Transparenz darüber, wie Entscheidungen zustande kommen. Dazu gehört eine lokale Presse, die nicht nur informiert, sondern auch kritisch nachfragt. Und dazu gehört eine Zivilgesellschaft, in der nicht nur die großen und gut sichtbaren Organisationen vorkommen.

Denn auch beim Ehrenamt stellt sich die Frage: Wer wird gesehen?

In einer kleinen Region entstehen jeden Tag unzählige Dinge, die für das Zusammenleben wichtig sind – oft ohne große Vereine, große Budgets oder professionelle Öffentlichkeitsarbeit dahinter. Nicht jedes Engagement hat eine Pressemitteilung, ein perfektes Gruppenfoto oder die Möglichkeit, regelmäßig auf sich aufmerksam zu machen.

Eine lebendige Demokratie sollte aber nicht davon abhängen, wer am besten Öffentlichkeitsarbeit betreiben kann.

Wenn lokale Medien hauptsächlich das veröffentlichen, was ihnen zugetragen wird, bleiben zwangsläufig viele Menschen und Initiativen unsichtbar. Das ist nicht unbedingt Zensur. Es ist oft schlicht eine Folge davon, wer Zugang zur Öffentlichkeit hat und wer nicht.

Gerade deshalb brauchen wir möglichst viele unabhängige Stimmen – in den Parlamenten, in den Vereinen, in Initiativen, in der lokalen Öffentlichkeit und auch in den Medien.

Demokratie bedeutet nicht, dass alle einer Meinung sein müssen.

Im Gegenteil.

Demokratie bedeutet, dass unterschiedliche Menschen zu Wort kommen, dass Macht Widerspruch aushalten muss und dass niemand darauf vertrauen darf, die eigenen Mehrheiten würden für immer bestehen bleiben.

Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt, auch in Baden-Württemberg wieder etwas mehr Vertrauen in die Bürgerinnen und Bürger zu haben.

Nicht nur alle paar Jahre an der Wahlurne.

Sondern auch dazwischen.

Für demokratische Partizipation!
Für Parität!

Sprechen gegen die Sprachlosigkeit

10. September – Welttag der Suizidprävention

Manchmal wird das Leben so schwer, dass man nicht mehr weiterweiß. Hilfe zu suchen ist keine Schwäche.

Auf dieser Seite finden Betroffene und Angehörige Informationen und Anlaufstellen – auch ganz in der Nähe:

Hilfe und Unterstützung bei Suizidgedanken – NaSPro

Sprechen hilft.

Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 116 123 sowie 0800 1110111 / 0800 1110222 erreichbar.

Wahl zum Vogel des Jahres 2027 geöffnet

Die Wahllokale sind geöffnet: Die Wahl zum Vogel des Jahres 2027 vom NABU und LBV ist gestartet.

Fünf tollen Kandidaten hoffen auf Unterstützung:

Kolkrabe
Kranich
Mehlschwalbe
Trauerschnäpper und
Wasseramsel.

Jeder Vogel bringt ein wichtiges Naturschutzthema mit, sie hätten alle den Sieg verdient.

Hier abstimmen:

https://www.vogeldesjahres.de

Das Rebhuhn ist Vogel des Jahres 2026

Das Rebhuhn übernahm Januar 2026 das Amt des aktuellen Jahresvogels vom Hausrotschwanz. Mit 81.855 Stimmen (44,5 Prozent) ergatterte der Hühnervogel den Pokal, dahinter, mit deutlichem Abstand auf Platz zwei: die Amsel mit 49.011 Stimmen (26,6 Prozent). Die beiden nachtaktiven Jägerinnen landeten auf Platz drei und vier: die Waldohreule mit 23.352 Stimmen (12,7 Prozent) und die Schleiereule mit 21.556 Stimmen (11,7 Prozent). Für den Zwergtaucher stimmten lediglich 8.270 Teilnehmende (4,5 Prozent).

Unten noch ein paar Fotos aus 2022 vom Riedsee, damit jeder sehen kann, welchen Vogel ich 2026 gewählt habe. Rebhühner gibt es hier wohl leider keine mehr.

Waldohreule an den Riedseen

Waldohreulen mit drei Ästlingen an unseren Riedseen am 8. Juni 2022 von Thomas Kring

  • Waldohreulen am Ridsee
Waldohreulen am Riedsee
Waldohreulen am Ridsee
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