Stein des Anstoßes

Fahrrad von Wolf am Stein vor der Schranke im Hintergrund der Riedsee

Wer als Radler von Norden her den Riedsee ansteuert und nicht etwa links abbiegt, um (am Modellflugplatz vorbei) den Nacktstrand aufzusuchen oder weiter in Richtung Pfohren und Geisingen zu strampeln, muss auf dem Weg seewärts längs der B27 seit eh und je eine Schranke umkurven. Die ab hier nicht mehr geteerte Geradeausvariante ist freilich nur für den landwirtschaftlichen Verkehr frei, wie einem Zusatzschild unter der runden Verbotstafel für Fahrzeuge aller Art zu entnehmen ist. Und selbst für Fußgänger ist der Weg gesperrt, wie eine weitere Tafel aufklärt. Was freilich weder für diese und schon gar nicht für Radler je ein Anlass war, auf diese Zufahrt zum See zu verzichten und dafür den Umweg über Hüfingen in Kauf zu nehmen. Zumal die Beschilderung in Gegenrichtung, vom See gen Norden, weder für Radler noch für Fußgänger ein Sperrschild aufweist; allenfalls mit ungeeigneten Schuhen und Reifen würde er sich wegen des mitunter auch etwas gröberen Schotters nicht unbedingt empfehlen.

Die Umfahrung der Schranke stellte für geübte Radler bislang keinerlei Problem dar, und manchmal scheinen sich, der Spurenlage zufolge, auch motorisierte Vierradfahrer mehr oder minder erfolgreich damit versucht zu haben. Doch seit dieser Badesaison hat sich etwas verändert: Jetzt musste man sehr viel geschmeidiger, nur ja nicht zu flott, aber auch nicht zu langsam, die Umfahrung der Schranke in Angriff nehmen. Wie ich gleich beim Ersten Versuch auf dem Heimweg (vom See herkommend) schmerzhaft erfahren musste beim unfreiwilligen Abstieg und Griff in die Brennnesseln. Als heimtückisch erwiesen hatten sich nebst holpriger Grasnarbe auch zwei scharfkantige Steinbrocken zur Linken und ein größerer Granitfindling zur Rechten, die es nun umso sorgfältiger zu umkurven gilt. Sollte man da im fortgeschrittenen Seniorenalter nicht besser vorher absteigen und das Rad hindurchschieben? Andererseits hatte ich es auf der Hinfahrt doch eben noch, auf dem Sattel sitzenbleibend, geschafft, angespornt durch zwei jüngere Radler, die knapp vor mir elegant und ohne nennenswerten Zeitverlust hindurchgelangt waren. Wie würde ich die heiklen Klippen beim nächsten Mal umschiffen? Und wer eigentlich hatte sie wohl installiert, Hüfingens Ordnungsamt oder das Baggerunternehmen, das längs des Wegs auch schon Erdaushubwälle angehäuft hatte?

Fahrrad von Wolf am Stein vor der Schranke

Man wird ja nicht klüger im Alter: Hätte mich nicht schon beim ersten Mal ein auf dem Findling hinterlassener Sturzhelm eines hier offenbar gestrandeten Radlers gewarnt haben müssen? Auf dem Hinweg zum nächsten Badevergnügen ist es dann prompt passiert: Mag sein, dass ich eine Spur zu vorsichtig, sprich: zu langsam, in die Gefahrenstelle hineingefahren und seitlich umgekippt bin, sodass ich hernach meine blutenden Schrammen im Riedsee abwaschen musste. Logisch, dass ich diesmal auf dem Heimweg freiwillig abgestiegen bin vor der verfluchten Engstelle.

Wie gut, dass ein Schwall Kaltluft die Badesaison für ein paar Tage unterbrochen hat, sodass die Schrammen an Beinen und Ellenbogen einigermaßen verkrusten konnten. Doch beim nächsten sonnigen Tag, der auf erträgliche Luft- und Wassertemperaturen hoffen ließ, musste es bereits wieder sein – diesmal mit Absteigen und Schieben, versteht sich. 

Hans Thoma Preis

Umbenennung vom Hans-Thoma-Preis zum Landespreis für bildende Kunst

Beitrag vom 23. Mai 2024

Hans Thoma: Das wandernde Bächlein (1906)

Weidberge, Bächlein, weit überstehende Walmdächer, Wald: der Südschwarzwald gilt uns bis heute, wo immer er sich noch als Idylle präsentieren darf, als „Hans-Thoma-Landschaft“. Und alle zwei Jahre pflegt die Kunstwelt nach Bernau zu pilgern, um im dortigen Hans-Thoma-Museum der Verleihung des Hans-Thoma-Preises beizuwohnen und die Ausstellung mit den Werken des aktuellen Preisträgers zu begutachten. Doch diesmal wurden nicht nur wir Schwarzwälder Hans-Thoma-Verehrer von Medienberichten aufgeschreckt: Der Preisträger des Jahres 2023, Prof. Marcel van Eeden, Rektor der Karlsruher Staatl. Akademie der Bildenden Künste, habe sich kritisch mit Thoma auseinandergesetzt und dabei aufgedeckt, dass dieser ein völkisch antimodernes Weltbild vertreten und sich mehrfach antisemitisch geäußert habe. Dies stünde jedoch im Widerspruch zu dem mit 25.000 Euro dotierten Preis, mit dem ja „innovative Positionen“ ausgezeichnet werden sollen. Woraufhin das Stuttgarter Kultusministerium beschlossen habe, den Preis umzubenennen. Neu konzipiert werde 2024 zum hundertsten Todestag des Malers auch die Bernauer Dauerausstellung.

Bekannt war bislang allenfalls, dass Hans Thoma zu den Unterzeichnern des Manifests der 93 gehörte, mit dem Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller im September 1914 den Versuch unternommen hatten, den deutschen Militarismus zu verteidigen und die gleich zu Beginn des Kriegs in Belgien an der Zivilbevölkerung begangenen Kriegsverbrechen abzustreiten. Doch van Eeden deckte zudem Dokumente von einer Reise Thomas zur Rembrandt-Ausstellung in Amsterdam auf, anhand derer er glaubt nachweisen zu können, dass Deutschlands  populärster Maler, zugleich Rektor der Karlsruher Akademie und Abgeordneter, bekennender Antisemit gewesen sei. Weshalb bloß hatte man bisher nie etwas davon mitbekommen? Dass er posthum auch von den Nazis vereinnahmt wurde, ist ihm ja nicht mehr anzulasten und hat seiner Beliebtheit dann auch bis heute nichts mehr anhaben können. So wenig wie der Umstand, dass er vom Impressionismus und Expressionismus seiner Malerkollegen nichts mehr gehalten hat.

Selbstbildnis vor einem Birkenwald 1899
Hans Thoma, Public domain, via Wikimedia Commons

Im Jahr 1919, fünf Jahre vor seinem Tod, hat Hans Thoma seinen Lebensrückblick Im Winter des Lebens: Aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen veröffentlicht. Das Buch ist 1989 zur 150. Jährung seines Geburtstags vom Landkreis Waldshut und der Gemeinde Bernau unverändert neu herausgegeben worden. So kritisch man es heute durchmustern mag, es findet sich darin nicht die geringste Spur von Völkischem, gar von Antisemitismus. Als ob der soeben verlorene Krieg, als ob Dolchstoßlegende, Revolution und Verbannung des Kaisers einem für imperialen Zungenschlag Anfälligen, den der Großherzog 1907 in die erste badische Ständekammer berufen hatte, nicht Anlässe genug geboten hätten, sein „völkisch antimodernes Weltbild“ (absichtlich oder unbeabsichtigt) in den Text einfließen zu lassen. Nichts dergleichen lässt sich darin finden – selbst in Passagen, in welchen sich Hans Thoma mit Politik und mit seiner Selbsteinschätzung als Abgeordneter befasst (Textprobe):

Ich kam auch bei jeder Landtagsperiode ein oder zweimal zum Reden, dabei ließ ich mich nur auf Fragen ein, in denen auch ein Künstler mitsprechen kann. So z. B. über Naturschutz, über Vogelschutz, auch über die jährlich wiederkehrenden Kunstakademie- und Galeriefragen, über Zeichenunterricht, auch einmal über Sittlichkeitsfragen, insoweit sie die Kunst berühren.

Auch das Thema Krieg hat er nicht ausgespart:

Ich sitze in meinem Waldhäuschen Marxzell, wo wir gerade noch, es ist August 1918, von ferne die Fliegerabwehrkanonen von Karlsruhe her hören. Bei meinem recht langen Lauf durchs Leben habe ich so viel Elend und Menschenjammer erlebt, um zu wissen, dass es nicht erst dieses mörderischen Krieges bedurft hätte, um zu wissen, dass unser Dasein Leiden ist, nicht der Mühe wert, es abzuspinnen. Der Krieg ist ein schlagendes Beispiel dafür, wie wenig Wert die Menschenknochen haben. Im fünften Jahr schon erzählen die Tagesberichte der Völker sich gegenseitig, wie viel Menschenkörper durch ihre Mordmaschinen vernichtet worden sind, sie rühmen sich, wie viel Herzeleid sie sich angetan haben.

Schreibt so ein Völkischer, ein Imperialist? Nein, dem Achtzigjährigen fehlt es in seinem Lebensrückblick auch durchaus nicht an Selbstkritik:

Ja, wenn auf einer Wegstrecke auch der leibhaftige Teufel einmal mitgewandert sein sollte und man sich mit ihm ganz gut unterhalten hat, so sollte man höchstens von ihm sagen, dass einem sein Geruch widerlich war. Das mag aber wohl gegenseitig gewesen sein.

Egal, welcher Teufel auf welcher Wegstrecke da „einmal mitgewandert“ sein sollte: War die Umbenennung des Hans-Thoma-Preises wirklich unumgänglich? Ist sein Fall auch nur annähernd vergleichbar mit dem Schicksal des Malers Emil Nolde, nachdem sich bei ihm herausgestellt hatte, dass er einerseits zwar als „entarteter Künstler“ verfemt war, andererseits aber dennoch Rassist, Antisemit und Anhänger des Nationalsozialismus? Oder wirft der Bernauer Vorgang nicht eher ein bezeichnendes Licht auf den gegenwärtigen Kunst- und Wissenschaftsbetrieb –  mit dessen Hang zur Politisierung, zu Diversifizierung, Skandalisierung und zum Canceln?

Hans Thoma (* 2. Oktober 1839 in Oberlehen, Bernau – 7. November 1924 in Karlsruhe)

Tod du machst mein Aug‘ zu nichts,
doch nimmermehr die Macht des Lichts.
Das Licht hat einst das Aug‘ gebaut
zum Werkzeug nur, mir dem es selbst sich schaut.
Die Zeit ist nun erfüllt, das Ende da,
das Aug längst sich müde sah.
Ein morsches Werkzeug wird zu Trümmern,
es siegt des Glaubens Licht!
Uns soll des Grabes Nacht nicht kümmern.

Die Inschrift auf dem Grabstein
Das Grab von Hans Thomas in Karlsruhe auf dem Friedhof
Grab von Hans Thoma auf dem Karlsruher Friedhof

Riedseerätsel

Seit Jahren benutze ich am Riedsee ein und dieselbe Einstiegsstelle, um meiner sommerlichen Lieblingsbeschäftigung zu frönen, dem Schwimmen fernab des Badetrubels. Sie ist per Rad auf überwiegend nichtöffentlichen Sträßchen gut erreichbar, und Birken, Erlen und Weidengesträuch sorgen für Halbschatten gegen Sonnenbrand. Zu Besuch kommen da vorzugsweise Haubentaucher, Schwäne, Enten und Blässhühner – nur zweimal in all den Sommern fand ich meine Nische besetzt vor – von einem Angler.

Der Frühsommer 2018 ist mir in besonders denkwürdiger Erinnerung geblieben, denn unmittelbar neben meiner Nische hatte sich zu meiner Überraschung erstmals ein kleiner Teppich von Seerosenblättern ausgebreitet, aus dem im August dann auch die ersten zauberhaften Blüten aufbrachen; Claude Monet hätte sie nicht sehr viel schöner malen können in seinem Nymphenteich. Für mich Grund genug jedenfalls, das Wunder fotografisch festzuhalten.

Seerosenblüte mit drei Blüten
Erste Seerosenblüte im Sommer 2018

Wo kamen die Seerosen bloß her, wie konnten sie so urplötzlich hier auftauchen? Bei all meinen Radrunden um den See herum waren sie mir doch noch nirgends aufgefallen. Hatten Wasservögel dafür gesorgt, waren die Samen vom Ostwind herangetrieben worden oder wie hat man sich die Verbreitung von Seerosen eigentlich vorzustellen? Zu meiner Freude entwickelte sich die kleine Kolonie prächtig: von Jahr zu Jahr wuchs der Blätterteppich weiter an und bildete auch neue Inselchen.

ein Teppich voll Seerosen
Seerosenpracht im Juli 2024

Auch im Sommer 2025 hatten Blätter und Blüten sich weiter ausgebreitet, ohne dass ich mich an meiner Einstiegsstelle von ihnen bedrängt gefühlt hätte. Im Gegenteil: die Freude am Wunder ihrer Ansiedlung und ihres Gedeihens wuchs alle Sommer mit. Sollte man mich trotz aller Seniorenfitness mal suchen müssen, so hatte ich es zuhause hinterlassen, sollte mir die Schwimmerei halt eines Tages doch nicht bekommen oder sollte ich einem Hitzschlag erlegen sein: Dort am Riedsee, bei den Seerosen, müsst ihr nach mir fahnden!

Früh schon, an Pfingsten 2026, dank eines Warmluftvorstoßes aus dem tiefsten Südwesten herauf, war es endlich wieder so weit: der Riedsee lockte, und so schwang ich mich wieder auf mein Rad und steuerte meine Nische an. Doch was war das für eine Enttäuschung – die Seerosen waren spurlos verschwunden! Wie kann das sein? Wer oder was trägt dafür die Verantwortung? Oder haben Seerosen etwa natürliche Fressfeinde? Molche, Libellenlarven und Seerosenblattkäferkäfer könnten ihnen zusetzen, meinen sie bei Google, doch zumindest die ersteren wären einem im Wasser doch irgendwann sicher mal begegnet. 

Riedsee mit klarem Wasser
paar Blätter im See

An Pfingsten 2026: Verschwundene Seerosenpracht bis auf einen kläglichen Rest

Ratlos und enttäuscht folge ich dem Ufer noch ein Stück weiter südwärts und entdecke schließlich, beim Blick durchs Weidengestrüpp, doch noch einen kläglichen Rest von Seerosenblättern. 

Oder sollte ich mit meiner kindlichen Freude an der Neuansiedlung etwa gründlich daneben gelegen haben? Zuhause bei der Google-Recherche lese ich zu meinem Erstaunen, die Seerose sei zu einem der wichtigsten Umweltprobleme für Stauseen, Flüsse und Lagunen geworden. Die Verbreitung der invasiven Wasserpflanze, die ursprünglich als Zierpflanze eingeführt worden war, stelle heute „eine  Bedrohung für die aquatische Biodiversität“ dar. War da womöglich im zurückliegenden Halbjahr ein Trupp von Umweltbewegten im Einsatz, der meinen Lieblingen den Garaus gemacht hat – so wie andernorts dem Japanischen Staudenknöterich oder dem Drüsigen Springkraut? O weh, wie konnte ich mich nur so naiv erfreuen an meinen Nympheae – und mich so von ihnen täuschen lassen!

Eine schöne Blüte der Seerose
Ein schmerzlicher Abschied (Foto 2020)?

Trockenstress im Plattenmoos?

Wann endlich blüht das Wollgras denn wieder im Plattenmoos, so fragte ich mich dieses Frühjahr im Vorbeiradeln zum soeben in Vollblüte stehenden „Rosenbaum“, dem spektakulären, uralten Wildapfelbaum im (ansonsten heute weithin baumlosen) Tannheimer Gewann Rosenbaum. Eigentlich müsste der vom Weg aus zu überblickende Randbereich des Hochmoors doch jetzt schneeweiß erscheinen. Nachschauen also im heimischen PC, wo ja bekanntlich alles fein säuberlich datiert wird, auch was sich an Fotos über die Jahre hinweg angesammelt hat. Richtig: vom 15. Mai 2022 stammt das letzte Wollgrasfoto, daneben unverkennbar die rauborkige Moorbirke und die abgestorbene Kiefer.

Wollgrasblüte im Frühjahr 2022
Wollgrasblüte im Frühjahr 2022

Doch dieses Frühjahr scheint sich das Wollgras rar gemacht zu haben – kein weißer Teppich, nur einzelne schüttere Blüten sind auszumachen inmitten störrischer Riedgras-Bulten. Reste eines Weidezauns stehen und liegen noch umher, die vor vier Jahren noch fehlten. Demnach muss die Fläche zwischenzeitlich ja wohl mal beweidet worden sein: eine Naturschutzmaßnahme? Für das Wollgras offenbar ein Flop, zumal sich statt seiner nun der Faulbaum ausgebreitet hat, auch er ein Hochmoorbewohner, doch kann sein Gedeihen hier ja wohl nicht Zweck der Übung gewesen sein. Was also mag die eigentliche Ursache sein für die Verdrängung des Wollgrases? Ist es eine Spätfolge der sich seit 2018 häufenden Trocken- und Hitzejahre, womöglich im Zusammenwirken mit dem Stickstoffeintrag aus der baarweiten Agrarindustrielandschaft? Oder hatte die Beweidung, die inzwischen offenbar wieder aufgegeben worden ist, die falsche Wirkung erzielt im Schutzgebiet? Und falls ja, lässt sich der Schaden reparieren? Könnten gar die Tannheimer im angrenzenden Quellschutzgebiet zu viel Wasser entnommen haben?

Im Frühjahr 2026 Faulbaumbewuchs statt Wollgras
Im Frühjahr 2026 Faulbaumbewuchs statt Wollgras

Hätte ich vor vier Jahren nicht die Kamera gezückt angesichts der weißen Blütenpracht, wer weiß, ob ich diesmal gestutzt und das Ausbleiben des Wollgrases überhaupt bemerkt hätte. Wie mag sich unterdessen das Zentrum des Hochmoors weiterentwickelt haben, wo den Mooren heutzutage doch als CO2-Senken eine überlebenswichtige Funktion zukommt. Wächst das Torfmoos noch und wächst es wieder, nachdem dort jahrhundertelang Torf zu Heizungszwecken gestochen worden ist, ehe der Bau der Schwarzwaldbahn den Umstieg auf fossile Brennstoffe ermöglicht hat, auf Kohle, Öl und Gas? Nichts erscheint uns daher heute vordringlicher, als die Ertüchtigung von Mooren und Wäldern – zumal wenn sie auch noch schön anzuschauen sind.

Wollgras im Frühjahr 2022
Wollgras im Frühjahr 2022

Von der SS ermordet

In ihrem Blog hat Hannah Miriam Jaag die Ermordung von Willibald Strohmeyer, des aus Mundelfingen stammenden Pfarrers von St. Trudbert, sehr eindringlich dokumentiert. Beim Durchlesen ihres Beitrags über dieses schlimme Verbrechen musste ich das Kriegstagebuch meines Vaters hervorholen. Denn auch er berichtet darin über die Vorgänge im Münstertal in den chaotischen letzten Kriegswochen.

Das mehrbändige Tagebuch hatte ich vor acht Jahren schon einmal unter die Lupe genommen und mir Gedanken darüber gemacht: Was der Krieg aus einem macht, so hatte ich meinen Text überschrieben und weiter: Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters.1

Im Folgenden will ich einige Passagen herausgreifen, die Hannahs Dokumentation der Ermordung von Pfarrer Strohmeyer noch ergänzen können. Vorauszuschicken ist, dass der Vater als Hauptmann der Infanterie und Ritterkreuzträger nach einem Lazarettaufenthalt in Badenweiler am Jahresende 1944 unbedingt zu seiner Einheit zurückkehren wollte, die noch im Baltikum in Rückzugsgefechten vor der Roten Armee lag. Stattdessen aber wurde er überraschend dem SS-Armeekorps unterstellt, dessen Generalkommando in Badenweiler lag; dies – wohlbemerkt – ohne zur SS übertreten zu müssen. Hier die datierten Auszüge:

8. Februar

Ich machte Quartier im Kloster St. Trudbert. Die Schwestern müssen zusammenrücken, tun es aber bereitwillig, mitsamt dem Freiburger Altersheim, das schon im Kloster untergeschlupft ist. Auch in die Stille des Pfarrhauses brachte ich Unruhe; die Haushälterin jammerte im voraus um ihre spiegelblank gewichsten Böden, doch der Pfarrer, ein würdiger Greis, schmunzelte mir heimlich zu. Im Hintergrund standen zwei Kapläne mit undurchdringlichen Gesichtern. Die Jagdbomber schwärmten wie die Hornissen. Sie kamen in Rudeln zu Vieren, Achten und Zwölfen und machten sich mit wildem Aufheulen und Knattern über die Straßen in der Ebene draußen, über die Kolonnen und Fahrzeuge her. Kopfüber stürzten sie sich auf Staufen, dreimal an diesem Tag, es krachte und schütterte, qualmte und brannte. Auch Krozingen und Heitersheim bekamen ihr Teil. […] Am Nachmittag kreisten sie hoch überm Tal, da zischten ihre Bomben hernieder und barsten mitten im Dorf und weit die Halden hinauf. Ein Toter, ein Verwundeter; ein Haus völlig weggeblasen. Am Abend kamen mit den Flüchtlingen vom Rhein auch die Leute von Staufen, Frauen und Kinder, verstört und erschöpft, mit Fahrrädern und Handwagen. Hundert Tote hat dieser Tag in dem sonst so heimeligen Breisgaustädtchen gefordert.

12. April

Der Vater war inzwischen zusammen mit einem SS-Mann namens Kubat im Südschwarzwald unterwegs, um die Möglichkeiten des Wehrwolf-Einsatzes hinter der Front auszuloten, was sich freilich als ziemlich illusionär herausstellen sollte.

[…] Das tollste, was ich durch Kubat kennenlernte, ist die „Kompanie Brandenburg“, ein abenteuerlicher, blutrünstiger Haufen von deutschen Galgenvögeln und französischen Desperados; Marokkaner, Chinesen und sogar ein Jude sind darunter, und natürlich fehlen auch Mädchen nicht. Die Männer tragen zur Tarnung die Uniform des Heeres, gehören aber zur SS. Die Gesellschaft hat ihren Schlupfwinkel im hintersten Münstertal, wird zu allen möglichen Unternehmen eingesetzt und ist auch zu allem fähig. Sie ist mit Maschinenpistolen, Sprengstoff und Blausäurepräparaten ausgerüstet, zählt hervorragende Pistolenschützen zu den Ihren und macht zu Übungszwecken Jagd auf Fahnenflüchtige. Das wichtigste Wort ihres Sprachschatzes heißt „umlegen“, und wenn einer von einem Auftrag nicht mehr zurückkommt, so hat er eben „Pech gehabt“, wobei nicht einmal feststeht, ob nicht die eigenen Kameraden nachgeholfen haben, zumal wenn es sich um Franzosen handelt. […]

In diesen Kreisen hörte ich bald da, bald dort davon reden, daß man sich auf einen Bandenkrieg im Rücken des Gegners vorbereitete, Verpflegungsstützpunkte und Sprengstofflager anlegte. […]

Kriegsende

Am 7. Mai 1945 endete der Krieg auch für den Vater, nachdem das inzwischen eingekesselte Armeekorps noch einen Ausbruchversuch von Hammereisenbach aus über die Baar hinweg in Richtung „Alpenfestung“ unternommen hatte, in dessen Verlauf Behla, Zollhaus und Randen noch lichterloh brannten und speziell zwischen Achdorf und Fützen (auf dem noch ungeteerten und aufgeweichten „Wellblechsträßchen“) große Verluste durch französischen Jagdbomberbeschuss zu beklagen waren. Truppweise schlug man sich weiter durch bereits besetztes Gebiet noch bis ins Bodensee-Hinterland, um sich dort schließlich aufzulösen, als die Nachricht von der unmittelbar bevorstehenden Kapitulation durchgesickert war. Zu Fuß auf Schleichwegen und vorwiegend nachts machte sich der Vater (noch immer in Uniform) auf den Heimweg nach Kandern im Markgräflerland. 

13. Mai

Um Sechs Morgenmilch von der Kuh weg und über den Berg nach Bürschau hinunter, ich brauchte längst keine Landkarte mehr. Zweites Frühstück bei freundlichen alten Leuten. Als sie hörten, daß ich geradewegs über den Köhlgarten gehen wollte, rieten sie mir dringend ab, weil dort noch eine Gruppe SS ihr Unwesen treibe und jeden heimkehrenden Soldaten zwinge, sich ihr anzuschließen. Den alten Pfarrer von Obermünstertal hätten sie in den Wald geholt und erschossen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, dankte den beiden Alten und ging.

Ich ging geradenwegs über den Köhlgarten. Die Jagdhütte war mir wohlbekannt, die droben versteckt im Wald lag. Der Pfarrer von Obermünstertal, der gute alte Herr, bei dem ich vor Monaten Quartier gemacht hatte! Ich wußte nicht, was ich bei der Jagdhütte wollte und was ich tun würde, wenn ich dort jemanden von der Bande träfe. Es mußten die Galgenvögel sein, Kriminelle aus aller Herren Länder, die der SS zu mancherlei dunklen Zwecken gedient hatten und in Untermünstertal untergebracht waren. Zum Glück stand die Hütte leer, Tür und Fenster waren eingeschlagen. Ungeschoren kam ich über das Lipple ins Kandertal.

Ungeschoren erreichte der Vater schließlich auch Kandern, freilich nur deshalb, weil ihn eine Wegstunde davor die Eltern eines Waldarbeiters dazu überredet hatten, in den Anzug ihres Sohnes zu schlüpfen und mit Spazierstock und Bauernburschenhut vollends nachhause zu wandern. In französiche Kriegsgefangenschaft geriet er dann doch noch, vom November 1945 bis Mai 1947 – „viel Zeit für Katharsis und Selbstreflexionen“, so schrieb ich in meinem Beitrag „Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters“.


1 Haumann, H. und Schellinger u. (Hg): Vom Nationalsozialismus zur Besatzungspolitk. Fallstudien und Erinnerungen aus Mittel- und Südbaden. Verlag regionalkultur, 2018

Foto von unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Overshoot – Rettet uns der Dauerwald?

Wilhelm Bode

Overshoot –
Rettet uns der Dauerwald?  

Ein forstpolitischer Essay
Mit einem Vorwort von Dirk Stenzel
sowie einem Interview mit Hans Joachim Schellnhuber

Verlag Natur + Text Rangsdorf 2026
208 Seiten
ISBN 978-3-942062-79-4
27,00 Euro

Anglizismen sind unter Förstern und Waldfreunden eigentlich eher ungewöhnlich. Mit dem erklärungsbedürftigen Begriff Overshoot im Titel seines Essays geht der Autor, bekannt als streitbarer Jurist und Forstwissenschaftler, zweifellos ein Risiko ein. Doch schon auf dem Buchcover will er damit klarstellen, dass es ihm hier nicht allein um ein Waldthema geht, sondern um eine höchst aktuelle klimapolitische Weichenstellung: Um die Frage nämlich, wie Wälder so gestaltet werden können, dass sie unterm Vorzeichen des Klimawandels sowohl ökonomisch ertragreich bewirtschaftet werden können, als auch ihre Funktion als natürliche CO2-Senke besser erfüllen. 

Im Englischen wird der Begriff Overshoot verwendet, wenn ein bestimmtes selbstgestecktes Ziel nicht eingehalten werden kann, so erläutert ihn der Klimatologe Hans Joachim Schellnhuber, vormals Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), der von Wilhelm Bode abschließend interviewt wird. Das trifft zweifellos auch für die im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 vereinbarte und von 190 Staaten ratifizierte Leitplanke zu: für den allenfalls zu akzeptierenden Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur auf deutlich unter 2°C über dem vorindustriellen Niveau, was offenbar nicht gehalten werden kann: Schon 2024 dürfte die angestrebte 1,5°C-Grenze durchbrochen worden sein.

Angesichts dieser Dramatik vergleicht Bode die gegenwärtige Lage der Forstwirtschaft mit jener um 1800, als Holznot herrschte und die deutsche Forstwissenschaft sich mit ihren Bemühungen um Nachhaltigkeit der Holzversorgung und mit ihren forstgesetzlichen Initiativen weltweit einen vorzüglichen Ruf erworben hat. Leider jedoch hat die damals gefundene Lösung, die „Altersklassenwirschaft“, gleichaltrige Reinbestände hervorgebracht, die heute im Zuge des Klimawandels abgewirtschaftet haben. Es brauche daher eine „Waldwende“, ein neues Erfolgsmodell: den Dauerwald. 

Die Idee hierzu hatte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Eberswalder Forstwissenschaftler Alfred Möller, der den Dauerwald propagierte als einen sowohl ökologisch wie ökonomisch überlegenen „Waldorganismus“; aufgegriffen und praktiziert wurde diese waldbauliche Alternative von vergleichsweise wenigen Waldeigentümern, oft genug geschmäht und abgetan als „forstliche Zeugen Jehovas“. Wilhelm Bode hat die Möller´sche Idee zuvor schon in mehreren Schriften gewürdigt und empfohlen.

Denn das „Mehrgenerationenhaus“ des ungleichaltrigen und gemischten Dauerwalds hat sich in den jüngsten Extremjahren mit all ihren Stürmen, mit Trockenperioden, Bränden und Starkniederschlägen als erstaunlich resilient erwiesen, was nicht zuletzt seiner Struktur, vor allem jedoch dem überlegenen Waldbodenzustand zu verdanken ist, wenn Kahllegungen dauerhaft unterbleiben und Schadflächen erst gar nicht entstehen. Umso besser taugt der Waldtyp daher auch als natürliche CO2-Senke. Zumal er mehr zu Bauzwecken verwendbares Holz produziert als der Altersklassenwald, in dem mehr Schwachholz anfällt. Und hier setzt in seinem Vorwort auch der Architekt Dirk Stenzl an, der eine Lanze für den städtischen Mehrgeschoss-Holzbau bricht und eine Bau-Wende fordert. Denn die Verwendung von Beton, Stahl und Glas hat dazu geführt, dass der Bausektor als „Elefant im Klimaraum“ (Schellnhuber) für 40 % (!) der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist.

Im Bauholz wird das klimaschädliche Gas langfristig gespeichert, weshalb die Dauerwaldnutzung hinsichtlich ihrer CO2-Bilanz sogar besser abschneidet als unbewirtschaftete Waldreservate, wie sie von der Naturschutzseite favorisiert und gefordert werden. Hier stellt sich Wilhelm Bode nachdrücklich auf die Waldnutzerseite, soweit eben nicht labile Monokulturen bewirtschaftet werden, sondern ökologisch wie ökonomisch hochwertiger Dauerwald; und dies nicht mit Großmaschinen, sondern per bodenschonender Erntetechnik.

Im Interview äußert sich dann sogar der Klimatologe verhalten optimistisch: Die „Wald-Bau-Pumpe“, die Speicherung von Kohlenstoff in lebenden Wäldern auf „rehumifizierten Böden“ (Bode) und in Verbindung mit „städtischem Mehrgeschossholzbau“ (Stenzel), ist für Schellnhuber „das vielleicht eleganteste Prinzip planetarischer Selbstheilung“. Wilhelm Bodes Overshoot verspricht nicht weniger als „eine mehrfache Win-win-Strategie für die Lebensbedingungen aller Bürger in unserem Land“.

Repowering auf dem Rohrhardsberg – jetzt also doch?

Ein in jüngster Zeit zunehmender Flächenbedarf entsteht durch den Bau von Windkraftanlagen. Gerade für wandernde Jungauerhühner, die für den Austausch zwischen den Teilpopulationen im Schwarzwald besonders wichtig sind, könnten Windräder sehr problematisch werden.
(Bergmann, H., Klaus S., Suchant, R.: Auerhühner. G. Braun-Buchverl., Karlsruhe 2003)

Windenergie und Auerhühner – ein Reizthema par excellence selbst unter Naturschützern! Was ist nicht schon alles geschrieben und diskutiert worden, wenn es um die Rettung des existenzbedrohten „Schwarzwälder Charaktervogels“ geht. Sogar der Stuttgarter Landtag hat (am 11. Mai 2022) über ihn debattiert. Wo doch der grün geführten Landesregierung nichts ungelegener käme, als wenn ausgerechnet sie für das Aussterben des Auerhuhns verantwortlich gemacht würde mit ihrem durch Gas- und Ölmangel, durch Ukraine- und Irankrieg zusätzlich angespornten Windkraft-Elan. 

Foto vom Rohrhardsberg mit Windrad
Präzedenzfall auf dem Rohrhardsberg

So war es denn auch kein Wunder, dass damals in der Parlamentsdebatte grüne wie schwarze Abgeordnete im Brustton der Überzeugung hervorgehoben haben, die Windenergie treffe keinerlei Schuld am so bedauerlichen, allem Anschein nach jedoch kaum noch aufzuhaltenden Rückgang des einst größten mitteleuropäischen Auerhuhn-Bestands außerhalb der Alpen. Der fürs Jagdrecht zuständige Forstminister Peter Hauk (CDU) ließ keine Zweifel aufkommen an der Dramatik der Bestandsentwicklung, verursacht freilich vor allem durch allzu dunkle Nadelwälder, durch den Besucher- wie den Raubwilddruck sowie gewiss auch durch den Klimawandel. Auch er verneinte den Einfluss der Windräder und verwies dabei auf das (vom Land Baden-Württemberg und aus Drittmitteln des Bundesverbands WindEnergie e. V. sowie einiger heimischer Energieversorgungsunternehmen finanzierte) internationale Forschungsprojekt Windenergie & Auerhuhn, das auch im Schwarzwald zu dem wenig überraschenden Ergebnis gekommen war, dass Auerhühner Windenergieanlagen weiträumig meiden, sodass sie daher auch nicht nennenswert vom Lärm, Drehbewegung und Schlagschatten der Rotoren gestresst werden können. Versprochen wurde ein Maßnahmenplan, mit welchem der Beweis erbracht werden soll, dass Klima- und Artenschutz durchaus miteinander zu vereinbaren sei.

Auerhahn
Wo der Schwarzwälder Charaktervogel wohl noch balzt?

Exemplarisch für die seit über einem Vierteljahrhundert andauernden und sich verschärfenden Auseinandersetzungen steht im zentralen Schwarzwald der Rohrhardsberg (genauer: sein Nebengipfel Passeck), der für wandernde Junghühner auch eine Art Brückenkopf darstellt für die zwecks Genaustausch unverzichtbare Verbindung zwischen den von Verinselung bedrohten Teilpopulationen von Süd- und Nordschwarzwald. Ausgerechnet hier oben ist im Jahr 2003 erstmals ein Windrad im Auerhuhn-Habitat genehmigt worden – ein Sündenfall mit Präzedenzwirkung. Dem Antragsteller hatte man zuvor im Elztal die Genehmigung einer Wasserkraftanlage versagt, sodass das Landratsamt, nach massivem Druck des CDU-Wahlkreisabgeordneten und gegen alle Proteste und Petitionen, offenbar nicht auch noch den Bau der Windkraftanlage glaubte ablehnen zu dürfen. Für seinen beharrlichen und schließlich erfolgreichen Einsatz für die regenerative Energiegewinnung ist dem Unternehmer im Jahr 2003 – Auerhühner hin oder her – der BUND-Umweltpreis zuerkannt worden.

Es hatte in jenem Genehmigungsverfahren auch nichts mehr geholfen, dass kurz zuvor dem eigens zum Schutz des Auerhuhns ins Leben gerufenen «Modellprojekt Rohrhardsberg» der Deutsche Umweltpreis verliehen worden war. Erstmals war es doch hier gelungen, Nutzer und Schützer (Forstverwaltung, staatlicher und privater Naturschutz, Kommunen, Tourismus- und Skiverbände) an einen Tisch zu bringen mit dem erklärten Ziel, Skiloipen und Wanderwege aus den fürs Auerhuhn besonders sensiblen Räumen weg zu verlegen und zu bündeln, Biotoppflegemaßnahmen einzuleiten und einen hühnerfreundlichen Waldbau festzuschreiben. Im Jahr 2006 schließlich war auch noch ein «LIFE-Projekt Rohrhardsberg» zustande gekommen, mit 15 Partnern, fünfjähriger Laufzeit und einem Fördervolumen von zwei Millionen Euro. Zur Hälfte von Brüssel gefördert, sollte auch der Auerhuhnschutz profitieren, nicht zuletzt durch Finanzierung eines Pflege- und Entwicklungsplans (PEPL) für die FFH-Gebiete rund um das obere Elztal, insbesondere für das EU-Vogelschutzgebiet Mittlerer Schwarzwald, einem der wenigen im Land, die ausdrücklich auch dem Auerhuhn gelten. Es sage niemand, die Kommunen, der Landkreis und die Bevölkerung der Region hätten kein Herz gezeigt für den «Charaktervogel».

Dennoch droht es seitdem eng und enger zu werden für die Vögel angesichts der so überaus ehrgeizigen grün-roten Zielvorstellungen für den Ausbau der Windenergie. Die Verlockung der lukrativen Pachterlöse für die in Aussicht stehenden WEA-Standorte und der politische Druck auf die Kommunen wie auf den öffentlichen Wald sorgen dafür, dass weitere Einengungen des aktuell noch besiedelten wie des potenziellen Lebensraums der großen scheuen Vögel vorprogrammiert sind: Kaum einer der das obere Elztal einrahmenden Waldberge, der nicht schon längst in den Blickpunkt der Windmüller wie auch des Regionalverbands geraten wäre.

Schon seit über einem Jahrzehnt bemühte sich der rührige Betreiber des Windrads auf dem Passeck um die behördliche Genehmigung des Repowerings seiner Anlage, des Ersatzes des bisher 100 m hohen Windrads durch ein neues und leistungsstärkeres von 200 m Gesamthöhe. Endlich, kurz vor Weihnacht 2025, erging der Bescheid des Landratsamtes Emmendingen, dass die immissionsschutz- und baurechtliche Genehmigung nunmehr erteilt sei – was für Behörden zu einem solchen Zeitpunkt eine nicht ganz unübliche Praxis zu sein scheint, wo doch die Chance für eine fundierte juristische und fachliche Prüfung der (hier 122 Seiten umfassenden) Genehmigung und für einen Eilantrag im Falle des Widerspruchs damit (Weihnachtsferien-bedingt) ziemlich vertan ist. Zudem sieht die neue Rechtslage ja die erneuerbaren Energien als „von überragendem öffentlichem Interesse“ an, gegen welches selbst noch so begründete Einsprüche und Petitionen zugunsten des Artenschutzes kaum mehr erfolgversprechend vorzubringen sind. Allenfalls beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim (VGH) kann noch geklagt werden, wenn auch nicht von Seiten jedes Bürgers und jeder Bürgerinitiative, sondern allenfalls per Verbandsklage, angestrengt etwa von gesetzlich anerkannten Naturschutzverbänden. Geklagt haben nun immerhin die Landschafts- und Naturschutzinitiative Schwarzwald e. V. (LANA) sowie ein weiterer Naturschutzverband, der mit Rücksicht auf seine traditionell eher der regenerativen Energiegewinnung verpflichteten Mitglieder nicht genannt werden möchte. Dies, obwohl sich auch der Landesnaturschutzverband LNV unlängst erst sehr kritisch geäußert hat in der Streitfrage der inzwischen so verbreiteten Inanspruchnahme selbst ökologisch hochwertiger Wälder für die Windstromerzeugung. Zwar enthält die erteilte Genehmigung reichlich Ausgleichsmaßnahmen und Abschaltauflagen zugunsten von Vögeln und Fledermäusen, umso kritischer wird jedoch die noch ungeklärte „Zuwegung“ für den Baustellen- und Wartungsverkehr beurteilt, denn dafür müsste ein Waldweg im Kerngebiet des Auerhuhnhabitats massiv verbreitert werden.

Aber was soll´s: nichts wird gegenwärtig so massiv gefordert wie der Bürokratieabbau bei den Behörden – auch und gerade auf dem so heiklen Feld der natur- und immissionsschutzrechtlichen Vorgaben. Als ob „das überwiegende öffentliche Interesse“ nicht auch für den Artenschutz gelten sollte. Oder ist es womöglich doch bereits fünf nach Zwölf für den Schwarzwälder Charaktervogel, wie in jener Landtagsdebatte anno 2022 eine CDU-Abgeordnete glaubte feststellen zu müssen? Nein, in den Köpfen und Roben der Mannheimer Verwaltungsrichter möchte man wahrlich nicht stecken in diesem Streitfall.

Auerhahn

Storchen-Eldorado Baar

Spätestens seit 2020 haben es mir die Baar-Störche angetan: Die Zunahme ihrer Population ist eines der wenigen mich hoffnungsfroh stimmenden Zeichen und Wunder auf dieser von Krisen so gebeutelten Welt. Damals, vor sechs Jahren, war es die Coronaseuche, die es ratsam erscheinen ließ, zu Fuß oder per Rad ins Freie zu flüchten, um sich nicht anzustecken und um sich fit zu halten. Und eines Vorfrühlingstages entdeckte ich von meinem Radweg aus das Storchenpaar hoch oben am äußersten Ende des Querarms eines der Masten der Überlandleitung, die längs der Stillen Musel und der lärmigen   Schnellstraße verläuft – was für ein kühnes Experiment des eben aus seinem Winterquartier zurückgekehrten Storchenpaars! Klar, dass ich das fotografisch festhalten musste, zumal sich auf dem Foto dann ja auch noch ein zweiter Horst herausstellte.

Seither benutze ich diesen Radweg besonders gern bei meinen Ausritten in den Baarfrühling, denn die Horste haben sich mittlerweile vervielfacht, auch weitere Masten wurden besiedelt; die Bruten in schwindelnder Höhe und inmitten von Stromkabeln scheinen da oben erstaunlich erfolgreich zu verlaufen, egal wie der Witterungsverlauf im Frühjahr jeweils ausgefallen ist, ob es zu kalt war, zu warm, zu regnerisch oder zu trocken war. Nirgends war von einem Stromschlag zu lesen, ausgelöst durch fütternde an- oder abfliegenden Storcheneltern oder durch einen noch gar zu ungeschickten Jungstorch. Umso mehr beunruhigte mich unlängst die Zeitungsnotiz, wonach die Strombetreibergesellschaft beabsichtige, aus Gründen der Versorgungssicherheit die Horste zu beseitigen.

Störche auf Strommasten
2020
Störche auf Strommasten
2021
Störche auf Strommasten
2022

Doch auch dieses Frühjahr sind sie anscheinend alle noch da, die Horste wie die Storchenpaare, und dies trotz des Winterrückfalles Ende März. Die Bruten scheinen sogar erfolgreicher denn je ausgefallen zu sein. Strom-Blackouts, von denen im Januar halb Berlin, kurzzeitig auch mal ein Teil der Donaustadt betroffen war, hatten nachweislich andere Ursachen. Bleibt zu fragen, was die Überlandleitungsmasten, noch dazu am Stadtrand und über Schnellstraßen, für Störche so unwiderstehlich anziehend macht. Und weshalb ihnen das rustikale Milieu der Baardörfer nicht besser behagt. Oder sollten dort die für Horste geeigneten Kirchtürme und Dächer alle bereits ausgebucht sein? Doch das müssen Ornithologen beantworten. Bleibt zu hoffen, dass sie gute Argumente für den Verbleib auf den Masten ins Feld führen, die den Stromversorger auch weiterhin zu überzeugen vermögen. Wo das Beseitigen der Horste doch nach Bundesnaturschutzgesetz verboten ist.  

Störche auf Strommasten
2023
Störche auf Strommasten
2026

Fischtag

An Karfreitag gibt´s Fisch nach dem Kirchgang – das ist so obligatorisch wie der Narzissen-Strauß zu Ostern. Manch einen zieht es da aber auch unwiderstehlich hinaus in den Frühling: Mich etwa wieder mal an die Gauchach, nicht in die Schlucht, die an Feiertagen überlaufen sein könnte, sondern auf bequemerem Weg unter dem stählernen Viadukt der Höllentalbahn hindurch zur Eulenmühle (Ihlemühli) und von dort einen kurzen Abstecher hinauf zur Kapelle mit den beiden stattlichen Linden vorm Eingang. Das fotogene Ensemble habe ich liebgewonnen und schon zu den unterschiedlichsten Jahreszeiten besucht und fotografiert, für mich ein würdiger Kirchgangersatz, zumal am Karfreitagmorgen. Diesmal trete ich sogar durch das niedere Türchen ein, nicht aus Frömmelei, eher aus historischem Interesse. „Eulenmüllers Käppele“, das auch unterm Namen Dreifaltigkeitskapelle geführt wird, soll schon im Jahr 1527 erbaut worden sein.

Die Kapelle im April
Eulenmüllers Käppele
Kapelle an der Eulenmühle im Winter

Der Anlass: ein Kind der Eulenmüllers soll zwei Tage lang vermisst, dann aber doch glücklich wieder aufgefunden worden sein; nein, es hatte gottlob nicht, wie befürchtet, tot aus der Gauchach geborgen werden müssen. Die beiden Linden waren erst anno 1899 vor die Eingangstür gepflanzt worden. Man weiß das deshalb so genau, weil zur Einweihung der Höllentalbahn in Unadingen die neue Straße zum Bahnhof (die heutige Lindenstraße) mit Linden bepflanzt worden war, und dabei waren diese beiden übrig geblieben. Heute präsentieren sie sich noch in winterkahlem Zustand, denn der Frühling ist reichlich spät dran, und in den schattigen Partien der Talaue finden sich sogar noch letzte Schneereste. Nur am sonnigen Steilhang blühen erste schüchterne Buschwindröschen gemischt mit dem Zartlila des Lerchensporns.

Eulenmühle

Zurück alsdann wieder zur Eulenmühle hinab, deren Fensterläden rundum geschlossen sind; sie scheint schon länger nicht mehr bewohnt zu sein, vom Mühlenbetrieb ganz zu schweigen, doch vor dem Eingangstor sind zwei Pkws mit auswärtigen Kennzeichen geparkt. Ich beschließe, noch ein Stück bachaufwärts zu wandern. Die Gauchach führt trotz der jüngsten Schneeschmelze kein Hochwasser mehr, dafür haben sich freilich weiße Schaumkissen an den in den Bach gestürzten Stämmen und Wipfeln verfangen. Was mich rätseln lässt, wie der Schaum wohl entstanden sein mag, ob auf natürliche Weise oder durch Fremdchemikalien; wo doch am Oberlauf kaum potenzielle Verursacher anzutreffen sein dürften.

Kurz vor der Dögginger Trinkwasser-Pumpstation, wo einst auch der Mühlenkanal abzweigte, überquert eine Brücke, beidseits mit eisernen Geländern versehen, den Bach. Und hier stutze ich: Denn auf dem Weg liegt zu meiner Verblüffung eine komplette Anglerausrüstung: die Rute noch im halbgeöffneten Futteral, daneben eine große mit mehreren Reißverschlüssen zu öffnende Tragetasche voller Zubehör fürs Fliegenfischen, Messer und Schere inklusive. Doch der Angler ist weit und breit nicht zu entdecken – auch nicht im Bach unter der Brücke! Hat da etwa einer, mag sein wegen des Schaums und weil nichts anbeißen wollte, sein Zeug frustriert weggeworfen? Oder verrichtet er vielleicht gerade seine Notdurft – irgendwo mit Blickkontakt versteckt hinter einem Busch oder Baum? Handelt es sich gar um einen medizinischen Notfall? Oder hat einer Hals über Kopf den Heimweg angetreten, um zuhause eben noch rechtzeitig vor dem Mittagessen die versprochenen Bachforellen abzuliefern – und in der Hetze seine gesamte Ausrüstung hier liegen lassen?

Ich beschließe umzukehren, nachdem ich die Tasche vorsorglich vom Weg aufgehoben und ans Brückengeländer gehängt habe, rätselnd, ob ich die Entdeckung nicht doch dem zuständigen Polizeiposten melden sollte. Aber am heiligen Karfreitag die Polizei strapazieren? Spätestens am Osterdienstagmorgen wird man dann ja im Lokalteil nachlesen können, ob es an der Gauchach womöglich einen Vermissten-, gar einen Kriminalfall gegeben hat.

Bild vom Hang in der GAuchachschlucht
Was geschah bloß an der Gauchach?

Draisine, Dögginger Loch, Ihlemühli
S Brucke und Tunnel Land 

Buckelwolfliebe

Was sind wir Deutschen doch für ein tierliebendes Volk! „Timmi“, dem verirrten und am Timmendorfer Strand auf einer Sandbank gestrandeten Buckelwal, gilt derzeit unser aller Mitgefühl. Gebannt verfolgen wir in den Medien schon über eine Woche hinweg die Rettungsbemühungen. Sogar ein Schwimmbagger kam zum Einsatz, der dem Gestrandeten eine Rinne zum Davonschwimmen   gegraben hat. Trotzdem ist noch immer kein Happyend zu vermelden, zumal sich der Fluchtweg durch Skagerrak und Kattegat zurück in den rettenden Atlantik selbst für wanderfreudige Wale als weit und verschlungen darstellt. Einstweilen leiden wir förmlich mit, wenn dem Tonnen schweren und 15 Meter langen, offenbar schon stark geschwächten Meeressäuger die Möwen auf dem Rücken herumpicken. Jetzt soll er gar vor der Insel Poel erneut gestrandet sein. Sollen die Rettungsversuche nun etwa doch eingestellt werden?

Der arme verirrte Wal war eben als Toppmeldung in den Medien aufgetaucht, als ein anderes Tierdrama, das die breite Öffentlichkeit über Wochen alarmiert hatte, unerwartet glimpflich endete und wieder aus den Schlagzeilen verschwand: „Grindi“, der wegen seiner Vertrautheit insbesondere gegenüber Hunde mitführenden Waldbesuchern „auffällig“ gewordene und deshalb zum Abschuss freigegebene „Hornisgrinde-Wolf“ hat die verwaltungsgerichtlich bestätigte Entnahmefrist (bis zum 6. März) offenbar überlebt! Weshalb das für die Tötung eingesetzte Spezialisten-Team erfolglos geblieben ist, lässt sich derzeit noch nicht in Erfahrung bringen: War sein Versagen letztlich dem Druck der öffentlichen Meinung geschuldet, nachdem nicht nur in den Leserbriefspalten die Stimmung gekippt und vermehrt für den partnerlosen Rüden ausgefallen war. Mehrere Petitionen für seine Verschonung waren beim Umweltministerium eingegangen, und sogar eine Mahnwache von „Wolfsrettern“ hatte stattgefunden, zu welcher der Verband Naturschutz-Initiative e. V. aufgerufen hatte.

Doch jetzt auch das noch: Ausgerechnet am 1. April (kein Scherz!) berichten die Medien in großer Aufmachung, dass in Hamburg (!) eine Frau von einem Wolf gebissen und verletzt worden ist – ein für Wölfe seit ihrem Wiederauftauchen in Deutschland um die Jahrtausendwende erstmaliges, ganz und gar ungewöhnliches Vorkommnis, das sich da am 30. März abends in einem Einkaufszentrum zugetragen hatte. Das offenbar völlig verängstigte Tier sei gegen die automatisch schließenden gläsernen Türen gerannt, weshalb die Frau – wohl aus Tierliebe – versucht habe, ihm wieder hinaus zu helfen und dabei ins Gesicht gebissen worden sei. Sie musste von Sanitätern versorgt und ins Krankenhaus gebracht werden, das sie aber bereits wieder habe verlassen können. 

Der Wolf sei auf der Flucht in die Binnenalster gesprungen, heißt es, wo er dann von Polizisten mit einer Schlinge habe eingefangen werden können. Inzwischen sei er in einem Tiergehege im Hamburger Umland gelandet, wo nun, nach gründlicher tiermedizinischer Untersuchung, über seine Zukunft beraten wird: Soll er, mit einem Sender versehen, wieder freigelassen werden oder aufgrund seines absonderlichen Verhaltens nicht doch besser getötet werden? Dass Jungtiere nach dem Verlassen des Rudels weite Wanderungen zurücklegen und dabei gerne Flüssen folgen ist nach Aussagen der Wolfexperten nicht ungewöhnlich. Dass dieser Jungwolf freilich, der Elbe folgend, ins Stadtgebiet geraten ist und seine Scheu dabei offenbar ziemlich verloren hat, grenzt dennoch ans Märchenhafte („Großmutter, warum hast Du so große Ohren?“). Aber musste nicht neulich erst, am Rosenmontag, in Leverkusen der Fasnachtsumzug wegen eines Wolfs gestoppt werden, und ist nicht ein weiterer am 6. März (am Wahlsonntag der Baden-Württemberger) bei Walldorf auf der A 5 zu Tode gekommen ist?

Zeitungsausschnitt mit Wolf beißt Frau ins Gesicht
Kein Aprilscherz am 1. 4. 2026

Egal ob Wal oder Wolf: da haben doch im Frühjahr 2026 plötzlich wieder einmal Wildtiere ein Maximum an öffentlicher Aufmerksamkeit abbekommen, und die verstädterte Gesellschaft durfte reichlich Empathie beweisen. Oder war es doch eher Sensationslüsternheit? Kurzzeitig wurde man jedenfalls abgelenkt von all den brennenden Gegenwartsproblemen, von Kriegen in Nahost und in der Ukraine, von Energiekrise und Inflation – heutzutage doch fast gar ein Geschenk!