Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble – Prolog

Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble – Prolog

7. April 2022 0 Von Hannah Miriam Jaag

Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.

Johann Wolfgang von Goethe in Torquato Tasso

Unter diesen Landsleute, welche sich ehrenvoll und tüchtig hervorgethan, dürfen wir mit Recht die Musiker Conradin Kreuzer, Krebs und Schelble zählen.

Conradin Kreutzer (22. November 1780 in der Thalmühle bei Meßkirch im Fürstentum Fürstenberg – 14. Dezember 1849 in Riga).

Conradin Kreutzer von Auguste Hüssener
Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

Johann Baptist Krebs

Brustporträt des jungen Opernsängers Johann Baptist Krebs gefertigt durch Friedrich Fleischmann aus Nürnberg in Kupfer auf Papier.
Abbildung: Porträtsammlung Friedrich Nicolas Manskopf der Universitätsbibliothek der Johann-Wolfgang-Goethe- Universität Frankfurt am Main.

Über Johann Baptist Krebs (12. April 1774 – 15. September 1851) gibt es von Josef Vogt in den Schriften der Baar Band 63 (2020) den Artikel: Vom Taglöhnersohn aus Überauchen zum Opernstar und Logenmeister in Stuttgart:

Begegnung mit Johann Nepomuk Schelble aus Hüfingen
Als Johann Nepomuk Schelble am 16. Mai 1789 in Hüfingen geboren wurde, war Johann Baptist Krebs bereits 15 Jahre alt und hatte schon regen Kontakt nach Donaueschingen. Möglicherweise waren es zwei Umstände, die den Hüfinger Schelble und den aus Überauchen stammenden Krebs zusammenführten. Wie Krebs wurde auch Schelble durch den Donaueschinger Hofmusiker Franz Xaver Weiß geformt und hatte seine ersten Auftritte am dortigen Hoftheater. Als er im Alter von 18 Jahren durch die Vermittlung des in Hüfingen aufgewachsenen, beim Herzog und späteren König Friedrich I. als Hofmaler tätigen Johann Baptist Seele (1774–1814) 1807 nach Stuttgart kam, begegnete er dem zu dieser Zeit schon über 10 Jahre an der dortigen königlichen Oper tätigen Krebs. Offensichtlich verstanden sich die beiden von der Baar stammenden Musiker auf Anhieb. Krebs arrangierte ein Vorsingen vor dem König, der Schelble daraufhin sogleich als Hofsänger einstellte. Obwohl Schelble nur sieben Jahre in Stuttgart weilte, bevor er 1814 nach Wien weiterzog, entwickelte sich zwischen Krebs und Schelble eine fruchtbare Zusammenarbeit. So wissen wir, dass Schelble eine wichtige Aufgabe in dem von Krebs 1811 gegründete Musikinstitut am Waisenhaus übernahm, in dem er nach den Grundsätzen des Reformpädagogen Pestalozzi Jungen und Mädchen für den Einsatz an der Hofoper im Musizieren, Tanz und Schau- spiel unterrichtete. Erhalten aus der künstlerischen Zusammenarbeit von Krebs und Schelble ist uns die am 2. Februar 1813 in Stuttgart uraufgeführte Oper in drei Akten „Graf Adelbert“, zu der Krebs das Libretto und Schelble die Musik geschrieben hat.

Das alte Königliche Hoftheater in Stuttgart Stich von Ernst Friedrich Grünewald und William John Cooke nach einer Zeichnung von Friedrich Keller um 1840 Landesbildstelle Stuttgart.
Foto: Wikimedia

Katharina Götz

Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847), war die Mutter von Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 – 7. August 1837) und Maria Josefa Reich (18. März 1788 -12. November 1866).

Eine der Schülerinnen des Kaplan Reeser war die Chorsängerin Katharina Götz, die Tochter eines bemittelten Bauern. Sie zeichnete sich durch eine hübsche Stimme so vorteilhaft aus, daß man ihr von verschiedenen Seiten riet, in’s Kloster zu gehen, wo damals diese Eigenschaft als Empfehlung gelten konnte…..Alles ging nach Wunsch, und die beiden Mädchen wurden mit den besten Versprechungen aus dem Kloster entlassen, nachdem man ihnen den Tag bestimmt hatte, an welchem sie sich wieder anmelden sollten…Ohne sich umzusehen, wie sie später noch oft erzählten, hatten die Mädchen den Weg zurückgelegt und als sie heim gekommen, wußten sie den Ihrigen viel von der Aussteuer und dem baren Gelde zu erzählen, was man als notwendiges Erforderniss zum Eintritt in das Kloster ihnen zu Bedingung gemacht habe…..
Dieser Gedanke mochte wohl vor Allem eine Neigung eingegeben haben, welche der Jüngling der hübschen Chorsängerin Katharina Götz zugewendet hatte – ein Verhältnis, welches im Jahr 1787 glücklich zur Heirat gedieh.


Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) gemalt von Luzian Reich (senior), ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .

Die jungen Eheleute bezogen ein eigenes aus ihrem wenigen zusammengebrachten Vermögen erbautes Haus, wo am 16. Mai des Jahres 1789 unser Johann Nepomuk, das zweite Kind ihrer Ehe, das Licht der Welt erblickte.

Franz Joseph Schelble

Franz Joseph Donat Schelble (17.02.1762-13.02.1835) wird hier von Lucian Reich als Instrumentenbauer bezeichnet. Er hatte zusammen mit Katharina Götz 14 Kinder.

Eine weitere Anregung und Förderung für strebende Jüngere war, um von unserer Gegend allein zu sprechen, stets auch der fürstlich fürstenbergische Hof. – in der Zeit, von der hier die Rede ist, war es insbesondere die Fürstin Maria Antonie, welche durch Pflege der schönen Künste ein heiteres, genußreicheres Leben um sich schuf. Unter ihrem Mäcenate war in Donaueschingen ein Hoftheater erbaut worden wo durch eigene, so wie aus der Ferne herberufene Kräfte viele jener Zeit entsprosste Meisterwerke dramatischer Kunst zur Aufführung kamen. Vor allem waren es die ewig schönen Produkte des heitern, lebensfrischen Mozart, welche mit Sorgfalt und Liebe einstudiert, auf der neuen Bühne gegeben wurden; und der Eindruck, den diese Leistungen auf den größten Teil des Publikums hervorbrachten, mußte um so größer sein, je weniger man gewohnt war, je etwas Derartiges zu hören und zu sehen.

Maria Antonia Anna von Hohenzollern-Hechingen (10. November 1760 – 25. Juli 1797).

Maria Antonia von Hohenzollern-Hechingen, Fürstin zu Fürstenberg, im Jagdkostüm und mit Gewehr.
Gemälde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß

Das Hoftheater in Donaueschingen war ein Theater der Fürsten zu Fürstenberg, das 1774 in der ehemaligen Reitschule errichtet wurde und am 28. April 1850 abbrannte und daraufhin nicht wieder aufgebaut wurde. Bis dahin wurden Schauspiele und Opern aufgeführt, unter anderem unter der Leitung der Hofkapellmeister Conradin Kreutzer und Johann Wenzel Kalliwoda. (Zu den Anfängen einer „Donaueschinger Musik“ von Hugo Siefert in den Schriften der Baar 69 (2016))

Um dieselbe Zeit (1790) war der Dienst eines Verwalters oder Vorstehers des fürstenbergischen Zuchthauses zu Hüfingen in Erledigung gekommen. – Unter die Zahl der Bewerber gehörte auch der Instrumentenmacher Franz Joseph Schelble. Die Herren Regierungsräte hatten bereits in einer Sitzung einem ihrer Begünstigten die Stimmen gegeben, als der regierende Fürst Joseph Wenzel mit den Worten: “der Klavierlemacher muß die Stelle haben!” darinfuhr und der Debatte ein Ende machte.

Der Fürst Joseph Wenzel Johann Nepomuk starb am 2. Juni 1783 in Donaueschingen. Sein Sohn war Joseph Maria Benedikt Karl Fürst zu Fürstenberg (9. Januar 1758 – 24. Juni 1796), verheiratet mit Maria Antonia Anna von Hohenzollern-Hechingen. Von daher muss der damals “regierende Fürst” Joseph Maria gewesen sein.

Porträt des Joseph Maria Benedikt von Fürstenberg Foto: Wikipedia

Wie sein Vater, Joseph Wenzel, war auch Joseph Maria ein Musikliebhaber – er selbst wird als „talentvoller Klavierspieler“ und seine Ehefrau, Maria Antonie, als „ausgezeichnete Sopranistin“ geschildert. Das Fürstenpaar pflegte die vom Vater angeknüpfte Beziehung zu Vater und Sohn Mozart. 1784 wurde die bisherige Hofreitschule in Donaueschingen zu einem Hoftheater mit über 500 Plätzen umgebaut, wo auch Mozart-Opern aufgeführt wurden. (nach Wikipedia)

Neben der Verwaltungskanzlei ward bald eine Werkstätte eingerichtet, wo in freien Stunden der Verwalter mit einigen Gesellen dem Klavier- und Orgelbau oblag, und dazwischen hinein wohl auch einmal in astronomischen und anderen Uhrwerken sich versuchte. …
Ueber solchen Beschäftigungen waren die Kriegszeiten hereingebrochen, und das geräumige Zuchthaus zu Hüfingen ward zu einem österreichischen Spital eingerichtet….
Nicht lange, so wurde der Kleine ausersehen, bei einer Festvorstellung, welche der Rückkehr des, wegen Kriegsunruhen geflüchteten fürstlichen Hofes galt, im Hoftheater zu Donaueschingen die Bergrüßungsarie zu singen.

Zucht- und Arbeitshaus Hüfingen

Nach dem Kreistagsbericht vom 25.Juli 1715 sollte das Donaueschinger Zucht- und Arbeitshaus zur Aufnahme von mindestens 300 Personen dienen; auch “arme Kinder und Waisen, alte unkräftige Leute, Tolle und Irrsinnige sollten Aufnahme finden, dagegen nicht eigentlich Zigeuner, die den Venetianern ad triremes zu überlassen waren”. (*)

Nach 9-jährige Bauzeit wurde am 7. Oktober 1758 der Bau und die Einrichtung fertig und am 16. Mai 1759 ergeht ein Erlaß an sämtliche Oberämter mit der Anfrage, ob Züchtlinge oder Kinder einzuweisen seien. Am 23. Januar 1790 wurde Franz Joseph Schelble Zuchtmeister. Er war der letzte fürstenbergische Zuchthausverwalter und wurde 1808 in badischen Dienst übernommen. (*)

Am 27. Juli 1809 wurde das Zuchthaus in ein Korrektionshaus umgewandelt und zum Korrektionshausverwalter wurde Zuchtmeister Schelble ernannt.

Alle nach badischen Kriminalgesetzten Verurteilten wurden nach Freiburg abtransportiert. Das Korrektionshaus wurde 1828 aufgehoben. Schelble starb mit 78 Jahren am 13. Februar 1835 und seine Ehefrau Katharina geb. Götz am 4. April 1847 mit 87 Jahren. (*)

1850 diente das Gebäude eine Zeitlang als Kaserne, 1853 als Fürsorgeerziehungsanstalt, die nach dem in der Nacht vom 22./23. März 1853 abgebrannten Kloster in Neudingen den Namen Mariahof führt und seither katholische schulpflichtige Knaben beherbergte.

Postkarte von 1922 aus der Sammlung Dieter Friedt Hüfingen
Postkarte von 1910 aus der Sammlung Dieter Friedt Hüfingen

Das Bauwerk wurde 1972 abgerissen.

*Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Dr. F. Wangener: Aus der Geschichte des Zucht- und Arbeitshauses in Hüfingen

Johann Nepomuk Schelble

Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837) hatte also 12 jünger Geschwister und eine ältere Schwester, Maria Josefa (19.03.1788-12.11.1866). Maria Josefa heiratete Luzian Reich (senior) und war die Mutter von Lucian Reich (der Jüngere). Lucian Reich und Johann Nepomuk Schelbe waren also Neffe und Onkel.

Im Jahre 1800 trat Johann Schelble als Chorknabe in das Kloster Marchtal ein wo er wissenschaftlichen und musikalischen Unterricht erhielt. Als das Kloster 1803 aufgehoben wurde, kehrte er zu seiner Familie nach Hüfingen zurück. In der Stadtmusik Hüfingen spiele er Piccoloflöte und besuchte die Schule in Donaueschingen, wo er an dem kunstliebenden Fürsten von Fürstenberg einen Beschützer fand. 

Fahnenmarsch mit Piccoloflöte von 1819. Datei erstellt durch Loris Gerber, Public domain, via Wikimedia Commons
Édouard Manet: „Der Pfeifer“ von 1866
Foto: Wikipedia

Er hatte den Plan gefaßt nach Darmstadt zu gehen, wo damals der berühmte Abbé Vogler lebte. Teilnehmende Freunde, unter diesen besonders der fürstliche Hofrat und Leibarzt Rehmann und seine Gattin, hatten ihm dazu geraten. Er wollte den Weg über Hechingen nehmen, wo einer seiner früheren Gönner, der fürstenberische Musik- und Rittmeiser von Hampeln, an der Hofkapelle angestellt war. Von dort gedachte er Stuttgart zu besuchen, wo ihm die Landsleute Krebs der Kammersänger und der Galleriedirektior Seele nützlich sein konnten.

Johann Nepomuk Schelble
Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

Also ausgerüstet verließ Schelble im Jahr 1807 Donaueschingen und die Vaterstadt. Über die Reise und seine Ankunft in Stuttgart berichtet ein vorhandener Brief, den wir hier einschalten wollen.

Fortsetzung hier:

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