Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble

Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble

10. April 2022 0 Von Hannah Miriam Jaag

Theuerste Eltern

Lucian Reich zitiert hier viel aus Briefen von Johann Nepomuk Schelble die ihm damals wohl vorgelegen haben. Hier kommen wieder die selben Künstler vor die in den letzten Kapitel erwähnt wurden:

Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837) kam also über Stuttgart, Wien, Prag und Berlin nach Frankfurt.

Nebst verschiedenen Quartetten schrieb Schelble damals auch eine Oper “Graf Adalbert“, zu welcher Krebs den Text gedichtet hatte.

Graf Adalbert ist eine Oper in 3 Akten (1813 Stuttgart). Leider ist wohl nur der Text überliefert, die Musik gilt als verschollen.

Es konnte daher nicht fehlen, daß der junge Mann Gelegenheit fand, mit bedeutenden Künstlern in seinem Fache bekannt zu werden; unter diesen Weigel, Spohr, Meyfeder, Kreuzer, Schuppanzig und vor Allen Beethoven….Auch mit Händel‘s großen Werken hatte Schelble hier (in Wien) Bekanntschaft gemacht.

Judas Maccabeus HWV 63 Oratorio Óscar Gershensohn von George Friderich Händel

Die erste Veranlassung zur Gründung seines später berühmt gewordenen Cäcilienvereins gab eine kleine Zahl befähigter Schüler und Schülerinnen des Gesanges, mit welchen Schelble in geselligen Zirkeln zuweilen ein- oder mehrstimmige Gesangstücke zur Aufführung brachte.

Schelble, der „originale musicus“ durchdrang und beseelte eine Partitur, sei es am Klavier, sei es vokal. Doch für das „irrenhäusige Theater“, an dem er zwei Jahre als bewunderter Tenor aufgetreten war, fand er sich nicht geschaffen. Er verwirklichte sich als Pädagoge, der aus einem Kreis von Liebhabern den nach der Berliner Sing-Akademie, seinem Vorbild, zu seiner Zeit besten Chor Deutschlands machte.

Mit Händel, Haydn, Mozart und Cherubini begann er. Die Bach-Renaissance, die von den Wiederaufführungen der vergessenen Matthäus-Passion 1829 in Berlin und Frankfurt ausging, läutete er im Jahr zuvor schon mit Teilen aus der h-moll-Messe ein. In Verehrung für den 20 Jahre Älteren widmete Mendelssohn Schelbles Gründung sein Oratorium „Paulus“. Dank seinem Leiter wurde dieser Chor neben hohen Fürstlichkeiten Europas der einzige bürgerliche Subskribent von Beethovens „Missa solemnis“ – ein musikhistorisches und soziologisches Unikum.

Schließlich erhielt auch der Männergesang, ein in seinen Anfängen hochrangiger Kunstzweig, durch Schelble entscheidende weiter wirkende Impulse. Seine Gehörbildungsmethode, eine geniale Mischung aus strengster Systematik und schöpferischer Phantasie, fand ebenso wie seine Chorgründung selbst viele Nachahmer. Im Briefwechsel zwischen Goethe und seiner „Suleika“, Marianne von Willemer, einer begeisterten Cäcilianerin, tauchte sogar der Gedanke an eine Zusammenarbeit zwischen dem Weimarer Geheimrat und dem Frankfurter Chormeister auf mit dem Ziel, „die Music in ihre verlohrenen Rechte wieder einzusetzen.“

So gab Johann Nepomuk Schelble als Initiator und bewegende Kraft einen Takt vor, der Frankfurts Chöre noch 175 Jahre nach seinem Tod durchpulst. Solange sie singen, kann man ihn, mag auch das Bild seiner Persönlichkeit verblasst, sein Name vergessen sein, noch heute „hören“.

https://www.caecilienchor.de/UeberUns/Schelble.shtml

1822 heiratete Schelble das Fräulein Molly Müller aus Königsberg.

Leider lässt sich über Molly Müller nichts mehr weiter herausfinden, außer, dass die Ehe anscheinend kinderlos blieb.

Durch den bekannten Kunstphilosophen Nägeli, mit welchem Schelble persönlich und nahe befreundet war, hatte er unter Anderm eine authentische Abschrift der Bach’schen H moll Messe erhalten, nach dem Autographum, welches Nägeli nebst andern Handschriften dieses großen Meisters besaß; während anderseits Mendelsohn es war, der dem Meister die erste Kunde von Sebastian Bach’s doppelchöriger Passion brachte, indem dieser jugendliche Künstler bei einem Besuche in Frankfurt für Schelble mehrere Stellen aus dem Gedächnisse aufschrieb, später aber von Berlin aus eine Abschrift der ganzen Partitur besorgen ließ.

Elbphilharmonie | Bach h-Moll-Messe | Thomas Hengelbrock & Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble

Man kann kaum glauben, wie viel ein einziger Mensch, der was will, auf alle andern wirken kann; S. steht dort ganz allein…Er hat sich einen sehr bedeutenden Wirkungskreis geschaffen und die Leute im eigentlichsten Sinne weiter gebracht …

Felix Mendelssohn Bartholdy in einem Brief an Carl Friedrich Zelter

In Hüfingen erwarb Schelble 1824 ein „Landgütchen“, das er sein „Ruhetal“ nannte.

Hier, in der wohlbebauten Hochebene, in der Nähe des Schwarzwaldes, verlebte der genügsame Mann an der Seite seiner würdigen Gattin die heitersten Stunden. “Wie glücklich bist Du”, heißt es in einem Schreiben an seinen Schwager (Luzian Reich senior), welcher um jene Zeit dort ein Stück Bergfeld zu klutivieren angefangen,, “wie glücklich, daß Du deinen Berg- und Baumbarten täglich sehen und besuchen kannst, während ich getrennt von einen meiner liebsten Lebensgenüssen lebe, und auch noch von vielem Andern. Kommen und gehen, mich freuen und betrüben, scheint mein Loos zu sein. Wir gehen oft spazieren und vergleichen hundertmal unser Besitztum mit dem Gesehenen. – Es ist eben nicht der Garten allein, was mich fesselt, an ihm hängt ein Ideal, also ein Ding, wovon das jetzige Leben sehr verschieden ist – und das ich vielleicht nie erreiche!”

Hier fängt Lucian Reich an über Schelbles Engagement in Hüfingen und von den Pflanzungen der Hüfinger Anlage zu sprechen, die mit den Freunden der Natur Hüfingen errichtet wurde und teilweise auch von den selben “Baunausen im Geiste” zerstört wurden, deren Nachfahren auch heute noch in Hüfingen Unheil stiften.

Als Schelble hörte, daß in seiner Heimat die Straßen mit Bäumen bepflanzt werden sollten, schrieb er einem Freunde: “Hocherfreut bin ich, daß endlich von Oben für die Verschönerung des Städtleins und der Gegend etwas gethan wird. Möge die Sache mit Liebe und Strenge betrieben werden, das wünsche ich aus hundert Gründen tausendmal. Wissen möchte ich wohl, wann der erste Baum gesetzt wird, ich möchte diesen Tag feiern.”

Johann Nepomuk Schelble Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

Es war am sechsten August des Jahres 1837 an einem Sonntag, als das Todtenglöcklein der Stadtkirche üblicherweise den Einwohnern verkündete, daß ein Mensch aus ihrer Mitte geschieden sey. – Es war das Scheidzeichen für Johann Nepomuk Schelble.

Mit 48 Jahren starb Schelble in den Armen seiner Frau Molly Müller am Eingang seines Hüfinger Hauses an der Bräunlinger Straße.

Fortsetzung hier:

Zur Übersicht gehts hier: