Hieronymus und der Wald-5

Hieronymus und der Wald-5

4. Mai 2021 0 Von Wolf Hockenjos

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 5.

In Kapitel XI. Die Tölpeljahre treibt es Hieronymus, sehr zum Missvergnügen seiner Mutter, hinaus in die Wälder und Berge, und sein liebster Gesellschafter war jetzt Stoffel, der alte Waidgeselle. Das unstäte, wenn gleich stets wechselvoll beschäftigte Leben des Jägers und Fischers passte vollkommen zu seiner Gemütsverfassung. Dass die beiden dann freilich sogar im Gefolge des fürstlichen Hofes an der Hohen Jagd auf den balzenden Auerhahn teilnehmen durften, ist Lucian Reichs Jägerlatein. Denn nur die allerexklusivsten, zumeist blaublütigen Jagdgäste waren beim frühmorgendlichen Anspringen des balzenden Hahns wohlgelitten. Bis zur Revolution von 1848 besaßen Landes- wie Standesherrschaften das Jagdregal und durften somit im gesamten Herrschaftsbereich jagen. Weil das neue (revolutionäre) Jagdgesetz auch die Hahnenjagd nur noch im eigenen Wald zuließ, pachtete der Fürst nahezu sämtliche Balzplätze auch aus fremden Jagdbezirken heraus – jagdrechtlich eine gewagte, so eigentlich gar nicht zulässige Konstruktion, die jedoch zeigt, wie hoch die Hahnenjagd im Kurs stand. Nichts da also für Stoffel und seinen jungen Gesellen, so wie Lucian Reich sich deren jagdliche Abenteuer ausgemalt hat – allenfalls „verhören“ (d. h. den Balzplatz auskundschaften) durften sie den Hahn am Vorabend der Jagd!

Die Beute eines FF- Balzjagdmorgens:
14 Auerhähne, drapiert um den Eingang
des Gasthauses Krone in Peterzell (1914)

In Kapitel XII Die Ankunft muss der junge Hieronymus den Wald hinter sich lassen und zur Lehre in die an der Heerstraße liegende Stadt Hüfingen ziehen. Hier zieht auch Lucian Reich nochmals alle Register seiner orts- und heimatkundlichen Kenntnisse – klar, dass nun auch die römischen Baureste und Straßen Erwähnung finden. Noch einmal geht es vorüber an der gebrochenen Veste Neu-Fürstenberg und bis zum alten Zindelstein, wo der Bach den fast ununterbrochenen Tannenwäldern des mittleren Schwarzwaldes den langen Abschied zumurmelt. 

Zindelstein
Foto von Hubert Mauz

Da sind sie wieder, die fast ununterbrochenen Tannenwälder, die, wiewohl Lucian Reich den Unterschied zwischen Tannen und Fichten sehr wohl kannte, in Wahrheit Fichtenwälder sind. Beim Zindelstein verlässt der Bub also das heimatliche Tal, nachdem er sich zuvor im Wirtshaus zum Schwarze Bue bei einem Schoppen von seinen Begleitern (dem Vater und seinen Kameraden Dionys und Romulus) verabschiedet hat.

Schwarzer Bube
Foto von Hubert Mauz

Doch kurz nach Bräunlingen taucht er noch einmal so richtig in ein (allerdings sehr klischeehaftes) Waldidyll ein: Im Walde war es stille, man hörte nur das Fallen der Tannzapfen und das Nagen der Eichhörnchen in den hohen Baumwipfeln; die schlanken jungen Fohrenstämmchen bewegten wiegend und neigend ihre zarten Aeste in der leise wehenden Luft. Hier wischt sich der Wanderer nochmals den Schweiß von der Stirne, ehe er nach längerem Sinnen weiter zieht vorbei am felsigen Höllenstein, wo die Raben um das düstere Hochgericht flatterten – seiner Lehrstelle und dem Stadtleben entgegen.

Richtig wildromantisch, ja, dramatisch geht es erst wieder in Kapitel XV. Die Landfahrer zu, als Hieronymus, der Hüfinger Lehrbub, einen Heimaturlaub antritt, allerdings bei höchst unfreundlichem Wetter. Der Wandersmann schlug, um abzukürzen, den Weg durch das Oberholz ein, also über Hubertshofen und Mistelbrunn: Er war schon tief in den Wald eingedrungen. Der Wind sauste mächtig in den hohen Tannenwipfeln, um welche krächzende Raben über ihren Nestern kreisten. Der Pfad ward immer unwegsamer, nach kurzer Strecke jede Spur davon verloren, und der Wanderer sah sich in einer Wildniß, wohin noch nicht einmal die Axt des Holzhauers gedrungen, und kaum bisweilen ein Strahl der Sonne durch das Dickicht bricht. Auf dem mitternächtlich gelegenen, steil abfallenden Boden lagerten neben himmelhohen graubärtigen Weißtannen umgeworfene Stämme, Windfälle, von Jahrhunderten her über und unter einander, zum Theil völlig vermodert. Starrende Äste und ausgerissenes Wurzelgeflecht, hie und da sickernde Quellen und verborgene tiefe Lachen machten dem Schritte des Jünglings das Vorwärtskommen streitig.

Kein Zweifel, Hieronymus hat es in den steilen Wilddobel (oder war es doch der Roßdobel?) verschlagen; im benachbarten Krumpendobel hatten die Fürstenberger anno 1565 übrigens einen der letzten Bären erlegt. Der Abstieg erfolgt über Stock und Stein, wo der jähe Abhang quer durchrissen war durch eine Schlucht mit wildem Waldwasser. Inzwischen ist die Wildnis dort arg domestiziert, der Wald besteht aus gleichwüchsigen Fichten, der Hang ist mit Forstwegen erschlossen, der Bach eher ein Rinnsal. Dennoch muss Lucian Reich auf seinen Schwarzwaldwanderungen wohl doch auch noch urwaldartige Waldpartien kennengelernt haben, so plastisch wie er hier die Wildnis beschreibt. Bei der Beschreibung des Wilddobels indes übertreibt er maßlos!

Wildnis im Bannwald Zweribach

Schließlich trifft der strauchelnde und durchnässte Verirrte an einem kleinen, moosigen Weiher (heute ein Biotop!) auf ein schwarzbraunes Weib: auf Trautel, die Circe und schwäbelnde Vagantin, die ihn in ihre hinter Haselgesträuch versteckte Bettelküche führt, wo er sich trocknen darf – und wo ihm plötzlich schön Rösel, die Jugendgespielin, um den Hals fällt: Ein Überfall unerwarteter Zärtlichkeit, heißt es da, und der Leser darf einen gar seltenen Hauch von Erotik in Lucian Reichs Oeuvre verspüren: Leider war es eine Begegnung, die durch die resolute Trautel rasch unterbunden wird, wo doch Rösel in Wahrheit die von den Vaganten entführte Tochter von Johanna und Tolberg ist. Wer waren die Vaganten, die Lucian Reich erstaunlich lieblos beschreibt? Es dürfte sich um Angehörige des fahrenden Volks der Jenischen gehandelt haben, jener spätestens im Dreißigjährigen Krieg durch Verarmung entstandenen Gegengesellschaft der Kesselflicker und Scherenschleifer; allerdings  pflegten die nicht zu schwäbeln, sondern hatten ihre eigene Sprache.

Domestizierte Wildnis im Jahr 2016: Wilddobel, wo Hieronymus sich einst verlaufen hat

Der Wald spielt in den restlichen Kapiteln allenfalls noch als ferner Sehnsuchtsort eine Rolle – oder als Metapher: Wie eine alte, breit gewurzelte Tanne Generationen absterben und jüngere um sich heranwachsen sieht, und in scheinbar unverwüstlicher Zähigkeit Wind und Wetter trotzend immer dieselbe bleibt – also lebte stets noch der Köhler Klaus…, heißt es kurz vor dem Happyend, als plötzlich der Herr Tolberg nach langer, durch die politischen Wirren verursachter Irrfahrt wieder seinen Auftritt hat und seine Tochter Helena, Klausens Enkelin und nachmals Ehefrau des Hieronymus, wiederfindet. Bei Lucian Reichs breit gewurzelter Tanne dürfte es sich zwar wiederum um eine Fichte mit breiter Tellerwurzel (und nicht um eine tief wurzelnde Weißtanne) gehandelt haben, dennoch wollen wir das Bild so stehen lassen. Im Schwarzwald, auf dem Wald also, blühen derweil die Uhrenindustrie und der Uhrenhandel auf, von Lucian Reich sehr detailliert und kenntnisreich beschrieben.

Zum 6. und letzten Teil geht es hier.

Hier geht es zum Podcast der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage ab Kapitel 11:

Im Kapitel 15 vom Podcast geht es etwas genauer um die Jenischen und auch das Holderküchlein.

Lochlone wittischer Massik!