Liebe Leserinnen und liebe Leser,
Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt:
Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Unten findet sich das Denkbuch von 1830 bis etwa 1833. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv.
100…Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die kleine Stadt war das fürstliche Schloß mit seinem schönen Garten und den Kunst- und Naturmerkwürdigkeiten im „Kabinet“. Was es da zu betrachten und zu bewundern gab, machte auf mich einen lebendigeren und nachhaltigeren Eindruck, als das, was wir bald nachher von Sammlungen, wissenschaftlich geordnet, klassifiziert und katalogisiert, zu sehen bekamen.
Und dasselbe möchte ich auch von andern Jugenderinnerungen sagen, z. B. von den Schlittenfahrten, welche die Herrschaften oft an schönen Wintertagen hierher machten, in den phantastisch gestalteten Schlitten aus der Zeit des Rokoko: Diana mit dem Hirsch, Neptun das Walroß lenkend, Löwen und anderes Gebilde zeigend. Abends sahen wir das Schloß dann erleuchtet, im Saale gegen den Hof zu ertönte Musik zu improvisierten Tänzen, und die bei Fackelschein bewerkstelligte Rückfahrt ließ uns den Zug erst recht im romantisch märchenhaften Lichte erscheinen. Der gewöhnliche sog. Wurstschlitten hatte im Gegensatze zum „Kasten= oder Chaisenschlitten“ nur einen schmalen gepolsterten und freien Sitz. Einen solchen besassen auch wir, geziert mit einem von der Hand des Vaters geschnitzten und vergoldeten Drachen.
Ob die jetzige Generation vergnügter, zufriedener lebt als die frühere? Wenn wir zur Beantwortung dieser Frage die in so üppigem Flor stehenden Vereinsfeste und Zusammenkünfte zum Maßstab nehmen, müssen wir sie bejahen — jedoch hinzufügen, daß es auch in frühern Tagen — abgesehen von kirchlichen Festen nicht an gemeinsamen Veranstaltungen und Festlichkeiten gefehlt hat; nur hatten diese mehr eigenartiges Gepräge und stets auch einen Anhauch von Poesie, indem sie auch der Schuljugend eine Beteiligung gestatteten.
„Und wieder ist die Baar
Fruchtbar wie sie war!“
sangen die Schulkinder in einem von Bürgermeister und Major des Bürgermilitärs, Burkhard, gedichteten Liede bei Einbringen des ersten festlich bekränzten Garbenwagens im Jahr 1817. An ein anderes schönes Fest wurden wir Schüler noch lange durch die Inschrift an der „Schulkanzel“ gemahnt: „Wer Gesetz, Ordnung, Tugend und Religion liebt und zur Richtschnur nimmt, der ist weise, der ist frei“. Aus der Antwort Karl Friedrichs auf die Danksagung des Landes bei Aufhebung der Leibeigenschaft.
Litographie von Josef Burkhard aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
Burkhard war vor 1826 Bürgermeister, er wurde aber nur innerhalb Hüfingens Bürgermeister genannt und nicht in offiziellen Urkunden. Vermutlich hängt dies mit den Französischen und den Württembergischen Besatzern zusammen.
Die Kanzel hatte nämlich beim Karl Friedrichjubiläum zum Piedestal (Postament einer Statue) eines vom Vater gemalten lebensgroßen Brustbildes des Gefeierten gedient, welches von der Schuljugend bekränzt den Mittelpunkt der Festlichkeit gebildet hatte. Die Lieder, welche beim Empfange des neuvermählten fürstlichen Paares Karl Egon und Amalie zu Fürstenberg (1818) von welchem Tag noch lange gesprochen wurde, und im Jahre dreißig bei der Landesbereisung des Großherzogs Leopold und der Großherzogin Sophie vom Hüfinger Bürgermilitär unter Gleichaufs Direktion im Schloßhofe zu Donaueschingen gesungen wurden, waren aus Burkhards Feder geflossen. (Ebenso die meisten zur Zeit üblichen Nachtwächterrufe). Und viel Hübsches und Sinniges wurde bei den Festlichkeiten stets auch in dekorativer Hinsicht geleistet und zwar ohne großen Kostenaufwand. Die Vorbereitungen hierzu fanden gewöhnlich in der großen leerstehenden Schloßkirche statt, im Flügel gegen das Stadttor hin.
Von jeher wurde in der Amtsstadt viel musiziert und gesungen. Es gab Kirchenchor-Mitglieder, die bis in ihr spätestes Alter als Violinspieler oder als Sänger mitwirkten. So z. B. der Amtmann Reichlin; dieser sang noch bei den musizierten Messen, nachdem er nicht nur die Stimme, sondern längst auch alle Zähne verloren hatte. Wie die Mutter und ihre Schwestern, Magdalena, Elisabeth und Katharine zu den Sängerinnen zählten, so that auch unsre Schwester Lisette mit ihrer klangvollen Sopranstimme lange Zeit Dienste auf dem „Chor“.
Das Hoftheater in Donaueschingen war ein Theater der Fürsten zu Fürstenberg, das 1774 in der ehemaligen Reitschule errichtet wurde und am 28. April 1850 abbrannte und daraufhin nicht wieder aufgebaut wurde. Bis dahin wurden Schauspiele und Opern aufgeführt, unter anderem unter der Leitung der Hofkapellmeister Conradin Kreutzer und Johann Wenzel Kalliwoda. (Zu den Anfängen einer „Donaueschinger Musik“ von Hugo Siefert in den Schriften der Baar 69 (2016))
Fotos: Baarverein
Auch wir Brüder mußten mitsingen bei den Messen, die Onkel Seyferle, zur Zeit Unterlehrer, mit den Schülern einübte. Außerdem wurde mir die Auszeichnung, mit Seyferle und einem seiner auswärtigen Zöglinge als Altist und Chorist in der Oper „Cristine“ von Kalliwoda, in der Doppelrolle als Bauernjunge und königlicher Page, auf dem Hoftheater in Donaueschingen auftreten zu dürfen. Nach jeder der etlich und dreißig Proben im Museum (Post) hatten wir zwei Altisten jedesmal eine Halbe Braunbier mit einer Portion Schweizerkäs zu konsumieren beim Hofschmied (Fürstenbergerhof), wo unter’m Vorsitze des Hofapothekers Kirsner sen. und seines Adjutanten Bäsele immer große Redeschlachten geliefert wurden zwischen Russen und Türken, die zur selben Zeit weit hinten in der Türkei aufeinander schlugen.
Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) gemalt von Luzian Reich (senior) ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Xaver, Lucian und Lisette.
103 Die wichtigsten Proben waren uns aber die Hauptproben mit dem wirkungsvollen Finale am „Offiziantentische“ im Schlosse, wo wir Choristen bei Wildpret und einem Trunke aus dem Schloßkeller zeigen konnten, wie sicher wir auch da im Treffen seien.
Ernsthafter als Gesang beschäftigte uns Brüder das Klavierspiel, in welchem uns Vetter Franz Joseph Gleichauf, Amtsaktuar und ebenso eifriger wie uneigennütziger Chorregent und Kapellmeister des Bürgermilitärs, Unterricht gab.
Franz Josef Gleichauf (6.12.1796-19.07.1869) war mit Maria Catharina Federle (22.07.1797-07.08.1869) verheirate und der Sohn von Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) und Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816).
Xaver bildete sich weiter darin aus, und noch in spätern Jahren fand er in den Werken Mozart’s, Bach’s und Beethoven’s Erholung und Genuß. Jeden Winter wurde beim Schnurren der Spinnräder und dem Schein eines Oelämpeleins des Vaters Büchersammlung durchgelesen. Für einen Schullehrer damaliger Zeit war sie reichhaltig genug. Gellert, Hebel und Winkelmann (in der Donaueschinger Ausgabe) waren mit ihren sämtlichen, Göthe, Schiller, Klopstock, Wieland mit einzelnen Werken vertreten, dabei Sulzers Theorie der schönen Künste, Weißes Kinderfreund, Kampes Robinson, Reisebeschreibungen nebst dem Brockhaus’schen Konversationslexikon fast ausnahmslos Geschenke von Onkel Schelble und dem frühern Stadtpfarrer Reislin; denn Bücher kaufte der Vater selten. Das erste klassische Werk, das ich von meinen ersparten 10 Kreuzern auf dem Jahrmarkt erwarb, war Tyll Eulenspiegel, den ich, weil mir die groben Holzschnitte darin nicht gefielen, zu illustrieren unternahm.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind;
J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit);
Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife;
Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr;
Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.

gezeichnet von Josef Heinemann

gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann.

gezeichnet J. Nepomuk Heinemann, 1848, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 609.
Zuweilen machten wir unter väterlicher Leitung Fußtouren, unter andern einmal nach Freiburg, wo es das erste war, das Münster zu besichtigen, obgleich uns, müde und abgespannt, der vorläufige Besuch einer Gastwirtschaft erwünschter gewesen wäre. Und daher kam es, daß uns, insbesondere mir, der von zahllosen krächzenden Krähen umschwärmte altersgraue Bau mit dem ahnungsvollen Dämmerlichte seines Innern den erwarteten überwältigenden Eindruck nicht machte; obgleich wir das treffende Urteil eines Hüfinger Kunstrichters nicht hätten unterschreiben mögen, der auf die Frage des Vaters: „Nun, Sie haben das Freiburger Münster gesehen? Nicht wahr, der Turm ist ein wahres Wunderwerk!“ den klassischen Ausspruch that: „Nun ja, er ist kunstreich! Aber ich muß Ihnen offen gestehen, der hiesige Kirchturm gefällt mir besser, er ist einfacher!“
Ein andermal wanderten wir über Schleitheim, woher der Vater die Steine zu seinen Grabdenkmälern bezog, nach Schaffhausen. Kurz vorher hatte ich den Rheinfall nach einer Lithographie Welle für Welle in Kreidemanier gezeichnet. Und nun trat mir das Naturspiel in seinem Stürzen und Ueberstürzen, Tosen und Schäumen um so überraschender entgegen.
Einen ähnlichen und doch wieder grundverschiedenen Eindruck machte auf uns der Hohentwiel, den wir über die Ausläufer des hohen Randen hinwandernd im abendlichen Dämmer am östlichen Horizont vor uns auftauchen sahen. Der Hohentwiel! Wie viel hatten wir als Kinder nicht schon von ihm gehört! Trug doch ein ehmaliger Turm in der „Hinterstadt“ diesen Namen. Und der „alt Franz“ unser Taglöhner, dem ich so manches „Budeli Brends zNüni“ zugetragen, und der „Vetter Kupferschmied“ waren von denen, die auf Gemeindekosten ringsum aufgeboten worden, das für unbezwinglich gehaltene Hegaubollwerk zu sprengen und demolieren.

Foto: Dr. Jörg Martin, Fürstlich Fürstenbergisches Archiv Donaueschingen
Hohentwiel
In der Hinterstadt im Bereich der herrschaftlichen Burg stand einst ein mächtiger Bergfried, der „Stock im Graben” oder wegen seiner Stärke auch „Hohentwiel” genannt wurde. Dieser Wohnturm diente in Belagerungszeiten als Zufluchtsort für die Burginsassen. Er war der am schwierigsten einzunehmende Bauteil der Burg.Auf dem Gemälde von Menrad ist dieser Turm zu sehen, allerdings in bereits zerstörtem Zustand. Eine weitere Abbildung des Bergfrieds soll das alte Stadtwappen sein:Das Hüfinger Stadtsiegel zeigt heute einen schmächtigen Thorthurm, in dem des 15. Jahrhunderts aber erscheint an dessen Stelle ein mit Buckelquadern an den Ecken verstärkter, wehrhafter Bergfried, der von der Seite her aufgenommen ist. Selbstredend steht dieses Wappenbild mit der Stadt im Zusammenhange; es ist nichts anderes als die Abbildung des obengenannten Stocks im Graben oder Hohentwiel’s, der in der Tat beim Anblicke der Stadt, solange er stand, das Augenfälligste, sozusagen das Wahrzeichen von Hüfingen gewesen ist und deshalb zum Wappenzeichen der Stadt vorzüglich geeignet war.
Aus: Hüfingen – Führer durch eine alte Stadt von Beatrice Scherzer und Hermann Sumser 1996
Diese die Französische Gewaltherrschaft bezeichnende Anordnung kam den Gemeinden teuer genug zu stehen. Geisingen z. B. traf es 400 fl. und nicht weniger Hüfingen, und so verhältnismäßig alle Orte.
Von frühester Jugend an wußte ich nicht anders, als daß ich Maler werden wollte, obgleich ich eine alte Base sagen hörte, kein Maler werde alt, von wegen den giftigen Farben. Mein Bruder hatte sich für die Plastik entschieden. Formensinn und außerordentlich geschickte Hand befähigten ihn hiezu. Jeden Herbst kam Onkel Schelble zu Besuch in die Vaterstadt, und was wir von ihm vom Städel’schen Kunstinstitute hörten, ließ uns Frankfurt in ganz verklärtem Lichte erscheinen. Gegen Ende der 20ger Jahre war Zwerger, der Zögling Danneckers, aus Italien zurückgekommen.
Vermutlich Johann Nepomuk Zwerger
(* 28. April 1796 in Donaueschingen; † 26. Juni 1868 in Cannstatt)
war ein deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Hier 1829 gezeichnet von Reich senior.
In Hüfingen, bei seinem Schwager, Schloßverwalter Wehrle, vollendete er seinen „Hirtenknab“ in Karrarischem Marmor. Von Schelble empfohlen, hatte er bald nachher eine Berufung an das Städel’sche Institut erhalten. Und nun erbot er sich, meinen Bruder als Schüler anzunehmen; und somit verließ dieser im Herbste 1832 mit Onkel und Tante die Vaterstadt, und im Jahr darauf fuhr auch ich mit ihnen der ersehnten freien Reichsstadt (Frankfurt) zu. 105
Das Städel’sche Institut war gewissermaßen noch im Entstehen begriffen. Mein Bruder hatte seine Lehrzeit noch im alten Hause auf dem Roßmarkt begonnen, und der Umzug ins neue war kurz vor meiner Ankunft bewerkstelligt worden, so daß zehn oder zwölf Malerschüler, mit mir dem jüngsten, erstmaligen Besitz von den obern vier, in den Hof und Garten hinausgehenden, Ateliers nahmen. Es war eine gemischte Genossenschaft, die sich da zusammengefunden, ein Konglomerat verschiedenster Ausbildungsstufen und Richtungen, jeder mit einem andern Gegenstand beschäftigt.
Settegast, der am weitesten vorangeschrittene Zögling Direktor Veit’s, malte eine hl. Barbara für eine Kirche am Unterrhein, Becker aus Bornheim kopierte religiöse Bilder aus der Galerie, die von Inspektor Wendelstädt anstandslos in die Ateliers gegeben wurden, Bauer von Sachsenhausen, ursprünglich Lithograph, zeichnete für eine Kunsthandlung Veit’s Achillesschild auf Stein, Kaufmann von Kreuznach, das adrette Kerlchen mit Vollbart, Barett und hübschem Tenor, den er später auch im Cäcilienverein verwertete, skizzierte nach Spindlers, damals mit Begeisterung gelesenem „Jude“, während Weidenbusch, das ominöse Genie, einen großen Karton zeichnete: Prometheus von Cyklopen an den Felsen geschmiedet, und ebenso zeigte er uns Blätter aus seinem „Cid“, den er, wie Cornelius den Faust, im Stich erscheinen lassen wollte.
Ich hatte verschiedene Zeichnungen von daheim mitgebracht: eine figurenreiche Fastnachtsscene mit äpfelauswerfenden Hanseln, plaudernde Nachbarn auf dem Hausbänklein, und was sich mir sonst in der Wirklichkeit zeigen wollte. In der jetzigen Umgebung hörte ich aber von Originalität der Komposition, neuen Gedanken und Motiven. Wie hätten gegen all das meine schlichten Baarerkinder aufkommen können! Also griff auch ich zur Kohle und komponierte und fixierte Zeichnungen höhern Stils.
Teil 3: Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836
Hier geht es zur alten noch nicht überarbeiteten Fortsetzung: Denkbuch von Lucian Reich ab 1830 alte Forsetzung
Teil 1: Das Denkbuch von Lucian Reich von 1750 bis 1813
Teil 2: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830















