Mit der genetischen Untersuchung des Vorkommens des Alpenveilchens im Brigachtal konnte nachgewiesen werden, dass es sich um das Europäische Alpenveilchen (Cyclamen pupurescens) und nicht um eine Zuchtform handelt.
Hannah Miriam Jaag und Thomas Kring: Vorkommen des Alpenveilchens im Brigachtal – eine molekulargenetische Analyse. Schriften der Baar Bd. 60/2017
Sein Brigachtäler (genauer: Beckhofener) Vorkommen hat mich schon seit Jahren fasziniert. Befindet es sich doch in der – auch im Ruhestand ob ihrer floristischen Raritäten noch immer gern und oft besuchten – Staatswaldabteilung Haselbuck des Weißwalds. Der hatte bis zur Säkularisation dem Villinger Benediktinerkloster gehört. Ob sich das Alpenveilchen womöglich aus einem der Klostergärten hierher verirrt hatte? Mit seiner Wurzelknolle fehlte es einst in keinem Kräuterbuch, denn es hat gegen allerlei Beschwerden geholfen. Wie im Beitrag in den Schriften der Baar ausgeführt wird, gehören die Alpenveilchen zu den ältesten dokumentierten Heilpflanzen Europas. Wohingegen sie in den Beschreibungen der Flora der Baar keinerlei Erwähnung finden. War also eines der Veilchen etwa von einem Blumenfreund „angesalbt“ worden, wie die Botaniker Auswilderungen aus heimischen Blumentöpfen zu bezeichnen pflegen? Das rätselhafte Brigachtäler Exemplar schien sich jedenfalls wohl zu fühlen auf dem sonnseitigen Hang am Rand der Trasse einer längst demontierten Überlandleitung. Nicht anders als Gelber Enzian, Küchenschelle oder Rotes Waldvögelein; auch wenn es keinerlei Anzeichen für eine Ausweitung des Vorkommens gibt.
Zum 150. Erscheinen der Schriften der Baar, dem Organ des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar e. V. befasste sich ein Beitrag erneut mit dem Alpenveilchen1, mit dessen Verwandtschaftsverhältnissen und Herkünften, soweit sie sich per molekulargenetischen Abgleich entschlüsseln lassen. Erstaunlicherweise stellte sich dabei heraus, dass das Brigachtäler Alpenveilchen nicht sehr eng mit jenen der nächstgelegenen Schweizer, eher mit österreichischen Vorkommen zusammenpasst. Wie naheliegend wäre dann der Einfluss der vorderösterreichischen Geschichte unserer Region, sprich: die Versorgung mit dortigem Pflanzgut? Oder sollte die Alpenpflanze am Ende doch heimisch gewesen sein auf der Baar, im südlichen Schwarzwald wie auch im benachbarten Kanton Schaffhausen?
Noch im Sommer 2020 hatten sich mir im Weißwald zwei zarte purpurrote Veilchenblüten gezeigt – umso enttäuschender fiel der Besuch im Frühjahr 2023 aus – bei heillos verfrühten hochsommerlichen Temperaturen. Nicht einmal mehr die Blättchen waren auffindbar. Hatte ihnen die Serie trockenheißer Vegetationsperioden inzwischen dermaßen zugesetzt? Oder hatten sie sich nur versteckt, derweil meine Sehschärfe und mein Orientierungssinn sich unterdessen verschlechtert hatten?
Es traf sich gut, dass eben jetzt die traditionelle „Altherrentour“ der Brüder wieder anstand. Warum – den Alpenveilchen zuliebe – nicht den Walensee anlaufen, wo es im übersteilen Bergwald längs des Nordufers (der „Schweizer Riviera“) noch eines der besten Veilchenvorkommen geben soll? Die mehrstündige Wanderung, vorbei am (mit ca. 580 m Fallhöhe!) höchsten Wasserfall der Schweiz, den Seerenbachfällen, weiter bis zum autofreien Weiler Quinten mit seiner Anlegestelle und retour dann per Schiff, hatte doch schon der Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler (in seinem Buch 52 Wanderungen) wärmstens empfohlen – nicht ohne die Alpenveilchen zu erwähnen. Und auch der Bruder versicherte glaubhaft, am Walensee vor Jahrzehnten schon mal fündig geworden zu sein.
Wo in Normalzeiten der Wasserfall rauscht
Malven- statt Veilchenblüte überm Walensee
Zur Sommersonnwende also nichts wie los, wenngleich bereits wieder bei drückender Hitze und Schwüle, in den Medien allenthalben als Beweis fortschreitenden Klimawandels beklagt. Sodass selbst im kühlenden Schatten des Bergmischwalds mit seinen Linden, Buchen und Eiben der Schweiß tropfte und die Rücksäcke drückten. Während der Wasserfall nicht mehr schäumte, weil sein Zulauf mangels Schneeschmelze fast schon am Versiegen zu sein schien. Doch so beharrlich wir beidseits des Fußpfads den Waldboden ausspähten: Alpenveilchen Fehlanzeige!
Was mochte die Ursache dafür sein: Hitze und Wassermangel? Oder waren wir zu früh im Jahr unterwegs? So jedenfalls war es auch Franz Hohler schon ergangen bei seiner Frühlingstour, wie sich, wieder zuhause, bei gründlicherer Lektüre seines Wandertipps herausstellt: Seine (ihm von mir unterstellten) Alpenveilchen waren in Wahrheit Leberblümchen und andere Frühblüher. Doch der floristische Flop ließ mir keine Ruhe mehr: klar, dass deshalb der erste Gang (bei nach wie vor brütender Hitze) in den Weißwald führte! Und o Wunder, siehe da: Vier Veilchenblüten (nein, nicht etwa Hunds-, sondern Alpenveilchenblüten) leuchten mir entgegen – als wäre ihnen nie Abträgliches widerfahren, ja, als sei der Klimawandel pures Medienprodukt. Offenbar haben sie es im Brigachtal mit dem Blühen doch etwas eiliger gehabt als im mediterran getönten Klima des Walenseeufers.
Da blühen sie wieder (Weißwald am 25. 6. 2023)
1 Hannah Miriam Jaag u. Hans Joachim Blech: Das Alpenveilchen als uralte Kulturpflanze. Zum Vorkommen im südlichen Mitteleuropa. Schriften der Baar Bd. 63/2020
Beeindruckende Naturlandschaften prägen die Region im mittleren Schwarzwald. Urwüchsige Bannwälder am Zweribach oder am Feldsee, wohlbehütete Naturschutzgebiete in der Wutachschlucht… Entdecke mit dem Hochschwarzwald ein nachhaltiges Urlaubsziel – hier und jetzt.
Aus dem Werbetext der Tourist-Information Hochschwarzwald, 2023.
O Schwarzwald, o Heimat, o…
Auf den Titelseiten des Schwarzwälder Boten ist zuunterst meist auch noch Platz für kurze Notizen aus der Region. Unter der Überschrift Zwei Himmelsliegen für die Linachtalsperre erfährt der Leser am 13. Juni 2023, der Vöhrenbacher Stausee sei nun „um eine Attraktion reicher“ geworden. „Geplant ist es“, so schließt der Bericht, „den idyllischen Stausee weiter aufzuwerten, beispielsweise durch einen virtuellen Rundgang.“
Wie haben wir uns den wohl vorzustellen, wenn er denn verwirklicht werden sollte? Kaum zu glauben, was heutzutage nicht alles unternommen wird fürs Wohl des Gastes! Ob der nächstens wohl, ausgestreckt auf einer der Himmelsliegen, mit virtueller Aufklärung über die Hintergründe des Badeverbots oder über die Vorzüge der Wasserkraft rechnen darf – gemessen womöglich an den Einbußen, die der Schwarzwald-Landschaft durch monströse Windenergieanlagen drohen?
Linacher Stausee
Noch Platz auf der Himmelsliege
Anderntags, am 14. 6. 2023, überschreibt der Schwarzwälder Bote an gleicher Stelle eine Notiz aus Triberg mit Rasante Schlittenfahrt mitten im Frühsommer. Um eine Attraktion reicher sei das Instagram-Museum Triberg-Fantasy geworden. Eine VR-Brille ermögliche dem Besucher jetzt auch im Frühsommer wie schon beim Triberger Weihnachtszauber mit dem Hightech-Gefährt des Weihnachtsmanns eine abenteuerliche Fahrt und damit in andere Welten einzutauchen. Komme die Besonderheit gut an, sollen womöglich noch weitere ihrer Art folgen.
Mit Landschaft allein, lernt der Leser, scheint man keinen Urlauber mehr in den Schwarzwald locken zu können, mag sie weltweit noch immer einen erstaunlichen touristischen Ruf genießen. Es bedarf zusätzlicher Anreize, ob im Kleinen (Himmelsliegen) oder im Großen (analog wie virtuell). Am frühesten ist wohl den Tribergern aufgefallen, dass es nicht damit getan ist, einen Wasserfall (und sei es „Deutschlands größter“) anzubieten und zu vermarkten; selbst dann nicht, wenn der Zustrom von Touristen seit Eröffnung der Schwarzwaldbahn anno 1872 nicht mehr abreißen will. Und wenn der Wasserfall-Besucher schon am Kassenhäuschen Eintritt bezahlen muss, so sind ihm halt auch noch Events zu bieten – und das bereits seit der touristischen Frühzeit des 19. Jahrhunderts! Die haben damals sogar den Präsidenten des Schwarzwaldvereins, Prof. Ludwig Neumann, entzückt: In seinem 1897 erschienenen Prachtband „Der Schwarzwald in Wort und Bild“ schreibt er voller Bewunderung:„Sinkt die Nacht herein, dann leuchtet der Gischt auf in elektrischem Licht oder in bengalischen Flammen, steigende Raketen übergießen die glitzernden Fälle mit magischem, farbenprächtigem Licht. Das Bild, welches der Fall bei solcher Beleuchtung im Rahmen der dunklen Tannen gewährt, ist von packender Schönheit.“
Den Triberger Rummel um den so perfekt kommerzialisierten Wasserfall hat freilich 1901 schon der Flensburger Reiseschriftsteller Wilhelm Jensen (1837 – 1911) in seinem Band „Der Schwarzwald“ mit spitzer Feder als „Spekulation auf die Narrheit der Menschen“ gegeißelt. Für ihn war der Schwarzwald ja noch „eine der schönsten, heimlichsten Bergwelten, die Deutschland besitzt“.
Triberger Weihnachtszauber am Wasserfall
Was die Triberger Eventmanager jedoch bis heute nicht daran hindert, immer noch glamourösere, noch naturfernere Ideen zu ersinnen und umzusetzen: „Triberger Weihnachtszauber – direkt an Deutschlands höchsten Wasserfällen“, illuminiert mit 500.000 Lichtern, dazu Feuershow mit Rockband, Alphornklängen und Gospel Singers. Ganzjährig lockt neuerdings auch noch der Greifvogel- und Eulenpark Triberg mit Flugvorführungen. Anschließend dann also im Instagram-Museum Triberg Fantasy noch der Griff zur VR-Brille – und auf zur virtuellen Schlittenpartie!
Kaum zu glauben, dass es im Schwarzwald auch noch Wasserfälle gänzlich ohne Klamauk und Kassenhäuschen gibt – so etwa im Naturschutz- und Bannwaldreservat Zweribach, einem Seitental der Wilden Gutach. Sein Wasserfall rangiert an vierter Stelle der bedeutendsten Fälle des Landes, wie schon die Beschreibung des Großherzogtums Baden im Jahr 1836 verrät; erschlossen wurde er mit Pfad, Treppen, Seilgeländer und Brücke im frühen 20. Jahrhundert von Ehrenamtlichen der Sektion St. Peter des Schwarzwaldvereins. Als ob da nicht mehr daraus zu machen gewesen wäre! Immerhin hatte der oberste Hof im Tal, ein paar Fußminuten nur bis zu den Fällen, bereits Getränke und Ansichtskarten angeboten, ehe die Landwirtschaft aufgegeben wurde und er 1984 einem Brand zum Opfer fiel. Später entstand auf der Hofstelle eine schlichte, mit Rinde gedeckte Schutzhütte mit Sitzgelegenheit. Und neuerdings gibt es auch hier zwei Himmelsliegen, und der letzte verbliebene Landwirt im Talausgang lässt es sich nehmen, am Rastplatz eine rustikale, aus einem Fichtenstamm heraus gesägte Getränke-Bar zur Selbstbedienung anzubieten und immer wieder nachzufüllen.
Zweribachwasserfälle
Getränkebar
Geschäftstüchtiger waren allemal die Todtnauer mit ihrem Todtnauberger Wasserfall. Ihn konnte seit eh und je nur besuchen, wer seinen Pkw in der Aftersteger Serpentine der Notschrei-Passstraße parkte und am Kassenhäuschen Eintritt bezahlte. Wie schon in Triberg, so war auch am zweitgrößten Wasserfall des Landes das freie Betretungsrecht der Landschaft beizeiten ausgehebelt worden. Doch erst recht seit dem 26. Mai 2023 schlägt das Herz hier schneller: Mit jedem Schritt. Über Dir der Himmel, unter Dir Freiheit. Denn wir haben uns auf die 450 m lange und 120 m hohe BLACKFORESTLINE Hängebrücke, der jüngsten touristischen Attraktion des Schwarzwalds hinaus gewagt, feierlich eröffnet u. a. von Fernsehmoderator Hansy Vogt und Schwarzwald-Dragqueen Betty, letztere mit Bollenhut, versteht sich. Der Wasserfall kann nun von oben wie von unten bewundert werden, Erwachsene mit per Kombiticket von 9,00 Euro, Kinder für 1,50 Euro – das ultimative Schwarzwalderlebnis für erwartete 100.000 Gäste im Jahr. Du schaust hinab in die Wipfel der stattlichen Schwarzwaldtannen, so wird der Besuch im Netz beworben, Spürst dieses Kribbeln. Zuerst im Bauch, und dann im ganzen Körper. Die Natur zum Greifen nah und doch so weit entfernt.
„Blackforestline“ Todtnau. Foto: Daniel Reust, Wikimedia
Himmelweit entfernt jetzt also – auch vom so viel gepriesenen Schwarzwälder Landschaftserlebnis alter Art! Für den Angstschweiß-gebadeten BLACKFORESTLINE-USER empfiehlt sich jetzt schleunigst ein Besuch im Badeparadies Titisee, sei es im PALAIS VITAL (ab 16 Jahre, textilfrei), in der PALMENOASE(keine Altersbeschränkung an Familientagen) oder/und in der GALAXIE SCHWARZWALD (Kleinkinder bis einschließlich 3 Jahre frei). Nein, mit weniger als einem galaktischen Erlebnis lassen wir uns jetzt nicht mehr abspeisen – es sei denn auf einer Himmelsliege!
Einen solchen Ansturm hat das hiesige Guckloch-Kino noch nicht erlebt: Vor dem Eingang reichte die Schlange der Besucher noch kurz vor Filmbeginn bis auf die Straße hinaus! Und das für einen Film über den ältesten und bekanntesten Schwarzwälder Fernwanderweg: den seit der vorletzten Jahrhundertwende existierenden Westweg, erfunden und seit über 120 Jahren verlässlich markiert mit roter Raute vom Schwarzwaldverein und seinen ehrenamtlichen Wegwarten. Lag der Zuspruch des Films in Donaueschingen womöglich nur daran, dass am hiesigen Gymnasium alljährlich ein Projekt gestartet wird, bei welchem den Absolventen die – scheinbar gänzlich aus der Zeit gefallene – Bewältigung der 285 Kilometer von Pforzheim nach Basel mit einer Gesamtsteigung von 8.000 Höhenmetern per Pedes zugemutet wird? Oder ist der Film der Ettlinger Marco und Katrin Ruppert tatsächlich so „Großes Kino“, wie er allenthalben angekündigt und gepriesen wird?
Handelnde Personen sind im Film zwei Brüder, die Musiker Markus und Andy Fechner, wie der Nachspann verrät. Die greifen an idyllischen Rastpunkten und natürlich zu (im Zeitraffertempo gefilmten) Sonnenuntergängen jeweils zur Gitarre – nein, natürlich nicht nach Zupfgeigenhanselart wie in der Frühzeit der Wandervogelbewegung, sondern zur Begleitung selbstkomponierter, auf Englisch dargebotener Songs. Auch unterwegs werden die Beiden immer wieder von der Kamera erfasst – vorzugsweise aus der Vogelperspektive per Drohne. Seltsamerweise tragen sie, anders als klassische Höhenwegwanderer, ihr Gepäck nicht nur im Rucksack mit sich, sondern ziehen einachsige, luftbereifte Anhänger hinter sich her, wo doch die Gitarren (und die Ausrüstung des Kamerateams?) zusätzlich Platz benötigen. Mitunter werden aus der Froschperspektive die Wanderstiefel in Großformat gezeigt, etwa wenn knapp das Nest eines seltenen Bodenbrüters verfehlt wird oder wenn es durch Fels steil bergauf geht. Auf dem Feldberg trennen sich die beiden Brüder, denn hier gabelt sich der Westweg bekanntlich, der eine Ast führt über das Herzogenhorn, den Blößling und schließlich über den Dinkelberg, der andere über den Belchen, den Blauen und durchs Markgräflerland nach Basel. Erst kurz davor treffen die beiden Brüder wieder zusammen, und beim Schwenk über die Stadt greifen sie letztmalig in ihre Gitarren – und zaubern mit ihrem Song prompt zwei Jungfüchse als niedliche Zuhörer aus ihrem Bau hervor.
So raffiniert und trickreich arbeiten Tierfilmer heutzutage. Doch eben diese Schlussszene offenbart leider auch die Schwäche des Films: Die Rahmenhandlung mit den beiden Musikern will so gar nicht zusammenpassen mit dem Wandererlebnis, auch nicht angesichts der Fülle noch so brillant gefilmter Natur- und Landschaftsszenen. Nicht zuletzt die Makro-Aufnahmen seltenster Raritäten (wie der Felsenbiene oder dem Violetten Feuerfalter), aber auch die Nahaufnahmen von Wolf, Luchs und Gämse fesseln den Betrachter. Ausgerechnet auf der Sitzbank unter der roten Raute der Wegmarkierung balzt einer der letzten Auerhähne des Schwarzwalds. Und zuoberst in einer struppigen Tannenkrone erfasst die Kamera den Horst eines Rotmilans samt Nestlingen, sodass wir Zuschauer ganz nah mit dabei sind, wie der Altvogel bei einem heftigen Hagelschauer schützend seine Schwingen über seine Jungen ausbreitet. Wie viel Sitzfleisch braucht ein Tierfilmer wohl, bis ihm solche Szenen gelingen? Den Rahmen einer Westweg-Tour sprengen sie allemal. Kreisende Milane über frisch gemähten Wiesen des Belchensüdhangs im Kleinen Wiesental lassen aus dem Off immerhin den Hinweis zu, dass diese Greifvogelart in Deutschland ja doch besonders geschützt werden muss, während sie andererseits durch Vogelschlag der Windräder am meisten bedroht erscheint. Ausgeblendet bleibt dabei freilich, dass eben hier, im Tal der Kleinen Wiese, derzeit eine besonders heftige Auseinandersetzung tobt um den Bau weiterer Windenergieanlagen.
Auf dem Westweg immer der roten Raute nach
Doch Konflikte bleiben im Film weithin ausgespart. Immerhin: am Beispiel der Kuckucksuhr, des wichtigsten Schwarzwälder Werbeträgers nebst dem Bollenhut, wird der Artenschwund thematisiert, denn in Natura lässt sich hier schon längst kein Kuckuck mehr hören. Die Szene mit dem rufenden Vogel musste daher umständehalber in die Rheinauen verlegt werden. Umso ausführlicher werden dafür andere Schwarzwälder Spezialitäten in Natur- und Kulturlandschaft präsentiert (auch wenn sie weit abseits des Westwegs aufgenommen werden mussten), so etwa die Glazialformen im Präger Kessel, zumal die äußerst seltenen Bewohner der dortigen Blockhalden. Auch das Prachtexemplar eines Badischen Riesenregenwurms (Lumbricus badensis) zoomt die Kamera herbei, ehe es sich, lang wie eine Ringelnatter, wieder in seine Erdröhre zurückzieht, um deren Eingang sodann sorgfältig mit Laub zu verschließen. Wanderern dürfte der exklusiv nur den Südschwarzwald bewohnende Wurm eher selten über den Weg kriechen.
So kommt es, dass der Guckloch-Besucher schließlich trotz aller Naturfilmbrillanz mit zwiespältigen Eindrücken entlassen wird. Irgendwie scheint ihm das Erlebnis einer mehrtägigen Westwegwanderung (mit all ihren euphorischen wie ermüdenden Phasen, mit der Wahrnehmung von Vorzügen wie von Auswüchsen heutiger Kulturlandschaften und von verbliebener Naturnähe) ein bisschen zu kurz gekommen zu sein.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Waldfreunde,
gestern Frühlingsanfang, heute als Morgenlektüre ein wahrhaft niederschmetternder Bericht des Weltklimarats, und das also am Internationalen Tag des Waldes – was geht einem da nicht alles durch den Kopf: Klimakrise mit Waldsterben 2.0, mit Insektenschäden und Waldbränden bisher unbekannten Ausmaßes – und das alles bei zunehmend ruppiger Auseinandersetzung zwischen Forstwirtschaft und Natur- bzw. Klimaschützern um zeitgemäßere Prioritäten bei den vom Wald zu erbringenden Leistungen (ob zuerst Holzproduktion oder CO2-Speicherung, Wasserhaushalt, Erhaltung der Artenvielfalt, Kühlung, Erholungsfunktion usw. usw.). Ja, „dem Wald geht es schlecht, sehr schlecht“, wie man kürzlich erst als Schlagzeile in der FAZ lesen konnte und wie es der jüngste Waldzustandsbericht der FVA bestätigt. Seit es den gibt, seit 1985 nämlich, waren die Baumkronen nie schütterer benadelt und belaubt als nach diesen trocken-heißen Jahren. Wobei damit nicht etwa nur die Borkenkäferopfer gemeint sind. Kaum zu glauben, dass dieser Tag bereits 1971 von der Welternährungsorganisation FAO der UNO ausgerufen worden ist. Heute Abend soll er uns Anlass sein für eine knappe Stunde der Rückbesinnung: Was erwarten wir Baaremer eigentlich hier und heute alles vom Wald, was verdanken wir ihm alles? – und das am Beispiel des Unterhölzer Walds (kurz: des Unterhölzers).
Aber klar: Bäume, Wald, Waldsterben – das Thema erscheint manch einem mittlerweile doch schon arg abgegriffen, einfach auch allzu problembelastet, als dass man sich noch einen Vortrag zum Thema Wald antun möchte – gar, dass man darüber noch ein Buch aufblättern möchte. Oder sollte man sich da eher am rheinland-pfälzischen Forstkollegen Peter Wohlleben orientieren, der mit seinem Sachbuch Das geheime Leben der Bäume Jahre lang einen Spitzenplatz auf der SPIEGEL-Bestsellerliste gepachtet hatte und damit international eine Millionenauflage erzielt hat? In aller Bescheidenheit sei es erwähnt: An Büchern über Baum und Wald (allerdings ohne Auflagenrekorde) habe ja auch ich mich wiederholt schon versucht. So schon vor fast einem halben Jahrhundert im Auftrag des Stuttgarter Forstministers mit einem Bildtextband über die Baumdenkmäler des Landes (Begegnung mit Bäumen); irgendjemand hatte da dem Minister die Idee eingeflüstert, man sollte doch mal nachschauen und dokumentieren, was von den Baumoriginalen der Jahrhundertwende nach zwei Weltkriegen noch überlebt hat. Damals war der Naturdenkmalschutz in Mode gekommen und mit ihm erschienen in den meisten deutschen Ländern Baumbücher, so auch 1908 Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden des Forstbotanikprofessors und Grh. Bad. Geh. Hofrats Ludwig Kleinund im Auftrag der Kgl. württ. Forstdirektion 1911 ein Schwäbisches Baumbuch des Forstass. Otto Feucht, nachmals einer württembergischen Naturschutz-Ikone. Weil mir das Recherchieren, Fotografieren und Beschreiben soviel Spaß gemacht hat, folgten 1985 (ohne Ministerauftrag, aber immerhin mit einem Vorwort von MP Lothar Späth) mit Tännlefriedhof ein Band über das Waldsterben, anno 2000 dann Waldpassagen, 2008 ein Buch über den Charakterbaum des Schwarzwalds, die Weißtanne, (Tannenbäume) und 2015 Wo Wildnis entsteht, ein Bildtextband über den ältesten Bannwald Badens und zuguterletzt 2018 dann auch noch der Bildtextband über den Unterhölzer Wald, im Untertitel „Liebeserklärung an einen alten Wald“ – allesamt Versuche, Verständnis für Baum und Wald, Freude daran zu wecken (übrigens sind die Bücher inzwischen schon fast alle vergriffen, sodass das heut also bitte auch nicht als Werbeveranstaltung missverstanden werden darf).
Wieso aber eine Liebeserklärung, werden Sie vielleicht fragen, ausgerechnet in diesen trüben Krisenzeiten – und ausgerechnet auf der waldarmen Baar? Die Arbeit an diesem meinem letzten Buch war für mich, wie ich gestehe, weit mehr als bloßer Zeitvertreib eines unausgelasteten Ruheständlers. Eher war sie so eine Art späte Wiedergutmachung: Zum einen, weil ich den Unterhölzer mit seinen kapitalen Eichen damals in meinem Auftragswerk über die Baumoriginale des Landes sträflicherweise glatt übersehen hatte. Zum andern, weil ich als Hochschwarzwälder mit der eher spröden und unspektakulären Baarlandschaft immer schon ein bisschen gefremdelt habe, so sehr ich sie aus der Seniorenperspektive dann doch zu schätzen gelernt habe: Für den Freizeitradler erst ein flaches Einrollen, dann nichts wie rauf in den Schwarzwald, auf die Alb, auf die Länge oder in den Hegau – oder an Föhntagen auch einfach beim Blick aus dem Wohnzimmerfenster.
Landschaft durch die rosarote Brille
Natürlich kann man auch die Baarlandschaft durch die rosarote Brille des Spätromantikers betrachten. Kulturpessimisten – oder muss man sagen: Kulturrealisten? – leiden eher an dieser Landschaft, verzweifeln womöglich an deren fortschreitender Belastung und „Verhässlichung“. So wie z. B. der Künstler Paul Schwer mit seiner Installation (Home 2013), mit der er anlässlich der Heimattage Baden-Württemberg wohl ausdrücken wollte, dass es mit der Heimat heutzutage doch irgendwie den Bach runter geht: Heimat als an der Donaueschinger Schützenbrücke gestrandetes Treibgut!
Installation Schützenbrücke
Was mir die Anfreundung mit der Baar schon immer erschwert hat: Es gibt da für meinen Geschmack
viel zu viele Straßen mit viel zu wenigen Durchlässen und Übergängen (z. B. auch Grünbrücken fürs Wild), zuviel Zerschneidung und Zerstückelung also;
zuviel Zersiedelung, Versiegelung und Flächenfraß;
zuviel Monokultur, zuviel „Vermaisung“, zuviel Agrarindustrie mit zuviel Artenschwund;
aber auch zuviel Monokultur im bewaldeten Teil der Baar: viel zu viele Fichten und…
– …für mein Empfinden viel zu wenig Naturnähe in unserer so vielgepriesenen sog. naturnahen Waldwirtschaft;
und neuerdings am Horizont auftauchend: immer mehr Windräder, immer mehr großtechnische Dominanz.
Alles in allem für meinen Geschmack jedenfalls: viel Bildstörung, viel Verunstaltung, viel Verarmung in dieser uralten Kulturlandschaft!
Da hat sich mir im Verlauf meiner Villinger und Donaueschinger Jahre immer häufiger die Frage aufgedrängt: Wie viel Restnatur, wie viel Naturschönheit braucht es überhaupt noch, um sich hier wirklich wohlfühlen zu können? Man mag das, gemessen an anderen noch weitaus unattraktiveren Gegenden, als ein Luxusproblem betrachten – und doch steht für mich fest: Eine an Naturerlebnissen reiche und damit vergleichsweise intakte und attraktive Kulturlandschaft ist ein kostbares und leider zusehends knapper werdendes Gut. Das Staunen über die Schönheit der Natur ist ein „Wohlfühlfaktor“ – nicht nur eine Labsal für die Psyche, sondern letztendlich vielleicht sogar ein auch wirtschaftlich ins Gewicht fallender Standortfaktor (wirksam gegen rückläufige Bevölkerungszahlen beispielsweise). Kurzum: der Unterhölzer Wald ist mir da, na ja, auch zu einer Art Einbürgerungshilfe geworden und ein bisschen wohl auch zum Seelentröster!
Was die Schönheit dieses Waldes anbetrifft, so habe ich mich hier schon immer an einen in der Forstbranche unvergessenen Klassiker erinnert gefühlt: an den schlesischen Freiherrn Heinrich von Salisch, seines Zeichens deutschkonservativer Reichstagsabgeordneter und Verfasser des 1885 erschienenen Buchs Forstästhetik, in welchem er seine „Waldschönheitslehre“ (leider vergeblich) auch als Unterrichtsfach für Forststudenten (damals gab es noch keine Forststudentinnen) einzuführen bemüht war. Ihn als Gewährsmann zitiere ich in meinem Buch mit dem womöglich schon ein bisschen verstaubt klingenden Satz:
„Je schöner der Wald, desto mehr Liebe wird er finden, desto bereitwilliger werden die gesetzgebenden Körperschaften dem Walde reiche Mittel zuwenden und die Bevölkerung wird den Wald lieben und ehren.“
Schönheit, Ästhetik eines Waldes, gar des Wirtschaftswaldes: Kann das heute, im Zeitalter der hochmechanisierten Holzernte und der knallharten Betriebswirtschaft auch in den Forstbetrieben, überhaupt noch ein Kriterium sein? Für den Unterhölzer scheint mir das Zitat des Freiherrn von Salisch derzeit jedenfalls durchaus noch aktuell zu sein. Denn apropos „reiche Mittel gesetzgebender Körperschaften“: Im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts Baar, das gerade sein Zehnjähriges feiert, fließen insgesamt 8,6 Mio Euro (davon 75 % vom Bund, 20 % vom Land, 5 % von den Projektträgern, den Landkreisen) in unsere Region, in dieses „Drehkreuz der Wildtierkorridore von nationaler Bedeutung“ – nicht zuletzt also auch in dessen „Filetstück“, in den Unterhölzer Wald – natürlich nicht nur wegen seiner Schönheit, sondern mehr noch wegen seines enormen ökologischen Werts.
Hute-Eiche
Aufgrund seiner langen Geschichte als „Hutewald“ (in den die Bauern der Umgebung einst ihr Vieh getrieben haben, um überleben zu können), aber vor allem als Hofjagdgebiet, das bis 1918 dem Fürstenhaus als 500 ha großer eingezäunter „Thiergarten“ diente und seit 1939 als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, hat sich etwas erhalten lassen, was hierzulande Seltenheitswert hat: Ein extensiv genutzter „Märchenwald“ aus uralten Eichen und Buchen. Damit auch ein einzigartiges Refugium für eine Vielfalt von Höhlenbrütern, holzbesiedelnden Pilzen und seltensten Flechtenarten, sogar von sog. „Urwaldreliktarten“ (Arten, die seit Urwaldzeiten nur in urwaldartigem Milieu überlebt haben können). Und für uns Baaremer obendrein ein Naherholungsgebiet, das Seinesgleichen sucht.
Märchenwald
Obwohl ich in meinem Buch auch manchen Zielkonflikt aufgegriffen habe, wollte ich mit ihm doch vor allem Freude am Natur- und Walderlebnis wecken! Dank Unterhölzer samt angrenzendem Birkenried und dem NSG Mittelmeß gibt es sie hier tatsächlich noch: die einst so vielgepriesene „herbe Schönheit“ der Baar. Sie gilt es, wie ich meine, in unserer urbanisierten, technisierten und digitalisierten Welt nicht nur zu erhalten, sondern auch weiter zu vermitteln: Der Unterhölzer Wald: für mich ein liebenswertes Stück einer fast noch barocken, noch durch und durch analogen Primärwelt – ein Stück Lebensqualität!
Weshalbich meinem Buch auch ein Motto vorangestellt habe, das ich mir von John Muir ausgeliehen habe, einem der Begründer der US-amerikanischen Naturschutzbewegung und Vater der Nationalparkidee:
Wir alle brauchen nicht nur Brot, sondern auch Schönheit, Orte zum Spielen und Beten, wo die Natur uns heilen und aufmuntern kann und unserem Körper und unserer Seele gleichermaßen Kraft verleihen kann.
Dass Eichen und Buchen so alt werden durften und überlebt haben, dass der Unterhölzer Wald heute nicht überwiegend aus Fichten besteht, ist vor allem der Jagdpassion und damit natürlich auch dem Prestigebedürfnis der Fürsten zu Fürstenberg zu verdanken. In deren Ahnengalerie war Fürst Joseph Wenzel wohl der allerpassionierteste Jäger, denn er ließ nahezu gleichzeitig drei Jagdschlösser errichten: eines auf der Länge, eines im Tal von Bachzimmern und eines im Unterhölzer.
Davon ist das Längeschloss allerdings bereits 1840 wieder abgerissen worden: wie es heißt wegen Baufälligkeit und weil es zeitweilig auch als Lazarett für Cholerakranke gedient hatte, wohl auch weil die Länge als Hofjagdgebiet etwas zu abgelegen war. So kommt es, dass hier jetzt halt leider nur noch die Schlossallee daran erinnert.
Bachzimmern hat eine sehr viel bewegtere Geschichte, zumal hier ja auch das F.F. Eisenwerk stand. Weil die Klagen der Untertanen über enorme Wildschäden überhand genommen hatten, war 1781 das gesamte Rotwild der Baar und des Baarschwarzwalds mit Hilfe von 7560 zur Jagdfron verpflichteten Untertanen in den dortigen 2000 ha umfassenden „Großen Thiergarten“ getrieben worden. Doch 1810 musste das Gehege aus Kostengründen aufgegeben werden (die Pfosten fürs Gehege waren allzu rasch vermorscht und auch der Fütterungsaufwand war zu teuer geworden); 100 (!) lebend wieder eingefangene Hirsche wurden in den auf 500 ha erweiterten „Kleinen Thiergarten“ des Unterhölzers umgesiedelt. Nun erst begann hier die große Zeit, wo sich bald alljährlich der Hochadel zur Jagd einfand. Auch nach dem Ende des Geheges 1918, verursacht durch zurückflutende hungrige württembergische Truppen, trifft man sich hier noch zur Fuchsjagd und zur allsommerlichen Rufjagd auf den brunftigen Rehbock – das Streckelegen vor dem Donaueschinger Schloss war bis unlängst noch das gesellschaftliche Highlight des Jahres.
Hochadel
Natürlich stellt sich einem als Ruhestandsförster da auch die Frage: Naturschutzgebiet und Hofjagd – wie passt das eigentlich zusammen – bei einem auch heute noch enormen Bestand von Dam-, Reh- und Schwarzwild, unter dem massiv die Waldverjüngung leidet? Schon zu Tiergarten-Zeiten, also seit 1780 mit Jagdschloss (dem bescheiden sog. „Jägerhaus“), mit Torhäusern, schnurgeraden „Gestellen“ (Chausseen), mit einer prächtigen Kulisse aus parkartig erwachsenen Baumoriginalen und viel jagdlicher Prominenz, schon damals hatte sich der Wald schwergetan, hatten die Schäden durch Verbiss, damals auch noch durch das Rindenschälen und Fegen des Rotwilds dramatische Formen angenommen. Nicht nur deswegen, sondern auch wegen genetischer Verarmung, wurde das Rotwild um die vorletzte Jahrhundertwende per Abschuss aus dem Gehege verbannt und stattdessen das Damwild umso mehr gehegt. Das feudale Jagdvergnügen hatte – und hat fraglos noch immer – einen hohen waldökologischen Preis. Auch durch noch so intensives Zufüttern des Wilds lässt sich keine nennenswerte Entlastung vom Verbissdruck erreichen.
In der ursprünglichen Schutzverordnung des NSG von 1939 war noch die Forderung enthalten, dass nach Maßgabe einer gemeinsam von der F.F. Forstverwaltung und der Naturschutzbehörde zu erstellenden Richtlinie nicht nur der „Naturwald“ zu erhalten sei (also auch für dessen Nachwuchs zu sorgen sei), sondern dass der vorwiegend aus Fichten bestehende „Wirtschaftswald“ in Mischwald umzubauen sei; diese Forderung ist 1969 in der erneuerten Schutzverordnung leider glatt unter den Tisch gefallen. Man hatte wohl beidseits (auf Seiten der Naturschutzbehörde wie des Eigentümers) kapituliert vor den Verbissschäden und den Verbissschutzkosten; womit den jagdlichen Interessen des Eigentümers eindeutig der Vorrang eingeräumt worden ist. Was seitdem der Besucher freilich als besonders reizvoll erlebt dank des lichten, parkartigen Charakters des Waldes (mit wenig Unterholz im Unterhölzer) und damit der Chance auf gelegentlichen Anblick von Wild; unterm Aspekt waldökologischer Nachhaltigkeit muss dieser Istzustand allerdings eher Besorgnis auslösen. Im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts wurde immerhin damit begonnen, zur Verjüngung der Eichen Kleinzäune zu errichten.
Unstrittig ist, dass die Erhaltung der alten Eichen und Buchen, des sog. „Naturwalds“, und die Verhinderung des noch rascheren Vordringens des Fichten-Wirtschaftswalds immer wieder auch den persönlichen Einsatz Seiner Durchlaucht erforderte. So geht es auch schon aus einem Bericht des F.F. Forstverwalters v. 6. 7. 1881 an die Domänenkammer hervor: Der Thiergarten ist z. Zt. ungefähr mit 2/3 Laubholz und bereits mit 1/3 Nadelholz bestockt. S. D. der Fürst haben das Verhältnis in jüngster Zeit bemerkt und uns beauftragt, der fürstlichen Domänenkanzlei zu berichten, dass mit dem Verjüngen der alten Laubholzbestände innerhalb des Thiergartens mit Nadelholz eingehalten werden solle, da sonst der Tiergarten den Charakter eines Wildparks verliere.
Es sollte in der Hofjagd eben auch weiterhin das von Alteichen und Altbuchen dominierte jagdliche Ambiente stimmen, so unverzichtbar ansonsten die um soviel profitablere Fichtenwirtschaft für die Haushaltslage des Fürstenhauses war und ist. Wobei sich freilich auch die Eichen im 19. Jahrhundert als Eisenbahnschwellen noch recht gut vermarkten ließen – und auch das sonstige Laubholz aus dem „Naturwald“ wird ja noch heute – zumindest extensiv – genutzt. Zumal Brennholz in Zeiten des Energiesparens und der explodierenden Kosten bekanntlich wieder sehr gesucht ist!
Der besondere Reiz des NSG Unterhölzer liegt nicht zuletzt auch im Nebeneinander von altem Laubmischwald und dem einst von den Pfohrenern abgetorften Niedermoor des Birkenrieds sowie dem Vogelparadies des Unterhölzer Weihers, dessen Aufstau zum Zweck der Fischerei bereits im Jahr 1499 erfolgt ist. Auch im Birkenried gedeihen extrem seltene Raritäten: so etwa das Eiszeitrelikt Strauchbirke oder die seltene Buschnelke. Hier kommt als größte Rarität der Blauschillernde Feuerfalter noch vor, aus der Vogelwelt das stark gefährdete Braunkehlchen (der Vogel des Jahres 2023) und das Schwarzkehlchen, sowie Korn- und Wiesenweihen. Ob es sich bei den Birken durchweg um die Moorbirke, den Baum des Jahres 2023, handelt, vermag ich leider nicht zu entscheiden. Denn selbst botanisch Beschlagenere tun sich schwer mit der Identifizierung je nach Behaarung der Blattunterseite, weil es überdies auch noch zur Bastardbildung zwischen Betula pendula und Betula pubscens kommt.
Hauptargument für die Kür der Moorbirke zum Baum des Jahres: Moore geraten derzeit ja auch immer mehr ins Zentrum des Klimaschutzes, weil sie in intaktem (d. h. vernässtem) Zustand mit Abstand das meiste Treibhausgas zu speichern vermögen. Weshalb 2014 ja auch eine Moorschutzkonzeption verkündet und mit reichlich Fördermitteln ausgestattet worden ist mit dem Hauptziel der Wiedervernässung trockengelegter Moore. Im Birkenried hat sich hierbei ein tüchtiger Helfershelfer eingefunden, der mithilfe seiner Dammbauten geradezu amphibische Landschaften zu schaffen in der Lage ist. So trägt der Biber nicht unwesentlich zum Kampf gegen die Klimaerwärmung „mit naturbasierten Mitteln“ bei. Er wird sich davon auch nicht durch die jüngsten Zuwanderer abhalten lassen, die hier erstmals nachgewiesenen Goldschakalfamilie. Auch der erste Wolf wurde ja 2016 am Unterhölzer gesichtet (daher „Drehkreuz“), damals noch freudig begrüßt durch Minister Hauk.
Klimaschutz
Dass auch der F.F. Wald als „CO2-Senke“ Klimaschutzleistungen erbringt, soll dem Waldbesucher mit einer orangefarbenen großen Acht gleich am Waldeingang in Erinnerung gebracht werden. Wer den QR-Code zu entschlüsseln vermag, der lernt, dass im Wald pro Jahr und Hektar mindestens 8 Tonnen des Treibhausgases gespeichert werden. Der Forstbetrieb Fürstenberg Forst GmbH ist damit erkennbar bemüht, auch die klimapolitische Leistung seines 18.000 ha großen Waldbesitzes gewinnbringend zu vermarkten, wie man erst kürzlich wieder in der Zeitung nachlesen konnte: Er scheint dabei allerdings nicht so sehr auf „naturbasierte Mittel“ zu setzen, also auf Wiedervernässung, Holzwachstum und Humusaufbau, sondern auf Technologie: Er plant neben den bereits bestehenden 6 Windrädern weitere 50(!)-WEA-Standorte in seinen Wäldern zu verpachten (bei einem Platzbedarf einer WEA von ca. 1 ha Wald sind das immerhin 56 WEA x 1 ha x 8 t = 446 t, die pro Jahr in der CO2-Senke Wald ungespeichert bleiben) – aber das wäre wieder ein anderes Vortragsthema.
Die Beiträge zur Energiewende und zum Klimaschutz waren sicher nicht primär der Auslöser für meine „Liebesbeziehung“. Eher war es wohl doch der Wildnischarakter – auch wenn die immer wieder geäußerte Ansicht der F.F. Förster wohl nicht ganz zutrifft, dass es sich beim Unterhölzer um die „Reste eines Urwalds“ aus der steinzeitlichen Eichenmischwaldzeit handeln müsse (als das Klima noch um einiges milder war als heute). Für mich ist es wohl vor allem der ästhetische Genuss, der mich immer wieder da hin zieht, der Anblick des Krummwüchsigen und Bizarren, im Frühjahr das frische Buchengrün, im Herbst die Verfärbung. Natürlich darf auch das Vogelkonzert nicht fehlen, das Hämmern und Kichern der Spechte oder der Geruch des Bärlauchs. Es ist die Gegenwelt zu unserem oft allzu grauen Alltag – wie geschaffen für unsere krisengebeutelte Gegenwartsgesellschaft!
Buchenschleimrüblinge
Nichts kennzeichnet den echten Urwald, aber auch die sich selbst überlassene Naturwaldzelle, das Waldreservat, eindeutiger, nichts taugt als Gradmesser für Naturnähe besser als die Fülle der Pilze an Strünken und Stämmen: In nichts unterscheiden sich reife (d. h. alte, unverkürzte) Waldökosysteme augenfälliger vom kurzlebigen Wirtschaftswald als in ihrer Pilzflora. Im „Naturwald“-Teil des Unterhölzers hat die über Jahrhunderte hinweg praktizierte nur extensive Nutzung der alten Buchen und Eichen dazu geführt, dass die Vielfalt baumbesiedelnder/holzabbauender Pilze und das Vorkommen echter Raritäten in Deutschlands Südwestecke ihresgleichen sucht. Wo sonst bekommt man sie noch zu Gesicht, die Stachelbärte, Schüpplinge, Rüblinge, Porlinge, Stäublinge, Mürblinge, Schwindlinge, deren botanisch korrekte Zuordnung mykologische Spezialkenntnisse erfordert. Ihr Kommen und Verschwinden je nach Baumart, Alter und Zerfallsgrad des Holzes, gar ihr unterirdisches Mykorrhiza-Geflecht – ein wahres Mysterium! Auch wenn manches an dem angeblichen Kommunikationssystem von Baum zu Baum über die Pilzfäden, auf Neudeutsch: dem „Wood Wide Web“, wohl allzu enthusiastisch interpretiert worden ist (s. Peter Wohlleben), wie kürzlich DER SPIEGEL unter der Überschrift „Hirngespinst unter dem Waldboden“ berichtet hat – unter Hinweis auf kanadische und US-amerikanische Forschungsergebnisse. Doch es bleibt ein Wunder: Wie konnten all die Pilzarten überhaupt überleben in unseren Kulturlandschaften mit den immer fragmentierteren (verinselteren) und auf Wirtschaftlichkeit getrimmten Wäldern?
Am häufigsten und am auffälligsten besiedeln die Zunderschwämme die Buchenstrünke, einst gesuchter Rohstoff der Zundelmacher, gelaugt und gewalkt nach streng gehüteten Verfahrensweisen, sodann schier universell verwendbar von Mützen (die sogar als Mittel gegen Kopfschmerz empfohlen wurden) über die Bekleidung, als Unterlage bei chirurgischen Bandagen bis zum Künstlerbedarf. In Todtnau gab es im 19. Jahrhundert sogar noch eine florierende Zunderindustrie (die die Schwämme allerdings bald aus den Balkanländern einführen musste). Nach Auskunft der Badischen Gewerbezeitung soll 1874 ein so gewaltiger Naturschwamm verarbeitet worden sein, dass daraus ein Talar für den Freiburger Erzbischof angefertigt werden konnte, nahtlos aus einem Stück!
Zunderschwämme
Die Pferdehuf-ähnlichen, knochenharten, oft Jahrzehnte alten Fruchtkörper mit ihrem stets horizontalen Wachstum, ob am stehenden oder liegenden Holz, ernähren Dutzende von Schwammkäferarten. In einer einzigen Vegetationsperiode wurden im Zuge des Naturschutzgroßprojekts Baar 165 „xylobionte“ (holzbewohnende) Käferarten im Unterhölzer nachgewiesen, darunter acht, die hohen Gefährdungsstufen der Roten Liste und den echten Urwaldreliktarten zugerechnet werden. Definitionsgemäß kommen diese nur eben dort noch vor, wo seit der nacheiszeitlichen Wiederbewaldung eine ungebrochene Lebensraumtradition anzunehmen ist, mit vielfältigen Strukturen und einem reichhaltigen Inventar von alten Bäumen, von Mulmhöhlen, von starkem stehenden und liegenden Totholz – Verhältnissen also, wie sie sonst allenfalls in Urwäldern noch anzutreffen sind.
Eine zentrale Rolle für den Nährstoffkreislauf wie für die Artenvielfalt kommt bekanntlich auch den Spechten zu: einmal beim Zerkleinern von Totholz, zum andern durch die Spechthöhlen und deren Nachmieter, ob Fledermäuse, Baummarder, Bilche, Hummeln, Wildbienen, Spinnen, Asseln, Würmer und sonstige Mulmbewohner. Zehn Fledermausarten wurden im Unterhölzer nachgewiesen, darunter die hochgradig vom Aussterben bedrohte Bechstein- und die Mopsfledermaus. Laubwälder mit hohem Alt- und Totholzanteil gelten als unersetzlicher Lebensraum für insgesamt 6.800 Tier- und 1.600 Pilzarten! Kein Wunder, dass sogar im Koalitionsvertrag der Ampel gefordert wird, alte Buchenwälder, soweit sie sich in öffentlichem Eigentum befinden, aus der Bewirtschaftung zu entlassen und zu schützen im Zuge der nationalen Biodiversitätsstrategie um den Artenschwund zu stoppen. Weltweit sollen sogar 30 % Schutzgebiete entstehen, so war ja kürzlich jedenfalls der Beschluss der Weltnaturschutzkonferenz in Montreal.
Eine weitere Besonderheit des Unterhölzers ist das Vorkommen von Wildobst, von Malus silvestris, dem Wild- oder Holzapfel, und Pirus pyraster, der Wild- oder Holzbirne. Beide Arten kommen auf der Baar noch vergleichsweise reinrassig vor, während kontinentweit sonst Hybridformen überwiegen. Das Fehlen konkurrierender Kultursorten scheint sich hier für den Artenerhalt geradezu als Glücksfall erwiesen zu haben. Weil Wildobst keine Kreuzungsbarrieren kennt und in den heutigen Kulturlandschaften extrem selten geworden ist, wurde die Wildbirne 1998, der Wildapfel 2013 jeweils zum Baum des Jahres gekürt, um die in Ihrer Existenz stark gefährdeten Baumarten wieder einmal ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken.
Einer, der das mit den fehlenden Kultursorten auf der Baar unbedingt ändern wollte, war der im Immendinger Schloss residierende Baron in fürstenbergischen Diensten Friedrich Roth von Schreckenstein, 1805 der Gründer des ältesten deutschen Geschichtsvereins, ein leidenschaftlicher Pomologe. In seinem ersten Vortrag vor dem Verein empfahl er eine Auswahl von 60 Obstsorten für die raue Baar – womit er freilich kläglich gescheitert ist, wie wir heute wissen – sehr zum Vorteil des Wildobstes. Dass es im Unterhölzer einst dem Wild zuliebe auch angepflanzt oder doch gefördert worden ist, liegt auf der Hand. Denn vor allem mit den kleinen Birnchen lassen sich Reh- und Damwild zielgenau herbeilocken (in der Jägersprache: „ankirren“). Die Wildapfelbäume auf der Königswiese inmitten des Unterhölzers zeugen noch heute von diesen Bemühungen, desgleichen eine Wildbirne in Schussweite vom Jagdschlösschen entfernt.
Damwild
Zu den auf der Baar natürlich vorkommenden Baumarten zählt zweifellos auch die Fichte, die als Nordländerin einst freilich vor allem die Moorränder besiedelt und erst ab dem Mittelalter dann mächtig zugelegt hat dank menschlicher Nachhilfe. Speziell in den F.F. Wäldern war die so profitable Fichte bald allgegenwärtig, so sehr, dass das Kürzel F.F. unter spöttischen Forstkollegen bald für Fichte Fichte stand (nach der uralten Försterweisheit Willst Du deinen Wald vernichten, pflanze Fichten nichts als Fichten). Von dieser Vorliebe sollte auch der Unterhölzer nicht ganz verschont bleiben, wie aus der Vogelperspektive leicht zu erkennen ist.
Kadaververjüngung der Fichte
Fichten im Vormarsch
Eine Spezialität der Fichte fällt einem im Unterhölzer besonders oft ins Auge: Ihre Fähigkeit zur „Kadaververjüngung“ (so der Försterslang), also sich auf dem Moder- oder Totholz abgängiger Buchen und Eichen anzusiedeln. Was bei starker Vergrasung und bei hohem Verbissdruck eine durchaus erfolgreiche Strategie sein kann, mit der die Fichte auch gern ganz von allein den Laubwald unterwandert.
Ein Unterschied bei der Fichtenwirtschaft innerhalb und außerhalb des Naturschutzgebiets ist nicht auszumachen (Großmaschineneinsatz, Maschinengassen alle 20 m). Die spannende Frage ist heute, wie lange die so flachwurzelnde, borkenkäfergefährdete Fichte im Trockenstress des Klimawandels durchhalten wird, ob nicht der „Brotbaum“ bereits dabei ist, sich zum „Katastrophenbaum“ zu verwandeln.
Weil aber mit Laubholz nun einmal nicht viel zu verdienen ist, kam F.F. auf die Idee, unter seinen Eichen und Buchen einen Friedwald anzulegen (wobei man ja bereits auf Erfahrungen mit etlichen weiteren Friedwäldern zurückgreifen konnte): Urnenbestattung im Wald als Wertschöpfung ganz ohne Notwendigkeit, im NSG Holz ernten und vermarkten zu müssen – eine wahre Win-win-Strategie! Allerdings scheiterte der Plan, wie es hieß, am Widerstand der örtlichen Geistlichkeit. Die Ersatzlösung: ein Tierfriedhof. Der fand dann sogar die Zustimmung der oberen Naturschutzbehörde.
Damit komme ich zum Schluss unseres bebilderten Ausflugs in den Unterhölzer zum Tag des Waldes: Schon im Vorwort meines 1978 im Auftrag des Stuttgarter Forstministers erschienenen Erstlings, des Bildtextbands Begegnung mit Bäumen, hatte ich als Gewährsmann für mein Anliegen den Baseler Biologen, Zoologen, Anthropologen und Naturphilosophen Adolf PORTMANN (1897 – 1982) zitiert. Dessen Botschaft will mir heute aktueller denn je erscheinen, weshalb ich sie auch ans Ende meines Unterhölzer-Buchs gesetzt habe und jetzt auch meinen Vortrag damit beenden möchte. Nehmen Sie das Zitat als Wort zum Tag des Waldes:
Unsere Welt wird in steigendem Maß beherrscht durch das von uns Erfundene, durch den Apparat. Der Rausch des Machens, des Apparateherstellens – auch der Zwang dazu wächst ständig. So wird denn – aber zu wenig beachtet – immer bedeutungsvoller die Aufgabe der Kompensation: Es gilt, den Blick auf das nicht von uns Geschaffene zu richten, auf das Entstandene, auf das Geheimnis der Schöpfung, das mit der wissenschaftlichen Einsicht nicht geringer, sondern größer wird. Es ist von größter Bedeutung, dass die ursprünglichen Quellen reich fließen, dass das unmittelbare Leben mit Menschen und Naturgestalten, mit Natureindrücken nicht von einer Scheinwelt verdrängt werde.
„You must shoot him in the mouth1“ – was für eine martialischer Tipp! Er hat sich mir offenbar unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt als Pointe eines der denkwürdigsten Erlebnisse einer Alaska-Reise im Frühsommer 1980. Dabei handelte sich keineswegs um den Ausspruch eines Waffenverrückten, sondern um den gutgemeinten Rat einer Einheimischen. Die Frau hatte uns, zwei Rucksacktouristen aus Germany, auf der Straße vom Flughafen der Insel zur Stadt Kodiak aufgelesen und in ihrem staubigen Pickup ein Stück weit mitgenommen. Als wir ihr von unserem Plan erzählten, die Insel erwandern zu wollen, übergab sie uns – zu unserer grenzenlosen Verblüffung – einen Revolver mitsamt Munition. Nicht einmal unsere Pässe wollte sie dafür einbehalten, so locker waren hier die Waffengesetze. Kodiak-Island sei nun einmal Bärenland, warnte sie uns, und das Wandern nicht ungefährlich, zumal wenn man dabei versehentlich eine Bärin mit Nachwuchs überraschen sollte. Wie kaltblütig muss einer sein, um ihr im Angriffsfall ins Maul zu zielen und abzudrücken?
Fast wie der Grizzly im Empfangsgebäude des Flughafens der Insel Kodiak, Alaska, (doch das Foto stammt aus den F.F.Sammlungen in Donaueschingen)
Grizzlybären sind allgegenwärtig auf Kodiak-Island: Schon bei der Ankunft werden Flugreisende von einem ausgestopften, gut dreieinhalb Meter hohen, drohend aufgerichteten Exemplar mit Riesenpranken empfangen, ist man doch stolz darauf, die größten Braunbären der Welt zu beheimaten.
Doch auch zuvor schon hatten wir auf unserer Reise mit Meister Petz Bekanntschaft gemacht. Leibhaftig freilich nur aus der Cessna-Vogelperspektive oder aus dem sicheren gelben Shuttle-Bus des Denali-Nationalparks heraus. Umso eindringlicher wurde in den Campgrounds von den Rangern gewarnt, wo die Bären doch eben jetzt, hungrig nach langem Winterschlaf, Jagd auf Elchkälber machten. Danger – recent bear activities, hieß es allenthalben auf Plakaten. Proviantvorräte solle man beim Zelten tunlichst außerhalb auf Bäumen unterbringen, und auch auf Parfüm würden Bären ansprechen. Was uns allerdings nicht daran gehindert hat, unser Zeltchen (erlaubtermaßen) auch fernab von Campingplätzen aufzuschlagen – etwa am wahrhaft wundervollen Wonder Lake mit Blick auf den vergletscherten Denali, den mit 6190 Metern höchsten Berg Nordamerikas, der damals offiziell noch Mount Mc-Kinley heißen durfte.
Doch nun auf Kodiak-Island waren wir obendrein auch noch für den Notwehrfall gewappnet. Und so bewegten wir uns wie Trapper durch unübersichtlichsten Weidengestrüpp, dabei folgsam laut plappernd und klappernd mit dem lose an den Rucksäcken befestigten Kochgeschirr. Weshalb sich kein Grizzly blicken ließ – geschweige denn, dass wir von der uns so großmütig überlassenen Schusswaffe hätten Gebrauch machen müssen. Die lieferten wir dankend wieder ab nach unserer Tour, und weil uns derweil ein Landregen aufgeweicht hatte, durften wir bei unserer Gönnerin auch noch Anoraks und Schlafsäcke trocknen lassen.
Was nicht alles in einem wieder hochsteigt, ausgelöst von der gegenwärtigen Bärendiskussion! Die Aufregung um den tragischen Fall des im Trentino von einer Bärin getöteten Joggers dürfte den großen Beutegreifern insgesamt, ob Luchs, Wolf oder Bär, erst recht deren Wiederansiedlungsprojekten einen Bärendienst geleistet haben. Kein Wunder, dass die öffentliche Debatte um die Konflikte mit diesen Spätheimkehrern immer hysterischere Formen annimmt. Bär und Wolf sind zum Politikum geworden.
Ob es wohl ein bisschen auch an meinem Vornamen liegt? Böser Wolf, niedlicher Petz: Bären haben mich von Kindheit an mehr fasziniert als Wölfe, beginnend mit dem Teddy Butz, der nacheinander von fünf Geschwistern so geliebt und zerknautscht worden war, dass er schließlich nicht einmal mehr brummen mochte, so heftig man auch seinen Bauch bearbeitete. Gefolgt von Old Shatterhands Bärentöter in meinen Indianerjahren und von erwachendem natur- und heimatkundlichem Interesse („Gab ́s denn im Bärental jemals Bären? Wann sind sie vollends ausgerottet worden im Schwarzwald?“), später dann die Fachexkursionen in die verbliebenen Bärenländer des Kontinents, in die Karpaten und in den Balkan. Wie lebte es sich in Slowenien zusammen mit allen drei großen Beutegreiferarten, und wie sind deren Auswirkungen auf Wald und Landwirtschaft? Was mögen die Städter in Siebenbürgen empfinden, wenn abends Bären die Mülltonnen kontrollieren und Wölfe am Stadtrand entlang patrouillieren?
Besonders denkwürdig aber dann der Sommer 2006, nicht nur wegen des „deutschen Sommermärchens“ anlässlich der Fußballweltmeisterschaft, mehr noch dank des Medienechos auf das Auftauchen von Bär „Bruno“ (mit wissenschaftlicher Bezeichnung JJ1) an der bayerisch-tirolerischen Grenze – 170 Jahre nachdem der letzte Bär in Deutschland erlegt worden war. Zunächst vom bayerischen Umweltminister Werner Schnappauf noch willkommen geheißen, wurde er von Ministerpräsident Edmund Stoiber alsbald zum „Problembären“ abgestempelt, nachdem er sich an etlichen Schafen, an Bienenständen und an einem Hühnerstall ausgetobt hatte. Am 24. Juni, nach wochenlangen vergeblichen Bemühungen (selbst von eigens eingeflogenen finnischen Bärenexperten mit ihren Hunden), ihn zu stellen und lebend einzufangen, wurde er endgültig zum Abschuss freigegeben und zwei Tage später schließlich auf der Kümpflalm erlegt. Seither befindet sich Bruno ausgestopft im Münchner Museum Mensch und Natur. „Problembär“ ist in der deutschen Umgangssprache derweil zum geflügelten Schimpfwort geworden.
IURKA, Brunos Mutter, im „Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald“
Erfolgreich eingefangen wurde wenig später Brunos Mutter IURKA ihrer Problembären-Gene wegen; sie verbringt ihren Lebensabend im „Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald“ nahe Bad Rippoldsau. Bei meinem Besuch im Jahr 2014 erschien sie mir recht apathisch, wie sie lustlos hinter einem Baum hockte und an der Rinde herumknabberte – traumatisiert?
Eigentlich gilt Bayern als „Bärenerwartungsland“, auch einen Managementplan hatte man erstellt, denn gespürt wurden Bären auch nach Brunos schmählichem Ende immer wieder einmal in der Grenzeregion zu Tirol. Damit sie gefahrlos die Autobahn überqueren können, ist da und dort sogar eine Wildtierbrücke für ihre Wanderungen von Slowenien nach Norden errichtet worden. Und dass es im Trentino, wohin man unlängst noch ein paar slowenische Bären zur Reproduktion der letzten dortigen Exemplare verschickt hatte, allmählich eng wird für die Population, war auch vor dem tödlichen Unfall bereits ein Thema. Diesen soll Brunos Schwester JJ4 verursacht haben, die wie ihre Mutter und ihr Bruder auch zuvor schon auffällig geworden sind.
Gefahrlose Autobahn-Überquerung für wandernde Bären in den Julischen Alpen
Seit April 2023 ist nun erneut der Bär wieder los in Oberbayern. Im Werdenfelser Land, auf einem beliebten Wanderweg zwischen Mittenwald und Hotel Schloss Elmau, zwischen Lauter- und Ferchensee, tappte einer in eine Fotofalle. Und weil gerade Landtagswahlkampf herrscht, trifft sich die Spitze von CSU und Freien Wählern mit den empörten Almbauern. Denn da waren ja auch schon wieder zwei Schafkadaver, wobei einstweilen noch unklar bleibt, wer sie gerissen hat, Bär oder Wolf. „Auf ihn mit Gebrüll“, überschrieb die Süddeutsche Zeitung (am 4. 5. 2023) ihren ganzseitigen Bericht über die aktuelle Stimmungslage. Zugunsten der Almwirtschaft sollen beide schon beim ersten Übergriff auf Nutztiere zu Problemwölfen bzw. Problembären erklärt und „entnommen“ werden, mögen sie nach deutschem und Brüsseler Naturschutzrecht noch so streng geschützt sein. Mit Angst lässt sich Politik machen, zumal in Wahlkampfzeiten. Flugs zimmerte die bayerische Staatsregierung eine neue Wolfsverordnung, die den Abschuss von auffälligen Wölfen erleichtern soll. Dagegen läuft bereits eine Normenkontrollklage des Naturschutzbundes.
Was für ein Segen, dass im Schwarzwald nicht auch noch mit Bären-Migranten zu rechnen ist. Die erwartete Rudelbildung der Wölfe schafft Feindbilder genug. Mag Lebensgefahr durch Wölfe (wenn schon nicht durch Bären) noch so unwahrscheinlich sein: sie wird bereits heftig beschworen. Seine Tochter wage es nicht mehr, allein durch den Wald zu joggen, klagte schon vor ein paar Jahren ein gestandener Schwarzwälder Höhenlandwirt anlässlich einer höchst turbulent verlaufenden Informationsveranstaltung zum Thema Wolf. Unterdessen wird fleißig plakatiert in der touristischen Vorzeigelandschaft. Bei allem Verständnis für die Sorgen der Nutztierhalter: Ängste in der Bevölkerung sind fehl am Platz, doch sie lassen sich bekanntlich auch künstlich erzeugen. Rotkäppchen lässt grüßen – der allerletzte Schwarzwaldbär soll ja bereits anno 1740 in den Wäldern um Wolfach erlegt worden sein. Belassen wir es einstweilen beim dortigen Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald.
Egal wie man in den Wald hinein ruft und wie es auch wieder heraus schallt: Es sind vorwiegend Hiobsbotschaften, die sich derzeit förmlich zu überschlagen scheinen. Der jüngste Waldzustandsbericht des Landes, gefertigt von der Freiburger Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt FVA, vermeldet den schüttersten Benadelungs- und Belaubungszustand der Bäume seit 1985 – seit dem Horror der Waldsterbensjahre. Vier von fünf Bäumen sind krank, verkündete auch für die Bundesregierung Minister Cem Özdemir – pünktlich zum Frühlingsanfang, dem Internationalen Tag des Waldes 2023. Längst zirkuliert in den Medien der Begriff „Waldsterben 2.0“, als wären die „neuartigen Waldschäden“ nicht schon vor zwei Jahrzehnten von der grünen Umweltministerin Renate Künast (ausgerechnet im „Jahrhundertsommer 2003“) für beendet erklärt worden. Hatte man damals nicht der Automobilindustrie den Katalysator abgetrotzt und mit der Großfeuerungsanlagenverordnung die Entschwefelung vorangetrieben? Jetzt aber sollte sich das Jahr 2022 als das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen herausstellen, als Rekordjahr einer ganzen Serie von trockenheißen Sommern; sie allesamt haben nicht nur dem Wald zugesetzt, sondern wohl auch die letzten Zweifler überzeugt von der Realität des Klimawandels.
Im Wald herrschen seither geradezu superoptimale Voraussetzungen für die Massenvermehrung von Waldschädlingen, insbesondere der Fichtenborkenkäfer. Doch selbst die als vergleichsweise klimahart geltende Weißtanne leidet zunehmend unterm Trockenstress und unter den Angriffen von Tannenborkenkäfern, die zuvor kaum jemals mit forstwirtschaftlich fühlbaren Auswirkungen in Erscheinung getreten waren.
Dürre- und Borkenkäferschäden sogar bei den Weißtannen
Noch schlimmer steht es um die Esche, die „bereits dem Untergang geweiht“ ist, wie der Schwarzwälder Bote zum Jahresausklang 2022 seinen Bericht über die Pressemitteilung des Stuttgarter Forstministeriums zum Thema Eschentriebsterben überschrieben hat. Verursacher der Krankheit ist diesmal freilich nicht der Klimawandel, sondern die Globalisierung: ein aus Fernost eingeschleppter Pilz mit dem so possierlich klingenden Namen Falsches Weißes Stengelbecherchen. Ebenfalls durch einen aggressiven Pilz, der in anderen Bundesländern bereits zum Absterben ganzer Bestände geführt habe, sei die als trockenheitstolerant geltende und als Ersatzbaumart für die so anfällige Fichte ausersehene Douglasie bedroht, so wird der Forstminister zitiert.
Wahrlich düstere Aussichten also, auch für den zu 45 % seiner Fläche bewaldeten Quellenlandkreis mit seinem hohen Fichtenanteil. Immerhin blieb man hier bisher, anders als nach den „Jahrhundertorkanen“ kurz vor der Jahrtausendwende, von größeren Schadensflächen verschont, wie sie derzeit vor allem in der Vorbergzone und im Hotzenwald beklagt werden, erst recht im Sauerland oder im Harz. Freilich zeichnet sich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis, im Regenschatten des Schwarzwalds, bereits ab, dass angesichts der Häufung von Dürreperioden der Wasserhaushalt zum eigentlichen Engpass wird – nicht nur für den Wald. Umso vordringlicher wird der Waldumbau mit dem Ziel widerstandsfähigerer Mischwälder, also auch unter Beteiligung von winterkahlen Baumarten wie der Buche zur besseren Nutzung der Winterniederschläge. Allemal muss die Wasseraufnahme- und die Wasserrückhaltefähigkeit verbessert werden. Dann taugen die Wälder auch verlässlicher als CO2-Speicher, denn wann immer es zu flächigen Dürre-, Sturm- und Käferschäden, gar zu Waldbränden kommt, verkehrt sich ihre Kohlenstoff-Bilanz ins krasse Gegenteil, werden klimaschädliche Gase emittiert statt gespeichert.
Der Name Baar, heißt es, stamme aus dem Keltischen und bedeute nichts anderes als „Sumpf- und Quellenland“. Weil intakte (sprich: unentwässerte) Moore noch weitaus mehr Kohlendioxid zu speichern vermögen als die Wälder, stehen Moorschutzprogramme neuerdings umso mehr im Zentrum des (naturgebundenen) Klimaschutzes. Die Wiedervernässung trockengelegter Hoch- oder Niedermoore, nicht zuletzt auch die Wiederherstellung all der „Waldmöser“ des Baarschwarzwalds, die in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten mit ausgedehnten Grabensystemen entwässert („melioriert“) worden waren, könnte daher alsbald zum neuen Pflichtprogramm der Forstwirtschaft werden. Zur Einstimmung in die Thematik ist schon einmal die Moorbirke zum „Baum des Jahres 2023“ gekürt worden. Als Helfershelfer bei den Wiedervernässungsvorhaben macht sich derweil vielerorts ein Neubürger verdient: der Biber mit seinen Dammbauten.
Klimaschutz durch Wiedervernässung der Moore
Erfolgreicher Waldumbau setzt „angepasste“ Wildbestände voraus. Um die Frage abzuklären, inwieweit eine konsequente Regulierung des Reh- und Rotwildbestands dazu beiträgt, die zukünftigen Wälder vielfältiger und widerstandsfähiger („resilienter“) zu machen, haben die beiden großen Waldbesitzer des Landkreises, die Stadt Villingen-Schwenningen und der Fürst zu Fürstenberg, an einem bundesweiten Forschungsprojekt (dem BioWild-Projekt 2015-2021) teilgenommen. Dessen Ergebnisse sind am 25. April 2023 im Villinger Theater am Ring der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Nun soll das Projekt mit fünfjähriger Laufzeit bis 2027 fortgesetzt werden. Dass man auch im Schwarzwald-Baar-Kreis noch vielerorts weit davon entfernt ist, den Wildbestand so zu bejagen, wie es jagdgesetzlich gefordert wird und wie es aufwändigen Verbissschutz erübrigen soll, um die heimischen Hauptbaumarten einzubringen, das zeigen die vielen Plastikwuchshüllen, die allenthalben den Wald verunzieren: Manchenorts ähneln Kulturflächen inzwischen Soldatenfriedhöfen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs.
Waldumbau mit Plastikschutzhüllen
Dass neuerdings auch die großen Beutegreifer wieder mitmischen im Ökosystem Wald, ist ein Thema mit besonderem Sprengstoff, zumal wenn (wie im bayerischen Wahlkampf) sogar der Bär wieder mit ins Spiel gebracht wird. Dessen Rückkehr ist bei uns zwar rundweg auszuschließen, nachdem der Letzte seiner Art im Kreisgebiet ja bereits 1565 (im Krumpenloch bei Hammereisenbach) erlegt worden ist. Umso heftiger wird im Schwarzwald über die erwartete Rudelbildung der einwanderten Wölfe diskutiert – nicht nur unter den Nutztierhaltern, sondern auch unter überbesorgten Normalbürgern, die beim Waldspaziergang um Leib und Leben bangen. Der Tod des Joggers im italienischen Trentino hat die Raubtiere allesamt wieder stärker ins Gespräch gebracht, wobei die Mehrheit der Bevölkerung einer jüngsten Umfrage zufolge ihre Wiederkehr noch immer begrüßt. Das Schicksal Brunos, das behördlich angeordnete Ende des „Problembären“ anno 2006 auf der bayerischen Kümpflalm, dürfte auch im Schwarzwald unvergessen bleiben – zumal, wann immer sich ein Landespolitiker öffentlichkeitswirksam für den Abschuss von „Problemwölfen“ einsetzt.
Zu allem hin hatte im Oktober 2022 das Stuttgarter Umweltministerium in einer Pressemitteilung eine Aufsehen erregende „Uraufführung“ gemeldet: Erstmals in Deutschland hatte eine Wildkamera im Kreisgebiet (am Unterhölzer Wald) ein Goldschakal-Paar mit Welpen dokumentiert. Jetzt also offensichtlich auch noch Zuwanderer aus Südost (Balkan, Vorderer Orient), von denen bislang noch kaum jemand Notiz genommen hatte. War ihr plötzliches Auftauchen etwa schon auf den Klimawandel zurückzuführen – und würden aus den ariden Zonen des Planeten nächstens womöglich auch Hyänen und Gazellen einwandern? Kein Wunder, dass derweil der Unmut unter den Schwarzwälder Viehhaltern wächst – auch wenn nennenswerte Schäden durch den Goldschakal aufgrund seiner eher bescheidenen Größe (zwischen Fuchs und Wolf) sowie seiner Vorliebe für Kleintiere und Vegetarisches wohl auszuschließen sind.
Plakatierung im Wald
Goldschakal (Foto FVA)
Umso überraschender kam für die Öffentlichkeit ein Startschuss, den Forstminister Peter Hauk am 3. März 2023 im Stuttgarter Waldhaus gab: „Heute startet das Projekt Luchs in Baden-Württemberg zur Stützung der baden-württembergischen und mitteleuropäischen Luchspopulation“, so steht es schwarz auf weiß als Überschrift über der Pressemitteilung Nr. 75/2023 des MLR. Die Notwendigkeit einer Bestandesstützung wird damit begründet, dass die seit Jahrzehnten immer wieder zuwandernden und heimisch gewordenen (männlichen) Luchskuder nach Ansicht der Experten keinerlei Chancen haben, sich hierzulande auch fortzupflanzen. Denn weibliche Luchse, ob aus dem benachbarten Schweizer Jura oder aus dem Pfälzer Wald, haben sich als weitaus weniger wanderfreudig erwiesen, sodass menschliche Nachhilfe unumgänglich ist, wenn die mitteleuropäische Metapopulation sich stabilisieren soll; die zentral gelegenen Trittsteine Baden-Württembergs seien hierfür unverzichtbar. Lang genug hatte man die Devise ausgegeben, es solle abgewartet werden bis die Luchsinnen von allein einwandern.
Der Luchs – für Tourismusregionen ein erhoffter Sympathie- und Werbeträger also, der schon seit Jahrzehnten auf leisen Pfoten durch den Schwarzwald wie durch die Medien geistert. Das Projekt war bereits 2021 im grün-schwarzen Koalitionsvertrag angekündigt worden, dem Erneuerungsvertrag für Baden-Württemberg: „Wir werden in enger Zusammenarbeit mit allen betroffenen Akteuren“, heißt es da, „die Chancen für die Rückkehr des Luchses durch ein Programm zur Bestandsstützung verbessern.“ Mit „betroffenen Akteuren“ gemeint sind vorneweg Jäger und Bauern (nebst den Naturschutzverbänden), die das Ministerium für den ländlichen Raum (MLR) bereits seit 2004 an einen runden Tisch einlädt: zur Arbeitsgruppe AG Luchs, geleitet durch die Freiburger Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt und die dortigen Spezialisten des Instituts für Wildökologie, denen das Wildtiermanagement wie auch das Luchs-Monitoring obliegt.
Erstmals war das Thema Luchs 1986 im Schwarzwald-Baar-Kreis aufgekommen: Weil durch den Kernkraft-GAU von Tschernobyl auch hier das Wildbret verstrahlt war, musste befürchtet werden, dass bei nachlassender Bejagung die Verbissschäden im Wald überhand nehmen könnten. Sollten daher nicht vielleicht doch die natürlichen Regulatoren von Pflanzenfresserbeständen, der Winter (durch Einstellung der Fütterung) und der Fressfeind Luchs, reaktiviert werden? Nachdem sich das zuständige Stuttgarter Ministerium in Beantwortung einer Kleinen Anfrage (des SPD-Abgeordneten Redling aus Mönchweiler) überraschend positiv zu diesem Lösungsansatz geäußert hatte, wurde in einer Hütte im Staatswalddistrikt Mailänder, assistiert von Luchsexperten aus der Schweiz, aus Frankreich und aus Bayern, ein Luchs-Wiederansiedlungsprojekt ausgeheckt. Dieses trug man sodann der Vorstandschaft des Landesjagdverbands vor, die mehrheitlich ihre Zustimmung signalisierte.
Es darf als besondere Pointe jener Initiative festgehalten werden, dass exakt vor hundert Jahren ebenfalls hier, im nämlichen Hintervillinger Wald, der allerletzte Luchs des Landes erlegt worden war, wie einer Meldung der Schwarzwälder Zeitungvom 20. Dezember 1922 zu entnehmen ist:
Villingen, 19. Dez. Bei einem kürzlichen Treibjagen wurde auf Gemarkung Kappel ein Luchs weiblichen Geschlechts geschossen. Das in Deutschland jetzt nur noch äußerst selten vorkommende Raubtier hatte eine Gesamtlänge vom Kopf bis zu Schwanzspitze von 1,30 Meter, es war also ein ganz respektables Tier. Pächter der Jagd auf Gemarkung Kappel ist Herr Jean Weis-Königsfeld, der somit auch Eigentümer des erlegten Raubtiers ist. – Der letzte Luchs wurde im Harz im Jahre 1817 geschossen, in der Schweiz 1873.
Gut Ding braucht Weile, und es sollten noch über drei Jahrzehnte heftigen Gezänks mit Jägern und Landwirten vergehen, ehe das Projekt nun doch noch (in abgespeckter Form) gestartet werden konnte. Im Zeichen des weltweiten Artenschwunds und der Klimakrise ist damit ein positives Signal gesetzt worden.
Besenderung eines Luchses (Foto: FVA)
In Krisenzeiten wächst die Wertschätzung des Waldes als Ort der Erholung, der Erhaltung physischer und psychischer Gesundheit: Coronapandemie, die Schreckenberichte aus Putins Krieg, die Drohungen mit nuklearen Schlägen wie auch alle weiteren Zumutungen und Überforderungen der Gegenwart haben offenbar wieder mehr Menschen Ablenkung und Trost in der grünen Waldnatur suchen lassen. Zufolge einer neuen Sinus-Studie, in welcher u. a. nach der „Lieblingsbeschäftigung regelmäßiger Waldgänger*innen“ gefragt worden war, wurden zwei Motive mit Abstand am häufigsten angekreuzt: 81 % Spazieren/Wandern gehen und 49 % Die Natur genießen, „Waldbaden“ – fürwahr ein starkes Votum für die „Erholungs- und Sozialfunktion“ des Waldes! Weshalb denn auch der „Tag des Waldes 2023“ unter dem Motto „Wälder und Gesundheit“ stand.
Zugleich sollen die Wälder nun aber auch – so will es der Erneuerungsvertrag für Baden-Württemberg – für die Energiewende stärker in Anspruch genommen werden: Nicht nur zur nachhaltigen Lieferung von CO2-neutralem Brennholz, von Hackschnitzeln und Pellets, sondern insbesondere auch als Standort von Windenergieanlagen. Eintausend Windräder soll allein der Staatswald des Landes verkraften – für Waldfreunde mitunter eine verstörende Aussicht, eher Hiobs- als Frohbotschaft. So bleibt zu hoffen, dass es auch in Zukunft gelingen möge, all den neuen Anforderungen an den Wald leidlich gerecht zu werden.
Moos genießt gemeinhin die ungeteilte Sympathie der Waldbesucher – denn was wäre schon ein Wald ohne seine schwellenden Moospolster! Zumal bemooste Stammverhaue gehören zu den unverzichtbaren Requisiten naturnaher Wälder, allemal der Schluchtwälder. Und auch die unterm Moosbehang halberstickten Nadelbäumchen am Bachufer passen ja wohl mit dazu; niemand käme auf die Idee, es könnte sich bei ihrem Darben um ein morbides Symptom der Klimakrise handeln. Wo wir uns die Konfrontation mit dieser Zeiterscheinung auf unserer Schluchtwanderung doch ohnehin möglichst ersparen wollten.
Moosbehang im Schluchtwald an der Gauchach
Freilich wurde ich (schon vor über einem Jahrzehnt am Rande einer waldkundlichen Vortragsveranstaltung in Baiersbronn) auch auf eine ganz andere, ja offensichtlich bedrohliche „Vermoosung“ von jungen Tannen- und Fichten aufmerksam gemacht. Ein bäuerlicher Waldbesitzer hatte mich bestürmt, ich müsse unbedingt noch einen Blick in seinen Wald werfen, wo es neuerdings zu gravierenden Umweltschäden gekommen sei. Und tatsächlich: in seinem Waldstück in einem Seitental der Murg zeigte sich die junge Tannengeneration unterm Schirm des Altbestands gespensterhaft bemoost. Fast kam ich mir vor, als befände ich mich im Regenwald an der amerikanischen Westküste – was war hier los?
Gespensterwald
Da und dort war der Jungwald offenbar bereits erstickt und zusammengebrochen, sodass der Hilferuf des Waldeigentümers umso verständlicher erschien. Ein Übermaß an Luftfeuchte und Niederschlag durfte hier ja wohl nicht als Ursache in Frage kommen, war doch der „Jahrhundertsommer 2003“ mit seinen Rekordtemperaturen noch in lebhafter Erinnerung – jenes denkwürdige Jahr, in dem die grüne Umweltministerin Renate Künast das Waldsterben endgültig für beendet erklärt hatte. Oder waren am plötzlichen Mooswachstum nicht vielleicht doch auch wieder Stoffeinträge verantwortlich, etwa die Stickstoffdusche aus Landwirtschaft und Verkehr, die am Humus zehrte? Grund genug also, das Rätsel mit der Kamera festzuhalten und dem Waldbesitzer zu versichern, man werde sich schlau machen bei den Experten der Freiburger Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt FVA. Erst einmal solle er doch seinen Wald per Holzhieb ein bisschen durchlüften, so lautete meine Empfehlung zum Abschluss des Begangs.
Waldbauliches Desaster
Leider habe ich nicht Wort gehalten: das Rätsel blieb ungelöst. Denn in der Folge hatten andere Waldthemen die Oberhand gewonnen: Borkenkäfer- und Dürreschäden (selbst an der vermeintlich klimaharten Weißtanne) und Waldbrände bislang unbekannten Ausmaßes, auch katastrophale Starkniederschläge und zu allem hin eine sich zunehmend verschärfende Diskussion um eine zeitgemäßere Prioritätenliste der vom Wald zu erbringenden Leistungen in den Zeiten des galoppierenden Klimawandels.
Da meldete sich kürzlich unverhofft ein befreundeter Forstkollege i. R. aus dem mittleren Schwarzwald, der berichtete, die Elztäler Tannenjugend leide unter zunehmendem Moosbewuchs. Da müsse doch wohl die Wissenschaft alarmiert werden, um die Ursachen des spektakulären Vorgangs zu erforschen und nach Abhilfemaßnahmen zu fahnden. Für mich Grund genug jedenfalls, mich des Baiersbronner Waldbesuchs zu erinnern und mich eilends im heimischen Wald auf der Baar umzusehen. Am besten ja wohl da, wo in jüngerer Zeit keine forstwirtschaftlichen Eingriffe mehr erfolgt waren: im tannenreichen Bannwald „Haldenwald“ östlich der A 81 auf Gemarkung Tuningen. Hatte sich auch auf den nährstoffreichen Tonlehmstandorten des Braunjuras etwas verändert, wo das Waldwachstum Höchstleistungen zu erbringen verspricht? Und siehe da, auch hier ist in den Dickungen die Zunahme des Moosbewuchses nicht zu übersehen. Könnte es sein, dass das durch die Trockenheit stark gedrosselte Wachstum der zurückliegenden Jahre den Moosbehang der Zweige gefördert hat, nicht anders als massierter Flechtenbewuchs am absterbenden Holz? Derweil zeigen sich die 200jährigen Alttannen in einem Ausmaß vom Tannenborkenkäfer befallen, wie es die Forstentomologen wohl noch kaum jemals beschrieben haben. Denn selbst den Tannen, den Tiefwurzlern unter den Nadelbäumen, dürfte es nach den Jahren der Trockenheit nicht mehr gelungen sein, Wasser aus den steinhart verbackenen Braunjura- Tonlehmen in die Kronen hoch zu pumpen.
Moosiger Bannwald
Bannwälder haben vorrangig der Forschung zu dienen, und so finden sich unterdessen auch im Haldenwald allerlei Markierungen von Beobachtungs- und Kontrollpunkten. Wenn überhaupt irgendwo, so müssten sich aktuelle Veränderungen der Vegetation und des Baumwachstums in den Waldschutzgebieten des Landes bemerkbar machen und dokumentiert werden. Ob da demnächst wohl auch was an die nichtforstliche Öffentlichkeit dringen wird?
Die Waldoffizianten werden aufgefordert, die Waldungen auf Ansteckung der Rot- und Weißtannen von dergleichen schädlichen Borkenkäfern zu beobachten. Kennzeichen besonders wenn an der Rinde der Stämme und Äste kleine Löcher wie von Stricknadeln wahrgenommen werden, an welchen nicht selten Harztropfen oder Wurmmehl zu erkennen sind. (Erlass des württembergischen Herzogs Friedrich II. aus dem Jahr 1801 mit Verhaltensmaßregeln nach Sturmschäden und nachfolgender Hitze gegen die Massenvermehrung von Borkenkäfern, Generallandesarchiv 100/52).
Das Wüten der Borkenkäfer und die durch sie verursachten wirtschaftlichen Schäden hat die für den Wald Verantwortlichen nicht erst seit gestern in Angst und Schrecken versetzt: Es habe „in den Tannenwaldungen verschiedener Gegenden Deutschlands“ große Verheerungen gegeben, schreibt anno1801 Herzog Friedrich II. (nachmals König Friedrich I. von Napoleons Gnaden) in seinem obigen Erlass, „als Folge auffallend anhaltender trocken-warmer Witterung im Vorjahr oder von heftigen Windstürmen im vorhergehenden Spät- und Frühjahr“. Bemerkenswerterweise warnte er vor der Ansteckungsgefahr nicht nur bei Rottannen (Fichten), sondern auch bei Weißtannen. Eine Sorge, die man bei letzterer bis unlängst noch für stark übertrieben halten durfte, womöglich als Ausfluss unzureichender entomologischer und ökologischer Kenntnisse im frühen 19. Jahrhundert.
Klimadenkmal
Doch eben jenes Bedrohungsszenario will uns neuerdings wieder einholen, nachdem die beiden extremen Trockenjahre 2018/19 mit ihren Hitzerekorden die Schadholzmengen auch bei der Weißtanne plötzlich hinaufschnellen ließen, mit Schadensschwerpunkten vor allem am westlichen Schwarzwaldrand, aber auch insgesamt an südexponierten Hängen. Die Schadbilder an der Weißtanne sind so ungewohnt und so spektakulär, dass sich die für den Staatswald zwischen Freiburg und Villingen zuständigen „Waldoffizianten“ (Amtsträger) des 2019 neu gebildeten Forstbezirks Hochschwarzwald dazu entschlossen haben, eine besonders stark geschädigte Tannenfläche von 6 ha nicht vom Schadholz zu räumen, sondern als Mahnmal stehen zu lassen. Worüber die Badische Zeitung (v. 5. 3. 2020) einen ganzseitigen Bericht verfasst hat unter der Überschrift „Tote Tannen als Klimadenkmal“. Ein Foto zeigt kupferrot benadelte absterbende Alttannen in Mischung mit einzelnen Buchen über noch grünem Tannennachwuchs, ein zweites Foto eines rotringigen Baumschwammes weist die rasch einsetzende Holzentwertung hin. Die Fläche befindet sich in ca. 700 m Meereshöhe auf einem flachgründigen Südosthang unweit des Kybfelsens, eines 837 m hohen, einst burggekrönten Aussichtsbergs zwischen den Freiburger Stadtteilen Günterstal und Kappel.
Hätte das „Klimadenkmal“ aus roten Käferfichten bestanden, wäre es der Badischen Zeitung mit Sicherheit keinen Beitrag wert gewesen. Denn dass die Baumart Fichte im Zuge des Klimawandels zusehends in Not gerät, dass die Fichtenborkenkäfer außer Rand und Band zu geraten drohen, hatte schon seit den Jahren des Waldsterbens, spätestens seit dem „Jahrhundertsommer 2003“ jeden journalistischen Neuigkeitswert verloren. An den Anblick selbst großflächig abgestorbener Fichtenbestände hatte man sich nicht nur im Harz, sondern auch im Schwarzwald leidlich gewöhnt, zumal in Bannwäldern und in den Kernzonen von Nationalparks und Biosphärenreservaten. Demgegenüber galt die tiefwurzelnde Weißtanne stets, nachdem sie in den 1980er Jahren sogar den sauren Regen überstanden hatte, als vergleichsweise sturmfest und „klimahart“, kurzum: als „Hoffnungsträger“ und probater Ersatz, sollte der „Brotbaum Fichte“ im Zuge des Klimawandels ausfallen.
Umso bedrohlicher jetzt also die Meldungen über Schäden an den Weißtannen, die selbst altgediente Tannenpraktiker nicht in dieser Massierung erwartet hatten. Während die Bekämpfung der Fichtenborkenkäfer im Arbeitskalender der Förster zur alljährlichen Routine gehört, schienen Massenvermehrungen von Tannenborkenkäfern kein Thema zu sein; präventive Maßnahmen schienen sich da zu erübrigen. Allenfalls Querdenker und Pedanten unter den Forstleuten drangen nach Hiebsmaßnahmen in Tannenbeständen noch darauf, Wipfel und Starkäste der gefällten Tannen zusammenziehen und verbrennen zu lassen, um den Tannenborkenkäfern so das bruttaugliche Material zu entziehen.
Befallen vom Krummzähnigen Tannenborkenkäfer
Gewiss, während des Forststudiums und speziell vor den Prüfungen im Fach Forstschutz hatte man einst auch die Namen und Fraßbilder der Tannenborkenkäfer gepaukt (Ips curvidens, Ips spinidens und Ips voronzovi), jener Dreierbande von Krummzähnigen, die mit der Lupe an ihrem gezahnten Flügeldeckelabsturz zu identifizieren waren und zum bevorzugten Fragenrepertoire des Freiburger Forstzoologieprofessors Dr. Dr. Gustav Wellenstein gehörten. Hatte der doch in den trockenheißen Nachkriegsjahren noch an vorderster Front mit Arsen, E 605, HCH und DDT gegen die Borkenkäfer gekämpft. In Erinnerung geblieben waren nach den „Franzosenhieben“, nach Winterstürmen und nachfolgender Sommerhitze vor allem die Schäden in den Fichtenwäldern, verursacht von Ips typographus, dem gefürchteten Buchdrucker, während allfällige Tannenschäden mangels Masse und Fläche weithin in Vergessenheit geraten waren.
„Die wenigen Tannenbestände Mitteleuropas“, so pflegte der Professor in seinen Vorlesungen zu warnen, „werden durch die Tannenborkenkäfer periodisch bedroht. Meist treten diese Schädlinge als Folge einer Schwächung der Tanne durch abnorme Trockenheit auf und gefährden besonders die außerhalb des optimalen Verbreitungsgebiets stockenden Bestände.“ Im Gegensatz zum Buchdrucker würden die Krummzähnigen Tannenborkenkäfer freilich selbst bei fortgeschrittener Massenvermehrung keine großflächigen, sondern eher nesterförmige Schäden verursachen; sie könnten durchaus als Primärschädlinge auch gesunde Bäume befallen, vorzugsweise zwar alte Tannen, doch müsse selbst mit dem Angriff auf jüngere Altersklassen „bis hinunter zum 20jährigen Baum“ gerechnet werden. Als Forstbezirke mit namhaften Tannenschäden galten in den Nachkriegsjahren Baden-Baden und Huchenfeld, beide am Schwarzwaldrand gelegen.
Dass derweil in der benachbarten Schweiz in jenen trockenheißen Jahren sehr viel dramatischere Tannenschäden zu beklagen waren, ist hierzulande – umständehalber – kaum wahrgenommen worden: Insgesamt waren 236.000 Festmeter Tannenholz angefallen, vor allem im Mittelland und im Jura. Größere Schadflächen seien jedoch nur auf Standorten entstanden, heißt es in den eidgenössischen Berichten, auf denen die Tanne nicht standortstauglich sei, vornehmlich auf flachgründigen Kalkverwitterungsböden in Sommerhanglage sowie in Reinbeständen ohne die tannentypische Stufigkeit und Mischung. Die gute Botschaft der Schweizer Forstleute: Wo die Weißtanne standortsgemäß sei, habe sie dem Angriff erfolgreich Widerstand leisten können.
In Bayern, wo die Weißtanne nur noch auf einen Flächenanteil von 2 Prozent kommt, hatte das Forstministerium nach dem Jahrhundertsommer 2003 (in LWF aktuell 43/2004) dem Krummzähnigen Tannenborkenkäfer ein Merkblatt gewidmet. Sein Ruf sei nicht viel besser als der des Buchdruckers, heißt es darin. Dennoch sei „ein vergleichbar massives Auftreten der Tannenborkenkäfer wie damals in der Schweiz … zum jetzigen Zeitpunkt wohl nicht zu erwarten. Sowohl Bestandesaufbau als auch Standort der meisten bayerischen Tannenbestände lassen vermuten, dass unsere Tannen einem solchen Schädling auch nach Trockenjahren gewappnet sein werden.“ Umso besorgter klingt indessen eine Überschrift in LWF aktuell 118/2018: „Tannenborkenkäfer befallen Douglasien“. Seit 2009 seien in Mittelfranken vermehrt Schäden an Weißtannen aufgetreten, im September 2017 habe man jedoch auch Ausfälle an Douglasien festgestellt, die von Pityokteines spiridens (so die neuere Bezeichnung des mittleren Tannenborkenkäfers) angebohrt worden seien.
Nach Käferbefall abgestorbene Tannen
Befällt der Tannenborkenkäfer etwa auch Douglasien?
Der Alarmruf aus Bayern dürfte auch in der Stadt Freiburg nicht ungehört geblieben sein, deren Stadtwald sich durch einen besonders hohen Douglasienanteil (19 % im Bergwald) auszeichnet und der mit der knapp 110jährigen Douglasie „Waldtraut vom Mühlwald“ bei 67 Meter Höhe den höchsten Baum Deutschlands aufbieten kann. Wo doch im Zeichen des Klimawandels dieser Gastbaumart mit ihrer überlegenen Leistungskraft und Klimahärte besonders große Chancen im Wald der Zukunft eingeräumt werden. Ihr Flächenanteil soll sich deutschandweit verzehnfachen, von gegenwärtig 3,5 auf 35 %, wenn es nach den Vorstellungen des Wissenschaftlichen Beirats für Waldpolitik der Bundesregierung gehen sollte. Ob die Tannenborkenkäfer nächstens auch die hochfliegenden Douglasien-Pläne durchkreuzen werden? Am Westhang des Kybfelsens, der zum Stadtwald gehört, dehnt sich ein ca. 50jähriger Douglasien-Reinbestand aus; trotz etlicher Sturmwürfe ist von einem Angriff der Krummzähnigen noch nichts zu bemerken.
Wie es im „Klimadenkmal“ am Kybfelsen derzeit ausschaut, ist also aufgrund des Klimawandels auch auf die Weißtanne kein Verlass mehr – jedenfalls auf Standorten mit ohnehin schon bescheidenem Wasserhaushalt. Auslöser und Vollstrecker der Anpassungsvorgänge im Bergmischwald sind die in der Tannenrinde brütenden Borkenkäfer gepaart mit Holzwespen und Pilzen, insbesondere der Hallimaschpilze, die im Holz das Zersetzungswerk fortsetzen. Noch sind die Bilder von rot benadelten, urplötzlich absterbenden Tannen auch für Förster gewöhnungsbedürftig; abzuwarten bleibt, ob und inwieweit es manchen der befallenen Bäume nicht doch gelingt, sich wieder zu erholen.
Wird sich die Weißtanne vom Trockenstress wieder erholen?
Endlich darf gejubelt werden bei der Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V., denn nun soll ihr jahrzehntelanger Einsatz für Pinselohr, geprägt auch von vielen Rückschlägen und Niederlagen, doch noch belohnt werden. Am 3. März 2023 war es soweit: Im Stuttgarter Waldhaus gab Minister Peter Hauk MdL den offizielle Startschuss: „Heute startet das Projekt Luchs in Baden-Württemberg zur Stützung der baden-württembergischen und mitteleuropäischen Luchspopulation“, so steht es schwarz auf weiß als Überschrift über der Pressemitteilung Nr. 75/2023 des MLR. Dabei hatten die Luchsfreunde bis zuletzt gezittert, ob der Forst- und Landwirtschaftsminister nicht in letzter Minute doch noch zurückzucken würde ob all der brandaktuellen Meldungen zur erwarteten Wolfsrudelbildung im Schwarzwald. Nein, die Kick-Off-Veranstaltung wurde nicht mehr abgeblasen, der Luchs vielmehr zum Sympathieträger erklärt. Die Notwendigkeit einer Bestandesstützung wurde begründet mit dem Umstand, dass die seit Jahrzehnten immer wieder zuwandernden und heimisch gewordenen Luchskuder nach Ansicht der Luchsexperten keinerlei Chancen haben, sich hier auch fortzupflanzen. Denn weibliche Luchse erweisen sich als weitaus weniger wanderfreudig, sodass menschliche Nachhilfe unumgänglich ist, wenn die mitteleuropäische Metapopulation sich stabilisieren soll; die zentral gelegenen Trittsteine Baden-Württembergs sind hierfür unverzichtbar. Nur die Vertreter des Umweltministeriums hatten stets auf ihrer Devise beharrt, es solle gewartet werden bis die Luchsinnen von allein einwandern.
Dennoch war das Bestandesstützungsprojekt bereits 2021 in den grün-schwarzen Koalitionsvertrag geschmuggelt worden, in den Erneuerungsvertrag für Baden-Württemberg: Versteckt auf S. 117 findet sich die Ankündigung: „Wir werden in enger Zusammenarbeit mit allen betroffenen Akteuren die Chancen für die Rückkehr des Luchses durch ein Programm zur Bestandsstützung verbessern.“ Betroffene Akteure – damit gemeint sind vorneweg Jäger und Bauern (nebst den Naturschutzverbänden als sog. „Fokusgruppen“), die das Ministerium für den ländlichen Raum (MLR) seit 2004 an einen runden Tisch einlädt zur Arbeitsgruppe AG Luchs, geleitet durch die Freiburger Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt FVA und die dortigen Spezialisten des Instituts für Wildökologie, denen auch das Luchs-Monitoring übertragen wurde. Zum Jahresabschluss 2021 hatte der Finanzausschuss die Anschubfinanzierung des Projekts genehmigt, nachdem WWF Deutschland und die HIT Umweltstiftung namhafte Spenden in Aussicht gestellt hatten. Als Kooperationspartner hatten sich zudem der Landesjagdverband und der Zoo Karlsruhe angeboten. Bis zu 10 vorwiegend weibliche Luchse sollen in dem vierjährigen Projekt bevorzugt im Schwarzwald ausgewildert werden, wobei man auch eng mit den Pfälzern und ihrem Auswilderungskonzept kooperieren wird.
Endlich Liebkind: Luchskuder nach seiner Besenderung (Foto: FVA)
Wenig Erwähnung hat in den Statements im Haus des Waldes zwar die Luchs-Initiative gefunden. Als Pressure Group hat sie seit 1986 verlässlich dafür gesorgt, dass ihr Anliegen nie vollends aus den Schlagzeilen verschwunden ist, so zäh und so kontrovers sich die Diskussion um den Luchs hingezogen hat. Bereits damals, im Jahr des Kernkraft-GAUs, als die Forstleute sich sorgten, dass das verstrahlte Wildbret nicht mehr verwertbar und der Wildverbiss im Wald überhandnehmen würde, hatte Hauks Vorvorgänger, Minister Gerhard Weiser, klargestellt, die Wiedereinbürgerung des Luchses sei „ein Beitrag zur Erhaltung einer in Europa vom Aussterben bedrohten Tierart“. Und weiter: „Unter Berücksichtigung der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse über die wichtigsten Voraussetzungen des Nahrungsangebots für den Luchs, seiner Habitatsstruktur und der möglichen Konflikte mit Mensch und Haustier kann auch der Schwarzwald zu den in Betracht kommenden Lebensräumen gerechnet werden.“ (PM vom 15. 11. 1986 Aktenzeichen 9/3640). Es war nicht zuletzt diese so luchsfreundliche Antwort des für Jagd und Wald zuständigen Ministers, die dazu ermutigt hatte, unter Mithilfe von Luchsexperten aus der Schweiz, aus Frankreich und Bayern erste Schritte hin zu einem wissenschaftlich begleiteten Wiederansiedlungsprojekt zu wagen.
Wie sehr man sich jedoch bemühte, die Jägerschaft mit ins Boot zu holen und den Landwirten ihre Ängste zu nehmen, der Gegenwind erreichte mitunter Sturmstärke. Die Landesregierung bremste – trotz eines lebhaften politischen Rückenwinds von Junger Union, Grünen und SPD – mit dem durchschlagenden Argument mangelnder Akzeptanz bei Jägern und Landwirten. Schon gar nicht ließ sie sich dazu bewegen, die jagd- und naturschutzrechtliche Auswilderungsgenehmigung in Aussicht zu stellen. Weshalb die Luchs-Initiative sogar eine Feststellungsklage gegen das Land riskierte, mit der sie 1997 auch vor dem VGH Mannheim scheiterte: Für die Richter war und blieb der Luchs eine „fremde Tierart“ und damit die Versagung der jagdrechtlichen Genehmigung durch das Land rechtens.
Beliebt hat sich die Luchs-Initiative damit freilich nicht gemacht – bei aller Sympathie und Schützenhilfe, die einzelne Politiker dem Luchs auch immer wieder angedeihen ließen. „Es müsste schon mit dem Teufel zugehen“, so wetterte etwa der junge Abgeordnete der Grünen Winfried Kretschmann 1991 im Landtag, „wenn die von Junger Union, der Wildbiologischen Gesellschaft, vom Landesnaturschutzverband, vom Schwarzwaldverein, vom Tierschutzbund, vom Fremdenverkehrsverband Schwarzwald und von den Grünen unterstützte Wiedereinbürgerung des Luchses im Schwarzwald nicht durchgesetzt werden kann.“ Und im Interview mit der Heilbronner Stimme vom 13. 4. 1991 legte er sich vollends fest: „Der Luchs gehört in diese Landschaft.“
Respekt, Herr Ministerpräsident, nun also hat die Landesregierung doch noch Wort gehalten!
Er ist den meisten Skiläufern eine so selbstverständliche Sache, dass man nicht weiter über ihn redet, höchstens wenn er ausbleibt oder wenn er „pappt“. (A. Fendrich: Der Skiläufer. Stuttgart 1924)
Was, wenn unsere Kinder aufgrund unseres Verhaltens nicht nur ein Jahr ohne Schnee, sondern ein ganzes Jahrzehnt ohne Winter erleben? (A. Gore: Wege zum Gleichgewicht. S. Fischer, 1992)
Was waren das diesmal für trostlose TV-Übertragungen mit all den weißen Kunstschneebändern in grüner Landschaft, auf denen per Ski gesprungen, gerannt, geschossen und zu Tal gerast wurde. Nie wurde der Klimawandel wirkungsvoller in Szene gesetzt, dazu beigemischt Silvesterkrawalle, die Räumung von Lützerath und zu allem hin auch noch die Einschläge russischer Raketen in ukrainische Wohnblocks – wer da zum Jahreswechsel mal nicht Gefahr lief, depressiv zu werden! Das wärmste Jahr, der wärmste Dezember seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, jetzt sogar als Glücksfall gepriesen angesichts der knappen und sündhaft teuren Heizenergie!
Sollen Kinder da noch Ski laufen lernen, so wurde in den Medien gefragt, macht Skisport überhaupt noch Sinn? Riesenglück hatten immerhin die Neustädter, denn exakt zum Weltcupspringen auf ihrer Hochfirstschanze war das schmutzige Snowfarming-Weiß vom Vorjahr eben noch rechtzeitig von einem Hauch Naturschnee überpudert worden, sodass in den Übertragungen zumindest ein Anschein von Schwarzwaldwinter noch vermittelt werden konnte. Dabei hatte es hier doch schon im vorigen Jahrhundert Kritik gehagelt, lange bevor allenthalben Schneekanonen in Stellung gebracht worden waren, weil man damals schon den Schnee mangels eigener weißer Pracht per Lkw-Flotte vom St. Gotthartpass herbeigekarrt hatte. Demgegenüber hatten die pfiffigen Schonacher mit ihrem (zumeist spätwinterlichen) Weltcuptermin der nordischen Kombination schon bald nach der Jahrtausendwende dafür gesorgt, dass die Kritik am Energieverbrauch künstlicher Beschneiung verstummte angesichts der Windenergieanlagen auf den Höhen rund um ihr Langlaufstadion.
Schneenotstand (2017)
Schwarzwaldwinter ade, so wird freilich nicht erst seit Kurzem beim Thema Wintersport und Wintertourismus geunkt, wenn wieder einmal der Schnee ausgeblieben ist und wenn wehmütig einstiger „Jahrhundertwinter“ gedacht wird. Etwa so wie jenem anno 1907, als es dem Schneepflug nicht einmal mehr sechsspännig gelang, die Straßen von den Schneemassen frei zu räumen und als man zu den Nachbarn manchenorts sogar Tunnels graben musste.
Schneenotstand (1907)
Oder gar so wie in Lucian Reichs Anekdote „Winter auf dem Walde“, in welcher es den Rettern erst am Karfreitag endlich gelungen ist, am Feldberg einen Bauernhof von oben her durch die Schneedecke auszugraben. „Karfreitag, und wir verzehren soeben das letzte Stück vom letzten Stier“, sollen die Geretteten von unten herauf gerufen haben – entsetzt darüber, unwissend das Fastgebot übertreten zu haben. Aus dem im Februar 1848 von einer Lawine („Schneeschalte“) verschütteten Königenhof im Wagnerstal bei Neukirch, in dem 17 Personen nebst vielem Vieh zu Tode gekommen waren, wird wohl niemand mehr herausgerufen haben.
Und doch hat es im Schwarzwald immer auch schon schneearme Winter gegeben. „Wer seinen Wohnsitz am Fuß des hohen Schwarzwaldes hat,“ schreiben in Deutschlands erstem Skiführer die beiden Skipioniere Henry Hoek und Heinrich Wallau (Skifahrten im südlichen Schwarzwald, München 1911), „ist natürlich in der glücklichen Lage, jeden günstigen Schneefall zu einer Fahrt auszunutzen. Wer weiter reisen muss, wird gut tun, sich über die Schneeverhältnisse genau zu erkundigen.“ Was keinen andern Schluss zulässt, als dass es mit der Verlässlichkeit der Winter selbst im Hochschwarzwald noch nie besonders gut bestellt war.
Ein fotografischer Schnappschuss des Schwarzwaldmalers Hermann Dischler, entstanden auf dem Thurner im Winter 1903, zeigt eine eher dürftige, ziemlich ausgeaperte Schneedecke. Hier oben sollen die Jungbauern und -bäuerinnen, angesteckt vom in Freiburg unten so heftig grassierenden Schneeschuhlauf-Bazillus, um die Jahrhundertwende mit ihrem Vorhaben kläglich gescheitert sein, ihren eigenen Skiclub zu gründen. Vorausgesetzt, die Erzählung des Thurnerwirts, des Chefs des seit 1502 auf der Passhöhe nachgewiesenen Gasthauses, trifft zu, die er in den schrecklichen, den schneelosen Wintern der 1990er Jahre unter seinen Gästen ausgestreut hatte, soll der junge Verein sich nach sieben (!) schneemageren Wintern wieder aufgelöst haben.
Dünne Schneedecke auf dem Thurner (Foto H. Dischler, 1903)
Und doch sollte es sie auch weiterhin geben, die „Jahrhundertwinter“: Am ehesten, versteht sich, wenn der erste Schneefall auf den Tag des Heiligen Andreas am 30. November fiel. Dann nämlich, so will es die Bauernregel, bleibt der Schnee hundert Tage liegen – wofür ich mich als langjähriger Vorsitzender des Fördervereins Club Thurnerspur e. V. verbürge, mit dessen Mitgliedsbeiträgen das 1972 auf dem Thurner gegründete Langlaufzentrum unterhalten wird. In besonders lebhafter Erinnerung ist mir der erste Winter geblieben, nicht etwa nur wegen des Sonntagsfahrverbots aufgrund der damaligen Ölkrise, sondern auch weil auf der noch immer durchgängig präparierten (Natur-)Schneeloipe bis in den Mai langgelaufen werden konnte. In unserem nach finnischem Vorbild knapp unterm Kulminationspunkt ausgelegten Loipenbuch hatte sich ein euphorisch gestimmter Läufer sogar in Reimform verewigt:
Der Mai ist gekommen, es grünt in Wald und Flur, noch ist uns nicht genommen die schöne Thurnerspur.
Im nämlichen Winter hatte ich freilich im italienischen Fassatal bei weitaus ungünstigeren Bedingungen am populären Volksskilauf Marcialonga teilgenommen. Die 70 Kilometer lange Wettkampfstrecke von Moena nach Cavalese war damals schon zu weiten Teilen ein weißes Band aus künstlich herbeigeschafftem Schnee – kaum anders als bei der jüngsten Tour de Ski (Silvester 2022 bis zum 8. Januar), deren Veranstalter bis hinauf zur Alpe Cerni auch diesmal wieder mit Schneemangel zu kämpfen hatten. Der Unterschied: Damals hatte lediglich die Alpensüdseite nichts abbekommen von der weißen Pracht, diesmal war es beidseits des Alpenhauptkammes geschehen, wie wir TV-Zuschauer uns mit Grausen auch ob der verregneten Kunstschneebänder in Obersdorf, bei der Vierschanzentournee oder beim Ruhpoldinger Biathlon erinnern.
Wahre Rekordschneemengen gab es im Schwarzwald zuletzt im Spätwinter 1988: Erst gegen Ende Februar fing es zu schneien an, und in der ersten Märzwoche begannen die Markierungsstangen des Fernskiwanderwegs von Schonach zum Belchen unter die Schneedecke abzutauchen. Und noch gegen Monatsende konnte sogar der Rucksacklauf – durchweg noch per Ski – über die 100 Kilometer absolviert werden.
Jahrhundertwinter März 1988
Doch dann folgten die 1990er Jahre, die dem Skilauf gnadenlos zusetzten, nicht nur weil der Schnee ausblieb, sondern auch wegen der Orkane, die man sich ohne Zutun des Treibhausklimas in der Wetterküche des Nordatlantiks nicht mehr erklären konnte. Oft genug waren nach den Stürmen die Waldpassagen verbarrikadiert, wenn endlich ein nachfolgender Kaltluftvorstoß wieder mal eine dünne Schneedecke hinterlassen hatte, die eher einem Leichentuch glich.
Auch im Förderverein auf dem Thurner sollte der Klimawandel nun zum Dauerthema werden. Zu dessen Mitgliederversammlung 1990 lud man den namhaften Freiburger Meteorologen Hans Rudloff ein, der zum Thema „Winter ade – wie ändert sich unser Klima“ referierte. Weil er dabei den Klimawandel zu Teilen auch noch als Medienprodukt eingestuft und die Badische Zeitung ausführlich darüber berichtet hatte, wurde er nachfolgend von Leserbriefen so bedrängt, dass er Abbitte leisten musste. Doch immerhin eine der Rudloff´schen Thesen sollte sich bewahrheiten: Im Abstand von 21 Jahren, so hatte er in seinem Vortrag angemerkt, seien alten Wetteraufzeichnungen zufolge besonders strenge und schneereiche Winter zu erwarten. Und siehe da: in der Saison 2008/09 verzeichnete das Langlaufzentrum mit 135 Betriebstagen (v. 22. November bis 4. April) seinen Rekordwinter.
Seit mittlerweile fünfzig Wintern hat der Clubvorsitzende seinen (inzwischen 6700) Mitgliedern zur Jahresversammlung jeweils einen Rückblick auf die zurückliegende Langlaufsaison verfasst: eine Dokumentation eines fünf Jahrzehnte währenden Auf und Abs, erstaunlicherweise ohne so ganz eindeutige Negativtendenz. Auf die optimistischen Siebziger und Achtziger, die dem Skilanglauf im Schwarzwald einen wahren Boom beschert hatten, folgten in den Neunzigern die winterlichen Tiefpunkte, in denen der Vereinvorstand sich sogar mit dem Gedanken trug, aus Fairnessgründen die Mitgliedsbeiträge einzufrieren und in einen Dornröschenschlaf zu versinken. Doch das neue Jahrtausend brachte mehrheitlich wieder Winter, die zum Skilanglauf einluden und den Club förmlich aufblühen ließen.
So war denn auch der Katzenjammer um den Jahreswechsel 2022/23 rasch wieder verflogen, als Mitte Januar plötzlich ein Schwall arktischer Kaltluft gegen Süddeutschland vorstieß. Er ließ mit einem Mal all die Berichte über den beklagenswerten Notstand auf Pisten und Loipen heillos deplaziert erscheinen, die nach dem Kälteeinbruch von den Redaktionen nicht mehr rechtzeitig gestoppt worden waren. Jetzt also heißt es endlich wieder Ski und Rodel gut, wenn freilich auch noch auf bescheidener Schneedecke – derweil häufen sich die öffentlichen Appelle, trotz des eiskalten Nordwinds nur ja die Heizung, bitteschön, nicht gar zu weit aufzudrehen. Ob sich wohl auch der Klimawandel ein bisschen davon ausbremsen lässt?