Vogelführung

Liebe Bürgerpostleser, 

habt Ihr eine Vorstellung davon, wie viele Vogelarten man sehen und/oder hören kann bei einer gut dreieinhalbstündigen Exkursion? Als mögliche Hilfestellung gebe ich bekannt, dass es weltweit etwa 10.000 Vogelarten gibt. In Deutschland kennt man etwa 250 Brutvogelarten. Und wie viele haben wir am Samstag, den 9. Mai ab 7 bis 10.30 Uhr erleben dürfen? Die tolle Anzahl von 50 Arten. Hättet Ihr das gedacht? 

Die Exkursion wurde organisiert von den Freunden der Natur Hüfingen. An den Start gingen elf Personen. Die Umrundung des Hüfinger Riedsees war das Exkursionsareal. Die ersten gut 1,5 Stunden waren von Nebel begleitet und mit 3° Celsius war es recht frisch, so dass nur zwei mit dem Fahrrad anreisten. Das Hören aus dem Nebel war zu Beginn der wichtigste Sinn. Hilfreich war, dass einige Teilnehmer Vogelstimmenapps zur Hand hatten. Aber man durfte sich nicht voll darauf verlassen, es wurde zum Beispiel die Heidelerche genannt, die aber nicht zu sehen/hören war. 

Thomas Kring hat mit seinem starken Tele die Aufnahmen unten gemacht. Auf den Bildern ist u.a. ein brütendes Bläßhuhn auf einem Schilfnest und ein Flußregenpfeifer, der seine Eier ausbrütet. Nachdem wir merkten, dass er sich gestört fühlt, sind wir weitermarschiert. Auf einem Bild ist ein Rohrammermann, der wegen seines Gesangs auch Rohrspatz genannt wird. Er ist auf Schilf und Röhricht als Lebensraum angewiesen. Im Wald und auf der Heide sucht man ihn vergebens. Thomas hat eine Wiesenschafstelze super beim Tanz für die Erlangung der Gunst des Weibchen erwischt. Zum Schluß ist ein Biber durch den Riedsee geschwommen, logischerweise kein Vogel, aber wann sieht man schon einmal einen Biber? Es ist zumindest mein erster.  

  • Am Riedsee beim Vogelspaziergang


Wenn Ihr Lust habt, geht die alphabetische Liste von Amsel bis Zaunkönig durch und überlegt, welche Arten ihr erkannt hättet im Sehen aber auch im Hören. Eine solche Vogelführung schafft Sicherheit im Bestimmen und im Erkennen von Rufen und Gesängen. Wer in Sachen Vögel etwas dazulernen möchte, kann sich freuen, als Teilnehmer mitzugehen. Hocherfreut waren wir, den Kuckuck zu hören, weil das heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Erwähnenswert sind Zilzalp und Fitis, die nur über den sehr unterschiedlichen Gesang zu unterscheiden sind.

Bei der Führung 2025 waren nur 43 Arten zu benennen, dieses Jahr 50. Womit hängt das zusammen? Ganz einfach, weil das Landschaftsgefüge dieses Jahr vielfältiger war mit Wald, See und Freiflächen als 2025 im Hammeltal. Je reicher strukturiert eine Landschaft, desto mehr Arten können existieren. 

Vielleicht habe ich Euer Interesse geweckt, dann macht mit bei einer Führungen z.B. am Tag der Artenvielfalt da gehts ins Hammeltall und den Hüfinger Orchideenwald: https://www.freunde-der-natur-huefingen.de/veranstaltungen/

Falls sich auf diesen Beitrag jemand meldet, könnte man überlegen, spontan ein Angebot zu machen.

Herzliche Grüße

Franz Maus

Trockenstress im Plattenmoos?

Wann endlich blüht das Wollgras denn wieder im Plattenmoos, so fragte ich mich dieses Frühjahr im Vorbeiradeln zum soeben in Vollblüte stehenden „Rosenbaum“, dem spektakulären, uralten Wildapfelbaum im (ansonsten heute weithin baumlosen) Tannheimer Gewann Rosenbaum. Eigentlich müsste der vom Weg aus zu überblickende Randbereich des Hochmoors doch jetzt schneeweiß erscheinen. Nachschauen also im heimischen PC, wo ja bekanntlich alles fein säuberlich datiert wird, auch was sich an Fotos über die Jahre hinweg angesammelt hat. Richtig: vom 15. Mai 2022 stammt das letzte Wollgrasfoto, daneben unverkennbar die rauborkige Moorbirke und die abgestorbene Kiefer.

Wollgrasblüte im Frühjahr 2022
Wollgrasblüte im Frühjahr 2022

Doch dieses Frühjahr scheint sich das Wollgras rar gemacht zu haben – kein weißer Teppich, nur einzelne schüttere Blüten sind auszumachen inmitten störrischer Riedgras-Bulten. Reste eines Weidezauns stehen und liegen noch umher, die vor vier Jahren noch fehlten. Demnach muss die Fläche zwischenzeitlich ja wohl mal beweidet worden sein: eine Naturschutzmaßnahme? Für das Wollgras offenbar ein Flop, zumal sich statt seiner nun der Faulbaum ausgebreitet hat, auch er ein Hochmoorbewohner, doch kann sein Gedeihen hier ja wohl nicht Zweck der Übung gewesen sein. Was also mag die eigentliche Ursache sein für die Verdrängung des Wollgrases? Ist es eine Spätfolge der sich seit 2018 häufenden Trocken- und Hitzejahre, womöglich im Zusammenwirken mit dem Stickstoffeintrag aus der baarweiten Agrarindustrielandschaft? Oder hatte die Beweidung, die inzwischen offenbar wieder aufgegeben worden ist, die falsche Wirkung erzielt im Schutzgebiet? Und falls ja, lässt sich der Schaden reparieren? Könnten gar die Tannheimer im angrenzenden Quellschutzgebiet zu viel Wasser entnommen haben?

Im Frühjahr 2026 Faulbaumbewuchs statt Wollgras
Im Frühjahr 2026 Faulbaumbewuchs statt Wollgras

Hätte ich vor vier Jahren nicht die Kamera gezückt angesichts der weißen Blütenpracht, wer weiß, ob ich diesmal gestutzt und das Ausbleiben des Wollgrases überhaupt bemerkt hätte. Wie mag sich unterdessen das Zentrum des Hochmoors weiterentwickelt haben, wo den Mooren heutzutage doch als CO2-Senken eine überlebenswichtige Funktion zukommt. Wächst das Torfmoos noch und wächst es wieder, nachdem dort jahrhundertelang Torf zu Heizungszwecken gestochen worden ist, ehe der Bau der Schwarzwaldbahn den Umstieg auf fossile Brennstoffe ermöglicht hat, auf Kohle, Öl und Gas? Nichts erscheint uns daher heute vordringlicher, als die Ertüchtigung von Mooren und Wäldern – zumal wenn sie auch noch schön anzuschauen sind.

Wollgras im Frühjahr 2022
Wollgras im Frühjahr 2022

Wie Männer lernen, sich selbst zu verlieren

oder

Warum manche Männer lieber Macht suchen als Nähe

Es gibt diesen seltsamen Widerspruch, der Männer stark wirken lässt und gleichzeitig vollkommen verloren, sobald es um Gefühle geht. Nicht um große Gefühle und nicht um Pathos, sondern um einfache Dinge wie Traurigkeit, Scham, Unsicherheit, Nähe und auch Einsamkeit.

Der Feminismus habe Männern vieles genommen, heißt es manchmal. Vielleicht stimmt das sogar. Er hat ihnen zum Beispiel die Selbstverständlichkeit genommen, nie über sich selbst nachdenken zu müssen.

Hierzu möchte ich heute auf ein Buch aus dem Jahr 2004 von Bell Hooks eingehen: „The Will to Change: Men, Masculinity, and Love“ oder auch auf deutsch „Männer, Männlichkeit und Liebe: Der Wille zur Veränderung“.
bell hooks formuliert es brutal klar:

Der erste Akt der Gewalt, den das Patriarchat von Männern verlangt, ist nicht die Gewalt gegen Frauen. Stattdessen verlangt das Patriarchat von allen Männern, dass sie sich auf Akte der psychischen Selbstverstümmelung einlassen.“

Das ist vielleicht einer der wichtigsten Sätze überhaupt, wenn man moderne Männlichkeit verstehen will, denn Jungen lernen früh, welche Teile ihrer selbst unerwünscht sind. Das sind nicht weinen, nicht jammern, nicht schwach wirken, nicht abhängig sein und vor allem: Nicht verletzlich sein!

Dann wächst wieder eine neue Generation von Männern heran, der man jedes Gefühl abtrainiert hat außer Wut. Die Wut bleibt erlaubt und ist manchmal die einzige sozial akzeptierte Emotion. Das Problem dabei ist, dass abgetötete Gefühle nicht verschwinden sondern zurück kommen und zwar als als Härte, als Zynismus, als Kontrollbedürfnis, als Machtgehabe und als permanente Kränkbarkeit.

Dabei liegt darunter etwas vollkommen anderes, etwas über das so gut wie nie gesprochen wird. Es ist die Frage nach Sinn!
Denn Menschen brauchen das Gefühl, dass sie wichtig sind, dass sie gesehen werden, dass sie gebraucht werden und dass ihr Handeln irgendeine Bedeutung hat. Dies gilt für Männer ebenso wie für Frauen. Aber viele Männer lernen früh, dass dieser Wert vor allem an Stärke hängt und diese Stärke wird über Status, Leistung, Sichtbarkeit und Einfluss definiert. Nicht daran, wer sie sind, sondern daran, was sie darstellen.

Und vielleicht erklärt das auch, warum manche Männer mit dem Älterwerden so kämpfen, sobald der Status bröckelt. Wenn Bewunderung nachlässt und man nicht mehr der Lauteste, Stärkste oder Wichtigste im Raum ist, dann verschwindet oft nicht nur Anerkennung, sondern der Sinn. Wer nie gelernt hat, Nähe, Freundschaft oder Fürsorge als Teil des eigenen Selbst zu verstehen, steht irgendwann vor einer Leere, die sich durch Macht kaum noch füllen lässt. Vielleicht wirken manche Männer deshalb im Alter nicht härter, sondern verzweifelter. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem das Patriarchat auch seine eigenen Anhänger verschlingt.

Männer die ihr ganzes Leben gelernt haben, dass Sinn und Anerkennung über Leistung und Dominanz läuft, aber nie über emotionale Offenheit, werden im System zuerst belohnt. Zumindest eine Zeit lang, bis zu bis einem gewissen Punkt und solange niemand zu genau hinsieht. Sie funktionieren, organisieren, entscheiden, treten auf und wollen lenken aber bei Kritik reagieren sie sofort, als würde man ihr gesamtes Selbst angreifen.

Das Patriarchat macht Männer nicht stark!

Es macht Männer emotional abhängig von Anerkennung, weil Anerkennung die einzige Form emotionaler Bestätigung ist,
die sie gelernt haben.

Vielleicht erklärt das, warum manche Männer Macht so lieben und so panisch auf Bedeutungsverlust reagieren. Macht ist oft das Einzige, was ihnen jemals das Gefühl gegeben hat, jemand zu sein, weil sie nie gelernt haben, dass ein Mensch auch dann wertvoll bleibt, wenn niemand mehr klatscht.


Staubwanze

Liebe Bürgerpostleser, 

schaut Euch diese Bilder an, so etwas Skuriles habe ich noch nie gesehen. Gabi Schroll aus Mundelfingen schickte mir die zwei Bilder und fragte, „kannst du mir helfen, was das denn für eine Spinne ist“?

eine Staubwanze
eine Staubwanze

Sie hatte die Tierchen beim Holzumstapeln entdeckt. Zur Beruhigung von Cathrin Schelshorn vom Feldberg konnte ich feststellen, dass es keine Spinne ist. Wieso nicht? Weil Spinnen keine sechs, sondern acht Beine haben. Sechs Beinen haben Insekten und im Regelfall auch deren Larven. Ich weihte Dr. Hans-Peter Straub aus Königsfeld ein. Er schrieb, „ich habe dir vor einem Jahr das selbe Tierchen geschickt, es ist eine Staubwanze“.

eine Staubwanze

„Okay, aber Dein Exemplar war deutlich weniger staubig als die Exemplare von Gabi“. Deswegen hatte ich es auch schnell wieder vergessen.  Wikipedia schreibt: Die Staubwanze stammt aus der Familie der Raubwanzen. Kennzeichnend für das Insekt ist das Tarnungsverhalten ihrer Nymphen. So werden die Larven genannt. Diese bedecken sich mit dem verfügbaren Substrat der Umgebung wie Staub, Sägemehl und Sandkörner, bis sie beinahe unsichtbar werden. Sie werden auch „Maskierter Strolch“ oder „Kotwanze“genannt.

Die Staubwanze besiedelt ganz Europa bis nach Nordafrika. Als Kulturfolger lebt sie in alten Häusern, in Ställen und auf Dachböden ebenso wie auf Müllplätzen. 

Die ausgewachsenen Tiere, Imagos genannt, werden mit 15 bis 19 mm recht groß und sind einfarbig schwarz oder schwarzbraun gefärbt. Die Nymphen durchlaufen fünf Stadien und wachsen von wenigen Millimetern bis auf eine Länge ähnlich der Endgröße der erwachsenen Tiere heran. Die Tiere ernähren sich ausschließlich räuberisch von verschiedenen Gliederfüßern (Arthropoden), beispielsweise von Vorratsschädlingen oder von das Licht anfliegenden Insekten. Die Wanzen verfügen am Ende der Vorderschienen über ein Haftpolster aus dicht stehenden Haaren zum Festhalten der Beute. Diese wird durch einen auch für den Menschen sehr schmerzhaften Stich rasch getötet und ausgesaugt. Sowohl die erwachsenen Tiere als auch die Nymphen sind in der Lage, längere Hungerperioden zu überstehen, wodurch sich jedoch deren jeweilige Entwicklung verzögert. Ein Generationszyklus kann daher bis zu drei Jahre betragen mit zwei Überwinterungen der Nymphen. Ein berechtigter Hammer. 

Die Nymphen zeigen ein ausgeprägtes Maskierungsverhalten zum Schutz gegen Fressfeinde. Sie laden sich sofort nach jeder Häutung mit den Hinterbeinen Staub und andere Schmutzpartikel auf die Körperoberfläche und auf die Beine. Diese Partikel bleiben aufgrund klebriger Ausscheidungen spezieller Drüsenhaare haften. Die Fühler und die Tarsen bleiben dabei frei. So sind die Tiere zum einen prima getarnt, zum anderen vergeht möglichen Fressfeinden aufgrund des Schmutzes der Appetit. Das ist einfach gesagt ein Oberhammer. 

Regenwurm umhüllt von Buchenblühresten

Das Bild schickte mir Ingo Kirchhoff aus Wietzen, zu sehen ist auch ein getarntes Tier, aber unabsichtlich. Erkennt Ihr den Regenwurm umhüllt von Buchenblühresten? 

Vielen Dank Gabi, Hans-Peter und Ingo für die Überlassung der Bilder. Wäre doch schade gewesen, wenn es nicht diesen Beitrag hätte geben können. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

Wenn Macht frisst

Oder: Warum Menschen an der Spitze oft genau das verlieren, was sie nach oben gebracht hat.

Es gibt diese alte Vorstellung: Macht verdirbt den Charakter. Sie ist eingängig und sehr bequem, denn es klingt, als würde etwas von außen passieren. Als würde die Macht einen Menschen verändern. Aber so einfach ist es nicht, interessanter ist eine andere Frage: Was, wenn Macht nichts hinzufügt, sondern etwas wegnimmt?

Am Anfang steht oft etwas anderes, denn Menschen, die aufsteigen, bringen Fähigkeiten mit. Sie können zuhören, sie sind aufmerksam, sie merken, was andere brauchen und sie reagieren auf Kritik. Genau das bringt sie nach oben.

Aber dann passiert etwas Merkwürdiges. Je länger Macht anhält, desto mehr verschwinden genau diese Fähigkeiten. Der Sozialpsychologe Dacher Keltner beschreibt das so:
„Mächtige verhalten sich oft, als hätten sie ein Gehirntrauma erlitten.“

Das ist kein polemischer Satz, das ist Forschung und auch Wissenschaft. Die Empathie nimmt ab, weil Zuhören wird anstrengend und andere Perspektiven werden ausgeblendet. Einfach gesagt, die Welt wird kleiner.

Das ist kein Einzelfall und nicht nur meine subjektive Beobachtung, denn viele Studien zeigen immer wieder ähnliche Effekte.

Menschen, die sich mächtig fühlen, reagieren empfindlicher auf Ungerechtigkeit aber vor allem dann, wenn sie selbst betroffen sind. Gleichzeitig werden sie deutlich unempfindlicher, wenn andere betroffen sind. Eine Studie von Sawaoka et al. 1 zeigt genau das:
Macht schärft den Blick aber nur in eine Richtung und zwar nach innen.

Das erklärt auch, warum Kritik plötzlich nicht mehr funktioniert. Nicht, weil sie falsch ist, sondern weil sie nicht mehr ankommt. Denn Kritik stellt etwas infrage, das für mächtige Menschen zentral wird: Das eigene Bild!
Dieses eigene Bild ist nie stabil, denn es entsteht, es wird daran gebaut, es entwickelt sich. Es entwickelt sich aus Lob, aus Aufmerksamkeit, aus kleinen und großen Bestätigungen. Aus plötzlichem großem Applaus für Dinge, die vorher selbstverständlich waren.

Hier komme ich dann wieder auf das Kleine, die Mikromacht. Denn hier kann man diesen Mechanismus besonders gut beobachten. Nicht bei Diktatoren, sondern bei ganz normalen lokalen Figuren. Menschen, die für Engagement, für ihren Einsatz, für „sich kümmern“, sichtbar werden, bei denen verändert sich etwas. Sichtbarkeit verändert Menschen.

Dies lässt sich als Beispiel bei Charisma zeigen, denn es ist kein fester Charakterzug. Der US-amerikanische Psychologe und Professor Bernard Bass formulierte es so: „Charisma liegt im Auge des Betrachters.“ Anders gesagt: Es entsteht nicht allein durch die Person, sondern durch die Reaktion der anderen. Durch Aufmerksamkeit, durch Projektion, durch das Bedürfnis, jemanden zu bewundern. Und genau hier passiert es. Denn wenn aus Anerkennung langsam Bewunderung wird und aus Bewunderung etwas, das nicht mehr hinterfragt wird, dann verändert sich Verhalten.

Dies passiert nicht schlagartig, sondern schleichend. Kritik wird dann nicht mehr als Korrektur gesehen, sondern als Störung, als Angriff, als Unverschämtheit oder einfach als etwas, das man wegschieben muss. Das ist kein persönlicher Ausrutscher, das ist ein struktureller Effekt. Je höher jemand steht, desto mehr hat er zu verlieren und je größer der Fall wäre, desto größer wird die Bereitschaft, alles zu verteidigen, was diesen Status stabil hält.

Professor Bernard Bass brachte es auf den Punkt: Je größer die Unterschiede, desto stärker der Wille der Privilegierten den Status quo zu sichern, notfalls auch gegen Widerstand. Dann passiert etwas, das man nur von außen sehr klar sehen kann: Der mächtige Mensch hört auf zu lernen! Nicht, weil er es nicht mehr könnte, sondern weil er es nicht mehr muss. Neue Perspektiven stören, andere Meinungen sind anstrengend, unbequeme Realitäten werden ignoriert.

Was nicht ins eigene Raster passt, verschwindet. Wie Kunst, Kritik und auch Geschichte. Alles wird gefiltert durch eine einzige Frage: Passt es zu mir? Wenn etwas nicht mehr ignoriert werden kann, weil jemand zu laut war, dann wird die Reaktion heftig. Immer überzogen, sehr emotional und auch unkontrolliert. Nicht, weil das Thema so groß ist, sondern weil das System es nicht mehr aushält.

Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Macht macht nicht nur blind, sie macht abhängig.
Von Bestätigung, von Kontrolle, von dem Gefühl, recht zu haben. Und genau deshalb ist sie im Kleinen so gefährlich, weil sie dort oft nicht erkannt wird. Also nicht als Macht, sondern als Engagement, als Einsatz, als „der macht halt viel“. Dabei ist Macht im Kern sehr schlicht. Der Soziologe Max Weber hatte Macht schon im 19. Jahrhundert nüchtern definiert:
Die Chance, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen.

Die Frage ist also nicht, ob jemand Macht hat, sondern: Was passiert mit ihm, wenn er sie behält?
Denn das Entscheidende ist nicht der Aufstieg, sondern die Dauer. Kurzzeitige Macht verändert wenig, lang andauernde Macht dagegen verändert viel. Sie verschiebt Wahrnehmung, Maßstäbe und Realitäten.

Und manchmal reicht dann ein einziger Moment, um das sichtbar zu machen. Ein Widerspruch, eine Kleinigkeit, eine Situation ohne Applaus und plötzlich zeigt sich: Nicht der Ton ist das Problem, nicht der Anlass, sondern das, was darunter liegt. Vielleicht ist dies die unangenehmste Erkenntnis: Macht verdirbt nicht einfach den Charakter, sonder sie legt frei, wie stabil der Charakter wirklich ist.

Oder, etwas nüchterner gesagt: Macht ist kein Test für Können, sondern ein Test für Integrität.

Und nicht jeder besteht ihn.


Quellen:
Bernard Bass
Max Weber
Spektrum der Wissenschaft: Die dunkle Seite der Macht 2018
1 Sawaoka, T.; Hughes, B.; and Ambady, N. Power: Heightens Sensitivity to Unfairness Against the Self. Personality and Social Psychology Bulletin, 41 (7) (2015).

Von der SS ermordet

In ihrem Blog hat Hannah Miriam Jaag die Ermordung von Willibald Strohmeyer, des aus Mundelfingen stammenden Pfarrers von St. Trudbert, sehr eindringlich dokumentiert. Beim Durchlesen ihres Beitrags über dieses schlimme Verbrechen musste ich das Kriegstagebuch meines Vaters hervorholen. Denn auch er berichtet darin über die Vorgänge im Münstertal in den chaotischen letzten Kriegswochen.

Das mehrbändige Tagebuch hatte ich vor acht Jahren schon einmal unter die Lupe genommen und mir Gedanken darüber gemacht: Was der Krieg aus einem macht, so hatte ich meinen Text überschrieben und weiter: Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters.1

Im Folgenden will ich einige Passagen herausgreifen, die Hannahs Dokumentation der Ermordung von Pfarrer Strohmeyer noch ergänzen können. Vorauszuschicken ist, dass der Vater als Hauptmann der Infanterie und Ritterkreuzträger nach einem Lazarettaufenthalt in Badenweiler am Jahresende 1944 unbedingt zu seiner Einheit zurückkehren wollte, die noch im Baltikum in Rückzugsgefechten vor der Roten Armee lag. Stattdessen aber wurde er überraschend dem SS-Armeekorps unterstellt, dessen Generalkommando in Badenweiler lag; dies – wohlbemerkt – ohne zur SS übertreten zu müssen. Hier die datierten Auszüge:

8. Februar

Ich machte Quartier im Kloster St. Trudbert. Die Schwestern müssen zusammenrücken, tun es aber bereitwillig, mitsamt dem Freiburger Altersheim, das schon im Kloster untergeschlupft ist. Auch in die Stille des Pfarrhauses brachte ich Unruhe; die Haushälterin jammerte im voraus um ihre spiegelblank gewichsten Böden, doch der Pfarrer, ein würdiger Greis, schmunzelte mir heimlich zu. Im Hintergrund standen zwei Kapläne mit undurchdringlichen Gesichtern. Die Jagdbomber schwärmten wie die Hornissen. Sie kamen in Rudeln zu Vieren, Achten und Zwölfen und machten sich mit wildem Aufheulen und Knattern über die Straßen in der Ebene draußen, über die Kolonnen und Fahrzeuge her. Kopfüber stürzten sie sich auf Staufen, dreimal an diesem Tag, es krachte und schütterte, qualmte und brannte. Auch Krozingen und Heitersheim bekamen ihr Teil. […] Am Nachmittag kreisten sie hoch überm Tal, da zischten ihre Bomben hernieder und barsten mitten im Dorf und weit die Halden hinauf. Ein Toter, ein Verwundeter; ein Haus völlig weggeblasen. Am Abend kamen mit den Flüchtlingen vom Rhein auch die Leute von Staufen, Frauen und Kinder, verstört und erschöpft, mit Fahrrädern und Handwagen. Hundert Tote hat dieser Tag in dem sonst so heimeligen Breisgaustädtchen gefordert.

12. April

Der Vater war inzwischen zusammen mit einem SS-Mann namens Kubat im Südschwarzwald unterwegs, um die Möglichkeiten des Wehrwolf-Einsatzes hinter der Front auszuloten, was sich freilich als ziemlich illusionär herausstellen sollte.

[…] Das tollste, was ich durch Kubat kennenlernte, ist die „Kompanie Brandenburg“, ein abenteuerlicher, blutrünstiger Haufen von deutschen Galgenvögeln und französischen Desperados; Marokkaner, Chinesen und sogar ein Jude sind darunter, und natürlich fehlen auch Mädchen nicht. Die Männer tragen zur Tarnung die Uniform des Heeres, gehören aber zur SS. Die Gesellschaft hat ihren Schlupfwinkel im hintersten Münstertal, wird zu allen möglichen Unternehmen eingesetzt und ist auch zu allem fähig. Sie ist mit Maschinenpistolen, Sprengstoff und Blausäurepräparaten ausgerüstet, zählt hervorragende Pistolenschützen zu den Ihren und macht zu Übungszwecken Jagd auf Fahnenflüchtige. Das wichtigste Wort ihres Sprachschatzes heißt „umlegen“, und wenn einer von einem Auftrag nicht mehr zurückkommt, so hat er eben „Pech gehabt“, wobei nicht einmal feststeht, ob nicht die eigenen Kameraden nachgeholfen haben, zumal wenn es sich um Franzosen handelt. […]

In diesen Kreisen hörte ich bald da, bald dort davon reden, daß man sich auf einen Bandenkrieg im Rücken des Gegners vorbereitete, Verpflegungsstützpunkte und Sprengstofflager anlegte. […]

Kriegsende

Am 7. Mai 1945 endete der Krieg auch für den Vater, nachdem das inzwischen eingekesselte Armeekorps noch einen Ausbruchversuch von Hammereisenbach aus über die Baar hinweg in Richtung „Alpenfestung“ unternommen hatte, in dessen Verlauf Behla, Zollhaus und Randen noch lichterloh brannten und speziell zwischen Achdorf und Fützen (auf dem noch ungeteerten und aufgeweichten „Wellblechsträßchen“) große Verluste durch französischen Jagdbomberbeschuss zu beklagen waren. Truppweise schlug man sich weiter durch bereits besetztes Gebiet noch bis ins Bodensee-Hinterland, um sich dort schließlich aufzulösen, als die Nachricht von der unmittelbar bevorstehenden Kapitulation durchgesickert war. Zu Fuß auf Schleichwegen und vorwiegend nachts machte sich der Vater (noch immer in Uniform) auf den Heimweg nach Kandern im Markgräflerland. 

13. Mai

Um Sechs Morgenmilch von der Kuh weg und über den Berg nach Bürschau hinunter, ich brauchte längst keine Landkarte mehr. Zweites Frühstück bei freundlichen alten Leuten. Als sie hörten, daß ich geradewegs über den Köhlgarten gehen wollte, rieten sie mir dringend ab, weil dort noch eine Gruppe SS ihr Unwesen treibe und jeden heimkehrenden Soldaten zwinge, sich ihr anzuschließen. Den alten Pfarrer von Obermünstertal hätten sie in den Wald geholt und erschossen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, dankte den beiden Alten und ging.

Ich ging geradenwegs über den Köhlgarten. Die Jagdhütte war mir wohlbekannt, die droben versteckt im Wald lag. Der Pfarrer von Obermünstertal, der gute alte Herr, bei dem ich vor Monaten Quartier gemacht hatte! Ich wußte nicht, was ich bei der Jagdhütte wollte und was ich tun würde, wenn ich dort jemanden von der Bande träfe. Es mußten die Galgenvögel sein, Kriminelle aus aller Herren Länder, die der SS zu mancherlei dunklen Zwecken gedient hatten und in Untermünstertal untergebracht waren. Zum Glück stand die Hütte leer, Tür und Fenster waren eingeschlagen. Ungeschoren kam ich über das Lipple ins Kandertal.

Ungeschoren erreichte der Vater schließlich auch Kandern, freilich nur deshalb, weil ihn eine Wegstunde davor die Eltern eines Waldarbeiters dazu überredet hatten, in den Anzug ihres Sohnes zu schlüpfen und mit Spazierstock und Bauernburschenhut vollends nachhause zu wandern. In französiche Kriegsgefangenschaft geriet er dann doch noch, vom November 1945 bis Mai 1947 – „viel Zeit für Katharsis und Selbstreflexionen“, so schrieb ich in meinem Beitrag „Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters“.


1 Haumann, H. und Schellinger u. (Hg): Vom Nationalsozialismus zur Besatzungspolitk. Fallstudien und Erinnerungen aus Mittel- und Südbaden. Verlag regionalkultur, 2018

Foto von unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Zauneidechse und Tatzenkäfer

Liebe Bürgerpostleser, 

ein Tatzenkäfer an der Hauswand

der 27. April 2026 war ein bisheriger Beobachtungshöhepunkt in unserem Garten. Zum ersten Mal, seit wir vor 30 Jahren hierher gezogen sind, sah ich einen Tatzenkäfer und eine farbenprächtige Zauneidechse. Beide fast gleichzeitig in der Abendsonne. Ein absoluter Oberhammer. Den Großen Tatzenkäfer bestimmte google lens. Er ist mit 15 bis 20 mm der größte Blattkäfer in Mitteleuropa. Zur dieser Gattung gehören weltweit über 50.000 Arten und über 470 in Deutschland. Der bekannteste ist der Kartoffelkäfer, aber auch das Lilienhähnchen gehört dazu. Auf die Schnelle dachte ich, naja, das ist nur ein Mistkäfer. Also lieber mal genauer hingucken, dachte ich anschließend. Beim Bestimmen kam der Hinweis, dass er auffallend dicke Füße besitzt, die an „Tatzen“ erinnern. Seht Ihrs auf dem Bild?  Interessant ist, dass er aufgrund zusammengewachsener Flügeldecken nicht in der Lage ist zu fliegen. Bei Gefahr kann er eine rötliche giftige Flüssigkeit aus dem Mund absondern, was ihm im Englischen den Namen „bloody nosed beetle“ (Blutrünstiger Käfer) eingebracht hat. Man nennt das Reflexbluten. Primär setzt er das zur Verteidigung gegen Fressfeinde ein. Für uns Menschen ist dies in der Regel ungefährlich, sofern das Sekret nicht in offene Wunden oder in die Augen gelangt. Am besten also das Tier nicht anfassen. 

Eine Zauneidechse in unserem Garten in einem Spalt unserer Steinmauer, was für ein herrlicher erstmaliger Anblick, ich freute mich sehr. Wie bei vielen Vögel bekannt und üblich, ist auch bei der Zauneidechse das männliche Geschlecht sehr farbenfroh im Gegensatz zum blassen Weibchen. Der „Herr“ sonnte sich und verschwand sofort in seiner Höhle, wenn wir zu nahe kamen, zeigte sich aber Gott sei Dank bald wieder. Als wechselwarmes Tier braucht es die Sonnenwärme. Die Zauneidechse überwintert fünf bis sechs Monate in Kältestarre in frostfreier Tiefe von etwa 80 Zentimetern. Wo das wohl bei uns der Fall war? Zauneidechsen sind in der Regel sehr standorttreu und bewegen sich nur in einem Radius von ca. 20 Metern. Das ist ein Hammer. Wie Blindschleichen können auch sie bei Gefahr ihren Schwanz abwerfen. Nach der Paarung erfolgt die Eiablage von Mitte Mai bis Ende Juli, vereinzelt auch noch im August. Dazu werden sandige Plätze aufgesucht, die von der Sonne erreicht werden. Das Weibchen gräbt kleine Löcher und setzt darin 5 bis 14 weichschalige Eier ab. Die Entwicklungszeit der Eier im Sandboden ist stark von der Umgebungstemperatur abhängig; bei 21 bis 24 °C beträgt sie zwei Monate. Die Schlüpflinge sind etwa 5-6 cm lang. Frisch geschlüpft müssen sie sich auch vor ihren eigenen Eltern in Acht nehmen, um nicht gefressen zu werden. Wie bei den Kannibalen. Ihre Geschlechtsreife erreichen sie nach anderthalb bis zwei Jahren. 

Mensch, wäre das schön, wenn sich ein Weibchen für unseren Prachtburschen finden würde. Die Zauneidechse war Reptil des Jahres 2020, in der Roten Liste der BRD rangiert sie in V, das heißt Vorwarnliste. 

Ich wäre sehr dankbar, wenn ich von Euch erfahren könnte, ob Ihr die Zauneidechse auch in eurem Garten habt. Sie ist sehr nützlich, indem sie zahlreiche Insekten und Wirbellose, darunter Blattläuse, Schnecken, Raupen, Käfer und Spinnen frißt. Zauneidechsen sind auch ein Zeiger für gesunde Lebensräume, ihr Vorkommen deutet auf wertvolle, strukturreiche Biotope hin. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

Eine Zauneidechse auf Waldboden

Overshoot – Rettet uns der Dauerwald?

Wilhelm Bode

Overshoot –
Rettet uns der Dauerwald?  

Ein forstpolitischer Essay
Mit einem Vorwort von Dirk Stenzel
sowie einem Interview mit Hans Joachim Schellnhuber

Verlag Natur + Text Rangsdorf 2026
208 Seiten
ISBN 978-3-942062-79-4
27,00 Euro

Anglizismen sind unter Förstern und Waldfreunden eigentlich eher ungewöhnlich. Mit dem erklärungsbedürftigen Begriff Overshoot im Titel seines Essays geht der Autor, bekannt als streitbarer Jurist und Forstwissenschaftler, zweifellos ein Risiko ein. Doch schon auf dem Buchcover will er damit klarstellen, dass es ihm hier nicht allein um ein Waldthema geht, sondern um eine höchst aktuelle klimapolitische Weichenstellung: Um die Frage nämlich, wie Wälder so gestaltet werden können, dass sie unterm Vorzeichen des Klimawandels sowohl ökonomisch ertragreich bewirtschaftet werden können, als auch ihre Funktion als natürliche CO2-Senke besser erfüllen. 

Im Englischen wird der Begriff Overshoot verwendet, wenn ein bestimmtes selbstgestecktes Ziel nicht eingehalten werden kann, so erläutert ihn der Klimatologe Hans Joachim Schellnhuber, vormals Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), der von Wilhelm Bode abschließend interviewt wird. Das trifft zweifellos auch für die im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 vereinbarte und von 190 Staaten ratifizierte Leitplanke zu: für den allenfalls zu akzeptierenden Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur auf deutlich unter 2°C über dem vorindustriellen Niveau, was offenbar nicht gehalten werden kann: Schon 2024 dürfte die angestrebte 1,5°C-Grenze durchbrochen worden sein.

Angesichts dieser Dramatik vergleicht Bode die gegenwärtige Lage der Forstwirtschaft mit jener um 1800, als Holznot herrschte und die deutsche Forstwissenschaft sich mit ihren Bemühungen um Nachhaltigkeit der Holzversorgung und mit ihren forstgesetzlichen Initiativen weltweit einen vorzüglichen Ruf erworben hat. Leider jedoch hat die damals gefundene Lösung, die „Altersklassenwirschaft“, gleichaltrige Reinbestände hervorgebracht, die heute im Zuge des Klimawandels abgewirtschaftet haben. Es brauche daher eine „Waldwende“, ein neues Erfolgsmodell: den Dauerwald. 

Die Idee hierzu hatte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Eberswalder Forstwissenschaftler Alfred Möller, der den Dauerwald propagierte als einen sowohl ökologisch wie ökonomisch überlegenen „Waldorganismus“; aufgegriffen und praktiziert wurde diese waldbauliche Alternative von vergleichsweise wenigen Waldeigentümern, oft genug geschmäht und abgetan als „forstliche Zeugen Jehovas“. Wilhelm Bode hat die Möller´sche Idee zuvor schon in mehreren Schriften gewürdigt und empfohlen.

Denn das „Mehrgenerationenhaus“ des ungleichaltrigen und gemischten Dauerwalds hat sich in den jüngsten Extremjahren mit all ihren Stürmen, mit Trockenperioden, Bränden und Starkniederschlägen als erstaunlich resilient erwiesen, was nicht zuletzt seiner Struktur, vor allem jedoch dem überlegenen Waldbodenzustand zu verdanken ist, wenn Kahllegungen dauerhaft unterbleiben und Schadflächen erst gar nicht entstehen. Umso besser taugt der Waldtyp daher auch als natürliche CO2-Senke. Zumal er mehr zu Bauzwecken verwendbares Holz produziert als der Altersklassenwald, in dem mehr Schwachholz anfällt. Und hier setzt in seinem Vorwort auch der Architekt Dirk Stenzl an, der eine Lanze für den städtischen Mehrgeschoss-Holzbau bricht und eine Bau-Wende fordert. Denn die Verwendung von Beton, Stahl und Glas hat dazu geführt, dass der Bausektor als „Elefant im Klimaraum“ (Schellnhuber) für 40 % (!) der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist.

Im Bauholz wird das klimaschädliche Gas langfristig gespeichert, weshalb die Dauerwaldnutzung hinsichtlich ihrer CO2-Bilanz sogar besser abschneidet als unbewirtschaftete Waldreservate, wie sie von der Naturschutzseite favorisiert und gefordert werden. Hier stellt sich Wilhelm Bode nachdrücklich auf die Waldnutzerseite, soweit eben nicht labile Monokulturen bewirtschaftet werden, sondern ökologisch wie ökonomisch hochwertiger Dauerwald; und dies nicht mit Großmaschinen, sondern per bodenschonender Erntetechnik.

Im Interview äußert sich dann sogar der Klimatologe verhalten optimistisch: Die „Wald-Bau-Pumpe“, die Speicherung von Kohlenstoff in lebenden Wäldern auf „rehumifizierten Böden“ (Bode) und in Verbindung mit „städtischem Mehrgeschossholzbau“ (Stenzel), ist für Schellnhuber „das vielleicht eleganteste Prinzip planetarischer Selbstheilung“. Wilhelm Bodes Overshoot verspricht nicht weniger als „eine mehrfache Win-win-Strategie für die Lebensbedingungen aller Bürger in unserem Land“.

Der Preis der Anpassung

Warum Beschwichtigung kein Charakterfehler ist – sondern eine von Kindestagen an gelernte Reaktion.

Es gibt einen Satz, den viele Menschen häufiger denken, als sie zugeben: „Bist du sauer auf mich?“ Er wirkt harmlos, fast freundlich und rücksichtsvoll. Und doch steckt in ihm oft etwas anderes und zwar Angst. In der Psychologie spricht man inzwischen von einer vierten Stressreaktion neben Kampf, Flucht und Erstarren, vom sogenannten „Fawning“. Dieses Wort bezeichnet:

Anpassung.
Beschwichtigung.
Unterwerfung.
Deeskalation.
Bambi-Reflex.

Die Idee dahinter ist genau so einfach wie unbequem. Wenn weder Kampf noch Flucht möglich sind, wenn Erstarren nicht reicht, versucht das Nervensystem etwas anderes. Es versucht, die Situation zu beschwichtigen. Nicht durch Widerstand, sondern durch Anpassung. Menschen werden freundlich, verständnisvoll, nachgiebig. Sie stimmen zu, sie relativieren sich selbst, sie nehmen sich zurück. Nicht, weil sie keine Meinung hätten, sondern weil es so sicherer ist.

Im Englischen wird manchmal auch der Begriff „appeasement“ für „fawning“ verwendet. Ein bekanntes Wort aus der Politik und ein unangenehmes Wort im Alltag. Der entscheidende Unterschied ist, Fawning ist keine bewusste Strategie sondern eine unbewusste Reaktion.

Im Buch „Bist du sauer auf mich?“ von Meg Josephson wird genau das beschrieben. Wie Menschen lernen, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um Konflikte zu vermeiden, um gemocht zu werden, um nicht abgelehnt zu werden und wie tief dieses Muster gehen kann. Fawning zeigt sich nicht laut sondern leise. Man sagt selten Nein oder nur mit langem Zögern und immer mit schlechtem Gewissen. Man überlegt vorher, wie etwas ankommen könnte und danach fast zwanghaft, ob es falsch war.

Man übernimmt die Verantwortung für die Gefühle anderer Menschen.

Man vermeidet Konflikte um jeden Preis und passt die eigene Meinung an. Die Gedanken kreisen dann in der Nacht um: Habe ich etwas falsch gemacht? War das zu viel? War das unpassend? Ist jetzt jemand verärgert?
Gefühle wie Scham, Unsicherheit und Schuld folgen meist grundlos und ohne klaren Anlass. Gerade dieses Schuldgefühl ist zentral, es gehört nicht zur Situation, es gehört zum Muster des Fawnings und ist eine Reaktion des Nervensystems und erzeugt auf Dauer Schlaflosigkeit und somit Stress.

Und genau hier wird es interessant für die Mechanik der Mikromacht, denn solche Reaktionen entstehen nicht im luftleeren Raum. In einer Welt, in der Anpassung belohnt wird, in der Harmonie über alles gestellt wird, in der Widerspruch als Problem gilt, ist Fawning nicht ungewöhnlich. Weil es ist funktional!

Nicht nur historisch war die Anpassung für viele Menschen notwendig. Frauen, marginalisierte Gruppen, eigentlich alle, die abhängig sind, müssen sich anpassen – und vor allem auch Kinder. Nur die Oberschicht kann sich Exzentrik leisten. Sich anzupassen ist also keine Schwäche, sondern eine tief verankerte Überlebensstrategie. Ein Zitat aus dem Buch von Meg Josephson bringt es auf den Punkt: „Was ist der „Bambi-Reflex“ anderes als der Versuch, sich in ein Schema einzufügen (…) das eine dominante Gesellschaft für akzeptabel hält?“

Es wird in der Kindheit antrainiert und verfestigt. Die Gesellschaft liefert den Rahmen und das Nervensystem reagiert.

Fawning ist nicht nur für andere schwer erkennbar sondern auch für einen selbst. Nach außen ruhig wirken, während innen Alarm herrscht. Denn was von außen wie Freundlichkeit aussieht, kann innen Verzicht sein.

Die Grenze zwischen echter Rücksicht und Selbstaufgabe ist schmal.

Und genau deshalb führt der Weg hinaus oft über einen unangenehmen Schritt: Grenzen setzen!

Das klingt einfacher, als es ist, denn wer lange angepasst war, gerät leicht ins andere Extrem und wird laut, hart und abwehrend. Auch das ist Teil des Prozesses!

Entscheidend ist etwas anderes: Nein sagen ist kein Angriff. Und es ist schon gar kein Integritätsbruch!
Im Gegenteil. Es kann der erste Schritt zurück zur eigenen Integrität sein. Denn Integrität bedeutet nicht, immer ruhig zu bleiben oder immer angenehm zu sein oder es allen recht zu machen. Integrität zeigt sich unter Druck. Und manchmal zeigt sie sich genau dort, wo jemand zum ersten Mal Nein sagt. Darin liegt auch die Verbindung zu den anderen Texten dieser Reihe.

Zum Ton.
Zur Bewertung.
Zum Schweigen.
Zur Sichtbarkeit.
Zur Integrität.

Wer gelernt hat, dass Widerspruch Folgen hat, passt sich an. Und wer sich anpasst, verschwindet. Wer verschwindet lebt im Dauerstress. Wer im Dauerstress lebt wird krank.

Fawning ist kein individuelles Problem.

Es ist eine logische Reaktion auf eine Umgebung, die Anpassung belohnt und Abweichung sanktioniert. Und genau deshalb lohnt es sich, es zu erkennen. Nicht, um sich zu verurteilen, sondern um zu verstehen, woher dieses Verhalten kommt und wo es vielleicht nicht mehr nötig ist.

Ameisenlöwen und Ameisenjungfer

Liebe Bürgerpostleser,

nun zur Rätselauflösung vom letzten Beitrag: Das gelbe zwischen den beiden Fenstern war der Platz eines Briefkastens. Von jetzt auf nachher wurde er abmontiert. Das haben viele richtig beantwortet. Ich war sehr positiv überrascht, denn viele von Euch hatten auch die richtige Antwort auf Frage, was auf dem anderen Bild zu sehen ist, nämlich einen Fangtrichter des Ameisenlöwen. Einige hatten beides richtig beantwortet. Die Erste, die beides wußte, war Michaela Lang aus Wieladingen, einem Ortsteil von Rickenbach im wunderschönen Hotzenwald. Herzlichen Glückwunsch. Sie hat mir eine Geschichte dazu geschrieben, die kommt später.

Ameisenlöwen sind die räuberischen Larven der Ameisenjungfern, die für ihre Jagdtechnik bekannt sind. Sie graben mit einer ausgereiften Technik trichterförmige Fallen in lockeren Sand, um Ameisen und andere kleine Insekten zu fangen, indem sie diese mit Sand bewerfen. Unten angekommen, wird das Opfer mit den Zangen gepackt, mit Gift betäubt und ausgesaugt. Welch grausiges Ende, ein Oberhammer. Erstaunlich ist, dass Ameisenlöwen bis zu drei Monate ohne Nahrung auskommen können. Die Larven machen drei Stadien durch und leben bis zu drei Jahre im Trichterhals, bevor sie sich verpuppen und als zarte Ameisenjungfer, die wie eine Libelle aussieht, schlüpfen. Die Ameisenjungfer ist ein friedliches, nachtaktives Insekt, das sich von Pollen und Nektar ernährt und eine Flügelspannweite von bis zu 55 mm aufweist. Die Larve wird bis zu 17 mm groß, Nadine Linhard-Blum aus Hohberg hat eine fotografieren können. Sieht schon wie nicht ganz von dieser Welt aus, oder um es auf den Punkt zu bringen, hammermäßig.

Der Lebensraum der Ameisenlöwen sind warme, trockene, sandige und regengeschützte Stellen, wie unter Baumwurzeln, Brücken, Schuppen oder an Hauswänden.

Bei Dr. Ulrike Guttenberger im Hohelohischen fanden sie sich in einer stillgelegten Mörtelwanne. Ameisenlöwen können nur rückwärts laufen und, ganz wichtig, sie sind für den Menschen völlig ungefährlich. Wenn die Bedingungen für den Trichterbau passen, kommen sie regelmäßig bis auf 1.200 m Meereshöhe vor.
Die oben angedeutete Geschichte von Michaela Lang ist die, dass es um ihr Heimathaus in Öflingen, einem Stadtteil von Wehr, viele Fangtrichter gab. Was machte sie als Kind? Sie angelte mit Grashalmen nach den Ameisenlöwen und ab und zu schnappte einer zu und sie bekam ihn zu sehen. In ihrem jetzigen Wohnort Wieladingen hat sie diese Methode mit ihren Kindern gespielt, ist das nicht rührend?

Simone Bröcheler aus WT-Gutenburg berichtete ebenfalls, dass sie „Ameisenlöwenangeln“ auf ihrem Hof gemacht hat. Da ich in meinem Leben bis jetzt noch nie einen Fangtrichter gesehen habe, ist mir dieses „Naturspiel“ leider entgangen. Vielleicht könnt Ihr dazu berichten, ich würde mich sehr freuen.

Herzliche Grüße
Franz Maus