Riedseerätsel

Seit Jahren benutze ich am Riedsee ein und dieselbe Einstiegsstelle, um meiner sommerlichen Lieblingsbeschäftigung zu frönen, dem Schwimmen fernab des Badetrubels. Sie ist per Rad auf überwiegend nichtöffentlichen Sträßchen gut erreichbar, und Birken, Erlen und Weidengesträuch sorgen für Halbschatten gegen Sonnenbrand. Zu Besuch kommen da vorzugsweise Haubentaucher, Schwäne, Enten und Blässhühner – nur zweimal in all den Sommern fand ich meine Nische besetzt vor – von einem Angler.

Der Frühsommer 2018 ist mir in besonders denkwürdiger Erinnerung geblieben, denn unmittelbar neben meiner Nische hatte sich zu meiner Überraschung erstmals ein kleiner Teppich von Seerosenblättern ausgebreitet, aus dem im August dann auch die ersten zauberhaften Blüten aufbrachen; Claude Monet hätte sie nicht sehr viel schöner malen können in seinem Nymphenteich. Für mich Grund genug jedenfalls, das Wunder fotografisch festzuhalten.

Seerosenblüte mit drei Blüten
Erste Seerosenblüte im Sommer 2018

Wo kamen die Seerosen bloß her, wie konnten sie so urplötzlich hier auftauchen? Bei all meinen Radrunden um den See herum waren sie mir doch noch nirgends aufgefallen. Hatten Wasservögel dafür gesorgt, waren die Samen vom Ostwind herangetrieben worden oder wie hat man sich die Verbreitung von Seerosen eigentlich vorzustellen? Zu meiner Freude entwickelte sich die kleine Kolonie prächtig: von Jahr zu Jahr wuchs der Blätterteppich weiter an und bildete auch neue Inselchen.

ein Teppich voll Seerosen
Seerosenpracht im Juli 2024

Auch im Sommer 2025 hatten Blätter und Blüten sich weiter ausgebreitet, ohne dass ich mich an meiner Einstiegsstelle von ihnen bedrängt gefühlt hätte. Im Gegenteil: die Freude am Wunder ihrer Ansiedlung und ihres Gedeihens wuchs alle Sommer mit. Sollte man mich trotz aller Seniorenfitness mal suchen müssen, so hatte ich es zuhause hinterlassen, sollte mir die Schwimmerei halt eines Tages doch nicht bekommen oder sollte ich einem Hitzschlag erlegen sein: Dort am Riedsee, bei den Seerosen, müsst ihr nach mir fahnden!

Früh schon, an Pfingsten 2026, dank eines Warmluftvorstoßes aus dem tiefsten Südwesten herauf, war es endlich wieder so weit: der Riedsee lockte, und so schwang ich mich wieder auf mein Rad und steuerte meine Nische an. Doch was war das für eine Enttäuschung – die Seerosen waren spurlos verschwunden! Wie kann das sein? Wer oder was trägt dafür die Verantwortung? Oder haben Seerosen etwa natürliche Fressfeinde? Molche, Libellenlarven und Seerosenblattkäferkäfer könnten ihnen zusetzen, meinen sie bei Google, doch zumindest die ersteren wären einem im Wasser doch irgendwann sicher mal begegnet. 

Riedsee mit klarem Wasser
paar Blätter im See

An Pfingsten 2026: Verschwundene Seerosenpracht bis auf einen kläglichen Rest

Ratlos und enttäuscht folge ich dem Ufer noch ein Stück weiter südwärts und entdecke schließlich, beim Blick durchs Weidengestrüpp, doch noch einen kläglichen Rest von Seerosenblättern. 

Oder sollte ich mit meiner kindlichen Freude an der Neuansiedlung etwa gründlich daneben gelegen haben? Zuhause bei der Google-Recherche lese ich zu meinem Erstaunen, die Seerose sei zu einem der wichtigsten Umweltprobleme für Stauseen, Flüsse und Lagunen geworden. Die Verbreitung der invasiven Wasserpflanze, die ursprünglich als Zierpflanze eingeführt worden war, stelle heute „eine  Bedrohung für die aquatische Biodiversität“ dar. War da womöglich im zurückliegenden Halbjahr ein Trupp von Umweltbewegten im Einsatz, der meinen Lieblingen den Garaus gemacht hat – so wie andernorts dem Japanischen Staudenknöterich oder dem Drüsigen Springkraut? O weh, wie konnte ich mich nur so naiv erfreuen an meinen Nympheae – und mich so von ihnen täuschen lassen!

Eine schöne Blüte der Seerose
Ein schmerzlicher Abschied (Foto 2020)?

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