Vom 29. auf den 30. September – von Michel zu Hieronymus
Der heilige Hieronymus von Stridon
Eigentlich hieß er Sophronius Eusebius Hieronymus von Stridon. Er war Priester, Bibelübersetzer und Theologe – und eine der schillerndsten Gestalten der frühen Christenheit. Geboren wurde er im März 347 in Stridon, dem heutigen Štrigova in Kroatien, gestorben ist er im September 420 in Betlehem.
Hieronymus stammte aus wohlhabenden christlichen Verhältnissen. Seine Eltern ermöglichten ihm eine umfassende Ausbildung, zunächst in Mailand und Rom. Dort verschlang er die Schriften der großen Philosophen, vor allem Ciceros und Platons. Er war ein leidenschaftlicher Leser – vielleicht ein wenig zu leidenschaftlich für das, was man damals von einem Christen erwartete.
Eines Nachts erschien ihm im Traum ein Engel, nahm ihm die Bücher aus der Hand und führte ihn vor den himmlischen Richter. Der soll ihn gefragt haben, wer er sei. „Du bist kein Christ, du bist Ciceronianer. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“
Die Wirkung war offenbar nachhaltig. 366 ließ sich Hieronymus taufen.
Doch damit war sein Bildungsweg keineswegs beendet. In Trier lernte er das Klosterleben kennen, anschließend ging er nach Aquileia und schloss sich dort dem asketischen Bund Chor der Seligen an. Hieronymus verfügte über ein phänomenales Gedächtnis, war außergewöhnlich sprachbegabt und rhetorisch so scharf, dass man ihm wohl besser nicht leichtfertig in eine Diskussion geraten wäre.
373 reiste er nach Antiochia, dem heutigen Antakya in der türkischen Provinz Hatay. Dort lernte er Griechisch, wurde Schüler des Apollinaris von Laodicea und beschäftigte sich mit den Schriften des Origenes – eines Gelehrten, dessen Werke er später allerdings verleugnete und scharf kritisierte.
Von Antiochia aus zog es ihn noch weiter hinaus: Bis 378 lebte Hieronymus als Einsiedler in der Wüste Chalkis bei Aleppo in Syrien. Er hauste dort in einer Felsenhöhle, übte sich in Askese und widmete sich dem Studium.
Und wieder war es ein Traum, der seinem Leben eine neue Richtung gab. Hieronymus legte das Gelübde ab, sich nicht länger von der heidnischen philosophischen Literatur bestimmen zu lassen.
Ganz losgeworden ist er die Bücher allerdings nie.
Die Löwenlegende
Eine der bekanntesten Geschichten über Hieronymus ist die Löwenlegende. Sie ist der Grund, weshalb der Heilige auf unzähligen Gemälden mit einem Löwen an seiner Seite dargestellt wird.
Eines Tages, so erzählt die Legende, kam ein hinkender Löwe in die Felsenhöhle, in der Hieronymus mit anderen Einsiedlern lebte. Die Mönche bekamen es mit der Angst zu tun und flohen. Nur Hieronymus blieb. Er sah das wilde Tier an und fragte, weshalb es zu ihnen gekommen sei.
Da hob der Löwe seine verletzte Pranke.
Hieronymus erkannte, dass das Tier nicht gekommen war, um die Mönche anzugreifen. In seiner Pfote steckte ein Dorn, die Wunde war entzündet und blutete. Er ließ Wasser bringen, die Wunde reinigen und den Dorn herausziehen. Die Mönche pflegten den Löwen, bis seine Pranke wieder geheilt war.
Und der Löwe blieb.
Fortan lebte er bei den Mönchen und übernahm eine ungewöhnliche Aufgabe: Während die Männer im Wald Holz sammelten, bewachte er ihre Weidetiere. Damit hatte das Kloster einen ziemlich eindrucksvollen Wachhund.
Doch eines Tages geschah ein Unglück. Der Löwe schlief beim Hüten der Tiere ein. Eine vorbeiziehende Karawane nutzte die Gelegenheit und stahl unbemerkt einen Esel. Als die Mönche den Verlust bemerkten, hielten sie den Löwen für den Schuldigen. Er musste nun, zur Strafe, selbst die Holzlasten tragen. Bis eines Tages die Karawane wieder auftauchte. Der Löwe erkannte den gestohlenen Esel sofort. Er stürmte auf die Männer zu und brüllte so gewaltig, dass sie vor Schreck beinahe zu Tode kamen. Reumütig brachten sie den Esel zurück zu Hieronymus. Der aber empfing die Diebe freundlich und erhielt von ihnen schließlich sogar reichen Lohn für das Kloster.
Die Geschichte erinnert an die Legende vom heiligen Gallus und natürlich auch an Bruder Martin, die mit einem Bären zu tun bekommen.
Der streitbare Gelehrte
Hinter der Löwenlegende verschwindet beinahe der andere Hieronymus: der Gelehrte, der kaum jemals aufhörte zu lesen, zu schreiben und zu streiten.
In der Einsamkeit der Wüste vertiefte er sich immer intensiver in theologische Schriften, fertigte Abschriften an, schrieb Briefe und lernte Hebräisch. Nach einigen Jahren kehrte er nach Antiochia zurück, wo er 379 zum Priester geweiht wurde. 382 ging er über Konstantinopel nach Rom. Dort nahm ihn Papst Damasus I. in seinen Dienst und beauftragte ihn mit einer Aufgabe, die sein Nachleben entscheidend prägen sollte: Hieronymus sollte die Bibel ins Lateinische übersetzen. Das Ergebnis wurde als Vulgata bekannt. Sie wurde zur maßgeblichen lateinischen Bibel der westlichen Kirche und prägte die katholische Bibeltradition über viele Jahrhunderte. Die heute verbindliche Fassung ist die später überarbeitete Nova Vulgata.
In Rom war Hieronymus nicht nur als Gelehrter gefragt. Er wurde auch als Seelsorger geschätzt, besonders von aristokratischen Frauen, die sich einem asketischen Leben zuwandten. Zu seinem Kreis gehörten unter anderem Marcella sowie die römische Witwe Paula und ihre Töchter Blaesilla und Eustochium.
Hieronymus war allerdings nicht gerade jemand, der sich mit allen gut verstand. Er kritisierte den Klerus scharf, führte erbitterte theologische Auseinandersetzungen und scheute sich auch sonst nicht, Gegner öffentlich anzugreifen. Seine Nähe zu den Frauen seines Kreises wurde ihm zudem zum Vorwurf gemacht. Nach dem Tod seines Förderers Papst Damasus im Jahr 384 spitzten sich die Konflikte zu. Nach dem Tod der jungen Blaesilla wurde Hieronymus zusätzlich für deren strenge asketische Lebensweise verantwortlich gemacht.
385 verließ er Rom.
Zusammen mit Paula und einer Gruppe von Frauen reiste er über Zypern und Antiochia bis in die ägyptische Einsiedlerkolonie Nitria. Schließlich kam er 386 in Betlehem an. Dort sollte er bleiben. Paula setzte ihr Vermögen ein, um in Betlehem mehrere Klöster zu gründen: drei für Frauen und eines für Männer. Hieronymus übernahm die Leitung des Männerklosters. Die nächsten 35 Jahre lebte er dort vergleichsweise zurückgezogen – und schrieb. Er verfasste Bibelkommentare, theologische Abhandlungen, Briefe und Schriften über die hebräische Sprache. Besonders seine Kenntnisse der Bibel und der antiken Welt machten ihn zu einem der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit. Gleichzeitig blieb er der alte Hieronymus: scharfzüngig, polemisch und keineswegs zimperlich, wenn es darum ging, einen theologischen Gegner auseinanderzunehmen. Einige seiner Auseinandersetzungen gingen so weit, dass er sich zeitweise verstecken musste.
Am 30. September 420 starb Hieronymus in Betlehem.
Sein Grab befand sich ursprünglich in der Krypta der Geburtskirche. Im 13. Jahrhundert wurden seine Gebeine nach Rom überführt und in der Basilika Santa Maria Maggiore beigesetzt. Das Mittelalter machte aus Hieronymus eine große Lehrautorität – vor allem in Fragen der Bibel und des asketischen Lebens. Und aus dem Gelehrten, der sich einst im Traum vom Engel vorwerfen lassen musste, er sei eher Ciceronianer als Christ, wurde schließlich ein Heiliger mit einem Löwen an seiner Seite.
*Zusammenfassung nach katholisch.de und dem Ökumenischen Heiligenlexikon
Vom 29. auf den 30. September – von Michel zu Hieronymus
- „Sind um Michael die Vögel noch hier, haben bis Weihnachten lind Wetter wir.“
- „Von Michel und Hieronymus, mach‘ ufs Weihnachtswetter Schluss.“
- „Gibt Michaeli Sonnenschein, wird’s in zwei Wochen Winter sein.“
- „Kommt Michael heiter und schön, wird es noch vier Wochen so weiter geh’n.“
- „Regnet’s sanft am Michaelstag, sanft auch der Winter werden mag.“
- „Bringt St. Michael Regen, kannst Du gleich den Pelz anlegen.“
- „Der Michel zündt’s Licht an.“
- „Um Michaelis in der Tat gedeiht die beste Wintersaat.“
- „Vor Michel sä’ mit halber Hand – dann aber streu mit ganzer Hand!“
Die Attribute
von Hieronymus sind Löwe, Totenschädel, Kardinalshut, Kürbis, Sanduhr und Bücher.
Der heilige Hieronymus nach Albrecht Dürer.
Unveröffentlichte Lithografie von Johann Nepomuk Heinemann
Der heilige Hieronymus von Albrecht Dürer 1514.
Foto: Albrecht Dürer, Public domain, via Wikimedia Commons
aus Wikipedia zum Kupferstich von Albrecht Dürer:
„Der heilige Hieronymus sitzt ziemlich weit im Bildhintergrund an einem Schreibpult und arbeitet. Der Tisch ist ein für die Renaissance typischer Wangentisch. In einer Ecke des Tisches steht ein Kalvarienkreuz. Zieht man vom Kopf des Hieronymus über das Kreuz eine Linie, wird der Blick des Betrachters zum Totenschädel neben dem Fenster gelenkt und damit werden diese zwei Gegenstände – Tod und Auferstehung – miteinander in Verbindung gebracht. Eine abgebrannte Kerze auf dem Regal deutet auf das Lebensende hin, ebenso die Sanduhr, die an die verrinnende Zeit mahnt. Der Kirchenvater widmet sich hierbei nicht dem Werk der Heiligen Schrift (Bibel), in der vom gegen Gott ungehorsamen und damit todbringenden Adam bis zum „zweiten Adam“, nämlich Christus die Rede ist, der durch die Auferstehung den Tod besiegt hat und das Ewige Leben in Aussicht stellt. Die Frage bleibt für den Betrachter offen, ob er diese Erlösungstat annimmt. Es geht vielmehr um die Darstellung seiner Tätigkeit als Briefeschreiber, die zu den meistgelesenen Schriften im Spätmittelalter zählen.
Im Bildvordergrund befinden sich ein Löwe, traditionell ein Bestandteil der Ikonographie des Hieronymus, und ein schlummernder Hund. Beide sind Bestandteil der durch die Legenda aurea überlieferten Geschichten von Hieronymus. Dazu gehört auch die Legende vom büßenden Hieronymus, der den Schädel Adams unter dem Hügel von Golgatha im Heiligen Land vermuten lässt.
Das Bild ist voll von kleinen Gegenständen, die den Blick des Betrachters einfangen und auf Episoden aus dem Leben des Heiligen anspielen, etwa der von der Decke herabhängende Kürbis, der für einen theologischen Disput mit dem Kirchenvater Augustinus steht, wo sie sich in der Übersetzung von Jona 4,6-10 EU nicht einig sind, welche Pflanze, Kürbis oder Efeu, gemeint ist. Deshalb verfasst er hier einen Brief an jenen, um seine Sicht der Dinge klarzulegen.“




