Geschichte aus der Baar von Lucian Reich 1845

Aus dem Deutschen Familienbuch zur Belehrung und Unterhaltung von 1845 


Der arme Konrad und des Vogts Mariann’

In den Wanderblühten gibt es ein Kapitel über Konrad das ich in drei Beiträge unterteilt hatte:

Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog
Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen
Wanderblühten – Kindheit in Hüfingen – Liebe Mariann

Jetzt hatte ich im Deutschen Familienbuch zur Belehrung und Unterhaltung von 1845 den Artikel “Der arme Konrad und des Vogts Mariann` Geschichte aus der Baar. Mit einer Zeichnung von Lucian Reich” gefunden.

Der arme Konrad und des Vogts Mariann’
Geschichte aus der Baar.
Mit einer Zeichnung von Lucian Reich.

Was habt Ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebstes Bübchen! Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimlich aus! Ja, eine ganze Heimath, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, die Baar, die an den Schwarzwald stößt. – Wie still

und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchem die Seele der jungen Mutter athmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das den kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitet sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräthe, und hat sich auch des behaglichen Hausthiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüsselchen rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch …

Bild aus dem Deutschen Familienbuch 1845

Bild aus den Wanderblühten 1855

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das offene Fenster haucht die frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nöthig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. — Wißt Ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in den Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht auch aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“, wie Gottfried von Straßburg sagt! nein, wir wollens frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.

Das kann schon werden, sagt er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypsernen Venus emporkräuselt.

Bild mit dem Hüfinger Künstlerkreis um den Tisch

Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal. Jetzt handelt es ſich darum, ihn weiter zu fördern.

Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: damit iſt alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke oder mit der Kugelmütze in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele Ernst geweſen ist.

Gedicht von Johann Peter Hebel

Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Engeln überlasen, nach welchen ſeine Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er ſeine erste Selbstständigkeit erlangt hat.

Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in der Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschoß herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muß er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hauſe „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den „Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hauſe sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim obern Bierhaus iſt’s lebendig; dort liegen die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.

Was wird denn gespielt?
Es wird gekegelt und gespengelt.

Nach dem Kugelſpiel brauch’ ich nicht zu fragen; aber das Spengeln, das ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen.

Das ist halt wie in England. Nur die zwei besten Spieler schieben die Kugeln, und die andern wetten auf sie. Das letztere aber heißt man Spengeln.

Warum?
Weiß nit.

Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem silberbeschlagenen Buche gelesen hat.

Meinethalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musiciren. Aber an Regensonntagen, da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick 

Zwick! das ist mir schon wieder eine unbekannte Gegend.

So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur.

Jetzt weiß ich, wo ich dran bin. Das iſt die Treibschnur; die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt.

O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht. Das iſt andre Arbeit.

Nun, was hilft’s? Die Freude wird auch nicht ewig währen. Wenn Hölty ſagt:

Bald sitzeſt du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero
Verschimmeltes Latein,

Die Knabenzeit von Franz Schubert

so ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in der Kugelmütze oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muß, und die Sonne scheint o lustig draußen, daß es einem wie Quecksilber durch alle Adern rinnt. —

Ja, das ist halt freilich eine harte Nuß. Wollen froh sein, daß wir sie durchgeknackt haben. Uebrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.

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Ja, im Winter thut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Marbel, Ball und andre Ergötzungen, und in der Schule selbst führten wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.

Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darfs mein Konrad nicht bringen; auch muß er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich’s da nicht um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge, als da sind die Geschichten vom frommen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgi“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt.

Halt — kann er denn die Mädchen leiden?

Das nicht gerade. Vielmehr zöpft und ropft er sie, schenkt und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist’s ihm ein „gemähtes Mieele.“ Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei’s auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen. An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.

Noch einmal Halt — Ist keine darunter, die er — wie soll ich mich ausdrücken? — so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wißt schon — es gibt Fälle, man hat Beispiele.

Allenmal ist so eine drunter, das versteht sich.

Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name thut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigenthümlich besonders nicht leiden kann.

Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang.

Also Marianne?

Des reichen Vogts Marianneli. Die jagt er immer am hitzigsten, die kneipt er am ärgsten, wenn er sie erwischen kann.

Und doch hat sie ihm gewiß nie etwas zu Leide gethan.

Bewahre, sie könnte seine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das feine freundliche Mädli nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kamerädinnen ist.

Doch kann das im Stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, daß sie ein wenig vornehmer ist als er.

Freilich thut er das, und ich will gleich so einen Zug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützt diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s Herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh’ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kamerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann’, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solches sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins? — Grad’ dir schenk’ ich keins, sagt er: warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in einem Schopf Tabak rauchten? — Ich kann ja aber nichts dafür, sagt sie, und die Thränen stehen ihr in den Augen, daß sie allein leer ausgehen soll. — Kauf dir eins, sagt er, ihr seyd ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache.

Sie sieht ihn aber nicht an?

Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule unten an der Hausthür auf sie, und sagt: da, Mariann’, ich schenk dir’s doch. — Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich’s auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. — Nachher ist sie aber gleich wieder gut.

Da muß er übrigens doch noch etwas extra thun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen.

Ja, nach seiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehentscheuer. Es wird hin und her gerathen, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben austheilen, sagt endlich der Konrad.

Das ist, schätz’ ich wohl, „Engel und Teufel“?

Ja, es kommt auf eins heraus. Die Kinder sitzen im Kreis, eines theilt die Farben oder Blumen aus, ein andres stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum andern und sagt ihm in’s Ohr: du bist eine rothe Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke, und so weiter. Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt’s: du bist ein Schlehenbusch, …

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du eine Brennnessel, du eine grüne Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. — Wer ist drauß? fragt die Austheilerin. — Der Engel mit dem Schein. — Herein. Was hätt’ Er gern? — Eine Farb’. — Was für eine? — Eine weiße Ros’. — Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel —

Den macht unser Konrad?

Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappendeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. — Wer ist drauß? — Der Teufel mit der Schürgabel. — Was hätt’ Er gern? — Nun bekommt auch der Teufel seinen Antheil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappen entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz alles Rathens nicht auf die rechte Farbe kommen kann. Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann’ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumennamen nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muß es sich noch gefallen lassen, daß die Seele, nach der er vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wüthend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorübermarschirenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann’ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten.

Zarte Aufmerksamkeit!

Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne ein Zeternmordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster heraus. Was gibt’s? — Der Konrad hat die Mariann’ in’s Gesicht geschlagen, daß sie blutet. — Hab’ ich dir nicht schon oft genug gesagt, du sollest nichts mit dem Roßer haben?

Welche Demüthigung für seine satanische Majestät!

Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Säule vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrenstiteln hinnimmt, faßt ihn eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in die Arbeit.

Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen!

Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem ge­strengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer der Buben führt, zählt er ihm noch etliche aus dem Ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich in’s Bett. — Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, die Prügel braucht ihm hernach der Amtsdiener nicht mehr zu geben, es ist besser, er hat sie von mir. — Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.

Wenn er das vorherwüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der er hier so harmlos träumt. Da kann man wohl sagen, wie es in der Glocke heißt:

Ihm ruhen noch im Zeitenschosse
Die schwarzen und die heitern Loose.

Freilich wohl. Wenn ich so einen kleinen runden Kinderkopf sehe, so pflege ich immer zu denken: Du wirst der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.

Und doch, wie klein sind die Anfälle, über die wir zuerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Thränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!

Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.

Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsern Augen das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihren vollkommenen Gestalten, die wir in Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist manches böse Fädchen verschwunden, das uns so wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut; denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornehmlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. — Aber nun webt mir für unsern Schützling einige freundliche Fäden ein.

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Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig thut mir’s leid, daß ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die rechten grauen und schwarzen; denn es nöthigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.

Ihr seyd unerbittlich wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.

Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen; denn seine Eltern sind sehr arm.

Wie? da sagt Euer Bübchen die Wahrheit nicht. Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armuth, und das Zimmer sieht ja so blankgescheuert und wohlhabend aus.

Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichthum, gilt aber doch nichts im Pfandbuche, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Hause aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unsern Konrad, wenn er in Armuth aufwächst?

Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus.

Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet sich auf dem Felde krumm, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht dreizehn Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.

Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so gräßlich auf! Wie und wo kommt denn der um’s Leben?

Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge.

Halt, halt, Meister Lucian, man muß den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, so lange es mit Ehren geschehen kann. Oder — ja, nun merk ich’s — Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während Ihr mir weiß macht, daß Ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecke der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.

Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich Euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus dem abnehmen, was —

Was etwa seinem Vater geschehen ist?

Nun, ich will nur so viel sagen, daß ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes, und daß ich, dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelrohr vor das zugedrückte Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; denn ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.

Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchel und theilt es mit; ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.

Darauf legt Meister Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.

—

Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stückchen blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Mariens ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsre liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.

Den Beweis hiefür mögen Wetter- und andre Propheten führen. So viel ist entschieden gewiß, daß Anno Damals am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blaue Himmel sich über dem alten Städtchen Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Thore gesegnet; auch hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf den Gartengehegen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüth geradezu Hosen zu nennen wagt; sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fang­schnüren. In der Ferne hörte …

Jakobsfahne vom Hofmaler Weiss

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man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen abgelegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen, denn dies sind die Stadtfarben, ausgestopft. Wer im Feld zu thun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte seinen Tschako noch lasiren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefeln, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.

Wenn es nur auch so hält, sagte der alte Hafnermeister, indem er seinen Gappeurdbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig herausstaffirte.

Es bleibt gut, bemerkte sein Nachbar, der kassianene Gerbermeister. Mein Laubfrosch sitzt schon seit vorgestern früh hoch oben auf der Leiter, und das Männli am Rathhausfähnli läßt gutes Wetter supponiren.

Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben, erwiderte der Andere.

Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Stadt- und Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit großer Herrlichkeit begangen wird. Dieser Tag ist für die ganze Baar ein Volksfest, zu welchem von nah und fern Gäste herbeiströmen. Nicht wenig trägt zum Glanze des Tages das Bürgermilitär bei, das auch in der ganzen Gegend als das beste im Exerciren und Marschiren berühmt ist. Kein andres Corps feuert so präcis. Die Salven sind meist Ein Schlag; wunder selten schießt einer vor, und wenn je einer nachschießt, so trägt gewiß nicht er, sondern das schlechte Pulver oder das große Zündloch die Schuld. Die türkische Musik ist von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs Trefflichste eingeübt, und wer sie spielen hört, sollte nicht glauben, daß die Hände, welche diese Instrumente so fertig behandeln, meist mit schweren Feld- oder Handarbeiten überladen sind.

Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberst, der treffliche Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah er aus, wenn er im goldbordirten Hute mit den grünen Hahnenfedern vor der Fronte stand.

Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marti, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne seine Kleider ziehe oder der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bube in der Eigenschaft eines Feldjägers athem­los und schweigend dahergelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn. Gedachter Marti war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte; und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerciren gründlich studirt bei den Oesterreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, daß selbst der Major „das Meiste von ihm habe.“ Gleich! sagte er, gleich werd’ ich erscheinen. Er rückte noch einmal sein Gewaffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger bei dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgercorps in Reih’ und Glied und begann sämmtliche Schwenkungen und Märsche, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinterher aber zog ein Haufe Buben mit Bohnenstengeln statt der Gewehre, und machte alle Exercitien glücklich nach.

Stellt euch, sagte der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren, stellt euch nur morgen auch alle präcis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, daß wir den alten Ruhm der Hüfinger Bürgergarde nicht einbüßen.

Litographie von Josef Burkhard dem Hüfinger Bürgermeister im frühen 19. Jahrhundert.

Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwaibel Marti und den alten Corporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauten zu: Ihr Leut’, ich fürchte, daß uns die Zwei — hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin — morgen bei der Salve Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer ist, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten. — Herr Major, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: das wird’s nicht wohl thun; wir erzürnen die Leutle. Ich weiß ein besser Mittel, laßt nur mich machen. Morgen, bevor und daß wir einmarschiren, will ich thun, als visitire ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Seilstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut’ haben ihr Plaisir. — Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandirte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Bohnenstengeln heimtragen durften.

Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Bursche die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf dem Rücken, kam aus dem Felde. Der andre schien auf der Reise …

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begriffen zu sein; er mochte etwa vier und zwanzig Jahre zählen, ein strammer Bursche mit braunem Haar und röthlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit hergehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: über den neuen schwarzen Lederhosen die neue grüne Sammthaube, die man in unserer Gegend „Schoopen“ heißt. In der Hand trug er eine schwanke Haselnußgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken Hieb, der vor ihnen hertanzte.

Aber Konrad, sagte der mit der Sense, das kann ich dir sagen, seit du in der Neustadt bist, kennt man dich fast nicht mehr; du bist ein Weltkerle geworden.

Drum schmeckt mir Essen und Trinken, erwiderte der im Sonntagsstaat, und überflüssige Sorgen mach’ ich mir auch keine.

Ja, wenn nur eine Gewisse nicht wär’!

Geh mir weg mit dem Geschwätz, Franzsepp! rief der Konrad. Was soll denn das für eine Gewisse sein? Vom Hörensagen lügt man gern. — Er brachte schnell das Gespräch auf eine andre Materie, und als sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so daß man die vergoldeten Zeiger der Thurmuhr sehen konnte, machte er ein paar von den blanken runden Knöpfen an der rothen Weste auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kir­chenuhr. Sechs Uhr! sagte er. Die geht eine halbe Stunde früher, als die Neustädterin. Sechse, Siebene — bis um Achte bin ich daheim.

Ei was! kannst’s auch Neune werden lassen, rief der Franzsepp. Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler mit einander trinken, denn so jung kommen wir doch nit mehr zusammen.

Nichts da, viel Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!

Aha, der Mensch will heim! Das muß ja ein großmächtiges Herzgesperr sein, und das Zugpflaster darauf noch größer, weil’s dich so völlig in’s Heimwesen zieht. Aber morgen kommst doch zum Fest?

Freili, freili! rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Thore über die Breg führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen, wenn sie kaum den Löffel gewischt haben, wandern sie in aller Seelenruhe zum Thore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht es sich ja gar so gut von allem, was die Woche über passirt, von Altem und Neuem, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen; sie kommt auch wohlfeiler als die im Wirthshause. — Heute, an einem so geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit undenklichen Zeiten in Stein ausgehauen auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und verdrießlicher Miene sah er wie immer dem Lauf der Breg nach, und hatte seine gewöhnliche Laune nicht abgelegt.

Alt Hüfingen mit deer Breg

Der Wanderer verließ die Brücke und ging den Bußweg hin, der durch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegenden, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindigkeit oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zogen sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde: denn nachdem die Betglocken, welche der Umgegend den kommenden Festtag verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathhausstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.

Was trieb ihn denn so vorwärts und was hieß ihn immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinen Eltern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an lange Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschten? oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ihn der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? — Hier ist nun der Ort, wo Ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündchen von Hüfingen zu dem Bauernorte zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und einen andern Weg einschlagen; wenn wir unsre Schritte fördern, so kommen wir immer noch zu gleicher Zeit mit ihm an.

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Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen.

Richtig. Der Marsch ist nicht so weit als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein Vater aus Rußland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der dreizehnjährige Waisenknabe nur noch einen einzigen Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß, und verheirathete sich später nach Neustadt. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihn ein Verwandter zu sich, der seine Rinder hatte, aber sehr vermöglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf einem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegt; im Uebrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Der Krieg hatte ihm, wie noch manchem andern, Kreuz und Herzeleid gebracht und Wagen und Rosse genommen. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt; auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der That im Stande gewesen, „die Haut um ihren Balg zu schinden“. Dieser trockene einsilbige Vetter und dieses „genaue“ Weib waren nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und trübe Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, daß ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da es der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählig zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.

Dazumal waren noch die Roß- und Nachweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte glorreiche Roßbubenverfassung, welche seitdem auch von dem zerstörenden Geiste dieser Zeit umgekehrt worden ist. Da nämlich die jungen Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, daß sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektirt wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „auffuhren“, d. h. die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeines Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mußten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stilllieger“ und waren die Oberhäupter der andern. Sie lagen nämlich still, d. h. müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußten ihre Unterthanen alle Arbeit für sie thun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und absäumen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit Einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolks. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein dabei eingesetzt werden. So geschah es unserm Konrad, daß er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall that und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, daß er ein Stilllieger werden sollte. Der Barbier des Orts, der sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, ein wirklicher Pfleger an ihm wurde, volle Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.

Aber er hatte auch noch Muße, um andre Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein achtzehntes Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegt, die Mädchen des Dorfes mit andern Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, daß dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermuthet hätte. Was er auch thun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg.

Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareili mit den schönen rothen Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Grie­stony’s „zumpfere“ Agnes? Oder eine von des Egerte-Baschi’s? Keine von allen diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche er als Bub’ bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinen willen in Thränen zu sehen ihm ein Genuß gewesen war? Ja die, die war’s, des alten vermöglichen Vogts sein feines Marianneli, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei. Freilich hätte er ihr lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliche …

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Bildchen vor seine Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden sollte, denn er wußte wohl, daß Berg und Thal zwischen der Tochter des Vogts und einem armen Bauernknechte stand. Er konnte aber nicht; denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letzt angeschaut hatte, so daß es ihm dabei war, als sähe er in ein Paradies hinein. Ihr rother Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht so sehr zu seinen Gunsten auslegen.

Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammersfenster oben herausschauen durfte, da konnte er doch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, daß das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, niemand anders war, als das Marianneli. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpfchen ein klein wenig herum, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.

Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach Hüfingen, um das „Soldatenloos“ zu ziehen. Zu Fuße zogen sie aus; das ganze Dorf wünschte ihnen Heil und Glück. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der conscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammen genommen hatten, wieder zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen. Die meisten waren betrunken. Vorne auf dem Wagen saß ein Bursche, der den größten Strauß auf dem Hut und den größten Rausch darunter trug. Der lustige Zufall, daß bei der Ziehung Nummer Eins an ihn gekommen war, hatte ihn ganz ausgelassen gemacht. Deshalb ließ er sich’s auch gefallen, daß ihm die andern einen Bogen Papier, mit einer großen 1. bezeichnet, auf seinen Buckel hefteten; denn wenn er fidel war, so konnten seine Kameraden alle mit ihm treiben; fing er aber nicht von selbst an, so durfte es sich keiner herausnehmen, ihn zu spotten. Als der Wagen in’s Dorf herein und an dem Hause, an welchem die Mädchen bei einander standen, vorüber fuhr, schrie er diesen zu: Hell auf und glatt weg, ihr Jungfern! jetzt müßt ihr eure Hoffnungen auf mich fahren lassen. Viva ’s badisch Corps! Hierauf stimmte er das Lied an:

Wollt ihr wissen, wer ich bin?
Ich bin ein Soldatenkind,
Hab’ auch Lust zum Streiten.

Einer blies Klarinette dazu. Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf seine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: Verspielt! Nummer 17! entgegenhielt, da wurde die gute Mariann’ blaß bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm noch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.

Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft los gemacht hatte, ich bin froh, daß ich fort komme. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann’ kannst du dir keine Hoffnung machen. Sie ist hübsch — dazu reicher Leute Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, daß sie dich möchte, wenn du auch zehnmal heirathen könntest, einfältiger Kerl? Also nur fort — ich bin ein Unglückskind — fort, fort!

So hat schon oft einer gesagt, und ist dennoch daheim geblieben.

Hast du denn gar keinen Fehler? fragte ihn sein Vetter nach einigen Tagen, als er sich zur Visitation stellen mußte. — Zwanzig Jahre und kein Fehler! sagte die Riedbäurin dazwischen: das wär’ mir was! Jugend hat kein Tugend. — Von solchen Fehlern ist nicht die Red’, Annekäther, bemerkte der alte Riedbauer. — Keinen, daß ich weiß, erwiderte Konrad. Den linken Arm kann ich nicht mehr so stark biegen, seit ich ihn gebrochen habe. — Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben, sagte sein Pfleger. — Ja, dachte Konrad, ihr könnt lang warten; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.

Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt. Was ist’s denn mit dem Arm da? fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem andern Tone, als das Marianneli einst gefragt hatte. — Ich habe ihn vor zwei Jahren gebrochen. — Untauglich! hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonders kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, daß noch ganz andre Kerle vor der Thüre standen.

Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amtshause ging: das hab’ ich schon gemerkt, daß der Soldatenstand just kein Schlaraffen ist. — Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in der Abstandsbude unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte…

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er in den Bart hinein: Aufrecht, dummer Bauerntölpel!
Wie aber der Konrad auf dieses mit einem ingrimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, daß der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.

So hatte ihm also das Vorhaben, durch die Nöthigung der Umstände aus seinem heimathlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben? Da waren namentlich zwei, der Sohn des Krämermichels und der obere Bierwirthsohn: die waren nach anderthalbjähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und warfen mit französischen Brocken um sich. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimathleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs thaten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andre in Bern oder Lausanne ein „großartiges“ Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu Gefallen entschlossen sie sich endlich, zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. In Frankreich ist es so und so, pflegte der eine, der ein halbes Jahr im Elsaß gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der andre hatte die Parole umgekehrt: So ist’s in der welschen Schweiz nicht, wo er hin, so oft ihm etwas mißfiel. Leider aber stieß der erste, der Franzos’, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann’ auf’s angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahr wurde, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe. Da kam ihm denn ein Antrag seines Bruders eben recht, der ihn ermahnte, die Nase doch auch einmal ein wenig in die Welt hinaus zu stecken und nicht immer hintern Ofen hocken zu bleiben. Er rieth ihm für’s erste, bei seinem Nachbar, dem Wirth zu Neustadt, in Dienst zu gehen und späterhin mit einer Compagnie Uhrenhändler in’s „Land“ zu reisen. Denn so als armer Bauernknecht kannst du doch zu nichts kommen, schloß er. — Das „Land“ aber, von welchem er sprach, ist nichts mehr und nichts weniger, als Amerika. Warum man es in jener Gegend so heißt, das kann ich nicht sagen, vielleicht weil es das Land der Verheißung ist, wo einem die gebratenen Tauben in’s Maul fliegen.

Konrad ließ sich das nicht zweimal sagen. Am „Bündlitage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er seinen Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündelchen, das er in ein rothes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, daß das Marianneli just unter der Hausthüre stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitete ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim. Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. —

Im Wirthshause zu Neustadt merkte er bald, daß er hier in einem andern „Klima“ war. Es ging lebhaft zu an den langen Winterabenden. Uhrenhändler, die weit in der Welt herumgekommen waren, Schildmaler, Uhrmacher, Waldbauern machten die Gesellschaft aus. Da wurde französisch, englisch und deutsch durch einander parlirt, gewürfelt, gehopft und Wein genug dazu getrunken, während die dicke Wirthin schon seit nach dem Essen mit ihren Freundinnen Tarok spielte. Der Schwarzwälder ist beweglicher in seinem ganzen Thun und Lassen, was durch den Verkehr mit Fremden noch gesteigert wird. Bei den Bewohnern der Baar dagegen trifft man angeborne Ruhe und derbe Behaglichkeit; denn ihr Reichthum ist der Boden, ihre Beschäftigung der Feldbau. Deshalb konnte es unserm Konrad gar nicht schaden, wenn er zur Abwechslung auf seinem Lebensgange auch ein wenig „herumgetrieben“ wurde.

Das hielt ihn aber nicht ab, sich wachend und schlafend in die Heimath zurückzuträumen. Jetzt, dachte er manchen Abend, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen. Die Mädle spinnen, daß der Boden zittert, und die Mannsbilder liegen auf der Ofenbank. Jetzt kommt der alte Kapfer herein, reibt die Hände, klagt über die „Grindkälte“, begibt sich in den „Hinterofen“ und hebt von da aus zu erzählen an. Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Gespenster, namentlich wenn gerade der Wind im Kamin und um die Dächer rumort, und „die armen Seelen in den Lüften heulen.“ So hörte ihn Konrad in Gedanken alle die alten Geschichten wieder vorbringen, vom Riedgeist, der die durch’s Ried Wandernden in Sumpf und Graben führte, so daß sie umgekommen wären, wenn nicht die geweihte Schnee- und Nebelglocke, die jeden Abend um neun Uhr geläutet wurde, ihnen heraus und …

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auf den rechten Weg geholfen hätte, — vom Deckrischen Eßeli, die bald als junges Bauernmädchen, bald als altes Weib dem Wanderer auf den Rücken hockte und ihn erst am „Trank“, wo der Wald endet, wieder verließ. Dem Eseli war der Kasper mehr als einmal im Walde begegnet. Der Krieg, schloß er gewöhnlich, hat aber die meisten dieser Geister vertrieben.

Solche und andre Scenen malte sich Konrad aus, während die Würfel der Schwarzwälder um ihn her klapperten; aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur ein Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter und kehrten in des Vogts Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich kein Hausrecht hatten. — Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimath nähert, gleich Schritt mit ihm halten wollen; denn seht, er ist auf einmal bedeutend in den Marsch gerathen, und wenn ihm das Elseli nicht unterwegs aufhält, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kasper von ihr erzählen zu hören. Aber bei dem ist kein Platz mehr, daß ein Elseli aufsitzen könnte.

Ansicht von St Verena und Gallus mit Statue von Xaver Reich

Als er in die Neustadt zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, daß seine Base, die Riedbäurin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich; denn er wußte wohl, daß ihm seine Frau trotz ihres unfreiwilligen Wesens, unentbehrlich geworden war. Die Ehe hat unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, daß sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, daß zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so an einander gewöhnt und gefesselt waren, daß der überlebende Theil bald seiner losgerissenen Reiserbse nachwelken mußte. — Am Donnerstag, sagte der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße; darunter war aber ein ganz besonderer vom — Marianneli.

Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmungsgeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Theil des Tages das Gegentheil von dem, was er am Morgen gewesen. Es schien ihm etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlich betreten umher und war so zerstreut, daß er den Pferden den Wasserkübel statt des Heus in die Krippe schüttete.

Was hatte er denn gewagt? Es gab jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimniß bleiben sollte. Denn wie das Marianneli den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergesell, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet ihr viel hundert Grüße aus von Konrad, — er sei nämlich bei ihm g’west in der Neustadt drin — und praktizirte ihr dabei ein Brieflein in die Hand. Sie wurde blaß und roth vor Schrecken, und hätte beinahe das schwarz mit Goldschnitt eingebundene Gebetbuch und das „Nister“ mit den blanken silbernen „Gottegeldern“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie dem Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und mit begierigen Augen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:

Zuvor muß ich abbitten das ich die Keckheit habe Dich mit diesem Schreiben zu belästigen. Ich kann nicht unterlassen dir mein ganzes Herz zu zu eröffnen. Ja liebste Mariann du wirst zwar…

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sagen ich sei nicht bei Verstand. Ja! es kommt mir oft selber auch so vor.

Jetzt muß ich nur diese einzige Bitte an Dich stellen, wie es wäre wenn ich jetzt mit einer Compagnie Uhrenhändler fort gienge und kam nach einiger Zeit wieder zu rück und ich konnte mir von dem ersparten Geld einen kleinen Gewerb kaufen und die liebe Mariann wär noch nicht geheurathet. Gefetzt der Fall sie hätte von denen die um Sie angehalten haben keinen mögen??

Ich möchte nur wissen ob die liebe M. auch hie und da an mich denken thut wenn ich fort bin, im fremden Frankreich oder Amerika. Wenn ich das wüßte ging ich hundert mal ringer fort. Zum Schluß muß ich die liebe M. von Herzen bitten mich dieses Schreiben wegen nicht aus zu lachen oder gar verspotten. Denn wie es mir ums Herz ist muß es heraus, und ich meine ehrlich. Mündlich war ich nicht so keck. Leb tausend mal wohl. Viel tausend Gruß an Dich und zürne nicht.

Dein Dich bis in den Tod liebender
Konrad
in der Neustadt.

NB. am Donnerstag komm ich hinaus zu Euch zum Opfer für die Baß da hoff zu erfahren wie es mit mir steht. Legst du in der Kirche unter der Wandlung dein Gebetbuch auf die rechte Seite so sehe ich es als ein günstiges Zeichen an — legst du es aber links so ersehe ich draus daß du von mir nichts wissen willst.”

Was nun am Donnerstag in der Kirche geschah, das weiß ich nicht zu sagen, denn wer wird auch so genau darauf sehen, ob die Mädchen ihre Gebetbücher links oder rechts legen? Aber so viel ist gewiß, daß der alte Kasper die Beiden am Gartenhag unter dem Obstbaum beisammen sehen sah, Hand in Hand. Da es jedoch heller Tag war und die Erscheinung nichts von Gespenstern an sich hatte, so behielt er sie vorläufig für sich. Der Vogt soll derweil im Adler und die Vöglein auf einem Krankenbesuch in der Nachbarschaft gewesen sein. — Ein nichtsnutziger Distelfink schrie nachher aus Leibeskräften in der ganzen Gegend herum, der Konrad habe das Marianneli frei frank geküßt. Er hätte sie gern in’s Geschrei gebracht; aber es achtete niemand auf ihn.

Auf dem Heimwege summte Konrad das Lied vor sich hin:

Keine Kohle, kein Feuer kann brennen also heiß,
Wie stille heimliche Liebe, die niemand nicht weiß.

Dazwischen hielt er auch, während er wieder auf jener Höhe stehen blieb, ein Selbstgespräch, und das lautete wie folgt:

Kreuz Donner — des Vogts Mariann’, ’s schönſt Mädl im ganzen Ort! Und — du! Herr Gott!

Nachdem er aber solches gesagt, hub er abermals zu singen an.

Von dieser Zeit an war er wie umgewandelt. Die ganze Welt kam ihm schöner und heller vor. Das Marianneli hatte ihn um Gottes willen gebeten, er möge doch sein Vorhaben, nach Amerika zu gehen, fahren lassen; unser Herrgott könne sie ja auch ohne dies das Ziel ihrer Wünsche erreichen lassen.

Das war nun fromm und gut gedacht; aber Konrad sah wohl ein, daß er jetzt die Hände regen müsse. Durch Fleiß und Anstrengung, sagte er zu sich, hat es schon mancher zu etwas gebracht. Muß man denn mit dem Geldsack geboren werden, wie dieser und jener, die deswegen doch Strohköpfe sind? Frisch gewagt ist halb gewonnen! — Seit ihm die Mariann’ gesagt hatte, wie gern sie ihn habe, war ihm sein Muth und Selbstvertrauen mächtig gewachsen, und er wäre um ihren Besitz bis an’s End’ der Welt gelaufen. Die Uhrenbändler-Compagnie, der er sich anzuschließen gedachte, wollte schon im Herbst aufbrechen. Sein Vetter, der Riebauer, als er ihm seinen Entschluß mittheilte, hatte in seiner gewohnten trockenen Weise darauf erwidert: Es kann nichts schaden, wenn du auf dir selber bleibst. — Der Tod seiner Frau schien nichts in seinem Wesen geändert zu haben; nur war es auffallend, wie er oft zerstreut mit suchenden Blicken durch die Stube ging. Den Konrad hatte er, was dieser auch einwenden mochte, genöthigt, noch einen Tag länger bei ihm zu bleiben. Das war ein langweiliger Tag für ihn gewesen; denn sein Vetter that den Mund nicht auf, und das Marianneli konnte er nicht mehr zu sprechen bekommen.

Die gute Mariann’ saß inzwischen zu Hause, und dachte, den Kopf auf die Hand gestützt, darüber nach, was ihr Vater zu dieser „Bekanntschaft“ hinter seinem Rücken sagen würde. Das sollte sie nur allzu bald erfahren.

Als Konrad seine Verbindung mit der Uhrenbändlergesellschaft in’s Reine gebracht hatte, schrieb er ihr einen Trostbrief, worin er ihr die Nachricht, daß die Sache abgemacht sei, auf die gelindeste Weise beizubringen suchte. Diesen Brief gab er einem Zweischgenwassermanne mit, der bei dem Vogt aus- und einging, und den er zufällig in der Neustadt traf. Derselbe wurde aber unterwegs aufgehalten, und weil ihm Konrad gesagt hatte, es pressire, so überlieferte er den Brief

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einem Bauern aus dessen Dorfe, dem er just auf dem Löffinger Fruchtmarkt begegnete. Er sagte ihm aber nicht, von wem das Document sei und was es damit für eine Bewandtniß habe, sondern schärfte ihm lediglich ein, den Brief dem Marianneli richtig einzuhändigen und den Alten nichts davon merken zu lassen. Der gute Mann, der keine Ahnung hatte, was in einem solchen Schreiben stehen könne, wovon der Alte nichts wissen dürfe, trug den Brief getreulich heim. Wie er ankommt, sieht er die Vögtin aus dem Hause gehen, und denkt: Jetzt ist das Nest sauber; den Vogt treffe ich ohnehin nicht, um die Zeit sitzt er im Adler drüben und trinkt sein Schöpple. Geht also gutenmuths hin und macht die Thüre auf. Wer aber gerade vor dem Spiegel steht und den Seifenschaum aus dem fetten Gesichte trocknet, das ist der Vogt. Es ist doch verflucht, daß mich das verteufelte Katzendokterle jedesmal schneiden muß, wenn es mich halbirt, spricht er dazu und legt ein Stücklein Zündschwamm auf den beleidigten Theil, welcher aussieht, als ob der Pflug über ihn gegangen wäre. Der arme Mann erschrak und wollte wieder rücklings zur Thüre hinaus. Der Vogt aber, der ihn in dem unseligen Spiegel gesehen hatte, sagte, ohne sich umzuwenden: Nu, Antoni, was bringt Ihr Guts? — Dies machte den Liebesboten vollends ganz bestürzt und verwirrt; er stotterte etwas von einer „Commission“ und von der „Jungfer Tochter“, legte zuletzt den Brief auf den Tisch und salvirte sich zur Thüre hinaus, indem er „Nichts für ungut!“ murmelte.

Der Vogt sieht ihm verwundert nach. Jetzt erst hat er sich umgekehrt, sein Auge fällt auf den Brief; den betrachtet er gemächlich von allen Seiten. „Cito cito“ stand auf der Adresse. An meine Tochter? sagt er: das werd’ ich doch auch wissen dürfen. Krack — ist das Siegel offen und — Himmel — Kreuz — Hagel und so weiter und so weiter — Welch ein Gewitter brach über die arme Mariann’ herein, die in diesem verhängnißschweren Augenblicke, Geschäfte halber an nichts denkend, unter der Thüre erschien. Der zweifelhaftigste Wetterprophet hätte ihr das Einschlagen prophezeit, so furchtbar tobte und „töberte“ der Vogt über diese „heimliche Garess’“, wie er sich auszudrücken beliebte. Zu guter Zeit kam jetzt auch die Mutter nach Hause und wendete das Aergste von der Armen ab. Die Vögtin hatte von jeher solchen Donner- und Hagelwettern gegenüber eine Art von Assecuranz geltend zu machen gewußt.

Marianneli war bis in den Tod betrübt, und konnte ihrem Konrad nur so viel zu wissen thun: er möge um Gottes willen nicht mehr an sie schreiben und sich ja nicht so bald wieder im Orte blicken lassen. Alles sei verrathen.

So schnell Konrad im Hoffen und Vertrauen gewesen war, so schnell ließ er sich nun durch diese Hiobspost darniederschlagen. Eigentlich hätte er sich von Anfang an vorstellen können, daß es über kurz oder lang so gehen werde. Aber diese jungen Köpfe finden ein besonderes Vergnügen darin, sich durch jeden Hasenfuß, der ihnen über den Weg läuft, lustig machen zu lassen. Es ist aus, rief er, ich seh’, es ist alles aus! Das beste für mich ist: fort, in die Welt hinaus, und nie mehr zurück!

Er machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er dieses Leid über das arme Mädchen gebracht habe. Aber sehen mußte er sie doch noch vorher, um Verzeihung bitten und Abschied von ihr nehmen.

Er wußte, daß der Vogt jedes Jahr regelmäßig, und zwar meist in Gesellschaft seiner Töchter, zum Jakobifeste nach Hüfingen ging, und das ist der Grund, weshalb wir ihn diesmal auf dem Heimwege begriffen finden. Er hoffte die „Gewisse“, mit der ihn der Franzsepp geneckt hatte, bei dem Feste zu treffen, hoffte sie vielleicht noch vorher benachrichtigen zu können. Um eine Minute flüchtigen Gesprächs oder gar nur einen Blick aus der Ferne zu erhaschen, hat er die Wanderung angetreten und manchen guten Schritt gethan. Gott gebe ihm Gelingen! Denn wenn der Vogt morgen zu Hause bleibt, so ist die Rechnung ohne den Wirth gemacht.

Die Finsterniß brach immer tiefer herein. Um sich das Herz frisch zu erhalten, summte er ein Liedchen, das er in der Neustadt von einem Handwerksburschen gehört hatte:

’S gibt keine größere Freudigkeit
Auf dieser Erde,
Als wenn zwei junge junge Leut’
In den Ehstand treten.

Da gibt’s keine Sorg’ und Noth,
Kein Kreuz, kein Leiden.
Nichts als der bittere bittere Tod
Der kann sie scheiden.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nicht wie,
Muß er auf die Seite Seite sehn
Und schweigen still.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nit z’machen,
Muß er auf die Seite Seite sehn
Und freundlich lachen.

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Lachen, das ist ein schweres Ding,
Leichter ist’s Weinen.
Was ich am liebsten liebsten hab’,
Das muß ich meiden.

Unversehens stand er vor dem Dorfe, wo schon alle Lichter ausgelöscht waren. Er wollte in seines Vetters Hause niemand mehr wecken und ging still und leise die hintere Treppe, die vom Garten herführt, hinauf. Auf dem Boden war ein Gelaß mit dem Rang und Charakter einer Rumpelkammer, wo nie jemand schlief. Dort gedachte er zu übernachten. Er griff durch das Katzenloch in der Thüre, und richtig, der Schlüssel lag an der gewohnten Stelle. Nun tappte er in die finstere Kammer hinein und zwischen ausgedientem Roßgeschirr, zerbrochenen Rechen und Heugabeln herum, bis er endlich einen Haufen „Kuder“ (Abwerg) fand. Der thut’s aus dem Fundament, sagte er und legte sich darauf, nachdem er zuvor den Schoopen angezogen hatte. Er konnte aber lange nicht schlafen, denn er mußte tausend Pläne schmieden, wie er morgen in aller Frühe dem Marianneli ein Zeichen geben könnte. Endlich fiel er in einen unruhigen Schlaf, aus dem er bald wieder erwachte. Eine drückende Schwüle umgab ihn. Er stand auf und sah zum Kammerfenster hinaus. Todtenstille herrschte über dem Dorf. Kein Blatt rührte sich. Im Westen stand eine dichte Wolkenmauer, aus der es hie und da wetterleuchtete, schwarz und drohend am Himmel. Am Waldrand oben brannte in einem Hause ein einzelnes Licht; vielleicht war der Kasper, der alte Geisterseher, krank. Des Vogts Haus lag stumm und finster zwischen den Obstbäumen des Gartens. Der Wächter im Dorfe unten rief Mitternacht.

Konrad ließ das Fenster offen stehen, begab sich in sein Nest zurück und schlief bald wieder ein. Da träumte ihm, er stehe bei der Mariann’ und wolle ewigen Abschied von ihr nehmen. Wie er sie aber küssen will, wer kommt dazwischen? der Vogt! und ruft: Hab’ ich dir nicht schon oft gesagt, du sollest nichts mit dem — Abermals mußte er den unvergeßlichen Ehrentitel aus seinen Knabenjahren entgegen nehmen. Das Marianneli lief schreiend von ihm weg, er wollte ihr nach, der Vogt aber hob seine gewichtige Hand auf — da weckte ihn plötzlich ein mächtiger Knall. Die Kammertüre wurde aufgerissen, das Fenster schlug klirrend zu. Eine lange weiße Gestalt stürzt zur Thüre herein, stracks auf das Fenster los und riegelt es eiligst zu, während Konrad noch schlaftrunken den Kopf erhebt. Als aber dem Gespenst einige wohlbekannte Flüche entschlüpfen, erkennt er seinen Vetter. Nun ist es ihm wie ausgemacht, daß der Knall vorhin ein Schuß gewesen und das Haus von Dieben überfallen sei, weshalb der Riedbauer die Fenster zu verwahren trachtete. Er springt auf, seinem Vetter beizustehen; der aber an ihm vorbei zur Kammer hinaus: Zu Hülfe! Schelmen, Diebe! schreit er und rennt die Treppe hinab. Ich hab’ also doch recht, man will einbrechen, sagt Konrad, und erwischt ein altes zerbrochenes Joch: mit dem laß ich mir keinen auf den Leib, wart’, ich will euch den Text lesen, ihr Lumpengesindel!

Indem hört er seinen Vetter mit den Knechten die Treppe herauf kommen. Du stellst dich mit der Mistgabel unten an’s Fenster, commandirt er im Dunkeln, und ihr andern schlagt euch zu mir! sie müssen noch im Hause sein. — Die Thüre geht auf, und herein schreitet der alte Riedbauer voran mit dem „Heulicher“ in der Faust. Wo sind sie? ruft ihm Konrad entgegen.

Alle guten Geister — Morblement, das ist ja bigott der Konrad! schreit der Alte, wirft die Waffe weg und leuchtet mit der trüben Laterne vor. Ein Blitz, der die Kammer erhellt, hilft nach, und sie erkennen sich von Angesicht zu Angesicht. Ei so behüt’ mich Gott! ruft der Alte, etwas aufgeregter als gewöhnlich: du schlimmer Bub’, wie hast du mich erschreckt; es ist mir in alle Glieder gefahren.

Nun klärte sich das Mißverständniß auf. Der alte Riedbauer, der in der Nacht wenig schlafen konnte, hatte ein Gewitter herankommen hören, dem ein starker Sturm vorausging. Mit der verdrießlichen Sorglichkeit des Alters dachte er sogleich: Ich will nur sehen, ob die Magd nicht wieder einmal das Fenster droben offen gelassen hat! — und richtig, kaum gedacht, so hört er, wie das Fenster in der Rumpelkammer, das Konrad offen ließ, vom Winde hin und her geschlagen wird. Ingrimmig erhebt er sich aus den Federn, macht sich hinauf und wäre beinahe nicht auf die erbärmliche Weise mit dem unvermutheten Gaste zusammengerathen.

Nachdem sie sich nun hinlänglich angeschrieen und verständigt hatten, gingen sie alle in die vordere Stube hinunter, wo schon das übrige Gesinde im Gebet versammelt war. Eine der Mägde verfügte sich in die Küche, um das am Palmtag geweihte Scheit, dessen Rauch den Blitzen feuert, auf dem Herde anzuzünden.

Jetzt aber brach ein furchtbares Wetter aus, Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag, so daß das alte Haus in seinen Grundfesten erzitterte. Der Riedbauer hatte indessen einen schlechten Rock übergeworfen, seinen breitrandigen Regenhut aufgesetzt und ging mit den Knechten in den Stall, um die Stalltüre gegen das andringende Wasser mit Mist zu verwahren; denn der

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Regen fiel in Strömen und schwemmte sich draußen zu einem wahren See.

Endlich ließ die ärgste Wuth des Gewitters nach, das Donnerrollen verzog sich in die Ferne, und man wollte eben Anstalt machen, wieder in’s Bett zu gehen, als Konrad auf einmal sagte: Ich glaube, sie schießen auf dem Fürstenberg. — Jetzt ist’s los (schief), bemerkte der alte Riedbauer. Alle eilten vor das Haus und wendeten sich nach der Gegend jenes Berges, der eine weite Aussicht über die Baar gewährt und damals noch mit Wächtern und Kanonen für Brandfälle versehen war. Sie hatten sich auch nicht getäuscht. Deutlich sahen sie den Blitz des Pulvers, und bum! hallte der Schuß nach einiger Zeit in die Landschaft heraus. Jetzt wurde es im Dorf lebendig: da und dort klirrte ein Fenster auf. Wo brennt’s? rief man heraus. Niemand wollte es wissen. Am Horizont leuchtete eine starke Röthe auf.

Konrad stieg mit seinem Vetter auf den Heuboden. Sie hoben Ziegel und lugten mit scharfen Augen, konnten aber nicht über die Brandstätte einig werden. Während sie noch hin und her riethen, kam das Geschrei, es brenne im Walde, wo der Blitz eingeschlagen habe. Einige junge Bursche warfen sich auf ihre Rosse und jagten der Gegend zu, wo man das Feuer vermuthete. Die Feuerspritze wurde aus ihrem Behältniß herausgeschoben, Laternen geisterten hin und her. Der Vogt commandirte oben zum Fenster heraus; als er aber nicht gehört wurde, bemühte er sich auf die Straße hinab. Konrad, der seine Augen überall hatte, sah ihn unten erscheinen, und in diesem Augenblicke kam ihm ein guter Gedanke. Husch war er drüben, wo er das Töchterlein am Fenster sprechen hörte. Grüß Gott, Marianneli! — Um Gottes willen, flüstert sie, du bist’s! — Ja, ich — morgen — biet’ allem auf, um deinen Vater auf’s Fest nach Hüfingen — Er geht ja, er geht! — Gute Nacht! und fort war er. Denn daß der Alte nicht allein gehe, bedurfte keiner Erörterung.

Die Unruhe wogte inzwischen im Dorfe hin und her. Endlich, nach einer halben Stunde ängstlichen Harrens, kamen die Reiter zurück und meldeten, daß die ganze Sache nichts zu bedeuten habe. Der Blitz hatte bei einem einzeln stehenden Bauernhof in eine alte Tanne geschlagen, um welche etliche Klafter Holz aufgeschichtet lagen, sonst aber keinen weitern Schaden gethan. Das Feuer war erloschen, das Gewitter vorbeigegangen; bald schimmerten die Sterne wieder hell und klar durch die zerrissenen Wolken, und die aufgeschreckten Bewohner des Dorfes legten sich zu Bette, um noch ein ruhiges Morgenschläfchen zu thun.

In der Stadt aber dämmerte kaum der erste Morgenstrahl, als die guten Hüfinger durch die „Tagwacht“ aus ihren Träumen aufgerufen wurden. Mit innerlichem Behagen hörten sie von ihren Federn aus, wie die türkische Musik durch alle Straßen zog. Dazwischen knallten Schüsse freudig in den jungen Tag hinein und luden Nah und Fern zum Feste. Sie kamen vom untern Thor, wo die kurzen Böller, Katzentöpfe genannt, aufgestellt waren. Ein alter Soldat bediente sie, der in „Spaningen“ gewesen war und Wunderdinge davon zu erzählen wußte.

Vom frühen Morgen an war das Militär auf dem Exercierplatz beim Schützenhause versammelt. Der Major ließ es nicht an Ermahnungen fehlen, während seine Mannschaft fröhlich zusah, wie auf allen Wegen die Einwohner der umliegenden Dörfer in Schaaren zu den Thoren der Stadt hinein strömten. Alles freute sich über den klaren Tag und den schönen blauen Himmel.

Das Musikcorps aber hatte den goldnen Ochsen zum Sammelplatz gewählt, um sich auf die bevorstehenden Strapazen des Tages gehörig vorzubereiten. Einige ungeheure Platten voll Kaldaunen wurden aufgetragen; denn die Weisheit der Völker weiß, daß es sich mit leerem Magen mangelhaft musicirt, besonders was Blasinstrumente anbelangt. Eben kam noch eine volle Platte auf den Tisch, als eine Ordon­nanz vom Major erschien und den Tagesbefehl überbrachte: schleunig aufbrechen! Es war Zeit zum Einmarsch, die Glocken konnten jeden Augenblick in die Kirche läuten. Auf! rief der Kapellmeister. Alle griffen nach ihren Instrumenten und stürzten mit pflichtschuldiger Eile zu Thür und Thor hinaus. Nur Einer blieb noch ein wenig zurück. Die volle Schüssel mit den herrlichsten, fein abgeschmä­lzten Kaldaunen hielt seine Seele gefesselt. Wie? die sollte unberührt, gewissermaßen unbegraben bleiben? — Ich seh’ nicht ein, warum ich dem Ochsenwirth was schenken sollte, sagte er kaltblütig, indem er das Futter seines kübelförmigen Tschakos aufknüpfte und den duftenden Inhalt der Schüssel hineinschüttete. Dies gethan, zog er den Knoten wieder zu, setzte den Tschako auf und eilte mit der Gottesbescherung seiner Truppe nach.

Ein jeder Mensch hat seinen Geschmack, seine Leidenschaft, seine Herzensschwäche. Während solche Heldenthat an der Kaldaunenschüssel verübt wurde, befleißigte sich unser Konrad der Wegelagerei. Er hatte Morgens bei guter Zeit seine Lenden gegürtet und sodann bei der Höhe des Hexenberges, über den die Straße führte, seinen Stand genommen, um die Gegend auszuspioniren. Nicht lange harrte er also, da kam in der Ferne ein Bauernwägelein daher gerasselt, das er zu erkennen meinte. Wie er näher schaute, glaubte er auch einen

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dicken Mann darauf zu erkennen. Und wie er noch näher schaute, entdeckte er neben ihm einen weißen Hut, der ihm vollends gar nicht unbekannt vorkam. Schnell sprang er hinter einen am Wege stehenden Schlehenbusch, und siehe, da kamen sie! Selbstgefällig und breit saß der Vogt — doch was kümmerte ihn der! kein gleichgültigeres Ding gibt es auf der Welt, als einen Schwiegervater, von dem man gar nicht weiß, ob er es jemals werden wird. Er sah an ihm vorbei auf das Töchterlein, das im dunkelgrünen Sammtschoppen an seiner Seite saß, einen frischen Resedastrauß am Busen zwischen dem rothen Laß und Goller, unter dem weißen Hut ein paar sonntäglich geflochtene gewaltige hellbraune Zöpfe, und zwischen den Zöpfen das frische herzige Angesicht. Er hätte ihr weiß nicht was anthun können zur Strafe, daß sie so einen schlechten Werks hatte und keinen Blick nach dem Schlehenbusche warf. Der „Tralle“! konnte er denn nicht ausrechnen, wie viele Büsche sie schon vergebens drum angesehen haben mochte, ob nicht ihr Holderstock dahinter wachse? Er hatte ja die Wahl: warum stellte er sich nicht hinter einen solchen, dem ein Treffer zugedacht war? Für diesmal hatte er eine Niete gezogen. Sie sauste achtlos vorüber, und ihre schwarzseidenen Hutbänder flatterten lustig im Morgenwind. Er sah dem Wäge­lein nach, bis es hinter den ersten Häusern der Stadt verschwand.

Ich bin nur froh, dachte der Vogt, als er wenige Minuten nachher mit seiner Tochter, den Einmarsch der Truppen erwartend, am Fenster des goldenen Kreuzes stand: ich bin nur froh, daß sie die verteufelte Caress’ mit dem Konrad so bald vergessen hat! — Ihr Köpfchen war heute ganz absonderlich in Bewegung; alle Augenblicke streckte sie es zum Fenster hinaus. Nu, so hab’ doch nur noch ein klein wenig Geduld, sagte der Vogt zu ihr: sie müssen ja gleich zum Thor herein kommen. — Er glaubte, ihr Herz denke an nichts anderes, als an die Hüfinger Bürgergarde.

In diesem Fall hätte sie sehr ungeduldig werden müssen, denn der Einmarsch wurde wider Vermuthen verzögert. Als nämlich der Major „Angetreten!“ commandirte und die Trommler sich eben in Bereitschaft setzten, den Wirbel zu beginnen, bemerkte man erst, daß die große Trommel ihres Bearbeiters ermangle. Ohne diese Hauptperson war nichts zu machen. Noch fünf Minuten höchstens! und außer Vermuthungen und Gerüchten, wie sie täglich in den Zeitungen zu finden sind, war nichts Sicheres über den Vermißten in Erfahrung zu bringen. Jeder wollte ihn in einer andern Schenke gesehen haben. Der Tambour-Major stieß greuliche Flüche unter der großen Bärenmütze hervor. Lauf, sagte der Kapellmeister zu dem Triangelspieler, einem elfjährigen Dilettanten in einem faltigen rothen Frack, dessen Flügel bis auf den Boden hingen: lauf! und zählte ihm ein halbes Dutzend Vierhäuser an den Fingern her. Der Triangelist gab sein Instrument in die Hände des Bretenschlägers, dessen Tonwerkzeug auch Rollensieb oder zur Abwechslung Tambourin geheißen wird, nahm den großen Tschako unter den einen, den rolandsmäßigen Hirschfänger unter den andern Arm, vertheilte seine beiden Frackflügel eben so und begann nach solchen Vorbereitungen spornstreichs zum Thor hineinzurennen, als im gleichen Augenblick der sehnlichst Erwartete noch eiliger zum Thor herausrannte, so daß ihr Zusammentreffen einen musikalischen Klang, ähnlich einem Schlag auf die große Pauke, zur Folge hatte. Nachdem der Spätling von allen Seiten gehörig abgekapitelt und der verblüffte Triangelist an seinen Posten zurückgekehrt war, wirbelten die Trommeln und der Einmarsch begann.

Unter dem gewölbten Thore erscholl die Musik; zu gleicher Zeit fielen die Glocken ein. Eine unabsehbare Menschenmenge wälzte sich neben und hinter dem Zuge her. Alle Fenster waren mit geputzten Menschen, mit fröhlichen Angesichtern gefüllt; über die ganze Stadt verbreitete sich das herrlichste Festtagsgefühl. Die Bajonette der Bürgersoldaten blinkten und blitzten im goldenen Sonnenschein; die blaue Fahne mit dem Stadtwappen und dem Wahlspruch „für Gott und sein Volk“ flatterte freudig in der klaren Morgenluft.

Seht! sagten die Bauersleute, als die Musik vorüberzog: der dort spielt das anstrengendste Instrument, der schwitzt wie ein Präcepter. Damit meinten sie den, welcher die Kaldaunen im Tschako hatte; das Fett war ihm nämlich durch das Futter gedrungen und lief da und dort über sein Gesicht herunter. Gleichwohl machte er eine so zufriedene Miene, als ob er sagen wollte: „das Spiel des Lebens sieht sich heiter an.“

Frau in Schappeltracht

Nun erfolgte ein feierlicher Umgang durch die Stadt, wobei sechs Schappelmädchen das blumengeschmückte Muttergottesbild trugen. Dieses Ehrenamt bekleiden von jeher sehr stattliche Bauernmädchen mit reich verzierten Schappeln, welche schöne und geschmackvolle Kopf­bekleidung aus dem grauen Alterthume stammt und bei den Dichtern des Mittelalters unter dem nämlichen Namen eine große Rolle spielt.

Als das Militär vor der Kirche angekommen war, wurden die Gewehre auf dem Platze in Pyramidenform gestellt und mit Wachen versehen. Darauf begann der Gottesdienst.

Während des Hochamts finden wir die Mariann’ in einem der überfüllten Kirchenstühle. Sie betet in

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dem bekannten schwarzen Buche so inbrünstig, als wollte sie dem Himmel all ihr Leid und ihren Kummer klagen. Als sie ein Blatt umwandte, fiel ihr Blick auf ein eingelegtes Blatt, das von der kunstreichen Hand ihres Liebsten kam, und haftete lange auf der Einfassung von Rosen und Vergißmeinnicht. In einem grünen Kranze aber standen die Worte:

Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn’ aufgehet,
Und ich am Ende, wo der Abendstern entstehet,
So scheidet uns doch nichts: mein Herze bleibt dir
In Unglück und Gefahr, dein Herze bleibt mir.

Unter diesen Zeilen hatte er noch einen dörflichen Rebus angebracht. Derselbe lautete folgerndermaßen:

Rebus von Konrad für Marian mit einem Bild vom Sensemann

Ueber diesen Gedanken vergaß sie alles, was um sie her vorging. Ihr Herz war ganz bei Konrad, den sie vor der Kirche unter der Menschenmenge gesehen und dessen Gruß sie mit einem Augenwink erwidert hatte. Während sie so in ihre Träume versunken war, ertheilte der Priester den Segen. Die gläubige Gemeinde kniete nieder. Bataillon, fertig! wurde vor der Kirche commandirt. Feuer! und die Gewehre krachten, so daß das arme Marianneli beinahe vor Schrecken das Buch zu Boden fallen ließ. Dumpfe Böllerschüsse schlugen vom untern Thore her an die Kirchmauer.

Nach dem Gottesdienst spielte die Musik noch eine Zeit lang vor dem Rathhause. Der Schmelz und die Blüthe des Festes war aber jetzt vorüber. Wohl wurde noch exercirt und musicirt, manche Gewehrsalve krachte noch, aber die eigentliche Feststimmung war verflogen. Um den rechten Uebergang vom Zapfenstreichen zum Alltäglichen zu treffen, gibt es eine äußerst scharfsinnige Erfindung, welche auf der Uhrtafel gewöhnlich mit der Ziffer Zwölf bezeichnet ist. Diese trat denn auch jetzt zur angemessenen Zeit in ihre Rechte ein, oder, wenn ich es unverblümt sagen soll, die Leute begaben sich zum Mittagessen.

Die Zahl der fremden Zuschauer war bedeutend angewachsen, und die vierfüßigen sowohl als die geflügelten Bewohner der Baar erlitten an diesem Tage eine Niederlage, welche die Geschichte zu den schwersten zählt. Nachher zerstreute sich die Menschenmenge wieder im Freien. Vor der Vesper aber scheuchte sie ein kurzer Regen in die Häuser und Scheunen zurück. Da ging es bunt und kraus durch einander.

Ob und wo der Konrad gegessen hat, ist ein Geheimniß geblieben. Wir begegnen ihm erst wieder auf den Straßen, wo er wie besessen auf und ab rennt, um einen Blick, ein Wort von der Mariann’ zu erhaschen. Doch der Vogt wich und wankte nicht von ihrer Seite. Mißmuthig und halb verzweifelnd warf er sich endlich in ein Bierhaus, dem goldenen Kreuz gegenüber, wo er durch den beweglichen Fensterschieber spionirte. Ein Mädchen kam und stellte ihm ungefragt ein Glas Bier hin, das er instinktmäßig bezahlte. Das Gebräu des Königs von Brabant ist Labsal für den Durstigen, der es mit unzweideutiger Absicht genießt; wenn man es aber bloß zum Vorwande trinkt, so wird ihm die Menschenseele gram, und auf diese Weise ist es zu erklären, daß Konrad in seinem Hasse mehrere Schoppen nach einander vertilgte, ohne es recht zu bemerken, da sein Hauptberuf in genauerem Zusammenhange mit dem Fensterschieber war. Auf einmal sieht er den Vogt herauskommen, allein, das heißt ohne seine Tochter, und in eifrigem Gespräche mit einigen Bekannten, mit welchen er sich allmählig die Straße hinauf und in den goldenen Kreuz hinein verfügt. Wie ein Pfeil, von der Sehne eines Starken geschleudert, fuhr Konrad in’s goldene Kreuz hinüber.

In der Wirthsstube ging es sehr lärmend und lustig her. Die halbe Baar saß da und zechte wacker. Soldaten und Musikanten von Hüfingen verzehrten ihre Löhnung; denn nach Beendigung der Parade waren jedem fünfzehn Kreuzer Gage aus der Stadtkasse verabreicht worden, und wer sich eines Schnurrbarts rühmen konnte, der hatte noch eine Zulage von einem Groschen erhalten. Auf den Tischen lagen musikalische Instrumente umher; an den Wänden hingen da und dort die abgeschnallten Säbel.

Konrad blieb einen Augenblick unter der Thüre stehen und überschaute das Getümmel. Endlich erblickte er die, welche seine Augen suchten. Sie saß bei einigen ihrer Bekannten. Diesmal war er glücklicher als hinter dem Schlehenbusche: sie sah ihn ebenfalls, so wie er nur in die Thüre getreten war. Er gab ihr einen Wink mit den Augen. Stille erhob sie sich, kam herüber und stellte sich etwas abseits mit ihm in einer Fernstervertiefung.

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Sie hatte die Augen voll Thränen, als Konrad so vor ihr stand und ihre Hände fest in den seinigen hielt. Eine Zeit lang schwiegen sie still, dann begann er allerlei verworrene Dinge durch einander zu reden. Er sehe nun ein, sagte er, daß sie niemals zusammenkommen würden, er sehe deutlich, daß er zum Unglück geboren sei, und sie solle ihn nur so schnell als möglich vergessen. Wie ernstlich es aber mit dieser Bitte gemeint war, ist daraus abzunehmen, daß er im gleichen Athemzuge hinzufügte, es werde sein einziger Trost in dem fernen Lande sein, wenn er sich vorstellen könne, daß sie hie und da noch seiner gedenke. Sie erwiderte wenig darauf; denn sie war zum Tode betrübt. In drei Wochen, hatte er ja gesagt, werde er wahrscheinlich schon auf dem Meere sein.

Konrad war beständig bange, der Vogt möchte zurückkommen. Er wollte ihr eben zu verstehen geben, sie sollte ihn an die Thüre begleiten, um allda Abschied zu nehmen, als diese aufging und eine höchst widrige Störung den Scheidekuß der beiden Liebenden auf’s Grausamste vereitelte.

Zur Thüre herein kamen der oben erwähnte Wirthesohn, der im Elsaß französisch geworden war, und sein Freund, der junge Krämer. Der Erstere hatte, wie wir wissen, früher der Mariann’ auf’s Angelegentlichste die Coeur gemacht und Konraden hiedurch aus der Heimath vertrieben. Nach dessen Abgang war er zuversichtlicher und zudringlicher geworden, und gewiß würde der Vogt seine Bewerbung mit demjenigen Nachdruck, der sich von ihm erwarten ließ, unterstützt haben, wenn nicht gerade zur nämlichen Zeit einige Liebesaffairen der zweideutigsten Art, die er auswärts hatte, vom Gerücht in Umlauf gebracht worden wären. Dies machte den Vogt doch etwas bedenklich, seine Tochter einem Menschen von so wurmischem Charakter zu geben, und da er keineswegs der Mann der vertrackten Wendungen war, so konnte er nicht umhin, dem Bewerber seine Ansicht mit unverkennbarer Deutlichkeit unter die Nase zu reiben. Der Abgewiesene trug seinen Korb mit großer Bosheit von dannen, die er namentlich gegen Konrad kehrte, weil er in diesem den Haupttreffer erkannte, der ihm, zwar nicht in den Absichten des Vaters, aber desto gewisser im Herzen der Tochter vorgeschoben war. Wie er nun die Beiden so unvermuthet Hand in Hand am Fenster stehen sah, fing es alsbald wie lauter Gift und Galle in ihm zu kochen an. Er und sein Freund ließen Wein auffahren, „eine Maß vom besten“, und hierin lag eine hochmüthige Herausforderung, über die man nicht einen Augenblick im Zweifel sein konnte. Um aber seinen Zorn auf geistliche Art auszulassen, warf er den Teller mit dem Brode an die Wand, ebenso einige Gläser. Der Mariann’ zitterte schon das Herz im Leibe; aber es sollte noch besser kommen. Denn nun trat er halb betrunken mit verglasten Augen, die ohnehin nicht die schönsten waren, vor die Beiden hin und fing an zu fischeln. Konrad würdigte ihn anfänglich keiner Antwort. Der Andere aber wurde dadurch immer tückischer und beleidigender; er sprach von den amerikanischen Urwäldern und ihrem vortrefflichen Holze, das besonders gut zu Bettelstäben für Solche tauge, die nicht gerne arbeiten und deshalb auswandern. Da stieg dem Konrad das Blut in den Kopf; doch schwieg er noch. Als aber nun der Widersacher mit noch unverschämteren Redensarten und einem n’est ce pas, Madame Conrade? sich zur Mariann’ wendete, da übermannte ihn die Wuth, die Besinnung verging ihm, und comme ça flog der Franzos über Tisch und Bänke, daß Gläser, Teller, Flaschen umherwirbelten und der Wein in Strömen auf dem Boden floß. Allgemeiner Aufruhr. Wohlmeinende Hände griffen zu, um den wüthenden Konrad zurückzuhalten. Andere halfen dem Gestürzten wieder auf die zitternden Beine und führen ihm säubernd und bürstend über den von oben bis unten zerrissenen Rock. Sein Freund hatte eine durchaus neutrale Stellung angenommen. Der Hornist der Bürgergarde schoß wie ein Blitz herbei, um sein auf dem Tische liegendes Horn in Sicherheit zu bringen. Denn, sagte er, es ist wie wenn’s das auf sich hätte! Schon einmal wurde es mir zusammengequetscht wie ein Knöpfelsteig, drauß in Behla, wo ich aufspielte und mir zwei Combattanten mitten in den besten Händeln darauf hinstießen. Ich mußte es wieder auftreiben lassen. Am Ton hat es nichts verloren — contraire! — Als die größte Gefahr vorüber und die Ordnung im Groben hergestellt war, sprang auch die gerade anwesende Polizei herzu und predigte: Friede, Friede! nur keine Händel, Kinder Gottes, sonst —!

Konrad sah in das thränende totenblasse Angesicht, das ihn so flehend anblickte; er ließ die Arme sinken, sein Zorn schwand hin und es war ihm sehr übel zu Muthe. In diesem Augenblicke ging die Thüre auf und der Vogt trat herein. Konrad warf der Mariann’ einen Abschiedsblick zu und stürzte fort, am Vogt vorüber, die Treppe hinunter, zum Thor hinaus.

Und so sehen wir ihn denn wieder den nämlichen Weg dahinwandern, den er gestern hergekommen ist. Er hieb aber nicht mehr mit der Gerte nach den tanzenden Mädchen, er summte kein Lied mehr vor sich hin, er hielt kein Selbstgespräch. Finster und gedankenlos rannte er über Stock und Stein, ohne zu bemerken, daß die Sonne in rothem Dunste unterging und der Himmel

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sich übergoß. Die Nacht brach schnell herein; es fing still und durchdringlich zu regnen an. Als er am Zündelstein vorbeikam, sah die alte Burgruine finster und schauerlich in das enge Schwarzwaldthal herab. Unter ihr brauste die Breg dahin. Er blieb einen Augenblick stehen; es war ihm so wehe, daß ihm ein böser Gedanke durch den Kopf fuhr; doch gab er bald darauf der vernünftigen Erwägung Raum, daß er nicht schwimmen könne, und schleunig eilte er von der Stätte der Versuchung fort. Bei finsterer Nacht kam er, durchnäßt bis auf die Haut, in Neustadt an. Den Hut hatte ihm der Wind vom Kopf gerissen und einen Abhang hinunter geweht. Er tappte leise zu seinem Bette; aber müde und aufgeregt zugleich, wie er war, warf er sich die ganze Nacht in qualvoller Unruhe hin und her.

Aus diesem Bette war er gestern Morgen so fröhlich, so hoffnungsreich aufgesprungen. Galt es auch einen Abschied, vielleicht für’s Leben, so galt es doch einen kommenden Schmerz, und einen warmen Kuß dazu, den ein junges Blut auch unter den traurigsten Umständen nicht verschmähen wird. Nun aber, wie hatte der so lange ersehnte Tag geendet? Statt des Kusses mit einer Prügelei. „O harte Sehnsucht, süßes Hoffen!“ — Und was wird der Vogt zu der Geschichte sagen? Wie wird er toben über den Händel, der sich vor einer ganzen Stube voll Menschen um seiner Tochter willen erhob! Arme Mariann’! Ein neues Ungewitter über dir! und dein Liebster steht nun als Unruhstifter, als Händelmacher da. Jetzt ist er endlich doch, nur leider auf eine Weise, die er sich am wenigsten wünschte, zum Helden geworden. Das ist aber noch nicht alles. Das Schönste wird nachfolgen, wenn sein Widersacher, wie nicht anders zu erwarten, die Sache vor das Amt bringt. — Die Gesetze für Schlaghändel waren damals etwas strenger als jetzt. Schon sah er sich im Geiste auf der Bank vor dem Rathhause liegen, und der Amtsdiener mit dem Haselnußstecken stand daneben. Schöne Aussicht!

Jetzt nur so schnell wie möglich fort! war sein erster Gedanke, als er aus einem kurzen Schlummer den andern Tag erwachte. Aber was half es ihm, wenn er die Vorbereitung zur nahen Abreise auch noch so sehr beschleunigte! Er mußte eben warten, bis die Gesellschaft fertig war. So lebte er in beständiger Angst. Jeden Morgen fürchtete er eine Vorladung vom Amte zu erhalten. Er hatte sich schon ganz an den Gedanken gewöhnt, daß ihm das Vaterland ein tief wurzelndes Vergißmeinnicht mit auf den Weg geben werde, und war deshalb nicht sehr verwundert, als wirklich eines Morgens der Amtsdiener mit einer Invitation erschien. Er trage auch das, mein Herz! dachte er oder wenigstens schwebte ihm ein derartiger Gedanke vor, als er dem Boten der Gerechtigkeit mit etwas zögernden Schritten folgte.

Amtmiene und Amtssprache hatten, besonders dazumal noch, etwas Fürchterliches. Der Bescheid, der ihm zugedacht war, wurde mit einem Tone verlesen, als ob es ihm um den Kopf gehen sollte. Aber wie war ihm, als die gefürchtete Untersuchung sich in eine Nachricht verwandelte, die ihm so unvermuthet kam, als ein holländisches Erbe! Der alte Riedbauer hatte das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt, vorher aber noch darüber verfügt und seinem jungen Vetter einen beträchtlichen Theil seines Vermögens hinterlassen.

Konrad hatte nie auch nur im Traume daran gedacht, daß sich sein Schicksal auf eine so einfache Weise wenden könnte. Er stand stumm und starr vor Erstaunen; der Hingang des guten alten Mannes machte ihn schmerzlich betrübt. Als er aber von Amtswegen ein wenig angefahren wurde, kam er wieder zu sich, dankte im Stillen für die gnädige Strafe und machte, daß er weiter kam.

„Jetzt nur so schnell als möglich fort!“ dies war abermals sein erster Gedanke, als er das Amtshaus verlassen hatte; nur meinte er es ganz anders als jenen Morgen nach seiner Zurückkunft von Hüfingen. Daß er es aber anders und wie er es meinte, ersehen wir am deutlichsten daraus, daß er schon nach einer Viertelstunde auf dem Wege war, den er nie wieder zu betreten gehofft hatte. Ein Beispiel, wie der Mensch sich irren kann! Warum eilte er aber so sehr? Lag ihm denn der Mammon so gewaltig am Herzen, daß er’s nicht erwarten konnte, bis er ihn gehoben hatte? Gott bewahre! seine Absicht war eine ganz andere, obgleich der Mammon allerdings dabei eine Hauptrolle spielte. Laßt alle Poeten in der Welt zusammenkommen und ihre Schmuckkästchen umstürzen, um eine Liebschaft gehörig aufzuputzen, was hilft’s? Aber werft ein paar tausend solide harte Thaler dazu, die just nicht vorher gewaschen zu werden brauchen, dann, ja dann wird das Ding gleich ein anderes Gesicht haben. Warum also rennt der Pfiffikus, der Konrad, so spornstreichs dahin? Weil er sehr wohl weiß, daß er dem Vogt jetzt dreist unter die Nase treten darf, daß es diesem sogar eine Ehre sein wird, wenn er bei ihm „einkehrt“, wie auch, daß er sich wegen jener That­handlung kein Gewissen mehr zu machen braucht, sintemal dieselbe nichts weniger ist als eine gemeine Rauferei, sondern eine wohlverdiente Execution, dabei aber noch ein sehr lustiger Streich und ein absonderliches Heldenspiel, mit Einem Worte, um es nicht gar zu lang zu machen, er weiß, daß er

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aufgehört hat, ein „R . . . r“ zu sein, — und damit ist die Geschichte zu Ende.

———

Lassen wir zwei Jahre verstreichen, und machen dann noch einen flüchtigen Besuch in dem Dorfe, wo Konrad geboren wurde.

Es ist Sonntag früh, der herrlichste Sommermorgen, wo der Bauer zum Edelmann wird und der Städter ein armer Schlucker ist. Gleich beim Eintritt in’s Dorf sticht uns das weiland finstere rauchige Haus des alten Riedbauers gar stattlich in die Augen. Es ist von Grund aus „renovirt“, die Fensterläden sind frisch grün angestrichen, der fromme Spruch über der Hausthüre ist wieder aufgefrischt und mit einem zierlich gemalten Blumenkranze umgeben. Im Gärtlein hinter dem Hause blühen die Rosen, und der Nägeleinstock auf der Laube hinten gilt für den schönsten im ganzen Ort.

Wir treten in die von der Morgensonne freundlich erhellte Stube. Da sitzt still und im Gebet versunken unsre Mariann’ bei einer Wiege. In dieser Wiege schläft ihr Konrad, aber nicht der große, ihr Herr und Oberhaupt, denn der befindet sich so eben in der Kirche, sondern der kleine Konrad, ihr liebes Kind. In ihrer Hand erblicken wir das wohlbekannte schwarz eingebundene Gebetbuch mit dem goldenen Schnitt. Ob sie dankt oder bittet, das läßt sich so genau nicht sagen; vielleicht ist beides der Fall. Denkt sie aber an ihren Sohn, so betet sie gewiß, daß der Herr ihm eine leichtere Jugend schenken möge als seinem Vater, und dazu ist auch alle Aussicht vorhanden. Doch blickt sie so zufrieden in ihr Buch, als ob ihr kein Wunsch mehr übrig geblieben wäre. Der größte wenigstens ist erfüllt; denn nachdem Konrad das Haus und ein gutes Stück Feld von seinem wackern Vetter, dem frommen Bonifacius, angetreten und Amerika, das „Land“, links liegen gelassen hatte, so fehlte ihm nichts mehr als sein Marianneli. Ob der Vogt gleich eingewilligt oder Sperenzien gemacht hat, thut sehr wenig zur Sache. Genug, daß er eingewilligt hat; und das entnehmen wir mit Sicherheit daraus, daß die beiden jetzt Mann und Frau sind. Wen noch ein Zweifel plagt, der mag den Herrn Pfarrer fragen; wozu hat man denn die Kauf- und Trauungsbücher?

So eben sind die Glocken, welche zum Gottesdienste riefen, verhallt. Durch das offene Stubenfenster sieht man noch die letzten Nachzügler in die Kirche wallen, den alten Kasper, den Geisterseher, und eine Nachbarin mit ihrem Kinde. Sonst ist’s im ganzen Dorfe still. Nur die Bienen vom nahen Immenstande summen am Fenster. Der grünende Rosmarin, von welchem vor anderthalb Jahren die Mariann’ ihr Brautkränzlein nahm, steht, heilig aufgehoben und gepflegt, auf dem Fenstergesims.

Aus der Ferne aber, von Hüfingen her, hallen dumpfe Böllerschüsse. Sie feiern heute das Jakobifest.

Und eben jetzt, wo die junge Frau durch den wohlbekannten Knall an den Tag, der ihre Hoffnungen so grausam knicken zu wollen schien, erinnert wird, trifft sie beim Umwenden auf das Blatt, das immer noch im Buche liegt, und liest mit stiller Freundlichkeit: „Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn’ aufgehet!“

Die Sonne ging jetzt über zwei glücklichen Menschen auf, die wohl sagen konnten: „Dein Herze bleibet mir, mein Herze bleibet dir!“ und wenn der Abendstern am milden Himmel glänzt, so sieht er abermals zwei glückliche Menschen, die nach vollbrachtem Tagewerk froh plaudernd auf der Bank vor ihrem Hause sitzen.

Jeden Sonntag vor der Kirche kommt der Vogt mit der Vögtin herüber. Seit er nichts mehr gegen den Konrad einzuwenden hat, weil derselbe sein Schwiegersohn ist, glaubt auch dieser zu finden, daß der Alte sein so übler Mann sei. Wenigstens hat er die harte Schale abgelegt, und gleicht einer alten Nuß, die zwar vielleicht etwas ranzig, aber im Ganzen doch immerhin genießbar ist. Wenn er dann wohlgefällig mit dem dickbackigen kleinen Konrad vor dem Spiegel steht, so sagt er oft: Der wird wie sein Großvater, er schlägt mir nach. — Gott gebe nur, daß er nicht gar so eigensinnig wird! pflegt die Vögtin jedesmal darauf zu bemerken.

Mariann aus dem Familienbuch zehn Jahre Früher trägt sie keine Haube. Es schläft eine Katze am Boden. Draußen geht ein Mann. An der Wand hängt ein weiße Strohhut

Bild aus dem Deutschen Familienbuch 1845

Mariann liest im Buch an der Wiege. Im Hintergrund eine Schwarzwalduhr und am Boden schläft eine Katze

Bild aus den Wanderblühten 1855

76 Jahre nach der Abstimmung für einen Südweststaat

Wahlergebnisse 1950

Südbaden nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die politische Zukunft Badens keineswegs entschieden. Das Land war durch die Besatzungszonen geteilt: Südbaden gehörte zur französischen Besatzungszone, Nordbaden zur amerikanischen. Gleichzeitig wurden Pläne für einen Zusammenschluss der südwestdeutschen Länder vorangetrieben.

Am 24. September 1950 wurden die Menschen in Baden erstmals dazu befragt. Das Ergebnis war eindeutig: 59,6 % der badischen Bevölkerung stimmten für die Wiederherstellung des alten Landes Baden, während in Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern große Mehrheiten für einen Südweststaat votierten. Die Abstimmung hatte allerdings zunächst nur den Charakter einer Volksbefragung und war rechtlich nicht bindend.

Leo Wohleb, der damalige Staatspräsident von (Süd-)Baden und entschiedene Gegner des Südweststaats, erklärte unmittelbar danach: „Der schwäbische Angriff auf Baden ist abgeschlagen.“

Abgeschlagen war er damit allerdings noch lange nicht.

Da sich die Länder nicht auf eine Neuordnung einigen konnten, regelte der Bundestag die Angelegenheit schließlich per Gesetz. Bei der Volksabstimmung vom 9. Dezember 1951 stimmten in Baden erneut 62,2 % für die Wiederherstellung des alten Landes. Trotzdem entstand 1952 das neue Bundesland Baden-Württemberg.

Die Geschichte war damit allerdings noch nicht zu Ende. Das Bundesverfassungsgericht stellte 1956 fest, dass der Wille der badischen Bevölkerung durch die Entwicklung nach 1945 überspielt worden sei, und ließ ein erneutes Volksbegehren zu. Erst 1970 kam es schließlich zur endgültigen Abstimmung über die Wiederherstellung Badens – mit einem inzwischen völlig anderen Ergebnis.

Was damals geschah, welche Argumente für und gegen den Südweststaat vorgebracht wurden und wie die badische Frage in der zeitgenössischen Presse diskutiert wurde, zeigen die folgenden Zeitungsausschnitte.






De Südweschtstaat

1950 von Gottfried Schafbuch

S’rumoret zmol landuff, landab.
Min Nochber debret bsässe:
Jetzt, guck emol des Gschmier do aa,
d’Badenser sottes fresse.

Südweschtstaat schtoht do krottebroat,
Potzhageldunderwätter,
sott ech am End en Schwob no geä?
Ho sell, sell wär no nätter.

Wertschaftlech dei’s iis besser gau,
Minischter kennt mer spare.
Und s’badisch Ländle sei fer sech
en ganz verfahrne Karre!

Wie dear Borscht frech ischt mit sim Gschmuus!
Dem will ech d’Moaning sage.
Am liebschte dät jo schüttle ech
des Schwäbli fescht am Krage.

Worum wend d’Schwobe iis denn ha,
dont alli Schlech probiere?
Merkscht nit, sie wend e riiechi Bruut
gi Schtugart inni fiehre.

Sie wend de Rhii und d’Häfe haa,
de Wald und iisri Rübe.
De hoaße Quelle boazets au,
de Dubak no denäbe.

Nitt lang wurs gau, no dätet hie
im Rothuus Schwobe sitze
und i de Schuel e Schwäbli dät
zmol iisri Kinder fitze.

Glaub nu, iis ginges dräckig gnueg,
mier dierftet ninnt me sage.
Vum Muschterländli wäret d’Liit
… halt blos s’fifft Rad am Wage.

Wer des nit merkt, kennt d’Schwobe nitt,
die ‚Hoiligsblechliberger‘.
Ech glaub, wer nit fer Bade schtimmt,
der goschet nochher erger.

Wenn Wertteberg iis sacket ii,
dont d‘ Kind i spätre Ziite
im Kerchhof vu de Hoamettreu
uff isri Grabschtea diite.

Guet Nacht, schloof gsund, und moarn nitt z’frich.
Dues hinter d’Ohre schriibe:
Wear nitt im Hern vernaglet ischt,
will oafach BADISCH bliibe!

Baden nach Bayern eingliedern?

Beitrag vom 15. Januar 2026

Da aus Bayern die Rufe nach einer Neuordnung der Bundesländer kommen, hat mich dies veranlasst den Ruf nach einer Eingliederung in die Schweiz zu überdenken.

Am 24. September 1950 stimmten etwa 65% der hiesigen Wahlberechtigten gegen einen Südweststaat und für die Wiederherstellung Badens. Unter Missachtung der Volksbefragung untersteht Hüfingen der baden-württembergischen Landkreisordnung, wird von Stuttgart regiert und vom RP in Freiburg verwaltet. Im Unterschied zu Bayern und 14 anderen Bundesländern dürfen wir den Landrat nicht direkt wählen und bekommen von Stuttgart einen 1. Landesbeamten bestimmt.

Jetzt beschimpfen schwäbische Männer aus Stuttgart Bayern, dass eine Neuordnung der Bundesländer aus Heimatliebe nicht möglich sei. Was ein Blödsinn. Die haben Angst um ihre Fleischtöpfe! Die undemokratische baden-württembergische Landkreisordnung wird zum Machterhalt benötigt.

Landräte werden in Baden-Württemberg durch den Kreistag gewählt. Die Amtszeit beträgt acht Jahre, eine Wiederwahl ist unbegrenzt möglich. Eine vorzeitige Abwahl ist nicht möglich. Ein Landrat bekommt in Baden-Württemberg das höchste Gehalt in ganz Deutschland und wir haben 35 Stück davon.

Gehalt für Landräte in Deutschland
Gehalt für Landräte in Deutschland laut Stepstone.
Abgerufen am 14.09.2025

Von den vielen höheren Beamten möchte ich gleich gar nicht anfangen. So gibt es an den verschiedenen Regierungpräsidien unzählige davon. Dann auf den Landratsämtern die ganzen Dezernenten und ähnliches. Die Besoldungen von Beamten in Baden-Württemberg kann hier nachgelesen werden:

https://lbv.landbw.de/-/besoldungstabellen

Die Arbeit wird übrigens von Menschen gemacht die nicht verbeamtet sind, sondern beim Gehalt abhängig von den Erfolgen von Verdi sind. Auf genau auf diese Menschen zeigen jetzt die Beamten zum sparen.
Von einer echten Reform würden nämlich diese „normalen“ Menschen profitieren, ganz gewiss nicht die Politiker. Deswegen wird es keine Reformen geben. Mit „Heimatliebe“ hat dies absolut gar nichts zu tun.

Eine Neuordnung der Bundesländer wäre eben aus Heimatliebe dringen notwendig, damit unser Steuergeld auch bei den Menschen ankommt. Momentan wird alles kaputt gespart. Ausgaben für ÖPNV, Kultur, Jugend und Natur werden gekürzt, damit die oberen Beamten sich weiter in Sicherheit wiegen können.

Für mehr demokratische Partizipation!
Fremdverwaltet von oben herab.
Kreistag erhöht die Kreisumlage

Baden in die Schweiz eingliedern?

Beitrag vom 11. November 2024

Am 10. November 2024 habe ich eine kurze, eher spöttische, Bemerkung von den Südbadischen Landsenioren in der Zeitung gelesen : „….schlug er mit mit einem Lächeln vor, Baden in die Schweiz einzugliedern…“. Dies war auf die Landkäufe in Südbaden von Schweizern bezogen – aber die Bemerkung hat doch einige Überlegungen in mir ausgelöst.

Wenn man es genau nimmt, so wurde Südbaden nach dem Krieg gegen seinen Willen von Stuttgart annektiert. Aber fangen wir früher an, bei den Schellenbergern. Diese stammten nämlich aus Liechtenstein:

Burg Schellenberg in Liechtenstein.

Nach den Schellenbergern wurde Hüfingen an das Haus Fürstenberg verkauft und gehörte sehr lange dem Fürstenhaus – obwohl immer wieder verschiedene plündernde Armeen durchzogen. Während der 1848er Revolution waren die Hüfinger Bürgerinnen und Bürger ganz vorne dabei und der Fürst flüchtete in die Schweiz. Nach Zuhilfenahme der Württemberger Armeen wurden die Aufständischen, soweit nicht rechtzeitig in die Schweiz und USA entfleucht, ermordet.

Also gehörte Hüfingen im Grunde seit der missglückten 1848er Revolution den Preussen und dem Deutschen Kaiser. Dies ist natürlich sehr verkürzt dargestellt und die Nazizeit lasse ich besser mal weg. (Da gibt es mal einen eigenen Artikel sobald ich Zeit habe.)

Heute wird Hüfingen von Stuttgart regiert und vom RP in Freiburg verwaltet. Wir unterliegen also der Landkreisordnung von Baden-Württemberg, die den Bürgerinnen und Bürgern nur sehr wenig demokratische Rechte einräumt.

Deswegen hätte die Idee ein Schweizer Kanton zu werden doch einigen Charme. Wir hätten eine von uns gewählte Kantonsregierung und eine Regierungspräsidentin oder Regierungspräsident, anstatt eines von oben bestimmten Landrates. – Der Regierungspräsident wechselt in der Regel jährlich oder nach dem Anciennitätsprinzip (Anzahl Jahre in der Regierung). Dieses Amt wäre mit keinerlei anderen Privilegien und keinem anderen Sonderstatus verbunden als der Leitung der Regierungssitzungen.

Davon abgesehen würden die Schweizer uns auch besser verstehen, als die in Stuttgart.

Zum 200. Todestag von Johann Peter Hebel

Johann Peter Hebel, geboren am 10. Mai 1760, gestorben am 22. September 1826 in Schwetzingen

Hegeldenkmal von Lucian Reich mit Menschen in Trachten darum

Am 22. September 2026 jährt sich Johann Peter Hebels Todestag zum 200. Mal. Aus diesem Anlass finden in ganz Baden zahlreiche Veranstaltungen statt.

In ganz Baden? Nein. Im alten badischen Unterland scheint man sich noch an seine Künstler zu erinnern. Das Oberland dagegen hält offenbar nicht mehr so viel davon.

Im Hieronymus und auch in den Wanderblühten finden sich zahlreiche Zitate von Hebel. Aber ich möchte hier zunächst Joseph Bader zu Wort kommen lassen:


Joseph Bader in der Badenia, Band II, 1840, S. 215–218.

Etwas über Hebel

In dem schönen Schloßgarten, der eine Zierde unserer Residenz ist, wandelte ein Fremder durch die herrlichen, schattenreichen Baumgänge. Nachdem er viele Partheien gemustert und bewundert hatte, gerieth sein Fuß an eine einsame Stelle, wo ein hochgrüner Rasenplatz von malerischen Baumgruppen eingeschlossen liegt, aus dessen Mitte ein kleines Denkmal von Eisen in gothischem Geschmacke mit einem ehernen Brustbild sich erhebt.

Johann-Peter-Hebel-Denkmal vom Stadtwiki Karlsruhe

Freudig überrascht betrachtete er die malerische Scene, und trat dann neugierig näher, um aus den Inschriften des Denkmales zu vernehmen, welchem verdienten Manne die Mit- oder Nachwelt dies Zeichen dankbarer Verehrung gestiftet habe. Und siehe da — er fand den Namen Hebel. Jetzt wendete er mit sichtbarem Vergnügen seine Blicke wieder aufwärts zu dem Brustbilde, und forschte aufmerksam nach den Zügen des edlen Dichters.

Inzwischen hatte ich mich ihm genähert, und leicht geriethen wir in’s Gespräch über den Gegenstand seiner Betrachtung. Er kannte die Hebel’schen Gedichte ziemlich genau und verstand den poetischen Geist, welcher sie durchweht. Wir erinnerten uns, wie man früher zuweilen denselben verkannt, und dieser alemannischen Muse die ächte Volksthümlichkeit abgesprochen habe(¹). Der Fremde bedauerte, das Letztere nicht besser beurtheilen zu können, da ihm das Land und Volk, wo Hebel sich bewege, zu unbekannt sey. Wir, der ich dort einheimisch bin, war dies eine erwünschte Gelegenheit, mich über Etwas auszusprechen, was den Fremden und durch ihn wieder Andere belehren konnte.

„Es ist eine vornehme Absprecherei, Hebels Gedichte nur als poetische Curiosa zu betrachten. Sie seyen nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben nur angedichtet worden, das kann man leider von hundert und hundert ähnlichen Poesien sagen, von den hebelschen aber keineswegs. War ihr Verfasser nicht ein Sohn des Landes, redete er nicht wirklich die Mundart des Landvolks, bewegte er sich nicht lange Zeit in dessen Sitten und Gebräuchen, und hatte er nicht selbst ganz den Charakter, den Geist und das Gemüth eines Wiesenthälers? Als Hebel seine Gedichte schrieb, war solches ein Erguß seiner Erinnerungen aus der Heimath und seiner wachsenden Sehnsucht nach derselben. Diese schöne, geliebte Heimath erfüllte noch ganz das Herz des jungen Mannes, als ihn sein Aufenthalt in der Residenz schon in ganz andere Umgebungen und Verhältnisse gezogen. Er durchirrte im Geist jene wohlbekannten Thäler und Berge, besuchte seine Landsleute in ihren Hütten und Dörfern, begrüßte alte Freunde, unterhielt sich mit ihnen in Ernst und Scherz, schwang sich dann empor auf die Höhen der Poesie, und sang in der Zunge seiner Väter, was er gesehen, gedacht und empfunden.“

Ich begleitete diese Worte mit einiger nähern Auseinandersetzung, und der Fremde schien darin Manches ihm ebenso Einleuchtende als Neue zu finden. „Sie werden mir es glauben, ich bin ebenfalls auf dem Lande geboren, bin oft und vielfach unter dem Volke gewesen — also von der Seite aus ein kompetenter Richter über das Volksthümliche in Hebels Werken, und gerade daß ihr Geist, wie ihr Ausdruck so ganz volksthümlich ist, das machte mir sie werth, und das machte sie auch dem Volke selbst werth. Es versteht sie in ihrem Sinn, ihren Bildern und Anspielungen vollkommen — sie sind in seiner Art und Weise. Denn wären sie es nicht, welcher Bauernjunge, welches Landmädchen würde sie lesen oder singen? Daß aber zumal die hebelschen Lieder häufig auf dem Lande gesungen werden, so häufig als andere beliebte Volkslieder, davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht. Sie sehen also, Hebel war nicht bloß zum Dichter, sondern eigentlich zum Volksdichter geboren und erzogen. Wie ächt, wie unnachahmlich sind die Schilderungen im „Karfunkel“, im „Statthalter von Schopfheim“, in der „Wiese“. Mit diesen Augen sieht das oberländische Volk, so denkt, so fühlt, so trauert und scherzt es. Das Alles aber, was ich über die Volksthümlichkeit der alemannischen Gedichte gesagt, ist in den wenigen Worten enthalten, welche aus Hebels eigenem Munde rühren: „Das Heimweh, sagte er, hat sie gedichtet.“

„Was die hebelsche Zunge anbetrifft, so ist sie allerdings eine aus mehreren oberländischen Besonder-Mundarten zusammengeschmolzene und veredelte(²). Dadurch geht aber für die Hauptsache nichts verlohren; die charakteristische Eigenthümlichkeit des Alemannischen lebt vollkommen in der Ausdrucksweise Hebels, wenn auch das oberländische Volksdeutsch an keinem einzelnen Orte genau so gesprochen wird, wie er es schreibt(³). Der Markgräfler, der Wiesenthäler läßt sich in den Wörtern und Sätzen nicht verkennen, dagegen ist die Betonung mehr hauensteinisch, weil der Hauensteiner die Vokale ohne Beiklang, und dem Hochdeutschen am nächsten ausspricht(⁴). Der Anknüpfungspunkt zur Veredelung lag also im alemannischen Sprachstamme selbst, und es ist somit auch hier von keiner Einmischung des Fremdartigen die Rede.“

Wir hatten uns während dieser Unterhaltung auf die nächste Ruhebank niedergelassen. Ich erwähnte dem Fremden, daß hier das Lieblingsplätzchen des verewigten Dichters gewesen seyn soll, weswegen man auch die Stelle für sein Denkmal ausgewählt habe. Der Verfolg des Gesprächs führte nunmehr auf die spätern Lebensverhältnisse Hebels, namentlich in gesellschaftlicher Beziehung, auf seinen stets jugendlichen Geist, seine muntere Laune und seinen treffenden, übrigens immer gutmüthigen Witz. Es kam alsdann auch seine politische Ansicht zur Sprache, und ich weiß nicht, ob ich recht sah, aber mir schien es, als ziehe sich ein kleines Wölklein über die Stirne des Fremden. Vielleicht dachte er an den Sandwirth Hofer.

Ich vermied jedoch geflissentlich diesen Punkt, weil er mich unangenehm berührte, und bemerkte nur flüchtig, daß in der spätern Zeit wohl gar Mancherlei den freien Flug des Dichters gehemmt und seine edlere Thätigkeit beschränkt haben möge.

Der Fremde nahm endlich Abschied von mir und verlor sich in die nächste Allee. Ich aber verweilte noch auf der Ruhebank, in ungestörter Einsamkeit dem Zuge einiger Lieblingsgedanken nachhängend. Bald jedoch wurde ich darin unterbrochen — es fielen mir Hebels Nachahmer wieder ein! Ich muß es frei heraus sagen, nichts kann man lesen, was mehr den Makel der Mislingtheit an sich trüge, als die sogenannten alemannischen Gedichte, wie sie der größten Zahl nach in die Welt geschickt werden. Schon der gute Fellner, welcher doch sein Breisgauisch nicht übel verstand, scheiterte an der Versuche der Nachahmung, und diese Neuern — nicht einmal des Idiomes sind sie mächtig, von dem Geiste, der solche Dichtungen durchwehen und beleben soll, zu geschweigen. Bis zum Ekel aber treiben sie die Wiederholung der paar hebelschen Reime, Ausdrücke und Wendungen, die ihnen zunächst in das Ohr fielen, und beschimpfen dadurch das Andenken an den Vater der alemannischen Poesie. Ich hätte sie gerne alle um das Monument versammelt, diese Pfuscher, um sie Angesichts der Büste Hebels an ihre Sünden zu erinnern. Geärgert übrigens durch die leidige Unterbrechung, erhob ich mich, eilte nach Hause und rief durch die Lesung der „Wiese“ meine gute Stimmung wieder zurück.

(1)
Bader zitiert hier Wolfgang Menzel. Der vollständige von ihm zitierte Abschnitt lautet:

„Die Volkslieder in besondern Mundarten, wie die von Hebel, sind nur als poetische Kuriosa zu betrachten. Sie unterscheiden sich von den ächten alten Volksliedern dadurch, daß sie nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben angedichtet worden sind. Wie sehr der Dichter sich bemüht, ein Bauer zu scheinen, er bleibt doch immer nur ein Bauer aus der Theatergarderobe. Ich kann die Begeisterung für Hebels und ähnliche Gedichte nicht theilen, sie widern mich vielmehr gerade so an, wie die Schweizerinen und Tyrolerinen auf den Redouten. Es ist eine alberne Affektation sogenannter Naivetät darin, die sich in der Wirklichkeit ganz anders verhält. Merkt man nun gar, daß der Dichter seinen Bauern wieder den längstversauerten Milchbrei politischer Kindlichkeit einpappelt und sich gleich einem Dorfschulmeister bei der Ankunft hoher Herrschaften zum Vivat einexercirt, so geht die Illusion gänzlich verloren, und man sieht statt der Natur nur ein theatralisches Machwerk, wie die göthischen Festzüge und gewisse Wiener Vorspiele.“

(2)
„Hebel sagt selbst in der Vorrede zu seinen Gedichten: ‚Der Dialekt, in welchem diese Gedichte geschrieben sind, herrscht in dem Winkel des Rheines zwischen dem Frickthal und dem Sundgau, und weiterhin in mancherlei Abwandlungen bis an die Vogesen und Alpen und über den Schwarzwald bis nach Schwaben.‘“

(3)
„Wollte der Dichter genau den Dialekt schreiben, wie er in seiner Heimath, im Markgräfischen, gesprochen wird, so mußte er anstatt des Vokals a fast durchgängig ein breites und dumpfes o setzen, wie für das e meist ein sanftes a. Die verschiedene Aussprache dieser beiden Buchstaben ist charakteristisch — beinahe so weit das Gebirge reicht hört man ein helles deutliches a und e, dann in den Vorhügeln einen Mittelton von a und o, ä und a, endlich gegen den Rhein zu beinahe ein volles o und a.“

(4)
„Der Klekgauer und Hauensteiner spricht z. B. ganz deutlich: ‚Haber‘, und ‚mache‘, ‚Engel‘ und ‚sege‘, der niedere Breisgauer dagegen: Höber, möche, Angel, sage. Jener spricht: wenn, denn, au, dieser: wänn, dänn, oei.“ davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht.

Und damit sind wir wieder in Hüfingen.

Denn auch hier hat Hebel eine Spur hinterlassen. So schuf Xaver Reich das Medaillon auf Hebels Grabstein in Schwetzingen – sein bekanntestes Medaillon.

Stein von Johann Peter Hebel von Xaver Reich in Schwetzingen

Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 061263d

Aus dem Hieronymus 1853 und den Wanderblühten 1855

Bild von der Taufe mit Kindern

„geb dir Gott e glücklich Jahr und freudige Sinne!”

in der guten Stube mit Baby

„Es isch en Engel usem Paradies
u Mutterliebi heißt si schöne Amme.”

spielende Kinder vor einem Schwarzwaldhof

„Sie ziehn di uf, und lehre di laufe,
gen der n freudige Sinn u zeige der nüzlige Sache”

Kinder gehen in eine Schule. Der Lehrer wartet auf der Veranda.

„und jez göhnt in d’Schul –
fall mer keis, gent achtig u lehret was menich ufgit!”

„Sie lüte weger s’ Zeiche scho
der Pfarrer, schint’s, well zitli cho.”

Ein Köhler mit seinem Meiler unter einem Felsen. Ein Wandersmann kommt vorbei.

So hüt di vorem böse Ding
s’bringt nume Weh und Ach’
Wenn’s Sunntig isch se bet und sing
Am Werchtig schaff di Sach.

„E freie frohe Muth
e gsund und frölich Blut
goht über Geld und Guth.”

Ein Junge mit einem Jäger im Wald an einem Bach. Im Hintergrund Rehe.

Es chunnt e chuele Abedluft,
und an de Halme hangt der Duft
denckmol, mer göhn jez an alsgmach
im stille Frieden unter Dach!

Hieronymus steht auf einer Lichtung über Hüfingen

„Siehsch des ordelig Städtli
mit sine Fenstern und Gieble,”

Zwei Jäger mit Flinten in Begleitung von Kindern und zwei älteren Herren. Im Hintergrund

„De freudig Stündli
isch’s nit e Fündli?”

Fasnet im Hüfingen mit Marienbrunnen in der Mitte und trinkenden Narren drum herum.

„E freude Stund e guti Stund,
s’ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.

die Landfahrer sitzen im Wald vor einer Höhle an einem Feuer.

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle,
Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate,
Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.”

Kinder vor begrüßen einen Storch am Himmel. Im Hintergrund Häuser und eine Kirche.

Willchumm Herr Storch! bisch au scho do,
und schmecksch im Weiher d’Frösche scho?
und meinsch der Winter heig si Sach,
und’s besser Wetter chöm alsgmach?

Männer schlafen auf einer Weide und ein bewaffneter Soldat bewacht sie dabei. Hinterm Zaun stehen zwei Buben die zuschauen.

Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom,
und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.

Soldaten in einer Stadt ziehen einem Mann der am Boden sitzt einen Schuh aus. Auf dem Balkon im Hintergrund

„Drunter ischs und drüber gange was me cha sage.
Menge brave Ma hets nime chönne prästiere,
het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet.

Die Braut wird geschmückt mit einem Scheppel. Drei Mädchen auch mit Scheppel schauen dabei zu. Im Hintergrund der Schrank mit Aussteuer.

„O wie chlopft der di Herz, wie lüpft si di flatterig Halstuch,
und wie stigt der d’Röthi jez in die lieblige Backe,
wie am Himmel s’Morgeroth am duftige Maitag”

Das junge Paar reitet auf edeln Pferden. Das Mädchen trägt einen Strohhut

„Zum frohe Sinn, zum freie Muth,
und Heimet zu schmeckt alles gut.”

Zwei Köhler vor einer Grube. Ein Kind bewacht den Meiler und dahinter ist ein Bruderhäusschen zu sehen.

„Und chunt zur Zit e Biderma,
ans Füür, und zündet ’s Pfifli a,
und setzt si nänmen ane mit,
se schmeks em wohl, un – brenn di nit!

Ein junges Ehepaar sitzt vor einem Haus und diskutiert. Über ihnen ein Kreuz und neben ihnen eine Katze, davor ein Brunnen.

„Erhalt mer Gott mi Friedli!!“

Ruhig Gewissen, eigner Herd
Ist Gott und aller Ehren werth.

Ruhig Gewissen, eigner Herd
Ist Gott und aller Ehren werth.

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
ruckt alles witers, alles chunnt und goht.

Bild mit dem Hüfinger Künstlerkreis um den Tisch

„Druf bruckt er ’s Füür mit de Fingeren abe, und macht ’s Deckli zu. „Se willi den näumis verzehle,“ seit er, und sizt nieder, „doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;“

„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“

„Es isch e brave Ma, in alle Stücke biwandert,
u si Frau, Statthalters Blut, mit Tugend bihaftet.“

Die Gartenlaube aus 1860 mit Männern beim Hebel-Schoppen in Hausen. Eine Dame schaut zu und Kinder bekommen auch was vom Wein. Unterm Tisch liegt ein Hund.

Beim „Hebel-Schoppen“ in Hausen. Originalzeichnung von Luc. Reich in Rastatt. Die Gartenlaube, 1860.

Menschen in Tracht am Hebel Denkmal

Immer bleibet Dir Namen und Ehr Und ewger Nachruhm.

Gezeichnet von Lucian Reich. Vervielfachung ausschließlich vorbehalten Auf Stein gezeichnet von J.N. Heinemann, Hüfingen. 1835

Aus dem Landesarchiv Karlsruhe J-M

„Lashon hara“ oder schlechte Rede

Lashon hara (Hebräisch: לשוש הרע; „böse Zunge“) ist die halachische Bezeichnung für eine abfällige Rede über eine Person.

Definiert wird Laschon hara als negative und herabsetzende Bemerkung, egal ob zutreffend oder falsch. Es ist einfach verboten von irgendeinem Menschen abfällig oder gar verunglimpfend zu sprechen und jeder der üble Nachrede und Gerüchte verbreitet verletzt das Verbot in Lev. 19:16: „Lo telekh Rahil b’Amekha“. Geh nicht um als Zuträger unter deinen Nächsten. 
Verboten werden ausdrücklich Lashon hara (schlechte Rede) und Rechilut (das Zutragen von Gerüchten und Tratsch, welches zu Hass, Zorn und Groll verleiten kann).

Es gibt eine kleine Geschichte dazu:


… Ein Mann hatte schlecht über einen anderen gesprochen. Er ging zum Rabbi und fragte ihn, wie er das wieder gut machen könne. 
Der Rabbi trug ihm auf, ein Federkissen zu besorgen und herzubringen. Das tat der Mann und der Rabbi gab ihm den Auftrag, das Kissen aufzuschneiden und die Federn aus dem Fenster zu schütteln.
Als der Mann damit fertig war, stellte sich der Rabbi neben ihn und sah eine Weile zu, wie die Federn vom Wind über die ganze Stadt verteilt wurden. Dann sagte er zu dem Mann: „So, und nun fange damit an alle Federn wieder einzusammeln.“ …

Alle, die wir eine schlechte Rede anhören müssen, haben nun eine dieser Federn im Kopf. Selbst Menschen, die wir zuvor unvoreingenommen gesehen haben, betrachten wir fortan im Licht dieser schlechten Rede. Hierbei ist völlig unwichtig, ob das Gerücht stimmt oder nicht: Der Mensch, über den gesprochen wurde, ist beschmutzt. Genau so, wie unser Geist beschmutzt wurde.

Fama, malum qua non aliud velocius ullum: mobilitate viget viresque acquirit eundo

Das Gerücht, kein anderes Übel kommt ihm an Schnelligkeit gleich, regt sich in seiner Beweglichkeit und erwirbt Kräfte im Gehen
Von Virgil (70–19 v. d. Z.) in Aeneis

Zeichnung von Hüfingen aus dem Hieronymus mit Federn zum Thema Lashon Hara und Gerüchte über Patrick Haas in Hüfingen
Lashon hara

Erste Version war am 20. Dezember 2019

Heinrich Hansjakob besucht Lucian Reich in Hüfingen

von Dr. Ursula Speckamp am 21.10.2021

Den am 1. Dezember 1899 gefassten Entschluss, das Schriftstellern aufzugeben, hielt Hansjakob nur zwei Monate durch, dann griff er wieder zur Feder. Und, so schrieb er weiter fast bis zu seinem Tod am 23. Juni 1916. Sein letztes Werk war eine Antikriegsschrift, die im Frühjahr 1916 erschien. 1)

Das Tagebuch, das er während seiner Sommerreise im Jahr 1900 führte, gibt über rund 100 Seiten Aufschluss über die Baar, wie Hansjakob sie erlebte.2) Bei dem großen Interesse, das der Schriftsteller Menschen, vor allem solchen aus dem „einfachen Volk“ entgegenbrachte, erstaunt es nicht, dass der Leser dieses Reisetagebuchs, das 1902 unter dem Titel „Verlassene Wege“ herauskam, viel über die Begegnungen Hansjakobs mit anderen Menschen erfährt. Da der Priester und Philologe – er war Absolvent zweier Fakultäten – schon bald nach Beendigung seines Studiums als Lehramtspraktikant in Donaueschingen weilte (Januar 1864 bis April 1865), gehen manche seiner Ausführungen auch in jene Zeit zurück.

Als Lehramtspraktikant selbstverständlich damals zu Fuß unterwegs, reist Hansjakob in späteren Jahren, so auch jetzt, meist in der eigenen Kutsche. Das erlaubte ihm, die Route selbst zu bestimmen, ungestört zu schauen, nachzudenken und zu schreiben. Hansjakob war ein unermüdlicher Arbeiter. Von Freiburg her kommend verlässt Hansjakob mit Wolterdingen den Schwarzwald und gelangt in „die alte Bertholds-Baar“. „Die Baar“, urteilt Hansjakob, „unterscheidet sich wesentlich vom Schwarzwald. Sie entbehrt seiner Romantik, seiner düstern Wälder, seiner Felsen und seiner Wasserfälle; aber dafür ist sie auch nicht so rauh und so kalt, und während ihre Höhen lichte herrliche Wälder krönen, gedeihen in den Tälern und auf den Ebenen noch reichlich alle Halmfrüchte. Drum hat die Baar auch einen viel wohlhäbigern, aber auch stolzern Bauernstand als der Schwarzwald. Heute, im hellen Sonnenschein….machten mir ihre langgezogenen Bergrücken und ihre grünen, satten Triften den Eindruck süßer Elegie.“ (67 f.) Er muss sich gestehen, dass die Baar auch schön sei, sie habe eben ihren eigenen Charakter, und den Charakter müsse man nicht nur bei Menschen in Ehren halten.

Blick über das Römerbad auf Hüfingen.
Foto: Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825. Privatbesitz.

Nach dem Besuch von Bräunlingen, Mundelfingen, Donaueschingen erwacht Hansjakob am Morgen des 21. Juni 1900 im Hüfinger Pfarrhaus. Solche Pfarrhausunterkünfte hatte Hansjakob auf seinen Reisen oft, besonders in der Diözese Freiburg, in der er etliche Pfarrer kannte, boten Pfarrhäuser doch eher als es Gasthöfe vermochten, eine ruhige Übernachtungsmöglichkeit. Ein passender Titel für das vorliegende Reisetagebuch „Verlassene Wege“ wäre auch, wie Hansjakob bemerkt, „Von Pfarrhaus zu Pfarrhaus“. (S.VII)

Lucian Reich von Johann Nepomuk Heinemann

Schon zu früher Stunde begibt er sich zu dem „Volksschriftsteller Lucian Reich“. (109) Der war einst am Rastatter Gymnasium Hansjakobs Zeichenlehrer gewesen. „Im dritten Stocke eines kleinen Häuschens, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinem Besuch, der dreiundachtzigjährige Greis, in dessen Züge sich Bitterkeit und Biederkeit die Waage halten. Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. Unermüdlich ist er aber noch geistig thätig, liest und zeichnet und schriftstellert.“ (109)

Luzian Reich senior ein Selbstbildnis im Stadtmuseum Hüfingen

Luzian Reich senior
(7. Januar 1787 in Bad Dürrheim – 18. Dezember 1866 in Hüfingen)

Hansjakob holt nun aus, um das Leben von Lucian Reich nachzuzeichnen: Lucian Reich, gebürtiger Hüfinger – sein Vater war hier Lehrer und Bildhauer – erbte ebenso wie sein Bruder die künstlerische Begabung des Vaters. Der Bruder Xaver wurde ein bedeutender Bildhauer, Lucian Maler und Schriftsteller.
„Er half dem berühmten Maler Schwind die Kunsthalle in Karlsruhe mit Bildern schmücken und malte später auch im neuerbauten Hoftheater.“ (109 f.)

Xaver Reich
gezeichnet von Johann Nepomuk Heinemann 1838

Während dieser Arbeit veröffentlichte Reich sein bestes Buch, wie Hansjakob urteilt: “Hieronymus, Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwald“. (110) Hansjakob hält es für eines der besten Volksbücher überhaupt. Die Illustrationen, alle von Reich selbst, zeichnete sein Hüfinger Jugendfreund Heinemann in Stein. Heinemann lebt auch heute noch in Hüfingen. Die Herausgabe des Werkes war ein finanzielles Desaster: Um die Veröffentlichung zu ermöglichen, gab der Fürst von Fürstenberg einen Vorschuß. Ein Verleger fand sich nicht; es mußte „in Komissionsverlag genommen werden“. (110) Der Verkauf lief gut, dennoch blieb ein Defizit, nachdem der Fürst den Vorschuß zurückerhalten „und – nicht sehr fürstlich – auch genommen hatte“. (110) Mit den späteren Werken von Lucian Reich ging es ähnlich. 

Johann Nepomuk Heinemann 
(30.05.1817 – 22.02.1902)

In den 1850er Jahren, so Hansjakob, ging es der „malenden Kunst“ in Baden schlecht. Um sich einigermaßen durchzubringen, nahm Reich 1855 die Stelle eines Zeichenlehrers am Rastatter Lyzeum an. Im Rastatter Schloß erhielt er ein Atelier. Am Lyzeum wirkte er bis 1889. Während dieser langen Jahre gelang es ihm nicht, auch nur Reallehrer zu werden. „Er blieb Hilfslehrer mit einem Höchstgehalt von 116 Mark monatlich und ohne Anspruch auf Witwen – und Waisenversorgung und Pension.“ (111) Hansjakob erinnert sich gut an seinen Zeichenlehrer: Er war ein stiller, ernster, sinniger Mann. Er ging im Zeichensaal von Schüler zu Schüler und stand „jedem mit Rat und That“ bei. (111) Und jetzt? „Gutthatsweise“ erhielt er ein Ruhegeld von 71,50 Mark monatlich. Davon lebte er 11 Jahre bis zu seinem Tod, der wenige Wochen später eintrat. „Bitter hat er´s empfunden und bitter mir heute darüber geklagt, daß er kaum zum Leben habe und seine Tochter mittellos zurücklassen müsse.“ (112)

Beim Abschied übergibt Reich dem Schriftsteller den letzten Brief eines zum Tode verurteilten Revolutionärs, den er von dessen sterbender, in Hüfingen ihre Tage beschließender Braut – sie war ledig geblieben – vor einige Jahren erhalten hatte. Reich meinte, Hansjakob könne diesen Brief „am besten verwerten“, was Hansjakob tut, indem er über den zum Tode Verurteilten – es handelt sich um Joseph Kilmarx aus Rastatt – berichtet und diesen Brief in „Verlassene Wege“ aufnimmt.

Kilmarx war Soldat, Feldwebel, Magdalene Peter, als Waise von einer Verwandten in Rastatt erzogen, seine Braut. Als die Revolution ausbrach, schloss sich Kilmarx ihr an. Beliebt bei seinen Kameraden wurde er bald tüchtiger Offizier. Nachdem die Festung Rastatt kapituliert hatte, nahmen ihn die Preußen gefangen und verurteilten ihn zum Tode. Hier Kilmarx´ Abschiedsbrief:

Rastatt den 8. Oktober (1849) Morgens 6 Uhr 1849

Liebes Bäßle und Magdalene!

Die Todesstunde naht. Schauerlich pfeift der Wind in meinem Kerker, als wäre er der Verkünder meines Dahinscheidens. Ich schrecke nicht davor, ich bin versöhnt mit Gott, dem Allmächtigen und sterbe als Christ, der keine böse That begangen hat. Längst einer halben Stunde gehe ich zu meinem und zu eurem Vater, zu meinen Geschwistern und zu euren, wo ich´s besser finden werde als allhier. Ich vertraue auf Gott, habe mich zu ihm gewendet, und er wird mir alles verzeihen und mich zu sich in sein Reich aufnehmen. Denkt auch später an mich, schließt mich in euer Gebet ein, ich werde es auch thun. Den Allmächtigen werde ich bitten, daß er euch Segen willfahren läßt. Der Magdalene wünsche ich Glück in allem, was sie je unternehmen wird, wenn sie einstmals Frau sein wird. Die Thüre wird geöffnet, zum Todesplatz geht´s: Lebet wohl, im Himmel sehen wir uns wieder. 

J. Kilmarx

Hansjakob fügt hinzu, daß der Brief mit fester, sicherer Hand geschrieben sei. Kilmarx ging furchtlos in den Tod. Der Schriftsteller erinnert sich: „Sein greiser, invalider Vater, den ich noch wohl kannte, begleitete ihn auf dem Todesgange und rief ihm zu: ` Joseph, bleib ‘standhaft! ´“ (116)

Kapitulation in Rastatt.
Foto: Bundesarchiv, Landesbildungsserver.

Als Hansjakob von seiner Reise zurückkehrt, findet er in Freiburg einen Brief von Lucian Reich vor, in dem dieser noch einige Notizen über sein Leben nachsendet und mitteilt, er fühle, daß er in Kürze sterben werde. Als Hansjakob den Brief in Händen hält, ist Reich bereits verstorben. In jenem Brief bittet Reich Hansjakob darum, sich etwas um seine mittellose Tochter anzunehmen. „Ich that es“, berichtet Hansjakob, „und durch die mächtige Vermittlung des Finanzministers Buchenberger erhielt sie eine namhafte Unterstützung von Karlsruhe. So wird einigermaßen gesühnt, was an dem Vater versäumt wurde.“ (118 f.) (Anmerkung von Hieronymus-online: Die Tochter von Lucian Reich, Anna Reich, heiratete einen verwitweten Müller und reichen Landwirt aus Neudingen und zog dessen Kinder groß. Sie selbst verstarb kinderlos in hohem Alter.)

Anna Reich

Um halb neun Uhr morgens beendet der Reisende seinen Besuch bei Lucian Reich. Schon bald, bei munteren Pferden und ausgeruhtem Kutscher erreichen sie Behla, und Hansjakob nimmt Abschied von der Baar: „Sie lag, wenn auch nicht sonnenbeglänzt, doch so stattlich und so bescheiden vornehm  vor meinem Auge, daß ich mir sagte: `Fürwahr, wenn ich kein Schwarzwälder wäre, möchte ich aus der Baar sein. ` Die Residenz Donaueschingen glänzte von unten zu mir herauf wie eine reizende Hirtenkönigin.“ (119) 

1) Heinrich Hansjakob, Zwiegespräche über den Weltkrieg, gehalten mit Fischen auf dem Meeresgrund, Stuttgart 1916
2) Ders., Verlassene Wege, Waldkirch 1986 (Nachdruck von 1902). Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.

Der Hüfinger Künstlerkreis

Xaver Reich

Denkbuch 1896 von Lucian Reich

Hieronymus – Das Buch 

Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann 1875-1881

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Die heilige Verena

Verena von Kaltenbacher in der Hüfinger Stadtkirche

aktualisierter Beitrag, 1. Version war am 7. Dezember 2023

Am Dienstag, 1. September, wurde der Gedenktag der Heiligen Verena begangen. Anlass, sich einmal wieder ihrer Geschichte zu erinnern.

Hier ihr Leben:

In Bachzimmern, steht ein ehemaliges Fürstlich-Fürstenbergischen Jagdschloss und daneben eine der heiligen Verena geweihte Kapelle. In der Kapelle ist ein Bild einer sehr blonden Verena die aus Ägypten stamme.

Ehemaliges Fürstlich-Fürstenbergischen Jagdschloss in Bachzimmern.

Verenakapelle in Bachzimmern

Die heilige Verena von Bachzimmern mit Krug und Doppelkamm, ganz links Petrus, rechts das Fürstenbergische Grafenwappen. Foto: Dr. Hans Keusen in den Schriften der Baar Bd. 53/2010*1

Heute will ich mal eine Geschichte erzählen, die mich schon lange fasziniert hat. Es ist die Geschichte der heiligen Verena.

Theben

Die heilige Verena wurde um 260 n. Chr. in Theben geboren.

Die Geschichte Thebens ist reich an Legenden, welche sich um Herakles, Dionysos und Laios ranken. Die Stadt ist Geburtsstadt des Herakles, des Ödipus, der Sieben gegen Theben und Antigones. Eine weitere thebanische Sage ist die der Niobe (Ehefrau des Königs Amphion), welche als eingeheiratete Herrscherin und Mutter von 14 Kindern mit ihrem Hochmut den Zorn der Leto auf sich zog.*2

Verena

altägyptisch mit der Bedeutung „Frucht oder Same der Stadt Theben“
Ⲉⲃⲣⲁⲛⲉ Ebrane; koptisch
Ϥⲣⲉⲛⲉ Frene; koptisch
Βερενίκη Berenike; altgriechisch*7

An der Stelle Thebens war zu Ende des 19. Jahrhunderts nur noch ein ausgedehntes Ruinenfeld zu beiden Seiten des Nils vorhanden. Heute befindet sich in einem Teil von Theben-Ost eines der touristischen Zentren Ägyptens, die Stadt Luxor. Seit 1979 ist Theben in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes eingetragen.
Foto: Chrissie talk – Christian Rosenbaum Author on German Wikipedia: Chrissie talk, CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons

Jedenfalls ließen sich bei Theben der Sage nach möglicherweise phönizische Einwanderer nieder, welchen dann griechische aus Kleinasien folgten, wie die Sage von Amphion erzählt, der durch seine Leier die Steine herbeilockte. Amphion und Zethos erweiterten die Mauern und fügten sieben Tore hinzu, die das geflügelte Wort vom „siebentorigen Theben“ auslösten – im Gegensatz zum „hunderttorigen Theben“ in Ägypten, das Homer in der Ilias erwähnt.

Zu dem Geschlecht der Kadmeionen gehörte auch der Sohn des Laios, Ödipus. In die Zeit des Ödipus fällt auch die Sage der Sphinx, die vor Theben hauste und jeden Fremden tötete, der ihre Rätsel nicht lösen konnte. Dies wurde von Ödipus durch das Lösen des Rätsels der Sphinx beendet.

Im Ersten Mithridatischen Krieg (89–85 v. Chr.) ging Theben endgültig an die Römer. In der Folge verfiel Theben zu einem bedeutungslosen Dorf, behielt aber trotz sinkender Einwohnerzahl das Stadtrecht.*2

Das Römische Reich zu Lebzeiten Verenas

Der bedeutende Sassanidenkönig Schapur I. fiel mehrmals plündernd in Syrien ein und konnte dabei mehrere römische Heere besiegen. Im Jahre 260, dem Geburtsjahr von Verena, wurde Kaiser Valerian gefangen und ermordet.

Während Rom im Osten bemüht war, die Provinzen Syriens und Kleinasiens zu sichern, erodierte auch im Westen die kaiserliche Autorität. Dabei kam es immer wieder zu Bürgerkriegen zwischen den Usurpatoren und sogar zur Abspaltung einzelner Provinzen, die aber unter Kaiser Aurelian wieder rückgängig gemacht werden konnten. Palmyra musste im Jahr 272 gewaltsam unterworfen werden. Die Krise führte zu zahlreichen Veränderungen, betraf allerdings nicht alle Gebiete des Reiches im selben Ausmaß. Und es sollte schließlich noch einmal gelingen, den drohenden Verfall des Reiches abzuwenden.

Mit Diokletian vollzog sich im Jahr 284 der Übergang in die Spätantike. Diese Zeit wird heute als eine Zeit des Umbruchs und der Transformation der antiken Mittelmeerwelt beschrieben.*4

Diokletian reformierte die Verwaltung und führte Diözesen und Präfekturen ein. Die religiöse Festigung kaiserlicher Herrschaft (so nahm Diokletian nach dem Gott Jupiter den Beinamen „Iovius“ an) sollte eine neuerliche Ausrichtung der Reichsbewohner auf Staat und Kaiser bewirken. Besonders die Christen empfand Diokletian daher als illoyal dem Reich gegenüber. Die letzten (und heftigsten) Christenverfolgungen im Römischen Reich fanden in seiner Regierungszeit statt.*3

Diokletian

Diokletian (eigentlich Diocles, altgriechisch Διοκλῆς; vollständiger Name Gaius Aurelius Valerius Diocletianus) wurde zwischen 236 und 245 in Dalmatia geboren; gestorben um 312 in Spalatum) war von 284 bis 305 römischer Kaiser.

Mit seiner Thronbesteigung begann die Diokletianische Ära oder auch Ära der Märtyrer (aera martyrum) genannt. 4

Verena kommt nach Europa

Verena wurde also in Theben am oberen Nil in Ägypten als Kind angesehener Eltern etwa im Jahr 260 geboren. Der Überlieferung zufolge übergaben die Eltern sie einem Bischof zur Taufe und Unterweisung im christlichen Glauben.

Nach dem Tode des Bischofs ging Verena mit anderen Christen und ihrem Vetter nach Unterägypten wo Kaiser Diokletian Soldaten aushob, um die thebäische Legion zu gründen.

Verena reiste im Tross der Legion nach Mailand. In Mailand habe sie einige Jahre beim heiligen Maximus gelernt und gearbeitet. Hier lernte sie wohl die Heilkunst und half bei der Bestattung der toten Christen. Als sie in Mailand von der Enthauptung des Mauritius und der Tötung der Legionären hörte, sei sie nach Saint-Maurice (Agaunum) gereist und bestattete die Märtyrer der thebäischen Legion.

Die Thebaische Schaar, Lithografie, zwischen 1830 und 1850. Zentralbibliothek Solothurn, Public domain, via Wikimedia Commons

El Greco: Das Martyrium des Heiligen Mauritius. El Greco, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Legende von Ursus und Victor. Kupferstich, 18. Jahrhundert. Herkunft: Kanton Solothurn. Historisches Museum Blumenstein, Solothurn. See page for author, Public domain, via Wikimedia Common

Thebäische Legion

Alle 6.660 Mitglieder der Legion waren Christen. Ein Soldat der thebäischen Legion, Victor, soll Verenas Verlobter gewesen sein. Die Legion wurde von Mauritius geführt, der auch im Besitz der Heiligen Lanze gewesen sein soll. Mauritius war ein Vetter von Verena und wird in den Abbildungen oft als Afrikaner dargestellt – im Gegensatz zur ewig blonden Verena.

Der heilige Mauritius und seine Begleiter der Thebäischen Legion. Von etwa 1520
Bonnefanten Museum, Public domain, via Wikimedia Commons

St. Mauritius, Madachhof: Kapelle St. Mauritius
ANKAWÜ, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

In der Krypta des Verenamünsters. Der heilige Mauritius oder Victor von der Thebäischen Legion.

Der Kaiser schickte die Legion in den Krieg gegen die Bagauden nach Gallien. Nachdem Maximian sein Lager in Octodurum (heute: Martigny) aufgeschlagen hatte, forderte er seine Untergebenen vor Kampfbeginn zu einem Opfer für die römischen Götter auf. Mauritius und seine Legion weigerten sich und gingen nach Agaunum (heute: St. Maurice d’Agaune), wo sie lagerten. Nach einer Aufforderung zur Rückkehr und Opferung wurde die Legion zur Strafe zweimal „dezimiert“. Der Grund der „Dezimierung“ war die Weigerung gegen christliche Glaubensbrüder zu kämpfen. So ließ Maximian schließlich den Befehl zur Ermordung der gesamten Legion geben.
66 Legionäre entkamen nach Solothurn und wurden dort erst umgebracht. Zwei dieserLegionäre waren Victor und Ursus. *5

Der Heilige Victor.
Altarflügel. Öl auf Holz mit Goldgrund, 15. Jahrhundert.
Wikimedia

Solothurn

Nachdem Verena ihren Vetter Mauritius und die ermordeten Legionäre in Agaunum bestattet hatte, reiste sie Victor nach Salodurum (heute Solothurn) nach und ließ sich wieder bei einem Eremiten nieder. Hier soll sie mit Fasten, Gebet und Psalmengesang ihre Tage verbracht haben.

Sie wohnte in einer Höhle in der nach ihr benannten Verenaschlucht und soll sich durch den Verkauf ihrer Handarbeiten ernährt haben.

Oft suchte Verena die Aussätzigen vor den Toren der Stadt Solothurn auf, um sie zu waschen. Aufgrund ihrer heilenden Kräfte wurde Verena vom Volk als Heilige betrachtet; Kranke suchten sie in ihrer Einsiedelei auf, um durch ihre Wundertaten zu genesen. Bald schon gesellten sich andere junge Frauen zu ihr und bildeten mit ihr eine Gemeinschaft.

Schließlich wurde sie vom christenfeindlichen Stadtkommandanten Hirtacus gefangen gesetzt. Im Gefängnis erschien ihr Mauritius, im himmlischen Licht strahlend, und stärkte ihren Glauben. Als der römische Statthalter von einem Fieber befallen worden sei, ließ er Verena rufen, damit sie ihn heilen könne. Anschließend wurde sie freigelassen und wurde aus der Stadt verwiesen. *7

Aquatinta von Bruno Moll zwischen 1860 und 1880. Verenaschlucht, Solothurn (Schweiz): Blick von Süden auf die Einsiedelei Sankt Verena. Im Hintergrund der Weissenstein.
Zentralbibliothek Solothurn, Public domain, via Wikimedia Commons

Verena soll dann auf einem flachen Stein den Fluss Aare hinunter gefahren sein. In Koblenz, damals eine kleine römische Siedlung, machte sie einen langen Zwischenhalt auf einer Insel im Rhein, befreite diese von Schlangen und widmete sich erneut der Krankenpflege.

Insel an der Mündung der Aare (rechts) in den Rhein (links)
Foto: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon.

Verena in Zurzach

Verena folgte wohl eher der alten Römerstraße von Vindonissa (Windisch) nach Tenedone (Zurzach), auf der Peutingerkarte oben von links nach rechts.

Tabula Peutingeriana.
Vindonissa, Tenedone, Julio mago und Brigobanne auf 2A5 der Karte die rote Linie ist die Römerstraße.
Die ganze Peutingerkarte gibts es hier: https://tp-online.ku.de

Der dicke grüne Fleck ist der Bodensee und darüber sieht man Vindonissa (Windisch), Tenedone (Zurzach) und Julio mago (Schleitheim), dann Brigobanne.

Verena kam dann ins nahe römische Kastell Tenedone wo sie Hausgehilfin des Priesters wurde. Mit Krug und Kamm ging sie jeden Tag vor die Stadtmauer und wusch damit die Aussätzigen.

Wunder der Verena

Als sie beschuldigt wurde, Wein und Brot unrechtmäßig zu den Armen zu tragen, verwandelte sich der Wein in Wasser.

Das Mehlwunder: „Als Brot fehlte und Verena zu Gott um Hilfe betete, wurden auf einmal 40 Säcke Mehl am Eingang der Zelle vorgefunden. Nachdem Verena und die Jungfrauen von dem Mehl gegessen hatten, wuchs ihnen immer wieder neues Mehl aus den Zähnen.“

Nachdem sich das Mehlwunder ereignete soll der hl. Verena der Teufel erschienen sein. Da er sich über Verena ärgerte, wollte er einen schweren Stein nach ihr werfen. Der Stein sei aber dem Teufel auf den Fuß gefallen, so dass er seit dieser Zeit hinke.

Der Ring des Priesters, den dieser zur Fastenzeit nicht tragen wollte, wurde ihr zur Aufbewahrung gegeben; ein Diener stahl ihn, fürchtete entdeckt zu werden und warf ihn in den Rhein; ein Fischer brachte einen großen Fisch zum Geschenk, Verena zerlegte ihn und fand den Ring.

Der Priester ließ ihr nun eine Zelle in Zurzach bauen, wo sie bis zu ihrem Tod mit dem heilenden Wasser einer Quelle Kranken das Haupt wusch, sie kämmte, heilte und salbte. In ihrer Todesstunde erschien Verena Maria mit vielen heiligen Frauen, die sie in den Himmel leiteten.

Verena mit Kamm und Krug auf der Rheinbrücke Zurzach–Rheinheim von Ernst Suter 1978

Ein Vasall des Herzogs von Burkhard soll Kirchengüter des Verenastifts geschenkt erhalten haben. Da dies Unrecht gewesen sei, soll der Herzog eine Prozession gesehen haben, die aus den Fenstern des Verenamünster schwebte. Anschließend erstattete der Herzog die Güter an das Stift zurück.

Als ein Bauer am Verenatag (1. September), anstatt zur Messe in den Wald ging, um Bäume zu fällen, seien seine Hände beim ersten Schlag erstarrt. Am Grab bereute dieser und damit gesundete er wieder.

1795 brach in Koblenz Feuer aus, viele Häuser und die Kapelle verbrannten. Nur die Statue der hl. Verena mit ihren Kränzchen und Votivkerzen blieb unversehrt. Bis heute kommen weitere Geschichten und Wunder hinzu, die Gläubigen zählen die (allerdings erst in neuer Zeit) entdeckte Thermalquelle dazu, die für kranke Menschen Heilerfolge bringt.

Die heilige Verena

Im 5. Jahrhundert wurde über Verenas Grab, das in einem Gräberfeld bei einem alten römischen Kastell an der Römerstraße lag eine Kirche gebaut. Um 745 eröffnet dort ein Benediktinerkloster, das im 13. Jahrhundert zum Chorherrenstift umgewandelt und 1876 aufgehoben wurde. An der Stelle steht heute das nach ihr benannte Münster in Bad Zurzach. Die Grabplatte ihres Sarkophags wurde 1613 gefertigt.

Verenamünster

Krypta

Grabplatte von 1613 der hl. Verena in der Krypta des Verenamünsters
Paul Bissegger, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Common

ST. VERENA MÜNSTER Rom.- kath. Pfarrkirche Kirche des 1876 aufgehobenen Chorherrenstiftes am Grabe der hl. Verena ( Krypta). Die älteste Kirche an dieser Stelle ist in einem Friedhof (1.-4. Jh. n. Chr.) neben der röm. Strasse errichtet worden. Bestehendes Langhaus 11. Jh., Chorturm 1347 geweiht. Barockisierung 1733 durch Giov. Gaspare Bagnato. 1962 Aussen-, 1975/76 Innenrestaurierung.

Verenamünster in Tenedone (Bad Zurzach)

Die heilige Verena in der Krypta

.
Verena im Verenamünster in Tenedone (Bad Zurzach)

Eine erste Lebensgeschichte von Verena wurde 888 im Kloster Reichenau durch Benediktinerabt Hatto, den späteren Erzbischof von Mainz, verfasst; eine weitere Vita mit Ergänzungen über ihr Wirken in Koblenz und Zurzach entstand im Kloster in Zurzach wohl im 10. Jahrhundert. Eine Sammlung ihrer Wunder folgte um 1000. *7

Brugkapelle der Heiligen Verena

Das römische Kastell in Tenedone wo die Verenakapelle steht.

Taufbecken neben der Verenakapelle unbekannten Datums.

„Burgkapelle“ St. Verena und Mauritius. Nach Schilderung im Mirakelbuch der hl. Verena (Anf. 11.Jh.) zum Gedächtnis an die Auffindung des „Verenakrügleins“ errichtet. 1203 erste urkundliche Erwähnung.
Westteil (Schiff)-romanisch, Ende 1. Jahrtausend Saat mit eingezogener Apsis (1949 ergraben).
Erweiterungen 1425 (Altarhaus): 1488 (Dach-Aufhöhung über dem Schiff): 1571 Vorzeichen mit Aussenkanzel (1949 abgebrochen)
Altar gestiftet von Seb. Borner (Stiftsdekan 1704).
Bilderzyklus über das Leben der heiligen Verena. 1610 – 1617 geschaffen vom Zurzacher Maler Joh. Melchior Waldkirch.
Renovationen 1772 1851 1949 1994/1995




Die heilige Verena in St. Verena und St. Gallus in Hüfingen.

Unter Pfarrer Rudolf Rauber haben 1909 die Gebrüder Marmon, Bildhauer-Atelier in Sigmaringen, den jetzigen Altaraufbau mit Tabernakel und Verena-und Gallusfigur angefertigt. 1960 wurden die Figuren der hl. Verena und Gallus in der Schächerkapelle untergebracht, 1993 jedoch im Auftrag von Herrn Dekan Andreas Huber wieder zurückgeholt und neben dem Altar aufgestellt, wo früher die Beichtstühle waren.

Nach der Kirchenrechnung des Jahres 1743 erhielt der Villinger Bildhauer Johann Ignatz Schupp für das Bildnis der hl. Verena am 15. Januar 1743 insgesamt 9 fl. *9 In der Kirche ist sie nicht zu sehen. Sie wird nur bei besonderen Anlässen verwendet und wird in der Sakristei aufbewahrt. Sie wurde früher bei den Prozessionen mitgetragen.
Siehe auch Lorettokapelle.*8





Deckengemälde aus 1909 von Ferdinand Kaltenbacher.


Fahnenbilder von Luzian Reich senior mit Verena und Gallus. *9

1Die Verenakapelle in Bachzimmern – unter besonderer Berücksichtigung ihrer Wandmalereien. Werner Fischer, Peter Kempter, Renate Keusen, Antonia Reichmann. Schriften der Baar, Bd. 53/2010 S. 59–80
2 Wikipedia: Theben
3 Wikipedia: Römisches Reich
4 Wikipedia: Thebäische Legion
5 Wikipedia: Diokletian
6 Wikipedia: Einsiedelei Stankt Verena
7 Heiligenlexikon.de
8 Geschichts- und Heimatverein Villingen
9 Chronik der Stadt Hüfingen von August Vetter 1984

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Bearbeitet, Original vom Sommer 2021

Die hier zusammengestellten Briefe von Lucian Reich stammen aus den Jahren 1853 bis 1880. Die frühen Briefe richten sich an seine Eltern Luzian Reich senior und Maria Josefa Schelble die späteren an seinen Schwager Johann Nepomuk Heinemann, den Ehemann seiner verstorbenen Schwester „Lisette“ Reich.

Die Briefe geben einen unmittelbaren Einblick in Lucian Reichs familiäres und berufliches Leben. Neben persönlichen Nachrichten berichten sie von seinen literarischen und künstlerischen Arbeiten, vom Erscheinen des Hieronymus, von seiner Beschäftigung mit der Mainau und dem badischen Bodensee sowie von den Arbeiten seines Bruders Franz Xaver Reich. Besonders deutlich wird dabei auch Lucians Rolle als Vermittler und Ratgeber in den künstlerischen Angelegenheiten seines Bruders. Die Briefe enthalten zudem Hinweise auf Kontakte zum badischen Hof und auf Personen aus Lucians beruflichem und künstlerischem Umfeld, die in anderen Quellen nur am Rande erscheinen.

Die Briefe aus den Jahren 1853 bis 1866 stammen aus der Zeit, in der Lucians Eltern noch lebten. Mit dem Tod seiner Mutter Maria Josefa im November 1866 und seines Vaters Luzian Reich senior im Dezember desselben Jahres endet dieser Teil der Korrespondenz.

Die beiden erhaltenen Briefe von 1880 richten sich an Lucians Schwager Johann Nepomuk Heinemann. Sie entstanden kurz nach dem Tod von Lucians Ehefrau Margarete und nehmen zugleich Bezug auf den Tod von Elisabeth („Lisette“) Heinemann. Besonders eindringlich ist Lucians Schilderung der beiden Familien und ihrer einzigen Töchter Anna Reich und Marie Heinemann.

Die Briefe ergänzen Lucian Reichs späteres Denkbuch um unmittelbare Zeugnisse aus seinem Leben und lassen zugleich erkennen, wie eng literarische Arbeit, Kunst, Familie und die Beziehungen innerhalb des Hüfinger Künstlerkreises miteinander verbunden waren.

Lucian Reich aus Karlsruhe, 25. März 1853

Liebe Eltern!
Vor lauter Geschäften bin ich nicht dazu gekommen der lieben Mutter zum Namensfeste zu gratulieren, es soll deshalb noch nachträglich geschehen. Der lieben
12egi ebenfalls, ich habe ihr als Namenstagsgruß ein Exemplar Hieronymus hübsch einbinden lassen und werde es nächstens an sie abgehen lassen.
Unsere hiesigen Subscribenten sind mit dem Werke alle sehr zufrieden, man hört nur Günstiges darüber. Die Besprechung von Dr. J. Bader darüber in der Carlsruher Zeitung lege ich hier bei, sie ist besser als die Fiklerische in den Landblättern. Beim Fürsten bin ich sehr gut aufgenommen worden. – Es wird gut sein wenn Heinemann vielleicht nur von hundert zu hundert druckt daß wir recht bald wieder in Bezug vom Exemplar kommen. Der Zettel mit den Druckfehlern ist allerdings eine von Vogel unnötigen Sparsamkeiten,

übrigens unbedeutend, der Buchbinder muß eben das Blatt auf ein Papier aufziehen. Bei den nächsten Versendungen muß es auf ein ganzes Blatt gedruckt werden. Stotz hat in Neustadt Abonnenten: Marie
Hoffmayer, lieferungsweise.
Hübsch wartet sehnlichst auf den Giebel. Xaver wird einige Zeit hier verweilen müssen. Es wäre mir lieb wenn Heinemann vorerst keine der Bilder frisch zeichnen würde, um den Druck nicht aufzuhalten. Auch muß ich gestehen daß mir der Büchsenmacher welcher Kugel gießt, nicht unwerth ist.

Die Bilder finden überhaupt bei jedermann den entschiedensten Anklang. Die Art der Ausführung zieht jedermann unwillkürlich an. In Frankfurt hat sich eine Buchhandlung zur Sammlung der Sache erboten. Überhaupt scheint mir daß die ganze Sache recht gut im Gang ist.
Indem ich Euch Alle tausend mal grüße
Euer Lucian
Carlsruhe, den 25. Mrz. 53
Xaver möge nicht vergessen die Büsten vom Fürsten und der Fürstin mit hierher zu bringen.


12egi ist wohl ein Spitzname einer anderen Josefa – vielleicht seiner Schwägerin der Frau von Xaver

Lucian Reich hat später auch viel für Johann Bader geschrieben – so in der Badenia Die Geschichte der Stadt Hüfingen im Jahr 1862. Unten die Rezension Baders in der Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 (No. 70) aus der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe:

Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 mit der Rezension von Bader rechts
Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 mit der 2. Seite der Rezension von Bader

Mit dem Giebel auf den Hübsch wartet ist der Giebel der Trinkhalle in Baden-Baden gemeint. Diesen hat Xaver Reich gemacht:

Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich

Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich


Lucian Reich aus Rastatt, 1. August 1856

Liebe Eltern!
Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, und ich freue mich wieder einige Wochen bei Euch sein zu können. Bevor ich nach Hüfingen komme, werde ich jedoch, des früher besprochenen Projekts wegen, an den See, in die in die Umgegend der Arenberger
reisen. Läßt sich etwas damit machen, so kann der Aufenthalt wohl 14 Tag bis 3 Wochen dauern. Ist der Stoff nicht ergiebig, so werde ich einen Ausflug nach Zürich machen und dann direkt nach Hüfingen kommen. Unsere Prüfungen am Lyceum beginnen dieses Jahr schon mit dem 13. und ich hoffe davon

dispensiert zu werden, weil ich doch nichts dabei zu thun habe.

Ich hoffe Euch Alle gesund und wohl anzutreffen; daß dir lieber Vater die Brüder in Dürrheim so gute Dienste geleistet, hat mir Heinemann geschrieben.
Von Kreidel habe ich dieser Tage Nachricht bekommen, daß das Mainau-Werklein dem Regent vorgelegt worden sei. Kreidel ertheilt der Arbeit sehr große Lobsprüche und glaubt daß sie der Regent gewiß gebührend würdigen werde. Die vorige Woche traf auch ein Schreiben von Paris ein, worin gesagt wird, daß der Uhrenmarkt angekommen sei. So wie man hört, will das

neuvermählte Paar etwa am 28. Sept. die Rundreise durchs Land antreten und auf der Mainau eine kleine Rast einlegen.

Indem ich Euch und Alle herzlich grüße
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 1. Aug. 56
Die Ernte fällt hier sehr gut aus. Die Früchte sind von außerordentlicher Qualität und auch die Kartoffeln versprechen das Beste.


Arenenberg ist der Name eines Schlosses am Untersee. Das Projekt von Lucian Reich war die Geschichte des Schlosses Arenenberg und insbesondere der damit verbundenen Napoleon-Erinnerungen (Schriften der Baar 1972). Das Projekt entstand wohl im Nachgang vom Buch Die Insel Mainau und der Badische Bodensee im Auftrag seiner Königlichen Hoheit des Regenten Friedrich von Baden. Es kam allerdings nicht zustande. Vermutlich ließ sich „nichts daraus machen“ und Lucian Reich hat einen Ausflug nach Zürich gemacht.

Luzian Reich senior stammt vom Hänslihof in Bad Dürrheim: Denkbuch.

Adolph Kreidel (1817–1885), badischer Hofbeamter, war seit 1849 Privatsekretär des Prinzen Friedrich von Baden und ab 1854 Hofsekretär mit dem Charakter eines Geheimen Sekretärs. Im Zusammenhang mit der Entstehung des Mainau-Werkleins vermittelte er Lucian Reich historisches Material aus dem Generallandesarchiv und stand mit ihm in mündlichem und schriftlichem Austausch.

Das neuvermählte Paar war Großherzog Friedrich I. von Baden (1826–1907) und seine Gemahlin Luise, geborene Prinzessin von Preußen (1838–1923). Die beiden hatten am 20. September 1856 in Berlin geheiratet.


Lucian Reich aus Rastatt, 22. Mai 1857

Liebe Eltern!

Die Nachricht, welche mir Heinemann von dem dir lieber Vater zugestoßenen Unfall mitgetheilt, hat mich nicht wenig erschreckt, aber auch wiederum getröstet, da ich die Versicherung erhielt, die Verlezungen seien Gott sei Dank nicht gefährlich und im Verlauf weniger Tage so geheilt worden, daß du lieber Vater wieder deine täglichen Ausgänge machen kannst. Wir können alle dem Himmel nicht genug danken, daß der gefahrvolle Tag nicht zum wirklichen Unglückstag für uns geworden ist, was bei der

Größe der Gefahr, so leicht hätte der Fall sein können. Gott wolle uns vor ähnlichen Ereignissen gnädig bewahren. Ich kann mir denken, wie es die liebe Mutter und alle Familien-Angehörigen erschreckt haben wird.

Dem Heinemann werde ich nächstens schreiben. Wegen Xavers Angelegenheit in Baden konnte ich bis jezt noch nichts thun, da ich bei meinem kürzlichen Besuche dort den Fohr zufällig nicht angetroffen habe. Ich werde nächstens wieder einmal hinüber gehen.

Hier in Rastatt geht alles seinen gewohnten ruhigen Gang fort; vom Ministerium erhielt ich die Versicherung, daß mein Gehalt demnächst auf die normalen 600 fl gestellt werden solle.

Indem ich baldigen weiteren Nachrichten entgegen sehe, wie es dir lieber Vater ferner geht, grüße ich alle herzlich
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, d. 21. Mai 1857


Daniel Fohr (1801–1862), Landschaftsmaler, seit 1839 badischer Hofmaler und lebte seit den 1840er Jahren in Baden-Baden.

Xavers Angelegenheit in Baden“ dürfte sehr wahrscheinlich mit den 1856 genehmigten und 1857 auszuführenden Giebelstatuen der Trinkhalle zusammenhängen. Warum Lucian dafür ausgerechnet Daniel Fohr aufsuchen wollte, ist bislang nicht belegt.

Giebel der Trinkhalle

Am Giebel Oos und Murg als sitzende Quellnymphen


Lucian Reich aus Rastatt, 3. Mai 1858

Liebe Eltern!

Ich wollte bisher warten Euch Nachricht zu geben bis ich dem Heinemann zugleich hätte die Holzstöcklein für den Xaver mitschicken können. Dies kann aber erst im Laufe der nächsten Woche geschehen. Ich bin sehr begierig, wie es dir liebe Mutter geht, hoffentlich von Tag zu Tag besser. Den gleichen Tag, wie ich hierher kam hatte eine Nachbarsfrau, die viel zu meinen Hausleuten kommt das nämliche Unglück

nur war der Fall gefährlicher, weil der Knochen durch die Haut herausdrang. Sie mußte bis jetzt liegen, den Arm auf einem Kissen befestigt. Ich bin hier wieder in meine gewöhnliche Tätigkeit eingetretten. Von Freiburg höre ich daß die Zeichnungen zu den Glasfenstern sehr viel Beifall finden. Auf Xavers Großherzog ist man allenthalben sehr gespannt; er wird aber gut thun, wenn er selbst damit nach Carlsruhe geht. In Baden herrschen noch immer die Blattern und es geht niemand hin, der nicht

muß. Wenn ich nach Carlsruhe komme so werde ich den Schmuck für den Sepperle für seine getreue Pflege dort einkaufen. Bis dahin lebt alle wohl und benachrichtigt mich bald wie es der lieben Mutter geht. An Xavers Familie und Heinemann, Nober viele herzliche Grüße

von euerm dankbaren Sohn
Lucian
Rastatt, 3. Mai 1858


Lucian Reich um 1860 – 18. März
Dieser Brief ist nicht datiert, aus dem Inhalt geht aber hervor, daß er um 1860 geschrieben sein muß. Um 1860 war Franz Xaver mit der Ausführung des Großherzog-Leopold-Denkmals beschäftigt. Josefa Namenstag ist am 19. März.


Liebe Eltern!

Zum morgigen Namensfeste gratuliere ich dir liebe Mutter herzlich, der Himmel möge uns dieses Fest noch vielmal ungetrübt feiern lassen. Wie ich heute von Heinemann höre wird die Base Martha, die leider keinen guten Winter gehabt hat, nun zu Euch hinauf kommen, sollte sie gerade bei Euch anwesend sein, so bitte ich sie herzlich von mir zu grüßen.

In Herrn Xavers Angelegenheit bin ich immer noch derselben Ansicht, wie ich sie ihm ungesäumt mitgetheilt habe. Er soll sich auf ein auswärtiges Gutachten, wobei auch Männer vom eigenen Fach mitzusprechen haben, berufen, gegen eine willkürliche Verwerfung der Auffassung und der Motive, wodurch ja alle künstlerische Freiheit geradezu beseitigt wäre. Im Übrigen sich bei nochmaliger Bearbeitung streng an die Natur halten, was allerdings von andern Künstlern und ihren

Arbeiten der einzig richtige Weg ist, wobei auch nicht gesagt ist, daß man sich in Kleinlichkeiten verlieren soll. Sollte er Lust haben nach München zu gehen, so würde ich dort nur kleine Skizzen machen oder vielmehr in kleinen Skizzen von den jezigen Figuren beibehalten was man dort für gut findet.

Sollten in Betreff der Leopoldfigur Steine in den Weg zu werfen versucht werden, so würde ich mich entschieden auf das gegeben gutheißend Wort des Großherzogs und seines Bruders des Prinzen Wilhelm berufen,

und dem Großherzog zu bedenken geben, daß mit Zurücknahme dieses gegebenen Wortes ja dein Ruf als Künstler gefährdet werde. Die Figur ist entschieden gut und wird später, wenn sich die Staubwolken verzogen haben, ihre Anerkennung finden.

Indem ich bitte der lieben Josephine im Garten zu gratulieren ebenso bei Nober auch bei Heinemanns meine Grüße auszurichten.
Euer dankbarer Sohn Lucian
Unsere diesjährigen Remunerationen sind für diejenigen, welche keine Dienstwohnung haben, um 50 reichlicher ausgefallen.


Josefa Elsäßer Frau von Xaver Reich

Die 1861 auf dem Leopoldsplatz in Baden-Baden aufgestellte Porträtstatue Großherzog Leopolds wurde nach einem Modell von Franz Xaver Reich im Erzguß ausgeführt. Sie wurde später im Rahmen der Metallspende eingeschmolzen.

Josephine im Garten ist vermutlich wieder die Schwägerin Josefa Reich die im Landgütchen von Johann Nepomuk Schelble zu der Zeit wohnte.


Lucian Reich aus Rastatt, 3. Januar 1861

Liebe Eltern!

Zum neuen Jahr meine herzlichsten Glückwünsche; der Himmel wolle uns noch lange gesund und wohl beisammen erhalten. Ebenso wünsche ich dir lieber Vater zum Namensfeste Glück und Segen. Eine dritte Gratulation bitte ich in Xavers Familie gelangen zu lassen, wegen der glücklichen Ankunft des Christkindleins.
Über die Brunnenangelegenheit ist noch keine Bestimmung getroffen;

nur soviel wurde mir gesagt, daß die Kosten zur Figur durch freiwillige Beiträge gedeckt werden sollen. Vor einigen Tagen erhielt ich aus Württemberg eine Anfrage wegen 2 Cartons zu Kirchenfenstern.

Dieser Tage werdet Ihr ein Kistchen mit einigen Flaschen Markgräfler erhalten.

Indem ich alle Familienangehörige herzlich grüße und ihnen Glück zum Neujahr wünsche

Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, 3. Jr. 61


Die 5. Tochter von Xaver Reich, Amalie, wurde am 25.12.1860 geboren und starb erst am 31.08.1955 in Hüfingen.

Mit der „Brunnenangelegenheit“ ist vermutlich ein damals geplantes, möglicherweise nicht ausgeführtes Projekt für eine Brunnenfigur gemeint. Eine eindeutige Zuordnung konnte bislang nicht festgestellt werden.


Lucian Reich aus Rastatt, 18. März 1866

Liebe Eltern!

Zum hl. Josephsfest meine herzlichsten Glückwünsche dir, liebe Mutter, so wie auch unsere Josepha’s im Garten und neugegründetem Eschborn’schen Hause.
Die frühe Ostern macht mir die Ferienreise zu Euch hinauf unthunlich. Mein Bild erfordert zur Vollendung noch recht gut den ganzen Monat, und da ich die Goldrahm dazu hierher bekomme, so werde ich es noch einige Tage im Schloß zur Ansicht aufstellen. Ich glaube, daß es sehr gut geworden ist. Nach diesem werde ich noch zwei kleinere Altarbilder für eine

Kirche in der Nähe von Ettlingen malen. Unterdessen wird der August herankommen, den ich dann wie gewöhnlich zur Hinaufreise benützen werde.
Xaver wird am besten thun, das Relief mit Oel- oder Schellack zu colorieren, denn auch in der großen Tonwaarenfabrik bei Koblenz geschieht mit Figuren, Vasen etc., die ins Freie kommen, das gleiche.

Indem ich Euch alle, ins besonders das junge Ehepaar, von dem ich gestern einen Brief erhalten, bestens grüße Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 18. Mrz. 66


Eine Tochter von Xaver und Josefa Reich war Marie Josefa Amalie Reich. Sie hat am 08.03.1866 den Karl Eschborn, FF Forstverwalter, geheiratet. Sowohl die Mutter von Lucian Reich, die Schwägerin und seine Nichte hießen also Josepha. (Vielen Dank an Markus Greif, der das Rätsel mit dem Eschborn’schen Haus entziffert hat)

Foto von Luzian und Josepha mit kunstvoll geschnitzem Holzrahmen

Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.
Fotografiert von Johann Nepomuk Heinemann um 1865. 
Die Fotografien sind in einen geschnitzten Rahmen mit den Lebensdaten des Ehepaares gefasst: Maria Josefa Schelble († 12. November 1866) und Luzian Reich senior († 18. Dezember 1866).


Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 19. September 1880.

Lieber Schwager!

Das an Xaver und Dich gerichtete Schreiben wird Dir mitgeteilt worden sein.
Euch beiden, als den nächsten Angehörigen, wollte ich keine gedruckten Todesanzeigen zuschicken. Dir das tiefe Gefühl der Trauer über diese Trennung zu schildern, kann ich unterlassen, da du von dem gleichen Geschick betroffen worden und alles schmerzliche an dir selbst erfahren hast. Dieses Geschick hat ohnehin viel Gemeinsames, unsere gute unvergeßliche Margarete viel Ähnlichkeit mit der guten Lisette selig. Beide gleich anspruchslos u. verzichtend auf äußerlichen Lebensgenuß opferten sich ganz

den Ihrigen. Beiden war nur eine Tochter beschieden, auf die sich ihr ganzes Lebensglück vereinigt hat. Und was uns selbst betrifft, so sind wir beide im Alter, wo man nur noch im Wohlergehen u. Glück der Kinder sein eigenes Finden kann.
Was nun meine gute Anna betrifft, so war sie an dem 10 monatlangen Krankenlager der Mutter fast über ihre Kräfte angestrengt, so daß sie jezt der Ruhe und Erholung dringend von nöthen hat. Wir haben eine Schwester der Verewigten bei uns, die einige Wochen bleiben. Anna hofft, Du werdest gestatten, daß deine Marie im Laufe des Winters auf Besuch zu uns kommt. Obwohl uns die Trauerzeit nunmehr Zurückgezogenheit auferlegt, so würden wir ihr den

Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen versuchen.
Mit herzlichen Grüßen auch von Anna Dein trauernder Schwager Lucian R.
Rastatt, 19. Sept. 80


Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt “Muckle” (1817 – 1902) mit Fes; Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.

Johann Nepomuk Heinemann war mit der Schwester von Lucian Reich, Lisette (Elisabeth 1819-1871), verheiratet.

Margareta Stoffler aus Geisingen war die Frau von Lucian Reich und Mutter der einzigen Tochter Anna. Marie Heinemann war die einzige Tochter von „Lisette“ Reich (seine Schwester Elisabeth 15.12.1819-22.06.1871) und dem „lieben Schwager“ . https://hieronymus-online.de/hufinger-kunstlerkreis/

Anna Reich 1885
Marie Heinemann gezeichnet von ihrem Onkel Josef

Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 24. Sept. 1880

Lieber Schwager!

Dein Schreiben mit der Versicherung, Deine Marie werde uns besuchen, war ein freundlicher Lichtstrahl im Dämmer unserer Traurigkeit. Anna meint wenn sie nur schon da wäre, damit sie ihr Herz gegen sie ausschütten könnte. Wie man aber den Kindern nicht alles zur gleichen Zeit gibt, sondern die Süßigkeiten vertheilt, damit sie lange daran haben, so bin ich der Meinung, solle man es auch mit Liebeswerken umgehen, u. glaube, daß Marie ihren Besuch auf eine Weile verschieben solle, bis die Schwägerin, die wir hier haben uns verlaßen hat. Es würde sonst der Fall eintreten, daß beide, sie und Marie, uns zur gleichen Zeit wieder allein lassen würden; und würden wir dann

die schmerzliche Lücke, zumal Abends, doppelt fühlen. Bis dorthin werden wir, so hoffe ich, dann auch wieder in der Faßung u. Stimmung sein, Marie den Aufenthalt mehr angenehm zu machen. Anna, die in der Sorge u. Wiederinstandsetzung unseres Hauswesens, einen Ableiter gegen trübes Sinnen und Denken sucht, wird dann sich wohl auch wieder mehr ihren Freundinnen zu wenden, von welchen einige bei unserem Unglück sich treu bewährt haben. Auch ich werde mich mehr in’s Unvermeidliche fügen gelernt und wieder mehr Theilnehmend gegen Alles was mir Gutes und Liebes noch geblieben ist, erzeigen können. Abends gehe ich nicht mehr aus, u. werde nicht mehr ausgehen. Meist bin ich um 9 Uhr schon zu Bett, ebenso Anna und unsere Base. Es sind nun schon 8 Tage seit dem Hinscheiden unserer guten Mutter Margareth, so schnell

auch im Trübsinn die Zeit hingeht, so habe ich doch das Gefühl, als wäre sie uns schon seit Jahren entrißen.
Hätte ich nicht für Anna zu leben u. zu sorgen, so würde ich im Hinblick, daß auch meine Laufbahn naturgemäß keine allzulange mehr sein kann, mit Shakespeare im Hamlet ausrufen, „s’ist ein Ziel, auf’s innigste zu wünschen!“ – Doch genug hiervon. – Anna erwartet täglich ein Brieflein von Marie, die wir beide herzlich grüßen wie Euch alle
Euer trauender anhänglicher Schwager und Onkel
Lucian
Rastatt 24. Sept. 1880


*Transkription unter den Briefen ist das meiste von einer großen Unbekannten – mit einer Schreibmaschine getippte Seiten waren bei den Briefen dabei. Ist also nicht alles von mir.

Maria Josepha Heinemann Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.
Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.

Gottfried Schafbuch

„Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seelen ihren Atem schöpfen.“
— Johann Wolfgang von Goethe

Gottfried Schafbuch 03.01.1898-23.10.1984

Ein Ehrenbürger, der dem merkwürdigen Slogan der Stadtverwaltung „Wir stehen auf Geschichte“ tatsächlich Bedeutung hätte geben können.

Die Stadt erklärt ja über sich: „Man weiß, wo man herkommt, steht auf geschichtsträchtigem Boden und verbindet mit der ‚Hüfinger DNA‘ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ Bei so viel historischem Pathos ist es bemerkenswert, wie wenig Interesse den Menschen gilt, die diese Stadt und ihre Geschichte tatsächlich geprägt haben.

Gottfried Schafbuch gehört zur „DNA von Hüfingen“ wie kaum ein anderer. Sein Name und seine Arbeiten sind untrennbar mit der Geschichte und den Geschichten dieser Stadt verbunden. „De Gopfried“, wie er in Hüfingen liebevoll genannt wurde, war als Heimat- und Mundartdichter und als Chronist des Hüfinger Lebens weithin bekannt.

Er bewahrte nicht nur Geschichten, Menschen und die Sprache seiner Heimat. Er schaute auch genau hin – und sprach aus, wenn etwas nicht stimmte. Wenn ihm etwas nicht passte, war seine Meinung zu hören, und zwar in unverwechselbarem Hüfinger Dialekt. Er hätte vermutlich auch heute einiges zu sagen. Und wahrscheinlich würde er sich dabei nicht besonders diplomatisch ausdrücken.

Aus dem Nachruf in den Schriften der Baar 1984 von Lorenz Honold

Emil Bader hat Schafbuch einen „der guten Geister der Lucian-Reich-Stadt“  genannt. Er war es nicht nur für die Bürger seiner Vaterstadt. Wer immer, von auswärts kommend, der reichen Geschichte, der Kunst und Kultur der einstigen fürstenbergischen Oberamtsstadt auf der Baar nachspürte, der fand im „Hüfinger Stadtschreiber“ einen guten Freund und verläßlichen Wegweiser. Er war die lebendige Chronik seiner Vaterstadt, die er liebte. Echt, treu und herb wußte er das Lob der Baar und seiner Menschen zu singen. Die kirchlichen und weltlichen Feste, den schlichten Alltag und die Natur im Wandel der Jahreszeiten lebte und schilderte er in seiner besinnlich-alemannischen Art wie keiner vor ihm.

Und keiner in unserem Jahrhundert war so wie er berufen, dem Fremden die Schatztruhen Hüfingens zu öffnen. Es war mit ein Verdienst Gottfried Schafbuchs, daß die Stadt 1958 Lucian Reichs „Hieronymus“ , die erste Volkskunde des alemannischen Landes, im Original neu erscheinen ließ. Man hat Schafbuch bisweilen den „Johann Peter Hebel der Baar“ genannt. Zweifellos ist er einer der stärksten und sprachgewandtesten aus dem Hüfinger Künstlervölkchen des vorigen Jahrhunderts, vor allem der Brüder Lucian und Franz Xaver Reich. Ihr Werk und ihre Persönlichkeiten hat er in liebevollen Studien und Essays für die Nachwelt festgehalten.

Vorwiegend Themen der Vergangenheit, der Romantik und dem bürgerlichen Biedermeier auf der Baar galt Schafbuchs schriftstellerisches Schaffen. In seiner Mundartdichtung aber ist er unmittelbar gegenwärtig und unauswechselbar. Der bürgerlich-bäuerliche Mensch, Natur und Jahreszeiten auf der Baar – sie werden von dem Mundartdichter Schafbuch nicht nach-, sondern mitempfunden. Sie sind erlebt: Menschen und Dinge haben ihr Leben aus der schmucklosen, dafür farbenreichen und bildkräftigen Sprache des heimatlichen Idioms. Und Humor und Mutterwitz sind stets rechtzeitig zur Stelle, um diese Volkspoesie nicht ins Rührselige abgleiten zu lassen.

Mii Boor – Mii Hoamet

1972 erschien Gottfried Schafbuchs Hauptwerk „Mii Boor – Mii Hoamet“ – ein Buch über die Baar, ihre Menschen, ihre Geschichte und ihre Geschichten.

Buchumschlag mit altem Haus und Kirchturm dahinter

I’s Heinemanns Huus hinter de Poscht,
Potz tausigsappermoscht, Wohnet jao reacht bravi Lüt
Wemers bruchet i de hittige Ziit!

Mehrere Gedichte aus „Mii Boor – Mii Hoamet“ wurden von dem Komponisten, Dirigenten und Südwestfunk-Mitarbeiter Alfred Kluten vertont und zu einer mehrteiligen „Baar-Kantate“ zusammengefügt. Sie wurde anlässlich des 6. Verbandsmusikfestes des Blasmusikverbandes Baar-Schwarzwald in Hüfingen von der Stadtmusik und dem gemischten Chor des Liederkranzes zu Gehör gebracht. Den Schluss der Kantate bildete der Marsch „Gruß an die Baar“.

Kluten war als Musiker und Arrangeur beim Südwestfunk tätig und leitete dort unter anderem die „Volksmusikanten“, eine Blaskapelle aus Rundfunkmusikern. Seine Verbindung zur Baar reicht allerdings noch weiter zurück: Den Marsch „Gruß an die Baar“ soll er bereits 1964 für die Stadt Geisingen komponiert haben.

Herrgott, segne du iiseri Boor,
schütz iiser Schtädtli lieb,
vor Elend, Not und G’fohr.
Mier wennt dankbar sii,
d’Hüfinger Liit, treu und wohr fer alli Ziit
Boor, o Boor, mii Hoamet bischt du.
O Boor, o Boor, mii Hoamet bliibscht du.

S’Rotkäppli

1970 erschien „S’Rotkäppli“ auf der Schallplatte „Alemannische Geschichten für große und chli­ni Lüt. Zehn Sprachbilder in der Muettersproch aus südbadischen Sprachlandschaften“ des Christophorus-Verlags Freiburg. Die Schallplatte sollte die verschiedenen alemannischen Sprachlandschaften nicht nur im geschriebenen Wort, sondern durch die Stimmen ihrer Sprecher hörbar machen. Wie die zeitgenössische Besprechung in der „Badischen Heimat“ hervorhob: „Wie man auf der Baar spricht, weist Gottfried Schafbuch, Hüfingen, vor.“ Schafbuch las „S’Rotkäppli“ selbst.

S’Rotkäppli 1970 gelesen von Gottried Schafbuch

Dem Tod seiner Brüder sowie seiner schwächlichen Konstitution – unter Freunden nannte sich Gottfried einen „Säerbling“ (Schwächling) – hatte er es zu verdanken, dass ihm der Kriegsdienst erspart blieb. Unter dem langjährigen Hüfinger Ratschreiber August Hutzler ausgebildet, wurde er selbst Ratschreiber. Während des Zweiten Weltkrieges tat er Dienst beim Donaueschinger Wehrbezirkskommando.

Schafbuch war mehr als 20 Jahre bei der Stadt Hüfingen beschäftigt, davon 15 Jahre als Ratschreiber. Heute würde man diese Funktion etwa mit der eines Hauptamtsleiters vergleichen.

Am 20. Dezember 1973 wurde Gottfried Schafbuch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Wenige Jahre später, 1978, ernannte ihn der Gemeinderat unter dem damaligen Bürgermeister Max Gilly feierlich zum Ehrenbürger der Stadt Hüfingen.

Max Gilly

Gottfried Schafbuch ist Ehrenbürger der Stadt Hüfingen

aus den Schriften der Baar 1978 Band 32

Am 6. August 1978 wurde unser Ehrenmitglied Gottfried Schafbuch zum Ehrenbürger der Stadt Hüfingen ernannt. Vor der Überreichung der Ehrenbürgerurkunde während eines Festaktes hielt Bürgermeister Max Gilly die Laudatio, die wir mit seiner Genehmigung nachstehend auszugsweise wiedergeben:

Ich habe heute die Ehre, meinem lieben Freund, unserem langjährigen früheren Ratsschreiber, den Ehrenbürgerbrief der Stadt Hüfingen zu überreichen. Gottfried Schafbuch ist für uns, für die Stadt Hüfingen, das lebende Beispiel jener geistigen Blüte, die unsere Stadt schon im 19. Jahrhundert auszeichnete. Er hat als Poet und Heimatschriftsteller das fortgesetzt, was die berühmten Männer unserer Stadt im 19. Jahrhundert begonnen haben. Ich möchte sagen, ohne die Arbeit unseres Gottfried Schafbuch wäre Hüfingen als Stadt der Dichter, Poeten und Maler ärmer geblieben. Im Mittelpunkt seiner Geschichten und Gedichte steht die Stadt Hüfingen, seine Heimat. Wie ich aus vielen gemeinsamen Gesprächen weiß, hat er nie Fernweh sondern immer nur Heimweh gehabt. Daß er diesen Schritt gewagt hat, diesen Mut gehabt hat, im bescheidenen Rahmen der Heimat zu bleiben, ohne Aussicht, in einem weiteren Bereich bekannt zu werden, das haben wir ihm tief zu danken. Gottfried Schafbuch hat die Gabe, aus den alltäglichen Kleinigkeiten etwas Schönes zu machen, einerlei, ob es sich um einen Brief, eine kleine humorvolle Geschichte oder ein Gedicht handelt. Und gerade seine Gedichte sind Zeugnis dafür, daß er die Volksseele der Baar, in der er von Jugend auf gelebt hat, bestens versteht. Aber er ist ein Mann, der sich gründlich mit der Materie auseinandergesetzt hat. Bevor er sich an seine Mundartgedichte wagte, hat er zuerst einmal die Baaremer Sprache gründlich erlernt; und erst nachdem er sich mit vielen Kapazitäten zusammengesetzt und alles genau erforscht hatte, begann er, seine Gedichte zu schreiben. Alles, was vorher aus seiner Feder kam als Heimatschriftsteller und Erzähler der Geschichte unserer Stadt, hat er elegant mit leichter Hand gemacht. Aber sein ganzes Können hat er erst gegeben, als es ihm um die herbe Mundart der Baar gegangen ist. So hat er uns entscheidend tiefschürfende Werke geschenkt, die immer zum kostbaren Gut der Baar gehören werden. Daß wir mit dieser Ehrung solange gewartet haben, hat sich Gottfried Schafbuch selbst zuzuschreiben. Er hat zu uns immer gesagt:

,Ehrenbürger einer Stadt zu sein, ist das Äußerste und das Letzte, was eine Stadt zu bieten hat; und übertreibt auch solche Sachen nicht‘.

Nun wollen wir hoffen, daß wir noch recht viele Jahre mit ihm zusammen sein können. Ich darf nun die Ehrenbürger-Urkunde verlesen: ,Ehrenbürgerbrief. Gottfried Schafbuch hat als Heimatdichter und Mundartschriftsteller große Verdienste erworben. Der ganze Reichtum des Baaremer Dialektes wurde durch ihn in seiner Vielfalt erkennbar und als unschätzbares Gut erhalten. Darüber hinaus hat er sich mit seinen Schriften aus der Geschichte der Stadt verdient gemacht. Dankbar für all das, was er uns gegeben hat, ernennen wir ihn zum Ehrenbürger seiner von ihm so geliebten Heimatstadt Hüfingen.
6. August 1978, Der Gemeinderat‘.

Sechs Jahre nach seiner Ernennung zum Ehrenbürger war Gottfried Schafbuch tot. Am 23. Oktober 1984 starb er im Alter von 86 Jahren nach kurzer Krankheit. Ausgerechnet Bürgermeister Max Gilly, der ihm 1978 den Ehrenbürgerbrief überreicht und seine Laudatio mit der Hoffnung beendet hatte, noch viele Jahre mit ihm zusammen sein zu können, fand nach seinem Tod noch einmal Worte für das, was Schafbuch seiner Heimat hinterlassen hatte:

„Die Pflege des heimatlichen Brauchtums, der Baaremer Mundart sowie die Erforschung der Geschichte seiner Heimatstadt lag ihm besonders am Herzen. Wir wollen ihm für all das, was er uns gegeben hat, mit seinen eigenen Worten danken.“

Das Grab von Gottfried Schafbuch auf den Hüfinger Friedhof

o Boor, mii Boor, hol mech doch hoam;
dier g’hör ech alli Ziite ,
es mont zum Grabgsang mier emool
nuu d’Hoametglocke liite.

Einladung zum 100. Geburtstag von Gottfried Schafbuch


Feierlichkeiten zum 100. Geburtstages am 3. Januar 1998

Ein Hüfinger Heimatdichter wird 100 – und die Stadt feiert. Zum Geburtstag von Gottfried Schafbuch gab es 1998 noch einen ganzen Abend: Das Stadtmuseum stellte eine Ausstellung zusammen, das Katholische Bildungswerk lud ein, und seine älteste Tochter und Nachlassverwalterin Roswitha Schafbuch las aus dem kurz zuvor erschienenen Nachfolgewerk „Daheim auf der Baar“.

Heute wirkt eine solche Würdigung beinahe wie ein Dokument aus einer anderen Zeit. Damals hielt man es offenbar noch für sinnvoll, die Menschen zu feiern, die zur kulturellen Identität der Stadt beigetragen hatten. Heute schmückt man sich lieber mit der „Hüfinger DNA“ und erklärt, wie wichtig Geschichte und Herkunft seien. Die Menschen, die diese Geschichte tatsächlich geschrieben haben, kommen dabei zunehmend weniger vor.

Zum Glück ist von Roswitha Schafbuch noch etwas erhalten geblieben: eine Aufnahme vom 12. Dezember 1998, auf der sie aus dem Werk ihres Vaters rezitiert. Mein Vater hat die Aufnahme damals gemacht.

Einladung vom Katholischen Bildungswerk 1992
Zm 100. Geburtstag von Gottfried Schafbuch
Roswitha Schafbuch am 12.12.1998



Xaver Reich zum 211. Geburtstag

Am 1. August 1815 wurde Franz Xaver Reich in Hüfingen geboren.

Noch ein großer Künstler, mit dem man dem merkwürdigen Slogan der Stadtverwaltung „Wir stehen auf Geschichte“ ein wenig Leben hätte einhauchen können. Die Stadt erklärt dazu, man wisse, wo man herkomme, stehe auf geschichtsträchtigem Boden und verbinde mit der „Hüfinger DNA“ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bei so viel historischem Selbstbewusstsein ist es bemerkenswert, wie wenig Interesse den Menschen gilt, die diese Stadt und ihre Geschichte tatsächlich geprägt haben.

Franz Xaver Reich gehört zu den bedeutenden Künstlern, die Hüfingen hervorgebracht hat. Sein Name und seine Arbeiten sind Teil der Geschichte dieser Stadt. Doch Geschichte bewahrt sich nicht von selbst. Man muss sie kennen, erzählen, zeigen und gelegentlich auch daran erinnern, dass es sie überhaupt gibt.

Denn Geschichte entsteht nicht dadurch, dass man einen Römerkopf zum Logo erklärt. Sie besteht aus Menschen, ihren Werken und den Spuren, die sie hinterlassen haben – vorausgesetzt, jemand interessiert sich noch für sie.

Während eine antike Besatzungsmacht heute Hüfingens Identität verkörpern darf, geraten die Menschen, die hier geboren wurden, lebten und wirkten, zunehmend aus dem Blick.

Deshalb hole ich Franz Xaver Reich zu seinem Geburtstag wieder nach vorne – nicht als Dekoration für einen Leitspruch, sondern als den Menschen und Künstler, der zu Hüfingen gehört.

Überarbeitete Version, 1. Version war am 1. Juni 2022

Die Eltern: Luzian Reich und Josefa Schelble
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann Anfang 1866

Franz Xaver Reich (1. August 1815 in Hüfingen – 8. Oktober 1881 in Hüfingen) war der ältere Bruder von Lucian und Elisabeth (Lisette).

Die Schelble waren ein Althüfinger Geschlecht. Der Urgroßvater, Franz Xaver (*28.08.1731) war Kunsthandwerker, und zugleich versah er, wie schon sein Vater, den Amtsdienerdienst.
Franz Xaver Schelble fertigte die Altäre in Meßkirch, Gutmadingen, Hausach, Löffingen und die mit Hilfe seines Schwiegersohnes und Geschäftsnachfolgers Johann Gleichauf die Seitenaltäre der Hüfinger Pfarrkirche. Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) war mit Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816) verheiratet.

Der Großvater Franz Joseph Donat Schelble (*17.02.1762-13.02.1835) war Korrektionshausverwalter und beschäftigte sich mit Uhrenmachen und beaufsichtigte die Römischen Ausgrabungen im Mühleschle und am Fuße des Hölensteins, wofür er vom fürstlichen Protektor mit einer goldenen Repetieruhr beschenkt wurde.

Alter Eingang vom Römerbad

Luzian Reich gründete in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Mal- und Zeichenschule in Hüfingen. Dort unterrichtete er unter anderen auch seine Söhne Lucian und Xaver, die Brüder Nepomuk und Josef Heinemann und auch Rudolf Gleichauf.

So schreibt Lucian Reich im Denkbuch: „Glückliche Zeit so ein Vakanztag, in dem man in der Stube am Zeichentisch sitzt, während es draußen stürmt und den Schnee wirbelnd durch die Gassen jagt, oder regnet, „was abe mag!” Und so saßen auch wir, mein Bruder Fr. Xaver und ich, mit („Muckle”) Joh. Nep. Heinemann (gleich mir im teuren Jahr 17 geboren) manche Stunde zusammen.„

Xaver Reichs Geflügelhof

Aber praktisch, wie der Xaveri in allem war, wollte er bald auch mit seiner Kunstfertigkeit Geld verdienen. So z. B. hatte er einen ganzen Geflügelhof in Thon modelliert, der im Ofen des Hafners Härle gebaut und naturgetreu koloriert wurde.

Es war kurz vor dem Klausenmarkt, und die Herrlichkeit wurde einer vertrauten Käsehändlerin zum Verkauf übergeben. Aber so oft die kleinen Künstler am Tischlein der Frau vorbeistrichen, sahen sie die Schaar noch vollzählig.

Endlich – die meisten Krämer hatten bereits eingepackt – war sie vom Tischlein verschwunden und die Frau händigte den beiden – mit Abzug ihrer Prozente – das Geld hierfür ein. Um den kleinen Spekulanten die Unternehmungslust nicht zu benehmen, hatte die Mutter eine Base auf den Markt geschickt, den ganzen Kram einzukaufen was die Brüder natürlich erst viel später erfuhren.

Lucian Reich, Badische Fortbildungsschule. Nr. 7, 1900, S. 97 ff.

Nach der Förderung durch seinen Vater, kam Xaver Reich 1832 auf Empfehlung seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an das Städelsche Institut. Durch seinen Onkel wurde er auch Mitglied in dessen Cäcilienverein.

Lucian Reich im Denkbuch: „Mein Bruder hatte sich für die Plastik entschieden. Formensinn und außerordentlich geschickte Hand befähigten ihn hierzu. Jeden Herbst kam Onkel Schelble zu Besuch in die Vaterstadt, und was wir von ihm vom Städel’schen Kunstinstitute hörten, ließ uns Frankfurt in ganz verklärtem Lichte erscheinen. Gegen Ende der 20ger Jahre war Zwerger, der Zögling Danneckers, aus Italien zurückgekommen.
In Hüfingen, bei seinem Schwager, Schloßverwalter Wehrle, vollendete er seinen „Hirtenknab” in Karrarischem Marmor. Von Schelble empfohlen, hatte er bald nachher eine Berufung an das Städel’sche Institut erhalten. Und nun erbot er sich, meinen Bruder als Schüler anzunehmen; und somit verließ dieser im Herbste 1832 mit Onkel und Tante die Vaterstadt, und im Jahr darauf fuhr auch ich mit ihnen der ersehnten freien Reichsstadt (Frankfurt) zu. Das Städel’sche Institut war gewissermaßen noch im Entstehen begriffen. Mein Bruder hatte seine Lehrzeit noch im alten Hause auf dem Roßmarkt begonnen, und der Umzug ins neue war kurz vor meiner Ankunft bewerkstelligt worden, so daß zehn oder zwölf Malerschüler, mit mir dem jüngsten, erstmaligen Besitz von den obern vier, in den Hof und Garten hinausgehenden, Ateliers nahmen. Es war eine gemischte Genossenschaft, die sich da zusammengefunden, ein Konglomerat verschiedenster Ausbildungsstufen und Richtungen, jeder mit einem andern Gegenstand beschäftigt.„

Xaver Reich gezeichnet von
Nepomuk Heinemann 1838

Foto von Xaver Reich

Franz Xaver Reich
Lithografie seines Schwagers Johann Nepomuk Heinemann, 1848, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 609.

Franz Xaver Reich
gezeichnet von Josef Heinemann

Lucian Reich schreibt viel über seinen Bruder im Denkbuch:
https://hieronymus-online.de/denkbuch-von-lucian-reich-1896/

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Lucian Reich im Denkbuch: „Kamen wir Mittwoch abends aus dem Aktzeichnen, so nahmen wir den Weg an der Hauptwache vorbei zum Rauchschen Hause, in dessen Saal der Verein seine Proben abhielt. Xaver reihte sich dann jedesmal den Sängern an, während ich, oft der einzige Zuhörer, unter der Galerie Platz nahm. Während unsres drei-, resp. vierjährigen Aufenthaltes in der Mainstadt hatten wir, ohne bei befreundeten Familien eingeladen zu sein, selten einen Abend außer dem Hause zugebracht.„

Blick aus einem Fenster des Hotels „Russischer Hof“

auf der Zeil nach Westen zur Hauptwache (William Henry Fox Talbot, 1846)
Kalotypie Notiz auf dem Abzug: „street at Frankfort, gloomy day, 32 minutes in camera“ Hinweis: Talbots Abzug ist höchstwahrscheinlich seitenverkehrt. Der 1891 abgerissene Russische Hof befand sich auf der Nordseite der Zeil, siehe dazu auch ein Foto von Mylius, die Katharinenkirche hingegen auf der Südseite. Die Zeil verläuft in ost-westlicher Richtung zur Hauptwache; es ist von der Zeil aus daher nicht möglich, die Katharinenkirche rechts (nördlich) vom Hauptwachengebäude sehen.
Foto: Wikipedia

Xaver Reich ging 1836 nach München und arbeitete in der Bildhauerwerkstatt von Ludwig Schaller, der Ludwig Schwanthaler bei der Ausschmückung der 1836 eröffneten Pinakothek unterstützte. Zwerger, Schaller und Schwanthaler waren Vertreter des klassizistischen Stils.

Vermutlich Johann Nepomuk Zwerger
(* 28. April 1796 in Donaueschingen; † 26. Juni 1868 in Cannstatt).
Deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Hier 1829 gezeichnet von Luzian Reich senior.

Lucian Reich im Denkbuch: „Im Atelier Schallers hatte er (Xaver), obgleich im Steinarbeiten nicht geübt, resolut zu Hammer und Meißel gegriffen und nach Schallers Modell die Holbeinstatue für die Pinatothek in Stein ausgeführt. Im Lehrsaal Zwergers war er bis in die letztere Zeit der einzige Schüler gewesen, der sich ausschließlich der Plastik widmete. Zu den jüngern Fachgenossen, mit denen er jetzt verkehrte, zählte vor allen Hähnel (später Professor in Dresden). Entwürfe, die er mir von seiner Tätigkeit als Mitglied eines Komponiervereins zuschickte, ließen ein frisches, freudiges Schaffen erkennen. Jetzt, nach kurzem Verweilen in der Vaterstadt, hatte er das Glück, an Fürst Karl Egon zu Fürstenberg einen Mäcen zu finden. Der erste bedeutende Auftrag betraf die Donaugruppe für den fürstlichen Park, wozu er das Modell in München fertigen sollte.….

….Im Gesellschaftshause Frohsinn hatte er (Xaver) Atelier und Wohnung gemietet; und ein glücklicher Gedanke war es den Kunstheros Cornelius um einen Besuch zu bitten. Und er kam oft, der kleine große Mann mit dem Blicke des Adlers, und nicht nur mit Worten, auch mit genial hingeworfenen Bleistiftstrichen suchte er den jugendlichen Modelleur auf die Erfordernisse monumentaler Plastik ausmerksam zu machen. Wozu mir in Frankfurt die Anregung gefehlt, das tat ich jetzt wieder, indem ich ein Bild aus dem Leben malte. Hierauf begab auch ich mich ebenfalls nach München, wo ich im „Frohsinn, den auch Schaller und Bildhauer Eduard Wendelstädt, Sohn des Inspektors am Städelschen Institut, bezogen hatten, mich einquartierte. (Das bedeutendste Werk dieses talentbegabten, frühe verstorbenen Künstlers ist die Statue Karls des Großen auf der Mainbrücke zu Frankfurt.)“

Johann Nepomuk Schelble, der geliebte Onkel und Gönner starb viel zu früh am 06.08.1837.

Lucian Reich in den Wanderblühten: „Es war am 6. August des Jahres 1837, an einem Sonntag, als das Totenglöcklein der Stadtkirche üblicherweise den Einwohnern verkündete, dass ein Mensch aus ihrer Mitte geschieden sei. – Es war das Scheidezeichen für Johann Nepomuk Schelble. – Im Geleite der Seinigen hatte er denselben Tag einen Spaziergang auf ein entferntes Grundstück unternommen, als er zurückkehrend am Eingange seines Gartens von einem Blutsturz befallen wurde, der seinen Leben in den Armen seiner Gattin ein schmerzliches schnelles Ende machte.„

Lucian Reich im Denkbuch: Unser Schaffen und Streben war im besten Zuge, als uns, wie ein Blitz aus heiterem Himmel — denn er hatte sich ja in anscheinender Besserung befunden — die Nachricht vom Tode Schelbles traf.

Wegen in des Todes kehrten die Brüder nach Hüfinger zurück, wo Xaver 1837 für Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg die monumentale Sandsteingruppe „Donau mit den Zuflüssen Brigach und Breg“ schuf, die ihn öffentlich bekannt machte.

Wilhelm August Rehmann, Leibarzt und Hofrat von Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg veranlasste, dass Xaver Reich eine Skizze modellieren konnte, welche die Donau mit ihren Zuflüsse Brigach und Breg zeigte. Karl Egon II. war vom Ergebnis begeistert und beauftragte Reich damit das Modell 1837 im großen Maßstab herzustellen. Im Schloss Hüfingen erhielt er von seinem Mäzen dann ein Atelier geräumt, um die Gruppe in Sandstein auszuführen. Die Sandsteingruppe wurde auf der „großen Insel im Schwanenweiher“ (heute: Pfaueninsel) im Schlosspark von Donaueschingen aufgestellt.

Danubiagruppe auf der Pfaueninsel (Postkarte 1906)

Durch Heinrich Hübsch ihn erhielt Xaver Reich vom badischen Großherzog Leopold den Auftrag, die Gruppe für das Giebelfeld der Trinkhalle Baden-Baden auszuführen, die Hübsch von 1839 bis 1842 errichtete.

Trinkhalle in Baden-Baden

Heilung durch die Quellennymphe

Durch ein Stipendium von Karl Egon II. wurde es Xaver Reich möglich, sich für einen zweijährigen Italienaufenthalt nach Rom zu begeben (1842/43). Dort freundete er sich mit dem aus Karlsruhe stammenden Bildhauer Christian Lotsch (1790–1873) an, der seit 1822 in Rom ansässig war.

Ostersonntagabend in Rom

Am nämlichen Abend (des Ostersonntags) ist Beleuchtung der Kuppel des Petersdomes. Das ganze Gebäude scheint zu glühen, man glaubt in einer Zauberwelt zu sein. Um ein Uhr in der Nacht wechselt auf einen Augenblick die Beleuchtung auf andern Punkten werden Pechkränze angezündet. Bei jeder Lampe ist ein Mann. Wer dies nicht gesehen hat, für den ist der Eindruck nicht zu beschreiben. Nach aller Aussagen soll auf der ganzen Welt nichts brillianteres stattfinden, selbst in Paris nicht. Die Lokalität ist hierzu äußerst günstig.

Das Schauspiel dauert ungefähr eine halbe Stunde in steter Abwechslung. Kanonen, welche dazwischen feuern, machen sich besonders schön. Zu Ende speit die ganze Engelsburg Feuer – man glaubt sich seines Lebens kaum sicher.«

Franz Xaver Reich, FFA, Tagebuchaufzeichnungen nach Wohl-lebe, J. L., Künstlermappe.

Aus dem Stadtlexikon Karlsruhe

Ludwig Winter in Karlsruhe

Weitere Arbeiten von Reich in Karlsruhe sind das überlebensgroße realistische Standbild des badischen Staatsministers Georg Ludwig Winter (heute Beiertheimer Allee) sowie die Engelsfigur des Denkmals für die Opfer des Theaterbrandes (1847/48). Auch in Baden-Baden finden sich noch Werke von ihm, darunter die Statuen der Justitia (Schwert, Waage) und Lex (Gesetzesbuch, Schwörstab) am Hauptportal des 1842/43 nach Plänen von Friedrich Theodor Fischer erbauten Amtshauses (heute Ärztehaus).

Seine Wettbewerbsteilnahme für eine Kolossalskulptur „Handel und Schifffahrt“ auf dem Hauptportal des nach Plänen von Heinrich Hübsch realisierten Zollareals am Mannheimer Freihafen machte den Karlsruher Oberbaurat Ende der 1830er-Jahre auf Reich aufmerksam. In den folgenden zwei Jahrzehnten fertigte der Bildhauer für Hübschs wichtigste Bauwerke Bauplastiken an. Dazu gehören die Figurenreliefs am Hauptportal der neuen Gemäldegalerie (1837-1845; heute Staatliche Kunsthalle Karlsruhe), die unter anderen Albrecht Dürer, Hans Holbein den Jüngeren und Peter Vischer zeigen, das Giebelrelief der Trinkhalle in Baden-Baden (1839-1842; Entwurf und Gipsmodell von Johann Christian Lotsch) mit der Heilung der Kranken durch eine Quellnymphe, das Giebelrelief sowie die 20 lebensgroßen Figurenreliefs und 100 Medaillonköpfe mit Gestalten aus Oper und Drama am neuen Großherzoglichen Hoftheater (1851-1853; im Zweiten Weltkrieg zerstört) sowie die beiden Figurenpaare oberhalb der Eingänge in das Orangeriegebäude des Botanischen Gartens (1853-1857), welche Allegorien der vier Jahreszeiten darstellen. Beim Abräumen der Trümmer des Hoftheaters 1963 konnten viele der Medaillons und Figurenreliefs geborgen werden. Sie fanden zur Bundesgartenschau 1967 in und bei der im Wintergarten des Botanischen Gartens eingerichteten Badischen Weinstube eine neue Verwendung. Fünf der Medaillons wurden dem Heimatmuseum in Bad Dürrheim überlassen. 

https://stadtlexikon.karlsruhe.de/index.php/De:Lexikon:bio-1185
Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich
Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich
Figurenreliefs an der Trinkhalle

Lucian Reich schreibt am 25.März 1853 an seine Eltern: „Hübsch wartet sehnlichst auf den Giebel. Xaver wird einige Zeit hier verweilen müssen.„

Das von Leopold beauftragte und 1848 aufgestellte Denkmal für die 63 Todesopfer die beim Brand des Karlsruher Hoftheaters am 28. Februar 1847 ums Leben gekommen waren, war der vorerst letzte Auftrag Reichs in Karlsruhe; er kehrte nach Hüfingen heim.

Alter Friedhof Karlsruhe

Familienleben

Am 28. August 1843 heiratete Xaver Reich in Kirchenhausen Josefa Elsässer (* 20. April 1823-19.11.1900).

Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Kinder von Xaver und Josefa Reich:

1. Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Hat angeblich später den Ölberg am Aufgang zu St. Johann von Donaueschingen geschaffen. Anna Reich schreibt in ihrem Brief 1876: „So, so dein Amerikaner Vetter, war ein solcher Herzeroberer, nun ich bin froh, daß ich ihn nicht kennen lernte„. Dies spricht dafür, dass es uneheliche Nachfahren gibt, von denen die Cousinen wussten. Ob Berthold in Amerika war, ist nicht bekannt. Anscheinend ist er aber erst 1925 gestorben, wie Vetter schreibt.

In der Chronik vom Vetter steht: „Der Sohn Bertold, im Juni 1854 in Karlsruhe geboren und am 24. Oktober 1925 gestorben, trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Bildhauer.„

Im Hüfinger Sippenbuch gibt es gleich gar keinen Berthold. Aber dass Berthold 1844 in Karlsruhe geboren wurde, macht mehr Sinn, da 1854 die Reichs in Hüfingen wohnten.

2. Erwina Amalia Josepha, geboren 05.08.1845 in Karlsruhe -?

3. Maria Josefa Amalia, geboren am 21.01.1848 in Hüfingen. Am 8.3.1866 heirat mit Karl Eschborn *9.7.1834, FF Forstverwalter. Lucian Reich 1866 in einem Brief an die Eltern: „Zum hl. Josephsfest meine herzlichsten Glückwünsche dir, liebe Mutter, so wie auch unsere Josepha’s im Garten und neugegründetem Eschborn’schen Hause.“
1 überlebendes Kind von dreien: Maria Josefa ( *1.6.1867-?)

4. Amalia Maria Anastasia geboren am 23.09.1850 in Hüfingen, gestorben am 22.10.1939 in Hüfingen

5. Klara Mathilde, geboren am 27.11.1852 in Hüfingen, verheiratet am 27.9.1877 mit Sigmund Gayer geboren in Unterliezheim am 23.03.1847, Forstverwalter Geisingen. Enkel Oberforstrat Erwin Gayer ?

6. Karl Guido geboren am 14.11.1858 in Hüfingen. Anna Reich schreibt ihrem Brief 1876: „Soso du sprachst mit meinem Herr Vetter Bodenhopser, Schubladenzieher, wenn du zu ihm kommst wieder, dann bitte ich dich um alles in der Welt, sage zu ihm er sei ein Erdslügner ein fauler Fisch, ein ein ein Spinnenbobelenhirn u. noch vieles Andere hast gehört dieses sagst zum hast’s gehört, er wird dann schon wissen warum u. was drum und dran hängt.“

Carl Guido heiratet eine Josephine (Sophia) Kirchler geboren am 15.12.1864 und beide wandern spätesten 1886 in die USA aus. Sophia Reich stirbt in New Jersey am 24.10.1926.

Census von 1900 New Jersey

Kinder:

Hermann, *13.05.1887 New Jersey – 1953 verheiratet mit Myrtis M Gifford (1893-1981)
Kind: Robert Hermann Rich (1930-1992). Kinder von Robert: Pamela Bennetsen, Brian Rich, Robert Rich.

Christian, 11.02.1989 New Jersey

George, 10.03.1890 New Jersey

William Alexander Reich, *9.04.1891 in New Jersey- 25.06.1941
Kinder: Margret Reich, William Reich, Ernest Reich, Ruth Clara (Reich) Prince 4.08.1918 in New York, NY-8.12.2002)

Catherine Katie ? (Reich) Smith, 8.09.1895-?
Tochter: Virginia Catherine (Smith) Macian 9.03.1920-30.05.2001 Plam Beach

Ernest George Reich, 6.06.1895 in Jersey City, 34.02.1967 in Leon County, Florida,
2 Kinder

Philip Reich, 2.09.1897 in Jersey

Michael Reich, ?

7. Amalia geboren am 25.12.1860-31.8.1955. Wird in den Briefen als „Christkindlein“ erwähnt: „Eine dritte Gratulation bitte ich in Xavers Familie gelangen zu lassen, wegen der glücklichen Ankunft des Christkindleins.„

Fronleichnam

1842/43 war Xaver Reich in Pisa, Florenz und in Verona und begeisterte sich für die Tradition der Blumenteppiche.

Nach italienischem Vorbild fertigte er in Hüfingen vor seinem Elternhaus den ersten Blumenteppich und legte so den Grundstein einer langen Tradition.

Film von Ernst Kramer in den späten 1920er

Franz Xaver Reich wohnte mit seiner Familie im ehemaligen Anwesen seines Onkels Johann Nepomuk Schelble an der Bräunlinger Straße.

In Hüfingen erweiterte er die Ziegelei, die er von seinem Vater übernommen hatte, um die Produktion von Terrakotten.

Tages-Neuigkeiten
1853

Donaueschingen, 15. Febr. Seit mehreren Wochen sah man die hiesigen Freunde der Kunst in das nahe Städtchen Hüfingen wandern, um im fürstlichen Schlosse in dem Atelier des Bildhauers X. Reich das nun bis zum Brennen des Thones vollendete Giebelfeld zu sehen, welches bestimmt ist, den Vorbau des neuen Theaters in Karlsruhe zu schmücken. Wir glauben dasselbe sowohl in der Erfindung, als in der Ausführung ein vollkommen gelungenes nennen zu dürfen. Die durch die bekannte Giebelform für die Komposition so sehr erschwerte Aufgabe wurde auf eine Weise gelöst, als wäre dem Genius des Künstlers die freie Bezwingung seiner Schwingen zu Gebote gestanden.

In der Mitte steht eine hohe weibliche Figur – die Poesie – und theilt nach beiden Seiten des Giebelfeldes den Kranz des Ruhmes aus; an ihre linke Seite lehnt sich der Liebesgott, ein kräftig gesunder Knabe mit Bogen und Pfeil. Die beiden Gruppen zur Linken und Rechten enthalten die Koryphäen der Dichtkunst und der Musik. Zur Linken ist die erste Figur Schiller, der seinem Nachbar und Freunde Goethe ein so eben geschriebenes Gedicht zur freundschaftlichen Prüfung überreicht. Die dritte, in der Ecke des Giebelfeldes ausgestreckte, mit dem Arme auf seinen Werken ruhende Gestalt ist Lessing; er ist in das Lesen eines Buches vertieft, um seine Verdienste nicht nur als schaffender, sondern auch als kritisch prüfender Geist anzuzeigen. Auf der rechten Seite des Feldes erblickt man zuerst den heiteren, liebenswürdigen Mozart mit der Violine in der Hand. Hinter ihm und von ihm abgewendet sitzt Beethoven ernst und düster mit Aufschreiben einer Komposition beschäftigt. In der Ecke der rechten Seite, der Gestalt Lessing’s auf der linken entsprechend, ruht Gluck mit seinem edlen, ritterlichen Kopfe rückwärts gegen Beethoven gewendet; eine griechische Leyer in seiner Hand mag den antiken Geschmack seiner Muse bedeuten.

Sämtliche Figuren sind edle, würdige Gestalten und den besten Vorbildern entsprechende, gelungene Porträts. Die ganze Gruppe ist lebendig und reich; die zwischen rechts und links herrschende Symmetrie, bedingt durch die architektonische Form, hat durchaus nichts Steifes oder Störendes. Wir halten dieses Werk des rühmlich bekannten Künstlers zwar für sein schwierigstes, aber auch für sein gelungenstes, und sind überzeugt, daß wir durch dieses Urtheil die Erwartungen Derjenigen, welche die andern Werke des bescheidenen Meisters, seinen Engel auf dem Friedhofe und die Marmorfiguren an der Akademie ec. zu Karlsruhe, kennen, nicht zu hoch spannen, wenn auch das Material dieser lezteren Skulpturen in dem Auge des Laien ein günstiges Vorurtheil erzeugt.

Möge nun dem Künstler bei dem Brennen dieser seiner größten Arbeit das Glück so günstig sein, als es seine Zuversicht erwartet. Die geringste Ungleichheit im Trocknen würde bei diesen Dimensionen ein Springen der Masse veranlassen und so das Produkt von langen Monaten und unermüdlichem Fleiß vernichten.

Donaueschinger Wochenblatt, Nr. 15 vom 22. Februar 1853
Orangerie KA

Franz Xaver Reichs Terrakotten überstanden großenteils die Bombennacht vom 27. September 1944, der auch das Hoftheater zum Opfer fiel. Der Landtag bewilligte seinerzeit eine hohe Summe zu ihrer Bergung. Bürgermeister Max Gilly gelang es im Jahre 1967, einige der geretteten Medaillons für Hüfingen zu erhalten.

Zu diesen Karlsruher Arbeiten kamen Aufträge zur Ausgestaltung der Orangerie, für die er die vier Jahreszeiten schuf, und der Gewächshäuser. Xaver Reichs bekanntestes Medaillon aber wurde dasjenige des alemannischen Dichterfürsten Johann Peter Hebel auf dessen Grabstein in Schwetzingen.

Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 061263d

Hebeldenkmal von Lucian Reich

Foto: 3268zauber, Wikipedia 2009

In der Zwischenzeit führte der unermüdlich tätige Künstler, dem ein Atelier im Schloß zur Verfügung stand, ehrenvolle Aufträge des Fürstenhauses in Donaueschingen aus. So entstand der Jagdhumor zeigende Fries an der fürstlichen Gewehrkammer in Donaueschingen. Die Medaillons am gegenüberliegenden Karlsbau, die etwas trocken und kühl wirken, zeigen neben den Häuptern von Dürer, Peter Fischer, Thorwaldsen und Cornelius hauptsächlich Vertreter der Naturwissenschaften. Tiefer empfunden und persönlicher gestaltet sind die mythologische »Flora« am Giebel des Gewächshauses.

Der Engel auf der Elisabetheninsel, den Fürst Carl Egon II in Erinnerung an seine früh verstorbene Gemahlin Elisabeth aufstellen ließ, wurde nach einem Entwurf von Xaver Reich gegossen. Zu seinen Donaueschinger Arbeiten zählt auch das Turnierrelief an der Reithalle.

Die Inschrift auf der Vorderseite des Sockels lautet:
„Der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost. Sp. Salomon 14, 23“
auf der Rückseite: „Karl Egon Fürst zu Fürstenberg seiner unvergeßlichen Frau Elisabeth, Prinzessin Reuß ä. L. zu Greiz. geb. 23. März 1824, gest. 7. Mai 1861“ .
Das Denkmal wurde nach einen Entwurf von Xaver Reich gegossen.


In der Terrakottenbrennerei schuf er den plastischen Schmuck für das Hoftheater Karlsruhe und den Fries für die fürstliche Gewehrkammer in Donaueschingen sowie die Medaillons am Sammlungsgebäude gegenüber. Im Auftrag des Erzbischöflichen Baumeisters Lukas Engesser fertigte er zusätzliche Werke für badische Kirchen.

Als nach dem Brand des Klosters Maria Hof bei Neudingen Fürst Karl Egon II. in den Jahren 1835-56 die Gruftkirche erbauen ließ, wurde Franz Xaver Reich mit der Ausschmückung beauftragt. Er modellierte die vier Engel aus Zinkguß auf den vier Nebentürmchen, die die Kuppel flankieren. Von ihm stammen ebenso die Madonna und die beiden Heiligenfiguren über der Portalwand wie die beiden Klosterfrauen über dem Portal. Ganz Raphael nachempfunden, dessen Werke Reich während seines Romaufenthaltes besonders stark beeindruckt hatten, ist das Verkündigungsrelief des Hauptaltars. Im Jahre 1870 entstanden die beiden Seitenaltäre, die wiederum eine Madonna und die acht Seligkeiten darstellen.

Neudingen

Foto mit dem Storch von
Wolf Hockenjos

In Hüfingen sind die Skulpturen des Karl Borromäus im Hof des Landesheimes und eine Madonna über dem Portal der Pfarrkirche aus Sandstein Zeugen des unermüdlichen Schaffens des Hüfinger Künstlers. Eine weitere Madonna schuf Franz Xaver Reich für das Portal des Konstanzer Münsters, und auf der Rheinbrücke standen die Statuen der Bischöfe Konrad (934-974) und Gebhard II. (979-995), die seit den dreißiger Jahren den Rheinsteig schmücken.

Landesheim 1950

Gebhard II.

In den Nischen auf der badischen Seite der zwischen 1858 und 1861 erbauten Rheinbrücke von Kehl standen die Figuren des » Vater Rhein« und der »Mutter Kinzig« von Hans Baur und Franz Xaver Reich. Als der östliche Teil der Brücke nach der Kriegserklärung vom 22. Juni 1870 von badischen Pionieren gesprengt wurde, stürzten auch die Statuen in den Rhein. Die Statue Reichs wurde später wieder gefunden und in Verbindung mit einem Brunnen als Kriegerdenkmal vor dem Rathaus von Kehl aufgestellt. Das Rathaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nach dem Kriegsende nicht wieder aufgebaut. Die Kinzigstatue steht seit der Behebung geringer Schäden aber noch heute auf ihrem Platz.

Mutter Kinzig am Kriegerdenkmal 1870/71 in Kehl am Rhein.
Foto: Wikipedia 2010

Für den Erzguß der Porträtsbüste des Großherzogs Leopold erstellte Franz Xaver Reich im Auftrag der Stadt Baden-Baden das Modell. Gleichermaßen stammen von ihm die Modelle für die ehernen Standbilder des Abtes Martin Gerbert von St. Blasien in Bonndorf, die Bildnisse des Landgrafen Joachim und des Fürsten Karl Egon II. im Ornate eines Ritters vom Goldenen Vlies für den Monumentalbrunnen in Heiligenberg. Für die Heiligenberger Schloßkapelle modellierte er zusammen mit dem Bildhauer Sauer aus München den Kreuzweg, der, von der Millerschen Erzgießerei in München gegossen, in der Nagelfluwand am Weg zur Klause Egg eingelassen ist.

Madonna an Verena und Gallus von Xaver Reich

St. Peter und Paul in Bonndorf

Die Figurengruppe über dem Haupteingang vom Konstanzer Münster

Denkmal Abt Martin Gerbert von Xaver Reich aus dem Jahr 1856 im Bonndorfer Martinsgarten

Fürstenbrunnen in Heiligenberg von Xaver Reich

Leopold I. Grossherzog von Baden
von Xaver Reich

Bischof Konrad (934-974)
am Rheinsteig

Gebhard II. (979-995)
in Konstanz

Lucian Reich 1860 in einem Brief an die Eltern: „Sollten in Betreff der Leopoldfigur Steine in den Weg zu werfen versucht werden, so würde ich mich entschieden auf das gegeben gutheißend Wort des Großherzogs und seines Bruders des Prinzen Wilhelm berufen, und dem Großherzog zu bedenken geben, daß mit Zurücknahme dieses gegebenen Wortes ?? dein Ruf als Künstler gefährdet werde. Die Figur ist entschieden gut und wird später, wenn sich die Staubwolken verzogen haben, ihre Anerkennung finden.
Indem ich bitte der lieben Josephine im Garten zu gratulieren ebenso bei Nober auch bei Heinemanns meine Grüße auszurichten.
„

Das Landhaus an der Bräunlinger Straße in dem
Johann Nepomuk Schelble und dann Xaver Reich mit Familie gewohnt hat.
„Josephines Garten“ war vermutlich vor dem Haus,
wo heute noch die alten Bäume der Freunde der Natur stehen.

Zu den bedeutendsten Werken des Bildhauers zählt der Marmorengel am »Echo« in Baden-Baden, der vom Fürsten Karl Egon III. in Auftrag gegeben wurde.


Für das Denkmal seines Schwagers, des langjährigen verdienstvollen Donaueschinger Landtagsabgeordneten Kirsner, am Bahnhof, modellierte er dessen Büste, und für diejenigen des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen wurde ihm die Goldene Medaille des Hofes zuerkannt. Für den Donaueschinger Friedhof hatte Franz Xaver Reich schon im Jahr 1843 einen eindrucksvollen Corpus für das zentrale Kreuz gemeißelt.

Als die Donauquelle im Schloßhof 1875 von Adolf Weinbrenner neu gefaßt und umgruppiert wurde, gestaltete Xaver Reich die Gruppe: „Die junge Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar“. 1895 schuf der Künstler Adolf Heer eine neue Marmorgruppe die über die Einfassung der Donauquelle kam – die „Mutter Baar“ darstellend, wie sie ihrer „Tochter“, der jungen Donau, den Weg weist.

Mutter Baar am alten Zusammenfluss

1939 schenkte Fürst Max Egon die Figurengruppe mit der jungen Donau „als Kind im Schoß der Mutter Baar“ von Xaver Reich der Stadt Donaueschingen. Reichs Gruppe fand in den 1970er Jahren in der Nähe des Zusammenflusses von Brigach und Breg eine vorläufige Bleibe. Im Jahr 2021 wurde sie für die Umgestaltung des Zusammenflusses entfernt und im Jahr 2025 am neu gestalteten Zusammenfluss feierlich wieder eingeweiht.

Zum 150. Jubiläum der Figurengruppe – Die jungen Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar von Xaver Reich

Zur Wiederaufstellung am neuen Donauzusammenfluss hielt der Leiter des FF-Archives, Dr. Jörg Martin, heute am 14. September 2025 eine Vortrag über die Mutter Baar und Xaver Reich.

Dr. Jörg Martin zur jungen Donau als Kind im Schoß der Mutter am 14. September 2025

Vielen Dank an Dr. Martin der heute so nebenbei auch die lange ungeklärte Frage, wo die Donauquelle nun sei, ein für allemal beantwortet hat.

Die Donauquelle gluckst vor Freude,
weil sie jetzt weiß wo es beginnt,
ein langer Weg, ein langes Leiden,
das jetzt nicht nur im Sand verrinnt.
Der Ruf tönt nun wie Donnerhall,
auch in den fernen Ländern.
Furtwanger beruhigt euch nun,
jetzt könnt ihr nichts mehr ändern.

F.Hucke (Haimaddischder)
https://hieronymus-online.de/donauquelle-folge-352/

Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:
 „Zu den bedeutendsten Aufträgen, die mein Bruder von Fürst Karl Egon III. erhalten hat, gehörte die Aufgabe, bei der Neueinfassung der Donauquelle im Schloßhofe auch diese mit einer Figur oder Gruppe zu charakterisieren. Statt wieder eine Nymphe, sagte mir Xaver, wolle er die junge Donau als Kind im Schooße der Baar in Vorschlag bringen. Dem Fürsten gefiel dieser die Heimat des Stromes so klar bezeichnende Gedanke; und der Beauftragte modellierte das Modell zu der Gruppe dann in München im Verkehr mit den Freunden Schwind und Schaller und auch mit Professor Widenmann.“

Die junge Donau als Kind im Schoße der Mutter Baar.
Hier bei der Zwischenlagerung 2024 in der Verbandskläranlage.

Aus dem Denkbuch von Lucian Reich: „Zu den bedeutendsten Aufträgen, die mein Bruder von Fürst Karl Egon III. erhalten hat, gehörte die Aufgabe, bei der Neueinfassung der Donauquelle im Schloßhofe auch diese mit einer Figur oder Gruppe zu charakterisieren. Statt wieder eine Nymphe, sagte mir Xaver, wolle er die junge Donau als Kind im Schooße der Baar in Vorschlag bringen. Dem Fürsten gefiel dieser die Heimat des Stromes so klar bezeichnende Gedanke; und der Beauftragte modellierte das Modell zu der Gruppe dann in München im Verkehr mit den Freunden Schwind und Schaller und auch mit Professor Widenmann.„

Sein letztes erhaltenes Werk waren die Statuette zu einer Schlittschuhläuferin in moderner Tracht sowie eine Skizze zu einer Grablegung Christi. Er starb am 8. Oktober 1881 in Hüfingen.

Xaver Reich, Bildhauer
1. August 1815 – 8. Oktober 1881
Josepha Reich, geb. Elsässer
23. Aprlil 1823 – 19. November 1900

Quellen: Wikipedia, Chronik der Stadt Hüfingen von August Vetter 1984, Sippenbuch der Stadt Hüfingen, Briefe von Lucian Reich, Briefe von Anna Reich, Denkbuch von Lucian Reich, Fotos von Wikimedia und privat.

Rudolf Gleichauf zum 200. Geburtstag

Der 200. Geburtstag von Rudolf Gleichauf wäre eine schöne Gelegenheit gewesen, dem Leitspruch „Wir stehen auf Geschichte“ ein wenig Leben einzuhauchen. Geschichte besteht nicht nur aus Logos und Leitbildern, sondern aus den Menschen, deren Spuren wir bewahren. Oder eben nicht.

Zwischen einem schönen Leitspruch und seiner gelebten Umsetzung kann ein großer Unterschied liegen.

Meinem Lieblingskünstler Rudolf Gleichauf haben wir zu seinem 200. Geburtstag nicht nur den ausführlichen Beitrag gewidmet, sondern auch ein kleines Büchlein mit einigen seiner Werke.

Wer lieber Papier in der Hand hält als auf einen Bildschirm zu schauen, darf mich gerne ansprechen. Besonders für unsere Hüfinger Offline-Familie habe ich Exemplare da und gebe sie gerne weiter.

Für alle anderen gibt es das Büchlein hier auch als PDF:

Aktualisiert, Originalbeitrag vom März 2023

Ein Mitglied des Hüfinger Künsterkreises war Rudolf Gleichauf (29. Juli 1826 in Hüfingen – 15. Oktober 1896 in Karlsruhe). Nachdem Luzian Reich einige Illustrationen des damals erst zehnjährigen Gleichauf an Julius Schnorr von Carolsfeld geschickt hatte und dieser Gleichaufs Talent bestätigte, erhielt Gleichauf ein Stipendium des Fürsten Karl Egon III. zu Fürstenberg an der Münchner Akademie bei Schnorr von Carolsfeld. Gleichauf folgte Schnorr von Carolsfeld 1846 dann nach Dresden an die Dresdner Akademie, wo er zahlreiche Kopien von Gemälden Alter Meister anfertigte.

Rudolf Gleichauf
(1826 – 1896)

Litographie um 1850 von J.N. Heinemann

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt “Muckle” (1817 – 1902) mit Fes (Mütze); Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.

1848 kehrte er zeitweilig nach Hüfingen zurück, musste aber nicht zum Soldatendienst, da er ein Glückslos gezogen hatte. 1850 war er an der Hochschule für Bildende Künste (Städelschule) in Frankfurt am Main. Um jene Zeit schmückte er die Trinkhalle in Baden-Baden mit einem Kinderfries aus. Dort befindet sich auch ein Relief aus gebrannter Tonerde von Gleichauf, das den Türkenlouis darstellt.

Die Trinkhalle Baden-Baden wurde nach den Plänen Heinrich Hübsch rechterhand des Kurhauses erbaut. Die Bilder sind von Jakob Götzenberger gestaltet worden. Sie stellen Szenen aus Mythen und Sagen der Region dar und halten somit auch Ausflugsziele in der näheren Umgebung fest.

Kinderreigen über den Eingängen in den Brunnensaal von Gleichauf

Foto etwa 1900
Dr. Josef Durm
(14.02.1837 – 03.04.1919)
Abbildung aus der Chronik der Residenzstadt Karlsruhe für das Jahr 1896

Von Frankfurt wurde er von Oberbaudirektor Heinrich Hübsch (1795-1863) nach Karlsruhe berufen, um Bauten der Oberbaudirektion mit Wandgemälden zu versehen. Diese Tätigkeit führte er auch unter Hübschs Nachfolger Josef Durm (1837—1919) fort.

Zu Gleichaufs Werken aus dieser Zeit gehört die Darstellung der Hygeia am Giebel des Vierordtbades. Gleichauf schuf hier ein Bild in Freskomalerei, das allerdings binnen zweier Jahrzehnte verblasst war. Daher wurde das Bild 1892 im Lithokaustik-Verfahren auf Keramik übertragen und blieb so erhalten.

Giebel über dem Eingang des Vierordtbades in Karlsruhe mit Darstellung der Hygeia in Begleitung (Lithokaustik 1892 von Professor Robert Ulke; übertragenes Original-Fliesengemälde (etwa 1872) von Rudolf Gleichauf)

Eid des Hippokrates
Ἱπποκράτους ὅρκοςHippokratous horkos

Ὄμνυμι Ἀπόλλωνα ἰητρὸν καὶ Ἀσκληπιὸν καὶ Ὑγείαν καὶ Πανάκειαν καὶ θεοὺς πάντας τε καὶ πάσας ἵστορας ποιεύμενος ἐπιτελέα ποιήσειν κατὰ δύναμιν καὶ κρίσιν ἐμὴν ὅρκον τόνδε καὶ ξυγγραφὴν τήνδε.

„Ich schwöre, Apollon den Arzt und Asklepios, Hygeia und Panakeia sowie alle Götter und Göttinnen als Zeugen anrufend, dass ich nach Kräften und gemäß meinem Urteil diesen Eid und diesen Vertrag erfüllen werde.“

1864 schuf er für den Wartesaal des im 2. Weltkrieges zerstörten Bahnhofes in Freiburg Medaillions. Dies waren Metallplatten, die auf Goldgrund Trachtenköpfe zeigten.

Die Deckentondi in der Alten Aula der Universität Heidelberg schuf Gleichauf in den Jahren 1885/86.

Alte Aula der Universität Heidelberg

Allegorische Darstellung der Fakultät für Theologie.

Frau mit blauem Gewand und Schrifttafel, Buch und Kreuz auf dem Haarreif

Allegorische Darstellung der Fakultät für Theologie.
Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Bibel und Gesetzestafel mit den zehn Geboten und einem blauen Gewand. Blau ist in der Bibel eine Farbe, die reich an Symbolik und spiritueller Bedeutung ist. In der gesamten Heiligen Schrift taucht sie in verschiedenen Zusammenhängen auf, die ihre vielfältigen Facetten in Verbindung mit der Göttlichkeit, dem Himmel, der Heiligkeit und der göttlichen Offenbarung beleuchten. Es handelt sich um eine Farbe, die mit Gott und seinem Heiligtum sowie mit dem Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz in Verbindung gebracht wird.

Allegorische Darstellung der Fakultät für Philosophie.

Frau auf Globus mit Schriftrolle und gelbem Gewand Allegorische Darstellung der Fakultät für Philosophie. Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Schriftrolle und Globus. Teil eines Ensembles der vier Gründungsfakultäten der Universität Heidelberg in der Aula der Alten Universität in Heidelberg

Allegorische Darstellung der Fakultät für Philosophie.
Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Schriftrolle und Globus mit einem gelben Gewand.
Gelb gilt als die Farbe der Weisheit, des Wachstums, Licht, Kreativität, Neugier, Intellekt und Wissbegierde. Sie ist aber auch die Farbe des Neids und der Gier.

Allegorische Darstellung der Fakultät für Medizin.

Frau mit grünem Gewand und Schale mit Schlange

Allegorische Darstellung der Fakultät für Medizin.
Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Schlange und Schale und grünem Gewand.
Grün steht für Wachstum, Heilung, Gleichgewicht, Harmonie, Barmherzigkeit, Hoffnung, Gesundheit aber auch Gift.
Sola dosis facit venenum (Paracelsus)
Interessant hierbei, dass die Dame bei der Skizze für die Familie die Brust bedeckt hat.


Allegorische Darstellung der
Fakultät für Jurisprudenz.

Frau mit rotem Gewand und Schwert und Buch in

Allegorische Darstellung der Fakultät für Jurisprudenz.
Weibliche Sitzfigur mit den charakteristischen Attributen Richtschwert, Gesetzesbuch und Urkunde mit rotem Gewand.
Rot ist die Farbe der Justiz. Blutsühne, rote Wimpel bei Gerichtstagen, rote Tinte bei Todesurteilen, rote Talare hoher Richter

Außer zahlreichen Wandgemälden hat Gleichauf im Auftrag des badischen Hofs und der badischen Regierung zwischen 1862 und 1869 auch 39 Aquarellbilder und eine Vielzahl von Kostümstudien geschaffen, die sich in der Badischen Landessammlung erhalten haben und für ein „umfängliches badisches Trachtenwerk“ geplant waren, das jedoch nicht vollendet wurde. Im Museum war 2009/2010 die Ausstellung mit Werken von Rudolf Gleichauf zu sehen: https://www.stadtmuseumhuefingen.de/rudolf-gleichauf/

Eine Schwester von Rudolf Gleichauf war mit Joseph Heinemann verheiratet, einem Bruder von Johann Nepomuk Heinemann.

Rudolf Gleichauf und die „Badischen Landestrachten“

von Susanne Huber-Wintermantel im Almanach 1996

Rudolf Gleichauf ist neben Lucian Reich der „Kronzeuge“ für die Tracht der Baar. 1826 in Hüfingen geboren und väterlicherseits mit Johann Nepomuk Schelble verwandt, wurde ihm eine solide Ausbildung am Städel’schen Institut in Frankfurt ermöglicht. Er verbrachte mehrere Jahre in München bei Schnorr von Carolsfeld, später lebte und wirkte er in Karlsruhe und starb dort 1896.

Gleichauf war ein sehr guter Portraitist, außerdem arbeitete er mit den großherzoglichen Baudirektoren Hübsch und Durm zusammen. Er wirkte unter anderem an der Ausmalung der Kunsthalle, des Hoftheaters und des Vierordtbades in Karlsruhe, der Trinkhalle in Baden-Baden und verschiedenen Kirchen mit. Auch am fürstlichen Hofe in Donaueschingen war Rudolf Gleichauf als Dekorationsmaler tätig.

Die Tracht war nicht sein eigentliches Thema und vermutlich galt ihr auch nicht sein besonderes Interesse. Ein großherzoglicher Auftrag vom 1. Februar 1861 bewirkte jedoch, daß sich der Künstler mit Akribie mit Trachten befasste: Er sollte eine „systematische bildnerische Dokumentation“ der badischen Trachten anfertigen. Rudolf Gleichauf schuf bis zum Ende des Jahres 1869 39 Aquarelle, die heute im Besitz des Badischen Landesmuseums sind.

Geplant war, ein umfassendes badisches Trachtenwerk zu veröffentlichen. Der Kunstverlag H. Müller in Stuttgart sollte die Bilder herausgeben – das Unternehmen gelang nur ansatzweise: nachdem zehn Blätter in den Handel gekommen waren, wurde der Druck weiterer Bilder eingestellt, da es an interessierten Abnehmern mangelte.

Für Hüfingen ist interessant, daß jedoch noch weitere Drucke hergestellt wurden – nicht von Müller, sondern vom Hüfinger Lithographen Johann Nepomuk Heinemann. Diese Blätter unterscheiden sich durchaus von den Müller-Drucken, zeichnen sich durch zurückhaltendere Farbgebung aus und sind dem Original-Aquarell von Gleichauf ähnlicher.

Trachtenmädchen aus der evangelischen Ostbaar

Die Gleichaufschen Trachten werden von ihren Trägern regelrecht „präsentiert“; auch die den Aquarellen vorhergegangenen Skizzen zeigen keine „Schnappschüsse“ sondern Personen, die dem Künstler Modell saßen. Zieht man noch in Betracht, daß Rudolf Gleichauf selbst zu den baaremer Trachten, die er zwischen 1862 und 1865 dokumentierte, geschrieben hat, daß sie zu diesem Zeitpunkt sehr selten, 40 Jahre zuvor, also um 1820 noch häufiger anzutreffen gewesen seien, so erstaunt seine Darstellungsweise nicht. Rudolf Gleichauf kannte demzufolge aus eigener Anschauung die Tracht nicht mehr als allgemein übliche Kleidung, genausowenig wie die Personen, die ihm in der Tracht Modell saßen. Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der noch eine Tracht besaß und bereit war, dem Künstler Modell zu sitzen, könnte auch ein Grund für den relativ langen Zeitraum von acht Jahren, die Gleichauf für seine Dokumentation brauchte, gewesen sein. Auch die Tatsache, daß die fertige Serie kaum Abnehmer fand und der Druck nach nur zehn Blättern eingestellt worden ist, spricht für sich.

Die Gleichauf’schen Trachtenbilder entsprechen Darstellungen in einem Modejournal, sind ästhetisch sehr ansprechende Werke, dazu ist Rudolf Gleichauf bis ins Detail genau – jeder Knopf, jede Naht und jeder Stich sind zu erkennen. Dazu kommt die ausführliche Beschreibung jeder Tracht und die Auflistung aller Einzelbestandteile mit der Preisangabe für eine „feinere“ und eine „geringe“ Ausführung. Vergleicht man nun die Kosten für die Anschaffung einer einfacheren Tracht mit dem Verdienst eines Knechtes bzw. einer Magd zu dieser Zeit, so wird schnell deutlich, daß eine Tracht nicht für jeden erschwinglich war.

In den nachfolgenden Ausführungen gibt Rudolf Gleichauf eine Beschreibung der Volkstrachten aus der Baar und zwar aus dem westlichen Teil (es handelt sich um handschriftliche Aufzeichnungen, die bisher nicht veröffentlicht worden sind:

Die Tracht der Baar ist zu Hause in den Orten:

Donaueschingen, Hüfingen, Allmendshofen, Pfobren, Unterbaldingen, Aasen, Gutmadingen, Sumpfohren, Neudingen, Fürstenberg, Behla, Riedböbringen, Riedöschingen, Blumberg, Hausenvorwald, Bacheim, Unadingen, Döggingen, Mundelfingen, Ofterdingen, Bräunlingen, Löffingen, Bruggen, Hubertshofen, Wolterdingen, Tannheim, Aufen, etc.
Dieselbe wurde vor etwa 40 Jahren noch ziemlich allgemein getragen, gegenwärtig findet man sie in ihrer Ächtheit nur noch bei Einzelnen oder mit vielen modernen Abweichungen. Sie besteht bei den Männern in dem bis an die Hüften reichenden Kittel „Schopen“ von dunkelgrünem oder schwarzem Samt mit Stahlknöpfen, oder auch, besonders bei Verheirateten Männern in dem langen dunkelblauen Tuchrock mit Stehkragen u. engen Ärmeln u. weißem Futtertuch, u. in dem schwarz u. rothseidenen Halstuch, das aber zuweilen mit einem goldenen Ring zusammengehalten wird u. über welchem der Kragen des Leinenhemdes hervorsieht, sodann in der Pelzmütze von Marderpelz mit Goldtroddeln, oder in dem hohen runden, schwarzen Filzhut mit handbreitem Rand, den kurzen schwarzen enganliegenden Lederhosen mit reicher Verzierung an den Hüften u. großen blanken Stahlknöpfen besetzt, den weißen baumwollen oder wollenen gestrickten Strümpfen u. den bis über die Knöchel reichenden Lederschuhen „Knodenschuhen“ oder in Stiefeln, die hier über die Waden oder die Knie reichen, das Hemd ist von Leinenzeug u. hat ziemlich weite Ärmel, das Brusttuch von rothem Scharlach bis an die Hüften reichend, wird über der Mitte der Brust mit runden blanken eng aneinander gereihten Knöpfen von Zink zusammengeknöpft.
Die weibliche Tracht ist charakteristisch durch den hohen weißen, etwas spitz zulaufenden Strohhut mit schmalem Rand, der an den Stellen wo er über den Schläfen aufzusitzen kommt, mit breiten schwarzen seidenen „gewässerten“ Bändern besetzt ist, die oben zu einer Schleife gebunden zu bei
den Seiten bis beinahe auf die Füße herabreichen, unter diesem, oder auch

(wie in gegenwärtıger Zeit) ohne diesen wird die schwarze Kappe getragen, die nach vorne zu mit zwei schwarzseidenen Bändern besetzt ist, die gleich denen auf der Rückseite entweder frei herabhängen oder unter dem Kinn gebunden werden, die nur wenig erhöhte handbreite flache Rückseite der Kappe ist mit Silber oder Goldstickereien auf Samt oder mit gelben Brockat verziert, an dem unteren Ende desselben sind zwei schwarzseidene Bänder oben schleifenartig verbunden, befestigt, und hängen bis auf die Füße herab; ein weiterer Bestandteil bildet der Schopen (Ärmelschopen) von schwarzem Tuch mit engangliegenden vorne umgeschlagenen Ärmeln, hinten kurz und nach vorn zu länger ausgeschnitten, auf der vorderen Fläche und auf den Ärmelumschlägen mit aufgemodelten (verzierten) handbreiten schwarzen Seidenbändern besetzt, am oberen Rand und auf der Rückseite in der Form der Schulterblätter ist 1½ Zoll breiten gemodelten schwarzen Samtbändern besetzt; der Goller, meist von Samt, mit Gold oder Silberstickerei und Flimmer umschließt zur Hälfte den Hals, und bedeckt den oberen Theil der Brust und des Mieders, an seinen vorderen Ecken rothseidene Bänder oder Ketten, die unter den Armen durch-geschlungen an den Ecken der hinteren Seite befestigt werden; über dem Goller ist das große roth oder schwarzseidene Halstuch mit lichten Randverzierungen geschlungen, und auf dem Rücken geknüpft; Brust und Rücken sind von dem oberen Theil der Jüppe (Hüppe) von buntem Brockatstoff oder von buntem Samt oder Seidenstoff bekleidet, vorn durch den mit Stickerei verzierten Brustlatz (Vorstecker) verbunden, der durch die Nestel (schmale farbige Samtbändchen oder auch Ketten, die durch die an den Seiten befindlichen Haften gezogen werden) festgehalten wird; die „Hüppe“, der Oberrock besteht aus schwarzem Wollenstoff, ist sehr eng gefältelt, ein Fuß hoch am unteren Rande mit roth und blauem Wollenstoff besetzt, und reicht bis an die Knöchel; der Unterrock ist von scharlachrothem Wollenzeug, die Schürze von farbigem, meist blauem oder grünem Baumwollenstoff mit schmalen gelben Streifen ist in viele Falten gezogen und so groß, daß sie beinahe den Oberrock vollständig bedeckt, bei reichen Frauen und festlichen Anlässen ist sie auch von Seidenzeug; das Hemd von Leinenzeug hat faltenreiche Ärmel die über dem Ellenbogen festgebunden werden; an Sonntagen, bei Kindstaufen, Hochzeiten etc. ist die Gürtelkette, über den Hüften um den Leib geschlungen, von versilbertem Messingdraht oder von Silber vorn in vielen Kettenreihen herabfallend, eine besondere Zierde; die Strümpfe von weißer Baumwolle sind gestrickt die Schuhe von schwarzem Leder sind weit ausgeschnitten.

In früheren Zeiten trugen die Jungfrauen bei Prozessionen, bei Hochzeiten die Braut die Schapeltracht; die Schapel war eine 1 Fuß hohe, oben 5 Zoll breite Jungfrauenkrone, von bunten Glasperlen, Blumen, Gold und Silberflitter, von welcher zwei lange buntseidene Bänder bis auf die Füße herabhingen; in die, von der Stirne straff zurückgezogenen Haare wurde hochrothes Wollengarn geflochten nach mittelalterlicher Weise; ein schwarzer Flor oder taffetnes Tuch war in der Gegend der Schläfen befestigt und nach Art der altdeutschen Marienbilder um Wangen und Kinn und Hals bis auf die Brust herab geschlungen, zu dem festlichen Anzuge trugen sie eine schwarzseidene Schürze und die Gürtelkette, in der Hand eine Wachskerze, und ein weißes Schild mit rothen Rosen und dem Nahmenszug der Hl. Maria bemalt.

In längsvergangenen Jahren sollen die Männer unter dem blauen langen Tuchrock einen beinahe ebenso langen Rock ohne Kragen von karmesinrothem Wollenstoff getragen haben, ferner von Hosenträgern über dem Brusttuch festgeknüpft; die Frauen der damaligen Zeit Pelzkappen ähnlich denen, wie sie später Männer und Burschen trugen.
In Trauerfällen war die ganze Tracht schwarz, nur der Hut der Frauen weiß und darunter eine Spitzenhaube, die unter dem Kinn mit schwarzen Bändern gebunden wurde. Besuche und Reisen in der Gegend wurden von den Bauernhofsbesitzern und ihren Frauen zu Pferd gemacht.

Es ist natürlich, daß bei den Feldgeschäften der Landleute manche wesentliche Theile der Tracht zur bequemeren Verrichtung der Arbeit, oder auch um die Kleider zu schonen, nicht angezogen wurden, sodaß man, um die ganze Tracht zur Anschauung zu bringen, genöthigt ist, zumeist die Sonntagstracht darzustellen, und hierbei hat auch selten eine Ausnahme gemacht werden können; zur Sommerszeit arbeiten Männer und Burschen fast immer in gewöhnlichen Kitteln oder Hemdärmeln, die langen Röcke werden vermieden; Frauen und Mädchen tragen statt der schwarzen „Hüppe“ und statt dem Brustlatz und der engen Nesteleinfassung eine leichtere Bekleidung, auch das enganliegende Käppchen wird oft vermieden, und statt dessen ein farbiges Tuch entweder einfach um den Kopf gelegt und am Kinn gebunden, oder bei großer Hitze nur oben auf dem Kopfe von den Zöpfen festgehalten, sodaß es in leichtem Faltenwurf über das Gesicht hervorsteht und Schatten gewährt, ist das Mädchen, daß sich einen derartigen Kopfputz zurechtmacht, noch jung, vielleicht auch hübsch und guter Laune, so wird noch ein lustig blühend und rankendes Zweiglein bin-eingeflochten, das sich oft nicht minder glücklich ausnimmt, als die silbergestickten auf dem sonntäglichen dunkelsamtenen Goller.

In vier Bildern, und zwar drei Bildern in Kniestückformat und ein Gesamtbild in ganzen Figuren, beschreibt Rudolf Gleichauf die Trachten der westlichen Baar.

Das Bild links zeigt die männliche Tracht, einen Burschen in dem Samtschopen mit Stahlknöpfen, in der Marderpelzmütze, in dem „rothen“ Brusttuch „Leible“ mit den vielen runden Knöpfen, den schwarzen, verzierten Lederhosen, die stets bereite Ulmer Pfeife in der Hand steht er im „Esch“ (Gemarkung) zwischen Kornfeldern, einen Bekannten erwartend; die Ferne ist im Charakter der Baar gehalten.

Das Bild rechts zeigt die weibliche Tracht, eine junge Frau in dem hohen weißen Strohhut mit den schwarzseidenen Bändern zur Seite, in dem großen seidenen Halstuch, in dem schwarzen Armelschopen, mit dem gestickten Vorstecker und den „rothsamtenen“ Nesteln, mit der silbernen Gürtelkette auf der festtäglichen Schürze, dem „Bigkorb“ an dem einen Arm ist sie als auf der Wanderung in ein nahegelegenes Dorf oder Städtchen gedacht.

Das Bild links stellt ein junges Mädchen dar als Schnitterin in der fruchtbaren Baar; das Kopftuch aufgebunden, mit breiten Zöpfen und grünen Ranken geschmückt, mit der Sichel in der Hand von der Arbeit ausruhend, sitzt sie im Freien neben sich den Krug und ein Sträußlein Erdbeeren.

Das Gesamtbild unten zeigt männliche und weibliche Trachten, wie sie oben beschrieben sind, in ganzen Figuren, darunter auch ein Schapelmädchen.

Unten 6 Abbildungen vom Hüfinger Lithographen Johann Nepomuk Heinemann:

Trachtenträgerin aus dem Hanauerland

Trachtenträgerin aus Neustadt Lenzkirch.

Trachtenträgerin aus dem Schappachtal

Trachtenträger aus dem Renchthal

Trachtenträger aus dem Hanauerland

Schnitterin mit Hausen vor Wald im Hintergrund

Im Kelnhofmuseum in Bräunlingen befinden sich auch einige Drucke an der Wand:

  • Trachtenträgerin aus Neustadt Lenzkirch 


Foto von Gleichauf 1896
Gleichauf 1896
Fotografie von Th. Schuhmann & Sohn, Karlsruhe

Links Abbildung aus: Chronik der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe für das Jahr 1896, S. 52f.

Rechts Ansicht der Bundesfestung Rastatt 1859.
Vermutlich hat er die Skizze hierfür bei einem Besuch seines Vetters Lucian Reich in Rastatt angefertigt.

Stich von Rastatt
Ansicht der Bundesfestung Rastatt (nach einer Zeichnung von Rudolf Gleichauf) 1859
Generallandesarchiv Karlsruhe J-B Rastatt 4


Ein Kehlkopfleiden endete das erfolgreiche Leben Rudolf Gleichaufs am 15. Oktober 1896.

Christi Himmelfahrt in der Friedhofskapelle

Gemütvoll schildert Dr. Cathiau den Abschied der Freunde von dem Heimgegangenen. Sie hatten sich versammelt „in jener heimeligen Friedhofskapelle von Karlsruhe, von deren Altarwand das Werk des Verblichenen, „Christi Himmelfahrt“, im Abendsonnengolde verklärt niederblickte. Als der Sarg über der Gruft schwebte, da sang aus dem herbstlichen Laubdickicht des nahen Fasanengartens ein verspäteter Buchfink sein Vale amice! . . .“
(Aus Badische Heimat 31 (1951), Rudolf Gleichauf – Ein Gedenkblatt von Balthasar Mooser)

Die Grabsteine von Adolf Heer und seinem Freund Rudolf Gleichauf

Nach dem Tode Adolf Heers veranlasste der Landschaftsmaler Wilhelm Klose eine würdige Grabstätte für seinen Freund. Die Ausführung lag in den Händen von Bildhauer Johannes Hirt, der ein langjähriger Mitarbeiter von Heer war. Die zwei Bronzereliefs von Heer und Gleichauf am Grabstein sind mit J. Hirt signiert. Das Grabmal fand seinen Platz auf dem sogenannten „Hügel“ auf dem Friedhof in Karlsruhe.

Im Jahre 1976 hieß es im Südkurier: „Silberdisteln schmücken das gemeinsame Grab von A. Heer und R. Gleichauf, wo den Besuchern von der Friedhofsverwaltung erklärt wird: „Wir halten es für eine Selbstverständlichkeit und Pflicht, den Gräbern Heers und Gleichaufs unsere Aufmerksamkeit zu schenken“. Mit wenigen einprägsamen Worten wird die Bedeutung der Künstler skizziert: .. Heer und Gleichauf haben im vergangenen Jahrhundert mitgeholfen, die Züge des Kunstschaffens in Karlsruhe zu prägen“. *

Monate später wird dann in einem Schreiben an die Stadtverwaltung Hüfingen und wahrscheinlich auch Vöhrenbach (dort ist Adolf Heer geboren) angefragt, ob Interesse am Grabstein der beiden Künstler bestehe: „Das Grab wird aufgelöst.“

Die Stadtverwaltung holte die Grabsteine nach Hüfingen und sie stehen jetzt bei der Aussegnungshalle.

Adolf Heer Bildhauer
geboren 13. September 1819
gestorben 29. März 1898

Grabmal 1973 noch in Karlsruhe

Grabstein von Adolf Heer und Rudolf Gleichauf ohne die ehemals kunstvolle Einfassung.

Rudolf Gleichauf Historienmaler
geboren 29. Juli 1826
gestorben 15. Oktober 1896


*Bildhauer Prof. Adolf Heer,
Sein Leben und seine Werke auf der Baar und dem Umland von Erich Willmann
Schriften der Baar 53, (2010)

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