204 Jahre Zerstörung der Anlage

Dieser Artikel ist nicht mehr aktuell und wird im Winter 2025 geändert werden!
Die Chronik von August Vetter stimmt nicht, im August 2025 habe ich mir die ganze Akte StAF B 695/1 Nr. 731 aus Freiburg über die Freunde der Natur Hüfingen kopiert.

In Erinnerung an die Zerstörung der „neuen“ Anlage!
Zur Mahnung, da Bäume auch über 200 Jahre später, immer noch unerwünscht sind!
Für eine Zukunft der nächsten Generation mit Bäumen!

Wie die Blätter am grünen Stamme wachsen und abfallen,
so die Geschlechter der Menschen.
Das Eine stirbt ab und ein Anderes wird geboren.

Auch 204 Jahre später leben wir noch.
Für die Hüfinger Natur!

aktualisierter Originalartikel vom 5. März 2021

Vor 200 Jahren gab es in Hüfingen den Verein „Freunde der Natur“. Diesem Verein gehörten Hüfinger Künstler um Luzian Reich senior an. Mit dabei war auch Johann Nepomuk Schelble, der Bruder von Maria Josefa Reich und einer der Gründer des Cäcilienvereins in Frankfurt a. M.

Johann Nepomuk Schelble
(1789 -1837)
Zeichnung von unbekannt.

Die Freunde der Natur entschlossen sich in Hüfingen mehrere Anlagen zu erbauen.

„Die Ruhe im Tempel der Natur besänftiget die Stürme des Gemüts“ war die Inschrift an der „Johannishütte“ in den gemeinsam von Bürgern und Beamten geschaffenen „Anlagen“ im nahen Tannengewälde des „Rotenraines“. (Lucian Reich im Denkbuch)

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731

Fast die ganze Stadt Hüfingen stand hinter der Anlage und sehr viele hatten geholfen sie aufzubauen. So wurde ein Steg über die Breg gebaut und ein Forstweg errichtet. Auch wurde eine Kapelle errichtet mit einem „Joseph in der Wüste“. Die Anlagen ist in „erstaunungswürdiger Anstrengung“, so der damalige Hofrat Anton Baur, in kürzester Zeit entstanden. In der Nacht zum Fasnet Sonntag, vom 4. auf den 5. März 1821, wurden große Teile in der Nacht von Frevelern zerstört.

39 – Lehrer Reich
40 – Musiker Schelble

Mitgliederliste der Freunde der Natur 1833.
(Staatsarchiv Freiburg Akte Rotrain StAF B 695/1 Nr. 731)

In der Akte vom Staatsarchiv ist die Abschrift eines später verfassten Spottgedichts über die Zerstörungsnacht mit dem Akrostichon: „FALLER AUER RUF“ vorhanden. Der Verfasser des Gedichts wollte damit auf die Identitäten der Missetäter hinweisen (Landesarchiv Baden-Württemberg).

Spottgedicht von 1821
Staatsarchiv Freiburg B 695/1 Nr. 731

Abschrift

Die Zersterung der neuen Anlag in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1821

Fallet Bäumchen fallet
Alles heute nacht erschallet
Laut vom Jubelthon
Luna selbst wird mich erheren
Eine Anlag zu zersteren
Ruf ich auch noch Pluto an

Als uns gedanken=Räthe niemand wollte Mehren
Unterstand ich mich, und half zersteren
Ein Erholungsort sehr angenehm und schön
Ruf ich jetzt Ruhe es ist geschehen.

Ruft nicht so laut! Sprach nach vollbrachter That ein Heüchlerischer Bether
Und nehmt euch wohl in Acht, es gibt ein fürchterliches Wetter.
Fort fort es ist geschehen, wir müssen jetzt ganz still nach Hause gehen.

Ein alter Briefkopf zeigt Hüfingen etwa 1840 mit den Pappelpflanzungen und der Anlage am Rotrain.

Ein alter Briefkopf zeigt Hüfingen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Pflanzungen der Freunde der Natur.

Die Namen der Zerstörer der Anlage waren damals bekannt, aber sie wurden vor einem Verfahren geschützt. Der Schutz ging noch bis ins Jahr 1984 in die Chronik von August Vetter über. So steht zu den Freunden der Natur in der Chronik gleich gar nichts, sondern es wird nur eine „Baumschule“ erwähnt:

Äpfel- und Birnbäume sollten in ihr gezogen werden. Mit besonderem Eifer setzte sich Oberamtmann Bauer für diese Baumschule am Rotrain ein. Oberlehrer Luzian Reich und Stadtrat Josef Burkhard überwachten die Ausführung der Pläne, die auch eine Allee zur Baumschule vorsahen.

Diese Allee wurde mit 400 Pappeln bepflanzt, die vom Fürsten Karl Egon von Fürstenberg gestiftet wurden. Er übernahm auch den größten Teil der Kosten für den Steg im Mühlöschle, der dort über die Breg führte und 1823 gebaut wurde.
Als die Anlage fertiggestellt war und die Bäume kräftig heranwuchsen, wurden in der Nacht vom Fastnachtssonntag zum Fastnachtsmontag in dieser Anlage 216 Bäume frevelhafterweise umgehauen.
Zwar wurden die Täter ermittelt, aber im Hinblick auf deren Familien schonlich behandelt.

Chronik von August Vetter 1984

Die heute kaum noch erkennbare Anlage mit den 216 Bäumen befand sich im Gewann Rotrain also westlich vom Römerbad.

Gewann Rotrain

Was noch lange stand war das sogenannte „Waldhisli“. Heute befindet sich auf dem Fundament ein Teil vom Römerpfad und es war ein Teil vom nicht realisierten Konzept des Architekten Hermann Sumser.

Weg durch den alten Steinbruch angelegt durch die Freunde der Natur 1820
Der Weg führte zur Kapelle mit einer Statue des heiligen Johannes in der Wüste auf dem Giebel

Das Waldhisli wurde vermutlich auf das Fundament der Johannes Kapelle gebaut

Schild auf derAnlage am Rothrain mit Waldhisli

Stein vom Fundament

Die Zerstörung der Anlage wird auch im Hieronymus von Lucian Reich junior in Kapitel 5 mehr- oder weniger thematisiert:

Das schien auch dem Kleinen das vernünftigste zu sein; und der Vetter sagte ihm dann, sie wollten jetzt noch einen Gang durch den fürstlichen Hofgarten machen. Der Hofgärtner besorgte früher den Dienst im Schloßgarten zu Hüfingen, wo ihn der Feldwaibel oft besucht und manche Tulpenzwiebel oder sonstige Sämerei von ihm erhalten hatte. Sie trafen den Mann im Garten, vor dem Treibhaus; und während er ihnen bereitwillig die Pflanzen und Blumen zeigte, erzählte er seinem Freunde, daß die fürstliche Regierung nächstens einen Befehl ergehen lassen werde zur Bepflanzung der Landstraßen mit Obstbäumen. „Es ist wahrhaftig kein Überfluß”, meinte er, „wenn die Baar mit Bäumen geziert wird. Denn, sagt selbst, Feldwaibel, ist es nicht ein trostloser Anblick, wenn man zum Beispiel aus dem schönen Kinzigtal heraufkommt und unsere baumlose Hochebene überschaut?”

„Wie man’s nimmt”, entgegnete der Feldwaibel. „Als Gärtner habt Ihr vollkommen recht. – Fragt aber einmal einen Bauern, der wird Euch sagen, daß es in der Welt nichts Schöneres gebe als so ein glatter Fruchtösch, Feld an Feld wie ein Schachbrett – insonderheit wenn die Ernt reif ist und das Aug über die gelben, im Sonnenschein wie ein Meer schwankenden Kornfelder hinschauen kann.”
„Ganz richtig”, versetzte der Hofgärtner. „Hätt ich aber zu befehlen, so müßte mir jeder Bauer wenigstens ein halbes Dutzend Obstbäume in jeden Acker pflanzen.”
„Würde nicht lang guttun”, meinte der Feldwaibel, „der Bauersmann ist kein Freund vom Schatten; und das hiesige Klima ist dem veredelten Obstbaum nicht günstig. Besser als das wäre meines Erachtens, wenn man das Wildobst im Wald und Feld mehr schonen würd. Erinnere mich noch recht wohl, wie wir daheim den ganzen Winter über gedörrte Holzäpfelschnitz oder teige Holzbirnen im Vorrat gehabt haben. Und eine ordentliche Kunkelstube hätt Euch den Abend nicht rumzubringen gewußt, wenn die Spinnerinnen keine Schnitz oder gedörrte Schlehen zum ‚Annetzen’ gehabt hätten. – Und jetzt noch darf in keinem rechten Bauernhaus das Fäßle hinterm Ofen fehlen, in dem die Bäurin ihren Essig aus Wildobst aufbewahrt.«

„In dem Punkt mögt Ihr recht haben, Feldwaibel”, räumte der Hofgärtner ein. „Andernteils aber müßt Ihr wieder zugeben, daß so manches unbenützte Plätzlein um Haus und Dorf vorhanden ist, wo ein Baum, gleichviel, ob Obstbaum oder sonst einer, recht gut stehen und niemand im Weg sein würde.”

„Einverstanden, Herr Hofgärtner, bin ganz Eurer Meinung”, sagte der Feldwaibel, „und bedaure nur, daß der alte Brauch mit Pflanzen von Linden so ganz abzukommen droht. Denn abgesehen von den Gemeindelinden ist keine Kirch, kein Kirchhof, keine Kapell oder Schützenhaus gewesen, wo früher nicht Linden hingepflanzt worden sind. – So ein Lindenbaum aber ist für den Landmann eine kleine Apothek, wo er den Lindenblütentee umsonst haben kann, für die Immen im Frühling aber eine wahre Honigweid. – Und daß auch der Holzbildhauer am liebsten zum Lindenholz greift, wenn er etwas Schönes machen will, ist bekannt.“

Kapitel 5 Hieronymus

2 Gedanken zu „204 Jahre Zerstörung der Anlage“

  1. Der Beitrag könnte nach dem Hüfinger Streuobstfrevel aktueller nicht sein!
    Früher hatte jede Ortschaft oder Kleinstadt, nicht nur auf der Baar, ihren sogenannten Streuobstgürtel als Übergang zwischen der Bebauung zur offenen Landschaft hin.
    Heute wird dieses wertvolle ökologische Kleinod vielerorts mit Füßen getreten.
    Die historische Akte von 1820 bis 1845 des „Großherzoglichen Badischen Fürstlich Fürstenbergischen Bezirksamtes Hüfingen“ füllt einen ganzen Leitz-Ordner.
    Auch Persönlichkeiten, wie Johann Wenzel Kalliwoda oder Salomon Guggenheim gehörten zu den Vereinsmitgliedern von damals.
    Mit der Aufarbeitung der aufschlussreichen Unterlagen habe ich bereits begonnen.

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  2. Da sieht man mal, es hat sich in den vielen Jahren immer noch nicht wirklich was bewegt und leider werden nachfolgende Generationen das umso mehr büssen. Nachhaltige Landwirtschaft und Verbraucher die bereit sind den wahren Preis eines Lebensmittels zu zahlen Menschen die erkenen, dass eine Streuobstwiese nicht nur gut für ein paar Ökopunkte ist, sondern weit mehr bietet mit Möglichkeiten für Insekten und Nistplätzen für die heimische Vogelwelt. Die aktuelle Wetterlage sollte uns allen zeigen, dass der Klimawandel auch uns alle bedroht und jeder etwas dazu beitragen kann das Ruder noch herumzureissen.Und diese Geschichte zeigt dass es zu dieser Zeit Menschen gab, die sich über die Zukunft ihrer Heimat mehr Gedanken gemacht haben, als mancher Zeitgenosse heute.
    Danke für diesen sehr lehrreichen Artikel.

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