Atomkraft: Ja bitte…nein danke…ja bitte?

Ich werde es immer für unsinnig halten, technisch sichere Kernkraftwerke, die kein CO2 emittieren, abzuschalten. (Angela Merkel, Physikerin und Bundeskanzlerin kurz vor dem SuperGAU von Fukushima 2011)

Sie lässt uns anscheinend nicht mehr los, die Kontroverse um die Atomkraft, um die böse militärische wie um die (vermeintlich?) gute zivile Nutzung. Beim Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki war ich fünf; da wird es nicht mehr lang gedauert haben, bis ich den Gesprächen der darüber entsetzten Eltern folgen konnte. Denn das japanische Grauen war sicher ein Thema zuhause: War Little Boy nun ein legitimes Mittel zur ultimativen Beendigung des Weltkriegs oder markierte er das schlimmste aller Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung? Auch die Fotos der ausradierten Städte wird man mir schon bald nicht mehr vorenthalten haben, ebenso wie jene von den gewaltigen Blumenkohlpilzen über den zuvor zwangsevakuierten Südseeatollen. Was Kriege anrichten können und was Trümmerlandschaften sind, davon konnte ich mir anfangs der 1950er Jahre auf dem Schulweg zwischen dem Freiburger Lorettoberg (dem Schülerheim) und Freiburg-Herdern, (dem Keplergymnasium) noch selbst ein Bild machen. 

Freiburg anno 1945

Da hat es dann schon nicht mehr lang gedauert, bis ich erstmals auch vom „Segen friedlicher Atomkraftnutzung“ erfuhr, gemunkelt wurde darüber sogar in Naturschutzkreisen. Denn in jenen Wirtschaftswunderjahren tobte bereits der „Kampf um die Wutachschlucht“, und der Vater, Hauptnaturschutzwart des Schwarzwaldvereins, war treibende Kraft einer Arbeitsgemeinschaft Heimatschutz Schwarzwald, der ersten Bürgerinitiative der jungen Republik, die sich wehrte gegen die Ableitungspläne der Schluchseewerk AG zum Zweck der Stromgewinnung. Um die 185.000 Unterschriften gegen das Projekt zusammenzubringen, waren unzählige Diavorträge in verrauchten Wirtshaussälen wie in akademischen Hörsälen zu absolvieren, bei denen der Bub in den Ferien zuweilen den Projektor bedienen durfte. Und natürlich durfte er den Vater auch auf seinen Fotoexpeditionen durch die Schlucht begleiten. 

Wer nach Gründen sucht, weshalb sich Innenminister Karl Filbinger damals vom Widerstand der Naturschützer so sehr beeindrucken ließ, dass die Aufstau- und Ableitungspläne der Wutach 1960 von der Landesregierung schließlich auf Eis gelegt wurden, der kommt an der Einsicht nicht vorbei, dass man in Stuttgart längst auch noch auf eine andere Karte gesetzt hatte: auf die Atomkraft als einer vermeintlich sauberen, schier unerschöpflichen Energiequelle. In Karlsruhe war 1956 auf Initiative des Atomministers Franz Josef Strauß das Kernforschungszentrum gegründet worden als Reaktorbau- und Betriebsgesellschaft mbH. Das Raunen darüber, dass die in den Wasserkraftwerken des Hotzenwalds wie des Hochrheins erzeugte Elektrizität bald ohnehin durch Atomstrom ergänzt werde, ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Weshalb sollte da auch noch der letzte ungebändigte Schwarzwälder Wildfluss den Beileitungsplänen der Schluchseewerk AG geopfert werden?

Doch es sollte noch ein Jahrzehnt dauern, bis es auch im Südbadischen ernst wurde mit der nuklearen Zukunftsmusik: Anfangs der 1970er Jahre wurde bei Breisach ein Kernkraftwerk Süd projektiert, während ein Stück weiter rheinaufwärts, bei Fessenheim, bereits die Franzosen ihr AKW planten. Die Breisacher Planung stieß bei Bauern und Winzern freilich auf heftige Ablehnung, befürchteten sie doch ungünstige klimatische Auswirkungen durch die Abluftfahnen der Nasskühltürme. 1973 verkündete der Rundfunk, dass die Pläne aufgegeben worden seien zugunsten eines Standorts weiter nördlich im Reinauewald bei Wyhl. Doch hier nahm der Kampf gegen ein „Ruhrgebiet am Oberrhein“ nun erst so richtig Fahrt auf: Er sollte zum Geburtsakt der Anti-Atom-Bewegung werden, auch zum Gründungsmythos der Grünen. Nein, unter die Platzbesetzer habe ich mich als junger Forstbeamter nicht getraut, doch die Auseinandersetzungen mit der Polizei und mit der Landespolitik verfolgte ich – zugegebenermaßen – mit klammheimlicher Sympathie. Zumal sich unter den Aktivisten mein Klassenkamerad Walter Moosmann als stimmgewaltiger Barde hervortat. Mit einem der einheimischen „Rädelsführer“ (Nai hemmer gsait!“), dem wackeren Meinrad Schwörer, schaukelte ich später im Kahn durch das Naturschutzgebiet Taubergießen. Und auch dem so heiß umkämpften Bauplatz mit den Überresten des Gemeinschaftszelts der Besetzer statteten wir noch ein Kurzbesuch ab.

Die Keimzelle der Anti-Atomkraft-Bewegung im Wyhler Wald

Im nachfolgenden Jahrzehnt verlagerte sich der Widerstand nach Niedersachsen ins Wendland, wo in den Salzstöcken von Gorleben der nukleare Müll entsorgt werden sollte und wo in der „Freien Republik Wendland“ die Anti-Atomkraft-Bewegung kräftig weiter anschwoll. Noch mehr Sympathie erntete freilich die „Prominentenblockade“ auf der Mutlanger Heide gegen die nuklearen Pershing II Mittelstreckenraketen der US-Armee. Alle protestierten sie gegen die atomare Nachrüstung: die Literatur-Nobelpreisträger Böll und Grass, die Theologen Gollwitzer und Greinacher, der Rhetorikprofessor Walter Jens und natürlich auch die grünen Ikonen Gert Bastian und Petra Kelly. Die Stationierung der Pershing II konnten sie freilich nicht verhindern; dafür sollte das Wettrüsten schließlich zur wirtschaftlichen Überforderung des Ostblocks und – „Gorbi“ sei´s gedankt –  zur Wiedervereinigung führen.

Atomkraft als Hoffnungsträger – auch für den Wald?

Als Forstamtsleiter hatte man sich in den 1980er Jahren allerdings auf einem ganz anderen „Kriegsschauplatz“ zu bewähren: Das Waldsterben griff um sich und mit ihm wuchs sprunghaft auch das öffentliche Interesse am Thema Wald wie auch an der Öffentlichkeitsarbeit der Förster. Nicht selten waren hierbei Gratwanderungen zu absolvieren zwischen den dienstlichen Pflichtübungen und der Unterstützung von Aktionen der zunehmend alarmierten Waldfreunde. Beim Rätseln über die Verursacher des Phänomens gelb verfärbter und verlichtender Nadelbaumkronen kristallisierte sich bald der Ferntransport von Schwefeldioxid heraus, vorzugsweise aus den Schloten der Industrie, nebst Stickoxiden auch aus den Auspuffen des Autoverkehrs. Derweil beeilte sich der Donaueschinger Gymnasialprofessor Günter Reichelt, die Waldschäden im Umfeld der mitteleuropäischen Kernkraftwerke zu kartieren. Durch Strahlung ionisiertes und deshalb umso toxischeres SO2 soll es dort, so sein Fazit, zu einer signifikanten Häufung und Verstärkung der Schäden gekommen sein. Was sich bei einer unabhängigen (?) Nachkartierung freilich nicht bestätigen ließ.

Artikel im Schwarzwälder Boten im März 1976

Dennoch soll die Ionisierungshypothese in der Kernkraftbranche für erhebliche Aufregung gesorgt haben. Zugleich verstärkte sie den Zulauf zu den Wald-Demos, nun also auch noch aus dem Lager der Anti-Atomkraft-Bewegung. Eine letzte Großkundgebung fand am 18. Oktober 1986 mit ca. 7.000 Teilnehmern auf dem Thurner bei St. Märgen statt. Veranstalter der autofreien Sternwanderung war die Initiative Schwarzwald, ein Zusammenschluss von 36 Verbänden, Organisationen und Aktionsgruppen. Ihr war es – sehr zur Überraschung der etablierten Parteien – gelungen, Bundespräsident Weizsäcker als Teilnehmer und Redner zu gewinnen. Das Motto der Veranstaltung lautete: ENDLICH HANDELN! FÜR DEN  WALD – FÜR DAS LEBEN. Der Präsident, eingeflogen mit dem Hubschrauber, hatte sich sogar Zeit für einen knapp einstündigen Waldspaziergang genommen. Vom Veranstalter war mir die Aufgabe übertragen worden, den hohen Besucher auf die Waldschadenssymptome aufmerksam zu machen. Was mir davon nach 35 Jahren besonders in Erinnerung geblieben ist neben dem drängelnden Schwarm der Presseleute und den Transparente tragenden Demonstranten („Richi – der Wald braucht Dich!“), das war der wache, bisweilen auch leicht skeptische Blick Weizsäckers in die Baumkronen hinauf und die Konzentriertheit, mit welcher er den Ausführungen folgte.

Hoher Waldbesuch. Bild-Zeitung v. 20.8.1986

Dass das Waldsterben bald dennoch aus den Schlagzeilen verschwand und von den Medien allenfalls noch als „sogenanntes Waldsterben“ gehandelt wurde, war vor allem dem schockierendsten Ereignis des Jahres geschuldet: der Havarie des Reaktors in Tschernobyl am 26. April 1986, dessen Fallout bis nach Süddeutschland verdriftet worden war. Das Cäsium134-verstrahlte Wildbret durfte bis auf Weiteres nicht mehr verzehrt werden, was für die Waldverjüngung, speziell für die Wildverbiss-gefährdeten jungen Tannen im heimischen Forstbezirk, nichts Gutes verhieß. In meiner Eigenschaft als Beisitzer des Landesnaturschutzverbandes brachte ich daher im Jagdbeirat der Freiburger oberen Jagdbehörde den Vorschlag ein, die natürlichen Regulatoren von Wildbeständen zu reaktivieren: den Winter (durch Einstellung der Winterfütterung) sowie den natürlichen Fressfeind durch Wiedereinbürgerung des Luchses nach Schweizer und elsässischem Vorbild. Nachdem der Spiegel davon Wind bekommen und darüber berichtet hatte (am 26. 8. 1986 unter der Überschrift Appetit verdorben – Seit Tschernobyl wird kaum noch Wildbret gegessen. Folge: Es wird weniger gejagt, Waldschäden durch Wildverbiss nehmen zu), quollen die Leserbriefspalten der Tageszeitungen über mit empörten Zuschriften aus der Jägerschaft. Weshalb die Idee eine erstaunliche Eigendynamik gewann bis in die Landespolitik hinein. Der Reaktorunfall in der Ukraine war, zu allem Unglück hin, auch noch zum „Urknall“ einer Luchs-Initiative Baden-Württemberg geworden – für mich bis heute das mit Abstand zählebigste Hobby. 

Im Chefzimmer des (2005 aufgelösten) staatlichen Villinger Forstamts befand sich ein aus der Stammscheibe eines Tannenriesen gefertigter Tisch. Gefällt worden war der Baum im Zuge von Rodungsmaßnahmen, die für den Bau eines Munitionslagers einer US-amerikanischen Sondereinheit erforderlich geworden waren. Deren Waffen waren nach dem Krieg im Villinger Stadtwald unweit des Klinikums deponiert gewesen, bis sich Stadt, Land und Militärverwaltung 1961 zu einem Flächentausch durchgerungen hatten. Im Staatswalddistrikt Weißwald, ein paar Kilometer südlich der Stadt, entstand ein geheimnisumwittertes Areal mit Bunkern und Mannschaftsräumen, Stacheldraht und scharfen Wachhunden. Vom „möglicherweise düstersten Kapitel der jüngeren Militärgeschichte“ war zuletzt im Sommer 1998 in den Tageszeitungen zu lesen, als in der Villinger Fußgängerzone die Friedensorganisation Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW) Unterschriften sammelte. Eine Petition solle endlich den Nebel lichten, so die Forderung, den Militär- wie Zivilverwaltung über den Weißwald gebreitet hatten. Was war bloß dran an den Gerüchten um dort gelagerte Atomsprengköpfe? Zur Jahrtausendwende, nachdem auch die Franzosen als Nachfolger der Amerikaner abgezogen waren, ist das Lager abgebrochen und renaturiert worden. 

Lagerten Atomsprengköpfe unweit der Stadt Villingen-Schwenningen?

In den 1990er Jahren ist der Wald in Mitteleuropa von heftigen Orkanereignissen heimgesucht worden – zuletzt am 26. 12. 1999 durch Orkan „Lothar“ – mit bislang noch nie gemessenen Windgeschwindigkeiten und einem ebensolchen Schadensausmaß. Verdankten sie ihre Entstehung der anthropogen aufgeheizten Wetterküche des Nordatlantiks? Eine Reihe von allzu milden und schneelosen Wintern verstärkte zudem die Gewissheit, dass sich das Klima wandelte, ausgelöst vorwiegend durch den ansteigenden CO2-Ausstoß als Folge der Verbrennung der fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Gas. Aber war das Klima nicht immer schon Schwankungen unterworfen – wie schon „Ötzis“ Wanderung beweist oder die der Walser-Siedler samt Viehherden über den eisfreien Alpenhauptkamm hinweg? Und waren im heimischen Staatswalddistrikt Bubenholz neben dem restaurierten Römerbad nicht einst auch Rebterrassen angelegt worden – Weinbau auf der rauen Baar?

Egal: Die drastische Verminderung der waldschädlichen Immissionen durch Entschwefelung der Großfeuerungsanlagen und Einführung des Katalysators schien ein Kinderspiel gewesen zu sein gemessen an der neuen globalen Herausforderung des Klimawandels und des Klimaschutzes. Wie anders als durch den kompletten Ersatz fossiler Brennstoffe wollte man ihn noch stoppen? Da war es doppelt misslich, dass ausgerechnet die weitgehend CO2-neutrale Kernenergie seit Tschernobyl mehr als nur einen Image-Schaden zu verkraften hatte, der die erste rot-grüne Koalition im Jahr 2000 kurzerhand den Atomausstieg beschließen ließ. Zwar verlängerte die nachfolgende (Merkel-geführte) Bundesregierung wieder die Ausstiegsfrist, doch unterm Eindruck der von einem Tsunami verursachten Kernschmelze von vier Reaktorblöcken des Atomkraftwerks von Fukushima am 11. März 2011 wurde das ultimative Ende der deutschen Atomkraftnutzung auf das Jahr 2022 vorverlegt. Womit die Anti-Atomkraftbewegung ihren Endsieg feiern durfte, sieht man von den eskalierenden Nachhutgefechten um den bestgeeigneten Standort für ein Atommüll-Endlager ab. Kein anderes Land der Welt hat sich zu einer derart radikalen Abkehr von Kohle, Öl und Atomkraft entschlossen. Umso klammerte man sich – in Ermangelung von Speichermöglichkeiten für die regenerative „Flatterenergie“ – an die Erdgasversorgung aus Sibirien, zu deren Sicherstellung nicht zuletzt die neue Pipeline Nord Stream 2 dienen sollte.

Dank Fridays for Future und nach drei aufeinander folgenden trocken-heißen Sommern mit enormen Dürre- und Borkenkäferschäden war plötzlich auch das Waldsterben wieder in aller Munde. Umso heftiger dreht sich nun alles, national wie international, um die Energiewende, hierzulande insbesondere um Windräder und Solarfelder sowie um deren Kollateralschäden in touristisch attraktiven und ökologisch noch halbwegs intakten Kulturlandschaften, um Bürgerinitiativen und um die Konflikte zwischen Klima-, Arten- und Landschaftsschutz. Weil Baden-Württemberg als windschwächstes Bundesland gilt, müssen die Dimensionen und die Anzahl der benötigten Schwachwindanlagen hier umso monströser ausfallen. So hat die frisch gewählte grün-schwarze Landesregierung im Frühjahr 2021 angekündigt, allein in den Staatswald 1000 Windenergieanlagen stellen zu wollen, höher als der Stuttgarter Fernsehturm! Absehbar wurde damit freilich, dass spätestens bei der nächsten winterlichen „Dunkelflaute“ die grundlastfähigen Energieträger schmerzlich vermisst werden, sollte nicht sogleich mit französischem Atomstrom oder mit Kohlestrom aus den östlichen Nachbarländern ausgeholfen werden. Was außer Gaskraftwerken, die rasch hoch und wieder runter gefahren werden können, bot sich da an zur Überbrückung?

Kein Wunder also, dass insgeheim auch wieder über neuartige Kernreaktoren nachgedacht wurde, mit neuen Sicherheitsstandards und weniger Müll verursachend – dafür aber kaum CO2 emittierend. Während  hierzulande in spektakulären Tagesschauszenen ein Kühlturm nach dem andern in sich zusammenbricht, bleibt die Atomkraftnutzung weiterhin ein Tabuthema im öffentlichen Diskurs. Zugleich wächst die Ratlosigkeit, wie angesichts der Widerstände gegen Windparks und Windstromtrassen die deutsche Musterknabenrolle weiterhin durchgehalten werden soll. Derzeit befinden sich, wie sich leicht googeln lässt, weltweit 108 Kernkraftwerke im Bau, mit Abstand die meisten in China und Russland. Neu entflammt sind allerorten auch (zumindest befristete) Laufzeitverlängerungen. 

Abluftfahne des Schweizer Kernkraftwerks Leibstadt über den Schwarzwaldhöhen

Schließlich dann der ultimative Schock des 24. Februars 2022: der Überfall Putins auf die Ukraine, nach russischer Sprachregelung als „Militärische Sonderaktion“ verniedlicht und propagiert, einhergehend mit Gräueltaten an der Zivilbevölkerung und mit täglichen TV-Bildern heillos zerbombter Städte – mit Kampfhandlungen auch um die ukrainischen Atomkraftwerke, um Tschernobyl unseligen Angedenkens. Und mit Millionen Kriegsflüchtlingen, mit immer hitzigeren Diskussionen um letztendlich zu beschließende Embargos, um den Stopp von Steinkohle-, Öl- und vor allem Erdgaslieferungen aus Russland.

Während der russische Außenminister mit der Ausweitung seiner „Sonderaktion“ zum Welt-, ja zum Atomkrieg droht, stellt sich unseren Regierenden immer drängender die Frage, ob es angesichts all dieser dramatischen Zuspitzungen tatsächlich der Weisheit letzter Schluss sein kann, zum Jahresende auch die letzten drei noch in Betrieb befindlichen deutschen Atomkraftwerke stillzulegen. 

Kernkraftwerk Leibstadt

Noch ein Kapitel Militärgeschichte?

Die Bundeswehr plant im Weißwald einen Standortübungsplatz

Werden nächstens Panzer durch den Weißwald und über den westlich benachbarten Ochsenberg rollen, wird Gefechtslärm bis zur Tannheimer Nachsorgeklinik hinüber schallen? Auch wenn es sich nur um Platzpatronen und um Übungsgranaten aus Panzerfäusten handeln sollte, die Bevölkerung ist beunruhigt, und es formiert sich Widerstand. Was wiegt schwerer, die Verteidigungsbereitschaft und der Übungszustand der in Donaueschingen stationierten Einheiten oder das Ruhebedürfnis der Bevölkerung, insbesondere der krebskranken Kinder? Plakataktionen, Unterschriftensammlung für eine Petition und Presseberichte sorgen derzeit dafür, dass der Konflikt in der Öffentlichkeit die nötige Aufmerksamkeit erhält. Nur die Älteren dürften sich noch an den mysteriösen Ruf dieses zwischen dem Weiler Beckhofen der Gemeinde Brigachtal und Tannheim sich erstreckenden ca. 500 ha umfassenden Waldgebiets erinnern, darin speziell an den Staatswalddistrikt Weißwald mit seinen Bunkern und Mannschaftsräumen, an Stacheldraht und scharfe Wachhunde aus der Zeit des Kalten Kriegs. Vom „möglicherweise düstersten Kapitel der jüngeren Militärgeschichte“ war zuletzt im Sommer 1998 in den Tageszeitungen zu lesen, als in der Villinger Fußgängerzone die Friedensorganisation Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW) Unterschriften sammelte. Eine Petition solle endlich den Nebel lichten, so die Forderung, den Militär- wie Zivilverwaltung über den Weißwald gebreitet hatten. Was war bloß dran an den Gerüchten um dort gelagerte Atomsprengköpfe?

Für Schlagzeilen in der Lokalpresse hatte im Jahr zuvor auch noch ein Rechtsstreit zwischen der Stadt Villingen-Schwenningen und dem Land Baden-Württemberg um das Munitionslager im Weißwald gesorgt. Pachtrückstände waren aufgelaufen, deretwegen die beiden Kontrahenten vors Gericht gezogen waren: Die Stadt hatte sich geweigert, vertragsgemäß weiter für ein Tauschgeschäft zu bezahlen, das anno 1961 eingefädelt worden war. Damals hatte das Land eingewilligt, dass die zuvor am Stadtrand (in Sichtweite des Villinger Klinikums!) gebunkerten Waffen einer US-amerikanischen Spezialeinheit in den ein paar Kilometer weiter südwärts gelegenen Staatswald ausgelagert wurden. Wo alsbald eine breite Zufahrtsstraße entstand, wo gerodet und viel Beton verbaut wurde innerhalb eines weitläufig abgezäunten Areals. Der Pachtvertrag für die zur Verfügung gestellte Staatswaldfläche war weitergelaufen, obwohl die Amerikaner das Lager schon 1968 wieder aufgegeben hatten. Seit Charles de Gaulle mit seiner force de frappe die militärische Zusammenarbeit mit dem großen NATO-Partner aufgekündigt hatte, war die Atommacht Frankreich für das Pentagon zum unsicheren Kantonisten geworden. 

Alliiertes Munitionslager im Winter 1997/98

In der Folge waren dann die in Villingen stationierten Franzosen mit ihrer Munition in den Weißwald umgezogen. Erst als auch sie, nach der Besiegelung der deutschen Einheit, knapp 30 Jahre später abgerückt waren, kehrte im Weißwald wieder Friede ein – abgesehen von dem Umstand, dass die leer stehenden Bunker noch zum Abenteuerspielplatz taugten, wo waffennärrische Väter ihren Sprösslingen den Umgang mit Kriegsspielzeug beibrachten. Im Brigachtäler Rathaus wurden derweil Pläne geschmiedet, dort oben lärmintensive Industriebetriebe anzusiedeln. Doch davon wollte die Forstverwaltung partout nichts wissen, und ausgangs des Jahrtausends, im Dezember 1999, rückten schließlich die Bagger einer Hüfinger Abbruchfirma an, um die Überreste des Kalten Kriegs ultimativ dem Erdboden gleich zu machen und zu renaturieren.

Auf dem gerodeten Areal, wo kurz zuvor noch Bunker und Mannschaftsunterkünfte standen, weiden unterdessen Ziegen, um die Fläche vor der Rückkehr des Waldes zu bewahren. Denn erstaunlicherweise  hat sich hier mit Kreuz- und Fransenenzian, auch mit Tausendgüldenkraut eine botanisch höchst seltene und wertvolle Flora eingefunden, wie sie in der intensiv genutzten Feldflur von heute längst nicht mehr anzutreffen ist – ein botanisches Rätsel in diesem bis zur Rodung nachweislich uralten Waldbestand.

Fransen-Enzian
Tausendgüldenkraut
Kreuz-Enzian

Der Weißwald gehörte einst dem Villinger Benediktinerkloster, das nach der Reformation vom evangelisch gewordenen St. Georgen in die katholische Zähringerstadt hatte umziehen müssen. 1806 hatte es im Zuge der Säkularisierung dem badischen Staat, dem Domänenärar, ein enorm vorratsreiches Tannenaltholz überlassen müssen. In den kolossalen Stämmen des vormaligen Klosterwalds hatten die Villinger Forstleute noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts „prachtvolle Überreste eines Urwaldes“ vermutet, die man, so liest es sich in den Akten, „möglichst lange im Walde zu erhalten wünschte“. Die Stammscheibe einer bei den Rodungsmaßnahmen gefällten Riesentanne hatte im Chefzimmer des (2005 aufgelösten) staatlichen Forstamts im Villinger Kaiserring als Tischplatte Verwendung gefunden. Die Samen der heute so schutzwürdigen Freilandflora waren offenbar bereits zu Zeiten der Waldweide (ehe diese 1833 forstgesetzlich verboten worden war) in den Klauen oder im Dung von Schafen und Rindern oder auch durch das Wild bis in den Weißwald vertragen worden, wo sie in der Samenbank des Bodens  überdauert haben müssen: Ein botanisches Phänomen, das im Weißwald auch andernorts zu bewundern ist, so in der Schneise einer in der Nachkriegszeit errichteten E-Leitung, die nach wenigen Jahrzehnten wieder abgebaut werden konnte, jetzt ein letzter Standort für Küchenschellen, Gelben Enzian, Türkenbund und allerlei Orchideenarten. Rätselhafterweise findet sich hier sogar das Alpenveilchen, eine uralte Kulturpflanze, die möglicherweise einst aus einem Klostergarten entkommen ist. Kein Wunder also, dass sich der floristisch so wertvolle Walddistrikt für das Naturschutzgroßprojekt Baar empfohlen hat.

Alpenveilchen im Weißwald

Fast ebenso undurchschaubar wie das floristische Rätsel erscheint unterdessen die Gemengelage der Interessen im Ringen um die Nutzung des Waldes als Standortsübungsplatz. Wer oder was alles steckt hinter den Plänen? Erklärtermaßen die Garnisonsstadt Donaueschingen, wo nach Abzug der Franzosen große Anstrengungen unternommen und Investitionen in eine neue Schießanlage getätigt wurden, um den Verbleib der restlichen Brigade am Ort zu sichern, während sie sich andererseits um die Conversion militärisch nicht mehr nutzbarer Baulichkeiten bemüht. Unlängst erst wurde, nach Auflösung der Immendinger Garnison, der dortige Übungsplatz zum Testgelände der Firma Daimler umgewidmet. Und auch die Pendelei von der Baar zum Standortübungsplatz auf den 70 km entfernten Heuberg will man den Donaueschinger Jägern nicht als Dauerlösung zumuten. Die Waldeigentümer – das Fürstenhaus auf dem Ochsenberg, das Land im Weißwald – mag zudem die Aussicht auf lukrative Gestattungsverträge locken, nachdem mit Holzverkauf allein nicht mehr genug zu verdienen ist. Spielt den Planern im Berliner Verteidigungsministerium womöglich auch die Drohung der US-amerikanische Regierung mit dem Abzug von 12.000 Soldaten aus Deutschland in die Karten? Vorerst soll ein Lärmgutachten die Ängste in der Tannheimer Kinder-Nachsorgeklinik besänftigen helfen, ehe dann das immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren ansteht. Doch im April 2021 fand schon mal – in Anwesenheit des Generalinspekteurs der Bundeswehr – ein mehrtägiges Manöver statt: als Schauübung des Donaueschinger Jägerbataillons, vorerst nur zu Demonstrationszwecken, wie die Tageszeitungen berichteten. Hereingeschnuppert hatte im Jahr zuvor (am Ochsenberg nachgewiesen im März 2020) auch schon mal ein anderer (besonders umstrittener) Profiteur von Standortübungsplätzen: der Wolf. 

Mehr zum Standortübungsplatz gibt es hier:

https://hieronymus-online.de/friede-fuer-tannheim/

BUND Stellungnahme zum geplanten Standortübungsplatz im Weißwald

14. Oktober 2020 von Katharina Baudis Geschäftsführerin

Stellungnahme vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Regionalverband Schwarzwald-Baar-Heuberg

Die Einrichtung eines neuen Standortübungsplatzes können wir nicht nachvollziehen: In den vergangenen Jahren wurden Truppen- und Standortübungsplätze aufgegeben. So wurde lt. vorgelegter Beschreibung des Vorhabens 2014 der StOÜPl Immendingen aufgegeben, bereits 2015 wurde aber der Bedarf durch das Jägerbataillon angemeldet. Eine vorausschauende Bedarfsplanung sieht anders aus.

Wir sollen als Natur- und Umweltschutzverband nun Stellung nehmen zu einer Planung, deren Werdegang bisher völlig undurchsichtig war. Bisher kennen wir lediglich die Grundzüge der Planung. Es liegen uns weder eine umfassende Alternativenprüfung noch die erforderlichen Gutachten für anfallende Emissionen (Schall, Licht, Geruch), Eingriffe in den Naturhaushalt und den Artenschutz etc. vor. Und trotzdem soll bereits ein Landbeschaffungsverfahren eingeleitet werden. Es wird der Eindruck erweckt, dass der geplante Standort am nächsten und praktischsten und aufgrund der Besitzverhältnisse am einfachsten zu erschließen ist und dass diesem Umstand die Aspekte des Natur- und Umweltschutzes untergeordnet werden sollen. Dies halten wir für eine unzulässige Vorentscheidung und Festlegung auf den geplanten Standort, was wir ablehnen.

Bei der überplanten Fläche handelt es sich um ein in mehrfacher Weise geschütztes Gebiet:

  • EU-Vogelschutzgebiet: Das gesamte Planungsgebiet liegt im Vogelschutzgebiet „Baar“. Es gilt das Verschlechterungsverbot. Alle Veränderungen oder Störungen, die zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Gebietes in seinen für seine Erhaltungsziele maßgeblichen Bestandteilen führen können, sind unzulässig. Zweifellos ist die angestrebte Planung allein durch ihre Größe und die geplante Nutzung als eine solche unzulässige Veränderung und Störung anzusehen. Wir möchten in diesem Zusammenhang insbesondere auf die unregelmäßigen Störungen durch den Schießbetrieb und die Befahrung mit schweren Maschinen hinweisen, die einen Gewöhnungseffekt für die Tierwelt ausschließen. Hinzu kommen noch die geplanten nächtlichen Aktivitäten, die bei Tieren zu Panik und Flucht und letztlich zur Vergrämung führen können.

  • Das geplante Übungsgebiet liegt zu großen Teilen im Fördergebiet „Weißwald“ des Naturschutzgroßprojekts Baar. Die Ausweisung dieses Projektgebietes durch das Bundesamt für Naturschutz spiegelt die nationalstaatliche Bedeutung der Baar als Bindeglied zwischen dem Neckar- und der Donau wider. Mit erheblichen Mitteln sollen auch im Weißwald in den nächsten Jahren Entwicklungs- und Pflegemaßnahmen zugunsten des Biotopverbundes und zur Stärkung der Resilienz der Arten gegen den Klimawandel getätigt werden. Diese Ziele sehen wir durch die Planung als massiv gefährdet an. Die gesteckten Entwicklungsziele für den Artenschutz und den Biotopverbund könnten so nicht erreicht werden.
  • Der Weißwald ist regional ein wichtiger Trittstein zwischen den südlichen Wäldern der Baar (bsp. NSG Deggenreuschen-Rauschachen) und den Wäldern um Villingen und in Richtung Schwarzwald. Die Waldränder sind z.T. Bestandteil des landesweiten Biotopverbundes und damit ebenfalls geschützt. Die extensiven Wegränder im Weißwald sind wichtige Verbundelemente für den lokalen Artenaustausch (unter anderem Gelber Frauenschuh (Cypripedium calceolus) und Kleiner Eisvogel (Limenitis camilla)) – sie würden unserer Einschätzung nach dem Ausbau des Wegenetzes zum Opfer fallen.

  • Von der Planung sind 3 Wasserschutzgebiete betroffen, wovon 2 zu Brigachtal gehören und eines zu Wolterdingen. Für diese gibt es geltende Rechtsverordnungen, die unter anderem die Errichtung baulicher Anlagen, den Wegebau und jegliche Handlungen, die das Eindringen von wassergefährdenden Stoffen in Grund- und Oberflächengewässer ermöglichen, untersagen. Die Planung verstößt gegen alle diese geltenden Rechtsverordnungen und gefährdet das Grundwasser. Angesichts der klimawandelbedingten zunehmenden Trockenheit in unserer Region mit sinkenden Grundwasserständen und zurückgehenden Quellschüttungen wird Brigachtal auf diese Quellen nicht verzichten können. Die wenigen Details, die uns aus der Planung bekannt sind, lassen aber auf eben solche untersagte Handlungen schließen.

  • Aufgrund seiner vielfältigen Strukturen ist der Weißwald/Ochsenberg Lebensraum einer Reihe seltener Arten. Exemplarisch sei hier der Kreuzenzian-Ameisenbläuling (RL Baden-Württemberg: 2 stark gefährdet), Esparsetten-Widderchen (RL BaWü 3), Trauermantel (RL BaWü 3) und der Himmelblaue Bläuling (RL BaWü 3) aus der Gruppe der Schmetterlinge genannt. Wertgebende Arten sind außerdem bei den Fledermäusen, Ameisen, Reptilien, Amphibien, Kleinsäuger, aber auch der Flora gegeben. Den Fortbestand dieser Arten im Gebiet stellen wir unter den bekannten Voraussetzungen in Frage. Dies wäre ein Verstoß gegen geltendes Naturschutz- und Artenschutzrecht.
  • Laut der Planungen würden bisher wenig vorbelastete Waldböden plötzlich sehr häufig und mit schweren Fahrzeugen befahren, möglicherweise auch außerhalb der Wege. Dies wird zu Bodenverdichtungen und Erosionsprozessen führen. Hinzu kommen noch unabschätzbare Bodenbelastungen durch Schadstoffeinträge (z.B. ÖL- und Schmierstoffe, Treibstoffe, Schießpulver, Reinigungsmittel etc.) und Mülleinträge (z.B. durch Munitionsreste, Verpackungen etc.), die den Zustand der Böden unzulässig verschlechtern und auch die Grund- und Oberflächengewässer belasten können.

Die oben genannten Punkte unterstreichen die hohe Schutzwürdigkeit und verdeutlichen die Empfindlichkeit der geplanten StÜPl-Fläche gegenüber Störungen. Wir fordern daher eine transparente Alternativenprüfung, auch aller denkbaren Konversionsflächen.

Durch die geplante Nutzung wird es Lärm-, Abgas- und Lichtemissionen geben, die das Gebiet bisher nicht kannte. Es ist zu erwarten, dass Tier- und Pflanzenwelt unter dem Betrieb leiden werden. Negative Effekte auf die Schutzgüter Boden, Wasser und Luft sind zu erwarten. Flora und Fauna müssen durch die Beanspruchung der Natur mit großen Nachteilen bis hin zu Vertreibung und Ausrottung rechnen. Aus unserer Perspektive muss der zukünftige Standort derjenige mit den geringsten Auswirkungen auf Natur- und Umwelt sein.

Sollte der vorgelegte Standort weiterverfolgt werden, können wir eine fundierte Stellungnahme erst nach Vorlage aller erforderlichen Gutachten abgeben. Wir fordern die obengenannten Punkte bei der Erstellung der Gutachten umfassend zu prüfen.

Wir bitten um weitere Beteiligung am Verfahren.

Standortübungsplatz oder Truppenübungsplatz?

Was ist eigentlich der Unterschied?

In den letzten Monaten erhitzt das Thema „Erweiterung des Standortübungsplatz Donaueschingen“ immer wieder die Gemüter in der Region. Dabei wird auch ständig die Begrifflichkeit des „Übungsplatzes“ wild durcheinander geworfen, weshalb ich hier die Gelegenheit nutzen möchte, den Unterschied zwischen Standortübungsplatz und Truppenübungsplatz aufzuzeigen.

Ein Standortübungsplatz (StOÜbPl) unterscheidet sich von einem Truppenübungsplatz (TrÜbPl) darin, dass sich der StOÜbPl am jeweiligen Standort (Garnisonsgemeinde), oder auch oft direkt an einer Kaserne liegt oder für mehrere Kasernen in einem Bereich/Stadtteil gedacht ist, wie eben beispielsweise der StOÜbPl Donaueschingen für das hier in der Fürstenberg-Kaserne beheimatete Jägerbataillon 292 (JgBtl 292).

Ein TrÜbPl, üblicherweise wesentlich größer als ein StOÜbPl, wird nur zeitweise von Verbänden aufgesucht und liegt von der Heimatkaserne der übenden Soldaten in der Regel weiter entfernt, so dass zu Übungszwecken die ganze Einheit dorthin verlegt wird.

Der StOÜbPl wird zu verschiedenen grundlegenden Ausbildungen genutzt, bei denen nicht scharf geschossen wird. Jedoch können auch auf Standortübungsplätzen Standortschießanlagen (StOSchAnlg) eingerichtet sein. Auf diesen wiederum wird auch scharf geschossen, d. h. es wird mit Gefechtsmunition geschossen. 
Auf einem Truppenübungsplatz jedoch wird ein Ernstfall (Gefechtssituation im größeren Rahmen), meist in größeren Einheiten ab Bataillon aufwärts, simuliert. 

TrÜbPle sind, im Gegensatz zu StOÜbPl, größere staatseigene Landflächen zur militärischen Nutzung mit Unterkünften für die übende Truppe („Truppenlager“) und mit Anlagen, die es Soldaten aller Teilstreitkräfte und Truppengattungen ermöglichen, eine wirklichkeitsnahe Gefechtsausbildung mit Übungs- und Gefechtsmunition gegebenenfalls von Außenfeuerstellungen durchzuführen.

Hier in Baden-Württemberg gibt es einen TrÜbPl, nämlich den TrÜbPl Heuberg bei Stetten am kalten Markt. Vom Standort Donaueschingen je nach Strecke zwischen 71 – 85 Straßenkilometer entfernt. (Abb. 1)

Abb. 1

Auf einem Hochplateau „Großer Heuberg“ auf der Schwäbischen Alb gelegen, wird das Areal von den Ortschaften Albstadt im Norden, Stetten am kalten Markt mit Lager Heuberg und Alb-Kaserne (beide Heer) im Südosten und Meßstetten mit der Zollernalb-Kaserne (Luftwaffe mit Luftraumüberwachung) im Nordwesten eingerahmt. Der Übungsplatz wurde zeitgleich mit dem Lager Heuberg zwischen 1910 und 1916 für das XIV. (Badische) Armee-Korps errichtet und bis auf eine Demilitarisierung zwischen Ende des Ersten Weltkrieges und 1933 durchgehend militärisch genutzt. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg war auf dem Übungsplatz auch jeweils ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet worden sowie Anfang 1933 vom NS-Regime ein sogenanntes Schutzhaftlager. Von 1945 bis 1959 war der Platz unter französischer Verwaltung. Die letzte französische Armeeeinheit rückte 1997 aus dem Lager Heuberg ab. Bis um die Jahrtausendwende hauptsächlich für die Panzertruppe genutzt, wird der Heuberg heute vielfältig genutzt (neben der übenden Truppe auch vom Technischen Hilfswerk, Polizei und Bundespolizei).

Der TrÜbPl Heuberg umfasst eine Ausdehnung von ca. 48 km2, oder 4.800 Hektar (Abb. 2)

Abb. 2

Der StoÜbPl Donaueschingen hat eine Fläche von 52 ha, plus sogenannte standortnahe Übungsräume mit einer Fläche von 170 ha. (Abb. 3)

Abb. 3 (Präsentation BAIUDBw)

Der Bedarf des Jägerbataillons 292 (JgBtl 292) liegt laut Bundeswehr aber bei 521 ha. Das entspricht einer Fläche von ca. 521 Fußballfeldern. (Abb. 4)

Abb. 4 (Präsentation BAIUDBw)

Wenn wir uns nunmehr betrachten, was auf der neuen Fläche alles eingerichtet werden soll (Abb. 5), so komme ich zu dem Schluß, dass das auch alles auf dem TrÜbPl Heuberg schon vorhanden ist, bzw. was es dort eventuell nicht geben sollte, durchaus eingerichtet werden kann, ohne dass dafür neues Gelände erforderlich wäre.

Abb. 5 (Präsentation BAIUDBw)

Bei einer Erweiterung des StOÜbPl Donaueschingen würden leider einige Bereiche des Naturschutzgroßprojekt Baar, in das bisher eine nicht unerhebliche finanzielle Summe geflossen ist, beeinträchtigt werden, wenn nicht sogar zugunsten der geplanten Einrichtungen zerstört werden.

Von den Beeinträchtigungen für die nahegelegene Nachsorgeklinik Tannheim ganz zu schweigen.

Ebenfalls für mich nicht nachvollziehbar sind die durch die Stuttgarter Vertreter des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw) vorgebrachten „Verniedlichungen“, soviel würde da gar nicht beeinträchtigt werden, da man ja auf dem StOÜbPl „nur“ mit Übungs- und/oder Manövermunition schießen würde.

Auch bei Manöver- und Übungsmunition entstehen zum einen Abfälle, in Form der ausgestossenen Patronenhülsen und zum anderen werden bei der Übungsmunition auch Geschoße verfeuert, die anschließend irgendwo in der Natur herumliegen, oder in den Bäumen stecken. Sowohl Manövermunition, als auch die Übungsmunition bestehen zum Großteil aus Kunststoff. Zwar sollen/werden diese auch wieder aufgelesen, aber nie zu 100%. Das ist nahezu unmöglich, schon gar nicht bei der Manövermunition, die zum Großteil olivgrün ist und somit auf dem Waldboden fast nicht mehr gefunden werden kann. 
Eine Beeinträchtigung des Geländes durch diese Abfälle ist deshalb nicht von der Hand zu weisen. 

Ein weiterer Punkt der u. a. bei der Stadtratsitzung in Donaueschingen durch die Vertreter des BAIUDBw vorgebracht wurde, war der, dass es nicht zumutbar sei, zuviel Zeit für die Fahrt zum TrÜbPl Heuberg zu verbringen, da dies verlorene Ausbildungszeit sei. Diesem Argument widerspreche ich mit der Begründung, dass es seit Jahren bekannt ist und  immer wieder heißt, dass die Soldaten zu wenig Fahrpraxis auf den gepanzerten Gefechtsfahrzeugen haben und es deshalb, insbesondere im Auslandseinsatz unter Gefechtsbedingungen zu Unfällen kommt, die auf mangelnde Fahrpraxis zurückzuführen sind. 
Also ist die Fahrt zum Heuberg sehr wohl Ausbildungszeit. Nämlich die zum erlangen von Fahrpraxis für die Gefechtsfahrzeuge.

Und wer sagt denn, dass man abends wieder zurückfahren muß? Wir erinnern uns, dass der Heuberg ein Truppenübungsplatz ist und deshalb dort Unterkünfte in Form des Truppenlagers vorhanden sind. Also warum nicht eine mehrtägige Übung dort abhalten? 

Bei einer solchen mehrtägigen Übung können nicht nur die infanteristischen Grundfertigkeiten geübt werden. Nein, auch die kompletten logistischen Fähigkeiten, wie z. B. Truppenversorgung mit Verpflegung durch den Feldküchentrupp, oder auch die Versorgung mit Munition und Betriebsstoffen durch die anderen logistischen Kräfte die so ein Bataillon hat.

Für mich, als ein sowohl aus der Infanterie (Gebirgstruppe in Bad Reichenhall) und der Logistik stammender ehemaliger Berufssoldat, bietet der Heuberg einfach alles, was die Truppe zum Üben braucht.

Ich könnte hier noch einige Punkte auflisten, die aus meiner Sicht die Erweiterung des StOÜbPl Donaueschingen ad absurdum führen, aber das würde den Rahmen sprengen.

Mit dem TrÜbPl Heuberg hat die Truppe in Donaueschingen einen Übungsplatz „vor der Haustüre“, nach dem sich andere die Finger lecken würden.

Ich bin als ehemaliger Berufssoldat, der 40 Jahre in der Bundeswehr gedient hat, nicht gegen die Bundeswehr. Ganz im Gegenteil. Ich begrüße es, dass Donaueschingen Garnisonstadt ist und die Bundeswehr hier auch willkommen ist.

Aber wenn es um Belange des Naturschutzes geht und um die Belange der Nachsorgeklinik Tannheim, dann muß man die Kirche auch mal im Dorf lassen und nach anderen Möglichkeiten suchen. Und gerade hier sind diese vorhanden und nicht schlechter, als das was man hier verwirklichen möchte.

In diesem Sinne bin ich gegen eine Erweiterung des StOÜbPl Donaueschingen und hoffe auf einen breiten Widerstand gegen dieses Vorhaben aus der Bevölkerung, unter gleichzeitigem Rückhalt zu unserer vor Ort ansässigen Truppe.