Der Hüfinger Frauenverband

Der Augenblick der Entscheidung ist gekommen!
Worte können unser Recht und unsere Freiheit nicht erobern
.

Erste Version war am 15.01.2020

Paul Revellio
Bürgermeister Joseph Hug von 1840-1848

Paul Revellio hat beschrieben wie am 10. April 1848 Friedrich Hecker von Konstanz aus die in Hüfinger Wirtshäusern versammelten Bauern, Tagelöhner und Handwerker aufgerufen hat, sich bewaffnet den Donaueschingern anzuschliessen:

Dezember 1848 Carl Revellio, Bürgermeister Joseph Hug und Sägewerksbesitzer Wilhelm Steiner gründen mit einer Art Rütlischwur den bald 114 Mitglieder umfassenden und stets im Ratssaal tagenden Volksverein. *3

Die Ackerbürgerschaft ging also in der bewegenden und bewegten Zeit auf die Barrikaden und machte 1848/49 Revolution über ihre Wehrausschüsse und über den Volksverein, unter dessen 114 Mitgliedern in Hüfingen keine Frau war. *1

Ähnliche Erfahrungen veranlaßte Louise Otto, eine Zeitung herauszugeben.

Die Anfänge der deutschen Frauenbewegung um 1848*4

Im April 1849 gründete Louise Otte eine Frauenzeitschrift unter dem Motto „Dem Reich der Freiheit werb‘ ich Bürgerinnen„.

Frauen, die die langwierigen Debatten über die „Grundrechte des deutschen Volkes“ und das „Reichswahlgesetz“ in der Frankfurter Nationalversammlung verfolgt hatten, mußten enttäuscht feststellen:

„... aber sie denken bei all‘ ihren endlichen Bestrebungen nur an eine Hälfte des Menschengeschlechts – nur an die Männer. Wo sie das Volk meinen, da zählen die Frauen nicht mit.“ (Frauen-Zeitung 1/1849) *4

Im Programm der ersten Nummer schrieb Louise Otto:

die Geschichte aller Zeiten, und die heutige ganz besonders, lehrt, daß diejenigen auch vergessen wurden, welche an sich selbst zu denken vergaßen.“ (Frauen-Zeitung 1/1849)

Gegen zunehmenden reaktionären Druck, aber getragen von der Zustimmung ihrer Leserinnen und der wachsenden Zahl gleichgesinnter, vorwiegend weiblicher Mitarbeiter, schaffte sie es, von April 1849 bis Dezember 1850 wöchentlich eine Nummer herauszugeben. Auf acht Seiten waren darin neben Noveletten und Gedichten mit sozialkritischer Tendenz, neben Nachrichten und Kommentaren zum Zeitgeschehen und Korrespondenzen aus vielen Städten des Deutschen Bundes Abhandlungen zu frauenspezifischen, kulturellen und religiösen Fragen zu lesen, sowie in der Rubrik ,Blick in die Runde‘ Verschiedenes aus dem Alltag der Frauen.*4

Die Teilnahme der Frauen an der Revolution aber beschränkte sich nicht auf Worte und Beteuerungen oder fürsorgende Hilfsdienste: „Da ist es nicht getan mit Charpie-Zupfen, Verwundete pflegen, Kleidernähen und Kochen für das Heer“ (Frauen Zeitung 14/1849). Die Frauen blieben nicht länger Zuschauer, die um die Helden der Revolution trauerten und ihre Toten beweinen durften. Sie legten selbst Hand an. Wir erfahren, dass Frauen auf den Barrikaden Dresdens gekämpft, dass sie die Festungen Rastatts, jenen letzten vergeblichen Kampfplatz zwischen Revolutionstruppen und preußischem Militär, mit ihren Männern gemeinsam verteidigt haben.*4 (Charpie ist ein Wundverband aus aus weich gezupften Fäden von Leinenstoffen)

Wenn die Geschichte dieser Tage einst mit historischer Treue geschrieben wird, dann werden die ‚Frauen Rastatts“ einen ehrenvollen Platz in ihr einnehmen.“ (Frauen-Zeitung 24/1850)

Die Geschichte wird auch heute nicht immer mit jener „historischen Treue“ geschrieben, die Louise Otto bereits 1850 einforderte. Frauen erscheinen in vielen historischen Darstellungen nach wie vor seltener als Männer – nicht, weil sie keine Rolle gespielt hätten, sondern weil ihre Beiträge häufig übersehen oder nicht dokumentiert wurden.

Auch in der regionalen Geschichtsschreibung zeigt sich dieses Muster. Veröffentlichungen des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar oder des Almanachs Schwarzwald-Baar widmen sich überwiegend den Männern. Frauen treten meist nur am Rande in Erscheinung oder bleiben ganz unerwähnt.

Bereits 1982 schrieb die Historikerin Ute Gerhard, das Geschichtsbild werde „erst neuerdings […] in wesentlichen Zügen korrigiert“. Mehr als vier Jahrzehnte später ist diese Korrektur vielerorts noch immer ausgeblieben. Auch im 21. Jahrhundert werden Frauen in der historischen Überlieferung häufig ausgeklammert – und mit ihnen ein bedeutender Teil der lokalen Geschichte.

Wer die Geschichte der Frauen nicht erzählt, erzählt die Geschichte einer Gesellschaft nur zur Hälfte.

Der Hüfinger Frauenverein

Überraschend ist die große Zahl der Frauenvereine um 1848, die aufgrund der neuen Quellen aus dem „Dunkel der Geschichte“ aufgetaucht sind. Durch die mehrfachen Aufrufe in der Frauen-Zeitung zur Gründung von Frauenvereinen, insbesondere das Angebot der Redaktion, „den Vereinen als Organ zu dienen“ und ihre Angelegenheiten zu besprechen (Frauen-Zeitung 11/1850), wurde eine große Zahl von Frauen-Zusammenschlüssen bekannt.*4

So pathetisch im Stil der Zeit war die Redeweise der Breslauerin nicht, die von einem „festen und schönen Band“ der Frauenvereine träumte, das wie ein „diamantener Gürtel das ganze Vaterland umgeben soll“ (Frauen-Zeitung 9/1850).

Neu an den Vereinigungen von 1848 war ihre politische Zielsetzung, die schon in ihrer Bezeichnung als „demokratische Frauenvereine“ zum Ausdruck kommt, aber nicht in allen Zusammenschlüssen der Frauen mit gleicher Intensität verfolgt wurde. Der Schritt zur Vereinsgründung ist sicherlich nicht ohne den allgemeinen Zug der Zeit zum Vereinswesen als Vorstufe politischer Parteiungen zu verstehen. Dennoch war eine derartige Initiative für Frauen in der männlichen Öffentlichkeit in jedem Fall ein persönliches Wagnis, das Mut und Organisationstalent erforderte.*4

Georgine, die sich in der Frauen-Zeitung wiederholt für die Gründung von Vereinen, insbesondere für die Assoziation der Arbeiterinnen einsetzte, schrieb:

lassen wir uns aber durch das Geschrei der am ,alt Hergebrachten‘ festhängenden Menge über Emanzipation nicht irre machen, verlieren wir den Mut nicht, wenn man uns lächerlich zu machen sucht, sondern legen wir kräftig Hand an, um die veralteten Schranken niederzureißen…. Viele werden mir entgegenhalten, daß es in diesen unruhigen Tagen nicht an der Zeit sei, solche Neuerungen und Reformen zu beginnen, doch ich halte die Jetztzeit gerade für die passendste, weil die Not der Arbeiterinnen jetzt einen so hohen Grad erreicht hat, daß Zögerung Sünde wäre …“ (Frauen-Zeitung 11/1849).

Motiv für die Vereinsgründungen war für die einen die soziale Not, für andere eine politische Erfahrung, für die es in dieser Zeit nicht an Gelegenheiten mangelte. Wie die vielen Solidaritätsadressen und Teilnahmebriefe an Eugenie Blum belegen, muss die Hinrichtung Robert Blums, des linken Demokraten und Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung, im Oktober 1848 in Wien für viele Frauen wie ein Signal gewirkt haben. Das Schicksal der Witwe des Freiheitskämpfers bot Identifikationsmöglichkeiten, die zur Teilnahme und Mitwirkung drängten.*4

Obgleich diese Frauenvereine auf den ersten Blick wie traditionelle Wohltätigkeitsvereine wirkten und mit zunehmender Behinderung durch die Reaktion zur Tarnung so wirken wollten, war ihre Zielsetzung doch eine politische, ja, ihre Mitglieder verwahrten sich ausdrücklich gegen die Festlegung der Frauenaktivitäten auf die „den Menschen niederdrückende Wohltätigkeit“ (Frauen-Zeitung 10/1849) oder das „Wohltätigkeitsprinzip“ (Frauen-Zeitung 10/1850). Sie nahmen mit ihrer praktischen Hilfe Partei zunächst für die Aufständischen – sie nannten sie „Freiheitskämpfer“ oder „Vaterlandsfreunde*4

Vor diesem Hintergrund ist auch die Gründung des Hüfinger Frauenvereins im Jahr 1849 zu sehen. Er entstand in einer Zeit, in der sich überall in Deutschland Frauen zusammenschlossen, um sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren. Die Gründung eines Frauenvereins war damals keineswegs selbstverständlich. Sie erforderte Mut und den Willen, die Rolle der Frau in der Gesellschaft neu zu denken.

Über den Hüfinger Frauenverein selbst ist heute jedoch nur wenig bekannt. Fest steht, dass er 1849 gegründet wurde und rund 130 Mitglieder zählte – mehr als der Hüfinger Volksverein. Allein diese Zahl zeigt, dass der Verein in Hüfingen keine Randerscheinung war, sondern auf eine breite Unterstützung stieß.

Über seine konkrete Tätigkeit haben sich bislang fast keine Unterlagen erhalten. Im Stadtarchiv finden sich heute keine Hinweise mehr auf einen Frauenverein. Ob entsprechende Dokumente nie dauerhaft aufbewahrt wurden, später verloren gingen oder bewusst beseitigt wurden, lässt sich heute nicht mehr klären. Da in anderen historischen Quellen nachweislich Seiten aus Archivbänden entfernt wurden, kann auch eine spätere Vernichtung einzelner Hinweise nicht ausgeschlossen werden. Belegen lässt sich dies jedoch derzeit nicht.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die Frauenvereine der Revolution von 1848/49. Sie zeigen das politische und gesellschaftliche Umfeld, in dem auch der Hüfinger Frauenverein entstand. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, welche Ideen und Ziele seine Gründerinnen bewegt haben könnten.

Die folgenden Lithografien zeigen junge Hüfingerinnen aus der Zeit um die Gründung des Frauenvereins. Ob sie dem Verein angehörten, ist nicht überliefert.
Hüfingen zählte 1834 insgesamt 1.466 Einwohner (Gemeindelexikon des Großherzogtums Baden). Der Frauenverein hatte rund 130 Mitglieder. Damit gehörte ihm nahezu jeder zehnte Einwohner Hüfingens an. Bezogen auf die Zahl der erwachsenen Frauen dürfte der Anteil der Vereinsmitglieder sogar deutlich höher gewesen sein.

Josefa Elsässer (1823-1900)
Elisabeth Reich
(1819-1871)
Katharina Nober
(1805-1871)

Durch mehrere Berichte im Donaueschinger Wochenblatt gibt es einige Hinweise auf das Treiben des Vereins.


Hüfingen, 13. Juni.
Eine ziemliche Anzahl hiesiger Frauen und Jungfrauen hat sich vereinigt, die hiesige Wehrmannschaft teils durch Geldbeiträge, teils durch Fertigung und Anschaffung der zum Felddienste erforderlichen Bedürfnisse nach Kräften zu unterstützen.

Zu demselben Zwecke wurden deshalb von jenen folgende Gegenstände und Geldbeträge bereits geliefert:

Kleidungsstücke und Weißzeug.
1 Schlafrock, 1 gestrickter Kittel,
80 Hemden, 19 Leintücher, 36 Handtüchlein, 18 paar Unterhosen, 72 paar Socken.
Verbandsgegenstände.
138 Verbandtüchlein, 146 Binden, 12 Säckchen, 1 Korb voll Charpie.
Ferner: 1 Couverte.
An barem Gelde 31 fl. 40 kir.
An das Finanzministerium wurden schon früher eingesandt 61 f. 36 kt.
zusammen 93 fl. 16 kr.

Indem man dieses hiermit zur öffentlichen Kenntnis bringt, wird den edlen Spenderinnen zugleich der Dank ausgedrückt für ihre wohltätige Unterstützung und warme Teilnahme am Kampfe für die Sache und Freiheit des Volkes und des Vaterlandes.

Der Civilkommissär Häfelin

Donaueschinger Wochenblatt 13. Juni 1849


Der Bericht vermittelt einen Einblick in die Arbeit des Hüfinger Frauenvereins. Die Frauen organisierten nicht nur Kleidung, Verbandsmaterial und Geldspenden in beachtlichem Umfang. Der öffentliche Dank des Civilkommissärs macht zugleich deutlich, dass ihr Engagement als Unterstützung des Kampfes „für die Sache und Freiheit des Volkes und des Vaterlandes“ verstanden wurde.

*Fotos aus „American Dreams“ im Haus der Geschichte Stuttgart, Dezember 2023


Friederich Hecker’s Abschied in Strasbourg auf seiner Reise nach Amerika. Setzt Eure Hoffnung nicht auf mich allein, einen sterblichen Mann, sondern auf Eurer gutes Recht und Euren eigenen Muth, auch ich verzweifle nicht an dem Gelingen der gorssen Volkssache, ungeachtet ich Vaterland, Frau und Kinder verlassen muss, ungeachtet mir mein mühsam erworbenes Gut genommen, und die Fürstenknechte mit ihrem aussaugenden Gefolge mich noch täglich vor der Welt mit Schmähungen übergiessen – nie ist eine große Sache ohne Opfer errungen worden!


Friedrich Hecker’s Ankunft in Nord-Amerika. Nach 14 tägiger Seereise betrat der edle Republikaner mit seinem Freunde Schöninger den freien Boden Nord Amerikas. Dort wurde ihm von seinen unzähligen Freunden ein Empfang bereitet, wie wenige gekrönte Häupter dessen sich rühmen können. Durch die oberste Behörde persönlich bewillkomt, wurde er Ehrengast der gesamten Freistaaten. Dort wird er freiere Staalseinrichtungen beobachten, und einst in sein bedrängtes Vaterland zuruckgekehrt, verwirklichen, was von so vielen als unerreichbar dargestellt wird.

Kaum ein Dokument vermittelt den Geist des Jahres 1849 eindrucksvoller als das Gedicht unten. Es zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit Frauen damals zum gemeinsamen Handeln aufgerufen wurden. Nicht als stille Helferinnen im Hintergrund, sondern als Teil einer Bewegung, die für Freiheit, Demokratie und gesellschaftliche Veränderung eintrat:


Der Frauen- und Jungfrauen-Verein.

Das teure Vaterland ist in Gefahr,
So rüstet euch, ihr edle Nationen,
Bewaffne dich, du treue Männerschaar,
Es gilt die stolzen Fürsten zu entthronen,
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

So ruft das edle Volk von Ost bis West,
So ruft es selbst in Nordens düstern Gauen;
Drum mutig auf was Gott am Leben läßt,
Die Tyrannei soll eure Wunder schauen:
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

In Ungarn wo der Söldnerkampf erbraust,
Dort seht ihr umgestürzte Trümmer rauchen;
Mit Zorn geballt ist jede Mannes-Faust,
Das Flammenschwert in Fürstenblut zu tauchen:
Es gilt gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

So schleudern höhnend die Tyrannen jetzt,
Des Blitzes Glut in unserm deutschen Lande
Eidbrüchige! ihr habt den Schwur verletzt,
Habt aufgelöst der Gesellschaft Bande:
Drum gilt’s gerechtem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

Es stehen selbst des Volkes Frauen ein,
Die friedlich sonst im eignen Hause wohnen,
Und bilden einen Tätigkeits-Verein,
Zur Unterstützung deutscher Legionen:
Ja, gilt es doch dem Völkerkrieg,
Der goldnen Freiheit ihren Sieg!

Jungfrauen, Frauen, kommt und schaaret euch!
Besorget, spendet eure Kampfesgaben!
Die allgemeine Not macht alle gleich,
Und Alle werden sich am Siege laben:
Drum „Vorwärts,“ Gut und Blut dem Krieg,
Um jeden Preis der Freiheit Sieg!

Donaueschinger Wochenblatt Juni 1849


Nur zwei Wochen später veröffentlichte der Hüfinger Frauen- und Jungfrauenverein einen weiteren Bericht im Donaueschinger Wochenblatt. Daraus geht hervor, dass der Verein inzwischen 130 Mitglieder zählte. Zugleich werden erstmals die Namen der beiden Vereinsvorstände genannt: Karoline Höfler als Vorsteherin und Elisabetha Gilli als Schriftführerin.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Zahl der Mitglieder als das Selbstverständnis des Vereins. Im Mittelpunkt stehen Einigkeit, gemeinsames Handeln und die Unterstützung der „guten Sache“. Der Text vermittelt das Bild einer gut organisierten Gemeinschaft von Frauen, die sich ihrer Verantwortung bewusst war und ihren Beitrag zu den politischen Ereignissen des Jahres 1849 leisten wollte:


Epitaph auf dem Hüfinger Friedhof.

Der Frauen und Jungfrauen Verein dahier zählt nun 130 Mitglieder, die alle gern und willig bereit sind, dem Zwecke des Vereins zu dienen, und daher freudig ihre Gaben auf den Altar des Vaterlandes niederlegen. Damit aber der Verein glücklich bestehe und gedeihe ist nötig, daß unter den Mitgliedern stets Einigkeit sei und bleibe. Daß diese sowohl von den gegenwärtigen als auch von den allenfalls noch beitretenden Mitgliedern gepflegt werde, steht zu erwarten, da alle vom Geiste der Eintracht und Liebe beseelt sind, womit sie an der guten Sache Anteil nehmen und Unterstützung da gewähren wollen, wo es notwendig ist.

Hüfingen, den 27. Juni 1849.
Die Vorsteherin: Karoline Höfler.
Die Schriftführerin: Elisabetha Gilli.

Donaueschinger Wochenblatt Juni 1849


Elisabetha Gilly geboren am 16.05.1825 und verheiratet am 08.01.1852 mit Markus Frey aus Hausen vor Wald, Gastwirt zum Löwen.

Karoline Höfler. Geboren als Karoline Aberle um 1817. Eltern Andreas Aberle und Magdalena Eytenbenz aus Möhringen. Wirtin vom Gasthaus Löwen. Ihr Mann Michael Höfler stirbt 1842 mit nur 29 Jahren.

Elisabetha Gilly war die Tochter von Josef Gilly aus Hondingen und Agatha Wagner. Sie wurde nach ihrer Großmutter Elisabetha Martin benannt.

Der Löwenwirt hieß „Leuenbaschi„. Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:

…und an hohen Festtagen spielte er in der Kirche die Orgel, und der „Leuenbaschi” (Löwenwirt) sagte dann: „I ha’s bim erschte Griff scho gmerkt, daß es nit de Prezepter Thäddä ischt!” Dieser, der pensionierte Präzeptor Thaddäus Bader, war nämlich stets noch Organist.

Denkbuch von Lucian Reich 1896

Foto von Wikimedia von einem Frauenverein um 1900

Mit Karoline Höfler und Elisabetha Gilly erhalten die wenigen überlieferten Nachrichten über den Hüfinger Frauenverein ein Gesicht. Hinter den Namen stehen zwei Frauen aus der Mitte der Hüfinger Bürgerschaft, deren Engagement heute nur noch durch wenige Zeitungsberichte und Einträge im Sippenbuch nachvollziehbar ist.

Bemerkenswert ist, dass sich ihre Lebenswege mit dem Gasthaus „Löwen“ verbinden. Karoline Höfler führte das Gasthaus nach dem frühen Tod ihres Mannes als Wirtin weiter. Elisabetha Gilly heiratete später den Löwenwirt Markus Frey. So wurde ausgerechnet der „Leuenbaschi“, den Lucian Reich in seinem Denkbuch mit einer Anekdote verewigte, zu einem kleinen Bindeglied in der Geschichte des Hüfinger Frauenvereins.

Die Fahne vom Hüfinger Frauenverband

Die Gründung des Vereins wurde schon wenige Tage später durch eine öffentliche Fahnenweihe sichtbar:


Hüfingen, 27. Juni.
Es ist wahrhaft erfreulich, wenn man wahrnimmt, wie hiesige Frauen und Jungfrauen in bedeutender Anzahl sich gleichsam wetteifernd bestreben, beim gegenwärtigen deutschen Freiheitskampfe unterstützend mitzuwirken, so viel sie nur immer vermögen. Dies beweist, wie sehr sie erkennen, was dem Volke und Vaterlande not tut, und was der Geist der Zeit fordert.

Dieselben haben darum einen Verein gebildet, wohlwissend, daß das Wirken für eine edle Sache nur durch vereinigte Kraft mit segenbringendem Erfolge gekrönt sein kann. Diesem Vereine haben sie daher Festigkeit verliehen durch angemessene Statuten, welche am 18. d. M. festgesetzt wurden, an welchem Tage sonach der Frauen- und Jungfrauen-Verein daselbst seine förmliche Konstituierung erhielt.

Der Zweck desselben ist zunächst die Teilnahme an den allgemeinen Freiheitsbestrebungen, die Unterstützung der hiesigen Wehrmannschaft und solcher hiesiger Personen, welche im Dienste der Freiheit unglücklich werden. Zur Erreichung dieses Zweckes werden alle 14 Tage von den Mitgliedern Geldbeiträge in die Vereinskasse entrichtet, die jedoch nicht festgesetzt, sondern dem Ermessen eines jeden Mitgliedes anheim gestellt sind. Auch werden Kleidungsstücke und zum Feld- und Wehrdienste erforderliche Bedürfnisse herbeigeschafft. Über schon früher eingegangene Beiträge und angeschaffte Gegenstände wurde schon am 13. d. M. vom Civil-Kommissär daher in diesem Blatte berichtet.

Es wurde nun noch von den Frauen und Jungfrauen eine neue, äußerst geschmackvolle und sinnreiche Fahne angeschafft und gefertigt. Am 20. d. M. fand die feierliche Übergabe derselben an das Bataillon des ersten Aufgebots des diesseitigen Bezirkes auf dem quadratförmigen, freien Platze bei der Kirche dahier statt: die Frauen und Jungfrauen des Vereins bildeten vom Rathause aus, wo sie sich gesammelt hatten, in festlicher Kleidung mit dreifarbigen Bändern und Schärpen geschmückt, einen Zug. Demselben voran gingen drei hierfür erwählte Jungfrauen, von denen eine derselben die zu übergebende Fahne trug, die dann, nachdem der Zug auf dem dem genannten Platze angekommen war, die Fahne nach gehaltener Rede dem Bataillons-Komandanten überreichte.

In dieser Rede wurde besonders herorgehoben, daß auch das weibliche Geschlecht beim Kampfe für die Rechte und Freiheiten des Volkes nicht gleichgültig zusehe, sondern bereit sei, sich nach der ihm dargebotenen Möglichkeit daran zu beteiligen. Unter Anderm enthielt die Rede auch den Wunsch, daß, wie einst unsere tapfern und heldenmütigen Vorfahrer unter der deutschen Fahne das unerträgliche Joch der römischen Zwingherrschaft brachen, auch diese Fahne sich entfalten möge im heiligen Kampfe gegen unsere deutschen Freiheitsunterdrücker, und daß sie, vereint mit andern wackern Streitern, mit Gott zum Siege für Volk und Vaterland führen möge, auf daß endlich Freiheit, Wohlstand und Bildung sich über Alle erstrecke.

In geeigneter Weise erwiderte auch der Bataillons-Kommandant und endete mit einem Hoch auf die Frauen und Jungfrauen des Vereins. Am Nachmittage desselben Tages marschierte dann das mutige und staatliche Bataillon nach Geisingen und Möhringen, wo es bis heute harrt, um nach dem wirklichen Kampfplatze zu ziehen, wo unsere badischen Brüder schon kämpfen gegen hessische, mecklenburgische, nassauische und preußische Söldner, die noch so verblendet sind, daß sie sich mißbrauchen lassen für die Unterdrückung des Bürgers. Hoffentlich werden auch diese noch zur Einsicht gelangen, daß sie im Fürstenheere nur für ihre eigene Knechtung und Unterjochung die Waffen führen.

Vincenz Rombach im Donaueschinger Wochenblatt am 27. Juni 1849


Die von den Hüfinger Frauen gestiftete und gefertigte Fahne begleitete das Hüfinger Aufgebot in den letzten Wochen der Badischen Revolution. Als sich Sigels Volksarmee Anfang Juli 1849 über den Schwarzwald in Richtung Schweizer Grenze zurückziehen musste, verliert sich zunächst ihre Spur:

Die Hüfinger „Wehrmanschaft“ schloß sich am 7. Juli 1849 Sigels Volksarmee an, als diese durch Hüfingen marschierte. Hier, so berichtete Lucian Reich als Augenzeuge, „sah man noch einmal sämtliche Artillerie im Schloßhof aufgestellt . Um Mitternacht bei magischem Vollmondschein machte die ganze Retirade noch einen kurzen Halt in den Gassen. Dann ging es weiter der Schweizer Grenze zu nach Stühlingen. Unterwegs verbrannte man noch die gedeckte hölzerne Wutachbrücke in Grimmelshofen“. Die vom Frauenverein angefertigte Fahne wurde allem Anschein nach bei Grimmelshofen verloren. So schreibt der „Verweser“ Gilly dem Ortsvorsteher von Grimmelshofen einen Brief mit der Bitte sich nach der Fahne zu erkundigen. Der Ortsvorsteher schrieb zurück, dass keine Fahne zurückgeblieben sei. (3)

Aus dem Schriftwechsel geht hervor, dass der Verweser Gilly beim Ortsvorsteher von Grimmelshofen nach der Fahne nachfragen ließ. Dort war sie jedoch nicht zurückgeblieben.

Erst Jahrzehnte später findet sich ein weiterer Hinweis von Hugo Alfred Curta der 1935 über seinen Großvater Franz Joseph Curta berichtet.


Vielen Dank an Tobias Korta für die Überlassung des für Hüfingen relevanten Artikels aus dem Staatsarchiv Freiburg mit dem Titel: Materialsammlung zur Familie Curta in Freiburg / 1933-1934 / T1 (Zugang 1992/0346).

Geschlecht Curta von Apotheker Hugo Alfred Curta in Berlin am 15. November 1935 Auszug aus dem Bericht
Von Apotheker Hugo Alfred Curta in Berlin am 15. November 1935 über seinen Großvater.

Über Franz Joseph Curta (*10. Februar 1801 in Hüfingen – 1861 in Donaueschingen) wird berichtet dass er teilweise die Revolution von 1848 als Fahnenträger mit gemacht hatte und die von den Hüfinger Frauen gestickte Fahne trug. Er rettete sie beim Rückzug indem er das vom Stock entfernte Tuch um den Leib wickelte.

Ob die Fahne die Wirren der Revolution überstand und irgendwo erhalten blieb oder später verloren ging, ist bis heute nicht bekannt.

Der Frauenverein von Hüfingen im 20. Jahrhundert

Mit dem Jahresbegin 1850 begann die Repression: „Das Verbot der Versammlungen des Frauen-Vereins für hilfsbedürftige Familien ist bereits keine Neuigkeit mehr, über die ich zu berichten hätte. Man geht jetzt so weit, nicht nur Vereine, sondern auch einzelne Personen zu überwachen und sie für alles, was sie reden und tun, verantwortlich zu machen…“ (Frauen-Zeitung 17/1850)….Selbst Konzerte „zum Besten der hilfsbedürftigen Familien“ wurden von der Polizeibehörde untersagt (Frauen-Zeitung 40/1850).*4

Ein wichtiges Prinzip sowohl der demokratischen wie der Bildungsvereine jener Zeit war im Gegensatz zu vielen Vereinsgründungen nach der Mitte der 60er Jahre ihre demokratische Verfassung und das Selbstvertretungsrecht der Frauen.

Vor allem anderen aber verfolgten die Frauenvereine das Ziel, die Frauen „in größerer Selbständigkeit und Selbstachtung zuüben“ (Frauen-Zeitung 27/1850). Die Zweckmäßigkeit einer gesonderten, autonomen Vereinigung für Frauen bei grundsätzlich gleichen politischen Zielen mit der demokratischen Opposition wurde also reflektiert. Die Frauen kamen zu dem Schluss, dass da, wo ihre Interessen mit denen der Männer nicht identisch sind, sie sich untereinander assoziieren müßten (Frauen-Zeitung 4/1849); auch sie machten bereits die bittere Erfahrung, daß die „Linken“ die Frauen nicht unbedingt unterstützten (Frauen-Zeitung 5/ 1850).*4

Die Frauenvereine ereilte das Schicksal aller Arbeiterassoziationen und -vereine, sie wurden mit gleicher Härte verfolgt. Seit der Mitte des Jahres 1850 wurden sie aufgelöst, zunehmenden Repressalien ausgesetzt durch Haussuchungen, Beschlagnahmungen der Vereinskassen, Verhaftungen der Vorstände und schließlich ganz verboten (Frauen-Zeitung 17, 22, 30, 40/1850) usw.). Als die ersten Versammlungen in Gegenwart von Polizisten stattfanden, lästerten die Frauen noch: „Die bewaffnete Macht wird sich doch unmöglich vor den Frauen fürchten?“ (Frauen-Zeitung 13/1850).*4

Die in nahezu allen Bundesstaaten nach 1850 erlassenen Vereinsgesetze verboten „Frauenspersonen“ und Minderjährigen nicht nur die Mitgliedschaft in politischen Vereinen, sondern sogar den Besuch politischer Versammlungen. Insbesondere die Vereinsgesetze, die mehr als ein halbes Jahrhundert gültig waren (in Preußen bis 1908), nahmen den Frauen alle öffentlichen Rechte und Einwirkungsmöglichkeiten und trugen wesentlich dazu bei, die ersten Anfänge einer deutschen Frauenbewegung zu zerstören. Die scharfe staatliche Repression gegen die Vereinigung von Frauen und Organisation von Fraueninteressen liefert jedoch nicht zuletzt einen Beleg für die politische Bedeutung der deutschen Frauenbewegung um 1848.*4

Mit der Niederschlagung der Badischen Revolution endete auch die erste deutsche Frauenbewegung. Frauenvereine wurden überwacht, ihre Versammlungen verboten, Vorstände verfolgt und schließlich politische Vereinigungen von Frauen durch die Vereinsgesetze vieler deutscher Staaten für Jahrzehnte unmöglich gemacht.

Brandkatastrophe in Donaueschingen am 5. August 1908.
Hier spendete der Frauenverein den Geschädigten 30 Mark.

Umso bemerkenswerter ist ein späterer Nachweis aus Hüfingen. Im Jahr 1908 spendete der Frauenverein 30 Mark für die Geschädigten der verheerenden Brandkatastrophe in Donaueschingen*2. Damit ist belegt, dass es in Hüfingen auch Jahrzehnte nach der Revolution noch einen Frauenverein gab.

Auch in der Festschrift von 1914 vom Gausängertag von 1914 wird der Hüfinger Frauenverein im Zusammenhang mit dem Krieg von 1870 erwähnt. Ob es sich dabei um eine unmittelbare Fortführung des 1849 gegründeten Vereins handelt oder um eine spätere Neugründung, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen.

Fest steht jedoch, dass der Hüfinger Frauenverein bereits 1849 bestand – zu einer Zeit, als organisierte politische Frauenvereine noch eine Ausnahme waren. Erst mit dem Badischen Frauenverein entstand ab 1859 wieder eine dauerhaft organisierte Frauenbewegung im Großherzogtum Baden.

(1) Begegnungen mit dem 925-jährigen Hüfingen, Hugo Siefert, Schriften der Baar Bd 52 ab Seite 17, (2009)

(2) Hüfingen 1083-2008 Beschreibung einer Stadt im 925. Jubiläumsjahr. Kulturhistorische Reihe der Stadt Hüfingen, Band 9, Hugo Siefert (2009).

(3) Hüfingen und die Badische Revolution. Von Biedermännern und Heckerhüten. Kulturhistorische Reihe der Stadt Hüfingen, Band 3, Beatrice Scherzer (1998).

(4) Über die Anfänge der deutschen Frauenbewegung um 1848. Von Ute Gerhard in Frauen suchen ihre Geschichte (1982)

Skulptur in Donaueschingen am Bahnhof

Hüfinger Frauenverband im Schwarzwälder Hausschatz 2025

Unterstützung für die republikanischen Rebellen 1848/1849

Teile vom Artikel unten erschienen im Schwarzwälder Hausschatz 2025
zusammen mit dem großen
Franz Filipp sel.A.

Den Hausschatz gibt es beim

Heute wäre Eva von Lintig 95 Jahre alt geworden – Hüfingens einzige Ehrenbürgerin.

Unvergessen.

Heute wäre die Hüfinger Ehrenbürgerin, Gründerin des Stadtmuseums und langjährige Stadträtin Eva von Lintig 95 Jahre alt geworden.

Sie stammte aus einer Familie, in der Naturschutz gelebt wurde. Als Tochter von Dr. Erwin Sumser und später als Ehefrau von Dr. Harm von Lintig standen ihr sicherlich Türen offen, die anderen Frauen ihrer Generation oft verschlossen blieben. Doch hindurchgehen musste sie selbst. Was sie daraus machte, war ihre eigene Leistung.

Sie hat uns gezeigt, was selbst in Hüfingen möglich ist, wenn jemand eine Idee, Beharrlichkeit und den Mut hat, für seine Überzeugungen einzustehen. Geschichte und Naturschutz waren für sie keine Schlagworte – sie hat beides gelebt: leise, glaubwürdig und mit einer Beharrlichkeit, die so manchen zum Umdenken brachte.

Zu ihrem 90. Geburtstag erzählte sie mir mit einem verschmitzten Lächeln, sie habe die Männer im Gemeinderat immer „ein bisschen vor sich hergetrieben“. Das war typisch Eva von Lintig: freundlich, klug, streitbar und mit feinem Humor.

Menschen wie sie hinterlassen mehr als Erinnerungen. Sie hinterlassen Spuren – in einer Stadt, in ihrer Geschichte und in den Herzen der Menschen, die sie kennenlernen durften.

Wer sich heute für Geschichte, Natur oder unsere Heimat einsetzt, geht auch ein Stück auf den Wegen weiter, die Eva von Lintig mit angelegt hat. Dafür gebührt ihr bis heute unser Dank.

Eva von Lintig und Bertold Hummel
Bertold Hummel und Eva von Lintig im Jahr 1993
März 2003 mit Dr. von Lintig
März 2003 mit Dr. von Lintig
2003 in der Rathausgalerie
2003 in der Rathausgalerie
2021 an ihrem 90. Geburtstag
2021 an ihrem 90. Geburtstag

Eva von Lintig ist tot

11. September 2023

Die Hüfinger Ehrenbürgerin und Gründerin des Stadtmuseums Eva von Lintig ist gestern, am 10. September, im Alter von 92 Jahren verstorben.

Da ich vermute, dass die SPD und auch das Stadtmueum einen würdigen Nachruf verfassen, verzichte ich hier darauf.

Mein herzliches Beileid an die Familie!

Hüfingen’s Infamous Reflecting Pool

The greatest blue reflecting pool. Tremendous craftsmanship. Absolutely beautiful. Perfectly restored in the magnificent colors of Hüfingen. Strong blue. Beautiful blue. Nobody does blue better than Hüfingen. People come from everywhere to admire it. The greatest reflecting pool in the history of reflecting pools. Everybody agrees!

Marienbrunnen à la Christo

Der Marienbrunnen unter der Haube am 23. Juni 2026

Marienbrunnen

Gemälde von Hans Schroedter von Hüfingen mit Mariabrunnen und Stadtkirche
1925 von Hans Schroedter

Das Ölgemälde aus 1929 von Karl Merz befindet sich irgendwo im Besitz der Stadt Hüfingen.
Postkarte von Andreas Weißhaar.
Hüfingen im Jahr 1930
Der Marienbrunnen im Jahr 1930
Auf dem Bild ist die Stadtkirche und der Marienbrunnen zu sehen
Marienbrunnen gemalt von Hans Lang
Foto: Alfred Riegger

Im Zuge der Neugestaltung des Stadtbächles wurde 1964 auch der Marienbrunnen vor das neue Rathaus versetzt. Die bisherige achteckige Form des Brunnenbeckens sollte erhalten bleiben, aber das Becken mußte völlig erneuert werden. Der graue Sandstein war sehr verwittert und wurde durch große Betonflickstellen zusammengehalten.

Marienbrunnen vor dem Rathaus. Altes Fotos von German Hasenfratz
Marienbrunnen mit geflicktem Fundament vor 1964
Foto: German Hasenfratz
Bild im Rathaus von German Hasenfratz aus dem Jahr 1978
Bild im Rathaus von German Hasenfratz aus dem Jahr 1978
Marienbrunnen vor dem Rathaus
Der Marienbrunnen im Oktober 2025
Mari von Johann Baptist Riegger
Mari von Johann Baptist Riegger

Quelle: Chronik der Stadt Hüfingen von August Vetter (1984)

Der Marienbrunnen von Johann Baptist Riegger

Im Jahr 1703 erhielt der Brunnen vor dem Rathaus den Namen Marienbrunnen und wohl auch ein Marienbild das etwa 1850 von Xaver Reich war. Da der laufende Brunnen besonders stark unter Witterungsschäden zu leiden hatte, waren häufig Erneuerungsarbeiten notwendig.

Die Marienstatue die heute auf der Brunnensäule steht wurde von dem Bildhauer Johann Baptist Riegger geschaffen.

Johann Baptist Riegger wurde am 11. Juni 1855 in Hüfingen als Sohn des Lägelwirts Mathias Riegger geboren und erlernte bei Xaver Reich den Beruf des Bildhauers. 1892 ging er nach Strasbourg und am 14. Februar 1916 legte er dem Gemeinderat von Hüfingen die Federzeichnung des Marienbrunnens vor. Der Gemeinderat erteilte dem Hüfinger Bildhauer in der Fremde den Auftrag zum Preis von 750 Mark und Riegger schuf mit der Madonna auf dem Rathausbrunnen eines seiner letzten Werke. Er starb am 26. September 1916 in Strasbourg.

Bildhauer, (C) (* Hüfingen, Baden, 1855 † Straßburg 26.9.1916).
Sohn von Matthaeus Riegger, Gastwirt, und Agathe NN. ∞ Margareth Maria Herzog (* 1852 in Zwettl, Österreich, † Straßburg 28.10.1913), Tochter von Ignatius Herzog und Maria NN. Kam 1892 nach Straßburg.

Medaillon von Bucer in der Église Saint-Thomas.
Foto: Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons – cc-by-sa-3.0, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Schöpfer von 22 Medaillons, die die Fassaden der National- und Universitätsbibliothek Straßburg schmücken, sowie von sechs Kaiserstatuen, die einst die Fassade der Grande Poste zierten: Barbarossa, Rudolf von Habsburg, Maximilian I., Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II.; die letzten drei wurden 1918 enthauptet. Riegger schuf 1891 auch das Medaillon von Bucer (Église Saint-Thomas) und die beiden Statuen, die das Elsass und Lothringen darstellen, an der Fassade des heutigen Nationaltheaters von Straßburg, das nach 1920 zum Konservatorium und nach 1946 zum Konservatorium und Nationaltheater wurde, sowie die Büste von Jules Sengenwald und die Statue „Fleur épanouie” (Blühende Blume).

Jetzt ist Frank endgültig Geschichte

Es ist ein unglaublich beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass wir eine so engagierte und schlagkräftige Feuerwehr haben. Vielen herzlichen Dank für euren Einsatz – und dafür, dass wir uns auf euch verlassen können!

Vielen Dank an die Anwohner für die Fotos!

Nach dem, was mir berichtet wurde, sollen beim Abklemmen der Photovoltaikanlage Funken entstanden sein. Offenbar kann dies bei älteren Anlagen vorkommen. Falls sich dies bestätigt, wäre es sicher sinnvoll, dieses Risiko bei Abbrucharbeiten künftig verstärkt zu berücksichtigen.

Hüfinger Leuchtturmprojekt  zerhäckselt

Leserbrief von Heike Boeke im Südkurier am 3. Dezember 2025
Leserbrief von Heike Boeke im Südkurier am 3. Dezember 2025

Es fing alles so schön an! Der Kauf des Hotels Frank durch die Stadt Hüfingen und der im SÜDKURIER am 28.11. vorgestellte strukturierte Projektentwicklungsprozess beginnt mit einem Vernichtungsfeldzug gegen fast 100jährige Bäume die in der Vergangenheit Tieren eine Heimat, Menschen beim Feierabendbier Schatten und als grüne Lunge Staub und Partikel aus der Luft gefiltert haben. Bei dieser Größe mehr als 100 Kilogramm pro Jahr. Während andere Städte solche Oasen erst mal wieder herstellen müssen wird in Hüfingen gesägt. Obwohl noch überhaupt keine Planung zur Nutzung und städtebaulichen Ausgestaltung vorliegt, wurden gesunde Bäume, die sicherlich in das zukünftige Areal mit eingeplant hätten werden können, ohne Grund gefällt. Kein guter Anfang eines Projektes, das eigentlich für Hüfingen ein Leuchtturmprojekt hätte sein können. Und auch, wenn irgendwo eine Ausgleichsmaßnahme als Feigenblatt der Verwaltung durchgeführt wird – 100 Jahre Geschichte sind unwiederbringlich verloren. Kein Ruhmesblatt und sicherlich nicht zum Nachmachen geeignet. Hüfingen sagt Danke für den Verlust einer weiteren grünen Oase im Ort.

Heike Boeke

Das Gashaus zum Bahnhof wurde bereits im Jahr 1897 eröffnet und ging 1930 von Gustav Adolf Fehrenbach an seine Tochter Frieda Maria Frank (03.07.1904-24.02.1945) und ihren Mann Adolf Frank (14.05.1893-?).

Postkarte: Hüfingen, Gasthaus zum Bahnhof. Ehemaliges Hotel Frank von 1930
Gasthaus zum Bahnhof. Postkarte von 1930
Landgasthof Frank Logo
Landgasthof Frank Logo
Anna Höfler (16.04.1855-13.09.1931) und Josef Frank (01.05.1852 – 31.10.1923)
Umzugswagen vom Gashof Frank am 11. Februar 2002
Umzugswagen vom Gashof Frank am 11. Februar 2002

Alte Bäume am Frank wurden grundlos gefällt

In der Gemeindratssitzung am 16. Oktober und 20. November ging es um die Projektentwicklung. Der Gemeinderat hat auch einstimmig beschlossen, dass das Hotel abgerissen wird. Damals schon schrieb ich: Ganz gleich, welche Maßnahmen umgesetzt werden, bitte ich darum, die alten Bäume zu erhalten und ihr Umfeld als naturnahe Grünfläche zu gestalten – mit einem Spielplatz im Grünen und einer wilden, naturbelassenen Ecke.

Diese Bitte hat der Bauamtsleiter wohl dahingehend aufgefasst, möglichst schnell Tatsachen zu schaffen. Er hat die Bäume vorsorglich gleich mal fällen lassen.

Letzter Baum vor dem Frank der heute auch noch fallen soll.
Letzter Baum vor dem Frank der heute auch noch fallen soll.
Platt gemachte alten Bäume vor dem Frank am 27. November 2025
27. November 2025

Der nächste Starkregen wird uns die Quittung dafür geben. Aber dann kann der Bauamtsleiter nach dem Fällen und Versiegelen einer weiteren Lieblingsbeschäftigung , dem Kanalbau, nachgehen. Wir wissen ja, Spitzenabflüsse müssen reduziert werden.

Gasthof Frank am 3. Februar 2021 mit den alten Bäumen.
Die alten Bäume am ehemaligen Landgasthof Frank von apple maps.
Die alten Bäume am ehemaligen Landgasthof Frank von Apple Maps.
Die alten Bäume am ehemaligen Landgasthof Frank von Apple Maps.
Die alten Bäume am ehemaligen Landgasthof Frank von Apple Maps.
Garten vom Gashof Frank am 1. Oktober 2021
Ein Bauer und Gretel in Tracht vom Malermeister Herbert Labor
Gashaus Frank am 21. Oktober 2021
Gashaus Frank am 21. Oktober 2021
Die alten Bäume am ehemaligen Landgasthof Frank von Apple Maps.
Die alten Bäume am ehemaligen Landgasthof Frank von Apple Maps.
Die alten Bäume am ehemaligen Landgasthof Frank von Apple Maps.
Die alten Bäume am ehemaligen Landgasthof Frank von Apple Maps.

Der Landgasthof Frank am 1. Oktober 2021

  • Landgasthof Frank 2021

Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt:

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Der 3. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833

Unten findet sich das Denkbuch von etwa 1833 bis etwa 1833. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv.

106…Professor Hessemer’s Gunst genoß ich nicht lange, weil ich seinen trockenen geometrischen Vorlesungen und dem geometrischen Zeichnen nur wenig Geschmack abgewinnen konnte, was er bald heraus gefühlt haben mochte. Dessen ungeachtet suchte er dem saumseligen Schüler manchmal wieder einen beherzigenswerten Wink zu geben. So z. B. begegnete ich ihm einmal mit einem neuen Skizzenbuche in der Hand im Gange zu unsern Arbeitszimmern. „Sie haben da“, hielt er mich an, „ein neues Skizzenbuch! Zeichnen Sie jedes Blatt so, als sollte es zu einem bleibenden Zwecke dienen.“ Ich befolgte die gute Lehre, so gut es gehen wollte. Meinem Bruder war dies Suchen und Haschen nach neuen Stoffen und Motiven, das Skizzieren und Komponieren — womit damals manch vielversprechendes Talent seine beste Kraft und Zeit verlor — erspart geblieben. Sein Lernen und Schaffen war zunächst aufs Notwendigste, auf die jeder Kunstausübung unentbehrliche Technik gerichtet. Und diese konnte er sich unter Zwergers Leitung, dessen Lehrsaal sonst ausschließlich angehende Kunsthandwerker, Stuccatore, Gelbgießer, Bautechniker u. a., die sich im Modellieren und Formen üben wollten, besuchten, völlig aneignen. Dabei zeichnete er charakteristisch mit leichter Hand in Veits Manier, und seine Entwürfe trugen, um ein Wort Binders zu gebrauchen, „das Gepräge anmutiger Erfindung.“ Veit ließ bei der Wahl des Sujets und deren Ausführung Jeden frei gewähren. Nur zuweilen entschlüpfte ihm eine Bemerkung, aus der wir seine Ansicht entnehmen konnten. So z. B. hatte ein Schüler, der ein Bild à la Düsseldorf zu malen begonnen, verschiedene, von einem Freunde geliehene Studien von oder nach Lessing an seine Staffelei geheftet, als Veit herzu kam und in seiner lakonisch treffenden Art hinwarf: „Lassen Sie doch die Natur da weg — es ist ja doch keine!“

Philipp Veit (* 13. Februar 1793 als Feibisch Veit in Berlin; † 18. Dezember 1877 in Mainz) war ein deutscher Maler, der der Richtung der Nazarener angehörte.

Vermutlich Johann Nepomuk Zwerger
(* 28. April 1796 in Donaueschingen; † 26. Juni 1868 in Cannstatt)
war ein deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Hier 1829 gezeichnet von Reich senior.

Er war zur Zeit mit seinem großen Freskobilde „die Einführung des Christentums“ beschäftigt. Wir Schüler kamen selten in diese Räume, der Meister schaffte bei verschlossener Thüre. Als ich einst Sonntags frühe die Treppe zu unsern Zimmern hinan stürmte, begegnete ich Veit an der Thür seines Ateliers: „Nun, Lucian“, fragte er, „haben Sie denn auch schon die Messe besucht?“ Da es just Meßzeit war und ich glaubte, er meine diese, sagte ich, daß ich mich um diese wenig kümmere. Ich sei im Begriff, einen gestern angefangenen Studienkopf fertig zu malen. — „Gut“, versetzte er mit mildem Ernste, der ihn so sehr charakterisierte, „aber man soll Gott mehr dienen, als den Menschen“. 107

Zu sehr mit seinen eigenen, geistvoll durchdachten Schöpfungen beschäftigt fand Veit wenig Zeit, sich mit eigentlichem Unterrichte abzugeben. Dann war seine Art zu malen, das Kolorit gleichsam seelisch zu vertiefen, dem Anfänger nicht leicht beizubringen. Schelble war der Ansicht, es könne einem Meister wie Veit nicht zugemutet werden, seine Zeit mit Unterricht geben zu zerstückeln. Und als Binder nach Frankfurt gekommen, bewog er seinen Freund Passavant, Mitglied der Administration, für dessen Anstellung einzutreten. Binder, den auch Veit sehr hochschätzte, war ein korrekter Zeichner, vorzüglicher Kolorist und guter Lehrer. Er kam von München, wo er mit Heß in der Allerheiligenkapelle thätig gewesen. In Frankfurt hatte er sich mit Glück dem Bildnisfache zugewandt. Seine Anstellung war jedoch keine definitive. Nicht einmal ein Atelier war ihm im Institute eingeräumt worden. Die Administration war, Passavant ausgenommen, eine zu engherzige, in allem mehr Hemmschuh als Förderung.

Mitunter kam Besuch, namentlich von Düsseldorf her, als bedeutendster der genial veranlagte Alfred Rethel, welcher, obgleich er sich mit seinen „Rheinsagen“ bereits einen Namen gemacht, sich in anspruchslosester Weise bei uns einführte.

Als der Vater, einer Einladung Schelbles folgend, einmal in die Mainstadt kam, wollte es ihm bei uns Malerschülern scheinen, als kämen wir vor lauter Studien nach Gips und an Freund Gliedermann nie zum Beginnen, und vor vielem Untermalen und Aendern nie zum Fertigmachen eines Bildes. Und gewiß, der Umstand, daß früher der Lehrling in der Werkstatt des Meisters diesem sogleich behilflich sein mußte, brauchbare Arbeit herzustellen, hat nicht wenig beigetragen, jenen bald möglichst zum praktischen Manne zu machen.

Ich hatte eine Zeichnung nach Goethes „Totentanz“ entworfen , die ich, da ja jeder seinen Mißgriff machen muß, später in Oel malte. -Zu welcher später Herm. Kurz eine launige Geschichte fürs, Familienbuch geschrieben. 108

Weil aber der Vater fürs Märchen- und Sagenhafte sich nicht interessierte, oder ihm wenigstens doch eine gewisse Bedeutung unterlegen wollte, nahm er’s so, als gehöre der Laken dem Türmer und dichtete hiezu:

Thor! Wie magst du dich vor mir auf Turm und Bergeshöhen flüchten!
Ich komme nicht, dich zu vernichten.
Halt Stand!
Nicht dich,
Nur dein Gewand
Will ich!

Abbildung Deutsches Familienbuch
Foto: Jenny Dopita

In angenehmster Erinnerung ist mir das Haus Philipp Passavant, wohin wir Institutsschüler unsre Schritte oft lenkten, um seine Kunstsammlung zu bewundern. Mit größter Bereitwilligkeit führte uns dann, Mamsell Passavant, seine anspruchslose Schwester, die ihm, dem unverehlichten unabhängigen Manne, die Haushaltung besorgte, in das Zimmer, dessen Wände Overbecks schöner Karton „der Verkauf Josephs“ — sein Oelbildchen, die „Auferweckung des Lazarus“ eine Perle damaliger ideal-realistischer Kunstrichtung, ferner eine große Landschaft von Meister Koch in Rom, Zeichnungen von Fellner, K. Fohr u. A. schmückten. Auch ein geschnitztes Kruzifix von der Hand unsres Vaters fanden wir in Gesellschaft dieser Meister.

Joseph wird von seinen Brüdern verkauft.
Wandgemälde aus dem achtteiligen Zyklus aus der Casa Bartholdy in Rom
Provenance/Rights: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Andres Kilger

Der Aufenthalt im Schelble’schen Hause, Eck der Schönen Aussicht, der Stadtbibliothek gegenüber, gehört zu meinen nachhaltigsten und liebsten Erinnerungen. Noch oft leiten meine Gedanken mich in das Zimmerchen mit dem Ausblick auf den zu jeder Tageszeit von Fischernachen belebten Strom und auf die Brücke, über welche jeden Mittag die Musik des im Deutschen Hause liegenden Oesterreichischen Regimentes mit Mannschaft auf die Hauptwache zog.

Blick von der Alten Stadtbibliothek über die Schöne Aussicht nach Westen,
im Hintergrund die Alte Brücke, 1845
(Stahlstich von Wilhelm Lang nach Vorlage von Jakob Fürchtegott Dielmann)
Foto: Jakob Fürchtegott Dielmann, Public domain, via Wikimedia Commons

Das Schelble’sche Haus war ein gastfreundliches; selten verlief ein Abend ohne Besuch. Zu den intimsten Freunden des Hauses zählten Chr. Eberhard und seine Frau, ebenso Schnyder von Wartensee, der heitere breitschultrige Mann im grauen Stußfrack, stets bereit, die Unterhaltung mit einem, in seiner Schwiezerischen Mundart vorgebrachten Scherz zu würzen. Zu den anhänglichsten Freunden des Hauses gehörten auch H. Weismann, F. Hauser und Philipp Passavant, Mitbegründer des Cäcilienvereins. 109

Neue Disputa
Allegorie zur Namensgebung des Cäcilienvereins.

Oben bei den Engeln die heiligen Cäcilia und Händel, Beethoven, Mozart, Hayden

Unten
Schelble, seine Frau Molly und die Gründungsmitglieder u.a. Marianne von Willemer, Wilhelm Mannskopf, Christian Hahn.

Aus frühester Zeit datierte das Freundschaftsverhältnis mit Geh. Rat von Willemer und dessen Frau, der bekannten geistreichen Freundin Goethes. Sie, welche mit enthusiastischer Liebe Schelbles Ideen teilte, hatte, auch als Sängerin, tätig mitgewirkt bei Gründung des Cäcilienvereins. (Festrede des Appellations-Gerichtsrats Dr. Echard beim 50 jährigen Jubiläum des Cäcilienvereins. Druck und Verlag von Mahlau und Waldschmitt 1868.)

alte Zeichnung

Bleistiftzeichnung von Moritz August von Bethmann-Hollweg um 1828 (HMF, C 5797 Der Cäcilienchor Frankfurt am Main 1818 bis 2018)

Kamen wir Mittwoch abends aus dem Aktzeichnen, so nahmen wir den Weg an der Hauptwache vorbei zum Rauch’schen Hause, in dessen Saal der Verein seine Proben abhielt. Xaver reihte sich dann jedesmal den Sängern an, während ich, oft der einzige Zuhörer, unter der Galerie Platz nahm. Während unsres drei-, resp. vierjährigen Aufenthaltes in der Mainstadt hatten wir, ohne bei befreundeten Familien eingeladen zu sein, selten einen Abend außer dem Hause zugebracht.

Onkel Schelble war der Ansicht, es sei für uns die Zeit des Lernens und Studierens, womit das urgermanische Kneipen mit nachfolgendem obligaten Katzenjammer nicht stimmen wolle. Auch er ging abends selten zu einem Glase Bier, und nur ins „Stift-, wohin auch Freund Eberhard, Beit, Binder, der Landschaftsmaler Thomas, zuweilen auch Zwerger u. A. kamen.

Blick aus einem Fenster des Hotels „Russischer Hof“ auf der Zeil nach Westen zur Hauptwache
(William Henry Fox Talbot, 1846)
Kalotypie Notiz auf dem Abzug: „street at Frankfort, gloomy day, 32 minutes in camera“
Hinweis: Talbots Abzug ist höchstwahrscheinlich seitenverkehrt. Der 1891 abgerissene Russische Hof befand sich auf der Nordseite der Zeil, siehe dazu auch ein Foto von Mylius, die Katharinenkirche hingegen auf der Südseite. Die Zeil verläuft in ost-westlicher Richtung zur Hauptwache; es ist von der Zeil aus daher nicht möglich, die Katharinenkirche rechts (nördlich) vom Hauptwachengebäude sehen.

Von Haus hatten wir unsre Grammatiken und Lesebücher mitgenommen, nach dem Willen der Tante auch wieder Unterricht im Französischen genommen, zuletzt aber die alte und neue Gelehrsamkeit in die Judengasse getragen und an einen Trödler verschächert. Das Durchwandeln dieser engen dunkeln Gasse, mit ihren hunderterlei Seilschaften in und vor den Häusern, altpatriarchalischen Gestalten und Trachten hätte vorzügliche Studien geboten zu Bildern a la Rembrandt, einem Altertümler aber Gelegenheit zu wohlfeilen antiquarischen Einkäufen, die heutzutage ein ansehnliches Kapital repräsentieren würden.

110 Im Schelble’schen Hause wurde, außer den gewöhnlichen Unterrichtsstunden, selten musiziert. Als Mendelssohn einmal auf Besuch gekommen, hatten wir Gelegenheit gehabt, seine Meisterschaft im Orgelspiel zu bewundern, in der Paulskirche, wo er vor einem engern Kreise Eingeladener Bachsche Fugen exekutierte. Nach Hause gekommen, empfing ihn das Schelble’sche Dienstmädchen, ein unverfälschtes Kind vom Lande, mit einer Empfehlung von „Frau von Knüppel “ (v. Schlegel, der Mutter Veits – Dorothea Friederile von Schlegel, Tochter Moses Mendelssohns, geb. 24. Okt. 1763 zu Berlin, gest. 3. Aug. 1839 zu Frankfurt a. M.; heiratete 1779 den Bankier Simon Veit, trennte sich von ihm und ließ sich mit Friedrich v. Schlegel trauen, nach dessen Tode sie 1830 nach Frankfurt Übersiedelte. ) und sie lasse ihn abends zum Tee bitten.

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Präludium und Fuge für Klavier D-Dur op. 35 Nr. 2
Aus: https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/musikstueck-der-woche/article-swr-16198.html

Wollten wir uns wiedermal von Althüfingen unterhalten, so suchten wir unsere Landsleute, Vetter Xaver Gleichauf (vielleicht ein Bruder von Rudolf Gleichauf 29.07.1826, ein Sohn vom Amtsaktuar Franz Josef Gleichauf?) und Math. Tröndle auf, beide Schüler (auch eifrige und begabte Zeichenschüler) unsres Vaters. Ersterer hatte sich bei Schelble zum Musiker ausgebildet, Tröndle schon in Hüfingen zum Steinmetzen — dauernd jetzt beschäftigt in der Werkstatt des Bauunternehmers Rust. Doch war ihm da wenig Gelegenheit geboten, sein ganzes können zu bethätigen, indem bei Neubauten das Ornamentale, Friese, Gesimse rc. fast ausnahmslos in Gips hergestellt wurde. Es war die Nachwirkung der nüchternen oder Empirezeit, wo auch bei Zimmereinrichtungen, Möbeln rc. der Hobel ausschließlicher Faktor war.

Matthäus Tröndle (23.10.1803-?) Steinhauer in Frankfurt am Main war mit Johanna Susanna Pracht aus Frankfurt verheiratet (22.12.1830 Heirat in Hüfingen) und hatte 10 Kinder.

Zwei andre aus der vaterstädtischen Zeichenakademie hervorgegangene Künstler waren der Maler Auer und sein etwas jüngerer Landsmann Durler. Ersterer, der Sohn des Hirschwirts in Hüfingen, hatte sich bei Seele in Stuttgart zum Porträtmaler ausbilden wollen, sich jedoch der strengen Zucht des Meisters frühe schon entzogen, wie sein Landsmann Zwerger, damals im Atelier Danneckers beschäftigt, zu erzählen wußte: Eines Tages war der Freund zu ihm gekommen mit dem Gesuch, ihm doch seinen neuen Frack zu leihen zu einer Fahrt nach Ludwigsburg, wo er einer Hinrichtung beiwohnen wolle. Zwerger entsprach seiner Bitte, hat aber ihn — den neuen Frack — nie mehr zu sehen bekommen.

Der Hirschen 1976

Hirschwirt Auer: Augustin Auer (1770 Tengen-1837) und Magdalena Fritschi (1762-1832) hatten 9 Kinder. Darunter der Portraitmaler Franz Josef Auer (04.05.1796-08.11.1832)

Franz Josef Durler (*12.04.1806 Lehrer in Neuhausen bei Engen und Gewerbelehrer in Rastatt) hatte mit Anna Maria Haller (*04.10.1800) drei Kinder:
Josef Durler (1829-14.04.1867 Bildhauer in Wiesbaden) und Max Durler (1831-07.06.1858 Litograph in Mühlhausen bei Wiesloch)

Nach Jahren war der leichtlebige Künstler (Franz Josef Auer) kränklich in die Vaterstadt zurückgekehrt, wo da und dort in einer Stube noch lange ein von seiner Hand gemaltes Miniaturporträt zu sehen war. Von Durler (Franz Josef Durler) hörte ich in Rastatt noch oft erzählen, wo er als erstmaliger Gewerbeschullehrer in gutem Andenken stand. Von seiner Kunstbetätigung zeugten lithographierte Stadt-Ansichten und Zeichnungen nach Stichen alter Meister, die er unter Freunden auszuspielen pflegte. Ein Gönner von ihm war der Geistliche Rat, Professor Grieshaber, in dessen Auftrag er unter anderm auch das Plafondgemälde der Schloßkirche zu Rastatt in Tuschmanier kopierte. In die Windsbraut 1848/49 hineingerissen, endete er als Flüchtling beim Untergang des Schiffes, das ihn nach dem Land der Freiheit hätte bringen sollen.

Diesen Stich von Rastatt habe ich auf den Seiten der Stadt gefunden.
Josef Durler müsste aber 1866 schon tot gewesen sein.
Foto: Stadtarchiv Rastatt

111 In das vielseitige, nach außen hin aber wenig bewegte Leben unseres Frankfurter Aufenthaltes tönten bald auch schrille Mißklänge politischer Geschehnisse. Mit dem Rufe auf der Straße: Die Liberalen stürmen die Hauptwache waren eines Abends die Bewohner der freien Stadt aus ihrer Ruhe und Behaglichkeit geschreckt worden. Es galt, wie bekannt, zunächst den Sitzen der Herrn in der Eschenheimer Gasse. Das über die festgenommenen studentischen Tollköpfe verhängte, jahrelange heimliche Gerichtsverfahren, von dem nur zuweilen ein Schein gleich dem einer Blendlaterne in die Oeffentlichkeit drang, war nichts weniger als geeignet, die bundestägliche Justiz populär zu machen. Und als eines Morgens — wir befanden uns just auf dem Wege zum Städelschen Institut — einer dem andern in den Straßen zurief: „Sie sind durch heut nacht!“ und die Leute in Gruppen vor der Konstablerwache standen und zu den Käfigen hinauf schauten, an welchen die Stricke, an denen sie sich herabgelassen, noch zu sehen waren, und es hieß, draus im Weiher beim Bethmannschen Garten habe man die Fußstapfen der Flüchtlinge entdeckt — da war unter der nach hunderten zählenden Menge gewiß nicht Einer, der ihnen nicht von Herzen glückliche Reise gewünscht hätte. 

112 Zu den Freunden des Schelbleschen Hauses gehörte Bunsen, Vorstand eines vielbesuchten Erziehungsinstitutes, wohin Xaver und ich zuweilen kamen, um im Speisesaal die Cornelianischen Nibelungen in Betracht zu nehmen, oder mit den Zöglingen und ihren Lehrern einen Ausflug zu machen. Bunsen, ein Liberaler der alten Schule, der in seinem pädagogischen Bekehrungseifer dem Bilde glich, das Goethe in Dichtung und Wahrheit von seinem Freunde Basedow entwirft, hatte einige Jahre vorher bei einem Besuche des Schelbleschen Ehepaares in Hüfingen mit unserem Vater Freundschaft geschlossen und nachher ihm durch Frankfurter Damen, die gelegentlich einer Reise ins Berner Oberland Hüfingen berührten, als Beweis, daß nicht gefeiert wird, ein Päcklein politischer Flugschriften zur Verbreitung zugeschickt, womit sich der Vater, aller politischen Agitation abhold, aber nicht befassen möchte. Ein Bruder Bunsens war dann richtig auch einer der Hauptbeteiligten beim Krawall an der Hauptwache, dem es aber noch rechtzeitig gelang, sich aus dem Staub zu machen.

Zeitgenössischer Holzschnitt zum Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833
siehe Wikipedia

Zu Goethes „Dichtung und Wahrheit“ konnte uns die freie Reichsstadt noch ziemlich unverändert die Scenerie vergegenwärtigen. Das Exemplar kam aus der Bibliothek des Rats von Willemer und war mit einer Menge von Bleistiftvermerken bezeichnet. Bekanntlich schriftstellerte der Herr Rat selbst auch viel. Und man erzählte sich, wenn er wieder eine neue Auflage seiner unverkauften Werke veranstaltet, habe er’s seiner Frau mitgeteilt:
Denke dir, liebe Marianne, wir haben schon wieder eine Auflage erlebt!“
Seine Schriften, meist humanistisch-pädagogischen Inhalts, hatten den Weg auch in des Vaters Bücherschrank gefunden. Ich erinnere mich indes nicht, daß sie viel gelesen worden wären.

Marianne von Willemer (* 20. November 1784 in Linz (?); † 6. Dezember 1860 in Frankfurt am Main.

Johann Jakob de Lose, Public domain, via Wikimedia Commons

Johann Jakob Willemer, seit 1816 von Willemer (* 29. März 1760 in Frankfurt am Main; † 19. Oktober 1838 ebenda)

Johann Jakob von Willemer Painting by Joseph Nicolaus Peroux  Wikimedia Commons.

Abgesehen vom Städelschen Institute geschah in der Vaterstadt Goethes für bildende Kunst noch wenig. Die Saat, die König Ludwig ausgestreut, war, wie allerwärts außerhalb Münchens, eben erst im Reimen begriffen. Zwerger z. B. hatte während unsres Aufenthaltes am Main nicht einen Auftrag erhalten und zu seinem Hirtenknab, unstreitig sein bestes Werk, keinen Käufer gefunden. Er wanderte nach England.

113 Doch gab es immer einzelne Liebhaber, die, wie Städel und Passavant, ihren Mammon in löblicherer Weise anzulegen wußten, als in Papieren an der Börse. Ein solcher war meines Wissens auch Bankier Finger, Kassier des Kunstvereins, der sich eine wertvolle Sammlung alter Niederländer angelegt hatte.

Ende fünfunddreißig war mein Bruder einer Einladung Schallers gefolgt, in dessen Atelier in München einzutreten. Gelegentlich einer Reise, die Onkel Schelble zur Kräftigung seiner angegriffenen Gesundheit nach Gastein unternommen, wobei wir ihn bis München begleiten durften, hatten wir Schaller, den Landsmann Binders, kennen gelernt. — Die Badekur hatte den erwarteten Erfolg nicht gehabt; im Sommer 1836 sah der gute Onkel sich genötigt, aller Tätigkeit zu entsagen und sich nach Hüfingen in sein von ihm mit so großem Interesse gegründetes Landgütchen zurückzuziehen.

Ich war so lange noch in Frankfurt geblieben, um das Fortschaffen der Möbel überwachen zu können. Felix Mendelssohn war gekommen, die interimistische Leitung des Cäcilienvereins zu übernehmen.

Felix Mendelssohn Bartholdy, Gemälde von Eduard Magnus, 1846
Foto: Eduard Magnus, Public domain, via Wikimedia Commons

Nach einem mit den Freunden auf der Sachsenhäuser Warte gehaltenen Abschiedstrunk bestieg ich den Omnibus nach Darmstadt, um von dort — wie sich’s damals bei jungen Leuten von selbst verstand — zu Fuß weiter zu pilgern, den Heimatbergen zu. Heinemann war mir bis Böhrenbach entgegen gekommen. Von Zeit zu Zeit hatte er uns von seinem Kunftstreben Nachricht gegeben, als Probe einmal auch das Bildnis unsrer Schwester in der Schappeltracht der Baar gesendet. Anfänglich wollte er Schildmaler werden bei Dilger in Neustadt, einer der Werkstätten, in welchen sich im Lause der Zeit eine fire Technik ausgebildet hatte, die vollständig genügt hätte, den ebenso praktischen wie charakteristischen, hell lackierten und bemalten, „Schild“ der Schwarzwälderuhr artistisch weiter auszubilden.

113

Hier geht es zur alten noch nicht überarbeiteten Fortsetzung: Denkbuch von Lucian Reich ab 1830 alte Forsetzung

Teil 1: Das Denkbuch von Lucian Reich von 1750 bis 1813
Teil 2: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Teil 3: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833

Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt:

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830

Unten findet sich das Denkbuch von 1830 bis etwa 1833. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv.

Landesheim 1916 mit Mühlibach
1916

100…Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die kleine Stadt war das fürstliche Schloß mit seinem schönen Garten und den Kunst- und Naturmerkwürdigkeiten im „Kabinet“. Was es da zu betrachten und zu bewundern gab, machte auf mich einen lebendigeren und nachhaltigeren Eindruck, als das, was wir bald nachher von Sammlungen, wissenschaftlich geordnet, klassifiziert und  katalogisiert, zu sehen bekamen.

Foto der Wirtschaftsgebäude und des Gartens des fürstlich fürstenbergischen Landesspitals 1916

Und dasselbe möchte ich auch von andern Jugenderinnerungen sagen, z. B. von den Schlittenfahrten, welche die Herrschaften oft an schönen Wintertagen hierher machten, in den phantastisch gestalteten Schlitten aus der Zeit des Rokoko: Diana mit dem Hirsch, Neptun das Walroß lenkend, Löwen und anderes Gebilde zeigend. Abends sahen wir das Schloß dann erleuchtet, im Saale gegen den Hof zu ertönte Musik zu improvisierten Tänzen, und die bei Fackelschein bewerkstelligte Rückfahrt ließ uns den Zug erst recht im romantisch märchenhaften Lichte erscheinen. Der gewöhnliche sog. Wurstschlitten hatte im Gegensatze zum „Kasten= oder Chaisenschlitten“ nur einen schmalen gepolsterten und freien Sitz. Einen solchen besassen auch wir, geziert mit einem von der Hand des Vaters geschnitzten und vergoldeten Drachen.

Ob die jetzige Generation vergnügter, zufriedener lebt als die frühere? Wenn wir zur Beantwortung dieser Frage die in so üppigem Flor stehenden Vereinsfeste und Zusammenkünfte zum Maßstab nehmen, müssen wir sie bejahen — jedoch hinzufügen, daß es auch in frühern Tagen — abgesehen von kirchlichen Festen nicht an gemeinsamen Veranstaltungen und Festlichkeiten gefehlt hat; nur hatten diese mehr eigenartiges Gepräge und stets auch einen Anhauch von Poesie, indem sie auch der Schuljugend eine Beteiligung gestatteten.

„Und wieder ist die Baar
Fruchtbar wie sie war!“

sangen die Schulkinder in einem von Bürgermeister und Major des Bürgermilitärs, Burkhard, gedichteten Liede bei Einbringen des ersten festlich bekränzten Garbenwagens im Jahr 1817. An ein anderes schönes Fest wurden wir Schüler noch lange durch die Inschrift an der „Schulkanzel“ gemahnt: „Wer Gesetz, Ordnung, Tugend und Religion liebt und zur Richtschnur nimmt, der ist weise, der ist frei“. Aus der Antwort Karl Friedrichs auf die Danksagung des Landes bei Aufhebung der Leibeigenschaft. 

Litographie von Josef Burkhard dem Hüfinger Bürgermeister im frühen 19. Jahrhundert.

Litographie von Josef Burkhard aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
Burkhard war vor 1826 Bürgermeister, er wurde aber nur innerhalb Hüfingens Bürgermeister genannt und nicht in offiziellen Urkunden. Vermutlich hängt dies mit den Französischen und den Württembergischen Besatzern zusammen.

Die Kanzel hatte nämlich beim Karl Friedrichjubiläum zum Piedestal (Postament einer Statue) eines vom Vater gemalten lebensgroßen Brustbildes des Gefeierten gedient, welches von der Schuljugend bekränzt den Mittelpunkt der Festlichkeit gebildet hatte. Die Lieder, welche beim Empfange des neuvermählten fürstlichen Paares Karl Egon und Amalie zu Fürstenberg (1818) von welchem Tag noch lange gesprochen wurde, und im Jahre dreißig bei der Landesbereisung des Großherzogs Leopold und der Großherzogin Sophie vom Hüfinger Bürgermilitär unter Gleichaufs Direktion im Schloßhofe zu Donaueschingen gesungen wurden, waren aus Burkhards Feder geflossen. (Ebenso die meisten zur Zeit üblichen Nachtwächterrufe). Und viel Hübsches und Sinniges wurde bei den Festlichkeiten stets auch in dekorativer Hinsicht geleistet und zwar ohne großen Kostenaufwand. Die Vorbereitungen hierzu fanden gewöhnlich in der großen leerstehenden Schloßkirche statt, im Flügel gegen das Stadttor hin.

Vielen Dank an unseren Archivar Herrn Frank Schrader für die Überlassung von:
Der Hüfingische
Nachtwächter
1819
von Josef Burkhard

Von jeher wurde in der Amtsstadt viel musiziert und gesungen. Es gab Kirchenchor-Mitglieder, die bis in ihr spätestes Alter als Violinspieler oder als Sänger mitwirkten. So z. B. der Amtmann Reichlin; dieser sang noch bei den musizierten Messen, nachdem er nicht nur die Stimme, sondern längst auch alle Zähne verloren hatte. Wie die Mutter und ihre Schwestern, Magdalena, Elisabeth und Katharine zu den Sängerinnen zählten, so that auch unsre Schwester Lisette mit ihrer klangvollen Sopranstimme lange Zeit Dienste auf dem „Chor“.

Elisabeth (Lisette) Reich 1819-1871

Das Hoftheater in Donaueschingen war ein Theater der Fürsten zu Fürstenberg, das 1774 in der ehemaligen Reitschule errichtet wurde und am 28. April 1850 abbrannte und daraufhin nicht wieder aufgebaut wurde. Bis dahin wurden Schauspiele und Opern aufgeführt, unter anderem unter der Leitung der Hofkapellmeister Conradin Kreutzer und Johann Wenzel Kalliwoda. (Zu den Anfängen einer „Donaueschinger Musik“ von Hugo Siefert in den Schriften der Baar 69 (2016))

Hoftheater in der ehemaligen Reitschule Donaueschingen

Fotos: Baarverein

Auch wir Brüder mußten mitsingen bei den Messen, die Onkel Seyferle, zur Zeit Unterlehrer, mit den Schülern einübte. Außerdem wurde mir die Auszeichnung, mit Seyferle und einem seiner auswärtigen Zöglinge als Altist und Chorist in der Oper „Cristine“ von Kalliwoda, in der Doppelrolle als Bauernjunge und königlicher Page, auf dem Hoftheater in Donaueschingen auftreten zu dürfen. Nach jeder der etlich und dreißig Proben im Museum (Post) hatten wir zwei Altisten jedesmal eine Halbe Braunbier mit einer Portion Schweizerkäs zu konsumieren beim Hofschmied (Fürstenbergerhof), wo unter’m Vorsitze des Hofapothekers Kirsner sen. und seines Adjutanten Bäsele immer große Redeschlachten geliefert wurden zwischen Russen und Türken, die zur selben Zeit weit hinten in der Türkei aufeinander schlugen. 

Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) gemalt von Luzian Reich (senior) ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Xaver, Lucian und Lisette.

Seyferle Abstammung

Onkel Seyferle war mit Elisabeth Schelble verheiratet, einer Schwester von Josepha

Schelble im Stammbuch

Die 14 Kinder von Katharina Götz

103 Die wichtigsten Proben waren uns aber die Hauptproben mit dem wirkungsvollen Finale am „Offiziantentische“ im Schlosse, wo wir Choristen bei Wildpret und einem Trunke aus dem Schloßkeller zeigen konnten, wie sicher wir auch da im Treffen seien.
Ernsthafter als Gesang beschäftigte uns Brüder das Klavierspiel, in welchem uns Vetter Franz Joseph Gleichauf, Amtsaktuar und ebenso eifriger wie uneigennütziger Chorregent und Kapellmeister des Bürgermilitärs, Unterricht gab.

Franz Josef Gleichauf (6.12.1796-19.07.1869) war mit Maria Catharina Federle (22.07.1797-07.08.1869) verheirate und der Sohn von Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) und Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816).

Xaver bildete sich weiter darin aus, und noch in spätern Jahren fand er in den Werken Mozart’s, Bach’s und Beethoven’s Erholung und Genuß. Jeden Winter wurde beim Schnurren der Spinnräder und dem Schein eines Oelämpeleins des Vaters Büchersammlung durchgelesen. Für einen Schullehrer damaliger Zeit war sie reichhaltig genug. Gellert, Hebel und Winkelmann (in der Donaueschinger Ausgabe) waren mit ihren sämtlichen, Göthe, Schiller, Klopstock, Wieland mit einzelnen Werken vertreten, dabei Sulzers Theorie der schönen Künste, Weißes Kinderfreund, Kampes Robinson, Reisebeschreibungen nebst dem Brockhaus’schen Konversationslexikon fast ausnahmslos Geschenke von Onkel Schelble und dem frühern Stadtpfarrer Reislin; denn Bücher kaufte der Vater selten. Das erste klassische Werk, das ich von meinen ersparten 10 Kreuzern auf dem Jahrmarkt erwarb, war Tyll Eulenspiegel, den ich, weil mir die groben Holzschnitte darin nicht gefielen, zu illustrieren unternahm.

Zeichnung aus den Wanderblühten.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind;
J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit);
Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife;
Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr;
Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.

Xaver Reich,
gezeichnet von Josef Heinemann
Xaver Reich 1838
gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann.
Xaver Reich
gezeichnet J. Nepomuk Heinemann, 1848, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 609.

Zuweilen machten wir unter väterlicher Leitung Fußtouren, unter andern einmal nach Freiburg, wo es das erste war, das Münster zu besichtigen, obgleich uns, müde und abgespannt, der vorläufige Besuch einer Gastwirtschaft erwünschter gewesen wäre. Und daher kam es, daß uns, insbesondere mir, der von zahllosen krächzenden Krähen umschwärmte altersgraue Bau mit dem ahnungsvollen Dämmerlichte seines Innern den erwarteten überwältigenden Eindruck nicht machte; obgleich wir das treffende Urteil eines Hüfinger Kunstrichters nicht hätten unterschreiben mögen, der auf die Frage des Vaters: „Nun, Sie haben das Freiburger Münster gesehen? Nicht wahr, der Turm ist ein wahres Wunderwerk!“ den klassischen Ausspruch that: „Nun ja, er ist kunstreich! Aber ich muß Ihnen offen gestehen, der hiesige Kirchturm gefällt mir besser, er ist einfacher!“

Ansicht von St Verena und Gallus mit Statue von Xaver Reich
St. Verena und Gallus

Ein andermal wanderten wir über Schleitheim, woher der Vater die Steine zu seinen Grabdenkmälern bezog, nach Schaffhausen. Kurz vorher hatte ich den Rheinfall nach einer Lithographie Welle für Welle in Kreidemanier gezeichnet. Und nun trat mir das Naturspiel in seinem Stürzen und Ueberstürzen, Tosen und Schäumen um so überraschender entgegen.

Einen ähnlichen und doch wieder grundverschiedenen Eindruck machte auf uns der Hohentwiel, den wir über die Ausläufer des hohen Randen hinwandernd im abendlichen Dämmer am östlichen Horizont vor uns auftauchen sahen. Der Hohentwiel! Wie viel hatten wir als Kinder nicht schon von ihm gehört! Trug doch ein ehmaliger Turm in der „Hinterstadt“ diesen Namen. Und der „alt Franz“ unser Taglöhner, dem ich so manches „Budeli Brends zNüni“ zugetragen, und der „Vetter Kupferschmied“ waren von denen, die auf Gemeindekosten ringsum aufgeboten worden, das für unbezwinglich gehaltene Hegaubollwerk zu sprengen und demolieren.

Karte aus dem Jahr 1664 von Hüfingen, Behla und Sumpfohren von Martin Menrad
Karten von Hüfingen aus 1664 von Martin Menradt mit dem Hohentwiel.
Foto: Dr. Jörg Martin, Fürstlich Fürstenbergisches Archiv Donaueschingen

Hohentwiel

Wappen von Hüfingen

In der Hinterstadt im Bereich der herrschaftlichen Burg stand einst ein mächtiger Bergfried, der „Stock im Graben” oder wegen seiner Stärke auch „Hohentwiel” genannt wurde. Dieser Wohnturm diente in Belagerungszeiten als Zufluchtsort für die Burginsassen. Er war der am schwierigsten einzunehmende Bauteil der Burg.Auf dem Gemälde von Menrad ist dieser Turm zu sehen, allerdings in bereits zerstörtem Zustand. Eine weitere Abbildung des Bergfrieds soll das alte Stadtwappen sein:Das Hüfinger Stadtsiegel zeigt heute einen schmächtigen Thorthurm, in dem des 15. Jahrhunderts aber erscheint an dessen Stelle ein mit Buckelquadern an den Ecken verstärkter, wehrhafter Bergfried, der von der Seite her aufgenommen ist. Selbstredend steht dieses Wappenbild mit der Stadt im Zusammenhange; es ist nichts anderes als die Abbildung des obengenannten Stocks im Graben oder Hohentwiel’s, der in der Tat beim Anblicke der Stadt, solange er stand, das Augenfälligste, sozusagen das Wahrzeichen von Hüfingen gewesen ist und deshalb zum Wappenzeichen der Stadt vorzüglich geeignet war.

Aus: Hüfingen – Führer durch eine alte Stadt von Beatrice Scherzer und Hermann Sumser 1996

Diese die Französische Gewaltherrschaft bezeichnende Anordnung kam den Gemeinden teuer genug zu stehen. Geisingen z. B. traf es 400 fl. und nicht weniger Hüfingen, und so verhältnismäßig alle Orte.

Von frühester Jugend an wußte ich nicht anders, als daß ich Maler werden wollte, obgleich ich eine alte Base sagen hörte, kein Maler werde alt, von wegen den giftigen Farben. Mein Bruder hatte sich für die Plastik entschieden. Formensinn und außerordentlich geschickte Hand befähigten ihn hiezu. Jeden Herbst kam Onkel Schelble zu Besuch in die Vaterstadt, und was wir von ihm vom Städel’schen Kunstinstitute hörten, ließ uns Frankfurt in ganz verklärtem Lichte erscheinen. Gegen Ende der 20ger Jahre war Zwerger, der Zögling Danneckers, aus Italien zurückgekommen.

Vermutlich Johann Nepomuk Zwerger
(* 28. April 1796 in Donaueschingen; † 26. Juni 1868 in Cannstatt)
war ein deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Hier 1829 gezeichnet von Reich senior.

In Hüfingen, bei seinem Schwager, Schloßverwalter Wehrle, vollendete er seinen „Hirtenknab“ in Karrarischem Marmor. Von Schelble empfohlen, hatte er bald nachher eine Berufung an das Städel’sche Institut erhalten. Und nun erbot er sich, meinen Bruder als Schüler anzunehmen; und somit verließ dieser im Herbste 1832 mit Onkel und Tante die Vaterstadt, und im Jahr darauf fuhr auch ich mit ihnen der ersehnten freien Reichsstadt (Frankfurt) zu. 105

Das Städel’sche Institut war gewissermaßen noch im Entstehen begriffen. Mein Bruder hatte seine Lehrzeit noch im alten Hause auf dem Roßmarkt begonnen, und der Umzug ins neue war kurz vor meiner Ankunft bewerkstelligt worden, so daß zehn oder zwölf Malerschüler, mit mir dem jüngsten, erstmaligen Besitz von den obern vier, in den Hof und Garten hinausgehenden, Ateliers nahmen. Es war eine gemischte Genossenschaft, die sich da zusammengefunden, ein Konglomerat verschiedenster Ausbildungsstufen und Richtungen, jeder mit einem andern Gegenstand beschäftigt.

Settegast, der am weitesten vorangeschrittene Zögling Direktor Veit’s, malte eine hl. Barbara für eine Kirche am Unterrhein, Becker aus Bornheim kopierte religiöse Bilder aus der Galerie, die von Inspektor Wendelstädt anstandslos in die Ateliers gegeben wurden, Bauer von Sachsenhausen, ursprünglich Lithograph, zeichnete für eine Kunsthandlung Veit’s Achillesschild auf Stein, Kaufmann von Kreuznach, das adrette Kerlchen mit Vollbart, Barett und hübschem Tenor, den er später auch im Cäcilienverein verwertete, skizzierte nach Spindlers, damals mit Begeisterung gelesenem „Jude“, während Weidenbusch, das ominöse Genie, einen großen Karton zeichnete: Prometheus von Cyklopen an den Felsen geschmiedet, und ebenso zeigte er uns Blätter aus seinem „Cid“, den er, wie Cornelius den Faust, im Stich erscheinen lassen wollte.

Ich hatte verschiedene Zeichnungen von daheim mitgebracht: eine figurenreiche Fastnachtsscene mit äpfelauswerfenden Hanseln, plaudernde Nachbarn auf dem Hausbänklein, und was sich mir sonst in der Wirklichkeit zeigen wollte. In der jetzigen Umgebung hörte ich aber von Originalität der Komposition, neuen Gedanken und Motiven. Wie hätten gegen all das meine schlichten Baarerkinder aufkommen können! Also griff auch ich zur Kohle und komponierte und fixierte Zeichnungen höhern Stils. 

Der „lange Tag“ in der Synagoge in Rödelheim bei Frankfurt. Luzian Reich senior 1833

Teil 3: Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836

Hier geht es zur alten noch nicht überarbeiteten Fortsetzung: Denkbuch von Lucian Reich ab 1830 alte Forsetzung

Teil 1: Das Denkbuch von Lucian Reich von 1750 bis 1813
Teil 2: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830

Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt:

Der 1. Teil ist jetzt hier zu finden: Das Denkbuch von Lucian Reich von 1750 bis 1813

Unten findet sich das Denkbuch von 1813 bis etwa 1830. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv.


Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1865.

Die Schelble waren ein Althüfinger Geschlecht. Der Urgroßvater, Franz Xaver (*28.08.1731) war Kunsthandwerker, und zugleich versah er, wie schon sein Vater, den Amtsdienerdienst, und daß er in ersterem Fache — im Marmorieren, Vergolden und Gravieren in Grund Tüchtiges zu leisten verstand, bezeugen (oder bezeugten) die Altäre in Meßkirch, Gutmadingen, Hausach, Löffingen und die mit Hilfe seines im Hause erzogenen Schwiegersohnes und Geschäftsnachfolgers Joh. Gleichauf gefertigten Seitenaltäre der Hüfinger Pfarrkirche.

Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) war mit Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816) verheiratet. Ein Enkel war Rudolf Gleichauf.

Alter Eingang vom Römerbad

Mit Vorliebe trieb er Musik, sowie auch sein Sohn Franz Joseph, mein Großvater. (Franz Joseph Donat Schelble *17.02.1762-13.02.1835). Im Laufe der 20iger Jahre als Korrektionshausverwalter in den Ruhestand versetzt, beschäftigte sich dieser mit Uhrenmachen für Leute, die für Reparaturen nichts ausgeben wollten oder konnten, beaufsichtigte die Römischen Ausgrabungen (im Volksmunde Schatzgräberei genannt) im Mühleschle und am Fuße des Hölensteins, wofür er vom fürstlichen Protektor mit einer goldenen Repetieruhr beschenkt wurde, verfertigte uns Enkeln Schlittschuhe und Schlagnetze zum Vogelfang, und an hohen Festtagen spielte er in der Kirche die Orgel, und der „Leuenbaschi“ (Löwenwirt) sagte dann: „I ha’s bim erschte Griff scho gmerkt, daß es nit de Prezepter Thäddä ischt!“ Dieser, der pensionierte Präzeptor Thaddäus Bader, war nämlich stets noch Organist.

Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825

Gerne hätte ich das Bild eines alten Schullehrers mit dessen eigenen Worten weiter ausgemalt, allein die väterlichen Aufzeichnungen reichen nicht so weit. Nur das kann ich sagen, daß er in der Schule nicht hinter der Zeit zurückblieb, den Unterricht in der Naturlehre z. B. gab er nach eigenen Heften, die in Frage und Antwort bestehend, abschriftlich viele Jahre im Gebrauch geblieben sind. Ebenso die Geographie, für welche er einen großen Globus eigens zum Schulgebrauch angefertigt hatte. Auch eine Zeichen- und eine Abendschule wurde alsbald eingeführt, in welch letzterer er freiwilligen Schülern der oberen Klasse Unterricht in verschiedenen fürs praktische Leben notwendigen Fächern gab.

Luzian Reich gründete in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Mal- und Zeichenschule in Hüfingen. Dort unterrichtete er neben seinen Söhnen Lucian und Xaver die Brüder Nepomuk und Josef Heinemann und Rudolf Gleichauf

Madonna von Reich senior

Während manche Schulstuben trostlos kahl Arrestlokalen glichen, sahen wir die unsrige mit etlichen alten Oelbildern und einer Reihe großer Kupferstiche behängt. Bei der schmalen, größtentheils in Naturalien (Mühlfrucht) bestehenden Besoldung war der Vater auf Nebenverdienst angewiesen. Aus seiner alsbald eröffneten Werkstatt gingen dann hauptsächlich kirchliche Arbeiten und Grabdenkmäler hervor.
Zschokke, dem diese Arbeiten auf dem Friedhof zu Hüfingen auffielen, spricht sich in einem Reisebericht lobend darüber aus. 

Johann Heinrich Daniel Zschokke
(* 22. März 1771 in Magdeburg; † 27. Juni 1848 in Aarau),
war ein deutscher Schriftsteller und Pädagoge.
Bild aus Wikipedia Sammlung Stadtmuseum Aarau, 2005.09.05.S306.: Ludwig Albert
von Montmorillon:
Heinrich Zschokke, 1817

Die Steinhauerarbeit bei letzteren besorgte ihm der gut geschulte Maurermeister Homburger, während er Ornamente und Figuren oft mit Zuhilfenahme der Natur, frei aus dem Stein heraus meißelte.

Epitaph auf dem Friedhof aus der Werkstatt Reich (1815).

Bei Altären war Schreinermeister Grieshaber sein Gehilfe, so bei dem nach einem Entwurfe von Galeriedirektor Seele in farbigem Wutachalabaster ausgeführten, einfach schönen Hauptaltar in der Pfarrkirche, dessen in Lindenholz geschnitzte, die ewige Anbetung symbolisch darstellende Cherubim zu beiden Seiten des Tabernakels von beachtenswertem Können zeugen. Er zeichnete hübsch in einer von ihm eigens ausgebildeten „Oeltuschmanier“ und erhielt auch einmal einen Antrag von Herder in Freiburg, in dessen Kunstanstalt einzutreten, wozu er sich aber nicht entschließen konnte.

Hochaltar von Verena und Gallus
Fahnenbilder von Reich senior mit Verena und Gallus
Foto: Chronik von August Vetter 1984

Wie die meisten Kinder hatte man auch uns, namentlich mich kleinen ungeduldigen Schreihals, am besten mit Erzählen einer „Gschicht“ zum Schweigen bringen können. Dies wußte und verstand unsre Kindsmagd recht gut. Die „Annmarei“ Welch hübsch Geschichten wußte sie — nur ihre eigene, so tragische Geschichte erzählte sie uns Kindern nie. Sie hatte einst Todesangst auszustehen gehabt auf dem Schafott. Als junges, kinderloses Weib beschuldigt und geständig, ihren ungeliebten Mann, mit dem sie in beständigem Unfrieden gelebt, mit einem Stoß vom Heuboden herabgestürzt und seinen Tod verschuldet zu haben, sollte sie im Fürstlich Fürstenbergischen Amtsorte Hüfingen mit dem Schwert hingerichtet werden. Schon war der Stab über sie gebrochen, schon saß sie auf dem Stuhl, als das weiße Tuch geschwenkt und Gnade! gerufen wurde.

Nach mehrjährigem Aufenthalt im Zuchthaus dahier wurde sie ganz begnadigt. Von Natur gutmütig, ehrlich, aber sanguinisch, leicht erregbaren Temperamentes, hatte sie das Vertrauen unsrer Großeltern zu erwerben gewußt; und da sie als große Kinderfreundin sich gezeigt, so nahmen unsre Eltern keinen Anstand, sie nach ihrer Entlassung aus der Strafanstalt als Kindswärterin zu sich ins Haus zu nehmen. Oft kam sie mit der Mutter darüber zu sprechen, wie ihr zu Mut gewesen, auf dem Weg hinaus zum Hexenplatz, der alten Richtstätte, wie sie jedoch vom Gnadenruf und was hierauf mit ihr geschehen, nichts mehr gehört und wahrgenommen habe. — Längst wieder zu ihren geachteten, in guten Verhältnissen lebenden Angehörigen zurückgekehrt, besuchte sie uns manchmal noch, so an meinem ersten Kommuniontag.

Hinrichtung von Héli Freymond
(Zeichnung von Charles Vuillermet, 1868)
Foto: Charles Vuillermet (1849-1918), Public domain, via Wikimedia Commons

Und als ich nach  Jahren von Frankfurt zurückgekommen war, machte ich ihr bei Gelegenheit eines Ausfluges ins Donauthal einen Besuch in ihrem kleinen Stüblein, worüber sie sich kindisch freute, und sich’s nicht nehmen ließ, mir mit einem Kaffee aufzuwarten.

Glückliche Zeit so ein Vakanztag, in dem man in der Stube am Zeichentisch sitzt, während es draußen stürmt und den Schnee wirbelnd durch die Gassen jagt, oder regnet, „was abe mag!“ Und so saßen auch wir, mein Bruder Fr. Xaver und ich, mit („Muckle“) Joh. Nep. Heinemann (gleich mir im teuren Jahr 17 geboren) manche Stunde zusammen.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad;
Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind;
J. Nepomuk Heinemann „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Mütze) ;
Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife;
Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr;
Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.
Bild aus den Wanderblühten

An Vorlagen fehlte es uns nicht, wir fanden sie in des Vaters wohlgefüllten Mappen, zum Teil noch von den in alle Welt zerstreuten Sammlungen des aufgehobenen Benediktinerstiftes in Villingen; und zeitgemäß vermehrt wurden diese immer durch Einkäufe beim „Bilderhändler“, einem Italiener, der alljährlich beim „Meister“, wie er den Vater nannte, ansprach. Es waren dies meistens größere nach der Natur lithographierte Blätter, Blumen und Früchte, ebenso lehrreich wie anmutend zum Nachzeichnen.

Kunstdruck aus der Zeichenschule von Luzian Reich mit der Akelei von Dürer etwa aus dem Jahr 1830

Kunstdruck aus der Zeichenschule von Luzian Reich mit der Akelei von Dürer (etwa 1830)

Unter des Vaters alten Kupferstichen befanden sich verschiedene Radierungen von Waterloo und andern Niederländern, die wir Zeichenschüler mit Rabenfedern kopierten. Einst fehlte es uns an solchen. Und in frühester Morgenstunde machte ich mich auf zum hochgelegenen „Hasenwäldle“, wo immer Raben nisteten.

Hasenwäldle
Hasenwäldle von Karl Merz 1949
Grenzstein am Hasenwäldle mit Rabenfeder

Grenzstein von 1622 am Hasenwäldle mit Rabenfeder

Dort angekommen gewahrte ich eine Kesselflickerbande, die unter den Tannen übernachtet hatte. Um sie her lagen Säcke, anscheinend Fruchtsäcke, aus welchen, als ich näher gekommen, allerdings Früchte schlüpften, aber in Gestalt von schwarzhaarigen Sprößlingen in paradiesischem Zustand. Sie bettelten den Ankömmling sogleich an, waren aber an den Unrechten gekommen, denn dessen Taschen waren so leer wie nunmehr ihre Säcke, in denen sie auf so praktische Art ihre Nachtruhe gehalten. Man konnte sie damals noch häufig treffen, diese Enterbten ohne Altersversorgung und Unterstützungswohnsitz. Jetzt sind sie verschwunden, um andern Platz zu machen, mit welchen die Polizei nicht so leicht fertig werden wird, wie mit jenen. 

Die Landfahrer haben Lucian Reich auch mehrfach im Hieronymus beschäftigt.

Von dieser, der alten Polizei und Rechtspflege, ragte noch manches in unsre Jugendtage hinein. Das Rathaus zierte noch immer der altehrwürdige Pranger, eine über Mannshöhe angebrachte Steinplatte mit einer an der Wand befestigten Kette, welche ein eisernes Halsband trug. Jetzt diente der Stein nur noch uns Buben zu lustigen Turn- und Kletterübungen. Ein noch höheres Symbol alter Jurisdiktion sahen wir Kinder nicht mehr.

Den Galgen, der sich auf der Höhe des „Hölensteins““, den der Vater angekauft und teilweise kultiviert hatte, erhoben. In einer finstern Dezembernacht hatte er und sein Freund, Bürgermeister Burkhard die Pfeiler umgestürzt und die schweren steinernen Kugeln, mit denen sie geziert waren, den felsigen Abhang hinunter rollen lassen ein Gepolter, das der alten Großmutter im nahen „Henkerhaus“ wie Geistergetös vorgekommen sei.

Karte Hüfingen aus 1664 von Martin Menradt

Karte Hüfingen aus 1664 von Martin Menradt mit Seemühle und Galgen.

Bräunlinger mappa von 1620 mit Seemühle und Galgen

Fotos: Dr. Jörg Martin, Fürstlich Fürstenbergisches Archiv Donaueschingen

Bürgermeister Josef Burkhard
Das Bild befindet sich Hüfinger Archiv in der Bürgermeistermappe

Bürgermeister
1826–1831: Josef Burkhard
1831–1837: Johann Baptist Neukum
1837–1840: Fidel Ganter
1840–1848: Josef Hug
1848–1849: Jakob Häfele
1849–1852: Johannes Neukum
1852–1854: Matthias Fischerkeller
1854–1863: Johannes Ev. Neukum
1863–1887: Jakob Bausch
1887–1899: Julius Faller
1899–1908: Wilhelm Krausbeck

Bürgermeister von Hüfingen 1826 bis 1908

Ein Stück berechtigter Eigentümlichkeiten waren stets auch noch die Holländischen Werber. Voran der Offizier im grün verblaßten Uniformsfrack mit einem Tambour, hinterher ein paar Dutzend in Kneipen und auf Straßen aufgegabelter Subjekte, die einem Maler treffliche Modelle geliefert hätten zu Falstaffs rühmlichst bekannter Rekrutenaushebung, so zogen sie von der Schweiz her, unter Trommelschlag, noch oft durchs Städtlein, Von der vaterländischen Soldadeska dagegen sahen wir Kinder nichts mehr; wir kannten sie nur aus den Erzählungen unserer Eltern, jene Fürstenbergischen Grenadiere, die in der Wachtstube des Zuchthauses an ihren an der Brust befestigten eisernen Haken so fleißig Strümpfe gestrickt, wenn es aber gegolten, sich auch als Männer gezeigt hatten, die das Herz am rechten Fleck haben, so anno sechsundneunzig beim Rheinübergang der Franzosen bei Kehl, wo die Fürstenbergische Grenadierkompagnie unter ihrem jugendlichen Hauptmann, Landgraf Joseph von Fürstenberg, die Wolfsschanze mit größter Bravour verteidigt und erst sich ergeben hatte, nachdem der Graben mit Leichen angefüllt und alle Aussicht auf Succurs verschwunden war.

Grenadiere
Grenadiere

Wir junges Volk hatten unsre eigenen Spielplätze und Spiele, von welchen die meisten sehr alten Ursprungs sein mochten; alle aber beruhten mehr oder minder auf körperlicher Gewandtheit, raschem Handeln und Erfassen gewisser Vorteile, womit es einer dem andern, oder eine Partei es der gegnerischen zuvorthun wollte. Solche Bubenspiele waren: Haberfassen, Bruckspringen, Eckballen (Ballen als Verbum — in Geisingen „Ballen uf Ecken“, Eck-Standort des Werfenden), Hurnaußen, Geißhüten, Messerspicken, „Haas, Haas us em Busch! Wolf, Wolf dräut!“ u. a. Auch das Bogen und das Armbrustschießen mit selbst gefertigtem Bogen und Pfeil und Scheibe, hinter welcher bei jedem Treffer ein gemalter Hanswurst sich erhob, gehörte dazu. Spiele, an welchen sich jüngere Knaben und Mädchen gemeinsam beteiligten, waren unter andern: Das Farbenausteilen, oder „Wie viel streckt de Bock Hörner us?“

Mädchenspiele: Das Steindechseln, bei welchem es sich um gewandtes Auffangen zu gleicher Zeit in die Höhe geworfener Steinchen handelte; dann „Ringli, Ringli, goldes Kindli, schou an Himmel und lach nit!“ — oder: „do liit en tode Ma, mer zündet im e Kürzli a“. — Oder „B’halt’s wohl uf, b’halt’s wohl uf, ’s ist Silber und Gold!“ — Dann der Schleierfuchs: „Ihr Kinder kommt!“ — „Wir fürchten uns.“ — „Was fürchtet ihr?“ „Hinter’m Busch!“ „den Schleierfuchs.“ „Wo ist er denn?“ — u. s. w.

Wolfsbühl und Gipsbruch
Wolfsbühl

Die meisten dieser Spiele werden selten oder gar nicht mehr gespielt, am allerwenigsten aber draus im Freien. Frau Kultur hat auch darin Wandel geschaffen, indem sie auf alle ehemals sich selbst überlassenen Plätze gebieterisch ihre Hand gelegt hat. Uns dagegen war es nicht verwehrt, im Frühling und Herbst uns auf der „Stadtwies“ oder in der Allee (eine mit Bäumen bepflanzte herrschaftliche Grasfläche beim Schloß) oder auf dem städtischen „Angel“ (Anger) als Jäger und Wild, Räuber und Hatschiere, kämpfende Ritter und Knappen umher zu tummeln, im Wolfbühl oder am Hölenstein eine Meisenhütte zu errichten, Palmenreis zu holen, im Frührot eines ahnungsvoll verschleierten Herbstmorgens mit Klebruten und Lockvogel auszuziehen, im Feld ein Wurzelfeuer anzufachen, Erdäpfel in der Glut zu braten und nebenher Cigarren, d. h. dürre Hanfstängel zu rauchen. — Das Feld- und Waldleben, der freie Verkehr mit der Natur, hat aber für das jugendliche Gemüt weit mehr anregendes als die abstrakte Schul- und Buchgelehrsamkeit.

Früh schon hatten wir mit Schießgewehren umgehen gelernt; so daß ich nicht wüßte, wann uns der Vater oder der Großvater zum erstenmal auf die städtische Schießstatt mit genommen hätte. — Nicht über 12 Jahre alt hatte ich das Glück, bei einem Freischießen zu Donaueschingen mit einem Zentrumschuß im „Schnapper“ das Beste, 10 Pfund Kaffee, zu gewinnen. Obgleich zur Zeit Niemand den Resten des alten Kunstgewerbes Beachtung schenkte, hatte der Vater doch schon die Bedeutung derselben erkannt. So hatte er unter anderm in Villingen viele alte Ofenkacheln oder Modeln und Formen zu solchen erworben: Wappen, Figuren, Ornamente, zum Teil noch aus der Werkstatt des geschätzten Hafnermeisters Hans Kraut.

Habsburgische Wappentafel vom Kaufhaus,
Irdenware, von Hans Kraut, 1574,
Franziskanermuseum Villingen, Inv. 11859

Eine andere, nicht minder wertvolle Acquisition war von ihm in Geisingen gemacht worden, aus dem Nachlasse des in hohem Alter dort verstorbenen Hofbildhauers Brunner, der, nebenbei ein eifriger Sammler, seine Studien in München gemacht hatte. Die Villinger Modeln und Formen gossen wir in Gips, oder druckten sie in Ton aus, was uns auf den Gedanken brachte, ähnliche Sachen, gebrannt und farbig bemalt und glasiert, herstellen zu wollen. Die Versuche, die wir beim „Hafner Härle“ machten, fielen aber nicht befriedigend aus. Statt wie er die Farben mit dem Hörnlein dick aufzutragen, versuchten wir geschickte Zeichenschüler es mit dem Pinsel, fanden aber nach dem Brennen im offenen Feuer unsre so sorgfältig kolorierten und schattierten Tiere und Landschaften samt und sonders vom Grunde verschwunden.

Auf die Stürme der Napoleonischen Eroberungskriege war eine weder durch konfessionelle noch politische Gegensätze und Vereine zerklüftete Friedensperiode gekommen. Unter dem Schutze der auf Leipzigs blutgetränkten Ebenen geschlossenen „Heiligen Allianz“ glaubte man Kriege auf unabsehbare Zeiten zur Unmöglichkeit geworden. Männiglich war bemüht, sich wieder behaglicher einzurichten, zu bauen und zu verschönern und des Geschaffenen sich zu freuen.

Die Ruhe im Tempel der Natur besänftiget die Stürme des Gemüts“ wie die Inschrift an der „Johannishütte“ in den gemeinsam von Bürgern und Beamten geschaffenen „Anlagen“ im nahen Tannengewälde des „Rotenraines“ lautete, konnte als Motto für die 20ger Jahre gelten. Es war recht eigentlich die Zeit der Gartenhäuschen, Ruhebänke und idyllischen Plätzchen, verbunden mit Freundschaft und Geselligkeit.

Der Weg führte zur Kapelle mit einer Statue des heiligen Johannes in der Wüste auf dem Giebel.
Der Weg führte zur Kapelle mit einer Statue des heiligen Johannes in der Wüste auf dem Giebel.

Akte über die Anlage auf dem Rotrain aus 1820 bis 1845. Geschichte der Freunde der Natur Hüfingen.

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731

Bild aus der Hüfinger Chronik mit dem Brunnen
Die Statue des Johannes auf einem Brunnen in Hüfingen. Vielleicht war es der Johannis von Johannishütte. Foto: 1886 J. Nepomuk Heinemann

Hand in Hand damit gingen Kulturen und Verbesserungen. Landwirtschaftliche Vereine wurden ins Leben gerufen, Baumschulen angelegt und die Schüler der obern Klasse angehalten, in Hausgärten junge Stämmchen zu pflanzen und sie durch propfen und okulieren zu veredeln. Zugleich waren die Wege mit Bäumen besetzt und von Privaten größere Obstbaumpflanzungen angelegt worden.

Noch weiter ging Handelsmann Jakob Curta, indem er auf der wasserlosen Höhe von Schosen eine Kolonie gründen wollte, drei Wohnhäuser und ein Kirchlein erbaute, die Ansiedlung aber nicht Schosen, sondern Rotlauben nannte.

Blick vom Schosen auf Hüfingen Dia von etwa 1970
Dia vom Schosen über den Rotrain auf Hüfingen von Karl Schweizer etwa 1970

Die drei Häuser waren den obere, der mittlere und der untere Schosenhof. Der untere Schosenhof steht heute noch, der mittlere ist schon lange verschwunden und der obere Schosenhof ist vor etwa 50 Jahren abgebrannt und an der heutigen Stelle (Mostschopf) – weiter unten an der Straße wieder errichtet worden. An der alten Stelle vom oberen Schosenhof steht heute noch eine 200 Jahre alte Linde.

200 Jahre alte Linde am Standort vom ehemaligen Schosenhof wurde gepflanzt von Curta bei der Gründung von Rotlauben
200 Jahre alte Linde die vor dem abgebrannten Schosenhof gepflanzt wurde.

Doch bald, schon zu Anfang der 30ger Jahre, zuckte Wetterleuchten am politischen Horizont auf. Es war der Wiederschein von der Julirevolution und der Erhebung der enthusiastisch besungenen und begrüßten Polen. Und auch in der Ständekammer machte sich eine gewittrige Luft bemerklich. Die Landtagsblätter wurden jetzt eifriger gelesen als früher das landwirtschaftliche Vereinsblatt. Oft zog sie unser Hauslehrer Engesser während der Unterrichtsstunde aus der Tasche und hielt uns eine Vorlesung, wie Rotteck, Welcker oder Vater Itzstein diesem und jenem Minister in der Kammer so freimütig aufgetrumpft habe, was uns immer kurzweiliger vorkommen wollte als das, was wir von Anacharsis und Telemaque, Sesostris oder Solon auswendig zu lernen hatten.

Ein kürzlich unter alten Papieren gefundenes Blatt väterlicher Kunstfertigkeit vergegenwärtigt mir wieder lebhaft die Stimmung jener Tage — ein Entwurf zu einem silbernen Ehrenbecher für den gefeierten Volksabgeordneten von Rotteck. Im Jahr 1630 wurde das Landgericht der Baar von Geisingen nach Hüfingen verlegt und damit der Grund zum spätern Oberamt gelegt.

Karl von Rotteck’s allgemeine Geschichte,
Titel der Ausgabe 1848
Foto: Claus-Joachim Dickow, CC BY-SA 2.5 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5, via Wikimedia Commons

Bis in die letztverflossenen dreißiger Jahre hinein besaß aber die Amtsstadt noch keine Postablage, obgleich täglich Postkärren und Eilwägen durchfuhren. Jeden Tag wanderte der „Bot“ mit seinem ledernen Felleisen nach Donaueschingen, und nachmittags trug er oder einer seiner Buben Briefe und Pakete aus. Aufgegeben wurden solche in seiner Wohnung in der Hinterstadt, wo er oder eines der Seinigen den etwa verlangten Frankaturvermerk mit Rötel gewissenhaft der Adresse beifügte.

Ein Felleisen ist ein lederner Rucksack, der früher von Handwerksgesellen auf Wanderschaft getragen wurde.

Felleisen im Franziskanermuseum, Villingen

Mit Zeitungen brauchte sich der Bot nicht übermäßig abzuschleppen. Es kamen wenige, meines Wissens nur ein Frankfurter Journal, eine Freiburger Zeitung und etliche Exemplare „Schaffhauser Kourier“ hieher. Ein erstes illustriertes Blatt war das „Karlsruher Unterhaltungsblatt“, aus dessen, uns von den Söhnen des Oberamtmanns Schwab geliehenen Heften ich manches hübsch lithographierte Blatt sorgfältig abzeichnete.

Das Karlsruher Unterhaltungsblatt. 3. Jg., 1830
Foto: Heinrich Schreiber, Public domain, via Wikimedia Commons

Aus jenen Tagen datiert auch die hiesige Apotheke, die als Filiale der Kirsner’schen Hofapotheke in Donaueschingen in einem Privathaus eröffnet wurde, während wohl beständig schon ein Amtschirurg, ein Physikus (Baur) aber erst seit Mitte der zwanziger Jahre sich hier befand. Einen bemerkenswerten Fortschritt hatte das Jahr dreißig gebracht, eine ständige Straßenbeleuchtung, die jedoch – wie  noch heute — lediglich nur der Hauptstraße vom Schloß bis zur Pfarrkirche zugut kommen sollte.

In den vorherigen finstern Zeiten hatte man sich mit tragbaren Laternen behelfen müssen, die jetzt auffallenderweise fast gänzlich verschwunden sind, obgleich es wenn der Vollmond nicht just ein Einsehen hat — in den Gassen der Hinterstadt und dem Süßen Winkel immer noch dunkel genug ist. Anno fünfundzwanzig wurde das „untere Thor“, bis dahin eine Behausung Ortsarmer, abgetragen und die „Fürst Karlsstraße“ gegen Donaueschingen zu angelegt. Vordem stand außer dem „Bettelhäusle“, dem Siechenhaus, und der aus der Hinterstadt anher verlegten Bierwirtschaft zur Lägel kein Haus daselbst.

Das untere Tor zu Hüfingen
abgebrochen im Jahre 1829
gemalt von Karl von Schneider 1909

Lägel 1928


Dies war also der 2. Teil bis 1830.
Der 3. Teil ist hier: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833

Hier geht es zur alten noch nicht überarbeiteten Fortsetzung: Denkbuch von Lucian Reich ab 1830 alte Forsetzung

Der 1. Teil ist hier: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830

Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt. Dies hier ist der erste Teil und handelt vor allem von Lucian Reichs Vater: Luzian Reich. 

Es ist für mich total faszinierend wie sich die Menschen und Ereignisse im frühen 19. Jahrhundert zusammen fügen und auch bis heute noch so Vieles von unserem Denken und Tun beeinflussen.

Ganz neu habe ich in der Badischen Heimat einen Beitrag über den Hänslihof aus dem Jahr 1938 entdeckt. Der Hof ist im Dezember 1985 vollständig abgebrannt und eigentlich war alles verloren geglaubt. Nicht ganz. Weil es gibt diesen wunderbaren Artikel von Arnold Tschira. Die pdf von diesem unglaublich interessanten Artikel über das Elternhaus von Luzian Reich (07.01.1787- 18.12.1866) habe ich unten an geeigneter Stelle auch eingefügt.

Das Nützliche, das Schöne und unsere Wurzeln

Unsere Geschichte ist ein lebendiger Teil von uns und um so mehr wir darüber wissen, um so mehr verstehen wir, wie wir und unsere Zeitgenossen ticken. Auch in der Gegenwart wäre es wichtig, würden die Menschen hin schauen wo das Nützliche, Schöne und unsere Wurzeln liegen.

Das Denkbuch von Lucian Reich hat er 1896 in den Schriften der Baar veröffentlicht.

Die Schriften der Baar werden auf den Seiten des Baarvereins zur Verfügung gestellt.

In den Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar und der angrenzenden Landesteile in Donaueschingen stand 1896:


Der Ausschuß hat diese „Blätter“ des geehrten Verfassers gern veröffentlicht und ist überzeugt, daß sie nicht nur von seinen engeren Landsleuten gern werden gelesen, sondern auch allein schon wegen der vielen darin vorkommenden in der Literatur und Kunst bekannten Persönlichkeiten weitere Kreise interessieren werden.

Unten findet sich die Transkription vom Denkbuch in kursiv. Für die heutige Zeit habe ich es mit Bildern und Informationen ergänzt.

Blätter aus meinem Denkbuch.

Von Lucian Reich.

Die Großeltern — denn mit diesen muß ein richtiges biographisches Denkbuch beginnen — väterlicherseits sind mir nur aus frühester Jugend im Gedächtnis. Wir Kinder kamen nicht so oft mit ihnen zusammen.

Eltern von Xaver, Lucian und Elisabeth: 
Luzian Reich (07. 01.1787 – 18.12.1866) und Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866).
Großeltern von Xaver, Lucian und Elisabeth:
Mathias Reich (07.05.1754 – 24.11.1827) und Anastasia Buckin (23.12.1752-24.11.1824).
Franz Josef Schelble (12.02.1862-13.02.1835) und Katharina Götz (01.11.1760-04.04.1847).

Die Fahrt von Hüfingen nach Dürrheim war eine beschwerliche. Von Donaueschingen aus führte nur ein schlecht unterhaltener Karrenweg am Weiherhaus und seinem riesigen Schlagbaum, wo Weg- und Brückengeld erhoben wurde, vorbei durch die einsamen, von der Stillen Musel durchzogenen Weiherwiesen.

Karte von Martin Menradt etwa 1663
Foto: Dr. Jörg Martin FF Archiv
Landkarte der Baar 1620

Die Weiherwiese war früher ein fürstlicher Fischweiher nördlich von Donaueschingen am Römerweg.

Wie der Großvater Mathias, der ältere, daher nach altem Herkommen nicht erbberechtigte Sohn eines Hofbauern, durch den Machtspruch des Komturs von Hintersheim zum „zweiunddreißigsten Bürger“ der „geschlossenen“ Gemeinde Dürrheim auf- und angenommen wurde, habe ich im „Hieronymus“ eingeflochten.

Aus dem Hieronymus Kapitel 3, Frühlingsanfang – Der Hofbauer und die Familie des Hausmanns:

>Der Vater des Mathias war im Kirnachertal daheim, auf der Grenze zwischen dem Schwarzwald und der Baar. Das elterliche Gut war kein unbeträchtliches, aber der Vater des Mathias war der älteste Sohn, und nur der jüngste konnte dem „Recht“ nach in den Besitz eintreten, während die älteren Brüder sozusagen leer ausgingen. So durfte der Mann noch von Glück sagen, daß er eine vermögliche Witwe im Dorfe Dürrheim kennenlernte, welche ihm ihre Hand reichte, wie er dann auch nach langem Warten dort das Ortsbürgerrecht erhielt. Unter mehreren Kindern aus dieser Ehe hatte unser Mathias ebenfalls das Unglück, ein Erstgeborener zu sein, weshalb er sehen konnte, wie und wo er sich durchbringen werde, wollte er nicht zeitlebens in Abhängigkeit vom jüngsten Bruder gleichsam als Knecht im Hause leben.<

Dürrheim war dazumal noch ein stilles Dorf, dessen Bewohner sich fast ausschließlich mit Feldbau beschäftigten. So anfänglich auch der Großvater. 
„Von einem ledig verstorbenen Bruder hatte er etliche Jauchert eigentümliches Feld geerbt und nebenbei ödeliegende Plätze auf der Gemarkung gepachtet und urbar gemacht; aber nie länger als auf 6 Jahre sich gebunden, weil er wohl wußte“ heißt es in den väterlichen Aufzeichnungen, „daß Neubruch nach Verfluß dieser Zeit im Ertrag nachläßt. Durch Fleiß und Umsicht hatte er’s zu einer geachteten Stellung in der Gemeinde gebracht. Oft berieten sich die Ortsvorgesetzten mit ihm über Kulturen und Verbesserungen.“
„Zwischen der Feldarbeit, namentlich über Winter, drechselte er Kunkeln, Spinnrädlein, Häspel u. dgl. Ein alter Bildschnitzer und Faßmaler, der mit seiner ledigen Tochter von Ort zu Ort zog und Heiligenbilder verkaufte, übernachtete oft bei uns im Haus: und dieser veranlaßte den Vater sich ebenfalls mit solchen Arbeiten zu befassen. Und so schnitzte er Kirchenleuchter, Fahnenknöpfe, Wirtsschilde und Kirchhofkreuze, welch letztere Arbeit eine andauernde und ziemlich einträgliche war.“

Beim Flachs brechen.
Spinnerin.
Der Hänslehof im Jahr 1967.
Foto: WDR Digit/overland

Die Mutter war Hebamme (Anastasia Buckin 23.12.1752- 24.01.1824 vom Hänslehof), da sie ein sehr gutes Examen bestanden, mit der Befugnis, aderlassen, schröpfen und eine kleine Hausapotheke halten zu dürfen. Kein Krankes war im Ort, das nicht zuerst bei ihr Hilfe gesucht hätte. Nebstdem war sie eine geschickte Näherin, die nicht nur gewöhnliche Schneiderarbeit, auch zur Bauerntracht gehörige Stickereien und Kirchenparamente zu fertigen verstand und eine bedeutende Kundsame hatte.“

Kundsame ist ein vergessenes alemannisches Wort für Kundschaft. Anastasia Buckin war also Ärztin und Künstlerin und hatte eine große Kundschaft.

Der Hänslehof in Bad Dürrheim ist am 12. Dezember 1985 vollständig abgebrannt. Es gibt aber in der Badischen Heimat über die Baar aus dem Jahr 1938 einen wunderbaren Artikel von Arnold Tschira mit vielen Bildern vom Hänslehof. Den Artikel habe ich abfotografiert und hier gibt es die pdf dazu – schaut euch zumindest mal die tollen Fotos an!

Die Stube gegen Osten
Die Stube gegen Westen
Stiege im Hänslihof

„Und ich, was soll ich über mein Tun und Treiben sagen? Ich war eben ein vergratner Bauernbub; die landwirtschaftlichen Geschäfte konnte ich zwar alle und wurde auch streng dazu angehalten, aber sie gewährten mir keine Aussicht selbständig zu werden. An eine Verheiratung oder Versorgung, wie man es nannte, durfte ich nicht denken. Wie und wann ich angefangen zu malen, d. h. anzustreichen, und zu schnitzen, weiß ich nicht zu sagen, ich wurde eben darin erzogen.“

Benediktinerkloster in Villingen von der Schulgasse aus, fertiggestellt 1693.

„Der vielfältige, oft wochenlange Aufenthalt im Villinger Benediktinerkloster, wo der Bruder meiner Mutter den Dienst des Konventdieners und Klosterschneiders versah, hatte mich, da ich auch Vorlesungen über Physik und Mathematik besuchen durfte, bald so weit gebracht, daß ich einen Schritt weiter tun konnte als der Vater. Doch blieb alles ohne eigentlichen Zusammenhang. Pinsel und Meißel wechselten täglich mit dem Pflug, der Sense und der Holzaxt. Und dabei hieß es immer, der Salber hat auch gar keine Lust zum Feldgeschäft!“

„Das sagten aber nur meine beiden Geschwister, die Eltern dachten anders, besonders die Mutter, die meinte, ich könnte es doch zu etwas Rechtem bringen. Also machte ich immer zu, schnitzte Küchengerätschaften, Lichtstöcke, Fahnenstangen und Grabkreuze in Menge, malte Motivtafeln dem Dutzend nach, flickte Heiligenbilder und Hausaltärchen oder strich Brautfahrten an, ging wieder eine zeitlang ins Kloster, porträtierte die alten Herrn und ließ mich loben oder auslachen, je nachdem.“

„Die Patres konnten mich alle recht gut leiden. Einmal sollte ich nach ihrem Willen zu einem Uhrenschildmaler in Furtwangen in die Lehre gehen, ein andermal wollten sie mich in einer Kattunfabrik in St. Gallen als Musterzeichner unterbringen; schon hatte ich den Paß und alles nötige bereit; aber es wurde nichts daraus, was dem Vater recht war denn sagte er, wenn der Bue geht, bin ich ohne Hilf und kann nichts mehr machen“.

Lucian Reich hat in den Wanderblühten die Schildermaler Familie Kirner festgehalten. Dort gibt es auch die Chronik, oder Etwas von dem Ursprung dieses Hauses, so wie über die Lebensverhältnisse der Familie Kirner. Niedergeschrieben von Anton Kirner.

Aus dem Kirner Kabinett in Furtwangen: „Die Eltern in der Stube. Mutter Genofeva, geb. Dilger (1765-1838) und Vater Johann Baptist (1767-1835) genannt Schuhpeterhänsle. Das Ölbild hat Johann Baptist Kirner fast 30 Jahre nach dem Tod seiner Eltern in Erinnerung an seine Jugendzeit im Elternhaus gemalt. Einige Details hatte er in früheren Jahren in Skizzen festgehalten. Das Gemälde hatte er seinem Neffen Hermann Duffner zur Hochzeit versprochen; es ist eines der letzten Werke vor seinem Tode im Jahre 1866.“

Kattunfabrik von Heinrich Jacob Bodemer in Naundorf bei Großenhain 1856.
Foto: Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza 
http://digital.slub-dresden.de/id252070399

Kattun ist dichtes Baumwoll-Gewebe in Leinwandbindung.
Über die Kattunfabrik Hösli in St. Gallen gibt es nur diesen Eintrag

„Bei der Sekundiz des Prälaten 1804, welcher der Bischof und andere hohen Herrn anwohnten, sollte auf dem Klostertheater die neue Oper, die 7 Makkabäischen Brüder, gegeben werden. Zur Herstellung der Dekorationen war der Maler Sandhas (später Hofmaler in Darmstadt) berufen worden. Diesem machte ich den Farbenreiber und durfte wohl auch selbst mit Hand anlegen; und auf diese Weise lernte ich manches von der Malerkunst.“
Und daß der Gehilfe etwas von dem praktischen Meister gelernt, beweisen die in Oel gemalten Bildnisse seiner Eltern in ihrer ehrbaren altbaarischen Tracht.

Prälat (Abt) Anselm Schababerle  geboren 10. März 1730 in Baden-Baden, gestorben am 26. Januar 1810 in Villingen war der letzte Abt des Benediktinerklosers in Villingen. Eine Sekundiz ist ein 50-jähriges Priesterjubiläum. Dem zufolge wurde Schababerle 1754 zum Priester geweiht, da er 1804 seine Sekundiz feierte.

Epitaph von Abt Anselm in der Benediktinekirche in Villingen

Petition des Abts Anselm vom 24.02.1806 um Erhaltung und Bestätigung der dortigen Lehranstalt.

Die Petition aus St. Georgen zu Villingen den 24ten Hornung 1806.
Unterschrieben ist die Petition von:
allerunterthänigst treugehorsamste
Anselm Abt
P. Niklaus Schababerle Prior und Konvent. 

In Klöstern steht P. für Pater (Ordenspriester). Ein Prior ist ein Pater, daher bedeutet P. Niklaus = Pater Niklaus. Der Abt („Anselm Abt“) unterschreibt als 1. und der Prior („P. Niklaus Schababerle Prior“) unterschreibt als 2., und er tut das „für den Konvent“. Pater Schababerle war vermutlich mit dem Abt verwandt und stand in der Hierarchie direkt unter dem Abt Anselm. 
Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 31 Bü 138

Der Abt hatte also vergeblich versucht, die Schule zu erhalten.

Ansicht des Garteneingangs hinter dem Schloss in Darmstadt von Josef Sandhaas.
Josef Sandhaas wurde im Kinzigtal geborgen. Er erhielt seine Ausbildung als Maler bei dem Kunstmaler Joseph Anton Morath in Stühlingen und begann seine Laufbahn als Klostermaler im Benediktinerkloster in Villingen. Leider ist von ihm sehr wenig erhalten, nicht mal das Geburtsdatum auf Wikipedia kann stimmen.
Quelle: Wikimedia Commons

Die Oper der sieben Makkabäischen Brüder stammt aus 1644 von dem Jesuitenorden.
Quellle: Würzburg, der Jesuitenorden und die Anfänge der Oper von Irmgard Scheitler.

Im Jahre 1804 gehörte Villingen noch zum Bistum Konstanz. Karl Theodor von Dalberg (8.02.1744 – 10.02.1817) war von 1799 bis 1817 der wohl letzte Bischof in Konstanz.

Geboren im J. 1786 (Lucian Reich wurde am 7. Januar 1787 in Bad Dürrheim geboren) mit unverkennbaren Anlagen würde er’s ohne Zweifel zum tüchtigen Künstler gebracht haben. Allein es waren Kriegszeiten, und nachdem das Kloster aufgehoben war, fand der junge Mann keine Stütze mehr. Denn die Kunst, in welcher ihn der Pfarrer daheim heran ziehen wollte, hatte mit der bildenden nichts gemein. Ein leidenschaftlicher Nimrod, nahm dieser seinen Schüler häufig mit hinaus, und zwar so lange, bis ihnen von herumstreifenden Franzosen die Gewehre abgenommen wurden. 

נִמְרוֹד – Nimrod wird im Hebräischen von der Wurzel מרד mrd, deutsch‚ sich widersetzen, rebellieren abgeleitet. Nimrod gilt gewöhnlich als derjenige, der den Bau des Turmes von Babel anregte, ein Sinnbild dafür, dass die Selbstüberschätzung des Menschen gegenüber Gott zum Niedergang führt.
Bild: König Nimrod nimmt die Huldigungen der Steinmetze entgegen.
Detail des Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel d. Ä., 1563.
Nach Pieter Brueghel the Elder, Public domain, via Wikimedia Commons

Endlich wandte er sich dem Schulfache zu. Nachdem er die Vorbereitungen an der Normalschule in Villingen beendet und bei Schulvisitator Pfarrer Flad in Urach (1810) das vorschriftsgemäße Examen mit bester Note bestanden — obgleich er in der Musik sich nicht ausgebildet hatte —, erhielt er den Dienst in Bubenbach. „Zum Einstand“, schreibt er, „hatte mir der Vater 6 Viertel Frucht mitgegeben, die ich alsbald zum Müller schickte“. „Muß es Brod gei (geben)?“ fragte dieser. „Ja, sagte ich, wußte aber nicht, daß auf dem Wald der Müller insgemein auch Bäcker ist. Nach einigen Tagen erhielt ich circa 30 Laib Brod, die ich, wollte ich sie nicht schimmlig werden lassen, unter die Armen verteilte.“

Schon nach anderthalb Jahren wurde er auf die Oberlehrerstelle in Hüfingen befördert; denn als Beförderung, und zwar in doppelter Beziehung, mußte es angesehen werden, weil er kein geborener Fürstenberger war. Als er sich seinem neuen Bestimmungsorte näherte, trugen sie just den letzten Freiherrn von Schellenberg, den Sprossen eines weiland um Kaiser und Reich vielfach verdienten Geschlechtes, zum Thor hinaus nach dem Friedhof St. Leonhard. Und dem gänzlich verarmten Manne sollte der neue Lehrer dann bald nachher eine Gedenktafel in die Stadtkirche fertigen.

Wappen derer von Schellenberg

In Hüfingen trat er in den Ehestand (15.05.1813) mit Maria Josepha, der ältesten Tochter des Korrektionshausverwalters Schelble.

Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1865.

Die Schelble waren ein Althüfinger Geschlecht. Der Urgroßvater, Franz Xaver (*28.08.1731) war Kunsthandwerker, und zugleich versah er, wie schon sein Vater, den Amtsdienerdienst, und daß er in ersterem Fache — im Marmorieren, Vergolden und Gravieren in Grund Tüchtiges zu leisten verstand, bezeugen (oder bezeugten) die Altäre in Meßkirch, Gutmadingen, Hausach, Löffingen und die mit Hilfe seines im Hause erzogenen Schwiegersohnes und Geschäftsnachfolgers Joh. Gleichauf gefertigten Seitenaltäre der Hüfinger Pfarrkirche.

Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) war mit Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816) verheiratet. Ein Enkel war Rudolf Gleichauf.

Alter Eingang vom Römerbad

Mit Vorliebe trieb er Musik, sowie auch sein Sohn Franz Joseph, mein Großvater. (Franz Joseph Donat Schelble *17.02.1762-13.02.1835). Im Laufe der 20iger Jahre als Korrektionshausverwalter in den Ruhestand versetzt, beschäftigte sich dieser mit Uhrenmachen für Leute, die für Reparaturen nichts ausgeben wollten oder konnten, beaufsichtigte die Römischen Ausgrabungen (im Volksmunde Schatzgräberei genannt) im Mühleschle und am Fuße des Hölensteins, wofür er vom fürstlichen Protektor mit einer goldenen Repetieruhr beschenkt wurde, verfertigte uns Enkeln Schlittschuhe und Schlagnetze zum Vogelfang, und an hohen Festtagen spielte er in der Kirche die Orgel, und der „Leuenbaschi“ (Löwenwirt) sagte dann: „I ha’s bim erschte Griff scho gmerkt, daß es nit de Prezepter Thäddä ischt!“ Dieser, der pensionierte Präzeptor Thaddäus Bader, war nämlich stets noch Organist.

Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825

Alle diese Menschen und Schatzgräbereien finden sich auch in der Akte über die Anlage auf dem Rotrain aus 1820 bis 1845.

Da das Denkbuch für einen einzelnen Beitrag inzwischen zu groß geworden ist, werde ich es in unterschiedliche Abschnitte unterteilen. Dann hat sich die Software die letzten Jahre geändert und die Bearbeitung der alten Datei ist fast unmöglich geworden.

Dies war also der 1. Teil bis 1812 als Luzian Reich nach Hüfingen kam und seiner Heirat mit Josefa Schelble 1813.

Der 2. Teil ist hier: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Der 3. Teil ist hier: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833

Die alte Forsetzung ab 1835 hier: Denkbuch von Lucian Reich ab 1833

Wir lieben Geschichte. Aber welche eigentlich?
Oder wie das Altarbild von Seele Hüfingen fast in den Ruin trieb

Da momentan wieder viel über Geld diskutiert wird, möchte ich an einen Text von Gottfried Schafbuch unten erinnern.

Das berühmte Altarbild von Johann Baptist Seele in der Stadtkirche hätte Hüfingen 1812 beinahe in den Ruin getrieben. Die Kosten entsprachen damals etwa einem Siebtel der Jahreseinnahmen der Stadt. Trotzdem entschieden sich die Bürger dafür, das Kunstwerk zu behalten.

Eine bemerkenswerte Geschichte. Gerade heute, wo man in Hüfingen an vielen Stellen lesen kann, dass wir Geschichte lieben würden. Die eigentliche Geschichte findet man allerdings nicht auf Fahnen, sondern dort, wo sie entstanden ist: in unseren Gebäuden, Archiven, Kunstwerken und den Erinnerungen der Menschen.

Das Altarbild in St. Verena und Gallus

Das „geschenkte“ Altarbild war gar nicht so geschenkt, wie man heute oft denkt.

Der aus Hüfingen stammende bzw. hier aufgewachsene Maler Johann Baptist Seele schenkte der Hüfinger Bürgerschaft 1812 das große Kreuzigungsbild für die Stadtkirche. In der Schenkungsurkunde legte er fest, dass das Bild nicht der Kirche, sondern den Bürgern von Hüfingen gehören solle und dauerhaft in der Kirche bleiben müsse. 

Was lange kaum bekannt ist: Die Stadt musste für das angebliche Geschenk enorme Kosten tragen. Für Material, Transporte, Reisen, Bewirtung, Rahmen, Vergoldung und weitere Auslagen wurden insgesamt rund 675 Gulden ausgegeben – etwa ein Siebtel des gesamten städtischen Jahreseinkommens. In einer Zeit großer Armut war das eine gewaltige Belastung. 

Deshalb löste die Schenkung zunächst nicht nur Freude aus, sondern auch Ärger und politische Streitigkeiten. Bürgermeister Xaver Stuckle (1803–1809) geriet deswegen unter Druck und verwahrte die Schenkungsurkunde jahrelang privat, bevor sie ins Stadtarchiv kam. 

Trotzdem wurde Seele selbst von den Hüfingern nie angegriffen. Seine Verbundenheit mit Hüfingen galt als echt, und sein Altarbild entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Kunstwerke der Stadt. Nach seinem frühen Tod 1814 hielten die Bürger sogar ein Seelenamt für ihn ab. 

1846 erhielt Hüfingen zusätzlich ein Selbstporträt Seeles als Geschenk. Das Altarbild überstand später sogar die Kriegsschäden des Zweiten Weltkriegs unversehrt. 

Originalbeitrag vom 18. Oktober 2022

Johann Baptist Seele 1810



Gottfried Schafbuch schreibt 1972 in Mii Boor – Mii Hoamet:

Das Altarbild in der Stadtkirche zu Hüfingen

In der Morgenfrühe des 4. Juni 1812, am Donnerstag nach dem Fronleichnamsfest, fuhr durch das untere Stadttor eine vollbesetzte Kutsche Donaueschingen zu. Stolzer Rosselenker auf dem Bock war der hiesige Josef Neukum, der den ehrenvollen Auftrag hatte, den württembergischen Galeriedirektor und Hofmaler Johann Baptist von Seele und seine beiden Kinder durch die Baar nach Stuttgart, in ihre Heimat, zu führen. Viel Ehre war dem Künstler im gastlichen Hüfingen, wo er bereits eine Woche weilte, zuteil geworden, und reich beschenkt kehrte er nun wieder in die königliche Residenz zurück.
J. B. von Seele, der von neidischen Kollegen als „Husaren- und Dragonermaler” angefeindet wurde, hatte aus Liebe für die Bewohner der Stadt Hüfingen, in der er die ersten Jahre seiner Jugendzeit zugebracht, ein Gemälde von 14 Schuh (4,20 m) Länge und 8 Schuh (2,20 m) Breite gemalt, vorstellend den am Kreuz hangenden Christus, darunter die Mutter Maria, den Jünger Johannes und die büßende Magdalena.

In der am 30. Mai 1812 niedergeschriebenen Schenkungsurkunde hat v. Seele ausdrücklich bestimmt, „daß dieses Bild zwar in der Hüfinger Pfarrkirche vor dem Hochaltar aufgemacht, allein nie Eigentum der Kirche werde, sondern den wirklichen Inwohnern Hüfingens, ihren Erben und Nachkommen, solang sie dahier wohnen, als eine Schenkung zugehören solle, worüber sie aber nie anderst als zur öffentlichen Aufstellung in der Pfarrkirche zu verfügen haben; viel weniger soll, was immer für eine Behörde, weder unter dem Titel als Patron der Kirche, weder als Oberpflegschaft der Kirchenfabrik, weder als Obervormund der Gemeinde, noch aus was immer für einem Grunde oder Vorgeben, über dieses Bild zu verfügen berechtigt sein, weil sonst in solch einem Falle dem Stifter, dessen Erben und Nachkommen das Wiederzueignungsrecht auf dieses Bild gegen Erstattung der empfangenen Auslagen und kleinen Erkenntlichkeiten zu ewigen Zeiten zustehen solle“.

Der damalige Bürgermeister Stuckle fügte der Schenkungsurkunde noch den Vermerk bei:


Diese großmütige Schenkung nehmen die hiesigen Inwohner, nämlich die heute dahier zum weit größten Teil versammelte Bürgerschaft, dann die gesamte Beamtung und Klerisei von hier für sich, ihren Erben und Nachkommen durch den hier unterzeichneten Stadtrat mit innigstem Danke und mit der feierlichen Versicherung an, daß nie ein anderer, als der oben bestimmte Gebrauch von diesem vürtrefflichen Bilde gemacht werden solle.

Urkundlich nachstehender Fertigung

So geschehen zu Hüfingen, Samstag, den 30. Mai 1812.

Bürgermeister Stuckle, Fritschi, Stadtrechner, Marx Sulzmann, Joseph Burkhard, Jakob Kuttruff.” Auf die Rückseite des Altarbildes wurde folgender Hinweis aufgeleimt: „Dieses Gemälde, Christus am Kreuze vorstellend, hat der königlich württembergische Galeriedirektor von Seele aus Stuttgart der Bürgerschaft in Hüfingen geschenkt; worüber die in dem städtischen Archiv Hüfingen verwahrte Schenkungsurkunde vom 30. Mai 1812 das nähere ausweist.

Die Rahme um das Bild hat die Bürgerschaft in Hüfingen und deren Vergoldung die Durchlauchtigste verwittibte Fürstin Elisabeth zu Fürstenberg, geborene Fürstin von Thurn und Taxis aus dem Ihrigen, zu Bezeugung Höchstihrer Zufriedenheit mit den Hüfngischen Bürgern bezahlt im Jahre 1812. Stuckle, Bürgermeister.

Die Rahme wurde vom Schreiner Johann Bausch dahier, der Strahlenaufsatz vom Hofbildhauer Ignaz Brunner von Geisingen verfertigt und vom Faßmaler, Amtsdiener Johann Gleichauf von hier vergoldet.
Gleichauf, Amtsaktuar.”


Den Akten ist noch ein vergilbtes Blatt beigeheftet, auf dem 164 hiesige Bürger unterschriftlich den Stadtrat bevollmächtigten, die Schenkung des Altarblatts von Herrn Galeriedirektor v. Seele annehmen zu dürfen.
Warum diese eigenartige Bürgerbefragung und Vollmachtserteilung, ein so wertvolles Geschenk annehmen zu dürfen?
In einem Schreiben an den Stadtrat vom 27. November 1826, also 14 Jahre nach der Ausstellung der Schenkungsurkunde, berichtet Stuckle:


Löblicher Stadtrat! Noch immer hatte ich die beiliegende Schenkungsurkunde für unser Altarblatt von unserm seligen, vaterländischen Künstler, dem Königlich Württembergischen Galeriedirektor von Seele bei Handen. Diese Urkunde war bei mir sehr gut aufgehoben, und wenn ich auch unter dieser Zeit gestorben wäre, so hätte man solche bei der Apertur (Sichtung) meiner eigenen Schriften gefunden.
Die Ursachen warum ich diese selbst nicht in das städtische Archiv getan, oder später in dasselbe tun ließ, sind folgende:

  1. hatte dieses Altarbild, oder vielmehr meine Person das Unglück, von einer damaligen städtischen Deputation wegen des Kostens, den diese in der Rechnung pro 1812/13 gefunden und bemängelt haben, angefochten, und bis ans Kreisdirektorio verfolgt zu wer-den, und mir von dieser Stelle aus, dieses Bild, ohngeachtet der Schenkungsurkunde als mein Eigentum mit dem zuerkannt wurde, daß ich der Stadt die Unkosten wieder ersetzen soll, jedoch wurde diese Resolution später wieder aufgehoben, und ich und der gekreuzigte Heiland wieder mit Friede gelassen.
  2. hatten sich die Stürme des Krieges von außen und von innen – bis anno 1821 – aufs Neue gezeigt, so daß ich diese Urkunde in dieser Gärungsperiode ebenfalls nicht auf das Rathaus deponieren wollte. Die letztere Zeit bis anher scheint wieder allmählig ruhig zu werden und die Sonne heller und klarer zu scheinen, weswegen ich nun dem löblichen Stadtrat diese Urkunde mit der Bitte übersende diese gehörigen Orts wohl zu verwahren. Bei dieser befinden sich noch:
    a) Die Bevollmächtigung des Stadtrats zur Annahme der Schenkung von Seiten der Bürgerschaft vom 31. Mai 1812.
    b) eine Abschrift des Briefes von der Fürstin Elisabetha vom Juni 1812. Dann
    c) ein Danksagungsschreiben des verstorbenen Gefällverwalters Wölfle vom 5. September 1814 und
    d) die Bemerkung, welche auf der Rückseite des Christusbildes geschrieben ist.

Eines löblichen Stadtrats
ergebenster
Stuckle, Altbürgermeister”.


Nun ist das Rätsel um die Unterschriftensammlung bei den 164 Hüfinger Bürgern gelöst.

Die Schenkung des Altarbildes v. Seele hat hier keine wahre und echte Freude aufkommen lassen, weil sie eben keine wirkliche Schenkung war.

Die Stadtrechnung vom Jahre 1812/13 klärt das Zurückbehalten der Schenkungsurkunde und das eigenartige Verhalten des Bürgermeisters Stuckle mit nüchternen Zahlen auf.

Stadtrechner Fritschi schrieb auf Seite 53 ff. der genannten Rechnung:

Wegen dem von Herrn Galeriedirektor von Seele zu Stuttgart der hiesigen Stadt zum Geschenk gemachten Altarblatt haben sich folgende Auslagen ergeben: Herrn Galeriedirektor Ersatz für gehabte Aus-lagen, Reisekosten, Präsent usw.

429,09 Gulden

von Seele forderte von der Stadt:

Für den Ankauf der grundierten Leinwand, 15′ hoch und 9′ breit34.— fl.
Für Modelle zu allen vier Figuren, als
Christus10 Tage à 1 fl. 30 x15.00 fl.
Maria2 Tage2 fl. 45 x 5.30 fl.
Johannes3 Tage1 fl. 30 x 4.30 fl.
Magdalena4 Tage2 fl. 45 x 11.— 1.
Ein Farbenreiber22 Tageà 36 x 13.12 fl.
½ Loth Ultramarina 28 fl. 14.— fl.
1 Loth feiner Lack6.— fl.
Die übrigen niederen Kostenrechnungen,
Farbe, Ol und Firniß, alles zusammen
13.46 fl.
Ein Gerüst machen lassen um das Modell
des Christus aufzustellen1.36 fl.
Nägel, 400 Stück à 8 Kreuzer—.32 f.
In Tuttlingen mit einem Fuhrwerk das Christusbild samt Blindrahmen abholen lassen10.- fl.

Gehabte Auslagen von Seele
135 fl. 6 x

Johann Gleichauf wegen Vergoldung der Rahmen




188.— f.
Demselben — dito — dem Altarblatt12.— fl.
Dem Hofbildhauer Brunner in Geisingen für die Rahme des Altarblatts23.— fl.
Dem Schreiner Bausch hier für Arbeit an dieser Rahme23.30 fl.
Summa:
675.39 fl.

In den Beilagen 222 bis 226 zur hiesigen Stadtrechnung pro Georgy 1812/13 ist diese Summe von 675.39 Gulden peinlichst aufgeschlüsselt. Ihre Nüchternheit steht allerdings im Gegensatz zu den fröhlichen Tagen, die Galeriedirektor von Seele mit seinem vertrauten Anhang bei seinem Aufenthalt hier erlebte. Eine Rechnung vom 1. Juni 1812, die Bürgermeister Stuckle von der Stadtkasse begleichen ließ, zeigt, daß weder von Seele, noch sein Onkel, Gefällverwalter Wölfle, noch der „Amtsbürgermeister” freigebig aus der eigenen Tasche waren.

Die Rechnung (Beilage 222/1812/13) lautet:

Den 1. Juni 1812 wurde mit Herrn Galeriedirektor von Seele und dessen Kinder samt Herrn Gefällverwalter Wölfle und Jungfer Hauserin und ich, der Bürgermeister Stuckle, auf der Post zu Geisingen und Wartenberg verzehrt samt 2 Kutscher und 4 Pferde zusammen 8 Personen:

a) 6 Personen Mittagessenà 40 Kr. tut4.— Gulden
b) 4½ Maß Weinà 40 x tut3.— Gulden
c) Brot-.30 Gulden
d) Kaffee, 8 Tassenà 12 x tut1.36 Gulden
e) Kutscher und Pferdetut2.49 Gulden
11.55 Gulden
Auf dem Wartenberg—.48 Gulden
Den 3. Juni mit Herrn Gefällverwalter Wölfle, als wir die Chaisen bestellten im Schützen zu Donaueschingen—.36 Gulden
Den 4. Juni, bei der Abreise des Herrn Direktors im Schützen zu Donaueschingen noch verzehrt3.— Gulden
Summa16.19 Gulden
Wegen dem Fuhrwerk auf Geisingen mit Herrn
Direktor von Seele und Familie vom 1. Juni,
2 Pferde und 2 Chaisen für ein Tag 3,20 fl. und Gebühr —,30

3.50 Gulden
Ebenfalls an Joseph Neukum für das Fuhrwerk mit Herrn Direktor v. Seele und Kindern nach Stukart (Stuttgart)
33.— Gulden

Sehr aufschlußreich ist die

„Specifikation über die Auslagen wegen dem großen Altarblatt, welches der Herr Galeriedirektor von Seele aus Stuttgart verfertigte und der hiesigen Bürgerschaft laut Schenkungsurkunde vom 30. Mai 1812 übergeben hat.

An Auslagen welche Herr von Seele gehabt:

Laut spezifiziertem Conto dem Herrn Direktor wieder ersetzet samt Transport des Christusbildes von Stuttgart hierher 163,42 Gulden

Auf Reisekosten:

Dem Herrn Direktor die Reisekosten von Stuttgart hierher bezahlt57,30
Dto. denselben wieder durch den Joseph Neukum nach Stuttgart führen lassen33,0090,30 Gulden
Auf Honorarien usw.:
Des Herrn Direktor Frau als Präsent dessen zwei Kinder
110,—
44,00
auf dem Wartenberg, zu Geisingen und im Schützen mit Herrn Direktor zehrt16,19170,19 Gulden
Dem Joseph Neukum für zwei Chaisen und Pferde3,50 Gulden
Trinkgeld zu Geisingen und zu Donaueschingen—.48 Gulden
Summa:429,09 Gulden

Dieser Aufstellung ist noch der Vermerk beigefügt: „Daß jene Auslagen, welche unter obigem begriffen und nicht mit Scheinen belegt sind, in meiner Gegenwart richtig geschehen seien, das kann ich als Onkel des Direktors von Seele als Augenzeug bestätigen, welches hiermit geschiehet.

Hüfingen, den 9. Juny 1812.

Baarischer und Stühlingischer
Amts Kastenverwalter
Wölflin”

In den gehabten Auslagen von 429,09 Gulden sind noch Lieferungen und Arbeiten des Hofbildhauers F. J. Göppel aus Stuttgart enthalten, der „auf Bestellung Sr. Hochwohlgeboren Herrn Galeriedirektor von Seele, eine Blindrahme von Bettseide, mit Kreuz und Schließen zu einem Altarblatt gemacht

14/6° hoch und 8/6° breit14,30 Gulden
eine Überrahme3,48 Gulden
eine Walze 8′, 9″ lang 10″ dick, um die Malerei darauf zu rollen4,30 Gulden
eine Uberkiste 8′, 11″ lang 1′ 7″ im Quadrat samt Verpackung und Nägel5,48 Gulden
28,36 Gulden

Im Namen des F. J. Göppel, Hofbildhauer bescheinigt den Empfang der obigen 28 fl. 36 x

Galeriedirektor von Seele
Ritter des Civil Verd. Ordens.”

Die Verärgerung über die verausgabten 675 Gulden für das Altarbild, die ein Siebtel der ganzen Jahreseinnahmen der Stadt Hüfingen waren, wurde auch am Fürstlichen Hofe in Donaueschingen bekannt. Schon am 16. Juni 1812 schrieb die verwitwete Elisabeth, Fürstin zu Fürstenberg, geb. Fürstin von Thurn und Taxis, an Hofrat und Oberamtmann Bauer:

Fürstin Elisabeth zu Fürstenberg, geb. Prinzessin von Thurn und Taxis, Witwe des Fürsten Karl Aloys (um 1800)
Elisabeth Fürstin zu Fürstenberg, 1797 Foto eines Gemäldes von J.B. Seele
„Ausschnitt aus Bader“. Alle Fotos von Wikimedia

„Ich habe vernommen, daß die Stadt Hüfingen durch die Unkosten, welche die Vergoldung der Rahme des Gemäldes erfordert, wodurch unser vaterländischer Künstler Seele die dortige Pfarrkirche geziert hat, in einige Verlegenheit versetzt worden ist. Recht gern ergreif ich diese Gelegenheit, der Stadt Hüfingen dadurch einen Beweis meines Wohlwollens zu geben, daß ich diese Zahlung übernehme, ich ersuche dahero mir den Uberschlag derselben zu dem Ende chestens zuzuschicken, damit ich den Betrag auf meine eigene Kasse sogleich anweisen kann.”

Über den damaligen Wert des Gulden bzw. des Geldes mögen folgende Zahlen als Vergleich betrachtet werden:

Die Gesamteinnahmen der Stadt betrugen4906 Gulden
Die Gesamtausgaben 1812/13 betrugen3996 Gulden
Der Lehrer bezog an barem Geld
von der Stadt im Jahre 1812/13: 90 Gulden
vom Schulfond Donaueschingen: 12 Gulden
102 Gulden
Bürgermeistergehalt 1812/13130 Gulden
Gehalt des Stadtrechners und des Ratschreibers je150 Gulden
Die Stadt kaufte in Behla
1 Wucherrind, zweijährig für
54 Gulden
in Waldhausen einen Farren82 Gulden
von Valentin Haller hier
1 Wucherrind, einjährig
26 Gulden
von Nachrichter Seidel hier
45 Bund Stroh
3.44 fl.
Gulden = 60 Kreuzer, 4 Kreuzer 1 Batzen,
Kreuzer = 1 Groschen, ein preuß. Taler – 1 fl. 45 x)

Daß eine verarmte Bürgerschaft, der immer und immer wieder zugeflüstert wurde, daß die Stadt gezwungen sei, bei einigen reichen Schwarzwaldbauern und bei Juden in der Schweiz Geld zu pumpen, ob dieses vermeintlichen Geschenkes nicht entzückt war, ist begreiflich. Verständlich ist auch, daß Bürgermeister Stuckle aufgrund des Entscheids des Kreisdirektoriums, das Altarbild gegen Erstattung der Kosten für sich zu beanspruchen, kein Interesse hatte. Die Verheimlichung dieses Bescheids und all der übrigen Schriftstücke in dieser damals leidigen Angelegenheit sprechen dafür, daß er ängstlich besorgt war, nur noch in der Flüstersprache diese heikle Sache in vertrautem Kreise zu erwähnen.

Karl von Österreich-Teschen (Porträt von Johann Baptist Seele, 1800, Heeresgeschichtliches Museum in Wien)

Daß die damaligen Zeiten trüb- und armselig waren, beweist der Inhalt des folgenden Briefes des Fürsten zu Fürstenberg an Erzherzog Karl von Oesterreich:

Traurig ist der Zustand meiner Untertanen, und ebenso traurige Empfindungen erregt dessen Anblick. Ew. Königliche Hoheit kennen ihn durch eigene Ansicht und Betrachtung und kennen somit das grenzenlose Elend, welches über die Grafschaft Baar verbreitet ist.
Mitleidenswert und kläglich ist die Lage meiner Untertanen und schmerzlich meine eigene, weil es mir selbst an Mitteln gebricht, zu helfen und zu unterstützen und weil meine Vorräte erschöpft sind. Mit Bedauern muß ich das traurige Geständnis machen, daß auch meine Kräfte zur Unterstützung der Untertanen geschwächt sind. Nur die Not und die wirkliche Unmöglichkeit der vollen Leistung, von der ich durch die von meinen Amtern vorgenommene Hausdurchsuchung leider nur zu sehr überzeugt bin und sein muß, konnten mich bewegen, an Ew. Königl. Hoheit bittliche Vorstellungen gelangen zu lassen.”

Joseph von Auffenberg (1798–1857)
Digitalisat BLB Karlsruhe

Der Fürstliche Geheimrat Freiherr von Auffenberg richtete zur gleichen Zeit an die Kabinettskanzlei des Erzherzogs eine Denkschrift und führte darin u.a. aus:

„Wenn die Kräfte eines Landes auf 20 Jahre vorweggenommen sind, wenn seine Bewohner aus Mangel an Futter ihr Vieh abschlachten, wenn die bereits in die Erde gelegten Kartoffeln herausgegraben und ohne einen Bissen Brot dazu im Drange des Hungers verzehrt werden, wenn die einquartierten Soldaten mit dem Quartiergeber ihr Kommißbrot teilen, weil sie diese verhungern sehen, und die herrschaftlichen Fruchtkästen und Scheunen, die bisher einzige Aushilfe der aufeinandergefolgten Requisitionen, der Armut und den notleidenden Menschen preisgegeben werden müssen, so verdient dieses Land (die Baar) in jeder Beziehung das Mitleid und die Teilnahme des rechtschaffenen Mannes.”

Es zeugt von großem Taktgefühl und Anstand der Hüfinger, daß auch nicht mit einem Worte der geniale Künstler Johann Baptist von Seele angegriffen wurde. Lucian Reich erwähnt in seiner Abhandlung über das Kunstschaffen seines Vaters, des alten Lehrers Reich, daß er den Hüfinger Hochaltar in der Stadtkirche nach dem Entwurf des Galeriedirektors von Seele in farbigem Wutachalabaster ausführte; eine Arbeit, die jedenfalls wegen der besseren Sicht auf das Altarbild notwendig war.

Unbegreiflicherveise wurde bei der 1910 erfolgten Renovation unserer Stadtkirche, bei der Erstellung des Hochaltars, hierauf leider keine Rücksicht genommen.

Am 27. August 1814 ist von Seele, erst 40 Jahre alt, in Stuttgart an einem Herzschlag gestorben. Gleich nach Bekanntwerden seines Heimgangs gedachten die Hüfinger in rührender Weise des hervorragenden Künstlers, sie ließen ihm ein Seelenamt halten.

Onkel Wölflin dankte dafür dem wohllöblichen Stadtrat: „Sie haben meinem kürzlich verstorbenen Neffen, dem Königlich Württembergischen Galeriedirektor und Hofmaler von Seele, aus Liebe und Dankbarkeit für das vor zwei Jahren der hiesigen Bürgerschaft gemalte Christusbild, welches selbe als Altarblatt in die hiesige Pfarrkirche aufstellte, ein Seelenamt mit der gesamten Priesterschaft angeordnet, und heute dahier feierlich abhalten lassen.
Diese dankbare Liebe und Achtung für den Seligen hat mich außerordentlich gefreut und tief gerührt. Ich danke also hiermit dem wohllöblichen Stadtrat herzlich dafür, und wünsche im Stand zu sein, demselben und der ganzen Bürgerschaft meine Dankbarkeit tätig beweisen zu können.

Ich bin mit wahrer Hochachtung eines wohllöblichen Stadtrats ergebenster Wölflin.

Hüfingen, den 5. September 1814.”

Man schrieb das Jahr 1846. Wieder war das Altarbild Gegenstand von Beratungen und Verhandlungen.

Am 9. Juni 1846 erhielt der Stadtrat folgenden Brief:

„Das Pfarramt wird darauf dringen, daß noch diesen Sommer die Reparation in und an der Pfarrkirche geschehe, bei dieser Gelegenheit sollte vorgenommen werden die Reinigung des Kirchen- und Kunstblattes von Seele, als höchst notwendig.
Schon am 26. April ds. Js. hat der Stiftungsvorstand Beratung gehalten und Anstand genommen, weil das Kunstblatt eigentlich Eigentum der Stadtgemeinde ist und auf welche Unkosten die Reinigung geschehen soll.
Der Stiftungsvorstand will da nicht vorgreifen, und der löbliche Gemeinderat wolle anher berichten, was in Obigem geschehen und einberichtet werden soll.

Stiftungsvorstand: Hufschmid, Stadtpfarrer.”

Am 14. Juli 1846 berichtete Bürgermeister Hug dem Stiftungsvorstand, daß die Kosten für die Reinigung des Altarblattes auf den Kirchenfond übernommen werden möchten.
Stadtpfarrer Hufschmid gab sich jedoch mit diesem ablehnenden Bescheid nicht zufrieden. Am 21. September 1846 wurde folgende Vereinbarung beschlossen:

„Revers. Die Restauration des auf dem Hochaltar in der hiesigen Pfarrkirche befindlichen Seeleschen Altarbildes betreffend. Wird nach dem hohen Erlaß Großh. Seekreis-Regierung vom 11. September ds. Js. Nr. 20045 durch den unterzeichneten Stiftungsvorstand, Gemeinderat und Bürgerausschuß als Vertreter der Kirchspielsgemeinde gegenwärtiger Revers mit dem ausgestellt, daß sie die Bezahlung dieser Reinigungskosten nur als guttatsweise Leistung des Kirchenfondes annehmen, und darauf nie eine Verbindlichkeit desselben gründen wollen.

Zu Urkunde dessen

Stiftungsvorstand. Gemeinderat und Bürgerausschuß

Unterschriften.”

Und nun, im selben Jahre 1846, wird dem Altarbild in der Stadtkirche endlich die ihm gebührende Würdigung als Kunstwerk zuteil.

Oberamtmann Eckhard in Engen, ein ehemals guter Bekannter des so jung dahingeschiedenen Hofmalers von Seele, bot der Stadt Hüfingen das Selbstbildnis des Künstlers als Geschenk an. Oberamt-mann J. C. F. Eckhard schrieb am 1. Dezember 1846 an das „Wohllobliche Stadtpfarramt und Bürgermeisteramt Hüfingen:

Seit mehr als dreißig Jahren besitze ich ein sehr gutes Gemälde, von dem in Stuttgart verlebten Königl. Württembergischen Galeriedirektor Seele, der ein guter Bekannter von mir war, in Ol auf Leinwand gemalt.

Es ist sein eigenes Portrait in jugendlichen Zügen, ein Brustbild in Lebensgröße. Die Tafel, ohne den Rahmen, hat eine Höhe von 22, und eine Breite von 18 Bad. Zollen. Der Rahmen ist von hartem Holze, mit Goldverzierung. Die Beschränktheit meines Raums in der Wohnung, und die Beschaffenheit ihrer Gelasse, nötigen mich, seit längerer Zeit einen ziemlichen Teil meiner Tableaux unaufgehängt zu lassen, und versagen mir leider auch insbesondere das Vergnügen, das gedachte Bild als Zimmerzierde verwenden zu können.

Seele war meines Wissens ein geborener Hüfinger und der liberale Stifter des vortrefflichen Altarblattes in die vaterörtliche Pfarrkirche, eines Werkes seines schöpferischen Geistes und seiner ausgezeichneten künstlerischen Führung des Pinsels, eines Werkes, dessen Anblick die Bewunderung der Kenner und Nichtkenner erregt – Sollte dem Bildnisse des genialen Künstlers nicht auch ein schickliches Plätzchen in der Stadt vergönnt sein, wo erstmals er das Tageslicht sah, und wo in des Tempels heiliger Halle noch heute eines seiner klassischen Gebilde weilt, – Zeuge seiner Kunst und seiner Pietät?…Und wäre sohin unter den gegebenen Beziehungen dessen doreitigen Besitz nicht wünschenswert? –

In diesen Betrachtungen erlaube ich mir, der Person oder der Corporation, welcher das Altarbild verehrt wurde, das fragliche Bildnis als ein geringes Zeichen meiner Hochschätzung anmit – in Schenkungsweise – anzubieten.

Wenn sie diese kleine wohlgemeinte Gabe genehmigen, so belieben Sie Jemanden hier zu benennen, welchem ich das Gemälde zur Überschickung einhändigen kann; andernfalls sehe ich kurzer gefälligen Außerung entgegen.”

Schon am 11. Dezember 1846 gaben Stadtpfarrer Hufschmid und Bürgermeister Hug in einem gemeinsamen Schreiben dem „Wohlgeborenen, hochzuverehrenden Herrn Oberamtmann Eckhard in Engen” nachstehende überschwängliche Antwort:

Ihr verehrtes Schreiben vom 1. ds. Mts. hat uns ganz überrascht und mit Freude und Dank kommen wir demselben durch gegenseitige Antwort entgegen.

Galeriedirektor von Seele ist geborener Hüfinger und hat seiner Vaterstadt Hüfingen, oder ihrer Bürgerschaft, das in hiesiger Pfarrkirche aufgehängte Altarblatt, Christus am Kreuz, mit der ausdrücklichen Bedingung geschenkt, daß dasselbe nirgends anders, als nur in hiesiger Pfarrkirche verwendet werden dürfe. Darüber haben wir eine Schenkungsurkunde und dabei eine von Seele selbst geschriebene Biographie, in welcher der Künstler selbst den Anfang und die Ausbildung seiner Kunst bezeichnet. Sowohl jene als diese sind im Gemeindearchiv deponiert, von Seeles Altarblatt hängt etwa seit 1812 in hiesiger Pfarrkirche, als eine Zierde der hiesigen Gegend, als ein Kunstwerk, welches europäischen Ruhm hat. Aus Sorgfalt sahen wir uns veranlaßt, das Altarblatt mit Genehmigung der hohen Regierung durch einen von derselben bestimmten Maler vor einigen Monaten reinigen zu lassen. Vierzig Jahre mögen vorübergehen, bis diese Arbeit wieder notwendig wird und wir werden auch in Hinsicht des Lichtes noch mehr tun, um das Kunstblatt unseres Künstlers in unserem freundlichen Tempel noch mehr zu heben, wohl wissend, daß Wenige von Bildung unsere Stadt passieren, ohne nicht auch dasselbe in unserer Kirche bewundert zu haben.

In Erwägung des Angeführten ist es uns eine freudenvolle Überraschung, in Zukunft nicht nur das Kunstblatt von Seele, sondern auch sein eigenes Portrait zu besitzen, das Sie, hochzuverehrender Herr Oberamtmann, an unsere Stadt, oder an ihre Bürgerschaft, schenkungsweise abzutreten die große Güte haben.

Im Namen derselben nehmen wir mit Freude und Dank das werte Geschenk aus Ihren Händen uns bleibend zur dankbaren Erinnerung an Ihr ausgezeichnetes Wohlwollen. Wir haben bereits demselben den Platz im Gemeindezimmer des hiesigen Rathauses bestimmt; v. Seeles Kunstblatt als Eigentum der Bürgerschaft hat den ersten Platz in der Pfarrkirche und v. Seeles Potrait soll den ersten Platz im Gemeindzimmer haben, eines soll an das andere und zugleich an die verehrten Gaben erinnern. Ihr verehrtes Schreiben wird von Seeles Schenkungsurkunde und Biographie angeschlossen. Hochzuverehren-dem Herrn Oberamtsmann stellen wir nun die gehorsamste Bitte, von Seeles Portrait an Herrn Bezirksamtmann Ganter zu verabfolgen, welcher den Transport hierher weiter besorgen wird.
Wir wiederholen nochmals unsern Dank und versichern unsere ausgezeichnete Verehrung und Hochachtung.”

Es war fürwahr ein prächtiges Weihnachtsgeschenk, das der selbstlose Oberamtmann Eckhard den Hüfingern verehrte. Bürgermeister Hug und Ratschreiber Ambros schrieben nun auf die Schenkungsurkunde des Altarbildes den Zusatz: „Am 1. Dezember 1846 wurde uns durch Herrn Oberamtmann J. C.F. Eckard in Engen das Bildnis des Stifters des in obiger Urkunde bezeichneten Altarblattes J. B. von Seele als Schenkung verehrt und am Sonntag, 27. Dezember 1846, dasselbe im Rathaussaale aufgehängt, der versammelten Bürgerschaft das erhaltene Schreiben von Herrn Oberamtmann Eckard, die Wohl-demselben hierauf erteilte Antwort und sodann die Schenkungsurkunde des Altarblatts verlesen.

Auf der Rückseite des der Stadt geschenkten Portraits von Seele schrieb Eckhard:

Bildnis des Malers und nachherigen könig. Württemberg. Galleriedirectors
J. von Seele von Hüfingen
von ihm selbst gemalt.

Ein Geschenk an die Stadt- und Kirchengemeinde Hüfingen als ein kleines Zeichen seiner besonderen Hochachtung von den Großh. Bad. Oberamtmann J. C. F. Eckhard zu Engen; in der Kindheit Bewohner des Fürstlichen Schlosses zu Hüfingen und damahls oft Gespiele des Knaben Johann Baptist Seele.

1846″

Die Schrecknisse des Krieges 1939/1945 sind nicht spurlos an der hiesigen Stadtkirche vorbeigegangen. Sämtliche Kirchenfenster, dabei leider auch die mit den Glasmalereien des in München verstorbenen Hüfinger Künstlers Fridolin Heinemann (1859-1926), gingen in Scherben. Das Altarbild aber blieb heil und unversehrt.

Das künstlerische Schaffen von von Seeles wurde immer wieder von Kunstkennern hervorragend gewürdigt. In der württembergischen Kunstgeschichte ist von Seele als Schlachtenmaler in die Reihe der Großen gestellt. Sein Werk: „Die schwäbische Reiterattacke”, das er im Jahre 1810 vollendete, gehöre zu den allerbesten Kriegsbildern, welche die neue deutsche Malerei überhaupt hervorgebracht habe; es sei eine Leistung ersten Ranges.

Daß dem Hofmaler von Seele das künstlerische Schaffen von Soldaten- und Schlachtenbildern eher lag, als das mit religiösen Motiven, dürfte wohl keine Frage sein.

Wir Hüfinger, die wir das Hochaltarbild vom ersten Augenblick des Betrachtens an als Selbstverständlichkeit gewohnt sind, sollen und wollen nicht vergessen, daß ein großer Meister der Farben und des Pinsels uns dieses so wertvolle Bild malte, und daß Johann Baptist von Seele von wahrhafter Liebe zu seinem traulichen Städtchen Hüfingen und zu unseren Vorfahren durchdrungen war.

Zum 100. Gedenktage der Schenkung des Altarbildes im Jahre 1912, brachte das Donaueschinger Wochenblatt folgenden Bericht aus Hüfingen:

Hundert Jahre sind es, seitdem unser Gotteshaus mit einem hervorragenden Kunstwerke, das weit über die Grenzen des Bezirk bekannt ist und die Bewunderung der Kenner erregt, geschmückt wurde. Dieses Kunstwerk ist eine Schöpfung des Königl. Württbg. Hofmalers und Galeriedirektors Joh. Bapt. von Seele in Stuttgart, (Ritter des Königl. Verdienstordens), der in Meßkirch das Licht der Welt erblickte und seine ersten Jugendjahre in der Amtsstadt Hüfingen zugebracht hat.

Nach der im städtischen Archive verwahrten Schenkungsurkunde vom 30. Mai 1812 hat der geniale Künstler und edle Spender aus Liebe für die Bewohner der Stadt Hüfingen dieses Gemälde, darstellend den am Kreuze hängenden Christus und unter demselben die Gottesmutter Maria, den Jünger Johannes und die büllende Magdalena mit der ausdrücklichen Bestimmung gefertigt, daß das Bild zwar in der Pfarrkirche dahier über dem Hochaltar aufgemacht, allein nie ein Eigentum der Kirche oder der Kirchenfabrik werden, sondern den wirklichen Inwohnern Hüfingens, ihren Erben und Nachkommen solange sie dahier wohnen als eine Schenkung zugehören solle. Die Rahme um das Bild, das 14 Schuh Länge und 8 Schuh Breite mißt, wurde von Schreinermeister Johann Bausch dahier und der Strahlenaufsatz von Hofbildhauer Ignatz Brunner von Geisingen für Rechnung der hiesigen Bürgerschaft angefertigt. Die Vergoldung hat der Faßmaler und Amtsdiener Johann Gleichauf von hier ausgeführt. Dieselbe wurde von der Durchlauchtigsten verwitweten Fürstin Elisabeth zu Fürstenberg geborene Fürstin von Thurn und Taxis, zur Bezeugung höchst Ihrer Zufriedenheit mit den Hüfinger Bürgern bezahlt.
Im Jahre 1846 ist die Stadt Hüfingen von J.C.F. Eckhard, Oberamtmann in Engen, abermals erfreut und beehrt worden durch die Schenkung eines in Ol auf Leinwand gemalten Bildes. Es ist ein eigenes Portrait des Galeriedirektors von Seele in jugendlichen Zügen, ein Brustbild in Lebensgröße. Dieses sowie ein eigenhändig geschriebener Lebenslauf von Seele ist im Rathaus hier in sorgfältiger Verwahrung.”

Die Lebensgeschichte von Seele, die als eine Kostbarkeit betrachtet werden kann, wurde von seinem Onkel, Gefällverwalter Wölfle, in Hüfingen niedergeschrieben und wird mit der Schenkungsurkunde des Altarbildes im hiesigen Rathaus sorgfältigst aufbewahrt. Der Hüfinger Maler und Schriftsteller Lucian Reich (1817-1900) hat sie in seinem 1855 erschienenen Buch „Wanderblüten” ungekürzt wieder-gegeben.

Im „Ekkhart Jahrbuch für das Badner Land 1968″ des Vereins Badische Heimat, Freiburg/Brsg., wurde die Seele’sche Biographie ebenfalls im vollen Wortlaut mit etlichen Illustrationen und dem Selbstbildnis von Seele gebracht.
Wissenswert sind nun wohl auch die kurzen Angaben zu den einzelnen Personen, die im Zusammenhang mit Seele und seinem Altarbild standen.
Johann Baptist Seele wurde am 27. Juni 1774 zu Meßkirch (also nicht in Hüfingen) als Sohn des Franz Xaver Seele, Fürstl. Fürstbg. Soldat, und der Maria Anna Wölfin geboren. Schon als zweijähriges Kind kam er nach Hüfingen und verbrachte hier seine Jugendzeit bis 1789, wo er „Ende des September unter tausend Tränen und Segnungen der Mutter das väterliche Haus verließ”. Auf dem Titelblatt der Lebensbeschreibung steht, daß der „Königlich Württembergische Hofmahler und Gallerie Director zu Stuttgart, von Seele, zum Denkmal das Altarblatt Christus am Kreuz seinem zweiten Vaterort Hüfingen unentgeltlich gemahlt hat 1812” .

Väterlicherseits stammte die Familie Seele ja ursprünglich aus Italien und hieß Francelli la Salle bei Aosta. Daraus wurde dann la Sale, Sele, bis zu Seele. Das sehr lebhafte Temperament des Künstlers erklärt sich dann auch ganz gut aus solch romanischem Bluteinschlag.

Johannes Wölflin, der Onkel Seeles, war Großh. Badischer Gefällverwalter, geboren am 21. Juli 1751 zu Hüfingen und starb hier am 6. Oktober 1821. Seine Eltern waren: Joh. Bapt. Wölflin, Soldat, und Maria Barbara Zinsmayer.

Der Jugendfreund Seeles, J.C.F. Eckhard, Großh. Bad. Oberamtmann zu Engen war sehr wahrscheinlich ein Sohn des Fürstl. Fürstbg. Forstinspektors Jakob Eckhard aus Geisingen und der Maria Josefa geb. Haiz. Jakob Eckhard starb hier am 22. September 1846, 81 Jahre alt.

Franz Xaver Stuckle, geboren um 1769, war von Beruf Uhrmacher und in erster Ehe mit Maria Ursula Rhein, († 1805, 32 Jahre alt) in zweiter Ehe aber mit Barbara Maus aus Tengen verheiratet, die 1854 in Schaffhausen starb.
Aus der ersten Ehe gingen sechs und aus seiner zweiten Ehe zwölf Kinder hervor. Trotz dieser 18 Nachkommen ist das Geschlecht in Hüfingen ausgestorben. Schultheiß Stuckle starb hier am 19. August 1849.

Johann Gleichauf, Faßmaler (Vergolder) und Amtsdiener, geboren am 4. Februar 1764 verheiratete sich mit Anna Maria Schelble (1760-1800), aus deren Sippe später der berühmte Wiener Hofsänger und nachherige Direktor des Cäcilienvereins in Frankfurt am Main, Johann Nepomuk Schelble (1789-1837) hervorging.

Die Eheleute Gleichauf waren die Großeltern des Hüfinger Historien-und Trachtenmalers Rudolf Gleichauf (1826-1896).

Die Künstlerfamilien Schelble – Reich – Gleichauf und Heinemann waren allesamt miteinander verschwistert und verschwägert. In mehreren Veröffentlichungen, Kunstbesprechungen und Lebensbeschreibungen wurde und wird ihrer immer wieder rühmend und ehrend gedacht.

Möge ihr großes und so wertvolles Erbe, das Gedenken an diese „Hüfinger Künstlerkolonie”, vorab in ihrer von ihnen so geliebten Baarheimat, stets wachgehalten werden.

Gottfried Schafbuch im Jahr 1972

Die Schächerkapelle

Eine erste Version des Beitrags über die Schächerkapelle war im Sommer 2019

Bräunlinger mappa aus dem Jahr 1620

Vermutlich wurde die Schächerkapelle in den Jahren 1608/1609 erbaut, sicher vor dem 30-jährigen Krieg.
Im Jahr 1622 ist erstmals von einem „Cruzifix- oder Schächerhäuslein“ die Rede. Auch auf der Bräunlinger mappa ist ein Kreuz mit einem Häuslein eingezeichnet. Die Entstehung und die Herleitung des Namens sind weitgehend ungeklärt. Zwar gibt es das mittelalterliche Wort „Schächer“, was so viel heißt wie „Räuber, Verbrecher“, und auch eine Verbindung zu den Sühnekreuzen ist denkbar. Beides jedoch ist nicht belegt.*

Traditionsgemäß stehen solche Kapellen an den Verbindungsstrassen als Zufluchtsorte für von Unwettern bedrohte Wanderer. Eine noch heute lesbare Inschrift an der Kapelle lautet:

„In Sturm und Wetter,
Sei Gott mein Retter.
In Krieg und Frieden
Sei uns sein Schutz beschieden.“

Die Schächerkapelle gezeichnet von Dennig-Ruh 1967

Die Schächerkapelle von Gottfried Schafbuch

Die Schächerkapelle gezeichnet von Franz Wintermantel 1972
Die Schächerkapelle gezeichnet von Franz Wintermantel 1972

„Anfangs Mai 1916 wurde durch den Fürstlich Fürstenbergischen Archivrat Dr. Tumbült, Donaueschingen, und Bürgermeister Bausch, Hüfingen, das Eigentumsverhältnis der Schächerkapelle an der Straße nach Donaueschingen festgestellt.
Es ging damals um die Bezahlung der Kosten für die notwendige Instandsetzung der seiner Zeit ziemlich verwahrlost gewesenen Kapelle.
In der Niederschrift der Verhandlung wird erwähnt, daß die Schächerkapelle seit Menschengedenken aus Mitteln wohltätiger Stifter baulich unterhalten wurde, da niemand Eigentümer des Heiligtums sein wollte.

Vermutlich wurde die Kapelle in den Jahren 1608/09 erbaut. Bis etwa 1864 befand sich in der hiesigen Schächerkapelle ein Kruzifix aus Gips, das nachts von einem betrunkenen Gotteslästerer aus Allmendshofen blindlings total zerstört wurde. Da kein Eigentümer der Kapelle vorhanden war und die Mittel für ein neues Kruzifix sehr spärlich eingingen, hatte Prinzessin Elise zu Fürstenberg das jetzt noch vorhandene Christusbild aus Eisenguß und in Gold gefaßt, gestiftet.

Bei der Nachforschung nach dem Eigentümer der Schächerkapelle wurde festgestellt, daß auf der Bannkarte vom Jahre 1788 der Standort der Kapelle angegeben ist; merkwürdigerweise läßt sich aber im Urbarium vom gleichen Jahr ein Eigentümer nicht feststellen. Das Gelände war wohl Fürstliches Herrschaftsfeld, doch wurde bei einer Flurvermessung der Zipfel, auf dem die Schächerkapelle steht, mit dem Gemeindegrundstück Hochstraße vereinigt und ist somit Eigentum der Stadt Hüfingen.

In seiner Sitzung am 3. August 1917 faßte der Hüfinger Gemeinderat folgenden Beschluß:

„Nachdem die im Mai 1916 vorgenommene Nachforschung nach dem Eigentimer der Schächerkapelle ergeben hat, daß die Kapelle bei der Katastervermessung mit dem Gemeindegrundstück Hochstraße vereinigt wurde und somit die Gemeinde Hüfingen zweifellos Eigentümerin der Schächerkapelle ist, wird dieselbe als Eigentum hiesiger Gemeinde anerkannt.“

Die zwei mächtigen Silberpappeln samt dem Hasenwäldle werden bei klarem Wetter selbst vom Wartenberg, wie auch vom Fürstenberg aus gesehen.

Bei der 1968/69 erfolgten Instandsetzung der Schächerkapelle wurden dem Kruzifix rechts und links die hiesigen Kirchenpatrone. St. Verena und St. Gallus, beigegeben. Diese beiden Figuren standen ehedem auf dem Hauptaltar der Stadtkirche.“

Selbst von einer sagenhaften Gestalt, die späten Heimkehrern begegnet, ist seit eh und je die Rede. Ein unbekannt gebliebener Poet hinterließ uns nachstehendes Gedicht über die Schächerkatze:

Dert, wo de Weag gi Eschinge goht,
zwischet zwo große Pappele schtoht
e Käpelli,’s ischt suuber und nätt,
ech mecht nuu wisse, wears gschtiftet hätt.
I dem Käpelli seit mer Schächer bi iis,
es hätt en goldige Herrgott im Ghiis.
Und d’Bämm, die schtond scho meh als hundert Johr,
drum sieht mer’s au fascht i de ganze Boor.
Meng Wiibervolk und au menge Maa,
die Kummer, Sorge und Kriiz hond khaa,
sind i des Käpelli inni gruckt,
hond andächtig drinn ere Load verdruckt.
Duet Sankt Petrus emol e Wätter loslau,
no ka mer ganz rüejig drinn unterschtau.
Doch ischt es bim Schäer scho gfähli gsii

Gottfried Schafbuch in Bii Boor – Mii Hoamet 1972

D’Schächerkatzen
https://www.narrenzunft-huefingen/Schaecherkatze

Aus der Chronik von 1984

Hermann Lauer ist der Meinung, dass das Schächerkreuz an der Straße nach Donaueschingen in den Jahren kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg entstand. Tatsächlich ist im Jahre 1622 erstmals vom »Crucifix- oder Schächerhäußlein« die Rede. Demnach bestand die Kapelle bereits in jenem Jahr.

Während sich die Bedeutung der Schächerkapelle im Schächer von Fürstenberg, erklären läßt, ist die Herkunft der kleinen Kapelle am Ausgang Hüfingens in Richtung Donaueschingen ungeklärt. Zwar ist der »Schächer« aus dem Mittelhochdeutschen herzuleiten und bedeutet soviel wie »Räuber, Verbrecher«, aber auch in diesem Zusammenhang ist eine Deutung nicht zu finden. Möglicherweise steht der Hüfinger »Schächer« mit den Sühnekreuzen in Verbindung.

Unter Pfarrer Rudolf Rauber haben 1909 die Gebrüder Marmon, Bildhauer-Atelier in Sigmaringen, den jetzigen Altaraufbau mit Tabernakel und Verena- und Gallusfigur angefertigt. 1960 wurden die Figuren der hl. Verena und Gallus in der Schächerkapelle untergebracht, 1993 jedoch im Auftrag von Herrn Dekan Andreas Huber wieder zurückgeholt und neben dem Altar aufgestellt, wo früher die Beichtstühle waren.

Die Kapelle war nach dem Ende der napoleonischen Kriege dem Verfall nahe. Da aber nicht klar war, wem die Kapelle gehörte, wurde im Auftrag des Stadtrates eine Kollekte veranstaltet, um die kleine Kapelle reparieren zu können. Im Jahre 1838 aber stürzte das Gewölbe der Kapelle ein, weil es alt und baufällig gewesen war. Wieder wurde eine Kollekte durchgeführt und die Arbeit versteigert. Sie wurde von der Gemeinde zum Mindestgebot von 50 fl. vergeben. Nach Gottfried Schafbuch befand sich in der Kapelle ein Kruzifix aus Gips, das nachts von einem betrunkenen Gotteslästerer aus Allmendshofen zerstört worden sei. Da die Kapelle keinerlei Fundus besaß, war niemand für die Wiederherstellung offiziell zuständig. Prinzessin Elise zu Fürstenberg stiftete darum das heute noch vorhandene Kruzifix, das aus Eisenguss besteht und in Gold gefaßt wurde.

Während der folgenden Jahrzehnte verfiel die herrenlose Kapelle immer mehr, und während des Ersten Weltkrieges wurde die Renovierung immer dringender, aber ein Eigentümer der Kapelle war noch immer nicht bekannt. Darum versuchten Dr. Georg Tumbült, der bekannte fürstenbergische Archivrat, und Bürgermeister Bausch aus Hüfingen im Mai 1916 die Eigentumsverhältnisse zu klären. Es zeigte sich dabei, dass die Kapelle seit Menschengedenken von Wohltätern erhalten worden war. Es zeigte sich weiter, dass auf der Bannkarte aus dem Jahre 1788 zwar der Standort der Kapelle angegeben, im Urbar der Stadt Hüfingen jedoch kein Eintrag zu finden ist. Zwar befand sich die Kapelle auf Herrschaftsfeld, aber bei einer Feldvermessung wurde die Fläche, auf den die Kapelle steht, mit einem Gemeindegrundstück vereinigt. In einer Sitzung am 3. August 1917 anerkannte der Gemeinderat das Eigentum der Schächerkapelle.

Die kleine Kapelle zwischen den zwei mächtigen Silberpappeln wurde 1968/69 instand gesetzt. Links und rechts des Kruzifixes wurden die Statuen der hl. Verena und des hl. Gallus angebracht. Sie hatten einst ihren Platz wohl auf einem Hauptaltar der Hüfinger Pfarrkirche.

Die Figuren befinden sich heute wohl irgendwo in der Sakristei und dienten als Vorlage der Figuren die heute in St. Verena und Gallus stehen.

Vielen Dank an Matthias Sigwart.
(Am 10. August 2024 in den Kommentaren)

Die Heilige Verena in Verena und Gallus
Die heilige Verena und
der heilige Gallus in der Stadtkirche

Die zwei mächtigen Silberpappeln die bei klarem Wetter vom Wartenberg und auch vom Fürstenberg aus gesehen wurden:

Schächer im Herbst 1964
Alte Donaueschinger Strasse
in den 1970ern
Fotos: Karl Schweizer
hier die Reste im Sommer 2019

Quellen:
Die Chronik von Hüfingen von August Vetter (1984)
Mii Boor – Mii Hoamet von Gottfried Schafbuch (1972)
Kirchen und Kapellen in der Stadt Hüfingen von Dr. Maren Nickel (2006)

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