Lob des Krummwüchsigen

Es ist mir wohl bewusst, dass die Ästhetik nach  einer gewissen strengeren Begrenzung des Begriffes mit Gut und Böse, mit Zweckmäßig und Unzweckmäßig nichts zu tun hat, sondern sich auf das beschränkt, was die Sinne uns übermitteln. (Heinrich von Salisch: Forstästhetik. Berlin 1911)

Der Wald als „Tausendsäulensaal“, bestehend aus schlanken, kerzengeraden und  dicht an dicht stehenden Fichten, hat ausgedient. Dafür hat nicht zuletzt der Klimawandel gesorgt, mit Trockenstress, Käferkalamitäten, Stürmen und Überflutungen nach Starkniederschlägen, aber auch mit neuen Anforderungen der Gesellschaft an den Wald – insbesondere im Hinblick auf seine Funktion als Kohlenstoffsenke. Mit plantagenartigen „Nadelholzfabriken“ ist jedenfalls kein Staat mehr zu machen, so sehr der (Nadel-)Holzmarkt boomt. Im Gefolge der Corona-Pandemie ist auch die Erholungsfunktion der Wälder wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt: Für Zeitgenossen, die an der Kriegsberichterstattung (was für ein altmodischer Begriff aus vermeintlich fernen Zeiten!) oder an der Hektik und den Zumutungen des Alltags zu verzweifeln drohen, die an digitaler Überforderung leiden wie an der fortschreitenden Naturentfremdung, ist der Wald oft letzte Zuflucht und Gegenwelt – wird er zum Psychotop.

So ganz neu und überraschend ist dieser Reflex einer von Krisen gebeutelten Gesellschaft freilich auch wieder nicht; schon Erich Kästner hat ihn auf den Punkt gebracht: 

Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden.
Und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen, doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.

Nicht alle Wälder taugen als Seelentröster, manche bleiben erstaunlich stumm, zumal der großmaschinengerecht erschlossene und „homogenisierte“ Kunstforst, der Wirtschaftswald. Da lobe ich mir den Unterhölzer Wald, das ortsnahe Naturschutzgebiet, vormals Wildpark der Fürsten zu Fürstenberg. Dort haben es mir seit Jahren zwei Buchen besonders angetan, auch wenn ich mich noch nicht dabei ertappt habe, dass ich mit ihnen „wie mit Brüdern“ rede. Ohnehin wäre ja allenfalls „wie mit Schwestern“ zu kommunizieren, gilt die Buche, „Baum des Jahres“ 2022 wie schon 1990, doch als „Mutter des Waldes“. Schon beim allerersten Besuch dort stand für mich fest: Die beiden krummen Baumgestalten scheinen miteinander zu tanzen – so wenig Bäume, bei nüchterner Betrachtung, doch im Stande sind, das Tanzbein zu schwingen. War es ein in Moll gehaltener, Chopin-Walzer, nach dem sich die beiden in meiner Fantasie bewegen oder eher ein heiterer Ringelreigen? Je nach Tages- und Jahreszeit, je nach Gemütsverfassung ließ sich mein Motiv, auch wie es sich über Jahre hinweg im Ordner Buchentanz des heimischen Rechners gespeichert findet, nicht eindeutig einer Stimmungslage zuordnen. Doch die Ästhetik der angedeuteten Tanzbewegung, der Schwung der sich nach außen lehnenden Körper erschien mir von hinreißender Eleganz –  Erlkönigs Töchter (sie wiegen und tanzen und singen dich ein) dürften sich nicht viel verheißungsvoller  bewegt haben.

Zugleich stellt sich – abseits jeglicher Imagination –  dem Forstmann in mir natürlich die Frage nach den natürlichen Ursachen der „Performance“ dieses so augenscheinlich auseinander strebenden wie von einander angezogenen Buchenpaares. Wären die beiden einst am Stammfuß einer herrschsüchtigen Mutterbuche heran gewachsen und hätten sie sich unter deren Geäst und Blätterdach mühsam hervorgekrümmt, so wären ja wohl zumindest noch die vermoderten Andeutungen eines Wurzelstocks zu sehen. Doch der Waldboden zwischen und unter den beiden Tänzerinnen weist keinerlei Spuren davon auf. So bleibt es ihr Geheimnis, wie es zu den Stammverformungen gekommen sein könnte, wo Bäume ansonsten doch stets den direkten Weg nach oben durch den nächstbesten Lichtschacht wählen.

Ästhetik im Wald, Schönheit der Waldnatur findet sich am ehesten noch in geschützten Waldreservaten. Der Autor des 1885 erschienenen Buches „Forstästhetik“, der schlesische Gutsherr und Reichstagsabgeordnete Heinrich von Salisch (s. o.), scheiterte zwar mit seiner Idee, das Fach Forstästhetik in den Lehrplänen der Forstlichen Hochschulen zu verankern, doch seine Motive haben plötzlich wieder an Aktualität gewonnen: Man dürfe nicht erwarten, dass die Bevölkerung einen Wald liebe und schätze, „wenn sie wahrnimmt, dass die Besitzer und berufenen Pfleger des Waldes ihn mit kaltem Eigennutz als Geldquelle ausbeuten unter gänzlicher Missachtung alles dessen, was den Wald eigentlich zum Walde macht.“ Und so ist das Buch ausdrücklich auch der „Schönheit des Wirtschaftswaldes“ gewidmet.

Inzwischen hat mein Buchenpaar leider ausgetanzt. Der letzte Herbststurm hat zugeschlagen und die stammstärkere der Partnerinnen zerbrochen. Wird sich auch künftig noch ein Besuch dort lohnen? Werden Strunk und zerborstener Stamm nächstens zu Brennholz aufgearbeitet und verheizt sein, oder bleiben sie als Totholz stehen und liegen, sodass sie alsbald vom Zunderschwamm besiedelt, von Spechten bearbeitet und schließlich auch wieder dem Nährstoffkreislauf zugeführt werden können – so wie es in intakten Waldökosystemen vorgesehen ist? Gelegentlich werde ich wohl doch wieder vorbeischauen, ihr Beiden.

Unter Klima- und Landschaftsschändern

Der Freiburger Windkraftpionier und Chef der Firma Regiowind Andreas Markowsky hat sich seinen Frust von der Seele geschrieben. Sein im Verlag Klimaneutral erschienenes, 72 Seiten umfassendes Büchlein trägt, von den Tageszeitungen wohlwollend besprochen, den reichlich krawalligen Titel Klimaschänder. Und als solche werden darin alle geschmäht, die sich seinen unternehmerischen Vorhaben, dem Bau von Windenergieanlagen, entgegenzustellen wagen, sie verzögert, gar verhindert haben, ganz gleich ob Behörden, Verbände oder Privatpersonen. „Irgendeiner ist immer dagegen“, so überschrieb der Schwarzwälder Bote (v. 12. Februar 2022) seine Buchbesprechung, Windkraft werde in Baden-Württemberg auf vielen Ebenen blockiert. „Klimaschänder“: allenfalls Grab- und Kinderschänder, impliziert der Buchtitel, mögen es noch schändlicher treiben – wird doch beim Klima nichts Geringeres behindert als die Rettung des Planeten! 

Eigentlich sei ja doch die Zustimmung für Windräder zunächst mit 70 Prozent in der Bevölkerung recht hoch, schreibt Markowsky. „Wenn es aber dann konkret wird“, so zitiert ihn der Schwarzwälder Bote, „und eine Anlage gebaut werden soll, sinkt die Zustimmung auf 50 Prozent. Das liegt daran, dass Menschen grundsätzlich Angst vor Veränderungen haben.“ Da würden sich einerseits Touristiker dagegen stemmen, weil sie angeblich die Gäste vertreiben. „In Gemeinden wie St. Peter oder Freiamt lacht man über dieses Argument, weil es nicht stimmt.“ Noch schlimmer sei häufig die Verweigerungshaltung der Behörden vor Ort, weshalb es „völlig offen“ sei, ob die Ampel-Regierung ihre Ambitionen beim Windkraftausbau durchsetzen könne.

Von St. Peter aus unsichtbar, werden die Windräder über St. Märgen zur Bildstörung

Landschaft verstehen. Industriearchitektur und Landschaftsästhetik im Schwarzwald, so lautet der Titel eines 2005 erschienenen Bildtextbandes, den Andreas Markowsky in Auftrag gegeben hatte. Anlass dafür war damals der Streitfall um zwei Windräder auf der Holzschlägermatte am Freiburger Hausberg Schauinsland; das hierfür erstellte Sachverständigengutachten zur Landschaftsverträglichkeit war so grundlegend ausgefallen, dass es auf Wunsch des Auftraggebers auch in üppig bebilderter Buchform erscheinen sollte. Doch als der Gutachter, der Freiburger Richard Schindler, Künstler und Leiter eines „Instituts für Visual Profiling & Visual Resources Development“, den Band der Öffentlichkeit vorstellte, erntete er damit vorwiegend Unverständnis, Hohn und Spott. Nicht beim Auftraggeber, versteht sich, der Betreibergesellschaft „regiowind Verwaltungs-GmbH“; desto mehr in den Leserbriefspalten: Selbst im Leserforum der (ansonsten eher Windkraft-freundlichen) Freiburger Badischen Zeitung mochte niemand applaudieren. Stattdessen beklagte man sich über die Einseitigkeit von Schindlers „Landschaftsbildanalyse“ und deren künstlerische Schalmeienklänge, auch warnte man vor Übertreibungen der Lobbyarbeit oder gratulierte zur Satire. Die Windkraftanlage als „Glücksfall“ für die Schwarzwaldlandschaft, als „skulpturale Bereicherung“, der Schwarzwald als Spielwiese von LandArt-Künstlern, das war den Lesern denn doch zuviel des Guten.

„Erzwingen die Windkraftanlagen eine Fixierung des Blicks? Verhindern sie dadurch die Wahrnehmung der Landschaft? Lenken sie unsere Aufmerksamkeit auf sich?“ (R. Schindler 2005)

Der Windkraftunternehmer und Autor von Klimaschänder scheint unterdessen nichts dazugelernt zu haben. Dass naturnahe, wenig belastete Kulturlandschaften, zumal Vorranggebiete für Erholung und Ökologie vom touristischen Ruf des Schwarzwalds, in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten  deutschlandweit zur äußerst knappen Ressource, ja, zum absoluten Minimumfaktor zusammengeschrumpft sind, ist bei ihm nicht angekommen. Auch dass, neben Klima-, Biotop- und Artenschutz, auch der Landschaftsschutz ein gesetzlich verbriefter, ja sogar im Grundgesetz (Art. 20a) verankerter  Auftrag ist, kann seinen Furor gegen die „Klimaschänder“ nicht besänftigen. Als ob die Rechtsprechung nicht auch den § 1 Abs. 1 Pkt. 3 des Naturschutzgesetzes zu beherzigen hätte, wo es noch immer heißt: „Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlagen des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten und unbesiedelten Bereich so zu schützen, zu pflegen und zu entwickeln, dass die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft auf Dauer gesichert ist.“ Zugegeben: das Schutzgut „schöne Landschaft“ ist in den immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren von Windenergieanlagen längst zu einem windelweichen Kriterium verkommen. 

Windräder der heutigen Generation sind mit bis zu 250 m Gesamthöhe doppelt so hoch wie der Freiburger Münsterturm – sie natur- und landschaftsverträglich erstellen zu wollen, ist bare Illusion. Darf unterm Vorzeichen des Klimawandels nun dennoch jeder als „Klimaschänder“ verunglimpft werden, wer immer sich in sensiblen, bislang noch wenig belasteten Landschaften mit nachvollziehbaren Argumenten gegen die drohende Verspargelung zur Wehr setzt? Müssen wir deren Industrialisierung (durch Überstellung mit „Industriearchitektur“ gigantischen Ausmaßes) tolerieren, weil wir uns doch quasi bereits in einem übergesetzlichen Notstand befinden, in welchem wir  uns Landschaftsschutz einfach nicht mehr leisten können? 

Der streitbare Andreas Markowsky kämpft gegenwärtig um die behördliche Genehmigung des Repowerings seiner beiden in die Jahre gekommenen Windräder auf der Holzschlägermatte. Die beiden sollen künftig durch eine einzige neue, umso leistungsfähigere Windenergieanlage mit 230 m Höhe ersetzt werden. Dafür sind zwei weitere 245 m hohe Anlagen auf dem Taubenkopf geplant. Jetzt fehlen sie eigentlich nur noch oben auf dem Kamm des Hausbergs – wo die windschiefen Buchen Windmüllern doch schon immer superoptimale Windhöffigkeit angezeigt haben. Doch womöglich würden ihnen auch dort die Klimaschänder wieder einen Strich durch die Rechnung machen wollen.

Wo bleiben nur die Windräder auf dem Kamm des Freiburger Hausbergs?

Jagdwilderei – plötzlich wieder ein Thema

Was einem doch alles durch den Kopf geht angesichts der Berichterstattung über den abscheulichen Doppelmord an einer jungen Polizistin und ihrem nicht viel älteren Kollegen, die frühmorgens zwei Verdächtige kontrollieren wollten. Diese seien mit Ihrem Kastenwagen, wie man liest, am Rand eines wenig befahrenen Sträßchens durch den Landkreis Kusel in der Westpfalz gestanden und hätten so den Verdacht (auf Wilderei?) der auf Streife befindlichen Beamten erregt. Bei der Feststellung der Personalien sei der Polizistin mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen, ihr Kollege mit einem Kugelschuss getötet worden, nachdem sie im Laderaum erlegtes Wild bemerkt hätten. „Kommt schnell, die schießen, die schießen, kommt schnell…“, konnten sie um 4.21 Uhr eben noch funken, während bereits Schüsse gefallen sind.

Wildern – was für ein verstaubtes Genre, mag man spontan denken, wie passt das überhaupt noch in unsere moderne digitalisierte Welt? Wo doch der Wildschütz Jennerwein („er war ein Schütz in seinen besten Jahren, er ward hinweggeputzt von dieser Erd…“) schon längst tot ist, der Archetyp des von der verarmten alpenländischen Bevölkerung heimlich bewunderten und verehrten „Wuilderers“! Und wo doch auch die Notzeiten andere geworden sind.

Doch so gar lange sind Wildererstorys freilich auch wieder nicht her, sie blieben wahrlich auch nicht aufs Hochgebirge beschränkt. Man schlage etwa nach in der Hüfinger Ortschronik aus dem Jahr 1984 (S. 409 f.):

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges stellten sich auch auf der Baar Wilderer in bisher unbekannter Zahl und mit großer Dreistigkeit ein. Den Höhepunkt seines Unwesens erreichte das Wildereiunwesen mit dem Erschießen des sechzigjährigen F.F. Jagdaufsehers Alois Burger aus Hüfingen am Abend des 30. Juni 1921. Dieser Mord erregte die Gemüter der Bewohner der Baar in höchstem Maße.

Auch damals waren die Übeltäter, der Platzwart des F.F. Sägewerks und sein Gehilfe, rasch gefasst (nicht anders als die Kuseler Polizistenmörder, auch wenn die beiden Hüfinger ihre Ausweise nicht am Tatort hinterlassen hatten). Bereits im nämlichen Jahr wurde ihnen unter großer Anteilnahme der Bevölkerung der Prozess gemacht. Der Haupttäter wurde wegen schweren Totschlags, Wilderns und unerlaubten Waffenbesitzes zu 12 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus und zu 10 Jahren Ehrverlust verurteilt, sein Komplize wegen Wilderns und verbotenen Waffenbesitzes zu 1 Jahr und 4 Monaten.

So fragt man sich denn, welche Voraussetzungen eigentlich heutzutage noch immer erfüllt sein müssen, wenn der Tatbestand der Jagdwilderei so verlockend und so ergiebig sein soll, dass Täter noch immer die damit verbundenen Risiken in Kauf zu nehmen bereit sind. Damals, im Fall der Ermordung des Hüfinger Jagdaufsehers, dürften es die horrenden spätfeudalen Rehwildbestände auf den fürstlich fürstenbergischen Jagden gewesen sein – und zweifellos auch die vergleichsweise milde Bestrafung des Wilderns – selbst im Wiederholungsfall.

Wildreichtum, schon immer auch eine Verlockung für Wildere

Im aktuellen Kuseler Fall sollen sich die aus dem Saarland stammenden Täter diesmal freilich in einem Damwildgehege bedient haben. Sage und schreibe 22 (!) Tierkadaver sollen im Laderaum des Täterfahrzeugs entdeckt worden sein. Bei beiden fand man zudem eine Vielzahl von Waffen; ob mit oder ohne Waffenschein und Waffenbesitzkarte müsse erst noch überprüft werden. Beide waren sie nicht vorbestraft, allerdings seien sie in der Vergangenheit bereits den Behörden aufgefallen, der ältere u. a. wegen Jagdwilderei. 

Man stutzt: Wie kann einer jemals wegen Wilderns aufgefallen sein, ohne dafür rechtskräftig verurteilt worden zu sein und ohne dass der Waffenbesitz überprüft worden ist? Immerhin scheint einer der beiden einen schwunghaften Wildhandel betrieben zu haben. Bekannt ist freilich auch, dass die Wilddichte in den rheinland-pfälzischen Wäldern vielerorts verführerisch hoch ist – für Waffenfreunde auch ohne Jagderlaubnisschein gewiss eine permanente Versuchung, zumal wenn beim Wildern nicht nur Schalldämpfer und Scheinwerfer, sondern auch Nachtsichtgeräte zum Einsatz gelangen. Andererseits wird der Wald mittlerweile ja doch auch intensivst überwacht:  Wer immer sich als Weidmann oder Weidfrau auf der Höhe der Zeit wähnt, kommt längst nicht mehr ohne Wildkamera aus. Denn deren Einsatz erspart Zeit, erhöht die jagdliche Effizienz und verspricht vielerlei neue Einblicke ins eigene Revier. Die  waldgrün camouflierte Kamera, gut getarnt angebracht an der Kirrung in Schussweite zur Kanzel, überwacht rund um die Uhr nicht nur das Wild. Sie verzeichnet auch „Beifänge“, ob vier- oder zweibeinige „Eindringlinge“, und erschwert so auch Wilderern ihr schmutziges Handwerk. Allein in Rheinland-Pfalz wird die Zahl der in Wald und Flur im Einsatz befindlichen Wildkameras bereits im Jahr 2014 auf ca. 30.000 geschätzt. Sie dürfte sich längst verdoppelt haben (Dunkelziffer inklusive). Was allemal für den Pfälzer Wald zutrifft, wo derzeit ein wissenschaftlich begleitetes Wiedereinbürgerungsprojekt für Luchse mit einer Vielzahl zusätzlicher Kameras  läuft. Kein Wunder also, wenn Wilderer sich da lieber an Damwildgattern vergreifen.

Ist Jagdwilderei, zumal in wenig wildtiergerechten Gattern, also eher ein milde belächeltes und in der Regel ebenso mild bestraftes Kavaliersdelikt? Und wie halten es die Behörden mit der Einhaltung der Waffengesetze? Wie oft werden die gesetzlich vorgeschriebenen Waffenschränke kontrolliert? Und was muss einer alles verbockt haben, bis ihm der Entzug der Waffen droht? Der tragische Fall von Kusel dürfte auch zum Denkanstoß für Behörden werden.

Fällt die Selbstbedienung im wenig wildtiergerechten Gatter unter Jagdwilderei?

Keine Hiobsbotschaft aus dem Höllental

Die Tanne war wie lebend
In Trauermelodie
Durch alle Fasern bebend
Sang diese Worte sie:

Du kehrst zur rechten Stunde,
O Wanderer, hier ein
Du bist´s, für den die Wunde
Mir dringt ins Herz hinein!

Aus: Justinus Kerner (1786-1862): DerWanderer in der Sägemühle

Es geht nicht gut aus im Gedicht Der Wanderer in der Sägemühle des dichtenden schwäbischen Arztes Justinus Kerner, weder für die Tanne, die in der Sägemühle zerlegt wird, noch für den Wanderer, zu dessen Sarg sich die vier Tannenbretter zusammenfügen lassen. „Trauermelodien“ stimmen derzeit nicht nur die Medien an, wenn es den Zustand der Wälder zu beschreiben gilt; in den Berichten tragen selbst die unlängst noch als klimahart gepriesenen Weißtannen Trauer nach den drei so extremen Trockenjahren, von den Fichten ganz zu schweigen. Da möchte man sich doch auch selbst ein ungeschminktes (weder allzu desolates noch touristisch geschöntes) Bild vom Gesundheitszustand verschaffen: Wie haben die Tannen wohl den Trockenstress überstanden – gar in den blocküberlagerten sommerseitigen Steilhängen des Höllentals? 

Eben dort hatte ich vor vierzehneinhalb Jahren Motive für mein Tannenbuch1 gefunden, fünf Jahre nach jenem trockenheißen Rekordsommer 2003, der nur Weinkennern positiv als Jahrhundertjahrgang in Erinnerung geblieben ist. Wo, wenn nicht hier, müssten die überalterten Tannengreise doch mittlerweile am Darben und Verdursten sein: In den Blockhalden hoch über dem Zinken Posthalde mit seinem einstigen Gasthaus Adler, das zur Hälfte mitsamt der hauseigenen Sägemühle dem vierspurigen Ausbau der B 31 hatte weichen müssen wie auch mit einer Station der Höllentalbahn, wo seit dem Ende der 1970er Jahre kein Zug mehr hält. Und wo, wenn nicht im Henslerwald, im Privatwald der seit dem 17. Jahrhundert hier ansässigen Posthalter- und Gastwirtefamilie Hensler. Das Waldsterben der 1980er Jahre hatten die Tannen, all der Abgasbelastung des nicht mehr abreißenden Verkehrsstroms auf der Bundesstraße zum Trotz, leidlich überstanden wie auch die Orkane der 1990er Jahre. Gewiss, es war auch die eine oder andere Tanne vorzeitig rotbraun und abgängig geworden, wie sich mir der Bergmischwald damals präsentiert hatte, zerzaust auch da und dort von den Stürmen. Sogar die bizarre, uralte Kandelabertanne hatte es zerrissen, die ich hoch oben in der Halde entdeckt und für mein Buchprojekt reserviert hatte.

Kandelabertanne im Henslerwald
Nach dem Orkan Lothar vom 26. 12. 1999

Doch alles in allem schienen mir die Tannen, wie ich sie im Jahr 2008 mit der Kamera  festgehalten hatte, weitaus besser dazustehen als befürchtet. Zwar zeigten die Storchennestkronen vielfach noch die  aus den Jahren des Waldsterbens sattsam bekannten Verlichtungen, doch die Ausfälle hatten sich offensichtlich in Grenzen gehalten – selbst auf den extremsten Standorten der Halde.

Aufnahme vom Februar 2008

Nun also ein erneuter Krankenbesuch, diesmal bei strahlendem Hochdruckwetter im allzu lauen November 2020 und nach einem Jahr, das bereits jetzt einen neuerlichen Wärmerekord seit Beginn der Wetteraufzeichnungen versprach. Den Wagen vor dem lärmumtosten einstigen Gasthaus  abgestellt, die Bergschuhe geschnürt, den Rucksack mit der Kamera geschultert und gemächlich den steilen Schleifweg hochgestiegen, über welchen die Henslers seit vier Jahrhunderten ihre Tannen zur Sägemühle brachten – wie heute noch zum kranbeschickten Holztransporter an der Hofeinfahrt. Die Henslers sind auch diesmal am Holzschleifen, der Senior auf dem Schlepper, der ebenfalls bereits graubärtige Schwiegersohn zu Fuß beim Abhängen und Poltern der Laubhölzer, die sie sich für den Heizbedarf aus dem Hang geholt haben. Vom jüngeren der Beiden möchte ich nach kurzer Begrüßung wissen, wie er die gegenwärtige Lage im Wald einschätzt: „Was machen denn Eure Tannen da oben?“, frage ich ihn, „wie haben sie den Sommer überstanden?“ „Sie stehen noch“, ist seine lakonische Antwort. Worauf ich ihm erkläre, dass ich mich extra ihretwegen mit der Kamera in den Henslerwald aufgemacht habe.

Alsdann klettere ich über die Felsbrocken der Geröllhalde hinweg exakt zur Stelle, von wo aus ich damals, zwölf Jahre jünger und auch etwas geländegängiger noch, fotografiert hatte. Und o Wunder: Gar nichts Dramatisches scheint sich inzwischen ereignet zu haben – die Tannenkronen wollen mir jetzt eher voller und dichter benadelt erscheinen als auf den Fotos von damals! Als ob nicht unlängst erst der Waldzustandsbericht Gegenteiliges vermeldet hätte: Noch nie seit dem Jahr 1984, der Ersterfassung, sei die Benadelung der Baumkronen so schütter gewesen wie gegenwärtig! Gewiss, da oben strecken ein paar Käferfichten ihre dürren Dolden oben heraus, wie sie ja auch auf der Herfahrt bereits das Waldbild der Sommerhänge des Höllentals geprägt und verunziert haben. 

Macht jetzt etwa auch die Weißtanne schlapp? – so hatte ich im Frühjahr 2020 angesichts all der Hiobsbotschaften im forst- und holzwirtschaftlichen Fachblatt2 gefragt? Entsetzt über die Zunahme des Schadholzprozente auch der Weißtannen in den forstlichen Statistiken und über die Waldbilder oberhalb der Stadt Freiburg mit all den braun verfärbten, vom krummzähnigen Tannenborkenkäfer befallenen Weißtannen in den flachgründigen Hanglagen um den Kybfelsen, hatte ich die Befürchtung geäußert, dass nächstens auch mit der Weißtanne kein Staat mehr zu machen sein könnte. Wo sich die Experten der Freiburger Forstlichen Versuchs und Forschungsanstalt beim Thema Waldumbau im Klimawandel doch längst mit Libanonzedern und Douglasien anstatt mit Tannen befassen.

Aufnahme vom November 2020

Doch hier, beim Blick über die Blockhalde hinweg, fasse ich mit einem Mal wieder Hoffnung für diese Baumart, verspüre ich einen neuerlichen Schub an Sympathie, wie sie mich schon ein Berufsleben lang begleitet und für die Weißtanne motiviert hat. Sodass mich nun der Schleifweg dazu verleitet, ihm noch ein ganzes Stück bergauf zu folgen. Im Gegenlicht sind – allem Anschein nach – kerngesunde Tannenkronen zu bewundern mit reichlich Kerzenpracht obendrauf, von der Novembersonne prächtig in Szene gesetzt vor dem schwarzschattigen Gegenhang. Derweil sind am Unterhang die beiden Henslers noch immer am Holzschleifen, weshalb ich, unten angekommen, einen Moment bei ihnen verschnaufe, vielleicht um sie ein wenig teilhaben zu lassen an meiner neu gewonnenen Zuversicht. Was auf freundliche Erwiderung stößt. 

Schließlich, am einstigen Gasthaus „Adler“ wieder angelangt, tritt eben die Henslerin vor die Tür, und wir begrüßen uns recht vertraut, denn nach den zwölf Jahren hat sie mich offensichtlich wiedererkannt. Auf meine Frage, wie denn nun sie den Zustand ihres Walds einschätzt, berichtet sie, kürzlich erst selber den Schleifweg hinaufgestiegen sein: Ob der vielen Dürrständer sei sie erschüttert gewesen! Ob ihr die Weißtannen da oben nicht doch auch Anlass sein könnten für mehr Gelassenheit, hätte ich sie zum Abschied gern gefragt, die gleichmütigen Äußerungen des Schwiegersohns noch im Ohr und die Zapfen tragenden Tannenkronen noch vor Augen – doch dann habe ich die Frage wieder runtergeschluckt. Genug der Hiobsbotschaften und der „Trauermelodien“ nach Justinus Kerner um die Tannen?

1Hockenjos, W.:Tannenbäume. Eine Zukunft für Abies alba. DRW-Verl. 2008.
2Hockenjos, W.: Macht jetzt auch noch die Tanne schlapp? Holz-Zentralblatt v. 17. 4. 2020 Nr.16 S. 303.

Vom Zauber des Tannenholzes

Die Tanne ist mehr warm als kalt und hat viele Kräfte in sich. Denn an welchem Ort auch immer Tannenholz ist, hassen und meiden es die Luftgeister mehr als andere Orte, und schlechter Zauber und Magie haben dort weniger Kraft.

Hildegard von Bingen, Physika III

Die Weißtannenhöhe, den knapp 1200 m hohen Berg zwischen Hinterzarten, Breitnau und St. Märgen, kennen – zumindest dem Namen nach – fast alle, zumal die Skiläufer, die ihn zu Tausenden zu umrunden pflegen und die Fußwanderer, die ihn auf dem Westweg des Schwarzwaldvereins überqueren. Ob sie sich wohl wundern, weshalb da oben nur Fichten und keine Weißtannen wachsen? Untersuchte man das Gebälk des Weißtannenhofs, dem der Wald gehört, käme unter der Ruß- und Staubschicht gewiss Tannenholz zum Vorschein. Bis zu eintausend Festmeter Holz wurden zum Bau eines einzigen Schwarzwaldhofs benötigt. Und wo immer Tannen zur Wahl und in ausreichender Menge wie Stärke zur Verfügung standen, gaben die Erbauer ihr den Vorzug, galt sie doch als haltbarer und wetterfester. Was zeigt, dass der Wald noch im Spätmittelalter sehr viel tannenreicher gewesen sein muss – wie sonst wären Hof und Berg einst zu ihrem Namen gekommen. Doch wo gerodet, geweidet und in der Neuzeit wieder aufgeforstet wurde, verschwand die Tanne, und so findet sie sich heute am ehesten noch in den schwer zugänglichen Blockhalden des Höllentals oder in den wohlbehüteten Klosterwäldern, dem heutigen Staatswald.

Auch die Erbauer des Freiburger Münsters wussten die Tanne zu schätzen. Ob im Dach- oder im Glockenstuhl, für sie kam nur (Weiß-)Tannenholz in Frage. Und das allein schon der benötigten Dimensionen wegen: Die nahezu zylindrische („vollholzige“) Form von Tannenstämmen erlaubte es, Balken jeder Größenordnung zurecht zu beilen und zu sägen. Und wenn die Zimmerleute der Münsterbauhütte heute Balken altershalber zu ersetzen haben, stöbern sie mit Vorliebe im noch immer verwendbaren Abbruchholz uralter Schwarzwaldhöfe herum. Dass die „Luftgeister“ der heiligen Hildegard das Münster an jenem 27. November 1944, im Inferno des alliierten Luftangriffs, verschont haben, dürfte freilich nicht nur dem Tannenholz zu verdanken gewesen sein. 

Tannenholzgebälk im Glockenstuhl des Freiburger Münsters

Klar, dass die Altvorderen sich auch noch darauf verstanden haben, das Bauholz im richtigen Mond und im richtigen Zeichen zu hauen. Wie sonst hätte das Holz so lange schadlos überdauern können. Im Turm der Sulzburger Pfeilerbasilika St. Cyriak, dem ältesten erhaltenen Kirchturm Südwestdeutschlands, fand sich sogar noch ein Balken aus einer im Winter des Jahres 996 n. Chr. gefällten Tanne, wie es die Dendrochronologen ermittelt haben.

Weißtanne für den Innenausbau (Geroldtaler Mühle, Baden-Baden)

Dennoch ist zwischenzeitlich die Fichte zum bevorzugten Produkt der Bauholzsäger avanciert. Die Tanne erlitt ein Minderheitenschicksal: Einzeln beigemischt in den Fichten-Verkaufslosen stört sie nur, denn Weißtannen haben ein anderes Trocknungsverhalten, was den Produktionsprozess verteuert. Weshalb Tannen-Stammholz, allen Vorzügen zum Trotz, ab Wald noch immer mit einem Tannenabschlag belegt wird. Umso mehr Überzeugungsarbeit kostet es die Förster bei der Beratung der Waldeigentümer, einen tannenfreundlichen und damit zukunftsfähigen Waldbau in die Wege zu leiten. Doch das Eigenheim in Holz hat Konjunktur, und die rückläufige Verfügbarkeit von Fichtenholz trägt mit dazu bei, dass mancher Häuslebauer inzwischen auch wieder Wert auf edles Tannenholz legt, nicht nur im Dachstuhl, sondern vermehrt auch im Innenausbau, bei Dielen, Treppen oder Fenstern. „Schwarzwälder Tanne“ hat das Zeug zum Premiumprodukt. 

Wo die Weißtannen überlebt haben: Blockhalde im Höllental

Neuerdings hat auch der Weißtannenbauer wieder Tännchen in seinen Wald gepflanzt, weil er ihn fit machen will angesichts all der klimatischen Unwägbarkeiten. Weshalb die Weißtannenhöhe ihren Namen auch bald wieder zu Recht tragen wird.  

Grenzstein auf der Weißtannenhöhe 1974

Bescherung für Luchsfreunde

Im grün-schwarzen Koalitionsvertrag des Jahres 2021, dem Erneuerungsvertrag für Baden-Württemberg, findet sich das Thema zwar bereits angekündigt. Und doch war es für die Luchsfreunde eine faustdicke freudige Überraschung, dass das so ausdauernd und so kontrovers diskutierte Artenschutzprojekt kurz vor Weihnachten noch konkrete Formen angenommen hat: Unterschrieben vom Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90 Die Grünen Andreas Schwarz MdL und von Reinhold Pix MdL wurde der Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. mit Schreiben vom 21. 12. 2021 mitgeteilt, dass im Haushaltsplan des Landes für das Jahr 2022 eine Summe von 200.000 € zum Anschub eines Bestandesstützungsprojekts zur Verfügung gestellt wurde, sodass dieses nun in drei Phasen umgesetzt werden kann:

  1. Vorbereitungsphase rund 0,5 Jahre (bereits angelaufen) zur Vorbereitung der Hauptphase durch die Freiburger Forstl. Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA);
  2. Hauptphase 4 Jahre – 2022-2026: Klärung und Beschaffung der Tiere in 2022 und 2023 (Findelwaisen, Nachzucht, Wildfänge), sodann Freilassung von Luchsen, Finanzierungsbeiträge durch das Land sowie NGO´s, Patenschaften und Sponsoring;
  3. Nachbetreuungsphase: Daueraufgabe ab 2027, begleitendes Monitoring durch die FVA.

Ziel sei es, damit in den kommenden Jahren in Baden-Württemberg die Rahmenbedingungen für eine überlebensfähige, sich reproduzierende Luchspopulation zu schaffen. Im Zentrum des mitteleuropäischen Verbreitungsgebiets von Lynx lynx europaeus soll nun endlich die weit aufklaffende Lücke geschlossen werden.

Offenbar ist der Durchbruch nicht zuletzt auch ein Erfolg der seit 2020 amtierenden Vorsitzenden der Luchs-Initiative, Verena Schiltenwolf, die ehrenamtlich auch für den Landesnaturschutzverband tätig ist; mit ihrer gewinnenden und vertrauenserweckenden Art hatte sie in der Politik kräftig gepunktet – auch im Dezember noch anlässlich des gut besuchten öffentlichen Teils der (digitalen) Mitgliederversammlung, an dem auch etliche Vertreter aus Politik und Naturschutzverbänden teilgenommen haben. Als Mitglied der (2004  vom Stuttgarter Ministerium für den ländlichen Raum gegründeten) AG Luchs und Wolf habe sie, wie es in dem Schreiben heißt, mit dazu beigetragen, Akzeptanz für den Luchs zu schaffen und wertvolle Expertise einzubringen. 

Womit sie zweifellos erfolgreicher agiert hat als die bislang zumeist mit Forstleuten besetzten Vorstände der Initiative (mit ihrem zumal aus der Sicht der Jägerschaft eher belasteten Image), die sich über drei Jahrzehnte lang vergebens um das nunmehr in greifbare Nähe gerückte Ziel bemüht hatten. Andererseits war es gewiss auch den Schwarzwälder Dickschädeln und Dickbrettbohrern des Vereins zu verdanken, dass der Luchs seit jenem Jahr 1986, als die Idee für das Projekt erstmals aufgekommen war, nie mehr vollends aus den Schlagzeilen und in der jagd- und naturschutzpolitischen Versenkung verschwunden ist. Erst recht ist den Mitarbeitern des Wildtierinstituts der Freiburger FVA zu danken, allen voran Dr. Micha Herdtfelder, für ihre ebenso beharrliche wie professionelle Arbeit. Kurz vor Weihnachten ist es ihnen erst wieder gelungen, einen der seit Jahren in Baden-Württemberg solitär lebenden Luchskuder zu besendern. Ob sie auch ihm nächstens eine Gefährtin zuführen werden?

Was lange währt, scheint endlich gut zu werden – seit Weihnachten 2021 ist ein Happy-End des baden-württembergischen Luchsdramas abzusehen.

Beim Thema Luchs Wort gehalten (Winfried Kretschmann MdL am 13. 4. 1991 in der Heilbronner Stimme)

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„Endlich offiziell Donauquellstadt“, so werden die Donaueschinger am 10. Dezember 2021 auf der Lokalseite der Tageszeitung beglückt. OB Pauly habe von Innenminister Strobl die Auszeichnung im Rahmen einer virtuellen Feierstunde erhalten. Damit werde in besonderer Weise gewürdigt, welchen Stellenwert die Donauquelle seit jeher innehatte. Die Zusatzbezeichnung auf den Ortsschildern der Kernstadt soll nun also dem Highlight im fürstlichen Park weitere Strahlkraft, dem Tourismus der Stadt weiteren Schub verleihen. Vor lauter Stolz ist im Zeitungsbericht fast untergegangen, dass sich nun auch Furtwangen so nennen darf – welch salomonische Entscheidung in Stuttgart! Oder war sie womöglich doch nicht ganz so weise?

Als ob da nicht auch noch eine dritte Stadt ein Anrecht auf die Auszeichnung hätte! Wo doch spätestens seit 1719 klargestellt ist, wo sich die wahre Donauquelle befindet. Friedrich Wilhelm Breuninger hat darüber nicht nur ein umfangreiches Buch geschrieben, sondern auch vor Ort Beweise gesammelt. Sein fraglos etwas sperriger Buchtitel lautet:

Fons Danubii primus et naturalis: Oder die Ur-Quelle Des Welt-berühmten Donau-Stroms Welche In dem Herzogthum Würtemberg und nicht zu Don-Eschingen wie bißhero davor gehalten worden zu sein gründlich behauptet wird, und von wannen der Fluß als von seinem wahren und eigentlich Ursprung an biß zu seinen Ostiis und Aueflüssen unter mancherley Anmerkungen neben zerschiedenen Preliminarien.1

Breuningers Werk war ganz offensichtlich eine Auftragsarbeit: Der junge Geistliche des (seit 1556 evangelischen) Klosters St. Georgen hatte seinem Landesherrn, Herzog Leopold Eberhard von Württemberg-Mömpelgard, den prestigeträchtigen Nachweis zu erbringen, dass die Donau nicht etwa im fürstenbergischen Donaueschingen oder an der Martinskapelle im Vorderösterreichischen entspringt, sondern im Herzogtum Württemberg, genauer: am Hirzbauernhof, wenige Kilometer westlich der Bergstadt St. Georgen. Pech nur für Autor und Auftraggeber, dass per Staatsvertrag von 1810 das württembergische Oberamt Hornberg mitsamt St. Georgen und Ur-Quelle badisch werden sollte.

Friedrich Wilhelm Breuningers Kartenblatt (1719)

Breuningers wichtigstes Beweisstück war – ja was denn nun? – eine Wettertanne, die Gedächtnuß-Danne nämlich. Sie findet sich eingezeichnet auch auf einem von ihm sorgfältigst ausgearbeiteten Kartenblatt, knapp daneben Fons Danubii primus et naturalis, die so postulierte wahre Donauquelle. Diß ist der Baum, so schreibt er in seinem Buch, dessen wir schon oben mehrmal gedacht und das erste übergelassene Wahrzeichen von der Donau- und ihres Nahmens-Ursprung; es stehet selbiger auff der südlichen Seite der (Brigach-)Quelle etwas Ostwärts an dem aufsteigenden Hirtzberg bey 300 Schritt von dem Ursprungsort entfernt.

Der mit der mehrstämmigen Gedächtnis-Tanne offenbar bestens vertraute Verfasser scheint sich zwar durchaus darüber im Klaren gewesen zu sein, dass am Hirzbauernhof in Wahrheit die Brigach entspringt (weshalb sonst hätte er deren Namen in seinem Text in Klammern gesetzt?), doch allein dieses Brigachbächleins wegen, so argumentiert er messerscharf, hätten die Altvorderen doch nie und nimmer eine solche Wettertanne auf ihrem Feld stehen lassen! Sollte nämlich jemand danach fragen, warum der Baum mitten auf dem Acker stehen bleiben durfte und nicht auch, damit er das Land nicht hindere, ausgereutet worden, so bekommt man von den ältesten Leuten die Antwort, dass sie von den Alten gehöret und diese wiederum von ihren Vorfahren. Man habe diesen Baum an diesem Ort als eine vor allen andern schöne und besonders gewachsene Danne zum Gedächtnis stehen lassen, dass nicht weit davon die Donau entspringe und ihren Nahmen in dieser wilden Dannen-Revier bekommen habe.

Ausschnitt: Gedächtnus Danne an der „Donauquelle“ Fons Danuby primus et naturalis (Ausschnitt)

Was, bitteschön, ist – gegen ein solches Wahrzeichen! – die Aufstoßquelle in Donaueschingens fürstlichem Park oder gar das Brünnlein hinterm Kolmenhof auf der Martinskapelle!

Hätten sich die Mitarbeiter von Innenminister Strobl nicht doch etwas gründlicher informieren müssen? Und das, nachdem Breuninger es bei seiner Beweisführung nicht bei dieser einen Tanne belässt, sondern auch noch eine weitere Kronzeugin bemüht, eine zweite Gedächtnis-Tanne:

Die Au-Danne nämlich. Eine gute Viertelstunde oberhalb von St. Georgen beginne das Tal sich zu einer Aue zu weiten, durch welche das Donau-Bächlein herunter fället. Fast am unteren Ende stehe die sogenannte Au-Danne, welche die Alten zu einem Merckmahl als einen gleichfalls extraordinäre schönen Baum von besonderer Höhe und Dicke stehen lassen: welches daraus erhellet, weilen 2 biß 3 Personen in dem Baum stehen können, nachdem er von ohngefehr 20 Jahren durch einen Donnerstreich in seinem Stamm ganz hohl gemacht worden. Welcher Streich aber den Baum noch ferner zu grünen nicht verhindert, sondern nachdem allerhand Gesind durch die Kriegs-Zeiten unterdessen schattichten Schirm sich Tag und Nacht auffgehalten und Feuer darunter angezündet, geriehte er vor wenigen Jahren in eine Flamme, und brannte also der schöne und andere Donau-Gedächtnuß-Baum biß auf den Storren ab und gienge zu grund. Dahero man billich dieses Wahrzeichens hier gedenket und selbiges, weil es an sich selbsten nach und nach zu verschwinden beginnet, von der gäntzlichen Vergessenheit noch einigermaßen zu verwahren.

Das Missgeschick dieses zweiten Donau-Gedächtnuß-Baumes, an dessen hohlem Stammfuß Kriegsgesindel ein Feuer entzündet hatte, sodass leider nur noch der Stumpen übrig geblieben war, hindert den Autor nicht, auch ihn als Beweis für den württembergischen Ursprung der Donau anzuführen. Zumal doch zwei bis drei Personen im hohlen Stamm Platz gefunden hätten. Was zweifelsfrei daraus schließen lässt, dass der Stamm dieser Au-Danne noch erheblich mächtiger gewesen sein muss als jener der Wettertanne des Hirzbauern oberhalb der Quelle. Doch damit nicht genug: Vikar Breuninger versteigt sich in seinem Werk (auf S. 348) sogar zu der gewiss etwas abenteuerlichen Hypothese, der Flussname Donau sei womöglich auf eben diese Aue mit ihrer Tanne, der Dann-Au nämlich, zurückzuführen: Hiervon kann man geben keine gezwungene, sondern die allernatürlichste und deutlichste Derivation des Wortes Donau welches Dannau heißen sollte.

Keltisch-römischer Dreigötterstein

Doch um wie viel überzeugender für seinen Herzog wie für die Nachwelt wäre Breuningers Hypothese von der „Ur-Quelle des „Welt-berühmten Donau-Stromes“ ausgefallen, hätte er nicht nur mit Gedächtnistannen argumentiert, sondern auch noch mit dem über 2000 Jahre alten keltisch-römischen Dreigötterstein? Leider wurde der halt erst 170 Jahre nach seiner Buchveröffentlichung entdeckt – bei der Erneuerung des Küchengewölbes im Hirzbauernhof. Ob die Expedition des römischen Kaisers Tiberius um 15 vor Christus (von der Strabo berichtet: „Tiberius aber sah die Quellen der Donau“) also nicht doch zuvorderst dem Quellheiligtum an Breuningers eigentlicher Donauquelle gegolten hat? Ach, hätten sich dieMitarbeiter im Stuttgarter Innenministerium doch etwas gründlicher vorbereitet

Donauquellstadt St. Georgen? Lassen wir den Stuttgarter Ministerialen doch noch etwas Zeit bis zur Feierstunde mit der dritten Auszeichnung.

In freudiger Erwartung der neuen Auszeichnung: Donauquellstadt St. Georgen

1 Hockenjos, W.: Baumdenkmäler – Vereinnahmung und Gefährdung. Nicht nur im Dienst des Donau-Quellenstreits (Schwäbische Heimat 2019/1, S. 36 ff.)

Und jetzt auch noch der Goldschakal

Ist der Klimawandel schon so weit fortgeschritten, dass nächstens auch mit dem Auftauchen von Hyänen zu rechnen ist? Als ob nicht schon Wölfe und Luchse, die zugewanderten großen Beutegreifer, für genügend Aufsehen und Aufregung sorgen würden, die einen vorzugsweise aus Nordosten stammend, die letzteren aus Süden, aus der benachbarten Schweiz, wo sie anfangs der 1970er Jahren wieder eingebürgert worden waren. Jetzt also auch noch ein Zuwanderer aus Südost (Balkan, Vorderer Orient), von dem die meisten von uns bislang noch nie Notiz genommen hatten.

„Weidetiere statt Raubtiere!“, unter diesem Motto mitsamt einem zähnefletschenden Wolf auf den Plakaten machen Schwarzwälder Höhenlandwirte derzeit Front gegen die Neubürger. Wo sich seit Jahren doch schon die Meldungen über Risse häufen; meist trifft es zwar Rot- und Rehwild, aber eben auch Schafe und Ziegen. Sorgfältigst werden sie von einem Monitoringteam der Freiburger Forstlichen Versuchsanstalt (FVA) dokumentiert, obendrein durch das Frankfurter Senckenberg Forschungsinstitut analysiert, um dann per Kotproben und molekular-genetischem Nachweis den jeweiligen Verursachern zugerechnet zu werden.

Keine Sympathiebekundung an Schwarzwälder Wanderwegen.

Weil heutzutage nicht nur Bahnhöfe und Banktresen, sondern auch Wald und Flur mit einem zusehends engmaschigeren Netz von Kameras überwacht werden, konnte das Stuttgarter Umweltministerium seine aufsehenerregende Pressemitteilung vom 12. 11. 2021 sogar mit einem Fotobeweis garnieren: Es zeigt einen, ja was denn nun – einen Fuchs oder Wolf? Nein: einen Goldschakal, der im Schwarzwald-Baar-Kreis in eine Fotofalle getappt war, einen nachtaktiven Zuwanderer, wie er vereinzelt auch zuvor schon in Deutschland nachgewiesen worden war, der allererste 1997 in Brandenburg.

Doch diesmal war eine Sensation zu vermelden: Im Oktober waren zwischen Schwarzwald und Alb gleich zwei Tiere fotografiert worden, die sich – in Deutschland eine Uraufführung – als Paar identifizieren ließen. Und eine Woche später konnte in einer weiteren Pressemitteilung des Umweltministeriums sogar berichtet werden, dass das Paar bereits für Nachwuchs gesorgt hatte: Am 26. Oktober 2021 hat eine Wildkamera der FVA auch noch einen Welpen ertappt.

Wildtierkamera für die Tag- und Nachtüberwachung von Wald und Flur.

Grund genug für Panik und Raubtierängste, gar für Angst vor einer neuen, vom Klimawandel ausgelösten Migrationwelle? Eigentlich sieht er auf dem Foto doch recht harmlos aus, jedenfalls nicht eben furchteinflößend, sondern eher nach Fuchs als nach Wolf, auch wenn er zweifelsfrei der zoologischen Familie der Hundeartigen zugeordnet ist, wie schon Canis aureus, sein lateinischer Fachname, beweist. Weil die Art, im Gegensatz zu Wolf und Luchs, hierzulande nie heimisch war, sprechen Biologen von einer echten Neubesiedelung Mitteleuropas, jetzt erstmals manifestiert durch den Fortpflanzungsbeweis aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis.

Goldschakal (Foto FVA)

Sein breites Beutespektrum, das vor allem aus Kleintieren und Insekten, aus Aas, bisweilen aber auch aus pflanzlicher Kost besteht, lässt ihn kaum als bedrohlich, gar als Beutekonkurrenten der Jäger in Verdacht geraten. Weder für Tierhalter noch für hiesige Ökosysteme dürfte er so zum Problemfall werden, anders als die vielen durch den Menschen und seine globalisierte Wirtschaft eingeschleppten Neozoen und Neophyten.

Am wohlsten fühlt er sich offenbar in Agrarlandschaften. Dennoch liegt die Vermutung aufgrund seiner heimlichen und zumeist nächtlichen Jagdweise nah, dass in Wahrheit schon sehr viel mehr Goldschakale „undercover“ (so die Süddeutsche Zeitung vom 29. 11 2021) eingetroffen sein könnten als sie bisher nachgewiesen wurden. Noch sind sie nach deutschem Jagdgesetz nicht als jagdbar vorgemerkt, wohingegen Österreich damit bereits vorgeprescht ist. Wohl aber haben sie gemäß europäischem Naturschutzrecht als schützenswerte Art zu gelten, deren günstiger Erhaltungszustand gemäß Flora-Fauna-Habitatrichtlinie (FFH) sicherzustellen ist.

Wie also umgehen mit dem Neuankömmling? Mit Skepsis und Ablehnung, oder mit Sympathie angesichts des weltweiten Artenschwunds und mit Respekt vor seiner Wanderleistung? Für neue -wildbiologische Forschungsprojekte ist jedenfalls gesorgt.

Die Buche – erneut „Baum des Jahres“

Es ist wieder soweit: Im Oktober ist nun auch der Baum des Jahres wieder verkündet worden – zusammen mit einer Vielzahl anderer Objekte zum Jahr 2022. Und wieder ist es die Buche geworden, botanisch korrekt: die Rotbuche (Fagus sylvatica), Deutschlands häufigster Laubbaum. Schon einmal, im Herbst 1989, ist die „Mutter des Waldes“ dazu ausersehen worden. Sollten dem zuständigen Kuratorium, das diese Auszeichnung seit jenem Jahr vergibt, inzwischen die Baumarten ausgegangen sein angesichts der eher schmalen Palette mitteleuropäischer Baumarten? Wo doch die Eiszeiten und das Bollwerk der Alpen die Zahl der vor den Gletschern Zurückweichenden und aus ihren Refugien wieder Einwandernden einst stark reduziert haben – ganz anders als Rocky Mountains und Anden auf dem amerikanischen Doppelkontinent.

Doppelt gemoppelt: die Buche, Baum des Jahres sowohl 1990 als auch  2022 wieder.

Oder gab es triftige Gründe, der bundesdeutschen Gesellschaft diese Baumart ein zweites Mal ans Herz zu legen?  „Die Buche hat zwei wichtige Botschaften in Zeiten klimatischer Veränderungen und extremer Wetterbedingungen“, erklärt uns Stefan Meier, Präsident der Stiftung in einer Pressemitteilung,  „deshalb haben wir uns dafür entschieden, die Art ein zweites Mal zu wählen.“ Zwar gelte sie als äußerst robust, desto schockierender seien die Schäden an den Altbuchen im Trockenstress der drei zurückliegenden Jahre gewesen.

Andererseits gebe es jedoch auch Hoffnung: Selbst wenn dem Altbestand noch so stark zugesetzt worden sei, bedeute das nicht, dass auch die Jungbäume ebenso stark leiden. Die jüngeren Rotbuchen würden sich sogar an die veränderten klimatischen Bedingungen anpassen können. Vor drei Jahrzehnten habe das Waldsterben den Ausschlag gegeben für die Wahl, diesmal der alle anderen Themen haushoch überlagernde Klimawandel.

Waldsterben 2.0: Trocknisschäden an Buchen

1990, wir erinnern uns, war die Waldsterbensdiskussion bereits wieder im Abflauen begriffen, von den Medien schon bald sogar in Anführungszeichen gesetzt als „sogenanntes Waldsterben“, als Indiz heillos übertriebener „german angst“. Schon hatten andere Themen wieder die Schlagzeilen geliefert: die Havarie des Atomreaktors im ukrainischen Tschernobyl oder der Fall der Mauer. Derweil hatten sich im Wald draußen die Orkane Vivian, Wiebke & Co. ausgetobt und in der Forstwirtschaft ein erstes Umdenken eingeleitet, weg von den labilen Nadelholz-Monokulturen, hin zur „naturnahen Waldwirtschaft“, in der auch der Buche wieder ein höherer Stellenwert zugedacht war. War die Gewalt der Stürme womöglich Folge der anthropogen aufgeheizten Wetterküche des Atlantiks? Das waldschädliche Schwefeldioxid (SO₂) des sauren Regens hatte sich durch ein paar Verordnungen zur Entschwefelung der Schlote, die Stickoxide (NOx) durch Einführung des Katalysators wirksam verringern lassen, doch wie sah es mit dem zur Assimilation benötigte, nun aber in Verdacht geratene Treibhausgas Kohlendioxid (CO₂) aus? Im Vergleich mit den globalen Bemühungen um ein Verdikt fossiler Verbrennung war die Reduzierung des Schwefeldioxids ja fast ein Kinderspiel gewesen.

Der Brocken: Fluch der reinen Fichtenwälder.

Neuerdings, nach drei Jahrzehnten, ist das Waldsterben plötzlich wieder aus der Versenkung hervorgeholt worden, diesmal als Waldsterben 2.0 nach drei trockenheißen Sommern mit wahrhaft spektakulären Schäden, von denen insbesondere die Nadelhölzer betroffen waren, vorneweg die Fichten, die zudem von Borkenkäferkalamitäten heimgesucht worden sind. Aber auch die Laubbäume, nicht zuletzt die Buchen, wiesen plötzlich enorme Trocknisschäden auf, zumal auf sonnenseitigen und flachgründigen Standorten sowie nach holzerntebedingten Auflockerungen des Kronendachs, erst recht entlang von Kahlschlägen.

Wo Bäume verdursten, weil der Wasserhaushalt der Wälder in Unordnung geraten ist, gewinnt der Winterniederschlag an zusätzlicher Bedeutung. Kein Wunder, dass in der heftig entbrannten Diskussion um die Widerstandskraft (Resilienz) der Waldökosysteme in Zeiten des Klimawandels und um die fällige Anpassung der Waldwirtschaft die Beimischung winterkahler Baumarten, wie auch die Bevorzugung reiner Laubwälder immer lauter gefordert wird. Denn deren Kronen fangen Schnee und Regen nun einmal weniger ab und transpirieren auch nicht den Winter über wie immergrüne Nadelbäume. Der Blattabwurf bekommt auch den Waldböden mitsamt der unterirdischen Mikrobenwelt besser als die sauere Nadelstreu von Fichten. Was wiederum den Mykorrhizapilzen an den Feinwurzeln der Bäume zugute kommt, die für deren Wasser- und Nährstoffversorgung zuständig sind. Auch die schwammartige Wasserrückhaltefähigkeit der Wälder verbessert sich so, ein entscheidender Vorteil angesichts katastrophaler Starkniederschläge. Womit sie letztlich auch mehr CO₂ zu speichern vermögen, sofern nicht alsbald wieder ein Sturmwurf oder gar ein Kahlschlag droht, Ereignisse, die das Treibhausgas (auch als noch klimaschädlicheres Methan und Lachgas) wieder in die Atmosphäre entlassen. Wo es dies zu vermeiden gilt, sind Schatten ertragende Buchen, aber auch Weißtannen mit ihrer milden Streu und ihrem tiefer reichenden Wurzelwerk, wie sie für ungleichaltrige Bergmischwälder charakteristisch sind, zweifellos im Vorteil; allemal erfüllen sie die den Wäldern zukommende Funktion als Kohlenstoffsenken (mit 8 bis 10 Tonnen je Jahr und Hektar) besser als die „Holzfabriken“ gleichwüchsiger Nadelbaumbestände. 

Unstrittig ist, dass Deutschlands Wälder ursprünglich zu weiten Teilen von der Buche beherrscht wurden, während Fichten und Kiefern, die im heutigen Wald noch immer dominieren, einst nur auf wenigen Sonderstandorten (an Moorrändern, auf Fels und in den höchsten Waldlagen) zuhause waren. Weil das Land Verbreitungszentrum der Rotbuche ist, wurden 2011 fünf deutsche Buchenwaldgebiete zu UNESCO-Weltnaturerbe erklärt. Umso lebhafter beklagt die Naturschutzseite allzu bescheidene Laubbaumanteile in den Wirtschaftswäldern, vor allem aber das Fehlen alter Wälder mit starken Dimensionen und hohem Totholzanteil. Die Forstwirtschaft ernte das Laubholz viel zu früh, sodass Spechte, Höhlenbrüter und holzbesiedelnde Pilze (wie der für Buchenwälder charakteristische Zunderschwamm) nahezu chancenlos sind. 

Umgekehrt argumentiert die Forstseite, dass nicht zuletzt der vom Holzmarkt und der Möbelbranche verschmähte Rotkern der Buchen zu frühzeitigem Einschlag zwinge, und auch die vollmechanisierte Holzerntetechnik verweigere sich bei allzu starken Dimensionen. So bleibt es einstweilen bei viel zu wenigen Waldreservaten, in denen die Bäume alt werden dürfen, wiewohl die Bundesregierung bereits 2007 in ihrer „nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ (Biodiversitätsstrategie) bis 2020 fünf Prozent unbewirtschaftete Waldwildnis als Ziel vorgegeben hatte.

Im „Mehrgenerationenhaus“ des naturnahen Bergmischwalds (Bannwald Zweribach).

Die Waldwirtschaft verzeichnet indessen, seit die Schadholzberge abgetragen sind, einen boomenden Nadelholzmarkt mit kräftig steigenden Roh- und Schnittholzpreisen, denn der (Nadel-)Holzbau wird zusehends attraktiver seit im Klimawandel auch die CO₂-Bilanz der Baustoffe hinterfragt und damit auch vermehrt „Nadelholz der kurzen Wege“ aus heimischen Wäldern verlangt wird. Zugleich fördert der globalisierte Markt den Bauholzexport nach USA und China und heizt so den Boom weiter an – sehr zur Freude der küstennahen Großsägewerksbetreiber und des Holzhandels. 

Kein Wunder also, dass die Bevorzugung von Buchen- und Mischwäldern an Stelle von reinen Nadelholzplantagen nicht überall auf Gegenliebe stößt. Befürchtet wird eine Verknappung des Bauholzes je mehr Waldökologen und Klimaschützer das Sagen haben werden. Dabei ist längst klar, dass auch in der Waldwirtschaft neue Prioritäten gesetzt werden müssen; dass es gilt, den Wasserhaushalt und die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern durch Unterlassung von Kahlschlägen und Förderung der Laubbaumbeimischung. Vor exakt 100 Jahren hat der Eberswalder Waldbauprofessor Alfred Möller (1860 – 1922) seine revolutionäre Dauerwald-Idee in den forstwissenschaftlichen und -wirtschaftlichen Diskurs eingebracht und damit heftige Auseinandersetzungen ausgelöst. Nie war seine Forderung nach sich selbst erneuerndem Wald an Stelle von ackerbauartig bewirtschaftetem Forst, nie war seine ökosystemare Sichtweise zeitgemäßer als unterm Vorzeichen des Klimawandels – wie geschaffen auch für die nachhaltige Förderung des Baums des Jahres 2022.

Die Zwei-Prozent-Legende

Parteiübergreifend sind sich inzwischen fast alle einig – vor wie nach der Bundestagswahl: Nach dem beschlossenen Ausstieg aus Kohle, Öl, Erdgas und vorneweg aus der Kernkraft, dem im Ausland mit Skepsis beäugten deutschen Sonderweg, müssen es jetzt die regenerativen Energieträger allein richten, allen voran Fotovoltaik und Windenergie. Was jedoch nicht heißen soll, dass jeglicher Widerstand speziell gegen den Ausbau der Letzteren jetzt endgültig abgeflaut wäre. Die rund eintausend Bürgerinitiativen werden in den Medien zwar nahezu unisono als „NIMBY-“(not-in-my-backyard-)Egoisten abgetan, als St. Floriansjünger, die vor dem Wohnzimmerfenster halt partout keine sich drehenden Rotoren mögen – und sich deshalb nach Einschätzung der Befürworter und Betreiber mit Vorliebe hinter Arten- und Landschaftsschutzargumenten zu verschanzen pflegen. Und doch ist es ihnen selbst im Grün-regierten Baden-Württemberg bislang oft genug gelungen, die Genehmigungsverfahren so gründlich aufzumischen und zu verzögern, dass der Zubau mit Windrädern fast zum Erliegen gekommen ist. Sechs Jahre dauere im Schnitt die Genehmigung eines Windrads, so wird geklagt. Umso einhelliger waren im Wahlkampf die Forderungen nach Entbürokratisierung, Entfesselung und Beschleunigung der Verfahren, gar nach Beseitigung des Verbandsklagerechts. Denn dass der Stromverbrauch bereits heute rasant ansteigt und mit der E-Motorisierung, erst recht mit der (grünen) Wasserstoffproduktion ins Unermessliche anwachsen wird, ist längst unübersehbar.

Was bleibt da anderes übrig, als eine Vervielfachung sowohl der Fotovoltaik auf Dächern und Grünflächen als auch der Windenergieanlagen zu fordern. Derzeit wird die Anzahl der Windräder bundesweit auf ca. 30.000 geschätzt – und schon diese scheinen vielerorts Leidensdruck zu erzeugen. Nächstens werden es etliche Hunderttausend sein müssen, wenn in der Industrienation Deutschland nicht Blackouts drohen und die Lichter ausgehen sollen. Doch selbst mit noch so vielen Windparks werden winterliche „Dunkelflauten“ nicht gänzlich zu vermeiden sein, sofern uns nicht umgehend mit französischem Atom- und/oder tschechisch-polnischem Braunkohlestrom ausgeholfen wird, denn ausreichende Speichermöglichkeiten des volatilen Stroms sind bis in ferne Zukunft nirgendwo in Sicht.

Grundlastfähige Energieversorgung hin oder her: Mit nichts begegnet man Zweiflern derzeit häufiger, als mit dem Argument, es würden dazu ja nur zwei Prozent der Landesfläche benötigt. Was es jetzt brauche, so tönte erst unlängst wieder der Präsident des Bundesverbands Windenergie, Hermann Albers, vor der Bundestagswahl, sei ein starker Impuls des Bundes für die Flächenbereitstellung. Ein Flächenziel von mindestens zwei Prozent für die Windenergie an Land sei im Raumordnungsgesetz überfällig; dies werde die Bundesländer binden und Flächenpotenziale mobilisieren.

Zwei Prozent – es wäre doch gelacht, wenn diese Zielmarke in Deutschland nicht zu realisieren, nicht zu verschmerzen wäre! Wo es doch jetzt ums Ganze geht, um die Notbremsung des galoppierenden Klimawandels. Mit Flächenziel gemeint sind freilich nicht etwa die Vorrangflächen für Windenergienutzung, wie sie die Kommunen per Flächennutzungsplanänderung bereits anfangs des Jahrtausends auszuweisen hatten. Denn deren Flächenanteil dürfte die Zweiprozent-Schwelle bereits heute um ein Vielfaches überschreiten. Die Rede ist wohl eher vom Flächenbedarf der Baustellen von Windenergieanlagen: im Wald, wie die Erfahrung zeigt, ca. 1 Hektar je Windrad inklusive der „Zuwegung“. Doch ist es damit wirklich getan angesichts von bis zu 250 m hohen Windenergieanlagen? Als ob nicht zwingend auch Nah-, Fern- und Suggestivwirkung in der Landschaft mit einzubeziehen und zu bewerten wären! 

Wer durch Deutschland reist, kann mittlerweile ein Lied singen vom Ausmaß der landschaftlichen Belastung durch die Windenergie. Gewiss, man fährt dabei auch durch Landstriche, für die der Sammelbegriff Landschaft an Euphemismus grenzt angesichts all der Verkehrsachsen und all der Ödnis von Agrarindustrie oder Zersiedelung: Doch sind es dann – gottlob –  zumeist ja auch vergleichsweise windhöffige Kultursteppen, die durch nichts mehr zu verunstalten sind, egal wie viele Windparks dort zusätzlich noch geplant sein mögen – nichts also wie hin damit! Zugleich aber durchquert man geschlossene Waldgebiete und bislang noch leidlich intakte naturnahe Kulturlandschaften, die nun mit den Giganten überstellt werden, womit das Landschaftsbild horizontweit befrachtet wird – und dies selbst in Naturparks und Landschaftsschutzgebieten. Auch im Schwarzwald, der touristischen Vorrang- und Vorzeigelandschaft mit ihrem weltweiten Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad, wo sich schon zu Beginn des Jahrtausends die ersten WEA-Widerstandsnester zusammengefunden hatten, schweift der Rundblick etwa vom Aussichtsberg Kandel bei klarer Sicht inzwischen über mehr als 30 Windräder hinweg. In dunstiger Ferne sind sie als dünne weiße Stifte im Grünblau der Wälder auszumachen, doch schon auf mittlere Distanz mitsamt den sich drehenden Rotoren, die den Blick suggestiv auf sich ziehen – weg vom erhofften Landschaftserlebnis pur.

1.000 (!) WEA sollen in Baden-Württemberg jetzt zusätzlich errichtet werden, des leichteren Zugriffs wegen im Staatswald. So steht es im neuen Koalitionsvertrag von Grünen und CDU. 

Es ist ein Ziel, das einen schaudern lässt – auch wenn im Moment nur noch von 500 WEA die Rede ist! Denn damit müsste im windschwächsten Bundesland jede auch nur halbwegs windhöffige Plateaulage und jeder Bergrücken bestückt werden. Adieu Arten- und Landschaftsschutz, adieu Tourismus! Dies – wohlgemerkt – zu einem Zeitpunkt, an dem in Erfurt die Regierungskoalition (unter Einschluss der Grünen) den Wald als Standort für Windräder kategorisch ausgeschlossen hat – nicht zuletzt aus Angst vor einem weiteren Anwachsen der AfD-Opposition! Im Bundestagswahlkampf war es fast ausschließlich den Rechtspopulisten vorbehalten geblieben, Kritik an der „Verspargelung“ zu üben. Und jenseits des Rheins, im beginnenden Wahlkampf um die Präsidentschaft, tun es ihnen die Nationalisten unter Marine le Pen gleich. Als ob nicht schon im Jahr 2018 eine Repräsentativumfrage im Auftrag der Deutschen Wildtierstiftung das Ergebnis erbracht hätte, dass knapp 80 % der Befragten Windenergieanlagen im Wald abgelehnt haben.

Die Landschaft, so steht es noch immer im Naturschutzgesetz, ist in ihrer Vielfalt, Eigenart und Schönheit auch wegen ihrer Bedeutung  als Erlebnis- und Erholungsraum des Menschen zu sichern. Erholungslandschaft, Landschaftsästhetik, das als wohltuend „schön“ empfundene Landschaftsbild, damit haben sich die Umweltverbände bekanntlich schon immer recht schwergetan – da viel zu gefühlsbetont, zu wenig rational, zu wenig wissenschaftlich. Dabei hat die Forderung ja sogar Verfassungsrang, steht sie doch auch im Grundgesetz Art. 20a. Und in jeder Schutzverordnung eines Landschaftsschutzgebiets findet sich unter § 4 Verbote nach wie vor der Passus: Verboten sind alle Handlungen, die dem Schutzzweck zuwider laufen, insbesondere, wenn dadurch das Landschaftsbild nachhaltig geändert oder die natürliche Eigenart der Landschaft auf andere Weise beeinträchtigt wird oder wenn dadurch der Naturgenuss oder der besondere Erholungswert der Landschaft beeinträchtigt wird.

Leben wir angesichts des Klimawandels bereits im quasi-übergesetzlichen Notstand, in welchem wir uns „Luxusprobleme“ wie die Unversehrtheit der Landschaft halt einfach nicht mehr leisten können und uns notfalls eben auch über die gesetzlichen Bestimmungen hinwegsetzen müssen? Alles wäre so einfach, wenn sich die Industrialisierung der Landschaft mit Windenergieanlagen tatsächlich auf zwei Prozent der Landesfläche beschränken ließe –  die heillos verhunzten, doch leidlich windhöffigen Landstriche wären rasch gefunden. Doch schon sind Studien im Umlauf, breit gestreut vom Bundesamt für Naturschutz (BfN), die den doppelten Flächenbedarf unterstellen unter dem Motto „Mehr Flächen für Windenergie – natur- und landschaftsverträglich verteilt“. Eine Studie der Uni Hannover geht, unter Einrechnung „des mittleren Raumwiderstands der Windkraft“, bereits von 4 Prozent aus, ohne dabei auch nur anzudeuten, was dies in ihrer Komplexwirkung für Folgen haben wird – zumal in sensiblen, noch halbwegs intakten Kulturlandschaften. Die Zweiprozent-Legende entpuppt sich so als Beschwichtigungs-, ja, als Täuschungsversuch. Per E-Motor, mit maßvollem ökologischem Fußabdruck und guten Gewissens werden wir nächstens überall hinreisen können; doch es wird sich, wie es einst schon der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz vorformuliert hat, nicht mehr lohnen, dort anzukommen.

Im schönen grünen Bergmischwald,
wo heut Touristen wandeln,
da werden Windturbinen bald
den Wald vollends verschandeln.
Dann hält sich,
wer auch kommen mag,
die Augen zu und Ohren
zum Schutze gegen Schattenschlag
und rauschende Rotoren.
Die Landschaft, die uns teuer war,
ist leider nicht erneuerbar.

nach M. Lieser, 2018

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