Es johlet d’Käther, schreit und schilt am Mendig früh wie b’sässe:
„Du Lump, du ganz versoffne Siech, bischt z’lang im Bäre g’sässe. Jetzt guck emol din Kittel a, sind Flecke drin, en Huufe. Du Pfiddi, siescht, die Moose doo, die kummet nu vom Suufe!“
De Marti stieret vor sich hear, hört zu dem Dunderwätter. Z mol schleet er d’Bratze uff de Disch und brüelet a sie Käther:
„Gell, lieg mer nitt und halt die Muul, und hör nuu uff mit blääre. Vum Suufe kummet d’Moose nit die giit es bim Verlääre!
Das Buch Alma, das Störchlein mit den kurzen Beinen, kann unter sima-ria@web.de, Friedrich-Farb-klecks@gmx.de oder im Café Vanilli’s in Donaueschingen käuflich erworben werden.
E Storchepärle jung und nett Huckt dobbe wie uff me Tablett Hät guete Root uff rotem Giebel Der Uusguck, der isch gar nit ibel
Dä, z Amedshofe überm Ried E Nescht isch wo mer ganz wiit sieht Me trohnt dä uff me Rote Huus Und sieht rundum i d Boor dä nuus
So kaamer Krotte, Mies und Frösche jagge de Storche Clan bruucht nit verzagge E Residenz uff’s Rothuus Firscht Do isch mer halt de Storchefürscht
So kaa mer villi Störch ernähre Die allfort kläpperlet und blähre I so me Ort gihts drum vill Zwilling Und immer wieder mol au Drilling
Die honds dä nett, kummet mords guet aa Kennt wette, die gond scho bald i‘ De J K aa Bei sore Fürsorge i dem warme Nescht Gohts fidel zue, wie bei me Klapperstorche Fescht.
De Schurz vum Grossi isch parat:
Beim Tränli trockne im z‘ hoesse Bad Beim Ännikeije mit em Rad Beim erschte Kindergarte Zoff Bruuchts au emol den sanfte Stoff
Beim Tröschte „Fünf bis Sechs“ i Spanisch Aber Reli „Eins“, e Grossi word do koe weng panisch Beim Wache wegem hohne Fieber „Hai Oma, kumm doch schnell mol nieber“
Beim Wadewickel wickle, Puhh… Lebertran, au do gihts nint zum Zickle Beim Gosche weg dem Oefalt Phoebe „Die Kueh, des isch e ganz e bleede“
Beim erschte grosse Liebesschmerz Druckt d‘ Oma dich a s mollig Herz Wenns später mol ums Schaffe goot BHät s‘ Omi au no guete Rot
S‘ Schnuuferli Gitta vu de Enteborg Hät Tag und Nacht e grossi Sorg Dass Neschterplatte sind parat Am beschte us me Schpoecherat
E Glück isch’s i dem Storcheort zum Huuse drum gihts halt au so vill zum Schmuuse Und so gohts bald vu Vorne los des Storchekläppre, des Famos.
Umbenennung vom Hans-Thoma-Preis zum Landespreis für bildende Kunst
Beitrag vom 23. Mai 2024
Hans Thoma: Das wandernde Bächlein (1906)
Weidberge, Bächlein, weit überstehende Walmdächer, Wald: der Südschwarzwald gilt uns bis heute, wo immer er sich noch als Idylle präsentieren darf, als „Hans-Thoma-Landschaft“. Und alle zwei Jahre pflegt die Kunstwelt nach Bernau zu pilgern, um im dortigen Hans-Thoma-Museum der Verleihung des Hans-Thoma-Preises beizuwohnen und die Ausstellung mit den Werken des aktuellen Preisträgers zu begutachten. Doch diesmal wurden nicht nur wir Schwarzwälder Hans-Thoma-Verehrer von Medienberichten aufgeschreckt: Der Preisträger des Jahres 2023, Prof. Marcel van Eeden, Rektor der Karlsruher Staatl. Akademie der Bildenden Künste, habe sich kritisch mit Thoma auseinandergesetzt und dabei aufgedeckt, dass dieser ein völkisch antimodernes Weltbild vertreten und sich mehrfach antisemitisch geäußert habe. Dies stünde jedoch im Widerspruch zu dem mit 25.000 Euro dotierten Preis, mit dem ja „innovative Positionen“ ausgezeichnet werden sollen. Woraufhin das Stuttgarter Kultusministerium beschlossen habe, den Preis umzubenennen. Neu konzipiert werde 2024 zum hundertsten Todestag des Malers auch die Bernauer Dauerausstellung.
Bekannt war bislang allenfalls, dass Hans Thoma zu den Unterzeichnern des Manifests der 93 gehörte, mit dem Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller im September 1914 den Versuch unternommen hatten, den deutschen Militarismus zu verteidigen und die gleich zu Beginn des Kriegs in Belgien an der Zivilbevölkerung begangenen Kriegsverbrechen abzustreiten. Doch van Eeden deckte zudem Dokumente von einer Reise Thomas zur Rembrandt-Ausstellung in Amsterdam auf, anhand derer er glaubt nachweisen zu können, dass Deutschlands populärster Maler, zugleich Rektor der Karlsruher Akademie und Abgeordneter, bekennender Antisemit gewesen sei. Weshalb bloß hatte man bisher nie etwas davon mitbekommen? Dass er posthum auch von den Nazis vereinnahmt wurde, ist ihm ja nicht mehr anzulasten und hat seiner Beliebtheit dann auch bis heute nichts mehr anhaben können. So wenig wie der Umstand, dass er vom Impressionismus und Expressionismus seiner Malerkollegen nichts mehr gehalten hat.
Selbstbildnis vor einem Birkenwald 1899 Hans Thoma, Public domain, via Wikimedia Commons
Im Jahr 1919, fünf Jahre vor seinem Tod, hat Hans Thoma seinen Lebensrückblick Im Winter des Lebens: Aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen veröffentlicht. Das Buch ist 1989 zur 150. Jährung seines Geburtstags vom Landkreis Waldshut und der Gemeinde Bernau unverändert neu herausgegeben worden. So kritisch man es heute durchmustern mag, es findet sich darin nicht die geringste Spur von Völkischem, gar von Antisemitismus. Als ob der soeben verlorene Krieg, als ob Dolchstoßlegende, Revolution und Verbannung des Kaisers einem für imperialen Zungenschlag Anfälligen, den der Großherzog 1907 in die erste badische Ständekammer berufen hatte, nicht Anlässe genug geboten hätten, sein „völkisch antimodernes Weltbild“ (absichtlich oder unbeabsichtigt) in den Text einfließen zu lassen. Nichts dergleichen lässt sich darin finden – selbst in Passagen, in welchen sich Hans Thoma mit Politik und mit seiner Selbsteinschätzung als Abgeordneter befasst (Textprobe):
Ich kam auch bei jeder Landtagsperiode ein oder zweimal zum Reden, dabei ließ ich mich nur auf Fragen ein, in denen auch ein Künstler mitsprechen kann. So z. B. über Naturschutz, über Vogelschutz, auch über die jährlich wiederkehrenden Kunstakademie- und Galeriefragen, über Zeichenunterricht, auch einmal über Sittlichkeitsfragen, insoweit sie die Kunst berühren.
Auch das Thema Krieg hat er nicht ausgespart:
Ich sitze in meinem Waldhäuschen Marxzell, wo wir gerade noch, es ist August 1918, von ferne die Fliegerabwehrkanonen von Karlsruhe her hören. Bei meinem recht langen Lauf durchs Leben habe ich so viel Elend und Menschenjammer erlebt, um zu wissen, dass es nicht erst dieses mörderischen Krieges bedurft hätte, um zu wissen, dass unser Dasein Leiden ist, nicht der Mühe wert, es abzuspinnen. Der Krieg ist ein schlagendes Beispiel dafür, wie wenig Wert die Menschenknochen haben. Im fünften Jahr schon erzählen die Tagesberichte der Völker sich gegenseitig, wie viel Menschenkörper durch ihre Mordmaschinen vernichtet worden sind, sie rühmen sich, wie viel Herzeleid sie sich angetan haben.
Schreibt so ein Völkischer, ein Imperialist? Nein, dem Achtzigjährigen fehlt es in seinem Lebensrückblick auch durchaus nicht an Selbstkritik:
Ja, wenn auf einer Wegstrecke auch der leibhaftige Teufel einmal mitgewandert sein sollte und man sich mit ihm ganz gut unterhalten hat, so sollte man höchstens von ihm sagen, dass einem sein Geruch widerlich war. Das mag aber wohl gegenseitig gewesen sein.
Egal, welcher Teufel auf welcher Wegstrecke da „einmal mitgewandert“ sein sollte: War die Umbenennung des Hans-Thoma-Preises wirklich unumgänglich? Ist sein Fall auch nur annähernd vergleichbar mit dem Schicksal des Malers Emil Nolde, nachdem sich bei ihm herausgestellt hatte, dass er einerseits zwar als „entarteter Künstler“ verfemt war, andererseits aber dennoch Rassist, Antisemit und Anhänger des Nationalsozialismus? Oder wirft der Bernauer Vorgang nicht eher ein bezeichnendes Licht auf den gegenwärtigen Kunst- und Wissenschaftsbetrieb – mit dessen Hang zur Politisierung, zu Diversifizierung, Skandalisierung und zum Canceln?
Hans Thoma (* 2. Oktober 1839 in Oberlehen, Bernau – 7. November 1924 in Karlsruhe)
Tod du machst mein Aug‘ zu nichts, doch nimmermehr die Macht des Lichts. Das Licht hat einst das Aug‘ gebaut zum Werkzeug nur, mir dem es selbst sich schaut. Die Zeit ist nun erfüllt, das Ende da, das Aug längst sich müde sah. Ein morsches Werkzeug wird zu Trümmern, es siegt des Glaubens Licht! Uns soll des Grabes Nacht nicht kümmern.
Zum 237. Geburtstag von Johann Nepomuk Schelble wollte ich den Nachruf und die Dissertation wieder hervorholen.
Johann Nepomuk Schelble war nicht irgendein Musiker aus Hüfingen, sondern einer der bedeutendsten Chorleiter seiner Zeit. In Frankfurt wird bis heute an ihn erinnert, seine Werke werden aufgeführt, sein Name ist dort Teil des kulturellen Gedächtnisses.
Und in Hüfingen? Ein Straßenname. Das war’s fast schon.
Das finde ich traurig. Vor allem für eine Stadt, die sich „Wir lieben Geschichte“ unter das Logo mit Männerkopf schreibt und sich so gern mit Vergangenheit schmückt. Offenbar gilt diese Liebe zur Geschichte aber nur für bestimmte Kapitel. Musiker, Künstler und kulturelles Erbe scheinen jedenfalls nicht dazuzugehören.
Dabei wäre Schelble genau eine Persönlichkeit, auf die man stolz sein könnte: ein Sohn dieser Stadt, der weit über die Region hinaus Bedeutung hatte. Stattdessen wird er hier seit Jahren weitgehend ignoriert. Keine wirkliche Erinnerungskultur, kaum öffentliche Würdigung, kaum Interesse.
Man hat manchmal das Gefühl, Geschichte zählt nur dann, wenn sie ins gewohnte Bild passt. Kunst und Kultur dagegen werden behandelt wie hübsches Beiwerk, nicht wie ein Teil der eigenen Identität.
Gerade deshalb hole ich den Nachruf und die Dissertation über ihn heute wieder hervor. Nicht aus Nostalgie, sondern weil man Menschen wie Johann Nepomuk Schelble nicht einfach vergessen sollte.
Verfaßt von Dr. Heinrich Weismann, Frankfurt 1837. (Dieser Nachruf ist auch in der Festschrift des Cäcilienvereins vom Jahr 1888 wiedergegeben.)
So ist er denn geschieden, unser Meister, Entfloh’n der Erde enger Kerkerhaft; Er, der Gewall’ge, der der Töne Geister Entfesselt uns mit seltner Geisteskraft. Ein Gott hat gnädig sein Geschick geordnet, Ihn rasch entrückt der langen Leiden Schmerz; Im Tempel der Natur hat er geendet, Ihn trugen Blumenengel himmelwärts.
Verwaist steh’n wir mit unsern stummen Klagen, Geschlossen ist der Tempel des Gesangs. Sein mächt’ger Geist wars ja, der uns getragen Zu jenen Höh’n des höchsten geist’gen Klangs. Bachs Genius war durch Ihn lebendig worden, Der Himmlische, verschollen fast und todt, Und wieder tönt in mächtigen Akkorden Des Lebensfürsten Sieg und Opfertod.
Er lehrt‘ uns Töne, die zum Herzen drangen, Weil sie vom Herzen kamen klar und rein; Zu höh’rer, himmlischer Musik umschlangen Uns seine Tön‘ in herrlichem Verein. Und wie sein Geist nur Edles konnte pflegen, Ein strenger Priester seiner Königin, So trat er auch im Leben uns entgegen, Ein edler Mensch in Wort und Tat und Sinn.
O laßt des edeln Meisters Angedenken das Band sein, das uns Alle fest umschlingt, Es mög‘ sein edler Geist uns ferner lenken, Daß Fremdes nicht in seine Schöpfung dringt. Der Geist lebt fort, wenn auch das Leben fliehet, Er hat uns sterbend, was er schuf, vertraut: Wir halten fest, was uns nach oben ziehet, Von wo er segnend auf uns niederschaut.
Aus der digitalen Sammlung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe.
Dissertation von Oskar Bormann, Frankfurt am Main 1926
Vermutlich Oskar Bormann um 1926. Foto: Netzfund
Ich wurde am 25. August 1903 in Vaihingen bei Stuttgart geboren. Ich besuchte die Elementarschule des Karlsgymnasiums in Heilbronn a. N. Da meine Eltern nach Höchst a. M. zogen, verließ ich diese Anstalt schon nach dem 2. Jahr und trat in die 3. Vorschulklasse der Höchster Realschule ein. Letztere besuchte ich bis zur Obersekundareife, erhielt einen Kaiserpreis und trat dann in die Sachsenhäuser Oberrealschule in Frankfurt a. M. über. Dort erwarb ich Ostern 1921 das Reifezeugnis und bezog darauf zum Studium der Musikwissenschaft die Universität in Frankfurt a. M. Im Sommersemester 1923 war ich an der Tübinger Universität immatrikuliert und darauf wieder Studierender der Frankfurter Universität bis zu meiner Exmatrikulation nach dem Wintersemester 1924/25. An den Universitäten hörte ich Vorlesungen aus dem Gebiete der Philosophie, der Germanistik und der Musikwissenschaft bei den Herren Professoren: Dr. Cornelius, Dr. Hasse, Dr. Schultz und Dr. Bauer. Daneben trieb ich ferner praktische Musik-studien, hauptsächlich an Dr. Hochs- Konservatorium in Frankfurt.
Auf Grund der vorliegenden Arbeit, erwarb ich am 1. Juli 1926 an der Universität in Frankfurt am Main den Doktorgrad.
Vorwort.
Meine Arbeit über Johann Nepomuk Schelble, deren Anregung ich Herrn Professor Dr. Bauer verdanke, verfolgt den Zweck einer eingehenden und umfassenden Würdigung eines Mannes, dessen Name auch heute noch hervorgehoben werden muß, wenn von jener gewaltigen Bewegung am Anfang des vorigen Jahrhunderts – der Bachrenaissance um 1829 die Rede ist. Wohl ist schon viel über Schelble geschrieben worden, jedoch sind diese Schriften meist nur „Erinnerungs- und Gedenkblätter“, die wohl manchen Aufschluß über Schelbles Persönlichkeit und Wirken geben, ohne aber kritisch Stellung zu nehmen und aufzuzeigen, was uns nun Schelble eigentlich bedeutet, was von seiner Tätigkeit für immer der Musikgeschichte angehören wird. Es ist daher schon oft bedauert worden, daß sich noch niemand gefunden hat, der Schelble einer gründlichen Biographie würdigte. (Gollmick in seiner Autobiographie; Professor Dr. M. Friedländer an mich usf.)
Leider ist seit dem Tode Schelbles schon zu lange Zeit vergangen, als daß ich noch für alle meine Angaben auf die ersten Quellen hätte zurückgehen können. Es dürfte aber kaum noch in Betracht Kommendes existieren, das ich hier in meiner Arbeit nicht berücksichtigt hätte (vgl. Literaturverzeichnis und Anmerkungen). Auch Schelbles Kompositionen und die Quellen für seine Lehrmethode konnte ich bis auf ganz Weniges zusammenbringen und daraus ein Bild seiner Tätigkeit auf diesen Gebieten gewinnen.
Allen Denen, deren Unterstützung ich bei meiner Forschung in Anspruch nehmen mußte, sei an dieser Stelle mein aufrichtigster Dank ausgesprochen.
Besonders verpflichtet bin ich meinem verehrten Lehrer. Herrn Professor Dr. Bauer für seine vielfache Förderung; ferner Herrn Professor Dr. Schering, der mir das von ihm in Leipzig aufgefundene handschriftliche Material gütigst überließ, sowie Herrn Professor Dr. Müller in Frankfurt, der mir bei der Durchsicht des Archivs des Frankfurter Cäcilienvereins in stets liebenswürdiger Weise behilflich war, mir auch das von ihm gesammelte Material zur Geschichte des Cäcilienvereins (Manuskript) freundlichst zur Verfügung stellte und durch seine Tätigkeit als Bibliothekar des Cäcilienvereins mir schätzenswerte Vorarbeit geleistet hatte.
Die Gliederung meiner Arbeit ist aus dem Inhaltsverzeichnis ersichtlich.
Die wichtigsten, der uns vorliegenden biographischen Aufsätze über Johann Nepomuk Schelble sind:
Weismann, Joh.: J. N. Schelble, Direktor des Cäcilienvereins in Frankfurt, Frankfurt 1838.
Ein Aufsatz von Lucian Reich in seinen „Wanderblüten aus dem Gedenkbuch eines Malers“: „J. N. Schelble“
Ein Aufsatz von W. Oppel-Chrysander in der allgemeinen musikalischen Zeitung in Leipzig, III. Jahrgang, 1868.
Biographie in Form eines Briefes des Franz Xaver Gleichauf an Lucian Reich in Hüfingen vom 28. 12. 1853; dieselbe befindet sich als Manuskript im Archiv des Cäcilienvereins.
Die kleine Schrift von Weis mann (Nr. 1) ist die Quelle fast aller späteren biographischen Artikel in Lexicis und anderer biographischer Aufsätze. (F. J. Fetis: Biographie universelle; Mendel-Reißmann; Grove; Allgemein deutsche Biographie; Nekrolog der Zeitschrift Cäcilia Band XX, Heft 79; Festschriften des Cäcilien-vereins; Leipziger allgemeine musikalische Zeitung 1839 u. 1868.) Diese erste kurze Biographie scheint also bekannt gewesen zu sein, obgleich sie nicht im Buchhandel erschienen ist.
J. Weismann (1804- 80),1) der als Professor in Frankfurt wirkte, war eines der frühesten Mitglieder des Cäcilienvereins und kannte daher Schelble genau; seine Schrift ist, wie meine Nachprüfungen ergaben, durchaus zuverlässig.
Der Aufsatz Lucian Reichs2) (Nr. 2) baut sich auf der Biographie von Xaver Gleichauf (Nr. 4) auf, die Reich zum Teil wörtlich benützt, im Ganzen aber erheblich erweitert.3) Ich habe in meiner Arbeit in den Fällen, in denen Reich Gleichauf wörtlich zitiert, immer die ursprüngliche Quelle angegeben.
Der Maler und Schriftsteller Lucian Reich (1817-1900) war ein Neffe Schelbles. Franz Xaver Gleichauf (1801-1856) der Musiker war und in Frankfurt lebte, war ebenfalls mit Schelble verwandt (Vetter).
Der Aufsatz von Oppel-Chrysander ist in seinem ersten Teile (W. Oppel) Abschrift von Weismann (Nr. 1); im zweiten Teile aber (Chrysander) kritische Stellungnahme zum Lehrer und Dirigenten Schelble, auf die ich in meiner Arbeit näher eingehen mußte.
Ich habe versucht, für alle meine Angaben die ersten Quellen ausfindig zu machen; diese fließen aber, besonders für die erste Lebzeit Schelbles, recht dürftig; es mußten öfters Weismann und Reich 4) zur Hilfe herangezogen werden, auch decken sich verschiedene Ergebnisse meiner Forschungen mit den genannten Autoren; in diesen Fällen habe ich immer die erste Quelle angegeben. Ausdrücklich sei hier noch darauf hingewiesen, daß ich nicht auf alle Irrtümer oder hypothetischen Behauptungen der überaus zahlreichen „Schriften“ (Zeitungsaufsätze, Nekrologe usf.) über Schelble eingehen durfte, wenn ich nicht den Anmerkungenapparat ins Uebertriebne steigern wollte. Der Text meiner Arbeit gibt in allen solchen Fällen die Berichtigung.
1) Der lebende Komponist Julius Weismann ist ein Enkel des Obigen. 2) Auch dieser Aufsatz wurde Quelle für spätere (Bad. Biogr. v. Weech; Festschrift des Cäcilien-Vereins). 3) Auf Grund der Briefe Schelbles an seine Eltern in Hüfingen. 4) Diese beiden Schriften sind nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden (Archiv des Cäcilien-Vereins; Frankfurter Stadtbibliothek; Fürstliches Archiv in Donaueschingen; Landesbibliothek Karlsruhe.)
A. Schelbles Leben und sein Wirken als Dirigent des Cäcilienvereins.
1. Vorfahren. 5
Johann Nepomuk Schelble entstammt einer uralten Familie in Hüfingen, einem Städtchen der „Baar“, im badischen Schwarzwald gelegen. Verschiedene Variationen des Familiennamens treten uns entgegen: Schälble, Schälblin, Schelblin, Schelble. Schälblin 6) dürfte der ursprüngliche Name gewesen sein, der sich durch dialektisch – schwäbische Umbildung der Endung allmählich in Schelble verwandelte. Das Geschlecht der Schelble ist schon im 17. und 18. Jahrhundert in der „Baar“ häufig“ 7) ; nicht nur Hüfingen auch Villingen und Donaueschingen8) weisen den Namen auf.
Schon von Samuel Schelle ab, der 1590 in Hüfingen geboren wurde, läßt sich der Stammbaum stetig verfolgen. Die Schelble in Hüfingen sind meist Amts- oder Kanzleidiener; doch scheint die Musik von jeher in der Familie heimisch gewesen zu sein. Es wird uns berichtet 9), daß der Großvater unseres Schelble, Franz Xaver, mit Vorliebe Musik betrieb. Der Großvater und auch der Vater Johann Nepomuks widmeten sich neben ihrem Kanzleidienst beim Fürstlich- Fürstenbergschen Justizamt dem Gewerbe der Faßmalerei; beide wirkten auch in der Kirche als Violinspieler mit. 10)
Franz Josef Schelble11) (1762-1835), so hieß der Vater Johann Nepomuks, wandte sich dann von der Faßmalerei dem Schuldienst zu; er nahm Unterricht in Donaueschingen, auch in Orgel- und Klavierspiel. Der Mangel einer Singstimme bewog ihn dann, dieser Laufbahn zu entsagen. Er beschäftigte sich noch einige Zeit mit Instrumentenbau (Klaviere in einfacher Bauart), einer Liebhaberei, die er auch später noch weiter betrieb, und die ihm den Namen „Klavierlemacher“ eintrug. Eine gesicherte Stellung erlangte er erst 1790, als er „Zuchtmeister“ wurde; 1806 wird er Korrektionshausverwalter. Er war mit Katharina Götz, der Tochter eines reichen Bauern, verheiratet; dieselbe war musikalisch und besaß eine hübsche Stimme. So ist denn der musikalische Sinn, der sich seit altersher in der Familie nachweisen ließ, besonders auch bei den Eltern unsres Schelble ausgeprägt. Johann Nepomuk war von 14 Kindern der einzige Sohn.12) In den anderen Linien der Familie begegnen uns noch zahlreiche Künstler: die Linie, die von Lucian Reich (1788-1866), dem Schwager Schelbles ausgeht, weist besonders viele Maler und Bildhauer auf, Frz. Xaver Gleichauf war ein sehr angesehener Musiker und Komponist in Frankfurt; auch die Linie Engesser ist reich an Musikern. In Hüfingen ist die Familie der Schelble ausgestorben: dort leben noch die Seitenlinien Nober und Reich.
Das hervorragendste Glied dieser weitverzweigten Künstlerfamilie, Johann Nepomuk Schelle, soll uns nun weiter beschäftigen.
5) Herr Dr. Barth in Donaueschingen besorgte mir gütigst einen Auszug aus einem von Kanzleirat Anton Schelble in Donaueschingen aufgestellten Stammbaum. Außerdem befindet sich im Archiv des Cäcilien-Vereins ein Stammbaum von Professor Engesser, Karlsruhe unterzeichnet, der bis ins 20. Jahrhuntert geführt ist. Es würde über den Rahmen meiner Arbeit hinausgehen, wollte ich ihr aus diesen beiden Quellen einen vollständigen Stammbaum Schelbles beifügen: ich beschränke mich auf die Vorfahren Schelbles: einen Auszug aus der späteren Entwicklungsgeschichte der Familie gibt der Anhang der Arbeit von C. H. Müller: „Frankfurt a. Main und der deutsche Männergesang 1813 -71″, Frankfurt 1925. 6) L. Reich („Wanderblüten“) ist auch der Ansicht, ohne sie zu begründen. 7) Nach Notizen aus den Standesbüchern in Hüfingen, die ich der Güte des Herrn Dekan Schatz daselbst verdanke. 8) Es dürfte also die enderwärts gehegte Vermutung, daß Anton Schelble, der Famulus „Antor“ des Josef Viktor v. Scheffel in Donaueschingen, ein Mitglied der Familie ist, richtig sein. 9) Lucian Reich: „Blätter aus meinem Gedenkbuch“ S. 89 in den Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar in Donaueschingen, Band IX., 1896; hier heißt es irrtümlich Ur großvater. 10) So berichtet Lucian Reich in dem schon erwähnten Aufsatz in seinen „Wanderblüten„; auch die folgenden Daten sind, wenn nicht anders angegeben, dort entnommen. 11) Von ihm befindet sich eine Gipsbüste von Professor Zwerger in den Fürstl. Fürstenbergschen Sammlungen in Donaueschingen; von derselben erhielt ich eine Aufnahme durch die Güte des Herrn Dr. Barth. 12) Bis auf 4 Schwestern starben alle schon in frühester Jugend; ich kann mir daher die Verwandtschaft, die Herr Professor Dr. med. Schelble (z. Zt. in Bremen lebend) zwischen sich und Joh. Nep. Schelble vorhanden glaubt, nicht erklären.
Luzian Reich (Schwager) und Maria Josefa Schelble (Schwester) Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1865
II. 1789–1807 Jugendzeit, seine Lehrer, seine Ausbildung, 1. Reise nach Stuttgart.
Johann Nepomuk Schelble 13) wurde am 16. Mai 1789 in Hüfingen 14) geboren. 15) Seine Mutter sang ihm die ersten Lieder vor, den Anfangsunterricht im Klavierspiel erhielt er von seinem Vater, 16) er selbst bewies schon in frühester Jugend besondere Vorliebe für Musik: so konnte es nicht fehlen, daß das Talent des Knaben rechtzeitig entwickelt wurde und seinen Weg fand. Kriegszeiten brachen herein. Durch einen österreichischen, klavierspielenden Feldpater lernte der 7jährige Knabe Mozart’sche Melodien kennen. Kaplan Eiselin wird bald sein erster Lehrer in Gesang. Durch die großen Fortschritte des Nepomuk eine Entmutigung seiner anderen Schüler befürchtend, entließ ihn der Kaplan aus seinem Unterricht mit dem Urteil, daß es ihm an Talent mangele. Er erhielt darauf Gesangsunterricht bei dem musikalisch dilettierenden Amtskanzlisten Schlosser, der ihn soweit förderte, daß er bei der Rückkehr des wegen Kriegsgefahr geflüchteten fürstlichen Hofes in Donaueschingen eine Begrüßungsarie mit Beifall singen konnte. 17)
Durch Schlosser erhielt der Knabe schließlich eine Freistelle als Chorknabe (1800) im Reichsstift Obermarchtal einem damals bedeutenden schwäbischen Kloster. War der Unterricht hier auch pedantisch, und daher wenig fruchtbringend, so empfing doch Schelble hier seine ersten tiefen Eindrücke von der Wirkung der Musik: die nächtlichen Psalmengesänge der Mönche mit dem Orgelspiel des berühmten „Kontrapunktisten“ Sixt Bachmann blieben ihm unauslöschlich in der Erinnerung. 1803 endete der Aufenthalt in Obermarchtal mit der Säkularisierung der Klöster. Lucian Reich berichtet von einer außerordentlich heftigen Erkältung, die der Knabe sich bei der Rückkehr ins Elternhaus in einem offenen Fuhrwerk bei großer Kälte zugezogen hatte. Wahrscheinlich ist hier der Grund seiner immer wiederkehrenden und immer heftiger und gefährlicher werdenden Erkältungen zu suchen. Diese Erkältungen hinderten ihn später außerordentlich, nahmen allmählich chronische Form an und mögen schließlich mittelbar die Ursache seines durch Blutsturz erfolgten Todes geworden sein. 18)
Die erwähnte Neigung zur Indisposition und seine baldige Mutation führten ihn dem Klavierspiel zu; auch die Piccoloflöte soll er virtuos gespielt haben. Damals lernte Schelble in einer Zeitschrift einen Auszug aus Forkels „Ueber Bachs Leben und Kunstwerk“ kennen, und schöpfte aus ihm die Kenntnis von Bachs Mechanik des Klavierspiels, die ihm fortan als Richtschnur für sein Studium diente. 19)
Dem Wunsche seiner Eltern gemäß bezog er bald das Gymnasium in Donaueschingen, setzte dort die in Marchtal begonnenen Sprachstudien fort und wurde außerdem Gesangsschüler des fürstlichen Kammersängers Weiß 20) der eine strenge, aber einseitige Methode gehabt haben soll 21) jedenfalls war dies der erste Unterricht, den er von einem künstlerisch gebildeten Lehrer erhielt. Wahrscheinlich hat Weiß ihn nicht nur in Gesang, sondern auch in anderen Zweigen der Tonkunst unterrichtet, soweit er es vermochte. 22) Der Unterricht war in Rücksicht auf spätere Verwendung in der „Hofmusik“ unentgeltlich.23)
Die Lateinschulakten 24) im Fürstlich-Fürstenbergischen Archiv zu Donaueschingen berichten, daß Schelble 1804 „in suprema grammatica“ war, und eine lobende Erwähnung erhielt. Dagegen scheint er im Endexamen 1804 nicht besonders gut aufgefallen zu sein; es heißt da in einer handschriftlichen Randbemerkung:
„Schelble. So dumm als Zapf und ebenso unfleißig als dumm“ 1805 war er nicht mehr Schüler des „Gymnasium Fürstenbergicum ad fontes Danubii 25) Sicherlich hat er sich auch während seiner Gymnasialzeit eben mehr mit Musik als mit Grammatik beschäftigt und daher ist das obige Urteil mit der Betonung „unfleißig“ leicht zu verstehen.
In Donaueschingen wurde zu jener Zeit die Musik, insbesondere das Theater von dem Fürstenbergischen Hofe außerordentlich gepflegt.26) Sowohl eigne als auch von auswärts herbeigerufene Künstler vermittelten dem Publikum in ausgezeichneten Aufführungen im Fürstlich-Fürstenbergischen Hoftheater Werke der dramatischen Kunst. Schelble wirkte sowohl als Sänger wie als Schauspieler, in Konzerten wie im Theater mit. Schon 1805 erwarb er sich als Sechzehnjähriger den Beifall des Fürsten gelegentlich einer Aufführung von Dalayrac’s ,Die beiden Savoyarden* 27) Die Eltern Schelbles schienen an seine künstlerische Berufung noch nicht recht zu glauben; der Vater wünschte jedenfalls, daß er einen praktischen und gesicherten Beruf ergreife und so trat er denn 1806 als Akzessist in das F. F. Hauptarchiv ein. Seinen Unterricht bei Weiß und seine musikalische Tätigkeit am Hofe behielt er jedoch bei. Diese Tätigkeit war bis zum September 1807 unentgeltlich, von Oktober ab erhielt er eine jährliche, widerrufliche Gratifikalion von 66 fl. und nahm die Stelle eines Hofkammerexpedilors ein. Die Tätigkeit im F. F. Archiv dauerte nicht lange: Schelbles Liebe für die Musik ließ sich nicht länger zurückhalten. Sein Talent strebte zu weiterer Betätigung und Ausbildung einem größeren Wirkungskreise und einem Meister zu, der es vollenden sollte.
Trotz größten Widerstandes 28) von Seiten seiner Eltern, die ihn am Archiv in Donaueschingen halten wollten, ließ sich der sonst überaus pietätvolle Sohn nicht von seinem schon längere Zeit gehegten Plane abbringen, zu weiterer Ausbildung zu Abt Vogler nach Darmstadt zu gehen. 29) Die Eltern gaben endlich nach; im Jahre 1807 verließ Schelble Hüfingen und wandte sich zunächst nach Stuttgart.
13) Der Name wird öfters falsch geschrieben: F. J. Fétis, Biographie universelle des musiciens Band 7 (1870) schreibt Schelble; Hofmeister (Kataloge Band VI S. 535) zeigt gar das Erscheinen seiner Singeübungen unter Schelble, J. M. (!) an. 14) In den Standesbüchern in Hüfingen findet sich nur der Taufeintrag (Mitteilung von Herrn Dekan Schatz, Hüfingen). 15) Herr Professor Revellio, Villingen, der das Hüfinger Stadtarchiv durchgearbeitet hat, versicherte mir, daß nichts auf Schelble Bezügliches dort zu finden sei. 16) Reich a. a. O., Weismann u. ff. Die Jugend Schelbles ist mit allen Anekdoten ausführlich bei Reich beschrieben; wo nicht anders angegeben, folge ich Reich. 17) Fr. X. Gleichauf, Briefbiographie Schelbles im Archiv des Cäcilien-Vereins. 18) Ed. Berndorfs Angabe in seinem „Neuen Universallexikon der Tonkunst“, Offenbach 1861 Band 3 (Artikel Schelble): „krankhafte Disposition der Gehirnnerven“ scheint mir danach auf einem Irrtum zu beruhen. 19)Briefliche Biographie Schelbles von Fr. X. Gleichauf (Archiv des Cäcilien-Vereins); bei Reich a. a. O. heißt es irrtümlich: Zeitschrift Forkels. Die Anekdoten aus jener Zeit, die bei Reich zu finden sind, gehen auf Fr. X. Gleichauf (Briefbiographie) zurück. 20) J. B. Weiß war Schüler des berühmten Tenoristen Anton Raaff (Raff) (1713-97) in München. 21) Reich a. a. O.; Genaueres ist über diese Methode nicht zu ermitteln. 22) Nach Weißmann a. a. O. soll Schelble bei Weiß Gesang-, Klavier- und Kompositionsunterricht gehabt haben. 23) Nach einer Milteilung des Herrn Dr. Barth, Donaueschingen an mich. 24) Auszüge daraus verdanke ich Herrn Dr. Barth; derselbe hat mir auch in liebenswürdiger Weise das Wichtigster Barden Besson lakten Schelbles vom Jahre 1806 im F. F. Archiv excerpiert; darauf gründen sich obige Angaben. 25) Wenigstens wird er in der Klasse nicht mehr erwähnt. 26) Das Fürstlich Fürstenbergsche Hoftheater zu Donaueschingen 1775-1850. herausgegeben vom F. F. Archiv, Donaueschingen 1914; darin über Schelble S. 73 und im Personenregister. 27) Reich, a. a. O., S. 278. 28) Er droht sogar mit heimlicher Flucht aus dem Elternhause (vgl. Reich, S. 279). 29) Von dieser Absicht, zu Abt Vogler nach Darmstadt zu gehen, erfahren wir aus dem oben erwähnten 1. Brief aus Stuttgart; das ist auch die Quelle für Gleichauf, Weismann und Reich und die ihnen folgenden anderen biographischen Vorlagen. Der Rat, bei Vogler zu studieren, geht nach Reich von dem F. F. Hofrat und Leibarzt Rehmann in Donaueschingen aus.
Hoftheater Donaueschingen
III. 1807-1814 Stuttgart, Theater- und Lehrertätigkeit, Reise nach Wien.
Ueber diese seine erste Reise und über seinen Empfang in Stuttgart gibt ein Brief an seine Eltern vom 23. 12. 1807 Auskunft.30) Danach begleitete ihn sein Vater ein Stück Weges, der über Schönbrunn zunächst nach Hechingen führte; dort suchte er den ihm von Donaueschingen her bekannten „,F.-F. Musik- und Rittmeister“ von Hampeln auf. In Stuttgart wandte er sich gleich nach seiner Ankunft an den Galeriedirektor Seele, 31) der ihn freundlich aufnahm und ihn zu J. B. Krebs 32) führte.
Krebs nun wurde für Schelbles weitere Ausbildung und für seine ganze Laufbahn ausschlaggebend. Da Schelble besonders Gesangsstudien, weniger aber Kompositionsstudien betreiben wollte, so riet ihm Krebs davon ab, bei Vogler Unterricht zu nehmen, da er diesen wohl für einen ausgezeichneten Theoretiker, nicht aber für einen ebensolchen Gesangslehrer hielt. 33) Er wies daher Schelble an den „vortrefflichen Harmonisten und beliebten Melodisten“ Danzi, den er auch als Menschen außerordentlich schätzte; 34) bei diesem sollte Schelble die Kompositionskunst studieren. Krebs selbst übernahm die Prüfung der Stimme und verschaffte ihm. da dieselbe zu seiner Zufriedenheit ausfiel, Gelegenheit, sich vor dem König in einem Konzert hören zu lassen. Der König ließ ihm bald darauf eine Stelle am Theater anbieten. 35)
Schelble konnte sich nicht gleich entschließen, die Theaterlaufbahn einzuschlagen, nahm aber schließlich am 16. 2. 1808 die Stellung als königlicher Hof- und Opernsänger mit tausend Gulden Jahreshonorar an.36) Krebs wurde sein treuer Schutzpatron.
Schelble wohnte bei ihm, kam dort mit anderen Kunstjüngern zusanmen und stand unter dem wohltätigen Einfluß seiner klaren und edlen Persönlichkeit. Krebs wurde in seiner Begeisterung und Liebe für die Kunst ein Vorbild, das niemand besser widerspiegelte als Schelble selbst. Der ehemalige Plan, bei Abt Vogler in Darmstadt zu studieren, wurde aufgegeben.37)
Es steht nicht sicher fest, ob er in Stuttgart noch Gesangsunterricht genossen hat; wahrscheinlich war Krebs noch einige Zeit sein Lehrer. 38) Jedenfalls war seine Stimme bei seinem Weggang als Stuttgart (1814) noch nicht vollendet: er schreibt aus Wien noch von eifrigen Studien und von Verbesserung seines Gesanges.
Kompositionsunterricht nahm er vermutlich bei Danzi.39) Er studierte vor allen die Streichquartette und Streichquintette Mozarts, die er „sich in Partitur setzen ließ“ 40) In dieser Zeit entstanden eine Reihe von Streichquartetten, seine Oper 41) „Graf Adalbert“ und einige kleinere Klaviersachen. Damals verbreiteten sich die pädagogischen Ideen Pestalozzis in Süddeutschland. Ihre Anwendung auf das Gebiet der Musik war schon 1810 durch Nägelis Gesangschule gezeigt worden; überall wurden Schulen errichtet. die die Grundsätze des großen Schweizer Pädagogen verwerten sollten. Auch in Stuttgart wurde am 31. 12. 1811 ein Kunstinstitut 42) gegründet, um den Nachwuchs für das Orchester und das Theater nach Pestalozzischer Methode heranzubilden. Die besten Kräfte des Hoftheaters waren die Lehrer dieser Anstalt, die im Jahre 1818 wieder aufgelöst wurde. Schelble unterrichtete von Anfang des Jahres 1812 an bis zu seiner Abreise nach Wien in diesem Institut.
Die Leipziger Allgemeine Musikal, Zeitung bringt uns in Nr. 220 vom 13. 5. 1812 unter „Nachrichten aus Stuttgart“ einen eingehenden Bericht 43) über das Institut und insbesondere über Schelbles Lehrtätigkeit, den ich wegen seiner Wichtigkeit als einzige Quelle im Anhang meiner Arbeit beigefügt habe. Die Stuttgarter Lehrmethode Schelbles ist durchaus von der Frankfurter Lehrmethode, die allgemein gemeint wird, wenn überhaupt von der „Schelble’schen Methode“ gesprochen wird, zu unterscheiden.44) Jene war eine allgemeine Unterrichtsmethode in Pestalozzischem Geiste: sie sucht die melodische Kraft, die im Schüler vorhanden ist, durch Selbsttätigkeit des Schülers zu entwickeln; er muß gleich anfangs Melodien erfinden, und zwar solche, die den inneren, seelischen Anteil des Erfinders bezeugen, die er innerlich „anschaut“. Die Methode dagegen, die Schelble in Frankfurt verwandte die Schelble’sche Methode – war eine spezielle und diente zur Entwicklung des Gehörs. Ein gewisser Zusammenhang zwischen beiden ist insofern festzustellen, als Schelble auch in Frankfurt das Pestalozzische Entwicklungsprinzip beibehielt und die Schüler, um ihre Freude am Lernen zu erhöhen, kleine Phrasen und Melodien erfinden ließ. Genaueres über die weitere Entwicklung der Methode in Stuttgart wissen wir nicht.
Auch über seine Theaterlaufbahn läßt sich heute nicht mehr viel berichten. Die Theaterzettel45) verzeichnen sein erstes Auftreten am 14. 2. 1808 als Don Guzman in Mozarts „Don Gio-vanni“ nun läßt sich sein Name bis zum 25. 11. 1813 feststellen: er singt Tenor- und Baritonrollen in Opern von Dalayrac, Mozart, Spontini, Winter, Paër, Weigl.18) Am 9. März 1814 wurde Schelble aus dem Hoftheater entlassen.47) Es mögen mancherlei Gründe gewesen sein, die Schelble veranlaßten, die Stadt zu verlassen:48) ein Ruf an das Wiener Hoftheater,49) der ihm innewohnende Drang nach weiterer Ausbildung und nicht zuletzt auch Streitigkeiten 50) mit der Gemahlin seines Freundes und Lehrers Krebs, die ihm den weiteren Aufenthalt in Stuttgart 51) verleideten.52) Man ließ ihn nur ungern von Stuttgart ziehen. 53)
30) Dieser Brief ist bei Reich a. a. O. S. 280-81 vollständig abgedruckt; ich habe daher hier auf eine Wiederholung desselben verzichtet. Das Original ist nur als Fragment erhalten. 31) Nach Reich waren die Eltern Schelbles und Seeles miteinander bekannt. 32) J. B. Krebs (1774-1851) war ein berühmter Tenorist; er studierte zuerst Theologie, dann Gesang bei Weiß. Als Sänger und Regisseur in Stuttgart tätig, schrieb er Lieder, Oratorien, verfaßte Operntexte und Uebersetzungen. Seine Stimme, die einen ungewöhnlichen Umfang besaß, wurde um die Wende des vorigen Jahrhunderts als Ideal hingestellt. (Vgl. Leipziger allgemeine musikal. Zeitung, 1806.) 33) Vogler war kurz vorher einige Zeit in Stuttgart gewesen; Krebs kannte ihn daher persönlich und nannte ihn, Schelble gegenüber, geizig und habsüchlig. Alle diese Angaben gründen sich auf den schon erwähnten Brief Schelbles nach Hüfingen. 34) Interessant ist diese zeitgenössische Hochschätzung Danzis; vgl. Reipschläger: „Schubaur, Poissl und Danzi als Komponisten“ (Rostocker Dissert., 1911) 35) Nach Reich a. a. O. S. 283. Von hier ab fließen die Quellen schon etwas reichlicher. Genannt seien vor allem die 39 Familienbriefe Schelbles, die ich von Frl. Reich in Hüfingen zur Einsicht erhielt. Allerdings sind die meisten in der Frankfurter Zeit geschrieben; vgl. Anhang über den Nachlaß Schelbles. Reich scheint in diese Briefe Einsicht gehabt zu haben. 36) Wie mir aus den Akten des württembergischen Staatsarchivs mitgeteilt wurde, lautete der Kontrakt vom 16. 2. 1808 auf 3 Jahre und wurde am 27. 6. 1811 unter gleichen Bedingungen erneuert. Ueber die Verhandlungen wegen des Vertrags vgl. Reich, S. 283. 37) Grove: „Dictionary of music and musicians“, Vol. 4, London 1908 irrt also, wenn er schreibt: „he [Schelle] spent some time with Vogler and then with Krebs“. Dieser Artikel ist überhaupt sehr ungenau in seinen Angaben. 38) Fr. X. Gleichauf a. a. O. 39) Sicheres ist nirgends über seine Lehrer in Stuttgart zu finden, es dürfte aber keinem Zweifel unterliegen, daß er von 1807-12 bei Krebs und Danzi Schüler war. 40) Fr. X. Gleichauf a. a. O. 41) Die Oper hatte bei ihrer Aufführung in Stuttgart keinen Erfolg, vgl. R. Krauß: Das Stuttgarter Hoftheater, Stuttgart 1908, In der Allgemeinen Deutschen Biogr. (Artikel Schelble von Robert Eitner) ist irrtümlicherweise Wien als Entstehungsort der Oper angegeben. 42) Vgl. R. Krauß: Das Stuttgarter Hoftheater, S. 134. 43) Hier tritt uns Schelle zum 1. Mal öffentlich entgegen; von da ab wird sein Name häufiger in den Zeitungen genannt. Reich hat obigen Artikel (S. 284) kurz angezogen. Wenn es in dem Bericht (vgl. Anhang) heißt, daß Schelle nach Pestalozzischen und eignen (nicht Nägelischen) Grundsätzen unterrichtete, so unterliegt es für mich doch keinem Zweifel, daB Schelble die große Gesangschule von Pfeiffer-Nägeli gekannt und auch teilweise verwertet hat, zumal das Stuttgarter Institut unter den Subskribenten dieses Werkes zu finden ist. 44) Schon Schelbles Lehrer Krebs hat in dem Brief, den ich als Anhang VI meiner Arbeit milgab, diesen Unterschied erwähnt. (Vgl. Anhang.) 45) Die Theaterzettel des Hoftheaters Stuttgart (Stultgarter Hofbibliothek) sind von mir durchgesehen worden. Vorhanden sind sie von 1807-13, Jahrgang 1814 ist verbrannt (Theaterbrand 1901); 1815 war Schelble schon in Wien. 46) Er singt in Stuttgart (1808 14) wie auch in Wien (1814-16) die gleichen Rollen wie in Frankfurt (1816–19): ich verweise daher auf die Besprechung der Frankfurter Theaterzeit und den Anhang II. 47) Nach den Akten des württembergischen Staatsarchivs in Stuttgart. (Mitleilung der Direktion an mich.) 48) Ob Schelble in Stuttgart Beziehungen zu C. M. v. Weber (von 1807 bis 1810 in Stuttgart) hatte, konnte ich nicht feststellen. 49) Genaueres Datum seiner Abreise ist nicht mehr zu ermitteln. Da am 9. März 1814 sein Kontrakt mit dem Theater endete, so fällt der Zeitpunkt derselben zwischen 9. März und 9. Mai 1814, den Tag seines ersten Auftretens in Wien. Weismann a. a. O. S. 11 gibt irrtümlich 1813 als Reisejahr an. Ueber die Reise selbst ist nichts bekannt. 50) Reich a. a. O. S. 286. 51) Brief aus Stuttgart an seine Mutter, ohne Datum. 52) Als er in Wien Briefe aus Stuttgart erhält, schreibt er unter anderem nach Hause (22. 9. 1814): „ich meinerseits werde Krebs, dem ich viel verdanke, nie undankbar vergessen‘. Auch Krebs selbst blieb weiterhin bei seiner Hochschätzung Schelbles: vgl. Anhang VI. 53) Die allgem, musikal. Zeitung in Leipzig vom 18. 5. 1814 berichtet von seinem Weggang nach Wien und rühmt seine Verdienste als Sänger und Lehrer.
J.N. Schelble, Lithografie von Heinrich Ott. Foto: Frankfurt am Main: Stadt- und Univ.-Bibliothek
IV. 1814- 1816 Wien, Preßburg, Wien, Berlin, Frankfurt.
Am 9. Mai 1814 trat Schelble als Lorendano in Paërs „,Camilla“ zum ersten Mal am Hofoperntheater in Wien auf. Der Erfolg war kläglich: Schelble wurde ausgelacht.54) Nach diesem Mißerfolg ließ Schelble in mehrere Wiener Blätter einrücken, „daß er plötzlich vor der Vorstellung von einer Heiserkeit befallen worden sei und keineswegs Herr seiner Stimme war“ und „daß dieser erste Versuch keineswegs als richtiger Maßstab in der Beurteilung über ihn als Sänger gelten könne“ 54) Am 28. Juni spielte er den Baron Kronthal in der Oper „Der lustige Schuster“ von Paër, wiederum mit gänzlichem Mißerfolg. „Nicht durch unzählige Läufer – besonders wenn diese noch ungleich, unrein und ohne Festigkeit vorgetragen werden – . läßt sich das hiesige Publikum bestechen. Herr Schelble befleißige sich zuerst, eine Scala von 8 Tönen mit voller Sicherheit sich anzueignen, Worte mit Gesang deutlich zu verbinden, dann, wenn sein Gesang die Herzen der Zuhörer berührt,
54) Leipziger allgem. musik. Zeitung vom 22. 7. 1814, „Nachricht aus Wien“.
Seite 18- 29 der Dissertation liegen leider nicht vor!
Schelble und der Cäcilienverein
(Der Gesangverein, Schelble als Dirigent. seine Stellung in Frankfurt, Liedertafel, die Aufführungen des Vereins, die Bach . bewegung, Schelbles Verhältnis zum Cäcilienverein bis zu seinem Tode)
Noch in Schelbles Theaterzeit 148) fällt jenes bedeutsamste Ereignis der Frankfurter Epoche, dessen Auswirkungen Schelbles Namen für immer in die Musikgeschichte eingereiht haben: die Gründung des Cäcilienvereins (24. 7. 1818), 149) dem Schelble bis zu seinem Tode seine ganze künstlerische Arbeitskraft, seine ganze Persönlichkeit widmete. Der Ursprung des Cäcilienvereins ist in den musikalischen Veranstaltungen, die Schelble in seiner Wohnung 150) abhielt, zu suchen; dort wurde vor allem Quartett gespielt 151) und gesungen.
Spohr trug hier – mit Schelble, Kastner und Just – seine sechs Männerquartelte vor, die er damals komponiert hatte, 152) Aus diesen ersten Anfängen, den Gesangsveranstaltungen bei Schelble, zu denen sich bald mehr und mehr Sänger und Sängerinnen einfanden, 153) erwuchs der Cäcilienverein. Die Tatsache, daß sich unter Jenen, die Schelble kraft seiner künstlerischen Persönlichkeit zu sich hinzog, auch Mitglieder des Düring ’schen Gesangvereins befanden, darf nicht Anlaß werden, Schelble und seiner Tätigkeit unlautere Absichten zuzuschreiben, wie es Caroline Valentin in ihrem Aufsatz über Düring 154) getan hat. Gewiß war Dürings Gesangverein der erste in Frankfurt und als solcher der Ursprung aller späteren; aber Düring war nicht die Künstlerpersönlichkeit, die das je hätte durchführen können, was Schelble in kurzer Zeit mit dem Cäcilien-Verein infolge seiner künstlerischen Ueberlegenheit verwirklichte. 155) Immerhin kann Düring die Genugtuung beanspruchen, daß die Mitglieder seines Vereins später auch die Stützen des Cäcilien-Vereins wurden. 156)
Am 24. Juli 1818 konnte Schelble, der besonders von M. v. Willemer in seinen Bestrebungen unterstützt wurde, die erste Probe abhalten; am 28. Oktober fand das erste Konzert in seiner Wohnung statt. Ich will hier auf die einzelnen Daten der Geschichte des Cäcilien-Vereins nicht näher eingehen. Das Archiv des Cäcilien-Vereins und die gesamte auf ihn bezügliche Literatur habe ich durchgearbeitet; da jedoch alle bedeutenden Ergebnisse schon veröffentlicht sind, so verweise ich auf die beiden Festschriften des Vereins aus den Jahren 1868 und 1918.157) Aus einem Plan Schelbles, den Cäcilien- Verein mit der Kirche in Verbindung zu bringen, und ihn dadurch „städtisch“ zu machen,scheint nichts geworden zu sein. Er berichtet aber darüber an seinen Schwager Reich: 158)„Ich habe vom hiesigen Consistorium den Auftrag erhalten, einen Plan zur Errichtung einer Kirchenmusik in der Katharinenkirche, der Hauptkirche der Lutheraner zu entwerfen, und die Stelle als Kapellmeister ist mir angetragen. Sie ist nicht einträglich, aber ich werde die Sache doch nicht von der Hand weisen; denn ich hoffe den Verein mit dieser Kirche in Zusammenhang zu bringen, und so würde dieses Institut ein städtisches und für immer fest begründet. 159) Das Verhältnis Schelbles zu seinem Verein, das zuerst nur ein sehr lockeres gewesen war, wurde im Jahre 1821 durch einen zehnjährigen Vertrag sichergestellt. Im gleichen Jahre begann der Verein, der nun etwa 100 Mitglieder zählte, seine regelmäßigen Abonnementskonzerte.
Ab hier verzichte ich auf die zahlreichen Fußnoten
Schelble war nun endlich an die Aufgabe herangetreten, für die er geschaffen war: als Dirigent eines ausgezeichneten Chores die Kunstwerke der großen Meister zu vermitteln. Er war theoretisch vollkommen geschult, ein ausgezeichneter Pianist, ein trefflicher Sänger, der seinem Verein stets durch Vorsingen die Interpretation klar machen konnte, er war vor allem Lehrer und ein Erzieher der Stimmen, und alle diese Eigenschaften vereinigten sich in einer von einem starken, klaren Willen beherrschten Führerpersönlichkeit, die durch ihre Begeisterung für die klassische Kunst alle mitreißen mußte, die mit ihr in Berührung kamen.
Ueber die Art und Weise, wie Schelble dirigierte, wird uns so gut wie nichts berichtet. Der Taktstock war von Spohr in Frankfurt eingeführt worden. Ob Schelble von dieser Neuerung Gebrauch gemacht hat, läßt sich nicht erweisen. Von seinem Zeitgenossen Ferdinand Hiller wird Schelble als „ein fester und feuriger Dirigent“ bezeichnet. Moritz Hauptmann, an den nach dem Tode Schelbles ein Ruf zur Nachfolgerschaft ergangen war, schrieb an seinen Freund Wilh. Speyer in Frankfurt: „Von diesem Direktor, wie er sein soll, nun auf mich zurückzukommen, so bin ich leider genötigt, zu sagen, daß von den vorgenannten und gerühmten Qualitäten (Hauptmann hatte alle Vorzüge des Sängers, Pianisten und Dirigenten Schelble aufgezählt die notwendigsten mir fast gänzlich abgehen. Ich bin nicht Sänger, viel zu wenig fertiger Klavierspieler und messe mir in der Direktion nicht das geeignete Wesen, was ich als ein angebornes anerkennen muß, in hinlänglichem Grade zu, um ein würdiger Nachfolger Schelbles werden zu können.“ Die Berichte der Zeitungen bestätigen uns das glänzende Zeugnis, das Hauptmann dem Dirigenten Schelble ausstellt:
Musik- und Tageszeitungen in Frankfurt kennen nur Lob und Bewunderung für die Leistungen des Cäcilienvereins und seines Leiters. Mit größter Sorgfalt und unermeßlicher Geduld arbeitete letzterer indessen an der Verbesserung der Stimmen im einzelnen wie in der Gesamtheit und konnte bald zur Aufführung größerer und schwierigerer Werke fortschreiten. Binnen kurzem wird der Frankfurter Cäcilien-Verein in den Konzertkritiken der Zelterschen Singakademie in Berlin an Fähigkeit und Leistung gleichgestellt, ja ihr sogar übergeordnet: er galt als der erste Oratorienverein in ganz Deutschland. Ohne auf die einzelnen Konzerte und die zahlreichen Kritiken der Tages- und Musikzeitungen einzugehen, verweise ich auf den Anhang, und werde hier nur die allgemeine künstlerische Tätigkeit des Instituts und deren Bedeutung insbesondere für die Bachbewegung be-trachten.
Schelble inaugurierte mit dem Cäcilien- Verein um 1820 einen Aufschwung im Musikleben der Stadt Frankfurt. Vergegenwärtigen wir uns die Lage von damals: Die Oper war durchaus noch nicht auf der späteren Höhe; wohl wurden Mozarts Opern oft auf-geführt, aber es wurde auch sehr viel Seichtes, nur der leichten Unterhaltung Dienendes gespielt. Das Orchester war wie fast immer in Frankfurt ausgezeichnet, jedoch klagen die Zeitungen über den Mangel an guten Sängern. Der Düringsche Verein machte nur wenig von sich reden. Da war es nun für das Musikleben der Stadt, für die Geschmacksverbesserung und für die Erhöhung der musikalischen Bildung des Frankfurter Publikums von nicht genug zu schätzender Bedeutung, daß Schelble mit seinem Dilettantenverein, dem die besten Kreise des Bürgertums angehörten, die Chorwerke eines Haydn, Mozart und Cherubini, und vor allem die Oratorien Händels zum ersten Mal in Frankfurt bekannt machte. Es ist daher keineswegs übertrieben, wenn F. Hiller von Schelble schreibt: „Wie viel Liebe und Bildung zur ernsten Tonkunst er seiner Zeit in Frankfurt verbreitete, ist garnicht zu sagen das Beste, was die schöne Mainstadt nach dieser Seite hin besitzt, stammt noch von ihm her.“ Schelble wurde bald neben dem genialen Guhr der Führer des Frankfurter Musikwesens. Während aber der vielseitige Guhr außer seiner Theatertätigkeit noch zahlreiche Konzerte dirigierte, selbst als Solist auf mehreren Instrumenten hervortrat und bei keiner künstlerischen Veranstaltung fehlte, wirkte Schelble ausschließlich mit dem und durch den Cäcilien-Verein. Wie Zelter in Berlin, so gründete auch Schelble in Frankfurt aus dem Cäcilien- Verein heraus zur Pflege des guten Männergesanges die Frankfurter Liedertafel im Jahre 1826; dieselbe konnte sich aber wegen ihrer Exclusivität nicht lange halten und ging schon 1827 wieder ein. Es tauchen in den nächsten Jahren noch mehrere Liedertafeln auf, um aber alsbald wieder einzugehen; Zusammenhänge derselben mit Schelble und dem Cäcilien- Verein konnte ich bei meinen Forschungen nicht feststellen. Immerhin gab Schelble, als Gründer des ersten Männergesangvereins, den Anstoß dazu, diesen Zweig des Chorgesangs in Frankfurt heimisch zu machen,, und er wird daher mit Recht als der „Vater des Frankfurter Männergesangs“ bezeichnet.
Wenden wir uns nun dem Cäcilien-Verein selbst zu und überblicken die Aufführungen desselben unter Schelbles Leitung, so zeigen sich uns deutlich zwei Perioden: bis zum Jahre 1829 werden die Werke Händels, von da ab diejenigen Bachs bevorzugt; doch finden wir in der ersten Periode schon Werke von Bach, wie in der zweiten noch solche von Händel. Neben diesen Pfeilern in dem musikalischen Entwicklungsgange des Vereins werden aber durchaus auch die bedeutendsten Zeitgenossen, Beethoven, Spohr, später Mendelssohn und Hauptmann gepflegt. Es ist also ganz ungerechtfertigt, wenn Chrysander in seinem Aufsatz über Schelble, dessen Programmen Einseitigkeit vorwirft. Händel trat zwar später hinter Bach zurück, wurde aber keineswegs ver-gessen; allerdings – darin hat Chrysander Recht – war Schelble insofern durchaus ein Kind seiner Zeit, als er das Klavier, den Continuo, nicht als integrierenden Bestandteil jener altklassischen Musik erkannte.
Deshalb ist ihm aber kein Vorwurf zu machen; es ist für uns heute viel wichtiger, daß Schelble jene Musik überhaupt aufführte; daß er, nachdem er Händel in Frankfurt eingeführt hatte, sich als einer der ersten wieder mit Bachs Werken beschäftigte.
Für die Bachbewegung wurden Schelbles Beziehungen zu Mendelssohn und Franz Hauser besonders wichtig. Hatte Mendelssohn in Berlin durch Zelter die erste Bekanntschaft mit Bachs Werken gemacht, als er in dessen Chor mitsang, so hatte Schelble sich aus eigner Initiative die Aufgabe gestellt, dieselben in Frankfurt aufzuführen und zwar zu einer Zeit, als die ganze Bachbewegung noch lange nicht im Gange war (etwa um 1825). Die Molette „Ich lasse Dich nicht“, die er schon im Jahre 1821 im Cäcilien-Verein singen ließ, ist allerdings nicht, wie die Aufführungsverzeichnisse des Cäcilien- Vereins angeben, von Joh. Seb. Bach, sondern von Joh. Cristoph Bach. 183)
Von der Matthäuspassion erhielt nun Schelble nicht durch Mendelssohn, sondern durch den berühmten Franz Hauser Kenntnis, der 1822 von Berlin nach Frankfurt an die Oper kam. Hauser besaß eine selbst angefertigte Abschrift der Partitur der Passion, die er in irgendeiner Weise auch Schelble übermittelte. 188) Schon in jener Zeit bildete sich Schelble aus dem Cäcilien- Verein heraus einen kleinen, aus besonders befähigten Sängern bestehenden Bachchor, mit dem er in seiner Wohnung den Meister zu studieren begann. Unterdessen hatte auch Mendelssohn die Partitur der Matthäuspassion durch Abschrift von Zelters Manuskript erhalten. Diese beiden Bestrebungen in Frankfurt und Berlin, Bachs Werke wieder zum Leben zu erwecken, laufen nun nebeneinander her, schöpfen auseinander Anregungen – Hauser dürfte dabei öfters den Vermittler gespielt haben und bleiben in gegenseitiger Beziehung. Das Jahr 1827 brachte hier wie dort die ersten Proben für die Aufführung der Passion; zunächst nur in kleinerem, besonders befähigten Kreise: Schelble überwand auf diese Weise den Widerstand, der sich im Verein gegen Bachs schwierige Polyphonie erhob; Mendelssohn machte es in Berlin nach dem Vorbild Schelbles ebenso.
In Frankfurt wurde das Jahr 1827 noch besonders bedeutsam durch die Beethoventotenfeier im Cäcilien- Verein mit der Aufführung des Sanctus und Benedictus aus dessen „Missa solemnis“. Das Jahr 1828 brachte den eigentlichen Beginn der Bachrenais-sance. Schelble hatte sich 1825 von der Nägelischen Partitur der H-moll-Messe Bachs eine Abschrift verschafft, er nahm dieses zweite Riesenwerk Bachs neben den Proben für die Matthäuspassion, in Angriff, führte 1828 das „Cedro“ daraus auf und leitete damit die Bachbewegung energisch ein. Im folgenden Jahr fiel endlich die Entscheidung für das Wiederaufleben unseres größten Meisters: Am 11. März 1829 gelang es dem genialen Jugendeifer Felix Mendelssohns, Schelble mit der Aufführung der Matthäuspassion zuvorzukommen; es lag lediglich an äußeren Umständen, daß die Frankfurter Aufführung erst am 2. Mai des gleichen Jahres nachfolgte. In einem seiner Briefe nach Hüfingen beschrieb Schelble die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellten und das Unverständnis, mit dem man der Bachschen Musik begegnete. Daß die Aufführung eine ausgezeichnete war, dürfen wir den Kritiken ohne weiteres glauben, über die Art derselben war nicht mehr viel zu ermitteln.
Die ganze Passion wurde, wie in Berlin, mit Kürzungen aufgeführt; die Choralgesänge wurden durch Schülerstimmen verstärkt. Schelble wirkte nicht nur als Dirigent, sondern sang auch die Partien des Evangelisten und des Christus. Er arbeitete sich deren Recitative in den „normalen Recitativstil“ um, allerdings nur „für sich und seinen eignen Gebrauch“ Offenbar hat er sie nivelliert und dem „Parlando“ angeglichen, was wohl auch Moser meint, wenn er sagt, daß Schelble „neue Evangelistenrecitative in Rossinischem Secco nachkomponierte, weil die echten als zu dramatisch erschreckten“. Ob Schelble in dem gleichen Irrtum befangen war wie M. Hauptmann, der die Bachschen Recitative völlig mißverstand, stelle ich dahin; es wäre immerhin möglich, daß er die Bearbeitung nur im Hinblick auf seinen eignen Vortrag, dem die ruhigere, weniger dramatische Linie besser und näher lag, vornahm.
Bis zu seinem Weggang von Frankfurt widmete sich Schelble nun mit rastlosem Eifer, mit Sorgfalt und Liebe der Pflege der Bachschen Vokalmusik, ja er versuchte auch dessen Instrumentalmusik zu berücksichtigen. Vor allem aber machte er die große Passion durch zahlreiche Aufführungen zum Eigentum des Vereins wie des Frankfurter Publikums und forderte dabei die Kritik der Frankfurter Blätter immer wieder zum Lob und zur Bewunderung dieses einzigartigen Kunstwerks wie auch seiner Interpretation heraus. Nach der Berliner Erstaufführung der Matthäuspassion wurden die Bestrebungen zur Wiedererweckung der Werke des Meisters noch lange nicht allgemein; es folgten nur wenige Städte dem Beispiel Frankfurts. Ich halte daher diese unermüdlichen Wiederholungen der Bachschen Passion, dieses intensive Eintreten Schelbles für unseren größten Meister am Anfange der ganzen Bewegung für besonders wichtig: Frankfurt blieb dadurch ein fester Stützpunkt der Bachrenaissance; es bleibt unverständlich, wie Chrysander diese Tatsache verkennen und Schelble Einseitigkeit vorwerfen konnte.
Kretzschmar berichtet uns, daß auch die Idee einer Bachgesellschaft von Schelble ausging; in einem Brief an Franz Hauser entwarf er einen Plan derselben, der allerdings erst lange nach dem Tode Schelbles seine Verwirklichung fand. Aus dem Gesagten geht Schelbles hervorragende Bedeutung für die Bachrenaissance, die bis heute keineswegs die verdiente Würdigung erfahren hat, klar hervor; er war einer der tatkräftigsten und begeistertsten Führer jener Bewegung am Anfang des vorigen Jahr-hunderts, die uns unseren Bach wiedergeschenkt hat.
Leider wurde Schelble allzufrüh seiner fruchtbaren Tätigkeit entrissen. Wie in Frankfurt überhaupt, wo sein musikalisches Urteil maßgebend war, so war er auch im engeren Kreise seines Vereins außerordentlich beliebt. Wir finden im Archiv desselben zahlreiche Gedichte, namentlich von Marianne v. Willemer und Weismann, die alle eine feinsinnige Verehrung für den Meister bekunden, und. ihn selbst oder seine Begeisterung für alle echte Kunst verherrlichen. Trotz alledem zogen sich die reichen „Garantisten“ des Cäcilien-Vereins wegen eines lächerlich geringen Defizits im Jahre 1831, nach Ablauf des zehnjährigen Kontrakts, zurück, zu einer Zeit, als der Verein auf der Höhe seiner Leistungen angekommen war. Schelble beschämte diese „Frankfurter“ indem er das Institut auf eignes Risiko fortsetzte. So änderte sich zwar an der Leistung und am Bestand des Cäcilien-Vereins nichts; da aber Schelble jetzt auch der gesamte ökonomische Teil des Direktoriums zur Last fiel, so machte sich bald bei seiner ohnehin nicht sonderlich starken Gesundheit die Ueberanstrengung bemerkbar. Anfangs des Jahres 1836 zwang ihn seine Erkrankung zur Aufgabe seiner Tätigkeit in Frankfurt, nachdem er sich schon 1835 öfters durch seinen Schüler Voigt in den Singeübungen hatte vertreten lassen müssen.
Dieser übernahm dann bis Juni, von da ab Felix Mendelssohn bis Ende Juli, darauf Ferdinand Hiller und schließlich Ferdinand Ries die Leitung des Vereins. Sie alle aber konnten dem Verein seinen „Gründer und Erhalter‘ nicht ersetzen. Die Hoffnung, daß er zurückkehren werde, erfüllte sich nicht. Schelble starb, als er von einem Spaziergang in seinen Garten zurückkehren wollte, am Eingang desselben durch einen Blutsturz in den Armen seiner geliebten Gattin am 6. August 1837 abends um ½7 Uhr. Der Cäcilien-Verein hielt ihm am 26. August im Frankfurter Dom eine würdige Totenfeier.
Alles, was ich über Schelbles Nachlaß ermitteln konnte, habe ich im Anhang III meiner Arbeit zusammengestellt.
*Die Briefe werden zu einem späteren Zeitpunkt hier veröffentlicht. (der Rest der Dissertation ist sehr speziell und nur für Fachleute zu erschließen)
148) Es ist ganz unverständlich, wenn C. Gollmick (Autobiographie S. 90) schreibt: Seine (Schelbles) Phasen zwischen Theater, Museum und Cäcilien-Verein, worin Schelble vom Jahre 18 1 3 (sic!!)(1818) an fast gleichzeitig wirkte“. Schelble war nie gleichzeitig in diesen drei Instituten tätig; wohl aber in der Musikal. Akademie, dem Museum und dem Theater; vgl. darüber weiter oben (S. 24).
149) Als 11. Oratorienverein in Deutschland; die vor ihm gegründeten sind: 1. Singakademie Berlin (1791) 2. Singakademie Leipzig (1800) 3. Gesangverein Stettin (1800) 4. Musikverein Münster (1804) 5. Dreissig’s Singakademie in Dresden (1807) 6. Gesangverein Potsdam (1814) 7. Singakademie Bremen (1815) 8. Singakademie Chemnitz (1817) 9. Musikverein Schwäbisch-Hall (1817) 10. Musikverein Innsbruck (1818) vgl. H. Kretzschmar: Chorgesang, Sängerchöre und Chorvereine S. 408 (in: „Sammlung musikal. Aufsätze“ von Waldersee, 1879).
150) In den Akten „Urgeschichte* des Cäcilien-Vereins wird als 1. Wohnung Schelbles das „Bögnersche Haus“ bei der Weißfrauenkirche, Eckhaus der Papageigasse, angegehen. In dem Frankfurter Staatskalender und Adreßbüchern jener Zeit fand ich keine Wohnungsangabe; dort findet sich erst im Jahrgang 1820 (Frankfurter Staatskalender S. 20) Schelbles Namen: er wohnte damals „Hinter der Schlimmen Mauer“ [heutige Stiftstraße]; dann zog er in ein Haus am Domplatz (vgl. „Urgeschichte“) und schließlich in das Königswartersche Haus an der „Schönen Aussicht“ [gegenüber der Stadthibliothek], wo er bis zu seinem Weggang aus Frankfurt wohnte. Schelble wurde in späteren Adreßbüchern (1834) immer als „fremd“ geführt, d. h. er hatte sich das Bürgerrecht Frankfurts nie erworben.
151) Spohr, Baldenecker (auch Bürger), Engel und Hasemann; meist Sonntag-vormittag; vgl. „Urgeschichte‘
152) Gollmick a. a. O. S. 90 : (op. 44).
153) Darunter vor allem natürlich Schüler Schelbles (siehe Gleichauf a. a. O.).
154) C. Valentin: Heinr. Düring, der Begründer des 1. Frankfurter Gesangvereins in Alt-Frankfurt, Vierteljahrsschrift für seine Geschichte und Kunst, Jahrgang V (1913). Die Verfasserin ist ungerecht gegen Schelble (vgl. S. 331) und verkennt dessen Charakter durchaus.
155) Daß die Tätigkeit des Düringschen Vereins nicht sehr bedeulend gewesen sein kann, geht aus der Bemerkung Gollmicks (a. a. O. S. 90 f) hervor: der Düringsche Verein schlafe.
156) Dürings Verein bestand noch eine Zeit lang neben dem Cäcilien- Verein und ging bald nach 1830 ein (C. Valentin a. a. O.); er gab noch Konzerte mit wenig gespielten Opern als Ergänzung zum Theater. Ueber Schelble und Düring vgl. auch das Urteil von Dr. H. Weismann in: „Der Frankfurter Liederkranz‘ Festschrift zur Feier des 50: Stiftungsfestes, Frankfurt 1878
157) Dort ist auch die 1. Urkunde faksimiliert, ferner ein auf die Gründung des Vereins bezügliches Bild „Die neue Disputa“ erklärt und im Anhang Literatur zur Geschichte des Vereins zusammengestellt (von Prof. Dr. C.H. Müller); siehe auch Reich und Weismann a. a. O.
158) Hüfinger Brief, ohne Datum, derselbe ist im Jahre 1821 geschrieben, da Schelle darin von dem in diesem Jahre geschlossenen Contract mit dem Cäcilien-Verein spricht.
Nachruf an Schelble.
Verfaßt von Dr. Heinrich Weismann, Frankfurt 1837. (Dieser Nachruf ist auch in der Festschrift des Cäcilienvereins vom Jahr 1888 wiedergegeben.)
So ist er denn geschieden, unser Meister, Entfloh’n der Erde enger Kerkerhaft; Er, der Gewall’ge, der der Töne Geister Entfesselt uns mit seltner Geisteskraft. Ein Gott hat gnädig sein Geschick geordnet, Ihn rasch entrückt der langen Leiden Schmerz; Im Tempel der Natur hat er geendet, Ihn trugen Blumenengel himmelwärts.
Verwaist steh’n wir mit unsern stummen Klagen, Geschlossen ist der Tempel des Gesangs. Sein mächt’ger Geist wars ja, der uns getragen Zu jenen Höh’n des höchsten geist’gen Klangs. Bachs Genius war durch Ihn lebendig worden, Der Himmlische, verschollen fast und todt, Und wieder tönt in mächtigen Akkorden Des Lebensfürsten Sieg und Opfertod.
Er lehrt‘ uns Töne, die zum Herzen drangen, Weil sie vom Herzen kamen klar und rein; Zu höh’rer, himmlischer Musik umschlangen Uns seine Tön‘ in herrlichem Verein. Und wie sein Geist nur Edles konnte pflegen, Ein strenger Priester seiner Königin, So trat er auch im Leben uns entgegen, Ein edler Mensch in Wort und Tat und Sinn.
O laßt des edeln Meisters Angedenken das Band sein, das uns Alle fest umschlingt, Es mög‘ sein edler Geist uns ferner lenken, Daß Fremdes nicht in seine Schöpfung dringt. Der Geist lebt fort, wenn auch das Leben fliehet, Er hat uns sterbend, was er schuf, vertraut: Wir halten fest, was uns nach oben ziehet, Von wo er segnend auf uns niederschaut.
Heute war Pantomime in Hüfingen. Ja, wirklich: Pantomime. Mit Baccalà. „Menschliches und Allzumenschliches“ – ganz ohne Worte, dafür mit umso mehr Ausdruck, Bewegung und erstaunlich viel Gefühl für Zwischentöne.
Eine Produktion im Auftrag der Randenkommission. Regie: Kami Manns
Jazz-Saxophon: Volker Wagner
Unterstützt durch den Verein Agglomeration Schaffhausen sowie die Jakob und Emma Windler-Stiftung.
Und man staunt: Es gab sogar Blasmusik! Offenbar aber die falsche – sonst hätte man ja davon vorher gehört.
Schade, dass die Stadt nicht darauf hinweisen wollte. Versteckt in einem Nebensatz bei Nachrichten aus dem Kreis – wer liest das schon? Fast schon tragisch, dass bestimmte Herren Stadträte vorher nicht um Erlaubnis gefragt wurden. Man darf gespannt sein, ob das „Freie“ Forum noch entdeckt, dass für einen ganz kurzen Moment nicht der Verkehr, sondern Kultur Vorrang hatte.
Leider war der Weg aus dem Rathaus bis vor die eigene Haustür offenbar zu weit, um den Künstlern etwas Respekt zu zollen. Umso größer der Respekt – und ja, auch der Mut – der Künstler, die sich in solche Gefilde wagen, wo man lieber unter sich bleibt und das Fremde vorsorglich übersieht. Danke dafür. Wirklich.
Am Samstag sind sie in Villingen. Vielleicht trifft ihre Kunst dort auf ein Publikum – und auf eine Stadt –, die merkt, wenn direkt vor ihrer Tür etwas Besonderes passiert.
Es ist bezeichnend für die lokale Presse, dass Morde der SS bis heute ignoriert werden. Aber auch die lokalen Heimat- und Geschichtsvereine üben sich in Geschichtsklitterung. Vermutlich sollen Väter weichgespült bleiben, gab es hier doch so einige Waffenbrüder aus der SS Leibstandarte. Da ist es einfacher auf Juden zu zeigen, wie es die VHS-Baar tut.
SS-Untersturmführer Heinrich Perner (05.09.1909-17.09.1975) und SS-Unterscharführer Horst Wauer (03.08.1916 -08.09.1991) ermordeten zusammen mit dem französischen SS-Unterscharführer Jacques Roglin (09.08.1922- 12.11.1990) und den Legionären Maurice Leyrat und Raymond Delotter gegen Ende vom Krieg Willibald Strohmeyer. Für Mörder wie Heinrich Perner und Horst Wauer war Willibald Strohmeyer ein sichtbares Wahrzeichen des Anstandes und auch Gewissens.
Am Sonntag, den 22. April 1945 gegen 11.00 Uhr, entführten die SS-Männer Willibald Strohmeyer und fuhren ihn zum Heubronner Eck. Willibald Strohmeyer musste bergauf gehen, bis ihn Jacques Roglin nach etwa 25 Metern durch einen Genickschuss ermordete. Die Leiche wurde etwa 15 Meter weiter geschleift, ausgeraubt und verscharrt. Die Grube wurde dann notdürftig mit Erde, Rasen und Tannreisig bedeckt. Erst am 6. Mai wurde er von von einem Suchkommando des Rammersbacher Hofes entdeckt und auf dem Friedhof von St. Trudpert beigesetzt.
Willibald Strohmeyer ein Gelehrter aus Mundelfingen
27. Dezember 2024
Willibald Strohmeyer wurde am 6. Juli 1877 in Mundelfingen geboren.
Als Zweitgeborener des Landwirts Jakob Strohmeyer schloss sich für Willibald Strohmeyer die Übernahme des elterlichen Betriebes in Mundelfingen aus. Gefördert vom Dorfpfarrer Leopold Streicher, der die Begabung seines Schülers erkannte, konnte Strohmeyer nach der Volksschule die Lendersche Anstalt in Sasbach besuchen, am Gymnasium in Rastatt das Abitur ablegen und anschließend in Freiburg katholische Theologie studieren. Willibald Strohmeyer wurde 1902 zum Priester geweiht und war von 1909 bis zu seiner Ermordung Pfarrer in St. Trudpert im Münstertal .
Am 29. August begrüßt Willibald Strohmeyer (r.) den apostolischen Nuntius Eugenio Paceli (l.) den späteren Papst Pius XII., der vom Freiburger Katholikentag aus dem Kloster St. Trudpert einen Besuch abstattet.
Foto von Unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel
Im Münstertal entwickelte Strohmeyer ein weit über seine seelsorgerischen Aufgaben hinausreichendes Engagement. Nach über einem Jahrhundert Leerstand gelang es ihm, eines der geistlichen Zentren Süddeutschlands, das Kloster St. Trudpert, wiederzubeleben.
Gerne erinnern ältere Bergleute sich der Zeit, wo der Grubenbau noch von der Abtei Sankt Trudpert betrieben wurde. Manch heiteres Fest gewährte damals dem mühseligen arbeitenden Bergmann Erholung und Freude. Ein Hauptfest aber war am Tage Sankt Barbara als der Schutzpatronin der Bergleute, welch letztere sich aus den Gruben „Teufelsgrund“ und „Gotteseintracht“ bei Badenweiler alljährlich zur gemeinsamen Feier vereinigten. Früh morgens versammelten sich die ganze Gewerkschaft bei der Münstertaler Boche und Schmelze. Von da ging es im Zuge, voran die Bergwerksfahne, die Ober- und Untersteiger und eine Musikbande, zur Klosterkirche, allwo ein feierliches Hochamt abgehalten wurde. War dieses zu Ende, so begab man sich wieder auf den Sammelplatz, um die Regeln und Satzungen zu verlesen und ein förmliches Sittengericht über Zuwiderhandeln abzuhalten. Nebst diesem wurde strenge Ermahnung gegeben zur Haltung der Gebote Gottes und der Kirche.
Die zweite Hälfte des Tages sodann war der Fröhlichkeit gewidmet. Ein reichbesetztes Mahl im Klosterhofe erwartete die Teilnehmer, deren Zahl zuweilen über dreihundert stieg. Jedes Mal während dem Essen erschien auch der Prälat, der mit seinem Mohren und Heiducken im prächtigen, mit Mauleseln bespannten Gallawagen daher fuhr und seine Leute begrüßte. Später begann der Tanz, zu dem die Dirnen des Tales gerne sich einladen ließen, und wobei es gebräuchlich war, dass jede Schöne ihrem Liebhaber ein farbiges Sacktüchlein zum Geschenk machte. Zuweilen kam es auch vor, (wenn der eine oder andere Knappe ein Glas bösen Wein getrunken oder die Fratze Eifersucht ihn quälte), dass, wie bei Verbrüderungsfesten sich ziemt, ergötzliche Händel und Prügeleien ausbrachen, die nicht selten mit blutigen Köpfen endigten.
Die Kriegsjahre und endlich die Aufhebung des Klosters machten diesen Zuständen ein Ende. Seitdem, heißt es, wolle aber auch der Bergbau nicht mehr recht gedeihen; der Grubenbau ward immer lässiger betrieben und wurde zuletzt in den 20er Jahren, vom Staate an eine Privatgesellschaft verpachtet, die wenig mehr auf die Bräuche und Feste der Gewerkschaft hielt, und auch das stets so feierlich begangene St. Barbarafest eingehen ließ, nachdem die Schutzheilige bei der Knappschaft doch so viele Jahrhunderte lang in dankbaren Andenken gestanden hatte.
Willibald Strohmeyer 1902
Foto von Unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel
Willibald Strohyeyer kannte als Mundelfinger sicher alle Bücher von Lucian Reich von klein auf und somit auch die Wanderblühten.
Der Heilige Tudpert
Um das Jahr 607 hat der Heilige Trudpert im Münstertal eine Einsiedelei gegründet und wurde von zwei Knechten mit einer Axt erschlagen. Nach der Legende entsprang an dem Ort, an dem St. Trudpert starb, die Trudpertsquelle. Sie wurde im 18. Ih. gefasst und in die Gruft unter der Kapelle geleitet.
Die Trudpertskapelle wurde anstelle eines älteren Rundbaues 1698 erbaut und 1731 konsekriert. Danach begann eine Blüte der Trudpertsverehrung mit achttägigen Feierlichkeiten Hauptfestzeit und Wallfahrtsprozessionen aus der weiteren Umgebung. Heute wird der Sonntag nach dem 26. April von der Gemeinde als Trudpertsfest begangen. In feierlicher Prozession wird an diesem Tag der barocke Reliquienschrein von 1714 um Kapelle, Kloster und Pfarrkirche getragen.
Die Brunnenkapelle, Gruft genannt, wird von einem Barockgitter abgeschlossen. Der symbolische Sarkophag des Heiligen wird von Skulpturen Ehrentrud und Rupert, nach der Legende Geschwister des Heiligen Trudpert, flankiert.
Weiter in dem Tale führt der allmählich aufsteigende Weg an den Gebäuden der ehemaligen Abtei St. Trudpert vorüber. Die Geschichte nennt diesen Ort eine der ersten Stätten unseres Vaterlandes, wo das junge Christentum Wurzeln geschlagen. Der Irländer Trudpert, der hier das Evangelium predigte, soll die einsame Talgegend von einem Ritter Otbert zum Geschenk erhalten haben. Der Bau selbst, wie er heute zu Tage mit seinem inneren kirchlichen Prunk von unseren Blicken steht, gehört einer späteren, geschmacklosen Zeit an. Ein älterer Überrest scheint allein der steinerne Brunnen zu sein in einer halb unterirdischen Seitenkapelle, welches Monument die Form eines Sarges hat, auf dessen Deckel die liegende Gestalt des Ortsheiligen ausgehauen ist.
Pfarrkirche St. Trudpert
Um 800 entstand das erste Benediktinerkloster rechts des Oberrheins, das 1632 durch die Schweden vollkommen zerstört wurde. Nach dem Wiederaufbau durch den Vorarlberger Baumeister Peter Thumb, wurde die jetzige Pfarrkirche St. Trudpert 1727 geweiht. Im Zuge der Säkularisation im Jahr 1806 wurde die wohlhabende Benediktinerabtei aufgelöst und ging als Schloss Trudpert in Privatbesitz über. So kannte es 1855 Lucian Reich.
Als nach dem Ersten Weltkrieg das Elsass an Frankreich fiel und die deutschen Schwestern vom Heiligen Josef das Kloster Saint Marc in Geberschweier verlassen mussten, fanden sie mit tatkräftiger Unterstützung von Pfarrer Strohmeyer eine neue Heimat in St. Trudpert. Von 1924 bis 1931 fungierte er als Superior des nunmehrigen Nonnenklosters. Seit 1939 hatte Strohmeyer zusätzlich das Amt des Dekans im Dekanat Neuenburg inne.
Willibald Strohmeyer betätigte sich darüber hinaus als Bauherr im Münstertal. Bereits 1913 hatte er die Antoniuskapelle im Ortsteil Rotenbuck errichten lassen, 1928 folgte das neue Pfarrhaus und 1934 die Spielwegkapelle am sogenannten Wiedener Eck. Daneben kümmerte er sich um Instandsetzungen und Renovierungen der bestehenden Kirchengebäude, etwa der St. Trudpertskapelle, die am Ort des Martyriums des Heiligen erbaut worden war.
Seine Chronologischen Notizen in 2 Bänden, angefangen im April 1909, letzter Eintrag am Samstag, 21. April 1945, sind ein überwältigendes Zeugnis von seiner rastlosen Tätigkeit auf dem Felde der ordentlichen Seelsorge. Seine Musestunden nützte er vor allem für die Erforschung und Darstellung der Heimat- und Lokalgeschichte. Daneben beschäftigte er sich mit der Geschichte des Dekanates Neuenburg und schrieb aus der Kenntnis der Heimatgeschichte und den noch lebendigen Überlieferungen des Münstertales 19 heimatgeschichtliche Erzählungen, die heute zwar alle vergriffen sind, aber die vorhandenen Exemplare werden immer noch gern gelesen und zur Freude vieler Zeitgenossen vor dem Untergang behütet.
Foto von Unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel
Eine Wiederbesiedelung des Klosters durch die Benediktiner, die er anstrebte, misslang ihm. Dafür ist ihm zu verdanken, dass am Ende des ersten Weltkrieges die im Elsaß schwer bedrohten Schwestern des heiligen Josef von St. Marc eine Neugründung des Klosters durchführen konnten. Pfarrer Strohmeyer war 1924-1931 Superior dieser Neugründung, in der heute noch 138 Schwestern im Münstertal tätig sind.
Dunkle Zeiten
Die schweren Jahre der beiden Weltkriege hat Pfarrer Strohmeyer mit großer Anteilnahme an den Verlusten an Menschen, Glück und Frieden durchlitten. Mit Liebe und Trauer hat er in seinen Chronologischen Notizen alles verzeichnet, was er an Schrecken und Folgen der Kriege zu spüren bekam.
Nachdem die Throne gefallen, wird der Kampf gegen die Altäre beginnen. Doch hier wird es nicht so leicht hergehen. Nun sind wir ganze Republikaner, Deutsche und Badische. Das Herz möchte sich einem im Leibe herumdrehen.*
Der politische Systemwechsel 1918/19 dürfte ihm erleichtert worden sein, dass dieser vom badischen Zentrum mitgetragen wurde. Den beiden Reichskanzlern aus dessen Reihen, vor allem dem in Wellendingen geborenen Constantin Fehrenbach, im Übrigen einem ehemaligen Theologiestudenten, dürfte er wie auch dessen Nachfolger Joseph Wirth mit Sympathie begegnet sein.
Der 30. Januar 1933, der Tag der Machtergreifung Hitlers, bedeutete auch für Willibald Strohmeyer eine tiefe Zäsur:
Adolf Hitler Reichskanzler; der Reichstag aufgelöst. Was wird jetzt kommen? Hat Gott das deutsche Volk vergessen und verlassen? Oder kommt doch etwas Besseres?*
Am 23. März 1933 notierte er:
Heute ging im Reichstag das Ermächtigungsgesetz durch, eine furchtbare Waffe in der Hand Hitlers. Wehe, wenn es mißbraucht würde. Hoffen wir es nicht.*
Am 12. April 1933 hält er fest:
Nicht mehr Alle haben gleiches Recht unter der Sonne. Alle Stellen, die etwas bedeuten, werden jetzt mit S.A.-Männern der NSDAP besetzt; die Kommunisten sind von allem ausgeschlossen, ihre Partei überhaupt verboten. Die Sozialdemokratie kann als Partei bis jetzt noch existieren, aber eigentliche Staatsstellen dürfen sie nicht mehr einnehmen. Das Zentrum ist geduldet, aber überall, wo es geht, müssen einflussreiche Zentrumsmänner den S.A.-Leuten weichen (…). Dieser Tage mußte der Oberbürgermeister Bender von Freiburg (Zentrum) weichen; wie viele Oberbürgermeister sind beurlaubt oder in Schutzhaft! genommen. Auch der Münstertäler sitzt noch. Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit sind die Ecksteine, auf dem (sic!) das 3. Reich aufgebaut ist. Wird und kann es von Bestand sein? Doch wehe, wenn ein 4. Reich käme! Gewiß, es ist unter Hitler jetzt schon manches geschafft worden, schon manche Gesetze sind herausgekommen, die vielleicht von Segen sind. Doch wir bangen, wir bangen für die Zukunft. Es ist schwer, noch Optimist zu bleiben. Auch Ministerialrat Hirsch-Karlsruhe ist entlassen; er hat uns den Kredit von 5500 Mark für die neue Treppe zur Orgel vermittelt. Sein Vater war Jude, deshalb muß er gehen.*
Man merkt an diesen Einträgen, wie vorsichtig Willibald Strohmeyer formulierte. Aber trotz aller Vorsicht wird deutlich, dass er von Anfang an ein Gegner des NS-Regimes war. Als Mann des Wortes wusste er, dass eine Definition wie Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit seien die Ecksteine des Dritten Reiches ihn leicht Freiheit und Leben hätten kosten können. In einem Stimmungsbild vom 30. Oktober 1943 heißt es:
Es wagt fast niemand mehr an den Sieg zu glauben; aber dies zu äußern ist außerordentlich gefährlich. Wehe, wenn einer zu sagen wagte: Wir verlieren den Krieg. Überall ist man von Spitzeln umgeben. Man hat sich indessen an das Schweigen gewöhnt. Besonders vorsichtig müssen die Geistlichen sein. Wann werden wieder andere Zeiten kommen? Man hat den Mut nicht mehr zu hoffen.*
Die Ermordung Willibad Strohmeyers
Es ist sicher, dass Pfarrer Strohmeyer mit seiner friedlichen Art keinen Ortsgruppenleiter, keinen Gauleiter, keinen Göbbels und keinen Hitler gereizt hat; die Bestie Nationalsozialismus hat aber auch die Ruhigen und Friedfertigen angefallen.
Am 5. Oktober 1941 wurde der französische Kriegsgefangene René Groheux von einem Förster erschossen. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, darunter auch anderer französischer Kriegsgefangener, vollzog Pfarrer Strohmeyer die Beisetzung des erschossenen Franzosen.
Die Vorgeschichte der Ermordung Pfarrer Strohmeyers aber setzte erst im Herbst 1944 ein. Zu diesem Zeitpunkt wurden Sonderverbände der Waffen-SS ins Leben gerufen, die sogenannten SS-Jagdverbände, die unter dem Kommando von Otto Skorzeny standen.
Ende Februar 1945 fiel der SS-Zug von Heinrich Perner in das Münstertal ein und quartierte sich im Ortsteil Münsterhalden ein. Die Tatsache, dass der 1909 in Bodenbach an der Elbe geborene Maschinenbauingenieur Heinrich Perner in den Jahren 1930 bis 1935 in der Fremdenlegion gedient hatte und sehr gut Französisch sprach, dürfte ihn für seinen Posten qualifiziert haben. Am 23. März 1945 stieß der 1916 in Berlin geborene Unterscharführer Horst Wauer zur Einheit Perners hinzu. Es herrschte in diesen Wochen und Monaten ein Klima der Angst und der Denunziation im Münstertal, hervorgerufen durch das brutale Auftreten des Heinrich Perner und seiner Männer. Bezeichnend für die mörderische Gesinnung innerhalb dieser SS-Einheit war ein Doppelmord am 15. April 1945. An diesem Tag erschoss der erst zwanzigjährige Erich Spannagel auf dem Heuboden eines Hofes in Münsterhalden kaltblütig zwei desertierte, unbewaffnete deutsche Soldaten.
Willibald Strohmeyer hielt in seinem Tagebuch am 17.04.1945 fest:
Gestern Nachmittag wurden 2 Soldaten sang- und klanglos auch ohne kirchlichen Segen auf dem Friedhof (unten am Heldengrab) begraben. Sie hießen Gerhard Leisinger und Otto König. Es handelt sich um Fahnenflüchtige, die sich im Schwarzwald herumtrieben und am Sonntag in der Münsterhalden aufgegriffen wurden. Sie wurden sofort standrechtlich erschossen. Die armen Menschen. *
Mördern wie Heinrich Perner und Horst Wauer war St. Trudpert ein sichtbares Wahrzeichen des Anstandes und auch Gewissens.
Am 22. April 1945, einem Sonntag gegen 11.00 Uhr, drei Tage bevor französische Truppen in das Münstertal einrückten, ließ sich Heinrich Perner in Begleitung eines anderen SS-Mannes, dessen Identität nicht geklärt ist, von seinem französischen Chauffeur Albert Boussichas zum Pfarrhaus von St. Trudpert fahren. Dort forderte Heinrich Perner den Pfarrer Willibald Strohmeyer in scharfem Ton und ohne Angabe von Gründen auf, sich innerhalb von zwei Minuten anzuziehen und mitzukommen. Zu viert fuhren sie im Auto in den Ortsteil Münsterhalden, wo Heinrich Perner und der andere SS-Mann ausstiegen. Ihre Plätze nahmen Horst Wauer und der französische Unterscharführer Jacques Roglin ein, denen Perner den Befehl erteilte, den Pfarrer zu erschießen. Gemeinsam fuhren sie zur Ausflugsgaststätte Haldenhof in Heubronn, wo Soldaten eines anderen Zuges des SS-Jagdkommandos einquartiert waren. Dort stiegen zwei weitere französische Legionäre, Maurice Leyrat und Raymond Delotter, zu. Sie nahmen Hacke und Spaten mit und stellten sich, da im Auto kein Platz mehr war, auf das Schutzblech. Die Fahrt dauerte nur noch wenige hundert Meter einen Waldweg hinauf zum Heubronner Eck. Willibald Strohmeyer musste aussteigen und in Begleitung von vier der fünf SS-Männer (der Chauffeur blieb im Wagen) bergauf gehen, bis ihn Jacques Roglin nach etwa 25 Metern durch einen Genickschuss ermordete. Die Leiche wurde etwa 15 Meter weiter geschleift, ausgeraubt und verscharrt. Die Grube wurde dann notdürftig mit Erde, Rasen und Tannreisig bedeckt. Erst am 6. Mai wurde er von von einem Suchkommando des Rammersbacher Hofes entdeckt und auf dem Friedhof von St. Trudpert beigesetzt.
Das Grab von Willibald Strohmeyer auf dem Friedhof in St. Trudpert
SS-Terror und Priestermord in Münstertal Pfarrer Willibald Strohmeyer zur Erinnerung
Die blutige Spur des Il. Weltkrieges mit seinen 55 Millionen Toten, darunter 5.431.000 deutschen Soldaten und 3.333.000 deutschen Zivilisten, führt hinein bis ins abgelegene Münstertal mit seinen 265 gefallenen Soldaten.
Um selbst so lange wie möglich überleben zu können, führten die braunen Machthaber noch bis zuletzt einen rücksichtslosen Krieg gegen das eigene Volk. Dazu ist auch Münstertal etwa ab Mitte Februar 1945 von einem SS-Jagdkommando in der Stärke von zwei Zügen besetzt worden. Führer dieser hauptsächlich aus französischen Fremdenlegionären und Milizangehörigen fremder Länder wie Spanien, Arabien, China u. a. zusammengewürfelten Truppe war der SS-Untersturmführer (Leutnant) Heinrich Perner. Er war am 5.09.09 geboren, deutsch, mittel-punktsbedürftig und wie sein von ihm geliebter Führer Adolf Hitler, der nach dem Krieg im Umkreis von 10 km keinen lebenden Pfaffen mehr sehen wollte. Er war Katholik und fanatischer Kirchenhasser. Der Totenkopfoffizier regierte im Münstertal mit Gesinnungsterror, Drohung mit Erschießen, Auslieferung an die Gestapo und der Ankündigung, er werde den Pfarrer von St. Trudpert noch öffentlich aufhängen lassen, und zwei Scharfschützen im Hinterhalt postieren, um eine Leichenabnahme zu verhindern. … Die Pfaffen sind an allem Schuld! Das halbe Münstertal gehört aufgehängt! – Diese schwarze Bande! Soweit die Hassausbrüche des damaligen SS-Kommandanten in Münstertal.
Französische Truppen standen bereits in Freiburg und in Müllheim als H. Perner am 22.04.1945, kurz nach 10 Uhr, in Begleitung von zwei SS-Soldaten im PKW vor dem Pfarrhaus in Münstertal eintraf. Wahrend der Fahrer, Bussichas, im Wagen zurückblieb, ging er mit seinen Kumpanen ins Haus und erkundigte sich nach dem Pfarrer Willibald Strohmeyer. Ohne anzuklopfen betrat er das Arbeitszimmer des Geistlichen und flegelte ihn an: Sie sind doch der Strohmeyer? Kommen Sie mal mit!
Der 68 Jahre alte Priester war seit 36 Jahren in Münstertal tätig und dort sehr beliebt. Er war auch dafür bekannt, dass er Religion und Politik stets zu trennen verstand. Er erhob sich betroffen und folgte. Als seine hinzugekommene Schwester fragte, was denn überhaupt los sei, wurde sie von Perner angebrüllt: Darüber bin ich ihnen keine Rechenschaft schuldig! In gleich rüden Ton verfuhr er mit den beiden Vikaren im Hause. Perners Begleiter (Name unbekannt) fingerte bei dem Auftritt theatralisch am Revolver und gab dem Geistlichen zwei Minuten Zeit zum Umziehen. Danach fuhren die Schergen mit dem Priester nach Münsterhalden zum Gasthaus Böhler, in dem sich damals das SS-Hauptquartier befand. Perner verließ dort das Fahrzeug und befahl dem unter der Tür stehenden H. Wauer und dem Fremdenlegionär Roglin (It. Gerichtsakten „ein wilder, gefährlicher Baske“): Fahren Sie den Pfarrer hinauf zum Haldenhof und erschießen Sie ihn!
Wauer und Roglin stiegen in den PKW. Perner blieb zurück. Auf der Fahrt zum Tatort wurden an einer der auf der Strecke liegenden Werwolfstellungen Hacke und Schaufel besorgt; zwei weitere Legionäre, Delotter und Leyrat, stiegen zu. Danach ging die Fahrt weiter, einige 100 Meter den Waldrand hinauf. An einem nach links aufwärts führenden Seitenweg wurde angehalten. Der Priester musste aussteigen und dann zusammen mit seinen Henkern den Waldweg hinaufgehen. Oben angekommen wurde er mit zwei Genickschüssen ermordet. Der Tote wurde noch ausgeraubt, bevor man ihn verscharrte.
Der Legionär Leyrat nahm die goldene Uhr des Geistlichen an sich; Horst Wauer bündelte die anderen Habseligkeiten in ein Taschentuch zur Ablieferung an seinen Chef Heinrich Perner. Auf dem Weg zu ihm, rief er einem anderen Angehörigen seiner Einheit großtuerisch zu: Weißt Du schon, dass wir den Schwarzen von St. Trudpert umgelegt haben? Dann prahlte er weiter im Henkerjargon. Die mit Tannenreisern, Wasen und Erde zugedeckte Leiche ist am 06. 05. 1945 von einem Suchtrupp aufgefunden worden. Über Einzelheiten des Tathergangs liegt, auch nach damaligen Presseberichten, ein undurchsichtiger Schleier.
Wie barbarisch die Soldateska mit ihrem Opfer umgegangen ist, lässt der Bericht über die noch am Auffindungstag vorgenommene Leichenschau erkennen:
Eine horizontal verlaufende Strangulationsnarbe am Hals zwischen Kehlkopf und Kinn
Eine Schussöffnung im Nacken; Durchmesser: etwa 5 mm.
Eine weitere Schussöffnung im Genick, wahrscheinlich Kal. 7.65.
Eine starke Schwellung u. Blutunterlaufung am und in der Umgebung des rechten Ohres.
Auch die Kleider des Toten wiesen auf gewalttätige Eingriffe hin. Am schwarzen Überrock waren die Schöße herausgerissen.
Am 23.04.1945 schoss er mit seinem Hauptfeldwebel, dem SS-Unterscharfuhrer (Unteroffizier) Horst Wauer, (geb. 03.08.1916) beide aus Münsterhalden kommend, die rechts der Straße auf einem Felsen angebrachte Marienstatue, samt dem dortigen Kruzifix, mit der Pistole kurzerhand in Stücke. Ein 20 Jahre alter Angehöriger des Menschen-Jagdkommandos Heinrich Perner, der SS – Unterscharführer Erich Spannagel, von seinen Kameraden Bubi genannt, schoss am 25.04.1945 -12 Tage vor der Kapitulation- zwei in ihrem Versteck auf dem Heuboden aufgestöberte, waffenlose, deutsche Soldaten auf der Stelle nieder und gab den beiden regungslos am Boden liegenden zusätzlich den exerziermäßigen Fangschuss.
Am 8. Mai 1945 endete das Tausendjährige Reich. Bereits am 25.04.1945 hat sich der Führer des SS-Menschenjagdkommandos vor den anrückenden französischen Truppen unter dem Futtergang eines Hauses in Münstertal versteckt. Zwei Tage später machte er sich auf den Weg nach Sulzburg, um im dortigen Gefangenenlager unterzutauchen.
Heinrich Perner und die beiden SS-Unterscharführer Horst Wauer und Erich Spannagel hatten sich nach ihrer Verhaftung wegen Mordes und Totschlags im Juni 1948 vor dem Schwurgericht des Landgerichtes Freiburg zu verantworten. Eine Kopie des Schwurgerichtsurteils ist bei der Kurverwaltung, 79244 Münstertal erhältlich. Der Unkostenbeitrag wird für die am Tatort errichtete Gedächtniskapelle samt Umgebung verwendet.
Zum Bau der Gedächtniskapelle wurde mit Genehmigung der französischen Militärregierung am 22.10. 1946 der Grundstein gelegt. Am Sonntag, den 31. 8. 1947 wurde die Kapelle durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber, Freiburg, unter der Beteiligung von über 3000 Gläubigen feierlich eingeweiht. Das Grab von Pfarrer Willibald Strohmeyer befindet sich auf dem Friedhof der Gemeinde Münstertal links vom Haupteingang. Dekan Willibald Strohmeyer wird in seiner Pfarrgemeinde St.Trudpert Münstertal wie ein Heiliger verehrt.
Willibald Strohmeyer Gedächniskapelle
An der Fundstelle beim Heubronner Eck wurde die Strohmeyer-Kapelle errichtet. Am 22.10.1946 wurde der Grundstein gelegt.
Heubronner Eck
Gedächniskapelle
Am Sonntag, den 31.08.1947 wurde die Kapelle durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber, Freiburg, unter der Beteiligung von über 3000 Gläubigen feierlich eingeweiht.
Die Baugeschichte der Willibald-Strohmeyer-Gedächtniskapelle auf dem Heubronner Eck
Am 22. April 1945 wurde hier der Priester Willibald Strohmeyer auf grausame Weise ermordet und verscharrt. Sein Leichnam wurde am 6. Mai 1945 hier aufgefunden. Am 9. Mai 1945 würdigte der Erzbischof von Freiburg, Dr. Conrad Gröber, in einem Hirtenschreiben den Glauben und das Wirken des Ermordeten und bezeichnete ihn als einen Märtyrer. Der Pfarrverweser Alfons Sieber in Münstertal, hatte den Wunsch, am Ort des Martyriums eine Kapelle bauen zu lassen. Am 24. Dezember 1945 bat er die französische Militärregierung um Erlaubnis. Das Vorhaben wurde am 4. Januar 1946 genehmigt, jedoch die Zustimmung des Landrats von Müllheim gewünscht.
Am 10. Januar 1946 wurde der Antrag vom Landrat warm befürwortet. Pfarrverweser Sieber legte seinen Plan dem Erzbischof von Freiburg vor, der sich sehr darüber freute. Sieber schrieb ein Bittgesuch um Zuteilung von Baumaterialien an die Kirchenbehörde. Das Bittgesuch wurde abgelehnt mit der Begründung, der Materialaufwand sei zu hoch, man könne sich aber die Anbringung einer Gedächtnisplatte an der Martyriumsstätte vorstellen. Pfarrverweser Sieber wandte sich, begleitet von Direktor F. Klinger aus Freiburg, an die Militärregierung. Die Militärregierung hatte ein Verbot für Neubauten erlassen. Es erging am 7. März 1946 der Bescheid, gegen den Bau der Kapelle sei nichts einzuwenden, aber es werde kein Baumaterial zur Verfügung gestellt. Im März 1946 bat Alfons Sieber die Badische Forstverwaltung in Freiburg um Zuteilung des nötigen Bauholzes. Die Genehmigung wurde erteilt und das Vermessungsamt Müllheim nahm die nötigen Vermessungen des Bauplatzes vor. Die Bewohner des Ortsteils Münsterhalden baten den Erzbischof von Freiburg, man möge die Kapelle in ihrem Ortsteil und nicht am Ort des Martyriums errichten. Die Bitte wurde von der Kirchenbehörde in Freiburg und vom Stiftungsrat Münstertal abgelehnt.
Für den Bau der Kapelle wurde schon im Jahr 1945 Geld gespendet, bald waren 9.000.– RM gesammelt. Der Kostenanschlag lag bei 10.700 RM. Ende Mai 1946 wurde das Baugrundstück endgültig vermessen. Im November 1946 wurde der Kapellenplatz von der Gemeinde Neuenweg für 200 RM gekauft. Im Juni 1946 verbreiterten 12 Jungmänner aus der Pfarrei den Weg, damit das Baumaterial zur Baustelle transportiert werden konnte. Am 24. Juni 1946 wurde ein neues Baugesuch an die Kirchenbehörde gerichtet. Am 3. Juli 1946 wurde der Antrag abgelehnt. Am 17. Juli 1946 erging vom Landratsamt Müllheim der positive Baubescheid für die Gedächtniskapelle.
Vikar Karl Siegel und Pfarrverweser Alfons Sieber sprachen persönlich bei Generalvikar Dr. Simon Hirt und bei Erzbischof Dr. Conrad Grober in Freiburg vor und erreichten eine positive Zusage. Aus Freiburg kamen nach wenigen Tagen eine Ladung von 20 Sack Zement und die endgültige Baugenehmigung. Der Plan von Prof. Lorenz aus Freiburg wurde auf Wunsch der Kirchenbehörde so geändert, dass ein offen zugänglicher Kapellenraum und ein durch ein Gitter abgetrennter Chorraum entstanden, damit Besucher jederzeit in der Kapelle beten können. Das Landesverkehrsamt genehmigte den Transport der Baumaterialien zum Heubronner Eck, wollte aber aus Mangel an Transportraum die Anforderung verschieben. Alfons Sieber wandte sich an den 1. Transportoffizier der französischen Militärregierung in Freiburg, Herrn Huber. Das Gouvernement Militaire in Müllheim übernahm den Transport.
Am 12. August 1946 begann der Transport der Steine und des Baumaterials. Die Steine kamen zum größten Teil aus Schönau, von einem Denkmal, das abgetragen wurde. Beim Transport halfen französische Soldaten und Buben aus der Pfarrei. Die Lastwagen stellte die französische Transport-Regie in St. Georgen. Am 11. September 1946 war der Baubeginn. Die Bauarbeiten wurden von der Firma Josef Pfefferle ausgeführt. Am 22. Oktober 1946 fand die Grundsteinlegung statt.
Am Sonntag, den 31.8.1947 wurde die Kapelle zu Ehren der sieben Schmerzen Mariens durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber feierlich eingeweiht. In seiner Rede zur Einweihung würdigte Staatspräsident Dr. Leo Wohleb den ermordeten Pfarrer Willibald Strohmeyer und ermahnte alle:
Sorgt dafür, dass niemals mehr Zeiten wiederkommen können, in denen Religion und Menschenwürde mit Füßen getreten werden.
(J.S.)
Vikar Alfons Sieber schrieb Papst Pius XII. nach der Befreiung:
Pfarrer Willibald Strohmeyer hat während der ganzen Dauer des Dritten Reiches durch seinen Seeleneifer und sein vorbildliches, priesterliches Leben den hl. katholischen Glauben in der Pfarrgemeinde erhalten und besonders die Jugend vor dem Gift der nationalsozialistischen Irrlehren bewahrt.*
Von guten Mächten von Siegfried Fietz und Dietrich Bonhoeffer
Der Prozess gegen einige der feigen Mörder und Raubmörder
Erst im Juni 1948 fand der Prozess gegen die Mörder von Willibald Strohmeyer vor einem Schwurgericht des Landgerichts Freiburg statt. An dieses Verfahren angehängt war die Ermordung der beiden Deserteure durch Erich Spannagel, der aufgrund seines zum Tatzeitpunkt jugendlichen Alters am 10. Juni 1948 wegen zweifachen Totschlags eine Strafe von sieben Jahren erhielt, auf die fünf Monate Untersuchungshaft angerechnet wurden. Erich Spannagels Reststrafe wurde am 10. April 1952 zur Bewährung ausgesetzt.
Die Mörder Heinrich Perner (1) und Horst Wauer (2)
Foto von unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel
Der kaufmännische Angestellte Horst Wauer bekam wegen Beihilfe zum Mord eine Strafe von zehn Jahren Zuchthaus, aber bereits am 8. November 1953 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. Die schwerste Strafe erhielt der Befehlsgeber Heinrich Perner, der die Beteiligung an diesem Verbrechen bis an sein Lebensende leugnete: die Todesstrafe, die allerdings am 23. Februar 1949 in eine lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, die er im Landesgefängnis in Freiburg verbüßte. Am 26. April 1955 wurde die lebenslange in eine Strafe von 15 Jahren abgemildert, die zum 9. Mai 1957 auf Bewährung ausgesetzt wurde. Nach fast genau zwölf Jahren Kriegsgefangenschaft, Untersuchungshaft und Haft war damit auch Heinrich Perner 1957 wieder auf freiem Fuß. *
Die Mörder waren unter uns
Heinrich Perner, der nach seiner Entlassung neun Jahre in Bad Dürkheim lebte und nach dem Suizid seiner Ehefrau 1966 vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertierte, starb am 17. September 1975 in Frankfurt am Main; er wurde 66 Jahre alt. Der eigentliche Todesschütze Jacques Roglin, der am 9. August 1922 in der nordöstlich von Bordeaux gelegenen Gemeinde Saint-Loubès im Department Gironde geboren worden war, wurde, wie die meisten französischen SS-Kollaborateure, zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Bei einer der Amnestien in den 1950er-Jahren muss er aus der Haft entlassen worden sein, denn bereits 1957 heiratete er in Paris. Er starb in seiner Heimat, in der Saint-Loubès benachbarten Stadt Ambarès am 12. November 1990 im Alter von 68 Jahren. Der am 3. August 1916 in Berlin geborene Horst Wauer korrespondierte mit dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem, das diese Angabe freundlicherweise im Internet platziert hat, über genealogische Fragen. Dadurch ließ sich ermitteln, dass er in der Stadt Münster in Westfalen am 8. September 1991 verstorben ist.
Gedenken in St. Trudpert
In seiner letzten Predigt, 3 Stunden vor seinem Tod, sprach er zu seiner Gemeinde über das trostreiche Wort des Herrn nach Johannes, Kapitel 16.16
Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen. Da sagten einige von seinen Jüngern zueinander: Was meint er damit, wenn er zu uns sagt: Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen? Und was bedeutet: Ich gehe zum Vater?Sie sagten: Was heißt das: eine kurze Zeit? Wir wissen nicht wovon er redet. Jesus erkannte, dass sie ihn fragen wollten, und sagte zu ihnen: Ihr macht euch Gedanken darüber, dass ich euch gesagt habe: Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen. Amen ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln.Wenn eine Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.
So seid auch ihr bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude.
Foto von unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel
Von der SS ermordet von Wolf Hockenjos aus den Kriegstagebüchern seines Vaters
* Literatur
Willibald Strohmeyer – ein Prister aus dem Münstertal als Märtyrer der letzten Stunde von Bernd Braun. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Mut bewiesen Widerstandsbiographien aus dem Südwesten. Seite 165-177, Band 46 (2017).
Zum Gedenken an Dekan, Geistl. Rat Willibald Strohmeyer von 1909 bis 1945 Pfarrer von St. Trudpert. Handzettel an der Strohmeyer-Gedächniskapelle auf dem Heubronner Eck.
Inschriften von den Tafeln an der Trudpertskapelle und aus St. Trudpert.
Die Geschichte lehrt uns, dass wir aus der Geschichte nichts lernen so ein Historiker
Gerade gehen die Skiflugweltmeiserschaften im norwegischen Vikersund zu Ende. Vor 8 Jahren waren wir bei diesem großen Weltsportereignis dort zu Gast. An vier Tagen sind wir von unserem Hotel aus zur größten Schanze der Welt morgens und abends an der Insel Ütöya vorbeigefahren. Jedes Mal war die Stimmung einige Minute sehr bedrückt. Man wird daran erinnert, dass einer der größten Psychopaten der moderneren europäischen Geschichte über 70 Jugendliche wahllos, gnadenlos und sehr gezielt ermordet hat. Im freiheitsliebenden, stolzen, eigentlich fremdenfreundlichen Norwegen eine unauslöschliches Nationaltrauma. Dennoch waren es zunächst unbeschwerte, eindrückliche Tage bei herrlichstem Winterwetter. Geradezu mystische Besuche der schönsten Stabkirchen im Hochwinter im Hallingdaal, ganz alleine ohne die sonst üblichen Besucherströme, machten die Sport- und Kulturreise zum schönsten Norwegenerlebnis. Jeden Morgen und Abend gingen wir ziemlich gedankenlos an einer anmutigen, aber auch eine seltsame Traurigkeit verströmende Bronzeskulptur vor dem Hoteleingang vorbei. Spätestens seit Munch und Herbjörg Wasmo weiss man, dass Norweger auch zur Melancholie neigen. „Das Mädchen ist halt traurig, weil sie nach schönen Ferientagen wieder abreisen muss“. So unsere oberflächlichen Gedanken zu dem anmutigen, anrührenden „Denkmal“.
Was uns das Mädchen auf dem Koffer sagen kann
Auch wir wurden bei unserer Abreise, beim Abschied, von dieser Traurigkeit erfasst. Die Hotelchefin gab uns zum freundlichen Abschied, sichtlich etwas unsicher, noch eine Broschüre über die Geschichte des altehrwürdigen Hauses mit. Eine historisch bedeutende Traditions- Relaisstation an der wichtigen Fjellroute Bergen- Finse- Hardangervidda- Hönefoss- Oslo war diese Herberge. Soviel haben wir anhand der nostalgischen Ausstattung und den traditionellen, norwegischen Gemälden bereits mitbekommen.
Im Nachhinein waren wir froh, dass wir diese Broschüre erst bei der Abreise erhielten. Sonst wären die anregenden Tage stark eingetrübt gewesen. Abgesehen von der Bedrückung durch das täglich vergegenwärtigte National- Trauma, was diese Insel Ütöya jeweils auslöste. Erst nachdem wir mit der Fähre den vereisten, Winterzauber- Oslofjord nochmals mit allen Sinnen genossen haben und auf dem offenen Meer waren, kamen wir abrupt in der Wirklichkeit an.
In der mitgebrachten Hotel- Broschüre war nachzulesen, dass unser gastfreundliches, gediegenes Hotel befristet eine unsägliche Last aus der Vergangenheit trug. Hatte uns deshalb die kluge Hauswirtin die Broschüre erst bei der Abreise überreicht, um uns Deutschen den Aufenthalt und unsere wundervollen Erlebnisse nicht zu trüben?
Abreisende Frau mit dem Habseligkeitskoffer und dem Kummer
Die Nazi Besatzer und die Norwegischen Quisling- Nazis haben dieses große idyllische Haus requiriert und ein „Erholungsheim“ für Wehrmachtsoldaten darin eingerichtet. Aus ganz Südnorwegen wurden blonde, arische, gesunde, norwegische Mädchen zwangseinquartiert, um die Soldaten zu bespaßen und zu unterhalten. Es war also ein Puff. Mehr noch: Es war auch ein Mütter- und Kinderheim des NS- Mütterborns. Die so gezeugten, besser gesagt die gezüchteten Kinder, wurden den Müttern nach spätestens 1-2 Jahren weggenommen und nach Großdeutschland in Mütterborn- Kinderheime verlegt; also gefühlskalt entführt. Schätzungsweise 7 000 norwegisch-deutsche. „arische“ Kinder kamen so zur Blutauffrischung heim ins Reich. Von fast 14 000 norwegischen Frauen weiß man, dass sie so missbraucht und aufs schändlichste gedemütigt wurden. Zum Dank für ihr Leid wurden sie bei Kriegsende meist von den empörten Landsleuten kahlgeschoren und dem Hohn und dem Hass der Bevölkerung ausgesetzt. Dass sie nackt durch die Strassen getrieben wurden, wie ihre holländischen Leidensgenossinnen, blieb ihnen in Norwegen erspart. Eine persönlich bekannte Zeitzeugin wanderte, nach dem ihr die Haare wieder gewachsen waren, ins Land ihrer Peiniger aus. So wie die meisten der anderen gedemütigten norwegischen Frauen. Auch um der Brandmarkung in der Heimat zu entkommen, aber hauptsächlich, um nach ihren Kindern zu suchen. Dabei half manchmal die pedantische, recherchierbare Buchhaltung der Nazis. Oder die jungen Frauen zogen weg in weit entfernte andere Regionen des Landes, weil in der Heimatregion die anhaltenden Demütigungen und Erniedrigungen nicht auszuhalten waren.
Vielleicht versteht man jetzt die bedrückende, erschütternde Symbolkraft des „Mädchens auf dem Koffer“
bei der Abreise und dem meist endgültigen Abschied von der leiblichen Mutter. Die wenigsten Mädchen konnten mit ihren Müttern wieder zusammengeführt werden.
Warum man das gerade jetzt doch mal erzählen sollte?
Frauen, Mädchen und Kinder saßen mit dem gleichen Gesichtsausdruck und der geknickten Haltung am Tisch beim Begrüßungs- und Freundschaftskaffee für die geflohenen Ukrainerinnen in Sumpfohren am 8.3.2022 bei der gütigen Familie Schöndienst. In zuverlässigen Presseinfos wird derzeit berichtet, dass kriminelle Zuhälter traumatisierte, hilflose Flüchtlingsfrauen an Bahnhöfen mit sicherem Blick, zweifelhaftem Charme und €uroschein- fächernd anheuern und verführen wollen. Auch das ist ein hässlicher Teil des Putin Krieges neben den berüchtigten Kadirov- Tschedschenen Söldnern.
Denn nach oder bei jedem militärischem Krieg findet ein geheimnisumwitterter, unausgesprochener, unsäglicher Krieg statt. Ein Testosteron gesteuerter Nebenkriegsschauplatz. Das war so in der Steinzeit, bei den Wikingern, den Römern, bei der blonden Baaremerin Bisulla, den besagten Norwegerinnen, den Kosovarinnen, unlängst bei den Jessidinnen und das kann, wenn wir keinen Schutz gewähren und aufpassen, auch beim Ukraine Krieg so sein. Auch vor unserer Haustür.
Von der Weltöffentlichkeit und den Friedensengeln wird dieser Subkrieg selten angemahnt und meist schamhaft verschwiegen, übersehen und ignoriert.
Und deshalb mahnt uns das „Mädchen mit dem Koffer“.
Die fast vergessene Anlage – und ein Hüfingen, das um 1820 freier dachte, als es heute bisweilen geschieht
Die meisten Hüfinger kennen die „Anlage“, aber kaum noch den Ort, an dem sie einst lag. Nicht unten an der Breg, wo heute der Anlagenweg verläuft, sondern oben am Rotrain, über dem alten Steinbruch, entstand um 1820 etwas, das weit mehr war als bloße Verschönerung. Die Akte die ich aus dem Landesarchiv in Freiburg habe, erzählt von einem Hüfingen, das damals in mancher Hinsicht freier dachte, als es heute bisweilen geschieht.
Zu Hüfingen die Herstellung der Anlage auf dem rothen Rain von 1820 bis 1830
Was sich in dieser Akte zur Anlage auf dem Rotrain zwischen 1820 und 1845 zeigt, ist mehr als die Geschichte eines angelegten Weges oder einiger Pflanzungen. Sie öffnet den Blick auf eine Haltung. Auf Menschen, die ihre Umgebung nicht nur nutzten, sondern sie bewusst gestalten, verschönern und für andere erfahrbar machen wollten.
Der Rotrain war dabei kein beliebiger Ort. Über dem Steinbruch gelegen, mit weitem Blick, wurde er zu einem Punkt, an dem sich etwas bündelte, das über die Anlage selbst hinausweist: Gemeinsinn, kulturelle Vorstellungskraft und ein bürgerliches Selbstverständnis, das für diese Zeit bemerkenswert ist.
Eng damit verbunden ist Johann Nepomuk Schelble, der aus Hüfingen stammende Musiker, der später in Frankfurt mit dem Cäcilienverein zu großer Bedeutung gelangte. Schelble starb bereits 1837, doch seine Verbindung zur Heimat und sein Interesse an dem Ort blieben lebendig. In den Wanderblühten wird spürbar, dass es ihm nicht nur um Landschaft ging, sondern um mehr: um die Verbindung von Natur, Geist und Gemeinschaft. Dass ein Ort wie Hüfingen nicht klein gedacht werden muss, sondern Anteil haben kann an etwas, das über ihn hinausweist.
Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837), Lithografie von Heinrich Ott. Foto: Frankfurt am Main: Stadt- und Univ.-Bibliothek
Und vielleicht liegt genau darin das eigentlich Faszinierende dieser Akte. Sie zeigt keine starre Vereinswelt mit festen Ämtern und klar abgegrenzten Zuständigkeiten. Kein Konstrukt, das zuerst Ordnung schafft und dann Handlung erlaubt. Stattdessen begegnet einem etwas Offeneres, beinahe Selbstverständliches: Menschen, die tun, was sie können und beitragen wollen. Der eine bringt Ideen ein, der andere Arbeit, wieder andere Material, Pflanzen oder praktische Hilfe. Kein enges System, sondern ein gemeinsames Tun, getragen von Überzeugung.
Gerade darin zeigt sich eine Haltung, die man ohne Übertreibung als früh demokratisch bezeichnen kann. Nicht im politischen Sinn, wie er später sichtbar wurde, sondern im gesellschaftlichen Kern: Dass Gemeinwohl nicht nur von oben organisiert werden muss. Dass Bürger selbst Verantwortung übernehmen, öffentliche Räume mitdenken und gestalten können. Und dass das, was entsteht, allen gehört und allen zugutekommt.
Für die Zeit ist das bemerkenswert. Die Badische Revolution von 1848 lag noch Jahrzehnte entfernt – und doch ist hier bereits etwas von jenem Geist spürbar, der später politische Form annahm: Eigenverantwortung, Gemeinsinn, Öffentlichkeit, Mitgestaltung. Dass Hüfingen 1848 nicht unbeteiligt blieb, erscheint von hier aus betrachtet weniger zufällig, als es zunächst wirken mag.
Die Anlage auf dem Rotrain war damit nicht einfach ein schöner Ort, sondern Ausdruck eines Denkens, das seiner Zeit voraus war: Dass Natur nicht nur Nutzen hat, sondern Wert. Dass Schönheit kein Luxus sein muss. Und dass gemeinsam geschaffene Orte etwas über das Selbstverständnis einer Stadt erzählen.
Umso sprechender ist es, dass die Akte auch von Zerstörung berichtet. Schon früh wurde ein erheblicher Teil der Anlage mutwillig beschädigt. Bäume wurden umgehauen, Pflanzungen zerstört, Geschaffenes verwüstet. Auch das gehört zu dieser Geschichte: Dass dort, wo Menschen mit Sinn und Hingabe etwas für alle schaffen, fast immer auch jene auftauchen, die darin nichts sehen – oder es gerade deshalb zerstören. Die Empörung darüber ist in den Unterlagen deutlich spürbar und wirkt bis heute erstaunlich vertraut.
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820 StAF B 695/1 Nr. 731
Und dennoch blieb es nicht dabei. Es wurde weitergemacht. Repariert, ergänzt, gepflegt. Wege, Übergänge und Verbesserungen wurden neu gedacht und umgesetzt. Gerade darin zeigt sich, dass hinter dem Rotrain keine flüchtige Idee stand, sondern ein ernst gemeinter Wille, etwas Dauerhaftes zu schaffen – nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung.
So bewahrt diese Akte mehr als die Erinnerung an eine fast verschwundene Anlage. Sie bewahrt ein Stück Hüfinger Selbstverständnis. Ein Hüfingen, das nicht klein dachte. Ein Hüfingen, das Schönheit, Öffentlichkeit, Natur und gemeinschaftliches Handeln zusammenbrachte, lange bevor solche Gedanken selbstverständlich wurden.