Buchbesprechung:
Rainer Bayreuther u. Gunilla Eschenbach:
Das Dorf der Visionäre
Aufbruch in die Bundesrepublik 1927 – 1947
Gutkind-Verl., 20226
461 S., 30 Euro
Ein Buch, das in keine Kategorie zu passen scheint, geschrieben von zwei ausgewiesenen Wissenschaftlern: von Gunilla Eschenbach vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach und von Rainer Bayreuther Musikwissenschaftler, Philosoph und Theologe mit Lehrtätigkeit in Freiburg, Frankfurt/Main und Bayreuth, beide im schwäbischen Marbach zuhause. Allein schon das Quellen- und Literaturverzeichnis ihres Werks mitsamt Endnoten und Namensverzeichnis umfasst 44 (!) Seiten, was auf ein enormes Quellenstudium und auf einen hohen literaturwissenschaftlichen Anspruch schließen lässt – im Gegensatz zum bunten Buchcover mit dem verträumten Blick auf den Titisee, was eher eine Schwarzwaldidylle erwarten lässt.
Titel- und überwiegender Handlungsort sind das Schwarzwalddorf Saig, auf knapp eintausend Meter Meereshöhe unterm Hochfirst und überm Titisee gelegen, mit freiem Blick über die Schwarzwaldhöhen hinweg und oft auch mit Alpensicht gesegnet. Spätestens ab den 1920er Jahren wird das Dorf zum Rückzugsort für vielerlei Prominenz, für Künstler, Journalisten, Industrielle und Intellektuelle, für völkisch Gesinnte wie für Verfolgte und Widerständler: darunter Martin Heidegger, Gerhard Ritter, Edmund Husserl, Otto Dix, Marie Luise Kaschnitz, Hanns Martin Schleyer, Konzerndirektoren, Stars der Babelsberger Filmstudios, Stauffenberg-Vertraute wie auch der von Hitler so geschätzte Bildhauer Fritz Klimsch; der hatte sich als einer der Ersten mit seiner Familie hier in einem der Bauernhöfe (dem Hierahof mit seiner prächtigen Esche) eingemietet. Sie alle zieht es immer wieder in dieses bäuerlich-rustikale Milieu zurück mit seiner Ruhe und seinem bezaubernden Fernblick – ohne dass sie dabei allzu viel Aufsehen erregt hätten.
Hier oben kreuzen sich ihre Wege und Weltanschauungen, von den beiden Autoren spannend erzählt und sorgfältigst belegt aus Briefen, Aufzeichnungen und Veröffentlichungen ihres schier unerschöpflichen Archivs. Wie schließlich der Krieg endete und wie sich, oft genug durch die Saiger Gäste initiiert und mitgestaltet, für die junge Bundesrepublik wichtige Entscheidungen anbahnten, das hat sich im Langzeitgedächtnis der Schwarzwälder kaum niedergeschlagen. Umso verdienstvoller ist daher das aufwühlende Porträt dieses Dorfs voller Visionäre – selbst wenn den Einheimischen nicht immer alles stimmig erscheinen mag. So etwa, wenn die Autoren immer wieder von „Almen“rund um das Dorf schreiben und von braunem (anstatt vom braunweiß gefleckten) Hinterwäldervieh. Das Buch ist für den Hochschwarzwald und weit darüber hinaus dennoch ein überaus wertvolles zeit- wie geistesgeschichtliches Dokument.
