Verwurzelung 

Womit die Tannen Wasser und Nährstoffe in ihre Kronen pumpen

Kohlenmunkpeter hatte jetzt den höchsten Punkt des Tannenbühls erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein holländischer Schiffsherr viele hundert Gulden gegeben hätte. Hier, dachte er, wird wohl der Schatzhauser wohnen. (Wilhelm Hauff: Das kalte Herz. 1827)

Wie es im Waldboden unter der Laub- und Nadelstreu ausschaut, wissen nur die Wurzelzwerge im Märchen, wogegen normalen Waldgängern der Tiefblick verwehrt bleibt. Es sei denn, der Sturm hat wieder mal zugeschlagen und Bäume entwurzelt. Doch wer macht sich dann schon die Mühe, die Wurzelsysteme der einzelnen Waldbaumarten eingehender zu untersuchen und miteinander zu vergleichen, etwa um daraus Rückschlüsse zu ziehen auf deren Widerstandsfähigkeit (Resilienz) im Trockenstress des Klimawandels und  deren Sturmfestigkeit, damit auf die Zukunftstauglichkeit des jeweiligen Waldes? Dass es unter den Bäumen Flach- und Tiefwurzler, auch Teller-, Pfahl- und Herzwurzler gibt, dürfte noch aus der Schule bekannt sein, doch wie sich die Wurzeln der verschiedenen Baumarten, auf unterschiedlichen Böden, in unterschiedlichem Baumalter und in unterschiedlicher oberirdischer Waldgesellschaft zu entwickeln pflegen, auch wie es sich mit dem Zusammenspiel von Feinwurzeln und Mykorrhizapilzen verhält, das alles bleibt – selbst unter Wissenschaftlern –  vielfach im Dunkeln. Mit der Folge, dass es nach Sturmkatastrophen oft zu recht breit gestreuten Ergebnissen kommt bei der Beurteilung der Sturmanfälligkeit der jeweiligen Baumart. War´s Wurf oder war´s Bruch, war´s Fichte oder Tanne? – im Nachhinein lässt sich oft nicht mehr klären, wie sich die Sturmholzmassen in den Statistiken zusammengesetzt haben.

Flachwurzlerin Fichte auf Braunjura-Tonlehm

Allgemein gilt die Flachwurzlerin Fichte als sturmgefährdeter als die tiefer wurzelnde Weißtanne. Umso verblüffter waren die Fachleute, als eine Auswertung der Sturmkatastrophe von 1967, durchgeführt in den Folgejahren im Rahmen einer Dissertation1, hinsichtlich der Sturmanfälligkeit von Tannen und Fichten für Süddeutschland keinerlei Unterschiede aufgezeigt hatte. Wie war es zu diesem Patt zwischen den beiden wichtigsten Nadelbaumarten gekommen, das sich so gar nicht in Einklang bringen lässt mit dem waldbaulichen Erfahrungswissen?

Auch nach den Winterorkanen Vivian und Wiebke von 1990 untersuchte man wieder die Sturmgefährdung der wichtigsten Baumarten Baden-Württembergs2; diesmal kam heraus, dass nicht zuletzt – welche Überraschung! – die Größe des Wurzelballens den Unterschied ausmacht. In Mischwäldern erwies sich freilich die Fichte eindeutig als die gefährdetste Baumart, gefolgt von der Tanne, während Kiefern und die (noch winterlich laublosen) Buchen und Eichen deutlich besser abgeschnitten hatten. Dass den Spitzenböen des Jahrhundertorkans Lothar am 26. 12. 1999 schließlich überhaupt keine Baumart mehr standgehalten hat, war die bittere Erkenntnis zum Ende des Jahrtausends.

Das Thema Sturmwurfrisiko hat die Förster nicht erst seit gestern umgetrieben. Einen erstaunlich detaillierten Einblick in Beschaffenheit und Entwicklung der Tannenwurzel hatte bereits 1950 eine (nur selten zitierte) Studie des Freiburger Waldbauprofessors von 1939 – 1952, Eduard Zentgraf, vermittelt, basierend auf Vorarbeiten (Ausgrabungen, Vermessung und Abbildungen) von zumeist im Weltkrieg gefallenen Forstleuten und erschienen unter dem Titel „Die Wurzeltracht der Edeltanne“3. Zentgraf konnte dabei auf eine stattliche Sammlung von (gezeichneten und fotografierten) Wurzelbildern zurückgreifen – vom einjährigen Tannensämling bis zum 215jährigen Stamm.

Tannenwurzel mit Tiefgang und Breitenwirkung

Die Wurzelentwicklung der Weiß- (oder Edel-)Tanne, das zeigten die Abbildungen, beginnt mit der Ausbildung einer Pfahlwurzel, die schon bei Sämlingen die Länge des oberirdischen Sprosses erreicht oder gar übertrifft und die lotrechte Fortsetzung des Stämmchens nach unten bis in 1,30 m Tiefe bildet, ehe sie womöglich auf ein unüberwindliches Hindernis im Boden stößt, wo es dann durchaus auch zu einem Wurzelknick kommen kann. Derweil setzt aber auch eine vehemente Horizontal- und Herzwurzelbildung ein, vielfach mit lotrechten Senkerwurzeln. In naturnahen Bergmischwäldern pflegen Weißtannen sich noch bis zum Alter 70 und darüber hinaus als sog. „Vorwüchse“ im „Schattenschlaf“ zu befinden bei stark gedrosseltem Höhen- und Dickenwachstum. 

Tannenvorwüchse im Schattenschlaf
Stammscheibe eines 70jährigen Tannenvorwuchses

Während das oberirdische Wachstum mangels Lichtgenuss nahezu stagniert, setzt sich das Wurzelwachstum unterdessen weiter fort, sodass dann, wenn sich im Bestandesdach endlich ein Lichtschacht öffnet, die Vorwüchse los wachsen als seien sie biologisch junge Bäume. Bis ins hohe Tannenalter verbessert sich das Wurzelvermögen weiter, nicht anders als das Volumenwachstum des Stammes. Im Allgemeinen könne gesagt werden, schreibt Zentgraf, „dass das Wurzelausbreitungsvermögen der Tanne größer ist, als bei irgend einer anderen Holzart.“

So erklärt sich denn auch die überraschende Entdeckung schweizerischer Forstwissenschaftler bei der Stammanalyse einer 250jährigen Tanne aus dem Neuenburger Jura: der kapitale Baum hatte nämlich in der zweiten Hälfte seines Lebens zehnmal (!) soviel Holzwachstum erbracht wie in seinen ersten 125 Jahren. Glücklicherweise war im welschschweizerischen Jura ausgangs des 19. Jahrhunderts eine brauchbare Methode erfunden worden, wie man die Holzvorräte auch ungleichaltriger Bergmischwälder verlässlich messen und kontrollieren kann, die sog. „Kontrollmethode“ – für die Weißtanne ein wahrer Glücksfall. Denn das bis dahin übliche Verfahren, das die Forstgesetze des 19. Jahrhunderts auch in der Schweiz vorgeschrieben haben, konnte nur bei Anwendung der in Deutschlands Buchenwäldern entwickelten „Altersklassenwirtschaft“ befriedigen, bei mess- und kontrollierbaren, möglichst gleichaltrigen Reinbeständen. Was der Weißtanne gar nicht gut bekommen sollte. Riesige Arealverluste waren die Folge, denn der verordnete Waldbau nahm keinerlei Rücksicht auf die besonderen Anforderungen und Eigenheiten von ungleichaltrigen Tannenmischwäldern, vor allem nicht auf deren stufige Vertikalstruktur; denn die wird maßgeblich bestimmt durch die Schattenerträgnis von Tannen wie Buchen und durch einen säkularen „Fruchtwechsel“ zwischen laub- und nadelbaumreichen Phasen. Und noch etwas zeichnet Tannen und Buchen gleichermaßen aus: Beider Wurzeln besitzen die geheimnisvolle Fähigkeit, durch Verwachsungen Bypässe von Baum zu Baum zu legen. 

Bypass von Tanne zu Tanne

Tannen, die in gleichwüchsigen Reinbeständen erwachsen sind, scheinen sich hinsichtlich ihrer Verwurzelung und ihrer Sturmstabilität immer weniger von Fichtenbeständen abzuheben. Was möglicherweise der Grund dafür ist, dass die Auswertungen nach Sturmschäden oft so widersprüchliche Ergebnisse zu Tage fördern. Zumal die überlangen walzenförmigen Tannenschäfte mit ihren kurzen Reinbestandskronen immer bruchanfälliger werden. Durch das forstgesetzliche Verbot der so weitaus tannengemäßeren, einzelstammweisen „Plenternutzung“ – oft verspottet als „Wirtschaft des Herrn Schlendrian“ – und als Folge der Altersklassenwirtschaft ist der Anteil naturnaher ungleichaltriger Mischwälder auf klägliche Reste zusammengeschmolzen. Und auch der Tannenanteil fiel selbst in Baden-Württemberg, ihrem Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland, auf nur mehr 8 Prozent. Erst nach den 1990er Orkanen kam es zum Umdenken, ja zu einer Waldbauwende – hin zur „naturnahen Waldwirtschaft“. Im öffentlichen Wald von Staat und Kommunen war nun also auch die Plenternutzung wieder gestattet, wurde in Bergmischwäldern unter Verzicht auf Räumungsflächen und -figuren der Dauerwaldbetrieb vorgeschrieben.

Dank ihrer einzigartigen Verwurzelung ist es kaum verwunderlich, dass die Weiß- oder Edeltanne die höchsten und mächtigsten Baumgewächse Europas stellt, mit bis 60 m Höhe, mit Stammumfängen in Brusthöhe von bis zu 6 Metern und mit bis über 50 Festmetern Holzvolumen je Baum.4 „Deutschlands größte Tanne“ der Hölzlekönig maß einst alles in allem sagenhafte 64 Festmeter!

Die Wurzelpumpen nicht nur solch kapitaler Tannen erweisen sich als phänomenal leistungsstark – was ihnen auch im Stress des Klimawandels zugute kommen sollte. In den zurückliegenden Jahren mit ihren Wärmerekorden und ihrer Trockenheit haben zwar auch die Tannen Schwächen gezeigt, wurden sie plötzlich von Borkenkäferarten befallen, die zuvor kaum jemals als nennenswerte Schädlinge aufgefallen waren. Dennoch wird die Weißtanne noch immer als die heimische Ersatzbaumart für den bisherigen „Brotbaum“ der Waldwirte, die Fichte, gehandelt. Als „Schwarzwälder Charakterbaum“ und Markenzeichen auch im Bewusstsein der Bevölkerung noch tief verwurzelt, bleibt zu hoffen, dass die Tanne überleben wird –  und das bitteschön nicht nur auf dem Tannenbühl in Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz.

Enkel unter der Großvatertanne, der stärksten Tanne des Schwarzwalds

1 Wangler, F. (1974): Die Sturmgefährdung der Wälder in Süddeutschland. Eine waldbauliche Auswertung der Sturmkatastrophe von 1967

2 Aldinger, E., Seemann, D., Konnet, V. (1996): Wurzeluntersuchungen auf Sturmwurfflächen 1990 in Baden-Württemberg. Mitt. Ver. Forstl. Standortskunde u. Forstpflanzenzüchtung 38

3 Zentgraf, E. (1950): Die Wurzeltracht der Edeltanne. AFJZ 121,2 S. 70 – 73

4 Hockenjos, W.: Tannenbäume. Eine Zukunft für Abies alba. DRW-Verl. Stuttgart 2008

Wenig Federlesen

Die Lektüre des Schwarzwälder Boten ist an diesem grauen und verregneten Oktobermorgen dazu geeignet, Tier- und Naturfreunde, wenn schon nicht in Verzweiflung, so doch in Verunsicherung zu stürzen: DIE DRITTE SEITE widmet sich in großer Aufmachung, bebildert mit Luchs und Rothirsch, den 16 deutschen Nationalparks und deren derzeit anlaufende Evaluierung. Gesucht wird nach Stärken und Schwächen sowie nach deren Ursachen – und das auf gerade mal 0,6 Prozent der Fläche Deutschlands. Nationalparks in unzureichender Qualität seien „nichts anderes als Etikettenschwindel“, so wird aus Thüringen die Sprecherin der Nationalparkverwaltung Hainich zitiert, während andererseits der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats argumentiert, die Wälder müssten doch, anstatt sie stillzulegen, wegen des Klimawandels „gezielt umgebaut“ werden. Nationalparke seien kontraproduktiv für Klimaschutz und Holzversorgung, unterstreicht der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände: „Keine Holzernte heißt kein Ersatz klimaschädlicher Bau- und Brennstoffe.“ Die Bilanz des Schwarzwälder Nationalparks falle „nüchtern“ aus, weil trotz der auf 3000 ha ausgewiesenen Wildruhezonen der Bestand an Rothirschen noch immer nicht zugenommen habe und der Bestand seines Charaktervogels, des Auerhuhns, schrumpfe sogar. Oder sollte er neuerdings nicht doch um sechs balzende Hähne zugenommen haben?

Nationalparks werden evaluiert

Unter DONAUESCHINGEN begrüßt der Lokalteil den Leser mit der Schlagzeile „Wildgänsen geht es an den Kragen“. Weil die Vögel sich am Kirnbergsee immer mehr vermehrten, Liegewiesen und Badesteg verschmutzten und überdies über die Getreidefelder herfallen. Weshalb der Bräunlinger Gemeinderat über eine Abschussfreigabe berät. Die SPD-Fraktion habe den Antrag gestellt, „den Bestand an Nilgänsen auf null zu reduzieren“, den der Graugänse auf „maximal 150“ zu begrenzen, nachdem mittlerweile rund 400 Tiere sich am See aufhalten und zu einer echten Plage geworden seien. Erwogen  werden „Treibjagden in frühen Morgenstunden“.

Vogelschutz am Kirnbergsee

War Ähnliches nicht unlängst auch schon über die unerquickliche Invasion der Nilgänse in der Landeshauptstadt berichtet worden? Ein Gänsemanagement müsse her wegen massiver innerstädtischer Verschmutzung, gar wegen aggressiven Verhaltens, derweil ein Manager des Fellbacher Erlebnisbads wegen Tierquälerei habe entlassen werden müssen, weil er ohne behördliche Genehmigung einer Nilgans den Hals umgedreht hatte!

Schließlich wird dem SchwaBo-Leser an diesem 26. Oktober zuhinterst auch noch die Sonderseite Tierisch gut – DAS LEBEN MIT HAUSTIEREN zugemutet, diesmal mit einem ganzseitigen Bericht aus der Region unter der Überschrift Auch Reptilien sind ideale Haustiere. Im Text und auf den Fotos vorgestellt wird „einer der größten Terraristik-Händler…in Deutschland und Europa“, abgebildet mit einer (aufgrund eines genetischen Defekts) doppelköpfigen Boa in den Händen sowie mit einer geschulterten riesigen Anakonda, dazu die Bildunterschrift „Keine Angst vor großen Schlangen…“, wobei auch das Foto einer exotischen Echse nicht fehlen darf. Zitiert wird der Tierhalter u. a. mit dem ebenso befremdlichen wie verkaufsförderlichen Satz: „Echsen und Schlangen können ohne seelisches Leid ihren Besitzer wechseln und auch im höheren Alter noch gut weiterverkauft werden, während bei Säugetieren oft nur Baby- und Jungtiere gewünscht werden.“

In was für einer Welt leben wir eigentlich? So mag sich heute Morgen – mit oder ohne seelischem Leid – der geneigte SchwaBo-Leser fragen. War doch die Nilgans einst als Ziergefieder aus britischen Gehegen ausgebrochen, um sich nun in halb Europa grottenbreit zu machen; im Standardwerk Jochen Hölzingers aus dem Jahr 1987 Die Vögel Baden-Württembergs findet die Art sich noch nirgends erwähnt. Wohingegen die Graugans dem Ornithologen noch als bedrohte Art galt, „die an ihren Rast- und Überwinterungsplätzen (bzw. zeitweiligen Aufenthaltsplätzen) Ruhezonen und Nahrungsplätze benötigt“. Seinerzeit war ja auch noch „Gänsevater“, Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz unterwegs, dem die Graugans Martina eine Schar Junggänse geschenkt hatte, die ihm sodann überaus telegen auf Schritt und Tritt gefolgt war.

Sollten wir uns, wenn schon nicht über die invasive Ausbreitung der Immigrantin Nilgans, so doch immerhin über die Bestandszunahme der Graugans auf den Seen der Baar nicht eher freuen als uns darüber zu grämen und Vergrämungsmaßnahmen zu ersinnen? Ist die Zunahme dieser ureuropäischen Zugvogelart nicht doch ein vorwiegend positiv zu wertendes Signal angesichts des weltweiten Artenschwunds? Ansonsten sind es in der Vogelwelt ja bestenfalls noch Weißstorch und Rotmilan mit einer Positivbilanz auf der Baar. Oder müssten nicht auch sie, sollte ihre Bestandszunahme weiter andauern, alsbald reguliert und reduziert werden – die einen wegen zunehmender Verschmutzung der Dächer, die andern womöglich wegen Behinderung des Windenergieausbaus in den Rotmilandichtezentren? 

An Tagen wie diesen…

… fällt es uns schwer, Fassung zu bewahren: Der fortdauernde Krieg in der Ukraine mit seinen Bestialitäten und den Zynismen der russischen Propaganda, nun auch noch die grauenerregenden Bilder aus Nahost: Von Hamas-Schlächtern ermordete Israelis, Geiselnahmen, Raketeneinschläge diesseits wie jenseits, im Gazastreifen wie in Tel Aviv. Der Bundeskanzler, weil es die deutsche Staatsraison so will, auf Unterstützungs- und Verhandlungstour sowohl bei Israels so umstrittenem Staatschef Netanjahu wie in Kairo bei Al Sisi, Explosion im Krankenhaus von Gaza Stadt mit aberhunderten Toten und Verletzten bei unklarer Verursacherfrage… und montagabends vor dem Café Hengstler im Zentrum Donaueschingens ein Häuflein Demonstranten unterm Plakat mit der Aufschrift Schluss mit der Kriegshetze! Eigentlich hätte man sich ja doch erkundigen müssen, für oder gegen wen oder was hier demonstriert wird! Derweil fliegen in deutschen Großstädten Molotowcocktails gegen von Polizisten bewachte Synagogen und am Brandenburger Tor randalieren Palästinenser zusammen mit deutschen Links- wie Rechtsextremisten. Judensterne an die Wohnungstüren jüdischer Mitbürger geschmiert…

Jüdischer Friedhof in Sulzburg


Da bleibt nur Trauer – vielleicht wäre jetzt ein Besuch des alten jüdischen Friedhofs anzuraten, ein Stückweit hinter Sulzburg talaufwärts im Wald – was für eine Stille über den Gräbern. Namen und Daten der Verstorbenen weisen in ferne Jahrzehnte zurück, als das Wort Holocaust noch längst nicht erfunden war: Hier ruhen Max Rieser, gest. 2. April 1919 im Alter von 80 Jahren und Hermine Rieser, geb. Münzesheimer, gest. 16. August 1900 im Alter von 50 Jahren. Darüber dann ein Bibelspruch auf Hebräisch. Wer immer ihr Grab besuchte, hatte als Nachweis seines Gedenkens auf dem Grabstein einen Stein hinterlassen, inzwischen eine stattliche Steinsammlung. Nicht anders auf dem Grab nebenan, dem von Julius Dukas 1850 – 1902 wie auf den allermeisten anderen bemoosten Steinen, bis auf die wohl ältesten Gräber, die inzwischen von einer weit ausladenden Hainbuche überschirmt werden. 


Oder taugt zur Beruhigung des aufgewühlten Gemüts vielleicht eher eine stramme Fußwanderung? Egal, ob von Urach oder von Schollach aus, steige man auf den dicht bewaldeten Höhenrücken hinauf oder nehme gar den mit der Jakobsmuschel ausgeschilderten, oben längs verlaufenden Pilgerweg mit Fernziel Santiago de Compostella und mache Halt vor einem hölzernen Sühnekreuz, errichtet 2014 zur Erinnerung an eine Schreckenstat vor 70 Jahren. Auch auf dem Kruzifix haben Wanderer, ganz entgegen dem Schwarzwälder Brauchtum, Steine abgelegt. Denn unter den vier US-amerikanischen Fliegern, die auf Befehl des Neustädter NSDAP-Kreisleiters Benedikt Kuner am 21. Juli 1944 hier ermordet worden sind, nachdem sie aus ihrer von Flakgeschossen getroffenen Maschine abgesprungen und gefangen genommenen worden waren, befand sich auch ein Jude: Leonhard Kornblau. Sein Name auf dem Kruzifix führt uns spätestens hier oben an die eigentlichen Ursprünge des so barbarischen Schlamassels in Nahost zurück – es gibt anscheinend kein Entrinnen.

Sühnekreuz vom Holzbildhauer Wolfgang Kleiser für die am 21. Juli 1944 zwischen Schollach und Urach verübten Morde an fünf amerikanischen Soldaten.


Leonhard A. Kornblau
Bernhard A. Radomski
Charles E. Woolf
Meredith M. Mills Jr.
Frank L. Misiak

Möblierte Wildnis

aktualisierte Version, 1. Version vom 21. Oktober 2022

Wildnis erfreut sich in der deutschen Bevölkerung wachsender Zustimmung und Nachfrage, so hatte 2013 eine repräsentative Studie des Bundesumweltministeriums festgestellt. Zwei Drittel der Befragten fänden an der Natur umso mehr Gefallen, je wilder sie sich zeigt und 42 % würden ein Mehr an Wildnis begrüßen. Im Vorfeld der Nationalparkgründung hatte im nämlichen Jahr auch ein zweites Gutachten (von PricewaterhouseCoopers und ökonzept GmbH) festgestellt, „dass Natur und Wildnis aktuelle Themen sind, die den Nerv der Zeit treffen“.

Natur und Wildnis haben schon immer auch meinen Nerv getroffen, so sehr ich andererseits ein Berufsleben lang um die ordnungsgemäße Bewirtschaftung des Waldes bemüht war. An diesem spätsommerlich milden Oktobermontag zog es mich wieder mal in die Wutachschlucht. Denn der Fluss müsste ja doch auch wieder Wasser führen trotz der wenigen Regentage im zurückliegenden fünften Hitzesommer. Montags würde überdies der Wanderbetrieb in der Schlucht erträglich sein, so hatte ich spekuliert, und wie gewohnt den Waldparkplatz ob der Burgmühle angesteuert. Und tatsächlich: noch war ich der Einzige, der hier parkte und die Bergschuhe schnürte, um sodann auf steilem Fußpfad durch die bunte Bergmischwaldgesellschaft zur Gauchach abzusteigen. Zwar hatten mich hier – offengestanden – immer auch schon die hölzernen Tafeln eines Waldlehrpfads irritiert. Weniger wegen ihrer schlichten Botschaften über Baum und Wald, die mit den Jahren ohnehin fast unleserlich geworden waren, sondern weil ich den Lehrpfad hier im siedlungsfernen Naturschutzgebiet als reichlich deplaziert empfand – so sinnvoll und hilfreich derlei Einrichtungen andernorts, in ortsnahen Wäldern etwa, sein mögen. Wo  doch der „Bildungsauftrag Waldpädagogik“ (gem. § 65 des Landeswaldgesetzes) seit 1996 zum Aufgabenspektrum der Forstleute gehört.

Wem und wozu dient der Wald?

Diesmal hatten sich die Tafeln zu meiner Verblüffung sogar vermehrt und verjüngt; die alten Hölzernen hingen zwar noch immer an den Bäumen, doch die Neuen zeigten sich frisch gestylt und luden zu interaktivem Aufklappen ein (Hey, ihr da! Kommt doch mal her), angefüllt mit Infos über je eine Baumart, deren Rindenbild die Klappe ziert. Offenbar waren hier professionelle Waldpädagogen am Werk gewesen: „Willkommen im Schluchtwald“, so wird der Besucher im Steilhang vom Naturpark Südschwarzwald und von der Staatlichen Naturschutzverwaltung Baden-Württemberg begrüßt auf einer großformatigen Tafel an blitzblankem Alugestänge. „Wem und wozu nützt der Wald?“, wird darauf  gefragt, und die so klugen, von Disney inspirierten Tiere des Waldes, vom Hirsch über den Biber, vom Fuchs bis zum Kauz, wissen bestens Bescheid: In ihren Denkblasen stehen die Antworten, egal ob in der Sparte Nutzung, Umweltschutz oder Erholung. Lesekundigen beantwortet auch ein Text nebenan noch die Frage. 

Puh… soviel Wissensstoff auf einmal, und das mitten im Wald! Oder braucht es heutzutage diese Art von kindgerechter Aufklärung, wenn sich die junge Familie schon mal dazu aufrafft, den lieben Kleinen ein vertieftes Walderlebnis zu gönnen –  und das gar beim Eintauchen in die abenteuerliche Wildnis der Gauchachschlucht mit ihrem Chaos stehender und dick bemooster zusammengebrochener Stämme? Unten angelangt an der gottlob wieder rauschenden Gauchach (wo immer sie nicht von umgestürzten Eschen aufgestaut wird, den Opfern des aus Fernost eingeschleppten Eschtriebsterbens, beschließe ich, der Schlucht weiter bachabwärts zu folgen. Kurz vor Einmündung der Gauchach in die Wutach unterquert der Fußpfad ein darüber aufgespanntes Transparent, das sich unter der Überschrift „Liebe Menschen“ an die schluchtaufwärts Wandernden wendet mit der Bitte, der Tierwelt zuliebe auf den Wegen zu bleiben. Denn, ob Haselmaus, Biber oder Eisvogel, „auch wir wollen uns hier tierisch wohlfühlen“. Ja, um Himmelswillen, wo überhaupt mag in der Enge der Gauchachschlucht bloß die Versuchung lauern, den Fußpfad zu verlassen?

Gut gemeinte Bitte, aber reichlich überflüssig

Kopfschüttelnd über die ebenso anbiedernde wie aufdringliche Art von Besucherlenkung seitens der Stuttgarter Naturschutzbehörde erreiche ich die Wutach, die ich auf dem Kanadiersteg überquere, um sodann ein Stückweit  auf dem Schluchtensteig flussaufwärts zu wandern  – wann sonst, wenn nicht an einem herbstlichen Montagvormittag und außerhalb der Feriensaison sollte man sich das Schluchterlebnis doch noch leidlich ungestört antun können? 

Die Spurenlage auf dem Pfad lässt indes keine Zweifel aufkommen: Es müssen übers Wochenende wieder ganze Herden unterwegs gewesen sein, so wie die Stiefel immer wieder im Matsch versinken. Wildnissucher zuhauf hat der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds ja schon seit seiner Erschließung um die vorletzte Jahrhundertwende angelockt. Auch auf die Gefahr hin, dass der Pfad, wo immer er drahtseilgesichert durch die Muschelkalk-Prallhänge verläuft, die Wanderlust zumal bei Gegenverkehr seit eh und je spürbar einzutrüben pflegt. Jährlich bis zu 75.000 Wutachwanderer wurden schon vor der Jahrtausendwende gezählt, und wie es ausschaut, sind die 100.000 mittlerweile längst überschritten. War es die Corona-Pandemie oder die Erfindung der kostenlosen Regiokarte für Schwarzwälder Übernachtungsgäste, waren es die verbesserten Wanderbusverbindungen oder die vielen Wandertipps im Netz: der Andrang in der Schlucht scheint nochmals einen gehörigen Schub verpasst bekommen zu haben – ablesbar neuerdings auch an einer stattlichen Kompanie von Steinpyramiden; die meisten sind wohl in den jüngsten Trockensommern errichtet worden und müssen nun gottlob wieder der Strömung trotzen. Seit wann eigentlich sind „Steinmanderl“ auch hierzulande Mode geworden, wo man sie doch einst nur aus dem Hochgebirge kannte oder als Wegmarkierung im skandinavischem Fjäll?  Nun also beginnen sie plötzlich auch den Schwarzwald zu erobern – nicht anders als all die Hängeschlösser der Jungverliebten an den metallenen Brückengeländern. Ein Jammer nur, dass die kanadischen Pioniere ihren „Kanadiersteg“ anno 1976 noch aus dicken Holzbalken gezimmert haben.

Invasion der Steinmänner

Doch wer hätte gedacht, dass die Frequentierung der Schlucht auch montags schon mitunter Formen anzunehmen pflegt, die einem das Grüßen vergällt: Denn ab einer gewissen Verdichtung des Gegenverkehrs pflegen Wanderer bemerkenswert einsilbig, ja mürrisch zu reagieren, als wollten sie die Anderen mit Verachtung strafen. Kein Wunder, dass sich da auch Bergwacht, Naturpark und Naturschutzverwaltung mehr und mehr gefordert sehen: Wurde die Schlucht, ablesbar auf Hinweisschildern, schon vor Jahren zur Erleichterung der Helikopterbergung in Rettungssektoren eingeteilt, so rufen neuerdings mehr und mehr Verbotstafeln zur Ordnung. Wie es ausschaut ist die Schlucht frisch möbliert worden – auch mit einer Vielzahl von Stoppschildern und Absperrungen der Uferzonen (den Wasseramseln zuliebe?) mittels Schiffstauen. Auch die analogen Erläuterungstafeln haben sich vermehrt, als ob die nicht schon längst auch über die Wander-App verabreicht werden könnten. So etwa auch am Wiederaustritt des versickerten Wutachwassers aus der Muschelkalkwand. Muss das jetzt alles so sein? Mein Wandertrieb ist spürbar abgeflaut, nichts wie zurück also – nicht, dass sich oben an der Schattenmühle, der beliebtesten Einstiegsstelle, gerade wieder ein Wanderbus entleert. Oder wartet schon ein anderer unten an der Wutachmühle? Ob sie wohl eines Tages noch den Einbahnverkehr für die Schlucht verordnen? 

Kein Durchgang zum Flussufer

Zurück auf dem Kanadiersteg beschleicht mich dann zu allem hin auch noch ein schlimmer Verdacht beim Blick auf die Gauchachmündung hinunter: Im Treibholzstau haben sich dicke weiße Schaumpolster verfangen, als sei jüngst beim einsetzenden Regen irgendwo ein Schieber hochgezogen worden nach den Monaten der Trockenheit. Von toten Fischen ist freilich nichts zu bemerken, also könnte der Schaum doch auch auf natürlichen Eintrag zurückzuführen sein – anders als einst in den Wirtschaftswunderjahren, als die Neustädter Papierfabrik ihr Abwasser noch weithin ungeklärt in die Wutach (die dort noch Gutach heißt) einleiten durfte, sodass sie der ihr mit dem Schaum auch eine unverwechselbare Duftnote verpasst hatte.  

Verdächtige Schaumbildung?

Bachaufwärts in der Gauchachschlucht unter dem so seltsam deplazierten Transparent hindurch verlieren sich gottlob wieder die Montagswanderer. Dafür grüßen am Wegrand bald  die neu gestalteten Stationen des Waldlehrpfads. Die Einkehr in der Burgmühle fällt diesmal leider aus, auch wenn sie, vor Kurzem erst runderneuert, geöffnet hat. An der frisch geweißelten Stirnwand der 1475 erstmals bezeugten, mehrfach von Flutkatastrophen heimgesuchten Mühle prangt jetzt unübersehbar ein Sinnspruch – nein, nicht etwa aus dem Fundus eines Joseph Victor von Scheffel oder von Lucian Reich, vielmehr wird eine der Lebensregeln von Baltimore des US-amerikanischen Rechtsanwalts Max Ehrmann präsentiert aus dem Jahr 1927: Geh deinen Weg gelassen und ruhig inmitten des Lärms und der Hast dieser Zeit und erinnere dich, welcher Frieden in der Stille liegt. Mit der Stille war es hier schon vorbei, nachdem die Schlucht von der Donaueschinger Ortsgruppe des badischen Schwarzwaldvereins erschlossen worden war, an dessen Vorsitzenden Wilhelm Baur eine in den Fels gemeißelte Gedenktafel aus dem Jahr 1927 erinnert. Und seit 1928 war die Mühle im Besitz des Villinger Touristenvereins Die Naturfreunde, die damit unlängst freilich Insolvenz anmelden mussten. Der neue Eigentümer scheint nicht eben auf Bodenständigkeit zu bestehen, und so findet sich neben dem Eingang zur Gastwirtschaft auch noch ein Spruch aus dem Zitatenschatz des Ralph Waldo Emerson, eines US-amerikanischen Geistlichen, Philosophen und Schriftstellers aus dem 19. Jahrhundert: Und wenn wir die ganze Welt durchreisten, um das Schöne zu finden: Wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nie. Von den Weisheiten der Beiden, ob von Emerson oder von Ehrmann, quillt das weltweite Netz derzeit förmlich über, wie die Nachlese bei Google offenbart. Sollte inzwischen womöglich auch an der Gauchach PricewaterhouseCoupers Entwicklungshilfe geleistet haben?

Genug der Wildnissuche: „Gelassen und ruhig“, ganz wie an der Hauswand empfohlen, kehre ich zum Waldparkplatz zurück, erst in steilem Zickzack, dann auf bequemerem Forstweg – nicht ohne auch noch die Tierweitsprung-Anlage (Wie weit springst Du?) bestaunt zu haben: Viel weiter als der Dachs hätte ich es an diesem Montag gewiss nicht geschafft – schon gar nicht so weit wie der Luchs. Die Wildnissuche in der Schlucht, so dämmert es mir beim Verstauen der verschmutzten Bergschuhe im Kofferraum, ist mir diesmal wohl doch ein bisschen gar zu banal ausgefallen. 

Genug der Möblierung?

Mehr zur Gauchachschlucht auf dem Hieronymus:

Ins Bockshorn gejagt?

Bockhornbrunnen

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Der Schwarzwald, dem Organ des Schwarzwaldvereins, wird ausgiebig das 50jährige Jubiläum des Jugendzeltlagers an der Bockhornhütte auf der Platte gefeiert, dem Höhengebiet zwischen Kandel und St. Märgen. Vor einem halben Jahrhundert hat der Verein hier erstmals die am Rande des Staatswalds gelegene Hütte für seine Jugend in Beschlag genommen, denn daneben sprudelte der legendäre Bockhornbrunnen und auch die angrenzende Waldwiese bot sich zum Zelten an – wie sich über ein halbes Jahrhundert hinweg zeigen sollte ein beliebtes Sommerangebot des sonst eher von älteren Mitgliedern repräsentierten Schwarzwaldvereins. Doch auch schon zuvor waren Hütte und Wiese für diverse Jugendlager genutzt worden, denn der Leiter des St. Märgener Forstamtes war seinerzeit Fritz Hockenjos, mein Vater, vormals selbst jugendbewegt und von 1970 bis 1979  Präsident des Schwarzwaldvereins. Von den Besuchen an der Bockhornhütte ist mir, seinem Zweitältesten, neben den Kandelsagen, die er an abendlichen Lagerfeuern mitunter zum Besten gab, vor allem das selbst im Hochsommer eiskalte Wasser des Brunnens in Erinnerung geblieben: Wer es mit den Armen am längsten im Brunnentrog aushielt, der hatte gesiegt. 

Der Sage nach hatte beim Bockhornbrunnen natürlich der bockgehörnte und bockfüßige Teufel die Finger mit im Spiel: das so üppig sprudelnde Wasser konnte eigentlich nur aus dem sagenumwobenen unterirdischen Kandelsee stammen. Der hatte bekanntlich einst schon die Bergleute im Suggental ins Unglück gestürzt. Vom Bockhornbrunnen aus war der dortige Silberbergbau durch ein – den steilen Südhang des Kandels querendes – Wuhr mit Wasser versorgt worden. Weil es den Bergleuten aber zu wohl geworden war (sodass sie in Schuhen aus Brotlaiben tanzten), ertranken sie zur Strafe allesamt in der Flut – bis auf einen Säugling, auf dessen hölzerner Wiege eine hin und her springende Katze für Gleichgewicht gesorgt hatte.


„Ein anderer Stein, höher und mächtiger wie der eben genannte, galt durch Jahrhunderte als Scheidemarke zwischen den beiden Klöstern. Er erscheint schon Anfang des 12. Jahrhunderts im Rotulus San Petrinus mit dem Namen Buggenhorn. In einer von Abt Placitus im Jahre 1662 gefertigten Grenzbeschreibung des Klosters St. Peter wird über das Buggenhorn ausgeführt: „Ist gar wohl bekannt und ein hoher aufrechter Stein in einer Ebene, mitten im Wald, da sich des Stifts Waldkirch, item des Bauern auf der Platte Wald und St. Petrische Herrschaft scheiden. Dieser Stein ist vor wenigen Jahren von einem großen Baum, den der Wind umgeworfen, getroffen und tief in den Boden hinein geschlagen worden, dass gar wenig mehr davon heraussen blieb, und soll dies Jahr im Beisein der Interessenten wieder aufgerichtet werden.“
Der letzte Teil dieser Nachricht soll aus dem Jahre 1723 stammen. Der Plan, den zertrümmerten Stein wieder aufzurichten, wurde jedoch nicht weiter verfolgt und so blieb er bis vor wenigen Jahren verschollen. Auf seltsame Weise kam wenigstens ein groller Teil eines Steines, der diesem entsprechen dürfte, als Treppenstufe am Plattenwirtshaus zum Vorschein. Wie schon immer vermutet war der Buggenhorn ursprünglich ein Menhir. Der gefundene Oberteil deutet jedenfalls nach Form und Ausschen auf ein solches frühgeschichtliches Kulturdenkmal. Das Buggenhorn hat im Laufe der Zeit den Namen Bockhorn erhalten.
Vielleicht waren damals noch Erinnerungen wach an einen vorchristlichen Kult, der hier wie auch anderwärts gern mit dem Teufel in Verbindung gebracht wurde. Die aufgefundene Spitze des Bockhorns befindet sich im Elztäler Heimatmuseum in Waldkirch.
„

Kein Wunder also, dass mich an den Berichten über das Jubiläum des Jugendzeltlagers im Heft am allermeisten die Erwähnung irritiert hat, das Wasser fürs Kochen und Waschen müsse inzwischen herbeitransportiert werden. Haben womöglich die jüngsten Dürresommer auch den Bockhornbrunnen versiegen lassen? Die Feierlichkeiten zum Fünfzigjährigen scheint dieser Umstand dennoch nicht allzu sehr getrübt zu haben: Nicht nur der für den Wahlkreis zuständige Landtagsabgeordnete der Grünen besuchte das Zeltlager, auch nicht nur der amtierende Schwarzwaldvereinspräsident; sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann war da, wie SWR Aktuell am Abend des 23. August 2023 berichten konnte. „Da fällt man wieder in die Zeit und nimmt die wirklichen Dinge des Lebens wahr, die Natur, in der man lebt, und nicht nur das Virtuelle, wann immer man aufs Handy glotzt“, sprach der Landesvater beim Spätzleessen in die Kamera, er fühle sich hier an seine eigene Jugend erinnert.

Der Windpark auf der Platte
(vom Kandelgipfel aus gesehen)

Was ihm aber noch mehr behagt haben dürfte: Unweit des Lagers drehen sich, sofern nicht altweibersommerliche Flaute (gar Dunkelflaute) herrscht, die Rotoren von drei Windenergieanlagen älteren Typs; drei von insgesamt neun, die seit dem Jahrtausendwechsel sukzessive auf der Platte errichtet worden sind; die beiden modernsten und höchsten stehen im Staatswald ein ganzes Stück weit westlich oberhalb von Hütte und Brunnen. Offenbar haben die Windräder, die nächstens per Repowering noch kräftig aufgestockt werden sollen, den Naturgenuss der zeltenden Jugendlichen bislang nicht geschmälert. Im Augustheft Der Schwarzwald, das bereits kurz vor dem hohen Besuch erschienen ist, findet das Frustthema Windenergie jedenfalls keinerlei Erwähnung mehr, so sehr sich der Verein seit den 1990er Jahren immer wieder besorgt gezeigt hat: Die Schwarzwälder Landschaft, ihre Vielfalt, Eigenart und Schönheit (Bundesnaturschutzgesesetz § 1) könnten durch Windräder ja doch allzu sehr entstellt werden. Erstmals 1994 hatte der Schwarzwaldverein das Thema in seiner Verbandszeitschrift aufgegriffen und auf drohende Konflikte hingewiesen. Drei Jahre später folgte ein Positionspapier, in dem er Windenergieanlagen zwar nicht rundweg ablehnte, doch sollten sie, bitteschön, bevorzugt auf vorbelasteten Standorten konzentriert werden. Womit man sich durchaus noch auf politisch sicherem Boden bewegte, denn 1995 hatten das CDU-geführte Umwelt- und das Wirtschaftsministerium in einer „gemeinsamen Richtlinie für die gesamtökologische und baurechtliche Behandlung der Windenergieanlagen“ noch exakt ins nämliche Horn gestoßen. 

Am 9. November 2002 verfasste die Delegiertenversammlung des Schwarzwaldvereins eine Resolution Schwarzwald und Energie, in welcher die verschiedenen regenerativen Energieformen beleuchtet und bewertet wurden. Fazit: „Windkraftanlagen dürfen im Schwarzwald nur nachrangig und nach sorgfältiger Abwägung in der Regionalplanung gebaut werden. Wertvolle Landschaften sind großräumig von Windkraftanlagen freizuhalten. Die Landschaft erheblich beeinträchtigende, das Landschaftsbild verändernde, den Naturhaushalt und die Erholungsfunktion störende Energieanlagen werden abgelehnt.“

Am 22. Oktober 2011, neun Jahre nach jener Delegiertenversammlung, tagte der Schwarzwaldverein erneut zum Thema Erneuerbare Energie,  und wieder ging es vorwiegend um das Landschaftsbild. Beim weiteren Ausbau der Windkraft, so die Forderung im Ergebnispapier, solle „die ästhetische Dimension des Naturschutzes und das Gebot der Erhaltung landschaftlicher Schönheit gleichrangig neben den Zielen des Biotop- und Artenschutzes“ stehen. Eine Forderung, der sich der anwesende Vorsitzende des Schwäbischen Albvereins vorbehaltlos anschloss, nicht ohne anzufügen, dass  auch der Schwäbische Heimatbund sich damit identifizieren werde. 

Von jener Besorgnis über die drohende Industrialisierung der Landschaft durch Windenergieanlagen ist unterdessen nicht mehr viel zu spüren. Empörte Reaktionen waren sogar ausgeblieben, als die Landesregierung ihre Absicht verkündete, allein im Staatswald eintausend Windräder zu errichten. Wo Wind- und Solarparks inzwischen doch (gem. § 2 EEG, dem Gesetz für den Ausbau der erneuerbaren Energien) „im überragenden öffentlichen Interesse“ liegen und „der öffentlichen Sicherheit dienen.“

Im Februar 2023 nun beschloss der Vorstand des Schwarzwaldvereins ein deutlich geschmeidigeres Positionspapier, in welchem er zwar weiterhin fordert, dass neben dem Biotop- und Artenschutz auch das Schutzgut landschaftlicher Vielfalt, Eigenart und Schönheit in den Abwägungsprozess einzubeziehen sei. Wo eine ausgeprägte Biodiversität mit einem hoch bewerteten Landschaftsbild zusammentreffe, sollten keine Windkraftanlagen geplant oder vorhandene Planungen zurückgestellt werden. Doch nachdrücklich wird „im Interesse der Akzeptanz“ dafür geworben, dass Pachteinnahmen für WKA-Standorte auch „den Anwohnern in einem zu definierenden Nahbereich und nicht nur den jeweiligen Grundeigentümern zugute kommen“. Anstelle anonymer Investoren seien „Bürgerwindräder“ mit örtlichen Beteiligungsmöglichkeiten zu bevorzugen, damit möglichst hohe Anteile der Wertschöpfung in der Region verbleiben.

Sollte der Besuch des grünen Abgeordneten bei der Schwarzwaldvereinsjugend, erst recht derjenige des Ministerpräsidenten, etwa ein Dankeschön der Politik andeuten für ein neues energiepolitisches Wohlverhalten dieses anerkannten Naturschutzverbands, der sich in der Vergangenheit doch so oft quergelegt hatte? Ob sich da der einstige Hauptnaturschutzwart und Präsident des Vereins, Fritz Hockenjos, nicht im Grab umdreht, der Vorsitzende jener ersten Bürgerinitiative der Bundesrepublik, der Arbeitsgemeinschaft Heimatschutz Schwarzwald, die in den 1950er Jahren die energiepolitischen Pläne der Landesregierung zur Ableitung der Wutach erfolgreich durchkreuzt hatte? Und ob angesichts fehlender Speichermöglichkeiten des Windstroms jene Pläne nun nicht plötzlich wieder aus den Schubladen hervorgeholt werden dürfen?

Was einstweilen bleibt, ist der Blick auf den versiegten Bockhornbrunnen: Könnte es sein, dass auch diesmal der Teufel wieder seine Finger mit im Spiel hatte? Dass er die für die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zuständigen Experten genarrt, sie ins Bockshorn gejagt hat, als sie die Unbedenklichkeit der Windradstandorte im Staatswald-Distrikt Hinterer Hochwald (im Westen oberhalb von Bockhornhütte und -brunnen) bescheinigten? Könnte nicht durch die gewaltigen Betonsockel unter den Türmen die unterirdische Wasserzufuhr aus dem Kandelsee abgeklemmt worden sein?

Beim Werkeln im Hinteren Hochwald ins Bockshorn gejagt?

Der überwachte Wald

Ob zur Beobachtung von Wild oder Eindringlingen: Eine moderne Wildkamera hat vielseitige Einsatzmöglichkeiten. Die Foto- und Videoqualität der Geräte wird ständig verbessert. Geräte für Full-HD-Aufnahmen gehören heute zum guten Standard und sind günstig zu haben. Besonders clevere Geräte verfügen über eine SIM-Karte. Löst der Bewegungsmelder das Gerät aus, wird das Foto nicht nur gespeichert, sondern direkt an Ihr E-Mail-Postfach geschickt. (Internet Werbetext)

Wer sich als Weidmann oder Weidfrau auf der Höhe der Zeit wähnt, kommt längst nicht mehr ohne Wildkamera aus. Denn deren Einsatz erspart Zeit, erhöht die jagdliche Effizienz und verspricht vielerlei neue Einblicke ins eigene Revier. Die  waldgrün camouflierte Kamera, gut getarnt angebracht an der Kirrung in Schussweite zur Kanzel, überwacht rund um die Uhr nicht nur das Wild. Sie verzeichnet auch „Beifänge“, ob vier- oder zweibeinige „Eindringlinge“. Was bisweilen auch schon zu Datenschutz-Komplikationen und zu juristischen Auseinandersetzungen geführt hat – nicht nur im Falle des in flagranti eingefangenen Schäferstündchens eines österreichischen Kommunalpolitikers. Pech gehabt, doch mit elektronischer Überwachung ist nun einmal nicht mehr nur auf Bahnsteigen oder vor dem Banktresen zu rechnen, sondern auch im Wald. Die Verlockung, sich beim edlen Waidwerk der Kameraunterstützung zu bedienen, scheint schier unwiderstehlich zu sein; ihr Einsatz muss ja nicht immer gleich in voyeuristische Peepshows ausarten. „Behalten Sie mit der SnapShot Ihr Revier im Auge“, so wird im Netz dafür geworben, „Beste Qualität und Top Service. Hochwertiges Jagd- und Outdoorzubehör jetzt günstig online bestellen. Versand in 3 Tagen.“ Wer als Kulturflüchter oder harmloser Pilzsammler, gar als jagdfeindlicher Aktivist in die Fotofalle tappt, wird es zumeist gar nicht registrieren: Der Schwarzbildblitz ist fürs menschliche wie für das tierische Auge unsichtbar. 

Lässt auch im Wald George Orwell grüßen?
Aug in Auge mit dem Beutekonkurrenten

Mag sein, der Kamera-Boom  ist nicht zuletzt durch die gefürchtete Afrikanische Schweinepest ausgelöst worden, vom verzweifelten Bemühen der Jägerschaft, den expandierenden Schwarzwildbestand samt dessen Flurschäden zu reduzieren und das Vordringen der Seuche doch noch zu stoppen. Oder liegt es eher an der ungebremsten Ausbreitungsdynamik des Beutekonkurrenten der Jäger und des Erzfeinds aller Nutztierhalter, des Wolfs? Klar, was technisch machbar und (bei einem Stückpreis ab nicht einmal 100 Euro) allemal bezahlbar ist, wird auch verwendet: Allein in Rheinland-Pfalz wird die Zahl der in Wald und Flur im Einsatz befindlichen Wildkameras derzeit auf ca. 30.000 geschätzt, Dunkelziffer exklusive! Bis zum Jagdjahr 2018 mussten sie nach Bundesdatenschutzgesetz noch dem jeweiligen Datenschutzzentrum gemeldet werden, weil der deutsche Wald nach Waldgesetz ja „zum Zwecke der Erholung“ betreten werden darf, mithin ein „öffentlich zugänglicher Raum“ ist. Inzwischen ist die Meldepflicht jedoch entfallen, klärt der Landesjagdverband seine Mitglieder auf, vorausgesetzt jedenfalls „die Kamera ist zur Wahrnehmung berechtigter Interessen für konkrete Zwecke erforderlich und es bestehen keine Anhaltspunkte, dass schutzwürdige Interessen oder Grundrechte und Grundfreiheit der abgelichteten Personen überwiegen.“ 

Abgeleitet wird „das berechtigte Interesse“ der Jagdausübungsberechtigten nicht nur aus ihrer Hegeverpflichtung (nach § 3 Abs. 1 des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes), sondern auch aus ihrer Mitwirkung an Wildtiermonitorings im Rahmen von wissenschaftlichen Projekten. Weil gekennzeichnete jagdbetriebliche Einrichtungen wie Kirrungen und Hochsitze nicht betreten werden dürfen, empfiehlt der Verband die Anbringung von Hinweisschildern: tunlichst so, dass die Kamera unentdeckt bleibt und nicht gestohlen wird. Und wer sie einsetzt wird überdies ermahnt, Personenaufnahmen unverzüglich zu löschen, da es sich dabei um personenbezogene Daten handle, „die unter dem besonderen Schutz der Datenschutzgrundverordnung stehen“, außerdem könnten Persönlichkeitsrechte betroffen sein. Schließlich sei auch zu beachten, dass in manchen Revieren, „insbesondere in staatlichen Forsten, der Einsatz den Wildkameras per jagdbetrieblicher Anweisung grundsätzlich untersagt“ und zu klären sei. Der Staatsforst als Spielverderber: Was mag es heute noch für Gründe geben, die Kameraverwendung zu untersagen?

Dass auch die Wissenschaft sich dieses Hilfsmittels bedient bei ihren wildbiologischen Forschungs- und Monitoring-Aufgaben, versteht sich von selbst. So zum Nachweis von Wildtierkorridoren, zur Erfolgskontrolle bei  Straßendurchlässen oder  Grünbrücken. Nach Auskunft der für das Wildtiermonitoring zuständigen Freiburger Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) werden derzeit beinahe wöchentlich fotografische Nachweise der hochschwarzwälder Wolfsfamilie samt Nachwuchs geliefert. Wo das FVA-Team selbst Wildkameras benutzt, ist es gehalten, Warnschilder anzubringen mit Hinweisen auf Kontakte, Rechtsgrundlage und den Umgang mit den Daten.

Bereits seit dem Jahr 2004 wird mit erheblichem personellen und finanziellen Aufwand auch ein Luchs-Monitoring betrieben, seitdem in Baden-Württemberg immer wieder einzelne männliche Luchse aus der benachbarten Schweiz gesichtet wurden; nächstens startet im Schwarzwald sogar ein Bestandesstützungsprojekt mit Auswilderung junger weiblicher Tiere. Das Team, erweitert um ein Netz von Wildtierbeauftragten, müht sich schon bisher um engsten Kontakt zu den pinselohrigen Einwanderern, und immer wieder gelingt es ihm, sie mit Halsbandsendern auszustatten und danach auf ihren Wanderungen kreuz und quer durchs Land zu begleiten. Solange jedenfalls, bis die Batterie des Senders erschöpft ist oder das Halsband sich an der Sollbruchstelle gelöst hat. Dann ist es an der Zeit, die große Katze wieder einzufangen und erneut zu besendern. Auch hierbei ist die Wildkamera wieder unverzichtbar: In der Regel wird die mit digitalem Fallenmelder verbundene Lebendfalle an einem frisch entdeckten Luchsriss aufgestellt. Schnappt sie zu und ist der Luchs gefangen, meldet sich vollautomatisch das Smartphone samt Bildsequenz, sodass eilends die Telefonkette des Fangteams in Gang gesetzt werden kann. Der Gefangene wird schnellstmöglich mit dem Blasrohr betäubt, mit Senderhalsband versehen (bzw. dieses mit neuer Batterie ausgestattet) und sodann, nach einem Gesundheits-Check, wieder in die freie Wildbahn entlassen. Dann nimmt das Team erneut die Verfolgung auf, per Kreuzpeilung und VHF-Technik sowie per GPS im Halsband, wie auch in analoger Form vor Ort durch das Aufsuchen von Rissen und das Analysieren des Beutespektrums, des Bewegungsmusters und des bezogenen Lebensraums.

Mit dem Einsatz der Wildkameras lassen sich, wie es ausschaut, dem Wald und seinen Bewohnern die letzten Geheimnisse entlocken, zumal Einblicke in das Treiben nachtaktiver Wildtierarten. Womit sich der jägerische Informationsgewinn fraglos enorm steigern lässt. Doch wie wirkt sich die rasch zunehmende Kameradichte auf den Waldbesucher aus? Sieht auch er sich mehr und mehr beobachtet, gar überwacht – wo ihm der Wald doch bislang auch als vergleichsweise heilsamer und diskreter Fluchtort diente, als tröstende Gegenwelt angesichts der hektischen Turbulenz des urbanen Alltags mitsamt all seiner digitalen Überflutung? Sinkt der (gefühlte?) Erlebniswert, wenn der mit Kameras bestückte Seelentröster seine Geheimnisse preiszugeben genötigt wird? Gibt es ihn überhaupt noch, den geheimnisvollen Wald, den Märchenwald unserer Kindheit?

Und unter Jäger*innen nachgefragt: Ist beim Einsatz all der elektronischen Hilfsmittel, von der automatischen Wildkamera mit Nachtsicht bis zur Handyübertragung, von der GPS-Ortung bis zur Tierfundkataster-App und zum Drohneneinsatz nicht irgendwann ein Sättigungspunkt erreicht, ab dem das Jagen an Reiz verliert? Ab dem die Überreste des archaischen Jagdtriebs mitsamt dem jägerischen Naturerlebnis vollends erdrückt werden vom immer exzessiveren Gebrauch digitaler Technik auf der Pirsch wie auf der Kanzel? 

Kerstin Ekman: Wolfslichter

Eine Buchbesprechung

Wie schafft das bloß jemand: mit knapp 90 Jahren noch einen Roman über Jagd und Wald zu schreiben und das ebenso sachkundig wie einfühlsam, aktuell wie spannend bis zur letzten Seite? Kerstin Ekman, der „Grande Dame der schwedischen Literatur“, ist das mit Wolfslichter glänzend gelungen. Der Umgang mit dem Wald, die Jagd und dabei speziell das Verhältnis zu den großen Beutegreifern waren spätestens seit ihrem 2008 erschienenen Roman Der Wald – eine literarische Wanderung zu ihrem Lebensthema geworden. „Ich habe die Wolfskralle im Herzen“, verriet sie dort schon im Vorwort –  und rechnete mit der schwedischen Kahlschlagswirtschaft und den Monokulturen ab. Anfangs bekannt geworden durch ihre Kriminalromane, hatte sie sich immer häufiger mit Wald- und Wildthemen befasst, wobei ihr zugute kam, dass sie selbst sowohl Waldbesitzerin ist als auch Elchjägerin und Schafhalterin war. Trotz (oder wegen?) ihrer scharfen Klinge wurde ihr 2007 von der Universität für Agrarwissenschaften in Uppsala die forstwissenschaftliche Ehrendoktorwürde verliehen. 



Diesmal ist Protagonist und Icherzähler der langjährige Jagdleiter und pensionierte „Forstfunktionär“ Ulf (deutsch: Wolf) Norrstig, der frühmorgens am Neujahrstag, dem Tag vor seinem 70. Geburtstag, sein Schlüsselerlebnis hat: die Begegnung mit einem stolzen, hochbeinigen Wolfsrüden; dieser Anblick wird ihn verfolgen und seine Einstellung zum Töten grundlegend verändern. Er beschließt, das Ehrenamt des Jagdleiters aufzugeben, zumal er dabei doch auch die Schafrisse des Wolfs zu untersuchen und Schadensersatzfragen zu begutachten hat – womit er sich Feinde schafft. Nachdem er bei der Elchjagd eine  Herzattacke erleidet, wird er von seiner Frau Inga bewusstlos auf dem Speicher aufgefunden; dort liegt er inmitten verstaubter Trophäen und Präparate seines Vaters, in denen er fortan seinen „Wald des Todes“ sieht. Die schlechte körperliche Verfassung nach einer Herzoperation bringt ihn nun erst recht zum kritischen Überdenken seiner beruflichen und jagdlichen Vergangenheit. Noch immer geschwächt, wird er an die verkohlten Überreste seines alten grünen Wohnwagens geführt, der ihm als jagdlicher Unterstand gedient und von wo aus er seinerzeit den Wolf erblickt hatte. Die Polizei hat in der Brandstätte Wolfsknochen gefunden, und so müssen Ulf und Inga schließlich auch noch dabei helfen, den Brandstifter zu ermitteln und den Jagdfrevel aufzuklären.

Hass und Ablehnung der großen Beutegreifer, hierzulande derzeit sogar ein Wahlkampfthema, beherrschen auch in Schweden die Stimmungslage in der ländlichen Bevölkerung, lernt der Leser. Und das bei immer heißeren Sommern und brennenden Wäldern. Vor diesem Hintergrund hat Kerstin Ekman eine brandaktuelle Lanze für den Wolf gebrochen.

Kerstin Ekman: Wolfslichter. Roman
Piper-Verlag München 2023
22,– Euro             

Deckelung

Kürzlich brachte meine Frau zu meinem nicht geringen Erstaunen vom Lidl-Einkaufszentrum neben dem Üblichen an Nahrungsmitteln und Getränk eine sauber verpackte Klobrille samt Deckel mit nachhause. Es handle sich um ein Sonderangebot, der besondere Clou dabei, so verriet sie mir, sei ein selbstschließender Deckel. Sie machte sich auch sogleich an die Montage, nachdem sie sich zuvor intensiv mit der Lektüre der beiliegenden Gebrauchsanleitung befasst hatte. Diese schien freilich bei weitem nicht das gängige IKEA-Niveau erreicht zu haben: Die darin vorgeschriebenen Montageschritte waren für Laien nur schwer nachzuvollziehen, und die abgebildeten Schrauben und Stifte hatten nur wenig Ähnlichkeit mit dem beigefügten Material. Kein Wunder, dass nach viel Gestöhn schließlich – worst case aller Bastelei – eine Schraube übrig blieb, wodurch es dem neuen Aufsatz auf der Schüssel erheblich an Stabilität mangelte. Umso beeindruckender jedoch die Automatik des Deckels: Um ihn zu betätigen, braucht er jeweils nur leicht angetippt zu werden und schon beginnt er sich sachte zu schließen – gänzlich ohne Motor und Elektronik.

Brüssels Wahrzeichen: Manneken Pis

Foto: Photo: Myrabella / Wikimedia Commonsiki


Der zivilisatorische Zugewinn bestand im Wesentlichen aus der neuen Geräuscharmut – wie oft war einem doch schon als Kind wie schlimmstenfalls auch als Senior der Deckel entglitten. Dabei erwies sich die Handhabung der Neuerung als doch etwas gewöhnungsbedürftig. Denn anders als der Deckel wollte die Brille nach männlichen Stehbesuchen durchaus herkömmlich behandelt sein, ehe sie sich (mitsamt oder ohne Deckel) schließen ließ. Immerhin hatte sich der neue Aufsatz im heimischen Badezimmer nach nochmaligem intensivem Schrauben (und Seufzen) dann doch noch hinlänglich fixieren lassen.

Der Reisesommer brachte uns dann einige Hotelübernachtungen ein. Und siehe da: Auch in dem funkelnagelneuen Potsdamer Hotelkomplex mit dem seltsamen Namen the niu Amity (der in the länd ersonnen worden sein könnte) fanden sich bereits die neuen Deckel installiert. Nicht anders als im Hotel Schulzens, einem gediegeneren Quartier samt Brauerei in der ehemaligen Hansestadt Tangermünde an der Elbe. Erst in den Wendezeller Stuben im niedersächsischen Wendeburg war auf den Toiletten alles wieder beim Alten. Also scheint es sich doch nicht, wie zunächst vermutet, um eine neue EU-Richtlinie zu handeln, nach welcher die Umrüstung der Toiletten künftig europaweit im Zuge der Transformation zu erfolgen habe. 

Wäre ja auch gelacht, wo doch die Brüsseler (m/w/div) dank ihres Wahrzeichens (m) sehr wohl einschätzen können, dass es auf Klos recht unterschiedliche Nutzungsformen gibt. Nächstens gilt es nun nur noch, unsere altbewährte, sodann abgeschraubte Brille samt Deckel auf dem hiesigen Wertstoffhof zu entsorgen.

„Deutschlandtempo“

Mitten in die einzigartige Kulturlandschaft auf Rügen soll jetzt ein LNG-Terminal gebaut werden. Es wäre vielleicht ganz sinnvoll gewesen, sich mit dem Erbgut dieser Insel zu befassen, bevor man sie der Industrialisierung opfert. (Renate Meinhof: „Ein Rohr durchs Paradies“, Süddeutsche Zeitung v. 21. Juli 2023)

Nein, die Autorin ist nicht etwa verwandt mit der Terroristin Ulrike M., und sie gilt wohl auch nicht als sonderlich subversiv; doch um heutzutage über die Folgen der Energiewende eine so bittere Bilanz in einer ganzseitigen Reportage auf Seite Drei einer Tageszeitung zu verbreiten, muss sie als Journalistin wohl viel Renommee haben in der Redaktion – und sich als gebürtige Insulanerin auch besonders betroffen fühlen. Was sie über den bereits beschlossenen LNG-Terminal auf Rügen recherchiert hat, ist wahrhaft erschütternd:  

Caspar David Friedrichs bekanntestes Motiv


Der energiepolitische „Sachzwang“ schmerzt heftig, mit dem die Opferung einer einzigartigen Vorzeigelandschaft für Kultur, Natur und Tourismus begründet wird. Befinden wir uns hier doch in Caspar David Friedrichs „Wohnzimmer“, am Rande des Jasmund Nationalparks mit seiner Stubbenkammer (deren Buchenwald  UNESCO-Weltnaturerbe ist!) sowie auf der Strandpromenade des noblen Kur- und Badeorts Binz. Kurzum: es handelt sich um ein gegen alle Widerstände der Einheimischen bis hin zur Ministerpräsidentin kurz vor der Sommerpause vom Bundestag noch durchgewunkenes Großprojekt, das vom Bundeskanzler zur Chefsache erklärt worden ist. Ein neues „Deutschlandtempo“ gelte es dabei einzuhalten, ein Bautempo, wie es von den Machern der vom Lieferstopp russischen Erdgases und vom Klimawandel erzwungenen Transformation bislang sonst allenthalben vergebens angestrebt wird – trotz aller Beschleunigungsvorsätze der Behörden.

Der SZ-Bericht schließt mit den Worten eines ganz und gar desillusionierten Hans Dieter Knapp, seines Zeichens langjähriger Leiter der Außenstelle des Bundesamts für Naturschutz mit Sitz auf der kleinen Nachbarinsel Rügens, der „Malerinsel“ Vilm, wo sich seit Deutschlands Wiedervereinigung jahraus jahrein professionelle und ehrenamtliche Naturschützer ihr Stelldichein geben, um kluge Ideen auszutauschen: „Der Irrsinn nimmt scheinbar seinen Lauf.“

Carl Gustav Carus: Eichen auf der Malerinsel Vilm


Dabei ist das Rügener LNG-Projekt zwar sicherlich ein besonders krasses Beispiel. Und doch droht es, symptomatisch zu werden auch für andere „beschleunigte“ Ausbauvorhaben in unserer an noch halbwegs intakten Wohlfühllandschaften schon so armen Republik – man denke an die Überstellung von Wald und Flur mit monströsesten Windenergieanlagen, mit Solarfeldern und Leitungstrassen. Der Landschaftsschutz, für den schon vor 150 Jahren Verschönerungsvereine, sodann die Naturschutzverbände auf die Barrikaden gestiegen sind (und der mittlerweile sogar im Grundgesetzartikel 21 a verankert ist) scheint endgültig auf die Verliererstraße zu geraten. Und wer sich noch immer gegen die Inanspruchnahme der letzten leidlich ungestörten, reizvollen Landschaften zu wehren wagt, wird prompt als AfD-Sympathisant verdächtigt.

Von Carl Gustav Carus (1789 – 1869), dem Arzt und Malerfreund von Caspar David Friedrich, ist über seine künstlerisch so produktiven Rügen-Aufenthalte das zeitlose Bekenntnis überliefert „…ich habe kaum jemals wieder dies Gefühl so reinen, schönen und einsamen Naturerlebnisses gehabt…“. Soll hier nicht auch Johannes Brahms vom Natur- und Landschaftserlebnis mächtig inspiriert worden sein? Doch egal, auch wenn sich auf dem Königsstuhl heute Touristenherden drängeln, angesichts des Terminals und der mit Flüssiggas beladenen Tankschiffe vor den Kreidefelsen und vor dem Binzer Strand wird man die Landschaft künftig anders, jedenfalls weit weniger einzigartig akzeptieren müssen. 

Es sei denn, die Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht, die vom Ostseebad aus Sorge um die Zukunft von Tourismus und Umwelt angestrengt wird, hätte schließlich doch noch Erfolg. Oder sollte gar die Strafanzeige gegen die Betreiberfirma „wegen des Verdachts der gewerbsmäßigen Geldwäsche“ womöglich noch die Wende bringen? Tempo ist allemal angesagt. 

Königsstuhl mit Stubbenkammer

Green Deal in der Waldwirtschaft

Dem Wasserhaushalt kommt eine Schlüsselfunktion bei der Anpassung von Wäldern an zunehmende Trocken- und Hitzereignisse zu. Bei allen waldbaulichen Eingriffen ist daher besonderes Augenmerk auf die Bewahrung bzw. Verbesserung des Waldbinnenklimas und des Bodenwasserangebots zu legen, um Temperaturextreme abzupuffern und die Konkurrenz um Wasser abzumildern. (Wälder im Klimawandel: Steigerung von Anpassungsfähigkeit und Resilienz durch mehr Vielfalt und Heterogenität. Ein Positionspapier des BfN, Bonn 2019.)

Alle Welt stöhnt im Juli 2023 unter neuen Hitzerekorden. Kaum weniger hitzig ging es derweil im Straßburger EU-Parlament zu bei der Abstimmung über das Renaturierungsgesetz. Denn die größte Fraktion, die konservative EVP, hatte sich vor den Karren der Bauernverbände spannen lassen und gegen den Green Deal von EU-Ratspräsidentin Ursula von der Leyen gestimmt. So gab es denn nur eine hauchdünne Mehrheit für das Gesetz, dessen endgültige Fassung von den Vertretern der EU-Staaten und des Parlaments freilich erst noch vollends ausgehandelt werden muss. Um den Kollaps der Ökosysteme zu verhindern und den Artenschwund aufzuhalten, sieht es bis 2030 Renaturierungsmaßnahmen vor auf mindestens 20 Prozent der EU-Flächen und Meeresgebiete. Im Fokus stehen dabei vor allem Moore und Wälder, die als wirksame CO2-Speicher nur in möglichst intaktem Zustand taugen: die Moore wassergesättigt, Wälder bei möglichst stabiler Dauerbestockung – andernfalls gehören sie eher zu den Emittenten.

Die allermeisten Moore sind freilich längst entwässert und in landwirtschaftliche Nutzfläche umgewandelt: nicht zuletzt deshalb auch der erbitterte Widerstand der Agrarlobby. Doch nicht viel besser erging es Mooren in den Wäldern, wo sie schon seit über zwei Jahrhunderten mittels umfangreichen Grabensystemen drainiert und „melioriert“ worden sind. Speziell die abflussträgen Lagen des Buntsandstein-Schwarzwalds waren einst durchsetzt mit „Mösern“ und „Missen“, deren Entwässerung zum Pflichtprogramm ordnungsgemäßer Forstwirtschaft gehörte, ja, bisweilen noch immer dazu gehört.

Beispielhaft sei aus der Geschichte der Fürstlich Fürstenbergischen Forstwirtschaft von E. Wohlfahrt1 zitiert: Die Gräben wurden nach Tiefe und Breite unterschieden in Hauptgräben 1. und 2. Ordnung und in Seitengräben der 1. und 2. Ordnung. Allein im F. A. Friedenweiler wurden mehr als 90 km Gräben neu angelegt und ca. 80 km unterhalten. Nachdem die Grabenziehung beendet war, bemühte man sich, diese Gräben offenzuhalten und neue Gräben lediglich zur Ergänzung des Grabensystems anzulegen. Die Wirkung der Grabenziehung sei, so berichtet Wohlfahrt, noch verstärkt worden durch die einsetzende Anlage von befestigten Wegen und unbefestigten, aber ebenfalls mit Seitengräben versehenen Schneisen. Es ist kein Geheimnis, dass diese Grabensysteme aus dem 19. Jahrhundert im F.F. Großprivatwald auch nach der Jahrtausendwende noch mit Baggerhilfe weiter unterhalten wurden. Weder Naturschutzbehörden noch Wasserwirtschaftsämter wagten hiergegen einzuschreiten, wo von den Gräben wenn schon nicht die letzten Auerhühner, so doch Libellen und Amphibien profitierten.

Foto: B. Scherer

Im benachbarten Villinger Stadtwald beschreibt U. Rodenwaldt2 die im 19. Jahrhundert gängige Praxis nicht weniger plastisch: Im „Allgemeinen Kulturplan“ des Einrichtungswerkes 1837 wurde für die Zeit bis 1857 die Trockenlegung von 363 Morgen (etwa 120 ha) vorgesehen. Bis 1848 waren bereits 9000 Ruthen (27 000 m) Entwässerungsgräben angelegt worden. Für das nächste Jahrzehnt wurden weitere 3700 Ruthen vorgesehen. 1857 heißt es dann: Ungleich mehr ist für die Trockenlegung geschehen und wurden anstatt der vorgesehenen 3700 Ruthen Gräben 10 320 Ruthen (= 30 000 m) Abzugsgräben angelegt. Die Entwässerung wird daher in nächster Zeit als beendet angesehen werden können.

Doch auch noch im Zuge der Wiederaufforstungen der Franzosen-Kahlhiebsflächen in den Nachkriegsjahren habe man die Erfahrung machen müssen, dass die Kulturen erst nach Anlage neuer Gräben gelungen seien. Weshalb in der Liste der Empfehlungen Rodenwaldts für die künftige Kulturtätigkeit die „Öffnung der alten Gräben“ noch an oberster Stelle rangiert.

Im Hintervillinger Raum, dem Bereich des (2005 aufgelösten) staatlichen Forstamtes, waren die Gräben schon länger nicht mehr offengehalten worden. In den 1980er Jahren begann man im Staatswald da und dort, sie mit Baggerhilfe zu verschließen und zu Tümpeln umzugestalten, um so der Amphibienwelt zu helfen. Wo sie im Nahbereich von jagdlichen Einrichtungen entstanden waren, sorgten sie bei Morgen- und Abendansitzen zunehmend für Kurzweil, denn hier war immer etwas los – hier entstand neues Leben im Ökosystem Wald.


In den 1990er Jahren, nach Waldsterben und den ersten großen Orkanschäden, wurde nicht nur die naturnahe Forstwirtschaft propagiert und im öffentlichen Wald vorgeschrieben. Auch die Umweltverbände begannen, sich stärker für den Wald zu interessieren und zu engagieren. Der NABU erfand die Naturwaldgemeinde, in welcher der Waldökologie ein besonders hoher Stellenwert beigemessen werden soll, bis hin zur Entlassung von fünf Prozent der Waldfläche aus der Bewirtschaftung. Königsfeld, das mit seinem kurortsnahen Doniswald schon immer ein besonders enges Verhältnis zum Wald gepflegt hatte, wurde 1997 bundesweit erste Naturwaldgemeinde, Mönchweiler und Bad Dürrheim folgten alsbald nach, jeweils unterstützt durch das Forstamt und seine für die Gemeinden zuständigen Forstrevierleiter. 

Das NABU-Etikett Naturwaldgemeinde scheint sich bei den drei Gemeindegremien seither einiger Wertschätzung zu erfreuen, auch wenn es in Baden-Württemberg (bei insgesamt nur neun Naturwaldgemeinden) ansonsten bisher keine Erfolgsnummer geworden ist. In Königsfeld feierte man im Juli vergangenen Jahres mit einem Festakt und Exkursionen den 25. Geburtstag. Dank naturnahen Waldbaus und erfolgreichen Wirtschaftens konnte dabei, trotz mancher Schadereignisse, auf eine noch immer vergleichsweise erfreuliche Verfassung des Gemeindewalds verwiesen werden. Noch bemerkenswerter war für die Exkursionsteilnehmer freilich, was sich (nicht zuletzt auf Initiative des im Naturschutz besonders engagierten Revierleiters) inzwischen auf den abzugsträgen Buntsandstein-Waldstandorten getan hat: Durch Verschluss der alten Drainagegräben mit Baggerhilfe wurde eine Vielzahl von Kleingewässern geschaffen, von denen nicht nur Amphibien profitieren, sondern der Wasserhaushalt insgesamt – im Klimawandel zweifellos die entscheidende Voraussetzung für die Widerstandskraft des Waldes. Auch Torfmoos findet sich nun wieder ein und beginnt mit neuerlicher Moorbildung. Der Aufwand für die Baggereinsätze hatten sich im Königsfelder Waldhaushalt als verschmerzbar erwiesen, schließlich war vom Landratsamt an der Peripherie der Gemeinde, am Brogen oben, ein Windrad genehmigt worden mit der Auflage einer Ausgleichszahlung, die in den Wald fließen durfte. Der Aufstau in den alten Drainagegräben – eine späte Wiedergutmachung!

Egal, was das Renaturierungsgesetz noch bringen mag für die Waldwirtschaft, im Königsfelder Gemeindewald haben sie den Green Deal der EU-Ratspräsidentin vorausschauend bereits vollzogen.

1 Wohlfahrt, E.: Geschichte der Fürstlich Fürstenbergischen Forstwirtschaft. Stuttgart und Donaueschingen 1983.

2 Rodenwaldt, U.: Der Villinger Stadtwald. Villingen 1962.

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