Was trägt man doch für einen seltsamen Namen – einen jedenfalls, der auf den Briefkuverts immer wieder zu Verbalhornungen führt! Auf den Ämtern wird erst mal auf einen Hör- oder Schreibfehler getippt, wo doch der Name Hackenjos (mit a anstatt o) so viel geläufiger ist, im Badischen zumindest. Wohingegen Hockenjos eher ausländisch klingt, gar nach ungarischem oder skandinavischem Migrationshintergrund. Dabei verdankt der Name seine Entstehung, sofern denn der einst obligaten väterlichen Ahnenforschung zu trauen ist, schlicht einem Flüchtigkeitsfehler im Rathaus der Stadt Lahr. In Maali, Wiibli un Lohrer unterteilen sie dort bekanntlich die Menschheit. Ein Zuwanderer aus dem württembergischen Tennenbronn, der das durch Kriege verwüstete und entvölkerte Rheintal als neue Chance sah und der noch anno 1704 mit Matthias Hackhen Joß unterschrieb, findet sich bereits in einem Lahrer Ratsprotokoll vom 7. 7. 1678 in der Schreibweise Hockenjos wieder, als er sich um das dortige Bürgerrecht beworben hatte. Auch im Lahrer Kirchenbuch ist er von Anfang an mit dem neuen Namen verzeichnet. „Die Ursache für den Umlautwechsel kennen wir nicht“, notierte der Vater*; „sie liegt wohl in der Lahrer Mundart, wo man ja auch Lohr sagte und schrieb.“ Jedenfalls blieb der Name Hockenjos exklusiv dem damals aus dem Schwarzwald nach Lahr Zugewanderten und dessen Nachkommen vorbehalten, während sich bei den in der alten Heimat verbliebenen, wie auch bei den erst später ausgewanderten Hackenjosen die alte Namensform durchweg erhalten hat: Rund um die Bergstadt St. Georgen bis auf die Baar hinaus und in den Breisgau hinunter ist deren Name noch immer weit verbreitet.
Umso mehr darf gerätselt werden, was den einst überaus populären und äußerst produktiven Erzähler Jakob Wassermann (1873 – 1934) dazu veranlasst haben könnte, ausgerechnet den Namen Hockenjos im Titel und für den Protagonisten eines seiner Frühwerke zu verwenden: für sein Bühnenstück Hockenjos oder Die Lügenkomödie.
Während er die Namen der übrigen handelnden Personen seiner im fränkisch-württembergischen Städtchen Schopfloch angesiedelten Komödie offensichtlich frei erfunden hat (Karinkel für den Bürgermeister, Mettenschleicher für den Bildhauer und Agenten, Bienemann für den Redakteur des „Tagblatt“, Hannemann für den Wirt, Schnabelwald für den Bankier und Stadtverordneten, Federlein für den Bader) muss der Antiheld des Stücks, der schwäbelnde Lehrer und Trunkenbold Jakob Hockenjos, ausgerechnet einen real existierenden, wenn auch eher ungewöhnlichen mittelbadischen Familiennamen tragen. Es ist nicht bekannt, ob der im fränkischen Fürth geborene Wassermann jemals einen Abstecher ins Großherzogtum Baden unternommen hat. Doch wann und wo sonst mag er bloß auf meinen Familiennamen gestoßen sein – und was hat diesen für die Rolle eines verhinderten und verluderten Teilnehmers einer Südpolexpedition prädestiniert?
Der Inhalt der „Lügenkomödie“ ist rasch erzählt: Der Schopflocher Bürgermeister und ein Bildhauer beschließen, zur Aufwertung des Städtchens dem Nachbarort Dinkelsbühl nachzueifern und ein Denkmal für den vermeintlich auf der Expedition in die Antarktis verschollenen Lehrer Jakob Hockenjos zu errichten. Während seine Witwe und die Tochter Helene trauern und die Vorbereitungen auf vollen Touren laufen, trifft, kurz vor der Grundsteinlegung, zu welcher sich sogar der Regierungspräsident per Extrazug angekündigt hat, der reichlich verwilderte Jakob Hockenjos überraschend wieder zuhause ein. In Wahrheit hatte er es, wie er zugeben muss, nie auf den Expeditionsdampfer, sondern nur bis Hamburg geschafft, wo er sein Geld versoffen hat. Weil es aber kein Zurück mehr geben kann und das Denkmal dennoch errichtet werden soll, beschließen die Kommunalpolitiker, den Heimkehrer mit Geld und Alkohol dazu zu bewegen, sein Aussehen verändern zu lassen und unerkannt wieder zu verschwinden. Im Stuhl des Baders Federlein, der ihm den Bart rasieren und ihn unkenntlich machen soll, kann Jakob Hockenjos bei geöffnetem Fenster nach einem Musiktusch eben noch der Festansprache von Bürgermeister Karinkel lauschen:
Federlein: Sie müsse´ den Kopf e´ bissele nach links halte´. Karinkels Stimme. Hier steht seine trauernde Witwe, die mit Schmerz der Tage gedenkt, wo sie ihn noch besessen. Wo mag sein hoher Geist jetzt weilen? Sein Leib, wir wissen es, ruht im Eismeer – Federlein (gerührt). Schön spricht er, wunderschön. Karinkel. – umkreist von Möven und Robben – Federlein. Halte´ Se´n Kopf e´ bissele nach rechts. Helene (stürzt zur Thüre herein, wirft sich Hockenjos an die Brust). Ich geh´ mit Dir, Vater! Hockenjos. Dees haw´ i ´ezt nit gewusst, dass i e´ so bedeutender Mensch bin. Komm´, mei´ Mädle. Viele Stimmen. Hoch! Hoch! (Musik.)
Der Vorhang fällt.
Das nach Bauerntheater klingende Frühwerk, das (wie WIKIPEDIA weiß) im Oktober 1900 auf der Berliner jungen Sezessionsbühne uraufgeführt wurde, ist eine Satire auf die Kleinstadtverhältnisse wie auf die kommunalen Entscheidungsabläufe. Man ahnt, dass die Kritiken recht unterschiedlich ausgefallen sein müssen: Neben Lob vom namhaftesten Berliner Theaterkritiker der Jahrhundertwende, von Alfred Kerr, soll sich Rainer Maria Rilke von der Inszenierung eher enttäuscht gezeigt haben, wie es heißt, wegen des bescheidenen literarischen Gehalts des Stücks.
Wie seltsam aber doch, dass Hockenjos oder die Lügenkomödie sich nie bis in unsere Familie herumgesprochen hatte. Was hätten wir uns als Jugendliche ob des schrägen Namensvetters amüsiert und wie hätten wir uns mit ihm gegenseitig veralbert, hätten das Stück womöglich sogar zuhause nachgespielt! Jakob Wassermann, der Jude, fehlte indes im väterlichen Bücherschrank, selbst seine bekanntesten Romane Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens und Der Fall Maurizius; genauso wie der Jude Berthold Auerbach (1812 – 1882) mit seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten oder mit Barfüßele. Beide hatten sie auch um ihre gesellschaftliche Anerkennung geschrieben. Waren sie einfach nicht nach Vaters Literaturgeschmack – zu bürgerlich, zu spießig, nicht mehr zeitgemäß genug? Oder wirkte da in der Generation der Kriegsteilnehmer noch etwas ganz anderes nach – jene spezielle Art deutscher Beklommenheit? Jakob Wassermann starb 1934 in seiner Villa in Altaussee in Österreich. Die Verfolgung durch die Nazis ist ihm eben noch erspart geblieben.
Dass es der Name Hockenjos (mit o statt mit a) in die Literaturgeschichte geschafft hat – und sei es als noch so unbedeutende Fußnote – ist freilich nicht nur Jakob Wassermann und seiner frühen Komödie zu verdanken: Im Jahr 1865 hatte sich der Dichter Friedrich Geßler (nach dem in Lahr noch eine Straße benannt ist) auf die Suche nach dem vergessenen Grab der Sesenheimer Goethe-Geliebten Friederike Brion (1752 – 1813) gemacht. Den Weg dahin wies ihm schließlich der Meissenheimer Totengräber Andreas Hockenjos, sodass im Jahr darauf an der Meissenheimer Kirchenmauer ein neues Brion-Grab eingeweiht werden konnte, das 1966 noch um ein Marmorbildnis erweitert werden sollte – in einem Festakt, fast so effektvoll wie in Wassermanns Lügenkomödie.
*Hockenjos, Fritz: Die Hockenjosen. Unveröffentlicht, 1989.
Ein Kurzbesuch der Internationalen Naturschutzakademie auf der Insel Vilm
Einen privilegierteren und idyllischeren Standort für eine Naturschutzakademie als die „Malerinsel Vilm“ in Sichtweite der Insel Rügen kann man sich kaum ausdenken. Ihr spektakulärer Baumbestand hat einst schon Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und viele weitere Künstler angelockt. Auch der kunstsinnige Schlossherr und Erbauer des benachbarten Städtchens, Fürst Malte zu Putbus, pflegte sich bisweilen dorthin zurückzuziehen, hatte er doch ein ausgeprägtes Faible für dicke Eichen, wie sie noch heute auch in seinem Schlosspark und als Alleebäume zu bewundern sind. 1959 hatte die DDR-Nomenklatura die Insel für sich entdeckt und dort für den exklusiven Eigenbedarf elf reetgedeckte Gästehäuslein errichtet; seitdem ruht hier der öffentliche Publikumsverkehr. Denn seit der Wende nutzt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) die Baulichkeiten als Akademie – auch sie sorgfältig abgeschirmt vom Rügener Touristikbetrieb: Nicht mehr als 60 Besucher pro Tag dürfen die Insel betreten und unter Führung jeweils eine 1,5stündige Runde durch den urigen Buchen- und Eichenbestand absolvieren. Für den Fährbetrieb des BfN-Personals und der Tagungsteilnehmer stehen zwei schmucke bundeseigene Motorboote zur Verfügung.
Am 6. – 7. September 2021 war die Tagung Biodiversität und Klima – Vernetzung der Akteure in Deutschland XVIII angesagt, die Teilnehmer und insgesamt 21 Referenten waren teils online zugeschaltet, teils analog (mit Mund-Nasenschutz) präsent. Durchgängiges Thema war – wieder einmal – der Klimawandel, vorgetragen und diskutiert wurden Referate von der „Dachbegrünung im Spannungsfeld zwischen Biodiversität und CO2-Speicherung“ bis hin zu „Carbon-Farming – ein bedeutender Baustein nachhaltiger Landwirtschaft?“. Dass auch ich selbst auf die Idee verfallen war, als Akteur der Akademie ein Referat zum Thema Windkraftplanung im Rotmilandichtezentrum anzudienen, hatte mehrere Gründe: So war ich bereits anno 2010 einmal als Referent auf der Insel (mein Thema: „Zur Zukunft des Bergmischwaldes“ – auch damals schon unterm Vorzeichen des Klimawandels) und hatte als Baumliebhaber Gefallen an ihr gefunden, Auch war mir mitsamt meiner Frau nach Tapetenwechsel und nach einer Woche Ostsee-Urlaub zumute nach all den Pandemie-bedingten Entbehrungen. Zumal sich auf dieser Tour vom tiefsten Süden in den hohen Norden der Republik doch auch die Nordlichter unserer Verwandtschaft wieder mal besuchen ließen. Und natürlich ging es mir auch um meine Botschaft: um das Dilemma der Unvereinbarkeit von Klima-, Arten- und Landschaftsschutz am Fallbeispiel der Windkraftplanung vor der eigenen Haustür, einem Windpark mit elf 250 m hohen Windenergieanlagen auf der Länge, der badischen Alb. Den hatte zwar eine Verbandsklage der Naturschutzinitiative per Urteil von Freiburger und Mannheimer Verwaltungsrichtern vorerst ausgebremst, doch die Betreiber wollen nicht lockerlassen und haben erneut die immissionsschutzrechtliche Genehmigung beantragt. Nicht nur der Rotmilan, der „Charaktervogel der Baar“, würde das Nachsehen haben.
So wurde also ein eintägiger Kurzbesuch der Tagung eingeplant, eine längere Teilnahme schien mir schon deshalb nicht ratsam zu sein, weil ich gewärtigen musste, mit meinem Vortrag auf heftigen Gegenwind zu stoßen, gar einen Shitstorm zu entfachen. Denn der in der Kollisionsdatenbank der brandenburgischen Vogelschutzwarte mit am häufigsten als Schlagopfer von Rotoren vertretene Rotmilan ist – zum Leidwesen der Energiepolitiker – drauf und dran, die Energiewende zu durchkreuzen oder doch zu verzögern.
Schon auf der Hinfahrt quer durch die Republik auf übervollen Autobahnen hatte sich uns die Frage aufgedrängt, woher bloß all der Strom herkommen soll nach dem Ausstieg aus Kohle, Kernkraft, Erdöl und Gas, wenn die Umstellung auf E-Motorisierung gelingen soll. All die Windräder beidseits der Autobahnen, die meisten stillstehend oder nur in schwacher Bewegung aufgrund des spätsommerlichen Hochdruckwetters, wollten uns ja hinnehmbar erscheinen, als notwendiges Übel, selbst wenn sie das Landschaftsbild noch so sehr entstellen. Doch was ist bei winterlicher Dunkelflaute und ohne adäquate Speichermöglichkeiten? Durch was für Landschaften werden unsere Kinder und Enkel erst fahren müssen, wenn das Heil in noch weit größerem Ausmaß von volatilem Flatterstrom erhofft wird? Geschwant hatte es doch schon dem Verhaltensforscher und Medizin-Nobelpreisträger Konrad Lorenz, dass wir bald überall werden hinfahren können, es sich aber nicht mehr lohnt, dort anzukommen: Weil mittlerweile auch die letzten naturnahen Kulturlandschaften mit gigantischen Türmen und Rotoren gespickt sein werden.
War denn, nach drei Dürrejahren und einer verheerenden Flutkatastrophe, der Entschluss überhaupt noch zu akzeptieren, eines Vortrags wegen mit dem Benziner knapp eintausend Kilometer hoch und wieder runter zu düsen – selbst unterm Vorzeichen des Bahnstreiks?
Einen Shitstorm hat mein Referat nicht ausgelöst, nein, es gab sogar verhaltenen Beifall. Und in der Mittagspause bot sich ja auch noch ein Rundgang an zu den Baumoriginalen der Insel.
Derweil tummelten sich vis-a-vis im Lauterbacher Hafengelände und auf den Alleen die umweltbewussten Radler in ihren bunten Trikots, auch sie schon vorwiegend E-motorisiert. Der Radverkehr schien schon in der Lutherstadt Wittenberg dank Elberadweg der große Renner der Saison zu sein, auf Rügen hatten selbst die Fahrgastschiffe massenhaft Leihrädern an Bord und auf den Straßen häuften sich die Pkws mit aufgesattelten E-Bikes auf den Heckträgern. Auch die Naturschutzgebiete erfreuten sich eines regen Besuchs per Rad wie zu Fuß, nur mit dem Badebetrieb wollte es nicht mehr klappen.
Die Heimreise übers erhofft Lkw-arme Wochenende sollte uns nochmals drastisch vor Augen führen, wie stark, selbst ohne Berufspendler, das Verkehrsaufkommen inzwischen zugenommen hat; allein schon der Freizeitverkehr auf Straßen und Autobahnen hat beängstigende Formen angenommen. Weshalb wir bereits weit oben in der Mecklenburgischen Schweiz fluchtartig die A 19 verließen, um uns auf Landstraßen durchs Havelland nach Süden durchzuschlagen. Man mag die Schriftstellerin Juli Zeh mögen oder nicht, doch Unterleuten schien uns buchstäblich zu verfolgen – von Windpark zu Windpark. Wie sehr werden wohl die Dörfer mit ihren dem Zerfall nahen LPG-Relikten und inmitten gewaltiger Ackerflächen von der Energiegewinnung profitieren und wie oft wird es sie in den Konflikten um die neue Nutzungsform zerrissen haben – ganz wie im Roman (inklusive seiner Verfilmung) geschildert?
Zu meines brandenburgischen Großvaters besten Zeiten bevölkerten noch Großtrappen die weiten Ebenen um den Fiener Bruch, wie der Opa uns Enkeln zu erzählen pflegte. Vor Jahren hatten wir seine im Dörfchen Zitz bei Wusterwitz verbliebene Verwandtschaft noch einmal besucht, nachdem ich mich zusammen mit meinem Bruder anno 1957 sogar einmal auf dem Fahrrad bis hier heraufgewagt hatte. Diesmal ersparten wir uns den Besuch, genervt vom Verkehrsaufkommen wie von all den Rotoren. Und als wir wieder die Autobahn nahmen, ging es zumeist Stop-and-Go vor lauter Einfädelungsvorgängen, wo immer die Fahrbahn erneuert wurde oder der Ausbau auf sechs Spuren läuft. Als rechneten sie im Verkehrsministerium noch mit einem weiteren Anschwellen des Autoverkehrs. Zuletzt standen wir unweit von Rothenburg ob der Tauber im Stau, kurz vor Erreichen der Grenze Baden-Württembergs – jenes Bundeslandes also, in welchem die regierenden Grünen und Schwarzen soeben per Koalitionsvertrag die Errichtung von 1.000 Windenergieanlagen im Staatswald festgeschrieben haben. Der Verkehrsfunk verkündete unterdessen die Vollsperrung der A 7 bis 18.00 Uhr wegen eines schweren Unfalls. Ob es da wohl wieder welche gar zu eilig hatten? Ein Tempolimit auf Autobahnen, so hatte Verkehrsminister Scheuer unlängst wissen lassen, sei „gegen jeden Menschenverstand“ gerichtet. Endlich dann doch zuhause gelandet, lese ich beim Abarbeiten des Zeitungsstapels in der Süddeutschen, dass bei Tempo 130 von heut auf morgen 2,2 Millionen, bei Tempo 120 gar 2,9 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden könnten – von den Stickstoffemissionen und der Verkehrssicherheit ganz zu schweigen. Wird sich was ändern nach der Bundestagswahl?
„Für besonders gefährdete Arten übernehmen wir Verantwortung und stärken Artenschutzprojekte. So setzen wir uns für die Bestandesstützung des Luchses in Baden-Württemberg ein.“ (Wahlprogramm von Bündnis 90/Die Grünen zur Landtagswahl 2021)
Sie haben sich in Baden-Württemberg wieder zusammengerauft, die Schwarzen und die Grünen. Die ersteren nach desaströser Wahlschlappe, die letzteren dank eines überaus populären Ministerpräsidenten mit einem Rekordergebnis im Rücken. Weshalb es für die CDU in der neuen Legislaturperiode wieder nur zur Juniorpartner-Rolle reicht – und das im vormals tiefschwarzen Ländle. Für den neuen Koalitionsvertrag heißt das logischerweise: viel Kiwi-Grün und wenig Schwarz; so deutet es auch schon das Cover an mit seiner grünen Mischwaldidylle. Und wer fleißig genug im 161 Seiten starken „Erneuerungsvertrag für Baden-Württemberg“ blättert, stößt schließlich im Kapitel 9 Ländlicher Raum und Landwirtschaft auf S. 117 auf eine bemerkenswerte Artenschutz-Absichtserklärung. Denn er taucht hier tatsächlich wieder auf, der Luchs, nachdem er sich zuvor bereits ins Wahlprogramm der Grünen (s. o.) eingeschlichen hatte: „Wir werden mit allen betroffenen Akteuren die Chancen für die Rückkehr des Luchses durch ein Programm zur Bestandesstützung verbessern.“
Zwar steht angesichts der Corona-bedingt angespannten Haushaltssituation noch alles unter „Haushaltvorbehalt“, und doch gibt es bei den Akteuren der seit 35 Jahren existierenden Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. erstmals Anlass, erleichtert aufzuatmen. Wäre ja doch gelacht, wenn sich für ein solches „Programm zur Bestandesstützung“ nicht auch Sponsorenmittel akquirieren ließen, sodass der Staatssäckel damit nicht zusätzlich belastet werden müsste. Hauptsache, die politische Willenserklärung steht schwarz auf weiß im Vertrag! Für die seit Jahrzehnten im Land umhergeisternden Luchs-Junggesellen, Nachkömmlinge der in den 1970er Jahren in der Schweiz und in den Vogesen ausgewilderten Karpatenluchse, scheint sich nun endlich eine reelle Chance auf Reproduktion zu eröffnen bei ihrer Partnerinnen-Suche. Nicht wenige waren hierbei schon unter die Räder geraten – der erste in der Silvesternacht 1988 auf der A 5 bei Bad Krozingen, der vorerst letzte am 2. Oktober 2020 auf der B 492 unweit Blaubeuren. Und einer wurde am 31. Mai 2021 bei Menzenschwand als Kadaver mit Streifschuss und Bleispuren aufgefunden. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft war er gewildert worden, nicht anders als der im Sommer 2017 im Schluchsee aufgefundene Wolf, in welchem ein Projektil steckte. Dennoch waren auch hier die Ermittlungen ergebnislos eingestellt worden. Dass in derselben Gegend (am Feldberg) am 10. August 2019 ein Jagdscheininhaber im Suff einen balztollen Auerhahn erschlagen hat, könnte leicht zu dem Schluss führen, dass sich im Südschwarzwald für Wildtiere ein neues Bermuda-Dreieck aufgetan hat, vergleichbar allenfalls mit dem Lamer Winkel im hintersten Bayerischen Wald mit seiner unsäglichen Wildereitradition
Weil weibliche Luchse weniger wanderfreudig sind und die Siedlungs- und Verkehrsbarrieren am Hochrhein bislang nicht zu überwinden im Stande waren, soll nun also endlich mit bestandesstützenden Maßnahmen nachgeholfen werden. Da trifft es sich gut, dass der neue (und alte) Forstminister Peter Hauk (CDU) am 16. Juli 2020 in einer Pressemitteilung eine Überraschung verkünden konnte: „Ich freue mich über den Nachweis eines weiblichen Luchses in Baden-Württemberg. Spannend bleibt, ob die Luchsin bei uns auf Stippvisite ist oder sich langfristig bei uns im Land niederlässt“. Aufgrund einer Kotanalyse war das Geschlecht der Luchsin noch unbekannter Herkunft im Landkreis Konstanz eindeutig festgestellt worden. Schon im Jahr zuvor war per Fotofallenbild ein Luchs auf der Rehwild-reichen Halbinsel Höri am Schienerberg nachgewiesen worden. Handelte es sich um einen Luchskuder oder eine -katze? Und würden sich die versprochenen Auswilderungen von weiblichen Luchsen jetzt sogar erübrigen?
Die Presse des Landes reagierte prompt auf die ministerliche Botschaft: Die Stuttgarter Nachrichten vom 23. Juli 2021 brachten ihren Bericht unter der Balkenüberschrift „Land will mehrere Luchse auswildern“ heraus. Vor zwei Jahren sei das Artenschutzprojekt noch gescheitert, jetzt nehme der Forstminister einen neuen Anlauf. Ungeachtet des neuen Nachweises am Bodensee sollen weibliche Luchse in den Wäldern Baden-Württembergs angesiedelt werden, erfährt der Leser, und das nach einem von der Forstlichen Versuchsanstalt (FVA) erstellten Management-Plan. Der Schwarzwälder Bote stellte am selben Tag seinen Bericht unter die für den Minister eher unerquicklichen Überschrift: „Hauk probiert sich als Luchs-Kuppler“. Bleibt zu hoffen, dass die „Kuppelei“ nicht zum Schuss in den Ofen wird, nachdem das Ministerium ja auch für die Landwirtschaft zuständig ist – wo die Viehhalter im Land doch ohnehin schon durch den Wolf in Aufregung versetzt worden sind.
Was hatten die Luchsfreunde nicht schon alles an Klimmzügen unternommen in den zurückliegenden Jahrzehnten, um auch im waldreichen Baden-Württemberg eine Teilpopulation zu ermöglichen. Anno 1986, gleich nach dem Super-GAU im ukrainischen Tschernobyl, als auch hierzulande das Wildbret verstrahlt war und ungeeignet für den menschlichen Verzehr, war die Idee aufgekommen, den Luchs als natürlichen Regulator von Reh-, Rot- und Gamswild wieder einzubürgern, ganz so wie es die Schweizer und die Elsässer in den 1970er Jahren vorgemacht hatten. Seit damals setzt sich die Luchs-Initiative Baden-Württemberg unverdrossen für seine Wiedereinbürgerung ein, denn für das Gelingen einer mitteleuropäischen Metapopulation würde das Bundesland zweifellos eine unverzichtbare Trittsteinfunktion zu erfüllen haben. Womit der Luchs freilich zum Spielball der Landespolitik geworden, mit dem sich 1996 sogar der Mannheimer Verwaltungsgerichtshof befassen musste, um die Verweigerung der jagd- und naturschutzrechtlichen Genehmigung einer Wiederansiedlung durch das Land zu rechtfertigen. Für die Juristen blieb der Luchs eine gebietsfremde Tierart und dies mit wahrhaft entwaffnender Begründung:
§ 28 BJagdG will also in erster Linie die vorhandene Tierwelt, soweit sie der Hegepflicht und dem Jagdrecht unterliegt, aber auch die Pflanzenwelt und den Menschen davor schützen, unkontrolliert mit Tieren konfrontiert zu werden, mit deren Erscheinen und Verhalten sie nicht mehr vertraut sind, weil es diese Tiere in dem betreffenden Gebiet nicht mehr gibt und in der jüngeren Vergangenheit auch nicht gegeben hat.
Lynx lynx von Martin Mecnarowski (Wikipedia)
Standardargument der obersten Jagd- und Naturschutzbehörden aber blieb über die Jahrzehnte hinweg die unzureichende Akzeptanz bei Bauern und Jägern. Dabei hatte das Ansiedlungsprojekt von den Parteien, zumal vor Landtagswahlen, durchaus auch immer wieder Zuspruch erhalten, allemal von den Grünen: „Es müsste schon mit dem Teufel zugehen“, so schürte der Abgeordnete Winfried Kretschmann bereits anno 1991 die Zuversicht der Luchsfreunde, „wenn die von Junger Union, der Wildbiologischen Gesellschaft, vom Landesnaturschutzverband, vom Schwarzwaldverein, vom Tierschutzbund, vom Fremdenverkehrsverband Schwarzwald und von den Grünen unterstützte Wiedereinbürgerung des Luchses im Schwarzwald nicht durchgesetzt werden kann.“ Und auch die SPD-Fraktion zog damals nach: Die Regierung solle den Antrag der Luchsinitiative zum Anlass nehmen, das Projekt auf eine neue und breitere Basis zu stellen sowie durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit die Vorurteile gegen die Wiedereinbürgerung von Beutegreifern abbauen. „Der Luchs wildert durch den Parteitag“, so überschrieb die Schwäbische Zeitung am 22. 4. 1991 ihren Kommentar zum Offenburger CDU-Parteitag, und die Stuttgarter Zeitung behauptete gar „Der Luchs beherrscht die Landespolitik“. Demselben Bericht nach habe sich der Forstminister, „wenn auch wenig emphatisch“, von der Nachwuchsorganisation das Zugeständnis abringen lassen: „Wir sind willens, den Luchs wiedereinzubürgern“. Derweil bezogen in Freiburg auch der Regierungspräsident und der Umweltbürgermeister eindeutig Stellung pro Luchs: Weshalb auch sollte im Schwarzwald nicht sein, was im Elsass und in der benachbarten Nordschweiz möglich war? Dass der Luchs zum Bauernsterben beitrage, wie dies in der Hitze des Gefechts von Bauernvertretern behauptet wurde, das schien denn doch allzu starker Tobak zu sein. Kurzum: der Luchs war zum Politikum geworden – was ihm gar nicht gut tun sollte.
Weil sich das Thema Luchs bei all den Beobachtungen und Rissen nicht einfach beerdigen ließ, kam es 2004 zur Einrichtung einer Arbeitsgruppe AG-Luchs, einem „Forum für Akzeptanzförderung und Informationsaustausch“. Auf Rechnung des Landes übernahm die Freiburger Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) das bisher von der Luchs-Initiative betriebene Luchs-Monitoring zur Sammlung und Auswertung der Meldungen. Der Luchs selbst sorgte ab dem Jahr 2005 dafür, dass das Wunsch- und Zielgebiet der Luchs-Initiative, das bisher nur den Schwarzwald umfasst hatte, sich mit einem Mal um die obere Donau und die Schwäbische Alb erweitern sollte: In den felsdurchsetzten Hängen des Beuroner Donautals wurde zwei Jahre lang ein Luchs nachgewiesen, auch auf frischer Tat an Gams- und Rehrissen gefilmt, ehe auch er leider wieder verschwand. Vermutlich ist es jener Luchs gewesen, der in der Neujahrsnacht 2007 auf der A 8 bei Laichingen überfahren worden ist. Er war zwar während seines Besuchs an der Donau und auf der Alb niemals durch Schafrisse auffällig geworden, dennoch wurde nun auch die längst fällige Entschädigungsregelung für Nutztierrisse auf den Weg gebracht werden, ein vorwiegend von den anerkannten Naturschutzverbänden finanzierter, vom Jagdverband verwalteter Fonds. Die obere Donau konnte sich auch weiterhin bis heute als Luchshabitat auszeichnen, sodass an der vielbesuchten Burg Wildenstein inzwischen auch ein Luchs-Pavillon über das politisch so heikle Wildtier informiert.
Verkehrsopfer Luchs
Auch die Wissenschaft hatte sich 2007 nochmals des Luchses angenommen: An der Freiburger Uni, im Institut für Forst- und Umweltpolitik und in Zusammenarbeit mit der FVA, Arbeitskreis Wildökologie, wurde ein interdisziplinäres „Luchsprojekt Baden-Württemberg“ gestartet. Ziel des Projekts war „die langfristige Erhöhung und Sicherung der funktionalen Biodiversität in Baden-Württemberg“, wie es, wissenschaftlich ein wenig verklausuliert, in der Projektbeschreibung heißt. Untersucht wurde ein weiteres Mal die Lebensraumeignung für den Luchs, wobei mit verfeinerten Methoden bestätigt wurde, dass nicht nur der Schwarzwald, sondern auch die Schwäbische Alb und der Odenwald Platz für den Luchs bieten, insgesamt für 120 Tiere. Daneben wurde per Interviews und Befragungen erneut die Akzeptanzfrage untersucht, leider mit dem ernüchternden Befund, dass sich bei Bauern und Jägern noch immer nicht viel bewegt hat, mochte die Resonanz in der breiten Öffentlichkeit noch so positiv ausfallen. Längst wurde in den Naturparks mit dem Luchs geworben, und in den Medien wurde beharrlich die Mär verbreitet, der Luchs sei „auf leisen Pfoten zurückgekehrt“, gerade so, als gäbe es wieder einen Luchsbestand im Land. Ende 2010 wurde auch noch ein „Transfer- und Kommunikationsprojekt“ aufgelegt in der Hoffnung, nach Ablauf von zwei weiteren Jahren Überzeugungsarbeit vielleicht doch noch eine Akzeptanzverbesserung erzielen zu können.
Eigentlich schien es nun gar nicht mehr so schlecht zu laufen für den Luchs. Hatte doch schon 2009 derselbe Landwirtschafts- und Forstminister wie heute, Peter Hauk (CDU), anlässlich der Einweihung eines vom Baden-Badener Gymnasium und vom NABU gestalteten Luchs-Erlebnispfads am Plättig (im heutigen Nationalpark) den Luchs als Ureinwohner Baden-Württembergs, als Symboltier des Artenschutzes und als Schlüsseltier der Artenvielfalt gepriesen und damit Hoffnungen auf einen ultimativen Durchbruch geweckt in der so zähen Diskussion um die pinselohrige Katze. Und vor den Landtagswahlen 2011 hatten sich auch die Parteien (auf Fragen des Landesjagdverbands zum Thema Luchs) wieder keineswegs ablehnend geäußert: CDU und SPD stellten jeweils eine Grundsatzentscheidung in der Frage der Wiedereinbürgerung in Aussicht, während die Grünen uneingeschränkt alle Maßnahmen zu unterstützen versprachen, um den Luchs wieder heimisch werden zu lassen. Nach deren überraschendem Wahlsieg und erstmals mit einem grünen Ministerpräsidenten an der Spitze, so freuten sich die Luchsfreunde, würde jetzt gewiss nichts mehr schieflaufen können mit dem so gründlich vorbereiteten Wiederansiedlungsprojekt.
Umso kurioser und enttäuschender stellte sich die Konstellation in der zurückliegenden Regierungsperiode dar – trotz einer erneuten grünschwarzen Koalition unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann. In einer Reportage der Stuttgarter Zeitung (vom 7. Mai 2020) wurde die Lage unter der Überschrift „Vorerst werden keine Luchse ausgewildert“ ausführlich analysiert: Mit einem CDU-Forstminister, der eigentlich die Auswilderung von weiblichen Luchsen befürwortet und einem für Artenschutz zuständigen grünen Umweltminister, der ebendies verhindert mit dem Argument noch immer fehlender Akzeptanz. Selbst die im Text zitierten Landesvertreter der beiden Umweltverbände NABU und BUND hielten sich eher bedeckt – so luchsfreundlich sie sich in der Vergangenheit positioniert hatten. In Gegenwart des Wolfs wollte man es mit den Viehhaltern nicht noch mehr verscherzen.
Der Luchs als Pappkamerad und Werbeträger des Stuttgarter Verkehrsministeriums
Inzwischen haben sich Bürgern und Politikern freilich ganz andere Themen aufgedrängt, ob Corona-Pandemie, das „Waldsterben 2.0“ oder die katastrophalen Überflutungen. Dass nach dem Waldzustandsbericht 2019 für Baden-Württemberg die Kronenverlichtung einen Höchststand verzeichnet seit Beginn der Aufzeichnungen (seit 1984), fügt sich perfekt ein in die nach drei Trockensommern und nachfolgenden Starkniederschlägen so erregte Klimadebatte. Würde dem Wald als CO²-Senke, als kühlendem Schattenspender und Abfluss minderndem Schwamm der „Spitzenprädator“ Luchs nicht gut tun, spätestens jetzt, nach Schäden bislang unbekannten Ausmaßes und dem immer lauteren Ruf nach Waldumbau? Würde der Fressfeind von Rot-, Reh- und Gamswild nicht einen Beitrag zur Stärkung der Selbstheilungskräfte des Ökosystems und zur Entspannung des leidigen Wald-Wildkonflikts leisten können – ohne dass sich die Jägerschaft selbst abzuschaffen hätte. War nicht soeben, während des Lockdowns, auch der Wildbretabsatz wieder ins Stocken geraten, diesmal nicht wegen erhöhter Becquerelwerte, sondern nach dem Ausfall der Gastronomie? Als ob die Zeit da nicht überreif wäre für die längst versprochene Grundsatzentscheidung!
Jetzt also, im Jahr des Unheils 2021, scheint endlich doch Bewegung in die so heillos verfahrene Endlosgeschichte gekommen zu sein. Ob sich für den Luchs im Musterländle nun tatsächlich ein Happyend abzeichnet? Gewiss würde sich für die von den Koalitionären vereinbarte Bestandesstützung eher der staatswaldreiche Nordschwarzwald mit seinem Nationalpark anbieten als der bäuerlich geprägte Südschwarzwald, gar als das befürchtete Bermudadreieck. Gut Ding braucht Weile in Baden-Württemberg, wie der Umgang mit dem Luchs beispielhaft lehrt, auch beim grünen Leib-und-Magen-Thema, dem Artenschutz. Der Erneuerungsvertrag für Baden-Württemberg lässt erst einmal keine Wünsche mehr offen.
Luchs im Winterwald (Foto W. A. Bajohr; aus Hockenjos, W.: Wo Wildnis entsteht. Der Bannwald Zweribach im Schwarzwald. 2015)
Was tun, wenn die gesetzlich anerkannten Naturschutzverbände die Planung der drei Städte Donaueschingen, Hüfingen und Blumberg unterstützen, auf der Länge einen gigantischen Windpark zu installieren mit elf bis 245 m hohen Monstern? Denen die Stadt Geisingen, die ebenfalls ihr Vorranggebiet für Windenergienutzung in dieses Waldgebiet verlegt hat, womöglich noch vier weitere Anlagen hinzufügen will? Richtig: Um den Widerstand gegen die Entwertung und Verunstaltung der Länge zu organisieren, wurde der Verein Arten- und Landschaftsschutz Länge-Ettenberg e. V. (ALLE) gegründet.
Behla und Fürstenberg vor neuer Kulisse ( Foto visualisiert v. U. Bielefeld)
Das von den Freiburger Verwaltungsrichtern und vom Mannheimer Verwaltungsgerichtshof gestoppte Genehmigungsverfahren hat formale Fehler aufgewiesen, weshalb es jetzt also nochmals gänzlich neu aufgerollt werden soll. Demnächst wird im Rahmen des immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsprozesses mit einer kompletten Umweltverträglichkeitsprüfung UVP gestartet werden. Ob da mit belastbaren neuen Erkenntnissen zum Artenschutz auf der Länge zu rechnen sein wird? Wie die Umweltverbände NABU, BUND und LNV 2017 in ihrem Faktencheck aufgedeckt haben, sind beim ersten Anlauf peinliche Fehler und Unterlassungen geschehen: Gerade mal 28 % der Vorgaben des Landesamts für Umwelt LUBW für artenschutzrechtliche Prüfungen sind korrekt durchgeführt worden – der schlechteste Wert aller geprüften Genehmigungsverfahren im Land. Und das in einem hochwertigen Waldgebiet mit einem besonderen ökologischen Alleinstellungsmerkmal:
Der gigantische Windpark befindet sich in einem der bestbesetzten Rotmilandichtezentren des Landes mit weiteren windkraftsensiblen Vogelarten wie Baumfalke, Wespenbussard, fünferlei Spechtarten, Hohltaube und Sperlingskauz;
Die Länge ist Lebensraum von bis zu 8 streng geschützten Fledermausarten;
Über der Länge drängt sich im Herbst der kontinentale Vogelzug zusammen (im sog. Geisinger Trichter);
Als größtes unzerschnittenes und unbesiedeltes Waldgebiet der Südwestecke ist die Länge ein wichtiger Trittstein und eine Wildtierkorridor-Schlüsselstelle von internationaler Bedeutung, ausgewiesen durch den Generalwildwegeplan, die „waldbezogene Fachplanung des Landes“.
Dass für den Rotmilan nicht nur die waldfreie Landschaft von lebenswichtiger Bedeutung ist, sondern auch der Längewald als Horst- und Streifgebiet, dass er auch immer wieder kreuz und quer überflogen wird, weiß man spätestens seit dem Jahr 2007, als einige dieser „Wappenvögel der Baar“ mit Sendern ausgestattet wurden, um damit ihre Raumnutzung zu erforschen. Da Milane auch Aasfresser sind, werden sie die Kahlflächen um die Windräder (insgesamt ca. 11 Hektar!) künftig besonders gründlich nach Schlagopfern absuchen – unter akuter Lebensgefahr, dabei selbst geschreddert zu werden.
Über den Rotmilan erhielt das Landratsamt SBK schon im Jahr 2004 eine Expertise der Vogelwarte Radolfzell, nach welcher sich die Ausweisung eines Vorranggebiets für die Windkraftnutzung schon damals eigentlich erübrigt haben müsste; in ihr wird klipp und klar festgestellt: „Von mehreren Verbreitungsschwerpunkten des Landes Baden-Württemberg ist der Schwarzwald-Baar-Kreis der wichtigste überhaupt, weil hier die höchste Brutpaardichte des Landes festgestellt wurde. Der Landkreis ist auch die wichtigste Überwinterungsregion Baden-Württembergs und dadurch eine der wichtigsten in Deutschland.“ Weshalb der damalige Leiter der Vogelwarte, Prof. Berthold, ein ausgewiesener Kenner der Baar, sich auch 2019 gegenüber der Presse erstaunlich freimütig geäußert hat: Die Länge sei ein Hotspot des Rotmilans. „Hier Windräder zu genehmigen und zu bauen, ist aus meiner Sicht absoluter Schwachsinn.“
Dass 11 bis (einschließlich der von Geisingen geplanten) 16 Windenergieanlagen mit bis 245 m Höhe während des Herbstvogelzugs das Risiko erhöhen, das ergibt sich schon aus dem Wortlaut des inzwischen auf Druck der Windkraftbranche aufgeweichten Windenergieerlasses, wonach „Zugkonzentrationskorridore von Vögeln oder Fledermäusen, bei denen Windenergieanlagen zu einer signifikanten Erhöhung des Tötungs- und Verletzungsrisikos oder zu einer erheblichen Scheuchwirkung führen können“ zu den Tabuzonen zählen. Klar ist, dass sich der Vogelzug je nach Vogelart, nach Wetterlage und nach Tag- oder Nachtzeit in sehr unterschiedlicher Massierung und auch in sehr variabler Flughöhe abspielt. Bei der letzten artenschutzrechtlichen Prüfung war der Länge zwar ein „massiver, breitgestreuter Vogelzug“ bescheinigt worden, dennoch wollte man darin keine Konzentrationszone erkennen. Das Ausschlussargument Vogelzug wurde trotz des Geisinger Trichters ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass in den Donauschlingen der Riedbaar wie auf dem Unterhölzer Weiher unzählige Wasservögel zu rasten pflegen, ehe sie weiter gen Süden durchstarten – und dabei prompt dem Windpark auf der Länge in die Quere geraten werden.
Verengung des Herbstvogelzugs über der Länge im sog. „Geisinger Trichter“
Hinsichtlich der acht erfassten Fledermausarten und deren Flug- und Zuggewohnheiten soll erst nach Erstellung der Anlagen einzweijähriges Gondelmonitoring erfolgen, um sodann Abschaltregelungen „unter Anwendung der anlagenspezifischen Abschaltalgorithmen“ treffen zu können – eigentlich ein eklatanter Verstoß gegen das Störungs- und Tötungsverbot des Naturschutzgesetzes. Dabei haben wissenschaftliche Untersuchungen längst gezeigt, dass Windparks in Waldgebieten zumal im Frühsommer eine fatale Anziehungskraft speziell auf weibliche Fledermäuse ausüben, die auf der Suche nach neuen Quartieren die Windräder offenbar mit Bäumen verwechseln. Schätzungen gehen von jährlich mehr als 250.000 Fledermäusen aus, die an Windrädern getötet werden. Dabei gilt die Baar und hier speziell der Unterhölzer Wald als Fledermaus-Eldorado, in dem sogar die seltene und streng geschützte Mopsfledermaus nachgewiesen wurde. Dass diese sich im Herbst über die Länge hinweg von ihren Wochenstuben in ihr Winterquartier in den Tunneln der Sauschwänzlebahn zurückzieht, ist naheliegend.
Seit 2013 gibt es das Naturschutzgroßprojekt Baar, (mit 8,6 Mio €) massiv gefördert und finanziert von Bund, Land, Landkreisen und Kommunen mit dem Ziel, „die Wald-, Trocken- und Feuchtlebensräume und den Biotopverbund zu sichern und zu verbessern.“ Die Länge ist von Fördergebieten förmlich umzingelt. Dass der Länge-Wald selbst nach Ausweisung der Windkraftkonzentrationszonen ausgespart bleiben musste, ist mehr als ein Schönheitsfehler! Der Baar, diesem „Drehkreuz von internationaler Bedeutung für den Biotopverbund“ und einer „zentralen Achse des Vogelzugs“, wird von den Verantwortlichen für das Großprojekt eine herausragende Rolle auch beim Fledermausschutz attestiert.
Dem Biotopverbund dienen auch die Wildtierkorridore des seit 2010 existierenden Generalwildwegeplans. Dass ein Windpark der hier geplanten Größenordnung samt Zuwegung die Attraktivität und Durchlässigkeit der Länge beeinträchtigt, liegt auf der Hand. Dennoch wurde dieser Aspekt schon bei der Ausweisung der Konzentrationszone im Flächennutzungsplan glatt ignoriert, obwohl es sich bei der Länge um ein letztes Nadelöhr in Ost-West- und Nor-Süd-Richtung in Süddeutschland handelt. Als ob der Windenergieerlass Baden-Württemberg nicht ausdrücklich vorgeschrieben hätte „Bei der Planung von Windenergieanlagen sind Biotopverbundflächen einschließlich der Flächen des Generalwildwegeplans zu berücksichtigen. Diese Flächen dienen insbesondere der Sicherung der Populationen von wildlebenden Tier- und Pflanzenarten und der Bewahrung, Wiederherstellung und Entwicklung von funktionsfähigen Wechselbeziehungen (§ 21 Abs. 1 BNatSchG).“
Ein Windpark in der Kohlenstoffsenke Wald?
Wie sehr die elf bis sechzehn Monstren auf der Länge, höher als der Stuttgarter Fernsehturm, das Landschaftsbild auf der Baar und in ihrer Fernwirkung vom Hegau bis zu den Aussichtsbergen des Schwarzwalds überlagern und mit der Suggestivkraft drehender Riesenrotoren dominieren werden, entzieht sich heute noch weithin unserem Vorstellungsvermögen. Die Landschaft, zumal eine noch vergleichsweise naturnahe, unzersiedelte und unzerschnittene Waldlandschaft, scheint in der Sichtweise des Klimaschutzes kein nennenswertes Schutzgut mehr zu sein, auch wenn der Staat die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere gem. Artikel 20 a des Grundgesetzes zu schützen hat „auch in Verantwortung für die künftigen Generationen“. Leben wir aufgrund des Klimawandels bereits im übergesetzlichen Notstand?
Der Druck von Seiten der Politik wie der Windkraftbranche auf die Genehmigungsverfahren wird fraglos weiter zunehmen angesichts der europaweiten Vorgaben zur CO2-Einsparung und des stockenden Ausbaus der binnenländischen Windkraft. Schon der Scoping-Termin anfangs Dezember 2020, der Auftakt zum neuen Genehmigungsverfahren, lässt ahnen, wie es um Transparenz und Gründlichkeit bestellt sein wird. Ob da die Fehler der Vergangenheit vermieden werden und ob man den Anliegen des Arten- und des Landschaftsschutzes besser gerecht wird als zuvor? Der Verein Arten- und Landschaftsschutz Länge-Ettenberg e. V. wird wachsam beleiben müssen.
Die Bundeswehr plant im Weißwald einen Standortübungsplatz
Werden nächstens Panzer durch den Weißwald und über den westlich benachbarten Ochsenberg rollen, wird Gefechtslärm bis zur Tannheimer Nachsorgeklinik hinüber schallen? Auch wenn es sich nur um Platzpatronen und um Übungsgranaten aus Panzerfäusten handeln sollte, die Bevölkerung ist beunruhigt, und es formiert sich Widerstand. Was wiegt schwerer, die Verteidigungsbereitschaft und der Übungszustand der in Donaueschingen stationierten Einheiten oder das Ruhebedürfnis der Bevölkerung, insbesondere der krebskranken Kinder? Plakataktionen, Unterschriftensammlung für eine Petition und Presseberichte sorgen derzeit dafür, dass der Konflikt in der Öffentlichkeit die nötige Aufmerksamkeit erhält. Nur die Älteren dürften sich noch an den mysteriösen Ruf dieses zwischen dem Weiler Beckhofen der Gemeinde Brigachtal und Tannheim sich erstreckenden ca. 500 ha umfassenden Waldgebiets erinnern, darin speziell an den Staatswalddistrikt Weißwald mit seinen Bunkern und Mannschaftsräumen, an Stacheldraht und scharfe Wachhunde aus der Zeit des Kalten Kriegs. Vom „möglicherweise düstersten Kapitel der jüngeren Militärgeschichte“ war zuletzt im Sommer 1998 in den Tageszeitungen zu lesen, als in der Villinger Fußgängerzone die Friedensorganisation Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW) Unterschriften sammelte. Eine Petition solle endlich den Nebel lichten, so die Forderung, den Militär- wie Zivilverwaltung über den Weißwald gebreitet hatten. Was war bloß dran an den Gerüchten um dort gelagerte Atomsprengköpfe?
Für Schlagzeilen in der Lokalpresse hatte im Jahr zuvor auch noch ein Rechtsstreit zwischen der Stadt Villingen-Schwenningen und dem Land Baden-Württemberg um das Munitionslager im Weißwald gesorgt. Pachtrückstände waren aufgelaufen, deretwegen die beiden Kontrahenten vors Gericht gezogen waren: Die Stadt hatte sich geweigert, vertragsgemäß weiter für ein Tauschgeschäft zu bezahlen, das anno 1961 eingefädelt worden war. Damals hatte das Land eingewilligt, dass die zuvor am Stadtrand (in Sichtweite des Villinger Klinikums!) gebunkerten Waffen einer US-amerikanischen Spezialeinheit in den ein paar Kilometer weiter südwärts gelegenen Staatswald ausgelagert wurden. Wo alsbald eine breite Zufahrtsstraße entstand, wo gerodet und viel Beton verbaut wurde innerhalb eines weitläufig abgezäunten Areals. Der Pachtvertrag für die zur Verfügung gestellte Staatswaldfläche war weitergelaufen, obwohl die Amerikaner das Lager schon 1968 wieder aufgegeben hatten. Seit Charles de Gaulle mit seiner force de frappe die militärische Zusammenarbeit mit dem großen NATO-Partner aufgekündigt hatte, war die Atommacht Frankreich für das Pentagon zum unsicheren Kantonisten geworden.
Alliiertes Munitionslager im Winter 1997/98
In der Folge waren dann die in Villingen stationierten Franzosen mit ihrer Munition in den Weißwald umgezogen. Erst als auch sie, nach der Besiegelung der deutschen Einheit, knapp 30 Jahre später abgerückt waren, kehrte im Weißwald wieder Friede ein – abgesehen von dem Umstand, dass die leer stehenden Bunker noch zum Abenteuerspielplatz taugten, wo waffennärrische Väter ihren Sprösslingen den Umgang mit Kriegsspielzeug beibrachten. Im Brigachtäler Rathaus wurden derweil Pläne geschmiedet, dort oben lärmintensive Industriebetriebe anzusiedeln. Doch davon wollte die Forstverwaltung partout nichts wissen, und ausgangs des Jahrtausends, im Dezember 1999, rückten schließlich die Bagger einer Hüfinger Abbruchfirma an, um die Überreste des Kalten Kriegs ultimativ dem Erdboden gleich zu machen und zu renaturieren.
Auf dem gerodeten Areal, wo kurz zuvor noch Bunker und Mannschaftsunterkünfte standen, weiden unterdessen Ziegen, um die Fläche vor der Rückkehr des Waldes zu bewahren. Denn erstaunlicherweise hat sich hier mit Kreuz- und Fransenenzian, auch mit Tausendgüldenkraut eine botanisch höchst seltene und wertvolle Flora eingefunden, wie sie in der intensiv genutzten Feldflur von heute längst nicht mehr anzutreffen ist – ein botanisches Rätsel in diesem bis zur Rodung nachweislich uralten Waldbestand.
Fransen-Enzian
Tausendgüldenkraut
Kreuz-Enzian
Der Weißwald gehörte einst dem Villinger Benediktinerkloster, das nach der Reformation vom evangelisch gewordenen St. Georgen in die katholische Zähringerstadt hatte umziehen müssen. 1806 hatte es im Zuge der Säkularisierung dem badischen Staat, dem Domänenärar, ein enorm vorratsreiches Tannenaltholz überlassen müssen. In den kolossalen Stämmen des vormaligen Klosterwalds hatten die Villinger Forstleute noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts „prachtvolle Überreste eines Urwaldes“ vermutet, die man, so liest es sich in den Akten, „möglichst lange im Walde zu erhalten wünschte“. Die Stammscheibe einer bei den Rodungsmaßnahmen gefällten Riesentanne hatte im Chefzimmer des (2005 aufgelösten) staatlichen Forstamts im Villinger Kaiserring als Tischplatte Verwendung gefunden. Die Samen der heute so schutzwürdigen Freilandflora waren offenbar bereits zu Zeiten der Waldweide (ehe diese 1833 forstgesetzlich verboten worden war) in den Klauen oder im Dung von Schafen und Rindern oder auch durch das Wild bis in den Weißwald vertragen worden, wo sie in der Samenbank des Bodens überdauert haben müssen: Ein botanisches Phänomen, das im Weißwald auch andernorts zu bewundern ist, so in der Schneise einer in der Nachkriegszeit errichteten E-Leitung, die nach wenigen Jahrzehnten wieder abgebaut werden konnte, jetzt ein letzter Standort für Küchenschellen, Gelben Enzian, Türkenbund und allerlei Orchideenarten. Rätselhafterweise findet sich hier sogar das Alpenveilchen, eine uralte Kulturpflanze, die möglicherweise einst aus einem Klostergarten entkommen ist. Kein Wunder also, dass sich der floristisch so wertvolle Walddistrikt für das Naturschutzgroßprojekt Baar empfohlen hat.
Alpenveilchen im Weißwald
Fast ebenso undurchschaubar wie das floristische Rätsel erscheint unterdessen die Gemengelage der Interessen im Ringen um die Nutzung des Waldes als Standortsübungsplatz. Wer oder was alles steckt hinter den Plänen? Erklärtermaßen die Garnisonsstadt Donaueschingen, wo nach Abzug der Franzosen große Anstrengungen unternommen und Investitionen in eine neue Schießanlage getätigt wurden, um den Verbleib der restlichen Brigade am Ort zu sichern, während sie sich andererseits um die Conversion militärisch nicht mehr nutzbarer Baulichkeiten bemüht. Unlängst erst wurde, nach Auflösung der Immendinger Garnison, der dortige Übungsplatz zum Testgelände der Firma Daimler umgewidmet. Und auch die Pendelei von der Baar zum Standortübungsplatz auf den 70 km entfernten Heuberg will man den Donaueschinger Jägern nicht als Dauerlösung zumuten. Die Waldeigentümer – das Fürstenhaus auf dem Ochsenberg, das Land im Weißwald – mag zudem die Aussicht auf lukrative Gestattungsverträge locken, nachdem mit Holzverkauf allein nicht mehr genug zu verdienen ist. Spielt den Planern im Berliner Verteidigungsministerium womöglich auch die Drohung der US-amerikanische Regierung mit dem Abzug von 12.000 Soldaten aus Deutschland in die Karten? Vorerst soll ein Lärmgutachten die Ängste in der Tannheimer Kinder-Nachsorgeklinik besänftigen helfen, ehe dann das immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren ansteht. Doch im April 2021 fand schon mal – in Anwesenheit des Generalinspekteurs der Bundeswehr – ein mehrtägiges Manöver statt: als Schauübung des Donaueschinger Jägerbataillons, vorerst nur zu Demonstrationszwecken, wie die Tageszeitungen berichteten. Hereingeschnuppert hatte im Jahr zuvor (am Ochsenberg nachgewiesen im März 2020) auch schon mal ein anderer (besonders umstrittener) Profiteur von Standortübungsplätzen: der Wolf.