Feld- und Hirtenleben

Hieronymus Kapitel 6

Sechstes Kapitel gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich

“Kennst du auch die goldene Zeit
Mit den frommen Kinderträumen
Ach sie darf nicht lange träumen
Ihre Heimath liegt gar weit”

A. Schreiber

Feld- und Hirtenleben

In das Stilleben des heimatlichen Tales zurückgekehrt, hatte Hieronymus Muße genug, die Erinnerungen, die er als bunte Bilder aus der Stadt mitgebracht, zurechtzulegen und andern mitzuteilen.

Mit erneuter Lust und Liebe wollte er jetzt wieder hinter das Zeichnen und Malen gehen. – Doch vorderhand mußte er seinen Eifer zähmen; denn mit dem Frühling waren andere Beschäftigungen gekommen, die, an den Spruch erinnernd: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen, wohl geeignet waren, die Gedanken abzuziehen und auf das Alltägliche, Materielle zu lenken. Nebst einem Vierling Feld zu einem Küchengarten hatte Mathias vom Hofbauern einige bisher unbebaute Grundstücke in Pacht erhalten; sie lagen entfernt vom Haus oben am Waldsaum. Um sie zur Ansaat tauglich zu machen, mußten sie erst umgebrochen werden. Da hieß es denn „schaffen, solang der Tag ei’m hilft“. Seines Handübels wegen konnte der Vater, wie schon erwähnt, schwere Feldarbeit für sich allein nicht mehr verrichten, während die Zeit der Mutter mit Hausgeschäften und dem Nähen für Kunden vollauf in Anspruch genommen war. – So mußte denn der Sohn ein übriges tun, soviel es die noch schwachen Kräfte erlaubten. – Es war kein leichtes Geschäft, das mit Gestrüpp und Unkraut bewachsene Feld umzubrechen und den steinigen Boden zu behacken – doch tat er’s mit Freuden, im Bewußtsein, den Eltern damit ihr Los erleichtern zu können. Wenn er aber dann abends mit dem Vater heimkam, mit schrundigen, oft blutiggerissenen Händen, so war’s ihm nicht mehr ums Zeichnen und Malen.

Ja, oft beschlich ihn der Gedanke, er werde wohl zeitlebens ein gewöhnlicher Taglöhner bleiben und den Vater, der immer mehr über zunehmende Schmerzen in der Hand klagte, unterstützen und vor Not schützen müssen. – Waren solche Geschäfte beendigt, so kamen wieder andere; und bis das Heu und Ohmd unter Dach und Fach waren, die Garben gebunden und gedroschen waren, mußte mancher Schweißtropfen über die Wangen rinnen. Und zu alldem war der Sohn des Hausmanns häufig auch noch vom Bauer selbst in Anspruch genommen, namentlich im Herbst, wenn das Vieh auf die Weide getrieben und gehütet werden mußte. Dieses Amtlein lag dem Kleinen meist ausschließlich ob; doch hatte er nicht selten dabei eine Gesellschafterin – Florentina, das Töchterlein des Hofbauers.

Das Kind des reichen Mannes hatte in der Jugend wenig Genuß von der Wohlhabenheit des Vaters. Dieser, ein eigensinniger Mann, dem alles nur nach seinem Kopf gehen sollte, setzte etwas darein, seine Kinder, wie er sagte, nicht zu verzärteln und sie in Geschäften und Kleidern den Geringsten im Tale gleich zu halten. So ersparte ihm der ganz nach seinem Sinne geartete einzige Sohn Peter, kaum den Kinderschuhen entwachsen, beinahe schon vollständig einen Knecht. Der Junge fuhrwerkte und tat wie ein Alter.

Tagelang half er dem Fahrknecht mit dem Zuge Bauholz und schwere Holländerstämme aus den Waldungen schleifen; und wenn er abends heimkam, so verrichtete er unverdrossen und pünktlich noch alle Geschäfte im Stall und beim Haus. Freilich – in der Schule hatte er’s kaum zum Lesen und Schreiben gebracht, was jedoch dem Alten wenig Kummer machte. Florentina hingegen schien weniger nach seinen Wünschen gedeihen zu wollen. Sie zeigte ein aufgeweckteres Temperament. Oft führte sie Klage bei der Mutter über die unnötige Sparsamkeit des Vaters, besonders wenn sie sehen mußte, wie andere Kinder, namentlich ihre Kameradinnen Juliana und Martina, die Töchterchen des Stabhalters, immer so neumodisch geputzt und nett einher kamen, während allerdings in dem barfüßigen Mädchen Florentina niemand die Tochter des reichsten Bauern im Tal vermutet haben würde. In solchen Dingen jedoch war die Mutter von geringem Einfluß bei ihrem Mann. Hatte dieser einmal seinen Kopf auf etwas gesetzt, so blieb’s dabei.

So zum Beispiel wollte er durchaus nicht zugeben, daß seine Tochter in der Schule schreiben lerne. Aber hier siegte die List des Mädchens über den Eigensinn des Vaters. Florentina, von der Mutter begünstigt, machte ihre Schreibstudien in der Mühle, und Hieronymus war dabei ihr Lehrer. Und wahrlich, sie war eine aufmerksame Schülerin, die es in zierlichen Schriftzügen bald ihrem Instruktor gleichtun konnte. – So gewöhnten sich die Kinder an ein stetes Zusammenleben. Sie glichen zwei nahe stehenden Bäumchen, deren Zweige und Kronen immer mehr und mehr ineinanderwachsen und sich verranken, um so in festem, getreuem Zusammenhalten dereinst heitere und stürmische Tage gemeinschaftlich zu durchleben.

Das Hüten der zahlreichen Herden des Hofbauers die lange Herbstzeit hindurch war nicht ohne Abwechslung. Bald geschah es im Talgrund, in den Matten am Bach, bald höher oben am Wald, auf weitschichtigen Heiden, an Abhängen, wo zwischen mächtigen Granitblöcken die nahrhaftesten Futterkräuter wachsen. War das Geschäft an sich auch kein besonders kurzweiliges, so fand Hieronymus eine gewisse Befriedigung in dem Gedanken, es komme ja auch den Eltern zugut, weil die Kuh und die paar Geißen, welche der Vater angeschafft, ebenfalls mit hinausgetrieben werden durften.

Florentina kam nicht nur häufig, um dem Hirtenknaben ein Abendbrot zu bringen, sie war ihm in der letzten Zeit förmlich zur Aushilf beigegeben worden. Es gab keine Stelle auf dem ganzen umfangreichen Hofgut, wo das Zweigespann bei seinem unsteten Feld- und Hirtenleben nicht hingekommen wäre.

An feuchtkalten Tagen kampierten sie in der Köhlerhütte des Forbachklaus und hörten ihm, am Herde gelagert, gerne zu, wenn er vom Heiligen Land, von Jerusalem und Bethlehem erzählte oder von Begebenheiten aus alten Zeiten, von Räuberbanden und Zigeunerhorden. – Sehr oft erzählte er den Kindern auch von der längst versunkenen Stadt, die droben auf dem Laubhauserberg gestanden haben sollte, an der Stelle im Wald, wo jetzt noch viele Steintrümmer zu sehen. –

Hier erzählt der Forbachklaus den Kindern die Geschichte der längst versunkenen Stadt, die droben auf dem Laubhauserberg gestanden haben soll. Laubhausen soll eine keltische Stadt gewesen sei die zum Krumpenschloss gehöre, mutmaßten schon manche. Andere meinen es wäre eine Siedlung aus dem frühen Mittelalter. Wobei diese Vermutung auch inzwischen bewiesen wurde. Sicher ist, dass vom Krumpenschloss sichtbar Mauern übrig sind, von Laubhausen selber nur viele Mutmaßungen.

Ebenso verhält es sich mit der Sage von dem prächtigen Kloster, welches auf dem Tierstein gestanden habe. Hierfür sind die Anzeichen noch dürftiger. Das große Kreuz auf demselben wurde erst 1866 errichtet und dürfte von daher im Buch noch keine Rolle spielen. Aber auch um dieses Kreuz ranken sich schon viele Legenden.

Dann brachte er die Rede auf das prächtige Kloster, welches, der Sage nach, auf dem großen Tierstein gestanden habe. „Es muß“, meinte er, „ohng fähr zu der Zeit g wesen sein, wo noch die Ritter auf dem Zindelstein dort g’haust habe, von denen einer als Kreuzfahrer ins Heilige Land zogen ist und hernach den große Karfunkelstein heimbracht hat. In dunklen Nächte, heißt es, hab er ihn zuweilen auf die Ringmauer g’legt, daß es weit naus ins Tal gezündet hab; und deswegen soll das Schloß den Name Zindelstein bekomme habe.“ –

Der Forbachklaus erzählt auch Geschichten zum Zindelstein und dem Karfunkelstein. Hiernach zog ein Kreuzfahrer von Zindelstein ins Heilige Land und kehrte mit dem Karfunkelstein zurück. Diesen legte der Ritter auf die Ringmauer und das Zündeln erhellte das ganze Bregtal und gab der Burg ihren Namen. Die Geschichten sind in der 1. Version des Buches besser erklärt.

Ruine Zindelstein etwa 1970

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
ruckt alles witers, alles chunnt und goht.

Johann Peter Hebel

Auch vom bösen Grafen auf dem Hammerschloß erzählte der Klaus den Kindern, der vor den rebellischen Bauern die Flucht ergriffen und – damit sie seine Spur nicht finden sollten – seinem Gaul die Eisen verkehrt hab aufnageln lassen. –

Zur Geschichte vom bösen Grafen auf dem Hammerschloß konnte mir Dr. Jörg Martin erhellendes berichten:

Ausführlich wußte er auch zu berichten von den sieben Schwestern von Vöhrenbach und vom Wunderkirchlein, in das die Fräulein vor den wilden Hunnen sich geflüchtet und aus welchem stets noch nächtlicherweile Harfengetön und Gesang erklingen soll.

Die Geschichte von den sieben Schwestern von Vöhrenbach und dem Wunderkirchlein läßt sich auf Wikipedia nachlesen.

Zuweilen war es auch die Hütte Stoffels, wohin das Paar seine Schritte lenkte. Als Hieronymus diesen alten Forstknecht zum erstenmal wieder seit seiner Ankunft aus der Amtstadt sah, erzählte er ihm, der Vetter Feldwaibel hab ihm gesagt, daß im vorigen Herbst der Kuhhirt von Hüfingen um zehn Pfund Wachs gebüßt worden sei, weil ihm der Wolf eine Kuh zerrissen hab.
– Der Alte lachte. „ Was man jetzt für en Aufhebens macht“, sagte er, » wenn sich mal so ne Bestie blicke laßt. Zu meiner Zeit ist es gar nix Seltenes g’wesen. Hab, als ich noch Knecht beim Oberförster g’wesen bin, in einer Nacht oft zwei bis drei g’sehe, wenn wir im Winter vor der Hütte das Schalmenfleisch g’legt habe.“

Florentina dankte Gott, daß diese Tiere seltener geworden. Hieronymus aber versicherte sie, daß, sollte je einmal ein Wolf daherkommen, er dem Luder mit seinem Stock gewiß den Garaus machen werde.

Der letzte Wolf wurde auf der Baar 1805 bei Bachzimmern erlegt. So war wohl die Kuh bei Hüfingen das letzte Tier das vom Wolf gerissen wurde. Was es allerdings mit den zehn Pfund Wachs auf sich hat, kann ich nur erahnen. So musste der Hirte für sein Versagen die Kuh zu schützen, wohl Wachs für Kerzen besorgen?

Oft leisteten sie dem Stoffel auch Gesellschaft, wenn dieser in der erlenbeschatteten Bregach mit dem Forellenfang sich beschäftigte, wobei sie ihm gerne behilflich waren, während das ihrer Hut anvertraute Vieh, zerstreut weidend, in den üppigen Wiesen und Gründen umherlief.

Bei Sturm und Gewitter flüchteten sie unter die hohen, überhängenden Felsen des Tiersteins und lagerten sich unter seinem schwärzlich angerauchten Gestein, wo die Vaganten oft kochend übernachteten. – Nicht selten verschanzten sich die Kleinen auch im verfallenen Gemäuer des einsamen Zindelsteins. – Stille, klare Herbsttage verbrachten sie unter den hohen Tannen des Weißwaldes, wo einzelne Stellen eine weite Aussicht gewährten, bis hinaus zu den Schneebergen der Schweiz. – Wenn sie dann so in der Wildnis, um das glimmende Feuer gelagert, einander ihre geheimsten Herzenswünsche in jugendlicher Lebensfreude offenbarten, kam das Gespräch auf allerlei, in der Nähe und Ferne, Gegenwärtiges und Zukünftiges.

Tierstein

„Wenn du wünschen könntest, was du wolltest, was tätest du dir wünschen?“ fragte ihn einmal das Mädchen.
„Ich? Wenn ich emal groß bin, möcht ich ein Ritter sein, wie der vom Zindelstein einer g’wesen ist; da würd ich fortziehen ins Morgenland, und wenn ich heimkäm, brächt ich dir auch so ein‘ Karfunkel mit, wie der g‘ wesen ist, von dem der Klaus erzählt.“
„Ja“, sagte Florentina, ,weit, weit im Meer, da ist ein Felsen von Karfunkelstein, so groß fast wie der Tierstein; es kommt aber nur wunderselten ein Schiff dazu. Da müßtest du ja ein Schiffsmann sein.“ „Ein Schiffsmann möcht ich kein‘ sein“, entgegnete Hieronymus; „lieber möcht ich ein rechter Maler sein, so geschickt, daß mich der Kaiser an sein‘ Hof berufe tät. „
„Oh, du bist ja schon ein rechter Maler“, meinte Florentina. „Du kannst’s ja fast schon besser als dein Vater. Der kann ja nur Kästen anstreichen und Herrgöttle anmalen; du aber kannst ja schon ganze Bildle malen auf Papier!“
„Hab’s früher au g’meint, daß ich was könn“, entgegnete Hieronymus.
„Seitdem ich aber im Hüfinger Schloß g‘ wesen bin und die Gemäld‘ und andere schöne Sache g’sehn hab, weiß ich, daß ich noch gar nix kann. Wollt nur, du wärst bei mir g‘ wese – hab allewil bei mir selber denkt, wenn nur au die Florentine da wär!“ – Und dann erzählte er der Freundin ausführlich von all jener Pracht und Herrlichkeit, erzählte ihr auch von dem vornehmen, hübsch frisierten Herrenkind im Garten des Vetters, welches zuletzt noch seine gute Freundin geworden usw. – Das war denn freilich eine Welt, von der Florentina, die noch nie aus ihrem Tal herausgekommen, sich kaum eine Vorstellung machen konnte. – Wenn hernach der Tag sich neigte, der Abendstern schon über’m Bergwald flimmerte, und aus dem Tal das Betglöcklein wie eine Stimme aus der Heimat ertönte und die zerstreuten Menschen sich zu sammeln ermahnte, falteten auch sie die Hände zum Gebet.

Manchmal gab es auch größere Gesellschaften, wenn andere Hirten oder Kinder mit Lesholz, mit Körbchen voll Heidel- oder Wacholderbeeren aus dem Wald daherkamen und ein Stündchen sich hier niederließen. – Dann wurden Spiele gemacht; die Mädchen, gesondert, zählten an in fremdklingenden Lauten oder mit deutschen Sprüchlein.

Bei den Buben ging’s gewöhnlich wilder zu. Und hatte man genug ausgetobt und ausgespielt, so scharte man sich zusammen, die Mädchen unter der großen Tanne dort, die mit ihren fast bis auf den Boden reichenden Ästen ein förmliches Dach bildete.

„Wir wollen eins singen!“ heißt es, nachdem alle Platz genommen.
„Was für eins?“
„Es war einmal ein junger Knab'“, schlägt Juliana vor.
„Das mag ich nit“, sagt Florentina, „weil es allewil dabei heißt: das Trauern nimmt kein Ende mehr! – Lieber ein lustiges: Es reist ein Bettelmann aus Ungarn daher.“
„Nein!“ sagt ein anderes. „Lieber noch: Schlaf ein! Schlaf ein, mein Kindelein! Wo wird der Reiter, dein Vater sein? Wo suche, wo finde, wo finde?“ „O je! das alte Wiegelied!“ fällt Florentina ein. „Wißt ihr was? Jetzt singe wir das Lied vom Grafen und der Nonne.“
„Ja, gelt“, unterbricht sie schnippisch ein drittes, „das singst du nur so gern, weil’s heißt:
Ei, Jungfer, wärt‘ Ihr ein wenig reich, Fürwahr, ich wollt Euch nehmen, Fürwahr, ich wollt Euch nehmen: Wir sähten einander gleich.
Endlich nach vielem Hin- und Herreden werden sie einig, und ein altesWeihnachtsliedchen wird angestimmt:

„Inmitten der Nacht,
Die Hirten erwacht,
Die englischen Stimmen
Das Gloria singen,
Die himmlische Schar:
Geboren Gott war.

Die Hirten im Feld,
Die laufen’s so schnell;
Vor Rennen und Laufen
Kann keiner mehr schnaufen,
Dem Krippelein zue,
Der Hirt und der Bue!“

Jetzt aber fahren die Buben dazwischen – und alles hat ein End‘. Die Buben haben nämlich, während die Mädchen ihre Liedlein probiert, oben am Rain sich niedergelassen, dort bei der alten Eiche, wo eine förmliche kleine Küche mit Herd und Rauchfang im trockenen Boden ausgehöhlt zu sehen ist. Bald ist ein Feuer angefacht; Hieronymus zieht ein irdenes Schüsselein aus seinem Zwillichsack, Dionys hat Schlehen mitgebracht, die im Schmalz geschmort werden sollen. Romulus bringt Speck, der, in Stücke geschnitten, überm Feuer gebraten und dann zum Schwarzbrot mit beneidenswertem Appetit verzehrt wird.

Unterdessen sind die Nebel, welche oben am Walde gelagert, gewichen, sie ziehen ab in einzelnen Fetzen und Dunstgestalten. Ein plötzlicher Windstoß saust durch die Tannen und raschelt im dürren Heidegras, das Vieh rennt verscheucht aus den Hürsten, und ein mutwilliger Bub ruft: „der Landenberger! der Landenberger!“ Ein anderer rennt zur großen Tanne, unter welcher die singenden Mädchen wie die Küchlein unter den Flügeln der Henne sitzen, und schreit hinein: „der Landenberger kommt!“ Und kreischend fährt der Kreis auseinander; und eins will das andere bereden, es habe den bösen Vogt gesehen im flatternden Mantel ohne Kopf durchs Gebüsch reiten.

Zur Geschichte vom bösen Grafen Ladenberger auf dem Hammerschloß konnte mir Dr. Jörg Martin ebenfalls erhellendes berichten:

Gerne zogen die kleinen Nomaden auch den Landfahrern nach, wenn diese auf Waldblößen lagerten, spengelten und Kessel flickten, während ihre Weiber bettelnd in den Ortschaften und Gehöften umherzogen. Der Lange Hans, wenn er bei guter Laune war, spielte ihnen dann die lustigsten Stücklein und „Hopper“ auf, nach welchen sie so lange tanzten und sprangen, bis irgendein Geschrei mit Rauferei entstand, wozu die Vagantenkinder immer sehr aufgelegt waren. Der Lange aber, eine strenge Kinderzucht führend, fuhr alsdann nach einigem Zusehen dazwischen und erteilte seinem eigenen Fleisch und Blut mit einer alten ledernen Säbelscheide eine derbe Lektion mit den Worten: „Habt’s mit euers Gatting!“ – womit er sagen wollte, ein jeder solle sich zu seinesgleichen halten.

Sehr oft befand sich Hieronymus auch allein, ein unumschränkter Regent seiner Herde, ein Fürst des Waldes und der Trift. – Wenn er dann, im Grase liegend, hinaufschaute in das blaue Meer des Himmels, in welchem einzelne lichte Wölkchen wie Kähne dahinzogen – so träumte er sich hinaus in die Welt, in die Fremde, sah sich zurückkehren nach Jahren in das Vaterhaus, als ein Mann, glücklich und geehrt von Bekannten und Freunden. – Dann sprang er auf aus der Ruh, bestieg den höchsten Fels und schaute hinab ins Tal – und es war ihm so wohl, so fröhlich ums Herz, daß er mit einem weithin schallenden Jauchzer sein Glück den Bergen und Wäldern verkünden mußte.

Wer wollte es unsern Hirtenkindern verdenken, wenn sie wünschten, das ungebundene Leben in Feld und Wald möchte noch lange, recht lange kein Ende nehmen? – Dennoch begrüßten sie wieder mit einer anderen Art von Behagen den ersten Schnee, die ersten Stürme, welche Menschen und Vieh zurück in ihre Wohnungen trieben. Für Hieronymus brachte der Winter manch freie Stunde, während welcher er dem Vater beim Schreinern und Bäscheln helfen oder seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Zeichnen und Malen, obliegen durfte.

Auch in diesem Kapitel begegnen uns wieder die Landfahrer. Der Lange Hans bringt hier auf den Punkt was damals für alle gegolten hat:

Habt`s mit euers Gatting!

Das Bruderkirchlein und die Familie des Köhlers
Beim rauchenden Meiler

Mehr dazu auch von Wolf Hockenjos:

Hieronymus und der Wald

Hier geht’s zur Übersicht:

Hieronymus Das Buch Von Lucian Reich 1858

Mehr zum Hieronymus gibt es hier:

Der Hüfinger Künstlerkreis

Johann Nepomuk Heinemanns „Hieronymus“

Besuche aus der Heimat
Zur Erntezeit
Die Fastnacht

Vierzehntes Kapitel gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich


E freude Stund e guti Stund,
s’ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.

>Johann Peter Hebel

Besuche aus der Heimat – Zur Erntezeit – Die Fastnacht

Der nahende Herbst hatte unserem Hieronymus mehrere Besuche von zu Hause gebracht, erst den Vater und die Mutter, welche kamen, nach des Lehrlings Tun und Treiben und nach der Zufriedenheit des Meisters sich zu erkundigen. Dionys, des Stabhalters Sohn, war sogar später bei ihm über Nacht geblieben und hatte mit ihm das Lager geteilt. Er hatte ihm verschiedene Grüße ausgerichtet und Neuigkeiten erzählt aus der Heimat, worunter die interessanteste gewesen, daß die Florentine immer vollkommener und schöner werde. Von sich selber konnte der junge Handelsmann sagen, daß, ohne Rühmens, sein Geschäft prächtig floriere, und daß auf dem ganzen Wald kein Geschäftsmann zu finden sei, dem mehr Geld durch die Hand laufe als ihm und seinem Vater.

Die Eltern des Hieronymus waren hoch erfreut über das gute Zeugnis, welches der Meister seinem Lehrling ausgestellt, nach Hause zurückgekehrt. Denn auch der Feldwaibel hatte ihnen halb scherzhaft die Versicherung gegeben, daß er, als Beistand, bis jetzt noch nicht den mindesten Grund gehabt, hinsichtlich der geleisteten Bürgschaft irgendwie in Sorgen zu sein.

Nicht nur im eigentlichen Geschäft, auch bei Feldarbeiten griff Hieronymus wacker ein, wobei er – dank der Erziehung daheim – in allen Sätteln sich gerecht erzeigte. – Als sein Meister, der nebenbei auch Feldbau betrieb, zur Erntezeit einmal eines Garbenbinders wegen sehr in Verlegenheit war, erbot sich der Lehrling zur Verrichtung dieses sonst nur geübten Männern anvertrauten Geschäftes. Der Meister schüttelte anfangs ungläubig den Kopf; jener aber ergriff alsbald den Bindnagel, holte aus dem Stadtbächlein die dort zum Einweichen eingelegten „Wieden“, die Magd nahm den „Schaub“ auf den Kopf, die mit frischem Wasser gefüllte „Lägel* an den Arm, und die Meisterin ging zum Antragen mit. Und siehe da – Hieronymus band die hundert Korngarben so regelrecht, wie es der geschickteste Oberknecht nicht hätte besser machen können.

Ebenso willig und gewandt zeigte er sich als Mäher. Frühmorgens, wenn kaum der erste Wachtelschlag den anbrechenden Tag verkündete, schritt er mit andern zum Tor hinaus, die Sense oder das Räff (zum Mähen der Mischelfrucht) über der Schulter, das hölzerne „Futterfäßle“ mit dem Wetzstein hinten am ledernen Gurt befestigt. Und kam er nach vollbrachter Arbeit abends heim, und waren Suppe und Sauermilch verspeist, so nahm er ungeheißen wieder das „Dangelgeschirr“ zur Hand und dengelte, auf einem Holzblock vor dem Scheuertor sitzend, mit den Nachbarn lustig um die Wette. – War dieses Geschäft besorgt und hatte er am Brunnen sich gewaschen, dann erst konnte er sich Ruhe gönnen, indem er sich ein Stündchen noch zur Familie setzte, auf das Bänklein vor dem Haus.

Wie zur Winterszeit gewisse Stuben und Stüblein Sammelorte waren für nachbarliche Abendgesellschaften, so waren es im Sommer die Bänklein vor den Häusern, bei welchen die Freunde in und außer dem Haus sich zu versammeln pflegten.

Erforderten unter der Woche die Erntearbeiten ein frühes Schlafengehen, um morgens wieder zeitig bei der Hand zu sein, so fiel diese Rücksicht am Samstagabend sowie vor einem Feiertag natürlich weg. – Da saßen sie denn oft bis Mitternacht, hemdärmelig, barhäuptig unter dem Himmel voll Sternengefunkel und Wetterleuchten, während im offenstehenden Haus nichts sich regte als das Heimchen und der laute Schlag der Wanduhr in der Stube. – Es hörte sich angenehm zu, dem Gesang der fremden Schnitter und Schnitterinnen, die in Gruppen vor dem Haus des Bauers dort noch ein Stündchen sich verkühlen lassen wollten. Und war auch der Oberamtsrat ein gestrenger Herr, so konnte es ihm doch entfernt nicht einfallen, den Schnittersleuten das Singen überhaupt verbieten zu wollen, wie dies ein halbes Säkulum später von einer nahen Amtsstadt aus geschehen sein soll.

Da es dem fruchtreichen Gau zur Erntezeit an Arbeitskräften fehlt, so kam – wie heute noch – regelmäßig Aushilfe vom benachbarten Heuberg oder von den nächsten Schweizerorten daher, jede Schar unter der Obhut eines besonderen Schnittmeisters. Auch Kinder mit Säcklein zum Ährenlesen waren dabei. War ein Großbauer nicht ganz von der filzigen Sorte, so ließ es sein in diesem Punkte löblicher Stolz gewiß nicht zu, seinem Gesinde das Zusammenrechen hinter dem Garbenbinden her zu gestatten. – Das Verzettelte sollte eben lediglich den Armen gehören.

Bevor es ganz einwinterte, war unserm jungen Freunde noch ein unverhofftes Zusammentreffen vorbehalten. Die Heugabel auf der Schulter, war er mit dem Meister und seinen Leuten zum oberen Tor hinausgeschritten, auf der Schlehwiese noch einiges Ohmdgras einzuheimsen, als von dem Wege, welcher nach dem Roten Rain führt, ein wohlbekannter Pfiff sein Ohr traf.

Das Zeichen kam von einem Patrone, welcher auch dem Leser nicht zum erstenmal vor die Augen tritt. Der Kommende trug über der Schulter, an einem glattgeschälten, äpfelbaumenen Stock, eine Anzahl Vogelkäfige, unter dem Arme, in ein hochrotes Nastuch gewickelt, eine Geige; die kurzen, hellgrün gestreiften Beinkleider waren am Knie mit flatternden Bändeln befestigt; über dem rot und gelb getupften „Leible“ glänzte eine herzförmige silberne Busennadel zum Anheften des leicht geschlungenen Halstüchleins.

Ein breiter Filzhut mit Pfauenfedern und ein zinnener Schlagring mit schwerem Knopfe am kleinen Finger der rechten Hand, womit schon manche Stirn und Nase blau oder rot gesiegelt worden, vollendeten das Kostüm eines Landfahrers; und daß es der Lange Hans sei, bedurfte für Hieronymus keines zweiten Blickes. Er war, vom Walde kommend, seiner Bande vorangeschritten, die Baar der Kirchweih willen zu besuchen.

„Auf e paar Wörtle!“ raunte er dem stehengebliebenen Hieronymus zu, indem er ihn etwas auf die Seite nahm. „Der Zufall hot mer ‚en Gang verspart; schau“, sagte er geheimnisvoll, als sie allein waren, „di haun i grad aufsuche wölle!“
-„Ihr kommt von daheim?“ fragte Hieronymus. „Es sind doch alle g’sund und wohl?“
„Alls g’sund und wohl!“ bestätigte der Lange. „Schau! Du woißt gar nit, was de for e Glückskind bist, Gott soll mi leaba lau – wenn’s nit wohr ist. Schau, i hau der no e b’sundere Gruß ausz richte von enere G’wisse – de kennst mi scho – Hieronymus!“ lispelte er verschmitzt, „schau, i hau der was z’bringen; i kenn reiche Bauresöhn, en Finger vo der Hand gäbet si drum, wenn ihne so was passiere tät; roht, was haun i do, Männle?“ Mit diesen Worten zog er ein Päcklein aus der Rocktasche.
„Ihr macht Spaß, Hans“, meinte Hieronymus, mit forschendem Blick auf den Langen.
„Koi bißle!“ versetzte dieser. – „Schau, i will di nit lang im Wunder lau -’s Laubhauserbaure Töchterle hot mer auftrage, i soll di schäa grüeße – und do schickt dir das Dundersmädle ne Krämle – i haun ihr’s sealber b’sorge müesse auf’m Vöhrebacher Johrmärkt; i hau scho lang g’merkt, wo Barthle de Most holt!“ Dem jungen Burschen war das Blut ins Angesicht geschossen; der Lange hatte ihm das Päcklein überreicht. Der Empfänger aber war unwillkürlich mit der Hand in die Tasche gefahren, als wollte er den wohlverdienten Botenlohn herauslangen. „Hans“, sagte er nach einigem scheinbaren Grübeln, „ich hab kein Münz, wenn Ihr aber nach der Kirchweih wieder bei mir einspreche wollt „
„Hot nix z’sage, Hieronymus! Schau, i bin die best Seel im ganze Ländle, und wenn i nor älle Leuta healfa könnt – als Menschefreund – beim Dunder, tät’s!“ – Bei diesen Worten hatte der Landfahrer seinen Hut aufs linke Ohr gedrückt; „mer schwätze noch später mit’nander von deare Sach – adjes!“ sagte er, mit einem Händedruck und streifte im Fortgehen ein Blatt vom nahen Weidenbusche, um darauf die Melodie des Liedes: „Und du kennst mi au mit“ zu pfeifen. Hieronymus aber eilte rasch seinen Leuten nach.

Das Ohmd auf der Wiese war bald in Schober gehäufelt, und der Lehrling erhielt vom Meister die Weisung, auf den Fuhrmann zu warten. Kaum sah der Zurückgebliebene sich allein, als er, aufs duftige Ohmdgras niedergelassen, sein Päcklein bedächtig und nicht ohne einige Beklommenheit öffnete. – Ein schwarzseidenes Halstuch mit roten Zipfeln fiel ihm in die Augen, dabei ein Schreiben von seiner ehemaligen Schülerin: Dieses wenige, schrieb sie, schicke sie ihm für den Kleiderkasten, den er ihr so schön renoviert und für welchen sie ihm noch nichts habe geben können. „Mich und Deine Mutter“, schloß der Brief, „dunkt es schon eine halbe Ewigkeit, seit Du fort bist, und wir reden oft von Dir und hat Dich noch keins vergessen, und wenn wir beten, beten wir auch für Dich.“ – Unten am Rande des Schreibens hatte die Briefstellerin noch ein Verslein beigesetzt:

„So viel Tröpflein in dem Meer,
So viel Sandkörnlein hin und her,
Als Blatt und Früchten an Bäumen sein,
Als Strahlen hat der Sonnenschein,
Als Gras und Kraut die Erde tragt,
Als Stern und Geist der Himmel hat,
So viel hunderttausend Mal seist Du gegrüßt.“

Er lag noch lange träumerisch auf dem weichen Lager und schaute aufwärts in die Luft. In den abgemähten Stoppeln zirpten die Grillen ihr eintöniges Lied, und von den nahen Schlehenbüschen zitterten vergilbte Blätter schon herbstlich zu Boden, aber Hieronymus war es zumute, als breche eben der Frühling an mit all seinen Knospen und Blüten; und wenn er hinüberschaute nach den dunkelblauen Höhenzügen des Schwarzwaldes, wo der Rauch von den Kohlenmeilern wie Säulen in die stille Luft aufstieg und das ferne Rufen und Singen vereinzelter Hirten in den Wiesen umher durch die Landschaft klang – so glaubte er tausend Grüße zu vernehmen aus der Heimat.

Der Fuhrmann war gekommen, der Wagen geladen, und der Glückliche bestieg ihn, um mit dem Hochgefühl eines Siegers durch das Tor in die Stadt einzuziehen. Die Winternebel lagen auf der Landschaft, und schon hatte es der Lehrling so weit gebracht, daß ihn sein Meister für würdig hielt, einen erst kürzlich entdeckten Grundpfeiler der bildenden Kunst kennenzulernen. Es war , die durch Vereinigung der Natur und Kunst auf den rechten Grund und Grad der Vollkommenheit gesetzte Zeichnungswissenschaft oder Proportion der Figuren von der Geburt bis zum vierundzwanzigsten Jünglingsalter«. Ein Werk, worin, beiläufig gesagt, die leibliche Gestalt des Menschen mit ebensoviel Sicherheit und Scharfsinn ausgemessen war wie seine geistige Natur in gewissen philosophischen Abhandlungen der alten und neuen Zeit. – Hieronymus brachte das Heft oft zu seinem Freunde Severin, wo die beiden im warmen Stüblein manche Mußestunde mit Zeichnen und Tuschen zubrachten.

Unter solchen Beschäftigungen verging der Winter; Advent, Weihnachten, der Neujahrstag waren vorüber sowie der Dreikönigstag; und man näherte sich der Zeit, von welcher es heißt: Lichtmeß bei Tag eß, das Spinnen vergeß. – Die Fastnacht fiel heuer ziemlich frühe, und Hieronymus freute sich, das ungewohnte Leben und Treiben dieser Tage einmal mit ansehen zu können.

Bereits einige Tage vor dem „schmutzigen Donnerstag“ , dem ersten der drei Narrentage, sah man allabendlich die Gassenjugend vor dem Untertor versammelt, wo der Baptistle, ihr Liebling, wohnte. – Welch ein Jubel und Geschrei, wenn bald da, bald dort an einem Fensterlein des Tores der Kopf des närrischen Kauzes in wunderlicher Grimasse, ähnlich dem Lällekönig zu Basel, zum Vorschein kam – oder wenn eine Hand herausfuhr, welche Wolken von Puder unter den Haufen streute – oder wenn durch irgendeinen Spalt des alten Gebäudes plötzlich eine große Schlange unter das jugendliche Publikum raschelte, die, ehe sie erhascht werden konnte, ebenso schnell wieder oben verschwand.

Baptistle bewohnte sein Torstüblein, wie Diogenes sein Faß, in Armut, aber in philosophischer Geringschätzung alles dessen, was die Menschen irdische Güter und Schätze zu nennen pflegen. – Hinter dem grünen Kachelofen lagen in bunten Haufen seine Narrenkleider, zusammengeflickte Fetzen, seltsame wunderliche Trachten, welche ihm in Ermangelung eines Bettes das ganze Jahr hindurch zum Lager dienen mußten, weshalb er auch zu sagen pflegte: es gehe nichts über ein Federbett, er habe nur eine einzige Feder darin und schlafe herrlich wie ein König, wie gut müßten erst diejenigen schlafen, die viele darin hätten. Eine gräuliche, an vielen Stellen schon geflickte Riesenschlange nebst einem ausgestopften Kalb, dessen Kopf und Hinterteil einst vergoldet gewesen, teilten mit dem närrischen Patron den engen Stubenraum. – Es war dieses Getier das einzige, was er aus der Erbschaft seiner seligen Großmutter als wünschenswert an sic gezogen, und stammte ursprünglich aus einer Zeit, in welcher man für gut gefunden, moralisch-deklamatorische Aufzüge statt der altväterischen Fastnachtspossen dem Volke zur Erbauung vorzuführen. „Ludendo corrigo mores!“ lautete das Motto auf einem noch vorhandenen Programm. Bei solch einem Umzug, wobei in Begleitung von Instrumental- und Vokalmusik die sieben Todsünden dargestellt wurden und wobei auch die Großmutter des Baptistle mitgewirkt hatte, dienten jene Tiere als symbolische Beigaben.

Wenn unser moderner Diogenes auch keinen eigentlichen Lebenszweck zu kennen schien, denn seine Narrheit war rein um ihrer selbst willen da, und grünte, um zu grünen, wie das Semper vivum, so war er doch in Wirklichkeit nicht ohne Sorgen. Diese aber bestanden nicht etwa darin, daß er sich gekümmert hätte, was er wohl morgen essen werde (dafür ließ der Philosoph unsern Herrgott und gute Leute sorgen), sein Sinn bezog sich lediglich auf die Instandhaltung und zweckmäßige Vermehrung seiner Narrengarderobe. – Ein Geschäft, welches, wenn auch unbewußt, von manch andern, sich weise dünkenden Menschenkindern ebenso sorgsam gepflegt wird!

Sah unser Baptistle eine schön geputzte Person in neuen Kleidern über die Gasse gehen, so konnte man sicher sein, daß der Narr alsbald bei jener seine Aufwartung machte, bittend um einige Abfälle von dem neuen Prachtgewande; ja, ich glaube, wäre ein neuer Alexander vor ihn hingetreten mit der Aufforderung: eine Gnade sich zu erbitten – Baptistle hätte nur um einen einzigen Zipfel des königlichen Purpurs gebeten, um damit seine Narrenjacke zu flicken!

Einmal war allgemeine Landestrauer und das Narrenlaufen von Amts wegen verboten; man mußte sich, wenn auch ungern, fügen. Baptistle aber vermochte es nicht zu überwinden, daß sein Dichten und Trachten eines ganzen Jahres, gerade als er die Früchte davon zu ernten vermeinte, verkümmert und vernichtet werden sollte. Er ging, dem Herrn Amtsrat seine untertänigste Aufwartung zu machen und demütigst die Bitte vorzutragen: ob es ihm nicht wenigstens gestattet werden möchte, maskiert den Kopf durch das Fenster zu stecken? – Dies allenfalls konnte, unbeschadet des Ansehens der obrigkeitlichen Verfügung, verwilligt werden. – Mit vielen Bücklingen nahm Baptistle die gnädigste Erlaubnis entgegen, und mit schmunzelnder Miene sah man ihn seinem Stüblein zuschreiten.

Des anderen Morgens, am Schmutzigen Donnerstag, als der Herr Rat in Seelenruhe sein Pfeifchen zum Fenster herausschmauchte, denn die Frau Rätin liebte den Qualm im Zimmer nicht, entsteht gewaltiger Rumor auf der Gasse; der Stadtknecht stürzt zur Tür herein: „Der Baptistle“, berichtet er atemlos, „erfrecht sich – narrenzulaufen!“
„Augenblicklich her mit ihm“, befiehlt mit zornglühendem Antlitz der Rat. – Und man führt den Kontravenienten vor den gestrengen Herrn. – Baptistle hatte sein stattliches Narrenhäß angetan und ein Schiebfenster als Halskragen über den Kopf gestülpt.

Überrascht starrt der Amtmann bald den Baptistle, bald dessen seltsame Halskrause an, dann aber fährt er heraus: „ Wer hat Ihm erlaubt?“
„Gestrenger Herr!“ entgegnete der Schalksnarr mit tiefer Reverenz, „haben mir ja Permission erteilt zum Maskieren und den Kopf zu meim‘ Fenster rausstrecken zu dürfen. – Das hier ist mein Stubenfenster, wo ich rausschau!“ — Ob diesem Gebaren war selbst richterlicher Ernst nicht mehr haltbar, und mit gnädigem Lächeln gab der Rat den Bescheid: „Für diesmal soll es Ihm hingehen, aber auf den Gassen laß er sich hinfüro nicht mehr blicken – verstanden?“ Der Baptistle geht.

Aber am zweiten Fastnachtstag erblicken die Einwohner des Städtleins oben am Schellenberger Wald ein seltsames Schauspiel. – Es war unser Eulenspiegel mit der Schuljugend, welcher eingedenk der Worte des Stadtgebieters: sich nicht mehr auf der Gasse blicken zu lassen, das freie Feld zum Tummelplatz seiner Narrenstreiche gewählt hatte.

Aus diesem Vorgang hätte der Herr Rat wohl merken können, daß man einen tief gewurzelten Baum nicht wohl ausreißen kann, ohne daß einige Würzelein und Zäserchen zurückbleiben, welche von neuem ausschlagen.

Als diesmal der erste Fastnachtsmorgen angebrochen, hatte sich gleich nach dem Gottesdienste wieder die ganze Kinderschar vor dem Untertor versammelt. – Als der Held nicht alsogleich erscheinen wollte, erhob sich wie bei einem Theaterpublikum Lärm und Spektakel. – Endlich rumpelt es auf der Stiege – Baptistle erscheint – und zwar in der Gestalt eines „Eselsreiters“. – Unter dem scheckigen Waffenröcklein schaut der hölzerne Kopf des Langohrs hervor, auf welchem der Ritter, im Sattel sitzend und die Zügel in der Hand, zu reiten scheint, während auf der Kehrseite Schwanz und Hinterteil des Tierleins zu schauen sind. Über der Schulter hängt die ausgestopfte Kälberhaut, eine malerische Beigabe, die ihrem Träger beinahe das Ansehen eines in die Neuzeit übersetzten Herkules verlieh.

Donnernder Jubelruf erschallt beim Anblick des Heros, der, seiner Rosinante die Sporen gebend, kühn unter den Haufen sprengt – fort bewegt sich der Troß -, während der Ritter, wie Zeus seine Blitze auf verweglich nahende Sterbliche, sein an einem Stricke befestigtes Kalb den neckenden Buben stäubend auf den Rücken schleudert. Gaß auf, Gaß ab, durch Dick und Dünn geht der Ritt, und die begleitende Schar, blau vor Zeter und Rennen, läßt im Chorus die Narrenverslein erschallen:

Alle Vöglele singet so hell
Bis am Samstig z’Obed!
Alle Meideli hättest mi gern,
O! wie bin i ploget!
Narroh!

Hideli, hädele, hinterm Städtlele
Hät en Bettelma Hochzit,
Es giget e Müüsli,
Es tanzet e Lüüsli,
Es schlagt en Igeli Trumme,
Alle Tierli, wo Wädeli hond,
Sollet zur Hochzit kumme!
Narroh!

Somit war die Fastnacht eröffnet, dem Faß der Zapfen ausgestoßen, und nach dem Sprichwort: „ein Narr macht hundert“, ließ sich mancher vorher unentschlossene Geselle bewegen, einzusteigen ins allgemeine Narrenschiff und die zwei- oder dreitägige Lustfahrt mitzumachen.

Doch sehen wir uns gelegentlich auch einmal nach unserm Lehrling um, welche Rolle denn dieser gespielt. Wenn es schwer ist, in solch bewegtem Durcheinander den einzelnen im Auge zu behalten, so darf doch als gewiß angenommen werden, daß Hieronymus weder unter den Maskierten noch auf dem Tanzboden zu finden gewesen; denn unsere Voreltern hatten den einfältigen Glauben, daß einem Lehrjungen (so wie auch einem Schulpflichtigen) noch keine Stelle allda gebühre, und daß ein solcher, dort betroffen, von Meistern und Gesellen nach Haus gejagt zu werden verdiene. Deshalb dürfen wir mit gutem Grund annehmen, daß er unter den Zuschauern sich befunden, ein Platz, der diesmal besonders ergötzlich gewesen sein mochte.

Es waren zu jener Zeit die alten, etwas in Abgang gekommenen Nationalmasken, die „Hansel“, oder wie sie auch heißen, die „Narro“ wieder in Aufnahme gekommen; denn weil Narrheit und Mode sozusagen Geschwisterkind sind, so unterliegt auch erstere dem Wechsel der Zeit und der Laune.

Das „Häß“ dieser Hansel war kurz vorher in der Werkstatt des Meisters Amtsdiener hübsch renoviert, d. h. bunt bemalt worden.

Der Hansel oder „Heine“, in den Städten Rottweil, Villingen, Donaueschingen und Hüfingen sowie in mannigfacher Abwechslung in der Seegegend heimisch, erscheint als ein Gemisch des altdeutschen Pickelhärings und des italienischen Pantalone. Eine große Holzlarve, „Scheme„, bedeckt das Gesicht, eine Kapuze mit hängendem Fuchsschwanz, zuweilen auch ein breiter Kragen, zieren Kopf und Hals. Die weite Jacke, die schlotterige Hose, beide von weißem Zwillich, bemalt mit Laubwerk und Figuren, und die kreuzweis übergehängten Riemen mit schweren metallenen Schellen sind die Kleidung des Hansels. – Als Waffe schwingt er den hölzernen Flamberg oder die Pritsche, oder er bedient sich der weit ausgreifenden „Narrenscher“. – In allen Häusern ist ihm Zutritt gestattet; und hat er hier die Bolzen seines Witzes verschossen oder gestrehlt, wie die Villinger sagen – so betritt er sein eigentliches Lustrevier, die Gasse, wo die dankbare Jugend seiner harrt -; und daß er ja in Gang und Haltung sich nicht verrate, bediente er sich des üblichen „Narrensprungs“, unnachahmlich jedem Hergelaufenen, d. h. Fremden.

Unser Bildchen soll eine solche Hanselsszene veranschaulichen. Gelockt von Apfelkorb und Bierkrug, umschwärmt ein tobender, schreiender, haschender Haufe den Hansel, fort geht es im Takte des Schellengeklingels, und aus hundert Kehlen erschallt es lustig:

I ha de Narr am Seile,
I han e recht erwischt;
I laß en nimme renne,
Bis d’Fasnet umen ischt!

Narro, Narro siebe sie,
Siebe, siebe Narro gsi;
Narro, Narro Gigeboge,
Was de seist, isch all’s verloge.
Narroh!

Nicht immer iedoch sind’s die alten Liedle, welche der jugendliche Troß dem „auswerfenden“ Hansel singt; manchmal bringt dieser ein neues, eigens auf bestimmte Persönlichkeiten oder Ereignisse gereimtes auf’s Tapet. – Erscheint er aber „nüchtern“, d. h. mit leeren Händen, dann muß er sich’s gefallen lassen, selbst die Zielscheibe des Spottes zu werden:

Hansele, due Lumpehund!
Häst nit g’wißt, daß d‘ Fasnet kummt?
Hättest ’s Muul mit Wasser g’riebe,
Wär der’s Geld im Beutel bliebe!
Narroh!

Dem guten Wälderkinde Hieronymus wollte das Tollen und Treiben des närrischen Theaters fast befremdlich vorkommen; ja, es war ihm anfangs unheimlich zumut, wenn ihn so ein schellenbehangener Narr auf der Straße anredete und er dann – in die finstern Augenhöhlen der großen, lächelnden Holzlarve blickend – nicht recht wußte, wie er den „hänselnden“, foppenden Ton des Schalkes passend erwidern sollte. Und da er, wie schon angedeutet – ohnedies als Lehrling zur Passivität verurteilt war, so entschloß er sich, die freie Zeit des letzten Fastnachtstages zu einem Besuch im stillen Dorfe der betagten Großeltern zu benützen. Des andern Tages, am Aschermittwoch, wollte er dann, über Villingen zurückkehrend, seinen Freund Severin aufsuchen, der dort im Wirtshaus „Zum Hecht“ jedesmal über diese Zeit bei der Tanzmusik mitwirkte. Die „Hecht“-Wirtin war die Patin des musikalischen Altgesellen, und dieser nicht der Mann, einem sich darbietenden Nebenverdienst so leicht den Rücken zu kehren.

Auch dort, in der alten vorderösterreichischen Reichsstadt, stand dazumal die Narrenzunft im höchsten Flor. Der erste Tag, der schmutzige Donnerstag, gehörte in Villingen ehedem ausschließlich der Schuljugend; da hatten die Buben das Recht, narrenzulaufen. Fiel es aber einem Jungen ein, auch an den folgenden Tagen maskiert unter die Erwachsenen sich zu mischen, so wurde er ergiffen und zur Abkühlung des allzu hitzigen Narrengeblüts in den nächsten Brunnen getaucht.

Die derben, mitunter anstößigen Späße und Possen der früheren Zeit, die rücksichtslosen Kundgebungen und verletzenden Persiflagen in Prosa und Versen sind überall verschwunden und haben löblicherweise einem harmloseren Humor das Feld eingeräumt; ebenso manche der unschönen, ständigen Figuren der alten Narrenbühne, wie zum Beispiel die „Hexe“ und der „ Wuest„, die es mit ihren Besen in der Hand lediglich auf Scharmützel mit den Gassen-buben abgesehen hatten, sowie auch der wild sich gebärdende „Butzesel*, der stets von einer Anzahl Narros begleitet sein mußte, die ihn mit Peitschenhieben von beliebten Angriffen auf das, namentlich ländliche, Publikum abzuhalten hatten.

Wueschtvater a.D. Roland Weißer

Als der Held unserer Erzählung, nachdem er bei den Großeltern übernachtet, am Aschermittwoch-Nachmittag die Stadt Villingen betrat und über den Marktplatz schritt, bemerkte er dort viele, müßig um ein schwarzes Gerüst herumstehende Leute, und weiterhin in einer Gasse sah er leidtragende Männer in schwarzen Ratsmänteln mit langen, flatternden Trauerflören daherkommen. – Schon wollte er einen Vorübergehenden fragen, was für eine vornehme Person denn begraben werden solle, als ihm einfiel, es werde wohl der alten Fastnacht gelten. Denn schon in Hüfingen hatte er gehört, daß heute auch dort die Fastnacht „begraben“ werden sollte.

Mit Severin, den er richtig noch im „Goldenen Hecht“ traf, konnte er sodann Zeuge sein von dieser, im Charakter damaliger Zeit liegenden (jetzt aber erfreulicherweise nicht mehr gebräuchlichen) Zeremonie. – Nachdem sie im Wirtshaus zusammen eine Flasche geleert und sich die von der Gotte „Hecht“-Wirtin zubereiteten Fastenküchle trefflich schmecken lassen, begaben sie sich auf den Marktplatz, wo man auf einer Art Sarkophag die irdischen Reste der Entschwundenen – in Gestalt eines mit Stroh ausgestopften Narros – bereits enthüllt auf dem Paradebett liegen sah.

Mittlerweile hatte der Zug sich gebildet. In den wunderlichsten An- und Aufzügen, eine antiquarische Blumenlese aus allen Gerümpelkammern des Orts, waren die Teilnehmer herbeigekommen, ohne Larven, nur mit bemalten oder berußten Gesichtern. Die Agnaten und nächsten Anverwandten der allerhöchst Vergangenen trugen alle schwarze Ratsmäntel, von welchen sich dazumal in jedem Hause mindestens ein Exemplar vorfand, weil kein Bürger ohne diesen Mantel vor Rat erscheinen durfte. – Unter lautem Wehklagen und Seufzen setzte sich der Kondukt in Bewegung, voran die Totengräber und der Standartenträger, hinter ihnen die von vier Narro getragene Bahre, dann sämtliche in Sack und Asche trauernden Zunftgenossen, und ganz zuletzt trippelte – als Hauptperson der Feierlichkeit – die „Leidfrau“, in einem Kostüm, wie die Hex vor Tag, wie man zu sagen pflegt. Aller Spott, alle schlechten Witze, gereimt und ungereimt, wurden von den das Geleite umschwärmenden Zuschauern auf die Leidfrau losgelassen, die in unbändigstem Schmerze sich die Haare ausraufte und ganze Fetzen aus ihrer antiken Gewandung riß.

Am meisten Spaß hatten Hieronymus und sein Begleiter an der Person des mit vielen hohen – nunmehr aber schwarzverschleierten Orden gezierten Hofastrologen der jüngst verwichenen Herrscherin, der gravitätisch unter den übrigen traurigen Hof- und Kammerlakaien einherschritt. Durch den oberen Teil einer Kunkel schaute der gelehrte chaldäische Doktor, wie durch ein Fernrohr, beständig nach den Sternen, als sollten dort – wie dies beim Tode mächtiger Potentaten schon der Fall gewesen sein soll – außerordentliche Zeichen und wichtige Ereignisse verkündende Konstellationen sich zeigen; und eben wollte er dem mutwilligen Publikum den nahe bevorstehenden Weltuntergang prophezeien, als er – zum nicht geringen Gelächter der Zuschauer – auf einer, durch das herrschende Tauwetter schlüpferig gewordenen Stelle ausglitschte und – ziemlich unsanft zunächst an seine eigene Hinfälligkeit erinnert wurde.

Das Ziel des Zuges war – eine bittere Ironie auf den Ausgang aller menschlichen Lust und Herrlichkeit – der große Dung- und Kehrichthaufen am Spital, der den Leichnam aufzunehmen bestimmt war. Große Eile hatte es übrigens damit nicht; denn überall, wo man unterwegs ein Wirtshaus traf, wurde haltgemacht und das grambeschwerte Herz mit der süßen Bacchusgabe zu erleichtern gesucht.

Am genannten Orte angekommen, ging sodann die Versenkung mit allerlei Parodien und einer Predigt vor sich – wobei manche alte Narren – wie Hieronymus und Severin zu bemerken glaubten – in ihrem Katzenjammer wirkliche Tränen vergossen – wahrscheinlich im betrübenden Gedanken an ihre so leicht gewordenen Geldbeutel und an die Buß- und Fastenpredigten, die ehelicherseits zu Hause ihrer warteten.

Unsere Schilderung aber sei mit dem bis auf den heutigen Tag noch gültigen Sprichworte geschlossen:

Würden alle Narren Kolben tragen, so würde das Holz teuer.


Drei Filme der Hüfinger Fasnet von 2015



Hier noch zum Vergleich ein Filmchen von 2014 mit Villinger Narros

Und weil es so schön passt hier noch der Hexensunntig in Bräunlingen 2011

Landfahrerleben
Heimreise

Hieronymus
Das Buch von Lucian Reich 1858

Der Hüfinger Künstlerkreis

Johann Nepomuk Heinemanns „Hieronymus“

Der Hänslehof und das Denkbuch von Lucian Reich 1896

Liebe Leserinnen und liebe Leser,
Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Momentan befinde ich mich noch im Jahr 1806 in Villingen bei den Benediktinern. Es ist für mich total faszinierend wie sich die Menschen und Ereignisse im frühen 19. Jahrhundert zusammen fügen und auch bis heute noch so Vieles von unserem Denken und Tun beeinflussen.

Ganz neu habe ich in der Badischen Heimat einen Beitrag über den Hänslihof aus dem Jahr 1938 entdeckt. Der Hof ist im Dezember 1985 vollständig abgebrannt und eigentlich war alles verloren geglaubt. Nicht ganz. Weil es gibt diesen wunderbaren Artikel von Arnold Tschira. Die pdf von diesem unglaublich interessanten Artikel über das Elternhaus von Luzian Reich (07.01.1787- 18.12.1866) habe ich unten an geeigneter Stelle auch eingefügt.

Das Nützliche, das Schöne und unsere Wurzeln

Unsere Geschichte ist ein lebendiger Teil von uns und um so mehr wir darüber wissen, um so mehr verstehen wir, wie wir und unsere Zeitgenossen ticken. Auch in der Gegenwart wäre es wichtig, würden die Menschen hin schauen wo das Nützliche, Schöne und unsere Wurzeln liegen.

Das Denkbuch von Lucian Reich hat er 1896 in den Schriften der Baar veröffentlicht.

Die Schriften der Baar werden auf den Seiten des Baarvereins zur Verfügung gestellt.

In den Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar und der angrenzenden Landesteile in Donaueschingen stand 1896:


Der Ausschuß hat diese „Blätter“ des geehrten Verfassers gern veröffentlicht und ist überzeugt, daß sie nicht nur von seinen engeren Landsleuten gern werden gelesen, sondern auch allein schon wegen der vielen darin vorkommenden in der Literatur und Kunst bekannten Persönlichkeiten weitere Kreise interessieren werden.

Unten findet sich die Transkription vom Denkbuch in kursiv. Für die heutige Zeit habe ich es mit Bildern und Informationen ergänzt.

Blätter aus meinem Denkbuch.

Von Lucian Reich.

Die Großeltern — denn mit diesen muß ein richtiges biographisches Denkbuch beginnen — väterlicherseits sind mir nur aus frühester Jugend im Gedächtnis. Wir Kinder kamen nicht so oft mit ihnen zusammen.

Eltern von Xaver, Lucian und Elisabeth: 
Luzian Reich (07. 01.1787 – 18.12.1866) und Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866).
Großeltern von Xaver, Lucian und Elisabeth:
Mathias Reich (07.05.1754 – 24.11.1827) und Anastasia Buckin (23.12.1752-24.11.1824).
Franz Josef Schelble (12.02.1862-13.02.1835) und Katharina Götz (01.11.1760-04.04.1847).

Die Fahrt von Hüfingen nach Dürrheim war eine beschwerliche. Von Donaueschingen aus führte nur ein schlecht unterhaltener Karrenweg am Weiherhaus und seinem riesigen Schlagbaum, wo Weg- und Brückengeld erhoben wurde, vorbei durch die einsamen, von der Stillen Musel durchzogenen Weiherwiesen.

Karte von Martin Menradt etwa 1663
Foto: Dr. Jörg Martin FF Archiv
Landkarte der Baar 1620

Die Weiherwiese war früher ein fürstlicher Fischweiher nördlich von Donaueschingen am Römerweg.

Wie der Großvater Mathias, der ältere, daher nach altem Herkommen nicht erbberechtigte Sohn eines Hofbauern, durch den Machtspruch des Komturs von Hintersheim zum „zweiunddreißigsten Bürger“ der „geschlossenen“ Gemeinde Dürrheim auf- und angenommen wurde, habe ich im „Hieronymus“ eingeflochten.

Aus dem Hieronymus Kapitel 3, Frühlingsanfang – Der Hofbauer und die Familie des Hausmanns:

>Der Vater des Mathias war im Kirnachertal daheim, auf der Grenze zwischen dem Schwarzwald und der Baar. Das elterliche Gut war kein unbeträchtliches, aber der Vater des Mathias war der älteste Sohn, und nur der jüngste konnte dem „Recht“ nach in den Besitz eintreten, während die älteren Brüder sozusagen leer ausgingen. So durfte der Mann noch von Glück sagen, daß er eine vermögliche Witwe im Dorfe Dürrheim kennenlernte, welche ihm ihre Hand reichte, wie er dann auch nach langem Warten dort das Ortsbürgerrecht erhielt. Unter mehreren Kindern aus dieser Ehe hatte unser Mathias ebenfalls das Unglück, ein Erstgeborener zu sein, weshalb er sehen konnte, wie und wo er sich durchbringen werde, wollte er nicht zeitlebens in Abhängigkeit vom jüngsten Bruder gleichsam als Knecht im Hause leben.<

Dürrheim war dazumal noch ein stilles Dorf, dessen Bewohner sich fast ausschließlich mit Feldbau beschäftigten. So anfänglich auch der Großvater. 
„Von einem ledig verstorbenen Bruder hatte er etliche Jauchert eigentümliches Feld geerbt und nebenbei ödeliegende Plätze auf der Gemarkung gepachtet und urbar gemacht; aber nie länger als auf 6 Jahre sich gebunden, weil er wohl wußte“ heißt es in den väterlichen Aufzeichnungen, „daß Neubruch nach Verfluß dieser Zeit im Ertrag nachläßt. Durch Fleiß und Umsicht hatte er’s zu einer geachteten Stellung in der Gemeinde gebracht. Oft berieten sich die Ortsvorgesetzten mit ihm über Kulturen und Verbesserungen.“
„Zwischen der Feldarbeit, namentlich über Winter, drechselte er Kunkeln, Spinnrädlein, Häspel u. dgl. Ein alter Bildschnitzer und Faßmaler, der mit seiner ledigen Tochter von Ort zu Ort zog und Heiligenbilder verkaufte, übernachtete oft bei uns im Haus: und dieser veranlaßte den Vater sich ebenfalls mit solchen Arbeiten zu befassen. Und so schnitzte er Kirchenleuchter, Fahnenknöpfe, Wirtsschilde und Kirchhofkreuze, welch letztere Arbeit eine andauernde und ziemlich einträgliche war.“

Beim Flachs brechen.
Spinnerin.
Der Hänslehof im Jahr 1967.
Foto: WDR Digit/overland

Die Mutter war Hebamme (Anastasia Buckin 23.12.1752- 24.01.1824 vom Hänslehof), da sie ein sehr gutes Examen bestanden, mit der Befugnis, aderlassen, schröpfen und eine kleine Hausapotheke halten zu dürfen. Kein Krankes war im Ort, das nicht zuerst bei ihr Hilfe gesucht hätte. Nebstdem war sie eine geschickte Näherin, die nicht nur gewöhnliche Schneiderarbeit, auch zur Bauerntracht gehörige Stickereien und Kirchenparamente zu fertigen verstand und eine bedeutende Kundsame hatte.“

Kundsame ist ein vergessenes alemannisches Wort für Kundschaft. Anastasia Buckin war also Ärztin und Künstlerin und hatte eine große Kundschaft.

Der Hänslehof in Bad Dürrheim ist am 12. Dezember 1985 vollständig abgebrannt. Es gibt aber in der Badischen Heimat über die Baar aus dem Jahr 1938 einen wunderbaren Artikel von Arnold Tschira mit vielen Bildern vom Hänslehof. Den Artikel habe ich abfotografiert und hier gibt es die pdf dazu – schaut euch zumindest mal die tollen Fotos an!

Die Stube gegen Osten
Die Stube gegen Westen
Stiege im Hänslihof

„Und ich, was soll ich über mein Tun und Treiben sagen? Ich war eben ein vergratner Bauernbub; die landwirtschaftlichen Geschäfte konnte ich zwar alle und wurde auch streng dazu angehalten, aber sie gewährten mir keine Aussicht selbständig zu werden. An eine Verheiratung oder Versorgung, wie man es nannte, durfte ich nicht denken. Wie und wann ich angefangen zu malen, d. h. anzustreichen, und zu schnitzen, weiß ich nicht zu sagen, ich wurde eben darin erzogen.“

Benediktinerkloster in Villingen von der Schulgasse aus, fertiggestellt 1693.

„Der vielfältige, oft wochenlange Aufenthalt im Villinger Benediktinerkloster, wo der Bruder meiner Mutter den Dienst des Konventdieners und Klosterschneiders versah, hatte mich, da ich auch Vorlesungen über Physik und Mathematik besuchen durfte, bald so weit gebracht, daß ich einen Schritt weiter tun konnte als der Vater. Doch blieb alles ohne eigentlichen Zusammenhang. Pinsel und Meißel wechselten täglich mit dem Pflug, der Sense und der Holzaxt. Und dabei hieß es immer, der Salber hat auch gar keine Lust zum Feldgeschäft!“

„Das sagten aber nur meine beiden Geschwister, die Eltern dachten anders, besonders die Mutter, die meinte, ich könnte es doch zu etwas Rechtem bringen. Also machte ich immer zu, schnitzte Küchengerätschaften, Lichtstöcke, Fahnenstangen und Grabkreuze in Menge, malte Motivtafeln dem Dutzend nach, flickte Heiligenbilder und Hausaltärchen oder strich Brautfahrten an, ging wieder eine zeitlang ins Kloster, porträtierte die alten Herrn und ließ mich loben oder auslachen, je nachdem.“

„Die Patres konnten mich alle recht gut leiden. Einmal sollte ich nach ihrem Willen zu einem Uhrenschildmaler in Furtwangen in die Lehre gehen, ein andermal wollten sie mich in einer Kattunfabrik in St. Gallen als Musterzeichner unterbringen; schon hatte ich den Paß und alles nötige bereit; aber es wurde nichts daraus, was dem Vater recht war denn sagte er, wenn der Bue geht, bin ich ohne Hilf und kann nichts mehr machen“.

Lucian Reich hat in den Wanderblühten die Schildermaler Familie Kirner festgehalten. Dort gibt es auch die Chronik, oder Etwas von dem Ursprung dieses Hauses, so wie über die Lebensverhältnisse der Familie Kirner. Niedergeschrieben von Anton Kirner.

Aus dem Kirner Kabinett in Furtwangen: „Die Eltern in der Stube. Mutter Genofeva, geb. Dilger (1765-1838) und Vater Johann Baptist (1767-1835) genannt Schuhpeterhänsle. Das Ölbild hat Johann Baptist Kirner fast 30 Jahre nach dem Tod seiner Eltern in Erinnerung an seine Jugendzeit im Elternhaus gemalt. Einige Details hatte er in früheren Jahren in Skizzen festgehalten. Das Gemälde hatte er seinem Neffen Hermann Duffner zur Hochzeit versprochen; es ist eines der letzten Werke vor seinem Tode im Jahre 1866.“

Kattunfabrik von Heinrich Jacob Bodemer in Naundorf bei Großenhain 1856.
Foto: Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza 
http://digital.slub-dresden.de/id252070399

Kattun ist dichtes Baumwoll-Gewebe in Leinwandbindung.
Über die Kattunfabrik Hösli in St. Gallen gibt es nur diesen Eintrag

„Bei der Sekundiz des Prälaten 1804, welcher der Bischof und andere hohen Herrn anwohnten, sollte auf dem Klostertheater die neue Oper, die 7 Makkabäischen Brüder, gegeben werden. Zur Herstellung der Dekorationen war der Maler Sandhas (später Hofmaler in Darmstadt) berufen worden. Diesem machte ich den Farbenreiber und durfte wohl auch selbst mit Hand anlegen; und auf diese Weise lernte ich manches von der Malerkunst.“
Und daß der Gehilfe etwas von dem praktischen Meister gelernt, beweisen die in Oel gemalten Bildnisse seiner Eltern in ihrer ehrbaren altbaarischen Tracht.

Prälat (Abt) Anselm Schababerle  geboren 10. März 1730 in Baden-Baden, gestorben am 26. Januar 1810 in Villingen war der letzte Abt des Benediktinerklosers in Villingen. Eine Sekundiz ist ein 50-jähriges Priesterjubiläum. Dem zufolge wurde Schababerle 1754 zum Priester geweiht, da er 1804 seine Sekundiz feierte.

Epitaph von Abt Anselm in der Benediktinekirche in Villingen

Petition des Abts Anselm vom 24.02.1806 um Erhaltung und Bestätigung der dortigen Lehranstalt.

Die Petition aus St. Georgen zu Villingen den 24ten Hornung 1806.
Unterschrieben ist die Petition von:
allerunterthänigst treugehorsamste
Anselm Abt
P. Niklaus Schababerle Prior und Konvent. 

In Klöstern steht P. für Pater (Ordenspriester). Ein Prior ist ein Pater, daher bedeutet P. Niklaus = Pater Niklaus. Der Abt („Anselm Abt“) unterschreibt als 1. und der Prior („P. Niklaus Schababerle Prior“) unterschreibt als 2., und er tut das „für den Konvent“. Pater Schababerle war vermutlich mit dem Abt verwandt und stand in der Hierarchie direkt unter dem Abt Anselm. 
Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 31 Bü 138

Der Abt hatte also vergeblich versucht, die Schule zu erhalten.

Ansicht des Garteneingangs hinter dem Schloss in Darmstadt von Josef Sandhaas.
Josef Sandhaas wurde im Kinzigtal geborgen. Er erhielt seine Ausbildung als Maler bei dem Kunstmaler Joseph Anton Morath in Stühlingen und begann seine Laufbahn als Klostermaler im Benediktinerkloster in Villingen. Leider ist von ihm sehr wenig erhalten, nicht mal das Geburtsdatum auf Wikipedia kann stimmen.
Quelle: Wikimedia Commons

Die Oper der sieben Makkabäischen Brüder stammt aus 1644 von dem Jesuitenorden.
Quellle: Würzburg, der Jesuitenorden und die Anfänge der Oper von Irmgard Scheitler.

Im Jahre 1804 gehörte Villingen noch zum Bistum Konstanz. Karl Theodor von Dalberg (8.02.1744 – 10.02.1817) war von 1799 bis 1817 der wohl letzte Bischof in Konstanz.

Geboren im J. 1786 (Lucian Reich wurde am 7. Januar 1787 in Bad Dürrheim geboren) mit unverkennbaren Anlagen würde er’s ohne Zweifel zum tüchtigen Künstler gebracht haben. Allein es waren Kriegszeiten, und nachdem das Kloster aufgehoben war, fand der junge Mann keine Stütze mehr. Denn die Kunst, in welcher ihn der Pfarrer daheim heran ziehen wollte, hatte mit der bildenden nichts gemein. Ein leidenschaftlicher Nimrod, nahm dieser seinen Schüler häufig mit hinaus, und zwar so lange, bis ihnen von herumstreifenden Franzosen die Gewehre abgenommen wurden. 

נִמְרוֹד – Nimrod wird im Hebräischen von der Wurzel מרד mrd, deutsch‚ sich widersetzen, rebellieren abgeleitet. Nimrod gilt gewöhnlich als derjenige, der den Bau des Turmes von Babel anregte, ein Sinnbild dafür, dass die Selbstüberschätzung des Menschen gegenüber Gott zum Niedergang führt.
Bild: König Nimrod nimmt die Huldigungen der Steinmetze entgegen.
Detail des Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel d. Ä., 1563.
Nach Pieter Brueghel the Elder, Public domain, via Wikimedia Commons

Endlich wandte er sich dem Schulfache zu. Nachdem er die Vorbereitungen an der Normalschule in Villingen beendet und bei Schulvisitator Pfarrer Flad in Urach (1810) das vorschriftsgemäße Examen mit bester Note bestanden — obgleich er in der Musik sich nicht ausgebildet hatte —, erhielt er den Dienst in Bubenbach. „Zum Einstand“, schreibt er, „hatte mir der Vater 6 Viertel Frucht mitgegeben, die ich alsbald zum Müller schickte“. „Muß es Brod gei (geben)?“ fragte dieser. „Ja, sagte ich, wußte aber nicht, daß auf dem Wald der Müller insgemein auch Bäcker ist. Nach einigen Tagen erhielt ich circa 30 Laib Brod, die ich, wollte ich sie nicht schimmlig werden lassen, unter die Armen verteilte.“

Schon nach anderthalb Jahren wurde er auf die Oberlehrerstelle in Hüfingen befördert; denn als Beförderung, und zwar in doppelter Beziehung, mußte es angesehen werden, weil er kein geborener Fürstenberger war. Als er sich seinem neuen Bestimmungsorte näherte, trugen sie just den letzten Freiherrn von Schellenberg, den Sprossen eines weiland um Kaiser und Reich vielfach verdienten Geschlechtes, zum Thor hinaus nach dem Friedhof St. Leonhard. Und dem gänzlich verarmten Manne sollte der neue Lehrer dann bald nachher eine Gedenktafel in die Stadtkirche fertigen.

Wappen derer von Schellenberg

In Hüfingen trat er in den Ehestand (15.05.1813) mit Maria Josepha, der ältesten Tochter des Korrektionshausverwalters Schelble.

Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1865.

Die Schelble waren ein Althüfinger Geschlecht. Der Urgroßvater, Franz Xaver (*28.08.1731) war Kunsthandwerker, und zugleich versah er, wie schon sein Vater, den Amtsdienerdienst, und daß er in ersterem Fache — im Marmorieren, Vergolden und Gravieren in Grund Tüchtiges zu leisten verstand, bezeugen (oder bezeugten) die Altäre in Meßkirch, Gutmadingen, Hausach, Löffingen und die mit Hilfe seines im Hause erzogenen Schwiegersohnes und Geschäftsnachfolgers Joh. Gleichauf gefertigten Seitenaltäre der Hüfinger Pfarrkirche.

Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) war mit Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816) verheiratet. Ein Enkel war Rudolf Gleichauf.

Alter Eingang vom Römerbad

Mit Vorliebe trieb er Musik, sowie auch sein Sohn Franz Joseph, mein Großvater. (Franz Joseph Donat Schelble *17.02.1762-13.02.1835). Im Laufe der 20iger Jahre als Korrektionshausverwalter in den Ruhestand versetzt, beschäftigte sich dieser mit Uhrenmachen für Leute, die für Reparaturen nichts ausgeben wollten oder konnten, beaufsichtigte die Römischen Ausgrabungen (im Volksmunde Schatzgräberei genannt) im Mühleschle und am Fuße des Hölensteins, wofür er vom fürstlichen Protektor mit einer goldenen Repetieruhr beschenkt wurde, verfertigte uns Enkeln Schlittschuhe und Schlagnetze zum Vogelfang, und an hohen Festtagen spielte er in der Kirche die Orgel, und der „Leuenbaschi“ (Löwenwirt) sagte dann: „I ha’s bim erschte Griff scho gmerkt, daß es nit de Prezepter Thäddä ischt!“ Dieser, der pensionierte Präzeptor Thaddäus Bader, war nämlich stets noch Organist.

Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825

Alle diese Menschen und Schatzgräbereien finden sich auch in der Akte über die Anlage auf dem Rotrain aus 1820 bis 1845.

Da das Denkbuch für einen einzelnen Beitrag inzwischen zu groß geworden ist, werde ich es in unterschiedliche Abschnitte unterteilen. Dann hat sich die Software die letzten Jahre geändert und die Bearbeitung der alten Datei ist fast unmöglich geworden.

Dies war also der 1. Teil bis 1812 als Luzian Reich nach Hüfingen kam und seiner Heirat mit Josefa Schelble 1813.

Denkbuch von Lucian Reich 1896 alte Forsetzung

Über Weihnachten und Neujahr

Hieronymus Kapitel 10

“E freie frohe Muth
e gsund und frölich Blut
goht über Geld und Guth.”
>Johann Peter Hebel

Es muß kalt sein, denn wir sehen auf dem Bilde den Stoffel wider Gewohnheit frühe schon von der Jagd heimkehren. Mag aber auch das Alter Ursache haben, vor dem rücksichtslosen Gaste sich zurückzuziehen und Türen und Fenster zu verschließen, so hat doch für die Jugend jegliche Jahreszeit ihre eigenen Freuden: ist es nicht die blühende Rose am Stock, so ist es die Eisblume an der Fensterscheibe.

Nehmen wir einen Sonntagnachmittag. Der Nebel hat das Feld geräumt und die Sonne strahlt glanzvoll über dem weißbepuderten Tannenwald; die Birken und Erlen sehen aus, als kämen sie frisch vom Zuckerbäcker – und in tausend und tausend flimmernden Sternchen glitzert das Schneefeld. – Das ist für die Buben eine Lust, denn jetzt gilt es zu zeigen, wer dort auf der „Schleifer“ des Mühlbachs der Gewandteste und Keckste sei – und die Mädchen am besten zu necken verstehe. – Das waren auch für Hieronymus und seine Kameraden stets um so vergnügtere Tage gewesen, als sie nicht so häufig sind, diese Tage fröhlichen Treibens; denn oft erblickt man in der tief eingeschneiten Landschaft auch nicht ein menschliches Wesen. Nur Raben und Schneegeier flattern über das öde Gefilde, während scharfe Windswehen die Hütten und Höfe mit gewaltigen Schneemassen förmlich in Belagerungszustand versetzen, so daß der Hausvater morgens weder Laden noch Haustüre zu öffnen vermag und genötigt ist, wenn er dem Nachbar einen Besuch machen will, zuerst Minen und Tunnels zu graben.

Wie aber nach dem Ausspruch des Dichters: „Eines schickt sich nicht für alle“, gewisse Dinge in Scherz und Ernst immer nur einem gewissen Alter zukommen, so sahen die herangewachsenen Bürschlein bereits schon eine jüngere Altersklasse lustig auf dem Eis sich tummeln. – Ganz entsagen jedoch konnten sie diesem Vergnügen nicht. War die Schuljugend mit einbrechender Dämmerung vom Bache verschwunden, stieg der Vollmond über dem Wald empor und bestrahlte er die Schneelandschaft so helle, als wollte er’s mit wunderbarem Flimmern und Blitzen der verschwundenen Sonne fast gleichtun, so begaben sich Hieronymus, Dionys und Romulus mit anderen auf den überfrorenen „Gumpen“ unterhalb der Mühle; und auch Florentina und Juliana mit ihren Gespielinnen machten sich herbei, um ein halbes Stündchen lang die spiegelglatte Bahn wieder einmal zu probieren.

Die kurzen Tage hindurch saß Hieronymus fleißig bei der Arbeit. Die langen Abende jedoch gewährten Muße genug, auch noch eine Nebenbeschäftigung vornehmen zu können. – Wie damals in den meisten Kirchen bildliche Weihnachtsvorstellungen, sogenannte Kripplein, beliebt waren, so konnte man in manchen Häusern ebenfalls welche sehen. Für Kinder bildeten sie eine sehr anmutige Unterhaltung. Denn nicht nur erblickten sie da in romantischer Landschaft den Stall mit der Heiligen Familie, auch die drei Weisen aus dem Morgenlande kamen bereits über das Gebirge daher, und am Neujahrstag fand die Darstellung im Tempel statt – und so ging es fort, bis zum ersten Wunder am Hochzeitstisch zu Kana.

Auch Vater Mathias besaß von früher her eine Schachtel voll solcher Figürchen, nur war ihm bisher noch nie so viel Zeit geblieben, dieselben renovieren und eine Landschaft dazu erbauen zu können. Diesem Geschäfte unterzog sich jetzt Hieronymus. Frisch machte er sich daran, von Kohlenstücken eine Felsenlandschaft zu gestalten – eine Schöpfung, die indes nicht sogleich gelingen wollte. Denn bereits war der Berg erbaut, und Bachweber, der sich’s nicht nehmen ließ, auch mit Hand anzulegen, wollte eben als Schlußstein noch ein Kohlenstück einsetzen, als der Brocken seinen Fingern entschlüpfte und der Erschrockene, im Begriff, denselben noch zu erhaschen, an eine der hinten angebrachten Stützen stieß, wodurch – zum nicht geringen Entsetzen der Zuschauer, unter denen auch der Laubhauser sich befand – ein fataler Rutsch erfolgte, der dem mühsam geschaffenen Heiligen Lande den Untergang brachte. – Beim zweiten Versuch wurde der Leim zu schwach genommen und das Werk zu nahe an den warmen Ofen gestellt, was abermals Senkungen und Risse zur Folge hatte; und so gelang die Arbeit erst, nachdem Bruder Cyriak herbeigeholt und zu Rat gezogen worden war. Der in solchen Dingen wohlerfahrene Mann gab die rechten Rezepte und Anleitungen zum Leimen – und bald konnte man zum Grundieren und Kolorieren der Landschaft schreiten.

Der Bruder hatte sich anheischig gemacht, ein neues, in Wachs gegossenes Christkindlein zu stiften, während Hieronymus sich angeregt fühlte, manche Lücke im biblischen Personal kunstgerecht auszufüllen. Er machte es hierbei wie die alten Meister: er griff keck ins Leben hinein und brachte Personen seiner nächsten Umgebung – so gut es seiner Unzulänglichkeit gelingen mochte – in den historischen Rahmen. So stellte er seinen Vater, kenntlich an Haltung und Kleidung, als Hirten dar, sich selbst nebst Dionys und Romulus als Hirtenkinder. Auch der Lehrer Bachweber erschien in einer folgenden Darstellung, und zwar als Schriftgelehrter.

Am meisten Beifall erhielten von seinen Schöpfungen: ein Einsiedler, der im Habit des Bruders Cyriak oben auf den Felsen hinter Bethlehem vor seiner mit einem Kreuze gezierten Klause das Ave-Maria läutete; ferner ein Tiroler Gemsjäger, benebst einer Schwarzwälder Ankenhändlerin, im Begriff, mit ihrer Ware den Wochenmarkt in Jerusalem zu besuchen. – Um die Kritik gelehrter Ästhetiker und Kunstliteraten brauchte er sich ebensowenig zu kümmern wie die alten Meister, weil er glücklicherweise ebensowenig wie diese von solchen etwas wußte.

Am Heiligen Abend und die ganze Weihnachtszeit über kamen viele Kinder und Erwachsene aus dem Tal, um das Werk zu bewundern. Manche fühlten sich bemüßigt, dem Christkindle ein kleines Opfer zu entrichten – was zwar nicht verlangt, aber vernünftigerweise auch nicht abgelehnt wurde.

War unter dem Opfergeld auch mehr Kupfer als Silber zu finden, so gab solches dem Künstler doch schon wieder – rechnete er – Futterzeug zum neuen Rock; denn daß ein solcher notwendig, darüber herrschte im Hause längst keine Meinungsverschiedenheit mehr; nur hatte die Anschaffung bisher immer verschoben werden müssen, der im vorigen Kapitel erwähnten finanziellen Bedrängnisse wegen.

Am Neujahrstage mußte Hieronymus, wie gewöhnlich an diesem Tage, schon vor dem Kirchgang mit den Eltern hinübergehen in den Hof, um den bäuerlichen Herrschaften pflichtschuldigst zu gratulieren. Es geschah mit der üblichen Redensart: Glückseliges Neujahr, und man wünsche, was man sich selber wünsche – Gesundheit und langes Leben und nach diesem die ewige Seligkeit usw. Auf dem Tisch im Hofe dufteten bereits die von allen übrigen Gratulanten sehr bewunderten Attribute des Tages, Meisterstücke der Bäckerkunst unseres Mathias und seiner Anastas: ein mit Zucker bestreuter „Guck-inofen“ nebst etlichen mürben, von Butter glänzenden „Eierringen“, im Durchmesser nicht viel kleiner als ein Pflugrad.

Festtäglich geputzt trat Florentina rasch aus der Kammer in die Stube ein, dem Besuche das Neujahr „abzugewinnen“- Hieronymus sah sie heute zum erstenmal wieder seit ihrer Rückkehr aus dem Hause des Kaiserzollers, wo sie seit etwa acht Wochen sich aufgehalten, um nach dem Wunsche der Mutter im dortigen Wirtshaus das Kochen zu lernen. – Hieronymus konnte eine leichte Überraschung kaum verbergen; war es die Glorie der Morgensonne, die in vollem Winterglanze durch die Scheiben strahlte, oder machten es die neuen Kleider, in denen die Tochter des Hauses nun zum erstenmal in die Kirche gehen wollte – genug, der Freund schien sich heute zum erstenmal bewußt zu werden, daß Florentina ein – bildschönes Mädchen sei. Und fast gar wäre ihm der Ausruf entschlüpft: „O wie schön bist du!“ – Aber er korrigierte sich schnell und sagte – „sind deine Kleider!“

Es waren in der Tat auch Prachtstücke von bestem Samt und Seide: das grüne, reich verzierte Goller, fast zu eng für den weißen Hals, der dunkelrote Brustlatz, gestickt in echtem Gold und Silber, dazu die bauschige, violett schimmernde Taffetschürze mit dem silbernen Gürtel darüber, das faltenreiche Halstuch, die feinen Hemdärmel, weiß wie frisch gefallener Schnee. – Alles zeigte klar, daß ihr Vater in Sachen des Putzes, wie er jetzt selbst oft zu sagen pflegte, nimmer Meister sei.

Und als die liebliche Maid ihrem jugendlichen Freund zur Bekräftigung der guten Wünsche für das neue Jahr die Hand gab, bemerkte dieser am Ringfinger der dargebotenen Rechten ein massiv silbernes Ringlein mit einem leuchtenden Karfunkelstein – ein Neujahrsgeschenk war’s von ihrer Patin, der Frau Kaiserzollerin.

Wie nun das an der Schwelle des jungfräulichen Alters stehende Mädchen in diesem standesgemäßen Anzuge vor ihm prangte, mochte ihm wohl ein leises Gefühl sagen, wie beträchtlich der Abstand sei zwischen dem Sohne des armen Hausmanns – und der Tochter des reichsten Hofbauern im ganzen Tal.

Geschärft mochte diese Erkenntnis noch werden durch das Gespräch der Eltern, die im Fortgehen zu allerlei Betrachtungen sich veranlaßt fühlten über den Reichtum der Familie und über das einstige große Heiratsgut des einzigen Töchterleins, auf dessen Hand sicherlich schon dieser und jener vermögliche Hofbauernsohn spekuliere usw. – Oft schon hatte Hieronymus dieses Thema von den Eltern besprechen gehört, aber noch nie war es ihm so nachhaltig ins Gehör gefallen – wie heute.

Zerstreut kam er aus der Kirche nach Haus; und nach dem Essen begab er sich zum Stabhalter, diesem einen schön gemalten Neujahrswunsch zu überreichen; ein blankes Käsperle war der Lohn für diese Aufmerksamkeit, welches Geldstück der Empfänger mit einer gewissen Befriedigung den übrigen Sparpfennigen beigesellte. – War er nur einmal gehörig ausgerüstet – dann sollte ihn nichts mehr zurückhalten hier im Tal; denn daß da sein Glück nicht blühe, daß er hinaus, etwas Rechtes erlernen und werden müsse, das wurde dem guten Burschen mit jedem Tage mehr klar.

Im Laufe des Nachmittags kamen noch sämtliche nächste Anverwandte des Laubhausers auf den Hof. Es ging hoch her im Haus, denn bei solchen Anlässen wollte der Bauer zeigen, wie gut es mit Küche und Keller zu Laubhausen bestellt sei. Aber nur Ebenbürtige waren zur Teilnahme berechtigt.

Vettern und Basen, mit denen kein Staat zu machen war, wurden nur so nebenbei, in der Küche oder im Hinterstüblein abgespeist. Während kleinere Hausmanns- oder Taglöhnerskinder vor der Haustür dort standen und die ankommenden Schlitten und ihre Insassen musterten oder begehrlich und wunderfitzig durch die Fensterscheiben lugten und vom Peter zuweilen ein duftendes „Küchle“ oder ein paar „Sträuble“ hinausgelangt bekamen – wandelte Hieronymus gedankenvoll hinter den Häusern hinweg, hinüber zur einsamen Hütte des Stoffels.

Der wunderliche alte Junggeselle war eben im Begriff, von seinem unzertrennlichen Dachshund begleitet, einen Gang in den Wald zu machen, und Hieronymus schloß sich ihm an. – Im Fortgehen erzählte der Stoffel seinem jungen Freund, wie nächstens wieder ein großes, von der Herrschaft anbefohlenes Treibjagen auf Säu und Hochwild abgehalten werden solle. „Du weißt“, sagte er, „daß kürzlich in Unterhölzer beim Wartenberg der große Eichwald zum Tiergarten eingezäunt worden ist, wo allein noch Hoch- und Schwarzwild g’hegt werde soll. «

„Vorgestern“, bestätigte Hieronymus, „hab ich g’seh‘, wie sie schon die Wehrblahen und die Garn und Schweinsseil mit den Steckgabeln auf Wägen von Donaueschingen herbracht haben – nüber ins Jägerhaus. Da sind schon die Hundsbube versammelt mit den Leit- und Hetzhund; auch das Zelt hab ich g’sehen ablade für die Herrschaft, – die Fürstin soll ja selber eine so g’schickte Jägerin sein.“

„Allerdings – aber wenn’s so fortgeht“, meinte der Alte verdrießlich, indem er Feuer schlug, um seinen Ulmer wieder in Brand zu versetzen, „wird’s bald höre haben mit der Jagd auf Edelwild. Weiß noch gut die Zeit, wo die Hirsch rudelweis in strenge Winternächte vor die Bauernhöf komme sind, oft bis in die Scheuern, wenn der Knecht vergessen hat, das Scheuertor recht zu schließe.“

Indem sie unter solchen Gesprächen den Wald durchstreiften, der – weil der Schnee fest gefroren – gut zu begehen war, und der Stoffel seinen Begleiter da und dort auf die Fährten und das Getieger des Wildes aufmerksam machte – flog ein Kreuzschnabel über ihren Köpfen hinweg. – „So ein Kreuzschnabel„, sagte der Stoffel, „ist ein wahrhafter echter Schwarzwälder. Wenn die andern wehleidig vor dem Winter Reißaus nehmen oder vor den Häusern und Scheuren auf dem Bettel rumziehen, ist es dem Bürschle erst recht wohl im Wald, so daß es mitten im Winter, im Jänner schon, ans Nesten und Brüte denkt.“

Kreuzschnabel im Schwarzwald

Zu einer Lichtung des Waldes gekommen, wo ein hungriges Häslein um einzelne, aus der Schneedecke ragende Sträucher und Stäudlein sich mühte, nahm der Stoffel seinen Stutzen von der Schulter und machte mit einem wohlgezielten Schusse den Nahrungssorgen des guten Tierles, wie er sich ausdrückte, ein Ende. – „Es wird auf eins rauskomme“, lachte er, indem er zur Stelle schritt und den armen Lampe in den Büchsenranzen schob, „ob dich heut nacht ein Fuchs oder morgen der alte Stoffel verspeist. – Einer lebt vom andern, das ist der Lauf der Welt – und selber essen macht fett, das heutig‘ Evangelium! – Hast du Lust, Hieronymus, so bist du höflich invitiert auf morgen zum ersten Werktagsschmaus. – Man darf die alten ehrwürdige Bräuch nit abgehe lasse.«

„Ihr habt’s gut, Stoffel!“ entgegnete Hieronymus, den Alten, der sein Gewehr wiederum lud, mit lächelnder Miene betrachtend. „Ihr lebt, wie es Euch g’fallt, und schert Euch um niemand und um nix, was andern ’s Herz schwer macht.“

„Närrischer Kerl“, versetzte mit heiserem Lachen der Stoffel, „kannst’s ja auch so haben, wenn du willst! – Was braucht sich einer viel zu kümmern, wenn er nur sein bißle Leben und von Zeit zu Zeit sein Brätesle uf em Tisch hat!“
„Um das handelt es sich nit allein!“ sagte Hieronymus mit einem halb unterdrückten Seufzer. „Man strebt halt b’ständig weiter – in der Hoffnung -„
„Ei was, Hoffnung!“ brummte der Alte, unwirsch ihn unterbrechend. „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren. Die Hoffnung ist ein betrügliches Weibsbild, das viel verspricht und wenig halt‘; hat manchen schon sein Lebtag am Narrenseil rumg’führt.“
„Wenn die Hoffnung nit wär“, meinte Hieronymus ernst, „so wär’s ja zum Verzweifeln. – Und wege was soll man nit hoffen und trachten – nach Glück und -„
„Hoffen und trachte nach Luftschlössern?“ fiel der Alte höhnisch ein.
„Schau, en Spatz in der Hand ist mir lieber als die Taub uf ‚em Dach, das magre Häsle da im Ranzen mir ang’nehmer als der fetteste Rehbock drüben am Feldberg. – Laß das unnötige Schmachten und Trachte. – Laß anderen ihr eingebildet Glück; laß ihne den Geldsack und die Ehrestelle. – Hast du wenig – so brauch wenig, hast dann au nit nötig, dich viel zu bedanken oder jemand zu schmeicheln. – Und kommt dir trotzdem emal einer überzwerch – so zeig ihm, wo er her ist – und daß du nix nach ihm z‘ frage hast.“ Das war in kurzen Worten so ziemlich die ganze Lebensphilosophie des Stoffels, der übrigens seinen jungen Freund nicht ganz verstanden, nicht erraten zu haben schien, wo diesen der Schuh drückte. – Der Alte kümmerte sich in der Tat um niemand, und niemand kümmerte sich viel um ihn, weder der Stabhalter, Vogt noch Amtmann oder der Pfarrer. Er seinerseits brauchte keinen; er zahlte weder Steuern noch Abgaben, weder Sporteln noch Frevelbußen, und kam auch nie in die Lage, Stolgebühren entrichten oder um Dispens nachsuchen zu müssen. – Von Haus aus Wilderer und Fischer nach Belieben, an dem die Jäger und Aufseher gerne vorbeigingen, als hätten sie ihn nicht gesehen, hatte er später sich herbeigelassen, ein Dienstlein anzunehmen.

Der einsichtsvolle Oberförster übertrug ihm nämlich die Aufsicht über das Wild und die Dressur der Jagdhunde. Die Besoldung bestand hauptsächlich im Schußgeld vom Raubzeug; und wenn hie und da auch einmal eine Kugel nebenaus ging und zufällig einen fetten Rehbock oder – wie heute – ein unvorsichtiges Häslein traf, so fiel es niemand ein, den Schützen deshalb zur Rede setzen zu wollen.

Die Raben zogen schon heimwärts, den Bergwäldern zu, als die beiden, herabgestiegen ins Tal, den Rückweg antraten – und am Kreuzweg sich verabschiedeten. – Der klare Wintertag schloß mit einem prächtigen Sonnenuntergang. Als Hieronymus einmal zurückschaute, sah er das Tagesgestirn eben in glühendes, nach oben hin violett verschwimmendes Rot hinabsinken.

Die Berge standen in kaltblauen Schatten am Horizont, nur der Schnee im Tal und auf dem eingefrorenen Bache schimmerte stellenweis wie angehaucht vom Abendrot. – Gedankenvoll betrachtete Hieronymus das schöne Naturspiel eine Weile – dann schritt er weiter. – Aus eisgrauen Wolkenschichten schaute im Osten die blaßgelbe, unvollkommene Scheibe des Mondes über die Höhen, finster schon lagen die Häuser und Hütten – nur die Fenster am Laubhauserhof flammten und spiegelten noch die späte Glut des Himmels ab.

Am andern Tage kam richtig der Gemeindsbote mit der Ansage zur großen Jagd. – Auch Hieronymus rüstete sich dazu; es war nicht das erste Mal, daß er eine solche Hetze mitmachen mußte. – Aber die fürstlichen Herrschaften kamen nicht; die Jagd wurde verschoben, von einem Tag zum andern – bis endlich Tauwetter einfiel. – Ein lauer Föhn war über Nacht ins Land gekommen. Die Tannen verloren ihren Duft und schauten schwarz und melancholisch über das Schneefeld. Es schien, als wolle am Dreikönigstag der Frühling schon seinen Einzug halten. Seine Vorboten, Sturm und Regen, hatten bereits eine allgemeine Mobilmachung angeordnet, und selbst das Eis auf dem Bache erhielt schleunigst Marschbefehl. Es drängten und schoben sich die Schollen auf- und untereinander, gleich einem retirierenden Heere, das im Abziehen noch Brücken und Stege sprengt und soviel wie möglich am Wege hin verwüstet. – Aus allen Wäldern und Schluchten stürzten reißende Gießbäche hervor; das Wasser wuchs stündlich, und man fürchtete für die Hütten und Höfe im Tal, und selbst im Laubhauserhof fand man’s geraten, die Haus- und die Stalltüre mit Mist zu verschanzen.

Einsilbig, in sich gekehrt, verbrachte der von seinem Spaziergang gehörig durchlüftete Bursche den Abend. Früh ging er zu Bett, aber noch lange traf die laute Unterhaltung drüben im Hof sein Ohr – er hörte die umständliche Verabschiedung der Gäste vor der Haustür, das „Bhütigott!“ und „Kommet guet heim!“ der Zurückbleibenden und der Scheidenden – bis endlich, mit dem Geklingel des letzten abziehenden Schlittens, alles in Nacht und Schweigen versank.

Aber der besiegte Winter gab sein Spiel noch lange nicht verloren. Kurz nach Lichtmeß nahm er, als erfahrener Feldherr, im Sturme wieder die Höhen und Pässe – und es fiel eine solche Masse Schnee, daß die Wohnungen in den Niederungen förmlich gesperrt und blockiert wurden.

Dazumal war es auch, daß ein einsamer Hof am Feldberg mit seinen Bewohnern wochenlang unter der Schneedecke begraben lag, bis endlich – es war gerade Karfreitag – Umwohnende den Dachfirst endlich wieder aus dem Schneemeer hervorragen sahen und zu Hilfe zogen. Man brach ein Loch in das Dach und rief hinunter, ob alle noch am Leben seien. „Ja“, erscholl es aus der Tiefe. „Wißt ihr auch, daß heut Karfreitag ist?“ war die zweite Frage der Obenstehenden. „Gottsnamen!“ hieß es unten, »wir verspeisen soeben ’s letzte Stück vom letzten Stier!«

Auch Unglücksfälle durch Lawinen kamen vor, ähnlich der gänzlichen Zertrümmerung des Königenhofs bei Waldau in neuerer Zeit, wobei die vom jähen, von keinem schützenden Waldmantel mehr bedeckten Berg herabrutschende Schneemasse sämtliche Bewohner mit ins Grab riß. – Wie häufig geschieht, mußten auch damals die Leute am Feldberg aufgeboten werden, diesem Beherrscher des Schwarzwaldes im Juli oder August den Schnee vom Haupte zu schäufeln; denn, sagen sie, wär’s ihm nur einmal wieder gelungen, die uralte Mode einzuführen und die Haube das ganze Jahr hindurch aufzubehalten, so wäre der Schwarzwälder Gletscher fertig, wie er’s vor Jahrtausenden gewesen.

In der ersten Ausgabe hatte Lucian Reich auch noch den Text eines Liedes mit drin:

Ich bring heut ein`sehr fröhliche Bost,
Auf daß ihr Hirten die Freuden verkost`;
Als ich nun bei der Nacht,
Bei meinen Schäflein wacht,
Habens ein`liebliche Musik gemacht.

Ich greif einlends nach meiner Schalem;
Und ruf gleich meinen Schäflein herbei,
Aber sie lassen mich,
Sammt meiner Pfeif`im Stich,
Springen, frohlocken und erfreuen sich.

Kommt laß uns nach Bethlehem geh`n
Um nun alldorten das Wunder zu seh`n:
Es war ein alter Stall,
Der voller Feuer stral`,
Wo sich die himmlische Musik erschall.

Ich sah dorten das göttliche Kind,
Liegen im Viehstall bei Esel und Rind.
Herzliebstes Jesulein,
Wir wollen dir dankbar sein,
Daß du bei Sünder gekehret hast ein!


https://hieronymus-online.de/lucian-reichs-hieronymus/embed

Der Hüfinger Künstlerkreis

Die erste Version von diesem Artikel hatte ich am 07. Juli 2020 veröffentlicht. Seit damals hat sich viel getan. Die Kunst, die Menschen und die historischen Begebenheiten haben sich zu einem kontinuierlichem Geflecht aus zusammenhängenden Ereignissen entwickelt. Von diesem Geflecht ist der Hieronymus-online die logische Fortsetzung und hier kommt eine grobe Zusammenfassung des Hüfinger Künstlerkreises:

Die Familie Menradt

Die Familie Menrad gehört zu einer der ältesten Hüfinger Künstlerfamilien. Hierzu gab es am Montag den 23. Februar 2026 einen Vortrag von Dr. Jörg Martin, dem Leiter des FF Archives.

Vortrag über Martin Menrad von Dr. Jörg Martin

von Martin Menrad ein Gemälde von 1682, das er im Auftrag des Fürsten Anton Egon zu Fürstenberg-Heiligenberg gemalt hatte.
Karte aus dem Jahr 1664 von Hüfingen, Behla und Sumpfohren von Martin Menrad
Karte aus dem Jahr 1662 von Hüfingen von Martin Menradt
Foto: Dr. Jörg Martin
Die Stadt Hüfingen im Jahre 1682 nach einem Gemälde von Martin Menrard

Hieronymus Lang

folgt irgendwann.

Der Hofmaler Joseph Weiß

Der FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (15.02.1735-16.06.1790) ist einer der frühesten Vertreter der Hüfinger Künstlertradition. Das Geschlecht läßt sich bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges zurückverfolgen, ist aber erloschen. Der früh verstorbene Joseph Weiß, der Großvater des Malers, war Gastwirt im Gasthaus zum Hirsch gewesen.

Franz Joseph wurde am 15. Februar 1735 als zweitältestes Kind der Eheleute Josef Weiß und Elisabeth Spiegelhalter geboren. Von seinen sechs Geschwistern lassen sich in der Folgezeit nur zwei als in Hüfingen seßhaft belegen. Er selber schloß zwei Ehen in Donaueschingen. Aus der ersten Ehe gingen die drei Kinder Johannes Nepomuk, Xaver und Maria Anna hervor. Sie war 1762 in Donaueschingen geschlossen worden. Seine zweite Ehefrau hieß Maria Anna Neyerin. Sie verstarb 1796 im Alter von 40 Jahren.

Er hat die Fahne der Jakobusbruderschaft für das Jokobifest gemalt. Der Jakobitag ist am 25. Juli und wird in vielen Städten heute noch gefeiert. Das Jokobifest war auch in Hüfingen einst sehr wichtig und wurde dann leider vergessen, weil Blumen ausreissen anscheinend mehr Spaß macht. Die etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch an diese Pilgerwanderungen.

Die Jakobusfahne wird heute an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und begegnet uns in Kapitel 17 und 23 im Hieronymus. Der Hofmaler Weiß war mit den Reichs befreundet und ist in allen Büchern von Lucian Reich zu finden. In St. Verena und Gallus hat er die Seitenaltäre von Maria Anna und und Jakobus gemalt.

Fahne der Jakobsbruderschaft vom Hofmaler Weiß
Vielen Dank an Markus Leichenauer für das Foto!
Seitenaltar in St. Verena und Gallus.
Jakobus mit Wanderstab in der Hand, dem Volke predigend aus 1774.
Die links unten auf der Tafel gemalte Männergestalt soll ein Selbstbildnis des Hofmalers Franz Josef Weiß sein.

Xaver Schelble, Sebastian Fritschi und Johann Georg Kaltenbach

folgt irgendwann

Johann Baptist Seele

Als weiterer früher Vertreter der Hüfinger Künstlertradition gilt Johann Baptist Seele (27. Juni 1774 in Meßkirch – 27. August 1814 in Stuttgart). Sein Vater Franz Xaver Seele diente ab 1776 in Hüfingen als Unteroffizier im fürstenbergischen Kreiskontingent. Johann Baptist Seele stieg bis zum Hofmaler des württembergischen Königs auf. In den Wanderblühten widmet ihm Lucian Reich Seele ein ganzes Kapitel: Wanderblühten – Johann Baptist Seele.

Fun Fact: Der Hof- und Theatermaler Josef Sandhaas aus dem Kinzigtal war der Zeichenlehrer von Luzian Reich am Benediktinerkloster in Villingen bis zum Jahr 1805 (Denkbuch). Dessen Schwester Gretel (Maria Margarete) Sandhaas (1771–1830) hat damals in Hüfingen Seele „bussiert“. Der Sohn aus dieser Beziehung, Carl Friedrich Sandhaas, wurde später ein großer, aber auch komplizierter Künstler.

Johann Baptist Seele 1792
Johann Baptist Seele1800
Johann Baptist Seele 1810

Fotos aus den Schriften der Baar 44 (2001). Der Maler Johan Baptist Seele und sein Werk, von Gabriele Brugger.

Luzian Reich

Der eigentliche Künstlerkreis entstand um den Unternehmer Luzian Reich (7. Januar 1787 in Bad Dürrheim – 18. Dezember 1866 in Hüfingen), auch genannt „der Ältere“. Er selber zeichnete mit „Senior“.

Über Luzian Reich, auch von ihm selber geschrieben, steht viel im Denkbuch, das sein Sohn im Jahr 1896 in den Schriften der Baar veröffentlich hat.

Luzian Reich senior ein Selbstbildnis im Stadtmuseum Hüfingen
Selbstbildnis im Stadtmuseum
Foto vom alten Luzian Reich mit Stock und Mütze auf einem geschnitzten Stuhl
Luzian Reich etwa 1866. Foto von seinem Schwiegersohn Johann Nepomuk Heinemann
Von einer Tafel aus dem Museum mit Foto der alten Kaplanei ein der der Unterricht statt fand
Tafel im Stadtmuseum
Kunstrdruck aus der Zeichenschule von Luzian Reich mit der Akelei von Dürer etwa aus dem Jahr 1830
Kunstdruck aus der Zeichenschule von Luzian Reich mit der Akelei von Dürer (etwa 1830)
Luzian Reich etwa 1860
Foto: Nepomuk Heinemann

Die Zeichenschule von Luzian Reich:
Der Oberlehrer, Maler, Kunstschreiner und Bildhauer gründete in Hüfingen eine Zeichenschule für Buben und Mädchen. Er sammelte Ölbilder, Kupferstiche, Radierungen, Lithographien, Zeichnungen, Skulpturen und Töpferkunst die zum Teil aus aufgehobenen Klöstern stammten. Diese vielfältige Sammlung diente seinen Kunstschülern als Lehr-und Anschauungsmaterial.

Luzian Reich und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann Anfang 1866
Tafel im Stadtmuseum mit Abbildung der Ziegelhütte
Tafel im Stadtmuseum

Katharina Götz (01.11.1760-04.04.1847) mit Goldhaube, gemalt von Luzian Reich, ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Elisabeth, Xaver und Lucian Reich.

Eltern von Xaver, Lucian und Elisabeth: Luzian Reich und Josefa Schelble.
Großeltern: Mathias Reich und Anastasia Buckin (Bad Dürrheim).
Franz Josef Schelble und Katharina Götz (Hüfingen).

Josepha Schelble ein Gemälde von Luzian Reich senior im Stadtmuseum Hüfingen

M. Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866) gemalt von ihrem Ehemann Luzian Reich.
Sie ist die Schwester von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Mutter von Xaver Reich, Elisabeth Heinemann geb. Reich und Lucian Reich dem Jüngeren.

Luzian Reich unterrichtete in seiner Mal- und Zeischenschule neben seinen Kindern Xaver, Elisabeth und Lucian die Brüder Nepomuk und Josef Heinemann, sowie deren Vetter Rudolf Gleichauf.

Madonna von Luzian Reich senior
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731

Auch gründete Luzian Reich zusammen mit seinem Schwager Schelble und dem Hofrath Baur den Verein Freunde der Natur. Die Freunde der Natur – des Nützlichen und Schönen errichteten auf dem Rotrain eine Anlage in der auch Konzerte gegeben wurden.

Der Musikdirektor Johann Nepomuk Schelble
Sohn, Bruder, Schwager und Onkel

Der Bruder von M. Josefa Schelble (18. März 1788 -12. November 1866) war Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 – 7. August 1837 ), der Gründer des Cäcilienvereins in Frankfurt a. Main.

Johann Nepomuk Schelble (1789 -1837)
Zeichnung von unbekannt.

Über Schelble gibt es hier die Dissertation von Oskar Bormann aus dem Jahr 1926. Lucian Reich hat seinem Onkel zwei Kapitel in den Wanderblühten gewidmet: Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble – Prolog und Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble und auch im Denkbuch wird er oft erwähnt.

Johann Nepomuk Schelble war Chorknabe im Kloster Marchtal wo er wissenschaftlichen und musikalischen Unterricht erhielt. Als das Kloster 1803 aufgehoben wurde, kehrte er zu seiner Familie nach Hüfingen zurück. In der Stadtmusik Hüfingen spiele er Piccoloflöte und besuchte die Schule in Donaueschingen, wo er an dem kunstliebenden Fürsten Karl Egon von Fürstenberg einen Beschützer fand. Am 24. Juli 1818 gründete er in Frankfurt den Cäcilienvererin.

alte Zeichnung

Foto: Allegorie zur Namensgebung des Cäcilienvereins. Zeichung von Moritz August von Bethmann-Hollweg um 1828.

Neue Disputa:

Oben bei den Engeln die heilige Cäcilia und Händel, Beethoven, Mozart, Hayden
unten
Schelble, seine Frau Molly und die Gründungsmitglieder des Cäcilinvereins.

Foto aus >Die Leute singen mit so viel Feuer…< Der Cäcilienchor Frankfurt am Main 1818 bis 2018.

1820 erhielt Schelble ein Angebot vom Fürsten Karl Egon die Stelle des Hofkapellmeisters zu übernehmen. Um ihn in Hüfingen zu halten wurde die Anlage am Rotrain zum großen Teil vom Fürstenhaus finanziert. Nach der mutwilligen Zerstörung durch Faller, Auer und Ruf in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1821, hatte Schelble dann in Frankfurt einen 10-Jahres Vertrag abgeschlossen.

In Hüfingen erwarb Schelble 1824 ein „Landgütchen“, das er sein „Ruhetal“ nannte. Mit 48 Jahren starb Schelble in den Armen seiner Frau Molly am Eingang seines Hüfinger Hauses an der Bräunlinger Straße.

Eine Freude für sie war, wenn nachmittags der „Nepomuk und die Molly“ kamen. Aber auch sie waren immer viel in Anspruch genommen mit Einrichtung und Verbesserungen ihres Hauses und Gütchens. Die Großmutter stammte aus der Hofbauernfamilie Götz, deren Haus in der Vorderstadt noch ganz die mittelalterliche Bauart zeigte und auch eine allerdings trübselige geschichtliche Bedeutung hatte, insofern als die Scheuer der Hauptschauplatz war des gräuelvollen Blutbades vom Jahre 1632 beim Überfall der Stadt durch Württembergisches Kriegsvolk.
Gelegentlich einer Reise, die Onkel Schelble zur Kräftigung seiner angegriffenen Gesundheit nach Gastein unternommen, wobei wir ihn bis München begleiten durften, hatten wir Schaller, den Landsmann Binders, kennen gelernt. — Die Badekur hatte den erwarteten Erfolg nicht gehabt; im Sommer 1836 sah der gute Onkel sich genötigt, aller Tätigkeit zu entsagen und sich nach Hüfingen in sein von ihm mit so großem Interesse gegründetes Landgütchen zurückzuziehen.
Ich war so lange noch in Frankfurt geblieben, um das Fortschaffen der Möbel überwachen zu können. Felix Mendelssohn war gekommen, die interimistische Leitung des Cäcilienvereins zu übernehmen.
aus dem Denkbuch

Das Landgütchen
Foto von Karl Schweizer 1980

Im Bade Gastein hatte er vergeblich Heilung gesucht; ist so mächtig in die Heimat zu, wo er in der stärkenden Luft des Hochlandes Besserung hoffen durfte. – Und wirklich schien erneutes Leben noch einmal wiederkehren zu wollen – doch war es leider nur Täuschung – das Vollgefühl der Gesundheit kehrte nimmermehr wieder. Demungeachtet war er noch immer unausgesetzt thätig. Nebst der Sorge für die häusliche Einrichtung seiner kleinen Gartenwohnung beschäftigte ihn der Singunterricht der Kinder, die er um sich versammelt hatte; auch hier im Kleinen, wie früher im Großen, wollte er den Sinn und die Empfänglichkeit für das Schöne wecken und fördern. – Frohe Hoffnung gänzlicher Genesung beschlichen die Brust der Seinigen; um so unvorbereiteter traf sein plötzliches Dahinscheiden.

Es war am 6. August des Jahres 1837, an einem Sonntag, als das Totenglöcklein der Stadtkirche üblicherweise den Einwohnern verkündete, dass ein Mensch aus ihrer Mitte geschieden sei. – Es war das Scheidezeichen für Johann Nepomuk Schelble. – Im Geleite der Seinigen hatte er denselben Tag einen Spaziergang auf ein entferntes Grundstück unternommen, als er zurückkehrend am Eingange seines Gartens von einem Blutsturz befallen wurde, der seinen Leben in den Armen seiner Gattin ein schmerzliches schnelles Ende machte.

Ein Mitglied des Cäcilienvereins (Johannes Weismann) unternahm es, für die Freunde in kurzgefassten Zügen eine Schilderung des Lebens und Wirkens des Verewigten zu entwerfen. Und wohl darf er als die Denkweise Vieler betrachtet werden, wenn der Verehrer am Schlusse seines Nekrologs ausruft: „Fürwahr, ein ungewöhnlicher, ein großer Mensch ist mit ihm von der Erde geschieden; denn seine Aufgabe war eine große, und er hat sie im großen Sinn aufgefaßt und gelöst. Darum erkannte sich der Verein mit tiefem Schmerze verwaist, als er sich ihm die Überzeugung aufdrang, dass Schelble ihm unwiederbringlich entrissen sei. Darum ist es so natürlich, dass wir immer von Neuem an ihn erinnert werden, dass wir ihn immer wieder vor unserem Geistesauge erblicken, den Mann mit der großen Stirne, mit dem edelgebildeten Haupte, dem tiefblickenden Auge, wie er anspruchslos am Klavier saß und mit klarem, ruhigen Sinn die Tonwelt, das Ganze wie das Einzelne beherrschte“.
aus den Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble

Man kann kaum glauben, wie viel ein einziger Mensch, der was will, auf alle andern wirken kann; S. steht dort ganz allein…Er hat sich einen sehr bedeutenden Wirkungskreis geschaffen und die Leute im eigentlichsten Sinne weiter gebracht …
Felix Mendelssohn Bartholdy in einem Brief an Carl Friedrich Zelter

Lucian Reich

Ein Sohn von Luzian Reich und Josefa Schelble und somit der Neffe von Nepomuk Schelble war Lucian Reich (26. Februar 1817 – 2. Juli 1900).

Lucian Reich, gezeichnet von seinem Schwager Nepomuk Heinemann.

Lucian Reich hat aus Geldnot erst am 8. August 1874 Margareta Stoffler (1825-1880) aus Geisingen geheiratet; die Tochter Anna Reich war deswegen unehelich und ihre Daten sind nicht bekannt. Anna Reich kam mit ihrem Vater später wieder nach Hüfingen und pflegte ihn bis zu seinem Tod am 2. Juli 1900. Danach heiratete sie einen verwitweten Landwirt in Neudingen und zog seine (8 ?) Kinder groß. Sie selber hatte nie eigene Kinder und starb hoch betagt in der Neudinger Mühle.

Maria Josepha Heinemann Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.

Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann 1875-1881

Lucian Reich nach einer Photographie gezeichnet von Karl v. Schneider. Hüfingen 1907.

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Anna Reich 1885
Foto von Nepomuk Heinemann

Lucian Reich wirkte jahrzehntelang als Zeichenlehrer am damaligen Großherzoglichen Lyceum in Rastatt. Einen Namen machte er sich vor allem durch seine heimatkundlichen Bücher und seine Illustrationen.

Zeichnung aus den Wanderblühten.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind;
J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit);
Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife;
Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr;
Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.

Das bekannteste von Reich geschriebene und illustrierte Buch trägt den Titel „Hieronymus. Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde„.

Lisette Reich
Die übersehene Schwester

Die Tochter von Luzian und Josefa Reich und Schwester von Lucian und Xaver war Elisabeth Reich (15. Dezember 1819 – 24. Juni 1871). Sie heiratete am 31. Januar 1854 einen Schüler ihres Vaters, Johann Nepomuk Heinemann (30.05.1817 – 22.02.1902).

Elisabeth (Lisette) Reich 1819-1871
Allegorie der Donauquelle von J.N. Heinemann
Selbstportrait von Nepomuk Heinemann

Der Fotograf und Schnitzer Muckle Heinemann
Schwager und Neffe

Johann Nepomuk Heinemann (30.05.1817 – 22.02.1902) begann eine Lehre als Uhrschild-Maler in Neustadt. Danach lernte er in Donaueschingen die Technik der Lithographie. Wie alle Hüfinger Künstler hielt er sich in den folgenden Jahren, wie sein Bruder Joseph, zu Studienzwecken in München auf.

Die Eröffnung einer eigenen Druckerei in Hüfingen wurde ihm auf Intervention des Fürstenhauses genehmigt. Mit Entwürfen von Lucian Reich, seines Bruders Joseph Heinemann und von Heinrich Frank begann er das Buchprojekt Hieronymus – Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde.

Bleistiftzeichnung Karl von Schneider (1847 – 1923) von Johann Nepomuk Heinemann
Bild mit Liebespaar und einer Ziege
Uhrenbild von Heinemann 1850

Johann Nepomuk Heinemann war einer der ersten Fotografen im Land. Auch das Fürstenhaus Fürstenberg in Donaueschingen zählte zu seinen Kunden. Dieses Geschäft blühte in den 1860er Jahren auf und zahlreiche Portraits von Zeitgenossen entstanden in seinem Studio.

So auch Amélie Karoline Gasparine Leopoldine Henriette Luise Elisabeth Franziska Maximiliane Fürstenberg. Geboren am 25.05.1848 Schaffhausen und verstoben am 08.03.1918 in Baden-Baden. Tochter von Karl Egon II Fürst zu Fürstenberg (1820-1892).

  • Altes Foto der Fürstenfamilie



Die Tochter von Nepomuk Heinemann und Lisette Reich war Maria Josepha Heinemann („Marie“ 23. Dezember 1857 – 19. Mai 1948) die am 19. September 1881 den Kaufmann Karl Nober (Haus Nober Hauptstr. 5) geheiratet hat.


Marie Heinemann (1857 – 1948)

Marie und Kätherli
(Katharina Heinemann 30.04.1828-27.01.1900. Kätherli war die Schwester von Nepomuk und Josef Heinemann)
Fotos von Nepomuk Heinemann etwa 1868

Nepomuk Heinemann 1895
Nepomuk Heinemann 1895
Todesanzeige vom 24.02.1902

Selbstbildnis von Johann Nepomuk Heinemann von 1840


Xaveri
Der Bildhauer Xaver Reich
Bruder und Vater

Ein weiterer Sohn von Luzian Reich war Franz Xaver Reich (1. August 1815 – 8. Oktober 1881).
Nach initialer Förderung durch seinen Vater, kam Xaver Reich 1832 auf Empfehlung seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an das Städelsche Institut. Durch seinen Onkel wurde er auch Mitglied in dessen Cäcilienverein.

Xaver Reich
gezeichnet von Nepomuk Heinemann 1838

Foto von Xaver Reich im Stadtmuseum

Franz Xaver Reich
gezeichnet von Josef Heinemann

Lucian Reich schreibt viel über seinen Bruder im Denkbuch: https://hieronymus-online.de/denkbuch-von-lucian-reich-1896/

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Wilhelm August Rehmann, Leibarzt von Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg veranlasste, dass Reich eine Skizze modellieren konnte, welche die Donau mit ihren Zuflüsse Brigach und Breg zeigte. Karl Egon II. war vom Ergebnis begeistert und beauftragte Reich damit das Modell 1837 im großen Maßstab herzustellen. Im Schloss Hüfingen erhielt er von seinem Mäzen dann ein Atelier geräumt, um die Gruppe in Sandstein auszuführen. Die Sandsteingruppe wurde auf der „großen Insel im Schwanenweiher“ (heute: Pfaueninsel) im Schlosspark von Donaueschingen aufgestellt.

Danubiagruppe auf der Pfaueninsel (Postkarte 1906)

Nach Vollendung der Arbeit machte sich Xaver Reich 1842 zu einer Romreise auf. Aufenthalte in Pisa, Florenz und in Verona begeisterten ihn für die Tradition der Blumenteppiche.

Nach Vorbild aus Portici fertigte er in Hüfingen vor seinem Elternhaus den ersten Blumenteppich und legte so den Grundstein einer Tradition in Hüfingen die leider den Gallustag ersetzen sollte.

Film von Ernst Kramer in den späten 1920er

Franz Xaver Reich wohnte mit seiner Familie im ehemaligen Anwesen seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an der Bräunlinger Straße. In Hüfingen hatte er die Ziegelei seines Vaters übernommen und zu einer Terrakottenbrennerei umgewandelt. In ihr brannte er plastischen Schmuck. (aus dem Denkbuch von Lucian Reich)

Ziegelhütte und Terrakottenbrennerei Reich.
Sie stand da, wo heute der Kofenweiher ist.

Der Engel auf der Elisabetheninsel, den Fürst Carl Egon II in Erinnerung an seine früh verstorbene Gemahlin Elisabeth aufstellen ließ, wurde nach einem Entwurf von Xaver Reich gegossen. Zu seinen Donaueschinger Arbeiten zählt auch das Turnierrelief an der Reithalle.

Die Inschrift auf der Vorderseite des Sockels lautet:
„Der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost. Sp. Salomon 14, 23“ auf der Rückseite: „Karl Egon Fürst zu Fürstenberg seiner unvergeßlichen Frau Elisabeth, Prinzessin Reuß ä. L. zu Greiz. geb. 23. März 1824, gest. 7. Mai 1861“.
Das Denkmal wurde nach einen Entwurf von Xaver Reich gegossen.
Die junge Donau als Kind im Schoße der Mutter Baar von Xaver Reich von 1875.
Sandsteingruppe am alten Zusammenfluss von Brigach und Breg in Donaueschingen.
Foto aus dem Jahr 1980.

Als die Donauquelle im Schloßhof neu gefaßt und umgruppiert wurde, gestaltete Xaver Reich die Gruppe: „Die junge Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar“. Sie musste allerdings in den siebziger Jahren der Marmorgruppe des Vöhrenbacher Bildhauers Adolf Heer weichen, die heute noch die von Adolf Weinbrenner geschaffene Quellfassung schmückt. Reichs Gruppe fand in der Nähe des Zusammenflusses von Brigach und Breg eine vorläufige Bleibe und wurde 2025 am neu gestalteten Donauzusammenfluss wieder aufgestellt.

Der Maler Rudolf Gleichauf
Vetter

Ein weiters Mitglied des Hüfinger Künsterkreises war Rudolf Gleichauf (29. Juli 1826 in Hüfingen – 15. Oktober 1896 in Karlsruhe). Gleichauf erhielt ein Stipendium des Fürsten Karl Egon II. zu Fürstenberg an der Münchner Akademie bei Schnorr von Carolsfeld.

Rudolf Gleichauf
29. Juli 1826 – 15. Oktober 1896

Außer zahlreichen Wandgemälden hat Gleichauf im Auftrag des badischen Hofs und der badischen Regierung zwischen 1862 und 1869 zahlreiche Aquarellbilder und eine Vielzahl von Kostümstudien geschaffen, die sich in der Badischen Landessammlung erhalten haben und für ein „umfängliches badisches Trachtenwerk“ geplant waren, das jedoch nicht vollendet wurde.

Unten Allegorische Darstellungen der Fakultäten für Theologie, Philosophie, Jurisprudenz und Medizin für die Universtität Heidelberg von Rudolf Gleichauf.

Theologie
Philosophie
Jurisprudenz
Medizin

Die zwei Bronzereliefs des Bildhauer Johannes Hirt auf dem Grabstein von Adolf Heer und Rudolf Gleichauf befinden sich auf dem Hüfinger Friedhof.

Adolf Heer Bildhauer geboren 13. September 1819 gestorben 29. März 1898

Grab Adolf Heer und Rudolf Gleichauf


Josef Heinemann
Der vergessene Hüfinger Maler

Eine Schwester von Rudolf Gleichauf war mit dem Künstler Josef Heinemann (27.12.1825 – 02.04.1901) einem Bruder von Johann Nepomuk Heinemann, verheiratet.

Josef Heinemann (1825 – 1901)
Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Johann Nepomuk Heinemann.

Marie Heinemann (1857 – 1948)
Gemalt von ihrem Taufpaten Josef Heinemann.

Auch Josef Heinemann studierte wie sein Schwager Gleichauf an der Münchner Akademie bei Julius Schnorr von Carolsfeld.

Jacob schenkt Joseph einen bunten Rock (1850)
Die selten dargestellte Szene der Josephsgeschichte des Alten Testaments entstand im Umfeld von Bibel-Illustrationen. Heinemann arbeitete an verschiedenen Editionen sogenannter Bilder-Bibeln mit.

Bildnis der Ida Müller, verh. Maier (1841)
Heinemann porträtiert die 20-jährige Blumen- und Stillebenmalerin als „Tochter aus gutem Hause“. Die noch ungleiche anatomische Exaktheit von ausdrucksstarkem Gesicht und summarischer Hand zeigt, dass es sich um ein Jugendwerk des 18-jährigen Zeichners handelt.


Es fehlen hier noch einige Hüfinger Künstler. Ich verweise auch noch auf die Seite der Hüfinger Persönlichkeiten: https://hieronymus-online.de/huefinger-persoenlichkeiten/


Mehr Fotos und Infos zum Hüfinger Künstlerkreis gibt es auch auf der Seite des Stadtmuseums:

Der Klausentag – Früher und jetzt

Hieronymus Kapitel 9

“So sprechen die Kinder und drücken sich schnell,
Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell.
Nur stille Kind! Kinderlein, stille!”
Goethe

Über den „Klausenstag“, Gebete, Prüfungen, Geschenke und den Beelzebub.

Unser Bildchen führt uns wieder zurück ins gewöhnliche Geleise der Lebensgeschichte. – Es ist St.-Nikolaus-Tag; und Hieronymus gedenkt gerne der harmlosen Kinderzeit, wo er nicht anders wußte und glaubte, als der wohlwollende Heilige komme schon einige Nächte vor seinem Namens- und Bescherungstag vom Himmel auf die Erde herab, um vor den Hütten und Höfen zu lauschen, ob die Kinder folgsam und fleißig seien, um darnach seine Gaben einrichten und bemessen zu können.

Damals, als Kind, betete Hieronymus gewiß schon einige Wochen vorher jeden Abend drüben im Hof mit seinem Gespänlein Florentina. Sie saßen dabei auf der Staffel am Hinterofen bei der Großmutter, die jetzt nun auch schon dies Plätzlein längst mit einem viel engeren an der Kirchhofmauer vertauscht hatte. Und wie die Kinder ein Vaterunser beendet, so wurde es gewissenhaft auf dem „Klausenhölzle“ eingekerbt, oder ins selbstgefertigte Büchlein mit Rötel, oder zuweilen auch mit dem Löffelstiel strichweise eingetragen; und diese Dokumente kindlicher Frömmigkeit legten sie dann am Vorabend auf den Teller, welcher über Nacht mit der ersehnten Bescherung sich füllen sollte.

Bevor dies geschah, hatten die Kleinen jedesmal noch ein strenges Examen zu bestehen. – Es schellte draußen in der finsteren Hausöhre, die Stubentür ging auf – einige Apfel und Nüsse rollten herein, und der Santiklaus in höchst eigener Person erschien als Bischof gekleidet, ein Lichtlein auf der Mütze; hinter ihm seine Ministranten – und etwas weiter rückwärts – noch einer, den die Kinder aber lieber nicht gesehen hätten -, der Heilige spricht:

„Ich komm vom hohen Himmel herab,
Will schauen, ob ich fleißige Kinder hab;
Sind sie brav, gehören sie mein,
Sind sie bös, so laß ich den Belzebub herein.“

Nun begann die Prüfung, und wehe dem Unwissenden und Faulen, der sein Sprüchlein aus dem Katechismus nicht geläufig hersagen konnte, denn der gefürchtete Belznikel war jeden Augenblick bereit, einzutreten und seine Strafgewalt auszuüben – nicht selten in einer Manier, daß den armen Kleinen dabei Hören und Sehen verging. Dieses letztere Ämtlein hatte immer der älteste Knecht auf dem Hof dort bekleidet, während Bruder Cyriak gar schön den heiligen Nikolaus vorzustellen wußte.

Hieronymus erinnerte sich noch oft, wie er in kindlicher Einfalt die Mutter einst fragte: warum denn der Santiklaus den Kindern des armen Hansjörg auch gar nichts gebracht habe, sie hätten ja doch ebenso fleißig gebetet wie er und Florentina? – Eine Frage, welche die gute Anastasia fast in Verlegenheit gesetzt hätte.

War er auch längst den Kinderschuhen entwachsen, so wollten die Eltern dem herkömmlichen Brauch doch nicht ganz entsagen. Auch jetzt noch wurde der Sohn jedesmal mit einer Gabe erfreut – allerdings nur solche Dinge brachte der Klaus, welche ohnehin hätten angeschafft werden müssen.

Diesmal aber brachte der betreffende Dezembermorgen etwas Außergewöhnliches: eine schöne Farbenschachtel mit diversen Haarpinseln – ein längst gehegter Herzenswunsch des Sohnes. Vater Mathias hatte das kostbare Material vom Klausenmarkt in Furtwangen mitgebracht. Aber nicht zu bloßem Zeitvertreib sollte es dienen, es sollte und konnte ein hübsches Stück Geld damit verdient werden.

Die Familie hatte Unglück gehabt. Vorigen Herbst war sie um ihre Kuh gekommen, die, verbläht von der Weide heimgetrieben, mit knapper Not noch geschlachtet werden konnte. Kein geringer Verlust! – Das Jahr vorher hatte der Vater auf Bitten eines jüngeren, in der Baar verheirateten Bruders, der in zurückgekommenen Verhältnissen lebte, eine Bürgschaft von über hundert Gulden übernommen. Dem Bruder brannte das Haus ab – und Mathias mußte – nach dem alten Satz: den Bürgen muß man würgen – die Summe aus dem eigenen Beutel erlegen. – Bald darauf erkrankte er selbst und konnte über vier Wochen das Bett nicht verlassen.

So war eins aufs andere gekommen, und Mathias war genötigt, sich nach Nebenverdiensten umzusehen. Die herrschaftliche Forstei hatte zur Zeit ein Quantum Holz im Wald zu machen und ins Tal herabzuschaffen ausgeschrieben. Mathias mit andern übernahm die Hälfte davon, d. h. Hieronymus, der indessen ziemlich kräftig geworden, sollte die Arbeit für seinen Teil verrichten. Es war kein Leichtes, zumal der Winter sich frühe und strenge eingestellt. Jeden Morgen vor Tagesanbruch ging’s hinaus in den Wald, spät abends kamen sie heim. Die Genossen unseres Hieronymus waren der Hansjörg und seine drei Söhne. Dieser Mann, der früher mit Erzgraben am Feldberg ein mühsames Leben gefristet und dann im Tal sich niedergelassen, diente dem Mathias zuweilen auch als Aushelfer in der Mühle.

Wäre der Winter nicht als ein so strenger Herrscher aufgetreten, so würde das Geschäft, das Hieronymus nicht zum erstenmal verrichtete, kein so großes Ungemach im Gefolge gehabt haben. So aber kamen sie, Menschen und Kleider, oft vor Kälte starrend nach Haus. Obwohl sie im Wald, um sich zu wärmen, beständig ein Feuer unterhielten, so diente es doch nur dazu, Schnee und Eis an den schweren Bundschuhen in Nässe zu verwandeln, die noch nachteiliger wirkte als selbst der Frost.

Daneben war das Geschäft nicht ohne Gefahr, namentlich das Dirigieren der schwerbeladenen Holzschlitten die Halden und Schluchten hinab – wobei schon mehr als ein Holzmacher das Leben eingebüßt. – Trotz alldem hätte Hieronymus ausgehalten, wenn ihn nicht die Folgen einer Erkältung genötigt hätten, Waldsäge und Holzaxt niederzulegen und den Wald mit Stube und Bett zu vertauschen. Eine starke „Überröte“ war’s, eine Geschwulst im Gesicht, langwierig und schmerzhaft zugleich. Es zuckte und riß ihm in der Wange, als hätt er eine Klopfsäge darin. – Nichts wollte anschlagen, weder die warmen Überschläge der Mutter noch die Sympathien und Kräuter des Cyriak. Eine bösartige Verhärtung hatte sich gebildet, und schon wollte der aus Vöhrenbach herbeigeholte Doktor zum Messer greifen – aber der Patient, von der Mutter unterstützt, konnte sich nicht zur Operation entschließen. – Anastasia setzte hierauf ihre Überschläge von Kamillen und erhitztem Bachsand wieder fleißig fort – und gottlob, mit gutem Erfolg. Die Geschwulst legte und zerteilte sich.

Aber der Rekonvaleszent hatte indes noch langweilige Tage genug durchzumachen hinterm Ofen. Und wenn er mit verbundenem Gesicht so dasaß, während der Vater den klappernden Mahlgang besorgte und die Mutter beim sorgsam unterhaltenen Ollämplein bis tief in die Nacht mit Nähen sich mühte, so wünschte er sehnlichst, daß auch für ihn die Zeit bald wieder kommen möchte, wo er tätig mit eingreifen könne. – Und als er dann endlich imstande war, wieder eine Beschäftigung vorzunehmen – so wollte es ihm beinahe scheinen, als habe ihm das Schicksal das Übel nur deshalb zugeschickt, um ihn dem Zeichnen und Malen wieder zuzuführen. Die neue Farbenschachtel kam ihm jetzt trefflich zustatten. Er kolorierte papierene Uhrenschilde, auch sogenannte Agathazettel, schön verzierte Haussegen oder Spielkarten auf Glanzpapier, Arbeiten, die fast noch besser sich rentierten als das Holzmachen im Wald.

Als er einst von einem Besuch beim kunstfertigen Bruder Cyriak heimkehrte, fand er auf dem Weg einen hübschen neuen Perpendikel. Er paßte denselben alsogleich der alten Wanduhr an, die der Vater noch aus seiner Heimat mitgebracht. Zu der neuen Zier aber wollte das verdunkelte papierene Zifferblatt nun nicht mehr passen, und er machte sich daran, ein neues zu beschaffen. Von einem in der Nähe wohnenden „Brettlemacher“ erhielt er einen hölzernen, gut zugerichteten Schild, auf welchen er mit den Ölfarben des Vaters die Ziffer und ob darüber seinen Namenspatron malte. – Nach dem Urteil aller, die das Werk zu sehen bekamen, war es aufs beste gelungen. – Der Verfertiger erntete viel Lob und erhielt sogleich Bestellungen. – Der Stabhalter verlangte ein ähnliches Kunstwerk, und selbst der Hofbauer gestattete, daß Hieronymus die hölzerne Wanduhr, welche seit alten Zeiten dort in der Stube hing, auf ähnliche Weise renovieren dürfe.

In die vier Ecken des Zifferblattes malte er hübsche große Blumen und oben in den Rundbogen den Laubhauserhof mit seinem Garten davor, in welchem Florentina – wenigstens sollte sie es sein – zu sehen war, in grüner Jüppe und schneeweißen Hemdärmeln, in der Hand eine Rose haltend. Auch dies Werk gefiel so gut, daß der Bauer nicht umhin konnte, in den Beutel zu greifen und dem Verfertiger ein ansehnliches Douceur zu spendieren – was alle, die den Mann kannten, in nicht geringe Verwunderung versetzte. – Die Aufträge mehrten sich; und bereits gab man sich in der Mühle der Hoffnung hin, gegen das Frühjahr wenn nicht wieder ein Kühlein, so doch eine Geiß zu den vorhandenen hin kaufen und einstellen zu können.

In der ersten Ausgabe war noch ein Gedicht, welches Lucian Reich wohl als „allzu bekannt“ in der zweiten Ausgabe weg gelassen hatte:

Scharmanti bruni Bire, welchi Nuß
und menge rothen Aepfel ab der Hurt,
e Gusebüchsli, doch wills Gott der Her
ke Guse drin. Vom zarte Bese-Ris
e goldig Rüethli schlank und nagelneu!
Lueg, so ne Muetter het ihr Chindli lieb!
Lueg, so ne Muetter ziehts verständig uf,
und wird mi Bürstli meisterlos, und meint,
er sei der Her im Hus, se hebt sie b’herzt
der Finger uf, und förcht ihr Büebli nit,
und seit: „Weisch nit, was hinterm Spiegel steckt?“
Und’s Büebli folgt und wird e brave Chnab“

Heinrich Hansjakob besucht Lucian Reich in Hüfingen

von Dr. Ursula Speckamp am 21.10.2021

Den am 1. Dezember 1899 gefassten Entschluss, das Schriftstellern aufzugeben, hielt Hansjakob nur zwei Monate durch, dann griff er wieder zur Feder. Und, so schrieb er weiter fast bis zu seinem Tod am 23. Juni 1916. Sein letztes Werk war eine Antikriegsschrift, die im Frühjahr 1916 erschien. 1)

Das Tagebuch, das er während seiner Sommerreise im Jahr 1900 führte, gibt über rund 100 Seiten Aufschluss über die Baar, wie Hansjakob sie erlebte.2) Bei dem großen Interesse, das der Schriftsteller Menschen, vor allem solchen aus dem „einfachen Volk“ entgegenbrachte, erstaunt es nicht, dass der Leser dieses Reisetagebuchs, das 1902 unter dem Titel „Verlassene Wege“ herauskam, viel über die Begegnungen Hansjakobs mit anderen Menschen erfährt. Da der Priester und Philologe – er war Absolvent zweier Fakultäten – schon bald nach Beendigung seines Studiums als Lehramtspraktikant in Donaueschingen weilte (Januar 1864 bis April 1865), gehen manche seiner Ausführungen auch in jene Zeit zurück.

Als Lehramtspraktikant selbstverständlich damals zu Fuß unterwegs, reist Hansjakob in späteren Jahren, so auch jetzt, meist in der eigenen Kutsche. Das erlaubte ihm, die Route selbst zu bestimmen, ungestört zu schauen, nachzudenken und zu schreiben. Hansjakob war ein unermüdlicher Arbeiter. Von Freiburg her kommend verlässt Hansjakob mit Wolterdingen den Schwarzwald und gelangt in „die alte Bertholds-Baar“. „Die Baar“, urteilt Hansjakob, „unterscheidet sich wesentlich vom Schwarzwald. Sie entbehrt seiner Romantik, seiner düstern Wälder, seiner Felsen und seiner Wasserfälle; aber dafür ist sie auch nicht so rauh und so kalt, und während ihre Höhen lichte herrliche Wälder krönen, gedeihen in den Tälern und auf den Ebenen noch reichlich alle Halmfrüchte. Drum hat die Baar auch einen viel wohlhäbigern, aber auch stolzern Bauernstand als der Schwarzwald. Heute, im hellen Sonnenschein….machten mir ihre langgezogenen Bergrücken und ihre grünen, satten Triften den Eindruck süßer Elegie.“ (67 f.) Er muss sich gestehen, dass die Baar auch schön sei, sie habe eben ihren eigenen Charakter, und den Charakter müsse man nicht nur bei Menschen in Ehren halten.

Blick über das Römerbad auf Hüfingen.
Foto: Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825. Privatbesitz.

Nach dem Besuch von Bräunlingen, Mundelfingen, Donaueschingen erwacht Hansjakob am Morgen des 21. Juni 1900 im Hüfinger Pfarrhaus. Solche Pfarrhausunterkünfte hatte Hansjakob auf seinen Reisen oft, besonders in der Diözese Freiburg, in der er etliche Pfarrer kannte, boten Pfarrhäuser doch eher als es Gasthöfe vermochten, eine ruhige Übernachtungsmöglichkeit. Ein passender Titel für das vorliegende Reisetagebuch „Verlassene Wege“ wäre auch, wie Hansjakob bemerkt, „Von Pfarrhaus zu Pfarrhaus“. (S.VII)

Lucian Reich nach einer Photographie gezeichnet von Karl v. Schneider.

Schon zu früher Stunde begibt er sich zu dem „Volksschriftsteller Lucian Reich“. (109) Der war einst am Rastatter Gymnasium Hansjakobs Zeichenlehrer gewesen. „Im dritten Stocke eines kleinen Häuschens, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinem Besuch, der dreiundachtzigjährige Greis, in dessen Züge sich Bitterkeit und Biederkeit die Waage halten. Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. Unermüdlich ist er aber noch geistig thätig, liest und zeichnet und schriftstellert.“ (109)

Luzian Reich senior
(7. Januar 1787 in Bad Dürrheim – 18. Dezember 1866 in Hüfingen)

Hansjakob holt nun aus, um das Leben von Lucian Reich nachzuzeichnen: Lucian Reich, gebürtiger Hüfinger – sein Vater war hier Lehrer und Bildhauer – erbte ebenso wie sein Bruder die künstlerische Begabung des Vaters. Der Bruder Xaver wurde ein bedeutender Bildhauer, Lucian Maler und Schriftsteller.
„Er half dem berühmten Maler Schwind die Kunsthalle in Karlsruhe mit Bildern schmücken und malte später auch im neuerbauten Hoftheater.“ (109 f.)

Xaver Reich
gezeichnet von Nepomuk Heinemann 1838

Während dieser Arbeit veröffentlichte Reich sein bestes Buch, wie Hansjakob urteilt: Hieronymus, Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwald“. (110) Hansjakob hält es für eines der besten Volksbücher überhaupt. Die Illustrationen, alle von Reich selbst, zeichnete sein Hüfinger Jugendfreund Heinemann in Stein. Heinemann lebt auch heute noch in Hüfingen. Die Herausgabe des Werkes war ein finanzielles Desaster: Um die Veröffentlichung zu ermöglichen, gab der Fürst von Fürstenberg einen Vorschuß. Ein Verleger fand sich nicht; es mußte „in Komissionsverlag genommen werden“. (110) Der Verkauf lief gut, dennoch blieb ein Defizit, nachdem der Fürst den Vorschuß zurückerhalten „und – nicht sehr fürstlich – auch genommen hatte“. (110) Mit den späteren Werken von Lucian Reich ging es ähnlich. 

Johann Nepomuk Heinemann 
(30.05.1817 – 22.02.1902)

In den 1850er Jahren, so Hansjakob, ging es der „malenden Kunst“ in Baden schlecht. Um sich einigermaßen durchzubringen, nahm Reich 1855 die Stelle eines Zeichenlehrers am Rastatter Lyzeum an. Im Rastatter Schloß erhielt er ein Atelier. Am Lyzeum wirkte er bis 1889. Während dieser langen Jahre gelang es ihm nicht, auch nur Reallehrer zu werden. „Er blieb Hilfslehrer mit einem Höchstgehalt von 116 Mark monatlich und ohne Anspruch auf Witwen – und Waisenversorgung und Pension.“ (111) Hansjakob erinnert sich gut an seinen Zeichenlehrer: Er war ein stiller, ernster, sinniger Mann. Er ging im Zeichensaal von Schüler zu Schüler und stand „jedem mit Rat und That“ bei. (111) Und jetzt? „Gutthatsweise“ erhielt er ein Ruhegeld von 71,50 Mark monatlich. Davon lebte er 11 Jahre bis zu seinem Tod, der wenige Wochen später eintrat. „Bitter hat er´s empfunden und bitter mir heute darüber geklagt, daß er kaum zum Leben habe und seine Tochter mittellos zurücklassen müsse.“ (112)

Beim Abschied übergibt Reich dem Schriftsteller den letzten Brief eines zum Tode verurteilten Revolutionärs, den er von dessen sterbender, in Hüfingen ihre Tage beschließender Braut – sie war ledig geblieben – vor einige Jahren erhalten hatte. Reich meinte, Hansjakob könne diesen Brief „am besten verwerten“, was Hansjakob tut, indem er über den zum Tode Verurteilten – es handelt sich um Joseph Kilmarx aus Rastatt – berichtet und diesen Brief in „Verlassene Wege“ aufnimmt.

Kilmarx war Soldat, Feldwebel, Magdalene Peter, als Waise von einer Verwandten in Rastatt erzogen, seine Braut. Als die Revolution ausbrach, schloss sich Kilmarx ihr an. Beliebt bei seinen Kameraden wurde er bald tüchtiger Offizier. Nachdem die Festung Rastatt kapituliert hatte, nahmen ihn die Preußen gefangen und verurteilten ihn zum Tode. Hier Kilmarx´ Abschiedsbrief:

Rastatt den 8. Oktober (1849) Morgens 6 Uhr 1849

Liebes Bäßle und Magdalene!

Die Todesstunde naht. Schauerlich pfeift der Wind in meinem Kerker, als wäre er der Verkünder meines Dahinscheidens. Ich schrecke nicht davor, ich bin versöhnt mit Gott, dem Allmächtigen und sterbe als Christ, der keine böse That begangen hat. Längst einer halben Stunde gehe ich zu meinem und zu eurem Vater, zu meinen Geschwistern und zu euren, wo ich´s besser finden werde als allhier. Ich vertraue auf Gott, habe mich zu ihm gewendet, und er wird mir alles verzeihen und mich zu sich in sein Reich aufnehmen. Denkt auch später an mich, schließt mich in euer Gebet ein, ich werde es auch thun. Den Allmächtigen werde ich bitten, daß er euch Segen willfahren läßt. Der Magdalene wünsche ich Glück in allem, was sie je unternehmen wird, wenn sie einstmals Frau sein wird. Die Thüre wird geöffnet, zum Todesplatz geht´s: Lebet wohl, im Himmel sehen wir uns wieder. 

J. Kilmarx

Hansjakob fügt hinzu, daß der Brief mit fester, sicherer Hand geschrieben sei. Kilmarx ging furchtlos in den Tod. Der Schriftsteller erinnert sich: „Sein greiser, invalider Vater, den ich noch wohl kannte, begleitete ihn auf dem Todesgange und rief ihm zu: ` Joseph, bleib ‘standhaft! ´“ (116)

Kapitulation in Rastatt.
Foto: Bundesarchiv, Landesbildungsserver.

Als Hansjakob von seiner Reise zurückkehrt, findet er in Freiburg einen Brief von Lucian Reich vor, in dem dieser noch einige Notizen über sein Leben nachsendet und mitteilt, er fühle, daß er in Kürze sterben werde. Als Hansjakob den Brief in Händen hält, ist Reich bereits verstorben. In jenem Brief bittet Reich Hansjakob darum, sich etwas um seine mittellose Tochter anzunehmen. „Ich that es“, berichtet Hansjakob, „und durch die mächtige Vermittlung des Finanzministers Buchenberger erhielt sie eine namhafte Unterstützung von Karlsruhe. So wird einigermaßen gesühnt, was an dem Vater versäumt wurde.“ (118 f.) (Anmerkung von Hieronymus-online: Die Tochter von Lucian Reich, Anna Reich, heiratete einen verwitweten Müller und reichen Landwirt aus Neudingen und zog dessen Kinder groß. Sie selbst verstarb kinderlos in hohem Alter.)

Um halb neun Uhr morgens beendet der Reisende seinen Besuch bei Lucian Reich. Schon bald, bei munteren Pferden und ausgeruhtem Kutscher erreichen sie Behla, und Hansjakob nimmt Abschied von der Baar: „Sie lag, wenn auch nicht sonnenbeglänzt, doch so stattlich und so bescheiden vornehm  vor meinem Auge, daß ich mir sagte: `Fürwahr, wenn ich kein Schwarzwälder wäre, möchte ich aus der Baar sein. ` Die Residenz Donaueschingen glänzte von unten zu mir herauf wie eine reizende Hirtenkönigin.“ (119) 

1) Heinrich Hansjakob, Zwiegespräche über den Weltkrieg, gehalten mit Fischen auf dem Meeresgrund, Stuttgart 1916
2) Ders., Verlassene Wege, Waldkirch 1986 (Nachdruck von 1902). Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.

Johann Nepomuk Heinemanns „Hieronymus“

aktualisierte Version, Original vom 07. Februar 2020

Ein Angehöriger des Hüfinger Künstlerkreises war „Muckle“, der Lithograph Johann Nepomuk Heinemann (30.05.1817 – 22.02.1902).

Selbstportrait

Verheiratet war er mit Elisabeth Reich (15.12.1819- 24.06.1871) der Tochter von Luzian Reich der Ältere (07.01.1787 – 18.12.1866) und somit der Schwester von Lucian Reich dem Jüngeren (26.02.1817 – 02.07.1900 ).

Die Schwäger Lucian Reich und Johann Nepomuk Heinemann haben zusammen vier Bücher herausgebracht: Den Hieronymus, die Wanderblühten, die Insel Mainau und Bruder Martin.

Hier will ich die Lithographien von Johann Nepomuk Heinemann aus dem Hieronymus, die er „mit Feder auf Stein gezeichnet“ hat, vorstellen. Die erste Litographie von der Ruine Zindelstein ist nur in der Erstausgabe von 1853 vorhanden. In späteren Nachdrucken wurde dieses vergessen.

s‘ chunt alles jung und neu und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
ruckt alles witers, alles chunnt und goht.
>Johann Peter Hebel

„geb dir Gott e glücklich Jahr und freudige Sinne!“
>Johann Peter Hebel

„Es isch en Engel usem Paradies
u Mutterliebi heißt si schöne Amme.“
>Johann Peter Hebel

„Sie ziehn di uf, und lehre di laufe,
gen der n freudige Sinn u zeige der nüzlige Sache“
>Johann Peter Hebel

„und jez göhnt in d’Schul –
fall mer keis, gent achtig u lehret was menich ufgit!“
>Johann Peter Hebel

„Kennst du auch die goldene Zeit
Mit den frommen Kinderträumen
Ach sie darf nicht lange träumen
Ihre Heimath liegt gar weit“
>A. Schreiber

„Sie lüte weger s‘ Zeiche scho
der Pfarrer, schint’s, well zitli cho.“
>Johann Peter Hebel

So hüt di vorem böse Ding
s’bringt nume Weh und Ach‘
Wenn’s Sunntig isch se bet und sing
Am Werchtig schaff di Sach.
>Johann Peter Hebel

„So sprechen die Kinder und drücken sich schnell,
Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell:
Nur stille Kind! Kinderlein, stille!“
>Goethe

„E freie frohe Muth
e gsund und frölich Blut
goht über Geld und Guth.“
>Johann Peter Hebel

Es chunnt e chuele Abedluft,
und an de Halme hangt der Duft
denckmol, mer göhn jez an alsgmach
im stille Frieden unter Dach!
>Johann Peter Hebel

Ruhig Gewissen, eigner Herd
Ist Gott und aller Ehren werth.
>Johann Peter Hebel

„Siehsch des ordelig Städtli
mit sine Fenstern und Gieble,“
>Johann Peter Hebel

„De freudig Stündli
isch’s nit e Fündli?“
>Johann Peter Hebel

„E freude Stund e guti Stund,
s‘ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.
>Johann Peter Hebel

„s‘ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle,
Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate,
Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.“
>Johann Peter Hebel

Willchumm Herr Storch! bisch au scho do,
und schmecksch im Weiher d’Frösche scho?
und meinsch der Winter heig si Sach,
und’s besser Wetter chöm alsgmach?
>Johann Peter Hebel

Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom,
und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.
>Johann Peter Hebel

Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte
Jeder: da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein.
> Goethe

„Drunter ischs und drüber gange was me cha sage.
Menge brave Ma hets nime chönne prästiere,
het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet.
>Johann Peter Hebel

„O wie chlopft der di Herz, wie lüpft si di flatterig Halstuch,
und wie stigt der d’Röthi jez in die lieblige Backe,
wie am Himmel s’Morgeroth am duftige Maitag“
>Johann Peter Hebel

„Zum frohe Sinn, zum freie Muth,
und Heimet zu schmeckt alles gut.“
>Johann Peter Hebel

Schlof wohl, schlof wohl im chüele Bett!
De ligsch zwor hert uf Sand und Chies;
doch spürts din müede Rucke nit.
Schlof sanft und wohl!
>Johann Peter Hebel
ist aus den Wanderblühten 2020 mit rein gerutscht aber ich lasse es hier jetzt stehen

Und chunt zur Zit e Biderma,
ans Füür, und zündet ’s Pfifli a,
und setzt si nänmen ane mit,
se schmeks em wohl, un – brenn di nit!
>Johann Peter Hebel

„Erhalt mer Gott mi Friedli!!
>Johann Peter Hebel

Hüfingen, 24. Febr. Heute wird der älteste Mann von hier zu Grabe getragen, der 85jährige Litograph und Photograph Johannes Nepemuck Heinemann. Er war nicht nur der älteste, sondern auch wohl einer der brävsten und tüchtigsten hießigen Bürger, bei einer gewissen Wohlhabenheit doch immer ein Muster edelster Einfachheit und altbürgerlicher Bescheidenheit. Wie rührend konnte er oft erzählen von der guten alten Zeit, und bitter klagen über die Maßlosen Ansprüche der heutigen Zeit, besonders der Jugend. Mit Heinemann ist ein Künstler von Gottes Gnaden gestorben, bekannt und geschätzt weit über die Baar hinaus. Der alte Fürst war sein liebevoller Gönner. Um nur einen Beweis seines künstlerischen Könnens anzuführen, sei hier erinnert an die Prächtigen Illustrationen in Luzian Reich’s „Hieronymus“. Sie sind eine der schönsten Arbeiten Heinemanns, leider nur zuwenig bekannt. Heinemann ist gestorben, ohne eigentlich krank gewesen zu sein, infolge von Altersschwäche im Vollbesitz der Geistesfrische bis zur letzten Stunde. Versehen mit den hl. Sterbesakramenten ist er in die Ewigkeit gegangen, um beim lieben Gott nun auszuruhen von einem langen, frommen, arbeitsreichen Leben.

Ländlich, sittlich


Hieronymus Kapitel 16

Willchumm Herr Storch! bisch au scho do, und schmecksch im Weiher d’Frösche scho? und meinsch der Winter heig si Sach, und’s besser Wetter chöm alsgmach?
>Johann Peter Hebel

Ländlich, sittlich

Lassen wir vorderhand unsern Helden im väterlichen Hause ungestört ausschlafen, um uns bis zu seinem Wiedererwachen der Betrachtung vorliegender Illustration und der Landschaft überhaupt zuzuwenden.

Die Zeichnung trägt den Charakter der Baar. Über die Häuser, welche mit ihren aufstrebenden steinernen Giebeln einen auffallenden Gegensatz bilden zu den breiten, strohbedeckten Hütten des Waldes, zieht durch die heitere Luft der Storch, der stets willkommene Frühlingsgast. Ehe jedoch der beschwingte Reisende das alte Nest, weit umkreisend, in Besitz nimmt und sein Dorf klappernd begrüßen kann, jubeln ihm schon die Kinder entgegen.

Gleich aber beginnt ein Wettlauf der lieben Jugend nach dem Hause des Vogts; denn es gilt nach altem Herkommen einen Laib Brot für denjenigen, welcher die Ankunft des Frühlingsboten dort zuerst meldet.

Dem Waldbewohner erscheint die benachbarte Hochebene bereits als „im Schwobe druß“. Und wirklich verrät das fruchtreiche Kornland mit seinen abgegrenzten Tannen- und Buchenwäldern und den zusammengedrängten, von großen Fruchtöschen umgebenen Ortschaften schon viel schwäbisches Gepräge. Der hohe Schwarzwald dort hat keine eigentlichen Dörfer, nur Talgemeinden in zerstreut durch die Täler und über die Höhen hinziehenden Gehöften und Hütten. – Im Wälderhof befindet sich die große gemeinsame Wohnstube nebst Küche im Erdgeschoß; das alte Baarer Haus in Stadt und Land hat diese ausschließlich im zweiten Stockwerk.

Wie die Wohnungsverhältnisse, so zeigen auch Lebensweise, Sitten und Gewohnheiten der beiden Angrenzer merkliche Verschiedenheit. Wenn der Baarer bei Übergabe des Hofguts das Regiment sogleich an den jüngsten Sohn oder – in Ermanglung eines männlichen Sprossen – an die älteste Tochter abtrat und dann im Leibgedingstüblein, einem Alkov neben der allgemeinen Wohnstube, seine Tage verbrachte, so erhielt dagegen der junge Wäldner bei seiner Verehelichung zwar den Kauf, aber nicht zugleich das Regiment im Haus; dies behielt der Vater meist lebenslänglich für sich, und die jungen Eheleute setzten sich mit den Alten zu Tische; die baarischen Leibgedingleute dagegen führten eine getrennte Haushaltung: sie speisten am sogenannten Klebtischlein, wo sie gewöhnlich die kleinen Enkel zu Gast hatten.

Das baarische Hofgut bestand in der Regel aus Lehen, wobei nur ein kleiner Teil eigen und zinsfrei war. – Des Wäldners Güter waren meist freies Eigentum. – Hier wie dort aber bildeten ein charakteristisches Familienanhängsel die „Vetter„, wie die älteren, im Haus verbliebenen ledigen Brüder des Gutsbesitzers insgemein genannt wurden. Schon von frühester Jugend an mußten diese hören, daß sie sich auf Versorgung, d. h. Verheiratung, nicht viel Hoffnung machen dürften, es wäre denn, daß eine reiche Bauerntochter oder eine Witwe sich fände, die bereit wäre, ihr Herz einem solchen Vetter zu schenken. Eigenes Vermögen besaßen die Vettern nicht. Wohl wurden ihnen bei der Erbteilung etwelche Felder überlassen, aber nur als unveräußerlicher Bestandteil des Hofes, der, gewissermaßen Fideikommiß, nie geschmälert werden durfte – worauf auch die Vettern einen besonderen Stolz hatten. Sie schafften in Haus und Feld, was und wie es ihnen beliebte, erhielten Verköstigung vom Bruder mit Statt und Platz zur Legung ihrer Feldfrüchte; und im Alter wurden sie gemeiniglich sorglich verpflegt, weil es gewöhnlich von ihnen noch etwas zu erben gab.

Beachtet man, daß seit uralten Zeiten ein bedeutender Teil des Waldes mit der Baar in Gaugenossenschaft verbunden gewesen, so wird man es erklärlich finden, daß bei aller Verschiedenheit des Volkscharakters und der Lebens- und Erwerbsweise dennoch Sitten und Anschauungen viel Übereinstimmendes haben mußten. Namentlich prägten sich religiöse Formen und Bräuche, die allem eine gewisse Weihe gaben, überall gleichmäßig aus, im öffentlichen wie im häuslichen Leben.

Kein Bauernknecht, auch nicht der roheste, betrat des Morgens die Stube ohne den Gruß: „Gelobt sei Jesus Christ!“ und ohne sich, nachdem er die Hände im zinnernen „Handgießle“ an der Türe gewaschen, mit Weihwasser zu besprengen. Mit einem „Im Namen Gottes!“ begann der Sämann sein Tagewerk, und mit dem Wunsch: „Jetzt walt Gott und unsre liebe Frau!“ verließ er nach vollbrachter Arbeit den Acker. – Mit den Worten: „Glück im Stall!“ betrat man in fremden Häusern den Viehstall; und fand man ein Stück zu loben, so geschah es nie ohne den Beisatz: „Ein schön Stück Vieh, b’hüt’s Gott!“

Die am Palmsonntag von Knaben zur Kirche getragene und da geweihte Palme wurde – wie heute noch – vor dem Hause aufgesteckt als Schutz gegen Blitz und Ungewitter; während der von Mädchen zum Altar gebrachte (in früheren Zeiten lediglich nur aus Heilkräutern bestehende) Kräuterbüschel im Stall das Vieh vor Krankheiten behüten soll. – Wenn am St.-Agatha-Tag sich das Gesinde am Herd versammelte, um den Rosenkranz zu beten, so geschah es, weil diese Heilige als Patronin gegen Feuersgefahr angerufen wird. Dieser Beziehung verdankte zum Beispiel auch das alte Heiligenbild unter dem Gewölbe des Niedertors zu Villingen sein Dasein, vor welchem Bilde früher alljährlich am genannten Tage Lichter angezündet und öffentliche Gebete verrichtet wurden; und zwar soll dies seit der Zeit geschehen sein, wo (im 13. Jahrhundert) die Stadt durch einen großen – der Sage nach durch eine vom Niedertor hereingeflogene feurige Kugel (Aerolith) verursachten – Brand bis auf wenige Häuser in Asche gelegt wurde.

Zeichnung von Paul Bärsen. (aus GHV-Jahresheft 2001, Seite 41).

Das Niedere Tor in Villingen wurde (bis heute ein Ärgernis aller Villinger) 1847 abgebrochen. Das Aussehen und die Abmessung des Niederen Tores sind laut Geschichts- und Heimatverein Villingen weitgehend unbekannt. So wird wohl auf ewig unbekannt bleiben was für ein altes Heiligenbild unter dem Gewölbe zu sehen war. Es läßt aber vermuten, dass es ein Bild der Heiligen Agatha war.

Eine Figur der Heiligen Agatha, die aus den Trümmern des Tors gerettet worden sei, befindet sich heute im Franziskanermuseum

Figur der Heiligen Agathe aus dem 18. Jahrhundert.
Foto: Peter Graßmann, Franziskanermuseum

1271 wurde eine feurige Kugel, welche aus der Luft in die Stadt fuhr, ein Haus in Brand gesteckt, worauf das Feuer so schnell und gewaltig um sich griff, daß ganz Villingen niederbrannte, und über dreihundert Menschen ihr Leben einbüßten.

Badische Landes-Geschichte von den ältesten bis auf unsere Zeiten von Josef Bader 1836

Lucian Reich erzählt hier die Sage, dass am St.Agatha Tag diese feurige Kugel, seiner Meinung nach ein Aerolith (Meteorit), durch das Niedere Tor hereingeflogen kam und Villingen in Asche gelegt habe.

Aus diesen Gründen war wohl das Niedere Tor der Heiligen Agathe – der Patronin der Feuerwehren – geweiht worden.

Am Thomastage pflegten die Mädchen jedweden Hauses den sogenannten Durchsitz zu halten, d. h. sie durchwachten die Nacht in gesellschaftlichem Verein, wobei sie spannen und abwechslungsweise geistliche Lieder sangen (wie es scheint, eingeführt, um die in dieser Nacht getriebenen abergläubischen Bräuche zu verdrängen). Und gewiß, es war ein sinniger Brauch, wenn in der Heiligen Nacht die Hirten betend um den Stall gingen und sodann den Tieren Futter aufsteckten. Noch bis in die neueste Zeit war es in Villingen üblich, daß in jener Nacht die städtischen Hirten, ihre Reigen blasend, durch die Gassen der Stadt zogen.

Bekannt sind die kirchlichen Prozessionen vor der Erntezeit durch die Ortsgemarkung oder, wie man in der Baar sagt, um den Oesch. Eigentümlich war früher daselbst der Oeschritt, welcher nur von berittenen Männern, voran der Geistliche mit Kreuz und Fahne, abgehalten wurde. Wie früher alles in standesgemäßer Ordnung und Begrenzung vor sich gehen mußte, so trugen bei einem solchen Oeschritt die Verheirateten den blauen Tuchrock, die Ledigen das rote Wollehemd, während den Buben nur der weiße Zwillichkittel zustand. Wenn dann der also geordnete Zug nach vollbrachtem Umritt dem heimatlichen Dorfe wiederum nahte, so warteten seiner die Weiber mit ihren Kindern auf den Armen; und nun war es eine Freude für die Kleinen, wenn sie, vom Vater auf das Roß gehoben, den Weg bis zur Kirche und von da nach Haus im Sattel zurücklegen durften.

Von den verschiedenen religiösen Vereinen mag allein der sogenannte Marianische Rat, dessen Ursprung sehr alt zu sein scheint, hier erwähnt werden.

Dieser Verein bestand in der Regel aus dem Vogt als Vorstand und elf Mitgliedern, gewöhnlich den Ältesten der Gemeinde und von anerkannter Ehrenhaftigkeit. Seine Aufgabe war, in Verbindung mit dem Pfarrer die Kirchenordnung und Sittlichkeit überhaupt zu handhaben und zu überwachen, denn selbst auf Aburteilung von Felddiebstählen und ähnlicher Vergehen dehnte sich die Befugnis aus. Beim sonntäglichen Gottesdienste führte stets ein Ratsglied die Aufsicht über die Jugend; die zwei vordersten Bänke auf der Männerseite waren der bestimmte Platz für diese Volksältesten, wo vor jedem ein mit einem Stern gezierter Stab aufgesteckt war, an welchem er bei Prozessionen feierlich einherzuschreiten pflegte.

Waren sittlicher Ernst und religiöse Anschauung auf diese Weise überall vorherrschend, so konnte man die Lebensweise doch entfernt nicht eine kopfhängerische nennen. Denn an heitern Anlässen, Erholungen und Lustbarkeiten fehlte es durchaus nicht.

Ein allgemein bekanntes, bis in unsere Zeit reichendes Kinderfest war der Gregoristag, am Ende der Winterschule. Schon im sechzehnten Jahrhundert verschönerte die Gattin Heinrichs von Fürstenberg, welche auch die erste Schule in Donaueschingen gegründet, dieses Fest durch eine Stiftung, zufolge welcher noch heute an diesem Tage Wecken an arme Kinder der Gemeinde ausgeteilt werden. – In der Regel waren es die vier besten Schüler, welche als „Gregorisbuben“ mit bebänderten Stäben in den Händen in und vor den Häusern umhergehen, Sprüche hersagen und Gaben einsammeln durften, mit welchen dann der allgemeine Schmaus im Wirtshaus bestritten wurde. An manchen Orten fanden auch dabei Spiele statt, wie zum Beispiel in Bräunlingen das Kugelwerfen nach dem hölzernen Löwen (im Stadtwappen), wobei die Gemeinde die Preise spendete. – Die Neuzeit hat dieses Schulkinderfest abgeschafft, und kein anderes ist bis jetzt an seine Stelle getreten.

Gregoristag
Das GregoriFest findet in Donaueschingen immer noch statt. Auch werden heute noch „Gregorisbuben“ vom Fürst mit einer Uhr beschenkt. Wobei die Buben heute wohl eher Mädchen sind.
Das Kugelwerfen in Bräunlingen nach dem hölzernen Löwen hört sich besonders spannend an.

Löwe auf dem Ottilienberg in Bräunlingen

An Kirchweih und Fastnacht fanden fast in jedem Dorf an je zwei Tagen Tanzbelustigungen statt. – Versetzen wir uns einige Jahrzehnte zurück, um auf dem Tanzboden als Zuschauer gegenwärtig sein zu können.

Es ist zwölf Uhr mittags. Im Zuge, voran die Spielleute, begeben sich die Paare ins Wirtshaus, wohin vorerst der ledige Bursche nur seine Schwester mitbringen darf. – Denjenigen Schönen, welche eines Bruders entbehren, ist jedoch nur eine kurze Frist des Harrens auferlegt. Denn kaum einige Stunden währt die Lust, so wählt der junge Bursche, dem die Sitte verbietet, seine Liebste in eigener Person zum Tanze zu führen, aus seinen Freunden einen sogenannten Fürsprech, der als Abgeordneter ins elterliche Haus des Mädchens gesendet wird.

Hier grüßt er die Eltern mit dem herkömmlichen Spruch:

„Des Vogts Peter schickt mich her,
Eine Tänzerin wär sein Begehr.
Er verspricht, er wolle sie halten in Ehren,
Drum werden’s die lieben Eltern nicht verwehren.“

Wenn die Mutter hierauf ihre Einwilligung gegeben, entfernt sich das Töchterlein, um sich geziemend herauszustaffieren. Der Vater aber trinkt mit dem Fürsprech am Tisch den Willkomm. Endlich tritt die geschmückte Schöne wieder in die Stube; der Vater bestimmt die Stunde, welche der Lustbarkeit ein Ende machen soll; die Mutter führt die Tochter vor das Weihwassergefäß, besprengt, segnet sie und entläßt sie in „Gottes Namen“. – War es ein heiterer Tag, so ließ sich die ganze Tanzgesellschaft wohl auch einmal verlocken, vom Tanzboden weg einen Ausflug ins Freie zu machen – dieses hieß das „Ausziehen“. Auf eine nahegelegene Wiese oder Garten zog das junge Volk unter dem Schall der Instrumente. Nachdem die Spielleute sich auf eine Bank postiert, begann der Tanz. – Aber jetzt, nachdem, angelockt durch Musik und lauten Jubel, jüngere Frauen, ihre Kinder auf dem Arme, herbeigekommen und zuschauend die Tanzenden umstanden, geschah das „Wechseln“, eine Sitte, die eine anmutige Rücksicht der Mädchen gegen die jungen Frauen in sich schloß. Mitten im Tanze wurde innegehalten. Jedes Mädchen führte ihren Tänzer einer der zusehenden Frauen zu, nahm ihr das Kind vom Arme und unterhielt sich mit dem Kleinen, während die Mutter nun den Reigen antrat.

Die ledigen Burschen saßen gewöhnlich in gemeinschaftlicher Zeche, wobei jedesmal ein gewählter Zechmeister die Schreibtafel zu besorgen hatte, zu welchem Amtlein in der Regel solche junge Männer ausersehen wurden, die in Trauer waren und deshalb nicht tanzen durften. Nebst einer großen und einer kleinen Zeche, in welche letztere die Späterkommenden sich setzten, gab es auch noch einen „Knausertisch“ für solche, die auf eigene Rechnung zehren wollten.

Der Tanz selbst hatte mancherlei Abwechslung. Es gab Hahnen-, Schappel- und Hammeltänze sowie die „sieben Sprüng“, welche man nach dem Rhythmus gewisser, von den Tanzenden gesprochener Verse ausführte.

Die löbliche Sitte der Landleute, sich in selbstgefertigte Leinwand zu kleiden, hatte damals den ausgedehnten Anbau des Hanfes und Flachses zur Notwendigkeit gemacht, und die Zubereitung dieser beiden Erzeugnisse, bevor sie in die Hände des Webers kamen, war fast ausschließlich Geschäft der Hausfrauen.

Wenn im Oktober die Arbeit des Hanfbrechens bei einer eigens hiezu gebauten Feuerstätte im Freien, die je einer Familie abwechslungsweise zur Benutzung zustand, vorgenommen wurde, so halfen außer den bestellten Lohnbrecherinnen noch angesehene Bauerntöchter mit, welche man Ehrenbrecherinnen nannte. Kam nun während des Geschäftes, wobei es gewöhnlich lustig zuging, ein bekannter junger Mann vorüber, so beeilten sich ein paar der Mädchen, ihm zuvorzukommen. Jede trug eine Handvoll feiner Reisten (gebrochenen Hanf), mit welcher sie dem Ankömmling den Weg bestreuten, sprechend:

„Es reist ein schöner Herr wohl übers Land,
Wir hoffen, er hab einen großen Verstand,
Wir wollen ihm streuen in Ehren,
Er wird uns auch was in die Reisten verehren!“

Der Angesprochene, um sich loszukaufen, langt in die Tasche, reicht den schalkhaften Brecherinnen scherzweise das kleinste Geldstück, welches er bei sich trägt und spricht:

„Weil ihr mir die Ehr erweiset,
Und mich gar einen Herren heißet,
So will ich mich nicht länger wehren,
Und euch diesen Kronentaler in die Reisten verehren!“

Die Mädchen unter Scherz und Lachen:

„Dieser Kronentaler ist viel zu klein,
So zahlen arme Bäuerlein;
Die Herren spenden immer mehr,
Drum gib uns noch einen Zwölfer her.“

Und keiner war je so ungalant, daß er nicht den schönen Drängerinnen mehr gespendet hätte. Reiche Bauernsöhne gaben sogar nicht selten in der Tat einen Kronentaler, selbst mehr, vorausgesetzt, daß ihnen die „Reisten“ und diejenigen, welche sie gestreut, gut gefallen.

Den Schluß des ländlichen Geschäfts machte jedesmal ein Schmaus, welchen die Hausfrau ihren Helferinnen zum besten gab – und als Beweis, daß diese stets einen guten Appetit von der Arbeit mitzubringen pflegten, kann das alte Sprichwort gelten: Hunger haben wie eine Brecherin. Während dem Ehrenmahl erschienen die ledigen Burschen des Ortes, jeder mit einem Stab in der Hand, und indem sie sich vor das Haus postierten, unterhielten sie sich durch die offenen Fenster mit den essenden Schönen in der untern Stube.

Weil aber dem Mahle niemals Apfel- oder Birnenschnitze fehlen durften, so verlangten die Außenstehenden, scherzweise durch die hohle Hand sprechend, bald von dieser, bald von jener Innesitzenden einen Schnitz, dessen Geben oder Verweigern natürlich stets großen Spaß verursachte.

War das Essen vorüber, so stellten sich die Burschen im Spalier vor dem Hause auf mit vorgehaltenen Stäben – und wenn die Mädchen heraustraten, um nach Hause zu gehen, so mußte sich jede die Begleitung eines solchen galanten Stabhalters gefallen lassen.

Selbst der geringste Stand der Dienstboten, die Roßbuben, die wir bereits in einem früheren Kapitel kennengelernt, hatten ihre besonderen Rechte und bestimmten Lustbarkeiten.

Ehe die allgemeine Allmendteilung stattgefunden, bestanden in der Baar überall besondere Roßweiden, die sich wieder in Tag- und in Nachtweiden teilten. Am ersten Mai, wenn die Roßbuben zum erstenmal „ausfuhren“, fand ein Ringkampf unter ihnen statt, und die drei Stärksten wurden die „Stillieger“ oder Hauptleute der übrigen. Drei Knappen, solche, die nach ihnen im Kampfe als die Gewandtesten sich erwiesen, durften sie bedienen, wenn sie am Feuer lagerten, schmausten, würfelten oder sonstige Kurzweil trieben; während allen andern, den „Wehrbuben“, die Aufsicht über die Rosse oblag.

Gewisse Gesetze und Gebote waren diesen wilden und oft sehr rohen Burschen, welche die Hälfte des Jahres unter freiem Himmel zubrachten, um so notwendiger, als sie nur wenig in die Kirche und höchst selten in eine Schule kamen; daher das Sprichwort: Gefürchtet wie der Teufel und die Roßbuben.

Übertretung ihrer Gebote – von welchen zum Beispiel eines Ehrerbietung gegen Frauen und Mädchen oder gegen Feldkreuze zur Pflicht machte – wurden jeden Monatssonntag nach dem Gottesdienst von den Stilliegern öffentlich vor dem Pfarrhof oder dem Rathaus mittelst auf dem bloßen Arm des Schuldigen hin und her geschwungener Bündel Wacholderreises abgestraft. – Aber auch dem Feldbannwart stand eine gewisse Aufsicht über die ganze „Hut“ zu; denn wenn er auf die Weide kam und zum Beispiel zum Gebet kommandierte, so mußten sich alle seiner Anordnung fügen. Kehrten sie abends mit ihren Rossen heim, so wurde auf dem Weg ein gemeinschaftlicher Rosenkranz gebetet.

War das Stehlen unter Kameraden strenge verpönt, so wurde es nach außen hin – nach altspartanischer Sitte – doch nur dann als strafwürdig erachtet, wenn der Betreffende ungeschickt genug war, sich dabei erwischen zu lassen. Während der Nacht oft meilenweit reitend, statteten die Burschen den Obstgärten und Rauchfängen fremder Bauern gern Besuche ab; und es war für die Bäurin gewiß keine angenehme Überraschung, wenn sie morgens die Küche betrat und statt der saftigen Schinken ein Stück Holz im Kamin hängen sah. – Auch geschah es oft, daß eine „Hut“ einer andern benachbarten förmlich Krieg erklärte; auf unzugerittenen Fohlen sprengten sie dann gegeneinander, und nicht selten verfolgten die Sieger den fliehenden Feind bis in die Dörfer, allwo Pfarrer und Vogt zur Abwehr herbeieilen mußten, um weitere Gewalttaten zu verhindern.

Der Pfingstmontag war – wie wir bereits gesehen haben – der eigentliche Ehrentag dieser Nomaden, wobei sie unter dem Schalle ihrer Rindenhörner zu Pferd in die betreffende Ortschaft oder Stadt einzogen, um den Pfingsthagen, Pfingstbutz oder wie er sonst noch geheißen, in den Brunnen zu werfen – ein Brauch, der jedenfalls auf das altgermanische Maifest zurückzuführen ist. Unter dem grüne Tännchen in der Hand tragenden Zuge wurde der Frühling verstanden, welcher kommt, den mit Rinde oder Stroh umhüllten Winter in das fließende Wasser zu werfen. – Ein ähnlicher Brauch herrschte auch unter den Kindern. Paarweise zogen sie in den Häusern umher, das eine mit dem grünen Bäumchen stellte den Frühling, das andere in Stroh gehüllte den Winter vor, der unter wechselweise hergesagten Sprüchen vom andern zur Tür hinausgetrieben wurde.

Der Pfingsthagen ist heute ganz unbekannt. Wobei ein Teil des Brauches lebt vielleicht in den Villinger Wuescht fort.

An der Kirchweih war unsern Rossebändigern zwei Tage hindurch Tanzbelustigung – der sogenannte Heuliechertanz – abzuhalten gestattet, während alsdann die Knechte für sie die Pferde auf die Weide treiben und hüten mußten.

Mit Beginn des Frühlings pflegte die erwachsene Jugend allsonntäglich hinauszuziehen auf den in der Nähe des Ortes gelegenen „Brühl“ oder Grasgarten, um da gemeinsame Spiele, Ballschlagen usw. zu treiben. Vom ersten Mai ab hörte aber dieses „Brühlrennen“ auf, weil von jetzt an die Wiesen nicht mehr begangen werden durften. – Beliebt war in der Baar um Ostern das Eierlesen; eine Wette, wobei ein Bursche eine gewisse Wegstrecke zurückzulegen hat, während sein Gegner eine Anzahl, in gemessener Entfernung auseinanderliegenden Eier jedes einzeln aufzulesen und in eine am Ziel aufgestellte, mit Spreu gefüllte Wanne zu bringen sich anheischig macht.

Während der Heuernte hatte jeder Bursche unter den Mädchen seiner Umgebung ein „Heubühle“ (deminutiv von Buhle) zu wählen, dem er diese Zeit über gefällig und dienstbar sein wollte. – Sind die Früchte glücklich eingeheimst, so feiert der Bauer die „Sichelhenke„; hat das Gesinde dem Meister das Jahr über redlich gedient, so ist’s jetzt am Meister und der Meisterin, die Dienstboten am Tische zu bedienen und – womöglich mit neuem Wein – das Mundschenkenamt zu versehen.

Werden diese flüchtigen Umrisse nicht schon erkennen lassen, wie gut es unsere Vorfahren verstanden, jedem Vorkommnis im Leben eine bedeutende oder heitere Seite abzugewinnen? Und sollte ein Vergleich der Gegenwart mit den Bildern der Vergangenheit nicht zu allen Zeiten eine ebenso nützliche wie angenehme Unterhaltung gewähren?

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Hieronymus und der Wald-6

zwischen Dichtung und Wahrheit

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 6.

XXV. Das Ende: Zu guter Letzt sitzt das liebende Ehepaar, sitzen Hieronymus und Helena  abends, nach den Mühen des Tages, an der Schwelle des eigenen Heimwesens und betrachten die Sterne, diese Kinder einer abgeschlossenen Zeit, deren Enkel kaum mehr wissen, wie es zu den Tagen der Großältern im Lande ausgesehen. Das Bedauern über das geschichtliche Desinteresse der Enkel, ja, über deren Ignoranz, kommt uns Heutigen doch sehr bekannt vor! Die Flucht des jungen Paars ins Idyll, in die private Gemütlichkeit, gilt indessen als Charakteristikum der Biedermeierzeit, der Stilepoche zwischen 1815 und 1848, der Zeit der Restauration. Insoweit ist Lucian Reich beim Abfassen seines Hieronymus (1853) noch ganz Biedermeier und keineswegs systemkritisch, angekränkelt von revolutionärem Gedankengut der neuen Zeit; dem Fürsten zu Fürstenberg Carl Egon, seiner Hochfürstlichen Durchlaucht, dem hochherzigen Beförderer und Beschützer vaterländischer Kunst und Wissenschaft, ist sein Werk gewidmet – in tiefster Ehrfurcht. 

Lucian Reich gezeichnet von seinem Schwager J. Nepomuk Heinemann

Umso heftiger sei (wie wir von Reichs einstigem Schüler Hansjakob erfahren) der inzwischen verarmte und verbitterte Hüfinger Volksschriftsteller vom Wunsch getrieben gewesen, die alten Trachten und Gebräuche festzuhalten, welche das moderne Leben zu vernichten drohte. So jedenfalls hat ihn in den Schriften der Baar Leonhard Nann in seinem Vortrag „Der Schwarzwald in der neueren Literatur“ anlässlich der Vereinssitzung am 15. Januar 1900 gewürdigt. Festhalten wollte Lucian Reich gewiss auch sein Bild vom Wald und vom Schwarzwald von einst, wie er ihn sich ausgemalt hat. Die Industrialisierung und das moderne Leben bedrohten ja nicht nur die alten Trachten und Gebräuche, sondern auch die Landschaft, die „vaterländischen Naturdenkmäler“. Insofern darf man in Lucian Reichs Bestreben, am Überkommenen festzuhalten, durchaus auch einen Anflug früher Heimat- und Naturschutzbemühung erkennen, wie sie sich ausgangs des 19. Jahrhunderts dann als breite Bewegung in der Industriegesellschaft etabliert hat.

In seinem Nachruf im nämlichen Heft der Schriften schreibt derselbe Leonhard Nann: Dieselben Eigenschaften, denen wir seine besten künstlerischen Leistungen verdanken, innige Heimatliebe und ein ausgeprägter lokaler Sinn, machten Reich zum Historiker. Es schmälert dessen Lebensleistung keineswegs, wenn wir ihm seine Waldbeschreibungen nicht durchweg als stimmig und historisch verbürgt durchgehen lassen. 

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