Finanzminister und Bauer auf dem Waldvogelhof

IN SERVIENDO PATRIAE CONSUMOR1 (Inschrift auf dem Grab von Hermann Robert Dietrich, Vizekanzler des Deutschen Reiches, auf dem Friedhof von St. Märgen)

Ministerliches Ferienhaus „Waldvogelhof“

Wer auf dem schmalen, bei Gegenverkehr recht abenteuerlichen Sträßchen von Wildgutach flussaufwärts bis Dreistegen und weiter durchs Hexenloch oder in Richtung St. Märgen-Glashütte unterwegs ist, wird knapp hinter der Einmündung des Steinbachtals, jenseits der Wilden Gutach vom Anblick eines stattlichen Walmdachhauses überrascht: vom Waldvogelhof. Der will hier, in der Enge des zu allermeist dicht bewaldeten, von Touristikern gern als wildromantisch verklärten Tals, eigentlich nicht so recht her passen, denn von Landwirtschaft kann in den Steilhängen schon längst keine Rede mehr sein. Die geschlossenen grünen Fensterläden lassen vermuten, dass das Haus nur selten noch bewohnt wird, und auch Wochenendler dürfte es nicht allzu oft hierher verschlagen. Immerhin pflegt noch jemand die Wiese ums Haus. Der Wald auf der Winterseite des Tals zeigt sich indessen mit einem Mal in gänzlich unromantischer, ja besorgniserregender Verfassung – nirgendwo sonst an den Hängen zwischen Bleibach und dem Zinken Glashütte, das langgezogene Simonswälder- und weiter das Wildgutachtal herauf, hat der Borkenkäfer so heftig gewütet wie hier; er hat einen Wald voller Fichtengerippe hinterlassen.

Was für ein Glück, dass da und dort wenigstens noch ein paar Weißtannen und Buchen überlebt haben!

Geschädigt ist offensichtlich nicht alter Hofwald, nicht ursprünglicher Bergmischwald bestehend aus Weißtannen, Buchen, Fichten und Bergahorn, betroffen sind vielmehr vor allem Fichtenaufforstungen auf ehemaligen Weidfeldern. Was Rückschlüsse erlaubt auf die einstige Besiedlungsdichte im Tal und was dazu reizt, sich wieder einmal im heimischen Bücherschrank umzusehen. Und siehe da: es lassen sich auf Anhieb ein paar Quellen finden, so die (unveröffentlichten) Erinnerungen des Vaters Fritz Hockenjos2, von 1947 bis 1976 Forstamtsleiter in St. Märgen, oder der Beitrag seines Amtsnachfolgers Dr. Elmar Klein3 im Jubiläumsband 900 Jahre St. Märgen und nicht zuletzt die Schrift von Max Braun4 Löcher und Döbel um Dreistegen – Wie es früher war im Hexenloch.

Wo der Fichtenborkenkäfer wütet

Dass die Steilhänge auch im Wildgutachtal tatsächlich noch bis nach der vorletzten Jahrhundertwende von einer erstaunlichen Anzahl von Höfen landwirtschaftlich genutzt worden sind, diese heute kaum mehr vorstellbare Vergangenheit der „Löcher und Döbel“, hat der Neukircher Max Braun – teilweise noch als Zeitzeuge – anschaulich dokumentiert. Der Waldvogelhof, erfährt man da, sei benannt nach seinen früheren Besitzern und um die vorletzte Jahrhundertwende an den Sternenwirt von Obersimonswald verkauft worden – zusammen mit etlichen weiteren Höfen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg habe man ihn jedoch abgerissen. Rätselhaft bleibt, wie der Wirt überhaupt so vermögend und so liquid werden konnte, dass er in der Lage war, Hofgüter aufzukaufen. Sein in einer Kehre der (1855 fertig gestellten) nach Furtwangen hinauf führenden „neuen Poststraße“ erbautes Gasthaus Zum Sternen war obendrein 1913 abgebrannt und musste wieder aufgebaut werden. Sollte er beim Erwerb der oft genug „verganteten“ (verschuldeten) Höfe womöglich als Strohmann gedient haben, sollte da getrickst worden sein, um anderen potenziellen Kaufinteressenten, etwa dem großherzoglichen „Domänenärar“, zuvorzukommen? Sicher ist jedenfalls, dass der Sternenwirt seine frisch erworbenen Besitztümer kurz nach dem Ersten Weltkrieg wieder veräußert hat. Käufer war diesmal die Kehler Papier- und Zellstofffabrik Trick (nomen est omen!), die sich so ihre Rohstoffbasis, die zu Zellstoff zu verarbeitenden Holzvorräte des Wildgutachtals, zu sichern und zu erweitern trachtete.

Eine der vier Töchter des Fabrikanten Ludwig Trick, Elisabeth, hatte die neuen Wildgutacher Besitzungen übertragen bekommen. 1920 heiratete sie den Juristen und Bürgermeister von Kehl, sodann auch Konstanzer Oberbürgermeister, den Landtagsabgeordneten und badischen Außenminister Dr. Hermann Robert Dietrich (1879 – 1954), von 1920 bis 1932 u. a. Reichsfinanzminister und Vizekanzler, somit einen der bedeutendsten Politiker der Weimarer Republik.

Hermann Dietrich

1922 ließ der Minister sich auf dem Hausplatz des abgerissenen Waldvogelhofs ein Ferienhaus in landschaftstypischer Walmdach-Bauweise erstellen. Richtfest hatte man – wo sonst wohl? – im Sternen gefeiert; woran sich der Autor Max Braun noch besonders lebhaft erinnert, denn er hatte selbst beim Hausbau mitgeholfen, sodass er sich fortan rühmen durfte, mit einem Minister zu Tisch gesessen zu sein.

Bereits nach drei Jahren verstarb Dietrichs Ehefrau Elisabeth allerdings kinderlos. Sie hinterließ ihrem Mann ein Millionenvermögen, was den dazu in die Lage versetzte, weiterhin Höfe aufzukaufen (den ehem. Streiferhof, den Bruhansen- und den Hirzbühlhof sowie das Dreidöbel- und das Felsenhäusle und das Anke-Gregorigut) und so seinen Besitz zu arrondieren.

In zweiter Ehe heiratete der „Minister, Vizekanzler und Bauer in Wildgutach“, wie er sich selbst gerne zu nennen und zu inszenieren beliebte, Marta, die Witwe des Religionsphilosophen Ernst Troeltsch (1865 – 1923), die ihren (von Dietrich später adoptierten) Sohn Ernst mit in die Ehe brachte. Hermann Dietrich, in Oberprechtal geborener Pfarrerssohn, war zeitlebens Mitglied, auch Vorsitzender demokratisch-liberaler Parteien. Im „Dritten Reich“ blieb er wohl vorwiegend abgetaucht in seinem Ferienhaus unten an der Wilden Gutach, danach bevorzugte er bisweilen den Hirzbühlhof oben auf der aussichtsreicheren Mooshöhe mit Blick auf die St. Märgener Marienwallfahrtskirche (wo er sich auch sein Grab wünschte). Er galt unter den Einheimischen als umgänglich und leutselig, was sich vor allem in seinem guten Verhältnis zu den Einheimischen, zur Forstverwaltung und zu den Waldarbeitern niedergeschlagen hat. Manch einer kreidete ihm jedoch auch an, dass er in der Regierung Brüning mit seiner Deflationspolitik die Arbeitslosenzahlen explodieren ließ und so die Machtergreifung durch die Nazis befördert habe.

In den Nachkriegsjahren besuchte er nicht selten das (2005 aufgelöste) Forstamt in St. Märgen, gern „zu einer Tasse Kaffee und angeregter Unterhaltung“, wie sich der Vater erinnert. In Waldbewirtschaftungsfragen habe er sich freilich exklusiv von seinem Freund, dem Karlsruher Forstpräsidenten Zircher, beraten lassen.

Seinen Adoptivsohn Ernst Troeltsch, auch er wird als liebenswerter Mensch beschrieben, hielt es nicht lange im engen Wildgutachtal. Er verkehrte lieber in Rennfahrerkreisen, wo er auch seine Frau Rita, eine Italienerin, fand, die ihm Zwillinge schenkte, damit dem alten Dietrich, der sich inzwischen um den Wiederaufbau der Parteienlandschaft im Nachkriegsdeutschland bemühte, zwei Adoptivenkel. Diese bestimmte er in seinem Testament zu Universalerben, bis zur Volljährigkeit ihren Vater (den Adoptivsohn und Autorennfahrer) Ernst Troeltsch zum Verwalter des Erbes. Einer Hermann-Dietrich-Stiftung hatte er „ein Drittel des Reinertrags aus dem Wald“ vermacht; dessen forstliche Betreuung übertrug er „dem Forstmeister in St. Märgen“. Was dieser als besonderen Vertrauensbeweis verstand, sodass er sich mächtig ins Zeug legte, um in dem durch Wege gänzlich unerschlossenen Steilhang dennoch einen respektablen Reinertrag zu erwirtschaften. Aus der Sicht von Rita Troeltsch, die nach dem Suizid ihres Mannes allein das Sagen hatte, erbrachte der Wald aber wohl bei Weitem nicht genug. Weshalb sie sich an die Freiburger Forstdirektion wandte und dort erreichte, dass die Betreuung dem Nachbarforstamt Furtwangen übertragen wurde – aus Gründen, die dem Vater nie mitgeteilt worden sind. Wie er in seinen Aufzeichnungen gestand, fühlte er sich noch nach Jahrzehnten in seiner Berufsehre verletzt.

Auch wenn Hermann Dietrich, der Reichsfinanzminister, die Ertragsfähigkeit seines Waldes wohl krass überschätzt hatte, seine Stiftung, die laut Satzung Stipendien für Doktoranten der Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Freiburg und Heidelberg vergibt, existiert noch heute. Das Stiftungsvermögen „Wald“ wurde allerdings alsbald durch einen einmaligen Geldbetrag abgelöst, nachdem sich die Einsicht durchgesetzt hatte, dass das Waldgut wegen der zu erwartenden horrenden Kosten für den zur Holzernte erforderlichen Wegebau nie und nimmer einen nennenswerten Ertrag würde liefern können. Und so blieb der von der krisenanfälligen Fichte dominierte Wald in weiten Teilen unbehandelt. Spätestens der Hitze- und Trockenstress der Sommer 2019-21 führte zu einer massiven Ausbreitung der Käferschäden. Zwar bemühte sich das zuständige Forstamt verzweifelt, der Kalamität Herr zu werden, man baute eilends noch einen Abfuhrweg in den Steilhang, um per Seilkran Abertausende von Festmetern Käferholz noch rechtzeitig ernten und vermarkten zu können ehe es vollends wertlos war. Doch um die weitere Vermehrung und Ausbreitung der Borkenkäfer zu unterbinden, war es bereits zu spät.

Und noch etwas anderes hatte sich im Troeltsch-Wald weithin ungebremst vermehrt – und das bereits seit Jahrzehnten: Das Reh- und zudem das Gamswild. Was dem 120 ha umfassenden Eigenjagdbezirk des Waldvogelhofs gar nicht gut bekommen sollte. Jagd und Politik haben zwar schon immer zu den merkwürdigsten Verquickungen geführt, auch schon vor Reichsjägermeister Göring oder Stasi-Chef Mielke: Ob freilich Reichsfinanzminister Dietrich einst selbst gejagt hat oder jagen ließ auf seiner Jagd, darüber schweigen sich die Quellen leider aus. Im Beitrag von E. Klein, dem Amtsnachfolger des Vaters, wird lediglich erwähnt, dass nach seinem Ableben einer der mit der Stiftung eng verbundenen Professoren „jährlich einen bezahlten Rehbock-Abschuss in St. Märgen beantragte“, was zur Effizienz der Stiftung beigetragen habe. Umso mehr scheinen jagdliche Motive und Gepflogenheiten die waldwirtschaftlichen Ambitionen der Dietrich-Nachfahren überlagert zu haben. Was nicht nur dazu beigetragen haben mag, dass die Walderschließung weiterhin vernachlässigt wurde (um allfällige Störungen bei der Jagd zu minimieren?), sondern dass darüber hinaus auch der längst fällige Umbau der labilen Fichtenbestände in einen stabileren Mischwald durch zunehmenden Wildverbiss verhindert worden ist.

Auch wenn die Hermann-Dietrich-Stiftung nun schon lange nicht mehr vom Waldertrag des Waldvogelhofs profitiert: das Wildgutachtal wäre den geförderten Stipendiaten, den Freiburger und Heidelberger Doktoranten der Wirtschaftswissenschaften, als ein überaus lohnendes Ziel allemal zu empfehlen – den Absolventen der Freiburger oder Rottenburger Forstlichen Hochschulen nicht minder. Geboten wird ihnen hier ein (forst-)wirtschaftliches und zugleich zeitgeschichtliches Lehrstück.

Fichten-Debakel über der Wilden Gutach

1 Deutsch: Im Dienst fürs Vaterland erschöpft

2 Hockenjos, F.: Zur Geschichte des staatlichen Forstamts St. Märgen, 1991

3 Klein, E.: Hermann Dietrich und seine Stiftung. In: Sankt Märgen 900 Jahre Lebendige Geschichte. 2018

4 Braun, M.: Löcher und Döbel um Dreistegen – wie es früher war im Hexenloch. Geschichts- und Heimatverein Furtwangen e.V. 1979

Atomkraft: Ja bitte…nein danke…ja bitte?

Ich werde es immer für unsinnig halten, technisch sichere Kernkraftwerke, die kein CO2 emittieren, abzuschalten. (Angela Merkel, Physikerin und Bundeskanzlerin kurz vor dem SuperGAU von Fukushima 2011)

Sie lässt uns anscheinend nicht mehr los, die Kontroverse um die Atomkraft, um die böse militärische wie um die (vermeintlich?) gute zivile Nutzung. Beim Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki war ich fünf; da wird es nicht mehr lang gedauert haben, bis ich den Gesprächen der darüber entsetzten Eltern folgen konnte. Denn das japanische Grauen war sicher ein Thema zuhause: War Little Boy nun ein legitimes Mittel zur ultimativen Beendigung des Weltkriegs oder markierte er das schlimmste aller Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung? Auch die Fotos der ausradierten Städte wird man mir schon bald nicht mehr vorenthalten haben, ebenso wie jene von den gewaltigen Blumenkohlpilzen über den zuvor zwangsevakuierten Südseeatollen. Was Kriege anrichten können und was Trümmerlandschaften sind, davon konnte ich mir anfangs der 1950er Jahre auf dem Schulweg zwischen dem Freiburger Lorettoberg (dem Schülerheim) und Freiburg-Herdern, (dem Keplergymnasium) noch selbst ein Bild machen. 

Freiburg anno 1945

Da hat es dann schon nicht mehr lang gedauert, bis ich erstmals auch vom „Segen friedlicher Atomkraftnutzung“ erfuhr, gemunkelt wurde darüber sogar in Naturschutzkreisen. Denn in jenen Wirtschaftswunderjahren tobte bereits der „Kampf um die Wutachschlucht“, und der Vater, Hauptnaturschutzwart des Schwarzwaldvereins, war treibende Kraft einer Arbeitsgemeinschaft Heimatschutz Schwarzwald, der ersten Bürgerinitiative der jungen Republik, die sich wehrte gegen die Ableitungspläne der Schluchseewerk AG zum Zweck der Stromgewinnung. Um die 185.000 Unterschriften gegen das Projekt zusammenzubringen, waren unzählige Diavorträge in verrauchten Wirtshaussälen wie in akademischen Hörsälen zu absolvieren, bei denen der Bub in den Ferien zuweilen den Projektor bedienen durfte. Und natürlich durfte er den Vater auch auf seinen Fotoexpeditionen durch die Schlucht begleiten. 

Wer nach Gründen sucht, weshalb sich Innenminister Karl Filbinger damals vom Widerstand der Naturschützer so sehr beeindrucken ließ, dass die Aufstau- und Ableitungspläne der Wutach 1960 von der Landesregierung schließlich auf Eis gelegt wurden, der kommt an der Einsicht nicht vorbei, dass man in Stuttgart längst auch noch auf eine andere Karte gesetzt hatte: auf die Atomkraft als einer vermeintlich sauberen, schier unerschöpflichen Energiequelle. In Karlsruhe war 1956 auf Initiative des Atomministers Franz Josef Strauß das Kernforschungszentrum gegründet worden als Reaktorbau- und Betriebsgesellschaft mbH. Das Raunen darüber, dass die in den Wasserkraftwerken des Hotzenwalds wie des Hochrheins erzeugte Elektrizität bald ohnehin durch Atomstrom ergänzt werde, ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Weshalb sollte da auch noch der letzte ungebändigte Schwarzwälder Wildfluss den Beileitungsplänen der Schluchseewerk AG geopfert werden?

Doch es sollte noch ein Jahrzehnt dauern, bis es auch im Südbadischen ernst wurde mit der nuklearen Zukunftsmusik: Anfangs der 1970er Jahre wurde bei Breisach ein Kernkraftwerk Süd projektiert, während ein Stück weiter rheinaufwärts, bei Fessenheim, bereits die Franzosen ihr AKW planten. Die Breisacher Planung stieß bei Bauern und Winzern freilich auf heftige Ablehnung, befürchteten sie doch ungünstige klimatische Auswirkungen durch die Abluftfahnen der Nasskühltürme. 1973 verkündete der Rundfunk, dass die Pläne aufgegeben worden seien zugunsten eines Standorts weiter nördlich im Reinauewald bei Wyhl. Doch hier nahm der Kampf gegen ein „Ruhrgebiet am Oberrhein“ nun erst so richtig Fahrt auf: Er sollte zum Geburtsakt der Anti-Atom-Bewegung werden, auch zum Gründungsmythos der Grünen. Nein, unter die Platzbesetzer habe ich mich als junger Forstbeamter nicht getraut, doch die Auseinandersetzungen mit der Polizei und mit der Landespolitik verfolgte ich – zugegebenermaßen – mit klammheimlicher Sympathie. Zumal sich unter den Aktivisten mein Klassenkamerad Walter Moosmann als stimmgewaltiger Barde hervortat. Mit einem der einheimischen „Rädelsführer“ („Nai hemmer gsait!“), dem wackeren Meinrad Schwörer, schaukelte ich später im Kahn durch das Naturschutzgebiet Taubergießen. Und auch dem so heiß umkämpften Bauplatz mit den Überresten des Gemeinschaftszelts der Besetzer statteten wir noch ein Kurzbesuch ab.

Die Keimzelle der Anti-Atomkraft-Bewegung im Wyhler Wald

Im nachfolgenden Jahrzehnt verlagerte sich der Widerstand nach Niedersachsen ins Wendland, wo in den Salzstöcken von Gorleben der nukleare Müll entsorgt werden sollte und wo in der „Freien Republik Wendland“ die Anti-Atomkraft-Bewegung kräftig weiter anschwoll. Noch mehr Sympathie erntete freilich die „Prominentenblockade“ auf der Mutlanger Heide gegen die nuklearen Pershing II Mittelstreckenraketen der US-Armee. Alle protestierten sie gegen die atomare Nachrüstung: die Literatur-Nobelpreisträger Böll und Grass, die Theologen Gollwitzer und Greinacher, der Rhetorikprofessor Walter Jens und natürlich auch die grünen Ikonen Gert Bastian und Petra Kelly. Die Stationierung der Pershing II konnten sie freilich nicht verhindern; dafür sollte das Wettrüsten schließlich zur wirtschaftlichen Überforderung des Ostblocks und – „Gorbi“ sei´s gedankt –  zur Wiedervereinigung führen.

Atomkraft als Hoffnungsträger – auch für den Wald?

Als Forstamtsleiter hatte man sich in den 1980er Jahren allerdings auf einem ganz anderen „Kriegsschauplatz“ zu bewähren: Das Waldsterben griff um sich und mit ihm wuchs sprunghaft auch das öffentliche Interesse am Thema Wald wie auch an der Öffentlichkeitsarbeit der Förster. Nicht selten waren hierbei Gratwanderungen zu absolvieren zwischen den dienstlichen Pflichtübungen und der Unterstützung von Aktionen der zunehmend alarmierten Waldfreunde. Beim Rätseln über die Verursacher des Phänomens gelb verfärbter und verlichtender Nadelbaumkronen kristallisierte sich bald der Ferntransport von Schwefeldioxid heraus, vorzugsweise aus den Schloten der Industrie, nebst Stickoxiden auch aus den Auspuffen des Autoverkehrs. Derweil beeilte sich der Donaueschinger Gymnasialprofessor Günter Reichelt, die Waldschäden im Umfeld der mitteleuropäischen Kernkraftwerke zu kartieren. Durch Strahlung ionisiertes und deshalb umso toxischeres SO2 soll es dort, so sein Fazit, zu einer signifikanten Häufung und Verstärkung der Schäden gekommen sein. Was sich bei einer unabhängigen (?) Nachkartierung freilich nicht bestätigen ließ.

Artikel im Schwarzwälder Boten im März 1976

Dennoch soll die Ionisierungshypothese in der Kernkraftbranche für erhebliche Aufregung gesorgt haben. Zugleich verstärkte sie den Zulauf zu den Wald-Demos, nun also auch noch aus dem Lager der Anti-Atomkraft-Bewegung. Eine letzte Großkundgebung fand am 18. Oktober 1986 mit ca. 7.000 Teilnehmern auf dem Thurner bei St. Märgen statt. Veranstalter der autofreien Sternwanderung war die Initiative Schwarzwald, ein Zusammenschluss von 36 Verbänden, Organisationen und Aktionsgruppen. Ihr war es – sehr zur Überraschung der etablierten Parteien – gelungen, Bundespräsident Weizsäcker als Teilnehmer und Redner zu gewinnen. Das Motto der Veranstaltung lautete: ENDLICH HANDELN! FÜR DEN  WALD – FÜR DAS LEBEN. Der Präsident, eingeflogen mit dem Hubschrauber, hatte sich sogar Zeit für einen knapp einstündigen Waldspaziergang genommen. Vom Veranstalter war mir die Aufgabe übertragen worden, den hohen Besucher auf die Waldschadenssymptome aufmerksam zu machen. Was mir davon nach 35 Jahren besonders in Erinnerung geblieben ist neben dem drängelnden Schwarm der Presseleute und den Transparente tragenden Demonstranten („Richi – der Wald braucht Dich!“), das war der wache, bisweilen auch leicht skeptische Blick Weizsäckers in die Baumkronen hinauf und die Konzentriertheit, mit welcher er den Ausführungen folgte.

Hoher Waldbesuch. Bild-Zeitung v. 20.8.1986

Dass das Waldsterben bald dennoch aus den Schlagzeilen verschwand und von den Medien allenfalls noch als „sogenanntes Waldsterben“ gehandelt wurde, war vor allem dem schockierendsten Ereignis des Jahres geschuldet: der Havarie des Reaktors in Tschernobyl am 26. April 1986, dessen Fallout bis nach Süddeutschland verdriftet worden war. Das Cäsium134-verstrahlte Wildbret durfte bis auf Weiteres nicht mehr verzehrt werden, was für die Waldverjüngung, speziell für die Wildverbiss-gefährdeten jungen Tannen im heimischen Forstbezirk, nichts Gutes verhieß. In meiner Eigenschaft als Beisitzer des Landesnaturschutzverbandes brachte ich daher im Jagdbeirat der Freiburger oberen Jagdbehörde den Vorschlag ein, die natürlichen Regulatoren von Wildbeständen zu reaktivieren: den Winter (durch Einstellung der Winterfütterung) sowie den natürlichen Fressfeind durch Wiedereinbürgerung des Luchses nach Schweizer und elsässischem Vorbild. Nachdem der Spiegel davon Wind bekommen und darüber berichtet hatte (am 26. 8. 1986 unter der Überschrift Appetit verdorben – Seit Tschernobyl wird kaum noch Wildbret gegessen. Folge: Es wird weniger gejagt, Waldschäden durch Wildverbiss nehmen zu), quollen die Leserbriefspalten der Tageszeitungen über mit empörten Zuschriften aus der Jägerschaft. Weshalb die Idee eine erstaunliche Eigendynamik gewann bis in die Landespolitik hinein. Der Reaktorunfall in der Ukraine war, zu allem Unglück hin, auch noch zum „Urknall“ einer Luchs-Initiative Baden-Württemberg geworden – für mich bis heute das mit Abstand zählebigste Hobby. 

Im Chefzimmer des (2005 aufgelösten) staatlichen Villinger Forstamts befand sich ein aus der Stammscheibe eines Tannenriesen gefertigter Tisch. Gefällt worden war der Baum im Zuge von Rodungsmaßnahmen, die für den Bau eines Munitionslagers einer US-amerikanischen Sondereinheit erforderlich geworden waren. Deren Waffen waren nach dem Krieg im Villinger Stadtwald unweit des Klinikums deponiert gewesen, bis sich Stadt, Land und Militärverwaltung 1961 zu einem Flächentausch durchgerungen hatten. Im Staatswalddistrikt Weißwald, ein paar Kilometer südlich der Stadt, entstand ein geheimnisumwittertes Areal mit Bunkern und Mannschaftsräumen, Stacheldraht und scharfen Wachhunden. Vom „möglicherweise düstersten Kapitel der jüngeren Militärgeschichte“ war zuletzt im Sommer 1998 in den Tageszeitungen zu lesen, als in der Villinger Fußgängerzone die Friedensorganisation Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW) Unterschriften sammelte. Eine Petition solle endlich den Nebel lichten, so die Forderung, den Militär- wie Zivilverwaltung über den Weißwald gebreitet hatten. Was war bloß dran an den Gerüchten um dort gelagerte Atomsprengköpfe? Zur Jahrtausendwende, nachdem auch die Franzosen als Nachfolger der Amerikaner abgezogen waren, ist das Lager abgebrochen und renaturiert worden. 

Lagerten Atomsprengköpfe unweit der Stadt Villingen-Schwenningen?

In den 1990er Jahren ist der Wald in Mitteleuropa von heftigen Orkanereignissen heimgesucht worden – zuletzt am 26. 12. 1999 durch Orkan „Lothar“ – mit bislang noch nie gemessenen Windgeschwindigkeiten und einem ebensolchen Schadensausmaß. Verdankten sie ihre Entstehung der anthropogen aufgeheizten Wetterküche des Nordatlantiks? Eine Reihe von allzu milden und schneelosen Wintern verstärkte zudem die Gewissheit, dass sich das Klima wandelte, ausgelöst vorwiegend durch den ansteigenden CO2-Ausstoß als Folge der Verbrennung der fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Gas. Aber war das Klima nicht immer schon Schwankungen unterworfen – wie schon „Ötzis“ Wanderung beweist oder die der Walser-Siedler samt Viehherden über den eisfreien Alpenhauptkamm hinweg? Und waren im heimischen Staatswalddistrikt Bubenholz neben dem restaurierten Römerbad nicht einst auch Rebterrassen angelegt worden – Weinbau auf der rauen Baar?

Egal: Die drastische Verminderung der waldschädlichen Immissionen durch Entschwefelung der Großfeuerungsanlagen und Einführung des Katalysators schien ein Kinderspiel gewesen zu sein gemessen an der neuen globalen Herausforderung des Klimawandels und des Klimaschutzes. Wie anders als durch den kompletten Ersatz fossiler Brennstoffe wollte man ihn noch stoppen? Da war es doppelt misslich, dass ausgerechnet die weitgehend CO2-neutrale Kernenergie seit Tschernobyl mehr als nur einen Image-Schaden zu verkraften hatte, der die erste rot-grüne Koalition im Jahr 2000 kurzerhand den Atomausstieg beschließen ließ. Zwar verlängerte die nachfolgende (Merkel-geführte) Bundesregierung wieder die Ausstiegsfrist, doch unterm Eindruck der von einem Tsunami verursachten Kernschmelze von vier Reaktorblöcken des Atomkraftwerks von Fukushima am 11. März 2011 wurde das ultimative Ende der deutschen Atomkraftnutzung auf das Jahr 2022 vorverlegt. Womit die Anti-Atomkraftbewegung ihren Endsieg feiern durfte, sieht man von den eskalierenden Nachhutgefechten um den bestgeeigneten Standort für ein Atommüll-Endlager ab. Kein anderes Land der Welt hat sich zu einer derart radikalen Abkehr von Kohle, Öl und Atomkraft entschlossen. Umso klammerte man sich – in Ermangelung von Speichermöglichkeiten für die regenerative „Flatterenergie“ – an die Erdgasversorgung aus Sibirien, zu deren Sicherstellung nicht zuletzt die neue Pipeline Nord Stream 2 dienen sollte.

Dank Fridays for Future und nach drei aufeinander folgenden trocken-heißen Sommern mit enormen Dürre- und Borkenkäferschäden war plötzlich auch das Waldsterben wieder in aller Munde. Umso heftiger dreht sich nun alles, national wie international, um die Energiewende, hierzulande insbesondere um Windräder und Solarfelder sowie um deren Kollateralschäden in touristisch attraktiven und ökologisch noch halbwegs intakten Kulturlandschaften, um Bürgerinitiativen und um die Konflikte zwischen Klima-, Arten- und Landschaftsschutz. Weil Baden-Württemberg als windschwächstes Bundesland gilt, müssen die Dimensionen und die Anzahl der benötigten Schwachwindanlagen hier umso monströser ausfallen. So hat die frisch gewählte grün-schwarze Landesregierung im Frühjahr 2021 angekündigt, allein in den Staatswald 1000 Windenergieanlagen stellen zu wollen, höher als der Stuttgarter Fernsehturm! Absehbar wurde damit freilich, dass spätestens bei der nächsten winterlichen „Dunkelflaute“ die grundlastfähigen Energieträger schmerzlich vermisst werden, sollte nicht sogleich mit französischem Atomstrom oder mit Kohlestrom aus den östlichen Nachbarländern ausgeholfen werden. Was außer Gaskraftwerken, die rasch hoch und wieder runter gefahren werden können, bot sich da an zur Überbrückung?

Kein Wunder also, dass insgeheim auch wieder über neuartige Kernreaktoren nachgedacht wurde, mit neuen Sicherheitsstandards und weniger Müll verursachend – dafür aber kaum CO2 emittierend. Während  hierzulande in spektakulären Tagesschauszenen ein Kühlturm nach dem andern in sich zusammenbricht, bleibt die Atomkraftnutzung weiterhin ein Tabuthema im öffentlichen Diskurs. Zugleich wächst die Ratlosigkeit, wie angesichts der Widerstände gegen Windparks und Windstromtrassen die deutsche Musterknabenrolle weiterhin durchgehalten werden soll. Derzeit befinden sich, wie sich leicht googeln lässt, weltweit 108 Kernkraftwerke im Bau, mit Abstand die meisten in China und Russland. Neu entflammt sind allerorten auch (zumindest befristete) Laufzeitverlängerungen. 

Abluftfahne des Schweizer Kernkraftwerks Leibstadt über den Schwarzwaldhöhen

Schließlich dann der ultimative Schock des 24. Februars 2022: der Überfall Putins auf die Ukraine, nach russischer Sprachregelung als „Militärische Sonderaktion“ verniedlicht und propagiert, einhergehend mit Gräueltaten an der Zivilbevölkerung und mit täglichen TV-Bildern heillos zerbombter Städte – mit Kampfhandlungen auch um die ukrainischen Atomkraftwerke, um Tschernobyl unseligen Angedenkens. Und mit Millionen Kriegsflüchtlingen, mit immer hitzigeren Diskussionen um letztendlich zu beschließende Embargos, um den Stopp von Steinkohle-, Öl- und vor allem Erdgaslieferungen aus Russland.

Während der russische Außenminister mit der Ausweitung seiner „Sonderaktion“ zum Welt-, ja zum Atomkrieg droht, stellt sich unseren Regierenden immer drängender die Frage, ob es angesichts all dieser dramatischen Zuspitzungen tatsächlich der Weisheit letzter Schluss sein kann, zum Jahresende auch die letzten drei noch in Betrieb befindlichen deutschen Atomkraftwerke stillzulegen. 

Kernkraftwerk Leibstadt

Waldbaden unterm Rotor?

Windrad auf der Länge

Klimawandel und Borkenkäfer gefährden zunehmend Ihre Forstbestände. Windenergie im Wald bringt Ihnen Wertschöpfung und verschafft Ihnen ein zweites Standbein!

BBWind Projektberatungsgesellschaft mbH, AFZ-DerWald 7/2021

Windräder im Wald ist Irrsinn im Quadrat!

Peter Wohlleben; Förster und Bestsellerautor, im Interview vom 6. August 2021 der Stuttgarter Zeitung über seinen Nationalen Waldgipfel

Am 21. März, zum Frühlingsanfang, wird alle Jahre der Internationale Tag des Waldes begangen, erstmals ausgerufen vor einem halben Jahrhundert von der Welternährungsorganisation FAO. Für die Medien ist er ein willkommener Anlass, wieder einmal an die Segenswirkungen des Waldes zu erinnern, nicht zuletzt an die wachsende Bedeutung der Erholungsfunktion. Wo diese in Krisenzeiten doch enorm hinzugewonnen hat, ob auf der Suche nach Abkühlung in Hitzesommern oder nach Bewegungsfreiheit im Lockdown der Pandemie. Doch zum Frühlingsbeginn 2022 war alles anders: Die Schreckensberichte über Putins Krieg in der Ukraine stellten alle anderen Themen – zumal die zivil-erbaulichen – in den Schatten, denn wem mag da noch nach einem Tag des Waldes zumute sein. Betagtere Waldfreunde dürften sich diesmal allenfalls an einen sehr speziellen, weltweit beachteten Waldspaziergang erinnert haben: 1982, noch mitten im Kalten Krieg, kamen sich die Unterhändler der beiden Atomsupermächte, Paul Nitze und Juri Kwizinsky, endlich näher in ihren Abrüstungsgesprächen, und dies in einem Waldstück unweit Genf; besiegelt wurde der INF-Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme dann freilich erst fünf Jahre später unter Michail Gorbatschow. Und jetzt also wieder die Drohung mit Atomwaffen – weswegen sich Bundeskanzler Scholz genötigt sah, vor dem Parlament am 27. Februar 2022 eine Zeitenwende einzuläuten!

Im Vorjahr noch hatte der Tag des Waldes in der Presse einen breiten Raum eingenommen. Passend zu den gravierenden, dem Klimawandel anzulastenden Waldschäden („Waldsterben 2.0“), stand der Tag unter dem Motto „Wiederaufbau von Wäldern – ein Weg zu Erholung und Wohlbefinden“. Sogar aktuelle Umfrageergebnisse gab es zu vermelden: Zufolge einer Sinus-Studie, in welcher u. a. nach der „Lieblingsbeschäftigung regelmäßiger Waldgänger*innen“ gefragt worden war, wurden zwei Motive mit Abstand am häufigsten angekreuzt: 81 % Spazieren/Wandern gehen und 49 % Die Natur genießen, „Waldbaden“.

„Lieblingsbeschäftigung regelmäßiger Waldgänger*innen“

„Waldbaden“ – was, bitteschön, hat man sich bloß konkret darunter vorzustellen? Etwa den Swimmingpool unter Baumkronen? Oder sollte man, als Waldgänger der älteren Generation, einen neuartigen Freizeittrend schlichtweg verpasst haben? Die Google-Recherche zum Suchbegriff erbringt sogleich reiche Ernte: Heilung und Entspannung in der Natur wird all jenen versprochen, die wahlweise 8 Wochen Intensivausbildung mit Abschlusszertifikat und 20 Übungen und Meditationen auf sich zu nehmen bereit sindoder die  eine Ausbildung Kursleiter*in für Waldbaden – Achtsamkeit im Wald durchlaufen, erst recht wer den Kurs Waldbaden – in seinem Ursprungland Japan – Shin Yoku bucht. Aufklärung verspricht auch Das Buch zum Waldbaden nebstdutzenden Videos samt  Der Waldbaden-Blog. Fortgeschrittene Kursteilnehmer*innen können sich zum Waldbademeister mit professionellem Entschleunigen fortbilden lassen, die spezielle Disziplin Barfuß-Waldbaden inklusive. Eine Ausbildung in Waldtherapie und Forest Medicine verspricht indessen eine Europäische Akademie EAG. Andernorts wird Waldcoaching Waldbaden, Wald-Yoga, Waldfühlen angeboten. Deutschlands erste Lehrer fürs Waldbaden haben bereits IHK-Prüfungen für bewusstes Naturerleben im Hainich abgelegt, erfährt man. Und weil uns Deutsche ja seit eh und je nicht nur die Liebe zur Waldnatur verbindet, sondern auch eine besondere Präferenz fürs Vereinsleben, so kann uns nicht mehr überraschen, dass Waldbadende sich im Bundesverband Waldbaden BVWA e. V. zusammengeschlossen haben. Wen wundert´s da noch, dass auch im biederen Ländle zum Waldbaden ermuntert wird, so in Shinrin-Yoku-Kursen in Baden-Baden. Es spricht für die Beliebtheit der neuen Geschäftsidee, dass auch Deutschlands führende Forstfachzeitschrift (AFZ-DerWald 16/2018) sich schon frühzeitig des Themas angenommen hat: Kur-/Heilwälder: Eine Chance für Waldeigentümer. 

Der Förster als Waldbademeister – geht´s noch zukunftsorientierter?

Waldbaden (Foto Internet)

Mit Waldheil grüßten sich bekanntlich schon die Mitglieder von Wandervereinen: zu Zeiten freilich, als die Nutzungskategorien  Heilwald und Waldbaden noch längst nicht erfunden waren, so begehrt das Zertifikat Heilklimatischer Kurort auch damals schon gewesen sein mag. Seinerzeit wurden die Segenswirkungen des Waldes noch schlicht „Wohlfahrtswirkungen“ genannt. Die hatte die multifunktionale Waldwirtschaft „im Kielwasser der Holzproduktion“ mitzuliefern. Und spätestens bei Anlässen wie dem Tag des Waldes bot sich auch der Forstbehörde jeweils Gelegenheit, Erholungs- und Sozialfunktion der von ihr bewirtschafteten und betreuten Wälder besonders hervorzuheben. Das klang dann meistens ganz so wie in der Pressemittelung des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg MLR vom 20.03.2012: Täglich besuchen rund zwei Millionen Menschen in Baden-Württemberg den Wald. Pro Jahr ergibt sich damit die fast unglaubliche Zahl von 750 Millionen Waldbesuchern allein in Baden-Württemberg – dies entspricht der Bevölkerungszahl von ganz Europa, nicht ohne dass abschließend nochmals besonders betont wurde: Die Erholungs- und Sozialfunktion des Waldes hat große Bedeutung für die Lebensqualität in Baden-Württemberg. Dies ist ein wichtiger weicher Standortsfaktor.

Erholungs- und Sozialfunktion hin oder her: Wie es ausschaut, hat sie inzwischen in der Prioritätenliste zumindest des Staatsforsts an Stellenwert  deutlich eingebüßt – spätestens seit ForstBW (ab 1. Januar 2020) in eine Anstalt öffentlichen Rechts AöR umgewandelt worden ist. Denn damit wurde auch der Zugriff der Politik auf den Staatswald erleichtert – nicht zuletzt auf dem so heiklen Feld der Energiepolitik. Seither ist er vor allem dazu ausersehen, seinen Beitrag zum Gelingen der Energiewende zu leisten. Wozu die Verpachtung von Windenergie-tauglichen Waldflächen intensiv voran zu treiben ist. War doch der Ausbau ausgerechnet im Grün-regierten Baden-Württemberg seit etlichen Jahren ins Stolpen geraten: Bis zum Jahr 2020 hätten es nach dem Willen der Regierung 1200 WEA sein sollen, doch da waren es landesweit gerade mal 730 geworden, und auch der Zubau im Jahr 2020 blieb mit 14 WEA, 2021 mit 25 WEA dramatisch weit hinter den Zielvorstellungen zurück. 

Schon im Vorfeld der jüngsten Landtagswahlen hatten die Medien aus der Delegiertenkonferenz von Bündnis 90 / Die Grünen die Meldung verbreitet, wonach im Staatswald des Landes  2.000 (!) WEA errichtet werden sollen. Im gedruckten Wahlprogramm wurde dann zwar wieder etwas zurückgerudert: „Wir werden die Windkraft auf allen geeigneten Flächen im Staatswald ausbauen, ebenso in der Fläche, so könnten über 1000 neue Anlagen entstehen.“ Der Staatswald stand nun ultimativ zur Disposition, mochte auch eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung bereits 2016 das für Windkraftbetreiber ernüchternde Ergebnis erbracht haben, dass 80 Prozent der Befragten Windräder im Wald ablehnen. Ob der Prozentsatz inzwischen wohl zusammengeschmolzen ist unterm Eindruck explodierender Gas-, Öl- und Spritpreise?

Ob tausend neue Windräder, wie sie der Koalitionsvertrag verspricht, oder auch „nur“ fünfhundert, neuerdings angekündigt durch Forstminister Hauk (CDU) auf der 324.000 ha umfassenden Staatswaldfläche (auf ca. 9 Prozent der Landesfläche): Es bleibt ein Ziel, das Waldfreunde erschaudern lassen muss! Es müsste jede auch nur halbwegs windhöffige Plateaulage und jeder Bergrücken mit WEA bestückt werden. Adieu Arten- und Landschaftsschutz, adieu Tourismus! 

Denn bei derlei Zielgrößen ergibt sich rechnerisch für den Staatswald, so muss befürchtet werden, rund alle 300 ha eine Windenergieanlage (WEA), neuerdings ein bis 270 m hohes Monster, das sogar den Stuttgarter Fernsehturm noch weit überragt. Zieht man von der Staatswaldfläche noch 10 Prozent Tabuzonen mit Vorrangfunktion für den Naturschutz (Kernzonen von Nationalpark und Biosphärengebiet, Bannwälder, Waldrefugien) ab, schließlich auch noch den stadtnächsten Erholungswald, so ergibt sich für staatswaldreiche Landschaften wie den Nordschwarzwald eine gnadenlose Industrialisierung. Dies im bekanntermaßen windärmsten Bundesland der Republik, in einem touristisch intensiv genutzten Mittelgebirge von weltweitem Beliebtheits- und Bekanntheitsgrad. Außerhalb der Grenzen des ca. 10.000 ha umfassenden Nationalparks, soviel ist abzusehen, wird sich der Naturpark Schwarzwald Mitte und Nord in einen Windtechnologiepark verwandeln. Und auch der Südschwarzwald wird nachziehen, denn wo die Landschaft mit Windrädern erst einmal vorbelastet ist, werden sich auch kommunale und private Waldeigentümer nicht mehr von Bauanträgen abhalten lassen – zumal der Großprivatwald, der schon bisher an der Spitze der Bewegung marschiert zum Wohle der Energiewende, aber auch mit dem klaren Ziel, die waldwirtschaftliche Ertragslage durch lukrative Pachterträge (mit jährlichen Einnahmen von 50.000 bis 80.000 € je WEA) aufzubessern. Dass dabei pro WEA etwa ein Hektar Wald gerodet werden muss als Standplatz für die Kräne wie für Ausbau und Verbreiterung der „Zuwegung“, dürfte klimapolitisch eher fragwürdig sein –  trotz aller Auflagen wie Ausgleichsmaßnahmen und Ersatzzahlungen an den Naturschutzfonds. Als CO2-Senken, die bisher im intakten, voll bestockten Zustand je Hektar und Jahr bis zu 10 Tonnen Treibhausgas zu binden in der Lage waren, werden die geforderten Ersatzaufforstungen erst in vielen Jahrzehnten wieder zu Buche schlagen.

Weil sich aber für den „Flatterstrom“ von Wind und Sonne bis in fernere Zukunft keine adäquaten Speichermöglichkeiten anbieten, waren zur Aufrechterhaltung unserer Grundversorgung mit Energie bundesweit bis zu 80 neue Gaskraftwerke geplant, die im Bedarfsfall (etwa bei winterlichen „Dunkelflauten“) als einzige rasch hoch und wieder runter gefahren werden können – leider betrieben mit Erdgas, das bislang zu über 50 Prozent aus Russland bezogen wird. Seit der „Zeitenwende“, seit Putins Überfall auf die Ukraine, erschallt der Ruf nach regenerativen Energiequellen umso lauter, verstärkt zudem von der immer lauter vorgebrachten Forderung der Bündnispartner nach einem kompletten Embargo von russischem Gas und Öl. Ob sich die Landesregierung da nicht doch wieder an die ursprünglich geforderten 2000 WEA für den Staatswald erinnern wird?

So oder so, was die Rettung des Weltklimas anbetrifft, ist die Einsparung an fossiler Energie mit Hilfe der Windkraftnutzung allemal dem ökologischen Rucksack der gigantischen Beton- und Stahlkonstruktionen gegenüberzustellen mitsamt den aus kohlenstofffaserverstärkten Verbundwerkstoffen und aus tropischem Balsaholz hergestellten, brandgefährlichen, giftigen und kaum zu recycelnden Rotorblättern – zuzüglich dem CO2-Ausstoß für Schwertransporte, Wartung und schließlich für die Renaturierung im dereinst ausgedienten Zustand. Dass in die Ökobilanz auch die Verluste an Vögeln, Fledermäusen und Fluginsekten gehören, an Naturlebensraum wie an Natur-Erlebnisraum, versteht sich von selbst. 

Keine Einladung zum Waldbaden

Wusch, wusch, wusch… so hören sich Rotorblätter an, sobald der Wind bläst, derweil bei schräg stehender Sonne ihr Schatten weit über die Wälder hinweg huscht, vom Infraschall ganz zu schweigen. Werden wir Waldbesucher also künftig damit leben müssen, die wir uns doch bisher Naturgenuss pur versprochen haben, auch Heil- und Segenswirkungen des Waldgrüns aufs Gemüt, auf Blutdruck, Herzkreislauf- und Immunsystem? Oder sollte das Gewohnheitstier Mensch eben doch im Stande sein, wie es einst schon Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, behauptet hat, sich an alles irgendwie gewöhnen zu können?  Womöglich wird es uns bald allen so ergehen wie unlängst jenem New Yorker Gästepaar im Goldenen Raben, einem Schwarzwälder Silence-Hotel, das dabei auf den Gebrauch seiner Schlafmaschine nicht verzichten mochte. Deren sonderbares Geräusch hatte nachts den Wirt aufgeschreckt, weil er es partout nicht zu deuten vermochte: dass Großstädter sich ohne die gewohnte Geräuschkulisse schwer tun mit erholsamem Nachtschlaf. Wird uns beim Waldbesuch ohne Rotorrauschen und Drehbewegung hoch über uns bald etwas fehlen? Oder werden uns Flaute mit Stillstand da oben eher in Unruhe versetzen als beglücken, wo wir uns doch allesamt gegen den Klimawandel verschworen und für die Nutzung erneuerbarer Energie eingesetzt haben? Was für ein Dilemma – mit oder ohne Waldbaden!

Im schönen grünen Bergmischwald,
wo heut Touristen wandeln,
da werden Windturbinen bald
den Wald vollends verschandeln.

Dann hält sich,
wer auch kommen mag,
die Augen zu und Ohren
zum Schutze gegen Schattenschlag
und rauschende Rotoren.

                                     

Die Landschaft, die uns teuer war,
ist leider nicht erneuerbar.

nach M. Lieser, 2018

                                                     

Lob des Krummwüchsigen

Es ist mir wohl bewusst, dass die Ästhetik nach  einer gewissen strengeren Begrenzung des Begriffes mit Gut und Böse, mit Zweckmäßig und Unzweckmäßig nichts zu tun hat, sondern sich auf das beschränkt, was die Sinne uns übermitteln. (Heinrich von Salisch: Forstästhetik. Berlin 1911)

Der Wald als „Tausendsäulensaal“, bestehend aus schlanken, kerzengeraden und  dicht an dicht stehenden Fichten, hat ausgedient. Dafür hat nicht zuletzt der Klimawandel gesorgt, mit Trockenstress, Käferkalamitäten, Stürmen und Überflutungen nach Starkniederschlägen, aber auch mit neuen Anforderungen der Gesellschaft an den Wald – insbesondere im Hinblick auf seine Funktion als Kohlenstoffsenke. Mit plantagenartigen „Nadelholzfabriken“ ist jedenfalls kein Staat mehr zu machen, so sehr der (Nadel-)Holzmarkt boomt. Im Gefolge der Corona-Pandemie ist auch die Erholungsfunktion der Wälder wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt: Für Zeitgenossen, die an der Kriegsberichterstattung (was für ein altmodischer Begriff aus vermeintlich fernen Zeiten!) oder an der Hektik und den Zumutungen des Alltags zu verzweifeln drohen, die an digitaler Überforderung leiden wie an der fortschreitenden Naturentfremdung, ist der Wald oft letzte Zuflucht und Gegenwelt – wird er zum Psychotop.

So ganz neu und überraschend ist dieser Reflex einer von Krisen gebeutelten Gesellschaft freilich auch wieder nicht; schon Erich Kästner hat ihn auf den Punkt gebracht: 

Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden.
Und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen, doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.

Nicht alle Wälder taugen als Seelentröster, manche bleiben erstaunlich stumm, zumal der großmaschinengerecht erschlossene und „homogenisierte“ Kunstforst, der Wirtschaftswald. Da lobe ich mir den Unterhölzer Wald, das ortsnahe Naturschutzgebiet, vormals Wildpark der Fürsten zu Fürstenberg. Dort haben es mir seit Jahren zwei Buchen besonders angetan, auch wenn ich mich noch nicht dabei ertappt habe, dass ich mit ihnen „wie mit Brüdern“ rede. Ohnehin wäre ja allenfalls „wie mit Schwestern“ zu kommunizieren, gilt die Buche, „Baum des Jahres“ 2022 wie schon 1990, doch als „Mutter des Waldes“. Schon beim allerersten Besuch dort stand für mich fest: Die beiden krummen Baumgestalten scheinen miteinander zu tanzen – so wenig Bäume, bei nüchterner Betrachtung, doch im Stande sind, das Tanzbein zu schwingen. War es ein in Moll gehaltener, Chopin-Walzer, nach dem sich die beiden in meiner Fantasie bewegen oder eher ein heiterer Ringelreigen? Je nach Tages- und Jahreszeit, je nach Gemütsverfassung ließ sich mein Motiv, auch wie es sich über Jahre hinweg im Ordner Buchentanz des heimischen Rechners gespeichert findet, nicht eindeutig einer Stimmungslage zuordnen. Doch die Ästhetik der angedeuteten Tanzbewegung, der Schwung der sich nach außen lehnenden Körper erschien mir von hinreißender Eleganz –  Erlkönigs Töchter (sie wiegen und tanzen und singen dich ein) dürften sich nicht viel verheißungsvoller  bewegt haben.

Zugleich stellt sich – abseits jeglicher Imagination –  dem Forstmann in mir natürlich die Frage nach den natürlichen Ursachen der „Performance“ dieses so augenscheinlich auseinander strebenden wie von einander angezogenen Buchenpaares. Wären die beiden einst am Stammfuß einer herrschsüchtigen Mutterbuche heran gewachsen und hätten sie sich unter deren Geäst und Blätterdach mühsam hervorgekrümmt, so wären ja wohl zumindest noch die vermoderten Andeutungen eines Wurzelstocks zu sehen. Doch der Waldboden zwischen und unter den beiden Tänzerinnen weist keinerlei Spuren davon auf. So bleibt es ihr Geheimnis, wie es zu den Stammverformungen gekommen sein könnte, wo Bäume ansonsten doch stets den direkten Weg nach oben durch den nächstbesten Lichtschacht wählen.

Ästhetik im Wald, Schönheit der Waldnatur findet sich am ehesten noch in geschützten Waldreservaten. Der Autor des 1885 erschienenen Buches „Forstästhetik“, der schlesische Gutsherr und Reichstagsabgeordnete Heinrich von Salisch (s. o.), scheiterte zwar mit seiner Idee, das Fach Forstästhetik in den Lehrplänen der Forstlichen Hochschulen zu verankern, doch seine Motive haben plötzlich wieder an Aktualität gewonnen: Man dürfe nicht erwarten, dass die Bevölkerung einen Wald liebe und schätze, „wenn sie wahrnimmt, dass die Besitzer und berufenen Pfleger des Waldes ihn mit kaltem Eigennutz als Geldquelle ausbeuten unter gänzlicher Missachtung alles dessen, was den Wald eigentlich zum Walde macht.“ Und so ist das Buch ausdrücklich auch der „Schönheit des Wirtschaftswaldes“ gewidmet.

Inzwischen hat mein Buchenpaar leider ausgetanzt. Der letzte Herbststurm hat zugeschlagen und die stammstärkere der Partnerinnen zerbrochen. Wird sich auch künftig noch ein Besuch dort lohnen? Werden Strunk und zerborstener Stamm nächstens zu Brennholz aufgearbeitet und verheizt sein, oder bleiben sie als Totholz stehen und liegen, sodass sie alsbald vom Zunderschwamm besiedelt, von Spechten bearbeitet und schließlich auch wieder dem Nährstoffkreislauf zugeführt werden können – so wie es in intakten Waldökosystemen vorgesehen ist? Gelegentlich werde ich wohl doch wieder vorbeischauen, ihr Beiden.

Unter Klima- und Landschaftsschändern

Der Freiburger Windkraftpionier und Chef der Firma Regiowind Andreas Markowsky hat sich seinen Frust von der Seele geschrieben. Sein im Verlag Klimaneutral erschienenes, 72 Seiten umfassendes Büchlein trägt, von den Tageszeitungen wohlwollend besprochen, den reichlich krawalligen Titel Klimaschänder. Und als solche werden darin alle geschmäht, die sich seinen unternehmerischen Vorhaben, dem Bau von Windenergieanlagen, entgegenzustellen wagen, sie verzögert, gar verhindert haben, ganz gleich ob Behörden, Verbände oder Privatpersonen. „Irgendeiner ist immer dagegen“, so überschrieb der Schwarzwälder Bote (v. 12. Februar 2022) seine Buchbesprechung, Windkraft werde in Baden-Württemberg auf vielen Ebenen blockiert. „Klimaschänder“: allenfalls Grab- und Kinderschänder, impliziert der Buchtitel, mögen es noch schändlicher treiben – wird doch beim Klima nichts Geringeres behindert als die Rettung des Planeten! 

Eigentlich sei ja doch die Zustimmung für Windräder zunächst mit 70 Prozent in der Bevölkerung recht hoch, schreibt Markowsky. „Wenn es aber dann konkret wird“, so zitiert ihn der Schwarzwälder Bote, „und eine Anlage gebaut werden soll, sinkt die Zustimmung auf 50 Prozent. Das liegt daran, dass Menschen grundsätzlich Angst vor Veränderungen haben.“ Da würden sich einerseits Touristiker dagegen stemmen, weil sie angeblich die Gäste vertreiben. „In Gemeinden wie St. Peter oder Freiamt lacht man über dieses Argument, weil es nicht stimmt.“ Noch schlimmer sei häufig die Verweigerungshaltung der Behörden vor Ort, weshalb es „völlig offen“ sei, ob die Ampel-Regierung ihre Ambitionen beim Windkraftausbau durchsetzen könne.

Von St. Peter aus unsichtbar, werden die Windräder über St. Märgen zur Bildstörung

Landschaft verstehen. Industriearchitektur und Landschaftsästhetik im Schwarzwald, so lautet der Titel eines 2005 erschienenen Bildtextbandes, den Andreas Markowsky in Auftrag gegeben hatte. Anlass dafür war damals der Streitfall um zwei Windräder auf der Holzschlägermatte am Freiburger Hausberg Schauinsland; das hierfür erstellte Sachverständigengutachten zur Landschaftsverträglichkeit war so grundlegend ausgefallen, dass es auf Wunsch des Auftraggebers auch in üppig bebilderter Buchform erscheinen sollte. Doch als der Gutachter, der Freiburger Richard Schindler, Künstler und Leiter eines „Instituts für Visual Profiling & Visual Resources Development“, den Band der Öffentlichkeit vorstellte, erntete er damit vorwiegend Unverständnis, Hohn und Spott. Nicht beim Auftraggeber, versteht sich, der Betreibergesellschaft „regiowind Verwaltungs-GmbH“; desto mehr in den Leserbriefspalten: Selbst im Leserforum der (ansonsten eher Windkraft-freundlichen) Freiburger Badischen Zeitung mochte niemand applaudieren. Stattdessen beklagte man sich über die Einseitigkeit von Schindlers „Landschaftsbildanalyse“ und deren künstlerische Schalmeienklänge, auch warnte man vor Übertreibungen der Lobbyarbeit oder gratulierte zur Satire. Die Windkraftanlage als „Glücksfall“ für die Schwarzwaldlandschaft, als „skulpturale Bereicherung“, der Schwarzwald als Spielwiese von LandArt-Künstlern, das war den Lesern denn doch zuviel des Guten.

„Erzwingen die Windkraftanlagen eine Fixierung des Blicks? Verhindern sie dadurch die Wahrnehmung der Landschaft? Lenken sie unsere Aufmerksamkeit auf sich?“ (R. Schindler 2005)

Der Windkraftunternehmer und Autor von Klimaschänder scheint unterdessen nichts dazugelernt zu haben. Dass naturnahe, wenig belastete Kulturlandschaften, zumal Vorranggebiete für Erholung und Ökologie vom touristischen Ruf des Schwarzwalds, in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten  deutschlandweit zur äußerst knappen Ressource, ja, zum absoluten Minimumfaktor zusammengeschrumpft sind, ist bei ihm nicht angekommen. Auch dass, neben Klima-, Biotop- und Artenschutz, auch der Landschaftsschutz ein gesetzlich verbriefter, ja sogar im Grundgesetz (Art. 20a) verankerter  Auftrag ist, kann seinen Furor gegen die „Klimaschänder“ nicht besänftigen. Als ob die Rechtsprechung nicht auch den § 1 Abs. 1 Pkt. 3 des Naturschutzgesetzes zu beherzigen hätte, wo es noch immer heißt: „Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlagen des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten und unbesiedelten Bereich so zu schützen, zu pflegen und zu entwickeln, dass die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft auf Dauer gesichert ist.“ Zugegeben: das Schutzgut „schöne Landschaft“ ist in den immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren von Windenergieanlagen längst zu einem windelweichen Kriterium verkommen. 

Windräder der heutigen Generation sind mit bis zu 250 m Gesamthöhe doppelt so hoch wie der Freiburger Münsterturm – sie natur- und landschaftsverträglich erstellen zu wollen, ist bare Illusion. Darf unterm Vorzeichen des Klimawandels nun dennoch jeder als „Klimaschänder“ verunglimpft werden, wer immer sich in sensiblen, bislang noch wenig belasteten Landschaften mit nachvollziehbaren Argumenten gegen die drohende Verspargelung zur Wehr setzt? Müssen wir deren Industrialisierung (durch Überstellung mit „Industriearchitektur“ gigantischen Ausmaßes) tolerieren, weil wir uns doch quasi bereits in einem übergesetzlichen Notstand befinden, in welchem wir  uns Landschaftsschutz einfach nicht mehr leisten können? 

Der streitbare Andreas Markowsky kämpft gegenwärtig um die behördliche Genehmigung des Repowerings seiner beiden in die Jahre gekommenen Windräder auf der Holzschlägermatte. Die beiden sollen künftig durch eine einzige neue, umso leistungsfähigere Windenergieanlage mit 230 m Höhe ersetzt werden. Dafür sind zwei weitere 245 m hohe Anlagen auf dem Taubenkopf geplant. Jetzt fehlen sie eigentlich nur noch oben auf dem Kamm des Hausbergs – wo die windschiefen Buchen Windmüllern doch schon immer superoptimale Windhöffigkeit angezeigt haben. Doch womöglich würden ihnen auch dort die Klimaschänder wieder einen Strich durch die Rechnung machen wollen.

Wo bleiben nur die Windräder auf dem Kamm des Freiburger Hausbergs?

Jagdwilderei – plötzlich wieder ein Thema

Was einem doch alles durch den Kopf geht angesichts der Berichterstattung über den abscheulichen Doppelmord an einer jungen Polizistin und ihrem nicht viel älteren Kollegen, die frühmorgens zwei Verdächtige kontrollieren wollten. Diese seien mit Ihrem Kastenwagen, wie man liest, am Rand eines wenig befahrenen Sträßchens durch den Landkreis Kusel in der Westpfalz gestanden und hätten so den Verdacht (auf Wilderei?) der auf Streife befindlichen Beamten erregt. Bei der Feststellung der Personalien sei der Polizistin mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen, ihr Kollege mit einem Kugelschuss getötet worden, nachdem sie im Laderaum erlegtes Wild bemerkt hätten. „Kommt schnell, die schießen, die schießen, kommt schnell…“, konnten sie um 4.21 Uhr eben noch funken, während bereits Schüsse gefallen sind.

Wildern – was für ein verstaubtes Genre, mag man spontan denken, wie passt das überhaupt noch in unsere moderne digitalisierte Welt? Wo doch der Wildschütz Jennerwein („er war ein Schütz in seinen besten Jahren, er ward hinweggeputzt von dieser Erd…“) schon längst tot ist, der Archetyp des von der verarmten alpenländischen Bevölkerung heimlich bewunderten und verehrten „Wuilderers“! Und wo doch auch die Notzeiten andere geworden sind.

Doch so gar lange sind Wildererstorys freilich auch wieder nicht her, sie blieben wahrlich auch nicht aufs Hochgebirge beschränkt. Man schlage etwa nach in der Hüfinger Ortschronik aus dem Jahr 1984 (S. 409 f.):

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges stellten sich auch auf der Baar Wilderer in bisher unbekannter Zahl und mit großer Dreistigkeit ein. Den Höhepunkt seines Unwesens erreichte das Wildereiunwesen mit dem Erschießen des sechzigjährigen F.F. Jagdaufsehers Alois Burger aus Hüfingen am Abend des 30. Juni 1921. Dieser Mord erregte die Gemüter der Bewohner der Baar in höchstem Maße.

Auch damals waren die Übeltäter, der Platzwart des F.F. Sägewerks und sein Gehilfe, rasch gefasst (nicht anders als die Kuseler Polizistenmörder, auch wenn die beiden Hüfinger ihre Ausweise nicht am Tatort hinterlassen hatten). Bereits im nämlichen Jahr wurde ihnen unter großer Anteilnahme der Bevölkerung der Prozess gemacht. Der Haupttäter wurde wegen schweren Totschlags, Wilderns und unerlaubten Waffenbesitzes zu 12 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus und zu 10 Jahren Ehrverlust verurteilt, sein Komplize wegen Wilderns und verbotenen Waffenbesitzes zu 1 Jahr und 4 Monaten.

So fragt man sich denn, welche Voraussetzungen eigentlich heutzutage noch immer erfüllt sein müssen, wenn der Tatbestand der Jagdwilderei so verlockend und so ergiebig sein soll, dass Täter noch immer die damit verbundenen Risiken in Kauf zu nehmen bereit sind. Damals, im Fall der Ermordung des Hüfinger Jagdaufsehers, dürften es die horrenden spätfeudalen Rehwildbestände auf den fürstlich fürstenbergischen Jagden gewesen sein – und zweifellos auch die vergleichsweise milde Bestrafung des Wilderns – selbst im Wiederholungsfall.

Wildreichtum, schon immer auch eine Verlockung für Wildere

Im aktuellen Kuseler Fall sollen sich die aus dem Saarland stammenden Täter diesmal freilich in einem Damwildgehege bedient haben. Sage und schreibe 22 (!) Tierkadaver sollen im Laderaum des Täterfahrzeugs entdeckt worden sein. Bei beiden fand man zudem eine Vielzahl von Waffen; ob mit oder ohne Waffenschein und Waffenbesitzkarte müsse erst noch überprüft werden. Beide waren sie nicht vorbestraft, allerdings seien sie in der Vergangenheit bereits den Behörden aufgefallen, der ältere u. a. wegen Jagdwilderei. 

Man stutzt: Wie kann einer jemals wegen Wilderns aufgefallen sein, ohne dafür rechtskräftig verurteilt worden zu sein und ohne dass der Waffenbesitz überprüft worden ist? Immerhin scheint einer der beiden einen schwunghaften Wildhandel betrieben zu haben. Bekannt ist freilich auch, dass die Wilddichte in den rheinland-pfälzischen Wäldern vielerorts verführerisch hoch ist – für Waffenfreunde auch ohne Jagderlaubnisschein gewiss eine permanente Versuchung, zumal wenn beim Wildern nicht nur Schalldämpfer und Scheinwerfer, sondern auch Nachtsichtgeräte zum Einsatz gelangen. Andererseits wird der Wald mittlerweile ja doch auch intensivst überwacht:  Wer immer sich als Weidmann oder Weidfrau auf der Höhe der Zeit wähnt, kommt längst nicht mehr ohne Wildkamera aus. Denn deren Einsatz erspart Zeit, erhöht die jagdliche Effizienz und verspricht vielerlei neue Einblicke ins eigene Revier. Die  waldgrün camouflierte Kamera, gut getarnt angebracht an der Kirrung in Schussweite zur Kanzel, überwacht rund um die Uhr nicht nur das Wild. Sie verzeichnet auch „Beifänge“, ob vier- oder zweibeinige „Eindringlinge“, und erschwert so auch Wilderern ihr schmutziges Handwerk. Allein in Rheinland-Pfalz wird die Zahl der in Wald und Flur im Einsatz befindlichen Wildkameras bereits im Jahr 2014 auf ca. 30.000 geschätzt. Sie dürfte sich längst verdoppelt haben (Dunkelziffer inklusive). Was allemal für den Pfälzer Wald zutrifft, wo derzeit ein wissenschaftlich begleitetes Wiedereinbürgerungsprojekt für Luchse mit einer Vielzahl zusätzlicher Kameras  läuft. Kein Wunder also, wenn Wilderer sich da lieber an Damwildgattern vergreifen.

Ist Jagdwilderei, zumal in wenig wildtiergerechten Gattern, also eher ein milde belächeltes und in der Regel ebenso mild bestraftes Kavaliersdelikt? Und wie halten es die Behörden mit der Einhaltung der Waffengesetze? Wie oft werden die gesetzlich vorgeschriebenen Waffenschränke kontrolliert? Und was muss einer alles verbockt haben, bis ihm der Entzug der Waffen droht? Der tragische Fall von Kusel dürfte auch zum Denkanstoß für Behörden werden.

Fällt die Selbstbedienung im wenig wildtiergerechten Gatter unter Jagdwilderei?

Keine Hiobsbotschaft aus dem Höllental

Die Tanne war wie lebend
In Trauermelodie
Durch alle Fasern bebend
Sang diese Worte sie:

Du kehrst zur rechten Stunde,
O Wanderer, hier ein
Du bist´s, für den die Wunde
Mir dringt ins Herz hinein!

Aus: Justinus Kerner (1786-1862): DerWanderer in der Sägemühle

Es geht nicht gut aus im Gedicht Der Wanderer in der Sägemühle des dichtenden schwäbischen Arztes Justinus Kerner, weder für die Tanne, die in der Sägemühle zerlegt wird, noch für den Wanderer, zu dessen Sarg sich die vier Tannenbretter zusammenfügen lassen. „Trauermelodien“ stimmen derzeit nicht nur die Medien an, wenn es den Zustand der Wälder zu beschreiben gilt; in den Berichten tragen selbst die unlängst noch als klimahart gepriesenen Weißtannen Trauer nach den drei so extremen Trockenjahren, von den Fichten ganz zu schweigen. Da möchte man sich doch auch selbst ein ungeschminktes (weder allzu desolates noch touristisch geschöntes) Bild vom Gesundheitszustand verschaffen: Wie haben die Tannen wohl den Trockenstress überstanden – gar in den blocküberlagerten sommerseitigen Steilhängen des Höllentals? 

Eben dort hatte ich vor vierzehneinhalb Jahren Motive für mein Tannenbuch1 gefunden, fünf Jahre nach jenem trockenheißen Rekordsommer 2003, der nur Weinkennern positiv als Jahrhundertjahrgang in Erinnerung geblieben ist. Wo, wenn nicht hier, müssten die überalterten Tannengreise doch mittlerweile am Darben und Verdursten sein: In den Blockhalden hoch über dem Zinken Posthalde mit seinem einstigen Gasthaus Adler, das zur Hälfte mitsamt der hauseigenen Sägemühle dem vierspurigen Ausbau der B 31 hatte weichen müssen wie auch mit einer Station der Höllentalbahn, wo seit dem Ende der 1970er Jahre kein Zug mehr hält. Und wo, wenn nicht im Henslerwald, im Privatwald der seit dem 17. Jahrhundert hier ansässigen Posthalter- und Gastwirtefamilie Hensler. Das Waldsterben der 1980er Jahre hatten die Tannen, all der Abgasbelastung des nicht mehr abreißenden Verkehrsstroms auf der Bundesstraße zum Trotz, leidlich überstanden wie auch die Orkane der 1990er Jahre. Gewiss, es war auch die eine oder andere Tanne vorzeitig rotbraun und abgängig geworden, wie sich mir der Bergmischwald damals präsentiert hatte, zerzaust auch da und dort von den Stürmen. Sogar die bizarre, uralte Kandelabertanne hatte es zerrissen, die ich hoch oben in der Halde entdeckt und für mein Buchprojekt reserviert hatte.

Kandelabertanne im Henslerwald
Nach dem Orkan Lothar vom 26. 12. 1999

Doch alles in allem schienen mir die Tannen, wie ich sie im Jahr 2008 mit der Kamera  festgehalten hatte, weitaus besser dazustehen als befürchtet. Zwar zeigten die Storchennestkronen vielfach noch die  aus den Jahren des Waldsterbens sattsam bekannten Verlichtungen, doch die Ausfälle hatten sich offensichtlich in Grenzen gehalten – selbst auf den extremsten Standorten der Halde.

Aufnahme vom Februar 2008

Nun also ein erneuter Krankenbesuch, diesmal bei strahlendem Hochdruckwetter im allzu lauen November 2020 und nach einem Jahr, das bereits jetzt einen neuerlichen Wärmerekord seit Beginn der Wetteraufzeichnungen versprach. Den Wagen vor dem lärmumtosten einstigen Gasthaus  abgestellt, die Bergschuhe geschnürt, den Rucksack mit der Kamera geschultert und gemächlich den steilen Schleifweg hochgestiegen, über welchen die Henslers seit vier Jahrhunderten ihre Tannen zur Sägemühle brachten – wie heute noch zum kranbeschickten Holztransporter an der Hofeinfahrt. Die Henslers sind auch diesmal am Holzschleifen, der Senior auf dem Schlepper, der ebenfalls bereits graubärtige Schwiegersohn zu Fuß beim Abhängen und Poltern der Laubhölzer, die sie sich für den Heizbedarf aus dem Hang geholt haben. Vom jüngeren der Beiden möchte ich nach kurzer Begrüßung wissen, wie er die gegenwärtige Lage im Wald einschätzt: „Was machen denn Eure Tannen da oben?“, frage ich ihn, „wie haben sie den Sommer überstanden?“ „Sie stehen noch“, ist seine lakonische Antwort. Worauf ich ihm erkläre, dass ich mich extra ihretwegen mit der Kamera in den Henslerwald aufgemacht habe.

Alsdann klettere ich über die Felsbrocken der Geröllhalde hinweg exakt zur Stelle, von wo aus ich damals, zwölf Jahre jünger und auch etwas geländegängiger noch, fotografiert hatte. Und o Wunder: Gar nichts Dramatisches scheint sich inzwischen ereignet zu haben – die Tannenkronen wollen mir jetzt eher voller und dichter benadelt erscheinen als auf den Fotos von damals! Als ob nicht unlängst erst der Waldzustandsbericht Gegenteiliges vermeldet hätte: Noch nie seit dem Jahr 1984, der Ersterfassung, sei die Benadelung der Baumkronen so schütter gewesen wie gegenwärtig! Gewiss, da oben strecken ein paar Käferfichten ihre dürren Dolden oben heraus, wie sie ja auch auf der Herfahrt bereits das Waldbild der Sommerhänge des Höllentals geprägt und verunziert haben. 

Macht jetzt etwa auch die Weißtanne schlapp? – so hatte ich im Frühjahr 2020 angesichts all der Hiobsbotschaften im forst- und holzwirtschaftlichen Fachblatt2 gefragt? Entsetzt über die Zunahme des Schadholzprozente auch der Weißtannen in den forstlichen Statistiken und über die Waldbilder oberhalb der Stadt Freiburg mit all den braun verfärbten, vom krummzähnigen Tannenborkenkäfer befallenen Weißtannen in den flachgründigen Hanglagen um den Kybfelsen, hatte ich die Befürchtung geäußert, dass nächstens auch mit der Weißtanne kein Staat mehr zu machen sein könnte. Wo sich die Experten der Freiburger Forstlichen Versuchs und Forschungsanstalt beim Thema Waldumbau im Klimawandel doch längst mit Libanonzedern und Douglasien anstatt mit Tannen befassen.

Aufnahme vom November 2020

Doch hier, beim Blick über die Blockhalde hinweg, fasse ich mit einem Mal wieder Hoffnung für diese Baumart, verspüre ich einen neuerlichen Schub an Sympathie, wie sie mich schon ein Berufsleben lang begleitet und für die Weißtanne motiviert hat. Sodass mich nun der Schleifweg dazu verleitet, ihm noch ein ganzes Stück bergauf zu folgen. Im Gegenlicht sind – allem Anschein nach – kerngesunde Tannenkronen zu bewundern mit reichlich Kerzenpracht obendrauf, von der Novembersonne prächtig in Szene gesetzt vor dem schwarzschattigen Gegenhang. Derweil sind am Unterhang die beiden Henslers noch immer am Holzschleifen, weshalb ich, unten angekommen, einen Moment bei ihnen verschnaufe, vielleicht um sie ein wenig teilhaben zu lassen an meiner neu gewonnenen Zuversicht. Was auf freundliche Erwiderung stößt. 

Schließlich, am einstigen Gasthaus „Adler“ wieder angelangt, tritt eben die Henslerin vor die Tür, und wir begrüßen uns recht vertraut, denn nach den zwölf Jahren hat sie mich offensichtlich wiedererkannt. Auf meine Frage, wie denn nun sie den Zustand ihres Walds einschätzt, berichtet sie, kürzlich erst selber den Schleifweg hinaufgestiegen sein: Ob der vielen Dürrständer sei sie erschüttert gewesen! Ob ihr die Weißtannen da oben nicht doch auch Anlass sein könnten für mehr Gelassenheit, hätte ich sie zum Abschied gern gefragt, die gleichmütigen Äußerungen des Schwiegersohns noch im Ohr und die Zapfen tragenden Tannenkronen noch vor Augen – doch dann habe ich die Frage wieder runtergeschluckt. Genug der Hiobsbotschaften und der „Trauermelodien“ nach Justinus Kerner um die Tannen?

1Hockenjos, W.:Tannenbäume. Eine Zukunft für Abies alba. DRW-Verl. 2008.
2Hockenjos, W.: Macht jetzt auch noch die Tanne schlapp? Holz-Zentralblatt v. 17. 4. 2020 Nr.16 S. 303.

Vom Zauber des Tannenholzes

Die Tanne ist mehr warm als kalt und hat viele Kräfte in sich. Denn an welchem Ort auch immer Tannenholz ist, hassen und meiden es die Luftgeister mehr als andere Orte, und schlechter Zauber und Magie haben dort weniger Kraft.

Hildegard von Bingen, Physika III

Die Weißtannenhöhe, den knapp 1200 m hohen Berg zwischen Hinterzarten, Breitnau und St. Märgen, kennen – zumindest dem Namen nach – fast alle, zumal die Skiläufer, die ihn zu Tausenden zu umrunden pflegen und die Fußwanderer, die ihn auf dem Westweg des Schwarzwaldvereins überqueren. Ob sie sich wohl wundern, weshalb da oben nur Fichten und keine Weißtannen wachsen? Untersuchte man das Gebälk des Weißtannenhofs, dem der Wald gehört, käme unter der Ruß- und Staubschicht gewiss Tannenholz zum Vorschein. Bis zu eintausend Festmeter Holz wurden zum Bau eines einzigen Schwarzwaldhofs benötigt. Und wo immer Tannen zur Wahl und in ausreichender Menge wie Stärke zur Verfügung standen, gaben die Erbauer ihr den Vorzug, galt sie doch als haltbarer und wetterfester. Was zeigt, dass der Wald noch im Spätmittelalter sehr viel tannenreicher gewesen sein muss – wie sonst wären Hof und Berg einst zu ihrem Namen gekommen. Doch wo gerodet, geweidet und in der Neuzeit wieder aufgeforstet wurde, verschwand die Tanne, und so findet sie sich heute am ehesten noch in den schwer zugänglichen Blockhalden des Höllentals oder in den wohlbehüteten Klosterwäldern, dem heutigen Staatswald.

Auch die Erbauer des Freiburger Münsters wussten die Tanne zu schätzen. Ob im Dach- oder im Glockenstuhl, für sie kam nur (Weiß-)Tannenholz in Frage. Und das allein schon der benötigten Dimensionen wegen: Die nahezu zylindrische („vollholzige“) Form von Tannenstämmen erlaubte es, Balken jeder Größenordnung zurecht zu beilen und zu sägen. Und wenn die Zimmerleute der Münsterbauhütte heute Balken altershalber zu ersetzen haben, stöbern sie mit Vorliebe im noch immer verwendbaren Abbruchholz uralter Schwarzwaldhöfe herum. Dass die „Luftgeister“ der heiligen Hildegard das Münster an jenem 27. November 1944, im Inferno des alliierten Luftangriffs, verschont haben, dürfte freilich nicht nur dem Tannenholz zu verdanken gewesen sein. 

Tannenholzgebälk im Glockenstuhl des Freiburger Münsters

Klar, dass die Altvorderen sich auch noch darauf verstanden haben, das Bauholz im richtigen Mond und im richtigen Zeichen zu hauen. Wie sonst hätte das Holz so lange schadlos überdauern können. Im Turm der Sulzburger Pfeilerbasilika St. Cyriak, dem ältesten erhaltenen Kirchturm Südwestdeutschlands, fand sich sogar noch ein Balken aus einer im Winter des Jahres 996 n. Chr. gefällten Tanne, wie es die Dendrochronologen ermittelt haben.

Weißtanne für den Innenausbau (Geroldtaler Mühle, Baden-Baden)

Dennoch ist zwischenzeitlich die Fichte zum bevorzugten Produkt der Bauholzsäger avanciert. Die Tanne erlitt ein Minderheitenschicksal: Einzeln beigemischt in den Fichten-Verkaufslosen stört sie nur, denn Weißtannen haben ein anderes Trocknungsverhalten, was den Produktionsprozess verteuert. Weshalb Tannen-Stammholz, allen Vorzügen zum Trotz, ab Wald noch immer mit einem Tannenabschlag belegt wird. Umso mehr Überzeugungsarbeit kostet es die Förster bei der Beratung der Waldeigentümer, einen tannenfreundlichen und damit zukunftsfähigen Waldbau in die Wege zu leiten. Doch das Eigenheim in Holz hat Konjunktur, und die rückläufige Verfügbarkeit von Fichtenholz trägt mit dazu bei, dass mancher Häuslebauer inzwischen auch wieder Wert auf edles Tannenholz legt, nicht nur im Dachstuhl, sondern vermehrt auch im Innenausbau, bei Dielen, Treppen oder Fenstern. „Schwarzwälder Tanne“ hat das Zeug zum Premiumprodukt. 

Wo die Weißtannen überlebt haben: Blockhalde im Höllental

Neuerdings hat auch der Weißtannenbauer wieder Tännchen in seinen Wald gepflanzt, weil er ihn fit machen will angesichts all der klimatischen Unwägbarkeiten. Weshalb die Weißtannenhöhe ihren Namen auch bald wieder zu Recht tragen wird.  

Grenzstein auf der Weißtannenhöhe 1974

Bescherung für Luchsfreunde

Im grün-schwarzen Koalitionsvertrag des Jahres 2021, dem Erneuerungsvertrag für Baden-Württemberg, findet sich das Thema zwar bereits angekündigt. Und doch war es für die Luchsfreunde eine faustdicke freudige Überraschung, dass das so ausdauernd und so kontrovers diskutierte Artenschutzprojekt kurz vor Weihnachten noch konkrete Formen angenommen hat: Unterschrieben vom Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90 Die Grünen Andreas Schwarz MdL und von Reinhold Pix MdL wurde der Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. mit Schreiben vom 21. 12. 2021 mitgeteilt, dass im Haushaltsplan des Landes für das Jahr 2022 eine Summe von 200.000 € zum Anschub eines Bestandesstützungsprojekts zur Verfügung gestellt wurde, sodass dieses nun in drei Phasen umgesetzt werden kann:

  1. Vorbereitungsphase rund 0,5 Jahre (bereits angelaufen) zur Vorbereitung der Hauptphase durch die Freiburger Forstl. Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA);
  2. Hauptphase 4 Jahre – 2022-2026: Klärung und Beschaffung der Tiere in 2022 und 2023 (Findelwaisen, Nachzucht, Wildfänge), sodann Freilassung von Luchsen, Finanzierungsbeiträge durch das Land sowie NGO´s, Patenschaften und Sponsoring;
  3. Nachbetreuungsphase: Daueraufgabe ab 2027, begleitendes Monitoring durch die FVA.

Ziel sei es, damit in den kommenden Jahren in Baden-Württemberg die Rahmenbedingungen für eine überlebensfähige, sich reproduzierende Luchspopulation zu schaffen. Im Zentrum des mitteleuropäischen Verbreitungsgebiets von Lynx lynx europaeus soll nun endlich die weit aufklaffende Lücke geschlossen werden.

Offenbar ist der Durchbruch nicht zuletzt auch ein Erfolg der seit 2020 amtierenden Vorsitzenden der Luchs-Initiative, Verena Schiltenwolf, die ehrenamtlich auch für den Landesnaturschutzverband tätig ist; mit ihrer gewinnenden und vertrauenserweckenden Art hatte sie in der Politik kräftig gepunktet – auch im Dezember noch anlässlich des gut besuchten öffentlichen Teils der (digitalen) Mitgliederversammlung, an dem auch etliche Vertreter aus Politik und Naturschutzverbänden teilgenommen haben. Als Mitglied der (2004  vom Stuttgarter Ministerium für den ländlichen Raum gegründeten) AG Luchs und Wolf habe sie, wie es in dem Schreiben heißt, mit dazu beigetragen, Akzeptanz für den Luchs zu schaffen und wertvolle Expertise einzubringen. 

Womit sie zweifellos erfolgreicher agiert hat als die bislang zumeist mit Forstleuten besetzten Vorstände der Initiative (mit ihrem zumal aus der Sicht der Jägerschaft eher belasteten Image), die sich über drei Jahrzehnte lang vergebens um das nunmehr in greifbare Nähe gerückte Ziel bemüht hatten. Andererseits war es gewiss auch den Schwarzwälder Dickschädeln und Dickbrettbohrern des Vereins zu verdanken, dass der Luchs seit jenem Jahr 1986, als die Idee für das Projekt erstmals aufgekommen war, nie mehr vollends aus den Schlagzeilen und in der jagd- und naturschutzpolitischen Versenkung verschwunden ist. Erst recht ist den Mitarbeitern des Wildtierinstituts der Freiburger FVA zu danken, allen voran Dr. Micha Herdtfelder, für ihre ebenso beharrliche wie professionelle Arbeit. Kurz vor Weihnachten ist es ihnen erst wieder gelungen, einen der seit Jahren in Baden-Württemberg solitär lebenden Luchskuder zu besendern. Ob sie auch ihm nächstens eine Gefährtin zuführen werden?

Was lange währt, scheint endlich gut zu werden – seit Weihnachten 2021 ist ein Happy-End des baden-württembergischen Luchsdramas abzusehen.

Beim Thema Luchs Wort gehalten (Winfried Kretschmann MdL am 13. 4. 1991 in der Heilbronner Stimme)

Zurück zum Quellenstreit

„Endlich offiziell Donauquellstadt“, so werden die Donaueschinger am 10. Dezember 2021 auf der Lokalseite der Tageszeitung beglückt. OB Pauly habe von Innenminister Strobl die Auszeichnung im Rahmen einer virtuellen Feierstunde erhalten. Damit werde in besonderer Weise gewürdigt, welchen Stellenwert die Donauquelle seit jeher innehatte. Die Zusatzbezeichnung auf den Ortsschildern der Kernstadt soll nun also dem Highlight im fürstlichen Park weitere Strahlkraft, dem Tourismus der Stadt weiteren Schub verleihen. Vor lauter Stolz ist im Zeitungsbericht fast untergegangen, dass sich nun auch Furtwangen so nennen darf – welch salomonische Entscheidung in Stuttgart! Oder war sie womöglich doch nicht ganz so weise?

Als ob da nicht auch noch eine dritte Stadt ein Anrecht auf die Auszeichnung hätte! Wo doch spätestens seit 1719 klargestellt ist, wo sich die wahre Donauquelle befindet. Friedrich Wilhelm Breuninger hat darüber nicht nur ein umfangreiches Buch geschrieben, sondern auch vor Ort Beweise gesammelt. Sein fraglos etwas sperriger Buchtitel lautet:

Fons Danubii primus et naturalis: Oder die Ur-Quelle Des Welt-berühmten Donau-Stroms Welche In dem Herzogthum Würtemberg und nicht zu Don-Eschingen wie bißhero davor gehalten worden zu sein gründlich behauptet wird, und von wannen der Fluß als von seinem wahren und eigentlich Ursprung an biß zu seinen Ostiis und Aueflüssen unter mancherley Anmerkungen neben zerschiedenen Preliminarien.1

Breuningers Werk war ganz offensichtlich eine Auftragsarbeit: Der junge Geistliche des (seit 1556 evangelischen) Klosters St. Georgen hatte seinem Landesherrn, Herzog Leopold Eberhard von Württemberg-Mömpelgard, den prestigeträchtigen Nachweis zu erbringen, dass die Donau nicht etwa im fürstenbergischen Donaueschingen oder an der Martinskapelle im Vorderösterreichischen entspringt, sondern im Herzogtum Württemberg, genauer: am Hirzbauernhof, wenige Kilometer westlich der Bergstadt St. Georgen. Pech nur für Autor und Auftraggeber, dass per Staatsvertrag von 1810 das württembergische Oberamt Hornberg mitsamt St. Georgen und Ur-Quelle badisch werden sollte.

Friedrich Wilhelm Breuningers Kartenblatt (1719)

Breuningers wichtigstes Beweisstück war – ja was denn nun? – eine Wettertanne, die Gedächtnuß-Danne nämlich. Sie findet sich eingezeichnet auch auf einem von ihm sorgfältigst ausgearbeiteten Kartenblatt, knapp daneben Fons Danubii primus et naturalis, die so postulierte wahre Donauquelle. Diß ist der Baum, so schreibt er in seinem Buch, dessen wir schon oben mehrmal gedacht und das erste übergelassene Wahrzeichen von der Donau- und ihres Nahmens-Ursprung; es stehet selbiger auff der südlichen Seite der (Brigach-)Quelle etwas Ostwärts an dem aufsteigenden Hirtzberg bey 300 Schritt von dem Ursprungsort entfernt.

Der mit der mehrstämmigen Gedächtnis-Tanne offenbar bestens vertraute Verfasser scheint sich zwar durchaus darüber im Klaren gewesen zu sein, dass am Hirzbauernhof in Wahrheit die Brigach entspringt (weshalb sonst hätte er deren Namen in seinem Text in Klammern gesetzt?), doch allein dieses Brigachbächleins wegen, so argumentiert er messerscharf, hätten die Altvorderen doch nie und nimmer eine solche Wettertanne auf ihrem Feld stehen lassen! Sollte nämlich jemand danach fragen, warum der Baum mitten auf dem Acker stehen bleiben durfte und nicht auch, damit er das Land nicht hindere, ausgereutet worden, so bekommt man von den ältesten Leuten die Antwort, dass sie von den Alten gehöret und diese wiederum von ihren Vorfahren. Man habe diesen Baum an diesem Ort als eine vor allen andern schöne und besonders gewachsene Danne zum Gedächtnis stehen lassen, dass nicht weit davon die Donau entspringe und ihren Nahmen in dieser wilden Dannen-Revier bekommen habe.

Ausschnitt: Gedächtnus Danne an der „Donauquelle“ Fons Danuby primus et naturalis (Ausschnitt)

Was, bitteschön, ist – gegen ein solches Wahrzeichen! – die Aufstoßquelle in Donaueschingens fürstlichem Park oder gar das Brünnlein hinterm Kolmenhof auf der Martinskapelle!

Hätten sich die Mitarbeiter von Innenminister Strobl nicht doch etwas gründlicher informieren müssen? Und das, nachdem Breuninger es bei seiner Beweisführung nicht bei dieser einen Tanne belässt, sondern auch noch eine weitere Kronzeugin bemüht, eine zweite Gedächtnis-Tanne:

Die Au-Danne nämlich. Eine gute Viertelstunde oberhalb von St. Georgen beginne das Tal sich zu einer Aue zu weiten, durch welche das Donau-Bächlein herunter fället. Fast am unteren Ende stehe die sogenannte Au-Danne, welche die Alten zu einem Merckmahl als einen gleichfalls extraordinäre schönen Baum von besonderer Höhe und Dicke stehen lassen: welches daraus erhellet, weilen 2 biß 3 Personen in dem Baum stehen können, nachdem er von ohngefehr 20 Jahren durch einen Donnerstreich in seinem Stamm ganz hohl gemacht worden. Welcher Streich aber den Baum noch ferner zu grünen nicht verhindert, sondern nachdem allerhand Gesind durch die Kriegs-Zeiten unterdessen schattichten Schirm sich Tag und Nacht auffgehalten und Feuer darunter angezündet, geriehte er vor wenigen Jahren in eine Flamme, und brannte also der schöne und andere Donau-Gedächtnuß-Baum biß auf den Storren ab und gienge zu grund. Dahero man billich dieses Wahrzeichens hier gedenket und selbiges, weil es an sich selbsten nach und nach zu verschwinden beginnet, von der gäntzlichen Vergessenheit noch einigermaßen zu verwahren.

Das Missgeschick dieses zweiten Donau-Gedächtnuß-Baumes, an dessen hohlem Stammfuß Kriegsgesindel ein Feuer entzündet hatte, sodass leider nur noch der Stumpen übrig geblieben war, hindert den Autor nicht, auch ihn als Beweis für den württembergischen Ursprung der Donau anzuführen. Zumal doch zwei bis drei Personen im hohlen Stamm Platz gefunden hätten. Was zweifelsfrei daraus schließen lässt, dass der Stamm dieser Au-Danne noch erheblich mächtiger gewesen sein muss als jener der Wettertanne des Hirzbauern oberhalb der Quelle. Doch damit nicht genug: Vikar Breuninger versteigt sich in seinem Werk (auf S. 348) sogar zu der gewiss etwas abenteuerlichen Hypothese, der Flussname Donau sei womöglich auf eben diese Aue mit ihrer Tanne, der Dann-Au nämlich, zurückzuführen: Hiervon kann man geben keine gezwungene, sondern die allernatürlichste und deutlichste Derivation des Wortes Donau welches Dannau heißen sollte.

Keltisch-römischer Dreigötterstein

Doch um wie viel überzeugender für seinen Herzog wie für die Nachwelt wäre Breuningers Hypothese von der „Ur-Quelle des „Welt-berühmten Donau-Stromes“ ausgefallen, hätte er nicht nur mit Gedächtnistannen argumentiert, sondern auch noch mit dem über 2000 Jahre alten keltisch-römischen Dreigötterstein? Leider wurde der halt erst 170 Jahre nach seiner Buchveröffentlichung entdeckt – bei der Erneuerung des Küchengewölbes im Hirzbauernhof. Ob die Expedition des römischen Kaisers Tiberius um 15 vor Christus (von der Strabo berichtet: „Tiberius aber sah die Quellen der Donau“) also nicht doch zuvorderst dem Quellheiligtum an Breuningers eigentlicher Donauquelle gegolten hat? Ach, hätten sich dieMitarbeiter im Stuttgarter Innenministerium doch etwas gründlicher vorbereitet

Donauquellstadt St. Georgen? Lassen wir den Stuttgarter Ministerialen doch noch etwas Zeit bis zur Feierstunde mit der dritten Auszeichnung.

In freudiger Erwartung der neuen Auszeichnung: Donauquellstadt St. Georgen

1 Hockenjos, W.: Baumdenkmäler – Vereinnahmung und Gefährdung. Nicht nur im Dienst des Donau-Quellenstreits (Schwäbische Heimat 2019/1, S. 36 ff.)

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