An Tagen wie diesen…

An Tagen wie diesen…

20. Oktober 2023 0 Von Wolf Hockenjos

… fällt es uns schwer, Fassung zu bewahren: Der fortdauernde Krieg in der Ukraine mit seinen Bestialitäten und den Zynismen der russischen Propaganda, nun auch noch die grauenerregenden Bilder aus Nahost: Von Hamas-Schlächtern ermordete Israelis, Geiselnahmen, Raketeneinschläge diesseits wie jenseits, im Gazastreifen wie in Tel Aviv. Der Bundeskanzler, weil es die deutsche Staatsraison so will, auf Unterstützungs- und Verhandlungstour sowohl bei Israels so umstrittenem Staatschef Netanjahu wie in Kairo bei Al Sisi, Explosion im Krankenhaus von Gaza Stadt mit aberhunderten Toten und Verletzten bei unklarer Verursacherfrage… und montagabends vor dem Café Hengstler im Zentrum Donaueschingens ein Häuflein Demonstranten unterm Plakat mit der Aufschrift Schluss mit der Kriegshetze! Eigentlich hätte man sich ja doch erkundigen müssen, für oder gegen wen oder was hier demonstriert wird! Derweil fliegen in deutschen Großstädten Molotowcocktails gegen von Polizisten bewachte Synagogen und am Brandenburger Tor randalieren Palästinenser zusammen mit deutschen Links- wie Rechtsextremisten. Judensterne an die Wohnungstüren jüdischer Mitbürger geschmiert…

Jüdischer Friedhof in Sulzburg


Da bleibt nur Trauer – vielleicht wäre jetzt ein Besuch des alten jüdischen Friedhofs anzuraten, ein Stückweit hinter Sulzburg talaufwärts im Wald – was für eine Stille über den Gräbern. Namen und Daten der Verstorbenen weisen in ferne Jahrzehnte zurück, als das Wort Holocaust noch längst nicht erfunden war: Hier ruhen Max Rieser, gest. 2. April 1919 im Alter von 80 Jahren und Hermine Rieser, geb. Münzesheimer, gest. 16. August 1900 im Alter von 50 Jahren. Darüber dann ein Bibelspruch auf Hebräisch. Wer immer ihr Grab besuchte, hatte als Nachweis seines Gedenkens auf dem Grabstein einen Stein hinterlassen, inzwischen eine stattliche Steinsammlung. Nicht anders auf dem Grab nebenan, dem von Julius Dukas 1850 – 1902 wie auf den allermeisten anderen bemoosten Steinen, bis auf die wohl ältesten Gräber, die inzwischen von einer weit ausladenden Hainbuche überschirmt werden. 


Oder taugt zur Beruhigung des aufgewühlten Gemüts vielleicht eher eine stramme Fußwanderung? Egal, ob von Urach oder von Schollach aus, steige man auf den dicht bewaldeten Höhenrücken hinauf oder nehme gar den mit der Jakobsmuschel ausgeschilderten, oben längs verlaufenden Pilgerweg mit Fernziel Santiago de Compostella und mache Halt vor einem hölzernen Sühnekreuz, errichtet 2014 zur Erinnerung an eine Schreckenstat vor 70 Jahren. Auch auf dem Kruzifix haben Wanderer, ganz entgegen dem Schwarzwälder Brauchtum, Steine abgelegt. Denn unter den vier US-amerikanischen Fliegern, die auf Befehl des Neustädter NSDAP-Kreisleiters Benedikt Kuner am 21. Juli 1944 hier ermordet worden sind, nachdem sie aus ihrer von Flakgeschossen getroffenen Maschine abgesprungen und gefangen genommenen worden waren, befand sich auch ein Jude: Leonhard Kornblau. Sein Name auf dem Kruzifix führt uns spätestens hier oben an die eigentlichen Ursprünge des so barbarischen Schlamassels in Nahost zurück – es gibt anscheinend kein Entrinnen.

Sühnekreuz vom Holzbildhauer Wolfgang Kleiser für die am 21. Juli 1944 zwischen Schollach und Urach verübten Morde an fünf amerikanischen Soldaten.


Leonhard A. Kornblau
Bernhard A. Radomski
Charles E. Woolf
Meredith M. Mills Jr.
Frank L. Misiak