Plakate, Plakate…

Es herrscht Landtagswahlkampf, und in der Stadt hängt alles voller Plakate. Am Ortsausgang in Richtung Schwarzwald grüßt das BSW (gibt es das also auch noch in Baden-Württemberg – wie heißt es doch neuerdings?) in großer Aufmachung mit dem Slogan Lehrkraft statt Wehrkraft. Während es dann drüben in Wolterdingen an den Laternenmasten wieder überwiegend Politikerköpfe sind. Nicht anders in Hammereisenbach, wo ich ins Urachtal abzweige, um über die Kalte Herberge zum Thurner zu gelangen.

In Urach, gleich hinterm Sägewerk, haben sie aus einem ganz anderen Anlass plakatiert. Hier grüßt kein Wahlkämpfer, sondern es strahlt Eine vom Plakat, die die Republik kürzlich in einen wahren Freudentaumel versetzt hat: Skiclubkameradin Daniela Maier, die Goldmedaillengewinnerin. Mein Club, für den auch ich vor einem halben Jahrhundert noch Rennen bestritten habe und dem ich mich nach wie vor verbunden fühle, ist zu Recht stolz auf sie!

Daniela Maier Olympiasiegerin im Skicross Der SC Urach ist stolz auf dich!

Lang genug haben wir uns doch vor der Glotze mit vierten Plätzen, mit Stürzen und Formschwächen unserer Athleten abzufinden gehabt, ehe Daniela uns endlich mit ihrem ebenso gewagten wie gekonnten Ritt erlöst hat. Und wie da Glückstränen geflossen sind – bei der Siegerin wie bei ihren im Bus angereisten Fans! Wann waren Schwarzwälder (im Publikum leicht erkennbar an roten Bollenhüten) zuletzt so aus dem Häuschen geraten wie an diesem 20. Februar in Livigno, und auch zuhause am Fernsehgerät war man überwältigt – selbst wenn einem der Sinn bis dahin nie nach Skicross, sondern eher nach nordischen Skisporterfolgen gestanden hatte. Ist der Schwarzwald auf internationaler Bühne je charmanter und sympathischer vertreten worden?

Talaufwärts wirken die Glücksgefühle weiter nach, auch wenn die Lifte, an denen die kleine Daniela einst ihre ersten Schwünge gelernt hatte, anscheinend schon länger außer Betrieb waren; nur noch ein paar schmutzige Schneereste erinnerten an den Schwarzwaldwinter. Drüben, jenseits des Hohlen Grabens, war noch weniger davon zu spüren, wo hier um diese Jahreszeit ja eigentlich das Eldorado von Langläufern und Skiwanderern zu erhoffen war: die Thurnerspur mitsamt dem Fernskiwanderweg.

Und als ob da die trüben nostalgischen Gedanken nicht schon ausgereicht hätten für ein Stimmungstief, wird der Blick neben der B 500 und gegen die Rheinebene hinunter nun urplötzlich auch noch von einem Großplakat eingefangen, als ob das Naturschutzgesetz Werbung in freier Landschaft, gar im Landschaftsschutzgebiet, nicht untersagen würde. Und die Aufschrift, unübersehbar in Großbuchstaben und bebildert mit einer zähnefletschenden Bestienschnauze neben einem zarten Lämmlein, lässt keinen Zweifel zu, worum hier geworben wird: Euer Wolf, unser Problem! Land- und Gastwirtschaft. Gemeinsam stark im Hochschwarzwald.

Ja holla, seit wann bedrohen Wölfe nicht mehr nur die Nutztierhaltung, sondern auch die Hochschwarzwälder Gastronomie? Wo die Umweltministerin im Nordschwarzwald doch kürzlich erst den „Wolfstourismus“ entdeckt und „aus Artenschutzgründen“ lebhaft beklagt hat: die Unart von Hundehaltern nämlich, sich mit ihren Lieblingen im Territorium des „Hornisgrinde-Wolfs“ in den Nationalpark aufzumachen, um so die Chancen auf eine Begegnung mit Isegrim und für ein Foto zu erhöhen. Was in der winterlichen „Ranzzeit“ der Wölfe, wie man fürchtet, in Ermangelung von artgerechten Partnern womöglich zu Hybriden, zu Kreuzungen mit Hündinnen führen könnte. Weshalb der zutrauliche Wolf nach der Entscheidung des Umweltministeriums von einem Spezialisten-Team bis spätestens zum 10. März dieses Jahres erlegt („entnommen“) werden soll, wie es der Mannheimer VGH nach der Beschwerde der Naturschutzinitiative e. V. bestätigt hat.

Plakat mit Eurer Wolf, unser Problem von Land- und Gastwirtschaft.

Vermögen Plakate je unterschiedlichere Gefühle und Assoziationen auszulösen, als jene zwischen Urach und Thurner? Hoffen wir, dass auch die Wahlplakate nächstens ihren Zweck nicht verfehlen. 

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