Kleine Galerie der Baaremer Tannenriesen

Beitrag vom 11. Juni 2022

Die Weiß- oder Edeltanne ist, ähnlich der Eiche unter den Laubhölzern, durch den Adel der Gestalt wie durch das Alter und die mächtigen Dimensionen, welche einzelne besonders günstig entwickelte Exemplare erreichen, unstreitig die Königin unserer Nadelhölzer.

Ludwig Klein: Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden. Karlsruhe (1908)

Die Tanne nimmt eine ganz untergeordnete Stellung ein, obgleich sie in einzelnen riesenhaften Exemplaren und fast allenthalben als Überständer vorkommt.

Aus den Forsteinrichtungsakten des ehem. Wolterdinger Gemeindewalds (1833)

Ein Hoch auf die Weißtanne! Auch wenn sich die „Königin unserer Nadelhölzer“ (L. Klein) im Wald der Baar und des Baarschwarzwalds schon seit längerem ziemlich rar gemacht hat. Dabei war sie, wie es die  Pollenprofile beweisen, auch hier die führende Nadelbaumart. An ihrer Stelle hat die frostharte und gegen Wildverbiss so viel robustere Fichte das Rennen gemacht. Wo immer der Wald im schachbrettartigen Altersklassenverfahren nach Maßgabe des badischen Forstgesetzes (ab 1833) bewirtschaftet worden ist, wo gar Kahlschläge grassierten und Sturmblößen um sich gegriffen haben, war es um die gegen Spätfrost so empfindliche Tanne geschehen. Weshalb bis heute labile Fichtenreinbestände („Monokulturen“) den Ton angeben, so sehr die Förster bemüht waren, den Tannenanteil wieder anzuheben. Fast schon resignierend heißt es etwa 1960 in den Forsteinrichtungsakten des Bräunlinger Stadtwalds: „Die Tanne hat sich mit 3 % behauptet, […] die immer wieder geforderte Erhöhung des Tannenanteils gelang nicht.“ Derzeit liegt er noch immer deutlich unter 10 %. Oft genug lag es auch an übertriebener Rehwildhege (Winterfütterung, unzulängliche Bejagung), dass alle waldbaulichen Bemühungen um die Tanne umsonst waren. Weil aber im Zeichen des Klimawandels der Waldumbau hin zu stabileren, ökologisch wie ökonomisch vorteilhafteren Mischwäldern (mit mehr Weißtannen und Buchen als Fichten) zur neuen Jahrhundertaufgabe der Forstwirtschaft avanciert ist, gerät die Forstpartie oft genug unter öffentlichen Druck, ob mit oder ohne Zutun des Bestsellerautors Peter Wohlleben. Denn der gleichwüchsige, fichtenlastige „Tausendsäulensaal“ hat ausgedient angesichts der Anforderungen an den Wald der Zukunft, als da sind CO2-Speicherung, Kühlung und Widerstandskraft (Resilienz).

Umso dankbarer nimmt man zur Kenntnis, dass da und dort wenigstens ein paar einzelne alte Weißtannen (im Forstjargon sog. „Überständer“ oder „Überhälter“) allen Stürmen und  Immissionen, selbst dem Trocken- und Hitzestress der zurückliegenden Jahre getrotzt haben. Denn als Samenspender sind sie noch immer im Stande, für den lang ersehnten Nachwuchs zu sorgen. Einige dieser Veteranen aus tannenfreundlicheren Epochen haben inzwischen bereits Dimensionen erreicht, die längst durch kein Sägewerksgatter mehr passen. Was schon Generationen von Waldeigentümern und Förstern dazu veranlasst hat, ihnen das Gnadenbrot zu gewähren. Mitunter tragen sie dann sogar Namensschilder, stehen womöglich unter Naturdenkmalschutz und sind inzwischen zum Stolz ihrer Eigentümer und zu bestaunten Attraktionen für Waldbesucher herangewachsen. 

Was Prominenz und Bekanntheitsgrad solcher Uralttannen anbetrifft, so bleibt natürlich „Deutschlands größte Tanne“ unerreicht: der „Hölzlekönig“, der einst im Gewann Hölzle zwischen Villingen und Schwenningen residierte. Der märchenhaft populäre, geschätzt über 350 jährige Riese, an den noch ein Ausflugslokal gleichen Namens erinnert, hat mit seinem Umfang von 6 Metern in Brusthöhe und mit seinem Holzvolumen von –  sage und schreibe – 64 (!) Festmetern freilich schon vor einhundert Jahren das Zeitliche gesegnet, nachdem er zuvor durch Blitzschlag und Wipfelbruch beschädigt worden war. Auch die etwas schmächtigere „Hölzlekönigin“ an seiner Seite hat ihn nicht mehr lange überlebt. Das Ableben des Königs dürfte zudem durch den Umstand beschleunigt worden sein, dass unter seiner Krone ausgiebig Waldfeste gefeiert worden sind, was zu baumschädlicher Bodenverdichtung geführt haben muss. 

Waldfest unterm Hölzlekönig

Weißtannen können im Extremfall bis zu 700 Jahre alt werden, wie sie nachweislich per Jahrringzählung an einem jener Thüringer Tannengiganten ermittelt worden sind, unter denen auch die Nachfolgerin des „Hölzlekönigs“ als Deutschlands neuer Superlativ gefunden wurde: die „Königstanne“; benannt nach Gottlob König (1779 – 1849), dem Gründer und Direktor der Eisenacher Forstlehranstalt. Weil er als Begründer der Dendrometrie, der Holzmesslehre, gilt, dürften Zweifel am Holzvolumen der ihm gewidmeten Tanne, an deren phänomenalen 66 Festmetern, unangebracht sein, so sehr Volumenangaben von stehenden Bäumen ansonsten mit Vorsicht zu genießen sind. Wirklich Verlass ist meist nur auf Durchmesser und Umfang in Brusthöhe.

Auch wenn die heutigen Starktannen der Baar und des Baarschwarzwalds noch nicht zur absoluten Spitzenklasse zählen, so spricht doch nichts dagegen, dass die eine oder andere durchaus das Zeug dazu hat, in die allererste Garnitur aufzusteigen. Aktuelle deutsche Rekordhalterin ist die „Große Waldhaustanne“ im Nationalpark Bayerischer Wald mit 6,35 m Brusthöhenumfang (BHU) bei einer Baumhöhe von 50 m; für Baden-Württemberg hält bislang die „Großvatertanne“ unweit Freudenstadt den Rekord mit 5,50 m BHD, einer Baumhöhe von 50 m und ca. 40 Festmetern Volumen. Gegen derlei Konkurrenz mögen die hiesigen Spitzenreiter fast noch schmächtig erscheinen, doch staunenswert sind sie allemal. Weshalb zumindest ein paar wenige es verdient haben, dem Leser vorgestellt zu werden.

1. Meßmer-Tanne

Mit einem BHU von „nur“ 3,70 m zählt sie noch nicht zum engeren Kreis der Giganten, doch weil sie einem Donaueschinger Bürgermeister gewidmet, soll sie hier aufgeführt werden: Leopold Meßmer, nach dem auch eine Straße benannt ist, war, wie man einer Tafel am Baum entnehmen kann, von 1945 – 1953 amtierend. Als Verfolgter des NS-Regimes wurde er gleich nach Kriegsende von der französischen Besatzungsmacht inthronisiert, was ihn nicht daran gehindert hat, die Bürgermeistergeschäfte so überzeugend zu versehen, dass man ihm eine der Tannen-Überhälter im Oberholz hart an der Mistelbrunner Grenze gewidmet hat. Die Benadelung seiner dem Wind ausgesetzten Krone ist bereits etwas schütter, dennoch scheint ihr Gesundheitszustand noch immer zufriedenstellend zu sein. In der Wanderkarte 1:35.000 des Schwarzwald-Baar-Kreises ist die Tanne allerdings nur mit einer winzigen Signatur als „Hervorragender Baum“ verzeichnet, und der Wanderbetrieb hält sich hier offenbar in Grenzen – damit auch die Zahl der an Donaueschingens Zeitgeschichte interessierten Bewunderer Meßmers und seiner Tanne. Immerhin habe sich vor Jahren einmal die  SPD-Fraktion zu einem Besuch der Tanne aufgerafft, um ihres Genossen zu gedenken.



2. Fischer-Tanne

Wie die Meßmer-Tanne schmückt auch die Fischer-Tanne den Donaueschinger Stadtwald-Distrikt Oberholz. Und auch sie ist einem Bürgermeister gewidmet: dem von 1885 bis 1909 amtierenden Hermann Fischer und an dessen Wirken bis heute auch eine Hermann-Fischer-Allee in der Stadt erinnert. Bei ihrem BHD von 4,60 m und mit dem am Stamm angebrachten Namensschild ist sie von Hubertshofen aus kaum zu verfehlen. Steht sie doch am schnurgeraden, von der Richard Fesenmeyer Hütte (benannt nach dem Großvater des derzeitigen, in 6. Generation für den Stadtwald zuständigen Försters) aus durch schier endlosen Fichtenforst führenden Fischertannenweg und ist auch in der Wanderkarte verzeichnet. Ausweislich der dichten Benadelung ihrer Krone erfreut sie sich bester Gesundheit, was verwundern muss. Denn in der Rinde des mächtigen Stammes hat unverkennbar ein Blitz seine gewundene Spur hinterlassen. Ein kleines Kruzifix neben dem Stammfuß könnte die Vermutung aufkommen lassen, dass nicht nur die Tanne getroffen wurde, sondern auch noch ein Waldbesucher, der hier am 11. März 2005 den Tod gefunden hat.  Doch es war ein Waidmann, den hier ein Herzschlag ereilt hat, und die Narben am Stamm sind offenbar älteren Datums. Eine Kanzel neben der Tanne, gepaart mit einer saftig-grünen Äsungsfläche, erinnert daran, wie sehr eine erfolgreiche Rehwildbejagung über Wohl und Wehe von Weißtannen entscheidet. Umso schmerzlicher vermisst man im weiten Umkreis jegliche Ansätze von Ansamung und Anreicherung mit Tannenjugend. 



 3. Georg-Mayer-Tanne

Sie ist unübersehbar ein extrastarkes Kaliber mit ihrem BHU von 4,80 m, sodass die Sitzbank am Stammfuß optisch zum Bänkchen zusammenschrumpft. Gewidmet wurde die Tanne, wie einer hölzernen Tafel am Stamm zu entnehmen ist, dem F.F. Revierförster Georg Mayer, der von 1962 bis 1999 das Revier Hubertshofen versah und 2020 84jährig verstarb. Schon zuvor hatte der kapitale Baum mit seinem mächtigen Kandelaber-Ast in der Krone unter dem Namen „Habseck-Tanne“ einen gewissen Bekanntheitsgrad genossen, ist er doch vom Startplatz der Hubertshofener Skiloipe aus auf dem waldeinwärts führenden Weg bequem erreichbar. Sein Alter dürfte, gemessen an seinem Stammumfang, die 250 Jahre längst überschritten haben. Nur schade, dass es auch ihm zeitlebens nicht gegönnt war, für Tannen-Nachwuchs zu sorgen: im weiten Umkreis dominiert ausschließlich die Fichte. Tannenkeimlinge bevorzugen zwar auch deren Halbschatten, doch leider werden sie bereits als Sternchen vom Rehwild so vernascht, dass der Nachwuchs chancenlos bleibt.

Georg Mayer-Tanne

4. Die Große Eggwaldtanne

Bis unlängst war sie noch – mit ihrem BHU von 5,20 m und einer Baumhöhe von 50 m – die unzweifelhaft stärkste Tanne des Landkreises. Doch im Winter 2020 wurde sie vom Wintersturm „Sabine“ in ca. 30 m Höhe geköpft, der abgerissene Wipfel maß an der Bruchstelle noch immer  einen Dreiviertelmeter. Weil der Stamm aber noch über genügend grüne Äste verfügt, wird er wohl alsbald eine Ersatzkrone aufsetzen, sodass das Schicksal des Baumes noch lange nicht besiegelt sein muss. Dass er auch schon in intaktem Zustand nur wenig Aufsehen erregt hat, liegt an seinem versteckten Standort: Der Gigant steht eingetieft auf der Sohle der „Hofbächleschlucht“ im äußersten Westen des tannenreichen Brigachtaler Gemeindewalddistrikts Eggwald, weshalb er schon vor dem Sturmschaden das Bestandesdach kaum überragte. Wipfelbrüche sind für derlei Tannentürme nichts Ungewöhnliches: Schon einmal, im Kriegsjahr 1942, ist es der Eggwaldtanne widerfahren, wie es alte Überauchener Holzhauer bezeugt haben.  Weißtannen besitzen, wie sich hier zeigt, eine famose Fähigkeit zur Ausheilung abhanden gekommener Wipfel.

Die Große Eggwaldtanne – ein geschütztes Naturdenkmal

2013 war mit einem Spezialgerät, einem auf Holzdichte kalibrierten Resistographen, der Versuch unternommen worden, das genaue Alter der Tanne zu ergründen, wobei nur gegen 200 Jahrringe gezählt werden konnten. Doch der innerste Kern wies mikroskopisch enge Jahrringe auf, was auf einen längeren „Schattenschlaf“ unter dem Bestandesdach schließen lässt, für Schatten ertragende Weißtannen ein nicht ungewöhnlicher Lebenslauf, der das wahre Alter der Bäume zu verschleiern pflegt: Bis über hundert Jahre lang können sie als sog. „Vorwüchse“ überdauern, um dann bei Lichtzutritt loszuwachsen wie ein biologisch junger Baum. Der Riesenwuchs korrespondiert also nicht durchweg mit dem Alter, sondern weit mehr mit der Waldstruktur und dem verfügbaren Nährstoff- und Wasserangebot. Im Wurzelraum der Tanne haust gegenwärtig ein Dachs, der bisweilen morsches Wurzelholz nach oben zu befördert. Ob dies auf eine beeinträchtigte Statik des geschützten Naturdenkmals hindeutet, bleibt einstweilen dahin gestellt. Sollte sein Schicksal doch eines Tages besiegelt sein, so bietet sich ein Stück bachabwärts am Steilhang der „Schlucht“ bereits eine würdige Nachfolgerin an.

Im Wurzelraum wohnt der Dachs

5. Tanne im Krumpendobel

Unweit des Fischerhofs zweigt vom Bregtal rechts der Krumpendobel ab. Zuhinterst, wo 1565 der letzte Bär von F.F. Jägern erlegt worden ist, versteckt sich hart am Bachlauf eines Seitentälchens eine namenlose, doch offensichtlich sehr vitale Starktanne. „Waldbiotop“, verkündet ein Schildchen am Stamm, „geschützt durch Fürstenberg Forst“ und zeigt damit an, dass die Tanne nicht geerntet wird und also noch richtig alt werden darf bis zu ihrem natürlichen Ende. Dank optimaler Wasser- und Nährstoffversorgung wie auch durch ihren vor Stürmen bestens geschützten Standort hat sie gute Chancen, dereinst in die Spitzenklasse der Tannenveteranen aufzurücken, auch wenn ihr BHU eben erst die Viermeter übersprungen hat. Ihr Stammvolumen wird sich weiterhin progressiv vergrößern, weil das Dickenwachstum von Tannen bis ins höchste Greisenalter anhält und jeder Jahrring sich um einen noch größeren Holzzylinder legt. 

Im Krumpendobel

Wer sie aufsuchen will, nehme den Waldweg durch den Krumpendobel bis rechter Hand der Hangweg zum mysteriösen Krumpenschloss „Altfürstenberg“ abzweigt und wo von links ein Bächlein herabplätschert. Exakt an diesem, keine 20 m vom Fahrwegrand entfernt, versteckt sie sich im Fichtenbestand. Dass auch das lange Zeit überaus fichtenfreudige F.F. Fürstenhaus sich mittlerweile mehr Weißtannen erhofft im Wald der Zukunft, zeigt sich im steilen Talabschluss, wo etliche weitere Tannen als Überhälter von der Holzernte ausgespart geblieben sind und mit ihrem Nachwuchs die nächste, wenn nicht gar übernächste Waldgeneration bereichern dürfen. Sogar die eigentliche Gesellschafterin der Weißtannen, die Buche, konnte sich hier hinten behaupten.

6. Die Linacher Tanne

Noch versteckter als die Tanne im Krumpendobel wartet der Wald des Linacher Hansenhofs mit einem leider schon stark ramponierten Riesen auf, dem man kaum mehr eine Zukunft zutrauen mag. Viele Jahrzehnte lang war er von der Kreisstraße aus leicht auszumachen, denn seine Kuppelkrone überragte den Wald im (dem Hansenhof gegenüberliegenden) Dobel beträchtlich. Ein Gerücht will sogar wissen, dass im Taumel des „Dritten Reichs“ auf der Tanne auch schon mal die Hakenkreuzfahne gehisst worden sei, wem auch immer das gelungen sein soll. Doch inzwischen ist die Tanne nach dem Verlust des Wipfels abgetaucht, nachdem auch ihre sie bedrängenden halbstarken Sprösslinge an Höhenwachstum kräftig zugelegt haben. Der BHU des gewaltigen Stammes mit den zahlreichen abgebrochenen dürren Starkästen beträgt 4,75 m; dabei wird es wohl auch bleiben, denn ob der Baum mit der geringen ihm verbliebenen Nadelmasse doch noch einmal eine Sekundärkrone ausbilden kann, erscheint höchst zweifelhaft. Von einem Besuch ist deshalb eher abzuraten.

Im Wald des Hansenhof

7. Schillertanne

Sie ist die Einzige, die in der Wanderkarte mit Namen aufgeführt wird, auch als geschütztes Naturdenkmal. Und noch ein Alleinstellungsmerkmal verdient festgehalten zu werden: Sie hat für reichlich Tannenverjüngung gesorgt, was für den St. Georgener Stadtwalddistrikt Röhlinwald wenig überraschend sein mag, denn hier scheint die Balance zwischen Wald und Wild zu stimmen. Dennoch ist die ca. 350jährige Tanne, die Ihren Namen wohl seit dem hundertsten Todestag des Dichters (am 9. Mai 1909) trägt, das Sorgenkind unter den Naturdenkmälern: Weil ein als Rad- und Wanderweg markierter Forstweg an ihr vorbeiführt, hatte die untere Naturschutzbehörde auf Antrag der Forstverwaltung bereits 2010 ihrer Fällung aus Verkehrssicherungsgründen zugestimmt. Denn in ca. 11 m Höhe ist der Stamm durch einen halbseits sichtbaren Tannenkrebs befallen, an dessen Totholzgeschwür auch der Fruchtkörper des Weißfäule verursachenden Feuerschwamms und mehrere Spechthöhlen erkennbar sind. Hätte nicht ein Baumsachverständiger rasch noch ein Gutachten gefertigt, das zugunsten eines einstweiligen Verbleibs der Tanne ausgefallen war und somit die Verkehrsgefährdung relativiert hatte, wäre es um den Baum geschehen gewesen. Allein das Grummeln in der St. Georgener Bevölkerung oder die vom Naturschutzgesetz geschützten Spechthöhlen hätten ihn gewiss nicht mehr gerettet. Immerhin wurde aus Sicherheitsgründen eine Sitzbank vom Stammfuß wegversetzt.

Tannenjungwuchs zu Füßen der Schillertanne

Ausweislich der 1993 erstellten Erläuterungstafel hatte die Schillertanne damals einen BHU von 4.35 m, dabei aber nur eine Baumhöhe von 28 m, denn 30 Jahre zuvor war ihr im Sturm der Wipfel abgebrochen, woraufhin sie die tannenübliche Ersatzkrone aufgesetzt hatte; die hat inzwischen dafür gesorgt, dass der Stamm bis heute an Umfang noch einmal kräftig zulegt hat und jetzt 4,70 m misst.

Tannenkrebs mit Spechthöhlen und Feuerschwamm – ist die Tanne noch zu retten?

Neuerdings wurde erneut ein Gutachten angefordert, denn der Tannenkrebs könnte sich unterdessen ja weiter ausgebreitet und das Risiko für Radler und Wanderer noch vergrößert haben. Dabei war im Jahr 2010 das Bundeswaldgesetz ergänzt worden um eine geringfügige, für die Verkehrssicherungspflicht jedoch desto bedeutsamere Änderung: So wurde die durch die Bundesländer umzusetzende Rahmenregelung, wonach bislang (im § 14 Abs. 1 BWaldG) die Benutzung des Waldes „auf eigene Gefahr“ geschieht, ergänzt um einen klärenden Satz: „Dies gilt insbesondere für waldtypische Gefahren.“

Lässt sich die Schillertanne vielleicht doch noch retten? Immerhin bestünde die Möglichkeit, ihren Stamm in Höhe des Krebses zu kappen und so jegliche Verkehrsgefährdung zu minimieren. Denn knapp darunter hat sich bereits ein mächtiger Ast empor gerichtet, der dafür sorgen könnte, dass die Tanne ein weiteres Mal eine Ersatzkrone bildet und so den St. Georgenern weiterhin erhalten bleibt – wer weiß, vielleicht bis zum 250. Todestag Friedrich Schillers.

Im Umgang mit „Gedächtnistannen“ hat man Erfahrung in der Bergstadt: Spätestens seit 1719, als der hiesige Vikar und Magister der Philosophie sein dickleibiges Buch über die wahre Donauquelle veröffentlichte. In ihm hatte er ihm Auftrag des württembergischen Herzogs den Nachweis zu führen, dass die Donau nicht etwa in Donaueschingen, sondern am Hirzbauernhof im damals Württembergischen entspringt. Sein frappierender Beweis: eine gewaltige Wettertanne, die man auf dem dortigen Weidfeld schon deshalb nie gefällt habe, weil sie seit Urzeiten dem Andenken an die Donauquelle gewidmet gewesen sei.

Ob sich die Schillertanne am Ende also doch erhalten lässt – trotz (waldtypischer?) Gefahrenlage für Radler und Wanderer? Halten wir uns an den Dichter:

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.
(Wilhelm Tell IV, 2)

8. Tanne am Reichenbächle

Ein letzter, vergleichsweise schlanker, doch hoch aufgeschossener Tannenveteran soll hier noch angefügt werden, denn auch ihm (wie unmittelbar daneben zwei weiteren stattlichen Weißtannen) droht möglicherweise Gefahr. Gegenwärtig präsentiert er sich noch in  bester  gesundheitlicher Verfassung. Sein Pech ist. dass er ausgangs des Reichenbächles (im Volksmund des „Badmühlenbächles“) steht und daher nur knapp überm Staubereich des neuen Wolterdinger Hochwasserdammes, der im Katastrophenfall das Bregtal abriegeln soll, um die Donautalbewohner vor exorbitanten Hochwässern zu schützen. Und die Szenarien der im Zuge des Klimawandels zu befürchtenden Starkniederschläge lassen es nicht mehr als ganz und gar abwegig erscheinen, dass die Breg im Falle eines Jahrhunderthochwassers fast bis zur Dammkrone ansteigen wird. Da könnte die tief wurzelnde Tanne womöglich nasse Füße bekommen, und ab wann ihr die Überflutung schaden wird, ist ungewiss. 

Einstweilen erbauen sich die Wolterdinger Waldgänger noch an ihrer stolzen, namenslosen Tanne – ahnend, dass diese Baumart noch immer Seltenheitswert besitzt in ihrem Wald. Um ihren Stammfuß herum hat ein Baumliebhaber ein Bänkchen gezimmert, das zum Rasten einlädt und zum Staunen über die Wuchspotenz der Weißtanne. Noch hat sie erst einen BHU von 3,90 m erreicht, doch angesichts bester Wasser- und Nährstoffversorgung wird auch sie alsbald die Viermeterschwelle übersprungen haben – immer vorausgesetzt, dass die Jahrhundert- oder gar Jahrtausendhochwässer nicht überhand nehmen werden. Das Einzugsgebiet der Breg ist überaus waldreich, und Wälder sollten auch bei Starkregen tunlichst noch als Schwämme und Regenrückhalt taugen, so es sich denn um die richtige Sorte von (Misch-)Wald handelt. Die Tannenriesen geben hierzu die nötigen Fingerzeige.

Am Reichenbächle


                                                      

                                                                                                      

Waldliebe

Rezension: 

Waldliebe als Geschäftsmodell
Gelüftet: Das Geheimnis von Wohllebens Baum-Geheimnis
Von Wilhelm Bode
J. D. Sauerländer´s Verlag, Bad Orb
9,80 €

                          Den phänomenalen Bucherfolg von „Deutschlands bekanntestem Förster“ hat auch aus der Forstbranche schon manch einer kritisch zu hinterfragen versucht. Nun hat Wilhelm Bode, streitbarer Jurist und Forstakademiker, vormals Leiter der saarländischen Forstverwaltung und der Obersten Naturschutzbehörde, eine ganze Broschüre (36 Seiten, 11 Abbildungen) dazu verfasst. Versehen mit einem Vorwort von Dr. Christoph Bartsch, Bürgermeister der Stadt Brilon und Präsident des Europäischen Kommunalen Waldbesitzerverbands FECO, hat Bode mit schwerem Geschütz eine ganze Breitseite abgefeuert, die den Bestsellerautor mitsamt seiner Waldakademie in ein denkbar ungünstiges Licht rückt. 

Weil sich die Waldökologie für Klimasünder hervorragend zum Greenwashing eigne, habe der „nationale Forstexperte Peter Wohlleben“ nach dem Hype um sein (5 Millionen mal verkauftes) Buch Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt mit seiner Waldakademie ein Geschäftsmodell ersonnen, um seine sprudelnden Autorenhonorare in Dienstleistungsangebote für waldliebende Bürger, kommunale Waldbesitzer umzumünzen, „gerne auch für die produzierende Wirtschaft“. Womit er „zu saftigen Preisen eine völlig neue Marktnische „für eine vermeintlich gute Sache, nämlich gegen die den Waldraubbau betreibende Holzerzeugung im Wald“ eröffnet habe. Der einstige Kampfruf „Baum ab, nein danke“ werde hier mit neuer ideologischer Begründung gegen die Wald-Erzeugung von Holz mobilisiert. Ziel sei der Urwald oder mindestens ein weitgehend dem natürlichen Urwald ähnlicher Naturwald. 

Unter staatlichem Schutz in größeren Reservaten und Nationalparks ist dies durchaus auch ein Anliegen Wilhelm Bodes, der einräumt, selbst einer derjenigen gewesen zu sein, die den Autor Wohlleben zunächst in Schutz genommen haben; zumal bei dessen Kritik an naturferner Altersklassenwirtschaft wie auch „gegen die unwissenschaftliche Reaktion der deutschen Waldbauwissenschaft“ auf Wohllebens Rezept der Vermenschlichung und Verniedlichung der Bäume („stillende Mutterbäume“, ihr „Kuscheln“ und Schmerzempfinden, ihre Kommunikation untereinander).

Mittlerweile hat freilich eine internationale Literatur-Vergleichsstudie von 35 führenden europäischen und nordamerikanischen Ökologie- und Waldbauwissenschaftlern Wohllebens „Anthropomorphismen“ gründlich widerlegt und als „Fake“ überführt. Wilhelm Bodes Fazit: „Forstpolitisch schadet Peter Wohlleben den gesellschaftlich notwendigen Bemühungen um den Wald und die Holzerzeugung. Er macht die begründete Kritik an der realexistierenden Forstwirtschaft, die natürlich primär der Holzerzeugung dient und auch künftig dienen muss, in Deutschland unglaubwürdig, ja unmoralisch.“

Man darf gespannt darauf sein, wie der Mainstream der Medien auf die Streitschrift reagieren wird.

Frischer Wind?

„Beim Ausbau der Windenergie sind wir gut dabei. Bereits 106 Windkraftanlagen drehen sich über den Baumwipfeln im Staatswald. ForstBW treibt die Verpachtung landeseigener Waldflächen intensiv voran, um seinen Beitrag zu leisten und zeitnah den Anteil erneuerbarer Energien bei der Stromversorgung zu sichern.“ (Peter Hauk MdL, Minister für Ernährung, Ländlicher Raum und Verbraucherschutz, Aufsichtsratsvorsitzender von ForstBW in ForstBW INTERN, Ausgabe Dezember 2023)

Keine neuen Windräder im Staatswald. Trotz der Vermarktungsoffensive im Staatswald ist noch kein Windrad auf den seit 2021 ausgewiesenen Flächen genehmigt. (Schlagzeile des Schwarzwälder Boten v. 4. 1. 2024)

Auf der Titelseite von ForstBW INTERN vom Dezember 2023, den Mitteilungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wünscht die Betriebsleitung ForstBW frohe Weihnachten. Darunter werden aus dem Inhalt vor allem drei Beiträge angekündigt: „Frauen im Forst – über Chancengleichheit und Wandel in der Forstwelt“, „Moorrevitalisierung – Startschuss für das Naturschutzgroßprojekt MooReKa“ und unter „Frischer Wind im Wald“ ein Bericht über die Einweihung des Windparks „Junge Donau“. Die Anstalt öffentlichen Rechts (AöR), zu welcher die Staatsforstverwaltung 2020 umgewandelt worden ist, hat mittlerweile, so ahnt man schon vor dem Öffnen des Blattes, neben der Staatswaldbewirtschaftung ein zusehends breiter gefächertes Aufgabenspektrum zu bewältigen. Dafür hat ForstBW immerhin, wie der Leser auf Seite 3 erfährt, in der Branche Forstwirtschaft den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2024 gewonnen, verliehen von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis. Womit die Vorreiterrolle der AöR im Bereich der multifunktionalen Waldbewirtschaftung belohnt werde. Nominiert worden sei ForstBW als eines von mehreren Forstunternehmen nach einem mehrstufigen Auswahlprozess, „zunächst mithilfe KI-basierter Recherchen“, was immer man sich darunter vorzustellen hat. Es glaube nur ja niemand, im Staatswald unseres Bundeslands seien noch Hinterwäldler am Werk, sei die Neuzeit noch nicht angebrochen!

Dass der „frische Wind im Wald“ (bzw. „über den Baumwipfeln“) mächtig die Backen aufbläst, zeigt sich sodann im halbseitigen Bericht über die  Einweihungsfeierlichkeiten des Windparks „Junge Donau“ vom 22. September 2023. Illustriert ist er mit zwei Fotos: auf dem einen ist zuoberst auf der Außentreppe eines der fünf gigantischen Türme Ministerin Thekla Walker MdL festgehalten, darunter Landrat Stefan Bär vom Landkreis Tuttlingen, dazu Oberbürgermeister und Bürgermeister der umliegenden Gemeinden sowie ForstBW-Vorstand (alias Landesforstpräsident) Felix Reining, weil nämlich drei der fünf Windräder im Staatswald stehen; das zweite Foto zeigt neben einem zehnachsigen Spezialtransporter mit einem in Schrägstellung aufgeladenem gewaltigen Rotorflügel das Forstbezirksteam (23 Mitarbeiter*innen in warnfarbener Arbeitskluft) zu Besuch im zentralen Zwischenlager der Windenergiebranche bei Neuenbürg im Nordschwarzwald. 


Bei der anschließenden Pressekonferenz im Tuttlinger Rathaus hob ForstBW-Vorstand Reining hervor, „dass die Flächenverfügbarkeit eine grundlegende Voraussetzung für einen weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien sei und ForstBW hierzu einen wichtigen Beitrag leiste.“ Erfreut gezeigt „über die Früchte der Windkraftarbeit des Windkraftteams“ hat sich, dem Bericht zufolge, auch Geschäftsbereichsleiter GB 33 Jörg Hertie (sollte sich hinter GB der vormalige Forstrevier- oder der Forstamtsleiter verstecken?), schließlich hätten die Arbeiten zur Flächenbereitstellung ja bereits 2014 begonnen und 2016 sei dann der Gestattungsvertrag abgeschlossen worden – ein langer Planungsprozess sei somit glücklich beendet und mit der „Jungen Donau“ drehten sich nun also 106 Windenergieanlagen in den Staatswäldern von Baden-Württemberg. 

Doch trotz dieser Erfolgsmeldung sollte noch vor Dreikönig, am 4. Januar des neuen Jahrs, Gegenwind aufkommen: „Bremst Forst BW den Ausbau?“, so fragt der Schwarzwälder Bote auf seiner Titelseite. Auch im vergangenen Jahr seien im Südwesten nur einige wenige Windkraftanlagen genehmigt worden. Weshalb die für die Ausweisung von Flächen im Staatswald zuständige Behörde in der Kritik stehe. Landsweit seien laut Umweltministerium 774 Anlagen in Betrieb, nur 16 seien neu ans Netz gekommen, netto sogar nur 13, da auch Anlagen abgeschaltet worden seien. Und das, obwohl die Landesregierung doch eigens eine Taskforce Erneuerbare Energien eingesetzt habe, um Hindernisse für den Windkraftausbau aus dem Weg zu räumen. Doch gerade der Staatswald komme nicht voran: Auf den seit 2021 ausgewiesenen Flächen sei „kein einziges neues Windrad entstanden“. Dabei sollen es nach den im Koalitionsvertrag festgelegten Zielvorstellungen der Landesregierung doch bis zu den Neuwahlen allein im Staatswald 1000 werden. Mag sein, dass man im Ministerium Ländlicher Raum (MLR) die Utopie dieser Zielvorgabe erkannt hatte: Ein paar Monate später wurde die Zahl jedenfalls auf 500 abgeschwächt, während noch knapp vor der Wahl, auf der Delegiertenkonferenz von Bündnis 90 / Die Grünen, sogar 2000 Windräder für den Staatswald eingefordert worden waren.


Und dies, obwohl zuvor eine repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag der Deutschen Wildtierstiftung herausgefunden hatte, dass 80 % der  Befragten Windräder im Wald ablehnen. Und wo doch auch Deutschlands bekanntester (und umstrittenster) Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben (im Interview mit der Stuttgarter Zeitung v. 6. August 2021) aus Anlass seines Nationalen Waldgipfels noch die Ansicht vertreten hatte, Windkraft im Wald sei „Irrsinn im Quadrat“. Jetzt aber verrät der Naturschutzbund (Nabu) dem Schwarzwälder Boten, es seien halt vielfach Flächen ausgewiesen worden, die artenschutzrechtlich sensibel sind: „Wir haben den Eindruck, Forst BW sieht die ganze Ausschreibung zu technisch und zu wenig gesellschaftlich.“ Ja wie, bitteschön, wünschen wir ihn uns denn nun eigentlich, den deutschen Wald?

O, wie hat sie sich verändert, die forstliche Welt, seit sich die baden-württembergische Staatsforstverwaltung als Anstalt des öffentlichen Rechts (AöR) vermehrt dem Zugriff der Politik ausgesetzt sieht! Aus den Waldhütern alter Schule, die sich vordem noch mit Zähnen und Klauen gegen jede unangemessene, gar ungesetzliche Waldinanspruchnahme zur Wehr gesetzt haben, sollen nun also in Windeseile multifunktionstüchtige Windkraftarbeiter und Windkraftteams werden. „Wir sind gut dabei“, meinen sie derweil in ForstBW INTERN.

Im schönen grünen Bergmischwald,
wo heut Touristen wandeln,
da werden Windturbinen bald
den Wald vollends verschandeln.

Dann hält sich,
wer auch kommen mag, 
die Augen zu und Ohren
zum Schutze gegen Schattenschlag 
und rauschende Rotoren.                                                                                     
Die Landschaft, die uns teuer war,
ist leider nicht erneuerbar.                           

nach M. Lieser, 2017


„Junge Donau“: die neue Skyline der Schwäbischen Alb – gesellschaftlich erwünscht?

Zum Tag des Waldes 2023

Vortrag am 21. März 2023

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Waldfreunde,

gestern Frühlingsanfang, heute als Morgenlektüre ein wahrhaft niederschmetternder Bericht des Weltklimarats, und das also am Internationalen Tag des Waldes – was geht einem da nicht alles durch den Kopf: Klimakrise mit Waldsterben 2.0, mit Insektenschäden und Waldbränden bisher unbekannten Ausmaßes – und das alles bei zunehmend ruppiger Auseinandersetzung zwischen Forstwirtschaft und Natur- bzw. Klimaschützern um zeitgemäßere Prioritäten bei den vom Wald zu erbringenden Leistungen (ob zuerst Holzproduktion oder CO2-Speicherung, Wasserhaushalt, Erhaltung der Artenvielfalt, Kühlung, Erholungsfunktion usw. usw.). Ja, „dem Wald geht es schlecht, sehr schlecht“, wie man kürzlich erst als Schlagzeile in der FAZ lesen konnte und wie es der jüngste Waldzustandsbericht der FVA bestätigt. Seit es den gibt, seit 1985 nämlich, waren die Baumkronen nie schütterer benadelt und belaubt als nach diesen trocken-heißen Jahren. Wobei damit nicht etwa nur die Borkenkäferopfer gemeint sind. Kaum zu glauben, dass dieser Tag bereits 1971 von der Welternährungsorganisation FAO der UNO ausgerufen worden ist. Heute Abend soll er uns Anlass sein für eine knappe Stunde der Rückbesinnung: Was erwarten wir Baaremer eigentlich hier und heute alles vom Wald, was verdanken wir ihm alles? – und das am Beispiel des Unterhölzer Walds (kurz: des Unterhölzers). 

Aber klar: Bäume, Wald, Waldsterben – das Thema erscheint manch einem mittlerweile doch schon arg abgegriffen, einfach auch allzu problembelastet, als dass man sich noch einen Vortrag zum Thema Wald antun möchte – gar, dass man darüber noch ein Buch aufblättern möchte. Oder sollte man sich da eher am rheinland-pfälzischen Forstkollegen Peter Wohlleben orientieren, der mit seinem Sachbuch Das geheime Leben der Bäume Jahre lang einen Spitzenplatz auf der SPIEGEL-Bestsellerliste gepachtet hatte und damit international eine Millionenauflage erzielt hat? In aller Bescheidenheit sei es erwähnt: An Büchern über Baum und Wald (allerdings ohne Auflagenrekorde) habe ja auch ich mich wiederholt schon versucht. So schon vor fast einem halben Jahrhundert im Auftrag des Stuttgarter Forstministers mit einem Bildtextband über die Baumdenkmäler des Landes (Begegnung mit Bäumen); irgendjemand hatte da dem Minister die Idee eingeflüstert, man sollte doch mal nachschauen und dokumentieren, was von den Baumoriginalen der Jahrhundertwende nach zwei Weltkriegen noch überlebt hat. Damals war der Naturdenkmalschutz in Mode gekommen und mit ihm erschienen in den meisten deutschen Ländern Baumbücher, so auch 1908 Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden des Forstbotanikprofessors und Grh. Bad. Geh. Hofrats Ludwig Kleinund im Auftrag der Kgl. württ. Forstdirektion 1911 ein Schwäbisches Baumbuch des Forstass. Otto Feucht, nachmals einer württembergischen Naturschutz-Ikone. Weil mir das Recherchieren, Fotografieren und Beschreiben soviel Spaß gemacht hat, folgten 1985 (ohne Ministerauftrag, aber immerhin mit einem Vorwort von MP Lothar Späth) mit Tännlefriedhof ein Band über das Waldsterben, anno 2000 dann  Waldpassagen, 2008 ein Buch über den Charakterbaum des Schwarzwalds, die Weißtanne, (Tannenbäume) und 2015 Wo Wildnis entsteht, ein Bildtextband über den ältesten Bannwald Badens und zuguterletzt 2018 dann auch noch der Bildtextband über den Unterhölzer Wald, im Untertitel „Liebeserklärung an einen alten Wald“ – allesamt Versuche, Verständnis für Baum und Wald, Freude daran zu wecken (übrigens sind die Bücher inzwischen schon fast alle vergriffen, sodass das heut also bitte auch nicht als Werbeveranstaltung missverstanden werden darf). 

Wieso aber eine Liebeserklärung, werden Sie vielleicht fragen, ausgerechnet in diesen trüben Krisenzeiten – und ausgerechnet auf der waldarmen Baar? Die Arbeit an diesem meinem letzten Buch war für mich, wie ich gestehe, weit mehr als bloßer Zeitvertreib eines unausgelasteten Ruheständlers. Eher war sie so eine Art späte Wiedergutmachung: Zum einen, weil ich den Unterhölzer mit seinen kapitalen Eichen damals in meinem Auftragswerk über die Baumoriginale des Landes sträflicherweise glatt übersehen hatte. Zum andern, weil ich als Hochschwarzwälder mit der eher spröden und unspektakulären Baarlandschaft immer schon ein bisschen gefremdelt habe, so sehr ich sie aus der Seniorenperspektive dann doch zu schätzen gelernt habe: Für den Freizeitradler erst ein flaches Einrollen, dann nichts wie rauf in den Schwarzwald, auf die Alb, auf die Länge oder in den Hegau – oder an Föhntagen auch einfach beim Blick aus dem Wohnzimmerfenster. 

Landschaft durch die rosarote Brille

Natürlich kann man auch die Baarlandschaft durch die rosarote Brille des Spätromantikers betrachten. Kulturpessimisten – oder muss man sagen: Kulturrealisten? – leiden eher an dieser Landschaft, verzweifeln womöglich an deren fortschreitender Belastung und „Verhässlichung“. So wie z. B. der Künstler Paul Schwer mit seiner Installation (Home 2013), mit der er anlässlich der Heimattage Baden-Württemberg wohl ausdrücken wollte, dass es mit der Heimat heutzutage doch irgendwie den Bach runter geht: Heimat als an der Donaueschinger Schützenbrücke gestrandetes Treibgut!

Installation Schützenbrücke

Was mir die Anfreundung mit der Baar schon immer erschwert hat: Es gibt da für meinen Geschmack 

  • viel zu viele Straßen mit viel zu wenigen Durchlässen und Übergängen (z. B. auch Grünbrücken fürs Wild), zuviel Zerschneidung und Zerstückelung also;
  • zuviel Zersiedelung, Versiegelung und Flächenfraß;
  • zuviel Monokultur, zuviel „Vermaisung“, zuviel Agrarindustrie mit zuviel Artenschwund;
  • aber auch zuviel Monokultur im bewaldeten Teil der Baar: viel zu viele Fichten und…

– …für mein Empfinden viel zu wenig Naturnähe in unserer so vielgepriesenen sog. naturnahen Waldwirtschaft;

  • und neuerdings am Horizont auftauchend: immer mehr Windräder, immer mehr großtechnische Dominanz

Alles in allem für meinen Geschmack jedenfalls: viel Bildstörung, viel Verunstaltung, viel Verarmung in dieser uralten Kulturlandschaft!

Da hat sich mir im Verlauf meiner Villinger und Donaueschinger Jahre immer häufiger die Frage aufgedrängt: Wie viel Restnatur, wie viel Naturschönheit braucht es überhaupt noch, um sich hier wirklich wohlfühlen zu können? Man mag das, gemessen an anderen noch weitaus unattraktiveren Gegenden, als ein Luxusproblem betrachten – und doch steht für mich fest: Eine an Naturerlebnissen reiche und damit vergleichsweise intakte und attraktive Kulturlandschaft ist ein kostbares und leider zusehends knapper werdendes Gut. Das Staunen über die Schönheit der Natur ist ein „Wohlfühlfaktor“ – nicht nur eine Labsal für die Psyche, sondern letztendlich vielleicht sogar ein auch wirtschaftlich ins Gewicht fallender Standortfaktor (wirksam gegen rückläufige Bevölkerungszahlen beispielsweise). Kurzum: der Unterhölzer Wald ist mir da, na ja, auch zu einer Art Einbürgerungshilfe geworden und ein bisschen wohl auch zum Seelentröster!

Was die Schönheit dieses Waldes anbetrifft, so habe ich mich hier schon immer an einen in der Forstbranche unvergessenen Klassiker erinnert gefühlt: an den schlesischen Freiherrn Heinrich von Salisch, seines Zeichens deutschkonservativer Reichstagsabgeordneter und Verfasser des 1885 erschienenen Buchs Forstästhetik, in welchem er seine „Waldschönheitslehre“ (leider vergeblich) auch als Unterrichtsfach für Forststudenten (damals gab es noch keine Forststudentinnen) einzuführen bemüht war. Ihn als Gewährsmann zitiere ich in meinem Buch mit dem womöglich schon ein bisschen verstaubt klingenden Satz:

„Je schöner der Wald, desto mehr Liebe wird er finden, desto bereitwilliger werden die gesetzgebenden Körperschaften dem Walde reiche Mittel zuwenden und die Bevölkerung wird den Wald lieben und ehren.“

Schönheit, Ästhetik eines Waldes, gar des Wirtschaftswaldes: Kann das heute, im Zeitalter der hochmechanisierten Holzernte und der knallharten Betriebswirtschaft auch in den Forstbetrieben, überhaupt noch ein Kriterium sein? Für den Unterhölzer scheint mir das Zitat des Freiherrn von Salisch derzeit jedenfalls durchaus noch aktuell zu sein. Denn apropos „reiche Mittel gesetzgebender Körperschaften“: Im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts Baar, das gerade sein Zehnjähriges feiert, fließen insgesamt 8,6 Mio Euro (davon 75 % vom Bund, 20 % vom Land, 5 % von den Projektträgern, den Landkreisen) in unsere Region, in dieses „Drehkreuz der Wildtierkorridore von nationaler Bedeutung“nicht zuletzt also auch in dessen „Filetstück“, in den Unterhölzer Wald – natürlich nicht nur wegen seiner Schönheit, sondern mehr noch wegen seines enormen ökologischen Werts.

Hute-Eiche

Aufgrund seiner langen Geschichte als „Hutewald“ (in den die Bauern der Umgebung einst ihr Vieh getrieben haben, um überleben zu können), aber vor allem als Hofjagdgebiet, das bis 1918 dem Fürstenhaus als 500 ha großer eingezäunter „Thiergarten“ diente und seit 1939 als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, hat sich etwas erhalten lassen, was hierzulande Seltenheitswert hat: Ein extensiv genutzter „Märchenwald“ aus uralten Eichen und Buchen. Damit auch ein einzigartiges Refugium für eine Vielfalt von Höhlenbrütern, holzbesiedelnden Pilzen und seltensten Flechtenarten, sogar von sog. „Urwaldreliktarten“ (Arten, die seit Urwaldzeiten nur in urwaldartigem Milieu überlebt haben können). Und für uns Baaremer obendrein ein Naherholungsgebiet, das Seinesgleichen sucht.

Märchenwald

Obwohl ich in meinem Buch auch manchen Zielkonflikt aufgegriffen habe, wollte ich mit ihm doch vor allem Freude am Natur- und Walderlebnis wecken! Dank Unterhölzer samt angrenzendem Birkenried und dem NSG Mittelmeß gibt es sie hier tatsächlich noch: die einst so vielgepriesene „herbe Schönheit“ der Baar. Sie gilt es, wie ich meine, in unserer urbanisierten, technisierten und digitalisierten Welt nicht nur zu erhalten, sondern auch weiter zu vermitteln: Der Unterhölzer Wald: für mich ein liebenswertes Stück einer fast noch barocken, noch durch und durch analogen Primärwelt – ein Stück Lebensqualität!

Weshalbich meinem Buch auch ein Motto vorangestellt habe, das ich mir von John Muir ausgeliehen habe, einem der Begründer der US-amerikanischen Naturschutzbewegung und Vater der Nationalparkidee:

Wir alle brauchen nicht nur Brot, sondern auch Schönheit, Orte zum Spielen und Beten, wo die Natur uns heilen und aufmuntern kann und unserem Körper und unserer Seele gleichermaßen Kraft verleihen kann.

Dass Eichen und Buchen so alt werden durften und überlebt haben, dass der Unterhölzer Wald heute nicht überwiegend aus Fichten besteht, ist vor allem der Jagdpassion und damit natürlich auch dem Prestigebedürfnis der Fürsten zu Fürstenberg zu verdanken. In deren Ahnengalerie war Fürst Joseph Wenzel wohl der allerpassionierteste Jäger, denn er ließ nahezu gleichzeitig drei Jagdschlösser errichten: eines auf der Länge, eines im Tal von Bachzimmern und eines im Unterhölzer.

Davon ist das Längeschloss allerdings bereits 1840 wieder abgerissen worden: wie es heißt wegen Baufälligkeit und weil es zeitweilig auch als Lazarett für Cholerakranke gedient hatte, wohl auch weil die Länge als Hofjagdgebiet etwas zu abgelegen war. So kommt es, dass hier jetzt halt leider nur noch die Schlossallee daran erinnert.

Bachzimmern hat eine sehr viel bewegtere Geschichte, zumal hier ja auch das F.F. Eisenwerk stand. Weil die Klagen der Untertanen über enorme Wildschäden überhand genommen hatten, war 1781 das gesamte Rotwild der Baar und des Baarschwarzwalds mit Hilfe von 7560 zur Jagdfron verpflichteten Untertanen in den dortigen 2000 ha umfassenden „Großen Thiergarten“ getrieben worden. Doch 1810 musste das Gehege aus Kostengründen aufgegeben werden (die Pfosten fürs Gehege waren allzu rasch vermorscht und auch der Fütterungsaufwand war zu teuer geworden); 100 (!) lebend wieder eingefangene Hirsche wurden in den auf 500 ha erweiterten „Kleinen Thiergarten“ des Unterhölzers umgesiedelt. Nun erst begann hier die große Zeit, wo sich bald alljährlich der Hochadel zur Jagd einfand. Auch nach dem Ende des Geheges 1918, verursacht durch zurückflutende hungrige württembergische Truppen, trifft man sich hier noch zur Fuchsjagd und zur allsommerlichen Rufjagd auf den brunftigen Rehbock – das Streckelegen vor dem Donaueschinger Schloss war bis unlängst noch das gesellschaftliche Highlight des Jahres.

Hochadel

Natürlich stellt sich einem als Ruhestandsförster da auch die Frage: Naturschutzgebiet und Hofjagd – wie passt das eigentlich zusammen – bei einem auch heute noch enormen Bestand von Dam-, Reh- und Schwarzwild, unter dem massiv die Waldverjüngung leidet? Schon zu Tiergarten-Zeiten, also seit 1780 mit Jagdschloss (dem bescheiden sog. „Jägerhaus“), mit Torhäusern, schnurgeraden „Gestellen“ (Chausseen), mit einer prächtigen Kulisse aus parkartig erwachsenen Baumoriginalen und viel jagdlicher Prominenz, schon damals hatte sich der Wald schwergetan, hatten die Schäden durch Verbiss, damals auch noch durch das Rindenschälen und Fegen des Rotwilds dramatische Formen angenommen. Nicht nur deswegen, sondern auch wegen genetischer Verarmung, wurde das Rotwild um die vorletzte Jahrhundertwende per Abschuss aus dem Gehege verbannt und stattdessen das Damwild umso mehr gehegt. Das feudale Jagdvergnügen hatte – und hat fraglos noch immer – einen hohen waldökologischen Preis. Auch durch noch so intensives Zufüttern des Wilds lässt sich keine nennenswerte Entlastung vom Verbissdruck erreichen. 

In der ursprünglichen Schutzverordnung des NSG von 1939 war noch die Forderung enthalten, dass nach Maßgabe einer gemeinsam von der F.F. Forstverwaltung und der Naturschutzbehörde zu erstellenden Richtlinie nicht nur der „Naturwald“ zu erhalten sei (also auch für dessen Nachwuchs zu sorgen sei), sondern dass der vorwiegend aus Fichten bestehende „Wirtschaftswald“ in Mischwald umzubauen sei; diese Forderung ist 1969 in der erneuerten Schutzverordnung leider glatt unter den Tisch gefallen. Man hatte wohl beidseits (auf Seiten der Naturschutzbehörde wie des Eigentümers) kapituliert vor den Verbissschäden und den Verbissschutzkosten; womit den jagdlichen Interessen des Eigentümers eindeutig der Vorrang eingeräumt worden ist. Was seitdem der Besucher freilich als besonders reizvoll erlebt dank des lichten, parkartigen Charakters des Waldes (mit wenig Unterholz im Unterhölzer) und damit der Chance auf gelegentlichen Anblick von Wild; unterm Aspekt waldökologischer Nachhaltigkeit muss dieser Istzustand allerdings eher Besorgnis auslösen. Im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts wurde immerhin damit begonnen, zur Verjüngung der Eichen Kleinzäune zu errichten.

Unstrittig ist, dass die Erhaltung der alten Eichen und Buchen, des sog. „Naturwalds“, und die Verhinderung des noch rascheren Vordringens des Fichten-Wirtschaftswalds immer wieder auch den persönlichen Einsatz Seiner Durchlaucht erforderte. So geht es auch schon aus einem Bericht des F.F. Forstverwalters v. 6. 7. 1881 an die Domänenkammer hervor: Der Thiergarten ist z. Zt. ungefähr mit 2/3 Laubholz und bereits mit 1/3 Nadelholz bestockt. S. D. der Fürst haben das Verhältnis in jüngster Zeit bemerkt und uns beauftragt, der fürstlichen Domänenkanzlei zu berichten, dass mit dem Verjüngen der alten Laubholzbestände innerhalb des Thiergartens mit Nadelholz eingehalten werden solle, da sonst der Tiergarten den Charakter eines Wildparks verliere. 

Es sollte in der Hofjagd eben auch weiterhin das von Alteichen und Altbuchen dominierte jagdliche Ambiente stimmen, so unverzichtbar ansonsten die um soviel profitablere Fichtenwirtschaft für die Haushaltslage des Fürstenhauses war und ist. Wobei sich freilich auch die Eichen im 19. Jahrhundert als Eisenbahnschwellen noch recht gut vermarkten ließen – und auch das sonstige Laubholz aus dem „Naturwald“ wird ja noch heute – zumindest extensiv – genutzt. Zumal Brennholz in Zeiten des Energiesparens und der explodierenden Kosten bekanntlich wieder sehr gesucht ist!

Der besondere Reiz des NSG Unterhölzer liegt nicht zuletzt auch im Nebeneinander von altem Laubmischwald und dem einst von den Pfohrenern abgetorften Niedermoor des Birkenrieds sowie dem Vogelparadies des Unterhölzer Weihers, dessen Aufstau zum Zweck der Fischerei bereits im Jahr 1499 erfolgt ist. Auch im Birkenried gedeihen extrem seltene Raritäten: so etwa das Eiszeitrelikt Strauchbirke oder die seltene Buschnelke. Hier kommt als größte Rarität der Blauschillernde Feuerfalter noch vor, aus der Vogelwelt das stark gefährdete Braunkehlchen (der Vogel des Jahres 2023) und das Schwarzkehlchen, sowie Korn- und Wiesenweihen. Ob es sich bei den Birken durchweg um die Moorbirke, den Baum des Jahres 2023, handelt, vermag ich leider nicht zu entscheiden. Denn selbst botanisch Beschlagenere tun sich schwer mit der Identifizierung je nach Behaarung der Blattunterseite, weil es überdies auch noch zur Bastardbildung zwischen Betula pendula und Betula pubscens kommt.

Hauptargument für die Kür der Moorbirke zum Baum des Jahres: Moore geraten derzeit ja auch immer mehr ins Zentrum des Klimaschutzes, weil sie in intaktem (d. h. vernässtem) Zustand mit Abstand das meiste Treibhausgas zu speichern vermögen. Weshalb 2014 ja auch eine Moorschutzkonzeption verkündet und mit reichlich Fördermitteln ausgestattet worden ist mit dem Hauptziel der Wiedervernässung trockengelegter Moore. Im Birkenried hat sich hierbei ein tüchtiger Helfershelfer eingefunden, der mithilfe seiner Dammbauten geradezu amphibische Landschaften zu schaffen in der Lage ist. So trägt der Biber nicht unwesentlich zum Kampf gegen die Klimaerwärmung „mit naturbasierten Mitteln“  bei. Er wird sich davon auch nicht durch die jüngsten Zuwanderer abhalten lassen, die hier erstmals nachgewiesenen Goldschakalfamilie. Auch der erste Wolf wurde ja 2016 am Unterhölzer gesichtet (daher „Drehkreuz“), damals noch freudig begrüßt durch Minister Hauk.

Klimaschutz

Dass auch der F.F. Wald als „CO2-Senke“ Klimaschutzleistungen erbringt, soll dem Waldbesucher mit einer orangefarbenen großen Acht gleich am Waldeingang in Erinnerung gebracht werden. Wer den QR-Code zu entschlüsseln vermag, der lernt, dass im Wald pro Jahr und Hektar mindestens 8 Tonnen des Treibhausgases gespeichert werden. Der Forstbetrieb Fürstenberg Forst GmbH ist damit erkennbar bemüht, auch die klimapolitische Leistung seines 18.000 ha großen Waldbesitzes gewinnbringend zu vermarkten, wie man erst kürzlich wieder in der Zeitung nachlesen konnte: Er scheint dabei allerdings nicht so sehr auf „naturbasierte Mittel“ zu setzen, also auf Wiedervernässung, Holzwachstum und Humusaufbau, sondern auf Technologie: Er plant neben den bereits bestehenden 6 Windrädern weitere 50(!)-WEA-Standorte in seinen Wäldern zu verpachten (bei einem Platzbedarf einer WEA von ca. 1 ha Wald sind das immerhin 56 WEA x 1 ha x 8 t = 446 t, die pro Jahr in der CO2-Senke Wald ungespeichert bleiben) – aber das wäre wieder ein anderes Vortragsthema.  

Die Beiträge zur Energiewende und zum Klimaschutz waren sicher nicht primär der Auslöser für meine „Liebesbeziehung“. Eher war es wohl doch der Wildnischarakter – auch wenn die immer wieder geäußerte Ansicht der F.F. Förster wohl nicht ganz zutrifft, dass es sich beim Unterhölzer um die „Reste eines Urwalds“ aus der steinzeitlichen Eichenmischwaldzeit handeln müsse (als das Klima noch um einiges milder war als heute). Für mich ist es wohl vor allem der ästhetische Genuss, der mich immer wieder da hin zieht, der Anblick des Krummwüchsigen und Bizarren, im Frühjahr das frische Buchengrün, im Herbst die Verfärbung. Natürlich darf auch das Vogelkonzert nicht fehlen, das Hämmern und Kichern der Spechte oder der Geruch des Bärlauchs. Es ist die Gegenwelt zu unserem oft allzu grauen Alltag – wie geschaffen für unsere krisengebeutelte Gegenwartsgesellschaft!

Buchenschleimrüblinge

Nichts kennzeichnet den echten Urwald, aber auch die sich selbst überlassene Naturwaldzelle, das Waldreservat, eindeutiger, nichts taugt als Gradmesser für Naturnähe besser als die Fülle der Pilze an Strünken und Stämmen: In nichts unterscheiden sich reife (d. h. alte, unverkürzte) Waldökosysteme augenfälliger vom kurzlebigen Wirtschaftswald als in ihrer Pilzflora. Im „Naturwald“-Teil des Unterhölzers hat die über Jahrhunderte hinweg praktizierte nur extensive Nutzung der alten Buchen und Eichen dazu geführt, dass die Vielfalt baumbesiedelnder/holzabbauender Pilze und das Vorkommen echter Raritäten in Deutschlands Südwestecke ihresgleichen sucht. Wo sonst bekommt man sie noch zu Gesicht, die Stachelbärte, Schüpplinge, Rüblinge, Porlinge, Stäublinge, Mürblinge, Schwindlinge, deren botanisch korrekte Zuordnung mykologische Spezialkenntnisse erfordert. Ihr Kommen und Verschwinden je nach Baumart, Alter und Zerfallsgrad des Holzes, gar ihr unterirdisches Mykorrhiza-Geflecht – ein wahres Mysterium! Auch wenn manches an dem angeblichen Kommunikationssystem von Baum zu Baum über die Pilzfäden, auf Neudeutsch: dem „Wood Wide Web“,  wohl allzu enthusiastisch interpretiert worden ist (s. Peter Wohlleben), wie kürzlich DER SPIEGEL unter der Überschrift „Hirngespinst unter dem Waldboden“ berichtet hat – unter Hinweis auf kanadische und US-amerikanische Forschungsergebnisse. Doch es bleibt ein Wunder: Wie konnten all die Pilzarten überhaupt überleben in unseren Kulturlandschaften mit den immer fragmentierteren (verinselteren) und auf Wirtschaftlichkeit getrimmten Wäldern?

Am häufigsten und am auffälligsten besiedeln die Zunderschwämme die Buchenstrünke, einst gesuchter Rohstoff der Zundelmacher, gelaugt und gewalkt nach streng gehüteten Verfahrensweisen, sodann schier universell verwendbar von Mützen (die sogar als Mittel gegen Kopfschmerz empfohlen wurden) über die Bekleidung, als Unterlage bei chirurgischen Bandagen bis zum Künstlerbedarf. In Todtnau gab es im 19. Jahrhundert sogar noch eine florierende Zunderindustrie (die die Schwämme allerdings bald aus den Balkanländern einführen musste). Nach Auskunft der Badischen Gewerbezeitung soll 1874 ein so gewaltiger Naturschwamm verarbeitet worden sein, dass daraus ein Talar für den Freiburger Erzbischof angefertigt werden konnte, nahtlos aus einem Stück! 

Zunderschwämme

Die Pferdehuf-ähnlichen, knochenharten, oft Jahrzehnte alten Fruchtkörper mit ihrem stets horizontalen Wachstum, ob am stehenden oder liegenden Holz, ernähren Dutzende von Schwammkäferarten. In einer einzigen Vegetationsperiode wurden im Zuge des Naturschutzgroßprojekts Baar 165 „xylobionte“ (holzbewohnende) Käferarten im Unterhölzer nachgewiesen, darunter acht, die hohen Gefährdungsstufen der Roten Liste und den echten Urwaldreliktarten zugerechnet werden. Definitionsgemäß kommen diese nur eben dort noch vor, wo seit der nacheiszeitlichen Wiederbewaldung eine ungebrochene Lebensraumtradition anzunehmen ist, mit vielfältigen Strukturen und einem reichhaltigen Inventar von alten Bäumen, von Mulmhöhlen, von starkem stehenden und liegenden Totholz –  Verhältnissen also, wie sie sonst allenfalls in Urwäldern noch anzutreffen sind.

Eine zentrale Rolle für den Nährstoffkreislauf wie für die Artenvielfalt kommt bekanntlich auch den Spechten zu: einmal beim Zerkleinern von Totholz, zum andern durch die Spechthöhlen und deren Nachmieter, ob Fledermäuse, Baummarder, Bilche, Hummeln, Wildbienen, Spinnen, Asseln, Würmer und sonstige Mulmbewohner. Zehn Fledermausarten wurden im Unterhölzer nachgewiesen, darunter die hochgradig vom Aussterben bedrohte Bechstein- und die Mopsfledermaus. Laubwälder mit hohem Alt- und Totholzanteil gelten als unersetzlicher Lebensraum für insgesamt 6.800 Tier- und 1.600 Pilzarten! Kein Wunder, dass sogar im Koalitionsvertrag der Ampel gefordert wird, alte Buchenwälder, soweit sie sich in öffentlichem Eigentum befinden, aus der Bewirtschaftung zu entlassen und zu schützen im Zuge der nationalen Biodiversitätsstrategie um den Artenschwund zu stoppen. Weltweit sollen sogar 30 % Schutzgebiete entstehen, so war ja kürzlich jedenfalls der Beschluss der Weltnaturschutzkonferenz in Montreal.

Eine weitere Besonderheit des Unterhölzers ist das Vorkommen von Wildobst, von Malus silvestris, dem Wild- oder Holzapfel, und Pirus pyraster, der Wild- oder Holzbirne. Beide Arten kommen auf der Baar noch vergleichsweise reinrassig vor, während kontinentweit sonst Hybridformen überwiegen. Das Fehlen  konkurrierender Kultursorten scheint sich hier für den Artenerhalt geradezu als Glücksfall erwiesen zu haben. Weil Wildobst keine Kreuzungsbarrieren kennt und in den heutigen Kulturlandschaften extrem selten geworden ist, wurde die Wildbirne 1998, der Wildapfel 2013 jeweils zum Baum des Jahres gekürt, um die in Ihrer Existenz stark gefährdeten Baumarten wieder einmal ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. 

Einer, der das mit den fehlenden Kultursorten auf der Baar unbedingt ändern wollte, war der im Immendinger Schloss residierende Baron in fürstenbergischen Diensten Friedrich Roth von Schreckenstein, 1805 der Gründer des ältesten deutschen Geschichtsvereins, ein leidenschaftlicher Pomologe. In seinem ersten Vortrag vor dem Verein empfahl er eine Auswahl von 60 Obstsorten für die raue Baar – womit er freilich kläglich gescheitert ist, wie wir heute wissen – sehr zum Vorteil des Wildobstes. Dass es im Unterhölzer einst dem Wild zuliebe auch angepflanzt oder doch gefördert worden ist, liegt auf der Hand. Denn vor allem mit den kleinen Birnchen lassen sich Reh- und Damwild zielgenau herbeilocken (in der Jägersprache: „ankirren“). Die Wildapfelbäume auf der Königswiese inmitten des Unterhölzers zeugen noch heute von diesen Bemühungen, desgleichen eine Wildbirne in Schussweite vom Jagdschlösschen entfernt. 

Damwild

Zu den auf der Baar natürlich vorkommenden Baumarten zählt zweifellos auch die Fichte, die als Nordländerin einst freilich vor allem die Moorränder besiedelt und erst ab dem Mittelalter dann mächtig zugelegt hat dank menschlicher Nachhilfe. Speziell in den F.F. Wäldern war die so profitable Fichte bald allgegenwärtig, so sehr, dass das Kürzel F.F. unter spöttischen Forstkollegen bald für Fichte Fichte stand (nach der uralten Försterweisheit Willst Du deinen Wald vernichten, pflanze Fichten nichts als Fichten). Von dieser Vorliebe sollte auch der Unterhölzer nicht ganz verschont bleiben, wie aus der Vogelperspektive leicht zu erkennen ist.

Kadaververjüngung der Fichte
Fichten im Vormarsch

Eine Spezialität der Fichte fällt einem im Unterhölzer besonders oft ins Auge: Ihre Fähigkeit zur „Kadaververjüngung“ (so der Försterslang), also sich auf dem Moder- oder Totholz abgängiger Buchen und Eichen anzusiedeln. Was bei starker Vergrasung und bei hohem Verbissdruck eine durchaus erfolgreiche Strategie sein kann, mit der die Fichte auch gern ganz von allein den Laubwald unterwandert.

Ein Unterschied bei der Fichtenwirtschaft innerhalb und außerhalb des Naturschutzgebiets ist nicht auszumachen (Großmaschineneinsatz, Maschinengassen alle 20 m). Die spannende Frage ist heute, wie lange die so flachwurzelnde, borkenkäfergefährdete Fichte im Trockenstress des Klimawandels durchhalten wird, ob nicht der „Brotbaum“ bereits dabei ist, sich zum „Katastrophenbaum“ zu verwandeln. 

Weil aber mit Laubholz nun einmal nicht viel zu verdienen ist, kam F.F. auf die Idee, unter seinen Eichen und Buchen einen Friedwald anzulegen (wobei man ja bereits auf Erfahrungen mit etlichen weiteren Friedwäldern zurückgreifen konnte): Urnenbestattung im Wald als Wertschöpfung ganz ohne Notwendigkeit, im NSG Holz ernten und vermarkten zu müssen – eine wahre Win-win-Strategie! Allerdings scheiterte der Plan, wie es hieß, am Widerstand der örtlichen Geistlichkeit. Die Ersatzlösung: ein Tierfriedhof. Der fand dann sogar die Zustimmung der oberen Naturschutzbehörde.

Damit komme ich zum Schluss unseres bebilderten Ausflugs in den Unterhölzer zum Tag des Waldes: Schon im Vorwort meines 1978 im Auftrag des Stuttgarter Forstministers erschienenen Erstlings, des Bildtextbands Begegnung mit Bäumen, hatte ich als Gewährsmann für mein Anliegen den Baseler Biologen, Zoologen, Anthropologen und Naturphilosophen Adolf PORTMANN (1897 – 1982) zitiert. Dessen Botschaft will mir  heute aktueller denn je erscheinen, weshalb ich sie auch ans Ende meines Unterhölzer-Buchs gesetzt habe und jetzt auch meinen Vortrag damit beenden möchte. Nehmen Sie das Zitat als Wort zum Tag des Waldes:

Unsere Welt wird in steigendem Maß beherrscht durch das von uns Erfundene, durch den Apparat. Der Rausch des Machens, des Apparateherstellens – auch der Zwang dazu wächst ständig. So wird denn – aber zu wenig beachtet – immer bedeutungsvoller die Aufgabe der Kompensation: Es gilt, den Blick auf das nicht von uns Geschaffene zu richten, auf das Entstandene, auf das Geheimnis der Schöpfung, das mit der wissenschaftlichen Einsicht nicht geringer, sondern größer wird. Es ist von größter Bedeutung, dass die ursprünglichen Quellen reich fließen, dass das unmittelbare Leben mit Menschen und Naturgestalten, mit Natureindrücken nicht von einer Scheinwelt verdrängt werde.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Denkanstoß am Waldeingang

Neuerdings zeichnen sich Fürstlich Fürstenbergische Wälder durch ein besonderes Erkennungsmerkmal aus: eine über mannshohe, an Holzpflöcken befestigte, orange gefärbte Acht. Aufgestellt wurde die Ziffer jeweils an beliebten Ausgangspunkten für Waldspaziergänge und Wanderungen, so etwa am Torhaus des Unterhölzers (s. Foto), des einstigen Wildparks. Ob der Waldbesucher allerdings auf Anhieb zu entschlüsseln vermag, was es auf sich hat mit der ominösen Zahl? Handelt es sich womöglich um das Projekt eines Land-Art-Künstlers oder gar um die leicht verfremdete Aufforderung des Waldeigentümers, Acht zu geben auf Wald und Wild, nicht zu lärmen oder sich sonst wie ungebührlich zu benehmen? Oder stehen wir vor der Station eines neuen Walderlebnisparcours?

Alles falsch: Das geschulte Auge erkennt natürlich sogleich den an der Gürtellinie der Acht angebrachten QR-Code, der Auskunft geben könnte, so wie unlängst ja auch schon der elektronische Corona-Impfnachweis. Doch leider soll es noch immer digital unterbelichtete Menschen geben, die App-frei durch den Wald flanieren, zumeist Besucher der älteren Generation, die noch immer kein Smartphone mit sich führen, sich dessen Anschaffung und Gebrauch sogar absichtlich versagen und sich stattdessen selbst im finstersten Terrain mit einem Handy älteren Baujahrs samt Notrufnummer begnügen. Jetzt freilich heißt es für sie zuwarten, bis sich endlich jemand ihrer erbarmt und darüber aufklärt, was es mit der Acht auf sich hat.

Doch prompt lässt sich diesmal Keiner blicken, weshalb die Auflösung des Rätsels verschoben werden muss bis zur Erörterung im Freundes- und Kollegenkreis, gar bei Google: Der Forstbetrieb Fürst Zu Fürstenberg GmbH & Co. KG, erfährt man, der im Südbadischen 18.000 Hektar (den zweitgrößten Privatwald unseres Bundeslandes) bewirtschaftet, weist mit der Acht auf nichts Geringeres hin als auf die Leistung des Waldes zur Eindämmung der Klimakrise. Mithin auf den Umstand, dass im Fürstlich Fürstenbergischen Wald pro Jahr und Hektar – unentgeltlich – 8 Tonnen klimaschädliches CO2 in Holzwachstum und Waldboden eingelagert werden – zumindest bis zur Holzernte und danach weiter in Dachstühlen und Möbeln! In alten, vorratsreichen und noch halbwegs intakten Naturwäldern mögen es jährlich sogar 10 Tonnen pro Hektar sein, doch der Waldeigentümer übt sich mit der 8 in Bescheidenheit: Wohl wissend, dass seinem von der Fichte, dem Brot- und Katastrophenbaum, dominierten Wald nicht das allerökologischste Image anhaftet, speziell auch der Holzerntepraxis mit tonnenschweren Harvester- und Forwardermaschinen auf überbreiten Maschinengassen in allzu engen 20-Meter-Abständen. Womit leicht einmal ein Fünftel bis ein Viertel der Holzbodenfläche fürs Baumwachstum, für Bodenorganismen und damit auch für den Klimaschutz verloren geht. Wie denn auch durch Kahlschläge (im Fachjargon eher „Räumungen“ genannt) ebenso wie durch Sturm- wie Käferflächen das gespeicherte Treibhausgas vorzeitig wieder in großen Mengen freigesetzt wird.

Wie viele Tonnen CO2 vermag der F.F. Fichtenwald zu speichern?

Umso eifriger setzt der F.F. Forst daher auf ein zweites wirtschaftliches Standbein: auf Windenergieanlagen. Derzeit sind es im fürstlichen Wald zwar erst deren sechs, doch weitere 50 (!) sollen folgen, wie Forstchef Dr. Jens Borchers kürzlich dem Schwarzwälder Boten (v. 6. August 2022) anvertraute. Denn nichts gilt heutzutage als profitabler in der deutschen Forstwirtschaft als die Verpachtung von Waldstandorten an Windenergieunternehmen. Vorreiter dieser Entwicklung ist der baden-württembergische Staatswald, der laut grün-schwarzem Koalitionsvertrag Standorte für 1000 Windräder einzubringen hat. Wie sich herumgesprochen hat, belaufen sich die hierbei zu erzielenden Pachteinnahmen (je nach Windhöffigkeit und Erschließung) pro Windrad und Jahr leicht auf Beträge zwischen 15.000 bis maximal 80.000 Euro; dies auf einer Fläche, wo der waldwirtschaftliche Ertrag bestenfalls ca. 300 Euro pro Jahr und Hektar beschert – was für eine Spanne, was für ein Reibach, und das auch noch als heiß ersehnter Beitrag zum Gelingen der Energiewende! Wo Baden-Württemberg bei der Windenergie doch nach wie vor Schlusslicht ist unter den Bundesländern. Gerade mal drei Windräder konnten 2022 aufgestellt werden. Da ist es denn auch kaum verwunderlich, dass im nämlichen Pressebericht auch vehement geklagt wird über den Artenschutz als dem „größten Windkraftverhinderer“: Im Schwarzwald seien es die letzten Auerhühner, deretwegen weite Teile nicht verplant werden dürfen, wiewohl diese Art, bei globaler Betrachtung, doch gar nicht bedroht sei. Und auf der Baar sei es der Rotmilan, mit dem Windräder ausgebremst werden, obwohl sein Bestand doch zunehme.

Außer Betracht bleibt freilich, dass für den Bau einer einzigen Windenergieanlage heutiger Größenordnung inklusive der erforderlichen „Zuwegung“ ca. ein Hektar Wald gerodet werden muss. Das macht, so sich die Absicht des F.F. Forstbetriebs realisieren lässt, pro Jahr (56 Windräder mal 1 Hektar mal 8 Tonnen) 446 Tonnen, die in der „CO2-Senke Wald“ ungespeichert bleiben. Womit der ökologische Rucksack freilich noch längst nicht vollgepackt ist: Natürlich sind in der Aufrechnung auch die immensen CO2-Mengen hinzuzufügen, die bei der Fertigung von Beton und Stahl emittiert werden, desgleichen jene bei der Fertigung der Rotorflügel aus kohlenstofffaserverstärkten Verbundwerkstoffen und tropischem Balsaholz, beim Schwerlastverkehr für Bau und Wartung, letztendlich auch noch bei Entsorgung und Renaturierung. Und dass zur Ökobilanz schließlich auch Rand- und Folgeschäden am aufgerissenen Waldbestand zählen sowie die Schlagopfer an Vögeln, Fledermäusen und Fluginsekten, erst recht nicht zu vergessen der Verlust an Naturlebensraum, an Naturerlebnisraum und an unbelasteter Landschaft. „Windräder im Wald“, so ließ sich unlängst Deutschlands bekanntester Förster und Bestsellerautor, Peter Wohlleben, vernehmen, „sind Schwachsinn im Quadrat!“ Denn in der Tat stellt sich hier die Sinnfrage: Ist Windenergiegewinnung in Wäldern denn überhaupt relevanter Klimaschutz, wo es doch die Bäume sind, die, nebst den Mooren, das CO2 am verlässlichsten speichern und unschädlich machen? Dass Sachsen und Thüringen Windräder im Wald noch immer kategorisch ausschließen, mag bezeichnend sein für dieses Dilemma – von der anhaltenden Diskussion um die Windkraftnutzung in den Wäldern touristischer und ökologischer Vorranggebiete einmal ganz abgesehen. Man könne den Menschen zumuten „in den Schwarzwald zu schauen und Windräder zu sehen“, so zitiert der Schwarzwälder Bote den F.F. Forstchef.  Unausgesprochen bleibt: Man wird in seinem Wald doch auch noch Geld verdienen dürfen mit der Energiewende.

Seltsam, was einem nicht alles durch den Kopf geht angesichts einer Acht in der Warnfarbe Orange am Waldeingang!

Profitable Waldwirtschaft auf dem Amtenhauser Berg: Blick vom Fürstenberg über den Wartenberg auf den F.F. Windpark

Nachwort zu „Peter und der Wolf“

Best Seller Wald

„De Bescht isch nint, und ihr hond nit emol de Bescht“

legendäre Ausspruch vu me Ostbaaremer Borgermoeschter i de 1960-er

Scho des Wort „Bescht- Säller“ dräht imme gstandene Alemanne de Mage um. Mir saget „Sau guet“ oder „beriichernd“ oder oefach nuu „ gattig“. Büecher noch de „Beschtsällerlischte“ z kaufe, des han i mir scho lang abgwähnt. Mit wenige Uusnahme ischs i d Hose gange oder uff booremerisch: Die sind meischtens schnell verlächeret.

Ganz andersch isches mit guete Rotschläg vu gute Freund, die gwähnlich au die gliich Iistellung zum Lese und die gliiche Gwuhnete hond. So isch mers gange beim Rot vu me Förschter zu me Buuch, au vu me selli waldkundige Förster: „ Heimkehr „ vum Wolfgang Büscher. (nit zum verweähsle zum gliichnamige Buech vum Thomas Hürlimaa) . De Büscher beschriebt mit grosse Poesie, und nit e überzwerris Märli wie de baumseele- Schmecker Peter Wohlleben, sie Verhältnis als Heimkehrer i sin glüeckseelige Jugendwald. Und des mit Herz und Verstand. Anne 1999 hät mer emol e belesene Freundin au e Märli- Waldbuech geschenkt: „Das Geheimnis des alten Waldes“ vum Dino Buzzati. Ganz grosse Literatur obwohl mer zerscht mond, es sei eweng philosophisch abghobe. Natüerlich hät mer noch „Achtesechzg“ des Welt- Kultbuech vu allene Linke, Waldörfler und Gartepuzzli glese: „Walden“ vum Thoreau, en ehrliche Welterfolg us sich selber rus und nit vu „Marketingler und Sparkässler“ promotet und profitmaximiert zämetbosslet.

I me reachte Wälder, eme Säger und Holzmoeschter, dem fallt beim Bsuech beim Sparbichslevortrag i de Waldstadt Villinge über de neischt Erguss vum Wald- Peter Wohllebe natierli ebbis gnizes , schreegs, knorrigs ii. Weil er konn onzige vu de zahlriche Forstmanne us em Baarschwarzwald uffstöbere khaa, obwohl er uff die aagesesse isch, poschtet er oes vu dene Schwarte und lot es au no mit dem Zuesatz „Für Wolf“ gifizig vum Peter Wohllebe signiere. De „Wolf“ isch nämli sin guete Sport- und Langlauffreund, den er mit dere Signatur in e Zwickmilli bringt. Wie will der sine Nochfahre, die sie riesige Bücherwand mol dorchforschte mond, verklickere, das er die opulent Papierholz- verschwendung weder poschtet hät, scho gar nit uff sin Name „Wolf“ vu sim fehlglaübige Forstkolleg hät siegniere lau. Scho mol hät en Speicherfund i dere Familie für Erschütterung gsorgt. Wa word au i den innigfahre sii ?, so ebbis au no signiere z lau ? Dätet die mol denke. Desell Uremer Spitzbue haet natierli sini Initiale: „S.W“, die er früeher mol i sinni Järvinnen Holzlanglaufschi innigschnaefflet hät, nit beim übergaehe vu dem schnodder- freche Gschenk in Buechdeckel innikritzlet. S kennt jo mol ebber merke, wer für den hintersinnige Streich zuständig war.

Übrigens: Falls de so Beglückte sie Bücherei nit mit dem waldsseelige Pamphlet besudle will, könnt ers jo mol vertlehne. Ganz i de Hoffnung, dass ers nimme zruckkriegt und er us dere bleede Kummedi uffreacht uussikunt. Gspräch mit Wald- und Forschfreund hond übrigens ergähe, dass mers nit lang bhaalte bruucht, nuu mol innischmecke, so dass om d Esoterik- Briehe nit am Backe rablauft, so wie beim fastfood. Sell möget aber uuglaublich vill Liit, wie mer a de Verkaufszahle und de Iischaltquote sieht. Und me muss nit mol im Wald ummemuuse. Halt modisch Wald „to go“.

Ich vertlehn mini Buecher vum Wolf (und Fritz) Hockenjos nimme, sellem Wolf wo nit mit em Peter tanze will. Scho vill mol han ich die nimme zruck kriegt und antiquarisch nochbunkere messe. I dene word om s wohr Zaubergschichlte vum Wald verzehlt und zoeget:


„Winter auf dem Wald“, „Tännlefriedhof“, „Begegnung mit Bäumen“, „Wo Wildnis entsteht“, „Waldpassagen“, „Tannenbäume“, „Unterhölzer Wald“.

Jo so wars

Peter und der Wolf

Hier soll es ausnahmsweise einmal nicht um Sergei Prokofjews Musikmärchen gehen, so wenig das Märchenhafte ganz außer Betracht bleiben soll. Für Wolf! – diese Widmung fand ich zu meiner Überraschung mit Datum vom 18. 5. 22 auf der Innenseite des Buchcovers, dazu ein genialisch-schwungvoller Schriftzug: unzweifelhaft das Autogramm des Autors Peter Wohlleben. Ihn hatte die Villinger Sparkasse unlängst zu einer Vortragsveranstaltung in die Tonhalle eingeladen. Immerhin 600 Besucher waren der Einladung gefolgt – ferngeblieben waren ausnahmslos die Forstbediensteten. Denn von den Grünröcken wird Peter Wohlleben inzwischen gemieden als sei er der Gottseibeiuns höchst selbst. Für Furore sorgt derzeit vor allem sein 2021 erschienenen Buch DER LANGE ATEM DER BÄUME mit dem Untertitel Wie die Bäume lernen, mit dem Klimawandel umzugehen – und warum der Wald uns retten wird, wenn wir es zulassen. Die persönliche Widmung mag den Verdacht nahelegen, dass der Wolf sich den Boykott der Berufskollegen versagt haben könnte. Doch weit gefehlt: Es war nachweislich ein ehemaliger Kunde aus seiner Villinger Forstamtsleiterzeit (1980-2004), ein Schwarzwälder Sägewerker und Sportsfreund, der sich den Scherz erlaubt und das Buch samt Widmung für mich erstanden hatte. Im Geplauder mit dem gefeierten SPIEGEL Bestseller-Autor hatte er auch auf meine Veröffentlichungen rund um forstlich-naturschützerische Themen verwiesen, die Peter Wohlleben offenbar nicht ganz unbekannt geblieben waren.

Unverhoffte Widmung

Nun also lag sein Buch ein paar Wochen lang als Einschlaflektüre auf meinem Nachttisch. Zu Vergleichszwecken hatte ich dann doch auch noch seinen 2015 erschienenen, sage und schreibe fünf Millionen (!) mal verkauften Bestseller DAS GEHEIME LEBEN DER BÄUME aus dem Bücherschrank hervorgeholt – wie auch den ihm 2016 nachfolgenden Bildband desselben Titels, illustriert mit exquisiten Baum- und Waldfotos, die von einer Vielzahl namhafter Fotografen und Agenturen aus aller Welt beigesteuert worden waren. Es war wohl vor allem die neuartige Herangehensweise an sein Thema, seine stark vermenschlichende, gar zur Esoterik neigende Schreibe, die Peter Wohlleben zum mit Abstand bekanntesten Förster der Republik, zum „Waldflüsterer“ schlechthin, gemacht haben. Der mit dem Wald spricht – Unterwegs mit Peter Wohlleben, so lautete schließlich auch die TV-Serie, die der SWR 2018 in sechs Folgen ausgestrahlt hat: der Autor jeweils auf zweitägiger Exkursion mit Prominenten in verschiedene Waldgebiete Südwestdeutschlands. Vollends verpasst habe ich den 2020 präsentierten Dokumentarfilm Das geheime Leben der Bäume, und auch das am Kiosk erhältliche, im GEO-Verlag erscheinende Magazin Wohllebens Welt habe ich mir erspart, so intensiv ich das Phänomen Wohlleben ansonsten zu verfolgen bemüht war. Habe doch auch ich mich weit über mein Berufsleben hinaus mit forstlicher Öffentlichkeitsarbeit befasst.

Wer weiß, dass Bäume Schmerz empfinden und ein Gedächtnis haben und dass Baumeltern mit ihren Kindern zusammenleben, so liest es sich schon im Eingangskapitel des „Sachbuchs“, der kann sie nicht mehr so einfach fällen und mit Großmaschinen zwischen ihnen herumwüten. Starker Toback für einen studierten Förster wie für die gesamte Forstpartie! Auch wenn er dann relativierend fortfährt: Ein gesunder, vielleicht sogar ein glücklicher Wald ist wesentlich produktiver und das bedeutet zugleich höhere Einnahmen. Produktivität, Einnahmen – erzielt halt wohl doch vorwiegend durch Holzerntemaßnahmen, möchte man einwerfen. Glückliche Kühe mögen zwar mehr Milch geben, doch wie hat man sich bloß den nicht nur gesunden, sondern auch glücklichen Wirtschaftswald vorzustellen? Als einen, wo Baumbabys gestillt werden und wo beim Buchen-Nachwuchs Gruppenkuscheln erwünscht ist?

Anscheinend will die breite Leserschaft den Wald so präsentiert bekommen, wie sonst wäre das Buch drei Jahre lang (von 2015 bis 2017) auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste gelandet? Bei aller Mäkelei der Kollegen: mehr Werbung für eine ökologisch orientierte und schonende Waldbehandlung geht wohl nicht – als ob die Forstbeamten dem so sensationell erfolgreichen Autor da nicht zu Dank verpflichtet wären anstatt zu Boykott!

Doch inzwischen haben sich die Fronten zwischen Waldwirtschaft und Ökologen weiter verhärtet, und in seinem neuen Werk Der Lange Atem der Bäume zeigt sich der Autor noch um Einiges polarisierender und streitbarer als bisher – auch längst nicht mehr so vermenschlichend und verniedlichend. Und er möchte mit seinem neuen Buch etwas tun gegen den unterm fortschreitenden Klimawandel sich ausbreitenden Fatalismus, auch gegen falschen Aktivismus der „Forstindustrie“ und der Politik. Aus Sorge um das Bauholz der Zukunft werde noch immer dem großflächigen Anbau von Nadelholz, gar von Baumarten mit Migrationshintergrund das Wort geredet: Letztendlich bleibt die Forstwirtschaft so in ihrem traditionellen Plantagensystem mit nur wenigen Baumarten verhaftet.

Fichten-Pleite am Brocken (Harz)

Dabei seien Bäume doch durchaus lern- und anpassungsfähig, sofern sie nicht allzu früh geerntet werden, wie er am Beispiel der Eichen von Ivenack in Mecklenburg-Vorpommern erläutert, die im stolzen Alter von 500 – 1000 Jahren zu den stärksten des Landes zählen. 2020, nach dem dritten Trockensommer, wurde die allerstärkste dieser Stieleichen von einem Forscherteam auf Ihren Gesundheitszustand hin untersucht. Dem Baum gehe es gut, stellten die Wissenschaftler fest, doch zu ihrer Verblüffung fanden sie an ihm auch Blätter und Früchte der Traubeneiche, jener ganz anderen botanischen Art, die trockenere Lagen des Hügellandes besiedelt – jetzt also bereits ein Indiz für die Anpassung an ein verändertes Klima? 

Lernfähige Eichen (Ivenack)?

Um sich erfolgreich auf Veränderungen einzustellen, bräuchten Bäume vor allem Zeit und Ruhe, folgert Wohlleben. Je geschlossener und älter der Laubwald, desto besser funktionieren die Kühlung und die CO2-Speicherung. Derlei Forderungen finden ihren Niederschlag sogar bereits im Koalitionsvertrag 2021 – 2025 der Ampel, wo es heißt: „Wir stoppen den Einschlag in alten, naturnahen Buchenwäldern im öffentlichen Besitz.“ Jeder Eingriff in den Wald werfe das Ökosystem zurück, die Forstwirtschaft störe da nur. Denn Menschen könnten keine Wälder schaffen, höchstens Plantagen. Was es brauche, sei das richtige Maß an Demut, aber auch an Optimismus im Bezug auf die Selbstheilungskräfte der Natur. So ist das Buch auch ein Plädoyer für mehr Waldwildnis geworden, deren Anteil nach der Nationalen Biodiversitätsstrategie aus dem Jahr 2007 bis 2020 auf 2 Prozent der deutschen Gesamtfläche hätten ausgeweitet werden sollen; geworden sind es indessen nur 0,6 Prozent.

Ins nämliche Horn stößt in seinem Nachwort zum Buch der Eberswalder Biologieprofessor Pierre Ibisch unter der Überschrift Von Nichtwissen und Vorsicht im Wald. Auch er rät zur Demut in der Waldwirtschaft angesichts all der Unsicherheiten, ob die vermeintlichen Superbäume sich überhaupt in die Ökosysteme integrieren können. Womöglich würden die vielen Pflanzungen den natürlichen Wald noch zusätzlich schwächen. Seit beide, Ibisch wie Wohlleben, an der Eberswalder Hochschule mit GEO-Hilfe ein Studiengang Ökologische Waldbewirtschaftung einzurichten sich bemüht haben, tobt der Streit (ein Griff ins Hornissennest) mit den Waldbauprofessoren der übrigen forstlichen Hochschulen. Die klassische Forstwirtschaft, gießt Wohlleben Öl ins lichterloh flackernde Feuer, ist am Ende einer langen, zerstörerischen Reise angekommen, so deutlich, dass es jeder draußen auf den Kahlschlägen sehen kann.

Wen wundert da noch das Fernbleiben der Forstleute bei Wohllebens Villinger Vortrag? Der hatte schließlich auch noch ein lebhaftes Nachspiel in der örtlichen Presse, die unter der Überschrift Bestseller-Autor attackiert VS-Förster einen ganzseitigen Beitrag brachte. Im Vorfeld seines Vortrags hatte Wohlleben einen Bericht des städtischen Forstamts aufgeschnappt, wonach im Stadtwald künftig vermehrt alte Bäume geerntet werden sollen, um so die Waldverjüngung voranzutreiben. Auf seine Facebook-Seite hatte Wohlleben darüber ein Video gestellt, in welchem er sich den stellvertretenden Forstamtsleiter, der sich so geäußert hatte, zur Brust nahm: Wenn alle Förster ihren Wald so behandeln wird mir Angst und Bange. Für mich klingt das wie die dringende Bitte um Kündigung seitens des Arbeitgebers. Womit der Erfolgsautor fraglos offenbarte, dass er mit der naturnahen Villinger Tannenwirtschaft nicht vertraut ist, wo doch der Stadtwald den Ruf als Musterbetrieb genießt und Ziel zahlreicher Fachexkursionen ist. Entsprechend geharnischt fielen dann auch die Leserbriefe aus. Der geprügelte Stadtförster reagierte erstaunlich gelassen auf die Schelte: „Er hat anfänglich für den Wald viel Gutes gemacht. Aber irgendwann ist er aus meiner Sicht zum Märchenerzähler geworden.“

Fachexkursion im Villinger Stadtwald

Waldbaden unterm Rotor?

Windrad auf der Länge

Klimawandel und Borkenkäfer gefährden zunehmend Ihre Forstbestände. Windenergie im Wald bringt Ihnen Wertschöpfung und verschafft Ihnen ein zweites Standbein!

BBWind Projektberatungsgesellschaft mbH, AFZ-DerWald 7/2021

Windräder im Wald ist Irrsinn im Quadrat!

Peter Wohlleben; Förster und Bestsellerautor, im Interview vom 6. August 2021 der Stuttgarter Zeitung über seinen Nationalen Waldgipfel

Am 21. März, zum Frühlingsanfang, wird alle Jahre der Internationale Tag des Waldes begangen, erstmals ausgerufen vor einem halben Jahrhundert von der Welternährungsorganisation FAO. Für die Medien ist er ein willkommener Anlass, wieder einmal an die Segenswirkungen des Waldes zu erinnern, nicht zuletzt an die wachsende Bedeutung der Erholungsfunktion. Wo diese in Krisenzeiten doch enorm hinzugewonnen hat, ob auf der Suche nach Abkühlung in Hitzesommern oder nach Bewegungsfreiheit im Lockdown der Pandemie. Doch zum Frühlingsbeginn 2022 war alles anders: Die Schreckensberichte über Putins Krieg in der Ukraine stellten alle anderen Themen – zumal die zivil-erbaulichen – in den Schatten, denn wem mag da noch nach einem Tag des Waldes zumute sein. Betagtere Waldfreunde dürften sich diesmal allenfalls an einen sehr speziellen, weltweit beachteten Waldspaziergang erinnert haben: 1982, noch mitten im Kalten Krieg, kamen sich die Unterhändler der beiden Atomsupermächte, Paul Nitze und Juri Kwizinsky, endlich näher in ihren Abrüstungsgesprächen, und dies in einem Waldstück unweit Genf; besiegelt wurde der INF-Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme dann freilich erst fünf Jahre später unter Michail Gorbatschow. Und jetzt also wieder die Drohung mit Atomwaffen – weswegen sich Bundeskanzler Scholz genötigt sah, vor dem Parlament am 27. Februar 2022 eine Zeitenwende einzuläuten!

Im Vorjahr noch hatte der Tag des Waldes in der Presse einen breiten Raum eingenommen. Passend zu den gravierenden, dem Klimawandel anzulastenden Waldschäden („Waldsterben 2.0“), stand der Tag unter dem Motto „Wiederaufbau von Wäldern – ein Weg zu Erholung und Wohlbefinden“. Sogar aktuelle Umfrageergebnisse gab es zu vermelden: Zufolge einer Sinus-Studie, in welcher u. a. nach der „Lieblingsbeschäftigung regelmäßiger Waldgänger*innen“ gefragt worden war, wurden zwei Motive mit Abstand am häufigsten angekreuzt: 81 % Spazieren/Wandern gehen und 49 % Die Natur genießen, „Waldbaden“.

„Lieblingsbeschäftigung regelmäßiger Waldgänger*innen“

„Waldbaden“ – was, bitteschön, hat man sich bloß konkret darunter vorzustellen? Etwa den Swimmingpool unter Baumkronen? Oder sollte man, als Waldgänger der älteren Generation, einen neuartigen Freizeittrend schlichtweg verpasst haben? Die Google-Recherche zum Suchbegriff erbringt sogleich reiche Ernte: Heilung und Entspannung in der Natur wird all jenen versprochen, die wahlweise 8 Wochen Intensivausbildung mit Abschlusszertifikat und 20 Übungen und Meditationen auf sich zu nehmen bereit sindoder die  eine Ausbildung Kursleiter*in für Waldbaden – Achtsamkeit im Wald durchlaufen, erst recht wer den Kurs Waldbaden – in seinem Ursprungland Japan – Shin Yoku bucht. Aufklärung verspricht auch Das Buch zum Waldbaden nebstdutzenden Videos samt  Der Waldbaden-Blog. Fortgeschrittene Kursteilnehmer*innen können sich zum Waldbademeister mit professionellem Entschleunigen fortbilden lassen, die spezielle Disziplin Barfuß-Waldbaden inklusive. Eine Ausbildung in Waldtherapie und Forest Medicine verspricht indessen eine Europäische Akademie EAG. Andernorts wird Waldcoaching Waldbaden, Wald-Yoga, Waldfühlen angeboten. Deutschlands erste Lehrer fürs Waldbaden haben bereits IHK-Prüfungen für bewusstes Naturerleben im Hainich abgelegt, erfährt man. Und weil uns Deutsche ja seit eh und je nicht nur die Liebe zur Waldnatur verbindet, sondern auch eine besondere Präferenz fürs Vereinsleben, so kann uns nicht mehr überraschen, dass Waldbadende sich im Bundesverband Waldbaden BVWA e. V. zusammengeschlossen haben. Wen wundert´s da noch, dass auch im biederen Ländle zum Waldbaden ermuntert wird, so in Shinrin-Yoku-Kursen in Baden-Baden. Es spricht für die Beliebtheit der neuen Geschäftsidee, dass auch Deutschlands führende Forstfachzeitschrift (AFZ-DerWald 16/2018) sich schon frühzeitig des Themas angenommen hat: Kur-/Heilwälder: Eine Chance für Waldeigentümer. 

Der Förster als Waldbademeister – geht´s noch zukunftsorientierter?

Waldbaden (Foto Internet)

Mit Waldheil grüßten sich bekanntlich schon die Mitglieder von Wandervereinen: zu Zeiten freilich, als die Nutzungskategorien  Heilwald und Waldbaden noch längst nicht erfunden waren, so begehrt das Zertifikat Heilklimatischer Kurort auch damals schon gewesen sein mag. Seinerzeit wurden die Segenswirkungen des Waldes noch schlicht „Wohlfahrtswirkungen“ genannt. Die hatte die multifunktionale Waldwirtschaft „im Kielwasser der Holzproduktion“ mitzuliefern. Und spätestens bei Anlässen wie dem Tag des Waldes bot sich auch der Forstbehörde jeweils Gelegenheit, Erholungs- und Sozialfunktion der von ihr bewirtschafteten und betreuten Wälder besonders hervorzuheben. Das klang dann meistens ganz so wie in der Pressemittelung des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg MLR vom 20.03.2012: Täglich besuchen rund zwei Millionen Menschen in Baden-Württemberg den Wald. Pro Jahr ergibt sich damit die fast unglaubliche Zahl von 750 Millionen Waldbesuchern allein in Baden-Württemberg – dies entspricht der Bevölkerungszahl von ganz Europa, nicht ohne dass abschließend nochmals besonders betont wurde: Die Erholungs- und Sozialfunktion des Waldes hat große Bedeutung für die Lebensqualität in Baden-Württemberg. Dies ist ein wichtiger weicher Standortsfaktor.

Erholungs- und Sozialfunktion hin oder her: Wie es ausschaut, hat sie inzwischen in der Prioritätenliste zumindest des Staatsforsts an Stellenwert  deutlich eingebüßt – spätestens seit ForstBW (ab 1. Januar 2020) in eine Anstalt öffentlichen Rechts AöR umgewandelt worden ist. Denn damit wurde auch der Zugriff der Politik auf den Staatswald erleichtert – nicht zuletzt auf dem so heiklen Feld der Energiepolitik. Seither ist er vor allem dazu ausersehen, seinen Beitrag zum Gelingen der Energiewende zu leisten. Wozu die Verpachtung von Windenergie-tauglichen Waldflächen intensiv voran zu treiben ist. War doch der Ausbau ausgerechnet im Grün-regierten Baden-Württemberg seit etlichen Jahren ins Stolpen geraten: Bis zum Jahr 2020 hätten es nach dem Willen der Regierung 1200 WEA sein sollen, doch da waren es landesweit gerade mal 730 geworden, und auch der Zubau im Jahr 2020 blieb mit 14 WEA, 2021 mit 25 WEA dramatisch weit hinter den Zielvorstellungen zurück. 

Schon im Vorfeld der jüngsten Landtagswahlen hatten die Medien aus der Delegiertenkonferenz von Bündnis 90 / Die Grünen die Meldung verbreitet, wonach im Staatswald des Landes  2.000 (!) WEA errichtet werden sollen. Im gedruckten Wahlprogramm wurde dann zwar wieder etwas zurückgerudert: „Wir werden die Windkraft auf allen geeigneten Flächen im Staatswald ausbauen, ebenso in der Fläche, so könnten über 1000 neue Anlagen entstehen.“ Der Staatswald stand nun ultimativ zur Disposition, mochte auch eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung bereits 2016 das für Windkraftbetreiber ernüchternde Ergebnis erbracht haben, dass 80 Prozent der Befragten Windräder im Wald ablehnen. Ob der Prozentsatz inzwischen wohl zusammengeschmolzen ist unterm Eindruck explodierender Gas-, Öl- und Spritpreise?

Ob tausend neue Windräder, wie sie der Koalitionsvertrag verspricht, oder auch „nur“ fünfhundert, neuerdings angekündigt durch Forstminister Hauk (CDU) auf der 324.000 ha umfassenden Staatswaldfläche (auf ca. 9 Prozent der Landesfläche): Es bleibt ein Ziel, das Waldfreunde erschaudern lassen muss! Es müsste jede auch nur halbwegs windhöffige Plateaulage und jeder Bergrücken mit WEA bestückt werden. Adieu Arten- und Landschaftsschutz, adieu Tourismus! 

Denn bei derlei Zielgrößen ergibt sich rechnerisch für den Staatswald, so muss befürchtet werden, rund alle 300 ha eine Windenergieanlage (WEA), neuerdings ein bis 270 m hohes Monster, das sogar den Stuttgarter Fernsehturm noch weit überragt. Zieht man von der Staatswaldfläche noch 10 Prozent Tabuzonen mit Vorrangfunktion für den Naturschutz (Kernzonen von Nationalpark und Biosphärengebiet, Bannwälder, Waldrefugien) ab, schließlich auch noch den stadtnächsten Erholungswald, so ergibt sich für staatswaldreiche Landschaften wie den Nordschwarzwald eine gnadenlose Industrialisierung. Dies im bekanntermaßen windärmsten Bundesland der Republik, in einem touristisch intensiv genutzten Mittelgebirge von weltweitem Beliebtheits- und Bekanntheitsgrad. Außerhalb der Grenzen des ca. 10.000 ha umfassenden Nationalparks, soviel ist abzusehen, wird sich der Naturpark Schwarzwald Mitte und Nord in einen Windtechnologiepark verwandeln. Und auch der Südschwarzwald wird nachziehen, denn wo die Landschaft mit Windrädern erst einmal vorbelastet ist, werden sich auch kommunale und private Waldeigentümer nicht mehr von Bauanträgen abhalten lassen – zumal der Großprivatwald, der schon bisher an der Spitze der Bewegung marschiert zum Wohle der Energiewende, aber auch mit dem klaren Ziel, die waldwirtschaftliche Ertragslage durch lukrative Pachterträge (mit jährlichen Einnahmen von 50.000 bis 80.000 € je WEA) aufzubessern. Dass dabei pro WEA etwa ein Hektar Wald gerodet werden muss als Standplatz für die Kräne wie für Ausbau und Verbreiterung der „Zuwegung“, dürfte klimapolitisch eher fragwürdig sein –  trotz aller Auflagen wie Ausgleichsmaßnahmen und Ersatzzahlungen an den Naturschutzfonds. Als CO2-Senken, die bisher im intakten, voll bestockten Zustand je Hektar und Jahr bis zu 10 Tonnen Treibhausgas zu binden in der Lage waren, werden die geforderten Ersatzaufforstungen erst in vielen Jahrzehnten wieder zu Buche schlagen.

Weil sich aber für den „Flatterstrom“ von Wind und Sonne bis in fernere Zukunft keine adäquaten Speichermöglichkeiten anbieten, waren zur Aufrechterhaltung unserer Grundversorgung mit Energie bundesweit bis zu 80 neue Gaskraftwerke geplant, die im Bedarfsfall (etwa bei winterlichen „Dunkelflauten“) als einzige rasch hoch und wieder runter gefahren werden können – leider betrieben mit Erdgas, das bislang zu über 50 Prozent aus Russland bezogen wird. Seit der „Zeitenwende“, seit Putins Überfall auf die Ukraine, erschallt der Ruf nach regenerativen Energiequellen umso lauter, verstärkt zudem von der immer lauter vorgebrachten Forderung der Bündnispartner nach einem kompletten Embargo von russischem Gas und Öl. Ob sich die Landesregierung da nicht doch wieder an die ursprünglich geforderten 2000 WEA für den Staatswald erinnern wird?

So oder so, was die Rettung des Weltklimas anbetrifft, ist die Einsparung an fossiler Energie mit Hilfe der Windkraftnutzung allemal dem ökologischen Rucksack der gigantischen Beton- und Stahlkonstruktionen gegenüberzustellen mitsamt den aus kohlenstofffaserverstärkten Verbundwerkstoffen und aus tropischem Balsaholz hergestellten, brandgefährlichen, giftigen und kaum zu recycelnden Rotorblättern – zuzüglich dem CO2-Ausstoß für Schwertransporte, Wartung und schließlich für die Renaturierung im dereinst ausgedienten Zustand. Dass in die Ökobilanz auch die Verluste an Vögeln, Fledermäusen und Fluginsekten gehören, an Naturlebensraum wie an Natur-Erlebnisraum, versteht sich von selbst. 

Keine Einladung zum Waldbaden

Wusch, wusch, wusch… so hören sich Rotorblätter an, sobald der Wind bläst, derweil bei schräg stehender Sonne ihr Schatten weit über die Wälder hinweg huscht, vom Infraschall ganz zu schweigen. Werden wir Waldbesucher also künftig damit leben müssen, die wir uns doch bisher Naturgenuss pur versprochen haben, auch Heil- und Segenswirkungen des Waldgrüns aufs Gemüt, auf Blutdruck, Herzkreislauf- und Immunsystem? Oder sollte das Gewohnheitstier Mensch eben doch im Stande sein, wie es einst schon Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, behauptet hat, sich an alles irgendwie gewöhnen zu können?  Womöglich wird es uns bald allen so ergehen wie unlängst jenem New Yorker Gästepaar im Goldenen Raben, einem Schwarzwälder Silence-Hotel, das dabei auf den Gebrauch seiner Schlafmaschine nicht verzichten mochte. Deren sonderbares Geräusch hatte nachts den Wirt aufgeschreckt, weil er es partout nicht zu deuten vermochte: dass Großstädter sich ohne die gewohnte Geräuschkulisse schwer tun mit erholsamem Nachtschlaf. Wird uns beim Waldbesuch ohne Rotorrauschen und Drehbewegung hoch über uns bald etwas fehlen? Oder werden uns Flaute mit Stillstand da oben eher in Unruhe versetzen als beglücken, wo wir uns doch allesamt gegen den Klimawandel verschworen und für die Nutzung erneuerbarer Energie eingesetzt haben? Was für ein Dilemma – mit oder ohne Waldbaden!

Im schönen grünen Bergmischwald,
wo heut Touristen wandeln,
da werden Windturbinen bald
den Wald vollends verschandeln.

Dann hält sich,
wer auch kommen mag,
die Augen zu und Ohren
zum Schutze gegen Schattenschlag
und rauschende Rotoren.

                                     

Die Landschaft, die uns teuer war,
ist leider nicht erneuerbar.

nach M. Lieser, 2018

                                                     

Wildwest Teil II

Ich habe ja bereits über die Wildwest-Zustände  auf Hohen II geschrieben. Noch desolater sieht es dort in Sachen Grünanlagen und Bepflanzungen aus. Klar im wilden Westen gab es auch viel Staub und Dreck und außer ein paar durch die Gegend fliegenden Steppenläufer (Salsola tragus) genannt Steppenhexen, die sich so versucht haben zu vermehren, sieht man meist in diesen Dörfern des Wilden Westen nichts an Grünzeug.

Die dort lebenden Menschen waren auch eher an einem gut bestückten Saloon interessiert und an den Pfählen davor an denen sie ihre Pferde angebunden haben.

Eine frappierende Ähnlichkeit mit dem staubigen Hohen II Dorf.

Die Bewohner nutzen die dort angepflanzten Bäume oder Pfähle, je nach vorgefundenem Zustand zur Ablagerung diverser Müllvariationen, oder als Pissoir für die Hunde, die in großer Anzahl durch das Wohngebiet streifen. Der Förster Wohlleben hat für diese modernen Holzpfähle mit Grünbesatz in Beton sogar einen Namen „Straßenkinder“ Die wenigen Grünflächen im Dorf sind entweder zu Tode gemäht oder, erinnern an besagte  Staubhexen allerdings festgemacht zwischen grauen Schotterhaufen oder aber, sie strahlen in gedeckten Brauntönen, sofern öffentlich.

Pferde sind selbstverständlich durch PS-starke Wagen ersetzt, die wiehernd durch die Straßen gefahren werden, um möglichst zu zeigen was man hat oder weiteres Material heranzuschaffen. Die Wagen werden bevorzugt in Reihe auf die öffentlichen bräunlichen Streifen geparkt oder knapp an einem Baum vorbeigeführt. Ein Anbinden ist ja in dem Fall nicht mehr notwendig. Das erinnert dann stark an die überfallartigen Reitertruppen die wild um sich schießend zum Saloon galoppieren oder das Ankommen eines Wagentrecks der entsprechend Staub aufwirbelt bei seiner Ankunft.

Auch wenn die Besiedlung auf dem unwirtlichen Hohen II noch nicht ganz abgeschlossen ist und der vor den Toren ausgebaute Trail zwar hörbar aber nicht mehr sichtbar ist, so scheint es, das einige Bewohner in dieser Gegend weiter gerne Wildwest spielen möchten, obwohl man meinen sollte, man hätte dieses Zeitalter lange hinter sich gebracht.

Früher hat wenigstens ein Scheriff für Ordnung gesorgt, wenn die Cowboys es übertrieben haben, doch hier scheint die Stelle genauso vakant zu sein wie die eines Bauamtsleiters in Hüfingen.

Eine Änderung der Zustände wäre zumindest für einige Bewohner wünschenswert bevor das Dorf endgültig verstaubt ist. Und es wäre wünschenswert, wenn die Bewohner des Hohen II das gemeinschaftliche Eigentum nicht als ihr Eigentum verständen und es genauso pflegten, wie die eigene Bar und die Grillstation in ihrem Vorgarten.