Geschichte aus der Baar von Lucian Reich 1845

Aus dem Deutschen Familienbuch zur Belehrung und Unterhaltung von 1845 


Der arme Konrad und des Vogts Mariann’

In den Wanderblühten gibt es ein Kapitel über Konrad das ich in drei Beiträge unterteilt hatte:

Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog
Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen
Wanderblühten – Kindheit in Hüfingen – Liebe Mariann

Jetzt hatte ich im Deutschen Familienbuch zur Belehrung und Unterhaltung von 1845 den Artikel “Der arme Konrad und des Vogts Mariann` Geschichte aus der Baar. Mit einer Zeichnung von Lucian Reich” gefunden.

Der arme Konrad und des Vogts Mariann’
Geschichte aus der Baar.
Mit einer Zeichnung von Lucian Reich.

Was habt Ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebstes Bübchen! Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimlich aus! Ja, eine ganze Heimath, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, die Baar, die an den Schwarzwald stößt. – Wie still

und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchem die Seele der jungen Mutter athmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das den kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitet sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräthe, und hat sich auch des behaglichen Hausthiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüsselchen rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch …

Bild aus dem Deutschen Familienbuch 1845

Bild aus den Wanderblühten 1855

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das offene Fenster haucht die frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nöthig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. — Wißt Ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in den Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht auch aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“, wie Gottfried von Straßburg sagt! nein, wir wollens frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.

Das kann schon werden, sagt er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypsernen Venus emporkräuselt.

Bild mit dem Hüfinger Künstlerkreis um den Tisch

Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal. Jetzt handelt es ſich darum, ihn weiter zu fördern.

Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: damit iſt alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke oder mit der Kugelmütze in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele Ernst geweſen ist.

Gedicht von Johann Peter Hebel

Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Engeln überlasen, nach welchen ſeine Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er ſeine erste Selbstständigkeit erlangt hat.

Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in der Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschoß herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muß er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hauſe „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den „Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hauſe sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim obern Bierhaus iſt’s lebendig; dort liegen die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.

Was wird denn gespielt?
Es wird gekegelt und gespengelt.

Nach dem Kugelſpiel brauch’ ich nicht zu fragen; aber das Spengeln, das ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen.

Das ist halt wie in England. Nur die zwei besten Spieler schieben die Kugeln, und die andern wetten auf sie. Das letztere aber heißt man Spengeln.

Warum?
Weiß nit.

Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem silberbeschlagenen Buche gelesen hat.

Meinethalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musiciren. Aber an Regensonntagen, da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick 

Zwick! das ist mir schon wieder eine unbekannte Gegend.

So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur.

Jetzt weiß ich, wo ich dran bin. Das iſt die Treibschnur; die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt.

O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht. Das iſt andre Arbeit.

Nun, was hilft’s? Die Freude wird auch nicht ewig währen. Wenn Hölty ſagt:

Bald sitzeſt du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero
Verschimmeltes Latein,

Die Knabenzeit von Franz Schubert

so ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in der Kugelmütze oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muß, und die Sonne scheint o lustig draußen, daß es einem wie Quecksilber durch alle Adern rinnt. —

Ja, das ist halt freilich eine harte Nuß. Wollen froh sein, daß wir sie durchgeknackt haben. Uebrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.

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Ja, im Winter thut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Marbel, Ball und andre Ergötzungen, und in der Schule selbst führten wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.

Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darfs mein Konrad nicht bringen; auch muß er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich’s da nicht um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge, als da sind die Geschichten vom frommen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgi“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt.

Halt — kann er denn die Mädchen leiden?

Das nicht gerade. Vielmehr zöpft und ropft er sie, schenkt und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist’s ihm ein „gemähtes Mieele.“ Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei’s auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen. An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.

Noch einmal Halt — Ist keine darunter, die er — wie soll ich mich ausdrücken? — so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wißt schon — es gibt Fälle, man hat Beispiele.

Allenmal ist so eine drunter, das versteht sich.

Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name thut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigenthümlich besonders nicht leiden kann.

Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang.

Also Marianne?

Des reichen Vogts Marianneli. Die jagt er immer am hitzigsten, die kneipt er am ärgsten, wenn er sie erwischen kann.

Und doch hat sie ihm gewiß nie etwas zu Leide gethan.

Bewahre, sie könnte seine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das feine freundliche Mädli nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kamerädinnen ist.

Doch kann das im Stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, daß sie ein wenig vornehmer ist als er.

Freilich thut er das, und ich will gleich so einen Zug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützt diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s Herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh’ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kamerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann’, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solches sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins? — Grad’ dir schenk’ ich keins, sagt er: warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in einem Schopf Tabak rauchten? — Ich kann ja aber nichts dafür, sagt sie, und die Thränen stehen ihr in den Augen, daß sie allein leer ausgehen soll. — Kauf dir eins, sagt er, ihr seyd ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache.

Sie sieht ihn aber nicht an?

Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule unten an der Hausthür auf sie, und sagt: da, Mariann’, ich schenk dir’s doch. — Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich’s auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. — Nachher ist sie aber gleich wieder gut.

Da muß er übrigens doch noch etwas extra thun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen.

Ja, nach seiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehentscheuer. Es wird hin und her gerathen, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben austheilen, sagt endlich der Konrad.

Das ist, schätz’ ich wohl, „Engel und Teufel“?

Ja, es kommt auf eins heraus. Die Kinder sitzen im Kreis, eines theilt die Farben oder Blumen aus, ein andres stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum andern und sagt ihm in’s Ohr: du bist eine rothe Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke, und so weiter. Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt’s: du bist ein Schlehenbusch, …

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du eine Brennnessel, du eine grüne Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. — Wer ist drauß? fragt die Austheilerin. — Der Engel mit dem Schein. — Herein. Was hätt’ Er gern? — Eine Farb’. — Was für eine? — Eine weiße Ros’. — Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel —

Den macht unser Konrad?

Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappendeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. — Wer ist drauß? — Der Teufel mit der Schürgabel. — Was hätt’ Er gern? — Nun bekommt auch der Teufel seinen Antheil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappen entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz alles Rathens nicht auf die rechte Farbe kommen kann. Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann’ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumennamen nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muß es sich noch gefallen lassen, daß die Seele, nach der er vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wüthend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorübermarschirenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann’ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten.

Zarte Aufmerksamkeit!

Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne ein Zeternmordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster heraus. Was gibt’s? — Der Konrad hat die Mariann’ in’s Gesicht geschlagen, daß sie blutet. — Hab’ ich dir nicht schon oft genug gesagt, du sollest nichts mit dem Roßer haben?

Welche Demüthigung für seine satanische Majestät!

Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Säule vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrenstiteln hinnimmt, faßt ihn eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in die Arbeit.

Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen!

Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem ge­strengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer der Buben führt, zählt er ihm noch etliche aus dem Ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich in’s Bett. — Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, die Prügel braucht ihm hernach der Amtsdiener nicht mehr zu geben, es ist besser, er hat sie von mir. — Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.

Wenn er das vorherwüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der er hier so harmlos träumt. Da kann man wohl sagen, wie es in der Glocke heißt:

Ihm ruhen noch im Zeitenschosse
Die schwarzen und die heitern Loose.

Freilich wohl. Wenn ich so einen kleinen runden Kinderkopf sehe, so pflege ich immer zu denken: Du wirst der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.

Und doch, wie klein sind die Anfälle, über die wir zuerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Thränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!

Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.

Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsern Augen das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihren vollkommenen Gestalten, die wir in Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist manches böse Fädchen verschwunden, das uns so wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut; denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornehmlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. — Aber nun webt mir für unsern Schützling einige freundliche Fäden ein.

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Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig thut mir’s leid, daß ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die rechten grauen und schwarzen; denn es nöthigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.

Ihr seyd unerbittlich wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.

Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen; denn seine Eltern sind sehr arm.

Wie? da sagt Euer Bübchen die Wahrheit nicht. Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armuth, und das Zimmer sieht ja so blankgescheuert und wohlhabend aus.

Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichthum, gilt aber doch nichts im Pfandbuche, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Hause aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unsern Konrad, wenn er in Armuth aufwächst?

Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus.

Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet sich auf dem Felde krumm, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht dreizehn Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.

Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so gräßlich auf! Wie und wo kommt denn der um’s Leben?

Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge.

Halt, halt, Meister Lucian, man muß den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, so lange es mit Ehren geschehen kann. Oder — ja, nun merk ich’s — Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während Ihr mir weiß macht, daß Ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecke der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.

Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich Euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus dem abnehmen, was —

Was etwa seinem Vater geschehen ist?

Nun, ich will nur so viel sagen, daß ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes, und daß ich, dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelrohr vor das zugedrückte Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; denn ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.

Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchel und theilt es mit; ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.

Darauf legt Meister Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.

—

Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stückchen blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Mariens ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsre liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.

Den Beweis hiefür mögen Wetter- und andre Propheten führen. So viel ist entschieden gewiß, daß Anno Damals am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blaue Himmel sich über dem alten Städtchen Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Thore gesegnet; auch hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf den Gartengehegen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüth geradezu Hosen zu nennen wagt; sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fang­schnüren. In der Ferne hörte …

Jakobsfahne vom Hofmaler Weiss

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man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen abgelegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen, denn dies sind die Stadtfarben, ausgestopft. Wer im Feld zu thun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte seinen Tschako noch lasiren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefeln, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.

Wenn es nur auch so hält, sagte der alte Hafnermeister, indem er seinen Gappeurdbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig herausstaffirte.

Es bleibt gut, bemerkte sein Nachbar, der kassianene Gerbermeister. Mein Laubfrosch sitzt schon seit vorgestern früh hoch oben auf der Leiter, und das Männli am Rathhausfähnli läßt gutes Wetter supponiren.

Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben, erwiderte der Andere.

Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Stadt- und Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit großer Herrlichkeit begangen wird. Dieser Tag ist für die ganze Baar ein Volksfest, zu welchem von nah und fern Gäste herbeiströmen. Nicht wenig trägt zum Glanze des Tages das Bürgermilitär bei, das auch in der ganzen Gegend als das beste im Exerciren und Marschiren berühmt ist. Kein andres Corps feuert so präcis. Die Salven sind meist Ein Schlag; wunder selten schießt einer vor, und wenn je einer nachschießt, so trägt gewiß nicht er, sondern das schlechte Pulver oder das große Zündloch die Schuld. Die türkische Musik ist von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs Trefflichste eingeübt, und wer sie spielen hört, sollte nicht glauben, daß die Hände, welche diese Instrumente so fertig behandeln, meist mit schweren Feld- oder Handarbeiten überladen sind.

Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberst, der treffliche Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah er aus, wenn er im goldbordirten Hute mit den grünen Hahnenfedern vor der Fronte stand.

Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marti, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne seine Kleider ziehe oder der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bube in der Eigenschaft eines Feldjägers athem­los und schweigend dahergelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn. Gedachter Marti war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte; und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerciren gründlich studirt bei den Oesterreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, daß selbst der Major „das Meiste von ihm habe.“ Gleich! sagte er, gleich werd’ ich erscheinen. Er rückte noch einmal sein Gewaffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger bei dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgercorps in Reih’ und Glied und begann sämmtliche Schwenkungen und Märsche, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinterher aber zog ein Haufe Buben mit Bohnenstengeln statt der Gewehre, und machte alle Exercitien glücklich nach.

Stellt euch, sagte der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren, stellt euch nur morgen auch alle präcis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, daß wir den alten Ruhm der Hüfinger Bürgergarde nicht einbüßen.

Litographie von Josef Burkhard dem Hüfinger Bürgermeister im frühen 19. Jahrhundert.

Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwaibel Marti und den alten Corporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauten zu: Ihr Leut’, ich fürchte, daß uns die Zwei — hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin — morgen bei der Salve Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer ist, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten. — Herr Major, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: das wird’s nicht wohl thun; wir erzürnen die Leutle. Ich weiß ein besser Mittel, laßt nur mich machen. Morgen, bevor und daß wir einmarschiren, will ich thun, als visitire ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Seilstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut’ haben ihr Plaisir. — Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandirte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Bohnenstengeln heimtragen durften.

Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Bursche die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf dem Rücken, kam aus dem Felde. Der andre schien auf der Reise …

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begriffen zu sein; er mochte etwa vier und zwanzig Jahre zählen, ein strammer Bursche mit braunem Haar und röthlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit hergehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: über den neuen schwarzen Lederhosen die neue grüne Sammthaube, die man in unserer Gegend „Schoopen“ heißt. In der Hand trug er eine schwanke Haselnußgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken Hieb, der vor ihnen hertanzte.

Aber Konrad, sagte der mit der Sense, das kann ich dir sagen, seit du in der Neustadt bist, kennt man dich fast nicht mehr; du bist ein Weltkerle geworden.

Drum schmeckt mir Essen und Trinken, erwiderte der im Sonntagsstaat, und überflüssige Sorgen mach’ ich mir auch keine.

Ja, wenn nur eine Gewisse nicht wär’!

Geh mir weg mit dem Geschwätz, Franzsepp! rief der Konrad. Was soll denn das für eine Gewisse sein? Vom Hörensagen lügt man gern. — Er brachte schnell das Gespräch auf eine andre Materie, und als sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so daß man die vergoldeten Zeiger der Thurmuhr sehen konnte, machte er ein paar von den blanken runden Knöpfen an der rothen Weste auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kir­chenuhr. Sechs Uhr! sagte er. Die geht eine halbe Stunde früher, als die Neustädterin. Sechse, Siebene — bis um Achte bin ich daheim.

Ei was! kannst’s auch Neune werden lassen, rief der Franzsepp. Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler mit einander trinken, denn so jung kommen wir doch nit mehr zusammen.

Nichts da, viel Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!

Aha, der Mensch will heim! Das muß ja ein großmächtiges Herzgesperr sein, und das Zugpflaster darauf noch größer, weil’s dich so völlig in’s Heimwesen zieht. Aber morgen kommst doch zum Fest?

Freili, freili! rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Thore über die Breg führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen, wenn sie kaum den Löffel gewischt haben, wandern sie in aller Seelenruhe zum Thore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht es sich ja gar so gut von allem, was die Woche über passirt, von Altem und Neuem, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen; sie kommt auch wohlfeiler als die im Wirthshause. — Heute, an einem so geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit undenklichen Zeiten in Stein ausgehauen auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und verdrießlicher Miene sah er wie immer dem Lauf der Breg nach, und hatte seine gewöhnliche Laune nicht abgelegt.

Alt Hüfingen mit deer Breg

Der Wanderer verließ die Brücke und ging den Bußweg hin, der durch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegenden, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindigkeit oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zogen sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde: denn nachdem die Betglocken, welche der Umgegend den kommenden Festtag verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathhausstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.

Was trieb ihn denn so vorwärts und was hieß ihn immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinen Eltern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an lange Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschten? oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ihn der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? — Hier ist nun der Ort, wo Ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündchen von Hüfingen zu dem Bauernorte zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und einen andern Weg einschlagen; wenn wir unsre Schritte fördern, so kommen wir immer noch zu gleicher Zeit mit ihm an.

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Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen.

Richtig. Der Marsch ist nicht so weit als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein Vater aus Rußland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der dreizehnjährige Waisenknabe nur noch einen einzigen Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß, und verheirathete sich später nach Neustadt. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihn ein Verwandter zu sich, der seine Rinder hatte, aber sehr vermöglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf einem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegt; im Uebrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Der Krieg hatte ihm, wie noch manchem andern, Kreuz und Herzeleid gebracht und Wagen und Rosse genommen. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt; auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der That im Stande gewesen, „die Haut um ihren Balg zu schinden“. Dieser trockene einsilbige Vetter und dieses „genaue“ Weib waren nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und trübe Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, daß ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da es der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählig zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.

Dazumal waren noch die Roß- und Nachweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte glorreiche Roßbubenverfassung, welche seitdem auch von dem zerstörenden Geiste dieser Zeit umgekehrt worden ist. Da nämlich die jungen Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, daß sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektirt wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „auffuhren“, d. h. die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeines Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mußten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stilllieger“ und waren die Oberhäupter der andern. Sie lagen nämlich still, d. h. müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußten ihre Unterthanen alle Arbeit für sie thun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und absäumen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit Einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolks. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein dabei eingesetzt werden. So geschah es unserm Konrad, daß er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall that und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, daß er ein Stilllieger werden sollte. Der Barbier des Orts, der sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, ein wirklicher Pfleger an ihm wurde, volle Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.

Aber er hatte auch noch Muße, um andre Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein achtzehntes Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegt, die Mädchen des Dorfes mit andern Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, daß dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermuthet hätte. Was er auch thun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg.

Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareili mit den schönen rothen Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Grie­stony’s „zumpfere“ Agnes? Oder eine von des Egerte-Baschi’s? Keine von allen diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche er als Bub’ bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinen willen in Thränen zu sehen ihm ein Genuß gewesen war? Ja die, die war’s, des alten vermöglichen Vogts sein feines Marianneli, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei. Freilich hätte er ihr lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliche …

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Bildchen vor seine Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden sollte, denn er wußte wohl, daß Berg und Thal zwischen der Tochter des Vogts und einem armen Bauernknechte stand. Er konnte aber nicht; denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letzt angeschaut hatte, so daß es ihm dabei war, als sähe er in ein Paradies hinein. Ihr rother Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht so sehr zu seinen Gunsten auslegen.

Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammersfenster oben herausschauen durfte, da konnte er doch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, daß das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, niemand anders war, als das Marianneli. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpfchen ein klein wenig herum, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.

Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach Hüfingen, um das „Soldatenloos“ zu ziehen. Zu Fuße zogen sie aus; das ganze Dorf wünschte ihnen Heil und Glück. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der conscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammen genommen hatten, wieder zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen. Die meisten waren betrunken. Vorne auf dem Wagen saß ein Bursche, der den größten Strauß auf dem Hut und den größten Rausch darunter trug. Der lustige Zufall, daß bei der Ziehung Nummer Eins an ihn gekommen war, hatte ihn ganz ausgelassen gemacht. Deshalb ließ er sich’s auch gefallen, daß ihm die andern einen Bogen Papier, mit einer großen 1. bezeichnet, auf seinen Buckel hefteten; denn wenn er fidel war, so konnten seine Kameraden alle mit ihm treiben; fing er aber nicht von selbst an, so durfte es sich keiner herausnehmen, ihn zu spotten. Als der Wagen in’s Dorf herein und an dem Hause, an welchem die Mädchen bei einander standen, vorüber fuhr, schrie er diesen zu: Hell auf und glatt weg, ihr Jungfern! jetzt müßt ihr eure Hoffnungen auf mich fahren lassen. Viva ’s badisch Corps! Hierauf stimmte er das Lied an:

Wollt ihr wissen, wer ich bin?
Ich bin ein Soldatenkind,
Hab’ auch Lust zum Streiten.

Einer blies Klarinette dazu. Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf seine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: Verspielt! Nummer 17! entgegenhielt, da wurde die gute Mariann’ blaß bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm noch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.

Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft los gemacht hatte, ich bin froh, daß ich fort komme. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann’ kannst du dir keine Hoffnung machen. Sie ist hübsch — dazu reicher Leute Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, daß sie dich möchte, wenn du auch zehnmal heirathen könntest, einfältiger Kerl? Also nur fort — ich bin ein Unglückskind — fort, fort!

So hat schon oft einer gesagt, und ist dennoch daheim geblieben.

Hast du denn gar keinen Fehler? fragte ihn sein Vetter nach einigen Tagen, als er sich zur Visitation stellen mußte. — Zwanzig Jahre und kein Fehler! sagte die Riedbäurin dazwischen: das wär’ mir was! Jugend hat kein Tugend. — Von solchen Fehlern ist nicht die Red’, Annekäther, bemerkte der alte Riedbauer. — Keinen, daß ich weiß, erwiderte Konrad. Den linken Arm kann ich nicht mehr so stark biegen, seit ich ihn gebrochen habe. — Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben, sagte sein Pfleger. — Ja, dachte Konrad, ihr könnt lang warten; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.

Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt. Was ist’s denn mit dem Arm da? fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem andern Tone, als das Marianneli einst gefragt hatte. — Ich habe ihn vor zwei Jahren gebrochen. — Untauglich! hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonders kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, daß noch ganz andre Kerle vor der Thüre standen.

Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amtshause ging: das hab’ ich schon gemerkt, daß der Soldatenstand just kein Schlaraffen ist. — Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in der Abstandsbude unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte…

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er in den Bart hinein: Aufrecht, dummer Bauerntölpel!
Wie aber der Konrad auf dieses mit einem ingrimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, daß der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.

So hatte ihm also das Vorhaben, durch die Nöthigung der Umstände aus seinem heimathlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben? Da waren namentlich zwei, der Sohn des Krämermichels und der obere Bierwirthsohn: die waren nach anderthalbjähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und warfen mit französischen Brocken um sich. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimathleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs thaten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andre in Bern oder Lausanne ein „großartiges“ Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu Gefallen entschlossen sie sich endlich, zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. In Frankreich ist es so und so, pflegte der eine, der ein halbes Jahr im Elsaß gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der andre hatte die Parole umgekehrt: So ist’s in der welschen Schweiz nicht, wo er hin, so oft ihm etwas mißfiel. Leider aber stieß der erste, der Franzos’, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann’ auf’s angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahr wurde, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe. Da kam ihm denn ein Antrag seines Bruders eben recht, der ihn ermahnte, die Nase doch auch einmal ein wenig in die Welt hinaus zu stecken und nicht immer hintern Ofen hocken zu bleiben. Er rieth ihm für’s erste, bei seinem Nachbar, dem Wirth zu Neustadt, in Dienst zu gehen und späterhin mit einer Compagnie Uhrenhändler in’s „Land“ zu reisen. Denn so als armer Bauernknecht kannst du doch zu nichts kommen, schloß er. — Das „Land“ aber, von welchem er sprach, ist nichts mehr und nichts weniger, als Amerika. Warum man es in jener Gegend so heißt, das kann ich nicht sagen, vielleicht weil es das Land der Verheißung ist, wo einem die gebratenen Tauben in’s Maul fliegen.

Konrad ließ sich das nicht zweimal sagen. Am „Bündlitage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er seinen Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündelchen, das er in ein rothes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, daß das Marianneli just unter der Hausthüre stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitete ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim. Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. —

Im Wirthshause zu Neustadt merkte er bald, daß er hier in einem andern „Klima“ war. Es ging lebhaft zu an den langen Winterabenden. Uhrenhändler, die weit in der Welt herumgekommen waren, Schildmaler, Uhrmacher, Waldbauern machten die Gesellschaft aus. Da wurde französisch, englisch und deutsch durch einander parlirt, gewürfelt, gehopft und Wein genug dazu getrunken, während die dicke Wirthin schon seit nach dem Essen mit ihren Freundinnen Tarok spielte. Der Schwarzwälder ist beweglicher in seinem ganzen Thun und Lassen, was durch den Verkehr mit Fremden noch gesteigert wird. Bei den Bewohnern der Baar dagegen trifft man angeborne Ruhe und derbe Behaglichkeit; denn ihr Reichthum ist der Boden, ihre Beschäftigung der Feldbau. Deshalb konnte es unserm Konrad gar nicht schaden, wenn er zur Abwechslung auf seinem Lebensgange auch ein wenig „herumgetrieben“ wurde.

Das hielt ihn aber nicht ab, sich wachend und schlafend in die Heimath zurückzuträumen. Jetzt, dachte er manchen Abend, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen. Die Mädle spinnen, daß der Boden zittert, und die Mannsbilder liegen auf der Ofenbank. Jetzt kommt der alte Kapfer herein, reibt die Hände, klagt über die „Grindkälte“, begibt sich in den „Hinterofen“ und hebt von da aus zu erzählen an. Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Gespenster, namentlich wenn gerade der Wind im Kamin und um die Dächer rumort, und „die armen Seelen in den Lüften heulen.“ So hörte ihn Konrad in Gedanken alle die alten Geschichten wieder vorbringen, vom Riedgeist, der die durch’s Ried Wandernden in Sumpf und Graben führte, so daß sie umgekommen wären, wenn nicht die geweihte Schnee- und Nebelglocke, die jeden Abend um neun Uhr geläutet wurde, ihnen heraus und …

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auf den rechten Weg geholfen hätte, — vom Deckrischen Eßeli, die bald als junges Bauernmädchen, bald als altes Weib dem Wanderer auf den Rücken hockte und ihn erst am „Trank“, wo der Wald endet, wieder verließ. Dem Eseli war der Kasper mehr als einmal im Walde begegnet. Der Krieg, schloß er gewöhnlich, hat aber die meisten dieser Geister vertrieben.

Solche und andre Scenen malte sich Konrad aus, während die Würfel der Schwarzwälder um ihn her klapperten; aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur ein Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter und kehrten in des Vogts Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich kein Hausrecht hatten. — Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimath nähert, gleich Schritt mit ihm halten wollen; denn seht, er ist auf einmal bedeutend in den Marsch gerathen, und wenn ihm das Elseli nicht unterwegs aufhält, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kasper von ihr erzählen zu hören. Aber bei dem ist kein Platz mehr, daß ein Elseli aufsitzen könnte.

Ansicht von St Verena und Gallus mit Statue von Xaver Reich

Als er in die Neustadt zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, daß seine Base, die Riedbäurin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich; denn er wußte wohl, daß ihm seine Frau trotz ihres unfreiwilligen Wesens, unentbehrlich geworden war. Die Ehe hat unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, daß sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, daß zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so an einander gewöhnt und gefesselt waren, daß der überlebende Theil bald seiner losgerissenen Reiserbse nachwelken mußte. — Am Donnerstag, sagte der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße; darunter war aber ein ganz besonderer vom — Marianneli.

Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmungsgeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Theil des Tages das Gegentheil von dem, was er am Morgen gewesen. Es schien ihm etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlich betreten umher und war so zerstreut, daß er den Pferden den Wasserkübel statt des Heus in die Krippe schüttete.

Was hatte er denn gewagt? Es gab jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimniß bleiben sollte. Denn wie das Marianneli den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergesell, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet ihr viel hundert Grüße aus von Konrad, — er sei nämlich bei ihm g’west in der Neustadt drin — und praktizirte ihr dabei ein Brieflein in die Hand. Sie wurde blaß und roth vor Schrecken, und hätte beinahe das schwarz mit Goldschnitt eingebundene Gebetbuch und das „Nister“ mit den blanken silbernen „Gottegeldern“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie dem Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und mit begierigen Augen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:

Zuvor muß ich abbitten das ich die Keckheit habe Dich mit diesem Schreiben zu belästigen. Ich kann nicht unterlassen dir mein ganzes Herz zu zu eröffnen. Ja liebste Mariann du wirst zwar…

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sagen ich sei nicht bei Verstand. Ja! es kommt mir oft selber auch so vor.

Jetzt muß ich nur diese einzige Bitte an Dich stellen, wie es wäre wenn ich jetzt mit einer Compagnie Uhrenhändler fort gienge und kam nach einiger Zeit wieder zu rück und ich konnte mir von dem ersparten Geld einen kleinen Gewerb kaufen und die liebe Mariann wär noch nicht geheurathet. Gefetzt der Fall sie hätte von denen die um Sie angehalten haben keinen mögen??

Ich möchte nur wissen ob die liebe M. auch hie und da an mich denken thut wenn ich fort bin, im fremden Frankreich oder Amerika. Wenn ich das wüßte ging ich hundert mal ringer fort. Zum Schluß muß ich die liebe M. von Herzen bitten mich dieses Schreiben wegen nicht aus zu lachen oder gar verspotten. Denn wie es mir ums Herz ist muß es heraus, und ich meine ehrlich. Mündlich war ich nicht so keck. Leb tausend mal wohl. Viel tausend Gruß an Dich und zürne nicht.

Dein Dich bis in den Tod liebender
Konrad
in der Neustadt.

NB. am Donnerstag komm ich hinaus zu Euch zum Opfer für die Baß da hoff zu erfahren wie es mit mir steht. Legst du in der Kirche unter der Wandlung dein Gebetbuch auf die rechte Seite so sehe ich es als ein günstiges Zeichen an — legst du es aber links so ersehe ich draus daß du von mir nichts wissen willst.”

Was nun am Donnerstag in der Kirche geschah, das weiß ich nicht zu sagen, denn wer wird auch so genau darauf sehen, ob die Mädchen ihre Gebetbücher links oder rechts legen? Aber so viel ist gewiß, daß der alte Kasper die Beiden am Gartenhag unter dem Obstbaum beisammen sehen sah, Hand in Hand. Da es jedoch heller Tag war und die Erscheinung nichts von Gespenstern an sich hatte, so behielt er sie vorläufig für sich. Der Vogt soll derweil im Adler und die Vöglein auf einem Krankenbesuch in der Nachbarschaft gewesen sein. — Ein nichtsnutziger Distelfink schrie nachher aus Leibeskräften in der ganzen Gegend herum, der Konrad habe das Marianneli frei frank geküßt. Er hätte sie gern in’s Geschrei gebracht; aber es achtete niemand auf ihn.

Auf dem Heimwege summte Konrad das Lied vor sich hin:

Keine Kohle, kein Feuer kann brennen also heiß,
Wie stille heimliche Liebe, die niemand nicht weiß.

Dazwischen hielt er auch, während er wieder auf jener Höhe stehen blieb, ein Selbstgespräch, und das lautete wie folgt:

Kreuz Donner — des Vogts Mariann’, ’s schönſt Mädl im ganzen Ort! Und — du! Herr Gott!

Nachdem er aber solches gesagt, hub er abermals zu singen an.

Von dieser Zeit an war er wie umgewandelt. Die ganze Welt kam ihm schöner und heller vor. Das Marianneli hatte ihn um Gottes willen gebeten, er möge doch sein Vorhaben, nach Amerika zu gehen, fahren lassen; unser Herrgott könne sie ja auch ohne dies das Ziel ihrer Wünsche erreichen lassen.

Das war nun fromm und gut gedacht; aber Konrad sah wohl ein, daß er jetzt die Hände regen müsse. Durch Fleiß und Anstrengung, sagte er zu sich, hat es schon mancher zu etwas gebracht. Muß man denn mit dem Geldsack geboren werden, wie dieser und jener, die deswegen doch Strohköpfe sind? Frisch gewagt ist halb gewonnen! — Seit ihm die Mariann’ gesagt hatte, wie gern sie ihn habe, war ihm sein Muth und Selbstvertrauen mächtig gewachsen, und er wäre um ihren Besitz bis an’s End’ der Welt gelaufen. Die Uhrenbändler-Compagnie, der er sich anzuschließen gedachte, wollte schon im Herbst aufbrechen. Sein Vetter, der Riebauer, als er ihm seinen Entschluß mittheilte, hatte in seiner gewohnten trockenen Weise darauf erwidert: Es kann nichts schaden, wenn du auf dir selber bleibst. — Der Tod seiner Frau schien nichts in seinem Wesen geändert zu haben; nur war es auffallend, wie er oft zerstreut mit suchenden Blicken durch die Stube ging. Den Konrad hatte er, was dieser auch einwenden mochte, genöthigt, noch einen Tag länger bei ihm zu bleiben. Das war ein langweiliger Tag für ihn gewesen; denn sein Vetter that den Mund nicht auf, und das Marianneli konnte er nicht mehr zu sprechen bekommen.

Die gute Mariann’ saß inzwischen zu Hause, und dachte, den Kopf auf die Hand gestützt, darüber nach, was ihr Vater zu dieser „Bekanntschaft“ hinter seinem Rücken sagen würde. Das sollte sie nur allzu bald erfahren.

Als Konrad seine Verbindung mit der Uhrenbändlergesellschaft in’s Reine gebracht hatte, schrieb er ihr einen Trostbrief, worin er ihr die Nachricht, daß die Sache abgemacht sei, auf die gelindeste Weise beizubringen suchte. Diesen Brief gab er einem Zweischgenwassermanne mit, der bei dem Vogt aus- und einging, und den er zufällig in der Neustadt traf. Derselbe wurde aber unterwegs aufgehalten, und weil ihm Konrad gesagt hatte, es pressire, so überlieferte er den Brief

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einem Bauern aus dessen Dorfe, dem er just auf dem Löffinger Fruchtmarkt begegnete. Er sagte ihm aber nicht, von wem das Document sei und was es damit für eine Bewandtniß habe, sondern schärfte ihm lediglich ein, den Brief dem Marianneli richtig einzuhändigen und den Alten nichts davon merken zu lassen. Der gute Mann, der keine Ahnung hatte, was in einem solchen Schreiben stehen könne, wovon der Alte nichts wissen dürfe, trug den Brief getreulich heim. Wie er ankommt, sieht er die Vögtin aus dem Hause gehen, und denkt: Jetzt ist das Nest sauber; den Vogt treffe ich ohnehin nicht, um die Zeit sitzt er im Adler drüben und trinkt sein Schöpple. Geht also gutenmuths hin und macht die Thüre auf. Wer aber gerade vor dem Spiegel steht und den Seifenschaum aus dem fetten Gesichte trocknet, das ist der Vogt. Es ist doch verflucht, daß mich das verteufelte Katzendokterle jedesmal schneiden muß, wenn es mich halbirt, spricht er dazu und legt ein Stücklein Zündschwamm auf den beleidigten Theil, welcher aussieht, als ob der Pflug über ihn gegangen wäre. Der arme Mann erschrak und wollte wieder rücklings zur Thüre hinaus. Der Vogt aber, der ihn in dem unseligen Spiegel gesehen hatte, sagte, ohne sich umzuwenden: Nu, Antoni, was bringt Ihr Guts? — Dies machte den Liebesboten vollends ganz bestürzt und verwirrt; er stotterte etwas von einer „Commission“ und von der „Jungfer Tochter“, legte zuletzt den Brief auf den Tisch und salvirte sich zur Thüre hinaus, indem er „Nichts für ungut!“ murmelte.

Der Vogt sieht ihm verwundert nach. Jetzt erst hat er sich umgekehrt, sein Auge fällt auf den Brief; den betrachtet er gemächlich von allen Seiten. „Cito cito“ stand auf der Adresse. An meine Tochter? sagt er: das werd’ ich doch auch wissen dürfen. Krack — ist das Siegel offen und — Himmel — Kreuz — Hagel und so weiter und so weiter — Welch ein Gewitter brach über die arme Mariann’ herein, die in diesem verhängnißschweren Augenblicke, Geschäfte halber an nichts denkend, unter der Thüre erschien. Der zweifelhaftigste Wetterprophet hätte ihr das Einschlagen prophezeit, so furchtbar tobte und „töberte“ der Vogt über diese „heimliche Garess’“, wie er sich auszudrücken beliebte. Zu guter Zeit kam jetzt auch die Mutter nach Hause und wendete das Aergste von der Armen ab. Die Vögtin hatte von jeher solchen Donner- und Hagelwettern gegenüber eine Art von Assecuranz geltend zu machen gewußt.

Marianneli war bis in den Tod betrübt, und konnte ihrem Konrad nur so viel zu wissen thun: er möge um Gottes willen nicht mehr an sie schreiben und sich ja nicht so bald wieder im Orte blicken lassen. Alles sei verrathen.

So schnell Konrad im Hoffen und Vertrauen gewesen war, so schnell ließ er sich nun durch diese Hiobspost darniederschlagen. Eigentlich hätte er sich von Anfang an vorstellen können, daß es über kurz oder lang so gehen werde. Aber diese jungen Köpfe finden ein besonderes Vergnügen darin, sich durch jeden Hasenfuß, der ihnen über den Weg läuft, lustig machen zu lassen. Es ist aus, rief er, ich seh’, es ist alles aus! Das beste für mich ist: fort, in die Welt hinaus, und nie mehr zurück!

Er machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er dieses Leid über das arme Mädchen gebracht habe. Aber sehen mußte er sie doch noch vorher, um Verzeihung bitten und Abschied von ihr nehmen.

Er wußte, daß der Vogt jedes Jahr regelmäßig, und zwar meist in Gesellschaft seiner Töchter, zum Jakobifeste nach Hüfingen ging, und das ist der Grund, weshalb wir ihn diesmal auf dem Heimwege begriffen finden. Er hoffte die „Gewisse“, mit der ihn der Franzsepp geneckt hatte, bei dem Feste zu treffen, hoffte sie vielleicht noch vorher benachrichtigen zu können. Um eine Minute flüchtigen Gesprächs oder gar nur einen Blick aus der Ferne zu erhaschen, hat er die Wanderung angetreten und manchen guten Schritt gethan. Gott gebe ihm Gelingen! Denn wenn der Vogt morgen zu Hause bleibt, so ist die Rechnung ohne den Wirth gemacht.

Die Finsterniß brach immer tiefer herein. Um sich das Herz frisch zu erhalten, summte er ein Liedchen, das er in der Neustadt von einem Handwerksburschen gehört hatte:

’S gibt keine größere Freudigkeit
Auf dieser Erde,
Als wenn zwei junge junge Leut’
In den Ehstand treten.

Da gibt’s keine Sorg’ und Noth,
Kein Kreuz, kein Leiden.
Nichts als der bittere bittere Tod
Der kann sie scheiden.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nicht wie,
Muß er auf die Seite Seite sehn
Und schweigen still.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nit z’machen,
Muß er auf die Seite Seite sehn
Und freundlich lachen.

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Lachen, das ist ein schweres Ding,
Leichter ist’s Weinen.
Was ich am liebsten liebsten hab’,
Das muß ich meiden.

Unversehens stand er vor dem Dorfe, wo schon alle Lichter ausgelöscht waren. Er wollte in seines Vetters Hause niemand mehr wecken und ging still und leise die hintere Treppe, die vom Garten herführt, hinauf. Auf dem Boden war ein Gelaß mit dem Rang und Charakter einer Rumpelkammer, wo nie jemand schlief. Dort gedachte er zu übernachten. Er griff durch das Katzenloch in der Thüre, und richtig, der Schlüssel lag an der gewohnten Stelle. Nun tappte er in die finstere Kammer hinein und zwischen ausgedientem Roßgeschirr, zerbrochenen Rechen und Heugabeln herum, bis er endlich einen Haufen „Kuder“ (Abwerg) fand. Der thut’s aus dem Fundament, sagte er und legte sich darauf, nachdem er zuvor den Schoopen angezogen hatte. Er konnte aber lange nicht schlafen, denn er mußte tausend Pläne schmieden, wie er morgen in aller Frühe dem Marianneli ein Zeichen geben könnte. Endlich fiel er in einen unruhigen Schlaf, aus dem er bald wieder erwachte. Eine drückende Schwüle umgab ihn. Er stand auf und sah zum Kammerfenster hinaus. Todtenstille herrschte über dem Dorf. Kein Blatt rührte sich. Im Westen stand eine dichte Wolkenmauer, aus der es hie und da wetterleuchtete, schwarz und drohend am Himmel. Am Waldrand oben brannte in einem Hause ein einzelnes Licht; vielleicht war der Kasper, der alte Geisterseher, krank. Des Vogts Haus lag stumm und finster zwischen den Obstbäumen des Gartens. Der Wächter im Dorfe unten rief Mitternacht.

Konrad ließ das Fenster offen stehen, begab sich in sein Nest zurück und schlief bald wieder ein. Da träumte ihm, er stehe bei der Mariann’ und wolle ewigen Abschied von ihr nehmen. Wie er sie aber küssen will, wer kommt dazwischen? der Vogt! und ruft: Hab’ ich dir nicht schon oft gesagt, du sollest nichts mit dem — Abermals mußte er den unvergeßlichen Ehrentitel aus seinen Knabenjahren entgegen nehmen. Das Marianneli lief schreiend von ihm weg, er wollte ihr nach, der Vogt aber hob seine gewichtige Hand auf — da weckte ihn plötzlich ein mächtiger Knall. Die Kammertüre wurde aufgerissen, das Fenster schlug klirrend zu. Eine lange weiße Gestalt stürzt zur Thüre herein, stracks auf das Fenster los und riegelt es eiligst zu, während Konrad noch schlaftrunken den Kopf erhebt. Als aber dem Gespenst einige wohlbekannte Flüche entschlüpfen, erkennt er seinen Vetter. Nun ist es ihm wie ausgemacht, daß der Knall vorhin ein Schuß gewesen und das Haus von Dieben überfallen sei, weshalb der Riedbauer die Fenster zu verwahren trachtete. Er springt auf, seinem Vetter beizustehen; der aber an ihm vorbei zur Kammer hinaus: Zu Hülfe! Schelmen, Diebe! schreit er und rennt die Treppe hinab. Ich hab’ also doch recht, man will einbrechen, sagt Konrad, und erwischt ein altes zerbrochenes Joch: mit dem laß ich mir keinen auf den Leib, wart’, ich will euch den Text lesen, ihr Lumpengesindel!

Indem hört er seinen Vetter mit den Knechten die Treppe herauf kommen. Du stellst dich mit der Mistgabel unten an’s Fenster, commandirt er im Dunkeln, und ihr andern schlagt euch zu mir! sie müssen noch im Hause sein. — Die Thüre geht auf, und herein schreitet der alte Riedbauer voran mit dem „Heulicher“ in der Faust. Wo sind sie? ruft ihm Konrad entgegen.

Alle guten Geister — Morblement, das ist ja bigott der Konrad! schreit der Alte, wirft die Waffe weg und leuchtet mit der trüben Laterne vor. Ein Blitz, der die Kammer erhellt, hilft nach, und sie erkennen sich von Angesicht zu Angesicht. Ei so behüt’ mich Gott! ruft der Alte, etwas aufgeregter als gewöhnlich: du schlimmer Bub’, wie hast du mich erschreckt; es ist mir in alle Glieder gefahren.

Nun klärte sich das Mißverständniß auf. Der alte Riedbauer, der in der Nacht wenig schlafen konnte, hatte ein Gewitter herankommen hören, dem ein starker Sturm vorausging. Mit der verdrießlichen Sorglichkeit des Alters dachte er sogleich: Ich will nur sehen, ob die Magd nicht wieder einmal das Fenster droben offen gelassen hat! — und richtig, kaum gedacht, so hört er, wie das Fenster in der Rumpelkammer, das Konrad offen ließ, vom Winde hin und her geschlagen wird. Ingrimmig erhebt er sich aus den Federn, macht sich hinauf und wäre beinahe nicht auf die erbärmliche Weise mit dem unvermutheten Gaste zusammengerathen.

Nachdem sie sich nun hinlänglich angeschrieen und verständigt hatten, gingen sie alle in die vordere Stube hinunter, wo schon das übrige Gesinde im Gebet versammelt war. Eine der Mägde verfügte sich in die Küche, um das am Palmtag geweihte Scheit, dessen Rauch den Blitzen feuert, auf dem Herde anzuzünden.

Jetzt aber brach ein furchtbares Wetter aus, Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag, so daß das alte Haus in seinen Grundfesten erzitterte. Der Riedbauer hatte indessen einen schlechten Rock übergeworfen, seinen breitrandigen Regenhut aufgesetzt und ging mit den Knechten in den Stall, um die Stalltüre gegen das andringende Wasser mit Mist zu verwahren; denn der

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Regen fiel in Strömen und schwemmte sich draußen zu einem wahren See.

Endlich ließ die ärgste Wuth des Gewitters nach, das Donnerrollen verzog sich in die Ferne, und man wollte eben Anstalt machen, wieder in’s Bett zu gehen, als Konrad auf einmal sagte: Ich glaube, sie schießen auf dem Fürstenberg. — Jetzt ist’s los (schief), bemerkte der alte Riedbauer. Alle eilten vor das Haus und wendeten sich nach der Gegend jenes Berges, der eine weite Aussicht über die Baar gewährt und damals noch mit Wächtern und Kanonen für Brandfälle versehen war. Sie hatten sich auch nicht getäuscht. Deutlich sahen sie den Blitz des Pulvers, und bum! hallte der Schuß nach einiger Zeit in die Landschaft heraus. Jetzt wurde es im Dorf lebendig: da und dort klirrte ein Fenster auf. Wo brennt’s? rief man heraus. Niemand wollte es wissen. Am Horizont leuchtete eine starke Röthe auf.

Konrad stieg mit seinem Vetter auf den Heuboden. Sie hoben Ziegel und lugten mit scharfen Augen, konnten aber nicht über die Brandstätte einig werden. Während sie noch hin und her riethen, kam das Geschrei, es brenne im Walde, wo der Blitz eingeschlagen habe. Einige junge Bursche warfen sich auf ihre Rosse und jagten der Gegend zu, wo man das Feuer vermuthete. Die Feuerspritze wurde aus ihrem Behältniß herausgeschoben, Laternen geisterten hin und her. Der Vogt commandirte oben zum Fenster heraus; als er aber nicht gehört wurde, bemühte er sich auf die Straße hinab. Konrad, der seine Augen überall hatte, sah ihn unten erscheinen, und in diesem Augenblicke kam ihm ein guter Gedanke. Husch war er drüben, wo er das Töchterlein am Fenster sprechen hörte. Grüß Gott, Marianneli! — Um Gottes willen, flüstert sie, du bist’s! — Ja, ich — morgen — biet’ allem auf, um deinen Vater auf’s Fest nach Hüfingen — Er geht ja, er geht! — Gute Nacht! und fort war er. Denn daß der Alte nicht allein gehe, bedurfte keiner Erörterung.

Die Unruhe wogte inzwischen im Dorfe hin und her. Endlich, nach einer halben Stunde ängstlichen Harrens, kamen die Reiter zurück und meldeten, daß die ganze Sache nichts zu bedeuten habe. Der Blitz hatte bei einem einzeln stehenden Bauernhof in eine alte Tanne geschlagen, um welche etliche Klafter Holz aufgeschichtet lagen, sonst aber keinen weitern Schaden gethan. Das Feuer war erloschen, das Gewitter vorbeigegangen; bald schimmerten die Sterne wieder hell und klar durch die zerrissenen Wolken, und die aufgeschreckten Bewohner des Dorfes legten sich zu Bette, um noch ein ruhiges Morgenschläfchen zu thun.

In der Stadt aber dämmerte kaum der erste Morgenstrahl, als die guten Hüfinger durch die „Tagwacht“ aus ihren Träumen aufgerufen wurden. Mit innerlichem Behagen hörten sie von ihren Federn aus, wie die türkische Musik durch alle Straßen zog. Dazwischen knallten Schüsse freudig in den jungen Tag hinein und luden Nah und Fern zum Feste. Sie kamen vom untern Thor, wo die kurzen Böller, Katzentöpfe genannt, aufgestellt waren. Ein alter Soldat bediente sie, der in „Spaningen“ gewesen war und Wunderdinge davon zu erzählen wußte.

Vom frühen Morgen an war das Militär auf dem Exercierplatz beim Schützenhause versammelt. Der Major ließ es nicht an Ermahnungen fehlen, während seine Mannschaft fröhlich zusah, wie auf allen Wegen die Einwohner der umliegenden Dörfer in Schaaren zu den Thoren der Stadt hinein strömten. Alles freute sich über den klaren Tag und den schönen blauen Himmel.

Das Musikcorps aber hatte den goldnen Ochsen zum Sammelplatz gewählt, um sich auf die bevorstehenden Strapazen des Tages gehörig vorzubereiten. Einige ungeheure Platten voll Kaldaunen wurden aufgetragen; denn die Weisheit der Völker weiß, daß es sich mit leerem Magen mangelhaft musicirt, besonders was Blasinstrumente anbelangt. Eben kam noch eine volle Platte auf den Tisch, als eine Ordon­nanz vom Major erschien und den Tagesbefehl überbrachte: schleunig aufbrechen! Es war Zeit zum Einmarsch, die Glocken konnten jeden Augenblick in die Kirche läuten. Auf! rief der Kapellmeister. Alle griffen nach ihren Instrumenten und stürzten mit pflichtschuldiger Eile zu Thür und Thor hinaus. Nur Einer blieb noch ein wenig zurück. Die volle Schüssel mit den herrlichsten, fein abgeschmä­lzten Kaldaunen hielt seine Seele gefesselt. Wie? die sollte unberührt, gewissermaßen unbegraben bleiben? — Ich seh’ nicht ein, warum ich dem Ochsenwirth was schenken sollte, sagte er kaltblütig, indem er das Futter seines kübelförmigen Tschakos aufknüpfte und den duftenden Inhalt der Schüssel hineinschüttete. Dies gethan, zog er den Knoten wieder zu, setzte den Tschako auf und eilte mit der Gottesbescherung seiner Truppe nach.

Ein jeder Mensch hat seinen Geschmack, seine Leidenschaft, seine Herzensschwäche. Während solche Heldenthat an der Kaldaunenschüssel verübt wurde, befleißigte sich unser Konrad der Wegelagerei. Er hatte Morgens bei guter Zeit seine Lenden gegürtet und sodann bei der Höhe des Hexenberges, über den die Straße führte, seinen Stand genommen, um die Gegend auszuspioniren. Nicht lange harrte er also, da kam in der Ferne ein Bauernwägelein daher gerasselt, das er zu erkennen meinte. Wie er näher schaute, glaubte er auch einen

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dicken Mann darauf zu erkennen. Und wie er noch näher schaute, entdeckte er neben ihm einen weißen Hut, der ihm vollends gar nicht unbekannt vorkam. Schnell sprang er hinter einen am Wege stehenden Schlehenbusch, und siehe, da kamen sie! Selbstgefällig und breit saß der Vogt — doch was kümmerte ihn der! kein gleichgültigeres Ding gibt es auf der Welt, als einen Schwiegervater, von dem man gar nicht weiß, ob er es jemals werden wird. Er sah an ihm vorbei auf das Töchterlein, das im dunkelgrünen Sammtschoppen an seiner Seite saß, einen frischen Resedastrauß am Busen zwischen dem rothen Laß und Goller, unter dem weißen Hut ein paar sonntäglich geflochtene gewaltige hellbraune Zöpfe, und zwischen den Zöpfen das frische herzige Angesicht. Er hätte ihr weiß nicht was anthun können zur Strafe, daß sie so einen schlechten Werks hatte und keinen Blick nach dem Schlehenbusche warf. Der „Tralle“! konnte er denn nicht ausrechnen, wie viele Büsche sie schon vergebens drum angesehen haben mochte, ob nicht ihr Holderstock dahinter wachse? Er hatte ja die Wahl: warum stellte er sich nicht hinter einen solchen, dem ein Treffer zugedacht war? Für diesmal hatte er eine Niete gezogen. Sie sauste achtlos vorüber, und ihre schwarzseidenen Hutbänder flatterten lustig im Morgenwind. Er sah dem Wäge­lein nach, bis es hinter den ersten Häusern der Stadt verschwand.

Ich bin nur froh, dachte der Vogt, als er wenige Minuten nachher mit seiner Tochter, den Einmarsch der Truppen erwartend, am Fenster des goldenen Kreuzes stand: ich bin nur froh, daß sie die verteufelte Caress’ mit dem Konrad so bald vergessen hat! — Ihr Köpfchen war heute ganz absonderlich in Bewegung; alle Augenblicke streckte sie es zum Fenster hinaus. Nu, so hab’ doch nur noch ein klein wenig Geduld, sagte der Vogt zu ihr: sie müssen ja gleich zum Thor herein kommen. — Er glaubte, ihr Herz denke an nichts anderes, als an die Hüfinger Bürgergarde.

In diesem Fall hätte sie sehr ungeduldig werden müssen, denn der Einmarsch wurde wider Vermuthen verzögert. Als nämlich der Major „Angetreten!“ commandirte und die Trommler sich eben in Bereitschaft setzten, den Wirbel zu beginnen, bemerkte man erst, daß die große Trommel ihres Bearbeiters ermangle. Ohne diese Hauptperson war nichts zu machen. Noch fünf Minuten höchstens! und außer Vermuthungen und Gerüchten, wie sie täglich in den Zeitungen zu finden sind, war nichts Sicheres über den Vermißten in Erfahrung zu bringen. Jeder wollte ihn in einer andern Schenke gesehen haben. Der Tambour-Major stieß greuliche Flüche unter der großen Bärenmütze hervor. Lauf, sagte der Kapellmeister zu dem Triangelspieler, einem elfjährigen Dilettanten in einem faltigen rothen Frack, dessen Flügel bis auf den Boden hingen: lauf! und zählte ihm ein halbes Dutzend Vierhäuser an den Fingern her. Der Triangelist gab sein Instrument in die Hände des Bretenschlägers, dessen Tonwerkzeug auch Rollensieb oder zur Abwechslung Tambourin geheißen wird, nahm den großen Tschako unter den einen, den rolandsmäßigen Hirschfänger unter den andern Arm, vertheilte seine beiden Frackflügel eben so und begann nach solchen Vorbereitungen spornstreichs zum Thor hineinzurennen, als im gleichen Augenblick der sehnlichst Erwartete noch eiliger zum Thor herausrannte, so daß ihr Zusammentreffen einen musikalischen Klang, ähnlich einem Schlag auf die große Pauke, zur Folge hatte. Nachdem der Spätling von allen Seiten gehörig abgekapitelt und der verblüffte Triangelist an seinen Posten zurückgekehrt war, wirbelten die Trommeln und der Einmarsch begann.

Unter dem gewölbten Thore erscholl die Musik; zu gleicher Zeit fielen die Glocken ein. Eine unabsehbare Menschenmenge wälzte sich neben und hinter dem Zuge her. Alle Fenster waren mit geputzten Menschen, mit fröhlichen Angesichtern gefüllt; über die ganze Stadt verbreitete sich das herrlichste Festtagsgefühl. Die Bajonette der Bürgersoldaten blinkten und blitzten im goldenen Sonnenschein; die blaue Fahne mit dem Stadtwappen und dem Wahlspruch „für Gott und sein Volk“ flatterte freudig in der klaren Morgenluft.

Seht! sagten die Bauersleute, als die Musik vorüberzog: der dort spielt das anstrengendste Instrument, der schwitzt wie ein Präcepter. Damit meinten sie den, welcher die Kaldaunen im Tschako hatte; das Fett war ihm nämlich durch das Futter gedrungen und lief da und dort über sein Gesicht herunter. Gleichwohl machte er eine so zufriedene Miene, als ob er sagen wollte: „das Spiel des Lebens sieht sich heiter an.“

Frau in Schappeltracht

Nun erfolgte ein feierlicher Umgang durch die Stadt, wobei sechs Schappelmädchen das blumengeschmückte Muttergottesbild trugen. Dieses Ehrenamt bekleiden von jeher sehr stattliche Bauernmädchen mit reich verzierten Schappeln, welche schöne und geschmackvolle Kopf­bekleidung aus dem grauen Alterthume stammt und bei den Dichtern des Mittelalters unter dem nämlichen Namen eine große Rolle spielt.

Als das Militär vor der Kirche angekommen war, wurden die Gewehre auf dem Platze in Pyramidenform gestellt und mit Wachen versehen. Darauf begann der Gottesdienst.

Während des Hochamts finden wir die Mariann’ in einem der überfüllten Kirchenstühle. Sie betet in

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dem bekannten schwarzen Buche so inbrünstig, als wollte sie dem Himmel all ihr Leid und ihren Kummer klagen. Als sie ein Blatt umwandte, fiel ihr Blick auf ein eingelegtes Blatt, das von der kunstreichen Hand ihres Liebsten kam, und haftete lange auf der Einfassung von Rosen und Vergißmeinnicht. In einem grünen Kranze aber standen die Worte:

Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn’ aufgehet,
Und ich am Ende, wo der Abendstern entstehet,
So scheidet uns doch nichts: mein Herze bleibt dir
In Unglück und Gefahr, dein Herze bleibt mir.

Unter diesen Zeilen hatte er noch einen dörflichen Rebus angebracht. Derselbe lautete folgerndermaßen:

Rebus von Konrad für Marian mit einem Bild vom Sensemann

Ueber diesen Gedanken vergaß sie alles, was um sie her vorging. Ihr Herz war ganz bei Konrad, den sie vor der Kirche unter der Menschenmenge gesehen und dessen Gruß sie mit einem Augenwink erwidert hatte. Während sie so in ihre Träume versunken war, ertheilte der Priester den Segen. Die gläubige Gemeinde kniete nieder. Bataillon, fertig! wurde vor der Kirche commandirt. Feuer! und die Gewehre krachten, so daß das arme Marianneli beinahe vor Schrecken das Buch zu Boden fallen ließ. Dumpfe Böllerschüsse schlugen vom untern Thore her an die Kirchmauer.

Nach dem Gottesdienst spielte die Musik noch eine Zeit lang vor dem Rathhause. Der Schmelz und die Blüthe des Festes war aber jetzt vorüber. Wohl wurde noch exercirt und musicirt, manche Gewehrsalve krachte noch, aber die eigentliche Feststimmung war verflogen. Um den rechten Uebergang vom Zapfenstreichen zum Alltäglichen zu treffen, gibt es eine äußerst scharfsinnige Erfindung, welche auf der Uhrtafel gewöhnlich mit der Ziffer Zwölf bezeichnet ist. Diese trat denn auch jetzt zur angemessenen Zeit in ihre Rechte ein, oder, wenn ich es unverblümt sagen soll, die Leute begaben sich zum Mittagessen.

Die Zahl der fremden Zuschauer war bedeutend angewachsen, und die vierfüßigen sowohl als die geflügelten Bewohner der Baar erlitten an diesem Tage eine Niederlage, welche die Geschichte zu den schwersten zählt. Nachher zerstreute sich die Menschenmenge wieder im Freien. Vor der Vesper aber scheuchte sie ein kurzer Regen in die Häuser und Scheunen zurück. Da ging es bunt und kraus durch einander.

Ob und wo der Konrad gegessen hat, ist ein Geheimniß geblieben. Wir begegnen ihm erst wieder auf den Straßen, wo er wie besessen auf und ab rennt, um einen Blick, ein Wort von der Mariann’ zu erhaschen. Doch der Vogt wich und wankte nicht von ihrer Seite. Mißmuthig und halb verzweifelnd warf er sich endlich in ein Bierhaus, dem goldenen Kreuz gegenüber, wo er durch den beweglichen Fensterschieber spionirte. Ein Mädchen kam und stellte ihm ungefragt ein Glas Bier hin, das er instinktmäßig bezahlte. Das Gebräu des Königs von Brabant ist Labsal für den Durstigen, der es mit unzweideutiger Absicht genießt; wenn man es aber bloß zum Vorwande trinkt, so wird ihm die Menschenseele gram, und auf diese Weise ist es zu erklären, daß Konrad in seinem Hasse mehrere Schoppen nach einander vertilgte, ohne es recht zu bemerken, da sein Hauptberuf in genauerem Zusammenhange mit dem Fensterschieber war. Auf einmal sieht er den Vogt herauskommen, allein, das heißt ohne seine Tochter, und in eifrigem Gespräche mit einigen Bekannten, mit welchen er sich allmählig die Straße hinauf und in den goldenen Kreuz hinein verfügt. Wie ein Pfeil, von der Sehne eines Starken geschleudert, fuhr Konrad in’s goldene Kreuz hinüber.

In der Wirthsstube ging es sehr lärmend und lustig her. Die halbe Baar saß da und zechte wacker. Soldaten und Musikanten von Hüfingen verzehrten ihre Löhnung; denn nach Beendigung der Parade waren jedem fünfzehn Kreuzer Gage aus der Stadtkasse verabreicht worden, und wer sich eines Schnurrbarts rühmen konnte, der hatte noch eine Zulage von einem Groschen erhalten. Auf den Tischen lagen musikalische Instrumente umher; an den Wänden hingen da und dort die abgeschnallten Säbel.

Konrad blieb einen Augenblick unter der Thüre stehen und überschaute das Getümmel. Endlich erblickte er die, welche seine Augen suchten. Sie saß bei einigen ihrer Bekannten. Diesmal war er glücklicher als hinter dem Schlehenbusche: sie sah ihn ebenfalls, so wie er nur in die Thüre getreten war. Er gab ihr einen Wink mit den Augen. Stille erhob sie sich, kam herüber und stellte sich etwas abseits mit ihm in einer Fernstervertiefung.

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Sie hatte die Augen voll Thränen, als Konrad so vor ihr stand und ihre Hände fest in den seinigen hielt. Eine Zeit lang schwiegen sie still, dann begann er allerlei verworrene Dinge durch einander zu reden. Er sehe nun ein, sagte er, daß sie niemals zusammenkommen würden, er sehe deutlich, daß er zum Unglück geboren sei, und sie solle ihn nur so schnell als möglich vergessen. Wie ernstlich es aber mit dieser Bitte gemeint war, ist daraus abzunehmen, daß er im gleichen Athemzuge hinzufügte, es werde sein einziger Trost in dem fernen Lande sein, wenn er sich vorstellen könne, daß sie hie und da noch seiner gedenke. Sie erwiderte wenig darauf; denn sie war zum Tode betrübt. In drei Wochen, hatte er ja gesagt, werde er wahrscheinlich schon auf dem Meere sein.

Konrad war beständig bange, der Vogt möchte zurückkommen. Er wollte ihr eben zu verstehen geben, sie sollte ihn an die Thüre begleiten, um allda Abschied zu nehmen, als diese aufging und eine höchst widrige Störung den Scheidekuß der beiden Liebenden auf’s Grausamste vereitelte.

Zur Thüre herein kamen der oben erwähnte Wirthesohn, der im Elsaß französisch geworden war, und sein Freund, der junge Krämer. Der Erstere hatte, wie wir wissen, früher der Mariann’ auf’s Angelegentlichste die Coeur gemacht und Konraden hiedurch aus der Heimath vertrieben. Nach dessen Abgang war er zuversichtlicher und zudringlicher geworden, und gewiß würde der Vogt seine Bewerbung mit demjenigen Nachdruck, der sich von ihm erwarten ließ, unterstützt haben, wenn nicht gerade zur nämlichen Zeit einige Liebesaffairen der zweideutigsten Art, die er auswärts hatte, vom Gerücht in Umlauf gebracht worden wären. Dies machte den Vogt doch etwas bedenklich, seine Tochter einem Menschen von so wurmischem Charakter zu geben, und da er keineswegs der Mann der vertrackten Wendungen war, so konnte er nicht umhin, dem Bewerber seine Ansicht mit unverkennbarer Deutlichkeit unter die Nase zu reiben. Der Abgewiesene trug seinen Korb mit großer Bosheit von dannen, die er namentlich gegen Konrad kehrte, weil er in diesem den Haupttreffer erkannte, der ihm, zwar nicht in den Absichten des Vaters, aber desto gewisser im Herzen der Tochter vorgeschoben war. Wie er nun die Beiden so unvermuthet Hand in Hand am Fenster stehen sah, fing es alsbald wie lauter Gift und Galle in ihm zu kochen an. Er und sein Freund ließen Wein auffahren, „eine Maß vom besten“, und hierin lag eine hochmüthige Herausforderung, über die man nicht einen Augenblick im Zweifel sein konnte. Um aber seinen Zorn auf geistliche Art auszulassen, warf er den Teller mit dem Brode an die Wand, ebenso einige Gläser. Der Mariann’ zitterte schon das Herz im Leibe; aber es sollte noch besser kommen. Denn nun trat er halb betrunken mit verglasten Augen, die ohnehin nicht die schönsten waren, vor die Beiden hin und fing an zu fischeln. Konrad würdigte ihn anfänglich keiner Antwort. Der Andere aber wurde dadurch immer tückischer und beleidigender; er sprach von den amerikanischen Urwäldern und ihrem vortrefflichen Holze, das besonders gut zu Bettelstäben für Solche tauge, die nicht gerne arbeiten und deshalb auswandern. Da stieg dem Konrad das Blut in den Kopf; doch schwieg er noch. Als aber nun der Widersacher mit noch unverschämteren Redensarten und einem n’est ce pas, Madame Conrade? sich zur Mariann’ wendete, da übermannte ihn die Wuth, die Besinnung verging ihm, und comme ça flog der Franzos über Tisch und Bänke, daß Gläser, Teller, Flaschen umherwirbelten und der Wein in Strömen auf dem Boden floß. Allgemeiner Aufruhr. Wohlmeinende Hände griffen zu, um den wüthenden Konrad zurückzuhalten. Andere halfen dem Gestürzten wieder auf die zitternden Beine und führen ihm säubernd und bürstend über den von oben bis unten zerrissenen Rock. Sein Freund hatte eine durchaus neutrale Stellung angenommen. Der Hornist der Bürgergarde schoß wie ein Blitz herbei, um sein auf dem Tische liegendes Horn in Sicherheit zu bringen. Denn, sagte er, es ist wie wenn’s das auf sich hätte! Schon einmal wurde es mir zusammengequetscht wie ein Knöpfelsteig, drauß in Behla, wo ich aufspielte und mir zwei Combattanten mitten in den besten Händeln darauf hinstießen. Ich mußte es wieder auftreiben lassen. Am Ton hat es nichts verloren — contraire! — Als die größte Gefahr vorüber und die Ordnung im Groben hergestellt war, sprang auch die gerade anwesende Polizei herzu und predigte: Friede, Friede! nur keine Händel, Kinder Gottes, sonst —!

Konrad sah in das thränende totenblasse Angesicht, das ihn so flehend anblickte; er ließ die Arme sinken, sein Zorn schwand hin und es war ihm sehr übel zu Muthe. In diesem Augenblicke ging die Thüre auf und der Vogt trat herein. Konrad warf der Mariann’ einen Abschiedsblick zu und stürzte fort, am Vogt vorüber, die Treppe hinunter, zum Thor hinaus.

Und so sehen wir ihn denn wieder den nämlichen Weg dahinwandern, den er gestern hergekommen ist. Er hieb aber nicht mehr mit der Gerte nach den tanzenden Mädchen, er summte kein Lied mehr vor sich hin, er hielt kein Selbstgespräch. Finster und gedankenlos rannte er über Stock und Stein, ohne zu bemerken, daß die Sonne in rothem Dunste unterging und der Himmel

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sich übergoß. Die Nacht brach schnell herein; es fing still und durchdringlich zu regnen an. Als er am Zündelstein vorbeikam, sah die alte Burgruine finster und schauerlich in das enge Schwarzwaldthal herab. Unter ihr brauste die Breg dahin. Er blieb einen Augenblick stehen; es war ihm so wehe, daß ihm ein böser Gedanke durch den Kopf fuhr; doch gab er bald darauf der vernünftigen Erwägung Raum, daß er nicht schwimmen könne, und schleunig eilte er von der Stätte der Versuchung fort. Bei finsterer Nacht kam er, durchnäßt bis auf die Haut, in Neustadt an. Den Hut hatte ihm der Wind vom Kopf gerissen und einen Abhang hinunter geweht. Er tappte leise zu seinem Bette; aber müde und aufgeregt zugleich, wie er war, warf er sich die ganze Nacht in qualvoller Unruhe hin und her.

Aus diesem Bette war er gestern Morgen so fröhlich, so hoffnungsreich aufgesprungen. Galt es auch einen Abschied, vielleicht für’s Leben, so galt es doch einen kommenden Schmerz, und einen warmen Kuß dazu, den ein junges Blut auch unter den traurigsten Umständen nicht verschmähen wird. Nun aber, wie hatte der so lange ersehnte Tag geendet? Statt des Kusses mit einer Prügelei. „O harte Sehnsucht, süßes Hoffen!“ — Und was wird der Vogt zu der Geschichte sagen? Wie wird er toben über den Händel, der sich vor einer ganzen Stube voll Menschen um seiner Tochter willen erhob! Arme Mariann’! Ein neues Ungewitter über dir! und dein Liebster steht nun als Unruhstifter, als Händelmacher da. Jetzt ist er endlich doch, nur leider auf eine Weise, die er sich am wenigsten wünschte, zum Helden geworden. Das ist aber noch nicht alles. Das Schönste wird nachfolgen, wenn sein Widersacher, wie nicht anders zu erwarten, die Sache vor das Amt bringt. — Die Gesetze für Schlaghändel waren damals etwas strenger als jetzt. Schon sah er sich im Geiste auf der Bank vor dem Rathhause liegen, und der Amtsdiener mit dem Haselnußstecken stand daneben. Schöne Aussicht!

Jetzt nur so schnell wie möglich fort! war sein erster Gedanke, als er aus einem kurzen Schlummer den andern Tag erwachte. Aber was half es ihm, wenn er die Vorbereitung zur nahen Abreise auch noch so sehr beschleunigte! Er mußte eben warten, bis die Gesellschaft fertig war. So lebte er in beständiger Angst. Jeden Morgen fürchtete er eine Vorladung vom Amte zu erhalten. Er hatte sich schon ganz an den Gedanken gewöhnt, daß ihm das Vaterland ein tief wurzelndes Vergißmeinnicht mit auf den Weg geben werde, und war deshalb nicht sehr verwundert, als wirklich eines Morgens der Amtsdiener mit einer Invitation erschien. Er trage auch das, mein Herz! dachte er oder wenigstens schwebte ihm ein derartiger Gedanke vor, als er dem Boten der Gerechtigkeit mit etwas zögernden Schritten folgte.

Amtmiene und Amtssprache hatten, besonders dazumal noch, etwas Fürchterliches. Der Bescheid, der ihm zugedacht war, wurde mit einem Tone verlesen, als ob es ihm um den Kopf gehen sollte. Aber wie war ihm, als die gefürchtete Untersuchung sich in eine Nachricht verwandelte, die ihm so unvermuthet kam, als ein holländisches Erbe! Der alte Riedbauer hatte das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt, vorher aber noch darüber verfügt und seinem jungen Vetter einen beträchtlichen Theil seines Vermögens hinterlassen.

Konrad hatte nie auch nur im Traume daran gedacht, daß sich sein Schicksal auf eine so einfache Weise wenden könnte. Er stand stumm und starr vor Erstaunen; der Hingang des guten alten Mannes machte ihn schmerzlich betrübt. Als er aber von Amtswegen ein wenig angefahren wurde, kam er wieder zu sich, dankte im Stillen für die gnädige Strafe und machte, daß er weiter kam.

„Jetzt nur so schnell als möglich fort!“ dies war abermals sein erster Gedanke, als er das Amtshaus verlassen hatte; nur meinte er es ganz anders als jenen Morgen nach seiner Zurückkunft von Hüfingen. Daß er es aber anders und wie er es meinte, ersehen wir am deutlichsten daraus, daß er schon nach einer Viertelstunde auf dem Wege war, den er nie wieder zu betreten gehofft hatte. Ein Beispiel, wie der Mensch sich irren kann! Warum eilte er aber so sehr? Lag ihm denn der Mammon so gewaltig am Herzen, daß er’s nicht erwarten konnte, bis er ihn gehoben hatte? Gott bewahre! seine Absicht war eine ganz andere, obgleich der Mammon allerdings dabei eine Hauptrolle spielte. Laßt alle Poeten in der Welt zusammenkommen und ihre Schmuckkästchen umstürzen, um eine Liebschaft gehörig aufzuputzen, was hilft’s? Aber werft ein paar tausend solide harte Thaler dazu, die just nicht vorher gewaschen zu werden brauchen, dann, ja dann wird das Ding gleich ein anderes Gesicht haben. Warum also rennt der Pfiffikus, der Konrad, so spornstreichs dahin? Weil er sehr wohl weiß, daß er dem Vogt jetzt dreist unter die Nase treten darf, daß es diesem sogar eine Ehre sein wird, wenn er bei ihm „einkehrt“, wie auch, daß er sich wegen jener That­handlung kein Gewissen mehr zu machen braucht, sintemal dieselbe nichts weniger ist als eine gemeine Rauferei, sondern eine wohlverdiente Execution, dabei aber noch ein sehr lustiger Streich und ein absonderliches Heldenspiel, mit Einem Worte, um es nicht gar zu lang zu machen, er weiß, daß er

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aufgehört hat, ein „R . . . r“ zu sein, — und damit ist die Geschichte zu Ende.

———

Lassen wir zwei Jahre verstreichen, und machen dann noch einen flüchtigen Besuch in dem Dorfe, wo Konrad geboren wurde.

Es ist Sonntag früh, der herrlichste Sommermorgen, wo der Bauer zum Edelmann wird und der Städter ein armer Schlucker ist. Gleich beim Eintritt in’s Dorf sticht uns das weiland finstere rauchige Haus des alten Riedbauers gar stattlich in die Augen. Es ist von Grund aus „renovirt“, die Fensterläden sind frisch grün angestrichen, der fromme Spruch über der Hausthüre ist wieder aufgefrischt und mit einem zierlich gemalten Blumenkranze umgeben. Im Gärtlein hinter dem Hause blühen die Rosen, und der Nägeleinstock auf der Laube hinten gilt für den schönsten im ganzen Ort.

Wir treten in die von der Morgensonne freundlich erhellte Stube. Da sitzt still und im Gebet versunken unsre Mariann’ bei einer Wiege. In dieser Wiege schläft ihr Konrad, aber nicht der große, ihr Herr und Oberhaupt, denn der befindet sich so eben in der Kirche, sondern der kleine Konrad, ihr liebes Kind. In ihrer Hand erblicken wir das wohlbekannte schwarz eingebundene Gebetbuch mit dem goldenen Schnitt. Ob sie dankt oder bittet, das läßt sich so genau nicht sagen; vielleicht ist beides der Fall. Denkt sie aber an ihren Sohn, so betet sie gewiß, daß der Herr ihm eine leichtere Jugend schenken möge als seinem Vater, und dazu ist auch alle Aussicht vorhanden. Doch blickt sie so zufrieden in ihr Buch, als ob ihr kein Wunsch mehr übrig geblieben wäre. Der größte wenigstens ist erfüllt; denn nachdem Konrad das Haus und ein gutes Stück Feld von seinem wackern Vetter, dem frommen Bonifacius, angetreten und Amerika, das „Land“, links liegen gelassen hatte, so fehlte ihm nichts mehr als sein Marianneli. Ob der Vogt gleich eingewilligt oder Sperenzien gemacht hat, thut sehr wenig zur Sache. Genug, daß er eingewilligt hat; und das entnehmen wir mit Sicherheit daraus, daß die beiden jetzt Mann und Frau sind. Wen noch ein Zweifel plagt, der mag den Herrn Pfarrer fragen; wozu hat man denn die Kauf- und Trauungsbücher?

So eben sind die Glocken, welche zum Gottesdienste riefen, verhallt. Durch das offene Stubenfenster sieht man noch die letzten Nachzügler in die Kirche wallen, den alten Kasper, den Geisterseher, und eine Nachbarin mit ihrem Kinde. Sonst ist’s im ganzen Dorfe still. Nur die Bienen vom nahen Immenstande summen am Fenster. Der grünende Rosmarin, von welchem vor anderthalb Jahren die Mariann’ ihr Brautkränzlein nahm, steht, heilig aufgehoben und gepflegt, auf dem Fenstergesims.

Aus der Ferne aber, von Hüfingen her, hallen dumpfe Böllerschüsse. Sie feiern heute das Jakobifest.

Und eben jetzt, wo die junge Frau durch den wohlbekannten Knall an den Tag, der ihre Hoffnungen so grausam knicken zu wollen schien, erinnert wird, trifft sie beim Umwenden auf das Blatt, das immer noch im Buche liegt, und liest mit stiller Freundlichkeit: „Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn’ aufgehet!“

Die Sonne ging jetzt über zwei glücklichen Menschen auf, die wohl sagen konnten: „Dein Herze bleibet mir, mein Herze bleibet dir!“ und wenn der Abendstern am milden Himmel glänzt, so sieht er abermals zwei glückliche Menschen, die nach vollbrachtem Tagewerk froh plaudernd auf der Bank vor ihrem Hause sitzen.

Jeden Sonntag vor der Kirche kommt der Vogt mit der Vögtin herüber. Seit er nichts mehr gegen den Konrad einzuwenden hat, weil derselbe sein Schwiegersohn ist, glaubt auch dieser zu finden, daß der Alte sein so übler Mann sei. Wenigstens hat er die harte Schale abgelegt, und gleicht einer alten Nuß, die zwar vielleicht etwas ranzig, aber im Ganzen doch immerhin genießbar ist. Wenn er dann wohlgefällig mit dem dickbackigen kleinen Konrad vor dem Spiegel steht, so sagt er oft: Der wird wie sein Großvater, er schlägt mir nach. — Gott gebe nur, daß er nicht gar so eigensinnig wird! pflegt die Vögtin jedesmal darauf zu bemerken.

Mariann aus dem Familienbuch zehn Jahre Früher trägt sie keine Haube. Es schläft eine Katze am Boden. Draußen geht ein Mann. An der Wand hängt ein weiße Strohhut

Bild aus dem Deutschen Familienbuch 1845

Mariann liest im Buch an der Wiege. Im Hintergrund eine Schwarzwalduhr und am Boden schläft eine Katze

Bild aus den Wanderblühten 1855

76 Jahre nach der Abstimmung für einen Südweststaat

Wahlergebnisse 1950

Südbaden nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die politische Zukunft Badens keineswegs entschieden. Das Land war durch die Besatzungszonen geteilt: Südbaden gehörte zur französischen Besatzungszone, Nordbaden zur amerikanischen. Gleichzeitig wurden Pläne für einen Zusammenschluss der südwestdeutschen Länder vorangetrieben.

Am 24. September 1950 wurden die Menschen in Baden erstmals dazu befragt. Das Ergebnis war eindeutig: 59,6 % der badischen Bevölkerung stimmten für die Wiederherstellung des alten Landes Baden, während in Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern große Mehrheiten für einen Südweststaat votierten. Die Abstimmung hatte allerdings zunächst nur den Charakter einer Volksbefragung und war rechtlich nicht bindend.

Leo Wohleb, der damalige Staatspräsident von (Süd-)Baden und entschiedene Gegner des Südweststaats, erklärte unmittelbar danach: „Der schwäbische Angriff auf Baden ist abgeschlagen.“

Abgeschlagen war er damit allerdings noch lange nicht.

Da sich die Länder nicht auf eine Neuordnung einigen konnten, regelte der Bundestag die Angelegenheit schließlich per Gesetz. Bei der Volksabstimmung vom 9. Dezember 1951 stimmten in Baden erneut 62,2 % für die Wiederherstellung des alten Landes. Trotzdem entstand 1952 das neue Bundesland Baden-Württemberg.

Die Geschichte war damit allerdings noch nicht zu Ende. Das Bundesverfassungsgericht stellte 1956 fest, dass der Wille der badischen Bevölkerung durch die Entwicklung nach 1945 überspielt worden sei, und ließ ein erneutes Volksbegehren zu. Erst 1970 kam es schließlich zur endgültigen Abstimmung über die Wiederherstellung Badens – mit einem inzwischen völlig anderen Ergebnis.

Was damals geschah, welche Argumente für und gegen den Südweststaat vorgebracht wurden und wie die badische Frage in der zeitgenössischen Presse diskutiert wurde, zeigen die folgenden Zeitungsausschnitte.






De Südweschtstaat

1950 von Gottfried Schafbuch

S’rumoret zmol landuff, landab.
Min Nochber debret bsässe:
Jetzt, guck emol des Gschmier do aa,
d’Badenser sottes fresse.

Südweschtstaat schtoht do krottebroat,
Potzhageldunderwätter,
sott ech am End en Schwob no geä?
Ho sell, sell wär no nätter.

Wertschaftlech dei’s iis besser gau,
Minischter kennt mer spare.
Und s’badisch Ländle sei fer sech
en ganz verfahrne Karre!

Wie dear Borscht frech ischt mit sim Gschmuus!
Dem will ech d’Moaning sage.
Am liebschte dät jo schüttle ech
des Schwäbli fescht am Krage.

Worum wend d’Schwobe iis denn ha,
dont alli Schlech probiere?
Merkscht nit, sie wend e riiechi Bruut
gi Schtugart inni fiehre.

Sie wend de Rhii und d’Häfe haa,
de Wald und iisri Rübe.
De hoaße Quelle boazets au,
de Dubak no denäbe.

Nitt lang wurs gau, no dätet hie
im Rothuus Schwobe sitze
und i de Schuel e Schwäbli dät
zmol iisri Kinder fitze.

Glaub nu, iis ginges dräckig gnueg,
mier dierftet ninnt me sage.
Vum Muschterländli wäret d’Liit
… halt blos s’fifft Rad am Wage.

Wer des nit merkt, kennt d’Schwobe nitt,
die ‚Hoiligsblechliberger‘.
Ech glaub, wer nit fer Bade schtimmt,
der goschet nochher erger.

Wenn Wertteberg iis sacket ii,
dont d‘ Kind i spätre Ziite
im Kerchhof vu de Hoamettreu
uff isri Grabschtea diite.

Guet Nacht, schloof gsund, und moarn nitt z’frich.
Dues hinter d’Ohre schriibe:
Wear nitt im Hern vernaglet ischt,
will oafach BADISCH bliibe!

Baden nach Bayern eingliedern?

Beitrag vom 15. Januar 2026

Da aus Bayern die Rufe nach einer Neuordnung der Bundesländer kommen, hat mich dies veranlasst den Ruf nach einer Eingliederung in die Schweiz zu überdenken.

Am 24. September 1950 stimmten etwa 65% der hiesigen Wahlberechtigten gegen einen Südweststaat und für die Wiederherstellung Badens. Unter Missachtung der Volksbefragung untersteht Hüfingen der baden-württembergischen Landkreisordnung, wird von Stuttgart regiert und vom RP in Freiburg verwaltet. Im Unterschied zu Bayern und 14 anderen Bundesländern dürfen wir den Landrat nicht direkt wählen und bekommen von Stuttgart einen 1. Landesbeamten bestimmt.

Jetzt beschimpfen schwäbische Männer aus Stuttgart Bayern, dass eine Neuordnung der Bundesländer aus Heimatliebe nicht möglich sei. Was ein Blödsinn. Die haben Angst um ihre Fleischtöpfe! Die undemokratische baden-württembergische Landkreisordnung wird zum Machterhalt benötigt.

Landräte werden in Baden-Württemberg durch den Kreistag gewählt. Die Amtszeit beträgt acht Jahre, eine Wiederwahl ist unbegrenzt möglich. Eine vorzeitige Abwahl ist nicht möglich. Ein Landrat bekommt in Baden-Württemberg das höchste Gehalt in ganz Deutschland und wir haben 35 Stück davon.

Gehalt für Landräte in Deutschland
Gehalt für Landräte in Deutschland laut Stepstone.
Abgerufen am 14.09.2025

Von den vielen höheren Beamten möchte ich gleich gar nicht anfangen. So gibt es an den verschiedenen Regierungpräsidien unzählige davon. Dann auf den Landratsämtern die ganzen Dezernenten und ähnliches. Die Besoldungen von Beamten in Baden-Württemberg kann hier nachgelesen werden:

https://lbv.landbw.de/-/besoldungstabellen

Die Arbeit wird übrigens von Menschen gemacht die nicht verbeamtet sind, sondern beim Gehalt abhängig von den Erfolgen von Verdi sind. Auf genau auf diese Menschen zeigen jetzt die Beamten zum sparen.
Von einer echten Reform würden nämlich diese „normalen“ Menschen profitieren, ganz gewiss nicht die Politiker. Deswegen wird es keine Reformen geben. Mit „Heimatliebe“ hat dies absolut gar nichts zu tun.

Eine Neuordnung der Bundesländer wäre eben aus Heimatliebe dringen notwendig, damit unser Steuergeld auch bei den Menschen ankommt. Momentan wird alles kaputt gespart. Ausgaben für ÖPNV, Kultur, Jugend und Natur werden gekürzt, damit die oberen Beamten sich weiter in Sicherheit wiegen können.

Für mehr demokratische Partizipation!
Fremdverwaltet von oben herab.
Kreistag erhöht die Kreisumlage

Baden in die Schweiz eingliedern?

Beitrag vom 11. November 2024

Am 10. November 2024 habe ich eine kurze, eher spöttische, Bemerkung von den Südbadischen Landsenioren in der Zeitung gelesen : „….schlug er mit mit einem Lächeln vor, Baden in die Schweiz einzugliedern…“. Dies war auf die Landkäufe in Südbaden von Schweizern bezogen – aber die Bemerkung hat doch einige Überlegungen in mir ausgelöst.

Wenn man es genau nimmt, so wurde Südbaden nach dem Krieg gegen seinen Willen von Stuttgart annektiert. Aber fangen wir früher an, bei den Schellenbergern. Diese stammten nämlich aus Liechtenstein:

Burg Schellenberg in Liechtenstein.

Nach den Schellenbergern wurde Hüfingen an das Haus Fürstenberg verkauft und gehörte sehr lange dem Fürstenhaus – obwohl immer wieder verschiedene plündernde Armeen durchzogen. Während der 1848er Revolution waren die Hüfinger Bürgerinnen und Bürger ganz vorne dabei und der Fürst flüchtete in die Schweiz. Nach Zuhilfenahme der Württemberger Armeen wurden die Aufständischen, soweit nicht rechtzeitig in die Schweiz und USA entfleucht, ermordet.

Also gehörte Hüfingen im Grunde seit der missglückten 1848er Revolution den Preussen und dem Deutschen Kaiser. Dies ist natürlich sehr verkürzt dargestellt und die Nazizeit lasse ich besser mal weg. (Da gibt es mal einen eigenen Artikel sobald ich Zeit habe.)

Heute wird Hüfingen von Stuttgart regiert und vom RP in Freiburg verwaltet. Wir unterliegen also der Landkreisordnung von Baden-Württemberg, die den Bürgerinnen und Bürgern nur sehr wenig demokratische Rechte einräumt.

Deswegen hätte die Idee ein Schweizer Kanton zu werden doch einigen Charme. Wir hätten eine von uns gewählte Kantonsregierung und eine Regierungspräsidentin oder Regierungspräsident, anstatt eines von oben bestimmten Landrates. – Der Regierungspräsident wechselt in der Regel jährlich oder nach dem Anciennitätsprinzip (Anzahl Jahre in der Regierung). Dieses Amt wäre mit keinerlei anderen Privilegien und keinem anderen Sonderstatus verbunden als der Leitung der Regierungssitzungen.

Davon abgesehen würden die Schweizer uns auch besser verstehen, als die in Stuttgart.

Zum 200. Todestag von Johann Peter Hebel

Johann Peter Hebel, geboren am 10. Mai 1760, gestorben am 22. September 1826 in Schwetzingen

Hegeldenkmal von Lucian Reich mit Menschen in Trachten darum

Am 22. September 2026 jährt sich Johann Peter Hebels Todestag zum 200. Mal. Aus diesem Anlass finden in ganz Baden zahlreiche Veranstaltungen statt.

In ganz Baden? Nein. Im alten badischen Unterland scheint man sich noch an seine Künstler zu erinnern. Das Oberland dagegen hält offenbar nicht mehr so viel davon.

Im Hieronymus und auch in den Wanderblühten finden sich zahlreiche Zitate von Hebel. Aber ich möchte hier zunächst Joseph Bader zu Wort kommen lassen:


Joseph Bader in der Badenia, Band II, 1840, S. 215–218.

Etwas über Hebel

In dem schönen Schloßgarten, der eine Zierde unserer Residenz ist, wandelte ein Fremder durch die herrlichen, schattenreichen Baumgänge. Nachdem er viele Partheien gemustert und bewundert hatte, gerieth sein Fuß an eine einsame Stelle, wo ein hochgrüner Rasenplatz von malerischen Baumgruppen eingeschlossen liegt, aus dessen Mitte ein kleines Denkmal von Eisen in gothischem Geschmacke mit einem ehernen Brustbild sich erhebt.

Johann-Peter-Hebel-Denkmal vom Stadtwiki Karlsruhe

Freudig überrascht betrachtete er die malerische Scene, und trat dann neugierig näher, um aus den Inschriften des Denkmales zu vernehmen, welchem verdienten Manne die Mit- oder Nachwelt dies Zeichen dankbarer Verehrung gestiftet habe. Und siehe da — er fand den Namen Hebel. Jetzt wendete er mit sichtbarem Vergnügen seine Blicke wieder aufwärts zu dem Brustbilde, und forschte aufmerksam nach den Zügen des edlen Dichters.

Inzwischen hatte ich mich ihm genähert, und leicht geriethen wir in’s Gespräch über den Gegenstand seiner Betrachtung. Er kannte die Hebel’schen Gedichte ziemlich genau und verstand den poetischen Geist, welcher sie durchweht. Wir erinnerten uns, wie man früher zuweilen denselben verkannt, und dieser alemannischen Muse die ächte Volksthümlichkeit abgesprochen habe(¹). Der Fremde bedauerte, das Letztere nicht besser beurtheilen zu können, da ihm das Land und Volk, wo Hebel sich bewege, zu unbekannt sey. Wir, der ich dort einheimisch bin, war dies eine erwünschte Gelegenheit, mich über Etwas auszusprechen, was den Fremden und durch ihn wieder Andere belehren konnte.

„Es ist eine vornehme Absprecherei, Hebels Gedichte nur als poetische Curiosa zu betrachten. Sie seyen nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben nur angedichtet worden, das kann man leider von hundert und hundert ähnlichen Poesien sagen, von den hebelschen aber keineswegs. War ihr Verfasser nicht ein Sohn des Landes, redete er nicht wirklich die Mundart des Landvolks, bewegte er sich nicht lange Zeit in dessen Sitten und Gebräuchen, und hatte er nicht selbst ganz den Charakter, den Geist und das Gemüth eines Wiesenthälers? Als Hebel seine Gedichte schrieb, war solches ein Erguß seiner Erinnerungen aus der Heimath und seiner wachsenden Sehnsucht nach derselben. Diese schöne, geliebte Heimath erfüllte noch ganz das Herz des jungen Mannes, als ihn sein Aufenthalt in der Residenz schon in ganz andere Umgebungen und Verhältnisse gezogen. Er durchirrte im Geist jene wohlbekannten Thäler und Berge, besuchte seine Landsleute in ihren Hütten und Dörfern, begrüßte alte Freunde, unterhielt sich mit ihnen in Ernst und Scherz, schwang sich dann empor auf die Höhen der Poesie, und sang in der Zunge seiner Väter, was er gesehen, gedacht und empfunden.“

Ich begleitete diese Worte mit einiger nähern Auseinandersetzung, und der Fremde schien darin Manches ihm ebenso Einleuchtende als Neue zu finden. „Sie werden mir es glauben, ich bin ebenfalls auf dem Lande geboren, bin oft und vielfach unter dem Volke gewesen — also von der Seite aus ein kompetenter Richter über das Volksthümliche in Hebels Werken, und gerade daß ihr Geist, wie ihr Ausdruck so ganz volksthümlich ist, das machte mir sie werth, und das machte sie auch dem Volke selbst werth. Es versteht sie in ihrem Sinn, ihren Bildern und Anspielungen vollkommen — sie sind in seiner Art und Weise. Denn wären sie es nicht, welcher Bauernjunge, welches Landmädchen würde sie lesen oder singen? Daß aber zumal die hebelschen Lieder häufig auf dem Lande gesungen werden, so häufig als andere beliebte Volkslieder, davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht. Sie sehen also, Hebel war nicht bloß zum Dichter, sondern eigentlich zum Volksdichter geboren und erzogen. Wie ächt, wie unnachahmlich sind die Schilderungen im „Karfunkel“, im „Statthalter von Schopfheim“, in der „Wiese“. Mit diesen Augen sieht das oberländische Volk, so denkt, so fühlt, so trauert und scherzt es. Das Alles aber, was ich über die Volksthümlichkeit der alemannischen Gedichte gesagt, ist in den wenigen Worten enthalten, welche aus Hebels eigenem Munde rühren: „Das Heimweh, sagte er, hat sie gedichtet.“

„Was die hebelsche Zunge anbetrifft, so ist sie allerdings eine aus mehreren oberländischen Besonder-Mundarten zusammengeschmolzene und veredelte(²). Dadurch geht aber für die Hauptsache nichts verlohren; die charakteristische Eigenthümlichkeit des Alemannischen lebt vollkommen in der Ausdrucksweise Hebels, wenn auch das oberländische Volksdeutsch an keinem einzelnen Orte genau so gesprochen wird, wie er es schreibt(³). Der Markgräfler, der Wiesenthäler läßt sich in den Wörtern und Sätzen nicht verkennen, dagegen ist die Betonung mehr hauensteinisch, weil der Hauensteiner die Vokale ohne Beiklang, und dem Hochdeutschen am nächsten ausspricht(⁴). Der Anknüpfungspunkt zur Veredelung lag also im alemannischen Sprachstamme selbst, und es ist somit auch hier von keiner Einmischung des Fremdartigen die Rede.“

Wir hatten uns während dieser Unterhaltung auf die nächste Ruhebank niedergelassen. Ich erwähnte dem Fremden, daß hier das Lieblingsplätzchen des verewigten Dichters gewesen seyn soll, weswegen man auch die Stelle für sein Denkmal ausgewählt habe. Der Verfolg des Gesprächs führte nunmehr auf die spätern Lebensverhältnisse Hebels, namentlich in gesellschaftlicher Beziehung, auf seinen stets jugendlichen Geist, seine muntere Laune und seinen treffenden, übrigens immer gutmüthigen Witz. Es kam alsdann auch seine politische Ansicht zur Sprache, und ich weiß nicht, ob ich recht sah, aber mir schien es, als ziehe sich ein kleines Wölklein über die Stirne des Fremden. Vielleicht dachte er an den Sandwirth Hofer.

Ich vermied jedoch geflissentlich diesen Punkt, weil er mich unangenehm berührte, und bemerkte nur flüchtig, daß in der spätern Zeit wohl gar Mancherlei den freien Flug des Dichters gehemmt und seine edlere Thätigkeit beschränkt haben möge.

Der Fremde nahm endlich Abschied von mir und verlor sich in die nächste Allee. Ich aber verweilte noch auf der Ruhebank, in ungestörter Einsamkeit dem Zuge einiger Lieblingsgedanken nachhängend. Bald jedoch wurde ich darin unterbrochen — es fielen mir Hebels Nachahmer wieder ein! Ich muß es frei heraus sagen, nichts kann man lesen, was mehr den Makel der Mislingtheit an sich trüge, als die sogenannten alemannischen Gedichte, wie sie der größten Zahl nach in die Welt geschickt werden. Schon der gute Fellner, welcher doch sein Breisgauisch nicht übel verstand, scheiterte an der Versuche der Nachahmung, und diese Neuern — nicht einmal des Idiomes sind sie mächtig, von dem Geiste, der solche Dichtungen durchwehen und beleben soll, zu geschweigen. Bis zum Ekel aber treiben sie die Wiederholung der paar hebelschen Reime, Ausdrücke und Wendungen, die ihnen zunächst in das Ohr fielen, und beschimpfen dadurch das Andenken an den Vater der alemannischen Poesie. Ich hätte sie gerne alle um das Monument versammelt, diese Pfuscher, um sie Angesichts der Büste Hebels an ihre Sünden zu erinnern. Geärgert übrigens durch die leidige Unterbrechung, erhob ich mich, eilte nach Hause und rief durch die Lesung der „Wiese“ meine gute Stimmung wieder zurück.

(1)
Bader zitiert hier Wolfgang Menzel. Der vollständige von ihm zitierte Abschnitt lautet:

„Die Volkslieder in besondern Mundarten, wie die von Hebel, sind nur als poetische Kuriosa zu betrachten. Sie unterscheiden sich von den ächten alten Volksliedern dadurch, daß sie nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben angedichtet worden sind. Wie sehr der Dichter sich bemüht, ein Bauer zu scheinen, er bleibt doch immer nur ein Bauer aus der Theatergarderobe. Ich kann die Begeisterung für Hebels und ähnliche Gedichte nicht theilen, sie widern mich vielmehr gerade so an, wie die Schweizerinen und Tyrolerinen auf den Redouten. Es ist eine alberne Affektation sogenannter Naivetät darin, die sich in der Wirklichkeit ganz anders verhält. Merkt man nun gar, daß der Dichter seinen Bauern wieder den längstversauerten Milchbrei politischer Kindlichkeit einpappelt und sich gleich einem Dorfschulmeister bei der Ankunft hoher Herrschaften zum Vivat einexercirt, so geht die Illusion gänzlich verloren, und man sieht statt der Natur nur ein theatralisches Machwerk, wie die göthischen Festzüge und gewisse Wiener Vorspiele.“

(2)
„Hebel sagt selbst in der Vorrede zu seinen Gedichten: ‚Der Dialekt, in welchem diese Gedichte geschrieben sind, herrscht in dem Winkel des Rheines zwischen dem Frickthal und dem Sundgau, und weiterhin in mancherlei Abwandlungen bis an die Vogesen und Alpen und über den Schwarzwald bis nach Schwaben.‘“

(3)
„Wollte der Dichter genau den Dialekt schreiben, wie er in seiner Heimath, im Markgräfischen, gesprochen wird, so mußte er anstatt des Vokals a fast durchgängig ein breites und dumpfes o setzen, wie für das e meist ein sanftes a. Die verschiedene Aussprache dieser beiden Buchstaben ist charakteristisch — beinahe so weit das Gebirge reicht hört man ein helles deutliches a und e, dann in den Vorhügeln einen Mittelton von a und o, ä und a, endlich gegen den Rhein zu beinahe ein volles o und a.“

(4)
„Der Klekgauer und Hauensteiner spricht z. B. ganz deutlich: ‚Haber‘, und ‚mache‘, ‚Engel‘ und ‚sege‘, der niedere Breisgauer dagegen: Höber, möche, Angel, sage. Jener spricht: wenn, denn, au, dieser: wänn, dänn, oei.“ davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht.

Und damit sind wir wieder in Hüfingen.

Denn auch hier hat Hebel eine Spur hinterlassen. So schuf Xaver Reich das Medaillon auf Hebels Grabstein in Schwetzingen – sein bekanntestes Medaillon.

Stein von Johann Peter Hebel von Xaver Reich in Schwetzingen

Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 061263d

Aus dem Hieronymus 1853 und den Wanderblühten 1855

Bild von der Taufe mit Kindern

„geb dir Gott e glücklich Jahr und freudige Sinne!”

in der guten Stube mit Baby

„Es isch en Engel usem Paradies
u Mutterliebi heißt si schöne Amme.”

spielende Kinder vor einem Schwarzwaldhof

„Sie ziehn di uf, und lehre di laufe,
gen der n freudige Sinn u zeige der nüzlige Sache”

Kinder gehen in eine Schule. Der Lehrer wartet auf der Veranda.

„und jez göhnt in d’Schul –
fall mer keis, gent achtig u lehret was menich ufgit!”

„Sie lüte weger s’ Zeiche scho
der Pfarrer, schint’s, well zitli cho.”

Ein Köhler mit seinem Meiler unter einem Felsen. Ein Wandersmann kommt vorbei.

So hüt di vorem böse Ding
s’bringt nume Weh und Ach’
Wenn’s Sunntig isch se bet und sing
Am Werchtig schaff di Sach.

„E freie frohe Muth
e gsund und frölich Blut
goht über Geld und Guth.”

Ein Junge mit einem Jäger im Wald an einem Bach. Im Hintergrund Rehe.

Es chunnt e chuele Abedluft,
und an de Halme hangt der Duft
denckmol, mer göhn jez an alsgmach
im stille Frieden unter Dach!

Hieronymus steht auf einer Lichtung über Hüfingen

„Siehsch des ordelig Städtli
mit sine Fenstern und Gieble,”

Zwei Jäger mit Flinten in Begleitung von Kindern und zwei älteren Herren. Im Hintergrund

„De freudig Stündli
isch’s nit e Fündli?”

Fasnet im Hüfingen mit Marienbrunnen in der Mitte und trinkenden Narren drum herum.

„E freude Stund e guti Stund,
s’ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.

die Landfahrer sitzen im Wald vor einer Höhle an einem Feuer.

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle,
Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate,
Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.”

Kinder vor begrüßen einen Storch am Himmel. Im Hintergrund Häuser und eine Kirche.

Willchumm Herr Storch! bisch au scho do,
und schmecksch im Weiher d’Frösche scho?
und meinsch der Winter heig si Sach,
und’s besser Wetter chöm alsgmach?

Männer schlafen auf einer Weide und ein bewaffneter Soldat bewacht sie dabei. Hinterm Zaun stehen zwei Buben die zuschauen.

Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom,
und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.

Soldaten in einer Stadt ziehen einem Mann der am Boden sitzt einen Schuh aus. Auf dem Balkon im Hintergrund

„Drunter ischs und drüber gange was me cha sage.
Menge brave Ma hets nime chönne prästiere,
het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet.

Die Braut wird geschmückt mit einem Scheppel. Drei Mädchen auch mit Scheppel schauen dabei zu. Im Hintergrund der Schrank mit Aussteuer.

„O wie chlopft der di Herz, wie lüpft si di flatterig Halstuch,
und wie stigt der d’Röthi jez in die lieblige Backe,
wie am Himmel s’Morgeroth am duftige Maitag”

Das junge Paar reitet auf edeln Pferden. Das Mädchen trägt einen Strohhut

„Zum frohe Sinn, zum freie Muth,
und Heimet zu schmeckt alles gut.”

Zwei Köhler vor einer Grube. Ein Kind bewacht den Meiler und dahinter ist ein Bruderhäusschen zu sehen.

„Und chunt zur Zit e Biderma,
ans Füür, und zündet ’s Pfifli a,
und setzt si nänmen ane mit,
se schmeks em wohl, un – brenn di nit!

Ein junges Ehepaar sitzt vor einem Haus und diskutiert. Über ihnen ein Kreuz und neben ihnen eine Katze, davor ein Brunnen.

„Erhalt mer Gott mi Friedli!!“

Ruhig Gewissen, eigner Herd
Ist Gott und aller Ehren werth.

Ruhig Gewissen, eigner Herd
Ist Gott und aller Ehren werth.

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
ruckt alles witers, alles chunnt und goht.

Bild mit dem Hüfinger Künstlerkreis um den Tisch

„Druf bruckt er ’s Füür mit de Fingeren abe, und macht ’s Deckli zu. „Se willi den näumis verzehle,“ seit er, und sizt nieder, „doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;“

„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“

„Es isch e brave Ma, in alle Stücke biwandert,
u si Frau, Statthalters Blut, mit Tugend bihaftet.“

Die Gartenlaube aus 1860 mit Männern beim Hebel-Schoppen in Hausen. Eine Dame schaut zu und Kinder bekommen auch was vom Wein. Unterm Tisch liegt ein Hund.

Beim „Hebel-Schoppen“ in Hausen. Originalzeichnung von Luc. Reich in Rastatt. Die Gartenlaube, 1860.

Menschen in Tracht am Hebel Denkmal

Immer bleibet Dir Namen und Ehr Und ewger Nachruhm.

Gezeichnet von Lucian Reich. Vervielfachung ausschließlich vorbehalten Auf Stein gezeichnet von J.N. Heinemann, Hüfingen. 1835

Aus dem Landesarchiv Karlsruhe J-M

Die heilige Verena

Verena von Kaltenbacher in der Hüfinger Stadtkirche

aktualisierter Beitrag, 1. Version war am 7. Dezember 2023

Am Dienstag, 1. September, wurde der Gedenktag der Heiligen Verena begangen. Anlass, sich einmal wieder ihrer Geschichte zu erinnern.

Hier ihr Leben:

In Bachzimmern, steht ein ehemaliges Fürstlich-Fürstenbergischen Jagdschloss und daneben eine der heiligen Verena geweihte Kapelle. In der Kapelle ist ein Bild einer sehr blonden Verena die aus Ägypten stamme.

Ehemaliges Fürstlich-Fürstenbergischen Jagdschloss in Bachzimmern.

Verenakapelle in Bachzimmern

Die heilige Verena von Bachzimmern mit Krug und Doppelkamm, ganz links Petrus, rechts das Fürstenbergische Grafenwappen. Foto: Dr. Hans Keusen in den Schriften der Baar Bd. 53/2010*1

Heute will ich mal eine Geschichte erzählen, die mich schon lange fasziniert hat. Es ist die Geschichte der heiligen Verena.

Theben

Die heilige Verena wurde um 260 n. Chr. in Theben geboren.

Die Geschichte Thebens ist reich an Legenden, welche sich um Herakles, Dionysos und Laios ranken. Die Stadt ist Geburtsstadt des Herakles, des Ödipus, der Sieben gegen Theben und Antigones. Eine weitere thebanische Sage ist die der Niobe (Ehefrau des Königs Amphion), welche als eingeheiratete Herrscherin und Mutter von 14 Kindern mit ihrem Hochmut den Zorn der Leto auf sich zog.*2

Verena

altägyptisch mit der Bedeutung „Frucht oder Same der Stadt Theben“
Ⲉⲃⲣⲁⲛⲉ Ebrane; koptisch
Ϥⲣⲉⲛⲉ Frene; koptisch
Βερενίκη Berenike; altgriechisch*7

An der Stelle Thebens war zu Ende des 19. Jahrhunderts nur noch ein ausgedehntes Ruinenfeld zu beiden Seiten des Nils vorhanden. Heute befindet sich in einem Teil von Theben-Ost eines der touristischen Zentren Ägyptens, die Stadt Luxor. Seit 1979 ist Theben in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes eingetragen.
Foto: Chrissie talk – Christian Rosenbaum Author on German Wikipedia: Chrissie talk, CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons

Jedenfalls ließen sich bei Theben der Sage nach möglicherweise phönizische Einwanderer nieder, welchen dann griechische aus Kleinasien folgten, wie die Sage von Amphion erzählt, der durch seine Leier die Steine herbeilockte. Amphion und Zethos erweiterten die Mauern und fügten sieben Tore hinzu, die das geflügelte Wort vom „siebentorigen Theben“ auslösten – im Gegensatz zum „hunderttorigen Theben“ in Ägypten, das Homer in der Ilias erwähnt.

Zu dem Geschlecht der Kadmeionen gehörte auch der Sohn des Laios, Ödipus. In die Zeit des Ödipus fällt auch die Sage der Sphinx, die vor Theben hauste und jeden Fremden tötete, der ihre Rätsel nicht lösen konnte. Dies wurde von Ödipus durch das Lösen des Rätsels der Sphinx beendet.

Im Ersten Mithridatischen Krieg (89–85 v. Chr.) ging Theben endgültig an die Römer. In der Folge verfiel Theben zu einem bedeutungslosen Dorf, behielt aber trotz sinkender Einwohnerzahl das Stadtrecht.*2

Das Römische Reich zu Lebzeiten Verenas

Der bedeutende Sassanidenkönig Schapur I. fiel mehrmals plündernd in Syrien ein und konnte dabei mehrere römische Heere besiegen. Im Jahre 260, dem Geburtsjahr von Verena, wurde Kaiser Valerian gefangen und ermordet.

Während Rom im Osten bemüht war, die Provinzen Syriens und Kleinasiens zu sichern, erodierte auch im Westen die kaiserliche Autorität. Dabei kam es immer wieder zu Bürgerkriegen zwischen den Usurpatoren und sogar zur Abspaltung einzelner Provinzen, die aber unter Kaiser Aurelian wieder rückgängig gemacht werden konnten. Palmyra musste im Jahr 272 gewaltsam unterworfen werden. Die Krise führte zu zahlreichen Veränderungen, betraf allerdings nicht alle Gebiete des Reiches im selben Ausmaß. Und es sollte schließlich noch einmal gelingen, den drohenden Verfall des Reiches abzuwenden.

Mit Diokletian vollzog sich im Jahr 284 der Übergang in die Spätantike. Diese Zeit wird heute als eine Zeit des Umbruchs und der Transformation der antiken Mittelmeerwelt beschrieben.*4

Diokletian reformierte die Verwaltung und führte Diözesen und Präfekturen ein. Die religiöse Festigung kaiserlicher Herrschaft (so nahm Diokletian nach dem Gott Jupiter den Beinamen „Iovius“ an) sollte eine neuerliche Ausrichtung der Reichsbewohner auf Staat und Kaiser bewirken. Besonders die Christen empfand Diokletian daher als illoyal dem Reich gegenüber. Die letzten (und heftigsten) Christenverfolgungen im Römischen Reich fanden in seiner Regierungszeit statt.*3

Diokletian

Diokletian (eigentlich Diocles, altgriechisch Διοκλῆς; vollständiger Name Gaius Aurelius Valerius Diocletianus) wurde zwischen 236 und 245 in Dalmatia geboren; gestorben um 312 in Spalatum) war von 284 bis 305 römischer Kaiser.

Mit seiner Thronbesteigung begann die Diokletianische Ära oder auch Ära der Märtyrer (aera martyrum) genannt. 4

Verena kommt nach Europa

Verena wurde also in Theben am oberen Nil in Ägypten als Kind angesehener Eltern etwa im Jahr 260 geboren. Der Überlieferung zufolge übergaben die Eltern sie einem Bischof zur Taufe und Unterweisung im christlichen Glauben.

Nach dem Tode des Bischofs ging Verena mit anderen Christen und ihrem Vetter nach Unterägypten wo Kaiser Diokletian Soldaten aushob, um die thebäische Legion zu gründen.

Verena reiste im Tross der Legion nach Mailand. In Mailand habe sie einige Jahre beim heiligen Maximus gelernt und gearbeitet. Hier lernte sie wohl die Heilkunst und half bei der Bestattung der toten Christen. Als sie in Mailand von der Enthauptung des Mauritius und der Tötung der Legionären hörte, sei sie nach Saint-Maurice (Agaunum) gereist und bestattete die Märtyrer der thebäischen Legion.

Die Thebaische Schaar, Lithografie, zwischen 1830 und 1850. Zentralbibliothek Solothurn, Public domain, via Wikimedia Commons

El Greco: Das Martyrium des Heiligen Mauritius. El Greco, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Legende von Ursus und Victor. Kupferstich, 18. Jahrhundert. Herkunft: Kanton Solothurn. Historisches Museum Blumenstein, Solothurn. See page for author, Public domain, via Wikimedia Common

Thebäische Legion

Alle 6.660 Mitglieder der Legion waren Christen. Ein Soldat der thebäischen Legion, Victor, soll Verenas Verlobter gewesen sein. Die Legion wurde von Mauritius geführt, der auch im Besitz der Heiligen Lanze gewesen sein soll. Mauritius war ein Vetter von Verena und wird in den Abbildungen oft als Afrikaner dargestellt – im Gegensatz zur ewig blonden Verena.

Der heilige Mauritius und seine Begleiter der Thebäischen Legion. Von etwa 1520
Bonnefanten Museum, Public domain, via Wikimedia Commons

St. Mauritius, Madachhof: Kapelle St. Mauritius
ANKAWÜ, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

In der Krypta des Verenamünsters. Der heilige Mauritius oder Victor von der Thebäischen Legion.

Der Kaiser schickte die Legion in den Krieg gegen die Bagauden nach Gallien. Nachdem Maximian sein Lager in Octodurum (heute: Martigny) aufgeschlagen hatte, forderte er seine Untergebenen vor Kampfbeginn zu einem Opfer für die römischen Götter auf. Mauritius und seine Legion weigerten sich und gingen nach Agaunum (heute: St. Maurice d’Agaune), wo sie lagerten. Nach einer Aufforderung zur Rückkehr und Opferung wurde die Legion zur Strafe zweimal „dezimiert“. Der Grund der „Dezimierung“ war die Weigerung gegen christliche Glaubensbrüder zu kämpfen. So ließ Maximian schließlich den Befehl zur Ermordung der gesamten Legion geben.
66 Legionäre entkamen nach Solothurn und wurden dort erst umgebracht. Zwei dieserLegionäre waren Victor und Ursus. *5

Der Heilige Victor.
Altarflügel. Öl auf Holz mit Goldgrund, 15. Jahrhundert.
Wikimedia

Solothurn

Nachdem Verena ihren Vetter Mauritius und die ermordeten Legionäre in Agaunum bestattet hatte, reiste sie Victor nach Salodurum (heute Solothurn) nach und ließ sich wieder bei einem Eremiten nieder. Hier soll sie mit Fasten, Gebet und Psalmengesang ihre Tage verbracht haben.

Sie wohnte in einer Höhle in der nach ihr benannten Verenaschlucht und soll sich durch den Verkauf ihrer Handarbeiten ernährt haben.

Oft suchte Verena die Aussätzigen vor den Toren der Stadt Solothurn auf, um sie zu waschen. Aufgrund ihrer heilenden Kräfte wurde Verena vom Volk als Heilige betrachtet; Kranke suchten sie in ihrer Einsiedelei auf, um durch ihre Wundertaten zu genesen. Bald schon gesellten sich andere junge Frauen zu ihr und bildeten mit ihr eine Gemeinschaft.

Schließlich wurde sie vom christenfeindlichen Stadtkommandanten Hirtacus gefangen gesetzt. Im Gefängnis erschien ihr Mauritius, im himmlischen Licht strahlend, und stärkte ihren Glauben. Als der römische Statthalter von einem Fieber befallen worden sei, ließ er Verena rufen, damit sie ihn heilen könne. Anschließend wurde sie freigelassen und wurde aus der Stadt verwiesen. *7

Aquatinta von Bruno Moll zwischen 1860 und 1880. Verenaschlucht, Solothurn (Schweiz): Blick von Süden auf die Einsiedelei Sankt Verena. Im Hintergrund der Weissenstein.
Zentralbibliothek Solothurn, Public domain, via Wikimedia Commons

Verena soll dann auf einem flachen Stein den Fluss Aare hinunter gefahren sein. In Koblenz, damals eine kleine römische Siedlung, machte sie einen langen Zwischenhalt auf einer Insel im Rhein, befreite diese von Schlangen und widmete sich erneut der Krankenpflege.

Insel an der Mündung der Aare (rechts) in den Rhein (links)
Foto: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon.

Verena in Zurzach

Verena folgte wohl eher der alten Römerstraße von Vindonissa (Windisch) nach Tenedone (Zurzach), auf der Peutingerkarte oben von links nach rechts.

Tabula Peutingeriana.
Vindonissa, Tenedone, Julio mago und Brigobanne auf 2A5 der Karte die rote Linie ist die Römerstraße.
Die ganze Peutingerkarte gibts es hier: https://tp-online.ku.de

Der dicke grüne Fleck ist der Bodensee und darüber sieht man Vindonissa (Windisch), Tenedone (Zurzach) und Julio mago (Schleitheim), dann Brigobanne.

Verena kam dann ins nahe römische Kastell Tenedone wo sie Hausgehilfin des Priesters wurde. Mit Krug und Kamm ging sie jeden Tag vor die Stadtmauer und wusch damit die Aussätzigen.

Wunder der Verena

Als sie beschuldigt wurde, Wein und Brot unrechtmäßig zu den Armen zu tragen, verwandelte sich der Wein in Wasser.

Das Mehlwunder: „Als Brot fehlte und Verena zu Gott um Hilfe betete, wurden auf einmal 40 Säcke Mehl am Eingang der Zelle vorgefunden. Nachdem Verena und die Jungfrauen von dem Mehl gegessen hatten, wuchs ihnen immer wieder neues Mehl aus den Zähnen.“

Nachdem sich das Mehlwunder ereignete soll der hl. Verena der Teufel erschienen sein. Da er sich über Verena ärgerte, wollte er einen schweren Stein nach ihr werfen. Der Stein sei aber dem Teufel auf den Fuß gefallen, so dass er seit dieser Zeit hinke.

Der Ring des Priesters, den dieser zur Fastenzeit nicht tragen wollte, wurde ihr zur Aufbewahrung gegeben; ein Diener stahl ihn, fürchtete entdeckt zu werden und warf ihn in den Rhein; ein Fischer brachte einen großen Fisch zum Geschenk, Verena zerlegte ihn und fand den Ring.

Der Priester ließ ihr nun eine Zelle in Zurzach bauen, wo sie bis zu ihrem Tod mit dem heilenden Wasser einer Quelle Kranken das Haupt wusch, sie kämmte, heilte und salbte. In ihrer Todesstunde erschien Verena Maria mit vielen heiligen Frauen, die sie in den Himmel leiteten.

Verena mit Kamm und Krug auf der Rheinbrücke Zurzach–Rheinheim von Ernst Suter 1978

Ein Vasall des Herzogs von Burkhard soll Kirchengüter des Verenastifts geschenkt erhalten haben. Da dies Unrecht gewesen sei, soll der Herzog eine Prozession gesehen haben, die aus den Fenstern des Verenamünster schwebte. Anschließend erstattete der Herzog die Güter an das Stift zurück.

Als ein Bauer am Verenatag (1. September), anstatt zur Messe in den Wald ging, um Bäume zu fällen, seien seine Hände beim ersten Schlag erstarrt. Am Grab bereute dieser und damit gesundete er wieder.

1795 brach in Koblenz Feuer aus, viele Häuser und die Kapelle verbrannten. Nur die Statue der hl. Verena mit ihren Kränzchen und Votivkerzen blieb unversehrt. Bis heute kommen weitere Geschichten und Wunder hinzu, die Gläubigen zählen die (allerdings erst in neuer Zeit) entdeckte Thermalquelle dazu, die für kranke Menschen Heilerfolge bringt.

Die heilige Verena

Im 5. Jahrhundert wurde über Verenas Grab, das in einem Gräberfeld bei einem alten römischen Kastell an der Römerstraße lag eine Kirche gebaut. Um 745 eröffnet dort ein Benediktinerkloster, das im 13. Jahrhundert zum Chorherrenstift umgewandelt und 1876 aufgehoben wurde. An der Stelle steht heute das nach ihr benannte Münster in Bad Zurzach. Die Grabplatte ihres Sarkophags wurde 1613 gefertigt.

Verenamünster

Krypta

Grabplatte von 1613 der hl. Verena in der Krypta des Verenamünsters
Paul Bissegger, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Common

ST. VERENA MÜNSTER Rom.- kath. Pfarrkirche Kirche des 1876 aufgehobenen Chorherrenstiftes am Grabe der hl. Verena ( Krypta). Die älteste Kirche an dieser Stelle ist in einem Friedhof (1.-4. Jh. n. Chr.) neben der röm. Strasse errichtet worden. Bestehendes Langhaus 11. Jh., Chorturm 1347 geweiht. Barockisierung 1733 durch Giov. Gaspare Bagnato. 1962 Aussen-, 1975/76 Innenrestaurierung.

Verenamünster in Tenedone (Bad Zurzach)

Die heilige Verena in der Krypta

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Verena im Verenamünster in Tenedone (Bad Zurzach)

Eine erste Lebensgeschichte von Verena wurde 888 im Kloster Reichenau durch Benediktinerabt Hatto, den späteren Erzbischof von Mainz, verfasst; eine weitere Vita mit Ergänzungen über ihr Wirken in Koblenz und Zurzach entstand im Kloster in Zurzach wohl im 10. Jahrhundert. Eine Sammlung ihrer Wunder folgte um 1000. *7

Brugkapelle der Heiligen Verena

Das römische Kastell in Tenedone wo die Verenakapelle steht.

Taufbecken neben der Verenakapelle unbekannten Datums.

„Burgkapelle“ St. Verena und Mauritius. Nach Schilderung im Mirakelbuch der hl. Verena (Anf. 11.Jh.) zum Gedächtnis an die Auffindung des „Verenakrügleins“ errichtet. 1203 erste urkundliche Erwähnung.
Westteil (Schiff)-romanisch, Ende 1. Jahrtausend Saat mit eingezogener Apsis (1949 ergraben).
Erweiterungen 1425 (Altarhaus): 1488 (Dach-Aufhöhung über dem Schiff): 1571 Vorzeichen mit Aussenkanzel (1949 abgebrochen)
Altar gestiftet von Seb. Borner (Stiftsdekan 1704).
Bilderzyklus über das Leben der heiligen Verena. 1610 – 1617 geschaffen vom Zurzacher Maler Joh. Melchior Waldkirch.
Renovationen 1772 1851 1949 1994/1995




Die heilige Verena in St. Verena und St. Gallus in Hüfingen.

Unter Pfarrer Rudolf Rauber haben 1909 die Gebrüder Marmon, Bildhauer-Atelier in Sigmaringen, den jetzigen Altaraufbau mit Tabernakel und Verena-und Gallusfigur angefertigt. 1960 wurden die Figuren der hl. Verena und Gallus in der Schächerkapelle untergebracht, 1993 jedoch im Auftrag von Herrn Dekan Andreas Huber wieder zurückgeholt und neben dem Altar aufgestellt, wo früher die Beichtstühle waren.

Nach der Kirchenrechnung des Jahres 1743 erhielt der Villinger Bildhauer Johann Ignatz Schupp für das Bildnis der hl. Verena am 15. Januar 1743 insgesamt 9 fl. *9 In der Kirche ist sie nicht zu sehen. Sie wird nur bei besonderen Anlässen verwendet und wird in der Sakristei aufbewahrt. Sie wurde früher bei den Prozessionen mitgetragen.
Siehe auch Lorettokapelle.*8





Deckengemälde aus 1909 von Ferdinand Kaltenbacher.


Fahnenbilder von Luzian Reich senior mit Verena und Gallus. *9

1Die Verenakapelle in Bachzimmern – unter besonderer Berücksichtigung ihrer Wandmalereien. Werner Fischer, Peter Kempter, Renate Keusen, Antonia Reichmann. Schriften der Baar, Bd. 53/2010 S. 59–80
2 Wikipedia: Theben
3 Wikipedia: Römisches Reich
4 Wikipedia: Thebäische Legion
5 Wikipedia: Diokletian
6 Wikipedia: Einsiedelei Stankt Verena
7 Heiligenlexikon.de
8 Geschichts- und Heimatverein Villingen
9 Chronik der Stadt Hüfingen von August Vetter 1984

Denkbuch von Lucian Reich 1837 bis etwa 1860

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Momentan befinde ich mich im Jahr 1836 und habe das Buch in mehrere Teile unterteilt.

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Der 3. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833
Der 4. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836
Der 5. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1837 bis etwa 1860

Eine Übersicht der einzelnen Teile gibt es hier:

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896

Unten der 5. Teil. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv, die Zahlen sind die Seitenzahlen aus dem Original


Nach einem mit den Freunden auf der Sachsenhäuser Warte gehaltenen Abschiedstrunk bestieg ich den Omnibus nach Darmstadt, um von dort — wie sich’s damals bei jungen Leuten von selbst verstand — zu Fuß weiter zu pilgern, den Heimatbergen zu. Heinemann war mir bis Vöhrenbach entgegen gekommen. Von Zeit zu Zeit hatte er uns von seinem Kunststreben Nachricht gegeben, als Probe einmal auch das Bildnis unsrer Schwester in der Schappeltracht der Baar gesendet. Anfänglich wollte er Schildmaler werden bei Dilger in Neustadt, einer der Werkstätten, in welchen sich im Laufe der Zeit eine fire Technik ausgebildet hatte, die vollständig genügt hätte, den ebenso praktischen wie charakteristischen, hell lackierten und bemalten, „Schild“ der Schwarzwälderuhr artistisch weiter auszubilden. — Nach des Meisters baldigem Tode hatte sich Heinemann bei Keller in Donaueschingen dem lithographischen Fache zugewandt. Bei seinen Eltern in Hüfingen wohnend und jeden Tag den Weg hin und her machend und ausschließlich mit schriftlichen Arbeiten, Tabellen und Impressen beschäftigt, war es ihm nur in freien Stunden vergönnt, Porträts nach der Natur zu zeichnen – und wie viele und treffliche hat er auf Stein gezeichnet, unter andern eins von W. Rehmann und ein frühestes von Scheffel als Lyceist. 114

Karl von Schneider (2.11.1847 – 26.09.1923) Litograph in Hüfingen Bleistiftzeichnung von J. Nepomuk Heinemann, etwa 1895
Karl von Schneider, Bleistiftzeichnung von J. Nepomuk Heinemann, etwa 1895

114 Im elterlichen Hause war unterdessen manche Wandlung eingetreten. Das rege Leben im obern Stock war zum Stillleben, der gute Großvater von seinem Tagewerk abberufen worden. Nur der Großmutter (Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) hatten die Jahre scheinbar nichts anzuhaben vermocht. Stets saß sie von Morgen bis Abend noch an der Kunkel. Am Sonntag vor dem Gottesdienst kam regelmäßig der „Vetter Galli”(Gallus Götz 21.10.1757-29.11.1840)  ihr Bruder, groß und hager, mit einem Gesicht, charakteristisch wie der beste Holzschnitt Dürers, um den Kaffee bei ihr einzunehmen. Und da sie selbst nicht mehr zur Kirche gehen und auch nicht mehr lesen konnte, mußte ihr immer Eins von uns das sonntägliche Evangelium vorlesen; denn aufrecht wie ihre Gestalt war ihr religiöses Bekenntnis, von dem sie kein Jota abging; aber keine Betschwester, die meint, mit dem fleißigen Kirchenbesuch seis abgetan. Kam je eine solche, ihr Nachteiliges von andern zu hinterbringen, so sagte sie: Ich will nichts hören, es hat jedes g’nug vor der eignen Tür zu kehren! Eine Freude für sie war, wenn nachmittags der „Nepomuk und die Molly- (Johann Nepomuk Schelble und seine Frau) kamen. Aber auch sie waren immer viel in Anspruch genommen mit Einrichtung und Verbesserungen ihres Hauses und Gütchens. Die Großmutter stammte aus der Hofbauernfamilie Götz, deren Haus in der Vorderstadt noch ganz die mittelalterliche Bauart zeigte und auch eine allerdings trübselige geschichtliche Bedeutung hatte, insofern als die Scheuer der Hauptschauplatz war des gräuelvollen Blutbades vom Jahre 1632 beim Ueberfall der Stadt durch Württembergisches Kriegsvolk.

Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) 
gemalt von Reich senior ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829.
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Elisabeth Heinemann geb. Reich und Lucian Reich und Xaver Reich.

114

Der Vater machte jetzt wenig Gebrauch mehr von seiner Kunstbegabung. Der Schlüssel zur Werkstatt hing oft wochenmonatelang unberührt am Nagel; und wenn ich ihn je einmal zur Hand nahm und hinab ging, schauten mich Cicero, Adonis, Herkules, Bacchus et Comp. — Bildhauer Brunner’schen Angedenkens — die ich vor meinem Abgang nach Frankfurt so schön auf Tonpapier gezeichnet — von ihren bestaubten Schäften herab wehmütig und verlassen an.—

Kam der einst so kunsteifrige Besitzer aus der Schule heim, so nahmen ihn schon wieder andere Sorgen und Mühen außer dem Hause in Anspruch. Er hatte ein Gipslager auf der Gemarkung entdeckt und an der Breg eine Dunggipsmühle, und in Verbindung mit seinem tätigen Schwager  Nober am „Kännerbach“ eine Wollespinnerei errichtet, wozu später noch an der Breg Cement- und Schwarzkali-Fabritation kam. Die Standesherrschaft wie auch der damalige Gemeinderat waren den Unternehmungen im wohlverstandenen Interesse der Allgemeinheit fordernd entgegen gekommen.— des Vaters Werkbank in der Wohnstube glich jetzt einer bunt durcheinander gewürfelten Mineraliensammlung, zu welcher die ganze Umgegend Beiträge geliefert hatte. Im Umgang mit Hofrat W. Rehmann und Oberforstinspektor Gebhard, sowie als aktives Mitglied des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte in Donaueschingen (Baarverein), hatte er sich geognostische Kenntnisse erworben, um welche ihn, wie Professor Fickler sich ausdrückte, mancher Professor hätte beneiden können. 115

Alte Haustür Haus Nober –mit dem Schaf als Wappen für die Wollspinnerei.

115 Nicht gleichen Schritt mit seinem Unternehmungseifer hielten aber die pekuniären Erfolge; das fortwährende Verbessern und Aendern der Werke nahm die beschränkten Mittel allzusehr in Anspruch; dazu kam noch der Betrieb durch fremde, nicht immer ganz zuverlässige Leute. — Und somit floß jetzt das Leben im elterlichen Hause nicht mehr in ruhigem geregeltem Gang dahin wie früher.

Haus Nober etwa 1910

Aber auch die Amtsstadt zeigte die ehemalige Physiognomie nicht mehr so ganz. Der Zeitgeist hatte manchen Zug bereits verwischt oder verdrängt — wenn auch nicht in der Weise, wie der hinkende „Hafnerkaspar“ finden wollte: es habe kein Bürger mehr den richtigen bürgerlichen Gang, — ja wenn er Rock gesagt hätte, den dunkelblauen langen Tuchrock (von Spöttern Zehenklopfer genannt) mit umgelegtem Kragen und Knöpfen statt Haften, wodurch sich der Handwerksmann vom Bauer unterschied. Auch der Bauer hielt nicht mehr so zäh am Alten fest. Nur die Bäurin schritt sonntags noch im vollen Staat mit weißlackiertem Strohhut, gesticktem Goller, Fürstecker und silbernem Gürtel zur Kirche, während vielleicht das Töchterlein den Tag kaum erwarten konnte, wo es sich die leichtere Modekleidung aneignen dürfte. Den umgekehrten Fall, die Verwandlung eines ,Rockmeidli- in ein Jüppemeidli, habe ich nur einmal dahier beobachtet.

Form für einen Strohhut im Franziskanermuseum in Villingen
Das Bild rechts zeigt die weibliche Tracht, eine junge Frau in dem hohen weißen Strohhut mit den schwarzseidenen Bändern zur Seite, in dem großen seidenen Halstuch, in dem schwarzen Armelschopen, mit dem gestickten Vorstecker und den „rothsamtenen“ Nesteln, mit der silbernen Gürtelkette auf der festtäglichen Schürze, dem „Bigkorb“ an dem einen Arm ist sie als auf der Wanderung in ein nahegelegenes Dorf oder Städtchen gedacht.
Frau mit weißem Strohhut von Rudolf Gleichauf
„Weißlackierter Strohhut“ im Hieronymus
Dame mit Strohhut im Kelnhofmuseum in Bräunlingen.

116 Vor wenig Jahrzehnten hätten die alten Wallfahrtskapellen mit ihren vielen Votivtafeln Gelegenheit geboten zu Trachtenstudien, aus welchen zu ersehen gewesen, wie manche jetzige Tracht nur noch ein Rest der alten ist. Gleich wie die Landestrachten mehr und mehr verschwinden, so wird von altem Herkommen, Sitten und Bräuchen, bald nicht viel mehr übrig sein.

Hat doch selbst Frau Fastnacht ihr eigenartiges Gewand zum Teil schon abgelegt, indem sie in Stadt und Dorf in Gestalt von allen möglichen Trauer-, Schau- und Lustspielen programmgemäß über die Bretter geht. Daß trotzdem aber die humoristische Volksdichtung, die ihren Stoff dem alltäglichen Leben entnimmt, immer lustig noch die Pritsche schwingt, davon lieferte der diesjährige Karneval dahier einige recht gelungene Proben. 

Und auch der Hansel oder Heine-Narro hat stets noch sein Recht behauptet. — Ob er seit alter, d. h. mittelalterlicher Zeit, im Baargau schon heimatberechtigt, möchte schwer zu entscheiden sein. Die Chronisten melden meines Wissens nichts davon. Nur soviel ist anzunehmen, daß er, ähnlich dem „Schem- oder Schönbartlaufen” immer nur in stadtbürgerlichen Kreisen, nie aber auf dem Lande, in einem Dorf oder Landsitz, sein Wesen getrieben habe. Aus sehr alter Zeit stammt seine Tracht. Denn schon im Parsival lesen wir, daß die besorgte Mutter dem Söhnlein ein bunt bemaltes Narrenkleid habe anfertigen lassen, um damit seine Herkunft zu verbergen. Auch die Kapuze mit dem Fuchsschwanz (doch ohne den in Villingen gebräuchlichen Halstragen, der viel jünger ist) beweist sein uraltes Herkommen; denn weniger die Metallschelle, die ja auch Vornehme an ihrer Kleidung trugen, als vielmehr die Zier Meister Reinecke’s war das Attribut des Schalksnarren, weshalb sie auch an der weiland Bühler Narrenchronik prangte. 116

Fasnet im Hüfingen mit Marienbrunnen in der Mitte und trinkenden Narren drum herum.

Aus dem „Hieronymus“, Kapitel 14.
Film von Ernst Kramer aus 1950

117 Der Hansel betrug sich übrigens nicht immer so harmlos und gefällig wie jetzt. Er war gefürchtet seiner bösen Zunge wegen und der rücksichtslosesten Lust am „Strälen“. Und wenn er, umtollt von einem Schwarm Gassenbuben, vor einem Hause Posto gefaßt, und diese das eingelernte Liedlein anstimmten, wurde oben das Fenster rasch zugemacht und das Vorhänglein zugezogen.

Auf dem Speiszettel einer rechtschaffenen Fastnacht standen Leckerbissen vom hausgeschlachteten Säulein obenan. Erst am Aschermittwoch gab man dem Stockfisch, und allenfalls „gschlampeten“ Schnecken die Ehr. Abends fanden in den meisten Wirtschaften Fastenessen statt, an welchen sich in der Regel nur Eheleute beteiligten. 

Eingeleitet wurde die Fastnacht (sowie die Kirchweih) Sonntags mit einem Ball, dem nie ein Essen fehlen durfte, zu welchem eine Liste zirkulierte. Es hatte das Gute, daß, im Gegensatze zum gewöhnlichen Tanze, auch ältere und verheiratete Leute sich einfanden, wodurch der Abend mehr den Charakter des Familiären und Gemeinsamen erhielt. Aktive und Passive mit statutengemäß bedingtem Zutritt gab es damals noch nicht, beim Cäcilienball nur insofern, als von Kirchenchor-Mitgliedern gut einstudierte hübsche gemischte Chöre und Lieder zum Vortrag gebracht wurden.

117 Auch Xaver war von München zurückgekommen. Im Atelier Schallers hatte er, obgleich im Steinarbeiten nicht geübt, resolut zu Hammer und Meißel gegriffen und nach Schallers Modell die Holbeinstatue für die Pinatothek in Stein ausgeführt. Im Lehrsaal Zwergers war er bis in die letztere Zeit der einzige Schüler gewesen, der sich ausschließlich der Plastik widmete. Zu den jüngern Fachgenossen, mit denen er jetzt verkehrte, zählte vor allen Hähnel (später Professor in Dresden). Entwürfe, die er mir von seiner Tätigkeit als Mitglied eines Komponiervereins zuschickte, ließen ein frisches, freudiges Schaffen erkennen. 

Jetzt, nach kurzem Verweilen in der Vaterstadt, hatte er das Glück, an Fürst Karl Egon zu Fürstenberg einen Mäcen zu finden. Der erste bedeutende Auftrag betraf die Donaugruppe für den fürstlichen Park, wozu er das Modell in München fertigen sollte. 

Die junge Donau als Kind im Schoße der Mutter Baar. Sandsteingruppe am Zusammenfluss von Brigach und Breg.

118 Im Gesellschaftshause Frohsinn hatte er Atelier und Wohnung gemietet; und ein glücklicher Gedanke war es den Kunstheros Cornelius um einen Besuch zu bitten. Und er kam oft, der kleine große Mann mit dem Blicke des Adlers, und nicht nur mit Worten, auch mit genial hingeworfenen Bleistiftstrichen suchte er den jugendlichen Modelleur auf die Erfordernisse monumentaler Plastik ausmerksam zu machen. 

Wozu mir in Frankfurt die Anregung gefehlt, das tat ich jetzt wieder, indem ich ein Bild aus dem Leben malte. Hierauf begab auch ich mich ebenfalls nach München, wo ich im „Frohsinn”, den auch Schaller und Bildhauer Eduard Wendelstädt 1), Sohn des Inspektors am Städelschen Institut, bezogen hatten, mich einquartierte. 1)Das bedeutendste Werk dieses talentbegabten, frühe verstorbenen Künstlers ist die Statue Karls des Großen auf der Mainbrücke zu Frankfurt. Unser Schaffen und Streben war im besten Zuge, als uns, wie ein Blitz aus heiterem Himmel — denn er hatte sich ja in anscheinender Besserung befunden — die Nachricht vom Tode Schelbles traf. Es war ein neblig trüber Dezembertag, als wir, mit zwei Schweizer Fruchthändlern die einzigen Passagiere, von Lindau aus über den Bodensee hin fuhren.

Der fürstliche Protektor hatte meinem Bruder ein Atelier im Schloß zu Hüfingen herstellen lassen. Und es zeugt gewiß von seltener Zuversicht und Tatkraft, daß er die über 10 Fuß hohe Gruppe, von seinem getreuen, Seppele (Jos. Billinger), den er eigens dazu geschult, in Punkten gesetzt, eigenhändig in Stein ausführte. Während diese Arbeit mehr und mehr der Vollendung entgegen ging, zeichnete und malte ich viel nach der Natur im Freien. Und ist auch die kornreiche Hochebene für den gewöhnlichen Touristengeschmack keine eigentlich pittoreske, so ist sie doch nicht ohne idyllischen Reiz, namentlich für den, dem sie von der Heimatluft umweht entgegen tritt. Ein schöner frischer Juni- oder Julimorgen, zugebracht an den umbuschten Wiesenufern der Breg, im Tannenrauschen des Wolfbühls, oder unter den alten Föhren des Hölensteins, war an sich schon eine Studie. Und darin besteht ja der Wert einer solchen Skizze, daß sie uns immer wieder vergegenwärtigt, was wir dabei gedacht, gehofft und geliebt und manches Beengende im Verkehr mit der Natur vergessen gaben. 

119 Ungleich mehr malerische Einzelheiten boten die nahen Schwarzwaldteile mit ihren Hütten und Höfen, Milchhäuslein und Brunnen, felsigen Schluchten und weltentlegenen Einsamkeiten und billigen was doch auch zur Schönheit einer Gegend gehört – billigen Wirtszechen. Hotels gab es noch keine auf dem Wald. Schwarzwald war zu jener Zeit noch eine unbekannte, sozusagen noch nicht entdeckte Gegend. Es brauchte einer nicht gar weit her zu sein, um zu glauben, es wären da oben in den kaum ein paar Wochen des Jahres schneefreien Wäldern und Einöden häufig noch Bären und Wölfe anzutreffen. Der Strom müßigen Touristenvolkes war noch nicht hier, in die tannenumschlossenen grünen Täler und auf ihre luftfrischen Höhen gelenkt worden. Einen mobilen, skizzierenden und notierenden Kollegen getroffen zu haben, entsinne ich mich nicht, wohl aber einmal einen Gendarmen in einem Dorfe gegen Freiburg hin, der dem Skizzisten strengstens bedeutete, ohne polizeiliche Erlaubnis sei es im Lande niemanden gestattet, ein Haus oder einen Berg abzuzeichnen, und der just des Wegs daher wandelnde Ortsvorstand bestätigte es in seiner sabbatlichen Weinfeuchte.

Von Hüfingen aus hatte ich schon einmal die Badische Residenz und den Galeriedirektor Frommel besucht, der mir einen Auftrag gegeben, welcher aber nichts getragen hatte. Als ich jetzt wieder hinkam, wollte er mir nicht raten, in Karlsruhe zu bleiben. Unser Land ist klein und kein günstiges Terrain für Kunst, sagte er, und riet mir, um ein Stipendium aus dem Fonds für Künste und Wissenschaften einzukommen und nach München zu gehen; er wolle das Gesuch unterstützen. Also strebte ich wohlgemüt wieder den Ufern der Isar zu, da mir das Stipendium richtig zukam. 

Es lagerte eine herbstlich angehauchte Atmosphäre über der Kunstwelt Isar-Athens. Von Cornelius hieß es, er beabsichtige die Baierische Metropole zu verlassen. Mit ihm und seinen unvergänglichen Schöpfungen schloß die unter dem großen Mäcen König Ludwig erblühte Kunstperiode ab. Es war ein Uebergang, aber kein tatsächlich ermutigender. Die neue Aera sollte ja erst später, aber nicht von Innen, von Paris und Belgien herkommen; statt des bisherigen Idealismus — Naturalismus bis zum nüchternsten Modellismus.

Ungeachtet dessen muß zugegeben werden, daß die frühere Zeit für die jüngere Generation nicht immer förderlich gewesen ist. Die von König Ludwig ins Leben gerufene deutsche Kunst war vorzugsweise eine monumentale, oder doch wenigstens dahin gerichtete. Aber wie viele, die Beruf und Neigung hiezu nicht in sich fühlten, oder wenn es der Fall gewesen, keine Aussicht hatten, ähnliche Aufträge zu erhalten, mußten auf halbem Wege stehen, d. h. zurückbleiben. Wie in Frankfurt war auch an der Akademie in München zur Ausbildung in Genremalerei keine Gelegenheit geboten. Beim akademischen Studium wurde zu viel Gewicht aufs Komponieren und (Karton-) Zeichnen gelegt und zu wenig aufs Malen und die koloristische Wirkung Bedacht genommen — daher verhältnismäßig wenige ein Staffeleibild malen lernten. 

Im übrigen war es noch ganz das alte, gemütliche München, der schwarze Adler der erste Gasthof mit einem Comfort, wie er heute kaum einem Gasthof dritten Ranges genügen würde. Das erste Cafe war das Dillmetz’sche, ein gutes auch das Melcher’sche und ein kleineres, aber nicht minder beliebtes, das von Fink, einem gebürtigen Donaueschinger, unweit der Frauenkirche. Wollte einer wiedermal mit einem Trunke süßer Bacchusgabe sich gütlich tun, so lenkte er seine Schritte dem von Künstlern vielbesuchten -Englischen Kaffeehaus zu; und sonntags früh konnte es vorkommen, daß man in Gesellschaft eines Freundes dem Englischen Garten zusteuerte, um bei einer Tasse Mokka, oder gar schon bei einer schäumenden Halben der dienenden Menschheit, Kellnern und Kellnerinnen, Ladendienern und Dienerinnen zuzuschauen, die auf offenem Podium zu den Rhythmen eines Strauß’schen oder Lanner’schen im Tanze sich wiegten. 120

121 Abends aber saß man behaglich in der „Schießstatt“ beim Maßkrügel, ohne zu ahnen, wie bald sie vom Schienenstrang und seinem Bahnhof erfaßt und weggefegt werden sollte. Es bestand dort ein zwangloser Künstlerstammtisch, an welchem ich, an Schaller mich anschließend, die rühmlichst bekannten Kupferstecher Merz, Thaeter, Gonzenbach, Hofmann und Schütz und die Maler Albert Zimmermann und Bruckmann kennen lernte. 

Zimmermann, der mir zuweilen von seinen Landschaftsstudien zum Kopieren gab, malte damals seine Jahreszeiten auf Kreidegrund, jede in Form und Farbe ein der Natur abgelauschtes Gedicht mit Staffagen aus der altgriechischen Welt. Aehnlich Treffliches glaubte ich in Rottmanns, von ebenso echtem Naturgefühl wie virtuoser Technik zeugenden Freiken unter den Arkaden zu finden. Aergerlich war mir’s nur, eine derselben, die „Beroneserklause“ durch die an der Rückwand angebrachte Wasserleitung des Café Tombosi durchfeuchtet, und allmäligem Verderben ausgesetzt zu sehen. Da sich niemand darum kümmerte, wollte ich es tun durch einen kurzen Hinweis im Tagblatt. Freund Discher, Architett aus Pest, beförderte das lakonische Schriftstück in die Druckerei, und des andern Tages begab er sich zur Zeit, wo der kaum handgroße Residenzmoniteur ausgetragen wurde, als Gast ins betreffende Lokal, um sich am Verdrusse des Besitzers und seiner Stammphilister zu weiden. Item — es half, die Leitung mußte sogleich entfernt werden.

121 Den Mittagstisch im Stachus besuchten ebenfalls Künstler, die — meine Wenigkeit ausgenommen — sich bereits einen Namen gemacht: Schaller, Chr. Morgenstern, D. Fohr, Koch, Mitarbeiter Schraudolphs in der Pasilika, Mende, Architekt Kayser aus Frankfurt und mehrere Dänen; als Passanten der von einer Studienreise aus Tyrol zurückkehrende Landschafter Schirmer und die Dichter Klemens Brentano und Andersen, der vielgepriesene Märchenerzähler. Ersterer kam in Begleitung eines jungen Mannes, mit dem er sich, offenbar nicht im rosenfarbigsten Humor über die Münchner Kunst und ihren königlichen Protektor unterhielt. Andersen war gekommen, seine Landsleute zu besuchen. Auch Emil Rehmann lernte ich da kennen, den Neffen und Nachfolger des fürstlich Fürstenbergischen Leibarztes Wilh. Rehmann, und diesem in allem so ähnlich, in vielseitig wissenschaftlichem Streben, wie in edler Selbstlosigkeit, die ihn nicht dazu gelangen ließ, sich Schätze anzuhäufen. Er war auf einer Ausbildungs-Reise begriffen. 

122 Der bestgelaunteste der Tafelrunde war allezeit Morgenstern, der, wie er mit so vielem Humor zu erzählen wußte, einstmals in seiner Vaterstadt Hamburg beinahe keine Wohnung gefunden hätte, weil ihm kein Eigentümer habe gestatten wollen, in einem der Zimmer die großen Fenstervorhänge zu beseitigen. Es konnte aber einem Musensohne ähnliches auch an der Isar passieren, z. B. in der Lerchenstraße, wohin ich eines Tages ging, ein ausgeschriebenes Zimmer in Augenschein zu nehmen, Eigentum eines altbürgerlichen Ehepärleins. Sie schloß auf, und er kam in Schlafrock und Pantoffeln aus dem Nebenzimmer gewatschelt. Beide konnten das Zimmer mit seinen Bequemlichkeiten nicht genug anpreisen. Nun es gefiel mir, und da der Preis ein mäßiger, sagte ich zu, nächster Tage schon einziehen zu wollen. „s is recht, bester Herr, schmunzelte der behäbige Herbergsvater, käm es nu. Sie wern mit allem zfrieden sein.” — „Das Licht ist gut, da am Fenster werde ich meine Staffelei hinstellen” — „Staffel — ja, san’s denn e Moler?” stotterte er entsetzt heraus. Und „e Moler?”  wiederholte sein Ehgespons in gleicher Tonart. — „Versteht sich!”— „Na, do is es nix — das hättens uns glai sagen sollen.” —„Jesses na, do is es nix! Ka Red dervo!” fiel sie hitzig ein. Und als ich lachend ging, mit der Drohung, meine Sachen dennoch herbringen zu lassen, sie hätten mir ja’s Wort gegeben, schlossen und riegelten sie die Thüre vorsichtig hinter mir zu.

122 Mit Schütz war ich näher bekannt geworden. Er stach zur Zeit die Odyssee von Genelli, den er nebst Cornelius und Schwind vor allen hoch auf den Leuchter stellte. So wie Genelli in seiner Kunstrichtung dem veränderlichen Zeitgeschmacke nicht das geringste Zugeständnis machte, so waren auch die pekuniären Verhältnisse des genialen Mannes stets äußerst knappe, so daß es seiner Frau nicht selten am nötigsten Kleingeld gemangelt haben soll, den Wochenmarkt zu beschicken. „Was nützt das viele Schaffen,” schrieb er einmal seinem Freunde Schwind nach Karlsruhe, „es kauft’s ja doch niemand, muß ich immer nebenher denken.“ 

123 Auch Schütz würde sich bei einer minder strengen idealistischen Richtung besser gestellt, dafür aber bei seiner Bedürfnislosigkeit weniger innerliche Befriedigung gefunden haben. Er besuchte mich oft; und jedesmal freute ich mich, ihn in seinem grauen Flaus und vormärzlichen Cylinder die Straße daherkommen zu sehen. „Schwerenot!“ wunderte er sich einmal beim Eintreten — ich hatte just die Schublade meiner Kommode aufgezogen, etwas herauszunehmen — „was du einen Vorrat an Hemden hast!“. Es mochten etwa ein Dutzend gewesen sein, die mir die Mutter von ihrem selbstgesponnenen Linnen zurechtgemacht und mitgegeben hatte. Gesellschaften, wo viel disputiert und peroriert wurde, liebte Schütz nicht. „Zum Henker,” sagte er, „kann man denn nicht beisammen sitzen und nur denken? Soll man sich immer an- und beschwatzen lassen?”

123 Ein Original ähnlich „denkender” Art war der der ältern Künstlergeneration angehörige rühmlichst bekannte Miniaturmaler Thugut Heinrich, dessen Bekanntschaft ich bei seinem Landsmann Schaller gemacht hatte. Man konnte mit ihm ein ganzes Stadtviertel durchwandern, ohne mehr als „ja“ oder „nein“ und „das versteht sich!” aus ihm herauszubringen. Als er einst beauftragt war, die Königin Therese en miniature zu malen, und die hohe Frau während der Sitzung, ihrer Gewohnheit gemäß, beständig mit Bonbons sich zu schaffen machte, platzte Heinrich endlich ungeduldig heraus: „Wenn Majestät immer essen, kann ich Sie ja nicht malen!” Bei der nächsten Sitzung sagte die Königin dann zu ihrer Hofdame: „Heute dürfen wir aber nicht essen, Herr Heinrich erlaubt es nicht!”— Obgleich er der Maler der hohen und höchsten Aristokratie war, hatte er doch wenig oder nichts von einem Hofmann an sich. „Dem Adelsstolz“ pflegte er zu sagen, „setze ich den Künstlerstolz entgegen”.

124 Mit Jäger, Gießmann und Strähuber, die unter Schnorrs Leitung dessen Nibelungen in der Residenz ausführten, bekannt geworden, beteiligte ich mich regelmäßig an ihren Kegelabenden in einem Privatgarten. Der Meister selbst, auch Schaller und Marggraf, Sekretär der Akademie, kamen hin; und in ihrer Gesellschaft (Schnorr und Schaller ausgenommen) machte ich einen Ausflug mit nach Oberammergau, dem Passionsspiele beizuwohnen. Der Zulauf von Nah und Fern war damals schon so groß, daß wir unterwegs mit Nachtquartieren in Privathäusern, einmal auch mit einem gemeinsamen, in einem ländlichen Tanzsaal aufgeschichteten Nachtlager vorlieb nehmen mußten. Die Aufführung selbst, mit ihrer einfachen Bretterbühne, machte mir in ihren Hauptmomenten den Eindruck der erhabensten Tragödie.

Auf dem Heimwege halten sich Kaulbach und Halbreiter der Wandertruppe angeschlossen. Es war ein wunderbar verklärter Abend, als wir von Gesang und Zitherspiel begleitet, über den Starnbergersee hinfuhren. 

Gleich bei meiner Ankunft in München hatte ich mich Schnorr, dem interimistischen Leiter der Akademie, vorgestellt und teilte dann mit Schabet, mir von Frohsinnszeiten her schon befreundet, ein Zimmer im Seitenbau der Akademie. Früher unter Cornelius in der Ludwigskirche beschäftigt, malte Schabet jetzt Kirchenbilder für Landgemeinden, die laut königlicher Verordnung alle an der Akademie gefertigt werden sollten. Ich hatte von Haus einen Cyklus von Entwürfen mitgebracht, die eine strenge akademische Stilisierung und Ausführung nicht erfordert hätten: Beim Lorettobruder; Am Marktbrunnen; Im Klostergarten; Eine heimatliche Sage; Volkslied ec. — kam aber nicht dazu, einen derselben auf die Leinwand zu bringen. Und so nahm ich einen hl. Christophorus in Angriff, der jedoch — trotz seiner Körperstärke — dem Sturm der Zeit nicht standgehalten hat. 

Auf Zuspruch meiner Freunde war ich dem Kunstverein beigetreten. Es handelte sich just darum, bei den Vorstandswahlen dem überwiegenden Einfluß der Künstlergesellschaft „Stubenvoll“ entgegen zu treten. Heinemann, der, auf eigene Kraft angewiesen, von Karlsruhe nach München gekommen und bei Hohe sogleich Beschäftigung gefunden, sagte mir, es habe sich ein jüngerer Maler bei diesem beklagt, daß er mit seinen Arbeiten bisher so wenig Beachtung beim Kunstverein gefunden, worauf Hohe erwidert habe: „Werden Sie Mitglied des Stubenvoll, außerdem dürfen Sie nie auf Berücksichtigung rechnen.” Die Wahlen fielen aber nicht nach Wunsch der Opposition aus.

Selbstportrait von Johann Nepomuk Heinemann

Selbstportrait Johann Nepomuk Heinemann

125 Als ich eines Tages im Kunstvereinslokal vor einem raufende Hunde vorstellenden Bilde stand, hörte ich dicht hinter mir eine Stimme: „Wyttenbach” — so hieß der Maler — „der große Hundsfreund“. Ich schaute mich um — und erkannte den König. Rasch wollte ich auf die Seite treten, er aber bedeutete mir, zu bleiben. „Kunstschüler — woher“ fragte er. „Aus dem Großherzogtum Baden.” —„Da geht’s jetzt auch vorwärts mit der Kunst“ sagte er, „Hübsch ist ein tüchtiger Architekt“. 

Und in der That es ging vorwärts auf vaterländischem Boden. Schwind hatte den Auftrag erhalten, das Stiegenhaus des „Akademiebaues“ (Kunsthalle) in Karlsruhe mit Fresken zu schmücken. Gleichzeitig war auch mein Bruder nach Karlsruhe gerufen worden, um sich verschiedener, ihm vom Großherzog zugedachter monumentaler Aufgaben wegen mit Hübsch zu besprechen. Er hatte den Weg über Freiburg genommen, wo er mit Schwind, der Einsicht vom Münster genommen, zusammen treffen wollte; auch ich hatte mich ihm angeschlossen. 

Schwind beabsichtigte seinen großen Karton, die Einweihung des Freiburger Münsters, in Wien zu zeichnen. Die Strecke Freiburg Konstanz wollte er zu Fuß zurücklegen, und ich sollte ihn begleiten. Und so wanderten wir unter wolkenlosestem, aber auch heißestem Julihimmel mit leichtem Gepäck dem Schwarzwald zu. 

Doch schon in Ebnet, wo wir Mittag gemacht, hielten wir in der Scheuer des Wirtshauses Siesta — Schwind süß schlummernd im abgesetzten Kasten einer alten Landkutsche — ich nebenan auf einem Haufen grünen Klees überlegend, wie ich ihn wohlbehalten hinauf über die Steig bringen würde. Er hatte sich das Höllental — den Hirschsprung mit seinem keck auf die Straße herabschauenden, raubritterlichen Falkenstein ausgenommen — wilder, grotesker vorgestellt. Weiterhin im Tal erblickten wir dann eines jener Bilder, die in ihrer Einfachheit und elegischen Lieblichkeit Sinn und Gemüt weit mehr ansprechen und fesseln als manche noch so hoch gepriesene Sehenswürdigkeit.

Vor einer ärmlichen Hütte, am Wege stand eine alte Frau mit einem nackten in ein Stück grober Sackleinwand gewickelten wunderhübschen Kindlein auf dem Arm. Vom vollen Sonnenlicht getroffen, war’s ein Anblick von überraschendster Wirkung. Schwind trat näher, und das Kind streckte lächelnd die Aermchen nach ihm aus. Er nahm’s auf den Arm. 

„Das isch en arms Kindli,” sagte die Frau. „Ich han’s numme us Barmherzigkeit zue mer gnomme. Sini Eltere sind doben uf em Berg im Feld. Kürzli hen sie’s Unglück gha, um ihri einzigi Gaiß zkumme. Und jetz hät des arm Weseli halt kei Milch meh!”

Das arme Weselein!“ „Hätt gute Lust“, sagte Schwind, „i traget’s bis nach Wien nunter!“ — Dann trat er ein wenig auf die Seite, um mir zu sagen, er wolle der Frau so viel einhändigen, daß die Leute wieder eine Geiß kaufen könnten. Ich erbot mich, ebenfalls einen Beitrag hierzu zu leisten, meinte jedoch, es möchte die Frage sein, ob die Frau nicht versucht werden könnte, das Geld für sich zu behalten. Sicherer wäre es, wir machten uns frühmorgens von unserm beabsichtigten Nachtquartier im „Sternen” auf, wieder hieher, um das Geld den Eltern selbst zu geben. Es leuchtete ihm ein; und wir schieden. 

Als wir ausgeruhte Pilger aber des andern Tages im Sternen erwachten, strahlte die Sonne bereits hoch über alle Berge; und wir hätten den Weg hin und her nicht zurücklegen können, ohne zwischen hier und Hüfingen noch einmal zu nächtigen. Noch auf der Steig schaute Schwind mehrmals zurück, sich ärgernd, daß der Mensch doch so selten dazu komme, das Richtige und Rechte zu tun! Und auch mich wurmte es, durch meine Bedenken — falls die Frau ehrlich war — eine gute Tat verhindert zu haben.

Schwind hatte im Schwarzwald Schatten erwartet. Nun begleitete uns aber die Sonne mit einer Sorgfalt, die selbst dem ausgedörrtesten Touristen von Profession Schweiß ausgepreßt haben würde. Von der staubigen Landstraße ablenkend, schlugen wir von Neustadt aus, die Wasserscheide von Rhein und Donau überschreitend, den Weg ins grüne Tal von Eisenbach und der Breg ein — hinaus nach Hüfingen, das Schwind mit den drei laufenden Brunnen in der Hauptstraße „Kleinaugsburg” nannte. Da auch von hier aus nur wenig Schatten zu erwarten, ließ uns der Vater seine zwei Gäule einspannen und bis Engen kutschieren. Von da gemächlich den Hegau durchwandernd, gelangten wir bei guter Tageszeit noch nach Singen, wo wir den Hohentwiel bestiegen und das in purpurnem Lichte des Abends sich vor uns öffnende Landschaftsgemälde bewunderten. 

Nachdem wir des andern Tages im Steinbock zu Konstanz noch eine Flasche Seezwölfer geleert, trennten wir uns am Hafen, wo der Dampfer bereits zur Abfahrt rüstete — auf Wiedersehen, nächstes Jahr in Karlsruhe. 127

Bevor Schwind dann nach Karlsruhe zurück ging, hatte er sich einige Zeit in München aufgehalten, wohin auch mein Bruder kam, der vom Großherzog Leopold den Auftrag erhalten, die Giebelgruppe für die Trinkhalle in Baden auszuführen, wozu er das Modell in kleinerm Maßstab in München fertigen wollte. Auch Schwind hatte bei seinem vorjährigen Besuche in Karlsruhe eine flüchtige Skizze dazu entworfen. Schwanthaler, der beide Entwürfe sah, gab dem meines Bruders entschieden den Vorzug, indem er sagte, der Bildhauer dürfe sich nie nach der Skizze eines Malers richten. Nach Erledigung seines Auftrages begab sich Xaver nach Rom und Schwind nach Karlsruhe, um seine Fresken in Angriff zu nehmen. Gegen das Frühjahr hin schrieb er mir, es gebe im Akademiebau viel zu tun, ich solle mich reisefertig machen. Auch mein Bruder werde kommen, und wir könnten dann ein „lustiges Leben zusammen führen”. 

Giebel der Trinkhalle
Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelgruppe

127 Die Badische Künstlergenossenschaft, die Professor Koopmann im Stiegenhaus des Akademiebaues raphaelisch in Form der Schule von Athen als Fresko hatte verewigen wollen, war noch keine sehr zahlreiche. Ohne eine dienstliche Stellung inne zu haben waren es nur Helmsdorf, Aug. von Bayer und der alte Nehrlich, der in der Galerie kopierte und nebenher philosophierte. Andere, wie Kirner und Grund, hatten versucht, sich festzusetzen, aber nicht lange ausgehalten. Das Kunstinteresse war fast ausschließlich auf den Kunstverein beschränkt, dem Frommel und Münzrat Kachel vorstanden. Aufträge, wie die Fresken in der Bulacher Kirche von Dietrich, wurden als eine Seltenheit angesehen und besprochen. 

Großstadtluft wehte noch keine in der Residenz, dafür aber mehr erquickliche Hardtwaldlust. Hotels, luxuriös eingerichtete Restaurants und ähnliche Etablissements architektonisch überschwenglichen Stils suchte man vergeblich zwischen Durlach und Mühlburg. Das einzige Café war das familiäre Kappler’sche in der Lammstraße mit einem Zimmer ebner Erde, in welchem die beiden Töchter des Besitzers dem Gast und Hausfreund jederzeit ein Täßchen Mokka in Bereitschaft hielten. Später wurde das etwas komfortablere Däschner’sche eröffnet.

128 In Karlsruhe hatte ich mich bei der Familie Lorenz in der Bierbrauerei zum Pfau einquartiert, wohin dann auch Lukas Engesser, der mit der Leitung des Akademiebaues betraut war, zog. Unten im Nebenzimmer der Wirtschaft hatte sich ein Kreis gebildet, als dessen Präfes Prof. Guido Schreiber gelten konnte. Und wo Schreiber war, da herrschte Leben. Doch — mochte der Becher auch zuweilen überschäumen, die Unterhaltung gleich einem Pfauenrad in allen Farben spielen — nie kam es zum öden, handwerksmäßigen Kneipen. Schreiber, der Mann der exakten Wissenschaft, war von seltener Vielseitigkeit, wovon, nebst seinen Fachschriften, der Badische Wehrstand, die Malerische Perspektive, die Farbenlehre, sein Technisches Zeichnen, und besonders auch seine früheren Zeichnungen nach der Natur Zeugnis geben.

Zu gleicher Zeit machte ich die persönliche Bekanntschaft Joseph Baders, den ich längst schon aus seiner „Badenia“ und andern Schriften kannte, durch welche er sich das unläugbare Verdienst erworben, Sinn und Interesse für vaterländische Geschichte und Geschichten in den breitesten Kreisen angeregt und geweckt zu haben. Und dies erachtete er ja als seine eigentliche Lebensaufgabe. Ein Gelehrter ex professo wollte er nicht sein. Als ich einst sagte, unter den Griechischen und Römischen Klassikern (die ich verdeutscht in der bekannten Stuttgarter Ausgabe besaß) finde sich doch manch Unbedeutendes, lachte er und meinte: „Wenn’s nicht Griechisch oder Lateinisch wäre, würden unsre Gelehrten vieles gar nicht lesen“. 

129

Im „innern Zirkel“ des Pfauen wurde gegen das Frühjahr hin der Plan zum feierlichen Empfange des Prinzen Karneval entworfen, wobei die Zopfmiliz, deren Hauptquartier im Gasthof zum Kreuz sich befand, paradieren sollte. Das Programm, von Lorenz kalligraphisch ausgeführt und illustriert, wurde sogleich höhern Orts zur Kenntnisnahme gebracht, ein Duplikat auch ins Palais am katholischen Kirchenplatz des Fürsten zu Fürstenberg befördert. 

Die Sitzungen im großen Saal des Bürger-Vereins waren glänzend und von Angehörigen verschiedener Stände besucht. Selbst Mitglieder der gleichzeitig tagenden II. Kammer, an welche eine offizielle Einladung ergangen, besassen Humor genug, in der Kappe einer Sitzung beizuwohnen.

Als Ehrengast erschien einmal auch Kapellmeister Kalliwoda. Bald nachher traf bei der Redaktion des „vielgeprüften Narrenspiegels” ein Lied ein „Von einem närrischen Zweispänner an der Donauquelle”, das den „Schabernack“ der Censur humoristisch parodierte.

Es war bei der 25jährigen Gründungsfeier des Badischen Kunstvereins im Saale des Museums, wo Altvater Lewald, der mit seiner Europa nach der Hardtstadt übergesiedelt, mich mit einem kleinen, klug blickenden Manne im schwarzen Frack bekannt machte, dessen erste Frage lautete: „Haben Sie meine Schwarzwälder Dorfgeschichten schon gelesen?“ — Nein, aber viel rühmliches davon gehört. — „Die müssen Sie lesen.” Nachher sagte Auerbach mir, er beabsichtige das Buch illustriert herauszugeben, wozu Lewald mich bestens empfohlen habe. Es wurde dann mehrmals darüber verhandelt, ohne daß es dazu gekommen wäre. Später zeichnete ich auf seinen Wunsch die Illustration zu seinem „Hebelschoppen“ in der Gartenlaube. 129

 Beim „Hebel-Schoppen“ in Hausen. Originalzeichnung von Luc. Reich in Rastatt. Die Gartenlaube, 1860.


Eine Übersicht der einzelnen Teile gibt es hier:

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896

Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt:

Eine Übersicht der einzelnen Teile gibt es hier:

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Der 3. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833

Hier der 4. Teil mit etwa dem Zeitraum von 1833 bis 1836. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv.

106…Professor Hessemer’s Gunst genoß ich nicht lange, weil ich seinen trockenen geometrischen Vorlesungen und dem geometrischen Zeichnen nur wenig Geschmack abgewinnen konnte, was er bald heraus gefühlt haben mochte. Dessen ungeachtet suchte er dem saumseligen Schüler manchmal wieder einen beherzigenswerten Wink zu geben. So z. B. begegnete ich ihm einmal mit einem neuen Skizzenbuche in der Hand im Gange zu unsern Arbeitszimmern. „Sie haben da“, hielt er mich an, „ein neues Skizzenbuch! Zeichnen Sie jedes Blatt so, als sollte es zu einem bleibenden Zwecke dienen.“ Ich befolgte die gute Lehre, so gut es gehen wollte.

Meinem Bruder war dies Suchen und Haschen nach neuen Stoffen und Motiven, das Skizzieren und Komponieren — womit damals manch vielversprechendes Talent seine beste Kraft und Zeit verlor — erspart geblieben. Sein Lernen und Schaffen war zunächst aufs Notwendigste, auf die jeder Kunstausübung unentbehrliche Technik gerichtet. Und diese konnte er sich unter Zwergers Leitung, dessen Lehrsaal sonst ausschließlich angehende Kunsthandwerker, Stuccatore, Gelbgießer, Bautechniker u. a., die sich im Modellieren und Formen üben wollten, besuchten, völlig aneignen. Dabei zeichnete er charakteristisch mit leichter Hand in Veits Manier, und seine Entwürfe trugen, um ein Wort Binders zu gebrauchen, „das Gepräge anmutiger Erfindung.“

Veit ließ bei der Wahl des Sujets und deren Ausführung Jeden frei gewähren. Nur zuweilen entschlüpfte ihm eine Bemerkung, aus der wir seine Ansicht entnehmen konnten. So z. B. hatte ein Schüler, der ein Bild à la Düsseldorf zu malen begonnen, verschiedene, von einem Freunde geliehene Studien von oder nach Lessing an seine Staffelei geheftet, als Veit herzu kam und in seiner lakonisch treffenden Art hinwarf: „Lassen Sie doch die Natur da weg — es ist ja doch keine!“

Philipp Veit (* 13. Februar 1793 als Feibisch Veit in Berlin; † 18. Dezember 1877 in Mainz) war ein deutscher Maler, der der Richtung der Nazarener angehörte.

Er war zur Zeit mit seinem großen Freskobilde „die Einführung des Christentums“ beschäftigt. Wir Schüler kamen selten in diese Räume, der Meister schaffte bei verschlossener Thüre. Als ich einst Sonntags frühe die Treppe zu unsern Zimmern hinan stürmte, begegnete ich Veit an der Thür seines Ateliers: „Nun, Lucian“, fragte er, „haben Sie denn auch schon die Messe besucht?“ Da es just Meßzeit war und ich glaubte, er meine diese, sagte ich, daß ich mich um diese wenig kümmere. Ich sei im Begriff, einen gestern angefangenen Studienkopf fertig zu malen. — „Gut“, versetzte er mit mildem Ernste, der ihn so sehr charakterisierte, „aber man soll Gott mehr dienen, als den Menschen“. 107

Zu sehr mit seinen eigenen, geistvoll durchdachten Schöpfungen beschäftigt fand Veit wenig Zeit, sich mit eigentlichem Unterrichte abzugeben. Dann war seine Art zu malen, das Kolorit gleichsam seelisch zu vertiefen, dem Anfänger nicht leicht beizubringen. Schelble war der Ansicht, es könne einem Meister wie Veit nicht zugemutet werden, seine Zeit mit Unterricht geben zu zerstückeln. Und als Binder nach Frankfurt gekommen, bewog er seinen Freund Passavant, Mitglied der Administration, für dessen Anstellung einzutreten. Binder, den auch Veit sehr hochschätzte, war ein korrekter Zeichner, vorzüglicher Kolorist und guter Lehrer. Er kam von München, wo er mit Heß in der Allerheiligenkapelle thätig gewesen. In Frankfurt hatte er sich mit Glück dem Bildnisfache zugewandt. Seine Anstellung war jedoch keine definitive. Nicht einmal ein Atelier war ihm im Institute eingeräumt worden. Die Administration war, Passavant ausgenommen, eine zu engherzige, in allem mehr Hemmschuh als Förderung.

Mitunter kam Besuch, namentlich von Düsseldorf her, als bedeutendster der genial veranlagte Alfred Rethel, welcher, obgleich er sich mit seinen „Rheinsagen“ bereits einen Namen gemacht, sich in anspruchslosester Weise bei uns einführte.

Als der Vater, einer Einladung Schelbles folgend, einmal in die Mainstadt kam, wollte es ihm bei uns Malerschülern scheinen, als kämen wir vor lauter Studien nach Gips und an Freund Gliedermann nie zum Beginnen, und vor vielem Untermalen und Aendern nie zum Fertigmachen eines Bildes. Und gewiß, der Umstand, daß früher der Lehrling in der Werkstatt des Meisters diesem sogleich behilflich sein mußte, brauchbare Arbeit herzustellen, hat nicht wenig beigetragen, jenen bald möglichst zum praktischen Manne zu machen. 107

108 Ich hatte eine Zeichnung nach Goethes „Totentanz“ entworfen , die ich, da ja jeder seinen Mißgriff machen muß, später in Oel malte. -Zu welcher später Herm. Kurz eine launige Geschichte fürs, Familienbuch geschrieben. 108

Weil aber der Vater fürs Märchen- und Sagenhafte sich nicht interessierte, oder ihm wenigstens doch eine gewisse Bedeutung unterlegen wollte, nahm er’s so, als gehöre der Laken dem Türmer und dichtete hiezu:

Thor! Wie magst du dich vor mir auf Turm und Bergeshöhen flüchten!
Ich komme nicht, dich zu vernichten.
Halt Stand!
Nicht dich,
Nur dein Gewand
Will ich!

„Der Totenlaken“. Deutsches Familienbuch, 1845, S. 163.

108 In angenehmster Erinnerung ist mir das Haus Philipp Passavant, wohin wir Institutsschüler unsre Schritte oft lenkten, um seine Kunstsammlung zu bewundern. Mit größter Bereitwilligkeit führte uns dann Mamsell Passavant, seine anspruchslose Schwester, die ihm, dem unverehlichten unabhängigen Manne, die Haushaltung besorgte, in das Zimmer, dessen Wände Overbecks schöner Karton „der Verkauf Josephs“ — sein Oelbildchen, die „Auferweckung des Lazarus“ eine Perle damaliger ideal-realistischer Kunstrichtung, ferner eine große Landschaft von Meister Koch in Rom, Zeichnungen von Fellner, K. Fohr u. A. schmückten. Auch ein geschnitztes Kruzifix von der Hand unsres Vaters fanden wir in Gesellschaft dieser Meister.

Joseph wird von seinen Brüdern verkauft.
Wandgemälde aus dem achtteiligen Zyklus aus der Casa Bartholdy in Rom
Provenance/Rights: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Andres Kilger

Der Aufenthalt im Schelble’schen Hause, Eck der Schönen Aussicht, der Stadtbibliothek gegenüber, gehört zu meinen nachhaltigsten und liebsten Erinnerungen. Noch oft leiten meine Gedanken mich in das Zimmerchen mit dem Ausblick auf den zu jeder Tageszeit von Fischernachen belebten Strom und auf die Brücke, über welche jeden Mittag die Musik des im Deutschen Hause liegenden Oesterreichischen Regimentes mit Mannschaft auf die Hauptwache zog. 108

Blick von der Alten Stadtbibliothek über die Schöne Aussicht nach Westen,
im Hintergrund die Alte Brücke, 1845
(Stahlstich von Wilhelm Lang nach Vorlage von Jakob Fürchtegott Dielmann)
Foto: Jakob Fürchtegott Dielmann, Public domain, via Wikimedia Commons

109 Das Schelble’sche Haus war ein gastfreundliches; selten verlief ein Abend ohne Besuch. Zu den intimsten Freunden des Hauses zählten Chr. Eberhard und seine Frau, ebenso Schnyder von Wartensee, der heitere breitschultrige Mann im grauen Stußfrack, stets bereit, die Unterhaltung mit einem, in seiner Schwiezerischen Mundart vorgebrachten Scherz zu würzen. Zu den anhänglichsten Freunden des Hauses gehörten auch H. Weismann, F. Hauser und Philipp Passavant, Mitbegründer des Cäcilienvereins. 109

Neue Disputa
Allegorie zur Namensgebung des Cäcilienvereins.

Oben bei den Engeln die heiligen Cäcilia und Händel, Beethoven, Mozart, Hayden

Unten
Schelble, seine Frau Molly und die Gründungsmitglieder u.a. Marianne von Willemer, Wilhelm Mannskopf, Christian Hahn.

alte Zeichnung

Bleistiftzeichnung von Moritz August von Bethmann-Hollweg um 1828 (HMF, C 5797 Der Cäcilienchor Frankfurt am Main 1818 bis 2018)

109 Aus frühester Zeit datierte das Freundschaftsverhältnis mit Geh. Rat von Willemer und dessen Frau, der bekannten geistreichen Freundin Goethes. Sie, welche „mit enthusiastischer Liebe Schelbles Ideen teilte“ 1), hatte, auch als Sängerin, tätig mitgewirkt bei Gründung des Cäcilienvereins.
(1) Festrede des Appellations-Gerichtsrats Dr. Echard beim 50 jährigen Jubiläum des Cäcilienvereins. Druck und Verlag von Mahlau und Waldschmitt 1868.)

Kamen wir Mittwoch abends aus dem Aktzeichnen, so nahmen wir den Weg an der Hauptwache vorbei zum Rauch’schen Hause, in dessen Saal der Verein seine Proben abhielt. Xaver reihte sich dann jedesmal den Sängern an, während ich, oft der einzige Zuhörer, unter der Galerie Platz nahm. Während unsres drei-, resp. vierjährigen Aufenthaltes in der Mainstadt hatten wir, ohne bei befreundeten Familien eingeladen zu sein, selten einen Abend außer dem Hause zugebracht.

Onkel Schelble war der Ansicht, es sei für uns die Zeit des Lernens und Studierens, womit das urgermanische Kneipen mit nachfolgendem obligaten Katzenjammer nicht stimmen wolle. Auch er ging abends selten zu einem Glase Bier, und nur ins „Stift-, wohin auch Freund Eberhard, Beit, Binder, der Landschaftsmaler Thomas, zuweilen auch Zwerger u. A. kamen.

Blick aus einem Fenster des Hotels „Russischer Hof“ auf der Zeil nach Westen zur Hauptwache
(William Henry Fox Talbot, 1846)
Kalotypie Notiz auf dem Abzug: „street at Frankfort, gloomy day, 32 minutes in camera“
Hinweis: Talbots Abzug ist höchstwahrscheinlich seitenverkehrt. Der 1891 abgerissene Russische Hof befand sich auf der Nordseite der Zeil, siehe dazu auch ein Foto von Mylius, die Katharinenkirche hingegen auf der Südseite. Die Zeil verläuft in ost-westlicher Richtung zur Hauptwache; es ist von der Zeil aus daher nicht möglich, die Katharinenkirche rechts (nördlich) vom Hauptwachengebäude sehen.

Von Haus hatten wir unsre Grammatiken und Lesebücher mitgenommen, nach dem Willen der Tante auch wieder Unterricht im Französischen genommen, zuletzt aber die alte und neue Gelehrsamkeit in die Judengasse getragen und an einen Trödler verschächert. Das Durchwandeln dieser engen dunkeln Gasse, mit ihren hunderterlei Seilschaften in und vor den Häusern, altpatriarchalischen Gestalten und Trachten hätte vorzügliche Studien geboten zu Bildern a la Rembrandt, einem Altertümler aber Gelegenheit zu wohlfeilen antiquarischen Einkäufen, die heutzutage ein ansehnliches Kapital repräsentieren würden.

110 Im Schelble’schen Hause wurde, außer den gewöhnlichen Unterrichtsstunden, selten musiziert. Als Mendelssohn einmal auf Besuch gekommen, hatten wir Gelegenheit gehabt, seine Meisterschaft im Orgelspiel zu bewundern, in der Paulskirche, wo er vor einem engern Kreise Eingeladener Bachsche Fugen exekutierte. Nach Hause gekommen, empfing ihn das Schelble’sche Dienstmädchen, ein unverfälschtes Kind vom Lande, mit einer Empfehlung von „Frau von Knüppel “ (v. Schlegel, der Mutter Veits – Dorothea Friederile von Schlegel, Tochter Moses Mendelssohns, geb. 24. Okt. 1763 zu Berlin, gest. 3. Aug. 1839 zu Frankfurt a. M.; heiratete 1779 den Bankier Simon Veit, trennte sich von ihm und ließ sich mit Friedrich v. Schlegel trauen, nach dessen Tode sie 1830 nach Frankfurt Übersiedelte. ) und sie lasse ihn abends zum Tee bitten.

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Präludium und Fuge für Klavier D-Dur op. 35 Nr. 2
Aus: https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/musikstueck-der-woche/article-swr-16198.html

Wollten wir uns wiedermal von Althüfingen unterhalten, so suchten wir unsere Landsleute, Vetter Xaver Gleichauf (vielleicht ein Bruder von Rudolf Gleichauf 29.07.1826, ein Sohn vom Amtsaktuar Franz Josef Gleichauf?) und Math. Tröndle auf, beide Schüler (auch eifrige und begabte Zeichenschüler) unsres Vaters. Ersterer hatte sich bei Schelble zum Musiker ausgebildet, Tröndle schon in Hüfingen zum Steinmetzen — dauernd jetzt beschäftigt in der Werkstatt des Bauunternehmers Rust. Doch war ihm da wenig Gelegenheit geboten, sein ganzes können zu bethätigen, indem bei Neubauten das Ornamentale, Friese, Gesimse rc. fast ausnahmslos in Gips hergestellt wurde. Es war die Nachwirkung der nüchternen oder Empirezeit, wo auch bei Zimmereinrichtungen, Möbeln rc. der Hobel ausschließlicher Faktor war.

Matthäus Tröndle (23.10.1803-?) Steinhauer in Frankfurt am Main war mit Johanna Susanna Pracht aus Frankfurt verheiratet (22.12.1830 Heirat in Hüfingen) und hatte 10 Kinder.

Zwei andre aus der vaterstädtischen Zeichenakademie hervorgegangene Künstler waren der Maler Auer und sein etwas jüngerer Landsmann Durler. Ersterer, der Sohn des Hirschwirts in Hüfingen, hatte sich bei Seele in Stuttgart zum Porträtmaler ausbilden wollen, sich jedoch der strengen Zucht des Meisters frühe schon entzogen, wie sein Landsmann Zwerger, damals im Atelier Danneckers beschäftigt, zu erzählen wußte: Eines Tages war der Freund zu ihm gekommen mit dem Gesuch, ihm doch seinen neuen Frack zu leihen zu einer Fahrt nach Ludwigsburg, wo er einer Hinrichtung beiwohnen wolle. Zwerger entsprach seiner Bitte, hat aber ihn — den neuen Frack — nie mehr zu sehen bekommen.

Der Hirschen 1976

Hirschwirt Auer: Augustin Auer (1770 Tengen-1837) und Magdalena Fritschi (1762-1832) hatten 9 Kinder. Darunter der Portraitmaler Franz Josef Auer (04.05.1796-08.11.1832)

Franz Josef Durler (*12.04.1806 Lehrer in Neuhausen bei Engen und Gewerbelehrer in Rastatt) hatte mit Anna Maria Haller (*04.10.1800) drei Kinder:
Josef Durler (1829-14.04.1867 Bildhauer in Wiesbaden) und Max Durler (1831-07.06.1858 Litograph in Mühlhausen bei Wiesloch)

111 Nach Jahren war der leichtlebige Künstler (Franz Josef Auer) kränklich in die Vaterstadt zurückgekehrt, wo da und dort in einer Stube noch lange ein von seiner Hand gemaltes Miniaturporträt zu sehen war.

Von Durler (Franz Josef Durler) hörte ich in Rastatt noch oft erzählen, wo er als erstmaliger Gewerbeschullehrer in gutem Andenken stand. Von seiner Kunstbetätigung zeugten lithographierte Stadt-Ansichten und Zeichnungen nach Stichen alter Meister, die er unter Freunden auszuspielen pflegte. Ein Gönner von ihm war der Geistliche Rat, Professor Grieshaber, in dessen Auftrag er unter anderm auch das Plafondgemälde der Schloßkirche zu Rastatt in Tuschmanier kopierte. In die Windsbraut 1848/49 hineingerissen, endete er als Flüchtling beim Untergang des Schiffes, das ihn nach dem Land der Freiheit hätte bringen sollen.

Diesen Stich von Rastatt habe ich auf den Seiten der Stadt gefunden.
Josef Durler müsste aber 1866 schon tot gewesen sein.
Foto: Stadtarchiv Rastatt

111 In das vielseitige, nach außen hin aber wenig bewegte Leben unseres Frankfurter Aufenthaltes tönten bald auch schrille Mißklänge politischer Geschehnisse. Mit dem Rufe auf der Straße: Die Liberalen stürmen die Hauptwache waren eines Abends die Bewohner der freien Stadt aus ihrer Ruhe und Behaglichkeit geschreckt worden. Es galt, wie bekannt, zunächst den Sitzen der Herrn in der Eschenheimer Gasse. Das über die festgenommenen studentischen Tollköpfe verhängte, jahrelange heimliche Gerichtsverfahren, von dem nur zuweilen ein Schein gleich dem einer Blendlaterne in die Oeffentlichkeit drang, war nichts weniger als geeignet, die bundestägliche Justiz populär zu machen. Und als eines Morgens — wir befanden uns just auf dem Wege zum Städelschen Institut — einer dem andern in den Straßen zurief: „Sie sind durch heut nacht!“ und die Leute in Gruppen vor der Konstablerwache standen und zu den Käfigen hinauf schauten, an welchen die Stricke, an denen sie sich herabgelassen, noch zu sehen waren, und es hieß, draus im Weiher beim Bethmannschen Garten habe man die Fußstapfen der Flüchtlinge entdeckt — da war unter der nach hunderten zählenden Menge gewiß nicht Einer, der ihnen nicht von Herzen glückliche Reise gewünscht hätte. 

112 Zu den Freunden des Schelbleschen Hauses gehörte Bunsen, Vorstand eines vielbesuchten Erziehungsinstitutes, wohin Xaver und ich zuweilen kamen, um im Speisesaal die Cornelianischen Nibelungen in Betracht zu nehmen, oder mit den Zöglingen und ihren Lehrern einen Ausflug zu machen. Bunsen, ein Liberaler der alten Schule, der in seinem pädagogischen Bekehrungseifer dem Bilde glich, das Goethe in Dichtung und Wahrheit von seinem Freunde Basedow entwirft, hatte einige Jahre vorher bei einem Besuche des Schelbleschen Ehepaares in Hüfingen mit unserem Vater Freundschaft geschlossen und nachher ihm durch Frankfurter Damen, die gelegentlich einer Reise ins Berner Oberland Hüfingen berührten, als Beweis, daß nicht gefeiert wird, ein Päcklein politischer Flugschriften zur Verbreitung zugeschickt, womit sich der Vater, aller politischen Agitation abhold, aber nicht befassen möchte. Ein Bruder Bunsens war dann richtig auch einer der Hauptbeteiligten beim Krawall an der Hauptwache, dem es aber noch rechtzeitig gelang, sich aus dem Staub zu machen.

Zeitgenössischer Holzschnitt zum Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833
siehe Wikipedia

Zu Goethes „Dichtung und Wahrheit“ konnte uns die freie Reichsstadt noch ziemlich unverändert die Scenerie vergegenwärtigen. Das Exemplar kam aus der Bibliothek des Rats von Willemer und war mit einer Menge von Bleistiftvermerken bezeichnet. Bekanntlich schriftstellerte der Herr Rat selbst auch viel. Und man erzählte sich, wenn er wieder eine neue Auflage seiner unverkauften Werke veranstaltet, habe er’s seiner Frau mitgeteilt:
„Denke dir, liebe Marianne, wir haben schon wieder eine Auflage erlebt!“
Seine Schriften, meist humanistisch-pädagogischen Inhalts, hatten den Weg auch in des Vaters Bücherschrank gefunden. Ich erinnere mich indes nicht, daß sie viel gelesen worden wären.

Marianne von Willemer (* 20. November 1784 in Linz (?); † 6. Dezember 1860 in Frankfurt am Main.

Johann Jakob de Lose, Public domain, via Wikimedia Commons

Johann Jakob Willemer, seit 1816 von Willemer (* 29. März 1760 in Frankfurt am Main; † 19. Oktober 1838 ebenda)

Johann Jakob von Willemer Painting by Joseph Nicolaus Peroux  Wikimedia Commons.

Abgesehen vom Städelschen Institute geschah in der Vaterstadt Goethes für bildende Kunst noch wenig. Die Saat, die König Ludwig ausgestreut, war, wie allerwärts außerhalb Münchens, eben erst im Reimen begriffen. Zwerger z. B. hatte während unsres Aufenthaltes am Main nicht einen Auftrag erhalten und zu seinem Hirtenknab, unstreitig sein bestes Werk, keinen Käufer gefunden. Er wanderte nach England.

113 Doch gab es immer einzelne Liebhaber, die, wie Städel und Passavant, ihren Mammon in löblicherer Weise anzulegen wußten, als in Papieren an der Börse. Ein solcher war meines Wissens auch Bankier Finger, Kassier des Kunstvereins, der sich eine wertvolle Sammlung alter Niederländer angelegt hatte.

Ende fünfunddreißig war mein Bruder einer Einladung Schallers gefolgt, in dessen Atelier in München einzutreten. Gelegentlich einer Reise, die Onkel Schelble zur Kräftigung seiner angegriffenen Gesundheit nach Gastein unternommen, wobei wir ihn bis München begleiten durften, hatten wir Schaller, den Landsmann Binders, kennen gelernt. — Die Badekur hatte den erwarteten Erfolg nicht gehabt; im Sommer 1836 sah der gute Onkel sich genötigt, aller Tätigkeit zu entsagen und sich nach Hüfingen in sein von ihm mit so großem Interesse gegründetes Landgütchen zurückzuziehen.

Ich war so lange noch in Frankfurt geblieben, um das Fortschaffen der Möbel überwachen zu können. Felix Mendelssohn war gekommen, die interimistische Leitung des Cäcilienvereins zu übernehmen.

Felix Mendelssohn Bartholdy, Gemälde von Eduard Magnus, 1846
Foto: Eduard Magnus, Public domain, via Wikimedia Commons

Nach einem mit den Freunden auf der Sachsenhäuser Warte gehaltenen Abschiedstrunk bestieg ich den Omnibus nach Darmstadt, um von dort — wie sich’s damals bei jungen Leuten von selbst verstand — zu Fuß weiter zu pilgern, den Heimatbergen zu. Heinemann war mir bis Vöhrenbach entgegen gekommen. Von Zeit zu Zeit hatte er uns von seinem Kunststreben Nachricht gegeben, als Probe einmal auch das Bildnis unsrer Schwester in der Schappeltracht der Baar gesendet. Anfänglich wollte er Schildmaler werden bei Dilger in Neustadt, einer der Werkstätten, in welchen sich im Laufe der Zeit eine fire Technik ausgebildet hatte, die vollständig genügt hätte, den ebenso praktischen wie charakteristischen, hell lackierten und bemalten, „Schild“ der Schwarzwälderuhr artistisch weiter auszubilden. — Nach des Meisters baldigem Tode hatte sich Heinemann bei Keller in Donaueschingen dem lithographischen Fache zugewandt. Bei seinen Eltern in Hüfingen wohnend und jeden Tag den Weg hin und her machend und ausschließlich mit schriftlichen Arbeiten, Tabellen und Impressen beschäftigt, war es ihm nur in freien Stunden vergönnt, Porträts nach der Natur zu zeichnen – und wie viele und treffliche hat er auf Stein gezeichnet, unter andern eins von W. Rehmann und ein frühestes von Scheffel als Lyceist.

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Eine Übersicht der einzelnen Teile gibt es hier:

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896


Denkbuch von Lucian Reich bis etwa 1833

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt:

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830

Unten findet sich das Denkbuch bis etwa 1833, der 3. Teil. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv.

Landesheim 1916 mit Mühlibach
1916

100…Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die kleine Stadt war das fürstliche Schloß mit seinem schönen Garten und den Kunst- und Naturmerkwürdigkeiten im „Kabinet“. Was es da zu betrachten und zu bewundern gab, machte auf mich einen lebendigeren und nachhaltigeren Eindruck, als das, was wir bald nachher von Sammlungen, wissenschaftlich geordnet, klassifiziert und  katalogisiert, zu sehen bekamen.

Foto der Wirtschaftsgebäude und des Gartens des fürstlich fürstenbergischen Landesspitals 1916

101 Und dasselbe möchte ich auch von andern Jugenderinnerungen sagen, z. B. von den Schlittenfahrten, welche die Herrschaften oft an schönen Wintertagen hierher machten, in den phantastisch gestalteten Schlitten aus der Zeit des Rokoko: Diana mit dem Hirsch, Neptun das Walroß lenkend, Löwen und anderes Gebilde zeigend. Abends sahen wir das Schloß dann erleuchtet, im Saale gegen den Hof zu ertönte Musik zu improvisierten Tänzen, und die bei Fackelschein bewerkstelligte Rückfahrt ließ uns den Zug erst recht im romantisch märchenhaften Lichte erscheinen. Der gewöhnliche sog. Wurstschlitten hatte im Gegensatze zum „Kasten= oder Chaisenschlitten“ nur einen schmalen gepolsterten und freien Sitz. Einen solchen besassen auch wir, geziert mit einem von der Hand des Vaters geschnitzten und vergoldeten Drachen.

Ob die jetzige Generation vergnügter, zufriedener lebt als die frühere? Wenn wir zur Beantwortung dieser Frage die in so üppigem Flor stehenden Vereinsfeste und Zusammenkünfte zum Maßstab nehmen, müssen wir sie bejahen — jedoch hinzufügen, daß es auch in frühern Tagen — abgesehen von kirchlichen Festen nicht an gemeinsamen Veranstaltungen und Festlichkeiten gefehlt hat; nur hatten diese mehr eigenartiges Gepräge und stets auch einen Anhauch von Poesie, indem sie auch der Schuljugend eine Beteiligung gestatteten.

„Und wieder ist die Baar
Fruchtbar wie sie war!“

sangen die Schulkinder in einem von Bürgermeister und Major des Bürgermilitärs, Burkhard, gedichteten Liede bei Einbringen des ersten festlich bekränzten Garbenwagens im Jahr 1817. An ein anderes schönes Fest wurden wir Schüler noch lange durch die Inschrift an der „Schulkanzel“ gemahnt: „Wer Gesetz, Ordnung, Tugend und Religion liebt und zur Richtschnur nimmt, der ist weise, der ist frei“. Aus der Antwort Karl Friedrichs auf die Danksagung des Landes bei Aufhebung der Leibeigenschaft. 

Litographie von Josef Burkhard dem Hüfinger Bürgermeister im frühen 19. Jahrhundert.

Litographie von Josef Burkhard aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
Burkhard war vor 1826 Bürgermeister, er wurde aber nur innerhalb Hüfingens Bürgermeister genannt und nicht in offiziellen Urkunden. Vermutlich hängt dies mit den Französischen und den Württembergischen Besatzern zusammen.

Die Kanzel hatte nämlich beim Karl Friedrichjubiläum zum Piedestal (Postament einer Statue) eines vom Vater gemalten lebensgroßen Brustbildes des Gefeierten gedient, welches von der Schuljugend bekränzt den Mittelpunkt der Festlichkeit gebildet hatte. Die Lieder, welche beim Empfange des neuvermählten fürstlichen Paares Karl Egon und Amalie zu Fürstenberg (1818) von welchem Tag noch lange gesprochen wurde, und im Jahre dreißig bei der Landesbereisung des Großherzogs Leopold und der Großherzogin Sophie vom Hüfinger Bürgermilitär unter Gleichaufs Direktion im Schloßhofe zu Donaueschingen gesungen wurden, waren aus Burkhards Feder geflossen. (Ebenso die meisten zur Zeit üblichen Nachtwächterrufe). Und viel Hübsches und Sinniges wurde bei den Festlichkeiten stets auch in dekorativer Hinsicht geleistet und zwar ohne großen Kostenaufwand. Die Vorbereitungen hierzu fanden gewöhnlich in der großen leerstehenden Schloßkirche statt, im Flügel gegen das Stadttor hin.

Vielen Dank an unseren Archivar Herrn Frank Schrader für die Überlassung von:
Der Hüfingische
Nachtwächter
1819
von Josef Burkhard

102 Von jeher wurde in der Amtsstadt viel musiziert und gesungen. Es gab Kirchenchor-Mitglieder, die bis in ihr spätestes Alter als Violinspieler oder als Sänger mitwirkten. So z. B. der Amtmann Reichlin; dieser sang noch bei den musizierten Messen, nachdem er nicht nur die Stimme, sondern längst auch alle Zähne verloren hatte. Wie die Mutter und ihre Schwestern, Magdalena, Elisabeth und Katharine zu den Sängerinnen zählten, so that auch unsre Schwester Lisette mit ihrer klangvollen Sopranstimme lange Zeit Dienste auf dem „Chor“.

Elisabeth (Lisette) Reich 1819-1871

Das Hoftheater in Donaueschingen war ein Theater der Fürsten zu Fürstenberg, das 1774 in der ehemaligen Reitschule errichtet wurde und am 28. April 1850 abbrannte und daraufhin nicht wieder aufgebaut wurde. Bis dahin wurden Schauspiele und Opern aufgeführt, unter anderem unter der Leitung der Hofkapellmeister Conradin Kreutzer und Johann Wenzel Kalliwoda. (Zu den Anfängen einer „Donaueschinger Musik“ von Hugo Siefert in den Schriften der Baar 69 (2016))

Hoftheater in der ehemaligen Reitschule Donaueschingen

Fotos: Baarverein

102 Auch wir Brüder mußten mitsingen bei den Messen, die Onkel Seyferle, zur Zeit Unterlehrer, mit den Schülern einübte. Außerdem wurde mir die Auszeichnung, mit Seyferle und einem seiner auswärtigen Zöglinge als Altist und Chorist in der Oper „Cristine“ von Kalliwoda, in der Doppelrolle als Bauernjunge und königlicher Page, auf dem Hoftheater in Donaueschingen auftreten zu dürfen. Nach jeder der etlich und dreißig Proben im Museum (Post) hatten wir zwei Altisten jedesmal eine Halbe Braunbier mit einer Portion Schweizerkäs zu konsumieren beim Hofschmied (Fürstenbergerhof), wo unter’m Vorsitze des Hofapothekers Kirsner sen. und seines Adjutanten Bäsele immer große Redeschlachten geliefert wurden zwischen Russen und Türken, die zur selben Zeit weit hinten in der Türkei aufeinander schlugen. 

Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) gemalt von Luzian Reich (senior) ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Xaver, Lucian und Lisette.

Seyferle Abstammung

Onkel Seyferle war mit Elisabeth Schelble verheiratet, einer Schwester von Josepha

Schelble im Stammbuch

Die 14 Kinder von Katharina Götz

103 Die wichtigsten Proben waren uns aber die Hauptproben mit dem wirkungsvollen Finale am „Offiziantentische“ im Schlosse, wo wir Choristen bei Wildpret und einem Trunke aus dem Schloßkeller zeigen konnten, wie sicher wir auch da im Treffen seien.
Ernsthafter als Gesang beschäftigte uns Brüder das Klavierspiel, in welchem uns Vetter Franz Joseph Gleichauf, Amtsaktuar und ebenso eifriger wie uneigennütziger Chorregent und Kapellmeister des Bürgermilitärs, Unterricht gab.

Franz Josef Gleichauf (6.12.1796-19.07.1869) war mit Maria Catharina Federle (22.07.1797-07.08.1869) verheirate und der Sohn von Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) und Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816).

Xaver bildete sich weiter darin aus, und noch in spätern Jahren fand er in den Werken Mozart’s, Bach’s und Beethoven’s Erholung und Genuß. Jeden Winter wurde beim Schnurren der Spinnräder und dem Schein eines Oelämpeleins des Vaters Büchersammlung durchgelesen. Für einen Schullehrer damaliger Zeit war sie reichhaltig genug. Gellert, Hebel und Winkelmann (in der Donaueschinger Ausgabe) waren mit ihren sämtlichen, Göthe, Schiller, Klopstock, Wieland mit einzelnen Werken vertreten, dabei Sulzers Theorie der schönen Künste, Weißes Kinderfreund, Kampes Robinson, Reisebeschreibungen nebst dem Brockhaus’schen Konversationslexikon fast ausnahmslos Geschenke von Onkel Schelble und dem frühern Stadtpfarrer Reislin; denn Bücher kaufte der Vater selten. Das erste klassische Werk, das ich von meinen ersparten 10 Kreuzern auf dem Jahrmarkt erwarb, war Tyll Eulenspiegel, den ich, weil mir die groben Holzschnitte darin nicht gefielen, zu illustrieren unternahm.

Zeichnung aus den Wanderblühten.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind;
J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit);
Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife;
Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr;
Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.

Xaver Reich,
gezeichnet von Josef Heinemann
Xaver Reich 1838
gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann.
Xaver Reich
gezeichnet J. Nepomuk Heinemann, 1848, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 609.

Zuweilen machten wir unter väterlicher Leitung Fußtouren, unter andern einmal nach Freiburg, wo es das erste war, das Münster zu besichtigen, obgleich uns, müde und abgespannt, der vorläufige Besuch einer Gastwirtschaft erwünschter gewesen wäre. Und daher kam es, daß uns, insbesondere mir, der von zahllosen krächzenden Krähen umschwärmte altersgraue Bau mit dem ahnungsvollen Dämmerlichte seines Innern den erwarteten überwältigenden Eindruck nicht machte; obgleich wir das treffende Urteil eines Hüfinger Kunstrichters nicht hätten unterschreiben mögen, der auf die Frage des Vaters: „Nun, Sie haben das Freiburger Münster gesehen? Nicht wahr, der Turm ist ein wahres Wunderwerk!“ den klassischen Ausspruch that: „Nun ja, er ist kunstreich! Aber ich muß Ihnen offen gestehen, der hiesige Kirchturm gefällt mir besser, er ist einfacher!“ 104

Ansicht von St Verena und Gallus mit Statue von Xaver Reich
St. Verena und Gallus

104 Ein andermal wanderten wir über Schleitheim, woher der Vater die Steine zu seinen Grabdenkmälern bezog, nach Schaffhausen. Kurz vorher hatte ich den Rheinfall nach einer Lithographie Welle für Welle in Kreidemanier gezeichnet. Und nun trat mir das Naturspiel in seinem Stürzen und Ueberstürzen, Tosen und Schäumen um so überraschender entgegen.

Einen ähnlichen und doch wieder grundverschiedenen Eindruck machte auf uns der Hohentwiel, den wir über die Ausläufer des hohen Randen hinwandernd im abendlichen Dämmer am östlichen Horizont vor uns auftauchen sahen. Der Hohentwiel! Wie viel hatten wir als Kinder nicht schon von ihm gehört! Trug doch ein ehmaliger Turm in der „Hinterstadt“ diesen Namen. Und der „alt Franz“ unser Taglöhner, dem ich so manches „Budeli Brends zNüni“ zugetragen, und der „Vetter Kupferschmied“ waren von denen, die auf Gemeindekosten ringsum aufgeboten worden, das für unbezwinglich gehaltene Hegaubollwerk zu sprengen und demolieren.

Karte aus dem Jahr 1664 von Hüfingen, Behla und Sumpfohren von Martin Menrad
Karten von Hüfingen aus 1664 von Martin Menradt mit dem Hohentwiel.
Foto: Dr. Jörg Martin, Fürstlich Fürstenbergisches Archiv Donaueschingen

Hohentwiel

Wappen von Hüfingen

In der Hinterstadt im Bereich der herrschaftlichen Burg stand einst ein mächtiger Bergfried, der „Stock im Graben” oder wegen seiner Stärke auch „Hohentwiel” genannt wurde. Dieser Wohnturm diente in Belagerungszeiten als Zufluchtsort für die Burginsassen. Er war der am schwierigsten einzunehmende Bauteil der Burg.Auf dem Gemälde von Menrad ist dieser Turm zu sehen, allerdings in bereits zerstörtem Zustand. Eine weitere Abbildung des Bergfrieds soll das alte Stadtwappen sein:Das Hüfinger Stadtsiegel zeigt heute einen schmächtigen Thorthurm, in dem des 15. Jahrhunderts aber erscheint an dessen Stelle ein mit Buckelquadern an den Ecken verstärkter, wehrhafter Bergfried, der von der Seite her aufgenommen ist. Selbstredend steht dieses Wappenbild mit der Stadt im Zusammenhange; es ist nichts anderes als die Abbildung des obengenannten Stocks im Graben oder Hohentwiel’s, der in der Tat beim Anblicke der Stadt, solange er stand, das Augenfälligste, sozusagen das Wahrzeichen von Hüfingen gewesen ist und deshalb zum Wappenzeichen der Stadt vorzüglich geeignet war.

Aus: Hüfingen – Führer durch eine alte Stadt von Beatrice Scherzer und Hermann Sumser 1996

Diese die Französische Gewaltherrschaft bezeichnende Anordnung kam den Gemeinden teuer genug zu stehen. Geisingen z. B. traf es 400 fl. und nicht weniger Hüfingen, und so verhältnismäßig alle Orte.

104 Von frühester Jugend an wußte ich nicht anders, als daß ich Maler werden wollte, obgleich ich eine alte Base sagen hörte, kein Maler werde alt, von wegen den giftigen Farben. Mein Bruder hatte sich für die Plastik entschieden. Formensinn und außerordentlich geschickte Hand befähigten ihn hierzu. Jeden Herbst kam Onkel Schelble zu Besuch in die Vaterstadt, und was wir von ihm vom Städel’schen Kunstinstitute hörten, ließ uns Frankfurt in ganz verklärtem Lichte erscheinen. Gegen Ende der 20ger Jahre war Zwerger, der Zögling Danneckers, aus Italien zurückgekommen.

Vermutlich Johann Nepomuk Zwerger
(* 28. April 1796 in Donaueschingen; † 26. Juni 1868 in Cannstatt)
war ein deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Hier 1829 gezeichnet von Reich senior.

In Hüfingen, bei seinem Schwager, Schloßverwalter Wehrle, vollendete er seinen „Hirtenknab“ in Karrarischem Marmor. Von Schelble empfohlen, hatte er bald nachher eine Berufung an das Städel’sche Institut erhalten. Und nun erbot er sich, meinen Bruder als Schüler anzunehmen; und somit verließ dieser im Herbste 1832 mit Onkel und Tante die Vaterstadt, und im Jahr darauf fuhr auch ich mit ihnen der ersehnten freien Reichsstadt (Frankfurt) zu. 105

Das Städel’sche Institut war gewissermaßen noch im Entstehen begriffen. Mein Bruder hatte seine Lehrzeit noch im alten Hause auf dem Roßmarkt begonnen, und der Umzug ins neue war kurz vor meiner Ankunft bewerkstelligt worden, so daß zehn oder zwölf Malerschüler, mit mir dem jüngsten, erstmaligen Besitz von den obern vier, in den Hof und Garten hinausgehenden, Ateliers nahmen. Es war eine gemischte Genossenschaft, die sich da zusammengefunden, ein Konglomerat verschiedenster Ausbildungsstufen und Richtungen, jeder mit einem andern Gegenstand beschäftigt.

Settegast, der am weitesten vorangeschrittene Zögling Direktor Veit’s, malte eine hl. Barbara für eine Kirche am Unterrhein, Becker aus Bornheim kopierte religiöse Bilder aus der Galerie, die von Inspektor Wendelstädt anstandslos in die Ateliers gegeben wurden, Bauer von Sachsenhausen, ursprünglich Lithograph, zeichnete für eine Kunsthandlung Veit’s Achillesschild auf Stein, Kaufmann von Kreuznach, das adrette Kerlchen mit Vollbart, Barett und hübschem Tenor, den er später auch im Cäcilienverein verwertete, skizzierte nach Spindlers, damals mit Begeisterung gelesenem „Jude“, während Weidenbusch, das ominöse Genie, einen großen Karton zeichnete: Prometheus von Cyklopen an den Felsen geschmiedet, und ebenso zeigte er uns Blätter aus seinem „Cid“, den er, wie Cornelius den Faust, im Stich erscheinen lassen wollte.

Ich hatte verschiedene Zeichnungen von daheim mitgebracht: eine figurenreiche Fastnachtsscene mit äpfelauswerfenden Hanseln, plaudernde Nachbarn auf dem Hausbänklein, und was sich mir sonst in der Wirklichkeit zeigen wollte. In der jetzigen Umgebung hörte ich aber von Originalität der Komposition, neuen Gedanken und Motiven. Wie hätten gegen all das meine schlichten Baarerkinder aufkommen können! Also griff auch ich zur Kohle und komponierte und fixierte Zeichnungen höhern Stils. 105

Der „lange Tag“ in der Synagoge in Rödelheim bei Frankfurt. Luzian Reich senior 1833

Teil 4: Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836

Teil 1: Das Denkbuch von Lucian Reich von 1750 bis 1813
Teil 2: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830

Eine Übersicht der einzelnen Teile gibt es hier:

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896

Schari oder Scherri ?

Als wir 2011 aus den USA nach Hüfingen kamen, sagten uns die Einheimischen, dass der Bolzplatz hinter der Kirche Schari heißt.

Das ergab für mich als Villingerin durchaus Sinn. In Villingen gibt es schließlich den Latschariplatz – und Latschari ist ein alemannisches Wort. Im alemannischen Wörterbuch von Rudolf Post und Friedel Scheer-Nahor wird mit Latschariplatz  ein Ort bezeichnet an dem sich die Eckensteher treffen.

Das Gelände an der Hohenstraße gehörte ursprünglich zu Mariahof. Es bestand aus Garten und Sportplatz und wurde 1969 von der Stadt Hüfingen erworben.

In der Chronik heißt es: 

Foto aus der Chronik mit dem Text gelb angestrichen: ...etwa 1 ha große Gelände, den Garten und den Sportplatz, die wie das Gebäude in der Stadt lagen, käuflich erwerben können. Ganz unten: Die Stadt konnte den Sportplatz samt dem Garten 1969 mit einer Fläche von 9492 m² à 11 DM und somit für 104412 DM erwerben.

Die Stadt konnte den Sportplatz samt dem Garten 1969 mit einer Fläche von 9492 m² à 11 DM und somit für 104412 DM erwerben.

Von einem Herrn, der damals für Mariahof gearbeitet hatte, weiß ich, dass der Platz schon zu dieser Zeit Schari genannt wurde. Und damit sind wir bei der entscheidenden Frage: Der Sportplatz, der später zum Bolz- und Spielplatz wurde, hieß damas Schari und irgendwann tauchte Scherri auf.

Heute gibt es darüber einen kleinen Hüfinger Namenskrieg – und natürlich weiß jeder ganz genau, welche Variante die einzig richtige ist.

In Google Maps steht heute ‚Spielplatz Scherri‘. Scherri lässt sich seit 2009 in OpenStreetMap nachweisen. Dort wurde der Spielplatz als ‚Scherri‘ eingetragen und zwar von von einem Nutzer namens “Sprühwurst”. Der Eintrag ist also keineswegs eine Erfindung von Google Maps.

Screenshot aus dem Verlauf von OpenStreetMap. Oben sieht man den Namen Sprühwurst und dass das vor 17 Jahren geschlossen wurde. Unten steht zwei mal Scherri und Bolzplatz "Scherri"

Screenshot aus dem Verlauf von OpenStreetMap

Die Bürgerinfobroschüre der Stadt Hüfingen von 2015 nennt den Platz ausdrücklich:
„Schari“ in der Hohenstraße in Hüfingen.

Diese Broschüre ist übrigens ohnehin bemerkenswert. Sie stammt aus einer Zeit, in der die Stadt auf ihren eigenen Seiten noch sichtbar Wert darauf legte, Geschichte und Stadtentwicklung zu vermitteln. Für mich war das eine der letzten wirklich gelungenen Hüfinger Informationsbroschüren vor dem kommunalpolitischen Bruch von 2016.

Screenshot der Bürgerinfobroschüre aus 2015 mit Bild vom Mühlibach
Screenshot von der Broschüre mit dem Text Schari in der Hohenstraße in Hüfingen
letzte Seite der Bürgerinfobroschüre mit Kofenweiher, Kirchturm und dem alten Logo

Bis heute ist Schari keineswegs verschwunden. Die touristische Seite der Region führt den Platz als „Spielplatz ‚Schari‘ in der Hohenstraße in Hüfingen“ und verweist für weitere Informationen auf die Stadt Hüfingen.

Screenshot von der Webseite mit Schaukelpferd und unten link zur Karte

Des Weiteren steht im Hüfinger Haushalt  unter der Nummer 42110000:
„Unterhaltung der Grundstücke und der Gebäude, Hütte Spielplatz, Schari und Schrebergarten (baulichen Anlagen)”. 

Seit wann das so im Haushalt steht, weiß ich nicht, da mir die historischen Haushalte nicht vorliegen. Offenbar ist die Bezeichnung dort aber schon ziemlich lange verankert.

Also: Scherri ist eine tatsächlich gebrauchte Bezeichnung. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Gerade Zugezogene orientieren sich heute an Google Maps und nicht unbedingt an der Website der Stadt. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass Schari falsch ist.

***Nachtrag am 26. August 2026:
Durch Zufall habe ich heute gesehen, dass bei Google Maps inzwischen Schari steht.
Ob das ein Resultat dieses Beitrags ist? Keine Ahnung. Auffällig ist jedenfalls, dass der Artikel aus mir unerfindlichen Gründen unglaublich viele Zugriffe hat – und das innerhalb von gerade einmal sechs Tagen. Vielleicht ist gerade Sommerloch.
Geschimpft habe ich auf Hieronymus schon sehr oft, ohne dass es eine solche Resonanz gegeben hätte.
Eines kann ich jedenfalls versichern: Ich war es nicht. Ich habe Google Maps nicht geändert.

Und dann kommt die Kommunalpolitik ins Spiel

Besonders bemerkenswert finde ich deshalb, dass ausgerechnet aus dem Umfeld des „Freies Forum Hüfingen“* nun so selbstverständlich von „Scherri“ gesprochen wird. 
Vier Bürger wurden 2025 vom Gemeinderat für die Entwicklung des neuen Stadtlogos ausgewählt. Zwei davon kamen von der Liste des „Freies Forum Hüfingen“* aus dem Jahr 2024. Das wäre an sich noch kein Problem.

Problematisch wird es dort, wo Menschen, die sich bislang nicht gerade durch besondere Kenntnis der Geschichte dieser Stadt hervorgetan haben, plötzlich über sie mitentscheiden dürfen – und diese Gelegenheit nutzen, ihre eigene Vorstellung von Geschichte zur Wahrheit zu erklären.

Denn der Name Schari steht nicht irgendwo in einem alten privaten Notizzettel. Er steht in einer städtischen Broschüre, in touristischen Angeboten und – offenbar schon mindestens seit Knapps Zeiten – im Haushaltsplan der Stadt mit der Bezeichnung „Hütte Spielplatz, Schari und Schrebergarten“.

Man könnte also durchaus erwarten, dass ein Gemeinderat, der sich mit dem Ort beschäftigt, diese Bezeichnung kennt. Zumal derjenige, der das Wort „Scherri“ nun besonders eifrig verwendet, inzwischen selbst ganz in der Nähe des Platzes wohnt und sich über die vermeintlich „hässlichen Flächen“ von Natur nah dran aufregt.

Da bekommt die Namensfrage plötzlich eine ganz andere Dimension.

Denn es geht mir längst nicht mehr nur darum, ob am Ende ein a oder ein e steht. Es geht darum, wer eigentlich das Recht haben soll, die Geschichte eines Ortes zu erzählen.

Genau wie beim neuen Stadtlogo scheint mir auch hier ein Muster auf: Erst wird etwas, das historisch gewachsen und den Menschen vertraut ist, durch eine neue Interpretation ersetzt – und anschließend so getan, als sei diese neue Version schon immer die eigentliche gewesen.

Das werde ich beim Schari jedenfalls nicht einfach mitmachen.

Denn ein „Freies Forum Hüfingen“ hat nicht automatisch mit den Bürgern einer Stadt zu tun – genauso wenig, wie vier vom Gemeinderat ausgewählte Bürger automatisch die Deutungshoheit über die Geschichte dieser Stadt besitzen. Und nachdem uns beim neuen Stadtlogo bereits eine antike Besatzungsmacht als vermeintliches Symbol unserer Geschichte verkauft wurde, muss man sich offenbar langsam auch um die kleineren Dinge kümmern:

Vielleicht sollten am Ende auch gar nicht die Erwachsenen entscheiden, wie dieser Ort heißt.

Seit mindestens einem halben Jahrhundert geben Erwachsene diesem Platz Namen, schreiben sie in Karten, Broschüren und Haushaltspläne und streiten darüber, welcher davon der richtige ist.

* Bürgerforum wurde nach einem Kommentar durch „Freies Forum Hüfingen“ ersetzt.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Kids zu fragen.

Wenn dort ihre Hütten neu entstehen, könnten sie ihrem neuen, alten Ort selbst einen Namen geben.

Die Hütten auf dem Schari gehören schließlich ihnen.

Und noch ein kleiner Nachschlag für die alten Hüfinger

Weil wir schon bei Mariahof sind, darf dieses Stück Hüfinger Geschichte hier eigentlich nicht fehlen: Der Hof gehörte ebenfalls zu Mariahof und wurde im Juli und August 2016 abgerissen.

Für die Schari-Frage ist das jetzt nicht mehr wichtig. Aber für alle, die sich noch an das alte Hüfingen erinnern, sind die Bilder vielleicht doch interessant.

Mein Vater hat die Fotos damals beim Abriss gemacht:

  • vor den alten Silos steht der Bagger. Im Hintergrund sieht man den Schari
    25. Juli 2016

Das keltische Brigobanna und der Mythos vom guten Römer

Wer heute über Hüfingen spricht, spricht gern von den Römern und neuerdings schmückt sogar der Kopf eines römischen Soldaten das Stadtbild.

Nur: Brigobanne, Brigobannis und Brigobanna war kein römischer Name.

Der antike Name des Kastells und der dazugehörigen Niederlassung lautete Brigobanna – wie Paul Revellio schon 1937 schreibt: „ein Name keltischen Ursprunges“. Auch die sprachwissenschaftliche Forschung führt den Namen auf das keltische brig-/briga für Höhe, Berg oder Anhöhe zurück.

Unmittelbar neben dem römischen Kastell liegt das Ziegeleschle. Die dortige Rettungsgrabung hat 2025 eine Siedlungsgeschichte sichtbar gemacht, die mindestens 4500 Jahre zurückreicht. Schon am Ende der Jungsteinzeit, fast 3000 Jahre vor Christus, wurde dort gesiedelt; weitere Nutzungen reichen über die Bronzezeit bis in die römische Zeit und weit darüber hinaus. 

Die Geschichte dieses Ortes beginnt also nicht mit den Römern.

Und auch der Name Brigobanna erzählt eine ältere Geschichte. Die Römer haben ihn nicht erfunden. Sie haben offenbar einen bereits vorhandenen keltischen Namen übernommen und in ihrer eigenen schriftlichen Überlieferung hinterlassen. Auf der Tabula Peutingeriana erscheint Brigobanne als Ort an der Römerstraße.

Ausschnitt aus der Peuting Karte mit Hüfingen oben in der Mitte

Tabula Peutingeriana: Brigobanne. (https://tp-online.ku.de)

Lucian Reich, der 1860/62 die „Geschichte der Stadt Hüfingen“ schrieb, hatte jedenfalls keinen Bedarf an einem romantischen Römerbild. Im Gegenteil. Er spricht von den Römern als „romanischen Verdrängern“, deren Verwaltungsbeamte sich „auf Kosten der Bevölkerung … blutsaugerisch zu bereichern strebten“. Und über die späteren germanischen Bewohner schreibt er:

„Wie sehr auch unsere germanischen Stammväter die Römer und ihre Zwingburgen haßten …“

Das ist bemerkenswert. Denn Lucian Reich war kein moderner Kritiker des Kolonialismus, sondern ein Historiker des 19. Jahrhunderts. Trotzdem beschreibt er die römische Herrschaft nicht als idyllische Zeit, sondern als Eroberung und Fremdherrschaft.

Und auch Revellio schreibt wesentlich nüchterner, auch bei ihm sind die Römer zunächst einmal die Macht, die eine bereits vorhandene Landschaft übernimmt. Seine Überlegungen zur möglichen vorrömisch-keltischen Anlage und zum spätlatènezeitlichen Fundmaterial lassen sich nicht einfach unter „römische Geschichte“ abheften.

Natürlich sollen wir uns für die Römer interessieren.

Nur ein römischer Soldatenkopf soll für die Geschichte Hüfingens stehen?

Die Römer haben in Hüfingen Spuren hinterlassen, die archäologisch außerordentlich interessant sind. Das Kastell, das Bad, Straßen, Münzen, Keramik und die vielen anderen Funde gehören zur Geschichte von Hüfingen. Das Problem beginnt dort, wo aus einem Teil der Geschichte die ganze Geschichte wird.

Man nennt das in der Wissenschaft Cherry Picking: Man sucht sich aus einer komplexen Geschichte genau das heraus, was zum eigenen Bild passt, und lässt den Rest liegen.

Hüfingen hat allerdings nicht nur eine einzige süße Kirsche. Es hat eine 5000-jährige Siedlungsgeschichte.
Warum also ausgerechnet immer die Römer?

Wer Geschichte wirklich liebt, sollte vielleicht nicht nur die Römer anschauen. Denn Brigobanna war keltisch und Hüfingen hat eine Geschichte, die weit über die römische Besatzungszeit hinausreicht.

Was versteht man unter „Geschichte“?

Im neuen Stadtlogo trägt er jedenfalls einen römischen Helm. Daneben steht: „Wir lieben Geschichte.“

Ja.
Aber offenbar nur die, die gut ins Logo passt.

Und ja:
Darüber bin ich böse. Nicht nur über das Ergebnis, das ich für eine Katastrophe halte, sondern auch darüber, wie es dazu gekommen ist – und darüber, dass Stadtverwaltung und Gemeinderat diesen Weg gemeinsam gegangen sind und das Ergebnis offenbar für vertretbar halten.

Ich ärgere mich über die Männer, die sich einen feuchten Dreck für Geschichte interessieren und trotzdem bestimmen, wie Hüfinger Geschichte dargestellt wird.

Ich ärgere mich aber genauso über diejenigen, die es ihnen ermöglicht haben. Auch über die Frauen im Gemeinderat, die dieses Ergebnis mitgetragen oder zugelassen haben. Denn ich sehe die Verantwortung für dieses Logo nicht bei einem einzelnen Mann.

Wer in einem Gemeinderat Verantwortung für eine Stadt und ihre Geschichte übernimmt, trägt auch Verantwortung dafür, welche Geschichte diese Stadt von sich selbst erzählt.

Und genau deshalb bin ich so pissig.

Ich habe mich darüber oft und laut geärgert und damit vermutlich auch schon den einen oder anderen Menschen genervt. Aber nach dem, was ich beim Blick in unsere eigene Geschichte inzwischen wieder gefunden habe, ist mein Ärger nicht kleiner geworden.

Eher im Gegenteil.

Denn wenn wir wirklich sagen: „Wir lieben Geschichte“, dann sollten wir sie auch als Ganze erzählen wollen – und nicht ausgerechnet die Hälfte der Bevölkerung mit einem Männerkopf vor den Kopf stoßen.

Das Kastell Hüfingen

Cover vom Buch aus 1937.

von Professor Paul Revellio, 1937

Unweit der Stelle, wo die aus dem Schwarzwald kommende Breg dicht unterhalb von Donaueschingen in die Donau mündet, lag auf der Höhe südlich von ihrem breiten Tal ein Kastell, das in die Frühzeit des römischen Vordringens zum oberen Neckargebiet gehört. Von seinen Wehrbauten und Innenanlagen haben sich im Ackerland keine äußerlich sichtbaren Reste erhalten. Nur die Ruine des Badehauses in der Mulde, die sich westlich vom Kastell gegen das Tal zu öffnet, bildet, vor Jahren ausgegraben und durch Überdachung geschützt, eines der ansehnlichsten römischen Denkmäler in Baden. Der antike Name des Kastells und der dazugehörigen Niederlassung Brigobanne oder wohl richtiger Brigobanna, (ein Name keltischen Ursprunges), ist durch die Peutingersche Karte als letzte Station auf der Straße von Vindonissa nach Arae Flaviae überliefert, und die Lage des Ortes ist durch Reste der Straße und die Entfernungsangaben der Karte gesichert.

Segment der sogenannten Peutingerkarte, einer mittelalterlichen Kopie einer römischen Straßenkarte des IV. Jahrhunderts. Oben ein Teil der Peutingerstraße von Vindonissa (Schweiz) über Brigobanne (Hüfingen) nach Samulocenis (Rottenburg). Silva marciana ist der Schwarzwald und der Kleckes in der Mitte ist der Bodensee. (https://tp-online.ku.de)
https://tp-online.ku.de
Alte Karte von Hüfingen aus dem Buch mit dem Ausschnitt der Kirchhalde und dem Kastell

Inschriftliche Zeugnisse für diesen Ortsnamen sind in Hüfingen bis jetzt nicht gefunden worden. Der pflügende Bauer des Mittelalters sah in den von Ackerboden überdeckten starken Fundamenten des römischen Kastellbades die Reste einer zerstörten Kirche. Kirchen waren ja lange Zeit die einzigen Steinbauten in den Dörfern. So ist der Flurname Kirchhalde, den der Hang westlich von dem Bade trägt, für Jahrhunderte wohl die einzige Erinnerung geblieben an das römische Brigobanna.

sein Portrait abfotografiert aus der Chronik

Erst das Zeitalter der Renaissance schuf die Vorbedingungen für das Verständnis dieser Reste und erweckte das Interesse für die Zeugen der römischen Kultur im heimatlichen Boden.

In Vindonissa und Augst nahm man sich während des 16. Jahrhunderts zum erstenmal wieder der dortigen Römerbauten an. In Augst fanden bald nach 1580 die ersten Grabungen statt.
In Württemberg gewann Simon Stüdion 1597 den Herzog für eine Grabung im Kastellgelände von Benningen. Da traf es sich günstig, daß das Städtchen Hüfingen in Hans von Schellenberg einen Herrn bekam, der humanistisch gebildet war und regen Sinn für das Altertum hatte. Er spricht nicht nur in seinem Briefwechsel mit dem Schaffhauser Chronisten und Pfarrer Johann Jakob Rüeger von römischen in Hüfingen gefundenen Münzen, sondern läßt auch 1605 drei Gewölbe unter dem Galgen, der an der Stelle des heutigen Wasserbehälters auf der Kastellhöhe stand, untersuchen. Es handelte sich wohl um natürliche Höhlen, die sich auf der zur Verkarstung neigenden Höhe immer wieder bilden.

Foto vom alten Wasserhochbehälter

Bei Anlage des Wasserbehälters im Jahre 1903 wurde dort der ganze Ackerboden bis auf den gewachsenen Fels abgehoben, ohne daß eine Spur von Mauerwerk gefunden werden konnte. Außerdem ließ Hans von Schellenberg im Tale einen römischen Fußboden abdecken, dessen Plättchen nach Art des Opus spicatum angeordnet waren. Er ist damals wohl auf einen der höher gelegenen Fußböden des Bades, etwa des Frigidariums oder Apodyteriums gestoßen. Freilich für eine richtige Deutung dieser Trümmer war die Zeit noch nicht gekommen. Hans hält die Reste für den Fußboden eines heidnischen Tempels oder einer jüdischen Synagoge.

Mit Hans erlosch dann zunächst das Interesse an den Resten. Die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und der Franzosenkriege waren für solche Studien wenig geeignet. Immerhin verzeichnet schon eine handschriftliche Oberamtsbeschreibung des Oberamts Hüfingen aus den Jahren 1767 und 1768 eine alte Sage, daß in dem Tal unter dem Galgenberg einst Tempelherrn wohnten, und sie bringt damit fälschlicherweise den Flurnamen „Münchshof und Münchswiese“ in Verbindung.

Sie berichtet ferner, daß man vor einigen Jahren in dem Tal beim Pflügen silberne und bronzene Münzen von Titus und Vespasian und kleine saubere Besetzplättchen und Spuren von einem weitläufigen und starken Gemäuer gefunden habe. Auch das Historisch-statistisch-topographische Lexicon von Baden von J. B. Kolb II. Band 1814 berichtet S. 98 von Münzfunden im „Mühlöschle“, der Flur, auf der die zivile Siedlung war, und unterirdischem Gemäuer gegen Bräunlingen hin und bringt diese Reste zum erstenmal mit der Station Brigobanne der Peutingerstraße in Verbindung, freilich, ohne bei der damaligen archäologischen Forschung damit Beachtung zu finden.

Andreas Buchner (1776-1856), seit 1811 Professor der Geschichte am Lyzeum in Regensburg, brachte die Untersuchung von neuem in Gang, als er den Verlauf des Limes zu verfolgen suchte und dabei auch die Peutingerstraße in seine Forschungen einbezog. Von Rottweil kommend, hatte er schon an Brigach und Breg alle Winkel durchsucht und war im Begriffe wieder abzureisen, als er auf Münzfunde bei Hüfingen aufmerksam gemacht wurde.

Foto der Büste im Schlosspark Donaueschingen

Auf seine Veranlassung befahl Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg 1821 die erste Grabung im Mühlöschle und die Aufdeckung der Gebäudetrümmer des Kastellbades. Sie wurde ausgeführt durch eine Kommission unter Leitung des fürstlichen Leibarztes Wilhelm August Rehmann, eine der ersten systematischen Grabungen in Baden, die mit ihren sorgfältigen Plänen und Ansichtsskizzen und dem Verzeichnis der gefundenen Münzen für ihre Zeit eine tüchtige Leistung war.

Ansichtsskizze des Kastells von August Rehmann

Ansichtsskizze des Kastells von August Rehmann 1821

Auch der Freiburger Historiker Heinrich Schreiber erwarb sich große Verdienste um die Sache; auf seine Veranlassung lieferte 1824 sein Schüler Josef Frick die erste Beschreibung des Bades. Im Herbst 1823 wurde im Kastellgebiet der sogenannte Tempel, ein Horreum, freigelegt und ein Plan davon aufgenommen. Bei einer Überschwemmung im Mai 1834 mußte man zum Schutze des am Nordhang des Galgenbergs gelegenen sogenannten Henkerhauses einen Damm aufführen, wofür die Erde vom Nordhang der Kastellhöhe genommen wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde eine 60 cm starke Brandschuttschicht freigelegt, in der zahlreiche Kleinfunde lagen. Es handelte sich um den Schutt von einem Lagerbrand, der über den Nordhang der Kastellhöhe hinabgeworfen worden war, wie das in Vindonissa mit dem Schutt des Kalberhügels in ähnlicher Weise geschehen ist.

Neue Anregung erhielt die Erforschung des römischen Brigobanna durch den Gymnasiumsdirektor C. B. A. Fickler, der 1818 die erste zusammenfassende Darstellung der Grabungsergebnisse lieferte, eine dankenswerte Arbeit, die freilich im einzelnen sorgfältiger Nachprüfung bedarf, da Fickler sich zu sehr auf mündliche Überlieferung stützte und die ihm durch genaue Beobachtung des damals noch besser erhaltenen Bades gegebenen Erkenntnisquellen nicht genügend benutzte.

Von einer Grabung im Jahre 1871 sind nur einige Funde, keine Aufzeichnungen vorhanden. Zu bedeutenderen Ergebnissen konnte die Untersuchung erst kommen, als die Limesforschung die nötigen sicheren Grundlagen lieferte. Bei einer Straßenuntersuchung entdeckte Schumacher im August 1897 den südlichen Spitzgraben des kleinen Dauerkastells und verfolgte ihn von der Südwestecke 30 m weit nach Osten.

Aus den dabei gemachten Funden schloß Schumacher auf die Gründung der Niederlassung in claudischer und auf ein Erdkastell vespasianischer Zeit und gab dem Bad seine immer wieder umstrittene Deutung als Kastellbad. Der Bau der verlängerten Höllentalbahn 1899/1900 führte an der Ostseite der Kastellanlagen entlang und schnitt die Nordostecke des Kastellgrabens ab, ohne daß dieser erkannt wurde. Er brachte aber mit den Funden in den Klüften des Bahneinschnitts zum erstenmal einwandfrei claudische Sigillata und bei der Eisenbahnbrücke über die Breg eine Menge Gegenstände aus der Brandschicht von 1834, die hier wieder angeschnitten wurde.

Leider wurden die meisten dieser Funde verschleudert. Die von Schumacher gefundene Südfront des kleinen Dauerkastells wurde in den Jahren 1904—1906 von Gustav Rieger bis zur Südostecke weiter verfolgt und auch die Ostfront auf 20 m festgelegt. Leider hat Rieger keine Planaufnahmen gemacht; auch fehlt eine genaue Beschreibung der Sigillaten, so daß es heute nicht mehr mit Sicherheit möglich ist, diese von den Sigillaten der von ihm teilweise ausgegrabenen Villa im Deggenreuschen Wald zu trennen. Auf Grund des von Rieger veröffentlichten Materials und der in das Mainzer Zentralmuseum gelangten Proben erklärte Barthel in dem Bericht über die Erforschung des obergermanisch-rätischen Limes 1908—1912 dem Urteil Schumachers über die claudische Gründung der Hüfinger Anlagen nicht ganz beipflichten zu können. Diese Streitfrage zu klären, war der unmittelbare Anlaß zu weiteren Grabungen, die nunmehr die Reichs-Limeskommission in die Hand nahm.

Die Arbeiten begannen im Herbst 1913 unter der Leitung von Friedrich Leonhard und des aus Hüfingen selbst stammenden Bearbeiters. Da der Fonds der Limeskommission für Ausgrabungen erschöpft war, wurden die erforderlichen Mittel von der Römisch-Germanischen Kommission des Archäologischen Institutes und vom Badischen Ministerium des Kultus und Unterrichts zu gleichen Teilen zur Verfügung gestellt. Schon diese erste Grabung führte zur Feststellung des kleineren Kastells, das unten als „die behelfsmäßige Kastellanlage“ bezeichnet wird, mit seinem Südtore und zahlreichen Anhaltspunkten für weitere erfolgversprechende Untersuchungen. Aber durch den Krieg unterbrochen, konnten die Ausgrabungen erst 1924 wieder aufgenommen werden. Sie wurden dann von dem Bearbeiter bis zur Erschöpfung des Gegenstandes im Jahre 1932 fortgesetzt.

Die in Betracht kommenden Ackerstücke gehörten bei Beginn der Grabung zwar zum Besitz des Fürstlichen Hauses zu Fürstenberg in Donaueschingen, waren aber an verschiedene Nutznießer verpachtet, so daß immer nur einzelne Stücke zur Verfügung standen und die Grabungen oft unterbrochen werden mußten. Dank der sehr genauen von Leonhard begonnenen Aufnahmen ließ sich jedoch der Zusammenhang der ausgegrabenen Teile vollständig wahren.

Die Römisch-Germanische Kommission und der dem badischen Unterrichtsministerium unterstehende Ausschuß für Ur- und Frühgeschichte Badens gewährten nach wie vor bereitwillig die nötigen Mittel, während die Reichs-Limeskommission die geschäftliche Leitung des Unternehmens wahrnahm und dem Bearbeiter beratend zur Seite stand. Über den Fortgang der
Arbeiten wurde regelmäßig in der Germania, dem Korrespondenzblatt der Römisch-Germanischen Kommission, ausführlich berichtet. Die Funde gelangten in die Fürstlichen Sammlungen zu Donaueschingen, deren Leitung ihre Bearbeitung in jeder nur denkbaren Weise unterstützte.

Die Lage des Kastells und seine Verbindungen.

Alte Karte von Hüfingen aus dem Buch mit dem Ausschnitt der Kirchhalde und dem Kastell

Die Befestigungsanlagen liegen auf ebener Fläche 4 km südlich der Donauquelle und 800 m südwestlich des Städtchens Hüfingen am Südrande des Tales der Breg, kurz bevor diese in die Ebene des Rieds hinaustritt. Die Kastellebene überragt die Sohle der Breg um 22 m.

Dadurch entstanden an ihrer Nord- und Westseite steile Hänge, die natürlichen Schutz boten, ohne daß die Wasserversorgung des Kastells besondere Schwierigkeiten bot, wie das bei den weiter westlich gelegenen Höhen der Fall ist, wo die Höhenunterschiede viel größer sind. Auch an der Ostseite der Kastellebene zieht eine flachere Mulde entlang, die aber heute durch den Eisenbahneinschnitt teilweise beseitigt ist. Dazu genießt man von der Kastellebene einen weiten Ausblick in das Vorgelände. Der Blick schweift über das Ried hinweg auf die Stufenlandschaft der Ostbaar und findet eine Begrenzung erst an den steilen Höhen des weißen Jura wie dem Hohenlupfen und dem Himmelberg bei Oefingen.

Die Kastellhöhe von Westen, vorn der Schutzbau des Rämerbades 1937

Nach Westen zu sind es bis zur Buntsandsteingrenze, wo im Altertum schon die geschlossene Walddecke des Schwarzwaldes und damit das unbesiedelte Gebiet begann, immerhin noch 6 Kilometer. Die trockene Muschelkalkhöhe, die dazwischen liegt, war nur licht bestockt und daher leicht zu kontrollieren. Nach Norden zu aber schützte die unten vorbeiziehende Breg und weiter ostwärts das sumpfige und damals noch schwer zugängliche Ried. Es gibt in der weiten Umgebung von Hüfingen keinen Platz, der so die Vorzüge des natürlichen Schutzes mit der Möglichkeit eines weiten Ausblickes verbindet.

Dazu kommt, daß sich in der Nähe des Kastells alte Wege kreuzten. Unmittelbar westlich von ihm zieht ein solcher Weg als Hohlgasse auf die Muschelkalkhöhe, durchkreuzt als Burgerweg die Gemarkungen Hüfingen und Bräunlingen, überschreitet bei der Papiermühle das Gauchachtal (Sigillatafund) und zieht an Dittishausen vorbei nach Löffingen. Er verläuft auf der kürzesten Verbindung nach dem Breisgau. Südlich Dittishausen ist sein quer durch die Wiesen verlaufender Damm mit Steineinlage noch sichtbar. Vielleicht war dieser Weg streckenweise von den Römern ausgebaut.

Ein zweiter vorgeschichtlicher Weg, der ebenfalls von den Römern benutzt wurde, kam vom Schweizer Rhein und zog von Schleitheim über die Wutach nach Stühlingen, und über Weizener Häusle nach Ewattingen. Dort durchquerte er das Wutachtal ein zweites Mal, um an Mundelfingen vorbei gerade auf Kastell Hüfingen zuzustreben. Auf ihm sind wohl die Römer von Schleitheim aus an die Donau vorgerückt. Er wurde aber nicht als Kunststraße ausgebaut, wohl weil er zweimal das Wutachtal kreuzte.

Bauarbeiten von der Höllentalbahn an der Luttlinger Bruck 1899
Luttlinger Bruck 1899

Die von den Römern ausgebaute Strecke verlief von Schleitheim über Zollhaus und unter der jetzigen Landstraße Schaffhausen—Donaueschingen bis nördlich Behla, verließ sie beim Behlaer Weiher, um durch den Wolfbühl das Kastellgelände zu erreichen. Sie überquerte auf der Luttlinger Brücke, die wohl ihretwegen gebaut wurde, das Bächlein in den Schleewiesen und wurde durch den Bau der Höllentalbahn abgelenkt.

Aber westlich des Bahndamms ist sie von dem Höhenpunkt 692,5 ab auf eine Strecke von 200 m erhalten, weil dieses Stück bis zum Jahre 1870 von der Straße Hausenvorwald—Hüfingen benutzt wurde. Obwohl es zum Gesamtverlauf der Straße nicht paßte, wurde es doch in sie einbezogen, weil es ausgebaut und bei der Entstehung dieser Verbindung schon vorhanden war. Das spricht für sein Alter.

Westlich des Kastellbades und östlich der Seemühle wurde der Straßenkörper angeschnitten. Von dem Kreuz an der Bräunlinger Straße ist dann bis zum Schächer an der Donaueschinger Straße ein 1200 m langes Stück mit dem Namen Hochstraße erhalten. Aber auch die Donaueschinger Straße südlich des Schächers hat einen römischen
Straßenkörper. Es wird sich hier um die Durchgangsstraße handeln, während die Hochstraße der Verbindung von Kastell und Canabae mit dieser diente.

Die Donautalstraße, die Hüfingen mit den claudischen Kastellen an der Donaugrenze verbunden haben muß, ist noch wenig gesichert. Die erste Schwierigkeit liegt östlich von Hüfingen in der Überquerung des Rieds. Die von Hertlein in die Karte Die Römer in Württemberg Blatt II eingetragene Linie stützte sich vor allem auf die angebliche Feststellung eines Straßenkörpers in der kleinen Baugrube eines Hauses südlich des Bahnhofs Hausenvorwald.

Zur Geschichte des Kastells.

Uebersichtskarte des obergermanischen und raetischen Limes

Durch die Grabungen in Aislingen, Rißtissen und Unterkirchberg war die Besetzung der Donaulinie in claudischer Zeit erwiesen worden. Auch in Hüfingen weisen die ältesten Funde in diese Zeit. Die frühesten Sigillaten sind gleichzeitig mit denen von Rißtissen und Unterkirchberg, während die von Aislingen einen noch etwas ältere Eindruck machen. Die Reihe der stempelfrischen Münzen beginnt ähnlich wie in Hofheim und Aislingen mit einer unter Tiberius geprägten Divus Augustus-Münze, dann folgt ein unter Caligula geprägter Germanicus, darauf die Claudiusmünzen. Halbierte Münzen wie barbarische Nachprägungen, für die Zeit bis Claudius bezeichnend, sind ebenso vertreten.

Grabenprofil - alte Zeichnung

Die frühen Rosettenfibeln hat Hüfingen mit Aislingen und Vindonissa, ebenso die Eisenfibeln vom Spätlatènetyp und die Bronzedrahtfibeln vom sogenannten Mittellatènetyp mit Aislingen und Hofheim gemeinsam.

Was Hüfingen von den genannten claudischen Fundplätzen trennt, ist das reiche Spätlatène-Inventar, Keramik wie Münzen, das aus dem Kastellgebiet gewonnen wurde. Es ist das naheliegendste anzunehmen, daß dieses Inventar auf eine vorrömisch-keltische Anlage zurückgeht, die an der Stelle des Kastells bestanden hat. Das müßten dann eben die von uns ausgegrabenen ältesten Befestigungsanlagen sein, in deren Gräben und Baracken wir dieses Material so zahlreich gefunden haben; denn anderes wurde nicht gefunden. Demgegenüber ergab der Graben B aus seiner Tiefe in mehreren Schnitten (s. o. S.6) eine Reihe claudischer Funde. Er war also in claudischer Zeit bis in seine Spitze offen; ebenso wurden in der Tiefe der Gräben M, Y und F einwandfreie frührömische Funde gemacht. Unzweifelhaft ist auch die vom Graben J umschlossene Daueranlage im engsten Anschluß an die ältesten Befestigungsanlagen errichtet; das wäre bei einer vor längerer Zeit hier bestehenden keltischen Anlage ebenfalls undenkbar.

Der Befund ließe nur die eine, freilich wenig wahrscheinliche Deutung zu, daß die Römer eine bis in die vierziger Jahre des ersten Jahrhunderts bestehende keltische Anlage erobert und sich dann selbst in ihr festgesetzt hätten. Demgegenüber bleibt die frühere Annahme immer noch die wahrscheinlichere, daß das Spätlatène-Material in die römische Okkupationszeit hineinreicht, wie dies ja auch Ulrich Karstedt, Die Kelten in den decumates agri, Nachrichten der Gesellsch. der Wissenschaften zu Göttingen 1933 S. 300 und Bittel, Die Kelten in Württemberg

Bei der Bedeutung dieses Anhaltspunktes hielt ich es (1935) für notwendig, neben dem Haus den Straßenkörper weiter zu verfolgen. Dabei stellte sich heraus, daß in der Baugrube nicht ein Straßenkörper angeschnitten worden war, sondern die Trümmer der dort in der Nähe anstehenden Quarzitbank.

Mir scheint der wahrscheinlichste Verlauf immer noch die Straße Hüfingen-Behla (Landstr. 27 der Karte) bis zu ihrer Abbiegung nach Süden und von dort in gerader Fortsetzung der Feldweg nach dem Berchenwald (am Ostrand des Waldes einige tiefe Hohlen). Vom Berchenwald ab wird die Straße unter der jetzigen Straße nach Pfohren bis zum Schloßbuck verlaufen sein. Hier mußte das Ried auf 500 m durchquert werden bis zum Michelberg und von da nach Neidingen.

Die behelfsmäßigen Kastellanlagen.

Plan der Anlage des Kastells

*laut Berichtignung muss es hier 1:2,8 heißen

Die ältesten Wehranlagen sind die inneren. Alles deutet darauf hin, daß es sich bei ihnen um feldmäßige Stellungen handelt, die unter dem Drange des Bewegungskrieges entstanden und dann immer wieder behelfsmäßig verstärkt und erweitert wurden. Das tritt uns besonders deutlich vor Augen, wenn wir die Gräben dieser frühen Anlagen vergleichen mit den sorgfältig ausgebauten Gräben der letzten für die Dauer bestimmten Anlage. Die Gräben sind an den verschiedenen Stellen ungleich breit und tief, mit holprigen und unebenen Böschungen; bald ist die innere Böschung steil, bald die äußere. Derselbe Graben endet bald in eine Spitze, bald in eine Sohle. Primitiv muß auch der hinter den Grüben aufgeführte Wall befestigt gewesen sein. Nirgends hat sich eine Spur von Pfostenlöchern für eine Wallversteifung gefunden. Aus denselben Gründen haben sich die Römer den natürlichen Schutz zunutze gemacht und die Anlage im Norden und Westen an die Steilhänge des Galgenberges vorgeschoben.

Erhalten ist von dieser ältesten Anlage nur die Süd- und Ostfront, wohl gerade die beiden interessantesten Flanken des Kastells, weil sie, von Natur am wenigsten geschützt, der Befestigung am dringendsten bedurften, beide aus vier hintereinander liegenden Gräben bestehend, wobei freilich sehr fraglich ist, ob alle vier Gräben gleichzeitig offen waren.

Die Gräben der Süd- und Ostfront.

Grabenprofil - alte Zeichnung

Graben A. Die durchschnittliche Breite des Grabens beträgt hier 3—3,30 m, seine Tiefe nimmt nach Osten, wohin der Graben sein Gefälle hat, bedeutend zu, von 1,10 (Schnitt 1) bis 1,60 m (Schnitt 2). Er ist Sohlgraben; nur das Profil von 2 nähert sich einer Spitze. Schnitt 4 geschnitten zunächst in eine 30 cm starke Kulturschicht und dann in Kalkfels. Die Füllung des Grabens besteht in der Tiefe aus großen Kalksteinbrocken, die nach oben mit dem Gewachsenen aufhören. In die noch offen gebliebene Mulde zeigte sich in allen Profilen des Grabens eine 30-10 cm dicke Lehmschicht eingelagert, offenbar um den Graben ganz einzuebnen.

Wann dies geschehen sein kann, dafür gibt der in der Lehmeinfüllung von Schnitt 3 gefundene Tellerbodenstempel CRESTI einen Anhalt. Möglicherweise hängt die Einebnung mit der Anlage des ersten Dauerkastells zusammen, und der Lehm stammt aus dem Aushub des Ostgrabens dieses Lagers.

Grabenprofil - alte Zeichnung

Graben B. Seine durchschnittliche Breite im Gewachsenen beträgt 3,30 m, seine Tiefe 1,50 m. Geschnitten wurde er in vier Schnitten 5—8. Das Kopfende des Grabens am Südtor wurde ganz freigelegt, ebenso das Ende des nach Norden gewendeten Teils des Grabens (Schnitt 8).

alte Fotos mich Gräben. Auf dem rechten Foto steht ein Mann mit Hut.

Dieses ist bedeutend schmäler: 2,30 m, seine Tiefe im Gewachsenen nur 1,10 m (1d). Die Profile von 6 und 7 zeigen eine sehr unregelmäßige Füllung (1b und c).

Grabenprofil - alte Zeichnung
Schnitt 6 durch Graben B
Grabenprofil - alte Zeichnung

Steinfüllung wechselt mit schwarzer Kulturerde. Bänder aus Brandschutt und Barackenlehm durchziehen die Profile. Im Grabenkopf und in den Schnitten 5 und 7 wurden für die Datierung der Gesamtanlage wichtige Funde gemacht.
Im Grabenkopf fand sich neben einheimischem Geschirr eine Stierpferdchenmünze und ein römischer Ringschlüssel. In einer Tiefe von 10 cm lagen über die ganze Breite des Grabenkopfs zerstreut Bruchstücke der Schüssel Dragd. 29 (Taf. XIV Fig. 3).

Gezeichnete Scherben

Ferner lag in dem Grabenkopf das Bodenstück eines Schälchens Dragd. 24/25 mit Strichelrand, ferner ein Sigillatabruchstück einer halbkugeligen Schale mit den Resten eines Graffitos.

In Schnitt 5 in der Sohle wurde gefunden neben primitiven schwarzen Scherben das Bruchstück eines halbkugeligen
Schälchens mit Grießbewurf, weiter oben ein Bruchstück eines kleinen Täßchens mit Strichelrand, ferner wieder zahlreiche Scherben der Schüssel Dragd. 29 (Taf. XIV Fig. 6), die wohl spätclaudischer Zeit angehört.

In der Sohle von Schnitt 7 fanden sich zahlreiche Bruchstücke einer außen rot bemalten und geglätteten Schüssel mit Wandknick und nach außen gelegtem Rand wie sie aus dem Gräberfeld von Bregenz bekannt geworden sind (wie Taf. XVIII Fig. 78), ferner ein spiegelnd glänzendes Bruchstück eines kleinen Schälchens aus Sigillata mit geknickter, im oberen Teil senkrechter Wand. Außerdem wurde das Mittelerz des Claudius Nr. 2 aus dem Aushub dieses Schnittes aufgelesen.

Grabenprofil - alte Zeichnung

Graben C ist ein Sohlgraben. Seine Breite beträgt durchschnittlich 3 m, seine Tiefe im Gewachsenen 1—1,20 m, in der Biegung in die Ostfront ist er schmäler. Auch dieser Graben hat Gefälle nach Osten. Er hat eine ziemlich gleichmäßige Füllung aus hellem Kalkschotter.

Die Profile zeigen im Gegensatz zu A keine Einschwemmungen von dunkler Kulturerde, auch wenige Scherben. Er scheint danach nur kürzere Zeit offen gewesen und dann künstlich eingedeckt worden zu sein. Der Osttrakt des Grabens ist durch den späteren großen Kastellgraben beseitigt.

Graben D gehörte, wie sich im Verlaufe der Grabungen herausstellte, ebenfalls zu den inneren, frühen Kastellanlagen. Er endete am Südtor in einem Grabenkopf mit ziemlich breiter Sohle (obere Breite 3,80 m, Tiefe 1,40 m) und wurde auf eine große Strecke an der Südfront von dem Kastellgraben der Daueranlage weggeschnitten.

Fotos von Bodenprofilen

Erst 1929 wurde seine Ostfront noch östlich des Ostgrabens der Daueranlage gefunden. Hier war er in den Schnitten 20 und 21 Spitzgraben bei einer Breite von 3,4 und 3,8 m und einer Tiefe von 1,8 m.

Der Graben wurde im Norden vom Eisenbahneinschnitt abgeschnitten. Westlich des Südtors hat er keine Fortsetzung, wohl deshalb, weil hier die Annexgräben an seine Stelle getreten waren.

Über den Zweck von Graben H vermag ich auch nach Abschluß der Grabung nichts zu sagen. Er beginnt an der Südwestecke des Pfeilerbaues und läuft kurz vor dem Südtor allmählich aus. Er hatte eine waagrechte Sohle von 1,20 m Breite und nahezu senkrechte Ränder. Er war in seinem östlichen Teil durchschnittlich 50 cm in den Fels eingetieft. Gefälle hat er nach Osten. Er muß lange offen gelegen haben, sein Profil zeigt an den Rändern eine sehr starke, eingeschwemmte Kulturschicht. In die nach dieser Einschwemmung noch vorhandene Mulde wurde heller Kalkschotter so fest eingestampft, daß die Füllung von oben fast wie gewachsener Fels aussah. Sein Profil erinnert an das einer Fundamentgrube. Es fand sich aber in keinem der Schnitte auch nur eine Spur von Mörtel.

Westlich des Südtors wurden die drei Gräben K, L und M durch mehrere Schnitte über den Grasweg hinaus bis in die Wiese hinein nach Westen verfolgt. Sie waren hier nur noch 50-60 cm tief. Trotzdem die Gräben bis an den Steilrand hinaus verfolgt wurden, konnte nicht einmal bei den beiden nördlichen (K und L) der Beginn einer Umbiegung in die Westfront festgestellt werden; sie muß also noch weiter westwärts gelegen haben. Während auf der Ostseite des Tordurchgangs alle drei Grabenköpfe durch einen Graben miteinander verbunden sind, sind es an der Westseite nur K und I. In diesem Graben war eine starke Kohlenschicht eingelagert. Der südliche Grabenkopf war bei dem Bau der kleinen Daueranlage als Pfostenloch für einen Zwischenturm benutzt und dafür mit senkrechten Böschungen versehen und mit schweren Steinen bepackt.

Die ganze Tafel II mit Zeichnungen über die Gräben und Schnitte in denen die Erdschichten beschrieben werden.

Die Toranlage.

Von besonderer Eigenart ist die Toranlage (Taf. III Fig. 3). Wie ein Keil ist die ganze Südfront gegen das am leichtesten zugängliche Gelände vorgeschoben; dadurch daß der Toreingang an der Spitze des Keils liegt, entsteht zwischen den beiderseitigen Grabenköpfen ein weiter, nach dem Tor zu sich verengender Raum, der von drei Seiten erreichbar ist. Am eigenartigsten aber ist der parallel zu den westlichen Grabenköpfen von Norden nach Süden verlaufende Graben P. Er hatte an seinem Nordende bei einer Breite von 2 m eine Tiefe von 1,40 mim Gewachsenen und eine 50 em breite Sohle, an seinem Ostende war er 2,25 m breit und 1,20 m tief. Er biegt auf der Höhe von M nach Osten um und reicht weit in den Torraum hinein, vor diesen eine zweite Sperre legend. Die übereinander greifenden Grabenköpfe von P nach C erinnern an das Lager von Hofheim und vorrömische Gewohnheiten.

Über den Zweck des Grabens P ist schwer etwas zu sagen. Vielleicht ist er erst angelegt als die beiden Annexcräben E und F an das Lager angeschlossen wurden, und hatte die Aufgabe, den Eingang in den von den Annexgräben umschlossenen Raum zu flankieren.

Nördlich von Grabenkopf B wurde die Erde in einer Breite von 8 und einer Länge von 14 m abgehoben. Es fanden sich aber keine Pfostenlöcher, die nach ihrer Tiefe und ihrer Lage für einen Torturm oder für die Wallversteifung in Frage kommen konnten. Wenn solche vorhanden gewesen wären, so hätten sie in dem harten Kalkfels unbedingt gefunden werden müssen.

Grabenprofil - alte Zeichnung

In Schnitt 4 war die Kulturschicht hinter Graben C in einer Länge von 3 m unterbrochen, und am nördlichen Ende dieser Unterbrechung war eine Vertiefung. Man könnte vermuten, daß diese Unterbrechung durch einen hinter dem Graben errichteten Wall verursacht war und die Vertiefung am Ende einen Pfosten oder ein Widerlager zur Wallversteifung aufgenommen habe. Aber diese Unterbrechung der Kulturschicht konnte in den benachbarten Schnitten nicht mehr beobachtet werden. Da in der Nähe des Horreums früher schon gegraben wurde, lassen sich auf diesen einmaligen Befund sichere Schlüsse für das Vorhandensein des Walles nicht bauen.

Auch im Torweg selbst fanden sich nur zwei Pfostenlöcher, die nach ihrer Tiefe und ihrem Durchmesser für einen Torverschluß in Frage kommen konnten. Ebenso zeigte sich auch hinter dem westlichen Grabenkopf, wo die Erde ebenfalls in einer Länge von 6 m 4 m breit abgehoben war, keine Spur von Pfostenlöchern. Es waren also hinter den Grabenköpfen von B und K keine den Tordurchgang flankierenden Türme vorhanden.

Die Erweiterungen auf der Südseite.

Eine Erweiterung der frühen Kastelle stellt die von den drei Annexgräben E, F und G (Taf. II, die Profile Taf. IV Fig. 1f-h) umschlossene Fläche dar.

Grabenprofil - alte Zeichnung
Grabenprofil - alte Zeichnung
Schnitt im Graben G

Die Gräben ziehen sich vom Südtor in flachem Bogen nach Südwesten bis an den westlichen Steilrand der Höhe, wo sie in scharfer Ecke nach Norden umbiegen, um dort in den nicht mehr vorhandenen Westtrakt des Grabens M oder L einzumünden. E und G haben nur einen Westgraben. Sie sind also gleichzeitig und unterscheiden sich von F‘ auch dadurch, daß sie keine Grabenunterbrechung haben.

So muß F zuerst der einzige Graben gewesen sein. E und G sind später angelegt worden. Sie sind dem Graben F nicht der Verstärkung wegen vorgelegt worden, sondern, um mehr Platz zu gewinnen, wobei dann F eingeebnet wurde. In der Spitze der Südwestecke von F fand sich das Bruchstück einer Sigillatatasse, wohl Dragd. 27 mit Stempelrest IN oder …NI. Die Breite der Gräben betrug 3,50 m, ihre Tiefe schwankte zwischen 1,20 und 1,60 m. Über den wieder zugefüllten Graben E hinweg zieht sich kurz vor seiner Einmündung in den gemeinsamen Westgraben eine Brandschicht mit zahlreichen Dachziegelbruchstücken, darunter eines mit Stempelrest und das Bruchstück einer Sigillataschüssel Dragd. 29 vespasianischer Zeit (Taf. XIV Fig. 26).

Grabenprofil - alte Zeichnung

Die Annexgräben sind wenig sorgfältig angelegt und können nur kurze Zeit offen gewesen sein, da die Einfüllung sehr arm an Kulturspuren ist. Das gilt vor allem auch von dem Graben Y, durch den diese frühen Anlagen vielleicht noch einmal um zwei Drittel ihres bisherigen Umfangs erweitert wurden. Die Art, wie diese Lagererweiterung an die Annexgräben angeschlossen ist, zeigt so recht den behelfsmäßigen Charakter dieser Erweiterung.

Die Breite von Y schwankte zwischen 3,50 und 4,10 m. Seine Tiefe hinter dem Südtor des großen Lagers betrug etwa 2,30 m. Die Füllung des Grabens zeigt fast gar keine Kulturspuren. Ein Schnitt (9) hinter dem Südtor des großen Lagers brachte zwei rot bemalte Tellerbruchstücke mit Viertelrundstab, Nachahmungen eines Sigillatatellers der älteren Form, die den unteren Teil der Wandung als ausgesprochene Kehlung zeigt (Taf. XVIII Fig. 70). Ein benachbarter Schnitt (10) zeigte in seiner Füllung das Profil eines Pfostens des großen Südtors.

Nach Osten nahm Graben Y an Breite und Tiefe ab. Er strebte hier offenbar auf den Steilhang jener Mulde zu, die vor dem Eisenbahnbau von Norden her vom Bregtal heraufzog, aber größtenteils durch den Eisenbahneinschnitt zerstört wurde. Nur der nördlichste Teil dieser Mulde ist noch vorhanden. Dort wurde durch drei Schnitte vergebens versucht, den Osttrakt von Y oder seine Umbiegung in die Nordfront zu fassen.

Die Gräben der übrigen Seiten.

Von den frühen Gräben der Ostfront wurde der äußerste durch den Eisenbahneinschnitt abgeschnitten, lange ehe er den Nordhang erreichte. Er endete in eine Spitze und hatte im letzten Schnitt eine Tiefe von 1,8 m bei einer Breite von 3,8 m. Die beiden inneren Gräben der frühen Ostfront konnten bis fast an den Nordrand der Lagerebene verfolgt werden. Sie nahmen beide nach Norden zu an Breite wie an Tiefe ab. Der nördlichste Schnitt von Graben O, etwa 15 m vom Nordhang entfernt, war nur noch 60 cm tief, der von A fast an der Nordgrenze des Ackers hatte bei einer Breite von 1,80 m eine Tiefe von einem Meter.

Graben A wurde durch zahlreiche Schnitte untersucht. Eine Grabenunterbrechung, die auf ein Osttor schließen ließe, wurde nicht gefunden. Die nördlichsten Schnitte zeigten auch keine Anfänge einer Umbiegung der Gräben von der Ostfront in die Nordfront. Freilich ganz am Nordrand der Lagerebene sind die Gräben überhaupt nicht mehr festzustellen, ebensowenig wie die Nordfront der späteren Anlage (s. u.). Hier zeigten sich nach Abhebung des Ackerbodens tiefe Klüfte.

Der Fels war in große Blöcke zerspalten und diese verschoben. Die Breg, die hier einmal ganz nahe an den Hang herangetreten sein muß, hat die Unterlage unterspült, so daß die oberen Bänke nachrutschten und nach der Breg zu absanken. Diese Bewegung ist auch heute noch nicht abgeschlossen, wie die Klüfte, die sich in den Äckern dort immer wieder öffnen, beweisen.

Ebensowenig wie von der Nordfront ist von der Westfront der frühen Anlage etwas vorhanden. Hier muß in nachrömischer Zeit ein Teil des Hanges wohl durch Steinbruch beseitigt worden sein. Obwohl die Gräben K, L, M soweit als möglich bis an den Hang hinaus verfolgt wurden, war auch hier von einer Umbiegung in die Westfront nichts zu erkennen. Doch muß der Westtrakt von L wohl in der Flucht des späteren großen Kastellgrabens verlaufen sein, der ihm vermutlich gefolgt ist. Freilich ist auch der große Kastellgraben durch den Hang beseitigt, aber sein Verlauf ist wenigstens festgelegt durch den 8 m weiter östlich parallel zu ihm verlaufenden Graben N 1. Denkbar wäre auch hier, daß man wie beim Westtrakt der Annexgräben sich infolge der natürlichen Sicherung durch den Steilhang mit einem Westgraben begnügte und die beiden anderen (K und M) in ihn einmünden ließ. Für K kann man das fast sicher sagen; denn sonst müßte seine Wendung in die Westfront durch Schnitt 11 noch erfaßt worden sein.

Die ganze Tafel II mit Zeichnungen über die Gräben und Schnitte in denen die Erdschichten beschrieben werden.

Die Innengräben.

Von der Raumdisposition im Innern der frühen Kastellanlagen steht nur eines fest: die Richtung der Hauptlagerstraße, die durch die Unterbrechung der Gräbchen nördlich von S festgelegt ist. Das Gelände nördlich von dem Gräbchensystem bei S enthält keine römischen Kulturspuren mehr. Dort ist die alte Oberfläche verschwunden, und eine kaum 10 cm starke Humusschicht bedeckt den hier anstehenden Trigonodusdolomit. Um dieses Gelände zu untersuchen, wurde an dem Ostrand des Grasweges entlang ein langer Suchgraben bis zum Wasserbehälter geführt, ein zweiter wurde von den Grabenköpfen des Systems S aus auf dasselbe Ziel hin angelegt. Aber beide Schnitte ergaben unter einer geringen Humusdecke den gewachsenen Fels. Um auch das Gelände weiter östlich nach Spuren abzutasten, wurden von dem Nordrand her gegen Süden die drei Schnitte Q, R und T in einem Abstand von etwa 10 m geführt. Der westliche stieß schon in geringer Tiefe auf das Gewachsene und zeigte keinerlei Kulturspuren. Der mittlere, der auf eine Länge von 60 m ausgehoben wurde, war bis in eine Tiefe von 2 m geführt, ohne daß man auf das Gewachsene oder auf eine Kulturschicht stieß.

Er legte an seinem Südende eine von Ost nach West ziehende Verwerfungsspalte frei. Hier waren die oberen Kalkbänke infolge der Verkarstung der Unterlage in die Tiefe gesunken. Der Schnitt verlief in der Längsachse des eingebrochenen Stückes. Da sich selbst in 2 m Tiefe noch keine römische Kulturschicht zeigte, so möchte man annehmen, daß der Einbruch erst in nachrömischer Zeit erfolgte oder sich wenigstens fortsetzte. Der östliche der drei Schnitte hatte in einer Tiefe von 1 m auf seiner Sohle stellenweise Brandstellen ohne nennenswerte Funde.

Unmittelbar neben diesem Schnitt war man schon 1913 21 m nördlich von der damaligen Grenzsteinlinie in eine schmale kanalartige Kluft (U) geraten, die in nordsüdlicher Richtung zog. Sie war aufgefüllt, und schon bald stieß man auf die Sockelplatte eines Votivsteins (bei Punkt 12), zu der sich dann auch noch einige Bruchstücke des Leibes mit Karniesrahmung und die untere rechte Ecke der Inschrift fanden (letzte Reste von 4 Zeilen, Taf. V Fig. 4a und b).

Foto eines Votisteins
Bruchstück mit RS und dann R eingemeißelt

Vergeblich wurde nach weiteren Fragmenten des Votivsteins gesucht. Die Kluft biegt etwas nach Westen aus, um dann die alte nordsüdliche Richtung wieder aufzunehmen. Sie ist voll von Schutt, Ziegeln, Barackenlehm, Scherben und vielen Knochen. Auch zwei römische Münzen, Claudius Nr. 7 und Vespasian Nr. 17, fanden sich darin.

Tafel IX


Keltische Münzen

1 Leuker, gut erhalten, Vorderseite Kopf n. I., Rückseite Eber, Gewicht 2,79 g
2 Dieselbe, etwas aufgequollen, Gewicht 3,96 g
3 Dieselbe, leicht beschädigt, Gewicht 3,15 g
4 Dieselbe, leicht beschädigt, Gewicht 3,75 g
5 Sequaner, fast vllständig erhalten, Voerderseite Kpf n.l., Rückseite Stier, Gewicht 4,65 g
6 Dieselbe, vollständig erhalten, Gewicht 5,1 g;
7 Dieselbe, aber aus hellem Potin, schlecht erhalten, Gewicht 4,8 g
8-12 Dieselbe, teilweise beschädigt

13 Ein ganz ähnliches Stück, von mir 1913 in der Villa rustica im Deggenreuschenwald bei Hüfingen gefunden

14-23 Dieselbe
24 Helvetier, ziemlich beschädigt, Rückseite gehörntes Tier,

Verzeichnis sämtlicher auf Gemarkung Hüfingen gefundenen Münze

So ist in den nordwestlichen Lagerpartien das Gräbchensystem nördlich von S das letzte, was erhalten geblieben ist, und auch hier ist die alte Oberfläche nicht mehr da, sondern nur noch die Vertiefungen, die Gräbchen und Mulden. Nördlich von dem Graben S und parallel zu ihm laufen in leichtem Bogen vier Gräbchen. Sie sind alle unterbrochen und markieren dadurch den Verlauf der Hauptlagerstraße. Diese Gräbchen zeigen sich im Frühjahr als nasse Streifen auf dem sonst trockenen Ackergelände, weil dieses nur eine geringere Humusschicht deckt und rascher abtrocknet als die in den Gräbchen befindliche Erde. Die Gräbchen wurden vom Grasweg aus durch mehrere Schnitte verfolgt und ihre Köpfe beiderseits des Lagerwegs freigelegt. Dann wurde im Anschluß an den schon 1913 abgeputzten Streifen ein weiterer abgedeckt (Taf. VIII Fig. 5).

Tafel mit Fotos verschiedener Bodenprofile. auf Foto 1 ist wieder der Mann mit Hut. Man sieht hier gut die alten Grabungsstätten

Tafel VIII

Wie schon die großen Kastellgräben, nahmen auch diese Gräbchen nach Westen zu bedeutend an Breite und Tiefe ab, ein Zeichen, daß hier im Verlaufe der Zeit ziemlich viel Boden abgetragen sein muß. Deshalb waren auch die Funde in dem abgedeckten Teil verhältnismäßig spärlich: Bruchstücke einer Bregenzer Schüssel, kleiner Bronzering mit Inschrift, Bodenstück eines Schälchens Dragd. 27, das Bronzebeschlägstück Taf. XI Fig. 18.

Tafel mit verschiedenen Fundstücken von Nummer 1 bis 103

Tafel XI

Beschreibung Tafel XI

Grabenprofil - alte Zeichnung

Auch westlich der Lagerstraße wurden die Gräben weiter verfolgt. Die Humusdecke nimmt hier an Dicke zu, und damit mehren sich auch die Kulturspuren und Funde. Hier geriet man bald in die Gräbchen der überlagernden Baracke Ib. Die Profile der Gräbchen nördlich von S zeigen meistens flache Böschungen und eine kleine Sohle. Zwei größere Gräben S und S3 flankieren zwei schmälere und flachere. Der breiteste ist S, dessen Profil Fig. 1i wiedergibt. Die Sohle hat in den Schnitten 17, 18 und 19 eine rinnenartige Vertiefung, wie sie für Wasserabzugsgräben charakteristisch ist. Für diesen Zweck spricht auch die Füllung der Sohle mit dunkler, eingeschlämmter Kulturerde. Schon 1913 waren diese Gräbchen durch ihre dunkle Füllung aufgefallen. Es können keine Barackengräbchen sein. Das zeigen die Profile.

Der Unterschied wurde besonders deutlich, als wir die schmalen und senkrecht in den Fels eingetieften Gräbchen der Baracke I kennen lernten.

Graben S kann aber auch nicht als Umfassungsgraben einer ältesten, womöglich noch vorrömischen Anlage gedeutet werden. Das Kartenbild des Grabens entspricht nicht seiner Bedeutung; seine Tiefe ist gering; sie schwankt zwischen 80 cm an der Westfront und 1,20 m in Schnitt 17. Das Ostende des Grabens ist etwas nach Norden abgebogen und sorgfältig ausgearbeitet. Das ließ zunächst an eine Torlücke denken. Aber die nördlich und östlich von dem Ende in mehreren Abständen gezogenen Suchschnitte zeigten, daß S hier wirklich zu Ende war und sich nicht nach einer Unterbrechung nach Norden oder Nordosten oder Osten fortsetzte. Um auch über die Zeitstellung restlose Klarheit zu schaffen, wurde der Graben in Schnitt 17 auf eine Strecke von 2,50 m ganz ausgehoben. Dabei wurde in seiner Tiefe außer der einheimischen Gebrauchsware eine weite halbkugelige Sigillataschale mit horizontal abstehendem Rand (Ritterling, Hofheim Typus XII und Knorr, Aislingen S. 76 zu Fig. 22) und die barbarische Prägung einer Lyoner Altarmünze gefunden. Die Füllung von Schnitt 19 enthielt mehrere Bruchstücke eines kleinen Sigillatatäßchens mit geknickter, im oberen Teil senkrechter Wand mit Stempelbruchstück. Die Gräbchen gehören zu den ältesten Innenbauten der frühen Anlage. Es gibt wohl kaum eine bessere Erklärung für dieses Gräbchensystem, als daß es den Zweck hatte, die dazwischen gelegenen Streifen zu entwässern und dadurch eine trockene Wohnebene für Zelte oder sonstige leichte Bauten zu schaffen. Die bei den Abdeckungen gefundenen Mulden und sehr flachen Quergräbchen mögen damit zusammenhängen.

Demselben Zweck wie die Gräben nördlich von S dienten auch die drei unter dem Pfeilerbau (dem Horreum) durchgehenden frühen Gräbchen (Taf. III Fig. 4).

Die ganze Tafel III mit Zeichnungen über die Gräben und Schnitte in denen die Erdschichten beschrieben werden.

Daß es keine Barackengräbchen waren, sieht man an den Profilen wie an der Art, wie das nördliche Q an der Ostecke
des Pfeilerbaues in leichtem Bogen in den Nordsüdgraben V einmündet (Taf. III Fig. 4). Auch die Füllung, schwarzer Schlamm, durchsetzt mit zahlreichen Funden, spricht dagegen. Das nördliche dieser Gräbchen (im Gewachsenen Breite 1,35 m, Tiefe 35 cm) begann in der Nähe des Ofens, Ost- und Westmauer des Pfeilerbaues waren über das Gräbchen hinweggeführt, ohne daß das Fundament der Mauer in dieses hinunter reichte. In diesem nördlichen Gräbchen fanden sich westlich des Pfeilerbaues zahlreiche frühe Funde:
Die Militärfibel Taf. X Fig. 9, die beiden Rosettenfibeln Taf. X Fig. 8 und 10, der Pionierpickel Taf. XIII Fig. 16, die Bruchstücke eines Henkels von Millefioriglas Taf. XIII Fig. 23, ein halbkugeliges Schälchen mit Grießbewurf und Bruchstücke eines Sigillatatellers mit Viertelrundstab.

Tafel X mit Fundstücken wie Haarnadeln Nummer 1 bis 66

Tafel X

Beschreibungen Tafel X

Tafel XII mit Speerspitzen

Tafel XII

Beschreibung Tafel XII

Das mittlere Gräbchen (im Gewachsenen 60 cm breit, 30 cm tief) mündete ebenfalls in den Nordsüdgraben V, der hier unter der Ostmauer des Pfeilerbaues liegt. Am Westende dieses Gräbchens lag ein römischer Spitzamphorenfuß mit Henkelbruchstück, das Bruchstück eines violetten Glasarmrings Taf. XIII Fig. 36, ein Sigillatatellerbruchstück mit Viertelrundstab und dom Stempel Felicis Taf. XVI Fig. 9, der bronzene Stiel eines Weinsiebs Taf. XII Fig. 6a und die Fibeln Taf. X Fig. 13, 26, 28 und 29. Das südlichste und mächtigste der Gräbchen (im Gewachsenen 1,56 m breit, 50 cm tief) endete nicht in dem Graben V, sondern in A. Sein Anfang konnte nicht mehr festgestellt werden. Aus seiner Tiefe stammt die rote Schüssel Taf. XVIII Fig. 78. Der Graben V hatte gegenüber der Nordostecke des Pfeilerbaues eine Breite von 1,5 m bei einer Tiefe von 1,65 m; er wurde nach Norden immer breiter und flacher und lief allmählich ganz aus.

Der Graben ergab gegenüber dem Pfeilerbau an Funden einen großen Schiebeschlüssel Taf. XII Fig. 18 und einen Breitmeißel aus Eisen Taf. XIII Fig. 3 sowie das Bodenstück eines Schälchens Dragd. 27 mit Stempelbruchstück Taf. XVI Fig. 31, wohl Acuti.

Im Innern des Pfeilerbaues wurde ein Wasserbehälter S von 6,5 × 8 m Grundfläche freigelegt. Er war 65 cm tief und mit einer 50 cm starken Lehmschicht ausgekleidet. Die Wände waren nach innen geböscht. Die Ostwand ist wahrscheinlich bei der Ausgrabung im Jahre 1823 zerstört worden; seine Westwand sitzt teilweise unter der Pfeilerbaumauer. Daß der Behälter älter ist als der Pfeilerbau, zeigt überdies das Postament I, das einfach auf die Lehmverkleidung aufgesetzt war (Taf. VIII Fig. 3).

Spuren von einer sonst bei solchen Anlagen vorhandenen Holzverkleidung waren nicht mehr zu erkennen. Vielleicht waren sie durch die erste Ausgrabung zerstört. Ähnliche Anlagen fanden sich in dem Erdkastell der Saalburg, Saalb. Jhrb. VI 1914-24 S. 25. Das Gräbchen R (im Gewachsenen 75 cm breit, 30 cm tief) mit waagrechter Sohle, diente wohl als Abflußrinne des Beckens. Es muß angelegt gewesen sein, ehe Graben V vorhanden war. Möglicherweise gehört der Behälter zu einer „Holzbadeanlage“, wie sie in Vindonissa gefunden wurde. Weitere Reste können durch die erste Ausgrabung des Pfeilerbaues zerstört sein. Reste eines „Lehmstreifs“, der aus der Südostecke des Baues bis zum Gräbchen R (Taf. III Fig. 4) nach Norden zog, wo er von der späteren Ostmauer abgeschnitten wurde, konnte Leonhard 1913 noch beobachten. Eine solche Anlage würde es erklären, weshalb der Graben B nicht hinter der ganzen Südfront durchgeführt war.

Tafel XIII mit Fundstücken

Tafel XIII

Beschreibung Tafel XIII

Die Tafel 14 mit den ganzen durchnummerierten Scherben

Tafel XIV

Tafel 15 mit den Bruchstücken von Vasen

Tafel XV

Tafel XVI sechzehn mit Bruchstücken

Tafel XVI

Beschreibung Tafel XIV, XV, XVI

Artefakte auf Tafel 17

Tafel XVII

Die Tafel 18 mit den ganzen durchnummerierten Scherben

Tafel XVIII

Beschreibung Tafel XVII+XVIII

Ziegel, Lampe und Steine

Die Baracken.

Die ganze Tafel III mit Zeichnungen über die Gräben und Schnitte in denen die Erdschichten beschrieben werden.

Wie bei den Wehrbauten handelt es sich auch bei den Baracken der frühen Kastelle um sehr leichte Anlagen, die im Boden oft nur dürftige Spuren hinterlassen haben. Es sind durchaus lange Bauten von geringer Tiefenausdehnung, durch zahlreiche Querwände in einzelne Contubernien eingeteilt, deren Breite durchschnittlich 3 m betrug. Eine Unterteilung nach der Tiefe war bei diesen frühen Baracken nicht vorhanden. Da die Bauten sehr leicht waren, wurden sie auch sehr oft verändert. Daher die zahlreichen Querwändchen, die sich oft nebeneinander wie die Geleise eines vielbefahrenen alten Weges im Boden einzeichneten. Oft sind die Spuren so schwach, daß wir sie nur bei umfangreichen Abdeckungen in ihrem System zu erkennen vermochten, so bei den frühen Barackengräbchen unmittelbar hinter dem Graben B.

So waren die Spuren von solchen Barackengräbchen auch nur östlich von dem Hauptlagerweg zu erkennen, weil westlich davon mit einem Teil der alten Oberfläche auch die wenig tiefen Gräbchen verschwunden sind. Aber auch östlich ist nicht mehr so viel erhalten, daß ein System in der Verteilung der Baracken mit Sicherheit zu gewinnen ist. Immerhin läßt sich doch einiges erkennen (vg). Taf. III Fig. 1, wo die älteren Barackengräbchen unschraffiert sind.

Die ältesten Baracken waren wohl nach dem Graben A orientiert. Dazu gehörto die Baracke 1a, die mit ihrem Gegenbau, der ersten Anlage von 1b, eine Doppelkaserne bildete. Vielleicht stellte das Gräbchen 18b die Rückwand einer zweiten solchen Doppelkaserne dar, die sich dann bis zur Nordwand von Baracke II erstreckt hatte. Dieses System wurdo, wie Baracke II zeigt, geändert, als Graben B angelegt und die Baracke II nach ihm ausgerichtet wurde (Taf. III Fig. 2). Innerhalb der Baracken wurde viel Barackenlehm gefunden, aus dem die Wände ausgeführt waren. Seine Stärke (etwa 1 cm) zeigt, daß es sich um sehr leichte Bauten handelte. Ziegelplatten wurden kaum gefunden, der leichte Oberbau hätte eine Ziegelbedachung nicht getragen.

Die Baracke Ia war die erste Baracke, die untersucht wurde (Taf. III Fig. 1). Der langgestreckte Bau konnte auf eine Länge von 33 m verfolgt werden. Die durchschnittlich 40 cm breiten Gräbchen sind mit senkrechten Rändern 20—30 cm tief sorgfältig in den Kalkfels eingeschnitten. Nach Süden zu verschwinden die Spuren allmählich, weil hier die Fundamentgräbchen nur in den Humus eingesetzt waren. Die im ersten Bericht genannten Pfostenlöcher dürften mit der Baracke nichts zu tun haben. Damit entfällt auch die dort genannte Tiefe von 11 m. Die Tiefe der Baracke dürfte vielmehr 4,5 m betragen haben. Die Rückwand ist in den Ostteilen noch zu erkennen, und am Westende dürfte sie durch das Grübchen 18a bezeichnet sein. Die einzelnen Contubernien hatten eine Breite von 3 m. Eine Unterteilung nach der Tiefe war nicht vorhBruchstücken einer claudischen Schüssel Dragd. 29 Taf. XIV Fig. 1anden. Funde aus dieser Baracke bestanden in zahlreichem Latènegeschirr, einem Sigillatatäßchen mit Strichelrand, reich profiliertem Sigillatateller, Bruchstücken einer claudischen Schüssel Dragd. 29 Taf. XIV Fig. 1, Potinmünze Nr. 9, Mittelerz des Tiberius (Divus Augustus) Nr. 3.

Nördlich von Baracke la war ursprünglich ein gleich leicht gebautes Gegenstück, dessen Spuren in der später wiederholt umgebauten Baracke Ib (auf Taf. III Fig. 1 schraffiert) stecken.

Die Baracke II gehört ebenfalls in die frühe Zeit (Taf. III Fig. 2). Sie verläuft parallel zu Graben B. Ihr voraus ging eine nach dem Graben A orientierte Anlage, die etwas nach Norden verschoben wurde, als Graben B gebaut wurde. Der Bau muß ebenfalls ungefähr 33 m lang gewesen sein, wenigstens bietet der Graben B soviel Raum für ihn. Im Ostteil waren Spuren der Baracke nicht mehr zu finden, obwohl durch mehrere Schnitte nach ihnen gesucht wurde. Dagegen waren die Barackengräbchen im Westteil sehr gut erhalten (Gesamttiefe 80 cm, Breite der senkrecht eingetieften Gräbchen 40—50 cm). Freigelegt und genau festgestellt konnten noch fünf Contubernien werden. Sie hatten eine durchschnittliche Breite von 3 m und zuletzt eine Tiefe von 7,5 m. Eine Unterteilung war nicht vorhanden, denn die Längsschwelle, die die Baracke im Innern durchzieht, gehört zu einer früheren, nach Graben A orientierten Anlage. Auch in dieser jüngeren Anlage wurden die Scheidewändchen zwischen den einzelnen Contubernien noch wiederholt versetzt. Die Funde in dieser Baracke waren:
gewöhnliches Geschirr fast nur einheimischer Technik, keltische Potinmünzen: eine vom Ebertyp Nr. 3, drei vom Pferdchentyp Nr. 15, 18, 19, Victoriat, Stempel des frühen südgallischen Töpfers Secundus (Taf. XVI Fig. 25), Sigillatabecher Dragd. 30 (Taf. XV Fig. 5), Fragment einer Schüssel Dragd. 29 (Taf. XIV Fig. 2).

Baracken III und IV (Taf. II, schraffiert). Die beiden Baracken laufen parallel zum Ostarm des Grabens Y, gehören also zur letzten Erweiterung des frühen Kastells. Bei Baracke III hob sich das Fundamentgräbchen der Nordwand in dem hier anstehenden Lehm durch seine senkrechten Ränder und die steinige Füllung vorzüglich ab, während die Gräbchen der Südwand weniger tief und teilweise unterbrochen waren. Das Ostende der Baracke war durch den späteren großen Kastellgraben abgeschnitten, östlich von diesem fand sich keine Spur mehr davon.

In einem Abstand von 9 m wurde weiter nördlich eine zweite, gleichgerichtete Baracke IV angeschnitten. Ihre in den blauen Lehm senkrecht eingetieften Gräbchen (Breite 40 cm, Tiefe im Gewachsenen 30 cm) waren in den östlichen Partien sehr deutlich zu erkennen. Nach Westen, wo Kalkstein ansteht, nahm die Tiefe der Gräbchen rasch ab, so daß westlich von dem Gräbchen N 2 keine Spur der Baracke mehr zu erkennen war. In der Nähe der Baracken fanden sich meistens Kochstellen und Abfallgruben. Die Kochstellen waren in der Regel an der großen Menge von Scherben, die mit Asche und Ruß zusammenlagen, zu erkennen. In dem gowachsenen Boden hoben sie sich als flache, rundliche Mulden ab, während die Abfallgruben bis zu 1 m tief in diesen eingeschnitten waren. Mehrere solche Kochetellen lagen in der Nähe von Barake III mit zahlreichen Scherben nur einheimischer Art. In der nördlichen dieser Kochstellen (15) fand sich auch die ausgezeichnet erhaltene Potinmünze Nr: 22 und ein Feuersteinschaber. Da diese Kochstellen bis an den Grabenrand von Y heranreichen, müssen sie früher sein als Y, also auch als die Baracke. Die Grube 46a ist eine Abfallgrube.

Auch südlich von Baracke Ia war ein soches Kochloch, und wenige Meter weiter südlich wurden die Reste eines Herdes oder Ofens freigelegt. Er hatte Achterform. Der größere, südliche Teil war von einer Steinsetzung umgeben, der kleinere war nur in Lehm eingetieft. Beide waren durch eine kleine Öffnung, die beiderseits von Steinen begrenzt war, verbunden. Im innern, größeren Teil sind Steine und Lehm rot verbrannt, im vorderen ist alles schwarz und voll Ruß und Brandschutt. Die Steine um den inneren Herd stehen an der Nordwestseite hochkant, hinten liegen sie. Im Innern des hinteren Herdes ist eine 13 cm tiefe, trapezförmige Grube in den Lehmboden eingelassen. Der Herd war etwa 60 cm in den umgebenden Lehm eingetieft, darüber lagen noch 75 cm Humus. Die Nordwestseite des Herdes ist später einmal abgerissen worden. Die Umgebung des Herdes lieferte zahlreiche Scherben von Flaschen, Krügen und Schalen in guter Latènetechnik. Es ist technisch die beste Ware, die hier gefunden wurde.

In der Nähe von Baracke II wurden zwei große Abfallgruben freigelegt; die eine an der Nordwand ohne bemerkenswerten Inhalt. Aus der großen, ovalen Grube (1,80 m lang, 80 cm tief) vor der Westseite der Baracke wurde zahlreiches Scherbenmaterial gehoben:
Fußstückeines Täßchens Dragd. 27 mit Stempel COSIVS VRAP (Taf. XVI Fig. 4),
Bruchstück einer Sigillataschale mit Kragenrand, eines großen Nigratellers mit hohem rechteckigem Fuß, ein fast vollständiger Teller in Nigra ohne Standring, dazu viele Bruchstücke schwarzer, geglätteter Ware und auch weiß und rot bemalter Ware, das frische Mittelerz des Tiberius (Divus Augustus) Nr. 4.

Die Dauerkastelle.

Zeigten die bisher behandelten Wehranlagen in der geringen Tiefe ihrer Gräben, der mangelnden Sorgfalt, mit der sie ausgehoben wurden, mehr die Merkmale feldmäßiger Befestigungsweise, so dürfen wir in den Wehranlagen des kleinen und des großen Lagers mehr das Bestreben sehen, diese behelfsmäßigen Anlagen durch eine für die Dauer berechnete Anlage, die mehr Widerstandskraft hatte, zu ersetzen. Der 6 m breite Graben J mit einer Tiefe von 3,20—3,90 m war ein gefährliches Annäherungshindernis, was uns besonders dann zum Bewußtsein kam, wenn die Arbeiter, die ihn ausgehoben hatten, die größte Mühe hatten, aus seiner Tiefe an den glatten Böschungen wieder emporzukommen. Er stellte auch an die Mannschaft, die ihn ausheben mußte, die größten Anforderungen, da er größtenteils in den harten Trigonodusdolomit eingeschnitten werden mußte. Von den frühen Kastellgräben in Rißtissen, Unterkirchberg, Waldmössingen erreicht ihn keiner an Breite und Tiefe. Nur der Graben des großen Lagers von Rottweil, der ihm auch zeitlich am nächsten steht, kommt ihm stellenweise gleich.

Die Umfassungsgräben des kleinen Lagers.

Die Südfront ist am besten erhalten. Da an ihr allein dessen Zeitstellung festgestellt werden konnte, so wurde sie durch neun die Spitze des Grabens J freilegende Schnitte untersucht. Wichtig für die relative Chronologie ist Schnitt 25 östlich des Südtors (Taf. III Fig. 3, Profil Taf. IV Fig. 1k und Ansicht Taf. VII Fig. 4).

Er zeigt deutlich, wie die helle Füllung des Grabens C durch die dunkle Füllung von J abgeschnitten wurde. Graben J ist also jünger als C. Besonders untersucht sind die Grabenköpfe des Südtors (Taf. III Fig. 3), des einzigen, das festgestellt werden konnte. Steil waren vor allem die Kopfböschungen. Der westliche Grabenkopf war in einer Breite von 3 m ausgehoben und erreichte eine Tiefe von 3,90 m (Profil Taf. IV Fig. 1m). Die Füllung zeigte oben eine 1 m starke Humusschicht, darin lagen zuoberst Bodenplättchen und Dachziegelbruchstücke, darunter einer mit Stempel der 11. Legion (Taf. XVI Fig. 41), darunter folgte eine 1,70 m dicke Schicht von lehmiger Ackererde mit wenig Steinen, dann über der Spitze eine 30 cm starke Lage von Rollkieseln, die offenbar zu Lebzeiten des Grabens in seine Spitze hinuntergerollt oder absichtlich hineingeworfen waren (vgl. Abt. A Strecke 1 S. 51 Anm. 2). An datierbaren Stücken fanden sich in 1,50 m Tiefe das Bruckstück der Sigillataschüssel Dragd. 29 claudisch-neronischer Zeit (Taf. XIV Fig. 8) und in 2 m Tiefe ein schwarzes Schüsselfragment mit eingebogenem Rand. Auch der östliche Grabenkopf wurde in einer Länge von 3,40 m ausgehoben und ergab dieselbe steinlose Erdfüllung und dieselben sorgfältig bearbeiteten Böschungen, aber auch dieselben dürftigen Einschlüsse: an Sigillaten zwei Bruchstücke einer Schüssel mit horizontal abstehendem Rand und die Sequanermünze Nr. 20. Bei diesem Schnitte wurde auch gleichzeitig der frühe Graben C (Taf. VII Fig. 5) und die Einmündung des die Grabenköpfe B, A und C verbindenden Gräbchens freigelegt (Taf.VII Fig. 6). Ebenso dürftig waren die Einschlüsse in den Schnitten in der Nähe der Südwestecke (Taf. II Punkt 2223): kleine Bruchstücke der schwarzen geglätteten und der mit roten und weißen Streifen bemalten Ware. Die Füllung bestand hier aus kleingeschlagenem Kalkschotter. Fundarm war auch der Schnitt 24, der die Nordböschung und die Spitze freilegte, und Schnitt 26, der die südliche Hälfte des Grabens und die Spitze aushob. Aus 24 stammt als einziges Fundstück das kleine Bruchstück aus Sigillata Taf. XIV Fig. 15. Die auffallende Fundarmut dieses Grabens, durch so viele Schnitte bewiesen, kann kein Zufall sein. Sie kommt daher, daß der Graben J nur kurze Zeit offen war.

Die Westfront des kleinen Kastells ist größtenteils nicht mehr vorhanden. Schnitt 33 zeigte noch einmal den ganzen Graben. Die Westböschung berührte aber schon an ihrem oberen Ende den Steilabfall des Galgenbergs nach dem Römerbad zu. In Schnitt 43 konnte die östliche Böschung eben noch festgestellt werden. Von hier ab ist der ganze nördliche Teil des Westgrabens nicht mehr vorhanden. Er ist wohl in früheren Jahrhunderten durch Steinbruchbetrieb beseitigt worden. Auch ganz in der Nordwestecke, wo heute die Lagerebene etwas weiter gegen Westen vorspringt und in die Flucht des Westgrabens eben noch hineinreichen müßte, zeigt sich keine Spur dieses Grabens, noch auch von der hier zu erwartenden Umbiegung in die Nordfront. Aber die Richtung des Grabens ist trotzdem festgelegt durch das 8 m weiter ostwärts parallel zu ihm verlaufende Gräbchen N, das soweit nach Norden verfolgt wurde, bis es ebenfalls den Hang erreichte. Das Gräbchen hatte eine Breite von 1,20—1,60 m, senkrechte Ränder und waagrechte Sohle, die etwa 50 cm in das Gewachsene eingetieft war. Von diesem Gräbchen zweigt nördlich von K ein kleiner Kanal nach Westen ab (11), der wohl der Ableitung des Wassers in den Kastellgraben diente. Da der Westgraben nicht mehr vorhanden ist, so eröffnete sich vielleicht hier die Möglichkeit, an einer Untersuchung dieses Gräbchens die Lage eines Westtors festzulegen, das ja durch die Notwendigkeit einer Verbindung mit dem Bad gefordert wird. Aber die Schnitte nördlich und südlich von 11 zeigten, daß das Gräbchen N nicht unterbrochen war. Leider ist die Umgebung der Stelle wegen der Wiese und der Nähe des Hanges, wo die Spuren verwischt sind, für eine umfassendere Untersuchung nicht geeignet.

Die Nordfront ist heute ganz verschwunden. Fast möchte ich bezweifeln, ob hier je ein Graben vorhanden war.
In Vindonissa, dessen Nordfront ebenfalls an einen Steilhang vorgeschoben ist, hält Laur-Belart (Vindonissa S. 16) einen Graben für überflüssig. Der ganze Nordhang ist durch die Verkarstung der Unterlage und durch die Unterspülung der Breg in
zahlreiche Klüfte zerspalten, die meistens ostwestlich, oft aber auch nordsüdlich verlaufen.

Heute ist der Hang künstlich mit einer Terrasse und mit einem Aufstieg versehen. Auf dieser Terrasse suchte Leonhard durch zwei Schnitte (39 und 40) den Nordgraben zu fassen. Bei den Profilen, die er dabei anschnitt, war es sehr zweifelhaft, ob sie nicht durch natürliche Klüfte entstanden waren. Ich suchte deshalb durch die Schnitte 37 und 38 in dem Wäldchen beim Wasserbehälter den Nordgraben zu finden. Der Schnitt 38 legte am Rande der Lagerebene einen stufenartigen Abfall frei, der in 1,50 m Tiefe in eine waagrechte Ebene aus festem Kalkstein überging. Auf der Höhe der letzten Stufe war eine Steinsetzung, auf der Scherben der späten Bronzezeit lagen, wie sie Schumacher vor der Ostfront des Kastells im Bahneinschnitt 1899 schon festgestellt hatte. Im Wege stehende Bäume verhinderten es, daß der Schnitt 37 bis an den Steilabhang des Berges hinausgeführt wurde; der zu diesem Zweck angelegte Schnitt 38 stieß alsbald auf den gewachsenen Fels. Von einem Kastellgraben fand sich keine Spur. In römischer Zeit sind hier überhaupt keine Veränderungen vorgenommen worden, wie die geschlossene bronzezeitliche Schicht zeigt. Ebensowenig erbrachten eine Spur von dem Graben die beiden Schnitte 35 und 36, die in der äußersten Nordwestecke der Kastellhöhe angelegt wurden, wo die Umbiegung in die Westfront hätte erreicht werden müssen.

Die Ostfront wurde schon von Leonhard mit sehr eng aneinander liegenden Schnitten nach einer Grabenunterbrechung vergebens abgesucht. Als ich die Suche hinter dem Graben wieder aufnahm, ausgehend von der Vermutung, daß nördlich der Vorhalle des Pfeilerbaues die Principalstraße die Umwehrung durchquert haben könnte, stieß ich statt des erwarteten Tores auf die Pfostenlöcher der Walltürme. Die Ostfront wurde in zwei ganzen Schnitten geschnitten. In der Füllung lagen teilweise große Kalkblöcke, wohl vom Wall stammend, die in den Schnitten auf der Südfront vollständig fehlten. Die Nordostecke ist durch den Eisenbahneinschnitt beseitigt.

Hinter der Ostfront fand sich auch wieder das Gräbchen N. Es war, wie die Untersuchungen Jacobis im Erdkastell der Saalburg gezeigt haben, ein Entwässerungsgraben für die Aufnahme des Regenwassers des Walles und begrenzte das Intervallum. Da dieses Gräbchen hinter der Südfront des kleinen Lagers nicht gefunden werden konnte, wohl aber hinter der Ostfront des großen, so gehört es nur der letzten Lagerperiode an, und dem entsprechen auch die in ihm gemachten Funde.

Die Walltürme des kleinen Lagers.

Nachdem die Pfostenlöcher hinter der Ostfront als zu Walltürmen gehörend erkannt waren, wurden in einem Abstand von 1 m hinter dem Graben 1—1,50 m breite lange Streifen abgedeckt, um die vordere Flucht dieser Türme zu fassen. Der durchschnittliche Abstand der einzelnenTürme betrug 12-13 m. Die vier Pfostenlöcher eines Turmes umschlossen eine Fläche von 3,5 x 3,5 oder von 3,5 x 4 m. Die Pfostenlöcher hatten einen Durchmesser von 1 m und waren ebenso tief in den Fels eingehauen. Auch hier war meistens an der dunkleren Färbung der eigentliche Pfosten mit einem Durchmesser von etwa 25 cm zu erkennen (Taf. VIII Fig. 6). Nördlich der Einmündung von Gräbchen N 2 in den Kastellgraben konnten trotz breiter Abdeckung keine Pfostenlöcher mehr gefunden werden. Dagogen fanden sie sich hinter der westlichen Hälfte der Südfront des kleinen Lagers. Östlich des Tores wurde systematisch nur bis auf die Höhe des Grasweges gesucht. An der Westfront konnten die drei Pfostenlöcher des südlichen Wallturmes (bei 42) noch festgestellt werden.

Das vierte sitzt in der Füllung von Graben M. Auch von dem in der Eckabrundung der Südwestecke des kleinen Lagers stehenden Turm konnten die vier Pfostenlöcher freigelegt werden, und gleichzeitig wurde festgestellt, daß dieser Turm der Lagererweiterung dadurch angepaßt wurde, daß parallel zur neuen Grabenrichtung zwei vordere Pfostenlöcher neu ausgehoben und für die hinteren die zwei übereck stehenden Pfostenlöcher des früheren Turmes verwendet wurden. Bei all diesen Abdeckungen wurden keine weiteren Pfostenlöcher für die Wallversteifung gefunden. Nur in der Mitte zwischen zwei Türmen an der Ostfront war ein Paar wenig tiefer Pfostenlöcher, die diesem Zweck gedient haben können. Dieselbe Beobachtung machten wir an Ost- und Südfront des großen Lagers. Wir haben also für den Aufbau des Walles keine anderen Anhaltspunkte gewinnen können als die Walltürme; die Entfernung ihrer vorderen und hinteren Pfostenlöcher (3-3,5 m) würde der bei anderen frühen Lagern wie Vindonissa und Novaesium beobachteten Breite des Walles von 10—12′ = rund 3 m entsprechen. In Erdlagern waren die Zwischentürme bis jetzt nicht festgestellt. Sie finden sich aber bezeichnenderweise in den beiden benachbarten frühen Steinkastellen Waldmössingen und Sulz.

Das Südtor des kleinen Lagers.

Die Erdbrücke zwischen den beiderseitigen Grabenköpfen J beträgt 8 m, genau soviel wie in Rißtissen (Taf. III Fig. 3). Die Stirnseiten der Grabenköpfe stehen nicht senkrecht auf der Längsrichtung des Grabens, sondern passen sich in ihrem Verlauf der Lagerstraße an, die von der früheren Anlage übernommen wurde. Hinter den Grabenköpfen liegen beiderseits die Pfostenlöcher der flankierenden Türme, je sechs. Der westliche Turm konnte eingehend untersucht werden. Die Pfostenreihe springt um eine Pfostenbreite über den Grabenkopf vor, so daß dadurch der Torweg etwas verengert wird. Der Turm bedeckt mit den sechs Pfostenlöchern eine Fläche von 4 × 6 m. Er erhebt sich 2 m hinter der inneren Böschung des Grabens. Die vordere Pfostenlochreihe geriet in den früheren Graben P. Die durch die Eintiefung des westlichen vorderen Pfostenlochs entstandene Aussparung in der Böschung war noch deutlich zu erkennen. Die Pfostenlöcher entsprachen in ihrer Tiefe und Größe denen der Walltürme. Von dem östlichen Torturm konnten wegen der Bebauung einige Pfostenlöcher nicht mehr freigelegt werden.

Die Umfassungsgräben des großen Lagers.

Wichtig für das Verhältnis von dem großen und dem kleinen Lager war Schnitt 28 durch die Südostecke des kleinen Lagers. In ihm war die Westböschung des großen Kastellgrabens künstlich aus großen Kalksteinen aufgesetzt, und erst in einem Abstand von 1,5 m hinter dieser Böschung lag die natürliche Böschung des Grabens J, der hier bereits in der Umbiegung in die Südfront begriffen war (Taf. II, Profil Taf. IV Fig. 1n, Ansicht Taf. VIII Fig. 8). Diese künstliche Böschung wurde im Schnitt 28 2 m weit nach Norden verfolgt. Schnitt 27 wurde dann so angelegt, daß er auf die Stelle treffen mußte, wo die in Schnitt 28 angeschnittene künstliche Böschung auf der natürlichen aufsaß (Taf. VIII Fig. 7). Dieselbe Feststellung wurde auch durch einen Schnitt durch die Südwestecke gemacht (Taf. II).

Alle diese Schnitte zeigten, daß die Südfront des Grabens J beiderseits durch künstliche Böschungen gegen Osten und Westen abgedämmt war. Das kann nur geschehen sein, als die Südfront um 58 m nach Süden vorgeschoben und damit das kleine Lager zum großen erweitert wurde. Das kleine ist also das frühere, das große das spätere. Die Grabenprofile des erweiterten Kastells sind etwas anders als die des kleinen. Während das Profil des Grabens J (Taf. IV Fig.1 m) das normale römische Grabenprofil darstellt, das einem gleichseitigen Dreieck nahekommt, zeigen die Schnitte am Südtor des erweiterten Lagers einen Knick in der inneren Grabenbüschung (Taf. IV Fig. 1o). Die Böschung verlief zunächst flach, um dann nach einem Knick in der halben Tiefe steil in eine scharfe Spitze auszulaufen. Über dem Knick durchzog den Graben eine etwa 40 cm starke Schicht besonders dunkler Kulturerde.

Hier lagen die meisten Funde. Der Graben ist offenbar nicht lange ganz offen geblieben und hat nach der Zufüllung der Spitze als breitsohlige Mulde offen gelegen zu einer Zeit, als das Lager eine besonders starke Belegung erfuhr, deren Niederschlag die Schicht dunkler Kulturerde ist.

In Schnitt 29 lagen in dieser Schicht viele Bruchstücke des Bechers Dragd. 30 Taf. XV Fig. 9. Unter dem aus den Schnitten am Südtor des großen Lagers gewonnenen Scherbenmaterial herrscht die Gebrauchsware römischer Technik vor. An Sigillaten
fand sich tief im westlichen Grabenkopf (Schnitt 30) das Bodenstück einer Schüssel mit dem Stempel C. AN PATR (Taf. XVI Fig. 1). In Schnitt 31 lag an der Oberfläche der dunklen Schicht das Bruchstück einer Schüssel Dragd. 29 (Taf. XIV Fig. 14) und das Fußstück eines Schälchens Dragd. 27. In der Tiefe des Grabenkopfs lagen außerdem viele Bruchstücke von Dachziegeln und Bodenplättehen. Der östliche Grabenkopf konnte nicht ausgehoben werden, da er unter dem Zufahrtsweg liegt. In den Schnitten durch den Westzug des Grabens J bestand dessen ganze Füllung aus dunkler Erde. In Schnitt 32 lagen in der Grabenspitze das Bruchstück eines kleinen Täßchens mit Strichelrand und das Stempelbruchstück Taf. XVI Fig. 18 des Töpfers Patricius.

Das Südtor des großen Lagers.

Betrug die Erdbrücke zwischen den beiderseitigen Grabenköpfen im kleinen Lager 8 m (Tat. III Fig. 3), so hatte sie hier die ungewöhnliche Breite von 12,50 m (Fig. 5). Ebenso groß war auch der lichte Abstand der beiden Flankierungstürme, da die Innenseite der Türme mit den Stirnseiten der Gräben auf gleicher Höhe liegt. Die Gesamtbreite der Toranlage beträgt 22,8 m, die Tiefe 7 m, die Gräben nicht mitgerechnet. Die Tortürme sind nach dem Weg orientiert, der den Südgraben in spitzem Winkel schneidet, nicht nach dem Südgraben selbst.

Die Fläche, die jeder der beiden Flankierungstürme bedeckte, betrug 7,5 x 4,5 m. Das mittlere Pfostenlochpaar war von dem vorderen rund 3 m, von dem hinteren 3,5 m entfernt. Die Pfostenlöcher des Westturms waren in den Kalkfels eingehauen, die des Ostturms in Lehm. Sie hatten die übliche Größe und Tiefe. Meistens war auch hier an der dunkleren Färbung der Füllung der Pfosten selbst deutlich zu erkennen, und zwar sofort nach Abhebung der Ackererde und besonders scharf bei den in Lehm eingeschnittenen Pfostenlöchern des Ostturms. Der westliche hintere Pfosten des Tordurchgangs zeigte sich im Profil des Schnittes 13 durch den Graben Y. Er hatte in der Grabenfüllung eine Länge von 1,40 m bei einem Durchmesser von 25 cm.

Dieser Pfosten und die Breite der Torlücke veranlaßte mich, nach weiteren Pfosten des Tordurchgangs zu suchen. Das Ergebnis war die vierschiffige Toranlage, deren einzelne Pfostenlöcher sich sehr deutlich abhoben. Die außerordentliche Größe der Toranlage erklärt sich wohl daraus, daß es das einzige Tor war, das für den größeren Verkehr in Frage kam. Nördlich des Tores wurde der Lagerweg auf seiner Westseite von einem flachen Gräbchen begleitet. Um so merkwürdiger war, daß außerhalb des Lagers keine Spur von dem so wichtigen Zugangsweg gefunden werden konnte, weder von einer Kiesschüttung oder Stickung, noch von begleitenden Straßengräbchen, obwohl danach gesucht wurde, sowohl durch den Schnitt unmittelbar quer vor dem Tor wie durch die langen, den Grasweg begleitenden Schnitte, von denen der westliche bis an die Dögginger Straße geführt wurde. Auch ein langer Querschnitt, der die verlängerte Flucht des Weges an der Dögginger Straße schneiden sollte, brachte wie die anderen nicht die geringsten Spuren.

Innenbauten der Dauerkastelle.

Zu den Innenbauten der Dauerkastello gehört die Baracke Ib (auf Taf. II und Taf. III Fig. 1 schraffiert). Sie war wohl einstens ebenso leicht errichtet wie das Gegenstück Ia. Das war nach den in la gemachten Funden in claudischer Zeit gewesen. Aber später wurde an ihrer Stelle ein soliderer Bau errichtet. Die sorgfältig in den gewachsenen Fels bis zu 60 cm eingetieften Fundamentgräbchen zeigen den Unterschied der beiden Barackenbauten mit aller Deutlichkeit. Liegt am Westende der Baracke nur wenig Ackerboden auf dem Gewachsenen, so daß dieses vom Pflug aufgerissen ist und die Feststellungen erschwert sind, so sind die Barackengräbchen vom zweiten Contubernium von Westen her ausgezeichnet erhalten. Im Ostteil der Baracke aber ist durch den nahen Einbruch der Kalktafel der Fels zerbröckelt, und dadurch sind die Gräbchen schwerer zu erkennen.

Der Grundriß (Taf. III Fig. 1, wo die ältere Anlage unschraffiert, die jüngere schraffiert ist) zeigt in der doppelten Vorder- und Rückwand wie in den doppelten Scheidewänden zwischen den einzelnen Zeltgenossenschaften, daß hier zwei Perioden übereinander liegen. Der älteren Periode gehören die nördliche der beiden Längsschwellen und die östlichen der Querwändchen an. In beiden Bauten bestanden die einzelnen Contubernien aus zwei hintereinander liegenden Räumen von 7,5 m Tiefe. In dem älteren Bau schied das Gräbchen III die beiden hintereinander liegenden Räume derselben Zeltgenossenschaft. Dieser Bau wurde durch Brand zerstört, denn in der Tiefe des Fundamentgräbchens der Nordwand fanden sich die verkohlten Reste der Längsschwelle. Darüber war helle Kalkerde eingefüllt. Ebenso wurde auch das Gräbchen der Scheidewand III, die die beiden hintereinanderliegenden Räume trennte, wieder eingefüllt. Dann wurde der Bau einen halben Meter weiter nach Süden von neuem erstellt und dabei für Nord- und Südwand neue Fundamentgräbchen gezogen und im Westteil neue Querwändchen. Aber auch im Innern wurde die Raumverteilung geändert. Waren früher die beiden hintereinander gelegenen Räume ungefähr gleich groß gewesen, so stand jetzt dem vorderen Gemach nur noch ein Drittel des Raumes zur Verfügung. Auch dieser zweite Bau ist durch Brand zerstört worden. Die Brandschicht lagert über dem nördlichen Teil der Baracke und füllt ihre Fundamentgräben aus. In die Fundamentgräben des zugedeckten ersten Baues konnte sie nicht eindringen und kennzeichnet diese damit als zur ersten Periode gehörig. Für die Längsschwelle im Innern der Baracke war das besonders deutlich im Gräbchen O. Dieses Gräbchen war ebenfalls mit Brandschutt aufgefüllt. Da, wo Gräbchen O den Graben III schnitt, war diese Brandschicht auf beiden Seiten scharf begrenzt und breitete sich nicht seitwärts in den Graben III aus, weil dieser zur Zeit des zweiten Brandes schon eingedeckt war.

Der Brand ließ sich zeitlich durch zahlreiche Funde aus der Brandschicht und der Baracke festlegen. Aus dieser oberen Brandschicht wurden von mir selbst an Münzen gehoben das frische ME. des Nero Nr. 11 und das des Vespasian Nr. 8 . Außerdem wurden gefunden die beiden vollständig abgeschliffenen republikanischen Silberdenare (GEns Nonia und Rubia Nr. 6 und 7). An Sigillaten lagen in der Brandschicht die verbrannten Bruchstücke des Bechers Dragd, 30 Taf. XV Fig. 17, Ferner wurde gefunden der jetzt graue Teller mit Viertelrundstab und Stempel …lo fec, (Taf. XVI Fig. 36).

Die Brandkatastrophe muß demnach in den ersten Jahren Vespasians eingetreten sein. Dem entsprechen auch die sonst in der Baracke gemachten Funde: die beiden stempelfrischen Mittelerze Neros und ein drittes durch Brand zerstört, zwei ebenso frische Mittelerze Vespasians. Dazu kommen die Sigillaten:
Teller Dragd. 18/31 mit Stempel Primul Taf. XVI Fig. 22,
das Bruchstück mit Stempel Of. Bassi Taf. XVI Fig. 2.

Die gewöhnliche Ware zeigte römische Technik, darunter eine Reibschale mit Stempel C. Atisius Gratus Taf. XVI Fig. 43. Besonders reich waren die Bronzegegenstände von der Soldatenausrüstung (Taf. XI-XIII): Gürtelhaken, Ösenlaschen, Riemenkappen, Gürtelschnallen, Schnallen vom Panzer, Backenschutzplatte; von der Pferdeausrüstung: Riemenlaschen mit Ring, Schnalle vom Sattelgurt, Phalerae, Anhänger, Sporn; dazu Teile von Gebrauchsgegenständen: Kasserollengriffe, halbkugelige Bronzeschale, gerippte Glasschalen, Spielknöpfe aus Glasflußs, Würfel, gerippte Tonperlen, Lampen und Speerspitzen, Bogenschuhe.

Der Pfeilerbau.

Der einzige Bau mit gemauertem Fundament gehört schon seiner Orientierung nach der letzten Lagerperiode an. Er wurde bereits 1823 von Rehmann ausgegraben. Wir besitzen von dieser Grabung einen Plan (1 : 20) aus dem Nachlasse Heinrich Schreibers im Freiburger Stadtarchiv. Leider fehlt ein gleichzeitiger Ausgrabungsbericht. Die erste Beschreibung lieferte Fickler, Die Altertümer der badischen Baar S. 168 erst 24 Jahre später; er stützte sich dabei auf die Erinnerungen

eines Augenzeugen der Grabung, des Oberlehrers Reich, des Vaters des bekannten Malers und Schriftstellers Luzian Reich. Dieser Bericht ist nicht ohne Irrtümer.

So sind die Substruktionen der drei Mittelpfeiler im Innern als Gruben bezeichnet. Der Bau (16,50 bzw. 16 × 27 m) ist ein sogenannter Pfeilerbau (Abt. B Bd. VII Nr. 66a Kastell Urspring S. 20). Er hat an den beiden Langseiten je acht um 90 cm über die Mauerflucht vorspringende Pfeiler, während über die beiden Giebelseiten nur zwei Pfeiler in der Verlängerung der Langseiten vorspringen. Von uns wurden die vier Ecken des Gebäudes (Taf. VI Fig. 2), die drei nördlichen Pfeiler der Ostseite und der dritte der Westseite freigelegt. Die Mauerstärke betrug 90 cm. Das Mauerwerk besteht aus unbehauenen Bruchsteinen, die durch möglichst viel Mörtel zusammengehalten sind; es ist ohne Fundamentgrube auf das Gewachsene aufgesetzt, teilweise auch auf die Auffüllung der unter dem Bau durchziehenden früheren Gräbchen. Es hat heute nur noch eine Höhe von 15-20 em und ist teilweise bis auf die letzte Schicht ausgebrochen.

Nach dem Grundriß handelt es sich um ein Horreum, einen Bau, wie er sich in zahlreichen Kastellen am Limes bei uns und in England findet, wenn auch in Hüfingen über Funde von Getreideresten wie bei anderen Horrea nichts berichtet wird. Mit diesem Zweck des Baues hängen auch die drei Reihen von aufgemauerten Postierungen im Innern zusammen (Taf. VIII Fig. 3), denen an den beiden Giebelseiten Verstärkungen der Mauer entsprechen, die nicht im Verband mit der Umfassungsmauer, also wohl nachträglich aufgeführt sind. Sie waren die Widerlager für die drei Unterzüge, auf denen der Schwebeboden, wie er für solche Räume verlangt wurde, auflag. Die dreischiffige Anlage im Innern erinnert sehr stark an den ähnlichen
Bau von Haltern, der dort als armamentarium gedeutet wird (Röm.-German. Korrespondenz- bl. VI 1913 S. 20). Es ist sehr wohl möglich, daß die drei Mittelpostamente als Unterlage für Balken dienten, die den First trugen, während die seitlichen das Dach tragen helfen mussten und zugleich die Lagerböden gegen den mittleren Durchgang abtrennten. Ich halte es kaum für möglich, daß das primitive Mauerwerk der Umfassungswände bis auf die Höhe des Daches emporgeführt war, sondern daß es nur als Sockel diente für einen darüber errichteten Holzbau.

Das Römerbad.

Das Bad wurde von dem fürstenbergischen Leibarzt Rehmann mit den Mitteln des Fürsten Karl Egon II. 1821 ausgegraben und mit einem Schutzdach versehen, dem seine Erhaltung zu verdanken ist. Ein sorgfältiger Plan mit Querschnitten und Ansichtsskizze berichtet über den Zustand bei der Ausgrabung (Taf. V Fig. 2).

Tafel 5 mit Römerbad und Votivstein

Auch ein eingehendes Verzeichnis der damals gemachten Münzfunde wurde angelegt. Leider erstattete Rehmann keinen Ausgrabungsbericht, obwohl der Freiburger Historiker Heinrich Schreiber immer wieder darauf drängte.

Als Ersatz dafür mögen einigermaßen dienen der Bericht eines Schülers von Schreiber, Josef Frick, in dem Herbstprogramm des Freiburger Lyceums vom Jahre 1824 und vor allem der bisher viel zu wenig herangezogene Brief Schreibers vom 5. November 1822, der eine vollständige Beschreibung des Bades enthält (Fürstl. Fürstenberg. Archiv). Dann hat Fickler das Bad beschrieben in seinem oben zitierten Aufsatz. Seine Darstellung diente fast allen späteren als Grundlage.

Die auflagernde Humusdecke war in den südlichen Teilen der Ruine bedeutend stärker als in den nördlichen. Daher waren die nördlichen Partien, wo schon vor der Grabung Steine weggeführt worden waren, stärker zerstört als die südlichen. Raum A nimmt fast die ganze nördliche Hälfte des Baues ein. Die Umfassungsmauer dieses Raumes ist heute an der Nordseite nur noch in dürftigen Spuren vorhanden. Ob eine Lücke in der Westmauer, wie sie die Ansicht des ausgegrabenen Bades zeigt, einstens als Eingang diente, darüber ist in den Berichten nichts gesagt. Der nahezu quadratische Anbau C an der Nordostecke (4,80 × 5,05 m) war schon bei der Ausgrabung nur sehr dürftig erhalten.

Der Rundbau B an der Nordwestecke, dessen Vorhandensein schon Leichtlen in einem Brief vom 22. Februar 1822 bezweifelte, und der deshalb später in den Plänen oft weggelassen wurde, war tatsächlich vorhanden. Die Umfassungsmauer des Rundbaus ist da, wo sie an der nördlichen Umfassungsmauer ansitzt, noch in einer Höhe von 80 cm erhalten. Auch außerhalb des Schutzbaues habe ich sie durch Grabung festgestellt. Bei dieser Grabung fand sich im Innern der Rundung ein Heizkachelbruchstück. Der Raum ist nachträglich angebaut, dafür spricht auch die Heizkachel, da Heizkacheln bei der ursprünglichen Anlage noch nicht zur Verwendung kamen. Man wird in dem Raum ein heizbares Winterapodyterium zu sehen haben, dessen Bau wegen des kalten Klimas der Baar notwendig wurde. Ein Raum in ähnlicher Lage im Bad von Marienfels.

alte Zeichnung zum Badebäude mit Caldarium, Tepidarium und Abdeckplatte der Brüstung des Wasserbeckens im Apodyterium und Wanne im Frigidarium

Inmitten des großen Raumes A (17,60 × 13,90 m) ist ein gemauertes Wasserbecken von einer lichten Weite von 4,60 × 6,60 m, dessen Aufbau von Fickler und seinen Nachfolgern durchaus unrichtig dargestellt ist. Heute ist von seinem aufgehenden Mauerwerk nur noch die Südwestecke und die Südwand einigermaßen erhalten (Taf. VI Fig. 7). Wir bewundern noch heute die sorgfältige Abdichtung des Beckens (Taf. III Fig. 7). Der Boden hatte zunächst unmittelbar über dem gewachsenen Boden eine etwa 20 cm starke Stickung aus auf die Kante gestellten Kalksteinen; darüber lag zur Abdichtung eine Lehmschicht, darüber folgte wieder eine Lage von Kalksteinen als Grundlage für den darauflagernden Estrich, der nach oben mit immer feinerem Ziegelschlag durchmischt war. Darauf folgten erst die auf die Kante gestellten, nach Art des Opus spicatum angeordneten Ziegelplättchen, die an den Rändern des Beckens von 55 cm breiten Dolomitplatten umgeben waren. Die ganze Dicke der Isolierschicht betrug 80 cm. Ebenso sorgfältig wie der Boden waren auch die Umfassungswände abgedichtet. Sie bestanden zunächst aus einer 60 cm starken Bruchsteinmauer. Ihr folgten nach innen in einem Abstand von 15 cm aufrechtstehende Dolomit- und Sandsteinplatten, die in Falze der den Rand des Beckens umgebenden Dolomitplatten aufsaßen. Der Zwischenraum zwischen den Dolomitplatten und der Bruchsteinmauer war zur Abdichtung mit Ziegelestrich ausgegossen. Um die Isolierung zu vervollständigen, war außerdem noch um die Umfassungsmauer des Beckens eine 1 m dicke Lehmschicht herumgelegt. Diese Lehmschicht war oben mit Dolomitplatten abgedeckt, die eine flache Rinne hatten (Taf. IV Fig. 2b). Sie lagen mit leichter Neigung nach außen auf gleicher Höhe wie der Fußboden des umgebenden Gemachs‘). Wie die übrigen Teile der das Becken umgebenden Brüstung abgedeckt waren, war anscheinend schon bei der Ausgrabung nicht mehr ganz sicher. Nach den Querschnitten auf dem Plan (Taf. V Fig. 2) war auch die Mauer mit einer Dolomitplatte abgedeckt, die auf derselben Höhe lag wie die äußere Platte mit der Rinne, und die inneren aufrecht stehenden Dolomitplatten reichten auf dieselbe Höhe hinauf.

In der Mitte des Beckens nimmt Schreiber eine Trennungswand an, was nicht unwahrscheinlich ist. Solche Doppelbecken zeigen z. B. die Kastellbäder von Köngen und Stockstadt. In der Nordwestecke des Beckens waren Stufen, auf denen man hinunterstieg. Die unterste Stufenplatte ist noch in situ, hintergossen von Ziegelestrich. Nach dem Abstand dieser Platte von der Ecke ist noch Raum für zwei überlagernde Stufen vorhanden. Nach den Untersuchungen von Krenker wird man den Raum als überdecktes Apodyterium deuten müssen.

Das südlich anschließende Gemach D (5,37 × 8,45 m) hatte denselben Boden wie das Becken des vorhergehenden Raumes A. In der Nord- und Südostecke sind noch Reste vorhanden, überdeckt von dem die Wände bekleidenden Wasserestrich, so daß man auch hier Badewannen vermuten muß. Nicht ohne Grund endet der Wasserabzugskanal gerade an der Nordwand dieses Raumes. Er geht nicht, wie manche Pläne es andeuten, unter diesem Raum hindurch, was ich durch Grabung festgestellt habe. Da der Fußboden dieses Gemachs sehr hoch liegt, sind seine Umfassungswände weitgehend zerstört. Nach dem Tepidarium zu ist noch eine Schwelle sichtbar mit merkwürdig gerundeter Oberfläche. Die Ostwand öffnet sich in ein Badebecken (2,87 × 4,10 m), dessen Boden etwa 1,20 m tiefer liegt als der Boden von Raum D. Einige Stufen, deren Spuren bei der Ausgrabung noch sichtbar waren, führten in das Becken hinunter aus dem Bad nur in der obersten Einfüllung von Graben J. Es sind Bodenplättchen und Dachziegel zum Teil mit Stempel der 11. Legion, und zwar demselben Stempeltyp, wie er auch im Bad gefunden wurde. Als das Bad gebaut wurde, war also der Graben J schon eingefüllt. Ziegel der 11. Legion können erst im Jahre 70 nach Hüfingen gekommen sein. Nach dem Jahre 74 ist die Besatzung alsbald abgezogen. Das Bad muß also zwischen 70 und 74 gebaut worden sein. Damit stimmt auch die Münzreihe des Bades überein: mit Vespasian schnellt sie auf 16 Stück empor, während die Kaiser vor und nach Vespasian nur mit wenigen Stücken vertreten sind. Es ist wohl das älteste sicher datierbare Bad der Dekumatlande und nimmt unter diesen deshalb auch eine gewisse Sonderstellung ein. In den späteren Bädern fehlt das große, die Hälfte des ganzen Bades einnehmende Apodyterium mit dem großen Becken in der Mitte.

Auch hat bei den späteren Bädern die Erfahrung zu einer vorteilhafteren Anordnung der unterheizten Räume geführt. Bei den späteren Büdern sind Caldarium und Tepidarium in einer Achse hintereinander gereiht, wodurch die Luftzirkulation unter dem Hohlboden erleichtert ward. Auf das Labrum und die Wandheizung durch Nischen und Warzenziegel ist als Einrichtungen einer älteren Epoche schon hingewiesen worden.

Tafel VI mit Fotos aus dem Römerbad

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