Weltuntergangsstimmung

Weltuntergangsstimmung

18. August 2023 2 Von Wolf Hockenjos

Beim Aufräumen fiel mir neulich ein wilhelminisches Zeitdokument in die Hände: in Buchform der komplette Jahrgang 1900 einer Gratisbeilage der Nixdorfer Zeitung und des Britzer Tageblattes, das Sonntags-Blatt. Während Britz, ein ehemaliges Rittergut mit Schloss und Gartenareal, noch leicht identifiziert werden kann, obwohl es mittlerweile von der Hauptstadt Berlin aufgesogen und dem Stadtteil Neukölln zugeordnet wurde, sucht man Nixdorf  vergebens; mit Google-Hilfe werden allenfalls Nixdorf-Computer und andere Namensträger aus der IT- und Kfz-Branche ausgespuckt. Ein Erscheinungsort ist nicht mehr ausfindig zu machen. Dennoch wird schon beim ersten Durchblättern klar, was die (offenbar vorwiegend preußische) Leserschaft damals als Wochenendlektüre bevorzugt und aufgetischt bekommen hat: Reich bebilderte Berichte von den Kriegsschauplätzen in Südafrika und China, vom industriellen Aufschwung, von Neuerungen bei der deutschen Kriegsflotte, bisweilen auch Reportagen über aktuelle Brand- wie Eisenbahnkatastrophen, vor allem aber reichlich Adelsgeschichten. 


Natürlich darf auch die allwöchentliche Herz- und Schmerz-Fortsetzungsgeschichte nicht fehlen. Über Monate hinweg ist es der Roman „Maria da Caza“ eines Georg Freiherrn von Ompteda (verbunden jeweils mit dem Hinweis „Nachdruck verboten“). Auch „Das Dampfboot“, die „Erzählung vom Bodensee von Arthur Achleitner“ hält sich recht lange. Und in der zweiten Jahreshälfte ist es dann der Roman „Daniela“ eines Hans Wachenhusen, der die Leserschaft bis zum Jahresende gefesselt hat. Zudem wird jeweils ein buntes Allerlei mit Spielecke, Rätseln und Vexierbildern verabreicht sowie die Sparte Humoristisches mit Kurzgeschichten und Karikaturen.

In den Letzteren taucht erstaunlich oft die Gestalt des Försters auf, in der Regel zusammen mit der des Sonntagsjägers. Das Strickmuster ist dabei zumeist von entwaffnender Schlichtheit und verleitet heutzutage kaum mehr zum Schmunzeln: Beispielhaft etwa auf S. 88 unter der Überschrift Treffend ausgedrückt: Förster (zum Sonntagsjäger): „Donnerwetter…. Sie haben ja den jungen Studenten angeschossen – heute ist doch keine… Fuchsjagd!“  Oder auf S. 362 unter der Überschrift Ein Praktikus:  Sonntagsjäger: „Warum verbieten Sie den alten Weibern nicht, dass sie sich während der Jagd hier herumtreiben?“ Förster: „Fällt mir gar nicht ein, da hätten ja die Herren gar keine Ausrede mehr, wenn sie nichts treffen.“

Unter Humoristisches findet sich auf S. 80 indessen auch ein verblüffendes Dokument, das nahelegt, dass zum Jahrhundertwechsel wohl doch nicht nur Adelsverehrung, technischer Fortschrittsglaube und imperiales Getöse den Ton angegeben haben. Die Karikatur lässt vielmehr vermuten, dass es in der wilhelminischen Gesellschaft auch pessimistische Unterströmungen gegeben hat. Wie anders lässt sich der Dialog der beiden Waffenträger deuten? Könnte es sein, dass der Aufbruch ins 20. Jahrhundert angesichts der martialischen Aufrüstung der Flotte wie der militärischen Strafaktionen in Südafrika und China doch auch von Skepsis, ja von apokalyptischen Ängsten begleitet wurde – womöglich sogar in düsterer Vorahnung der beiden Jahrhundertkatastrophen, den späteren Folgen deutscher Großmannssucht? Hatten deshalb auch bereits Weltuntergangsszenarien Konjunktur? „Haben Sie gelesen, Herr Oberförster, die Welt soll untergehen?“ so fragt der bebrillte Mitjäger. „Mir egal … ich lüg mich schon durch!“, meint dazu sein bärtiger Gegenüber in der Karikatur, wie es ausschaut sehr gelassen, kaum dass er dazu die Pfeife aus dem Mund nehmen muss. Auf was sonst, als auf eine verbreitete, zumindest unterschwellige Stimmung im Volk spielt das Sonntags-Blatt hier an? Oder war es schlicht der Jahrhundertwechsel, der immer auch die Kassandras und Weltuntergangspropheten aus der Deckung hervorzulocken pflegt, nicht anders als es uns Heutigen aus Anlass des Jahrtausendwechsels  in Erinnerung geblieben ist – auch wenn es dann vor allem die Computer-Nerds waren, die den ganz großen Crash befürchtet haben. 


Nixdorf ist mittlerweile überall, und auch „wir lügen uns schon durch!“, wie der Oberförster meinte in der Karikatur. Ob der damit womöglich auch die gegenwärtig herrschende Grundstimmung noch zielgenau treffen würde?