Wanderblühten – Schlußwort

Wanderblühten – Schlußwort

12. April 2022 0 Von Hannah Miriam Jaag

Es möge mir vergönnt sein, ehe der Leser scheidet, noch einige Worte zum Abschiede zu sagen. Denn gleich wie im Herbst, wenn die Schwalben fortgezogen, da und dort noch ein verspätetes Paar herumflattert und den Übrigen nachzukommen trachtet, ähnlich so hat der Verfasser noch ein Paar Worte auf dem Herzen, die er den voranstehenden gerne nachschicken möchte.

Ein werthgeschäzter, einsichtsvoller Freund nämlich, dem ich die “Wanderblühten” vor dem Drucke mitgeteilt, ist der Ansicht es sollte dem Werklein zur größerern Vollkommenheit noch eine Vorrede beigegeben werden.

So sehr der Verfasser sonst auch geneigt ist, den Rath verständiger Freunde zu nutzen, so so wenig konnte er sich diesmal entschliessen, dem gegebenen Winke Folge zu leisten, und die eben so schwierige wie undankbare Arbeit auszuführen.

Einmal, weil er der Meinung ist, es sei überhaupt keine so leichte Sache, dem, in diesem Punkte mit Recht etwas misstrauischen Publikum plausibel machen zu wollen, was ein Autor von seiner eigenen Arbeit hält und denkt.

Zum Andern dürfte ein solches Bemühen deshalb ein undankbares genannt werden, weil Vorreden, die, wie alle Reden, gewöhnlich etwas langweiliger Natur sind, in der Regel von dem wissbergierigen Leser überschlagen, folglich gar nicht gelesen werden.

Was ist aber eine Rede, die Niemand anhören will?

Wahrlich nicht viel Anderes, als ein Schiff ohne Wasser oder eine Braut ohne Bräutigam.

Und zu alldem ist Dasjenige, was billigerweise in einer Vorrede dargelegt werden soll, die Entstehungsgeschichte des Buches, des Breitern schon im Anfange und Verlauf des Textes gesagt worden.

Wenn demnach der Leser nun gefunden, daß sämmtliche gegebene Züge in Schrift und Bild unmittelbar dem Leben entnommen sind, ihr Hintergrund also mehr oder weniger die Wahrheit ist, so wird es nicht befremden, daß von allem romanhaft Ausgeheckten, nur durch grelle Gegensätze und Effekte Blendenden blutwenig in dem Werklein vorkömmt. Mag es auch immerhin viele Leser und Beschauer geben, deren Interesse auschließlich nur den Produktionen letzterer Gattung zugewendet ist, so darf anderseits wohl mit Recht behauptet werden, daß nicht minder auch die anspruchslosere, und darum weniger phrasenhafte Muse in allen Zweigen der Künste ihre Verehrer und Liebhaber findet.

Was nun gegenwärtiges Büchlein weiter anbetrifft, so hat der Verfasser kein Bedenken getragen, seinen Freunden (zunächst in den kleineren Erzählungen und Novellen) Bilder aus der Sphäre der sogenannten niedern Stände vorzuführen. Huldiget er doch dem Grundsatze, daß Alles Gute und Wahre in der großen Haushaltung Gottes auf Erden würdigen Stoff abgebe zu künstlerischem Gestalten und Darstellen. Denn Natur ist, wie der große Dichter sagt, ein Buch lebendig, unverstanden zwar, doch nicht unverständlich; und

“Wer mit seiner Mutter, der Natur sich hält,
Find’t im Stengelglas wohl eine Welt”.

Möchte in diesem Sinne dem Verfasser gelungen sein, mit dem gegebenen Wenigen, Liebe und Anteil am Vaterländischen und Eigenen anzuregen und festzuhalten. Wahrlich hierin läge der wünschenswerteste Lohn für mannigfache Mühe und Opfer, ohne welche eine solche Arbeit schwerlich durchgeführt werden kann. Und so sei denn, indem ich dieses hoffe, dem werten Leser ein freundliches Lebewohl zugerufen.

Ein Andermal, so Gott will, ein Mehreres und Besseres!

Lucian Reich, Wanderblühten aus dem Gedenkbuche eines Maler, nach der Originalausgabe von 1855

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann (1817 – 1902) mit Fes? Mütze ; Lucian Reich (1817-1900)mit Pfeife; Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.
Siehe auch https://hieronymus-online.de/hufinger-kunstlerkreis/

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