Zwischenhalt in Sachsen-Anhalt

Was war das doch für ein schockierender Wahlabend an diesem 6. September: mit Siegestänzen und Triumphgeheul schon um 18 Uhr bei der AfD, mit Leichenbittermienen und Ratlosigkeit bei der halbierten CDU, mit Bangen noch beim BSW, ob es die fünf Prozent diesmal schaffen wird – und mit Fassungslosigkeit vor dem Fernsehbildschirm! Wie hat es der ewig grinsende neue AfD-Star Siegmund auf seinem nostalgischen blauen DDR-Motorroller bloß geschafft, 44 Prozent der Wahlberechtigten quer durch alle Alters- und Berufsgruppen wie beiderlei Geschlechts für die vom Verfassungsschutz als „in Teilen gesichert rechtsextrem“ eingeschätzte Partei zu gewinnen – und dies bei einer Rekordwahlbeteiligung und mit einem hanebüchenen Wahlprogramm, das Schlimmstes befürchten lässt?

Karikatur von Wolfgang Horsch für die SZ mit dem Siegmund auf einem Roller und mit Victory Zeichen und die Wagenknecht klammert um seinen Bauch.

Karikatur von Wolfgang Horsch in der Süddeutsche Zeitung am 9. Sept. 2026

Drei Sitze, so stellt es sich schließlich heraus, fehlen der AfD zur Mehrheit – ob da nun Sarah Wagenknecht, die vormals eher Linksextreme, aushelfen wird?

Wann immer die TV-Sender nach Sachsen-Anhalt schalteten an diesem beklemmenden Abend (wie auch an den überaus turbulenten Tagen zuvor und danach), grüßte der Magdeburger Dom. Waren da nicht kürzlich erst die Gebeine von Kaiser Otto I, dem Großen, feierlich neu bestattet worden, und hatte die AfD womöglich auch hiervon noch profitiert? Spätestens da kamen in dem so heftig in Unruhe versetzten Ruheständler Erinnerungen hoch: Erinnerungen an seinen eigenen Besuch des Doms – lang, lang ist´s her. In den Sommerferien des Jahres 1958 war er zusammen mit seinem jüngeren Bruder auf strammer Deutschland-Tour per Rad auch in Magdeburg zwischengelandet; denn selbstverständlich durfte dabei auch die „Ostzone“ nicht ausgespart werden, zumal sich hier die Patentante als Etappenziel anbot, bevor ein Stück weiter, knapp jenseits von Sachsen-Anhalt, auch ferne Verwandtschaft noch lockte. Ob es sich da – zur Ablenkung vom garstigen Tagesgeschehen – nicht lohnen würde, mal wieder den gemeinsam verfassten, mit Fotos und Skizzen ausgeschmückten „Fahrtenbericht“ (wie er in jugendbewegten Jahren üblich war) von jener Tour hervor zu holen und darin zu blättern.

altes Foto vom Dom mit nur einer Kuppel

Anno 1958 noch beschädigt: der Dom in Magdeburg

Litfaßsäule mit Plakaten

Plakatwerbung fürs Zentralkomitee

Es war eigentlich gar nicht so recht einzusehen“, lese ich in meinem handschriftlich verfassten, mittlerweile fast 70 Jahre alten Text, „dass wir nun plötzlich in einem anderen Deutschland sein sollten. Ein schlacksiger Junge, der eng verwandt schien mit einer Kategorie Jugendlicher, die bei uns halbstark genannt wurde, erwies sich uns bereitwilligst als Fremdenführer und gondelte mit seinem Fahrrad vor uns her, bis vor die Haustür der Tante.

Sonntagmorgen in Magdeburg. Rolf und sein kleiner Bruder Kitty (die Söhne der Tante) übernehmen es gern, uns die Stadt zu zeigen und dazu die notwendigen Kommentare zu liefern. Großzügig geplante und halbfertige (stalinistische) Prunkbauten wechselten ab mit den Trümmern der zerbombten Altstadt…

unschafes altes Foto mit Gebäude und zwei Männer in Uniform

Stalinistische Prunkbauten mitsamt Vopos

Wir kamen gerade noch recht zum Gottesdienst im altehrwürdigen gotischen Dom. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Predigttext, aber ich habe noch die Worte im Ohr, mit denen der Pfarrer die Gemeinde zum Aushalten aufrief. Er sprach auf eine so feine und mutige Art, dass wir einfach aufhorchen mussten. Das große Schiff war vollbesetzt bis zur letzten Bank. Vorwiegend bestand die Gemeinde wohl aus älteren Leuten, doch entdeckten wir auch Jugendliche in unserem Alter. Was bloß die russische Reisegesellschaft so an der gotischen Architektur interessierte, die nach dem Gottesdienst den Dom besichtigte?“

Natürlich stand auch noch ein Kinobesuch auf dem Programm: Angeschaut wurde der überall angepriesene sowjetische Monumentalfilm „Ein Kommunist“, der den „Freiheitskampf“ der Kommunisten in eindrucksvollster Taiga-Landschaft nachzeichnet, in der der Held schließlich, zu Tode verwundet, geradezu in die Kamera zu stürzen scheint. Doch wir hatten schon bessere Wildwestfilme gesehen, wie ich festhielt, sodass wir „von kommunistischen Ideen gottlob nicht überzeugt“ werden konnten.

Dann wurden die Räder wieder gesattelt, und nach einem Abstecher ins Brandenburgische zur Verwandtschaft (nach Zitz bei Wusterwitz) ging es südwärts über den Kyffhäuser, den Harz, weiter an der Werra und der Fulda, schließlich dem Main, der Regnitz und der Altmühl entlang bis nach Kelheim an der Donau. Auch dort wie in Magdeburg gab es ja noch eine Freundin der Mutter aus BDM-Zeiten, um noch ein paar Tage verweilen zu können, wo uns doch gewiss auch die Tochter Heidi noch bestens betreuen würde. Aber es nahte das Ferienende und auch das Heimweh hatte zugenommen, sodass wir schließlich nach einer Tag-Nacht-Gewalttour – ein Stück weit freilich auch noch per Anhalter auf einem Lkw – so erschöpft wie glücklich wieder zuhause im Schwarzwald gelandet waren.

Weil ich eben „per Anhalter“ schrieb, drängt sich mir doch prompt die Wahl in Sachsen-Anhalt wieder in den Sinn: Wie wird es weitergehen mit der AfD bei den nächsten Landtagswahlen? Wird die „Deutschlandtour“ der Partei nächstens auch erfolgreich durch den Westen und den Süden führen – um letzten Endes die ganze Republik aufzumischen? Oder droht ihr zuvor die Disqualifikation?

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