Was mag wohl dazu geführt haben, dass eine mehrhundertjährige Eiche mit einem Mal umfällt – ohne nennenswertes Sturmgeschehen und ohne Schneelast? Wo uns die Eiche (Quercus robur) doch als Inbegriff von Robustheit und Standfestigkeit gilt. Nun hat es also auch die Max-Eiche getroffen, wie der Schwarzwälder Bote am 27. September berichtet, die Max Prinz zu Fürstenberg (1896 – 1959) geweihte Starkeiche am Südrand der Königswiese; ihr Wurzelbereich sei „total verfault“ gewesen. Auf die Prominenz dieser Eiche hatte bis vor etlichen Jahren ein am Stamm befestigtes hölzernes Halbrelief mit den Lebensdaten des Prinzen und mit dem heiligen Maximilian (samt Bischofsstab und Schwert) hingewiesen. Es war freilich nicht entwendet worden (wie fälschlicherweise im Buch Unterhölzer. Liebeserklärung an einen alten Wald erwähnt wird), vielmehr hatte es ein aufmerksamer Waldbesucher am Stammfuß aufgelesen und in den FF-Sammlungen abgeliefert.
Max-Eiche (noch mit hölzernem Halbrelief)
Eichen wurzeln bekanntlich besonders tief, weshalb die Baumart auch als vergleichsweise widerstandsfähig gegen Trockenheit gilt. Dem Stress der Hitzejahre 2018 bis 2023 scheinen manche jedoch nicht gewachsen gewesen zu sein, speziell auf den zu Stein verbackenen Tonlehm-Standorten des Braunjuras, weshalb es an der Königswiese nicht nur die Max-Eiche getroffen hat: Auch eine zweite Alteiche, diesmal am Nordrand der Königswiese, war ohne Vorankündigung im Spätjahr 2023 einfach umgekippt; auch ihre Wurzeln waren großteils verfault; nichts in ihrer Krone, kein Dürrast und auch kein Baumschwamm hatte auf eine Schwächung hingedeutet. Vieles erscheint daher noch immer rätselhaft an ihrem plötzlichen Ende. Doch fraglos wäre es ein schlimmer Verlust für die Region, wenn es um die prachtvollen Gestalten des Unterhölzers, aus diesem „Zauberreich wie aus Grimms Märchen mit uralten knorrigen Eichen und Buchen“ (K. Kwasnitschka), im Zuge des Klimawandels bald vollends geschehen wäre. „HL Maximilian“, so las es sich auf der hölzernen Tafel zum Andenken an Max Prinz zu Fürstenberg, „bitt für uns“.
Abgefaulte Eichenwurzeln am Nordrand der Königswiese
Es ist mir wohl bewusst, dass die Ästhetik nach einer gewissen strengeren Begrenzung des Begriffes mit Gut und Böse, mit Zweckmäßig und Unzweckmäßig nichts zu tun hat, sondern sich auf das beschränkt, was die Sinne uns übermitteln. (Heinrich von Salisch: Forstästhetik. Berlin 1911)
Der Wald als „Tausendsäulensaal“, bestehend aus schlanken, kerzengeraden und dicht an dicht stehenden Fichten, hat ausgedient. Dafür hat nicht zuletzt der Klimawandel gesorgt, mit Trockenstress, Käferkalamitäten, Stürmen und Überflutungen nach Starkniederschlägen, aber auch mit neuen Anforderungen der Gesellschaft an den Wald – insbesondere im Hinblick auf seine Funktion als Kohlenstoffsenke. Mit plantagenartigen „Nadelholzfabriken“ ist jedenfalls kein Staat mehr zu machen, so sehr der (Nadel-)Holzmarkt boomt. Im Gefolge der Corona-Pandemie ist auch die Erholungsfunktion der Wälder wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt: Für Zeitgenossen, die an der Kriegsberichterstattung (was für ein altmodischer Begriff aus vermeintlich fernen Zeiten!) oder an der Hektik und den Zumutungen des Alltags zu verzweifeln drohen, die an digitaler Überforderung leiden wie an der fortschreitenden Naturentfremdung, ist der Wald oft letzte Zuflucht und Gegenwelt – wird er zum Psychotop.
So ganz neu und überraschend ist dieser Reflex einer von Krisen gebeutelten Gesellschaft freilich auch wieder nicht; schon Erich Kästner hat ihn auf den Punkt gebracht:
Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden. Und tauscht bei ihnen seine Seele um. Die Wälder schweigen, doch sie sind nicht stumm. Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.
Nicht alle Wälder taugen als Seelentröster, manche bleiben erstaunlich stumm, zumal der großmaschinengerecht erschlossene und „homogenisierte“ Kunstforst, der Wirtschaftswald. Da lobe ich mir den Unterhölzer Wald, das ortsnahe Naturschutzgebiet, vormals Wildpark der Fürsten zu Fürstenberg. Dort haben es mir seit Jahren zwei Buchen besonders angetan, auch wenn ich mich noch nicht dabei ertappt habe, dass ich mit ihnen „wie mit Brüdern“ rede. Ohnehin wäre ja allenfalls „wie mit Schwestern“ zu kommunizieren, gilt die Buche, „Baum des Jahres“ 2022 wie schon 1990, doch als „Mutter des Waldes“. Schon beim allerersten Besuch dort stand für mich fest: Die beiden krummen Baumgestalten scheinen miteinander zu tanzen – so wenig Bäume, bei nüchterner Betrachtung, doch im Stande sind, das Tanzbein zu schwingen. War es ein in Moll gehaltener, Chopin-Walzer, nach dem sich die beiden in meiner Fantasie bewegen oder eher ein heiterer Ringelreigen? Je nach Tages- und Jahreszeit, je nach Gemütsverfassung ließ sich mein Motiv, auch wie es sich über Jahre hinweg im Ordner Buchentanz des heimischen Rechners gespeichert findet, nicht eindeutig einer Stimmungslage zuordnen. Doch die Ästhetik der angedeuteten Tanzbewegung, der Schwung der sich nach außen lehnenden Körper erschien mir von hinreißender Eleganz – Erlkönigs Töchter (sie wiegen und tanzen und singen dich ein) dürften sich nicht viel verheißungsvoller bewegt haben.
Zugleich stellt sich – abseits jeglicher Imagination – dem Forstmann in mir natürlich die Frage nach den natürlichen Ursachen der „Performance“ dieses so augenscheinlich auseinander strebenden wie von einander angezogenen Buchenpaares. Wären die beiden einst am Stammfuß einer herrschsüchtigen Mutterbuche heran gewachsen und hätten sie sich unter deren Geäst und Blätterdach mühsam hervorgekrümmt, so wären ja wohl zumindest noch die vermoderten Andeutungen eines Wurzelstocks zu sehen. Doch der Waldboden zwischen und unter den beiden Tänzerinnen weist keinerlei Spuren davon auf. So bleibt es ihr Geheimnis, wie es zu den Stammverformungen gekommen sein könnte, wo Bäume ansonsten doch stets den direkten Weg nach oben durch den nächstbesten Lichtschacht wählen.
Ästhetik im Wald, Schönheit der Waldnatur findet sich am ehesten noch in geschützten Waldreservaten. Der Autor des 1885 erschienenen Buches „Forstästhetik“, der schlesische Gutsherr und Reichstagsabgeordnete Heinrich von Salisch (s. o.), scheiterte zwar mit seiner Idee, das Fach Forstästhetik in den Lehrplänen der Forstlichen Hochschulen zu verankern, doch seine Motive haben plötzlich wieder an Aktualität gewonnen: Man dürfe nicht erwarten, dass die Bevölkerung einen Wald liebe und schätze, „wenn sie wahrnimmt, dass die Besitzer und berufenen Pfleger des Waldes ihn mit kaltem Eigennutz als Geldquelle ausbeuten unter gänzlicher Missachtung alles dessen, was den Wald eigentlich zum Walde macht.“ Und so ist das Buch ausdrücklich auch der „Schönheit des Wirtschaftswaldes“ gewidmet.
Inzwischen hat mein Buchenpaar leider ausgetanzt. Der letzte Herbststurm hat zugeschlagen und die stammstärkere der Partnerinnen zerbrochen. Wird sich auch künftig noch ein Besuch dort lohnen? Werden Strunk und zerborstener Stamm nächstens zu Brennholz aufgearbeitet und verheizt sein, oder bleiben sie als Totholz stehen und liegen, sodass sie alsbald vom Zunderschwamm besiedelt, von Spechten bearbeitet und schließlich auch wieder dem Nährstoffkreislauf zugeführt werden können – so wie es in intakten Waldökosystemen vorgesehen ist? Gelegentlich werde ich wohl doch wieder vorbeischauen, ihr Beiden.
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