Buckelwolfliebe

Was sind wir Deutschen doch für ein tierliebendes Volk! „Timmi“, dem verirrten und am Timmendorfer Strand auf einer Sandbank gestrandeten Buckelwal, gilt derzeit unser aller Mitgefühl. Gebannt verfolgen wir in den Medien schon über eine Woche hinweg die Rettungsbemühungen. Sogar ein Schwimmbagger kam zum Einsatz, der dem Gestrandeten eine Rinne zum Davonschwimmen   gegraben hat. Trotzdem ist noch immer kein Happyend zu vermelden, zumal sich der Fluchtweg durch Skagerrak und Kattegat zurück in den rettenden Atlantik selbst für wanderfreudige Wale als weit und verschlungen darstellt. Einstweilen leiden wir förmlich mit, wenn dem Tonnen schweren und 15 Meter langen, offenbar schon stark geschwächten Meeressäuger die Möwen auf dem Rücken herumpicken. Jetzt soll er gar vor der Insel Poel erneut gestrandet sein. Sollen die Rettungsversuche nun etwa doch eingestellt werden?

Der arme verirrte Wal war eben als Toppmeldung in den Medien aufgetaucht, als ein anderes Tierdrama, das die breite Öffentlichkeit über Wochen alarmiert hatte, unerwartet glimpflich endete und wieder aus den Schlagzeilen verschwand: „Grindi“, der wegen seiner Vertrautheit insbesondere gegenüber Hunde mitführenden Waldbesuchern „auffällig“ gewordene und deshalb zum Abschuss freigegebene „Hornisgrinde-Wolf“ hat die verwaltungsgerichtlich bestätigte Entnahmefrist (bis zum 6. März) offenbar überlebt! Weshalb das für die Tötung eingesetzte Spezialisten-Team erfolglos geblieben ist, lässt sich derzeit noch nicht in Erfahrung bringen: War sein Versagen letztlich dem Druck der öffentlichen Meinung geschuldet, nachdem nicht nur in den Leserbriefspalten die Stimmung gekippt und vermehrt für den partnerlosen Rüden ausgefallen war. Mehrere Petitionen für seine Verschonung waren beim Umweltministerium eingegangen, und sogar eine Mahnwache von „Wolfsrettern“ hatte stattgefunden, zu welcher der Verband Naturschutz-Initiative e. V. aufgerufen hatte.

Doch jetzt auch das noch: Ausgerechnet am 1. April (kein Scherz!) berichten die Medien in großer Aufmachung, dass in Hamburg (!) eine Frau von einem Wolf gebissen und verletzt worden ist – ein für Wölfe seit ihrem Wiederauftauchen in Deutschland um die Jahrtausendwende erstmaliges, ganz und gar ungewöhnliches Vorkommnis, das sich da am 30. März abends in einem Einkaufszentrum zugetragen hatte. Das offenbar völlig verängstigte Tier sei gegen die automatisch schließenden gläsernen Türen gerannt, weshalb die Frau – wohl aus Tierliebe – versucht habe, ihm wieder hinaus zu helfen und dabei ins Gesicht gebissen worden sei. Sie musste von Sanitätern versorgt und ins Krankenhaus gebracht werden, das sie aber bereits wieder habe verlassen können. 

Der Wolf sei auf der Flucht in die Binnenalster gesprungen, heißt es, wo er dann von Polizisten mit einer Schlinge habe eingefangen werden können. Inzwischen sei er in einem Tiergehege im Hamburger Umland gelandet, wo nun, nach gründlicher tiermedizinischer Untersuchung, über seine Zukunft beraten wird: Soll er, mit einem Sender versehen, wieder freigelassen werden oder aufgrund seines absonderlichen Verhaltens nicht doch besser getötet werden? Dass Jungtiere nach dem Verlassen des Rudels weite Wanderungen zurücklegen und dabei gerne Flüssen folgen ist nach Aussagen der Wolfexperten nicht ungewöhnlich. Dass dieser Jungwolf freilich, der Elbe folgend, ins Stadtgebiet geraten ist und seine Scheu dabei offenbar ziemlich verloren hat, grenzt dennoch ans Märchenhafte („Großmutter, warum hast Du so große Ohren?“). Aber musste nicht neulich erst, am Rosenmontag, in Leverkusen der Fasnachtsumzug wegen eines Wolfs gestoppt werden, und ist nicht ein weiterer am 6. März (am Wahlsonntag der Baden-Württemberger) bei Walldorf auf der A 5 zu Tode gekommen ist?

Zeitungsausschnitt mit Wolf beißt Frau ins Gesicht
Kein Aprilscherz am 1. 4. 2026

Egal ob Wal oder Wolf: da haben doch im Frühjahr 2026 plötzlich wieder einmal Wildtiere ein Maximum an öffentlicher Aufmerksamkeit abbekommen, und die verstädterte Gesellschaft durfte reichlich Empathie beweisen. Oder war es doch eher Sensationslüsternheit? Kurzzeitig wurde man jedenfalls abgelenkt von all den brennenden Gegenwartsproblemen, von Kriegen in Nahost und in der Ukraine, von Energiekrise und Inflation – heutzutage doch fast gar ein Geschenk!

1 Gedanke zu „Buckelwolfliebe“

  1. Ja, da sind wir Baaremer doch genügsam in den Medien. Auch dem Wolf im Unterhölzer scheint es gut zu gehen.
    Man hört und sieht nichts von ihm . Auch der Naturschutzexperte Wolf Hockenjos schweigt. Gibt es da gar einen vertraulichen Stillhalte-Pakt zwischen ihm und dem Fürstenhaus.
    So ein kleines Wolfsrudel im Naturschutzgroßprojekt Baar würde sicher weitere Naturschutz-Gelder auf die Baar fließen lassen. Und würde vom Landschaftstrauma “ Immer mehr Windräder auf der Länge“ ablenken.

    Wer weiß ,wozu man den Wolf noch braucht. Ich brauche ihn nicht!

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