Gendern in der Forstpartie

Strobl will Gendern verbieten (Schlagzeile auf der Titelseite des Schwarzwälder Boten am 17. 1. 2024)

„Bin im Wald! – Mit einem Forstexperten durchs grüne Dickicht“, so lauten Titel und Untertitel 1 eines 2022 erschienenen Buches, verfasst von Bastian Kaiser, seines Zeichens Rektor der Forsthochschule Rottenburg. „Bin im Wald!“ basiert auf einer Erinnerung des Autors an seinen ersten Lehrherrn: an eine Zeit, in der es noch keine Mobiltelefone gab und der Forstberuf noch ausschließlich eine Männerdomäne war: Bei Reviergängen hing damals jeweils ein kleines Schild an der Forsthaustür mit dem Hinweis „Bin im Wald!“ Dass sich zwischenzeitlich im Forst und unter den Forstleuten einiges bewegt hat, dass Försterinnen erfreulicherweise längst keine Exotinnen mehr sind, schlägt sich im Buch in ebenso konsequenter wie gewöhnungsbedürftiger Verwendung der Gendersprache nieder, die im Plural anscheinend nur noch die weibliche Form kennt: Demnach ist der Wald neuerdings durchweg im Besitz von „Waldbesitzerinnen“ (S. 37), was freilich nicht ausschließt, dass die Forstleute „häufig keine Expertinnen für gute Kommunikation“ (S. 40) seien. Unter Lehrkräften und Studierenden an der Forsthochschule scheint sich das Gendern inzwischen eingebürgert zu haben, auch wenn der Leser von Bastian Kaisers Buch dabei noch so sehr ins Stolpern gerät.

Dessen Lektüre, so wendet sich der Autor gleich im Vorwort an seine Leserschaft, „macht Sie noch nicht zu Expertinnen, soll aber Ihre Emotionen um Fakten ergänzen“. Denn die früher verbreitete, naiv-romantische Försterverehrung scheine in eine „manchmal sehr allgemeine und besserwisserische Forstwirtschaftskritik umzuschlagen“. Was wiederum „den Nährboden für populistische Vereinfachungen und Verschwörungstheorien“ biete. 

Dass Bastian Kaiser – von gelegentlich durchschimmernder Polemik abgesehen – klug zu erklären versteht, was er seinen Studierenden beibringt, um sie trotz der enormen Breite des Wissensstoffs zu tüchtigen „Försterinnen“ heranreifen zu lassen, versteht sich von selbst. Und so kommt denn auch für interessierte Laien (oder muss es nicht besser „Laiinnen“ heißen?) reichlich Licht ins „grüne Dickicht“ der Waldwirtschaft – spätestens mithilfe des Anhangs mit seinen 142 Anmerkungen. 

Ungeklärt bleibt freilich, was Hochschulprofessoren wohl dazu treibt, im Plural nur noch die weibliche Form der Berufsbezeichnung zu verwenden. Sollte es sich dabei um eine subtile Form des Protests gegen Sternchen und Großbuchstaben, gegen Förster*innen und FörsterInnen oder das doch etwas umständliche Försterinnen und Förster handeln, wozu in Baden-Württemberg doch das Chancengleichheitsgesetz verpflichte. Schließlich sind mittlerweile ja 30 % der Absolventinnen (m/w/div) der forstlichen Universitäten und Hochschulen weiblichen Geschlechts. Ob man dort inzwischen im Plural generell auch von Forstwirtinnen schreibt, wo bislang nur von Forstwirten, Waldarbeitern und Holzhauern die Rede war – und dies, obwohl auf dieser Berufsebene derzeit begreiflicherweise nur ca. 1 % weiblichen Geschlechts ist?

Doch jetzt wird man an der Rottenburger Hochschule und der Freiburger Uni reagieren müssen. Seit nämlich durchgesickert ist, dass Landesinnenminister Thomas Strobl (wie auch in Bayern Markus Söder) das Gendern in der Amtssprache verbieten will? Wird man im exklusiven Hochschulbereich den Studierenden (falls Strobls Plan aufgehen sollte) weiterhin das Gendern erlauben bzw. zumuten, wiewohl sie sich hernach im Beruf der (genderfreien) Behördensprache zu befleißigen haben werden? Eher zu vermuten ist wohl, dass alsbald neue sprachliche Mischformen entstehen werden, um die Klippen der offiziellen Schreibweise zu umschiffen. Mag sein, dass Rektor Bastian Kaiser mit seinen Försterinnen ja den Stein der Weisen bereits gefunden hat.

Im grünen Dickicht

 1 Bastian Kaiser: Bin im Wald! – Mit einem Forstexperten durchs grüne Dickicht. Hirzel-Verlag Stuttgart 2022. 300 Seiten mit 24 farbigen Abbildungen.
Hardcover 22,00 €. ISBN 978-3-7776-3040-3

Bauernaufstand

Was geht einem nicht alles durch den Kopf, wenn in den Nachrichten die Treckerkolonnen anrücken, wenn man gar selbst irgendwo im Stau steckt. Und wenn in der Abendschau dann auch noch Szenen von Pöbeleien und Handgreiflichkeiten gegen Politiker serviert werden. Oder die populistischen Anbiederungsversuche von Parteiengrößen, dazu der  staatsmännische Auftritt des Bauernverbandspräsidenten  und dessen Bekenntnisse zur Demokratie und zur EU. Daneben Gebrüll und Slogans wie „An den Galgen mit der Ampel!“ Ob sich die Wut wohl vollends entladen haben wird, ob genügend Dampf abgelassen worden ist, wenn all die großrädrigen und PS-strotzenden Traktoren nach den Demos in die Höfe zurückgekehrt und wieder zur Feldbestellung eingesetzt sein werden? Wird man in der Landwirtschaft wohl wieder zur Normalität zurückfinden, oder ist eher ein Flächenbrand zu befürchten nach den Muskelspielen auf zugestellten Straßen und Plätzen, zusätzlich befeuert durch Lokführer- und Ärztestreik sowie von extremistischen Brandbeschleunigern mit der Aussicht auf eine saftige Quittung bei den demnächst anstehenden Wahlen in Brüssel und in den ostdeutschen Bundesländern?

Ermahnung vorm Hallenstall: „Schimpfe nie mit vollem Mund über Bauern!“

Wie sich die Agrarpolitik hierzulande seit Sicco Mansholt selig („Wachsen oder Weichen!“) seit Jahrzehnten dargeboten hat, musste sie ja selbst unter urbanen Normalbürgern Skepsis auslösen angesichts des Höfesterbens, mehr aber auch des Artensterbens. Der für Milchbauern so ruinös niedrige Literpreis ist uns Konsumenten bei Lidl, Edeka oder Aldi ja dennoch stets zupass gekommen. Und wie rasant sich in der Folge – trotz aller Subventionen und satellitengestützter Überwachung der Auflagen – das Bild der Agrarlandschaft wie das der Bauernhöfe verwandelt hat, das konnte eigentlich keinem entgangen sein. Je rascher aus Höfen „Agrarfabriken“ wurden und je üppiger die neuen Hallenställe ausfielen, desto artenärmer und monotoner entwickelte sich die Feldflur. Während sich die Baar von der „Kornkammer Badens“ in eine Maiskammer verwandelte, wurde die Diskussion über CO2- und Umweltbilanz der Landwirtschaft immer lauter und unnachsichtiger geführt – Blühstreifen hin oder her. Zugleich wuchs mit dem Zwang zur Rationalisierung der Maschinenpark in den verbliebenen Vollerwerbsbetrieben, vom Melkroboter bis zur Biogasproduktion. Wie waren da all die Investitionen überhaupt noch finanziell zu stemmen? 

Am auffälligsten war die Aufrüstung mit immer noch schwereren Traktoren mitsamt deren oft mehrachsigen Nachläufern für Gülletransport und Ernte: Was waren das doch für Zeiten, als außer den Misthaufen vor den Häusern auch noch geräuschvoll dahin tuckernde Kramer-, Deutz- oder Lanzbulldogs das Dorfbild prägten; nun haben allenfalls bei Hobby- und Nebenerwerbslandwirten noch welche überlebt. Umso mehr darf gerätselt werden, wie unter den Rädern der tonnenschweren Nachfolgergeneration die Produktionskraft der „Ackerkrume“ überhaupt erhalten werden kann, zumal unterm Vorzeichen des Klimawandels mit seinen sich häufenden Hitze-, Trocken- und Überflutungsphasen.

Feldbestellung im Zeichen des Klimawandels

Vom Artenschwund in der Insekten- und Vogelwelt ganz zu schweigen, egal ob mehr vom Kunstdünger- oder vom Pestizideinsatz verursacht. Doch mit jeder erneuten Umwelt- und Tierwohlauflage staute sich noch mehr Frust an, Wut auf die Bürokraten in Brüssel wie auf die Regierenden in Berlin, sodass schließlich die Aufkündigung der bisher gewährten Steuervorteile und des Agrardiesel-Vorzugspreises der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, mochte die Ampel in Berlin noch so verzweifelt nach akzeptableren Einsparmaßnahmen gesucht haben seit dem Stopp durch das Verfassungsgerichtsurteil.

„Landwirtschaft hilft allen“, so lautete unlängst noch ein vollmundiger Werbeslogan des Bauernverbands, der auf Autoaufklebern und Plakaten weite Verbreitung gefunden hatte. Ob unter den Vorzeichen des sich steigernden Proteststurms, gar dessen Unterwanderung durch extremistische Kräfte, nicht doch das noch immer vorwiegend positive Image des Bauernstands Schaden erleiden wird – so sehr, dass sogar die Umsätze der Biolandwirte, der Selbstvermarkter und Bauernläden abzusinken beginnen? Warten wir´s ab: Kommt es zu wachsender Radikalisierung, zur Vereinnahmung durch AfD, Querdenker und Reichsbürger oder bleibt es bei halbwegs maßvoller Ausübung des demokratisch-zulässigen Demonstrationsrechts? Und nimmt man wirklich den Mund zu voll, wenn man Zweifel äußert an Sinn und Zweck der gegenwärtigen Protestwelle?

Von der Bauernhof-Idylle…
…zur „Agrarfabrik“

Frischer Wind?

„Beim Ausbau der Windenergie sind wir gut dabei. Bereits 106 Windkraftanlagen drehen sich über den Baumwipfeln im Staatswald. ForstBW treibt die Verpachtung landeseigener Waldflächen intensiv voran, um seinen Beitrag zu leisten und zeitnah den Anteil erneuerbarer Energien bei der Stromversorgung zu sichern.“ (Peter Hauk MdL, Minister für Ernährung, Ländlicher Raum und Verbraucherschutz, Aufsichtsratsvorsitzender von ForstBW in ForstBW INTERN, Ausgabe Dezember 2023)

Keine neuen Windräder im Staatswald. Trotz der Vermarktungsoffensive im Staatswald ist noch kein Windrad auf den seit 2021 ausgewiesenen Flächen genehmigt. (Schlagzeile des Schwarzwälder Boten v. 4. 1. 2024)

Auf der Titelseite von ForstBW INTERN vom Dezember 2023, den Mitteilungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wünscht die Betriebsleitung ForstBW frohe Weihnachten. Darunter werden aus dem Inhalt vor allem drei Beiträge angekündigt: „Frauen im Forst – über Chancengleichheit und Wandel in der Forstwelt“, „Moorrevitalisierung – Startschuss für das Naturschutzgroßprojekt MooReKa“ und unter „Frischer Wind im Wald“ ein Bericht über die Einweihung des Windparks „Junge Donau“. Die Anstalt öffentlichen Rechts (AöR), zu welcher die Staatsforstverwaltung 2020 umgewandelt worden ist, hat mittlerweile, so ahnt man schon vor dem Öffnen des Blattes, neben der Staatswaldbewirtschaftung ein zusehends breiter gefächertes Aufgabenspektrum zu bewältigen. Dafür hat ForstBW immerhin, wie der Leser auf Seite 3 erfährt, in der Branche Forstwirtschaft den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2024 gewonnen, verliehen von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis. Womit die Vorreiterrolle der AöR im Bereich der multifunktionalen Waldbewirtschaftung belohnt werde. Nominiert worden sei ForstBW als eines von mehreren Forstunternehmen nach einem mehrstufigen Auswahlprozess, „zunächst mithilfe KI-basierter Recherchen“, was immer man sich darunter vorzustellen hat. Es glaube nur ja niemand, im Staatswald unseres Bundeslands seien noch Hinterwäldler am Werk, sei die Neuzeit noch nicht angebrochen!

Dass der „frische Wind im Wald“ (bzw. „über den Baumwipfeln“) mächtig die Backen aufbläst, zeigt sich sodann im halbseitigen Bericht über die  Einweihungsfeierlichkeiten des Windparks „Junge Donau“ vom 22. September 2023. Illustriert ist er mit zwei Fotos: auf dem einen ist zuoberst auf der Außentreppe eines der fünf gigantischen Türme Ministerin Thekla Walker MdL festgehalten, darunter Landrat Stefan Bär vom Landkreis Tuttlingen, dazu Oberbürgermeister und Bürgermeister der umliegenden Gemeinden sowie ForstBW-Vorstand (alias Landesforstpräsident) Felix Reining, weil nämlich drei der fünf Windräder im Staatswald stehen; das zweite Foto zeigt neben einem zehnachsigen Spezialtransporter mit einem in Schrägstellung aufgeladenem gewaltigen Rotorflügel das Forstbezirksteam (23 Mitarbeiter*innen in warnfarbener Arbeitskluft) zu Besuch im zentralen Zwischenlager der Windenergiebranche bei Neuenbürg im Nordschwarzwald. 


Bei der anschließenden Pressekonferenz im Tuttlinger Rathaus hob ForstBW-Vorstand Reining hervor, „dass die Flächenverfügbarkeit eine grundlegende Voraussetzung für einen weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien sei und ForstBW hierzu einen wichtigen Beitrag leiste.“ Erfreut gezeigt „über die Früchte der Windkraftarbeit des Windkraftteams“ hat sich, dem Bericht zufolge, auch Geschäftsbereichsleiter GB 33 Jörg Hertie (sollte sich hinter GB der vormalige Forstrevier- oder der Forstamtsleiter verstecken?), schließlich hätten die Arbeiten zur Flächenbereitstellung ja bereits 2014 begonnen und 2016 sei dann der Gestattungsvertrag abgeschlossen worden – ein langer Planungsprozess sei somit glücklich beendet und mit der „Jungen Donau“ drehten sich nun also 106 Windenergieanlagen in den Staatswäldern von Baden-Württemberg. 

Doch trotz dieser Erfolgsmeldung sollte noch vor Dreikönig, am 4. Januar des neuen Jahrs, Gegenwind aufkommen: „Bremst Forst BW den Ausbau?“, so fragt der Schwarzwälder Bote auf seiner Titelseite. Auch im vergangenen Jahr seien im Südwesten nur einige wenige Windkraftanlagen genehmigt worden. Weshalb die für die Ausweisung von Flächen im Staatswald zuständige Behörde in der Kritik stehe. Landsweit seien laut Umweltministerium 774 Anlagen in Betrieb, nur 16 seien neu ans Netz gekommen, netto sogar nur 13, da auch Anlagen abgeschaltet worden seien. Und das, obwohl die Landesregierung doch eigens eine Taskforce Erneuerbare Energien eingesetzt habe, um Hindernisse für den Windkraftausbau aus dem Weg zu räumen. Doch gerade der Staatswald komme nicht voran: Auf den seit 2021 ausgewiesenen Flächen sei „kein einziges neues Windrad entstanden“. Dabei sollen es nach den im Koalitionsvertrag festgelegten Zielvorstellungen der Landesregierung doch bis zu den Neuwahlen allein im Staatswald 1000 werden. Mag sein, dass man im Ministerium Ländlicher Raum (MLR) die Utopie dieser Zielvorgabe erkannt hatte: Ein paar Monate später wurde die Zahl jedenfalls auf 500 abgeschwächt, während noch knapp vor der Wahl, auf der Delegiertenkonferenz von Bündnis 90 / Die Grünen, sogar 2000 Windräder für den Staatswald eingefordert worden waren.


Und dies, obwohl zuvor eine repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag der Deutschen Wildtierstiftung herausgefunden hatte, dass 80 % der  Befragten Windräder im Wald ablehnen. Und wo doch auch Deutschlands bekanntester (und umstrittenster) Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben (im Interview mit der Stuttgarter Zeitung v. 6. August 2021) aus Anlass seines Nationalen Waldgipfels noch die Ansicht vertreten hatte, Windkraft im Wald sei „Irrsinn im Quadrat“. Jetzt aber verrät der Naturschutzbund (Nabu) dem Schwarzwälder Boten, es seien halt vielfach Flächen ausgewiesen worden, die artenschutzrechtlich sensibel sind: „Wir haben den Eindruck, Forst BW sieht die ganze Ausschreibung zu technisch und zu wenig gesellschaftlich.“ Ja wie, bitteschön, wünschen wir ihn uns denn nun eigentlich, den deutschen Wald?

O, wie hat sie sich verändert, die forstliche Welt, seit sich die baden-württembergische Staatsforstverwaltung als Anstalt des öffentlichen Rechts (AöR) vermehrt dem Zugriff der Politik ausgesetzt sieht! Aus den Waldhütern alter Schule, die sich vordem noch mit Zähnen und Klauen gegen jede unangemessene, gar ungesetzliche Waldinanspruchnahme zur Wehr gesetzt haben, sollen nun also in Windeseile multifunktionstüchtige Windkraftarbeiter und Windkraftteams werden. „Wir sind gut dabei“, meinen sie derweil in ForstBW INTERN.

Im schönen grünen Bergmischwald,
wo heut Touristen wandeln,
da werden Windturbinen bald
den Wald vollends verschandeln.

Dann hält sich,
wer auch kommen mag, 
die Augen zu und Ohren
zum Schutze gegen Schattenschlag 
und rauschende Rotoren.                                                                                     
Die Landschaft, die uns teuer war,
ist leider nicht erneuerbar.                           

nach M. Lieser, 2017


„Junge Donau“: die neue Skyline der Schwäbischen Alb – gesellschaftlich erwünscht?

Alles Kultur?

Unter der Überschrift „Alles andere als Urwald“ erschien in der Zeitschrift Der Schwarzwald 3/2022, dem Organ des Schwarzwaldvereins, ein Beitrag von Peter Grassmann1, einem der Kuratoren der Ausstellung KULT(UR)WALD im Villinger Franziskaner Museum. Sie war der Besiedelung des Schwarzwalds gewidmet und räumte mit der laienhaften Vorstellung auf, wonach das „siedlungsunfreundliche“ Waldgebirge bis zu den Klostergründungen ein undurchdringlicher Urwald gewesen sei, allenfalls „ein Kult(ur)wald eben“. (Vgl. „Kein Urwald – nirgends?“)    

Nun haben auch noch zwei Forstwissenschaftler nachgelegt: Unter der Überschrift „Kulturwald in Mitteleuropa – Schwarzwald und Choriner Wald“ wird von Helmut Volk (Freiburg) und Peter Spathelf (Greifswald) in der Allgemeinen Forstzeitschrift (AFZ/Der Wald v. 6. 12. 2023) die Ansicht vertreten, die Urwaldzeit sei da wie dort viel früher zu Ende gewesen als bislang angenommen. Weshalb auch nicht der Naturwald Grundlage für die heutige Waldnutzung sein könne, auch nicht für die Bemühungen um Klimaschutz, Wasserschutz, Naturschutz und Erholung, sondern der Kulturwald. Selbst im Schwarzwald habe seit der Jungsteinzeit „ein lichter Agro-Forst mit einzelnen Baumgruppen“ dominiert. 

Wie finster und unwegsam war der Schwarzwald?

Für den Choriner Wald in Brandenburg mag das zutreffen. Muss aber auch das Bild des düsteren, wilden und unwegsamen Waldgebirges, das sich wie ein Riegel zwischen die Zentren der Zivilisation im Osten und Westen schob, zurechtgerückt werden? Da stellen sich einem denn doch etliche Fragen: War es wirklich ein komplettes Trugbild, das der Märchenerzähler Wilhelm Hauff 1828 im Kalten Herz verbreitete (Dein ist all Land, wo Tannen stehen…) und das man, ausweislich der pollenanalytischen Befunde, bis unlängst ja auch von der Wissenschaft noch präsentiert bekommen hat? Ganz zu schweigen von den Schilderungen der Römer, man denke nur an die Klage des Kaisers Julian (332 – 363 n. Chr.) über den Hercynischen Wald: „In diesem Walde habe ich Naturszenen gesehen, die unglaublich sind; ich verbürge es euch durch mein Wort, dass im Reich der Römer nichts Ähnliches erblickt wird.“ Und was könnte die Mönche des Klosters St. Gallen anno 763 n. Chr. noch veranlasst haben, ausgerechnet für einen „lichten Agro-Forst“ in ihrer Urkunde den Namen „saltus  Swarzwald“ zu verwenden? Wo sind schließlich „die schauerlichen Tannenhaine“ geblieben, „von denen dieses Gebirge seinen Namen hat, die sich zu allen Seiten erheben“, die ein Ferdinand Ochsenheimer 1795 noch in seinen „Streifereien durch einige Gegenden Deutschlands“ beschreibt? Mag man sich so einen „Kulturwald“ ausmalen? 

Glich die Siedlungsgeschichte im Schwarzwald über Jahrtausende hinweg nicht eher einem Kampf, einem erbitterten Ringen, um den Wald daran zu hindern, sein Terrain zurückzuerobern, sobald die Landwirtschaft wieder einmal durch Klimaungunst lahmte oder die Feldflur durch Abwanderung und kriegerische Auseinandersetzungen ein paar Jahre lang brach liegen blieb? Und beschreiben die Begriffe „Forst“ und „Aufforsten“ nicht eine ganz und gar neuzeitliche Praxis aus der Ära der sog. Altersklassenwirtschaft? Dass der Schwarzwald auch immer wieder dicht bewaldet war und dass es sich dabei vorwiegend um einen Mischwald aus schattentoleranten Nadel- und unterschiedlichen Laubbaumarten gehandelt hat, mithin um die für den Schwarzwald so charakteristische Bergmischwaldgesellschaft, beweisen doch unzählige Pollenprofile. Selbst die Peutingersche Tafel (Tabula Peutingeriana), die auf einer Straßenkarte aus spätrömischer Zeit basiert, zeigt den Schwarzwald als durchgehend mit Nadel- und Laubbäumen bestockte Kulisse. 

Silva marciana auf der Tabula Peutingeriana (https://tp-online.ku.de)

Zwar kann Bergmischwald auch im Urzustand nicht mit einem undurchdringlichen Dschungel gleichgesetzt werden. Wirklich siedlungsfeindlich und unwegsam war der Schwarzwald wohl immer nur je nach Topographie, also vor allem in den felsdurchsetzten Steilhängen des rhenanischen Teils*. Zu keinem Zeitpunkt musste er großräumig umgangen werden, vielmehr wurde er schon früh auf uralten Handelsrouten durchquert. Für Nischen mit Urwaldcharakter blieb dennoch Platz. Wie sonst sollten „Urwaldreliktarten“ überdauert haben, zu denen man ja nicht nur ein paar seltene Vogel-, Pilz- und Insektenarten, sondern im Grunde auch den Schwarzwälder „Charakterbaum“, die Weißtanne, zählen muss. Bergmischwälder sind jedenfalls bis in die Neuzeit hinein niemals durch Aufforstung entstanden; nach Rodungen und Kahlschlägen haben sie sich stets dank natürlicher Sukzession von allein wieder eingefunden: Was an diesem Mosaik-Zyklus-Prozess des Waldökosystems kann da als „Kulturwald“, gar als „Agri-Forst“ interpretiert werden?

Alles Kultur im Schwarzwald?

Wie sich zumal die Weißtanne im Schwarzwald, ihrem heutigen Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland, gegen alle Rodungswellen behaupten konnte, lässt sich mit der These vom durchweg kulturbedingten, womöglich „lichten Agro-Forst“ nicht in Einklang bringen. Nicht einmal die ordnungsgemäße Forstwirtschaft der jüngsten zweihundert Jahre hat nennenswert zu ihrem Überleben beigetragen – man denke nur an ihre Arealverluste seit Beginn der Altersklassenwirtschaft. Der Beitrag von H. Volk und P. Spathelf fällt in eine Zeit, in der nicht nur aufgrund des Klimawandels, sondern auch des Artenschwunds die Auseinandersetzungen zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft an Schärfe enorm zugenommen haben. Wobei es nicht nur um die Forderungen nach weiteren Flächenstilllegungen geht, nachdem die 2007 von der Bundesregierung beschlossene Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt ihr bis 2020 angestrebtes Ziel von fünf Prozent unbewirtschafteter Waldwildnis weit verfehlt hat. Der Forstseite muss sich auch gegen den Vorwurf wehren, dass sie aus Gründen der Gewinnmaximierung noch immer  Nadelholzforste bevorzuge und den Wald nach Sturm, Trockenheit und Käferfraß nach wie vor lieber als Kunstforst bewirtschafte als nach dem Vorbild der Naturwalds – als möglichst resilienter Dauerwald. Ob da die These weiterhilft, es sei ja ohnehin alles Kulturwald?


1 Graßmann, P. / Ade D. / Rademacher, L (Hrsg.): KULTURWALD Die Besiedlung des Schwarzwalds. Verl. der Stadt Villingen-Schwenningen
* Das rhenanische System umfasst den Rhein und alle Flüsse, die in den Rhein münden.

Luchskatze Finja ist ausgewildert

Jetzt ist es tatsächlich wahr geworden: Am 1. Dezember 2023 wurde im dick verschneiten Nordschwarzwald die erste Luchskatze freigelassen, und das in Anwesenheit von Forstminister Peter Hauk, der Presse und allerlei Prominenz. Tags darauf hat es Finja als Sympathieträgerin sogar auf die Titelseite des Schwarzwälder Boten geschafft – noch vor der Meldung „Problemwölfe im Visier“ und anderen heiklen Tagesthemen, dazu im Inneren dann ein ausführlicher Bericht unter der Rubrik Baden-Württemberg. Unerwähnt blieb nur der genaue Ort der Freilassung, um ja keinen Luchs-Tourismus auszulösen.

Finja auf der Titelseite

Nun soll sie, wenn alles zusammenpasst, Stammmutter einer baden-württembergischen Luchspopulation werden, im günstigsten Fall schon im kommenden Frühjahr durch Paarung mit Luchskuder Toni, der seit 2019 im Nordschwarzwald sein Revier gefunden hat, zugewandert wie vier weitere männliche Luchse und sodann besendert durch die Experten der Freiburger Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA). Auch Finja, gebürtig in einem Thüringer Wildgehege, aufgezogen und auf die Freiheit vorbereitet in einem Auswilderungsgehege im Pfälzerwald, trägt zu ihrem Schutz und zu ihrer Überwachung per Monitoring einen Halsbandsender. Weil weibliche Luchse sich als weniger wanderfreudig erwiesen haben als ihre männlichen Artgenossen, die seit 1987 immer wieder einmal diesseits des Rheins aufgetaucht sind, ist es bisher nie zu Nachwuchs gekommen. Wo das waldreiche Baden-Württemberg doch für die europäische Luchspopulation als unverzichtbarer Trittstein gilt.

Insgesamt 10 weibliche Luchse sollen deshalb bis 2027 zur Bestandesstützung ausgewildert werden, und dies bei einem Kostenumfang von 1,8 Millionen Euro, wie die Pressemitteilung 254/2023 des MLR verrät. In ihr wird der 1. Dezember als „historischer Tag für den Artenschutz“ gefeiert, zumal auch mit Spenden der Umweltverbände gerechnet werden darf. Das Auswilderungsprojekt dürfte den Agrarminister, der sich seit Jahren als Befürworter bekennt, dennoch viel Nerven gekostet und Stehvermögen abverlangt haben, auch wenn das Vorhaben ja bereits im grünschwarzen Koalitionsvertrag von 2021 festgeschrieben steht. Denn zeitgleich hat sich die Auseinandersetzung um den anderen großen Beutegreifer, um den Wolf, enorm verschärft, nachdem im Südschwarzwald – sehr zum Verdruss der Viehhalter – erstmals für Wolfnachwuchs nachgewiesen wurde und seine Rudelbildung absehbar geworden ist. Weidetiere statt Raubtiere, so lautet schon seit Jahren ein vielplakatierter Slogan der Schwarzwälder Höhenlandwirte.

So war es denn auch wenig verwunderlich, dass bis vor Kurzem noch der Luchs-Managementplans zu wackeln schien: Im Rahmen der 2004 vom Stuttgarter MLR eingesetzten AG Luchs und Wolf  wurde noch einmal heftig diskutiert, wobei auch noch einmal Uraltargumente für und wider die Bestandesstützung aufgewärmt worden sind. Als Pressure-group gegen die Vorverurteilung Pinselohrs und für seine Wiederansiedlung war auch die Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. wieder mit dabei, die seit – sage und schreibe – 37 (!) Jahren für den Luchs im Einsatz ist: Anno 1986, noch ganz unterm Eindruck des Kernkraft-GAUs in Tschernobyl und der Verstrahlung auch des Wilds, war erstmals die Idee aufgekommen, dessen natürliche Regulatoren, nebst dem Winter (nach schweizerischem und elsässischem Vorbild) auch den Fressfeind der Rehe, den Luchs, wieder ins Spiel zu bringen. Denn wegen des ausbleibenden Wildbretabsatzes hatten die Forstleute eine nachlassende Bejagung sowie zunehmende Verbissschäden im Wald befürchtet. Was in der Jägerschaft gar nicht gut angekommen war, von den Protesten der Landwirte ganz zu schweigen. Mochte der Agrarminister auch damals schon in seiner Pressemitteilung (vom 15. 11. 1986 Aktenzeichen 9/3640) darauf hinweisen, dass die Wiedereinbürgerung des Luchses „ein Beitrag zur Erhaltung einer in Europa vom Aussterben bedrohten Tierart“ sei und der Schwarzwald zu den dafür in Betracht kommenden Lebensräumen gerechnet werden könne.

Seit dem 1. Dezember 2023 sollte das alles Schnee von gestern sein – umso lebhafter möchten wir Finja ein langes Leben, dem Bestandesstützungsprojekt viel Erfolg wünschen!

Nichts wie raus aus der Kiste und rein in den winterlichen Schwarzwald (Foto FVA Strein)

Ausblick mit Windrädern

Zur Linken sah ich schon das erste Windkraftmonster, bald sollten 90 weitere in einer Höhe von zweihundert Metern folgen. Das war das Ende, dachte ich. (Arnold Stadler: Auf dem Weg nach Winterreute. Verl. Jung und Jung, Salzburg u. Wien, 2012)

Was war das damals noch für ein Ausblick aus meinem Fenster, zumal frühmorgens, wenn sich über Nacht frühherbstlicher Bodennebel gebildet hatte! Bis zum Jahr 2016 ging die Sonne über einem gänzlich ungestörten Horizont auf, über der Schwäbischen Alb, jeden Morgen ein Stückchen weiter südwärts, genauer: über den Amtenhauser Bergen und der Blatthalde bis hinüber zum Wartenberg.

Sonnenaufgang über der Schwäbischen Alb (2016)

Doch dann, anno 2017, wuchsen plötzlich fünf weiße Spargel aus dem dicht bewaldeten Rücken hervor –  für den Landschaftsfreund ein durch und durch gewöhnungsbedürftiger, ja verstörender Anblick, erst recht bei abendlichem Schräglicht, angestrahlt kurz vor Sonnenuntergang. Ob ich mich wohl je an diese Bildstörung gewöhnen werde? Dabei ragten die Windräder ja nur dem Anschein nach zuvorderst aus der Blatthalde hervor, in Wahrheit waren sie einen ganzen Höhenzug weiter ostwärts errichtet worden, im Fürstlich Fürstenbergischen Wald, jenseits des Amtenhauser Tals.

Die neue Skyline (2017)

Gelegenheit, sich vor Ort umzusehen, ergab sich unlängst (im Vorfrühling 2023) im Rahmen einer Exkursion des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar e. V.: Erst aus der Nahperspektive erschloss sich den Teilnehmern das wahre Kaliber dieser monströsen Türme wie auch der nicht minder gigantische Platzbedarf für Baustellen und Zufahrten. Wobei man sich das Ausmaß der unterirdischen Betonsockel und deren ökologischen Fußabdruck natürlich noch hinzudenken musste.

Auf Waldexkursion (2023)

Ein mit den Eingriffen in den Wald durchaus einverstandener und von den hier geleisteten Investitionen sichtlich erbauter Chef des Forstbetriebs Fürstenberg Forst GmbH & Co. KG gab dazu forst- und energie- wirtschaftliche Erläuterungen. So deutete er auch eher beiläufig an, welchen Nutzen sich der Forstbetrieb von der Windenergie verspricht: Mit dem jährlichen Pachterlös für ein einziges Windrad könne jeweils eine zusätzliche Arbeitskraft eingestellt und finanziert werden – allemal vom Vielfachen des zuvor erwirtschafteten Ertrags auf der benötigten Waldfläche. Der erzeugte Strom komme allerdings nicht der Region, sondern der Stadt Tübingen zugute. Im Schwarzwälder Boten (v. 6. 8. 2022) hatte Forstchef schon im Jahr zuvor,  warnend vor den Auswirkungen des Klimawandels auf das Waldökosystem wie vor den Behinderungen des Windkraftausbaus durch überzogenen Artenschutz, angekündigt, das Fürstenhaus plane, nicht weniger als fünfzig (!)  Standorte in seinem 18.000 ha großen Wald an Windenergiebetreiber zu verpachten.

Da waren es plötzlich doppelt so viele Windräder am Horizont

 Weshalb es denn ein Jahr später auch kaum mehr überraschen konnte, dass der Horizont der Alb plötzlich mit weiteren fünf Windrädern überstellt war. Wo doch die Energiekrise inzwischen in aller Munde, der Klimawandel anscheinend außer Rand und Band geraten war mit immer neuen Temperaturrekorden. Und wo mittlerweile dank Habecks Beschleunigungsgesetz  „Deutschlandtempo“ angesagt war. Hatte nicht auch, zunehmend genervt ob der mageren Bilanz des Windkraftausbaus im eigenen Land, Ministerpräsident Kretschmann geschimpft und gedrängt: „Wir brauchen Windräder ohne Ende. Denn wo gibt es denn Windräder im Schwarzwald? Die muss man mit der Lupe suchen“ (so jedenfalls zitiert ihn der Schwarzwälder Bote vom 9. 9. 2022). Und seine Umweltministerin hatte gleich noch eins obendrauf gesetzt: „Wenn wir klimaneutral werden wollen, werden es dann mehr als 1000 Windräder sein. Sogar doppelt so viele.“ Wie lässt es sich da noch gegen die Überprägung und Störung des Landschaftsbilds argumentieren, während zugleich die Industrialisierung ganzer Waldgebiete droht?

In Erwartung weiterer Verspargelung: die Länge (2023)

Beim Blick aus meinem Fenster bleibt jetzt für die Bestückung mit Windenergieanlagen nur noch die Länge übrig, sofern nicht auch Warten- oder Fürstenberg aus Platzgründen noch dafür in Betracht gezogen werden sollten. Oder vielleicht doch auch noch die Schwelle des Auenbergrückens, wo anno 1988 von einigen Enthusiasten das erste neuzeitliche Windrad Baden-Württembergs errichtet worden ist – mit seiner Nabenhöhe von knapp 30 m freilich eher ein Rädchen als ein Rad heutiger Dimensionierung. Damals, noch ganz unterm Eindruck des Supergaus von Tschernobyl stehend, war damit  unübersehbar ein grünes Signal gegen die Nutzung der Kernenergie gesetzt worden. 

Der Auenberg mit dem ersten Windrad des Landes

Im Jahr 2012 hatten die vier Städte rund um die Länge (Donaueschingen, Hüfingen, Blumberg und Geisingen) das bislang gänzlich unzerschnittene und unbesiedelte Waldgebiet per Flächennutzungsplanänderung zum Vorranggebiet für Windenergienutzung erklärt. Nur an seinem äußerstem Nordrand existierte  ja bereits seit 2001 nebst einem TV-Umsetzer ein Windrad; sein Rotor pflegt allerdings (mit nicht einmal 1.200 Volllaststunden im Schnitt der 20 Jahre) auffallend oft stillzustehen, wie der Blick aus meinem Fenster verrät.

Windatlaswerte hin oder her: eine namhafte Betreiberfirma hatte auf der Länge schon früh das Handtuch geworfen. Doch ums Jahr 2015 sind neue Planungen an die Öffentlichkeit durchgesickert, die umgehend auch den Widerstand einer Bürgerinitiative hervorgerufen haben. Für die Widerständler drehte sich fortan alles – weil Beeinträchtigungen des Landschaftsbilds im Abwägungsprozess ohnehin kaum zählen würden – um die Schlagopfer der Rotoren, ob bei Rotmilanen, bei Wespenbussard, Hohltaube oder Raufußkauz, bei fünferlei

Specht- und acht nachgewiesenen, streng geschützten Fledermausarten; wie  natürlich auch gewarnt werden musste vor der Bedrohung der (international bedeutsamen) Trittstein- und Korridorfunktion der Länge für wandernde Wildtierarten. Windräder in einem ökologisch hochwertigen Wald – was für ein Widersinn! 

Doch der Widerstand und die Petitionen im Landtag verpufften wirkungslos, das Genehmigungsverfahren für 11 Schwachwindanlagen zweier Betreiberfirmen war nicht mehr zu stoppen. Nachdem  Ende Dezember 2016 (kurz vor Ablauf  der bis dahin geltenden, besonders windkraftfreundlichen Förderbestimmungen) die Baugenehmigungen erteilt worden waren, begannen im März unverzüglich die Rodungsarbeiten für den bislang größten Windpark Baden-Württembergs. 

Die 11 Windräder, jeweils mit 245,5 m Gesamthöhe und damit doppelt so hoch wie der Freiburger Münsterturm, stehen indessen noch immer nicht. Aufgrund einer Verbandsklage der Naturschutz-Initiative e.V. urteilten erst die Freiburger, dann auch die Mannheimer Verwaltungsrichter, dass die Genehmigungen fehlerhaft waren. Das aufwändige Verfahren mitsamt  Umweltverträglichkeitsprüfung musste daher wiederholt werden: Diesmal freilich nur noch für sechs Windräder, denn eine der beiden Betreiberfirmen war inzwischen insolvent geworden. Ob sich die betroffene Stadt Blumberg davon abhalten lassen wird, auf ihrem Teil der Länge weiterhin auf Windkraft zu setzen und ob nicht auch die Stadt Geisingen noch auf ihrem Vorranggebiet nachziehen wird, bleibt vorerst ungeklärt.

Visualisierter Ausblick auf die Länge (Foto U. Bielefeld)

Doch trotz des zunehmenden Gegenwinds aus Politik und Gesellschaft ließ sich die Naturschutz-Initiative e. V. auch diesmal nicht daran hindern, erneut zu klagen. Das Urteil der Verwaltungsrichter zu den  verbliebenen 6 Windrädern liegt derzeit noch immer nicht vor, sodass der Betreiberfirma Solarcomplex nach wie vor in den Startlöchern sitzt. Lediglich an den Rändern der Zufahrten zu den einzelnen Rodungsflächen wagte man schon einmal, etliche weitere Bäume zu fällen und Kabel zu verlegen. Was hatten Landes- und Ampelregierung nicht alles unternommen, um die Genehmigungsverfahren zu entbürokratisieren und zu beschleunigen – und nun dennoch eine solche Verzögerung!

Aber wie, wenn nun nächstens auch die Länge mit fast 250 m hohen Windrädern bespickt sein wird? Was wird das aus dem Landschaftsbild machen, wie wird sich der Ausblick aus meinem Wohnzimmerfenster verändern? Schlimmstenfalls wird ja wohl eines nicht allzu fernen Tages auch das Windrädchen auf dem Auenberg noch – per Repowering – auf siebenfache Gesamthöhe aufgestockt werden und mir zuguterletzt auch noch den Ausblick aufs Berneroberland vergällen. Der Schutz der Landschaft, wie damit auch die Erhaltung von „Vielfalt, Eigenart und Schönheit“ des Landschaftsbilds, steht zwar nach wie vor im § 1 Abs. 1 Pkt. 3 des Bundesnaturschutzgesetzes, und im Artikel 20a des Grundgesetztes findet sich der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen (also auch derjenige von Landschaft und Tieren) sogar als Staatsziel wieder. Doch mehr denn je fühlt es sich mittlerweile so an, als lebten wir im übergesetzlichen Notstand, wo nicht einmal mehr der Staatshaushalt und seine Fördertöpfe verfassungskonform sind. Klimaschutz statt Arten und Landschaftsschutz, so lautet die Devise! 

Aber wer weiß schon, ob nicht die Wohnungsinhaber kommender Generationen den Blick auf all die Windturbinen ringsum als Zeichen der Hoffnung interpretieren, ja, vorbehaltlos begrüßen werden: als Indiz für eine gelungene „ökologische Transformation“ im Kampf gegen die Klimakrise. Was also soll da noch das Gejammer über den Ausblick auf ein „transformiertes“ Landschaftsbild? Einstweilen darf allenfalls getrauert werden.

Hausrunde

Um in ein siebenstöckiges Hochhaus überzusiedeln, in einen Klotz in Stadtrandlage, dazu brauchte es mehr als nur die Überzeugungskraft einer willensstarken Ehefrau – zumal bei einem eingefleischten Waldmenschen, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Um ihn dafür zu gewinnen, mussten fraglos noch ein paar weitere Lockmittel eingesetzt werden. Dabei hätte eigentlich bereits ein erster Blick aus der  südseitigen Fensterfront im 6. Stock genügt haben müssen, liegt einem da doch – wow! – die halbe Baar zu Füßen: Gegen Osten begrenzt durch die Schwäbische Alb, gegen Südosten durch Warten- und Fürstenberg sowie durch die von einem TV-Umsetzer und einem Windrad gekrönten Länge (die Badische Alb), weiter südwärts dann über dem Stadtzentrum durch den Eichbergrücken, schließlich durch die Schwelle des Auenbergs mit seiner unverwechselbaren Baumreihe und mit Baden-Württembergs ältestem Windrad – und darüber bei klarer Sicht: die gezackten Eisriesen des Berner Oberlands! Wie hässlich darf da ein siebenstöckiger weißgrauer Plattenbau sein (Donaueschingens „städtebaulicher Akzent“ aus den späten 1970er Jahre), um den Charme einer Wohnung mit Alpensicht aufzuwiegen? Und das auch noch bei all den Vorzügen der gebüschreichen Stadtrandlage, wo man im Frühling vom Vogelkonzert geweckt wird und  wo vor dem Fenster, fast zum Greifen nah, noch Rot- und Schwarzmilane herumgaukeln, die Charaktervögel der Baar. 

Wohnlage mit Alpensicht überm Auenberg

Als ob damals im Untergeschoss nicht auch noch eine öffentliche Sauna und ein Schwimmbecken den Ruheständler gelockt hätten. Und knapp nebenan erstreckt sich der Buchbergwald, der zum Joggen einlädt. Derweil für den Radler hier ein nichtöffentliches Teersträßchen einmündet, ein ideales Ausfalltor ins Radwegenetz abseits des Verkehrstrubels. Was also sprach da letztlich noch gegen das Wagnis, das bisherige Försterbiotop gegen ein Hochhaus-Soziotop einzutauschen; selbst wenn auf Klingelleiste und Briefkästen die Namen fremdländischen Ursprungs zu überwiegen schienen?

Inzwischen genießen sie ihren „Adlerhorst“ da oben schon gut und gern zwei Jahrzehnte lang. Der Ruhestand als lauschige Blockhaus-Idylle am Waldesrand mit Dackel und geschulterter Büchse, wovon er vielleicht irgendwann mal geträumt haben mag, ist längst kein Thema mehr – man hat sich eingelebt, genießt die Vorzüge, auch wenn der Saunabetrieb längst eingestellt und das Schwimmbecken aus Sparsamkeits- und Umweltgründen seit Jahren trockengelegt ist. Das Miteinander der Hausbewohner, Mieter wie Eigentümer, hat sich als denkbar unkompliziert erwiesen: Man grüßt sich im Treppenhaus, auch wenn einem die Namen längst nicht alle präsent sind, und zuweilen ergibt sich sogar ein zwangloser gutnachbarschaftlicher Smalltalk. Oder man beklagt sich gemeinsam, wenn der Fahrstuhl oder die Heizung mal wieder streikt. Ansonsten genießt man die Lärmdämmung der Wände oder schimpft allenfalls auf Laubbläser und Rasenmäher im Viertel oder auf den Straßenlärm bei geöffneter Balkontür. Die alljährlichen Eigentümerversammlungen, einberufen von der Hausverwaltung, verlaufen alles in allem vergleichsweise friedlich, zumal die Ehefrau ja auch so gewinnend wie resolut das Ehrenamt einer Beirätin versieht. 


Bestens vernetzt sieht sich indes auch der radelnde Ruheständler angesichts all der Varianten für seine Runden über die Baar hinweg; in den Sommermonaten lockt allemal der Abstecher an den Riedsee, wo er seit Jahren ein und dieselbe Einstiegsnische bevorzugt, begrüßt von seinen gefiederten Freunden, den Haubentauchern und Schwänen, sowie von einer von Jahr zu Jahr üppigeren  Seerosenpracht. Sein Drahtesel ist unterdessen vom schlichten Rennrad zu einem höchst feudalen Mountainbike mit E-Motor mutiert – dessen Anschaffung  freilich nicht ohne den fürsorglichen Nachdruck seiner besseren Hälfte erfolgt war, denn gegen eine Unterstützung aus der Steckdose hatte er sich stets entschieden verwahrt. Doch mittlerweile muss auch er Alter und Gesundheit Tribut zollen und an Anstiegen seine Pulsfrequenz zügeln. Zumal wenn der Ausritt etwa durchs Gnadental hinauf auf die Länge führt oder gar in den Schwarzwald – ganz zu schweigen von den altgewohnten winterlichen Skilanglauf-Eskapaden.

Auf der Hausrunde durch den Buchberg

Was natürlich ebenso für seine Jogging-Hausrunde durch den stadtnahen Buchbergwald gilt, bei welcher er sich inzwischen zu moderaterer Gangart genötigt sieht. Doch noch immer durcheilt er jetzt flotten Schrittes den ihm so vertrauten Wald, wann immer gerade kein Radwetter herrscht. Dankbar benutzt er dabei, nicht anders als vor ihm schon so viele Generationen von Waldbesuchern, die schmalen Fußpfade, die von seinen forstlichen Berufskollegen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Wohle der Stadtmenschen angelegt worden sind, während man breitere Waldwege da und dort sogar der Ästhetik wegen mit Linden bepflanzt hatte. Anders als noch beim Joggen pflegt ihm nun keine Veränderung mehr zu entgehen, sei es beim jahreszeitlichen Wandel der Bodenflora, seien es die jüngsten waldwirtschaftlichen Eingriffe. Mit geradezu kindlicher Freude und Genugtuung verfolgt er unterwegs die alljährlichen Wachstumsschübe in der Tännchen-Kita, wo er sich doch ein Berufsleben lang für das Wohl der Weißtanne eingesetzt hatte.

Tännchen-Kita unter einer Buchberg-Buche

Die Erinnerung an denkwürdige Fuchsjagden wird im Fürstenbergischen hochgehalten: Ein Gedenkstein erinnert im Donaueschinger Stadtwalddistrikt Buchberg an des Fürsten Karl Egon letzte Fuchsjagd (am 29. Februar 1892). Seinen – sage und schreibe –  eintausendsten (!) Fuchs hat Wilhelm II. 1908 am Schellenberg westlich der Residenz erlegt, wie einer in einen Granitblock eingelassenen (inzwischen entwendeten) Bronzetafel zu entnehmen war. Die „Kaiserjagden“ auf Füchse gehörten zu den Höhepunkten des Donaueschinger Jagdjahrs. An ihnen nahm nicht selten als prominentester Jagdgast und enger Freund der Fürstlichen Familie auch Kaiser Wilhelm II. teil; insgesamt vierzehnmal war der kaiserliche Jagdgast zu Besuch. Die Höchststrecken je Jagdtag betrugen bis zu vierzig Füchse!

Kürzlich hat ihm seine besorgte Frau – sicherheitshalber – ein Smartphone aufgedrängt; das nutzt er seitdem fleißig auch auf seiner Hausrunde, freilich nur, um allfällige Waldmotive im jahreszeitlichen Wandel festzuhalten. Noch nie ist einem im Sportdress das Fotografieren ja so leicht gemacht worden, und das bei Tiefenschärfe und Brillanz von vorne bis hinten raus, unverwackelt selbst noch im Dämmerlicht des Waldes. Nicht zu glauben, dass er sich damals als Forstamtschef sogar noch strikt geweigert hatte, ein Diensthandy in der Tasche mitzuführen! Wer im Wald was von ihm wollte, solle sich doch bitteschön bei der Sekretärin erkundigen, wann er am Schreibtisch wieder anzutreffen ist.

Der Schlussspurt nach absolvierter Joggingrunde hatte vormals noch das Treppenhaus hinauf bis in den 6. Stock zu erfolgen. Doch auch dabei geht es unterdessen ruhiger zu, auch wenn er sich noch immer dazu zwingt, freiwillig auf den Fahrstuhl zu verzichten, ob nach absolvierter Buchbergrunde oder beim allmorgendlichen Gang zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen. Spätestens ab dem 4. Stock beginnt er, heftiger durchzuatmen und Sauerstoffschuld zu verspüren – für ihn jedoch ein unverzichtbarer Trainingsimpuls. Der Umzug damals ins Hochhaus: was für ein Glücksfall!

Verwurzelung 

Womit die Tannen Wasser und Nährstoffe in ihre Kronen pumpen

Kohlenmunkpeter hatte jetzt den höchsten Punkt des Tannenbühls erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein holländischer Schiffsherr viele hundert Gulden gegeben hätte. Hier, dachte er, wird wohl der Schatzhauser wohnen. (Wilhelm Hauff: Das kalte Herz. 1827)

Wie es im Waldboden unter der Laub- und Nadelstreu ausschaut, wissen nur die Wurzelzwerge im Märchen, wogegen normalen Waldgängern der Tiefblick verwehrt bleibt. Es sei denn, der Sturm hat wieder mal zugeschlagen und Bäume entwurzelt. Doch wer macht sich dann schon die Mühe, die Wurzelsysteme der einzelnen Waldbaumarten eingehender zu untersuchen und miteinander zu vergleichen, etwa um daraus Rückschlüsse zu ziehen auf deren Widerstandsfähigkeit (Resilienz) im Trockenstress des Klimawandels und  deren Sturmfestigkeit, damit auf die Zukunftstauglichkeit des jeweiligen Waldes? Dass es unter den Bäumen Flach- und Tiefwurzler, auch Teller-, Pfahl- und Herzwurzler gibt, dürfte noch aus der Schule bekannt sein, doch wie sich die Wurzeln der verschiedenen Baumarten, auf unterschiedlichen Böden, in unterschiedlichem Baumalter und in unterschiedlicher oberirdischer Waldgesellschaft zu entwickeln pflegen, auch wie es sich mit dem Zusammenspiel von Feinwurzeln und Mykorrhizapilzen verhält, das alles bleibt – selbst unter Wissenschaftlern –  vielfach im Dunkeln. Mit der Folge, dass es nach Sturmkatastrophen oft zu recht breit gestreuten Ergebnissen kommt bei der Beurteilung der Sturmanfälligkeit der jeweiligen Baumart. War´s Wurf oder war´s Bruch, war´s Fichte oder Tanne? – im Nachhinein lässt sich oft nicht mehr klären, wie sich die Sturmholzmassen in den Statistiken zusammengesetzt haben.

Flachwurzlerin Fichte auf Braunjura-Tonlehm

Allgemein gilt die Flachwurzlerin Fichte als sturmgefährdeter als die tiefer wurzelnde Weißtanne. Umso verblüffter waren die Fachleute, als eine Auswertung der Sturmkatastrophe von 1967, durchgeführt in den Folgejahren im Rahmen einer Dissertation1, hinsichtlich der Sturmanfälligkeit von Tannen und Fichten für Süddeutschland keinerlei Unterschiede aufgezeigt hatte. Wie war es zu diesem Patt zwischen den beiden wichtigsten Nadelbaumarten gekommen, das sich so gar nicht in Einklang bringen lässt mit dem waldbaulichen Erfahrungswissen?

Auch nach den Winterorkanen Vivian und Wiebke von 1990 untersuchte man wieder die Sturmgefährdung der wichtigsten Baumarten Baden-Württembergs2; diesmal kam heraus, dass nicht zuletzt – welche Überraschung! – die Größe des Wurzelballens den Unterschied ausmacht. In Mischwäldern erwies sich freilich die Fichte eindeutig als die gefährdetste Baumart, gefolgt von der Tanne, während Kiefern und die (noch winterlich laublosen) Buchen und Eichen deutlich besser abgeschnitten hatten. Dass den Spitzenböen des Jahrhundertorkans Lothar am 26. 12. 1999 schließlich überhaupt keine Baumart mehr standgehalten hat, war die bittere Erkenntnis zum Ende des Jahrtausends.

Das Thema Sturmwurfrisiko hat die Förster nicht erst seit gestern umgetrieben. Einen erstaunlich detaillierten Einblick in Beschaffenheit und Entwicklung der Tannenwurzel hatte bereits 1950 eine (nur selten zitierte) Studie des Freiburger Waldbauprofessors von 1939 – 1952, Eduard Zentgraf, vermittelt, basierend auf Vorarbeiten (Ausgrabungen, Vermessung und Abbildungen) von zumeist im Weltkrieg gefallenen Forstleuten und erschienen unter dem Titel „Die Wurzeltracht der Edeltanne“3. Zentgraf konnte dabei auf eine stattliche Sammlung von (gezeichneten und fotografierten) Wurzelbildern zurückgreifen – vom einjährigen Tannensämling bis zum 215jährigen Stamm.

Tannenwurzel mit Tiefgang und Breitenwirkung

Die Wurzelentwicklung der Weiß- (oder Edel-)Tanne, das zeigten die Abbildungen, beginnt mit der Ausbildung einer Pfahlwurzel, die schon bei Sämlingen die Länge des oberirdischen Sprosses erreicht oder gar übertrifft und die lotrechte Fortsetzung des Stämmchens nach unten bis in 1,30 m Tiefe bildet, ehe sie womöglich auf ein unüberwindliches Hindernis im Boden stößt, wo es dann durchaus auch zu einem Wurzelknick kommen kann. Derweil setzt aber auch eine vehemente Horizontal- und Herzwurzelbildung ein, vielfach mit lotrechten Senkerwurzeln. In naturnahen Bergmischwäldern pflegen Weißtannen sich noch bis zum Alter 70 und darüber hinaus als sog. „Vorwüchse“ im „Schattenschlaf“ zu befinden bei stark gedrosseltem Höhen- und Dickenwachstum. 

Tannenvorwüchse im Schattenschlaf
Stammscheibe eines 70jährigen Tannenvorwuchses

Während das oberirdische Wachstum mangels Lichtgenuss nahezu stagniert, setzt sich das Wurzelwachstum unterdessen weiter fort, sodass dann, wenn sich im Bestandesdach endlich ein Lichtschacht öffnet, die Vorwüchse los wachsen als seien sie biologisch junge Bäume. Bis ins hohe Tannenalter verbessert sich das Wurzelvermögen weiter, nicht anders als das Volumenwachstum des Stammes. Im Allgemeinen könne gesagt werden, schreibt Zentgraf, „dass das Wurzelausbreitungsvermögen der Tanne größer ist, als bei irgend einer anderen Holzart.“

So erklärt sich denn auch die überraschende Entdeckung schweizerischer Forstwissenschaftler bei der Stammanalyse einer 250jährigen Tanne aus dem Neuenburger Jura: der kapitale Baum hatte nämlich in der zweiten Hälfte seines Lebens zehnmal (!) soviel Holzwachstum erbracht wie in seinen ersten 125 Jahren. Glücklicherweise war im welschschweizerischen Jura ausgangs des 19. Jahrhunderts eine brauchbare Methode erfunden worden, wie man die Holzvorräte auch ungleichaltriger Bergmischwälder verlässlich messen und kontrollieren kann, die sog. „Kontrollmethode“ – für die Weißtanne ein wahrer Glücksfall. Denn das bis dahin übliche Verfahren, das die Forstgesetze des 19. Jahrhunderts auch in der Schweiz vorgeschrieben haben, konnte nur bei Anwendung der in Deutschlands Buchenwäldern entwickelten „Altersklassenwirtschaft“ befriedigen, bei mess- und kontrollierbaren, möglichst gleichaltrigen Reinbeständen. Was der Weißtanne gar nicht gut bekommen sollte. Riesige Arealverluste waren die Folge, denn der verordnete Waldbau nahm keinerlei Rücksicht auf die besonderen Anforderungen und Eigenheiten von ungleichaltrigen Tannenmischwäldern, vor allem nicht auf deren stufige Vertikalstruktur; denn die wird maßgeblich bestimmt durch die Schattenerträgnis von Tannen wie Buchen und durch einen säkularen „Fruchtwechsel“ zwischen laub- und nadelbaumreichen Phasen. Und noch etwas zeichnet Tannen und Buchen gleichermaßen aus: Beider Wurzeln besitzen die geheimnisvolle Fähigkeit, durch Verwachsungen Bypässe von Baum zu Baum zu legen. 

Bypass von Tanne zu Tanne

Tannen, die in gleichwüchsigen Reinbeständen erwachsen sind, scheinen sich hinsichtlich ihrer Verwurzelung und ihrer Sturmstabilität immer weniger von Fichtenbeständen abzuheben. Was möglicherweise der Grund dafür ist, dass die Auswertungen nach Sturmschäden oft so widersprüchliche Ergebnisse zu Tage fördern. Zumal die überlangen walzenförmigen Tannenschäfte mit ihren kurzen Reinbestandskronen immer bruchanfälliger werden. Durch das forstgesetzliche Verbot der so weitaus tannengemäßeren, einzelstammweisen „Plenternutzung“ – oft verspottet als „Wirtschaft des Herrn Schlendrian“ – und als Folge der Altersklassenwirtschaft ist der Anteil naturnaher ungleichaltriger Mischwälder auf klägliche Reste zusammengeschmolzen. Und auch der Tannenanteil fiel selbst in Baden-Württemberg, ihrem Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland, auf nur mehr 8 Prozent. Erst nach den 1990er Orkanen kam es zum Umdenken, ja zu einer Waldbauwende – hin zur „naturnahen Waldwirtschaft“. Im öffentlichen Wald von Staat und Kommunen war nun also auch die Plenternutzung wieder gestattet, wurde in Bergmischwäldern unter Verzicht auf Räumungsflächen und -figuren der Dauerwaldbetrieb vorgeschrieben.

Dank ihrer einzigartigen Verwurzelung ist es kaum verwunderlich, dass die Weiß- oder Edeltanne die höchsten und mächtigsten Baumgewächse Europas stellt, mit bis 60 m Höhe, mit Stammumfängen in Brusthöhe von bis zu 6 Metern und mit bis über 50 Festmetern Holzvolumen je Baum.4 „Deutschlands größte Tanne“ der Hölzlekönig maß einst alles in allem sagenhafte 64 Festmeter!

Die Wurzelpumpen nicht nur solch kapitaler Tannen erweisen sich als phänomenal leistungsstark – was ihnen auch im Stress des Klimawandels zugute kommen sollte. In den zurückliegenden Jahren mit ihren Wärmerekorden und ihrer Trockenheit haben zwar auch die Tannen Schwächen gezeigt, wurden sie plötzlich von Borkenkäferarten befallen, die zuvor kaum jemals als nennenswerte Schädlinge aufgefallen waren. Dennoch wird die Weißtanne noch immer als die heimische Ersatzbaumart für den bisherigen „Brotbaum“ der Waldwirte, die Fichte, gehandelt. Als „Schwarzwälder Charakterbaum“ und Markenzeichen auch im Bewusstsein der Bevölkerung noch tief verwurzelt, bleibt zu hoffen, dass die Tanne überleben wird –  und das bitteschön nicht nur auf dem Tannenbühl in Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz.

Enkel unter der Großvatertanne, der stärksten Tanne des Schwarzwalds

1 Wangler, F. (1974): Die Sturmgefährdung der Wälder in Süddeutschland. Eine waldbauliche Auswertung der Sturmkatastrophe von 1967

2 Aldinger, E., Seemann, D., Konnet, V. (1996): Wurzeluntersuchungen auf Sturmwurfflächen 1990 in Baden-Württemberg. Mitt. Ver. Forstl. Standortskunde u. Forstpflanzenzüchtung 38

3 Zentgraf, E. (1950): Die Wurzeltracht der Edeltanne. AFJZ 121,2 S. 70 – 73

4 Hockenjos, W.: Tannenbäume. Eine Zukunft für Abies alba. DRW-Verl. Stuttgart 2008

Wenig Federlesen

Die Lektüre des Schwarzwälder Boten ist an diesem grauen und verregneten Oktobermorgen dazu geeignet, Tier- und Naturfreunde, wenn schon nicht in Verzweiflung, so doch in Verunsicherung zu stürzen: DIE DRITTE SEITE widmet sich in großer Aufmachung, bebildert mit Luchs und Rothirsch, den 16 deutschen Nationalparks und deren derzeit anlaufende Evaluierung. Gesucht wird nach Stärken und Schwächen sowie nach deren Ursachen – und das auf gerade mal 0,6 Prozent der Fläche Deutschlands. Nationalparks in unzureichender Qualität seien „nichts anderes als Etikettenschwindel“, so wird aus Thüringen die Sprecherin der Nationalparkverwaltung Hainich zitiert, während andererseits der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats argumentiert, die Wälder müssten doch, anstatt sie stillzulegen, wegen des Klimawandels „gezielt umgebaut“ werden. Nationalparke seien kontraproduktiv für Klimaschutz und Holzversorgung, unterstreicht der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände: „Keine Holzernte heißt kein Ersatz klimaschädlicher Bau- und Brennstoffe.“ Die Bilanz des Schwarzwälder Nationalparks falle „nüchtern“ aus, weil trotz der auf 3000 ha ausgewiesenen Wildruhezonen der Bestand an Rothirschen noch immer nicht zugenommen habe und der Bestand seines Charaktervogels, des Auerhuhns, schrumpfe sogar. Oder sollte er neuerdings nicht doch um sechs balzende Hähne zugenommen haben?

Nationalparks werden evaluiert

Unter DONAUESCHINGEN begrüßt der Lokalteil den Leser mit der Schlagzeile „Wildgänsen geht es an den Kragen“. Weil die Vögel sich am Kirnbergsee immer mehr vermehrten, Liegewiesen und Badesteg verschmutzten und überdies über die Getreidefelder herfallen. Weshalb der Bräunlinger Gemeinderat über eine Abschussfreigabe berät. Die SPD-Fraktion habe den Antrag gestellt, „den Bestand an Nilgänsen auf null zu reduzieren“, den der Graugänse auf „maximal 150“ zu begrenzen, nachdem mittlerweile rund 400 Tiere sich am See aufhalten und zu einer echten Plage geworden seien. Erwogen  werden „Treibjagden in frühen Morgenstunden“.

Vogelschutz am Kirnbergsee

War Ähnliches nicht unlängst auch schon über die unerquickliche Invasion der Nilgänse in der Landeshauptstadt berichtet worden? Ein Gänsemanagement müsse her wegen massiver innerstädtischer Verschmutzung, gar wegen aggressiven Verhaltens, derweil ein Manager des Fellbacher Erlebnisbads wegen Tierquälerei habe entlassen werden müssen, weil er ohne behördliche Genehmigung einer Nilgans den Hals umgedreht hatte!

Schließlich wird dem SchwaBo-Leser an diesem 26. Oktober zuhinterst auch noch die Sonderseite Tierisch gut – DAS LEBEN MIT HAUSTIEREN zugemutet, diesmal mit einem ganzseitigen Bericht aus der Region unter der Überschrift Auch Reptilien sind ideale Haustiere. Im Text und auf den Fotos vorgestellt wird „einer der größten Terraristik-Händler…in Deutschland und Europa“, abgebildet mit einer (aufgrund eines genetischen Defekts) doppelköpfigen Boa in den Händen sowie mit einer geschulterten riesigen Anakonda, dazu die Bildunterschrift „Keine Angst vor großen Schlangen…“, wobei auch das Foto einer exotischen Echse nicht fehlen darf. Zitiert wird der Tierhalter u. a. mit dem ebenso befremdlichen wie verkaufsförderlichen Satz: „Echsen und Schlangen können ohne seelisches Leid ihren Besitzer wechseln und auch im höheren Alter noch gut weiterverkauft werden, während bei Säugetieren oft nur Baby- und Jungtiere gewünscht werden.“

In was für einer Welt leben wir eigentlich? So mag sich heute Morgen – mit oder ohne seelischem Leid – der geneigte SchwaBo-Leser fragen. War doch die Nilgans einst als Ziergefieder aus britischen Gehegen ausgebrochen, um sich nun in halb Europa grottenbreit zu machen; im Standardwerk Jochen Hölzingers aus dem Jahr 1987 Die Vögel Baden-Württembergs findet die Art sich noch nirgends erwähnt. Wohingegen die Graugans dem Ornithologen noch als bedrohte Art galt, „die an ihren Rast- und Überwinterungsplätzen (bzw. zeitweiligen Aufenthaltsplätzen) Ruhezonen und Nahrungsplätze benötigt“. Seinerzeit war ja auch noch „Gänsevater“, Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz unterwegs, dem die Graugans Martina eine Schar Junggänse geschenkt hatte, die ihm sodann überaus telegen auf Schritt und Tritt gefolgt war.

Sollten wir uns, wenn schon nicht über die invasive Ausbreitung der Immigrantin Nilgans, so doch immerhin über die Bestandszunahme der Graugans auf den Seen der Baar nicht eher freuen als uns darüber zu grämen und Vergrämungsmaßnahmen zu ersinnen? Ist die Zunahme dieser ureuropäischen Zugvogelart nicht doch ein vorwiegend positiv zu wertendes Signal angesichts des weltweiten Artenschwunds? Ansonsten sind es in der Vogelwelt ja bestenfalls noch Weißstorch und Rotmilan mit einer Positivbilanz auf der Baar. Oder müssten nicht auch sie, sollte ihre Bestandszunahme weiter andauern, alsbald reguliert und reduziert werden – die einen wegen zunehmender Verschmutzung der Dächer, die andern womöglich wegen Behinderung des Windenergieausbaus in den Rotmilandichtezentren? 

An Tagen wie diesen…

… fällt es uns schwer, Fassung zu bewahren: Der fortdauernde Krieg in der Ukraine mit seinen Bestialitäten und den Zynismen der russischen Propaganda, nun auch noch die grauenerregenden Bilder aus Nahost: Von Hamas-Schlächtern ermordete Israelis, Geiselnahmen, Raketeneinschläge diesseits wie jenseits, im Gazastreifen wie in Tel Aviv. Der Bundeskanzler, weil es die deutsche Staatsraison so will, auf Unterstützungs- und Verhandlungstour sowohl bei Israels so umstrittenem Staatschef Netanjahu wie in Kairo bei Al Sisi, Explosion im Krankenhaus von Gaza Stadt mit aberhunderten Toten und Verletzten bei unklarer Verursacherfrage… und montagabends vor dem Café Hengstler im Zentrum Donaueschingens ein Häuflein Demonstranten unterm Plakat mit der Aufschrift Schluss mit der Kriegshetze! Eigentlich hätte man sich ja doch erkundigen müssen, für oder gegen wen oder was hier demonstriert wird! Derweil fliegen in deutschen Großstädten Molotowcocktails gegen von Polizisten bewachte Synagogen und am Brandenburger Tor randalieren Palästinenser zusammen mit deutschen Links- wie Rechtsextremisten. Judensterne an die Wohnungstüren jüdischer Mitbürger geschmiert…

Jüdischer Friedhof in Sulzburg


Da bleibt nur Trauer – vielleicht wäre jetzt ein Besuch des alten jüdischen Friedhofs anzuraten, ein Stückweit hinter Sulzburg talaufwärts im Wald – was für eine Stille über den Gräbern. Namen und Daten der Verstorbenen weisen in ferne Jahrzehnte zurück, als das Wort Holocaust noch längst nicht erfunden war: Hier ruhen Max Rieser, gest. 2. April 1919 im Alter von 80 Jahren und Hermine Rieser, geb. Münzesheimer, gest. 16. August 1900 im Alter von 50 Jahren. Darüber dann ein Bibelspruch auf Hebräisch. Wer immer ihr Grab besuchte, hatte als Nachweis seines Gedenkens auf dem Grabstein einen Stein hinterlassen, inzwischen eine stattliche Steinsammlung. Nicht anders auf dem Grab nebenan, dem von Julius Dukas 1850 – 1902 wie auf den allermeisten anderen bemoosten Steinen, bis auf die wohl ältesten Gräber, die inzwischen von einer weit ausladenden Hainbuche überschirmt werden. 


Oder taugt zur Beruhigung des aufgewühlten Gemüts vielleicht eher eine stramme Fußwanderung? Egal, ob von Urach oder von Schollach aus, steige man auf den dicht bewaldeten Höhenrücken hinauf oder nehme gar den mit der Jakobsmuschel ausgeschilderten, oben längs verlaufenden Pilgerweg mit Fernziel Santiago de Compostella und mache Halt vor einem hölzernen Sühnekreuz, errichtet 2014 zur Erinnerung an eine Schreckenstat vor 70 Jahren. Auch auf dem Kruzifix haben Wanderer, ganz entgegen dem Schwarzwälder Brauchtum, Steine abgelegt. Denn unter den vier US-amerikanischen Fliegern, die auf Befehl des Neustädter NSDAP-Kreisleiters Benedikt Kuner am 21. Juli 1944 hier ermordet worden sind, nachdem sie aus ihrer von Flakgeschossen getroffenen Maschine abgesprungen und gefangen genommenen worden waren, befand sich auch ein Jude: Leonhard Kornblau. Sein Name auf dem Kruzifix führt uns spätestens hier oben an die eigentlichen Ursprünge des so barbarischen Schlamassels in Nahost zurück – es gibt anscheinend kein Entrinnen.

Sühnekreuz vom Holzbildhauer Wolfgang Kleiser für die am 21. Juli 1944 zwischen Schollach und Urach verübten Morde an fünf amerikanischen Soldaten.


Leonhard A. Kornblau
Bernhard A. Radomski
Charles E. Woolf
Meredith M. Mills Jr.
Frank L. Misiak
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner