Neuerdings zeichnen sich Fürstlich Fürstenbergische Wälder durch ein besonderes Erkennungsmerkmal aus: eine über mannshohe, an Holzpflöcken befestigte, orange gefärbte Acht. Aufgestellt wurde die Ziffer jeweils an beliebten Ausgangspunkten für Waldspaziergänge und Wanderungen, so etwa am Torhaus des Unterhölzers (s. Foto), des einstigen Wildparks. Ob der Waldbesucher allerdings auf Anhieb zu entschlüsseln vermag, was es auf sich hat mit der ominösen Zahl? Handelt es sich womöglich um das Projekt eines Land-Art-Künstlers oder gar um die leicht verfremdete Aufforderung des Waldeigentümers, Acht zu geben auf Wald und Wild, nicht zu lärmen oder sich sonst wie ungebührlich zu benehmen? Oder stehen wir vor der Station eines neuen Walderlebnisparcours?
Alles falsch: Das geschulte Auge erkennt natürlich sogleich den an der Gürtellinie der Acht angebrachten QR-Code, der Auskunft geben könnte, so wie unlängst ja auch schon der elektronische Corona-Impfnachweis. Doch leider soll es noch immer digital unterbelichtete Menschen geben, die App-frei durch den Wald flanieren, zumeist Besucher der älteren Generation, die noch immer kein Smartphone mit sich führen, sich dessen Anschaffung und Gebrauch sogar absichtlich versagen und sich stattdessen selbst im finstersten Terrain mit einem Handy älteren Baujahrs samt Notrufnummer begnügen. Jetzt freilich heißt es für sie zuwarten, bis sich endlich jemand ihrer erbarmt und darüber aufklärt, was es mit der Acht auf sich hat.
Doch prompt lässt sich diesmal Keiner blicken, weshalb die Auflösung des Rätsels verschoben werden muss bis zur Erörterung im Freundes- und Kollegenkreis, gar bei Google: Der Forstbetrieb Fürst Zu Fürstenberg GmbH & Co. KG, erfährt man, der im Südbadischen 18.000 Hektar (den zweitgrößten Privatwald unseres Bundeslandes) bewirtschaftet, weist mit der Acht auf nichts Geringeres hin als auf die Leistung des Waldes zur Eindämmung der Klimakrise. Mithin auf den Umstand, dass im Fürstlich Fürstenbergischen Wald pro Jahr und Hektar – unentgeltlich – 8 Tonnen klimaschädliches CO2 in Holzwachstum und Waldboden eingelagert werden – zumindest bis zur Holzernte und danach weiter in Dachstühlen und Möbeln! In alten, vorratsreichen und noch halbwegs intakten Naturwäldern mögen es jährlich sogar 10 Tonnen pro Hektar sein, doch der Waldeigentümer übt sich mit der 8 in Bescheidenheit: Wohl wissend, dass seinem von der Fichte, dem Brot- und Katastrophenbaum, dominierten Wald nicht das allerökologischste Image anhaftet, speziell auch der Holzerntepraxis mit tonnenschweren Harvester- und Forwardermaschinen auf überbreiten Maschinengassen in allzu engen 20-Meter-Abständen. Womit leicht einmal ein Fünftel bis ein Viertel der Holzbodenfläche fürs Baumwachstum, für Bodenorganismen und damit auch für den Klimaschutz verloren geht. Wie denn auch durch Kahlschläge (im Fachjargon eher „Räumungen“ genannt) ebenso wie durch Sturm- wie Käferflächen das gespeicherte Treibhausgas vorzeitig wieder in großen Mengen freigesetzt wird.
Wie viele Tonnen CO2 vermag der F.F. Fichtenwald zu speichern?
Umso eifriger setzt der F.F. Forst daher auf ein zweites wirtschaftliches Standbein: auf Windenergieanlagen. Derzeit sind es im fürstlichen Wald zwar erst deren sechs, doch weitere 50 (!) sollen folgen, wie Forstchef Dr. Jens Borchers kürzlich dem Schwarzwälder Boten (v. 6. August 2022) anvertraute. Denn nichts gilt heutzutage als profitabler in der deutschen Forstwirtschaft als die Verpachtung von Waldstandorten an Windenergieunternehmen. Vorreiter dieser Entwicklung ist der baden-württembergische Staatswald, der laut grün-schwarzem Koalitionsvertrag Standorte für 1000 Windräder einzubringen hat. Wie sich herumgesprochen hat, belaufen sich die hierbei zu erzielenden Pachteinnahmen (je nach Windhöffigkeit und Erschließung) pro Windrad und Jahr leicht auf Beträge zwischen 15.000 bis maximal 80.000 Euro; dies auf einer Fläche, wo der waldwirtschaftliche Ertrag bestenfalls ca. 300 Euro pro Jahr und Hektar beschert – was für eine Spanne, was für ein Reibach, und das auch noch als heiß ersehnter Beitrag zum Gelingen der Energiewende! Wo Baden-Württemberg bei der Windenergie doch nach wie vor Schlusslicht ist unter den Bundesländern. Gerade mal drei Windräder konnten 2022 aufgestellt werden. Da ist es denn auch kaum verwunderlich, dass im nämlichen Pressebericht auch vehement geklagt wird über den Artenschutz als dem „größten Windkraftverhinderer“: Im Schwarzwald seien es die letzten Auerhühner, deretwegen weite Teile nicht verplant werden dürfen, wiewohl diese Art, bei globaler Betrachtung, doch gar nicht bedroht sei. Und auf der Baar sei es der Rotmilan, mit dem Windräder ausgebremst werden, obwohl sein Bestand doch zunehme.
Außer Betracht bleibt freilich, dass für den Bau einer einzigen Windenergieanlage heutiger Größenordnung inklusive der erforderlichen „Zuwegung“ ca. ein Hektar Wald gerodet werden muss. Das macht, so sich die Absicht des F.F. Forstbetriebs realisieren lässt, pro Jahr (56 Windräder mal 1 Hektar mal 8 Tonnen) 446 Tonnen, die in der „CO2-Senke Wald“ ungespeichert bleiben. Womit der ökologische Rucksack freilich noch längst nicht vollgepackt ist: Natürlich sind in der Aufrechnung auch die immensen CO2-Mengen hinzuzufügen, die bei der Fertigung von Beton und Stahl emittiert werden, desgleichen jene bei der Fertigung der Rotorflügel aus kohlenstofffaserverstärkten Verbundwerkstoffen und tropischem Balsaholz, beim Schwerlastverkehr für Bau und Wartung, letztendlich auch noch bei Entsorgung und Renaturierung. Und dass zur Ökobilanz schließlich auch Rand- und Folgeschäden am aufgerissenen Waldbestand zählen sowie die Schlagopfer an Vögeln, Fledermäusen und Fluginsekten, erst recht nicht zu vergessen der Verlust an Naturlebensraum, an Naturerlebnisraum und an unbelasteter Landschaft. „Windräder im Wald“, so ließ sich unlängst Deutschlands bekanntester Förster und Bestsellerautor, Peter Wohlleben, vernehmen, „sind Schwachsinn im Quadrat!“ Denn in der Tat stellt sich hier die Sinnfrage: Ist Windenergiegewinnung in Wäldern denn überhaupt relevanter Klimaschutz, wo es doch die Bäume sind, die, nebst den Mooren, das CO2 am verlässlichsten speichern und unschädlich machen? Dass Sachsen und Thüringen Windräder im Wald noch immer kategorisch ausschließen, mag bezeichnend sein für dieses Dilemma – von der anhaltenden Diskussion um die Windkraftnutzung in den Wäldern touristischer und ökologischer Vorranggebiete einmal ganz abgesehen. Man könne den Menschen zumuten „in den Schwarzwald zu schauen und Windräder zu sehen“, so zitiert der Schwarzwälder Bote den F.F. Forstchef. Unausgesprochen bleibt: Man wird in seinem Wald doch auch noch Geld verdienen dürfen mit der Energiewende.
Seltsam, was einem nicht alles durch den Kopf geht angesichts einer Acht in der Warnfarbe Orange am Waldeingang!
Profitable Waldwirtschaft auf dem Amtenhauser Berg:
Blick vom Fürstenberg über den Wartenberg auf den F.F. Windpark
Stirbt der Schwarzwälder Charaktervogel vollends aus?
So geräuscharm wie das kleine Waldhuhn, das Haselhuhn, um die Jahrtausendwende aus dem Schwarzwald verschwunden ist, wird sich sein großer Verwandter, das Auerhuhn, nicht davonstehlen können. Dazu ist der schwarz schillernde Hahn denn doch gar zu populär und auch zu schlagzeilenträchtig. An seinem dramatischen Schicksal nimmt die Öffentlichkeit jedenfalls regen Anteil – und sei es auch nur dank der ausgestopften Exemplare, jener Relikte aus den Zeiten der herrschaftlichen Hahnenjagd, die in manchen Wirtshausstuben bis heute überdauert haben. Unlängst war es gar leibhaftiger, ein balztoller Hahn, der für großes mediales Aufsehen gesorgt hat, nachdem er auf dem Feldberg von einem betrunkenen Festbesucher in vermeintlicher Notwehr erschlagen worden war. Da und dort sind es auch Hinweisschilder für Wanderer, Skiläufer und Mountainbiker mit der Aufforderung, Auerhuhnlebensräume zu meiden, die an sein Vorkommen gemahnen. Vor allem aber ist das Lamento der Windenergieplaner und -betreiber, die das Kreuz zu schlagen pflegen, wann immer das Auerhuhn als Argument ins Feld geführt wird; allenfalls der Rotmilan, das häufigste Schlagopfer in den Statistiken der Vogelschutzwarten, dürfte noch verfluchter sein. Doch wann hatte man eigentlich zuletzt das Glück, einem Hahn, gar der unscheinbareren Henne in freier Natur zu begegnen?
Am 11. Mai 2022 hat sogar der Stuttgarter Landtag eine knappe Stunde lang über das Auerhuhn debattiert. Wo doch der grün geführten Landesregierung nichts ungelegener käme, als wenn ausgerechnet sie mit ihrem durch Gasmangel und Ukrainekrieg neu entfesselten Windkraft-Elan für das Aussterben des „Schwarzwälder Charaktervogels“ verantwortlich gemacht würde.
So war es denn auch kein Wunder, dass grüne wie schwarze Abgeordnete im Brustton der Überzeugung hervorhoben, dass die Windenergie keinerlei Schuld treffe am so misslichen, allem Anschein nach unaufhaltsamen Rückgang des Schwarzwälder Auerhuhnbestands mit seinen eben noch insgesamt 114 Hähnen (gem. Balzplatzerhebung 2021).
Schon im Eingangsstatement des Abgeordneten Reinhold Pix (Grüne), des Sprechers für Wald und Wein, stand es fünf vor zwölf um die Hühner, im Beitrag seiner Kollegin Sarah Schweizer (CDU) sogar bereits eine Minute nach zwölf. Und auch der fürs Jagdrecht zuständige Forstminister Peter Hauk (CDU) ließ keine Zweifel aufkommen an der Dramatik der gegenwärtigen Situation, verursacht durch allzu dunkle Nadelwälder, durch den Besucher- wie den Raubwilddruck sowie gewiss auch durch den Klimawandel. Auch er verneinte jeglichen Einfluss der Windräder und verwies dabei auf das (vom Land Baden-Württemberg und aus Drittmitteln des Bundesverbands WindEnergie e. V. sowie einiger heimischer Energieversorgungsunternehmen finanzierte) internationale Forschungsprojekt Windenergie & Auerhuhn, das auch im Schwarzwald zu dem wenig erstaunlichen Ergebnis gekommen war, dass Auerhühner Windenergieanlagen weiträumig meiden und dass sie also auch nicht nennenswert vom Lärm, Drehbewegung und Schlagschatten der Rotoren gestresst werden können1.
Er versprach einen Maßnahmenplan, mit welchem der Beweis erbracht werden soll, dass Klima- und Artenschutz durchaus miteinander zu vereinbaren sind. Lediglich ein AfD-Abgeordneter hat es gewagt, Zweifel am Gelingen des Vorhabens anzumelden.
Mitten in den Sommerferien, am 17. August 2022, wurde der angekündigte Maßnahmenplan dann auch offiziell vorgestellt (in Pressemitteilung Nr. 122/2022) als Neue Planungsgrundlage Windenergie und Auerhuhn. Umwelt- und Energieministerin Thekla Walker und Forstminister Peter Hauk erklären darin gemeinsam: „Die neuen Hinweise ermöglichen einen beschleunigten Ausbau der Windenergie im Schwarzwald und sie schützen zugleich das vom Aussterben bedrohte Auerhuhn.“
Als ob die Habitate des scheuen Auerhuhns nicht ausgerechnet dieselben Kuppen und Bergrücken umfassen würden wie sie jetzt die Windenergieplaner ins Auge gefasst haben, wo doch im windärmsten Bundesland der Republik bestenfalls hier oben ausreichende Windhöffigkeit zu erhoffen ist. „Nach der neuen Planungsgrundlage“, so wird jetzt verkündet, „spielt der Auerhuhnschutz auf 15 000 Hektar Windpotenzialfläche im Schwarzwald künftig keine Rolle mehr.“ Es dürfte sich dabei vorwiegend um jene Flächen handeln, auf denen aktuell kein Auerwild mehr nachgewiesen werden kann, die bislang jedoch als potenzieller Lebensraum für eine Wiederbesiedelung reserviert geblieben waren – mithin für den optimistischen Erfolgsfall all der Schutzbemühungen, wie sie spätestens seit der Jahrtausendwende der regierungsamtliche Aktionsplan Auerhuhn vorsieht.
Der neuen Planungsgrundlage ist ein umfangreiches Kartenmaterial beigefügt, in dem die Auerhuhnlebensräume als Ausschlussempfehlung dunkelblau eingefärbt sind. Hinzu kommen hellblaue Korridore für den Populationsverbund zwischen den bereits stark verinselten Habitaten. Auch für die Verbindungskorridore gilt eine Ausschlussempfehlung, hatten die Schwarzwälder Auerhuhnexperten doch schon früh auf deren Unverzichtbarkeit hingewiesen2: „Ein in jüngster Zeit zunehmender Flächenbedarf entsteht durch den Bau von Windkraftanlagen. Gerade für wandernde Jungauerhühner, die für den Austausch zwischen den Teilpopulationen im Schwarzwald besonders wichtig sind, könnten Windräder sehr problematisch werden.“
Dass bereits heute etliche einst nutzbare Trittsteine und Korridore durch Windenergieanlagen entwertet, wenn nicht gar versperrt sind, ist längst kein Geheimnis mehr. Vor allem trifft dies für den erforderlichen Gen-Austausch zwischen der mittel- und der nordschwarzwälder Teilpopulation zu, so etwa für den bereits mit Windrädern besetzten Höhenzug östlich von Hornberg. Umso kurioser erscheinen etliche der nun angebotenen, oft recht gewundenen Korridore, die das Lernvermögen und den Orientierungssinn der jungen Auerhühner, so sie noch wandern wollen, fraglos auf eine harte Probe stellen werden.
Ocker eingefärbt sind auf den Karten „Restriktionen“, wobei einstweilen offen bleibt, was genau mit ihnen bezweckt werden soll. Ob sie für den Suchlauf des Forstministers wohl eher förderlich oder hinderlich sein werden? Mit seiner Task Force hat er laut Koalitionsvertrag allein im baden-württembergischen Staatswald Platz für 1000 Windräder ausfindig zu machen. Oder sollten beim Betrieb der Anlagen womöglich Einschränkungen zugunsten der Auerhühner zu erwarten sein? Was eingefleischte Artenschützer indes befürchten, ist, dass unter dem Primat des Klimaschutzes und durch die Zwänge der Energiewende der Bestand ohnehin nicht mehr zu retten sein wird, dass staatlicherseits in Wahrheit Krokodilstränen vergossen werden, ja, dass das Auerhuhn faktisch längst als „vogelfrei“ gilt – Planungsgrundlage und gesetzlicher Schutz hin oder her.
Im Schwarzwald mit der Lupe gesucht: Blick vom Aussichtsberg Kandel
Einen Vorgeschmack auf das, was dem Schwarzwald nächstens blüht, lieferte jüngst der Schwarzwälder Bote (vom 9. September 2022) in seinem Bericht über den Besuch des Ministerpräsidenten im Kinzigtal unter der Schlagzeile: „Kretschmann: Müssen Windräder im Schwarzwald mit Lupe suchen“. Zitiert wird der offenbar reichlich genervte Regierungschef mit den Sätzen: „Wir brauchen Windräder ohne Ende. Denn wo gibt es denn Windräder im Schwarzwald? Die muss man mit der Lupe suchen.“ Woraufhin die mitgereiste Umweltministerin auf Nachfrage noch eins obendrauf gesetzt hat: „Wenn wir klimaneutral werden wollen, werden es dann mehr als 1000 Windräder sein. Sogar doppelt so viele.“ Klar, dass dann auch der Auerhuhnschutz noch sein Fett abbekommt als maßgeblicher Verzögerungsgrund der Energiewende. Kretschmann: „Es ist ein rein konstruierter Zusammenhang, wenn Windräder nicht entstehen, weil das zu einem Rückgang der Auerhühner führen würde. Die Zahl der Auerhühner ist bereits gesunken, als es noch gar keine Windräder gab.“ Wohl wahr – und doch könnte ihnen exzessiver Bau von Windenergieanlagen in Kürze den letzten Rest gegeben haben.
1 Vergl. Hockenjos, W.: Von Hühnern lernen. Was ein Forschungsprojekt aussagt über die Auswirkungen von Windenergieanlagen auf Auerhühner. ÖKOJAGD 2 – 2020
2Bergmann, H., Klaus, S., Suchant R.: Auerhühner. G. Braun-Buchverl., Karlsruhe 2003
In der deutschen Landschaft fehlt die Wildnis. (Aldo Leopold: A Sound County Almanac. 1949)
Unter der Überschrift „Alles andere als Urwald“ erschien in der Zeitschrift Der Schwarzwald 3/2022, dem Organ des Schwarzwaldvereins, ein Beitrag von Peter Grassmann (1), einem der Kuratoren der sehenswerten Ausstellung KULT(UR)WALD im Villinger Franziskaner Museum. Sie ist der Besiedelung des Schwarzwalds gewidmet und räumt mit der laienhaften Vorstellung auf, wonach das „siedlungsunfreundliche“ Waldgebirge bis zu den Klostergründungen ein undurchdringlicher Urwald gewesen sei, allenfalls „ein Kult(ur)wald eben“, wie Grassmanns Beitrag schließt. Was man sich wohl konkret unter einem solchen vorzustellen hat?
Wie finster und unwegsam war der Schwarzwald?
So ganz wird dieses Rätsel auch in dem hübsch gestalteten und reich bebilderten Ausstellungskatalog nicht aufgelöst. Schon in prähistorischer Zeit, so verrät bereits in seinem Grußwort der Chef des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart Dr. G. Wieland, sei der Schwarzwald kein undurchdringlicher und menschenleerer „Urwald“ mehr gewesen. „Dass der Jäger des Mesolithikums durch den hohen Schwarzwald streifen konnte,“ so wird als Gewährsmann der Freiburger Geologe Max Pfannenstiel aus dem Jahr 1964 zitiert, „war nur möglich, wenn kein undurchdringlicher Urwald bestand, sondern ein lichterer Forst ein Eindringen bis zu den höchsten Kämmen und Gipfeln zuließ.“ Ab dem Ende der Jungsteinzeit (ab dem 4. Jahrtausend v. Chr.), erfährt der Leser, habe nämlich nicht nur die Rotbuche zur Weißtanne aufgeschlossen, es habe auch eine „lokale Rückkehr von Haselsträuchern und Birken“ gegeben. Zugleich hätten Pollen von Gräsern und Kräutern zugenommen, die in der Naturlandschaft dieser Zeit eigentlich fehlen, sogar Getreidekörner und Holzkohlestücke hätten eindeutig auf die frühe Anwesenheit von Menschen hingewiesen.
Das Bild des düsteren, wilden Schwarzwalds, der sich wie ein Riegel zwischen die Zentren der Zivilisation im Osten und Westen schob, der noch im Mittelalter als silva nigra bezeichnet worden war, müsse zurechtgerückt werden: Nichts als ein Trugbild demnach, das selbst der Märchenerzähler Wilhelm Hauff im Kalten Herz noch verbreitet habe (Dein ist all Land, wo Tannen stehen…). In Wahrheit sei der Schwarzwald „schon lange ein von Menschenhand geschaffener Wald.“ Den „Urwald“ habe der Mensch sich, seit er sesshaft zu werden begann, zu eigen gemacht, für seine Zwecke genutzt und stetig geändert, mithin „ganz nach Bedarf gerodet und wieder aufgeforstet“. Aber war es tatsächlich so?
Kohlplätze und im Boden erhaltene Kohlereste liefern der Wissenschaft Nachweise über den Wald und die jeweils vorherrschenden Baumarten in den zurückliegenden Jahrhunderten
Bei allem Nutzen, den der Wald den Siedlern versprach: Glich deren Geschichte über Jahrtausende hinweg nicht immer auch einem Kampf, einem erbittertem Ringen, um den Wald daran zu hindern, sein Terrain zurückzuerobern, sobald die Landwirtschaft wieder einmal durch Klimaungunst lahmte oder die Feldflur durch Abwanderung und kriegerische Auseinandersetzungen ein paar Jahre lang brach liegen blieb?
Und ist nicht das „Aufforsten“, von dem im Katalog die Rede ist, eine ganz und gar neuzeitliche Praxis, auch wenn schon die Römer den Waldhüterberuf (saltuarius) eingeführt haben – spätestens seit der Entwaldung des Mittelmeerraumes? Dass der Schwarzwald (silva marciana) derweil noch immer (oder schon wieder?) dicht bewaldet war und dass es sich dabei um einen Mischwald aus Nadel- und unterschiedlichen Laubbaumarten gehandelt hatte, um die für den Schwarzwald so charakteristische Bergmischwaldgesellschaft also, beweisen nicht nur die Pollenprofile. Auch die Peutingersche Tafel (Tabula Peutingeriana), die auf einer Straßenkarte aus spätrömischer Zeit basiert, zeigt den Schwarzwald als durchgehend mit Nadel- und Laubbaumarten bestockte Girlande.
Silva marciana (Schwarzwald) auf der Tabula Peutingeriana (Peutingersche Tafel). Der Kleckes in der Mitte unten ist der Bodensee. (https://tp-online.ku.de/)
Weil jedoch Bergmischwald auch im Urzustand nicht mit einem „undurchdringlichen Dschungel“ gleichzusetzen ist (wie noch 2021 eine im Katalog zitierte Quelle meint), kann er wohl nur in Verbindung mit der Topographie, mit den felsdurchsetzten Steilhalden des rhenanischen Schwarzwalds als undurchdringlich eingeschätzt worden sein. Weshalb er auch, wie im Katalog beschrieben, „zu keinem Zeitpunkt großräumig umgangen“, sondern auf uralten Handelsrouten durchs Kinzigtal und über den Thurnerpass durchquert worden ist. Als ob es da unterwegs nicht auch Herbergen, Hufschmiede und auch schon Höfe zum Pferdewechseln gegeben haben dürfte.
Wälder der Bergmischwaldgesellschaft, die nun einmal überwiegend aus Schatten ertragenden Buchen und Weißtannen bestehen, sind jedenfalls bis in die allerjüngste Neuzeit, niemals durch Aufforstung entstanden, sondern nach Rodungen oder Kahlschlag stets durch natürliche Sukzessionsvorgänge: Wie nach jeder Alterungs- und Zusammenbruchsphase des Urwalds folgt auch nach Rodungen (nach dem sog. „Mosaik-Zyklus-Modell“) das Pioniergehölz (wie Hasel, Birke, Eberesche und Aspe), unter welchem sich dann auch wieder Tannen und Buchen einfinden, soweit die nicht ohnehin unterm Altholzschirm als Naturverjüngung überlebt hatten. Was an diesem natürlichen Prozess des Waldökosystems kann da als „Kulturwald“ (von lateinisch colere = bebauen), gar als „Forst“ interpretiert werden?
Im Wald des Hansenhof
Echter europäischer Urwald der Bergmischwaldstufe findet sich in nennenswerter Flächengröße nur noch in den Karpaten, doch selbst dort ist er zumeist nicht gänzlich unbeeinflusst vom Menschen geblieben – und sei es auch nur durch gelegentliche Beweidung. Im Schwarzwald mögen es immerhin noch ein paar wenige Nischen sein, die sich aufgrund ihrer Steilheit und Abgelegenheit nicht allzu weit vom Urwald entfernt haben. So etwa im glazial geformten Kessel des Zweribachs, im ältesten Bannwald Badens, wo es in den felsigsten Partien nachweislich bei einem einmaligen Kahlschlag ums Jahr 1582 durch alpenländische Spezialisten geblieben ist, angeordnet vom Abt von St. Peter zur Versorgung des Simonswälder Eisenwerks.
Wildnis im Bannwald Zweribach
Vom Karpatenurwald ist der Wald hier inzwischen kaum mehr zu unterscheiden. Um den Waldfreunden zumindest doch einen „Urwald aus zweiter Hand“ bieten zu können, war hier 1952 auf Betreiben des Schwarzwaldvereins der erste Bannwald Badens entstanden, das erste Totalreservat, in dem sich die Waldvegetation ungestört nach der ihr innewohnenden Eigengesetzlichkeit entwickeln kann.“ Die Bannwälder sollten „all den Freunden der Natur offen stehen, die Freude an der ungezähmten Waldwildnis und Interesse für den mitteleuropäischen Urwald haben.“
Schon 1912 waren die Württemberger auf Initiative des Forstprofessors Christoph Wagner auf dieselbe Idee verfallen, zumal man sich von ihr auch wissenschaftlichen Gewinn versprach und Beantwortung von Fragen zur künftigen praktischen Waldbehandlung. „Urwald von morgen“ lautet der Titel eines zum Europäischen Naturschutzjahr 1970 erschienenen Buchs der Landesforstverwaltung, in welchem insgesamt 40 Bannwaldgebiete vorgestellt werden, noch ehe diese im neuen Landeswaldgesetz von 1976 dann auch eine Rechtsgrundlage erhalten hatten.
Im Bannwald, dem „Urwald von morgen“
Die Ausstellung im Villinger Franziskaner Museum (die noch bis zum 16. Oktober 2022 besucht werden kann) fällt in eine Zeit, in der nicht nur infolge des Klimawandels, sondern auch des Artenschwunds die Auseinandersetzungen zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft an Schärfe zugenommen haben. Dabei geht es nicht zuletzt um die Forderung nach weiteren Flächenstilllegungen, nachdem die schon 2007 von der Bundesregierung beschlossene Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt ihr bis 2020 angestrebtes Ziel von fünf Prozent unbewirtschafteter Waldwildnis weit verfehlt hat. Umso heftiger wird der Forstwirtschaft unterdessen vorgeworfen, dass sie aus Gründen der Gewinnmaximierung noch immer vorwiegend reine Nadelholzforste bevorzuge und nach der Holzernte bzw. nach Sturm, Trockenheit und Käferfraß nach wie vor Nadelholzkulturen pflanze anstatt den Wald nach dem Vorbild der Naturwälder naturnah/naturgemäß als Dauerwald zu bewirtschaften, um so den Anforderungen der Zukunft besser gerecht werden zu können.
Insoweit darf der Villinger KULT(UR)WALD-Ausstellung wohl auch eine zusätzliche waldpädagogische Aufgabe aufgebürdet werden. Wie wäre es mit der Botschaft: der Schwarzwald der Zukunft möge sich, wenn schon nicht zum URWALD, so doch bitte auch nicht zum einseitig von der Holznutzung diktierten KULTURWALD hin entwickeln.
1 Graßmann, P. / Ade D. / Rademacher, L (Hrsg.): KULTURWALD Die Besiedlung des Schwarzwalds. Verl. der Stadt Villingen-Schwenningen
2 Hockenjos, W.: Wo Wildnis entsteht. Der Bannwald Zweribach im Schwarzwald. Lauinger Verl. Karlsruhe, 2015
Anfangs war es der alpine Skilauf, der es mir angetan hatte. Geübt wurden die Parallelschwünge der Arlbergschule in der noch liftlosen Winterlandschaft. Zuvor hatte sich der väterliche Lehrmeister noch bemüht, uns altbackene Christianiaschwünge beizubringen. Wo hatte er die bloß her? Die Slalomstangen aus Haselnuss steckten wir je nach Schneelage und Trainingsfortschritt in den St. Märgener Klosterbuckel, den Farnbühl oder den Meierhofberg. Und natürlich nahm ich bald auch an Rennen teil, sei es bei Clubmeisterschaften, beim so gefürchteten heimischen Abfahrtslauf auf engster Waldschneise nach Wildgutach hinab, beim Torlauf am berühmt-berüchtigten Kandel-Nordhang oder zum Ausklang im Sulz des Frühjahrsschnees beim Rudi-Cranz-Gedächtnisrennen im Zastlerloch. Die Erfolge hielten sich freilich in Grenzen, und auch Sturzverletzungen blieben nicht aus ohne Sicherheitsbindung und auf den mehr schlecht als recht präparierten Wettkampfpisten: Zerrungen, auch ein gebrochenes Bein beim Vöhrenbacher Kandelblick-Abfahrtsrennen, was sich dann prompt auch im Schulzeugnis niederschlug. Kein Wunder, dass ich mich bald mehr und mehr vom alpinen Sport abwandte und ins Lager der Nordischen überwechselte, wo andere Qualitäten gefragt waren. Die gezackte Alpenkette, wie sie sich uns von Kindesbeinen an vom Schwarzwald aus präsentierte, blieb dennoch ein fernes Sehnsuchtsziel.
Sehnsuchtsziel Alpenkette
Die erste leibhaftige Begegnung mit alpiner Topographie fand erst im Sommer 1956 statt, nachdem ich bis dahin in den Schulferien den Schwarzwald und dann die Mittelgebirge rundum mit Brüdern und Vater abzuwandern hatte. Nun also war der alemannische Bregenzerwald dran mit Kanisfluh und Hochkünzelspitze. Der alpinistische Appetit wurde dort geweckt, verbunden aber auch mit dem Respekt des Mittelgebirglers vor allzu ausgesetzten Felspartien. Doch die Fitness des Skilangläufers verlangte nach anspruchsvolleren Touren. Logisch, dass ich mich da nach Schulabschluss und Musterung zur Gebirgstruppe meldete. In der Mittenwalder Jägerkaserne hatte sich zur Grundausbildung eine muntere Truppe eingefunden, die allesamt anscheinend der Berg gerufen zu hatte: die Aussicht auf alpinen Lustgewinn – wenn schon nicht im Dienst, so doch an den Wochenenden, an welchen man sich nach Kräften austoben konnte, ob im Karwendel, im Wettersteingebirge oder auch jenseits des Inns bis hinauf aufs Stubaier Zuckerhütl. Die erhofften dienstlichen Kletterlektionen „mit Seil und Haken, den Tod im Nacken“ (wie es das Marschlied der Gebirgsjäger versprach), hielten sich eher in Grenzen – von gelegentlichem Abseilübungen abgesehen.
Noch heftiger packte mich die Lust auf Hochtouren in der nachfolgenden Freiburger Studienzeit. Schuld daran hatte vor allem Wolfdieter M., seines Zeichens Assistent im forstzoologischen Institut, der sich sogar schon einen flotten fahrbaren Untersatz leisten konnte und sich bereits einen Ruf als bergerfahrener „Westalpengeher“ erworben hatte. Womöglich hätte ich vor ihm und seinen Eigenheiten gewarnt sein müssen. Erzählte man sich doch unter den Kommilitonen, dass er eines Morgens strahlend in den Hörsaal gestürmt sei und dabei ausgerufen habe: „Sind alle tot, sind alle tot!“ Des Rätsels Lösung: Eigentlich hatte Wolfdieter gehofft, zur Teilnahme an einer Freiburger Himalaya-Expedition eingeladen zu werden, was aber aus undurchsichtigen Gründen dann doch nicht geklappt hatte. Just an diesem Morgen hatte ihn die Meldung erreicht, dass sämtliche Teilnehmer der Expedition Opfer eines Lawinenabgangs geworden waren. Man wird sich doch wohl freuen dürfen, dass es einen nicht selbst erwischt hat!
Was mich freilich nicht daran gehindert hat, mich immer wieder einmal als Beifahrer in Wolfdieters Renner zu setzen, um dank seiner in die Westalpen, vorzugsweise nach Hochsavoyen zu düsen. Davon konnte mich auch seine Gewohnheit nicht abhalten, nach vollbrachter Tour in französischen Restaurants feudal zu dinieren, während ich armer Studentenschlucker derweil mit der restlichen Rucksackverpflegung und bestenfalls einem Panaché (Radler) an der Theke Vorlieb nehmen musste. Nicht einmal seine Bemerkung, gefallen irgendwo bei einer Rast am Berg, hatte mich erschüttern können, er habe stets ein Sackmesser dabei, um im Falle eines durch Steinschlag schwerverletzten Partners das Seil kappen und sich in Sicherheit bringen zu können.
Annäherung an den Mont Blanc
Zur denkwürdigsten Tour mit Wolfdieter (sowie einem Freiburger Alpinistenpaar) starteten wir an einem frühen Samstagmorgen nach Chamonix, um von dort mit der Aiguille du Midi-Seilbahn noch die Mittelstation zu erreichen; von hier aus stiegen wir per Ski zur heillos überfüllten Grand Mulet-Hütte auf. Nach einer kurzen Nacht (wegen des vollbelegten Matratzenlagers auf Tischen schlafend) ging es weiter über den Bossons-Gletscher bis zur Valot-Hütte auf 4322 m Höhe hinauf, sodann weiter mit Steigeisen und Skistöcken auf ausgetretener Spur in Richtung Montblancgipfel. Weil ich keinerlei Probleme mit Höhe und Kondition verspürte, stieg ich allein weit voraus. Doch auf halbem Weg zum Gipfel des Monarchen glaubte ich plötzlich zu halluzinieren: Aus dem Eis starrte mich plötzlich ein Affe an! Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, war Monate zuvor ein Flugzeug des arabischen Potentaten Ibn Saud am Gipfel zerschellt; aus ihm stammte das Äffchen, das die französischen und italienischen Bergsteiger beim Einsammeln der über den Gipfelhang verstreuten Wertgegenstände offenbar verschmäht und liegengelassen hatten. Die Ausschüttung der Glückshormone auf Europas Dach ist trotz des Schockerlebnisses nicht ausgeblieben, doch rasch wurde es wieder Zeit für den Abstieg, alsdann zu einer ebenso spaltenreichen wie schier endlosen Gletscherabfahrt wieder hinunter zur Seilbahnstation, schließlich zur beschleunigten Heimfahrt in Wolfdieters rasantem Zweisitzer. Schließlich wollte ich am Montagmorgen ja die Vorlesungen nicht versäumen.
Das Hochgebirge lockte auch nach dem Studienabschluss unvermindert weiter. Jetzt zog es den Referendar jedoch vermehrt in die Ostalpen, denn schon der Gebirgsjäger hatte in Mittenwald seine spätere Frau und Mutter seiner beiden Töchter gefunden. Der Abschluss der Hochzeitsfeierlichkeiten fand – neigungsgemäß – hoch oben auf einer Ötztaler Jaghütte statt.
Beim Langlauf auf dem Thurner, wo ich seit 1972 dem Förderverein des Langlaufzentrums vorstand, freundete ich mich mit dem bergsteigerisch noch höchst agilen bayerischen Orthopäden Michl K. an, der mich zu gemeinsamen Bergtouren im Wallis und in den Dolomiten animierte. Michl bildete zusammen mit seinem Bruder Peter eine exzellente Seilschaft, die mit mir als Anhängsel im steileren Fels die Fähigkeiten des Mittelgebirglers oft glatt überforderte. Nicht hingegen, wenn es per Ski hinauf gehen sollte: Da konnte der Schwarzwälder Kraft und Ausdauer ausspielen, und bergab war auf die früh erlernten Parallelschwünge noch immer Verlass. Kritisch wurde es in den Dolomiten, wo ich klettertechnisch vollends an meine Grenzen stieß. Unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist mir der Aufstieg über den Nordgrat auf den Paternkofel, den Nachbarn der Drei Zinnen: „Es führt da ja fast eine Autobahn hinauf!“, ermunterte mich Michl in seiner (unter Alpinisten nicht unüblichen) Art der Untertreibung. Und so stieg ich tapfer hinter den Brüdern in einen steilen gewundenen Tunnel aus dem Ersten Weltkrieg, um aus einem seiner Fenster in die Wand einzusteigen – schwindelig hoch über der Drei Zinnen-Hütte. Als Letzter in der Seilschaft fiel da mein Blick plötzlich durch die Beine auf die Hüttengäste hinunter, die uns mit Ferngläsern verfolgten, als warteten sie nur darauf, bis einer den Halt verliert. Dies war der Moment, in dem ich mir schon mal die Negativschlagzeile in der BILD ausmalte, die überm Bericht stehen würde von der Selbstüberschätzung eines allzu ungeübten Schwarzwälder Bergtouristen.
Kurz vor Antritt meiner beruflichen Lebensstellung als Villinger Forstamtsleiter war es der Hinterzartener Gastronom Karlheinz Z., der mich (weil die beruflichen und familiären Anforderungen mir derlei Eskapaden künftig ja eh nicht mehr erlauben würden) nicht nur zu einer Alaskareise überredete, sondern obendrein zu einer Trekkingtour in den Himalaya. Ziel war das Annapurna-Gebiet, nein, nicht hinauf auf den Achttausender, sondern nur bis zum Basecamp auf vergleichsweise bescheidener Meeereshöhe von 4300 m., auch in Demut vorbei an der so unfassbar gewaltigen Pyramide des die 7000 m knapp verfehlenden Machapuchare, des nepalesischen Götterbergs mit seinem charakteristischen Fischschwanz-Doppelgipfel. Stiegen wir zunächst durch prachtvoll blühende Rhododendron-Wälder und dies, dank Sherpas und Portern, auf denkbar leichtfüßige und komfortable Art und Weise, so wurden wir bald von einem heftigen Wintereinbruch überrascht, in dessen Folge die Lawinen vor und hinter uns nur so herabrauschten. Am Basecamp oben eingetroffen und nach einer Nacht im dick verschneiten Zelt fand ich beim Early Morning Tea, überreicht vom sichtlich besorgten Sherpa, eben noch Zeit, mich meines runden 40. Geburtstags zu erinnern, ehe wir wieder talauswärts hasteten. Die Nachfeier fand schließlich außerhalb der Schnee- und Lawinenzone statt – im dankbaren Gefühl eines mir geschenkten zweiten Geburtstags.
Allmählich sollten die Besuche des Hochgebirges nun in der Tat seltener und bescheidener werden. Doch zumindest der nächstgelegene Zweitausender musste unbedingt noch gefunden und bestiegen werden. Doch als ich den Mutteristock (2294 m NN) hoch überm Wägitalersee (Luftlinie kaum hundert Kilometer entfernt) im fortgeschrittenen Ruhestand ein zweites Mal erklimmen wollte, musste zuoberst der Gipfelsturm ersatzlos ausfallen: Im messerscharfen Karstgestein schien mir das Klettern eingedenk der täglich einzunehmenden Blutverdünnerpillen denn doch ein bisschen gar zu riskant zu sein. Die Vernunft hatte gesiegt.
Seitdem sind es in den Alpen gelegentliche, seniorengemäß moderate Wanderungen, die mich noch immer reizen können. Doch umso sehnlicher warte ich zuhause auf die nächste Föhnwetterlage. Denn dann zeigt sich vom Wohnzimmerfenster aus wieder ein Stück weit die Kette, von den Viertausendern des Berner Oberlands bis zu den Glarner Zacken. Jetzt aber rasch her mit dem Fernglas, rasch das Teleobjektiv aufgeschraubt! Hat da etwa Giovanni Segantini, der Engadiner Maler, in die Farbtöpfe gegriffen?
Dass Weißtannen-Nachwuchs durch Wildverbiss existenziell gefährdet sein kann, wissen Förster und Waldbesitzer nicht erst seit der Tanne im galoppierenden Klimawandel eine tragende Rolle als Ersatz für die durch Trockenstress, Borkenkäfer und Stürme noch stärker gefährdete Fichte zuerkannt wird. Schon in den allerältesten forstlichen Lehrbüchern wird nachdrücklich vor dem verderblichen Einfluss von zu allzu vielen Rehen gewarnt. Bereits einer der ersten Heidelberger Lehrstuhlinhaber für Forstwissenschaft, C. F. von Sponeck, hat im Jahr 1817 unmissverständlich darauf hingewiesen, es sei „gar nicht zu berechnen, wie schädlich nur eine Rehfamilie in einem Jahr dem vollsamen Anflug dieser Holzart werden kann.“ Und 1833 schrieb der Forstwissenschaftler C. P. Laurop, Mitglied der obersten Forstbehörde in Baden, in seinem Lehrbuch Grundsätze des Forstschutzes: „Das Rehwild ist das schädlichste für die Waldungen, dessen Daseyn mit der Kultur eines Waldes gar nicht vereinbar ist.“ Oder sollten sie da vielleicht doch ein bisschen übertrieben haben? Als ob wir Bambi in unseren Wäldern kein Bleiberecht einräumen würden!
Kulturfolger und Krisengewinner Reh
Rehe sind wählerische „Konzentratselektierer“, lernt der Forststudent schon im ersten Semester. Sie weiden nicht quer durch die Bodenflora, sondern suchen sich die Leckerbissen heraus. Und doch bedarf es für Unsereinen mitunter erst besonderer Schlüsselerlebnisse, um ihre Wirkung auf das Ökosystem Wald ganz erfassen zu können. Zu einem solchen verhalf dem Autor einst ein ganz und gar unweidmännisches Missgeschick beim „Aufbrechen“ eines erlegten Rehs: Er hatte das Schmalreh von der Ansitzleiter herab schon eine ganze Weile beobachtet, wie es gemächlich äsend durch ein Tannenaltholz herbei zog. Nach dem Schuss hatte er ihm versehentlich den prall gefüllten Pansen aufgeschärft – und siehe da: in der spinatgrünen Bescherung quollen ihm lauter Tannensternchen (Keimlinge) entgegen!
Weißtannen-Keimlinge („Sternchen“)
Dies, wohlgemerkt, zu einer Jahreszeit, in der es noch reichlich sonstige Grünäsung gab, ob Brombeerranken oder Hasenlattich. Ein für alle Mal hat er seitdem den selektierenden Einfluss des Rehwilds gespeichert und verinnerlicht. Merke: Weißtannenverbiss findet auch bereits beim ersten Aufkeimen des Samens statt, selbst wenn er in den forstlichen Verbissgutachten, der Richtschnur für den Abschuss, noch keinerlei Erwähnung findet – nachweisbar ist er allenfalls mit Hilfe von Kontrollzäunen! Denen sollte er fortan seine besondere Aufmerksamkeit schenken.
Kontrollzaun nach 10 Jahren Standzeit
Wer auf Tannennachwuchs setzt, neigte schon immer dazu, auf Nummer Sicher zu gehen: Vorsorglich schützte er ihn, indem er alljährlich im Herbst die Gipfelknospen jeweils mit einer Flocke ungewaschener Schafwolle umwickelte. Neuerdings verwendet man dazu eher bunte Kunststoffklammern oder auch chemische Verbissschutzmittel, sofern man die Tännchen nicht sogar in Drahthosen steckte oder gleich hektarweise einzäunte. Am liebsten würde man die Tännchen gar, nicht anders als Laubbaumkulturen und Douglasienpflanzungen, in jene hässlichen Polypropylen-Wuchsstoffhüllen verpacken, wo immer man glaubt, den Faktor Wildverbiss nicht anders mehr in den Griff zu bekommen. Doch hiervon wird einstweilen (gottlob!) noch abgeraten.
Heillos verbissene Jungtanne
Rehwild zählt zweifellos zu den Gewinnern der Klimakrise. Mit den milder und schneeärmer werdenden Wintern verliert der wichtigste natürliche Regulator von Pflanzenfressern zusehends an Wirksamkeit. Und ob ihre natürlichen Fressfeinde, Luchs und Wolf, jemals wieder zum Zug kommen werden, steht noch in den Sternen. Zugleich verbessert sich das Äsungsangebot auf den Schadflächen, welche Borkenkäfer und Stürme hinterlassen haben; Himbeere, Weidenröschen und vielerlei krautige Pflanzen gedeihen üppigst in der Schlagflora, begünstigt überdies durch den viel zu hohen Stickstoffeintrag aus Verkehr und Landwirtschaft. Und in den gepflanzten Kulturen und Dickungen entstehen fürs Wild neue „Einstände“ mit reichlich Deckungsschutz – Lebensraumverbesserungen, die zuverlässig zu erhöhter Reproduktivität führen, wie sich schon nach den Orkanschäden ausgangs des vorigen Jahrhunderts gezeigt hat. Von Artenschwund, gar von Ausrottung kann beim Kulturfolger Reh wahrlich keine Rede sein.
Umso mehr kommt es jetzt darauf an, beim Waldumbau hin zu zukunftsfähigen strukturierten, stabilen und zu CO2 speichernden Mischwäldern mit reichlichen Tannenanteilen zu klotzen anstatt zu kleckern. Denn je spärlicher der Tannennachwuchs, desto schwieriger ist das Verbissschutzproblem zu lösen. Ziel muss es sein, den „vollsamen Anflug“ der Tanne (C. F. von Sponeck) auf größtmöglicher Fläche bei intensivierter Rehwildregulierung sicherzustellen, sodass alsbald der Kipp- und Wendepunkt erreicht wird, ab dem das Angebot an Leckerbissen die Nachfrage übersteigt.
Kontrollzaun nach 10 Jahren Standzeit
Derselbe Kontrollzaun nach 20 Jahren
Kontrollzaun nach 30 Jahren
Waldumbau mit Weißtanne vollends gelungen – nach 37 Jahren!
Hier soll es ausnahmsweise einmal nicht um Sergei Prokofjews Musikmärchen gehen, so wenig das Märchenhafte ganz außer Betracht bleiben soll. Für Wolf! – diese Widmung fand ich zu meiner Überraschung mit Datum vom 18. 5. 22 auf der Innenseite des Buchcovers, dazu ein genialisch-schwungvoller Schriftzug: unzweifelhaft das Autogramm des Autors Peter Wohlleben. Ihn hatte die Villinger Sparkasse unlängst zu einer Vortragsveranstaltung in die Tonhalle eingeladen. Immerhin 600 Besucher waren der Einladung gefolgt – ferngeblieben waren ausnahmslos die Forstbediensteten. Denn von den Grünröcken wird Peter Wohlleben inzwischen gemieden als sei er der Gottseibeiuns höchst selbst. Für Furore sorgt derzeit vor allem sein 2021 erschienenen Buch DER LANGE ATEM DER BÄUME mit dem Untertitel Wie die Bäume lernen, mit dem Klimawandel umzugehen – und warum der Wald uns retten wird, wenn wir es zulassen. Die persönliche Widmung mag den Verdacht nahelegen, dass der Wolf sich den Boykott der Berufskollegen versagt haben könnte. Doch weit gefehlt: Es war nachweislich ein ehemaliger Kunde aus seiner Villinger Forstamtsleiterzeit (1980-2004), ein Schwarzwälder Sägewerker und Sportsfreund, der sich den Scherz erlaubt und das Buch samt Widmung für mich erstanden hatte. Im Geplauder mit dem gefeierten SPIEGEL Bestseller-Autor hatte er auch auf meine Veröffentlichungen rund um forstlich-naturschützerische Themen verwiesen, die Peter Wohlleben offenbar nicht ganz unbekannt geblieben waren.
Unverhoffte Widmung
Nun also lag sein Buch ein paar Wochen lang als Einschlaflektüre auf meinem Nachttisch. Zu Vergleichszwecken hatte ich dann doch auch noch seinen 2015 erschienenen, sage und schreibe fünf Millionen (!) mal verkauften Bestseller DAS GEHEIME LEBEN DER BÄUME aus dem Bücherschrank hervorgeholt – wie auch den ihm 2016 nachfolgenden Bildband desselben Titels, illustriert mit exquisiten Baum- und Waldfotos, die von einer Vielzahl namhafter Fotografen und Agenturen aus aller Welt beigesteuert worden waren. Es war wohl vor allem die neuartige Herangehensweise an sein Thema, seine stark vermenschlichende, gar zur Esoterik neigende Schreibe, die Peter Wohlleben zum mit Abstand bekanntesten Förster der Republik, zum „Waldflüsterer“ schlechthin, gemacht haben. Der mit dem Wald spricht – Unterwegs mit Peter Wohlleben, so lautete schließlich auch die TV-Serie, die der SWR 2018 in sechs Folgen ausgestrahlt hat: der Autor jeweils auf zweitägiger Exkursion mit Prominenten in verschiedene Waldgebiete Südwestdeutschlands. Vollends verpasst habe ich den 2020 präsentierten Dokumentarfilm Das geheime Leben der Bäume, und auch das am Kiosk erhältliche, im GEO-Verlag erscheinende Magazin Wohllebens Welt habe ich mir erspart, so intensiv ich das Phänomen Wohlleben ansonsten zu verfolgen bemüht war. Habe doch auch ich mich weit über mein Berufsleben hinaus mit forstlicher Öffentlichkeitsarbeit befasst.
Wer weiß, dass Bäume Schmerz empfinden und ein Gedächtnis haben und dass Baumeltern mit ihren Kindern zusammenleben, so liest es sich schon im Eingangskapitel des „Sachbuchs“, der kann sie nicht mehr so einfach fällen und mit Großmaschinen zwischen ihnen herumwüten. Starker Toback für einen studierten Förster wie für die gesamte Forstpartie! Auch wenn er dann relativierend fortfährt: Ein gesunder, vielleicht sogar ein glücklicher Wald ist wesentlich produktiver und das bedeutet zugleich höhere Einnahmen. Produktivität, Einnahmen – erzielt halt wohl doch vorwiegend durch Holzerntemaßnahmen, möchte man einwerfen. Glückliche Kühe mögen zwar mehr Milch geben, doch wie hat man sich bloß den nicht nur gesunden, sondern auch glücklichen Wirtschaftswald vorzustellen? Als einen, wo Baumbabys gestillt werden und wo beim Buchen-Nachwuchs Gruppenkuscheln erwünscht ist?
Anscheinend will die breite Leserschaft den Wald so präsentiert bekommen, wie sonst wäre das Buch drei Jahre lang (von 2015 bis 2017) auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste gelandet? Bei aller Mäkelei der Kollegen: mehr Werbung für eine ökologisch orientierte und schonende Waldbehandlung geht wohl nicht – als ob die Forstbeamten dem so sensationell erfolgreichen Autor da nicht zu Dank verpflichtet wären anstatt zu Boykott!
Doch inzwischen haben sich die Fronten zwischen Waldwirtschaft und Ökologen weiter verhärtet, und in seinem neuen Werk Der Lange Atem der Bäume zeigt sich der Autor noch um Einiges polarisierender und streitbarer als bisher – auch längst nicht mehr so vermenschlichend und verniedlichend. Und er möchte mit seinem neuen Buch etwas tun gegen den unterm fortschreitenden Klimawandel sich ausbreitenden Fatalismus, auch gegen falschen Aktivismus der „Forstindustrie“ und der Politik. Aus Sorge um das Bauholz der Zukunft werde noch immer dem großflächigen Anbau von Nadelholz, gar von Baumarten mit Migrationshintergrund das Wort geredet: Letztendlich bleibt die Forstwirtschaft so in ihrem traditionellen Plantagensystem mit nur wenigen Baumarten verhaftet.
Fichten-Pleite am Brocken (Harz)
Dabei seien Bäume doch durchaus lern- und anpassungsfähig, sofern sie nicht allzu früh geerntet werden, wie er am Beispiel der Eichen von Ivenack in Mecklenburg-Vorpommern erläutert, die im stolzen Alter von 500 – 1000 Jahren zu den stärksten des Landes zählen. 2020, nach dem dritten Trockensommer, wurde die allerstärkste dieser Stieleichen von einem Forscherteam auf Ihren Gesundheitszustand hin untersucht. Dem Baum gehe es gut, stellten die Wissenschaftler fest, doch zu ihrer Verblüffung fanden sie an ihm auch Blätter und Früchte der Traubeneiche, jener ganz anderen botanischen Art, die trockenere Lagen des Hügellandes besiedelt – jetzt also bereits ein Indiz für die Anpassung an ein verändertes Klima?
Lernfähige Eichen (Ivenack)?
Um sich erfolgreich auf Veränderungen einzustellen, bräuchten Bäume vor allem Zeit und Ruhe, folgert Wohlleben. Je geschlossener und älter der Laubwald, desto besser funktionieren die Kühlung und die CO2-Speicherung. Derlei Forderungen finden ihren Niederschlag sogar bereits im Koalitionsvertrag 2021 – 2025 der Ampel, wo es heißt: „Wir stoppen den Einschlag in alten, naturnahen Buchenwäldern im öffentlichen Besitz.“ Jeder Eingriff in den Wald werfe das Ökosystem zurück, die Forstwirtschaft störe da nur. Denn Menschen könnten keine Wälder schaffen, höchstens Plantagen. Was es brauche, sei das richtige Maß an Demut, aber auch an Optimismus im Bezug auf die Selbstheilungskräfte der Natur. So ist das Buch auch ein Plädoyer für mehr Waldwildnis geworden, deren Anteil nach der Nationalen Biodiversitätsstrategie aus dem Jahr 2007 bis 2020 auf 2 Prozent der deutschen Gesamtfläche hätten ausgeweitet werden sollen; geworden sind es indessen nur 0,6 Prozent.
Ins nämliche Horn stößt in seinem Nachwort zum Buch der Eberswalder Biologieprofessor Pierre Ibisch unter der Überschrift Von Nichtwissen und Vorsicht im Wald. Auch er rät zur Demut in der Waldwirtschaft angesichts all der Unsicherheiten, ob die vermeintlichen Superbäume sich überhaupt in die Ökosysteme integrieren können. Womöglich würden die vielen Pflanzungen den natürlichen Wald noch zusätzlich schwächen. Seit beide, Ibisch wie Wohlleben, an der Eberswalder Hochschule mit GEO-Hilfe ein Studiengang Ökologische Waldbewirtschaftung einzurichten sich bemüht haben, tobt der Streit (ein Griff ins Hornissennest) mit den Waldbauprofessoren der übrigen forstlichen Hochschulen. Die klassische Forstwirtschaft, gießt Wohlleben Öl ins lichterloh flackernde Feuer, ist am Ende einer langen, zerstörerischen Reise angekommen, so deutlich, dass es jeder draußen auf den Kahlschlägen sehen kann.
Wen wundert da noch das Fernbleiben der Forstleute bei Wohllebens Villinger Vortrag? Der hatte schließlich auch noch ein lebhaftes Nachspiel in der örtlichen Presse, die unter der Überschrift Bestseller-Autor attackiert VS-Förster einen ganzseitigen Beitrag brachte. Im Vorfeld seines Vortrags hatte Wohlleben einen Bericht des städtischen Forstamts aufgeschnappt, wonach im Stadtwald künftig vermehrt alte Bäume geerntet werden sollen, um so die Waldverjüngung voranzutreiben. Auf seine Facebook-Seite hatte Wohlleben darüber ein Video gestellt, in welchem er sich den stellvertretenden Forstamtsleiter, der sich so geäußert hatte, zur Brust nahm: Wenn alle Förster ihren Wald so behandeln wird mir Angst und Bange. Für mich klingt das wie die dringende Bitte um Kündigung seitens des Arbeitgebers. Womit der Erfolgsautor fraglos offenbarte, dass er mit der naturnahen Villinger Tannenwirtschaft nicht vertraut ist, wo doch der Stadtwald den Ruf als Musterbetrieb genießt und Ziel zahlreicher Fachexkursionen ist. Entsprechend geharnischt fielen dann auch die Leserbriefe aus. Der geprügelte Stadtförster reagierte erstaunlich gelassen auf die Schelte: „Er hat anfänglich für den Wald viel Gutes gemacht. Aber irgendwann ist er aus meiner Sicht zum Märchenerzähler geworden.“
Da verabreden sich zwei Brüder, Mediziner der eine, Forstmann der andere, beide längst im verdienten Ruhestand, zur alljährlichen „Altherrentour“, wie sie (anfangs noch mit dem Alter kokettierend) diese Unternehmung zu bezeichnen sich angewöhnt haben. Und die Spielregel will es seit Jahrzehnten so, dass dabei im Wechsel jeweils einer den andern mit einem noch unbekannten Wanderziel zu überraschen hat. Inzwischen sind sie beide zu ergrauten „älteren Herren“ geworden, und die Touren, die einst noch vorwiegend ins Alpine geführt hatten, sind zunehmend moderater und seniorengemäßer geworden. Diesmal war der Verfasser wieder dran mit der Auswahl des Ziels: Weshalb sollte er dem Bruder nicht auch mal die Schwäbische Alb zumuten, die für den Freiburger bislang weithin terra incognita geblieben war? Als Schüler hatten die Beiden zwar gemeinsam auch mal den Albtrauf abgewandert, doch seither hatten schwäbische Ziele bei den Badenern ihre Zugkraft stark eingebüßt; dafür pflegen sie sich scherzhaft noch heute über „die typischen Albwanderer mit ihren Bundhosen und rot karierten Hemden“ auszutauschen. Als ob derlei Wanderkluft nicht auch auf der Alb längst aus der Mode gekommen wäre.
Als Highlight der Tour war diesmal das Heidentor bei Egesheim ausgesucht worden, die frühkeltische Kultstätte zuoberst auf dem dicht bewaldeten Kamm des Bergrückens Oberburg: ein Ziel, das sich, wie sich zeigen sollte, wochentags (dem Privileg der Ruheständler) trotz Wikipedia-Eintrag und einer Fülle von Hinweisen und Abbildungen im weltweiten Netz gottlob noch immer ganz ohne Mitwandererscharen, ohne Lärm und Mountainbiker aufsuchen lässt. Raubgräber hatten, so liest es sich im Netz, im Steilhang unter dem spektakulären Felsbogen reichlich Gegenstände aus der Hallstatt- und der Latène-Zeit (ab 600 v. Chr.) gefunden, die auf einen weiblichen Fruchtbarkeitskult hindeuten, Funde wie Fibelbruchstücke, Ringe und Glasperlen, aber auch Scherben von Geschirr – für Archäologen Zeugnisse von Opfergaben. Möglicherweise seien auch phallische Nadelfelsen miteinbezogen gewesen, so raunt es im Netz.
Heidentor
Der Waldweg von Egesheim herauf erweist sich dank maßvoller Steigungsgrade als durchaus seniorengerechter Einstieg in die Tour, ja sogar als geteertes Sträßchen, erst die allerletzten Höhenmeter sind auf steilem Fußpfad zu meistern. Dass den Buchen beidseits mit zunehmender Meereshöhe vermehrt Fichten, aber auch Weißtannen beigemischt sind, erinnert den Forstmann i. R. daran, dass der Heuberg ja noch der Südwestalb zugerechnet wird und damit als natürliches Tannen-Verbreitungsgebiet zu gelten hat. Wie mag sich der Wald wohl zur Keltenzeit zusammengesetzt haben? Die lebten doch wohl schon in der Älteren Nachwärme- oder Buchenzeit, die die Späte Wärmezeit (oder Tannenzeit) abgelöst hatte, als Tannen und Buchen hierzulande die Eichenmischwaldzeit beendet hatten – soviel Vegetationsgeschichte war bei ihm hängengeblieben. Irgendwann muss der Wald dann auch mal gerodet worden sein, wie Andeutungen von Ackerrandstufen am Hang vermuten lassen. Nicht weit unterhalb des Wegs fällt eine recht üppig ausgefallene Wildfütterung auf, die ihn auf einen ebenso üppigen Rehwildbestand schließen lässt. Sollte der etwa für das Fehlen jeglicher Tannenjugend unterm Buchenschirm verantwortlich sein?
Nach ausgiebiger Bewunderung des Heidentors führt die Tour (nach der Wanderkarte des Naturparks Obere Donau) weiter über das auf dem Heubergplateau angesiedelte Dorf Bubsheim und weiter zur Burgruine Granegg, auch sie von Wikipedia wärmstens empfohlen, ehe es dann wieder hinab nach Egesheim gehen soll, dem Ausgangs- und Endpunkt der Runde. Vorerst zieht sich das Sträßchen jedoch leicht ansteigend durch den zunehmend von Fichten dominierten Wald, aus dem der Wind Schwaden von gelbem Blütenstaub davonträgt. Am Waldrand angekommen, weitet sich plötzlich der Blick auf die helle Wiesenlandschaft des Heubergs, dazu aber auch auf die Landstraße mit ihrem lebhaften Lkw-Verkehr. Ins Blickfeld gerät nun auch die Wand einer grauen Produktionshalle, die sich beim Näherkommen als Ortsrand von Bubsheim erweist. Bis zum alten Dorfkern ist längeres Asphalttreten angesagt, und bei soviel gerade stattfindender Sanierung verliert sich schließlich sogar die sonst so narrensichere Wegmarkierung des Schwäbischen Albvereins. Immerhin hält ein Pkw und sein einheimischer Fahrer erbarmt sich der Wanderer, indem er sie durch ein weiteres Gewerbegebiet schickt. Sieht also so mittlerweile das Ergebnis schwäbischen Unternehmertums aus, der sprichwörtlichen Schaffigkeit in The Länd und der daraus resultierenden Prosperität – mit ihrem rasant gewachsenen Gürtel aus Gewerbegebieten mitsamt all den Eigenheimen, auch den geschleckten Villen fürs mittlere bis gehobene Management längs der frisch instandgesetzten Dorfstraßen?
Endlich wieder im Wald (und erneut auf geteertem Waldweg), gerät auch die Weißtanne wieder ins Blickfeld der Wanderer: Diesmal im Wildschutzzaun auf zuvor vom Altholz geräumter Parzelle gepflanzte Fichten und Tannen in akkuraten Reihen. Dann sind es auch schlampig hinterlassene Drahtreste von längst ausgedienten oder missratenen Zäunungen. Den Waldparkplatz am Fuß der Burgruine nutzt an diesem Werktag immerhin ein einzelner Pkw, und das zugehörige Pärchen kommt soeben vom Burgbesuch herbeigehüpft – nach Spurenlage scheint es am Wochenende hier sehr viel lebhafter zuzugehen. Die im 11. Jahrhundert hart überm Abgrund auf einem wildzerklüfteten Felszapfen, dem Michelstein, kühn erbaute Burg ist anno 1356 („angeblich“, wie bei Wikipedia und auf analoger Hinweistafel vermerkt ist) teilweise von einem Erdbeben, 21 Jahre später samt dem Dorf Bubsheim von der freien Reichsstadt Rottweil vollends zerstört worden. Ein Vorgang, den man sich wohl nicht anders vorzustellen hat wie es einem inzwischen wieder die allabendlichen Schreckensbilder aus der Ukraine suggerieren. Für die verdienstvolle Sicherung des verbliebenen übersteilen Zahns des Gemäuerrestes ist seit 1931 ein neuer Eigentümer zuständig: der Schwäbische Albverein.
Ruine Michelstein, Burgturm mit Hinweistafel Foto: Peter Kreuzmann, Wikimedia
Arg gelitten haben im Verlauf der jüngsten Trocken- und Hitzejahre offenbar ein paar spindelige Kiefern oben auf dem gemauerten Zahn. Beim Vespern schweift der Blick aber auch über die grün-vitalen Wipfel einiger Weißtannen; lediglich die jüngsten Höhentriebe erscheinen umständehalber stark verkürzt. Wie sie auf dem trockenen Felssporn überhaupt jemals Fuß fassen konnten und sich einstweilen auch der Krise der jüngsten Wärmezeit widersetzen konnten, bleibt schleierhaft. Der Blick aus der Vogelperspektive auf Egesheim hinunter wird dann freilich auch hier eingefangen von ausgedehnten grauen Dachflächen neuzeitlicher Produktionshallen am Rand des alten Dorfkerns.
Beim Abstieg hart der Hangkante entlang sind immerhin auch ein paar Jungtannen zu besichtigen, auch nochmals die Überreste eines Wildschutzzaunes. Dann führt der Fußpfad steil bergab, ehe er in einen nicht minder steilen, von Holzerntemaßnahmen ramponierten Maschinenweg mündet. Am Unterhang sind Baumaschinen dabei, dem Wald eine stattliche Stellfläche abzuringen, deren Zweck sich auch mit forstlich geschultem Auge nicht erschließen lässt. Und der Zugang ins Ortszentrum, zurück zum an der Kirche geparkten Fahrzeug, erfordert erneut Orientierungskünste, denn die Straßen werden soeben frisch hergerichtet.
Die Heimfahrt führt wieder über den Heuberg hinweg nach Spaichingen hinunter. Zum Abschluss ihrer Alb-Tour kehren die Beiden noch zu Kaffe und Kuchen im Gasthaus auf dem Hohenkarpfen ein, dem markanten, einst burggekrönten Weißjura-Zeugenberg. Und auch die Gemäldeausstellung der Kunststiftung im einstigen Hofgut lassen sie sich nicht entgehen. Aus der Wiese gleich nebenan grüßt die beiden Badener bereits – Land Art in The Länd – ein Trachtenmaidli mit Bollenhut in Großformat.
IN SERVIENDO PATRIAE CONSUMOR1 (Inschrift auf dem Grab von Hermann Robert Dietrich, Vizekanzler des Deutschen Reiches, auf dem Friedhof von St. Märgen)
Ministerliches Ferienhaus „Waldvogelhof“
Wer auf dem schmalen, bei Gegenverkehr recht abenteuerlichen Sträßchen von Wildgutach flussaufwärts bis Dreistegen und weiter durchs Hexenloch oder in Richtung St. Märgen-Glashütte unterwegs ist, wird knapp hinter der Einmündung des Steinbachtals, jenseits der Wilden Gutach vom Anblick eines stattlichen Walmdachhauses überrascht: vom Waldvogelhof. Der will hier, in der Enge des zu allermeist dicht bewaldeten, von Touristikern gern als wildromantisch verklärten Tals, eigentlich nicht so recht her passen, denn von Landwirtschaft kann in den Steilhängen schon längst keine Rede mehr sein. Die geschlossenen grünen Fensterläden lassen vermuten, dass das Haus nur selten noch bewohnt wird, und auch Wochenendler dürfte es nicht allzu oft hierher verschlagen. Immerhin pflegt noch jemand die Wiese ums Haus. Der Wald auf der Winterseite des Tals zeigt sich indessen mit einem Mal in gänzlich unromantischer, ja besorgniserregender Verfassung – nirgendwo sonst an den Hängen zwischen Bleibach und dem Zinken Glashütte, das langgezogene Simonswälder- und weiter das Wildgutachtal herauf, hat der Borkenkäfer so heftig gewütet wie hier; er hat einen Wald voller Fichtengerippe hinterlassen.
Was für ein Glück, dass da und dort wenigstens noch ein paar Weißtannen und Buchen überlebt haben!
Geschädigt ist offensichtlich nicht alter Hofwald, nicht ursprünglicher Bergmischwald bestehend aus Weißtannen, Buchen, Fichten und Bergahorn, betroffen sind vielmehr vor allem Fichtenaufforstungen auf ehemaligen Weidfeldern. Was Rückschlüsse erlaubt auf die einstige Besiedlungsdichte im Tal und was dazu reizt, sich wieder einmal im heimischen Bücherschrank umzusehen. Und siehe da: es lassen sich auf Anhieb ein paar Quellen finden, so die (unveröffentlichten) Erinnerungen des Vaters Fritz Hockenjos2, von 1947 bis 1976 Forstamtsleiter in St. Märgen, oder der Beitrag seines Amtsnachfolgers Dr. Elmar Klein3 im Jubiläumsband 900 Jahre St. Märgen und nicht zuletzt die Schrift von Max Braun4Löcher und Döbel um Dreistegen – Wie es früher war im Hexenloch.
Wo der Fichtenborkenkäfer wütet
Dass die Steilhänge auch im Wildgutachtal tatsächlich noch bis nach der vorletzten Jahrhundertwende von einer erstaunlichen Anzahl von Höfen landwirtschaftlich genutzt worden sind, diese heute kaum mehr vorstellbare Vergangenheit der „Löcher und Döbel“, hat der Neukircher Max Braun – teilweise noch als Zeitzeuge – anschaulich dokumentiert. Der Waldvogelhof, erfährt man da, sei benannt nach seinen früheren Besitzern und um die vorletzte Jahrhundertwende an den Sternenwirt von Obersimonswald verkauft worden – zusammen mit etlichen weiteren Höfen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg habe man ihn jedoch abgerissen. Rätselhaft bleibt, wie der Wirt überhaupt so vermögend und so liquid werden konnte, dass er in der Lage war, Hofgüter aufzukaufen. Sein in einer Kehre der (1855 fertig gestellten) nach Furtwangen hinauf führenden „neuen Poststraße“ erbautes Gasthaus Zum Sternen war obendrein 1913 abgebrannt und musste wieder aufgebaut werden. Sollte er beim Erwerb der oft genug „verganteten“ (verschuldeten) Höfe womöglich als Strohmann gedient haben, sollte da getrickst worden sein, um anderen potenziellen Kaufinteressenten, etwa dem großherzoglichen „Domänenärar“, zuvorzukommen? Sicher ist jedenfalls, dass der Sternenwirt seine frisch erworbenen Besitztümer kurz nach dem Ersten Weltkrieg wieder veräußert hat. Käufer war diesmal die Kehler Papier- und ZellstofffabrikTrick (nomen est omen!), die sich so ihre Rohstoffbasis, die zu Zellstoff zu verarbeitenden Holzvorräte des Wildgutachtals, zu sichern und zu erweitern trachtete.
Eine der vier Töchter des Fabrikanten Ludwig Trick, Elisabeth, hatte die neuen Wildgutacher Besitzungen übertragen bekommen. 1920 heiratete sie den Juristen und Bürgermeister von Kehl, sodann auch Konstanzer Oberbürgermeister, den Landtagsabgeordneten und badischen Außenminister Dr. Hermann Robert Dietrich (1879 – 1954), von 1920 bis 1932 u. a. Reichsfinanzminister und Vizekanzler, somit einen der bedeutendsten Politiker der Weimarer Republik.
Hermann Dietrich
1922 ließ der Minister sich auf dem Hausplatz des abgerissenen Waldvogelhofs ein Ferienhaus in landschaftstypischer Walmdach-Bauweise erstellen. Richtfest hatte man – wo sonst wohl? – im Sternen gefeiert; woran sich der Autor Max Braun noch besonders lebhaft erinnert, denn er hatte selbst beim Hausbau mitgeholfen, sodass er sich fortan rühmen durfte, mit einem Minister zu Tisch gesessen zu sein.
Bereits nach drei Jahren verstarb Dietrichs Ehefrau Elisabeth allerdings kinderlos. Sie hinterließ ihrem Mann ein Millionenvermögen, was den dazu in die Lage versetzte, weiterhin Höfe aufzukaufen (den ehem. Streiferhof, den Bruhansen- und den Hirzbühlhof sowie das Dreidöbel- und das Felsenhäusle und das Anke-Gregorigut) und so seinen Besitz zu arrondieren.
In zweiter Ehe heiratete der „Minister, Vizekanzler und Bauer in Wildgutach“, wie er sich selbst gerne zu nennen und zu inszenieren beliebte, Marta, die Witwe des Religionsphilosophen Ernst Troeltsch (1865 – 1923), die ihren (von Dietrich später adoptierten) Sohn Ernst mit in die Ehe brachte. Hermann Dietrich, in Oberprechtal geborener Pfarrerssohn, war zeitlebens Mitglied, auch Vorsitzender demokratisch-liberaler Parteien. Im „Dritten Reich“ blieb er wohl vorwiegend abgetaucht in seinem Ferienhaus unten an der Wilden Gutach, danach bevorzugte er bisweilen den Hirzbühlhof oben auf der aussichtsreicheren Mooshöhe mit Blick auf die St. Märgener Marienwallfahrtskirche (wo er sich auch sein Grab wünschte). Er galt unter den Einheimischen als umgänglich und leutselig, was sich vor allem in seinem guten Verhältnis zu den Einheimischen, zur Forstverwaltung und zu den Waldarbeitern niedergeschlagen hat. Manch einer kreidete ihm jedoch auch an, dass er in der Regierung Brüning mit seiner Deflationspolitik die Arbeitslosenzahlen explodieren ließ und so die Machtergreifung durch die Nazis befördert habe.
In den Nachkriegsjahren besuchte er nicht selten das (2005 aufgelöste) Forstamt in St. Märgen, gern „zu einer Tasse Kaffee und angeregter Unterhaltung“, wie sich der Vater erinnert. In Waldbewirtschaftungsfragen habe er sich freilich exklusiv von seinem Freund, dem Karlsruher Forstpräsidenten Zircher, beraten lassen.
Seinen Adoptivsohn Ernst Troeltsch, auch er wird als liebenswerter Mensch beschrieben, hielt es nicht lange im engen Wildgutachtal. Er verkehrte lieber in Rennfahrerkreisen, wo er auch seine Frau Rita, eine Italienerin, fand, die ihm Zwillinge schenkte, damit dem alten Dietrich, der sich inzwischen um den Wiederaufbau der Parteienlandschaft im Nachkriegsdeutschland bemühte, zwei Adoptivenkel. Diese bestimmte er in seinem Testament zu Universalerben, bis zur Volljährigkeit ihren Vater (den Adoptivsohn und Autorennfahrer) Ernst Troeltsch zum Verwalter des Erbes. Einer Hermann-Dietrich-Stiftung hatte er „ein Drittel des Reinertrags aus dem Wald“ vermacht; dessen forstliche Betreuung übertrug er „dem Forstmeister in St. Märgen“. Was dieser als besonderen Vertrauensbeweis verstand, sodass er sich mächtig ins Zeug legte, um in dem durch Wege gänzlich unerschlossenen Steilhang dennoch einen respektablen Reinertrag zu erwirtschaften. Aus der Sicht von Rita Troeltsch, die nach dem Suizid ihres Mannes allein das Sagen hatte, erbrachte der Wald aber wohl bei Weitem nicht genug. Weshalb sie sich an die Freiburger Forstdirektion wandte und dort erreichte, dass die Betreuung dem Nachbarforstamt Furtwangen übertragen wurde – aus Gründen, die dem Vater nie mitgeteilt worden sind. Wie er in seinen Aufzeichnungen gestand, fühlte er sich noch nach Jahrzehnten in seiner Berufsehre verletzt.
Auch wenn Hermann Dietrich, der Reichsfinanzminister, die Ertragsfähigkeit seines Waldes wohl krass überschätzt hatte, seine Stiftung, die laut Satzung Stipendien für Doktoranten der Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Freiburg und Heidelberg vergibt, existiert noch heute. Das Stiftungsvermögen „Wald“ wurde allerdings alsbald durch einen einmaligen Geldbetrag abgelöst, nachdem sich die Einsicht durchgesetzt hatte, dass das Waldgut wegen der zu erwartenden horrenden Kosten für den zur Holzernte erforderlichen Wegebau nie und nimmer einen nennenswerten Ertrag würde liefern können. Und so blieb der von der krisenanfälligen Fichte dominierte Wald in weiten Teilen unbehandelt. Spätestens der Hitze- und Trockenstress der Sommer 2019-21 führte zu einer massiven Ausbreitung der Käferschäden. Zwar bemühte sich das zuständige Forstamt verzweifelt, der Kalamität Herr zu werden, man baute eilends noch einen Abfuhrweg in den Steilhang, um per Seilkran Abertausende von Festmetern Käferholz noch rechtzeitig ernten und vermarkten zu können ehe es vollends wertlos war. Doch um die weitere Vermehrung und Ausbreitung der Borkenkäfer zu unterbinden, war es bereits zu spät.
Und noch etwas anderes hatte sich im Troeltsch-Wald weithin ungebremst vermehrt – und das bereits seit Jahrzehnten: Das Reh- und zudem das Gamswild. Was dem 120 ha umfassenden Eigenjagdbezirk des Waldvogelhofs gar nicht gut bekommen sollte. Jagd und Politik haben zwar schon immer zu den merkwürdigsten Verquickungen geführt, auch schon vor Reichsjägermeister Göring oder Stasi-Chef Mielke: Ob freilich Reichsfinanzminister Dietrich einst selbst gejagt hat oder jagen ließ auf seiner Jagd, darüber schweigen sich die Quellen leider aus. Im Beitrag von E. Klein, dem Amtsnachfolger des Vaters, wird lediglich erwähnt, dass nach seinem Ableben einer der mit der Stiftung eng verbundenen Professoren „jährlich einen bezahlten Rehbock-Abschuss in St. Märgen beantragte“, was zur Effizienz der Stiftung beigetragen habe. Umso mehr scheinen jagdliche Motive und Gepflogenheiten die waldwirtschaftlichen Ambitionen der Dietrich-Nachfahren überlagert zu haben. Was nicht nur dazu beigetragen haben mag, dass die Walderschließung weiterhin vernachlässigt wurde (um allfällige Störungen bei der Jagd zu minimieren?), sondern dass darüber hinaus auch der längst fällige Umbau der labilen Fichtenbestände in einen stabileren Mischwald durch zunehmenden Wildverbiss verhindert worden ist.
Auch wenn die Hermann-Dietrich-Stiftung nun schon lange nicht mehr vom Waldertrag des Waldvogelhofs profitiert: das Wildgutachtal wäre den geförderten Stipendiaten, den Freiburger und Heidelberger Doktoranten der Wirtschaftswissenschaften, als ein überaus lohnendes Ziel allemal zu empfehlen – den Absolventen der Freiburger oder Rottenburger Forstlichen Hochschulen nicht minder. Geboten wird ihnen hier ein (forst-)wirtschaftliches und zugleich zeitgeschichtliches Lehrstück.
Ich werde es immer für unsinnig halten, technisch sichere Kernkraftwerke, die kein CO2 emittieren, abzuschalten. (Angela Merkel, Physikerin und Bundeskanzlerin kurz vor dem SuperGAU von Fukushima 2011)
Sie lässt uns anscheinend nicht mehr los, die Kontroverse um die Atomkraft, um die böse militärische wie um die (vermeintlich?) gute zivile Nutzung. Beim Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki war ich fünf; da wird es nicht mehr lang gedauert haben, bis ich den Gesprächen der darüber entsetzten Eltern folgen konnte. Denn das japanische Grauen war sicher ein Thema zuhause: War Little Boy nun ein legitimes Mittel zur ultimativen Beendigung des Weltkriegs oder markierte er das schlimmste aller Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung? Auch die Fotos der ausradierten Städte wird man mir schon bald nicht mehr vorenthalten haben, ebenso wie jene von den gewaltigen Blumenkohlpilzen über den zuvor zwangsevakuierten Südseeatollen. Was Kriege anrichten können und was Trümmerlandschaften sind, davon konnte ich mir anfangs der 1950er Jahre auf dem Schulweg zwischen dem Freiburger Lorettoberg (dem Schülerheim) und Freiburg-Herdern, (dem Keplergymnasium) noch selbst ein Bild machen.
Freiburg anno 1945
Da hat es dann schon nicht mehr lang gedauert, bis ich erstmals auch vom „Segen friedlicher Atomkraftnutzung“ erfuhr, gemunkelt wurde darüber sogar in Naturschutzkreisen. Denn in jenen Wirtschaftswunderjahren tobte bereits der „Kampf um die Wutachschlucht“, und der Vater, Hauptnaturschutzwart des Schwarzwaldvereins, war treibende Kraft einer Arbeitsgemeinschaft Heimatschutz Schwarzwald, der ersten Bürgerinitiative der jungen Republik, die sich wehrte gegen die Ableitungspläne der Schluchseewerk AG zum Zweck der Stromgewinnung. Um die 185.000 Unterschriften gegen das Projekt zusammenzubringen, waren unzählige Diavorträge in verrauchten Wirtshaussälen wie in akademischen Hörsälen zu absolvieren, bei denen der Bub in den Ferien zuweilen den Projektor bedienen durfte. Und natürlich durfte er den Vater auch auf seinen Fotoexpeditionen durch die Schlucht begleiten.
Wutach: gerettet in Erwartung nuklearer Versorgungssicherheit?
Wer nach Gründen sucht, weshalb sich Innenminister Karl Filbinger damals vom Widerstand der Naturschützer so sehr beeindrucken ließ, dass die Aufstau- und Ableitungspläne der Wutach 1960 von der Landesregierung schließlich auf Eis gelegt wurden, der kommt an der Einsicht nicht vorbei, dass man in Stuttgart längst auch noch auf eine andere Karte gesetzt hatte: auf die Atomkraft als einer vermeintlich sauberen, schier unerschöpflichen Energiequelle. In Karlsruhe war 1956 auf Initiative des Atomministers Franz Josef Strauß das Kernforschungszentrum gegründet worden als Reaktorbau- und Betriebsgesellschaft mbH. Das Raunen darüber, dass die in den Wasserkraftwerken des Hotzenwalds wie des Hochrheins erzeugte Elektrizität bald ohnehin durch Atomstrom ergänzt werde, ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Weshalb sollte da auch noch der letzte ungebändigte Schwarzwälder Wildfluss den Beileitungsplänen der Schluchseewerk AG geopfert werden?
Doch es sollte noch ein Jahrzehnt dauern, bis es auch im Südbadischen ernst wurde mit der nuklearen Zukunftsmusik: Anfangs der 1970er Jahre wurde bei Breisach ein Kernkraftwerk Süd projektiert, während ein Stück weiter rheinaufwärts, bei Fessenheim, bereits die Franzosen ihr AKW planten. Die Breisacher Planung stieß bei Bauern und Winzern freilich auf heftige Ablehnung, befürchteten sie doch ungünstige klimatische Auswirkungen durch die Abluftfahnen der Nasskühltürme. 1973 verkündete der Rundfunk, dass die Pläne aufgegeben worden seien zugunsten eines Standorts weiter nördlich im Reinauewald bei Wyhl. Doch hier nahm der Kampf gegen ein „Ruhrgebiet am Oberrhein“ nun erst so richtig Fahrt auf: Er sollte zum Geburtsakt der Anti-Atom-Bewegung werden, auch zum Gründungsmythos der Grünen. Nein, unter die Platzbesetzer habe ich mich als junger Forstbeamter nicht getraut, doch die Auseinandersetzungen mit der Polizei und mit der Landespolitik verfolgte ich – zugegebenermaßen – mit klammheimlicher Sympathie. Zumal sich unter den Aktivisten mein Klassenkamerad Walter Moosmann als stimmgewaltiger Barde hervortat. Mit einem der einheimischen „Rädelsführer“ („Nai hemmer gsait!“), dem wackeren Meinrad Schwörer, schaukelte ich später im Kahn durch das Naturschutzgebiet Taubergießen. Und auch dem so heiß umkämpften Bauplatz mit den Überresten des Gemeinschaftszelts der Besetzer statteten wir noch ein Kurzbesuch ab.
Die Keimzelle der Anti-Atomkraft-Bewegung im Wyhler Wald
Im nachfolgenden Jahrzehnt verlagerte sich der Widerstand nach Niedersachsen ins Wendland, wo in den Salzstöcken von Gorleben der nukleare Müll entsorgt werden sollte und wo in der „Freien Republik Wendland“ die Anti-Atomkraft-Bewegung kräftig weiter anschwoll. Noch mehr Sympathie erntete freilich die „Prominentenblockade“ auf der Mutlanger Heide gegen die nuklearen Pershing II Mittelstreckenraketen der US-Armee. Alle protestierten sie gegen die atomare Nachrüstung: die Literatur-Nobelpreisträger Böll und Grass, die Theologen Gollwitzer und Greinacher, der Rhetorikprofessor Walter Jens und natürlich auch die grünen Ikonen Gert Bastian und Petra Kelly. Die Stationierung der Pershing II konnten sie freilich nicht verhindern; dafür sollte das Wettrüsten schließlich zur wirtschaftlichen Überforderung des Ostblocks und – „Gorbi“ sei´s gedankt – zur Wiedervereinigung führen.
Atomkraft als Hoffnungsträger – auch für den Wald?
Als Forstamtsleiter hatte man sich in den 1980er Jahren allerdings auf einem ganz anderen „Kriegsschauplatz“ zu bewähren: Das Waldsterben griff um sich und mit ihm wuchs sprunghaft auch das öffentliche Interesse am Thema Wald wie auch an der Öffentlichkeitsarbeit der Förster. Nicht selten waren hierbei Gratwanderungen zu absolvieren zwischen den dienstlichen Pflichtübungen und der Unterstützung von Aktionen der zunehmend alarmierten Waldfreunde. Beim Rätseln über die Verursacher des Phänomens gelb verfärbter und verlichtender Nadelbaumkronen kristallisierte sich bald der Ferntransport von Schwefeldioxid heraus, vorzugsweise aus den Schloten der Industrie, nebst Stickoxiden auch aus den Auspuffen des Autoverkehrs. Derweil beeilte sich der Donaueschinger Gymnasialprofessor Günter Reichelt, die Waldschäden im Umfeld der mitteleuropäischen Kernkraftwerke zu kartieren. Durch Strahlung ionisiertes und deshalb umso toxischeres SO2 soll es dort, so sein Fazit, zu einer signifikanten Häufung und Verstärkung der Schäden gekommen sein. Was sich bei einer unabhängigen (?) Nachkartierung freilich nicht bestätigen ließ.
Artikel im Schwarzwälder Boten im März 1976
Dennoch soll die Ionisierungshypothese in der Kernkraftbranche für erhebliche Aufregung gesorgt haben. Zugleich verstärkte sie den Zulauf zu den Wald-Demos, nun also auch noch aus dem Lager der Anti-Atomkraft-Bewegung. Eine letzte Großkundgebung fand am 18. Oktober 1986 mit ca. 7.000 Teilnehmern auf dem Thurner bei St. Märgen statt. Veranstalter der autofreien Sternwanderung war die Initiative Schwarzwald, ein Zusammenschluss von 36 Verbänden, Organisationen und Aktionsgruppen. Ihr war es – sehr zur Überraschung der etablierten Parteien – gelungen, Bundespräsident Weizsäcker als Teilnehmer und Redner zu gewinnen. Das Motto der Veranstaltung lautete: ENDLICH HANDELN! FÜR DEN WALD – FÜR DAS LEBEN. Der Präsident, eingeflogen mit dem Hubschrauber, hatte sich sogar Zeit für einen knapp einstündigen Waldspaziergang genommen. Vom Veranstalter war mir die Aufgabe übertragen worden, den hohen Besucher auf die Waldschadenssymptome aufmerksam zu machen. Was mir davon nach 35 Jahren besonders in Erinnerung geblieben ist neben dem drängelnden Schwarm der Presseleute und den Transparente tragenden Demonstranten („Richi – der Wald braucht Dich!“), das war der wache, bisweilen auch leicht skeptische Blick Weizsäckers in die Baumkronen hinauf und die Konzentriertheit, mit welcher er den Ausführungen folgte.
Hoher Waldbesuch. Bild-Zeitung v. 20.8.1986
Dass das Waldsterben bald dennoch aus den Schlagzeilen verschwand und von den Medien allenfalls noch als „sogenanntes Waldsterben“ gehandelt wurde, war vor allem dem schockierendsten Ereignis des Jahres geschuldet: der Havarie des Reaktors in Tschernobyl am 26. April 1986, dessen Fallout bis nach Süddeutschland verdriftet worden war. Das Cäsium134-verstrahlte Wildbret durfte bis auf Weiteres nicht mehr verzehrt werden, was für die Waldverjüngung, speziell für die Wildverbiss-gefährdeten jungen Tannen im heimischen Forstbezirk, nichts Gutes verhieß. In meiner Eigenschaft als Beisitzer des Landesnaturschutzverbandes brachte ich daher im Jagdbeirat der Freiburger oberen Jagdbehörde den Vorschlag ein, die natürlichen Regulatoren von Wildbeständen zu reaktivieren: den Winter (durch Einstellung der Winterfütterung) sowie den natürlichen Fressfeind durch Wiedereinbürgerung des Luchses nach Schweizer und elsässischem Vorbild. Nachdem der Spiegel davon Wind bekommen und darüber berichtet hatte (am 26. 8. 1986 unter der Überschrift Appetit verdorben – Seit Tschernobyl wird kaum noch Wildbret gegessen. Folge: Es wird weniger gejagt, Waldschäden durch Wildverbiss nehmen zu), quollen die Leserbriefspalten der Tageszeitungen über mit empörten Zuschriften aus der Jägerschaft. Weshalb die Idee eine erstaunliche Eigendynamik gewann bis in die Landespolitik hinein. Der Reaktorunfall in der Ukraine war, zu allem Unglück hin, auch noch zum „Urknall“ einer Luchs-Initiative Baden-Württemberg geworden – für mich bis heute das mit Abstand zählebigste Hobby.
Im Chefzimmer des (2005 aufgelösten) staatlichen Villinger Forstamts befand sich ein aus der Stammscheibe eines Tannenriesen gefertigter Tisch. Gefällt worden war der Baum im Zuge von Rodungsmaßnahmen, die für den Bau eines Munitionslagers einer US-amerikanischen Sondereinheit erforderlich geworden waren. Deren Waffen waren nach dem Krieg im Villinger Stadtwald unweit des Klinikums deponiert gewesen, bis sich Stadt, Land und Militärverwaltung 1961 zu einem Flächentausch durchgerungen hatten. Im Staatswalddistrikt Weißwald, ein paar Kilometer südlich der Stadt, entstand ein geheimnisumwittertes Areal mit Bunkern und Mannschaftsräumen, Stacheldraht und scharfen Wachhunden. Vom „möglicherweise düstersten Kapitel der jüngeren Militärgeschichte“ war zuletzt im Sommer 1998 in den Tageszeitungen zu lesen, als in der Villinger Fußgängerzone die Friedensorganisation Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW) Unterschriften sammelte. Eine Petition solle endlich den Nebel lichten, so die Forderung, den Militär- wie Zivilverwaltung über den Weißwald gebreitet hatten. Was war bloß dran an den Gerüchten um dort gelagerte Atomsprengköpfe? Zur Jahrtausendwende, nachdem auch die Franzosen als Nachfolger der Amerikaner abgezogen waren, ist das Lager abgebrochen und renaturiert worden.
Lagerten Atomsprengköpfe unweit der Stadt Villingen-Schwenningen?
In den 1990er Jahren ist der Wald in Mitteleuropa von heftigen Orkanereignissen heimgesucht worden – zuletzt am 26. 12. 1999 durch Orkan „Lothar“ – mit bislang noch nie gemessenen Windgeschwindigkeiten und einem ebensolchen Schadensausmaß. Verdankten sie ihre Entstehung der anthropogen aufgeheizten Wetterküche des Nordatlantiks? Eine Reihe von allzu milden und schneelosen Wintern verstärkte zudem die Gewissheit, dass sich das Klima wandelte, ausgelöst vorwiegend durch den ansteigenden CO2-Ausstoß als Folge der Verbrennung der fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Gas. Aber war das Klima nicht immer schon Schwankungen unterworfen – wie schon „Ötzis“ Wanderung beweist oder die der Walser-Siedler samt Viehherden über den eisfreien Alpenhauptkamm hinweg? Und waren im heimischen Staatswalddistrikt Bubenholz neben dem restaurierten Römerbad nicht einst auch Rebterrassen angelegt worden – Weinbau auf der rauen Baar?
Egal: Die drastische Verminderung der waldschädlichen Immissionen durch Entschwefelungder Großfeuerungsanlagen und Einführung des Katalysators schien ein Kinderspiel gewesen zu sein gemessen an der neuen globalen Herausforderung des Klimawandels und des Klimaschutzes. Wie anders als durch den kompletten Ersatz fossiler Brennstoffe wollte man ihn noch stoppen? Da war es doppelt misslich, dass ausgerechnet die weitgehend CO2-neutrale Kernenergie seit Tschernobyl mehr als nur einen Image-Schaden zu verkraften hatte, der die erste rot-grüne Koalition im Jahr 2000 kurzerhand den Atomausstieg beschließen ließ. Zwar verlängerte die nachfolgende (Merkel-geführte) Bundesregierung wieder die Ausstiegsfrist, doch unterm Eindruck der von einem Tsunami verursachten Kernschmelze von vier Reaktorblöcken des Atomkraftwerks von Fukushima am 11. März 2011 wurde das ultimative Ende der deutschen Atomkraftnutzung auf das Jahr 2022 vorverlegt. Womit die Anti-Atomkraftbewegung ihren Endsieg feiern durfte, sieht man von den eskalierenden Nachhutgefechten um den bestgeeigneten Standort für ein Atommüll-Endlager ab. Kein anderes Land der Welt hat sich zu einer derart radikalen Abkehr von Kohle, Öl und Atomkraft entschlossen. Umso klammerte man sich – in Ermangelung von Speichermöglichkeiten für die regenerative „Flatterenergie“ – an die Erdgasversorgung aus Sibirien, zu deren Sicherstellung nicht zuletzt die neue Pipeline Nord Stream 2 dienen sollte.
Dank Fridays for Future und nach drei aufeinander folgenden trocken-heißen Sommern mit enormen Dürre- und Borkenkäferschäden war plötzlich auch das Waldsterben wieder in aller Munde. Umso heftiger dreht sich nun alles, national wie international, um die Energiewende, hierzulande insbesondere um Windräder und Solarfelder sowie um deren Kollateralschäden in touristisch attraktiven und ökologisch noch halbwegs intakten Kulturlandschaften, um Bürgerinitiativen und um die Konflikte zwischen Klima-, Arten- und Landschaftsschutz. Weil Baden-Württemberg als windschwächstes Bundesland gilt, müssen die Dimensionen und die Anzahl der benötigten Schwachwindanlagen hier umso monströser ausfallen. So hat die frisch gewählte grün-schwarze Landesregierung im Frühjahr 2021 angekündigt, allein in den Staatswald 1000 Windenergieanlagen stellen zu wollen, höher als der Stuttgarter Fernsehturm! Absehbar wurde damit freilich, dass spätestens bei der nächsten winterlichen „Dunkelflaute“ die grundlastfähigen Energieträger schmerzlich vermisst werden, sollte nicht sogleich mit französischem Atomstrom oder mit Kohlestrom aus den östlichen Nachbarländern ausgeholfen werden. Was außer Gaskraftwerken, die rasch hoch und wieder runter gefahren werden können, bot sich da an zur Überbrückung?
Kein Wunder also, dass insgeheim auch wieder über neuartige Kernreaktoren nachgedacht wurde, mit neuen Sicherheitsstandards und weniger Müll verursachend – dafür aber kaum CO2 emittierend. Während hierzulande in spektakulären Tagesschauszenen ein Kühlturm nach dem andern in sich zusammenbricht, bleibt die Atomkraftnutzung weiterhin ein Tabuthema im öffentlichen Diskurs. Zugleich wächst die Ratlosigkeit, wie angesichts der Widerstände gegen Windparks und Windstromtrassen die deutsche Musterknabenrolle weiterhin durchgehalten werden soll. Derzeit befinden sich, wie sich leicht googeln lässt, weltweit 108 Kernkraftwerke im Bau, mit Abstand die meisten in China und Russland. Neu entflammt sind allerorten auch (zumindest befristete) Laufzeitverlängerungen.
Abluftfahne des Schweizer Kernkraftwerks Leibstadt über den Schwarzwaldhöhen
Schließlich dann der ultimative Schock des 24. Februars 2022: der Überfall Putins auf die Ukraine, nach russischer Sprachregelung als „Militärische Sonderaktion“ verniedlicht und propagiert, einhergehend mit Gräueltaten an der Zivilbevölkerung und mit täglichen TV-Bildern heillos zerbombter Städte – mit Kampfhandlungen auch um die ukrainischen Atomkraftwerke, um Tschernobyl unseligen Angedenkens. Und mit Millionen Kriegsflüchtlingen, mit immer hitzigeren Diskussionen um letztendlich zu beschließende Embargos, um den Stopp von Steinkohle-, Öl- und vor allem Erdgaslieferungen aus Russland.
Während der russische Außenminister mit der Ausweitung seiner „Sonderaktion“ zum Welt-, ja zum Atomkrieg droht, stellt sich unseren Regierenden immer drängender die Frage, ob es angesichts all dieser dramatischen Zuspitzungen tatsächlich der Weisheit letzter Schluss sein kann, zum Jahresende auch die letzten drei noch in Betrieb befindlichen deutschen Atomkraftwerke stillzulegen.
Klimawandel und Borkenkäfer gefährden zunehmend Ihre Forstbestände. Windenergie im Wald bringt Ihnen Wertschöpfung und verschafft Ihnen ein zweites Standbein!
Peter Wohlleben; Förster und Bestsellerautor, im Interview vom 6. August 2021 der Stuttgarter Zeitung über seinen Nationalen Waldgipfel
Am 21. März, zum Frühlingsanfang, wird alle Jahre der Internationale Tag des Waldes begangen, erstmals ausgerufen vor einem halben Jahrhundert von der Welternährungsorganisation FAO. Für die Medien ist er ein willkommener Anlass, wieder einmal an die Segenswirkungen des Waldes zu erinnern, nicht zuletzt an die wachsende Bedeutung der Erholungsfunktion. Wo diese in Krisenzeiten doch enorm hinzugewonnen hat, ob auf der Suche nach Abkühlung in Hitzesommern oder nach Bewegungsfreiheit im Lockdown der Pandemie. Doch zum Frühlingsbeginn 2022 war alles anders: Die Schreckensberichte über Putins Krieg in der Ukraine stellten alle anderen Themen – zumal die zivil-erbaulichen – in den Schatten, denn wem mag da noch nach einem Tag des Waldes zumute sein. Betagtere Waldfreunde dürften sich diesmal allenfalls an einen sehr speziellen, weltweit beachteten Waldspaziergang erinnert haben: 1982, noch mitten im Kalten Krieg, kamen sich die Unterhändler der beiden Atomsupermächte, Paul Nitze und Juri Kwizinsky, endlich näher in ihren Abrüstungsgesprächen, und dies in einem Waldstück unweit Genf; besiegelt wurde der INF-Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme dann freilich erst fünf Jahre später unter Michail Gorbatschow. Und jetzt also wieder die Drohung mit Atomwaffen – weswegen sich Bundeskanzler Scholz genötigt sah, vor dem Parlament am 27. Februar 2022 eine Zeitenwende einzuläuten!
Im Vorjahr noch hatte der Tag des Waldes in der Presse einen breiten Raum eingenommen. Passend zu den gravierenden, dem Klimawandel anzulastenden Waldschäden („Waldsterben 2.0“), stand der Tag unter dem Motto „Wiederaufbau von Wäldern – ein Weg zu Erholung und Wohlbefinden“. Sogar aktuelle Umfrageergebnisse gab es zu vermelden: Zufolge einer Sinus-Studie, in welcher u. a. nach der „Lieblingsbeschäftigung regelmäßiger Waldgänger*innen“ gefragt worden war, wurden zwei Motive mit Abstand am häufigsten angekreuzt: 81 % Spazieren/Wandern gehen und 49 % Die Natur genießen, „Waldbaden“.
„Waldbaden“ – was, bitteschön, hat man sich bloß konkret darunter vorzustellen? Etwa den Swimmingpool unter Baumkronen? Oder sollte man, als Waldgänger der älteren Generation, einen neuartigen Freizeittrend schlichtweg verpasst haben? Die Google-Recherche zum Suchbegriff erbringt sogleich reiche Ernte: Heilung und Entspannung in der Natur wird all jenen versprochen, die wahlweise 8 Wochen Intensivausbildung mit Abschlusszertifikat und 20 Übungen und Meditationen auf sich zu nehmen bereit sindoder die eine Ausbildung Kursleiter*in für Waldbaden – Achtsamkeit im Wald durchlaufen, erst recht wer den Kurs Waldbaden – in seinem Ursprungland Japan – Shin Yoku bucht. Aufklärung verspricht auch Das Buch zum Waldbaden nebstdutzenden Videos samt DerWaldbaden-Blog. Fortgeschrittene Kursteilnehmer*innen können sich zum Waldbademeister mit professionellem Entschleunigen fortbilden lassen, die spezielle Disziplin Barfuß-Waldbaden inklusive. Eine Ausbildung in Waldtherapie und Forest Medicine verspricht indessen eine Europäische Akademie EAG. Andernorts wird Waldcoaching Waldbaden, Wald-Yoga, Waldfühlen angeboten. Deutschlands erste Lehrer fürs Waldbaden haben bereits IHK-Prüfungen für bewusstes Naturerleben im Hainich abgelegt, erfährt man. Und weil uns Deutsche ja seit eh und je nicht nur die Liebe zur Waldnatur verbindet, sondern auch eine besondere Präferenz fürs Vereinsleben, so kann uns nicht mehr überraschen, dass Waldbadende sich im Bundesverband Waldbaden BVWA e. V. zusammengeschlossen haben. Wen wundert´s da noch, dass auch im biederen Ländle zum Waldbaden ermuntert wird, so in Shinrin-Yoku-Kursen in Baden-Baden. Es spricht für die Beliebtheit der neuen Geschäftsidee, dass auch Deutschlands führende Forstfachzeitschrift (AFZ-DerWald 16/2018) sich schon frühzeitig des Themas angenommen hat: Kur-/Heilwälder: Eine Chance für Waldeigentümer.
Der Förster als Waldbademeister – geht´s noch zukunftsorientierter?
Waldbaden (Foto Internet)
Mit Waldheil grüßten sich bekanntlich schon die Mitglieder von Wandervereinen: zu Zeiten freilich, als die Nutzungskategorien Heilwald und Waldbaden noch längst nicht erfunden waren, so begehrt das Zertifikat Heilklimatischer Kurort auch damals schon gewesen sein mag. Seinerzeit wurden die Segenswirkungen des Waldes noch schlicht „Wohlfahrtswirkungen“ genannt. Die hatte die multifunktionale Waldwirtschaft „im Kielwasser der Holzproduktion“ mitzuliefern. Und spätestens bei Anlässen wie dem Tag des Waldes bot sich auch der Forstbehörde jeweils Gelegenheit, Erholungs- und Sozialfunktion der von ihr bewirtschafteten und betreuten Wälder besonders hervorzuheben. Das klang dann meistens ganz so wie in der Pressemittelung des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg MLR vom 20.03.2012: Täglich besuchen rund zwei Millionen Menschen in Baden-Württemberg den Wald. Pro Jahr ergibt sich damit die fast unglaubliche Zahl von 750 Millionen Waldbesuchern allein in Baden-Württemberg – dies entspricht der Bevölkerungszahl von ganz Europa, nicht ohne dass abschließend nochmals besonders betont wurde: Die Erholungs- und Sozialfunktion des Waldes hat große Bedeutung für die Lebensqualität in Baden-Württemberg. Dies ist ein wichtiger weicher Standortsfaktor.
Erholungs- und Sozialfunktion hin oder her: Wie es ausschaut, hat sie inzwischen in der Prioritätenliste zumindest des Staatsforsts an Stellenwert deutlich eingebüßt – spätestens seit ForstBW (ab 1. Januar 2020) in eine Anstalt öffentlichen Rechts AöR umgewandelt worden ist. Denn damit wurde auch der Zugriff der Politik auf den Staatswald erleichtert – nicht zuletzt auf dem so heiklen Feld der Energiepolitik. Seither ist er vor allem dazu ausersehen, seinen Beitrag zum Gelingen der Energiewende zu leisten. Wozu die Verpachtung von Windenergie-tauglichen Waldflächen intensiv voran zu treiben ist. War doch der Ausbau ausgerechnet im Grün-regierten Baden-Württemberg seit etlichen Jahren ins Stolpen geraten: Bis zum Jahr 2020 hätten es nach dem Willen der Regierung 1200 WEA sein sollen, doch da waren es landesweit gerade mal 730 geworden, und auch der Zubau im Jahr 2020 blieb mit 14 WEA, 2021 mit 25 WEA dramatisch weit hinter den Zielvorstellungen zurück.
Schon im Vorfeld der jüngsten Landtagswahlen hatten die Medien aus der Delegiertenkonferenz von Bündnis 90 / Die Grünen die Meldung verbreitet, wonach im Staatswald des Landes 2.000 (!) WEA errichtet werden sollen. Im gedruckten Wahlprogramm wurde dann zwar wieder etwas zurückgerudert: „Wir werden die Windkraft auf allen geeigneten Flächen im Staatswald ausbauen, ebenso in der Fläche, so könnten über 1000 neue Anlagen entstehen.“ Der Staatswald stand nun ultimativ zur Disposition, mochte auch eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung bereits 2016 das für Windkraftbetreiber ernüchternde Ergebnis erbracht haben, dass 80 Prozent der Befragten Windräder im Wald ablehnen. Ob der Prozentsatz inzwischen wohl zusammengeschmolzen ist unterm Eindruck explodierender Gas-, Öl- und Spritpreise?
Ob tausend neue Windräder, wie sie der Koalitionsvertrag verspricht, oder auch „nur“ fünfhundert, neuerdings angekündigt durch Forstminister Hauk (CDU) auf der 324.000 ha umfassenden Staatswaldfläche (auf ca. 9 Prozent der Landesfläche): Es bleibt ein Ziel, das Waldfreunde erschaudern lassen muss! Es müsste jede auch nur halbwegs windhöffige Plateaulage und jeder Bergrücken mit WEA bestückt werden. Adieu Arten- und Landschaftsschutz, adieu Tourismus!
Denn bei derlei Zielgrößen ergibt sich rechnerisch für den Staatswald, so muss befürchtet werden, rund alle 300 ha eine Windenergieanlage (WEA), neuerdings ein bis 270 m hohes Monster, das sogar den Stuttgarter Fernsehturm noch weit überragt. Zieht man von der Staatswaldfläche noch 10 Prozent Tabuzonen mit Vorrangfunktion für den Naturschutz (Kernzonen von Nationalpark und Biosphärengebiet, Bannwälder, Waldrefugien) ab, schließlich auch noch den stadtnächsten Erholungswald, so ergibt sich für staatswaldreiche Landschaften wie den Nordschwarzwald eine gnadenlose Industrialisierung. Dies im bekanntermaßen windärmsten Bundesland der Republik, in einem touristisch intensiv genutzten Mittelgebirge von weltweitem Beliebtheits- und Bekanntheitsgrad. Außerhalb der Grenzen des ca. 10.000 ha umfassenden Nationalparks, soviel ist abzusehen, wird sich der Naturpark Schwarzwald Mitte und Nord in einen Windtechnologiepark verwandeln. Und auch der Südschwarzwald wird nachziehen, denn wo die Landschaft mit Windrädern erst einmal vorbelastet ist, werden sich auch kommunale und private Waldeigentümer nicht mehr von Bauanträgen abhalten lassen – zumal der Großprivatwald, der schon bisher an der Spitze der Bewegung marschiert zum Wohle der Energiewende, aber auch mit dem klaren Ziel, die waldwirtschaftliche Ertragslage durch lukrative Pachterträge (mit jährlichen Einnahmen von 50.000 bis 80.000 € je WEA) aufzubessern. Dass dabei pro WEA etwa ein Hektar Wald gerodet werden muss als Standplatz für die Kräne wie für Ausbau und Verbreiterung der „Zuwegung“, dürfte klimapolitisch eher fragwürdig sein – trotz aller Auflagen wie Ausgleichsmaßnahmen und Ersatzzahlungen an den Naturschutzfonds. Als CO2-Senken, die bisher im intakten, voll bestockten Zustand je Hektar und Jahr bis zu 10 Tonnen Treibhausgas zu binden in der Lage waren, werden die geforderten Ersatzaufforstungen erst in vielen Jahrzehnten wieder zu Buche schlagen.
Weil sich aber für den „Flatterstrom“ von Wind und Sonne bis in fernere Zukunft keine adäquaten Speichermöglichkeiten anbieten, waren zur Aufrechterhaltung unserer Grundversorgung mit Energie bundesweit bis zu 80 neue Gaskraftwerke geplant, die im Bedarfsfall (etwa bei winterlichen „Dunkelflauten“) als einzige rasch hoch und wieder runter gefahren werden können – leider betrieben mit Erdgas, das bislang zu über 50 Prozent aus Russland bezogen wird. Seit der „Zeitenwende“, seit Putins Überfall auf die Ukraine, erschallt der Ruf nach regenerativen Energiequellen umso lauter, verstärkt zudem von der immer lauter vorgebrachten Forderung der Bündnispartner nach einem kompletten Embargo von russischem Gas und Öl. Ob sich die Landesregierung da nicht doch wieder an die ursprünglich geforderten 2000 WEA für den Staatswald erinnern wird?
So oder so, was die Rettung des Weltklimas anbetrifft, ist die Einsparung an fossiler Energie mit Hilfe der Windkraftnutzung allemal dem ökologischen Rucksack der gigantischen Beton- und Stahlkonstruktionen gegenüberzustellen mitsamt den aus kohlenstofffaserverstärkten Verbundwerkstoffen und aus tropischem Balsaholz hergestellten, brandgefährlichen, giftigen und kaum zu recycelnden Rotorblättern – zuzüglich dem CO2-Ausstoß für Schwertransporte, Wartung und schließlich für die Renaturierung im dereinst ausgedienten Zustand. Dass in die Ökobilanz auch die Verluste an Vögeln, Fledermäusen und Fluginsekten gehören, an Naturlebensraum wie an Natur-Erlebnisraum, versteht sich von selbst.
Keine Einladung zum Waldbaden
Wusch, wusch, wusch… so hören sich Rotorblätter an, sobald der Wind bläst, derweil bei schräg stehender Sonne ihr Schatten weit über die Wälder hinweg huscht, vom Infraschall ganz zu schweigen. Werden wir Waldbesucher also künftig damit leben müssen, die wir uns doch bisher Naturgenuss pur versprochen haben, auch Heil- und Segenswirkungen des Waldgrüns aufs Gemüt, auf Blutdruck, Herzkreislauf- und Immunsystem? Oder sollte das Gewohnheitstier Mensch eben doch im Stande sein, wie es einst schon Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, behauptet hat, sich an alles irgendwie gewöhnen zu können? Womöglich wird es uns bald allen so ergehen wie unlängst jenem New Yorker Gästepaar im Goldenen Raben, einem Schwarzwälder Silence-Hotel, das dabei auf den Gebrauch seiner Schlafmaschine nicht verzichten mochte. Deren sonderbares Geräusch hatte nachts den Wirt aufgeschreckt, weil er es partout nicht zu deuten vermochte: dass Großstädter sich ohne die gewohnte Geräuschkulisse schwer tun mit erholsamem Nachtschlaf. Wird uns beim Waldbesuch ohne Rotorrauschen und Drehbewegung hoch über uns bald etwas fehlen? Oder werden uns Flaute mit Stillstand da oben eher in Unruhe versetzen als beglücken, wo wir uns doch allesamt gegen den Klimawandel verschworen und für die Nutzung erneuerbarer Energie eingesetzt haben? Was für ein Dilemma – mit oder ohne Waldbaden!
Im schönen grünen Bergmischwald, wo heut Touristen wandeln, da werden Windturbinen bald den Wald vollends verschandeln.
Dann hält sich, wer auch kommen mag, die Augen zu und Ohren zum Schutze gegen Schattenschlag und rauschende Rotoren.
Die Landschaft, die uns teuer war, ist leider nicht erneuerbar.