Von der SS ermordet

In ihrem Blog hat Hannah Miriam Jaag die Ermordung von Willibald Strohmeyer, des aus Mundelfingen stammenden Pfarrers von St. Trudbert, sehr eindringlich dokumentiert. Beim Durchlesen ihres Beitrags über dieses schlimme Verbrechen musste ich das Kriegstagebuch meines Vaters hervorholen. Denn auch er berichtet darin über die Vorgänge im Münstertal in den chaotischen letzten Kriegswochen.

Das mehrbändige Tagebuch hatte ich vor acht Jahren schon einmal unter die Lupe genommen und mir Gedanken darüber gemacht: Was der Krieg aus einem macht, so hatte ich meinen Text überschrieben und weiter: Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters.1

Im Folgenden will ich einige Passagen herausgreifen, die Hannahs Dokumentation der Ermordung von Pfarrer Strohmeyer noch ergänzen können. Vorauszuschicken ist, dass der Vater als Hauptmann der Infanterie und Ritterkreuzträger nach einem Lazarettaufenthalt in Badenweiler am Jahresende 1944 unbedingt zu seiner Einheit zurückkehren wollte, die noch im Baltikum in Rückzugsgefechten vor der Roten Armee lag. Stattdessen aber wurde er überraschend dem SS-Armeekorps unterstellt, dessen Generalkommando in Badenweiler lag; dies – wohlbemerkt – ohne zur SS übertreten zu müssen. Hier die datierten Auszüge:

8. Februar

Ich machte Quartier im Kloster St. Trudbert. Die Schwestern müssen zusammenrücken, tun es aber bereitwillig, mitsamt dem Freiburger Altersheim, das schon im Kloster untergeschlupft ist. Auch in die Stille des Pfarrhauses brachte ich Unruhe; die Haushälterin jammerte im voraus um ihre spiegelblank gewichsten Böden, doch der Pfarrer, ein würdiger Greis, schmunzelte mir heimlich zu. Im Hintergrund standen zwei Kapläne mit undurchdringlichen Gesichtern. Die Jagdbomber schwärmten wie die Hornissen. Sie kamen in Rudeln zu Vieren, Achten und Zwölfen und machten sich mit wildem Aufheulen und Knattern über die Straßen in der Ebene draußen, über die Kolonnen und Fahrzeuge her. Kopfüber stürzten sie sich auf Staufen, dreimal an diesem Tag, es krachte und schütterte, qualmte und brannte. Auch Krozingen und Heitersheim bekamen ihr Teil. […] Am Nachmittag kreisten sie hoch überm Tal, da zischten ihre Bomben hernieder und barsten mitten im Dorf und weit die Halden hinauf. Ein Toter, ein Verwundeter; ein Haus völlig weggeblasen. Am Abend kamen mit den Flüchtlingen vom Rhein auch die Leute von Staufen, Frauen und Kinder, verstört und erschöpft, mit Fahrrädern und Handwagen. Hundert Tote hat dieser Tag in dem sonst so heimeligen Breisgaustädtchen gefordert.

12. April

Der Vater war inzwischen zusammen mit einem SS-Mann namens Kubat im Südschwarzwald unterwegs, um die Möglichkeiten des Wehrwolf-Einsatzes hinter der Front auszuloten, was sich freilich als ziemlich illusionär herausstellen sollte.

[…] Das tollste, was ich durch Kubat kennenlernte, ist die „Kompanie Brandenburg“, ein abenteuerlicher, blutrünstiger Haufen von deutschen Galgenvögeln und französischen Desperados; Marokkaner, Chinesen und sogar ein Jude sind darunter, und natürlich fehlen auch Mädchen nicht. Die Männer tragen zur Tarnung die Uniform des Heeres, gehören aber zur SS. Die Gesellschaft hat ihren Schlupfwinkel im hintersten Münstertal, wird zu allen möglichen Unternehmen eingesetzt und ist auch zu allem fähig. Sie ist mit Maschinenpistolen, Sprengstoff und Blausäurepräparaten ausgerüstet, zählt hervorragende Pistolenschützen zu den Ihren und macht zu Übungszwecken Jagd auf Fahnenflüchtige. Das wichtigste Wort ihres Sprachschatzes heißt „umlegen“, und wenn einer von einem Auftrag nicht mehr zurückkommt, so hat er eben „Pech gehabt“, wobei nicht einmal feststeht, ob nicht die eigenen Kameraden nachgeholfen haben, zumal wenn es sich um Franzosen handelt. […]

In diesen Kreisen hörte ich bald da, bald dort davon reden, daß man sich auf einen Bandenkrieg im Rücken des Gegners vorbereitete, Verpflegungsstützpunkte und Sprengstofflager anlegte. […]

Kriegsende

Am 7. Mai 1945 endete der Krieg auch für den Vater, nachdem das inzwischen eingekesselte Armeekorps noch einen Ausbruchversuch von Hammereisenbach aus über die Baar hinweg in Richtung „Alpenfestung“ unternommen hatte, in dessen Verlauf Behla, Zollhaus und Randen noch lichterloh brannten und speziell zwischen Achdorf und Fützen (auf dem noch ungeteerten und aufgeweichten „Wellblechsträßchen“) große Verluste durch französischen Jagdbomberbeschuss zu beklagen waren. Truppweise schlug man sich weiter durch bereits besetztes Gebiet noch bis ins Bodensee-Hinterland, um sich dort schließlich aufzulösen, als die Nachricht von der unmittelbar bevorstehenden Kapitulation durchgesickert war. Zu Fuß auf Schleichwegen und vorwiegend nachts machte sich der Vater (noch immer in Uniform) auf den Heimweg nach Kandern im Markgräflerland. 

13. Mai

Um Sechs Morgenmilch von der Kuh weg und über den Berg nach Bürschau hinunter, ich brauchte längst keine Landkarte mehr. Zweites Frühstück bei freundlichen alten Leuten. Als sie hörten, daß ich geradewegs über den Köhlgarten gehen wollte, rieten sie mir dringend ab, weil dort noch eine Gruppe SS ihr Unwesen treibe und jeden heimkehrenden Soldaten zwinge, sich ihr anzuschließen. Den alten Pfarrer von Obermünstertal hätten sie in den Wald geholt und erschossen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, dankte den beiden Alten und ging.

Ich ging geradenwegs über den Köhlgarten. Die Jagdhütte war mir wohlbekannt, die droben versteckt im Wald lag. Der Pfarrer von Obermünstertal, der gute alte Herr, bei dem ich vor Monaten Quartier gemacht hatte! Ich wußte nicht, was ich bei der Jagdhütte wollte und was ich tun würde, wenn ich dort jemanden von der Bande träfe. Es mußten die Galgenvögel sein, Kriminelle aus aller Herren Länder, die der SS zu mancherlei dunklen Zwecken gedient hatten und in Untermünstertal untergebracht waren. Zum Glück stand die Hütte leer, Tür und Fenster waren eingeschlagen. Ungeschoren kam ich über das Lipple ins Kandertal.

Ungeschoren erreichte der Vater schließlich auch Kandern, freilich nur deshalb, weil ihn eine Wegstunde davor die Eltern eines Waldarbeiters dazu überredet hatten, in den Anzug ihres Sohnes zu schlüpfen und mit Spazierstock und Bauernburschenhut vollends nachhause zu wandern. In französiche Kriegsgefangenschaft geriet er dann doch noch, vom November 1945 bis Mai 1947 – „viel Zeit für Katharsis und Selbstreflexionen“, so schrieb ich in meinem Beitrag „Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters“.


1 Haumann, H. und Schellinger u. (Hg): Vom Nationalsozialismus zur Besatzungspolitk. Fallstudien und Erinnerungen aus Mittel- und Südbaden. Verlag regionalkultur, 2018

Foto von unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Overshoot – Rettet uns der Dauerwald?

Wilhelm Bode

Overshoot –
Rettet uns der Dauerwald?  

Ein forstpolitischer Essay
Mit einem Vorwort von Dirk Stenzel
sowie einem Interview mit Hans Joachim Schellnhuber

Verlag Natur + Text Rangsdorf 2026
208 Seiten
ISBN 978-3-942062-79-4
27,00 Euro

Anglizismen sind unter Förstern und Waldfreunden eigentlich eher ungewöhnlich. Mit dem erklärungsbedürftigen Begriff Overshoot im Titel seines Essays geht der Autor, bekannt als streitbarer Jurist und Forstwissenschaftler, zweifellos ein Risiko ein. Doch schon auf dem Buchcover will er damit klarstellen, dass es ihm hier nicht allein um ein Waldthema geht, sondern um eine höchst aktuelle klimapolitische Weichenstellung: Um die Frage nämlich, wie Wälder so gestaltet werden können, dass sie unterm Vorzeichen des Klimawandels sowohl ökonomisch ertragreich bewirtschaftet werden können, als auch ihre Funktion als natürliche CO2-Senke besser erfüllen. 

Im Englischen wird der Begriff Overshoot verwendet, wenn ein bestimmtes selbstgestecktes Ziel nicht eingehalten werden kann, so erläutert ihn der Klimatologe Hans Joachim Schellnhuber, vormals Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), der von Wilhelm Bode abschließend interviewt wird. Das trifft zweifellos auch für die im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 vereinbarte und von 190 Staaten ratifizierte Leitplanke zu: für den allenfalls zu akzeptierenden Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur auf deutlich unter 2°C über dem vorindustriellen Niveau, was offenbar nicht gehalten werden kann: Schon 2024 dürfte die angestrebte 1,5°C-Grenze durchbrochen worden sein.

Angesichts dieser Dramatik vergleicht Bode die gegenwärtige Lage der Forstwirtschaft mit jener um 1800, als Holznot herrschte und die deutsche Forstwissenschaft sich mit ihren Bemühungen um Nachhaltigkeit der Holzversorgung und mit ihren forstgesetzlichen Initiativen weltweit einen vorzüglichen Ruf erworben hat. Leider jedoch hat die damals gefundene Lösung, die „Altersklassenwirschaft“, gleichaltrige Reinbestände hervorgebracht, die heute im Zuge des Klimawandels abgewirtschaftet haben. Es brauche daher eine „Waldwende“, ein neues Erfolgsmodell: den Dauerwald. 

Die Idee hierzu hatte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Eberswalder Forstwissenschaftler Alfred Möller, der den Dauerwald propagierte als einen sowohl ökologisch wie ökonomisch überlegenen „Waldorganismus“; aufgegriffen und praktiziert wurde diese waldbauliche Alternative von vergleichsweise wenigen Waldeigentümern, oft genug geschmäht und abgetan als „forstliche Zeugen Jehovas“. Wilhelm Bode hat die Möller´sche Idee zuvor schon in mehreren Schriften gewürdigt und empfohlen.

Denn das „Mehrgenerationenhaus“ des ungleichaltrigen und gemischten Dauerwalds hat sich in den jüngsten Extremjahren mit all ihren Stürmen, mit Trockenperioden, Bränden und Starkniederschlägen als erstaunlich resilient erwiesen, was nicht zuletzt seiner Struktur, vor allem jedoch dem überlegenen Waldbodenzustand zu verdanken ist, wenn Kahllegungen dauerhaft unterbleiben und Schadflächen erst gar nicht entstehen. Umso besser taugt der Waldtyp daher auch als natürliche CO2-Senke. Zumal er mehr zu Bauzwecken verwendbares Holz produziert als der Altersklassenwald, in dem mehr Schwachholz anfällt. Und hier setzt in seinem Vorwort auch der Architekt Dirk Stenzl an, der eine Lanze für den städtischen Mehrgeschoss-Holzbau bricht und eine Bau-Wende fordert. Denn die Verwendung von Beton, Stahl und Glas hat dazu geführt, dass der Bausektor als „Elefant im Klimaraum“ (Schellnhuber) für 40 % (!) der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist.

Im Bauholz wird das klimaschädliche Gas langfristig gespeichert, weshalb die Dauerwaldnutzung hinsichtlich ihrer CO2-Bilanz sogar besser abschneidet als unbewirtschaftete Waldreservate, wie sie von der Naturschutzseite favorisiert und gefordert werden. Hier stellt sich Wilhelm Bode nachdrücklich auf die Waldnutzerseite, soweit eben nicht labile Monokulturen bewirtschaftet werden, sondern ökologisch wie ökonomisch hochwertiger Dauerwald; und dies nicht mit Großmaschinen, sondern per bodenschonender Erntetechnik.

Im Interview äußert sich dann sogar der Klimatologe verhalten optimistisch: Die „Wald-Bau-Pumpe“, die Speicherung von Kohlenstoff in lebenden Wäldern auf „rehumifizierten Böden“ (Bode) und in Verbindung mit „städtischem Mehrgeschossholzbau“ (Stenzel), ist für Schellnhuber „das vielleicht eleganteste Prinzip planetarischer Selbstheilung“. Wilhelm Bodes Overshoot verspricht nicht weniger als „eine mehrfache Win-win-Strategie für die Lebensbedingungen aller Bürger in unserem Land“.

Repowering auf dem Rohrhardsberg – jetzt also doch?

Ein in jüngster Zeit zunehmender Flächenbedarf entsteht durch den Bau von Windkraftanlagen. Gerade für wandernde Jungauerhühner, die für den Austausch zwischen den Teilpopulationen im Schwarzwald besonders wichtig sind, könnten Windräder sehr problematisch werden.
(Bergmann, H., Klaus S., Suchant, R.: Auerhühner. G. Braun-Buchverl., Karlsruhe 2003)

Windenergie und Auerhühner – ein Reizthema par excellence selbst unter Naturschützern! Was ist nicht schon alles geschrieben und diskutiert worden, wenn es um die Rettung des existenzbedrohten „Schwarzwälder Charaktervogels“ geht. Sogar der Stuttgarter Landtag hat (am 11. Mai 2022) über ihn debattiert. Wo doch der grün geführten Landesregierung nichts ungelegener käme, als wenn ausgerechnet sie für das Aussterben des Auerhuhns verantwortlich gemacht würde mit ihrem durch Gas- und Ölmangel, durch Ukraine- und Irankrieg zusätzlich angespornten Windkraft-Elan. 

Foto vom Rohrhardsberg mit Windrad
Präzedenzfall auf dem Rohrhardsberg

So war es denn auch kein Wunder, dass damals in der Parlamentsdebatte grüne wie schwarze Abgeordnete im Brustton der Überzeugung hervorgehoben haben, die Windenergie treffe keinerlei Schuld am so bedauerlichen, allem Anschein nach jedoch kaum noch aufzuhaltenden Rückgang des einst größten mitteleuropäischen Auerhuhn-Bestands außerhalb der Alpen. Der fürs Jagdrecht zuständige Forstminister Peter Hauk (CDU) ließ keine Zweifel aufkommen an der Dramatik der Bestandsentwicklung, verursacht freilich vor allem durch allzu dunkle Nadelwälder, durch den Besucher- wie den Raubwilddruck sowie gewiss auch durch den Klimawandel. Auch er verneinte den Einfluss der Windräder und verwies dabei auf das (vom Land Baden-Württemberg und aus Drittmitteln des Bundesverbands WindEnergie e. V. sowie einiger heimischer Energieversorgungsunternehmen finanzierte) internationale Forschungsprojekt Windenergie & Auerhuhn, das auch im Schwarzwald zu dem wenig überraschenden Ergebnis gekommen war, dass Auerhühner Windenergieanlagen weiträumig meiden, sodass sie daher auch nicht nennenswert vom Lärm, Drehbewegung und Schlagschatten der Rotoren gestresst werden können. Versprochen wurde ein Maßnahmenplan, mit welchem der Beweis erbracht werden soll, dass Klima- und Artenschutz durchaus miteinander zu vereinbaren sei.

Auerhahn
Wo der Schwarzwälder Charaktervogel wohl noch balzt?

Exemplarisch für die seit über einem Vierteljahrhundert andauernden und sich verschärfenden Auseinandersetzungen steht im zentralen Schwarzwald der Rohrhardsberg (genauer: sein Nebengipfel Passeck), der für wandernde Junghühner auch eine Art Brückenkopf darstellt für die zwecks Genaustausch unverzichtbare Verbindung zwischen den von Verinselung bedrohten Teilpopulationen von Süd- und Nordschwarzwald. Ausgerechnet hier oben ist im Jahr 2003 erstmals ein Windrad im Auerhuhn-Habitat genehmigt worden – ein Sündenfall mit Präzedenzwirkung. Dem Antragsteller hatte man zuvor im Elztal die Genehmigung einer Wasserkraftanlage versagt, sodass das Landratsamt, nach massivem Druck des CDU-Wahlkreisabgeordneten und gegen alle Proteste und Petitionen, offenbar nicht auch noch den Bau der Windkraftanlage glaubte ablehnen zu dürfen. Für seinen beharrlichen und schließlich erfolgreichen Einsatz für die regenerative Energiegewinnung ist dem Unternehmer im Jahr 2003 – Auerhühner hin oder her – der BUND-Umweltpreis zuerkannt worden.

Es hatte in jenem Genehmigungsverfahren auch nichts mehr geholfen, dass kurz zuvor dem eigens zum Schutz des Auerhuhns ins Leben gerufenen «Modellprojekt Rohrhardsberg» der Deutsche Umweltpreis verliehen worden war. Erstmals war es doch hier gelungen, Nutzer und Schützer (Forstverwaltung, staatlicher und privater Naturschutz, Kommunen, Tourismus- und Skiverbände) an einen Tisch zu bringen mit dem erklärten Ziel, Skiloipen und Wanderwege aus den fürs Auerhuhn besonders sensiblen Räumen weg zu verlegen und zu bündeln, Biotoppflegemaßnahmen einzuleiten und einen hühnerfreundlichen Waldbau festzuschreiben. Im Jahr 2006 schließlich war auch noch ein «LIFE-Projekt Rohrhardsberg» zustande gekommen, mit 15 Partnern, fünfjähriger Laufzeit und einem Fördervolumen von zwei Millionen Euro. Zur Hälfte von Brüssel gefördert, sollte auch der Auerhuhnschutz profitieren, nicht zuletzt durch Finanzierung eines Pflege- und Entwicklungsplans (PEPL) für die FFH-Gebiete rund um das obere Elztal, insbesondere für das EU-Vogelschutzgebiet Mittlerer Schwarzwald, einem der wenigen im Land, die ausdrücklich auch dem Auerhuhn gelten. Es sage niemand, die Kommunen, der Landkreis und die Bevölkerung der Region hätten kein Herz gezeigt für den «Charaktervogel».

Dennoch droht es seitdem eng und enger zu werden für die Vögel angesichts der so überaus ehrgeizigen grün-roten Zielvorstellungen für den Ausbau der Windenergie. Die Verlockung der lukrativen Pachterlöse für die in Aussicht stehenden WEA-Standorte und der politische Druck auf die Kommunen wie auf den öffentlichen Wald sorgen dafür, dass weitere Einengungen des aktuell noch besiedelten wie des potenziellen Lebensraums der großen scheuen Vögel vorprogrammiert sind: Kaum einer der das obere Elztal einrahmenden Waldberge, der nicht schon längst in den Blickpunkt der Windmüller wie auch des Regionalverbands geraten wäre.

Schon seit über einem Jahrzehnt bemühte sich der rührige Betreiber des Windrads auf dem Passeck um die behördliche Genehmigung des Repowerings seiner Anlage, des Ersatzes des bisher 100 m hohen Windrads durch ein neues und leistungsstärkeres von 200 m Gesamthöhe. Endlich, kurz vor Weihnacht 2025, erging der Bescheid des Landratsamtes Emmendingen, dass die immissionsschutz- und baurechtliche Genehmigung nunmehr erteilt sei – was für Behörden zu einem solchen Zeitpunkt eine nicht ganz unübliche Praxis zu sein scheint, wo doch die Chance für eine fundierte juristische und fachliche Prüfung der (hier 122 Seiten umfassenden) Genehmigung und für einen Eilantrag im Falle des Widerspruchs damit (Weihnachtsferien-bedingt) ziemlich vertan ist. Zudem sieht die neue Rechtslage ja die erneuerbaren Energien als „von überragendem öffentlichem Interesse“ an, gegen welches selbst noch so begründete Einsprüche und Petitionen zugunsten des Artenschutzes kaum mehr erfolgversprechend vorzubringen sind. Allenfalls beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim (VGH) kann noch geklagt werden, wenn auch nicht von Seiten jedes Bürgers und jeder Bürgerinitiative, sondern allenfalls per Verbandsklage, angestrengt etwa von gesetzlich anerkannten Naturschutzverbänden. Geklagt haben nun immerhin die Landschafts- und Naturschutzinitiative Schwarzwald e. V. (LANA) sowie ein weiterer Naturschutzverband, der mit Rücksicht auf seine traditionell eher der regenerativen Energiegewinnung verpflichteten Mitglieder nicht genannt werden möchte. Dies, obwohl sich auch der Landesnaturschutzverband LNV unlängst erst sehr kritisch geäußert hat in der Streitfrage der inzwischen so verbreiteten Inanspruchnahme selbst ökologisch hochwertiger Wälder für die Windstromerzeugung. Zwar enthält die erteilte Genehmigung reichlich Ausgleichsmaßnahmen und Abschaltauflagen zugunsten von Vögeln und Fledermäusen, umso kritischer wird jedoch die noch ungeklärte „Zuwegung“ für den Baustellen- und Wartungsverkehr beurteilt, denn dafür müsste ein Waldweg im Kerngebiet des Auerhuhnhabitats massiv verbreitert werden.

Aber was soll´s: nichts wird gegenwärtig so massiv gefordert wie der Bürokratieabbau bei den Behörden – auch und gerade auf dem so heiklen Feld der natur- und immissionsschutzrechtlichen Vorgaben. Als ob „das überwiegende öffentliche Interesse“ nicht auch für den Artenschutz gelten sollte. Oder ist es womöglich doch bereits fünf nach Zwölf für den Schwarzwälder Charaktervogel, wie in jener Landtagsdebatte anno 2022 eine CDU-Abgeordnete glaubte feststellen zu müssen? Nein, in den Köpfen und Roben der Mannheimer Verwaltungsrichter möchte man wahrlich nicht stecken in diesem Streitfall.

Auerhahn

Storchen-Eldorado Baar

Spätestens seit 2020 haben es mir die Baar-Störche angetan: Die Zunahme ihrer Population ist eines der wenigen mich hoffnungsfroh stimmenden Zeichen und Wunder auf dieser von Krisen so gebeutelten Welt. Damals, vor sechs Jahren, war es die Coronaseuche, die es ratsam erscheinen ließ, zu Fuß oder per Rad ins Freie zu flüchten, um sich nicht anzustecken und um sich fit zu halten. Und eines Vorfrühlingstages entdeckte ich von meinem Radweg aus das Storchenpaar hoch oben am äußersten Ende des Querarms eines der Masten der Überlandleitung, die längs der Stillen Musel und der lärmigen   Schnellstraße verläuft – was für ein kühnes Experiment des eben aus seinem Winterquartier zurückgekehrten Storchenpaars! Klar, dass ich das fotografisch festhalten musste, zumal sich auf dem Foto dann ja auch noch ein zweiter Horst herausstellte.

Seither benutze ich diesen Radweg besonders gern bei meinen Ausritten in den Baarfrühling, denn die Horste haben sich mittlerweile vervielfacht, auch weitere Masten wurden besiedelt; die Bruten in schwindelnder Höhe und inmitten von Stromkabeln scheinen da oben erstaunlich erfolgreich zu verlaufen, egal wie der Witterungsverlauf im Frühjahr jeweils ausgefallen ist, ob es zu kalt war, zu warm, zu regnerisch oder zu trocken war. Nirgends war von einem Stromschlag zu lesen, ausgelöst durch fütternde an- oder abfliegenden Storcheneltern oder durch einen noch gar zu ungeschickten Jungstorch. Umso mehr beunruhigte mich unlängst die Zeitungsnotiz, wonach die Strombetreibergesellschaft beabsichtige, aus Gründen der Versorgungssicherheit die Horste zu beseitigen.

Störche auf Strommasten
2020
Störche auf Strommasten
2021
Störche auf Strommasten
2022

Doch auch dieses Frühjahr sind sie anscheinend alle noch da, die Horste wie die Storchenpaare, und dies trotz des Winterrückfalles Ende März. Die Bruten scheinen sogar erfolgreicher denn je ausgefallen zu sein. Strom-Blackouts, von denen im Januar halb Berlin, kurzzeitig auch mal ein Teil der Donaustadt betroffen war, hatten nachweislich andere Ursachen. Bleibt zu fragen, was die Überlandleitungsmasten, noch dazu am Stadtrand und über Schnellstraßen, für Störche so unwiderstehlich anziehend macht. Und weshalb ihnen das rustikale Milieu der Baardörfer nicht besser behagt. Oder sollten dort die für Horste geeigneten Kirchtürme und Dächer alle bereits ausgebucht sein? Doch das müssen Ornithologen beantworten. Bleibt zu hoffen, dass sie gute Argumente für den Verbleib auf den Masten ins Feld führen, die den Stromversorger auch weiterhin zu überzeugen vermögen. Wo das Beseitigen der Horste doch nach Bundesnaturschutzgesetz verboten ist.  

Störche auf Strommasten
2023
Störche auf Strommasten
2026

Fischtag

An Karfreitag gibt´s Fisch nach dem Kirchgang – das ist so obligatorisch wie der Narzissen-Strauß zu Ostern. Manch einen zieht es da aber auch unwiderstehlich hinaus in den Frühling: Mich etwa wieder mal an die Gauchach, nicht in die Schlucht, die an Feiertagen überlaufen sein könnte, sondern auf bequemerem Weg unter dem stählernen Viadukt der Höllentalbahn hindurch zur Eulenmühle (Ihlemühli) und von dort einen kurzen Abstecher hinauf zur Kapelle mit den beiden stattlichen Linden vorm Eingang. Das fotogene Ensemble habe ich liebgewonnen und schon zu den unterschiedlichsten Jahreszeiten besucht und fotografiert, für mich ein würdiger Kirchgangersatz, zumal am Karfreitagmorgen. Diesmal trete ich sogar durch das niedere Türchen ein, nicht aus Frömmelei, eher aus historischem Interesse. „Eulenmüllers Käppele“, das auch unterm Namen Dreifaltigkeitskapelle geführt wird, soll schon im Jahr 1527 erbaut worden sein.

Die Kapelle im April
Eulenmüllers Käppele
Kapelle an der Eulenmühle im Winter

Der Anlass: ein Kind der Eulenmüllers soll zwei Tage lang vermisst, dann aber doch glücklich wieder aufgefunden worden sein; nein, es hatte gottlob nicht, wie befürchtet, tot aus der Gauchach geborgen werden müssen. Die beiden Linden waren erst anno 1899 vor die Eingangstür gepflanzt worden. Man weiß das deshalb so genau, weil zur Einweihung der Höllentalbahn in Unadingen die neue Straße zum Bahnhof (die heutige Lindenstraße) mit Linden bepflanzt worden war, und dabei waren diese beiden übrig geblieben. Heute präsentieren sie sich noch in winterkahlem Zustand, denn der Frühling ist reichlich spät dran, und in den schattigen Partien der Talaue finden sich sogar noch letzte Schneereste. Nur am sonnigen Steilhang blühen erste schüchterne Buschwindröschen gemischt mit dem Zartlila des Lerchensporns.

Eulenmühle

Zurück alsdann wieder zur Eulenmühle hinab, deren Fensterläden rundum geschlossen sind; sie scheint schon länger nicht mehr bewohnt zu sein, vom Mühlenbetrieb ganz zu schweigen, doch vor dem Eingangstor sind zwei Pkws mit auswärtigen Kennzeichen geparkt. Ich beschließe, noch ein Stück bachaufwärts zu wandern. Die Gauchach führt trotz der jüngsten Schneeschmelze kein Hochwasser mehr, dafür haben sich freilich weiße Schaumkissen an den in den Bach gestürzten Stämmen und Wipfeln verfangen. Was mich rätseln lässt, wie der Schaum wohl entstanden sein mag, ob auf natürliche Weise oder durch Fremdchemikalien; wo doch am Oberlauf kaum potenzielle Verursacher anzutreffen sein dürften.

Kurz vor der Dögginger Trinkwasser-Pumpstation, wo einst auch der Mühlenkanal abzweigte, überquert eine Brücke, beidseits mit eisernen Geländern versehen, den Bach. Und hier stutze ich: Denn auf dem Weg liegt zu meiner Verblüffung eine komplette Anglerausrüstung: die Rute noch im halbgeöffneten Futteral, daneben eine große mit mehreren Reißverschlüssen zu öffnende Tragetasche voller Zubehör fürs Fliegenfischen, Messer und Schere inklusive. Doch der Angler ist weit und breit nicht zu entdecken – auch nicht im Bach unter der Brücke! Hat da etwa einer, mag sein wegen des Schaums und weil nichts anbeißen wollte, sein Zeug frustriert weggeworfen? Oder verrichtet er vielleicht gerade seine Notdurft – irgendwo mit Blickkontakt versteckt hinter einem Busch oder Baum? Handelt es sich gar um einen medizinischen Notfall? Oder hat einer Hals über Kopf den Heimweg angetreten, um zuhause eben noch rechtzeitig vor dem Mittagessen die versprochenen Bachforellen abzuliefern – und in der Hetze seine gesamte Ausrüstung hier liegen lassen?

Ich beschließe umzukehren, nachdem ich die Tasche vorsorglich vom Weg aufgehoben und ans Brückengeländer gehängt habe, rätselnd, ob ich die Entdeckung nicht doch dem zuständigen Polizeiposten melden sollte. Aber am heiligen Karfreitag die Polizei strapazieren? Spätestens am Osterdienstagmorgen wird man dann ja im Lokalteil nachlesen können, ob es an der Gauchach womöglich einen Vermissten-, gar einen Kriminalfall gegeben hat.

Bild vom Hang in der GAuchachschlucht
Was geschah bloß an der Gauchach?

Draisine, Dögginger Loch, Ihlemühli
S Brucke und Tunnel Land 

Buckelwolfliebe

Was sind wir Deutschen doch für ein tierliebendes Volk! „Timmi“, dem verirrten und am Timmendorfer Strand auf einer Sandbank gestrandeten Buckelwal, gilt derzeit unser aller Mitgefühl. Gebannt verfolgen wir in den Medien schon über eine Woche hinweg die Rettungsbemühungen. Sogar ein Schwimmbagger kam zum Einsatz, der dem Gestrandeten eine Rinne zum Davonschwimmen   gegraben hat. Trotzdem ist noch immer kein Happyend zu vermelden, zumal sich der Fluchtweg durch Skagerrak und Kattegat zurück in den rettenden Atlantik selbst für wanderfreudige Wale als weit und verschlungen darstellt. Einstweilen leiden wir förmlich mit, wenn dem Tonnen schweren und 15 Meter langen, offenbar schon stark geschwächten Meeressäuger die Möwen auf dem Rücken herumpicken. Jetzt soll er gar vor der Insel Poel erneut gestrandet sein. Sollen die Rettungsversuche nun etwa doch eingestellt werden?

Der arme verirrte Wal war eben als Toppmeldung in den Medien aufgetaucht, als ein anderes Tierdrama, das die breite Öffentlichkeit über Wochen alarmiert hatte, unerwartet glimpflich endete und wieder aus den Schlagzeilen verschwand: „Grindi“, der wegen seiner Vertrautheit insbesondere gegenüber Hunde mitführenden Waldbesuchern „auffällig“ gewordene und deshalb zum Abschuss freigegebene „Hornisgrinde-Wolf“ hat die verwaltungsgerichtlich bestätigte Entnahmefrist (bis zum 6. März) offenbar überlebt! Weshalb das für die Tötung eingesetzte Spezialisten-Team erfolglos geblieben ist, lässt sich derzeit noch nicht in Erfahrung bringen: War sein Versagen letztlich dem Druck der öffentlichen Meinung geschuldet, nachdem nicht nur in den Leserbriefspalten die Stimmung gekippt und vermehrt für den partnerlosen Rüden ausgefallen war. Mehrere Petitionen für seine Verschonung waren beim Umweltministerium eingegangen, und sogar eine Mahnwache von „Wolfsrettern“ hatte stattgefunden, zu welcher der Verband Naturschutz-Initiative e. V. aufgerufen hatte.

Doch jetzt auch das noch: Ausgerechnet am 1. April (kein Scherz!) berichten die Medien in großer Aufmachung, dass in Hamburg (!) eine Frau von einem Wolf gebissen und verletzt worden ist – ein für Wölfe seit ihrem Wiederauftauchen in Deutschland um die Jahrtausendwende erstmaliges, ganz und gar ungewöhnliches Vorkommnis, das sich da am 30. März abends in einem Einkaufszentrum zugetragen hatte. Das offenbar völlig verängstigte Tier sei gegen die automatisch schließenden gläsernen Türen gerannt, weshalb die Frau – wohl aus Tierliebe – versucht habe, ihm wieder hinaus zu helfen und dabei ins Gesicht gebissen worden sei. Sie musste von Sanitätern versorgt und ins Krankenhaus gebracht werden, das sie aber bereits wieder habe verlassen können. 

Der Wolf sei auf der Flucht in die Binnenalster gesprungen, heißt es, wo er dann von Polizisten mit einer Schlinge habe eingefangen werden können. Inzwischen sei er in einem Tiergehege im Hamburger Umland gelandet, wo nun, nach gründlicher tiermedizinischer Untersuchung, über seine Zukunft beraten wird: Soll er, mit einem Sender versehen, wieder freigelassen werden oder aufgrund seines absonderlichen Verhaltens nicht doch besser getötet werden? Dass Jungtiere nach dem Verlassen des Rudels weite Wanderungen zurücklegen und dabei gerne Flüssen folgen ist nach Aussagen der Wolfexperten nicht ungewöhnlich. Dass dieser Jungwolf freilich, der Elbe folgend, ins Stadtgebiet geraten ist und seine Scheu dabei offenbar ziemlich verloren hat, grenzt dennoch ans Märchenhafte („Großmutter, warum hast Du so große Ohren?“). Aber musste nicht neulich erst, am Rosenmontag, in Leverkusen der Fasnachtsumzug wegen eines Wolfs gestoppt werden, und ist nicht ein weiterer am 6. März (am Wahlsonntag der Baden-Württemberger) bei Walldorf auf der A 5 zu Tode gekommen ist?

Zeitungsausschnitt mit Wolf beißt Frau ins Gesicht
Kein Aprilscherz am 1. 4. 2026

Egal ob Wal oder Wolf: da haben doch im Frühjahr 2026 plötzlich wieder einmal Wildtiere ein Maximum an öffentlicher Aufmerksamkeit abbekommen, und die verstädterte Gesellschaft durfte reichlich Empathie beweisen. Oder war es doch eher Sensationslüsternheit? Kurzzeitig wurde man jedenfalls abgelenkt von all den brennenden Gegenwartsproblemen, von Kriegen in Nahost und in der Ukraine, von Energiekrise und Inflation – heutzutage doch fast gar ein Geschenk!

März-Errungenschaften

Die 1848er Revolution: Auswirkungen auf Wald und Jagd in der Region

13. März 2023

Wer bereitete eigentlich die Revolution vor? Die Hirsche und Rehe taten es, welche nachts in den Kornfeldern weideten; sie waren die eigentlichen Demagogen, die Aufreizer zum Missvergnügen, sie waren es, die dem armen Bauersmann die ersten liberalen Ideen einpflanzten. (Wilhelm Heinrich Riehl: Land und Leute. Stuttgart 1861)

Geschichtliche Ereignisse, zumal Revolutionen wie jene vor 175 Jahren, lassen sich nie monokausal erklären. Dennoch darf gefragt werden: Gab es Riehls vierbeinige „Demagogen“, die „Aufreizer zum Missvergügen“, etwa auch auf der Baar? War der herrschaftliche Wald auch im Fürstenbergischen so etwas wie das Zwing-Uri der großen Herren neben dem schutzlosen Äckerchen des kleinen Landmanns, wie er in „Land und Leute“ behauptet? Die Hirsche, soviel ist sicher, können es nicht mehr gewesen sein, denn die waren in freier Wildbahn nicht mehr vorhanden: Die hatte Fürst Joseph Wenzel bereits 1781 in einer generalstabsmäßig vorbereiteten viertägigen Treibjagd durch 7560 zur Jagdfron verpflichtete Untertanen in einen 2000 ha großen „Thiergarten“ im Tal von Bachzimmern treiben lassen. Schon in den Jahrzehnten zuvor war der Abschuss verstärkt und den Bauern erstmals erlaubt worden, Schutzmaßnahmen gegen den Wildverbiss durchzuführen, nachdem rund 1000 ha Ackerland wegen der enormen Wildschäden nicht mehr bewirtschaftet werden konnten. 

Spätestens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nach Ausrottung von Wolf und Luchs, hatten insbesondere der Rotwildbestand und damit auch der Leidensdruck der Untertanen so zugenommen, dass der Fürst reagieren musste. Die Rotwildstrecke auf der Baar und „über Wald“ hatte 1753 die Rekordhöhe von 1357 Stück plus 191 Stück Fallwild betragen. 

„Abschaffung des Hochgewildes im Freien“ 
„Großer Thiergarten“ im Tal von Bachzimmern 

Seine großmütige „Abschaffung des Hochgewildes im Freien“, das Ende der Rotwildjagd außerhalb des Geheges, ließ sich der Fürst von den betroffenen Gemeinden allerdings teuer bezahlen: die Ablösesumme betrug stolze 80.000 Gulden! Der allerletzte Hirsch fiel 1851 fernab der Baar in den F.F.-Wäldern nahe Menzenschwand. Umso ungestörter hatten sich unterdessen der Rehwildbestand und sogar die Hasen vermehren dürfen. 

Ab 1818 existierte in Karlsruhe eine Zweite Kammer (eine Vorstufe des Parlaments), die alsbald förmlich geflutet wurde von Beschwerden und Petitionen, mit welchen erboste Bürgermeister auf die Nöte ihrer Bürger aufmerksam machten. So beklagt sich 1833 die Stadt Geisingen: Auf ihrer Gemarkung liege die Hofjagd des Fürsten, der das Wild ungewöhnlich stark hege, sodass es dem Landmann über den Kopf wachse. „Nicht bloß in den Saatfeldern, sondern auch in den Wäldern machen Rehe und Hasen unermesslichen Schaden.“

1837 folgt eine Petition zahlreicher Gemeinderäte und Gutsbesitzer aus Wolterdingen, Aufen, Mistelbrunn, Hubertshofen und Grüningen wegen allzu hohen Wildstands.

Ihr folgt 1839 eine Petition der Bürgermeister von Löffingen, Seppenhofen, Bachheim, Reiselfingen, Ditishausen, Göschweiler, Unadingen und Rötenbach: Auf ihren Gemarkungen, die der Standesherrschaft als Leibjagd vorbehalten seien, werde ein übertriebener Wildstand gehalten. Der Schaden, den das Wild in Gärten, auf den Feldern und in den Wäldern anrichte, sei ungeheuer. Der Wildstand sei hier so groß, wie er im ganzen Großherzogtum nirgends anzutreffen sei. Ganze Rudel von Rehen beweideten ihre „Öschen“. Was sie auch einsäen würden, die Felder sähen aus wie abgemäht.

Durch Wildverbiss geschädigte Weißtanne

Da in der Zweiten Kammer sachverständige Landwirte so gut wie nicht vertreten waren, neigte man dazu, die Schilderungen der Gemeinden als „Phantasiegemälde“ abzutun. Die Schuld an den Missständen liege nicht beim Fürsten, sondern bei seinen Bediensteten. Die Jagd verführe nun einmal zu Nichtsnutz und Liederlichkeit, weshalb der weise Großherzog es seinem Waldhutpersonal (wie auch den Lehrern) untersagt hatte, eine Jagd zu pachten.

Wie man andererseits mit Forstbeamten umsprang, die sich in Sachen Wildschäden zu weit aus dem Fenster lehnten, lehrt das Beispiel des großherzoglichen Bezirksförsters August Cron, der 1836 die (landesherrliche) Bezirksforstei Hüfingen übertragen bekommen hatte. In einer öffentlichen Versammlung hatte er die Wildstände auf den F.F.-Jagden zu kritisieren gewagt und war deshalb beim Fürstenhaus in Ungnade gefallen. Der Fürst höchstselbst beschwerte sich beim Großherzog über das für einen landesherrlichen Bezirksförster „höchst ungeeignete Verhalten“ und verlangte dessen Versetzung. Mit der Untersuchung des Falles wurde der Donaueschinger F.F.-Kollege beauftragt, der Cron als Mitglied einer ultraliberalen Partei verleumdete. Es ehrt den Großherzog, dass er seinem strafversetzten Beamten in Anerkennung seiner treuen Dienste 1870 das Ritterkreuz 1. Klasse zum Zähringer Löwenorden verliehen hat.

Derlei Disziplinierungsversuche änderten freilich nichts daran, dass die Zweite Kammer auch 1846 noch förmlich überschwemmt wurde mit Petitionen wegen Jagd und Wild, deren Ton sich zunehmend emanzipierter, in den Ohren des Fürsten zunehmend schriller und ungehöriger ausnahm. Eine Petition aus Tannheim etwa bezeichnete das Jagdrecht als „ein mittelalterliches Institut zur Lust und zum Vergnügen des Adels und zur Plage des Landmanns“. In der Diskussion über die Ergebnisse einer zur Klärung von Wildschadensfragen eingesetzten Kommission meldete sich auch der charismatische Mannheimer Abgeordnete Friedrich Hecker zu Wort, derselbe, der zwei Jahre später, am 15. April 1848 an der Spitze eines 400 Mann starken Zugs in Donaueschingen einmarschieren sollte, nachdem er zuvor in Konstanz die Republik ausgerufen hatte: „Obwohl ich Jäger bin“, unterstützte der streitbare Advokat einen Kommissionsantrag zum Dauerthema Wildschäden und führte dazu aus: „Das Jagdrecht ist als ein Ausfluss des Eigentums betrachtet worden. Es wäre nichts Natürlicheres, als dass jeder, der Grund und Boden besitzt, sich gegen Schädigung durch das Wild Hilfe schafft, indem er es erlegt.“

Vor dem Hintergrund katastrophaler Missernten erkannte die Regierung die brennende Lunte, und so erging im Mai 1847 noch eine Generalverfügung des Ministeriums des Innern gegen den Missbrauch des Jagdrechts. Dennoch sind auch in diesem Jahr noch zahlreiche Beschwerden der Baargemeinden beim Ministerium eingegangen, gegen die sich der Fürst mit Nachdruck verwahrte: Es würden hier „alljährlich waidmännische Jagden abgehalten“, und die hohe Jagd auf Rotwild sei sogar schon seit über einem Jahrhundert ganz beseitigt. Die Verbitterung des Fürsten über die wachsende Entfremdung zwischen ihm und dem Volk nahm weiter zu: „Wenn die Behauptungen der ungestümen Verfasser der Eingaben mich als Jagdberechtigten auch sehr empfindlich treffen, so müssen Form und Ausdruck, in welchen sie verfasst sind, noch weit mehr den gerechten Unwillen erregen. Nicht an mir kann es sein, eine Sprache zu ahnden, welche dem Gesetz zum Hohn in rücksichtslosen Ausfällen durch Drohung mit Gewalt und Selbsthilfe Person und Eigentum bedroht und die Erreichung unangemessener Wünsche auf solche Weise erzwingen will.“

Weit ist es nicht mehr bis zum Ausbruch offener Feindseligkeiten, so wenig verwunderlich es noch ist, dass die Baar zu einem der Zentren der Demokratiebewegung werden sollte. Am 1. März 1848 wurde der Kammer ein von Friedrich Hecker unterzeichnetes Programm vorgelegt, das dann auch mit geringen Änderungen dem Großherzog vorgelegt wurde mit der Forderung nach Beseitigung der Reste des Feudalwesens, insbesondere auch des Jagdregals. Zwar versprach die Regierung, den Forderungen nachzugeben, doch die Zusagen kamen zu spät: im Odenwald brachen offene Gewalttätigkeiten aus bis hin zur Zerstörung standesherrschaftlicher Rentämter. Auf der Baar kam es im März und April zwar auch zu Plünderungen und zu unerlaubtem Jagen, doch zur Schadensbegrenzung trug der Umstand bei, dass der Fürst eilends noch auf zahlreiche Rechte verzichtete und die Jagdausübung in den Jagden auf die Gemeinden übertrug.

Auch Großherzog Leopold reagierte noch rasch – zwei Tage vor Heckers (von den blutigen Berliner Barrikadenkämpfen ausgelösten) Konstanzer Putsch: Er unterschrieb das „Gesetz zur Aufhebung der Feudalrechte“ als da sind „Bann- und Fronpflichen“, aber auch sämtliche Jagd- und Fischereirechte, womit das Jagdregal gefallen war. Eine „billige Entschädigung der Berechtigten“ sollte durch besondere Gesetze nachträglich bestimmt werden. Doch wenigstens dieses Ergebnis der agrarsozialen Unruhen sollte den Bauern in den nachfolgenden Zeiten der Reaktion niemand mehr streitig machen.

Mitten in den revolutionären Wirren, am 26. Juli 1848, war noch als Übergangslösung das Gesetz zur Ausübung der Jagden verabschiedet worden, das den Gemeinden  das Jagdrecht zusprach und den Staatsbehörden das Recht, Anordnungen zur Verringerung des Wildstands und der Wildschäden treffen zu können. Im Nachhinein wird man das Jagdgesetz vielleicht sogar als Taschenspielertrick, als Bauernfang einordnen dürfen. Mit ihm ist es der Regierung jedenfalls gelungen, die Bauern aus der revolutionären Front herauszubrechen. Womit es den preußischen Interventionstruppen leicht gemacht wurde, die Unruhen auch in Baden niederzuschlagen. Preußische Standgerichte verhängten und vollstreckten bis zum 27. Oktober 40 Todesurteile.

Als sich im März herumgesprochen hatte, dass den Kammern der Gesetzentwurf über die Abschaffung der Feudalrechte vorlag, begann für ein paar Monate der Volksbewaffnung das, was sich in späteren Forst- und Jagdpublikationen als „Vernichtungskrieg gegen da Wild“ niederschlug: der rechtlose Zustand der „freien Büchse“, der nach Auskunft des F.F.-Jagdchronisten Stephani dazu geführt hat, dass „der Rehstand strichweise fast völlig aufgerieben“ worden sei. Dem Wald, insbesondere der so verbissgefährdeten Weißtanne, verschaffte die erfolgte Dezimierung des Rehwilds eine kurze Verschnaufpause und vielerorts eine Welle von Waldverjüngung, von der auf der Baar und im Schwarzwald noch heute viele tannenreiche Altbestände zeugen.

Gedenkstein im Unterhölzer Wald

 Kurzfassung des Kapitels „März-Errungenschaften“ in Hockenjos, W.: Waldpassagen. Dold-Verl. Vöhrenbach, 2000

Tabu Tempolimit

Beim Stichwort Ölkrise tauchen in mir – kurios, kurios! – vergnüglichste Bilder auf, Erinnerungen an den Winter 1973: Wir haben soeben den Marcialonga hinter uns, den Volksskilauf im Trentino über 70 Kilometer, und sitzen nun alle fest: zwar geschafft, aber keineswegs verstimmt am Zielort Cavalese. Denn es herrscht Sonntagfahrverbot und der Bus nachhause darf erst punkt 24.00 Uhr starten. Ein einheimischer Musikus hat seine Quetschkommode hervorgeholt, und so wird am Dorfbrunnen aufs Heiterste getanzt und gesungen bis kurz vorm Zwölfuhrglockenschlag.

Umso bedrückter ist diesmal die Stimmungslage, seit als Folge des Irankriegs und der Sperrung der Straße von Hormus die Energiepreise zu explodieren scheinen. Angesichts der Preissprünge an den Zapfsäulen möchte man als Verkehrsteilnehmer ja irgendwie reagieren, doch nichts davon merkt man einstweilen auf den Straßen. Wer auf Bundes-, Land- und Kreisstraßen unterwegs ist und sein Tempo auf unter die 100 km/h drosselt, riskiert einen mehr oder minder langen Rückstau hinter sich, womöglich gar ein Hupkonzert. Und auf den dreispurigen Überholstrecken brettern sie dann (dir vielleicht sogar den Vogel zeigend) mit teils über 120 km/h an dir vorüber. Als ob man nicht auch den Spritverbrauch drosseln sollte in diesen Wochen, in denen niemand sicher weiß, ob und wann sie enden werden. Doch kein Wort dazu von Seiten der Wahlkämpfer von Links über Grün bis Rechts vor oder nach den Landtagswahlen – das Wort „Tempolimit“ scheint aus dem Wortschatz der Politiker ultimativ gestrichen worden zu sein!

Bild von Autobahn mit LKws und mit Solarpanels im Hintergrund
Energiekrise – wann reagiert der Straßenverkehr?

Da ist es umso erstaunlicher, dass das Unwort plötzlich in den Medien wieder etwas häufiger auftaucht, nicht nur in versprengten Leserbriefen, sondern sogar im Wirtschaftsteil überregionaler Zeitungen; so am 25. März 2026 in der SZ unter der Überschrift Drohende Energiekrise – Zeit für ein Tempolimit. Wie ernst die Lage ist, so der Bericht, zeigten die Äußerungen der gewiss nicht zu Alarmismus neigenden Internationalen Energieagentur (IEA) mit Sitz in Paris, die von der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“ spreche. Sparpotenzial gebe es laut IEA vor allem beim Verkehr. „Es ist an der Zeit, dass im autoverliebten Deutschland Tabus fallen. Die Bundesregierung sollte ein Tempolimit auf Autobahnen einführen.“ Man könne das ja, zur Beruhigung der Gemüter, auf die Dauer des Irankriegs befristen. Denn eine solche Regelung gab es ja schon mal: „1973 durfte man sechs Monate lang nur 100 km/h fahren auf der Autobahn.“ Vom Sonntagfahrverbot ganz zu schweigen.

Von einer Dauerlösung, wie sie seit Langem nahezu weltweit eingeführt ist, von einem Tempolimit auch auf deutschen Autobahnen bei 120 km/h, ist noch immer nirgendwo die Rede, schon gar nicht im krisengeschüttelten Autoland Baden-Württemberg. Mag der Verkehrssektor noch so sehr im Rückstand liegen bei der gesetzlich geforderten Annäherung an die Klimaziele im Jahr 2030 mittels CO2-Reduzierung. Hat doch der Bundesumweltminister soeben wieder einen neuen Schub angekündigt – vorzugsweise beim Verkehr.

Das Palmström-Syndrom

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuche ist eine Eiche
dargestellt sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen.
Er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.

>Christian Morgenstern 1906


Palmström mit seinem roten Taschentuch – das war mal. Es gibt sie kaum mehr im Handel, schon gar nicht in Rot und bedruckt mit idyllischen Motiven. Und wer dennoch welche benutzt, der läuft Gefahr, als unbelehrbarer Vorgestriger eingestuft zu werden. Denn geschnäuzt (lt. Duden neuerdings mit ä statt mit e) wird nur noch in papierene Tempotaschentücher. Für deren Herstellung werden zwar täglich 400 Tonnen Zellstoff benötigt, erfährt man bei Google. Doch wen juckt so was, wo doch das hierzu benötigte Holz vorwiegend aus skandinavischen Großkahlschlägen und kaum aus heimischen Wäldern stammt. Schnäuzen – und weg damit! Spätestens nach ein paar Wochen ist das Papier dann ja wohl verrottet und fällt nicht mehr unangenehm auf längs der Spazierwege oder wo sonst noch überall. Und wen kümmert da noch ihr ökologischer Fußabdruck, ob beim Produktionsprozess ihr Holz-, Energie- und Wasserverbrauch oder ob im Sulfit- oder Sulfat-Verfahren hergestellt mitsamt deren enormer Gewässerbelastung. Erinnert sei an die schaumige und stinkende braune Wutachbrühe, so lange es der Neustädter Papierfabrik noch an einem geeigneten Klärverfahren fehlte. 1929 meldeten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg beim Reichspatentamt ein Warenzeichen an für das erste Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff, das den heute allgegenwärtigen Namen Tempo erhielt. Da wundert es nicht, dass sich Nürnberg neuerdings stolz als „recyclingpapierfreundlichste Stadt Deutschlands“ präsentiert.

Ein Papiertaschentuch im Gras
Ausgeschnäuzt – und ex and hopp!

Doch wann immer die Nase tropft – was gäbe man da für ein großformatiges Herrentaschentuch aus hand- und kochfestem Stoff mit der Chance auf Mehrfachnutzung! Ob mit oder ohne Schnupfen, zumal bei älteren Semestern und in der kalten Jahreszeit ist das Schnäuzen ein Dauerzwang, Doch es schnäuzt sich halt herzhafter in ein Schnupftuch als in die filigranen Tempos – verbunden mit permanentem Aufreißen der Packung und anschließender Frage: wohin mit dem gebrauchten Papier?

Worin mag bloß der tiefere Grund liegen, der die heutigen „Käuze“ daran hindert, in Stofftaschentücher zu schnäuzen, so wie es Jahrhunderte lang üblich war? Nicht einmal mehr das Winken mit dem Taschentuch ist beim Abschiedsnehmen noch gesellschaftsfähig, allenfalls das Einstecktuch im besten Zwirn ist noch erlaubt. Ist die Hinwendung zum Tempotaschentuch allein der Macht des Marktes oder der Hygiene geschuldet, sind es die Ansteckungsängste vor chronischen Atemwegserkrankungen oder vor noch Schlimmerem? Gelten Stofftaschentücher à la Palmström mittlerweile als ganz und gar unappetitlich, weil sie ja doch nie nach nur einmaligem Gebrauch ausgewechselt und in die Kochwäsche befördert werden? Doch welcher „Fühlende“ (Christian Morgenstern) wird uns „Käuze“ heute allen Ernstes verdammen, weil wir in alter Gewohnheit zum Schnäuzen noch das Schnupftuch aus der Hosentasche ziehen und es nach Abschluss des unerquicklichen Vorgangs auch wieder darin verwahren?

Nächstens muss ich meine Frau bitten, mir noch meinen Geburtstagswunsch zu erfüllen: Endlich mal wieder ein paar neue Herrentaschentücher. Ob sie wohl irgendwo noch welche auftreiben wird? Oder ob sie streikt?

Hinter Gittern

Dass der Wald nicht nur Wirtschaftsobjekt, Wasserspeicher und Biotop ist, sondern dass er schön sein kann, sollte wieder öffentlich gesagt werden dürfen und als Argument zählen. (W. Stölb: Waldästhetik. 2005)

Jetzt hat die Kunststoff-Mode also auch die Weißtannen erreicht. Schienen deren Jungpflanzen sich bisher doch erfolgreich gewehrt zu haben gegen den in der Waldwirtschaft seit der Jahrtausendwende grassierenden Trend zu hässlichen Polyprophylen-Wuchshüllen, das Rundum-sorglos-Paket gegen Verbiss- und Fegeschäden bei gleichzeitiger Beschleunigung des Jugendwachstums. Weshalb sich der Tannenwaldbau noch vergleichsweise naturnah und ästhetisch ansprechend präsentieren durfte, wo immer eine ausreichende Bejagung des auf Weißtannenäsung fixierten Rehwilds gewährleistet war. Wo immer ein paar Samenbäume die sich verschärfenden Kalamitäten wie die forstliche Nutzung überlebt hatten, brauchte zumeist ja auch nicht gepflanzt zu werden, da verjüngt sich der Wald von allein. 

vergittertes Bäumchen
„Baumschutz-Gitterhülle Freiwuchs“

Wo hingegen Tannen gepflanzt werden müssen, sind es nicht die so hässlichen weißen bis grünlichen Röhren, die das Waldbild mit dem Charme von Kriegerfriedhöfen verunzieren. Besser bewährt haben sich bei jungen Nadelbäumen neuerdings engmaschige Gitterhüllen an hölzernen Stäben, im Forstkatalog als „Baumschutz-Gitterhülle Freiwuchs“ angepriesen. Ihre Farbe soll in sattgrüner Bodenflora wohl der Tarnung dienen, anders jedenfalls als zuvor die knallig farbigen Kunststoffklammern, mit denen der Waldwirt bisher die Gipfelknospen seiner Tännchen zu schützen pflegte, sofern er nicht sogar Drahthosen oder den Wildschutzzaun bevorzugte. Schließlich möchte es die Forstpartie mit den Waldbesuchern ja auch nicht gänzlich verscherzen beim Anblick all der Drahtgestelle – gilt der Wald doch manch einem noch immer als Sehnsuchtsort und Gegenwelt.

viele kleine Bäumchen hinter Gitterhüllen
Vergitterter „Sehnsuchtsort Wald“

Wie es scheint, heiligt heutzutage unterm Vorzeichen des vom Klimawandel erzwungenen Umbaus auch im Wald der Zweck die Mittel: so auch den immer exzessiveren Kunststoffeinsatz auf Erdölbasis. Man tut den Wuchs- wie den Gitterhüllen-Praktikern sicher nicht Unrecht, wenn man festhält, dass es von Anfang an in aller Regel die ungelöste Wald-Wild-Problematik war, die sie zu diesen Rettungsankern greifen ließ. Alle anderen Argumente (Wuchsbeschleunigung, Ersparnis an Pflegekosten) scheinen eher nachgeschoben zu sein. Sicher ist sicher, zumal wenn der mit der Pflanzung beauftragte Unternehmer auch noch eine Anwuchsgarantie geleistet hat!

Vile kleine Bäumchen in Röhren
Besser Gitter als Röhren in den Forstkulturen?
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