Seit der Umgestaltung von Brigach und Breg ist ihre Vereinigung nun also ein touristischer Anziehungspunkt geworden. Vor ihm haben sich kurz vor den Sommerferien ganze Schulklassen gestaut. Doch der heimatkundliche Lernort dürfte die jungen Betrachter kaum mehr sonderlich beeindruckt haben; eher manifestiert sich hier gegenwärtig der beängstigend weit fortgeschrittene Klimawandel (mag er von Trump und Konsorten wie von den AfD-Wählern noch so geleugnet werden). Vor allem der Quellfluss Breg ist nur noch ein äußerst klägliches Rinnsal, nachdem er zuvor ja zu Teilen auch noch den fürstlichen Park mit zu bewässern hatte.
Breg in Hüfingen am Friedhof
Derzeit ein Rinnsal: der Quellfluss Breg
Auch all die Donauradler, die sich trotz noch so beklemmender Hitze nicht von ihrer Tour abbringen lassen, legen hier nach dem Start in Richtung Sigmaringen, Ulm, Wien oder Schwarzes Meer einen ersten obligatorischen Zwischenstopp ein: ein Selfie vor dem Hintergrund des Zusammenflusses ist nun einmal unverzichtbar, mag dieser derzeit noch so kläglich erscheinen. Wo ja doch Niedrigwasserrekorde in Seen, Flüssen und Bächen inzwischen ganz Europa belasten: damit die Energiewirtschaft wie die Binnenschifffahrt und mit ihr auch die transportabhängige Gesamtwirtschaft, von den ausufernden Waldbränden und den menschlichen Hitzeopfern ganz zu schweigen. Hauptsache, im Etappenziel versagt abends die Dusche nicht und der E-Bike-Nutzer kann seinen Akku wieder aufladen – wozu haben wir schließlich all die Solarfelder und Windräder!
Doch schon längs des allersten Kilometers auf dem Donauradweg erwartet die Radler ein überraschendes Kontrastprogramm: Hart neben der Fahrbahn verläuft ein Graben, randvoll gefüllt mit Wasser! Wasser, das man eben noch am Zusammenfluss doch so schmerzlich vermisst hat. Vielleicht entdeckt ja der eine oder der andere nicht gar zu eilige Radtourist sogar die Ursache des reichlichen Wasserangebots: unmittelbar neben dem Fahrbahnrand einen veritablen Biberbau. Offenbar hatte der Verkehrssicherungspflichtige sogar Sorge, der Radweg könnte vollends überschwemmt werden. Weshalb er veranlasst hatte, dass im Zuge des Bibermanagements ein PVC-Rohr als Überlauf in den Damm eingebaut worden war. Was der Biber jedoch gar nicht mochte und den Fremdkörper wieder aus seinem Damm entfernt hat. Auch die Gefährdung durch von ihm benagte und gefällte Bäume längs des Sträßchens war Thema geworden, sodass als Warnung ein Hinweisschild aufgestellt wurde. Merke: Biber schaffen vielerorts auch Ärger.
Biberdamm am Donauradweg
Hinweisschild am Donauradweg
Was Wunder, dass die Landesregierung da noch im zurückliegenden Winter eigens eine neue Biberschutzverordnung erlassen hat, nach welcher Biberdämme und Biberburgen auch wieder beseitigt werden dürfen, ihre naturschutzrechtlich streng geschützten Erbauer eingefangen und sogar getötet werden dürfen, sofern ihre Schäden allzu sehr überhand zu nehmen drohen. Ob da wohl unterm Eindruck des Hitzesommers und des Wassernotstands eine Neubewertung ihrer Nützlichkeit und Schädlichkeit fällig wird? Als ob Biberdämme fürs Land nicht vor allem ein wasserwirtschaftlicher Segen wären! Wie soll denn auch jemals ohne die eifrigen vierbeinigen Helfershelfer die 2024 von Brüssel verordnete Wiederherstellung der Natur (WVO) gelingen, zu welcher die EU-Länder verpflichtet wurden? Bis 2030 sollen zwanzig Prozent der geschädigten Natur (der entwässerten Wiesen, Moore und Wälder) renaturiert sein!
Immerhin hat der Mannheimer Verwaltungsgerichtshof (VGH) soeben bekannt gegeben, dass mit Beschluss vom 17. Juni 2026 dem Eilantrag eines Naturschutzverbands stattgegeben und die Verordnung zum Schutz vor Beeinträchtigungen durch den Biber (Biberschutzverordnung) der Landesregierung Baden-Württemberg vorläufig außer Vollzug gesetzt worden ist. Nicht zuletzt die Donauradler dürften den Beschluss ja wohl begrüßen – angesichts all der Trockenheit in Fahrtrichtung Schwarzes Meer.
Früh am Montagmorgen fallen sogar noch ein paar Tropfen, doch es bleibt bei einem allzu kurzen Schauer, und dann stellt sich am Himmel erneut wieder das mittlerweile schon nervige Blau ein mit ein paar unschuldigen Cumulus-Wölkchen, und es brennt wieder die Sonne herab. Andernorts brennt der Wald, und das nicht nur am Stadtrand von Bordeaux oder Madrid, wo Tausende evakuiert werden müssen. Auf der waldarmen Baar blieb man bisher zumindest davor verschont, doch gestöhnt wird ebenfalls bereits heftig: Obwohl man hier, im Regenschatten des Schwarzwalds, an eher niederschlagsarme und kontinentalheiße Sommer ja eigentlich gewöhnt sein müsste. Doch die Rekordhitze vom Juni steckt allen noch in den Gliedern, und nun ist für Wochenmitte schon die nächste Hitzewelle (mit bis zu 40 Grad Celsius im Oberrheingraben) angesagt. Wie soll das bloß noch enden?
Braune Birken im Hitzesommer – werden sie ihn überleben?
Wie abnorm der Sommer verläuft, wie dramatisch es um den Wasserhaushalt der Böden selbst auf der Baar (die die Kelten einst bara = Sumpf- und Quellenland nannten) bereits bestellt ist, das lässt sich derzeit vor allem am Belaubungszustand der Birken ablesen, dieser bekannt anspruchslosen und robusten Baumart: Vielerorts sind sie bereits braunrot verfärbt, und niemand vermag verlässlich vorhersagen, ob sie das Trockenjahr 2026 überleben und im nächsten Frühjahr wieder austreiben werden.
Ob da die Morgenlektüre im Schwarzwälder Boten nicht doch ein wenig Ablenkung, Zuversicht und Hoffnung spendieren kann? Zwar wahrlich nicht sein Bericht über das islamistische Attentat im Berliner Tiergarten, dafür umso eher der Lokalteil mit der Überschrift „Nach viel Widerstand: Windpark Länge nun auf der Zielgeraden“. Neben einem Foto von drei gewaltig dimensionierten Rotorblättern wird auch noch einmal auf das zähe Ringen um den Windpark zurückgeblendet, so auf die Klage des Verbands Naturschutzinitiative e. V. vor dem Mannheimer VGH und mit dem abschließenden Vergleich mit dem Betreiber, der es sich nicht nehmen lässt, die Bevölkerung zur Inbetriebnahme des Windparks schon heute einzuladen. Lassen wir da diesmal doch die Treibhausgasbilanzen bei dessen Erstellung, bei der Produktion von Beton und Stahl (ca. 6000 Tonnen je Anlage) sowie bei der Herstellung der Verbund-Kunststoffe der Rotoren, lassen wir die Tausenden LKW-Kilometer für den Transport, auch die Waldflächenverluste als natürliche CO2-Senken – ausnahmsweise – ganz außen vor bei dieser Hitze heute. Kann regenerative Energie die Erde vor Überhitzung beschützen trotz unseres durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und dafür benötigte Rechenzentren so steil progressiv anwachsenden Stromverbrauchs?
Beflügelte Hoffnung auf der Länge
Nach den Abendnachrichten der Tagesschau (prallgefüllt mit Regierungsumbildung, Aufarbeitung des Attentats und noch immer außer Kontrolle befindlichen Waldbränden, Entlassungen bei Porsche usf.) geht der Blick aus dem Wohnzimmerfenster bei endlich wieder hochgezogenem Hitzeschutz wie alle Abende noch kurz zur Länge hinüber. Überm Gnadental mit seiner im Abendlicht leuchtenden Gnadenkapelle fehlen jetzt nur noch die Rotorblätter. Werde ich mich auch an die Drehbewegung noch gewöhnen können? Na, dann also Gnade uns Gott und gutenacht!
Die Forstbehörden haben die ihnen nach diesem Gesetz und sonstigen Rechtsvorschriften zugewiesenen Aufgaben auszuführen, insbesondere…die Waldpädagogik als Bildungsauftrag. (§ 65 (1) Pkt. 5 LWaldG)
Nach dem Holzhieb und nach Wiederherstellung der Wege
Im Donaueschinger Stadtwalddistrikt Buchberg, hart am Stadtrand gelegen und daher vielbesucht, hatte im Frühjahr 2021 ein heftiger Holzhieb stattgefunden, sodass die Bürger, nachdem die Sperrung der Wege endlich wieder aufgehoben werden konnte, mit Unmutsäußerungen nicht zurückhielten. Um die Wogen zu glätten, beschloss die Stadt, aus der Not eine waldpädagogische Tugend zu machen: Mit Baggerhilfe wurde ein Teil der Eschenstämme den verkaufsfertigen Poltern wieder entnommen und in Wegnähe eingepflanzt. Weil sich der Sinn der – indianischen Totempfählen nicht unähnlichen – Hölzer nicht jedermann sogleich erschloss, versah man sie am Wegrand mit erläuternden Hinweistafeln; in Bild und Text wurden die Waldbesucher darauf über die waldökologischen Vorzüge von Totholz wie über Sinn und Zweck der ungewöhnlichen Maßnahme aufgeklärt. Denn an Totholz hatte es bislang weithin gefehlt, zumal im gewohnt besenrein aufgeräumten und also besucherfreundlichen Walddistrikt Buchberg, wo es natürlich auch Verkehrssicherungs- und Haftungsprobleme zu beachten gilt. Weshalb man nun also zu dieser unorthodoxen Lösung griff, verdankten die Waldbesucher sicher nicht nur dem waldpädagogischen Bildungsauftrag, sondern gewiss auch in der Hoffnung, dass auch die eingepflanzten Stämme alsbald Flechten, Moos und Patina ansetzen werden, sodass sie in ihrem Erscheinungsbild bald echtem, naturbelassenem Totholz zum Verwechseln ähneln würden. Und auch der Specht möge sich, bitteschön, an ihnen zu schaffen machen. Oder ließen etwa Schilda und Potemkin grüßen?
Waldpädagogik?
Das hier praktizierte Experiment wollte dem pensionierten Forstbeamten (dessen fast tägliche Waldrunde hier vorbeizuführen pflegt) derart kurios erscheinen, dass daraus ein kleiner Bericht für die Fachzeitschrift und eine Kolumne für den Hieronymus-Blog resultierte (Totholznot. Wenn Ökologie und Verkehrssicherung aufeinanderprallen. Holz-Zentralblatt Nr. 40, 8. Oktober 2021). Doch wie würde sich die waldpädagogische Maßnahme über die Jahre hinweg weiterentwickeln? Würde die Totholz-Imitation die Erwartungen erfüllen, würden Spechte, Kleiber, Meisen oder gar Fledermäuse sich davon womöglich täuschen lassen, und würden sich alsbald auch wieder Moose und Flechten darauf einfinden?
Nachdem auch Waldspaziergänge heutzutage nicht ohne Smartphone-Begleitung üblich geworden sind, lag es nahe, den weiteren Werdegang der waldpädagogischen Maßnahme fotografisch zu begleiten und festzuhalten. Nach einem halben Jahrzehnt lässt sich immerhin ein vorläufiges Fazit ziehen: Die gesteigerte Aufmerksamkeit der Waldbesucher scheint die Maßnahme nicht eben erregt zu haben: Kaum jemals sah man jemanden verweilen und die Erläuterungen auf der Tafel lesen. Und so dürfte diese mittlerweile wohl auch kaum vermisst werden, nachdem sie im Gestrüpp verschwunden ist. Wie tot, wenn schon nicht wie natürlich abgestorbenes Totholz, verstecken sich dahinter auch die „Totempfähle“ – Bildungsauftrag erfüllt?
2021
2023
2024
2025
2026
Totholznot vom 16. August 2021
Totholz stellt im Ökosystem Wald eine enorm wertvolle Ressource dar. Pilze, Flechten, Moose, Schnecken, Käfer, Vögel und Säuger stellen rund 11.000 Arten in den Wäldern Deutschlands dar. Von diesen Arten ist ein Großteil auf das Vorhandensein von Totholz z.B. als Unterschlupf, Brutplatz oder Nahrungsquelle angewiesen. Das bedeutet, dass Totholz ein entscheidender Faktor für die Sicherung der biologischen Vielfalt im Ökosystem Wald ist. (Aus dem Alt- und Totholzkonzept Baden-Württemberg)
Im Donaueschinger Walddistrikt Buchberg, hart am Stadtrand gelegen und daher vielbesucht, hat im Frühjahr 2021 ein heftiger Holzhieb stattgefunden. Der galt zwar vornehmlich den erkrankten bis abgestorbenen Eschen, womit die Stadt ihrer Verkehrssicherungspflicht nachgekommen ist, doch im nämlichen Aufwasch fiel auch allerlei weiteres Holz an, gesundes wie erntereifes. Weshalb die Bürger, nachdem die Sperrung der Wege endlich wieder aufgehoben werden konnte, mit Unmutsäußerungen nicht zurückhielten. Die „Wüstenei“, die die Forstmaschinen hinterlassen hatten, erbosten manche derart, dass sogar der Oberbürgermeister sein Fett abbekam. Hätte der Eingriff nicht doch auch ein bisschen moderater ausfallen können im Erholungswald? Immerhin beeilte sich die Stadt, Pfade und Wege vom Schlagraum zu befreien und wieder herzurichten. Nur mit der Abfuhr der geschlagenen Hölzer längs der Spazierwege haperte und dauerte es.
Um die Wogen zu glätten, beschloss die Stadt, aus der Not eine waldpädagogische Tugend zu machen: Mit Baggerhilfe wurde ein Teil der Stämme den verkaufsfertigen Poltern entnommen und in Wegnähe wieder eingepflanzt, egal ob in der ursprünglichen Wuchsform oder mit dem Fällschnitt zuoberst. Und weil sich der Sinn der eingegrabenen – indianischen Totempfählen nicht unähnlichen – Holzblöcke nicht jedermann sogleich erschließt, versah man sie mit Hinweistafeln, die den geneigten Waldbesucher nun in Bild und Text aufklären über die waldökologischen Vorzüge von Totholz wie über Sinn und Zweck der ungewöhnlichen Maßnahme. Denn an Totholz hat es bislang weithin gefehlt, zumal im gewohnt besenrein aufgeräumten und also besucherfreundlichen Walddistrikt Buchberg. Weshalb man jetzt also zu dieser unorthodoxen Lösung griff. Verspricht man sich doch davon, dass die künstlich eingepflanzten Stämme alsbald Flechten, Moos und Patina ansetzen werden, sodass sie in ihrem äußeren Erscheinungsbild echtem, naturbelassenem Totholz zum Verwechseln ähnlich sehen werden. Selbst der Specht soll sich, bitteschön, recht bald an ihnen zu schaffen machen. Oder sollten hier etwa Schilda und Potemkin grüßen lassen?
Dass die Anreicherung mit Totholz dem Ökosystem Wald, auch dem Nutzökosystem Wirtschaftswald, dessen Nährstoff- und Wasserhaushalt zugute kommt, entnehmen die Donaueschinger Waldfreunde und Hundehalter jetzt den Hinweistafeln. In natura tut sich die Stadt offenbar schwerer mit der ökologischen Aufwertung ihres insgesamt 2305 ha großen Waldes, wie zuletzt einem Südkurierbericht (vom 18. April 2017) zu entnehmen war. Das für den Staatswald seit Jahren verbindlich vorgeschriebene Alt- und Totholz-Konzept, entwickelt von der Freiburger Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) und der Landesanstalt für Umweltschutz (LUBW), wird längst wärmstens auch dem Kommunal- wie dem Privatwald empfohlen, stärkt es doch die Selbstheilungskräfte des vom Klimawandel gestressten Waldes. In Donaueschingen war es indessen auf Ablehnung gestoßen, auch wenn der Stadt damit Ökopunkte gewunken hätten: „Viel zu restriktiv und viel zu belastend für den Betrieb“, so zitiert der Südkurier den für den Stadtwald zuständigen Bürgermeister, auch zu gefährlich für Waldarbeiter und Spaziergänger. Zumal nach den Vorgaben des Konzeptes ja nicht nur Einzelbäume stehen zu bleiben hätten, sondern auch „Habitatbaumgruppen“ und „Waldrefugien“ ausgewiesen werden müssten, in denen die Nutzung ruht. Das den Stadtwald betreuende Forstamt bezifferte den bei Übernahme des Konzepts zu erwartenden jährlichen Minderertrag sogar exakt mit 22.400 Euro.
Im ostwärtigen Teil des Buchbergs, dort wo im kommenden Jahr ein weiterer Holzhieb geplant ist und wo die Sperrung in der Zeitung bereits vorangekündigt wurde, war im Jahr 1905 zum hundertsten Todestag Friedrich Schillers der Schillerstein im Rahmen eines Festakts von Stadtverwaltung, Fürstenhaus, Gymnasium und breiter Öffentlichkeit feierlich eingeweiht worden. Das Denkmal am von Joggern und Nordic Walkern viel genutzten Fußpfad mag uns heute aus Anlass unserer Erörterung forstwirtschaftlicher Maßnahmen an eine Schillersche Episode erinnern: Auf einem seiner Waldspaziergänge im Ilmenauer Forst, so hat es die Zeitschrift Sylvan des Jahrgangs 1814 überliefert, soll der Dichterfürst einem Forsttaxator begegnet sein, von dem er sich die weit ins nächste Jahrhundert vorgreifenden Planungen zur Sicherung der Holzversorgung habe erläutern lassen. Erstaunt und voller Hochachtung habe Schiller ausgerufen: „Ich hielt Euch Jäger für sehr gemeine Menschen, deren Taten sich über das Töten des Wildes nicht erheben. – Aber Ihr seid groß, – Ihr wirket unbekannt, unbelohnt, frei von des Egoismus Tyrannei – und Eures stillen Fleißes Früchte reifen der späteren Nachwelt noch.“
Ach, wäre es Friedrich Schiller doch gegönnt, in unserem 21. Jahrhundert durch den trotz Eschensterben und Klimawandel noch immer leidlich intakten Buchberg-Wald zu spazieren. Wie würde er die Arbeit der Förster („Jäger“) heute kommentieren? Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft, so würde ihn der Forstexperte aufklären(sofern er einem solchen im Wald begegnen würde, nachdem im Jahr 2021 wohl wieder einmal eine Forsttaxation ansteht), sei längst nicht mehr das, was vor 300 Jahren der sächsische Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz erstmals benannt und in seiner Sylvicultura oeconomica als forstliches Prinzip zur nachhaltigen Versorgungssicherheit von Bergwerken und Hütten festgeschrieben hatte. Dessen inzwischen so abgenutzter, allgegenwärtiger Nachhaltigkeitsbegriff sei längst um eine ökologische Komponente erweitert worden – auch und gerade in der Waldwirtschaft.
Vielleicht würde der Dichter, sofern es zu der Begegnung im Wald denn doch nicht gekommen sein sollte, die Handynummer des Forstrevierleiters wählen, wie sie fürsorglich auf den Hinweistafeln zum Thema Totholz vermerkt ist. Mag sein, er würde auch sinnend verweilen, um deren Text vollends durchzumustern: „Der Buchberg“, so heißt es da, „wird von vielen Menschen zur Erholung genutzt. Aus Sicherheitsgründen können alte und kranke Bäume nur bedingt dem natürlichen Verfall überlassen werden. Um den vielen totholzbewohnenden Lebewesen trotzdem einen Rückzugsort zu bieten, hat der städtische Forst Donaueschingen hier diese Holzstücke aufgestellt. Wir hoffen auf viele neue Bewohner der Holzstämme, die das Holz zersetzen. Darin werden am Ende wieder große Bäume auf den zersetzten Stämmen wachsen.“
Ob er sich wohl von den Bemühungen der Donaueschinger beeindruckt gezeigt hätte, wie sie ihre liebe Not mit dem fehlenden Totholz und mit der Verkehrssicherungspflicht nachhaltig zu beheben gedenken?
Rainer Bayreuther u. Gunilla Eschenbach: Das Dorf der Visionäre Aufbruch in die Bundesrepublik 1927 – 1947 Gutkind-Verl., 20226 461 S., 30 Euro
Ein Buch, das in keine Kategorie zu passen scheint, geschrieben von zwei ausgewiesenen Wissenschaftlern: von Gunilla Eschenbach vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach und von Rainer Bayreuther Musikwissenschaftler, Philosoph und Theologe mit Lehrtätigkeit in Freiburg, Frankfurt/Main und Bayreuth, beide im schwäbischen Marbach zuhause. Allein schon das Quellen- und Literaturverzeichnis ihres Werks mitsamt Endnoten und Namensverzeichnis umfasst 44 (!) Seiten, was auf ein enormes Quellenstudium und auf einen hohen literaturwissenschaftlichen Anspruch schließen lässt – im Gegensatz zum bunten Buchcover mit dem verträumten Blick auf den Titisee, was eher eine Schwarzwaldidylle erwarten lässt.
Titel- und überwiegender Handlungsort sind das Schwarzwalddorf Saig, auf knapp eintausend Meter Meereshöhe unterm Hochfirst und überm Titisee gelegen, mit freiem Blick über die Schwarzwaldhöhen hinweg und oft auch mit Alpensicht gesegnet. Spätestens ab den 1920er Jahren wird das Dorf zum Rückzugsort für vielerlei Prominenz, für Künstler, Journalisten, Industrielle und Intellektuelle, für völkisch Gesinnte wie für Verfolgte und Widerständler: darunter Martin Heidegger, Gerhard Ritter, Edmund Husserl, Otto Dix, Marie Luise Kaschnitz, Hanns Martin Schleyer, Konzerndirektoren, Stars der Babelsberger Filmstudios, Stauffenberg-Vertraute wie auch der von Hitler so geschätzte Bildhauer Fritz Klimsch; der hatte sich als einer der Ersten mit seiner Familie hier in einem der Bauernhöfe (dem Hierahof mit seiner prächtigen Esche) eingemietet. Sie alle zieht es immer wieder in dieses bäuerlich-rustikale Milieu zurück mit seiner Ruhe und seinem bezaubernden Fernblick – ohne dass sie dabei allzu viel Aufsehen erregt hätten.
Hier oben kreuzen sich ihre Wege und Weltanschauungen, von den beiden Autoren spannend erzählt und sorgfältigst belegt aus Briefen, Aufzeichnungen und Veröffentlichungen ihres schier unerschöpflichen Archivs. Wie schließlich der Krieg endete und wie sich, oft genug durch die Saiger Gäste initiiert und mitgestaltet, für die junge Bundesrepublik wichtige Entscheidungen anbahnten, das hat sich im Langzeitgedächtnis der Schwarzwälder kaum niedergeschlagen. Umso verdienstvoller ist daher das aufwühlende Porträt dieses Dorfs voller Visionäre – selbst wenn den Einheimischen nicht immer alles stimmig erscheinen mag. So etwa, wenn die Autoren immer wieder von „Almen“rund um das Dorf schreiben und von braunem (anstatt vom braunweiß gefleckten) Hinterwäldervieh. Das Buch ist für den Hochschwarzwald und weit darüber hinaus dennoch ein überaus wertvolles zeit- wie geistesgeschichtliches Dokument.
Kürzlich machte auch im Schwarzwald ein Kuratorium Nationalerbe-Bäume von sich reden, initiiert von der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft e. V. und gefördert von der Eva Mayr-Stihl Stiftung, mit dem lobenswerten Ziel, 100 Bäume in Deutschland als Nationalerbe-Bäume auszurufen: „Wir suchen, erhalten, pflegen und schützen besondere Charakterbäume in Deutschland, um sie in Würde altern zu lassen“, so lautet das offizielle Programm. Klar, dass da die allerstärksten Eichen und Linden zum Zuge kommen, natürlich auch die auf ein Alter von 1.100 (aber auch von bis zu 4.000) Jahren geschätzte Eibe von Balderschwang im Allgäu, der wohl älteste Baum Deutschlands. Doch unlängst ist man dann auch im Schwarzwald fündig geworden mit einem würdigen „Charakterbaum“: Ausgewählt wurde die „Danieltanne“, mit 46 m Höhe und mit über 5,80 m Brusthöhenumfang zweifellos eine der prominentesten Weißtannen des Schwarzwalds. Sie steht, neben einer zweiten Riesin, der kaum schmächtigeren „Danielatanne“, im Gemeindewald von Grafenhausen in knapp 1000 m Meereshöhe, per Fußmarsch leicht erreichbar vom Parkplatz am Hüsli aus, dem Heimatmuseum, besser noch bekannt als schwarzwaldtypischer „Wohnsitz“ von Professor Brinkmann aus der einst weltweit gesendeten TV-Serie „Die Schwarzwaldklinik“, in Sichtweite zur Badischen Staatsbrauerei Rothaus.
Ob die Danieltanne (die nach der Waldabteilung Daniel benannt ist) zwar tatsächlich gegen 400 Jahre alt ist, wie bei der Verkündung des Nationalerbe-Baums behauptet wurde, erscheint etwas gewagt, denn wer weiß, wie lange in ihrer Jugend ihr „Schattenschlaf“ unterm Schirm des Vorbestands gedauert hat, in welchem sie nur mikroskopisch enge Jahrringe ausbilden konnte; die lassen sich vom Dendrologen allenfalls mithilfe eines Spezialgeräts (eines Resistographen) ermitteln und abzählen, das hier jedoch nicht zum Einsatz gekommen ist.
Der Besuch der frischgekürten Danieltanne erfolgte diesmal im Rahmen des Peter-und-Paul-Treffens der hochschwarzwälder Forstleute, die damit einer uralten Tradition zu folgen pflegen: alljährlich am 29. Juni hatten auch sie einstmals ihr Vieh auf die Hochweiden des Feldbergs getrieben und anschließend zusammen gehörig gefeiert. Inzwischen will es das Programm, dass jeweils eine Wanderung angeboten wird, bei welcher zumindest aus der Ferne der Gipfel des Höchsten noch zu erblicken sein sollte; doch aus Anlass der Kür des Nationalerbe-Baums durfte es ausnahmsweise auch einmal etwas weiter weg nach Süden gehen. Und so standen sie denn bald, bei hochsommerlichen Temperaturen selbst im Tannenschatten, staunend vor dem geschützten Naturdenkmal, zuallermeist grauköpfige Ruheständler, die die Angaben der hölzernen Tafel mit den Maßen (Stand 2014) studierten und den Erläuterungen des jungen, örtlich zuständigen Forstkollegen lauschten. Wieviel mochte der Baum inzwischen zugelegt haben? Auch wurden die Wanderer daran erinnert, dass die Forstleute eigentlich ja schon immer ein besonderes Faible hatten für die allerstärksten Exemplare des „Schwarzwälder Charakterbaumes“, der Weißtanne – sieht man mal von jener sog. „Keilschirmschlag-Ära“ des scharfzüngigen und überdynamischen Landesforstmeisters KARL PHILIPP in den 1920er Jahren ab, der darauf gedrängt hatte, „die faulen Gesellen“ zeitiger zu ernten , womit er nicht nur die überstarken Stämme im Staatswald meinte, sondern auch ältere Berufskollegen. Andererseits erschien doch schon 1908 das Buch Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden des Botanik-Professors Ludwig Klein, in dem auch die allerstärksten Tannen gewürdigt wurden, wie auch 1915 im Schwäbischen Baumbuch des Forstassessors Otto Feucht.
Nur über die exakten Maße von „Deutschlands größter Tanne“, des „Hölzlekönigs“ hart an der Landesgrenze im Wald zwischen Villingen und Schwenningen, den sie beide aufgesucht hatten, konnten sie sich nicht einigen. Und 1975 hatte dann der Forstminister den Assessor Hockenjos damit beauftragt, nachzuschauen und zu dokumentieren, was aus den Baumriesen der Jahrhundertwende geworden war (veröffentlicht im Bildtextband Begegnung mit Bäumen). Gegen Ende des Jahrtausends wurden die aufgefundenen allerstärksten Tannen dann durch die Freiburger Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) mithilfe moderner Lasertechnik vermessen, denn deren Volumen lässt sich bekanntlich nur über eine „Formzahl“ genauestens ermitteln. Die Danieltanne, damals noch namenlos, hatte sich dabei als im Brusthöhenumfang (BHD) stärkste, nicht jedoch voluminöseste der Schwarzwälder Tannenriesen herausgestellt; aktuelle Rekordhalterin war (und ist es wohl noch immer) eine Konkurrentin: die telegene Großvatertanne im Staatswald bei Freudenstadt. „Die mit 5,37 m Umfang (in Brusthöhe) dickleibigste Tanne“, so wurde es damals in der Fachzeitschrift (AFZ/DerWald 6/1998) im Bericht über die erfolgte Vermessungsaktion festgehalten, „steht (beinahe in Tuchfühlung zu vier weiteren kapitalen Prachtexemplaren) im Gemeindewald Grafenhausen im Südschwarzwald.“ Wobei der Berichterstatter und Fotograf längst schon erkannt hatte, dass seine Tannen auf den Fotos desto stärker ausfielen, je schlanker die an den Stammfuß plazierte Person ausgewählt worden war.
Ob von den fünf erwähnten „Prachtexemplaren“ die heute fehlenden drei derweil eines natürlichen Todes gestorben sind, ob sie per Stihl-Motorsäge genutzt wurden oder ob sie den Dürre- und Hitzephasen dieses Jahrtausends erlegen sind: darüber mochten die Peter-und-Paul-Wanderer beim Örtlichen nicht weiter nachbohren. Beim Anblick der allem Anschein nach jedoch noch recht gesunden Kuppelkronen von Daniel- und Danielatanne konnte sich bei ihnen immerhin wieder etwas Zuversicht einstellen in der so dringlichen wie heiklen Frage nach der erforderlichen Resilienz von Weißtannen – ein Wunder fast nach dem erst tags zuvor erduldeten neuen Hitzerekord.
Der Abschluss in der Gaststätte neben der Badischen Staatsbrauerei – bei Tannenzäpfle, versteht sich, und badischem Wurstsalat – musste freilich etwas beschleunigt werden, denn es galt ja noch, zuhause bis nach Mitternacht das WM-Schicksalsspiel der Nation nicht zu verpassen. Spätestens nach dem Elfmeterschießen war es dann wieder vorbei mit der am Nationalerbe-Baum neugewonnenen Zuversicht!
Deutschlands derzeit Allerstärkste: die Große Waldhaustanne im Bayerischen Wald
Kleine Galerie der Baaremer Tannenriesen
Beitrag vom 11. Juni 2022
Die Weiß- oder Edeltanne ist, ähnlich der Eiche unter den Laubhölzern, durch den Adel der Gestalt wie durch das Alter und die mächtigen Dimensionen, welche einzelne besonders günstig entwickelte Exemplare erreichen, unstreitig die Königin unserer Nadelhölzer.
Ludwig Klein: Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden. Karlsruhe (1908)
Die Tanne nimmt eine ganz untergeordnete Stellung ein, obgleich sie in einzelnen riesenhaften Exemplaren und fast allenthalben als Überständer vorkommt.
Aus den Forsteinrichtungsakten des ehem. Wolterdinger Gemeindewalds (1833)
Ein Hoch auf die Weißtanne! Auch wenn sich die „Königin unserer Nadelhölzer“ (L. Klein) im Wald der Baar und des Baarschwarzwalds schon seit längerem ziemlich rar gemacht hat. Dabei war sie, wie es die Pollenprofile beweisen, auch hier die führende Nadelbaumart. An ihrer Stelle hat die frostharte und gegen Wildverbiss so viel robustere Fichte das Rennen gemacht. Wo immer der Wald im schachbrettartigen Altersklassenverfahren nach Maßgabe des badischen Forstgesetzes (ab 1833) bewirtschaftet worden ist, wo gar Kahlschläge grassierten und Sturmblößen um sich gegriffen haben, war es um die gegen Spätfrost so empfindliche Tanne geschehen. Weshalb bis heute labile Fichtenreinbestände („Monokulturen“) den Ton angeben, so sehr die Förster bemüht waren, den Tannenanteil wieder anzuheben. Fast schon resignierend heißt es etwa 1960 in den Forsteinrichtungsakten des Bräunlinger Stadtwalds: „Die Tanne hat sich mit 3 % behauptet, […] die immer wieder geforderte Erhöhung des Tannenanteils gelang nicht.“ Derzeit liegt er noch immer deutlich unter 10 %. Oft genug lag es auch an übertriebener Rehwildhege (Winterfütterung, unzulängliche Bejagung), dass alle waldbaulichen Bemühungen um die Tanne umsonst waren. Weil aber im Zeichen des Klimawandels der Waldumbau hin zu stabileren, ökologisch wie ökonomisch vorteilhafteren Mischwäldern (mit mehr Weißtannen und Buchen als Fichten) zur neuen Jahrhundertaufgabe der Forstwirtschaft avanciert ist, gerät die Forstpartie oft genug unter öffentlichen Druck, ob mit oder ohne Zutun des Bestsellerautors Peter Wohlleben. Denn der gleichwüchsige, fichtenlastige „Tausendsäulensaal“ hat ausgedient angesichts der Anforderungen an den Wald der Zukunft, als da sind CO2-Speicherung, Kühlung und Widerstandskraft (Resilienz).
Umso dankbarer nimmt man zur Kenntnis, dass da und dort wenigstens ein paar einzelne alte Weißtannen (im Forstjargon sog. „Überständer“ oder „Überhälter“) allen Stürmen und Immissionen, selbst dem Trocken- und Hitzestress der zurückliegenden Jahre getrotzt haben. Denn als Samenspender sind sie noch immer im Stande, für den lang ersehnten Nachwuchs zu sorgen. Einige dieser Veteranen aus tannenfreundlicheren Epochen haben inzwischen bereits Dimensionen erreicht, die längst durch kein Sägewerksgatter mehr passen. Was schon Generationen von Waldeigentümern und Förstern dazu veranlasst hat, ihnen das Gnadenbrot zu gewähren. Mitunter tragen sie dann sogar Namensschilder, stehen womöglich unter Naturdenkmalschutz und sind inzwischen zum Stolz ihrer Eigentümer und zu bestaunten Attraktionen für Waldbesucher herangewachsen.
Was Prominenz und Bekanntheitsgrad solcher Uralttannen anbetrifft, so bleibt natürlich „Deutschlands größte Tanne“ unerreicht: der „Hölzlekönig“, der einst im Gewann Hölzle zwischen Villingen und Schwenningen residierte. Der märchenhaft populäre, geschätzt über 350 jährige Riese, an den noch ein Ausflugslokal gleichen Namens erinnert, hat mit seinem Umfang von 6 Metern in Brusthöhe und mit seinem Holzvolumen von – sage und schreibe – 64 (!) Festmetern freilich schon vor einhundert Jahren das Zeitliche gesegnet, nachdem er zuvor durch Blitzschlag und Wipfelbruch beschädigt worden war. Auch die etwas schmächtigere „Hölzlekönigin“ an seiner Seite hat ihn nicht mehr lange überlebt. Das Ableben des Königs dürfte zudem durch den Umstand beschleunigt worden sein, dass unter seiner Krone ausgiebig Waldfeste gefeiert worden sind, was zu baumschädlicher Bodenverdichtung geführt haben muss.
Waldfest unterm Hölzlekönig
Weißtannen können im Extremfall bis zu 700 Jahre alt werden, wie sie nachweislich per Jahrringzählung an einem jener Thüringer Tannengiganten ermittelt worden sind, unter denen auch die Nachfolgerin des „Hölzlekönigs“ als Deutschlands neuer Superlativ gefunden wurde: die „Königstanne“; benannt nach Gottlob König (1779 – 1849), dem Gründer und Direktor der Eisenacher Forstlehranstalt. Weil er als Begründer der Dendrometrie, der Holzmesslehre, gilt, dürften Zweifel am Holzvolumen der ihm gewidmeten Tanne, an deren phänomenalen 66 Festmetern, unangebracht sein, so sehr Volumenangaben von stehenden Bäumen ansonsten mit Vorsicht zu genießen sind. Wirklich Verlass ist meist nur auf Durchmesser und Umfang in Brusthöhe.
Auch wenn die heutigen Starktannen der Baar und des Baarschwarzwalds noch nicht zur absoluten Spitzenklasse zählen, so spricht doch nichts dagegen, dass die eine oder andere durchaus das Zeug dazu hat, in die allererste Garnitur aufzusteigen. Aktuelle deutsche Rekordhalterin ist die „Große Waldhaustanne“ im Nationalpark Bayerischer Wald mit 6,35 m Brusthöhenumfang (BHU) bei einer Baumhöhe von 50 m; für Baden-Württemberg hält bislang die „Großvatertanne“ unweit Freudenstadt den Rekord mit 5,50 m BHD, einer Baumhöhe von 50 m und ca. 40 Festmetern Volumen. Gegen derlei Konkurrenz mögen die hiesigen Spitzenreiter fast noch schmächtig erscheinen, doch staunenswert sind sie allemal. Weshalb zumindest ein paar wenige es verdient haben, dem Leser vorgestellt zu werden.
1. Meßmer-Tanne
Mit einem BHU von „nur“ 3,70 m zählt sie noch nicht zum engeren Kreis der Giganten, doch weil sie einem Donaueschinger Bürgermeister gewidmet, soll sie hier aufgeführt werden: Leopold Meßmer, nach dem auch eine Straße benannt ist, war, wie man einer Tafel am Baum entnehmen kann, von 1945 – 1953 amtierend. Als Verfolgter des NS-Regimes wurde er gleich nach Kriegsende von der französischen Besatzungsmacht inthronisiert, was ihn nicht daran gehindert hat, die Bürgermeistergeschäfte so überzeugend zu versehen, dass man ihm eine der Tannen-Überhälter im Oberholz hart an der Mistelbrunner Grenze gewidmet hat. Die Benadelung seiner dem Wind ausgesetzten Krone ist bereits etwas schütter, dennoch scheint ihr Gesundheitszustand noch immer zufriedenstellend zu sein. In der Wanderkarte 1:35.000 des Schwarzwald-Baar-Kreises ist die Tanne allerdings nur mit einer winzigen Signatur als „Hervorragender Baum“ verzeichnet, und der Wanderbetrieb hält sich hier offenbar in Grenzen – damit auch die Zahl der an Donaueschingens Zeitgeschichte interessierten Bewunderer Meßmers und seiner Tanne. Immerhin habe sich vor Jahren einmal die SPD-Fraktion zu einem Besuch der Tanne aufgerafft, um ihres Genossen zu gedenken.
Die Meßmer-Tanne
2. Fischer-Tanne
Wie die Meßmer-Tanne schmückt auch die Fischer-Tanne den Donaueschinger Stadtwald-Distrikt Oberholz. Und auch sie ist einem Bürgermeister gewidmet: dem von 1885 bis 1909 amtierenden Hermann Fischer und an dessen Wirken bis heute auch eine Hermann-Fischer-Allee in der Stadt erinnert. Bei ihrem BHD von 4,60 m und mit dem am Stamm angebrachten Namensschild ist sie von Hubertshofen aus kaum zu verfehlen. Steht sie doch am schnurgeraden, von der Richard Fesenmeyer Hütte (benannt nach dem Großvater des derzeitigen, in 6. Generation für den Stadtwald zuständigen Försters) aus durch schier endlosen Fichtenforst führenden Fischertannenweg und ist auch in der Wanderkarte verzeichnet. Ausweislich der dichten Benadelung ihrer Krone erfreut sie sich bester Gesundheit, was verwundern muss. Denn in der Rinde des mächtigen Stammes hat unverkennbar ein Blitz seine gewundene Spur hinterlassen. Ein kleines Kruzifix neben dem Stammfuß könnte die Vermutung aufkommen lassen, dass nicht nur die Tanne getroffen wurde, sondern auch noch ein Waldbesucher, der hier am 11. März 2005 den Tod gefunden hat. Doch es war ein Waidmann, den hier ein Herzschlag ereilt hat, und die Narben am Stamm sind offenbar älteren Datums. Eine Kanzel neben der Tanne, gepaart mit einer saftig-grünen Äsungsfläche, erinnert daran, wie sehr eine erfolgreiche Rehwildbejagung über Wohl und Wehe von Weißtannen entscheidet. Umso schmerzlicher vermisst man im weiten Umkreis jegliche Ansätze von Ansamung und Anreicherung mit Tannenjugend.
Fischertanne am Fischertannenweg Kruzifix neben der Fischertanne
3. Georg-Mayer-Tanne
Sie ist unübersehbar ein extrastarkes Kaliber mit ihrem BHU von 4,80 m, sodass die Sitzbank am Stammfuß optisch zum Bänkchen zusammenschrumpft. Gewidmet wurde die Tanne, wie einer hölzernen Tafel am Stamm zu entnehmen ist, dem F.F. Revierförster Georg Mayer, der von 1962 bis 1999 das Revier Hubertshofen versah und 2020 84jährig verstarb. Schon zuvor hatte der kapitale Baum mit seinem mächtigen Kandelaber-Ast in der Krone unter dem Namen „Habseck-Tanne“ einen gewissen Bekanntheitsgrad genossen, ist er doch vom Startplatz der Hubertshofener Skiloipe aus auf dem waldeinwärts führenden Weg bequem erreichbar. Sein Alter dürfte, gemessen an seinem Stammumfang, die 250 Jahre längst überschritten haben. Nur schade, dass es auch ihm zeitlebens nicht gegönnt war, für Tannen-Nachwuchs zu sorgen: im weiten Umkreis dominiert ausschließlich die Fichte. Tannenkeimlinge bevorzugen zwar auch deren Halbschatten, doch leider werden sie bereits als Sternchen vom Rehwild so vernascht, dass der Nachwuchs chancenlos bleibt.
Georg Mayer-Tanne
4. Die Große Eggwaldtanne
Bis unlängst war sie noch – mit ihrem BHU von 5,20 m und einer Baumhöhe von 50 m – die unzweifelhaft stärkste Tanne des Landkreises. Doch im Winter 2020 wurde sie vom Wintersturm „Sabine“ in ca. 30 m Höhe geköpft, der abgerissene Wipfel maß an der Bruchstelle noch immer einen Dreiviertelmeter. Weil der Stamm aber noch über genügend grüne Äste verfügt, wird er wohl alsbald eine Ersatzkrone aufsetzen, sodass das Schicksal des Baumes noch lange nicht besiegelt sein muss. Dass er auch schon in intaktem Zustand nur wenig Aufsehen erregt hat, liegt an seinem versteckten Standort: Der Gigant steht eingetieft auf der Sohle der „Hofbächleschlucht“ im äußersten Westen des tannenreichen Brigachtaler Gemeindewalddistrikts Eggwald, weshalb er schon vor dem Sturmschaden das Bestandesdach kaum überragte. Wipfelbrüche sind für derlei Tannentürme nichts Ungewöhnliches: Schon einmal, im Kriegsjahr 1942, ist es der Eggwaldtanne widerfahren, wie es alte Überauchener Holzhauer bezeugt haben. Weißtannen besitzen, wie sich hier zeigt, eine famose Fähigkeit zur Ausheilung abhanden gekommener Wipfel.
Die Große Eggwaldtanne – ein geschütztes Naturdenkmal
2013 war mit einem Spezialgerät, einem auf Holzdichte kalibrierten Resistographen, der Versuch unternommen worden, das genaue Alter der Tanne zu ergründen, wobei nur gegen 200 Jahrringe gezählt werden konnten. Doch der innerste Kern wies mikroskopisch enge Jahrringe auf, was auf einen längeren „Schattenschlaf“ unter dem Bestandesdach schließen lässt, für Schatten ertragende Weißtannen ein nicht ungewöhnlicher Lebenslauf, der das wahre Alter der Bäume zu verschleiern pflegt: Bis über hundert Jahre lang können sie als sog. „Vorwüchse“ überdauern, um dann bei Lichtzutritt loszuwachsen wie ein biologisch junger Baum. Der Riesenwuchs korrespondiert also nicht durchweg mit dem Alter, sondern weit mehr mit der Waldstruktur und dem verfügbaren Nährstoff- und Wasserangebot. Im Wurzelraum der Tanne haust gegenwärtig ein Dachs, der bisweilen morsches Wurzelholz nach oben zu befördert. Ob dies auf eine beeinträchtigte Statik des geschützten Naturdenkmals hindeutet, bleibt einstweilen dahin gestellt. Sollte sein Schicksal doch eines Tages besiegelt sein, so bietet sich ein Stück bachabwärts am Steilhang der „Schlucht“ bereits eine würdige Nachfolgerin an.
Im Wurzelraum wohnt der Dachs
5. Tanne im Krumpendobel
Unweit des Fischerhofs zweigt vom Bregtal rechts der Krumpendobel ab. Zuhinterst, wo 1565 der letzte Bär von F.F. Jägern erlegt worden ist, versteckt sich hart am Bachlauf eines Seitentälchens eine namenlose, doch offensichtlich sehr vitale Starktanne. „Waldbiotop“, verkündet ein Schildchen am Stamm, „geschützt durch Fürstenberg Forst“ und zeigt damit an, dass die Tanne nicht geerntet wird und also noch richtig alt werden darf bis zu ihrem natürlichen Ende. Dank optimaler Wasser- und Nährstoffversorgung wie auch durch ihren vor Stürmen bestens geschützten Standort hat sie gute Chancen, dereinst in die Spitzenklasse der Tannenveteranen aufzurücken, auch wenn ihr BHU eben erst die Viermeter übersprungen hat. Ihr Stammvolumen wird sich weiterhin progressiv vergrößern, weil das Dickenwachstum von Tannen bis ins höchste Greisenalter anhält und jeder Jahrring sich um einen noch größeren Holzzylinder legt.
Im Krumpendobel
Wer sie aufsuchen will, nehme den Waldweg durch den Krumpendobel bis rechter Hand der Hangweg zum mysteriösen Krumpenschloss „Altfürstenberg“ abzweigt und wo von links ein Bächlein herabplätschert. Exakt an diesem, keine 20 m vom Fahrwegrand entfernt, versteckt sie sich im Fichtenbestand. Dass auch das lange Zeit überaus fichtenfreudige F.F. Fürstenhaus sich mittlerweile mehr Weißtannen erhofft im Wald der Zukunft, zeigt sich im steilen Talabschluss, wo etliche weitere Tannen als Überhälter von der Holzernte ausgespart geblieben sind und mit ihrem Nachwuchs die nächste, wenn nicht gar übernächste Waldgeneration bereichern dürfen. Sogar die eigentliche Gesellschafterin der Weißtannen, die Buche, konnte sich hier hinten behaupten.
6. Die Linacher Tanne
Noch versteckter als die Tanne im Krumpendobel wartet der Wald des Linacher Hansenhofs mit einem leider schon stark ramponierten Riesen auf, dem man kaum mehr eine Zukunft zutrauen mag. Viele Jahrzehnte lang war er von der Kreisstraße aus leicht auszumachen, denn seine Kuppelkrone überragte den Wald im (dem Hansenhof gegenüberliegenden) Dobel beträchtlich. Ein Gerücht will sogar wissen, dass im Taumel des „Dritten Reichs“ auf der Tanne auch schon mal die Hakenkreuzfahne gehisst worden sei, wem auch immer das gelungen sein soll. Doch inzwischen ist die Tanne nach dem Verlust des Wipfels abgetaucht, nachdem auch ihre sie bedrängenden halbstarken Sprösslinge an Höhenwachstum kräftig zugelegt haben. Der BHU des gewaltigen Stammes mit den zahlreichen abgebrochenen dürren Starkästen beträgt 4,75 m; dabei wird es wohl auch bleiben, denn ob der Baum mit der geringen ihm verbliebenen Nadelmasse doch noch einmal eine Sekundärkrone ausbilden kann, erscheint höchst zweifelhaft. Von einem Besuch ist deshalb eher abzuraten.
Im Wald des Hansenhof
7. Schillertanne
Sie ist die Einzige, die in der Wanderkarte mit Namen aufgeführt wird, auch als geschütztes Naturdenkmal. Und noch ein Alleinstellungsmerkmal verdient festgehalten zu werden: Sie hat für reichlich Tannenverjüngung gesorgt, was für den St. Georgener Stadtwalddistrikt Röhlinwald wenig überraschend sein mag, denn hier scheint die Balance zwischen Wald und Wild zu stimmen. Dennoch ist die ca. 350jährige Tanne, die Ihren Namen wohl seit dem hundertsten Todestag des Dichters (am 9. Mai 1909) trägt, das Sorgenkind unter den Naturdenkmälern: Weil ein als Rad- und Wanderweg markierter Forstweg an ihr vorbeiführt, hatte die untere Naturschutzbehörde auf Antrag der Forstverwaltung bereits 2010 ihrer Fällung aus Verkehrssicherungsgründen zugestimmt. Denn in ca. 11 m Höhe ist der Stamm durch einen halbseits sichtbaren Tannenkrebs befallen, an dessen Totholzgeschwür auch der Fruchtkörper des Weißfäule verursachenden Feuerschwamms und mehrere Spechthöhlen erkennbar sind. Hätte nicht ein Baumsachverständiger rasch noch ein Gutachten gefertigt, das zugunsten eines einstweiligen Verbleibs der Tanne ausgefallen war und somit die Verkehrsgefährdung relativiert hatte, wäre es um den Baum geschehen gewesen. Allein das Grummeln in der St. Georgener Bevölkerung oder die vom Naturschutzgesetz geschützten Spechthöhlen hätten ihn gewiss nicht mehr gerettet. Immerhin wurde aus Sicherheitsgründen eine Sitzbank vom Stammfuß wegversetzt.
Tannenjungwuchs zu Füßen der Schillertanne
Ausweislich der 1993 erstellten Erläuterungstafel hatte die Schillertanne damals einen BHU von 4.35 m, dabei aber nur eine Baumhöhe von 28 m, denn 30 Jahre zuvor war ihr im Sturm der Wipfel abgebrochen, woraufhin sie die tannenübliche Ersatzkrone aufgesetzt hatte; die hat inzwischen dafür gesorgt, dass der Stamm bis heute an Umfang noch einmal kräftig zulegt hat und jetzt 4,70 m misst.
Tannenkrebs mit Spechthöhlen und Feuerschwamm – ist die Tanne noch zu retten?
Neuerdings wurde erneut ein Gutachten angefordert, denn der Tannenkrebs könnte sich unterdessen ja weiter ausgebreitet und das Risiko für Radler und Wanderer noch vergrößert haben. Dabei war im Jahr 2010 das Bundeswaldgesetz ergänzt worden um eine geringfügige, für die Verkehrssicherungspflicht jedoch desto bedeutsamere Änderung: So wurde die durch die Bundesländer umzusetzende Rahmenregelung, wonach bislang (im § 14 Abs. 1 BWaldG) die Benutzung des Waldes „auf eigene Gefahr“ geschieht, ergänzt um einen klärenden Satz: „Dies gilt insbesondere für waldtypische Gefahren.“
Lässt sich die Schillertanne vielleicht doch noch retten? Immerhin bestünde die Möglichkeit, ihren Stamm in Höhe des Krebses zu kappen und so jegliche Verkehrsgefährdung zu minimieren. Denn knapp darunter hat sich bereits ein mächtiger Ast empor gerichtet, der dafür sorgen könnte, dass die Tanne ein weiteres Mal eine Ersatzkrone bildet und so den St. Georgenern weiterhin erhalten bleibt – wer weiß, vielleicht bis zum 250. Todestag Friedrich Schillers.
Im Umgang mit „Gedächtnistannen“ hat man Erfahrung in der Bergstadt: Spätestens seit 1719, als der hiesige Vikar und Magister der Philosophie sein dickleibiges Buch über die wahre Donauquelle veröffentlichte. In ihm hatte er ihm Auftrag des württembergischen Herzogs den Nachweis zu führen, dass die Donau nicht etwa in Donaueschingen, sondern am Hirzbauernhof im damals Württembergischen entspringt. Sein frappierender Beweis: eine gewaltige Wettertanne, die man auf dem dortigen Weidfeld schon deshalb nie gefällt habe, weil sie seit Urzeiten dem Andenken an die Donauquelle gewidmet gewesen sei.
Ob sich die Schillertanne am Ende also doch erhalten lässt – trotz (waldtypischer?) Gefahrenlage für Radler und Wanderer? Halten wir uns an den Dichter:
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen. (Wilhelm Tell IV, 2)
8. Tanne am Reichenbächle
Ein letzter, vergleichsweise schlanker, doch hoch aufgeschossener Tannenveteran soll hier noch angefügt werden, denn auch ihm (wie unmittelbar daneben zwei weiteren stattlichen Weißtannen) droht möglicherweise Gefahr. Gegenwärtig präsentiert er sich noch in bester gesundheitlicher Verfassung. Sein Pech ist. dass er ausgangs des Reichenbächles (im Volksmund des „Badmühlenbächles“) steht und daher nur knapp überm Staubereich des neuen Wolterdinger Hochwasserdammes, der im Katastrophenfall das Bregtal abriegeln soll, um die Donautalbewohner vor exorbitanten Hochwässern zu schützen. Und die Szenarien der im Zuge des Klimawandels zu befürchtenden Starkniederschläge lassen es nicht mehr als ganz und gar abwegig erscheinen, dass die Breg im Falle eines Jahrhunderthochwassers fast bis zur Dammkrone ansteigen wird. Da könnte die tief wurzelnde Tanne womöglich nasse Füße bekommen, und ab wann ihr die Überflutung schaden wird, ist ungewiss.
Einstweilen erbauen sich die Wolterdinger Waldgänger noch an ihrer stolzen, namenslosen Tanne – ahnend, dass diese Baumart noch immer Seltenheitswert besitzt in ihrem Wald. Um ihren Stammfuß herum hat ein Baumliebhaber ein Bänkchen gezimmert, das zum Rasten einlädt und zum Staunen über die Wuchspotenz der Weißtanne. Noch hat sie erst einen BHU von 3,90 m erreicht, doch angesichts bester Wasser- und Nährstoffversorgung wird auch sie alsbald die Viermeterschwelle übersprungen haben – immer vorausgesetzt, dass die Jahrhundert- oder gar Jahrtausendhochwässer nicht überhand nehmen werden. Das Einzugsgebiet der Breg ist überaus waldreich, und Wälder sollten auch bei Starkregen tunlichst noch als Schwämme und Regenrückhalt taugen, so es sich denn um die richtige Sorte von (Misch-)Wald handelt. Die Tannenriesen geben hierzu die nötigen Fingerzeige.
„Erster Luchsnachwuchs nach 200 Jahren: Luchskätzchen in Baden-Württembergs Wäldern“, so ist die Pressemitteilung unserer neuen Ministerin für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat, Marion Gentges MdL, vom 22. Juni 2026 überschrieben, „ein großer Erfolg des Auswilderungsprojekts“. Darunter sind zwei so herzige Fotos des Kätzchens angefügt, dass man sicher sein darf: die Erfolgsmeldung wird weiteste mediale Verbreitung finden! Dass das Monitoring-Team des Wildtierinstituts der Freiburger Forstlichen Forschungs- und Versuchsanstalt (FVA) diesen Nachweis führen konnte, ist den Telemetriedaten von Luchsmutter Elisabeth zu verdanken, die im vergangenen Herbst im Nordschwarzwald ausgewildert worden ist; mit deren Hilfe konnte nun die Wurfhöhle ausfindig gemacht werden und das Kleine der Öffentlichkeit präsentiert werden. Man darf davon ausgehen, dass dabei Profis am Werk waren, sodass keine Negativauswirkungen des Fototermins auf das Kätzchen zu befürchten sind. Dass nicht nur der Wolf, sondern auch der Beutegreifer Luchs Sympathiewerbung durchaus gebrauchen kann, zeigen die Fälle illegaler Wilderei in seinem wiederbesiedelten mitteleuropäischen Lebensraum: Vor wenigen Wochen erst wurde ein aus dem Hotzenwald über den Hochrhein hinweg in die Schweiz gewechselter Luchskuder tot aufgefunden. Immerhin dürfte sich die baden-württembergische Jägerschaft mittlerweile voll mit dem Luchsauswilderungsprojekt identifizieren: ihr Verband verschickte ebenfalls eine Pressemitteilung mit der Erfolgsmeldung „Meilenstein im Luchsprojekt: Luchsin Elisabeth hat Nachwuchs“.
Dass inzwischen elf Luchse in Baden-Württemberg nachgewiesen sind und dass es sich dabei fast drei Jahrzehnte lang ausschließlich um männliche Zuwanderer aus der benachbarten Schweiz gehandelt hat ohne realistische Aussicht auf eine Populationsgründung, hatte lange genug mit der Ablehnung von Seiten der Jäger und Landwirte zu tun – umso erfreulicher nun die Akzeptanz des Projekts. Und es gibt Hoffnung auf weiteren Nachwuchs: So wird in der Pressemitteilung der Ministerin angemerkt, dass die 2024 ausgewilderte Luchsin Verena und Kuder Reinhold (benannt jeweils nach bekennenden Luchsförderern) in der zurückliegenden Ranzzeit gemeinsam ertappt und fotografiert worden seien, für die einzelgängerischen Luchse ein klares Indiz!
Nicht vor 200, sondern erst vor 30 Jahren wurde auf der Baar in einer Waldhütte zusammen mit schweizerischen, elsässischen und bayerischen Luchsexperten die Luchs-Initiative Baden-Württemberg gegründet. Auch für sie ist heute ein Freudentag! Drücken wir die Daumen, dass das Kleine durchkommt.
Luchse: auf Finja folgen Verena und Reinhold
28. Dezember 2024
Für das baden-württembergische Bestandesstützungsprogramm scheint das Jahr 2024 doch noch recht erfolgreich verlaufen zu sein, so sehr es die Luchs-Sympathisanten im Juli geschmerzt hatte, dass die im Dezember 2023 unter großem medialem Widerhall im Nordschwarzwald ausgewilderte Luchskatze Finjanachweislich an der Viruserkrankung Staupe (und nicht etwa an Vergiftung) eingegangen war.
Auf dem Sprung in die Freiheit: Luchs Reinhold (Foto: Timo Deible)
Sehr viel weniger öffentliches Aufsehen erregten die Pressemitteilungen von Peter Hauk MdL, Minister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, vom 27. November und vom 19. Dezember 2024 jeweils über die Auswilderung der Luchskatze Verena und des Luchskuders Reinhold. Wie schon Finja, stammen auch diese beiden aus dem Auswilderungsgehege des Thüringer Wildkatzendorfs Hütscheroda und wurden durch das Projektteam der Freiburger Versuchs- und Forschungsanstalt FVA in den Nordschwarzwald verbracht. Verenas Freilassung ist im nachstehenden Film dokumentiert:
Getauft wurden die beiden Luchse diesmal mit den Vornamen zweier um das Luchsprojekt besonders verdienter Persönlichkeiten: der Vorsitzenden der bereits seit 35 Jahren existierenden Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. Verena Schiltenwolf sowie des Abgeordneten der Grünen im Landtag Reinhold Pix, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass das Bestandesstützungsprojekt Eingang in den grün/schwarzen Koalitionsvertrag von 2022 gefunden hatte. Waren doch seit 2004 bis zu 18 männliche Luchse (Kuder) aus der benachbarten Schweiz zugewandert – ohne jegliche Aussicht auf Nachwuchs. Die nächste winterliche Ranzzeit der Luchse könnte nun also schon zu einem Happyend führen, sei es mit dem seit Jahren im Nordschwarzwald nachgewiesenen Luchskuder Toni, sei es zwischen Verena und Reinhold.
Und natürlich sollen nach dem Schwarzwald bald auch die anderen waldreichen Landesteile wiederbesiedelt und die europäische Luchspopulation miteinander vernetzt werden. Zu Recht weist der BUND Baden-Württemberg jedoch in seinem Kommentar vom 19. 12. 2024 darauf hin, dass dies einhergehen müsse mit dem Bau von Grünbrücken, wo doch auf den baden-württembergischen Autobahnen schon mehrere Luchse zu Tode gekommen sind. Man denke insbesondere an die A 81, wo von Heilbronn bis Engen keinerlei Grünbrücken existieren. Bestandesstützung und der Bau von Durchlässen und Übergängen für wandernde Wildtiere müssen Hand in Hand gehen. Andernfalls droht die genetische Verarmung.
Wer als Radler von Norden her den Riedsee ansteuert und nicht etwa links abbiegt, um (am Modellflugplatz vorbei) den Nacktstrand aufzusuchen oder weiter in Richtung Pfohren und Geisingen zu strampeln, muss auf dem Weg seewärts längs der B27 seit eh und je eine Schranke umkurven. Die ab hier nicht mehr geteerte Geradeausvariante ist freilich nur für den landwirtschaftlichen Verkehr frei, wie einem Zusatzschild unter der runden Verbotstafel für Fahrzeuge aller Art zu entnehmen ist. Und selbst für Fußgänger ist der Weg gesperrt, wie eine weitere Tafel aufklärt. Was freilich weder für diese und schon gar nicht für Radler je ein Anlass war, auf diese Zufahrt zum See zu verzichten und dafür den Umweg über Hüfingen in Kauf zu nehmen. Zumal die Beschilderung in Gegenrichtung, vom See gen Norden, weder für Radler noch für Fußgänger ein Sperrschild aufweist; allenfalls mit ungeeigneten Schuhen und Reifen würde er sich wegen des mitunter auch etwas gröberen Schotters nicht unbedingt empfehlen.
Die Umfahrung der Schranke stellte für geübte Radler bislang keinerlei Problem dar, und manchmal scheinen sich, der Spurenlage zufolge, auch motorisierte Vierradfahrer mehr oder minder erfolgreich damit versucht zu haben. Doch seit dieser Badesaison hat sich etwas verändert: Jetzt musste man sehr viel geschmeidiger, nur ja nicht zu flott, aber auch nicht zu langsam, die Umfahrung der Schranke in Angriff nehmen. Wie ich gleich beim Ersten Versuch auf dem Heimweg (vom See herkommend) schmerzhaft erfahren musste beim unfreiwilligen Abstieg und Griff in die Brennnesseln. Als heimtückisch erwiesen hatten sich nebst holpriger Grasnarbe auch zwei scharfkantige Steinbrocken zur Linken und ein größerer Granitfindling zur Rechten, die es nun umso sorgfältiger zu umkurven gilt. Sollte man da im fortgeschrittenen Seniorenalter nicht besser vorher absteigen und das Rad hindurchschieben? Andererseits hatte ich es auf der Hinfahrt doch eben noch, auf dem Sattel sitzenbleibend, geschafft, angespornt durch zwei jüngere Radler, die knapp vor mir elegant und ohne nennenswerten Zeitverlust hindurchgelangt waren. Wie würde ich die heiklen Klippen beim nächsten Mal umschiffen? Und wer eigentlich hatte sie wohl installiert, Hüfingens Ordnungsamt oder das Baggerunternehmen, das längs des Wegs auch schon Erdaushubwälle angehäuft hatte?
Man wird ja nicht klüger im Alter: Hätte mich nicht schon beim ersten Mal ein auf dem Findling hinterlassener Sturzhelm eines hier offenbar gestrandeten Radlers gewarnt haben müssen? Auf dem Hinweg zum nächsten Badevergnügen ist es dann prompt passiert: Mag sein, dass ich eine Spur zu vorsichtig, sprich: zu langsam, in die Gefahrenstelle hineingefahren und seitlich umgekippt bin, sodass ich hernach meine blutenden Schrammen im Riedsee abwaschen musste. Logisch, dass ich diesmal auf dem Heimweg freiwillig abgestiegen bin vor der verfluchten Engstelle.
Wie gut, dass ein Schwall Kaltluft die Badesaison für ein paar Tage unterbrochen hat, sodass die Schrammen an Beinen und Ellenbogen einigermaßen verkrusten konnten. Doch beim nächsten sonnigen Tag, der auf erträgliche Luft- und Wassertemperaturen hoffen ließ, musste es bereits wieder sein – diesmal mit Absteigen und Schieben, versteht sich.
Umbenennung vom Hans-Thoma-Preis zum Landespreis für bildende Kunst
Beitrag vom 23. Mai 2024
Hans Thoma: Das wandernde Bächlein (1906)
Weidberge, Bächlein, weit überstehende Walmdächer, Wald: der Südschwarzwald gilt uns bis heute, wo immer er sich noch als Idylle präsentieren darf, als „Hans-Thoma-Landschaft“. Und alle zwei Jahre pflegt die Kunstwelt nach Bernau zu pilgern, um im dortigen Hans-Thoma-Museum der Verleihung des Hans-Thoma-Preises beizuwohnen und die Ausstellung mit den Werken des aktuellen Preisträgers zu begutachten. Doch diesmal wurden nicht nur wir Schwarzwälder Hans-Thoma-Verehrer von Medienberichten aufgeschreckt: Der Preisträger des Jahres 2023, Prof. Marcel van Eeden, Rektor der Karlsruher Staatl. Akademie der Bildenden Künste, habe sich kritisch mit Thoma auseinandergesetzt und dabei aufgedeckt, dass dieser ein völkisch antimodernes Weltbild vertreten und sich mehrfach antisemitisch geäußert habe. Dies stünde jedoch im Widerspruch zu dem mit 25.000 Euro dotierten Preis, mit dem ja „innovative Positionen“ ausgezeichnet werden sollen. Woraufhin das Stuttgarter Kultusministerium beschlossen habe, den Preis umzubenennen. Neu konzipiert werde 2024 zum hundertsten Todestag des Malers auch die Bernauer Dauerausstellung.
Bekannt war bislang allenfalls, dass Hans Thoma zu den Unterzeichnern des Manifests der 93 gehörte, mit dem Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller im September 1914 den Versuch unternommen hatten, den deutschen Militarismus zu verteidigen und die gleich zu Beginn des Kriegs in Belgien an der Zivilbevölkerung begangenen Kriegsverbrechen abzustreiten. Doch van Eeden deckte zudem Dokumente von einer Reise Thomas zur Rembrandt-Ausstellung in Amsterdam auf, anhand derer er glaubt nachweisen zu können, dass Deutschlands populärster Maler, zugleich Rektor der Karlsruher Akademie und Abgeordneter, bekennender Antisemit gewesen sei. Weshalb bloß hatte man bisher nie etwas davon mitbekommen? Dass er posthum auch von den Nazis vereinnahmt wurde, ist ihm ja nicht mehr anzulasten und hat seiner Beliebtheit dann auch bis heute nichts mehr anhaben können. So wenig wie der Umstand, dass er vom Impressionismus und Expressionismus seiner Malerkollegen nichts mehr gehalten hat.
Selbstbildnis vor einem Birkenwald 1899 Hans Thoma, Public domain, via Wikimedia Commons
Im Jahr 1919, fünf Jahre vor seinem Tod, hat Hans Thoma seinen Lebensrückblick Im Winter des Lebens: Aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen veröffentlicht. Das Buch ist 1989 zur 150. Jährung seines Geburtstags vom Landkreis Waldshut und der Gemeinde Bernau unverändert neu herausgegeben worden. So kritisch man es heute durchmustern mag, es findet sich darin nicht die geringste Spur von Völkischem, gar von Antisemitismus. Als ob der soeben verlorene Krieg, als ob Dolchstoßlegende, Revolution und Verbannung des Kaisers einem für imperialen Zungenschlag Anfälligen, den der Großherzog 1907 in die erste badische Ständekammer berufen hatte, nicht Anlässe genug geboten hätten, sein „völkisch antimodernes Weltbild“ (absichtlich oder unbeabsichtigt) in den Text einfließen zu lassen. Nichts dergleichen lässt sich darin finden – selbst in Passagen, in welchen sich Hans Thoma mit Politik und mit seiner Selbsteinschätzung als Abgeordneter befasst (Textprobe):
Ich kam auch bei jeder Landtagsperiode ein oder zweimal zum Reden, dabei ließ ich mich nur auf Fragen ein, in denen auch ein Künstler mitsprechen kann. So z. B. über Naturschutz, über Vogelschutz, auch über die jährlich wiederkehrenden Kunstakademie- und Galeriefragen, über Zeichenunterricht, auch einmal über Sittlichkeitsfragen, insoweit sie die Kunst berühren.
Auch das Thema Krieg hat er nicht ausgespart:
Ich sitze in meinem Waldhäuschen Marxzell, wo wir gerade noch, es ist August 1918, von ferne die Fliegerabwehrkanonen von Karlsruhe her hören. Bei meinem recht langen Lauf durchs Leben habe ich so viel Elend und Menschenjammer erlebt, um zu wissen, dass es nicht erst dieses mörderischen Krieges bedurft hätte, um zu wissen, dass unser Dasein Leiden ist, nicht der Mühe wert, es abzuspinnen. Der Krieg ist ein schlagendes Beispiel dafür, wie wenig Wert die Menschenknochen haben. Im fünften Jahr schon erzählen die Tagesberichte der Völker sich gegenseitig, wie viel Menschenkörper durch ihre Mordmaschinen vernichtet worden sind, sie rühmen sich, wie viel Herzeleid sie sich angetan haben.
Schreibt so ein Völkischer, ein Imperialist? Nein, dem Achtzigjährigen fehlt es in seinem Lebensrückblick auch durchaus nicht an Selbstkritik:
Ja, wenn auf einer Wegstrecke auch der leibhaftige Teufel einmal mitgewandert sein sollte und man sich mit ihm ganz gut unterhalten hat, so sollte man höchstens von ihm sagen, dass einem sein Geruch widerlich war. Das mag aber wohl gegenseitig gewesen sein.
Egal, welcher Teufel auf welcher Wegstrecke da „einmal mitgewandert“ sein sollte: War die Umbenennung des Hans-Thoma-Preises wirklich unumgänglich? Ist sein Fall auch nur annähernd vergleichbar mit dem Schicksal des Malers Emil Nolde, nachdem sich bei ihm herausgestellt hatte, dass er einerseits zwar als „entarteter Künstler“ verfemt war, andererseits aber dennoch Rassist, Antisemit und Anhänger des Nationalsozialismus? Oder wirft der Bernauer Vorgang nicht eher ein bezeichnendes Licht auf den gegenwärtigen Kunst- und Wissenschaftsbetrieb – mit dessen Hang zur Politisierung, zu Diversifizierung, Skandalisierung und zum Canceln?
Hans Thoma (* 2. Oktober 1839 in Oberlehen, Bernau – 7. November 1924 in Karlsruhe)
Tod du machst mein Aug‘ zu nichts, doch nimmermehr die Macht des Lichts. Das Licht hat einst das Aug‘ gebaut zum Werkzeug nur, mir dem es selbst sich schaut. Die Zeit ist nun erfüllt, das Ende da, das Aug längst sich müde sah. Ein morsches Werkzeug wird zu Trümmern, es siegt des Glaubens Licht! Uns soll des Grabes Nacht nicht kümmern.
Seit Jahren benutze ich am Riedsee ein und dieselbe Einstiegsstelle, um meiner sommerlichen Lieblingsbeschäftigung zu frönen, dem Schwimmen fernab des Badetrubels. Sie ist per Rad auf überwiegend nichtöffentlichen Sträßchen gut erreichbar, und Birken, Erlen und Weidengesträuch sorgen für Halbschatten gegen Sonnenbrand. Zu Besuch kommen da vorzugsweise Haubentaucher, Schwäne, Enten und Blässhühner – nur zweimal in all den Sommern fand ich meine Nische besetzt vor – von einem Angler.
Der Frühsommer 2018 ist mir in besonders denkwürdiger Erinnerung geblieben, denn unmittelbar neben meiner Nische hatte sich zu meiner Überraschung erstmals ein kleiner Teppich von Seerosenblättern ausgebreitet, aus dem im August dann auch die ersten zauberhaften Blüten aufbrachen; Claude Monet hätte sie nicht sehr viel schöner malen können in seinem Nymphenteich. Für mich Grund genug jedenfalls, das Wunder fotografisch festzuhalten.
Erste Seerosenblüte im Sommer 2018
Wo kamen die Seerosen bloß her, wie konnten sie so urplötzlich hier auftauchen? Bei all meinen Radrunden um den See herum waren sie mir doch noch nirgends aufgefallen. Hatten Wasservögel dafür gesorgt, waren die Samen vom Ostwind herangetrieben worden oder wie hat man sich die Verbreitung von Seerosen eigentlich vorzustellen? Zu meiner Freude entwickelte sich die kleine Kolonie prächtig: von Jahr zu Jahr wuchs der Blätterteppich weiter an und bildete auch neue Inselchen.
Seerosenpracht im Juli 2024
Auch im Sommer 2025 hatten Blätter und Blüten sich weiter ausgebreitet, ohne dass ich mich an meiner Einstiegsstelle von ihnen bedrängt gefühlt hätte. Im Gegenteil: die Freude am Wunder ihrer Ansiedlung und ihres Gedeihens wuchs alle Sommer mit. Sollte man mich trotz aller Seniorenfitness mal suchen müssen, so hatte ich es zuhause hinterlassen, sollte mir die Schwimmerei halt eines Tages doch nicht bekommen oder sollte ich einem Hitzschlag erlegen sein: Dort am Riedsee, bei den Seerosen, müsst ihr nach mir fahnden!
Früh schon, an Pfingsten 2026, dank eines Warmluftvorstoßes aus dem tiefsten Südwesten herauf, war es endlich wieder so weit: der Riedsee lockte, und so schwang ich mich wieder auf mein Rad und steuerte meine Nische an. Doch was war das für eine Enttäuschung – die Seerosen waren spurlos verschwunden! Wie kann das sein? Wer oder was trägt dafür die Verantwortung? Oder haben Seerosen etwa natürliche Fressfeinde? Molche, Libellenlarven und Seerosenblattkäferkäfer könnten ihnen zusetzen, meinen sie bei Google, doch zumindest die ersteren wären einem im Wasser doch irgendwann sicher mal begegnet.
An Pfingsten 2026: Verschwundene Seerosenpracht bis auf einen kläglichenRest
Ratlos und enttäuscht folge ich dem Ufer noch ein Stück weiter südwärts und entdecke schließlich, beim Blick durchs Weidengestrüpp, doch noch einen kläglichen Rest von Seerosenblättern.
Oder sollte ich mit meiner kindlichen Freude an der Neuansiedlung etwa gründlich daneben gelegen haben? Zuhause bei der Google-Recherche lese ich zu meinem Erstaunen, die Seerose sei zu einem der wichtigsten Umweltprobleme für Stauseen, Flüsse und Lagunen geworden. Die Verbreitung der invasiven Wasserpflanze, die ursprünglich als Zierpflanze eingeführt worden war, stelle heute „eine Bedrohung für die aquatische Biodiversität“ dar. War da womöglich im zurückliegenden Halbjahr ein Trupp von Umweltbewegten im Einsatz, der meinen Lieblingen den Garaus gemacht hat – so wie andernorts dem Japanischen Staudenknöterich oder dem Drüsigen Springkraut? O weh, wie konnte ich mich nur so naiv erfreuen an meinen Nympheae – und mich so von ihnen täuschen lassen!
Wann endlich blüht das Wollgras denn wieder im Plattenmoos, so fragte ich mich dieses Frühjahr im Vorbeiradeln zum soeben in Vollblüte stehenden „Rosenbaum“, dem spektakulären, uralten Wildapfelbaum im (ansonsten heute weithin baumlosen) Tannheimer Gewann Rosenbaum. Eigentlich müsste der vom Weg aus zu überblickende Randbereich des Hochmoors doch jetzt schneeweiß erscheinen. Nachschauen also im heimischen PC, wo ja bekanntlich alles fein säuberlich datiert wird, auch was sich an Fotos über die Jahre hinweg angesammelt hat. Richtig: vom 15. Mai 2022 stammt das letzte Wollgrasfoto, daneben unverkennbar die rauborkige Moorbirke und die abgestorbene Kiefer.
Wollgrasblüte im Frühjahr 2022
Doch dieses Frühjahr scheint sich das Wollgras rar gemacht zu haben – kein weißer Teppich, nur einzelne schüttere Blüten sind auszumachen inmitten störrischer Riedgras-Bulten. Reste eines Weidezauns stehen und liegen noch umher, die vor vier Jahren noch fehlten. Demnach muss die Fläche zwischenzeitlich ja wohl mal beweidet worden sein: eine Naturschutzmaßnahme? Für das Wollgras offenbar ein Flop, zumal sich statt seiner nun der Faulbaum ausgebreitet hat, auch er ein Hochmoorbewohner, doch kann sein Gedeihen hier ja wohl nicht Zweck der Übung gewesen sein. Was also mag die eigentliche Ursache sein für die Verdrängung des Wollgrases? Ist es eine Spätfolge der sich seit 2018 häufenden Trocken- und Hitzejahre, womöglich im Zusammenwirken mit dem Stickstoffeintrag aus der baarweiten Agrarindustrielandschaft? Oder hatte die Beweidung, die inzwischen offenbar wieder aufgegeben worden ist, die falsche Wirkung erzielt im Schutzgebiet? Und falls ja, lässt sich der Schaden reparieren? Könnten gar die Tannheimer im angrenzenden Quellschutzgebiet zu viel Wasser entnommen haben?
Im Frühjahr 2026 Faulbaumbewuchs statt Wollgras
Hätte ich vor vier Jahren nicht die Kamera gezückt angesichts der weißen Blütenpracht, wer weiß, ob ich diesmal gestutzt und das Ausbleiben des Wollgrases überhaupt bemerkt hätte. Wie mag sich unterdessen das Zentrum des Hochmoors weiterentwickelt haben, wo den Mooren heutzutage doch als CO2-Senken eine überlebenswichtige Funktion zukommt. Wächst das Torfmoos noch und wächst es wieder, nachdem dort jahrhundertelang Torf zu Heizungszwecken gestochen worden ist, ehe der Bau der Schwarzwaldbahn den Umstieg auf fossile Brennstoffe ermöglicht hat, auf Kohle, Öl und Gas? Nichts erscheint uns daher heute vordringlicher, als die Ertüchtigung von Mooren und Wäldern – zumal wenn sie auch noch schön anzuschauen sind.