LandfahrerlebenHeimreise

Landfahrerleben
Heimreise

29. Oktober 2020 0 Von Hannah Miriam Jaag

Hieronymus Kapitel 15

Fünfzehntes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:

Landfahrerleben – Heimreise

Ob der Lange Hans bei Hieronymus gelegentlich eingesprochen und das verheißene Trinkgeld abgeholt habe, wüßten wir so wenig anzugeben als die Antwort, welche der Beschenkte an die freundliche Geberin Florentina gelangen ließ, zu unserer Kenntnis gekommen. Als erwiesen dagegen müssen wir den Umstand hervorheben, daß Hieronymus seinen Freund Hans kurze Zeit nach der Fastnacht wieder einmal in der Stadt zu sehen bekam, und zwar in dem Augenblick, wo dieser von dem Amthause aus – die Hände auf dem Rücken gebunden – in Begleitung des Schließers in das „Stöckle”, einem Gefängnisturm im „süßen Winkel”, geführt wurde. Fast unbefangen hatte der Lange ihm von ferne zugewinkt, aber Hieronymus, verblüfft über den unerwarteten Auftritt, war unbeweglich stehengeblieben, ohne den Blick von dem Malefikanten abwenden zu können. Allerdings war dem jungen Manne über das Treiben der Landfahrer von seinem Meister, dem Amtsdiener, mancherlei zu Ohren gekommen: so sollte die Lohrmännin, die alte Vagantin, über das wohlfeile Einkaufen auf Jahrmärkten, über Einbrüche und Brandlegen auf dem Totenbett Geständnisse abgelegt haben, welche die Obrigkeit bewogen, von neuem auf die Sippschaft zu fahnden; allein der Lange hatte doch stets seine Ehrlichkeit so hoch beteuert, daß an diesem wenigstens Hieronymus nicht zweifeln zu dürfen glaubte. Aber bei dem jetzigen Anblick mußte des Jünglings Vertrauen doch wankend werden, und es wollte sich nicht wieder befestigen, als der Zufall ihn kurz darauf in dem Zuchthausgarten mit dem Gefangenen zusammenführte, wohin dieser zum Holzmachen kommandiert worden und wo er dem jungen Manne wiederholt versicherte, daß er so unschuldig sei wie die Säge, die er in der Hand halte, daß er bis auf den Tag nicht wisse, warum ein braver Familienvater so behandelt werde; und daß ihn niemand daure als sein Weib und seine Kinder und dergleichen mehr.

Hieronymus blieb ungläubig, wenn es ihm gleich aufrichtig leid tat, sich in einem Gegenstande seines bisherigen Vertrauens getäuscht zu haben.

Doch solche Lebenserfahrungen hinterlassen bei der Jugend selten bleibenden Eindruck, denn das Leben gleicht einem fließenden Wasser, welches an dem einen Orte wieder anhäuft, was es an dem andern weggerissen. Aus neuen Bekanntschaften, aus der innigeren Pflege früherer freundlicher Verhältnisse zieht jene Leutseligkeit ihre Nahrung, ohne welche ein offenes jugendliches Gemüt nicht zu gedeihen vermag. Der Mensch aber ist einer Farbe vergleichbar, welche durch Annäherung einer zweiten und dritten wesentlich verändert, höher oder tiefer gestimmt werden kann.

Einflußreich war darum für unser Landkind auch die Bekanntschaft mit der Ratsfamilie, wohin er durch die Base Annakäther eingeführt worden.

Die Frau Amtsrätin sah es nicht ungerne, wenn der junge, muntere Mensch zuweilen herüberkam, um bei den lärmenden Unterhaltungen und Spielen ihrer jüngeren Kinder den Aufseher und sorglichen Wärter zu machen.

Die nur einige Jahre weniger zählende Helena, mit welcher Hieronymus in den Kinderjahren bereits Freundschaft geschlossen, blieb ihm auch jetzt noch sichtlich gewogen; und wenn ihre jüngeren Geschwister sich mitunter Unschicklichkeiten und dumme Späße mit dem geduldigen, immer noch wälderisch gekleideten Sohn vom Lande erlaubten, war das gesetztere Mädchen seine Bundesgenossin und Beschützerin. Dadurch hatte sich in dem Herzen des jungen Mannes neben jener anerzogenen Hochachtung gegen höhere Stände unbewußt noch ein stilles, aber tiefgreifendes Gefühl der Dankbarkeit und Anhänglichkeit festgesetzt, welches bei jedem Anlasse, an Neujahrs-, an Namens- und Geburtstagen in sauber geschriebenen Reimen und gemalten, blumenverzierten Glückwünschen seinen herzlichen und gut gemeinten Ausdruck fand. Kleine Aufmerksamkeiten, welche ihm dieses Mädchen bisweilen zuteil werden ließ, mußten deshalb einen desto größeren Eindruck auf ihn machen, je weniger er seinem Stande und seiner Herkunft nach gewohnt war, dergleichen sich erweisen zu sehen.

Es war noch im vorigen Herbst, und Hieronymus mit den Kindern des Rats in ihren Baumgarten vor die Stadt gegangen. Unausgesetzt schöne Tage hatten Pflaumen und anderes Obst schnell zur Reife gebracht. Über die abgemähte Grasfläche schossen zwischen den alten, dunkelbelaubten Apfelbäumen in tiefem Fluge die Schwalben, und die Kinder tummelten sich im Grünen um die Wette mit diesen leicht beschwingten Bewohnern der Lüfte. Clemens, Helenens ältester Bruder, hatte einen Baum bestiegen und begann, nachdem er sich satt gegessen, die reifen Pflaumen in ein Körbchen zu sammeln, welches er sodann gefüllt der Schwester Helena hinabreichte.

Die Kinder drängten sich hastig im Kreise um diese herum, jedes mit Ungestüm seinen Teil verlangend. Aber Helena ging zuerst mit vollgefüllter Hand auf den etwas seitwärts stehenden Hieronymus zu und legte ihm freundlich die süße Frucht in beide dargehaltenen Hände, dann erst kamen die Geschwister an die Reihe. Solche Bevorzugung hatte Hieronymus nicht erwartet, und er fühlte sich durch die Aufmerksamkeit eigentümlich ergriffen. – So wenig und so viel bedarf es oft, einen Menschen froh und glücklich zu machen.

Nicht lange nach dem jüngsten Zusammentreffen mit dem Langen Hans empfing Hieronymus durch einen Landsmann, welcher bei Amt zu tun gehabt, ein Brieflein vom Vater Mathias, worin dieser in mühsam geschriebenen Zeilen dem Sohne mitteilte, daß die Mutter sehr krank, ja gefährlich darnieder gelegen. – Es zog ihn nun mächtig heimwärts, und ließ ihm weder Rast noch Ruhe. Aber der Vorsatz, der so fest gefaßte, so oft erneute Vorsatz, nicht in Laubhausen anzukehren, bevor er dort mit einigem Gewicht und Ansehen auftreten könne! – Die stolzen Pläne, welche sich an dieses vermeintliche Auftreten knüpften! Sollte das alles aufgegeben werden, sollte die unerbittliche Wirklichkeit schon diese ersten Träume zunichte machen, sollte aus den schönen Blütenansätzen nichts werden als eine kleine, eingeschrumpfte Frucht? Doch, was mag in die Waagschale fallen, wenn es die Gesundheit, vielleicht das Leben der Angehörigen gilt.

Hieronymus erbat sich Urlaub vom Meister, und noch denselben Tag machte er sich auf den Weg zu den Seinen. Das Wetter war höchst unfreundlich. Der Wind, welcher die Wolken in eiligem Zuge über die verdüsterte Landschaft jagte und mächtig in den noch kahlen Baumgerippen sauste, kam ihm gerade entgegen. Und doch trieb es ihn so unaufhaltsam vorwärts; konnte er doch nicht wissen, wie er zu Haus alles antreffen werde! Er wünschte sich Flügel, um mit den Raben dort in hoher Luft, die, obwohl auch gegen den Sturm ankämpfend, alsbald dem Blicke entschwunden waren, über Berg und Tal dem Schwarzwald zu fittichen zu können. – Der Wanderer schlug den Weg über Hubertshofen und Mistelbrunn ein, um vor Einbruch der Nacht noch sein Ziel zu erreichen.

Als er hinter letzterem Dorfe, rechts sich wendend, schon eine Strecke waldeinwärts gegangen, fiel zufällig sein Blick auf ein umgeworfenes Bildstöcklein am Wege. In der nischenartigen Vertiefung hing schlotterig ein blechernes Täfelein, worauf, schon stark verwittert, ein Muttergottesbildchen zu erkennen war. Unter dem Gemälde, neben einer alten Jahreszahl, las man noch deutlich die Worte: Geh nicht vorüber: Ave Maria! sprich, dafür, mein Kind, wir segnen dich.

Dem jungen Wanderer war es, als hielte ihn etwas zurück bei diesem umgeworfenen Denkmal sinniger Frömmigkeit; er gedachte der kranken Mutter daheim, und sogleich entwand seinen Lippen sich das Gelöbnis, der heiligen Gottesmutter zu Ehren den Bildstock wiederherstellen zu lassen, wenn er die eigene Mutter zu Hause wieder genesen finden würde. Die Votivtafel ward in den Reisesack geschoben, und wie erleichtert schritt der Jüngling eilenden Fußes weiter.

Er war schon tief in den Wald eingedrungen. Der Wind sauste immer stärker durch die hohen Tannenwipfel, um welche da und dort nistende Reiher kreisten. Der Pfad ward immer unwegsamer, nach kurzer Strecke jede Spur davon verloren, und der Wanderer sah sich in einer Wildnis, wohin noch nicht einmal die Axt des Holzhauers gedrungen, und kaum bisweilen ein Strahl der Sonne durch das Dickicht bricht. Auf dem mitternächtlich gelegenen, steil abfallenden Boden lagerten neben himmelhohen graubärtigen Weißtannen umgeworfene Stämme, Windfälle, von Jahrhunderten her über- und untereinander, zum Teil völlig vermodert. Starrende Äste und ausgerissenes Wurzelgeflecht, hie und da sickernde Quellen und verborgene tiefe Lachen machten dem Schritte des Jünglings das Vorwärtskommen streitig. Mühsam arbeitete er sich eine Zeitlang ab, hinwegzukommen über dieses Chaos von Leben und Verwesung, und der Anstrengung gelang es endlich, an eine Stelle zu gelangen, wo der jähe Abhang quer durchrissen war von einer Schlucht mit wildem Waldwasser. Zackige Granitblöcke, wie von unbekannter Gewalt hereingeschleudert, gewährten zur Not Anhaltspunkte zum Übersetzen, und so vermochte zuletzt unser irrender Ritter sich hinaus aus dem wilden Tobel zu arbeiten und wieder gangbaren Boden zu gewinnen.

Doch an einen Weg war auch hier nicht zu denken. Schon begann es dunkel zu werden, und Hieronymus machte sich bereits mit dem Gedanken vertraut, in dieser Abgeschiedenheit sich ein frostiges Nachtlager suchen zu müssen. Erzählungen aus seiner Kindheit, von Menschen, welche in Wildnissen wochenlang herumgeirrt oder gar elend verkommen wären, fielen ihm dabei frisch ins Gedächtnis.

Bereits hatte der Ermüdete eine überhängende Tanne erspäht, welche einigen Schutz zu gewähren schien, und sich da niedergelassen, als es ihm vorkam, als erblicke er durch eine enge Lichtung des Waldes hinziehenden Rauch. – Aufspringen und dieser Richtung folgen war das Werk des nächsten Augenblickes. Kaum ein paar Schritte hatte er gemacht, als aus dem verwachsenen Gestrüpp bellend ein Hündlein auf ihn losfährt, welches aber sogleich, als ob es den Fremdling kenne, wedelnd stehenbleibt. Der nächste Schritt zeigt ihm am kleinen, moosigen Weiher ein schwarzbraunes Weib, geschäftig Linnenzeug zu waschen, welches, seiner ansichtig, in Überraschung den Namen Hieronymus ausruft. – Es war Trautel, die Vagantin. – Wer mochte froher sein als unser Ritter, dem es bei seinem Auszug so wenig um Abenteuer zu tun gewesen.

„Bist du allein?” war Trautels erste Frage.
„Ja!” hieß die Antwort.
„Aber, um äller Heiligen willen, wo schlagt dich das Wetter daher?”
„Ich bin verirrt”, berichtete der Wandersmann, „ich will die Eltern daheim besuchen und hab im Oberholz den Weg verloren!”
„Hieronymus!” nahm Trautel, nähertretend, wieder das Wort, „du weißt, daß i und mei Hans dir und deinen Eltern dahoim nix äls Lieb’s und Guet’s erwiese hän, d’rum denk i au älleweil, du wearest uns jez nit vermähre und Leut, die in einm fort ung rechterweis verfolget wearet, ins Unglück bringen und unschuldig’s Bluet vergieße healfe!”
„Was das anbetrifft”, versicherte Hieronymus, „könnt Ihr ruhig schlafe, was mich nit brennt, blas ich nit. – Aber recht wär’s mir, wenn ich meine Schuh und Strümpf bei Euch e bißle trocknet könnt’; so wie ich seh’, habt Ihr Feuer in der Näh’, und wenn Ihr mir nachher auf den rechten Weg verhelfe wolltet, so wär’s mir’s lieb.”
“Jo freili! Was mir tue könnet, das soll jo g’scheah; komm, Schatz”, fuhr die Vagantenmutter fort, den Angekommenen bei der Hand nehmend, „komm und wärm dich – ‘s Wetter ist schaurig -‘s wird heut früh Nacht und finster.”

Die Alte hatte bei diesen Worten ihren Gast auf ein nahes Haselnußgestrüpp zugeführt, wo dieser alsobald den Eingang zu einer unterirdischen Bettelküche wahrnehmen konnte, die er auch bald an der Hand seiner Circe betrat. An einem halb erloschenen Feuer waren Kinder emsig beschäftigt, unter Zank und Hader die Reste einer eben gehaltenen Mahlzeit zu vertilgen. Die geschäftige Wirtin fachte die Glut von neuem an, bereitete dem Gast einen Sitz daneben und begann unverweilt, ihm zur Stärkung ein Habermus zu kochen.

Diese Banden von Heimatlosen, bei denen Hieronymus hier eine Zuflucht gefunden und wovon die letzten Abkömmlinge heutzutage noch auf den Grenzen zwischen Deutschland und der Schweiz sich herumtreiben, führten eine Lebensweise fast wie die Zigeuner. Doch war jede einzelne Bande stets auf ein gewisses Revier beschränkt, hin- und herziehend, und in den Ortschaften und Gehöften desselben so heimisch und bekannt wie die Einwohner selbst. Einen und denselben Herbergsviter beglückten sie jedoch nur zweimal des Jahres mit ihrer Gegenwart; einmal des Sommers und einmal im Winter.

Hier thematisiert Lucian Reich wieder die Verfolgung und aber auch das Leben der Jenischen, oder wie es es nennt der Landfahrer. Für Lucian Reich waren die Landfahrer Menschen, die in Banden unterteilt ein Leben im Raum Schweiz, Schwarzwald, Baar und dem Elsaß führten.

“Jenisch” war damals nur eine Bezeichnung für die Sprache; wie in Wikipedia so schön steht:

„Jenisch“ ist ein erstes Mal für eine Wortliste aus dem Jahr 1714 bei Friedrich Kluge (1901) angegeben, und zwar als Sprach-, nicht als Sprecherbezeichnung.

Waren diese Leute in den verschiedenen Diebspraktiken auch keine Neulinge, so übten sie dieselben doch meistenteils nur außerhalb ihres Reviers und niemals in der Herberge; hier durfte man keck vor ihnen Tür und Tor offenstehen lassen, denn die Herbergszeugnisse waren der einzige Ausweis, worauf sie sich bei Berührungen mit der Polizei zu berufen pflegten.

Den Sommer über waren Wald und Busch ihr Nachtquartier. Untertags beschäftigte sich der Mann mit den ältesten Buben mit Weidenhauen, Korbflechten, Besenmachen und andern freien Künsten, während das Weib mit den kleinsten Kindern und dem unzertrennlichen Mops oder Spitzer an irgendeiner Waldecke am Feuer lagerte und kochte. Oder sie zog mit dem jüngsten Sprößling, den sie in einer um den Nacken befestigten Schlinge vor sich hertrug, auf dem Bettel herum, welches Metier „rumgehen” hieß und ganz methodisch ausgebildet war. – Waren Kleidung und Toilette einer solchen Rumgehenden aus Zweckmäßigkeitsgründen auch nicht immer die schönsten, so gab es auch wieder Zeiten, wo die Gattin oder Liebste im höchsten Staate einer echten Landfahrerin sich zeigen wollte. Zu diesem Staate gehörten: der roteingebändelte schwarze oder grüne Rock, eine Schürze von buntfarbigem Pers, das große, nur lose umgeschlagene Halstuch, die Haare mit farbigen Bändern durchflochten und bedeckt mit einem seidenen Tüchlein, während das oft zehnfache, mit einem Geldstück behangene Granat-Halsnister so wenig fehlen durfte wie das silber- oder messingbeschlagene Messer, welches am ledernen Riemen am Gürtel befestigt war.

Auch die Männer bettelten nicht, sie „hausierten” bloß. Zum Betteln verstanden sie sich erst, wenn sie alt, gebrechlich und von ihrer Bande verlassen waren. So wie Gebildete in Gegenwart anderer gerne in französischer Sprache verkehren, so bedienten sich die Landfahrer unter sich einer eigenen, der sogenannten jenischen Sprache, welche der Untersuchungsrichter damaliger Zeit verstehen mußte, wollte er bei Verhören und Konfrontationen nicht an der Nase herumgeführt werden.

In Schulen versperrten die Vagantenkinder andern niemals den Platz; und den nötigsten Religionsunterricht erhielten sie von ihren guten Eltern.

Es beschränkte sich dieser lediglich auf das Auswendiglernen des Vater-unsers. Neben der eigenen Erbauung brauchten sie dieses Gebet vorzugsweise zum Behufe des „Rumgehens.” Außerdem erhielten die Kleinen eine weitere religiöse Bildung im Auswendiglernen verschiedener Bettelsprüche, wovon hier einige zur Probe: Die Bettlerin: „Gend is au en Almuosa der Gotteswilla, mer wend au ne Vaterunser betha em heilige Sant Wendelines, daß Gott ‘s Vieh und all’s g’sund erhalt.” – Das Kind: „Almuosa – Gottswilla -‘trunser betha – ‘lines Gott Vieh g’sund halt.”

Man wird wohl begreifen, daß grasser Aberglaube geherrscht haben werde bei diesen Leuten, welche fast wie das Wild des Waldes aufwuchsen, denn etwas will doch am Ende jeder glauben; aber sie verstanden es auch trefflich, diese Schwäche der menschlichen Natur bei andern zum eigenen Vorteil auszubeuten. – Die Taschen trugen sie voll geweihter Dinge, in der beruhigenden Zuversicht, daß sie dann der „Kuonle nicht zopfe”, das heißt, daß sie der Teufel nicht holen könne. Beim Trinken verfehlten sie niemals, den linken Fuß über den rechten zu schlagen, denn das schützte, durch den Trunk nicht vergiftet, nicht verliebt, nicht wahnsinnig gemacht werden zu können.

Sympathetische Heilmittel sollten bei ihnen von Geschlecht zu Geschlecht vererbt worden sein, und sie wußten zu raten bei allem, was Menschen und Vieh in dieser Beziehung zustoßen konnte, nur, sagten sie, wär es ihnen nicht erlaubt, derartige Dienste irgendeines Gewinnes willen zu tun, aber ein Trinkgeld dafür zu nehmen, wäre nicht verboten.

Aber nicht jedesmal bestand dieses Trinkgeld in klingender Münze; es wurde ihnen mitunter auch in Form einer Handvoll ungebrannter Asche verabreicht, wie dem Langen einmal bei einem Bauer in der Baar passiert sein soll. Die vier Gäule des Bauers hatten plötzlich alle Freßlust verloren, und der Hans, im Einverständnis mit einem zufällig im Orte anwesenden Schindersknecht, erbot sich, den Hexenbann zu lösen mittels Weihwasser, gefärbt mit Kräutern aus der Weihbuschel, Heilig-Dreikönig-Salz und andern bewährten Sachen. Als sodann um Mitternacht – auf den feierlichen Ruf:

»Jetzt!” – der mit Ketten rasselnde Schwarze beim Schein eines angeblich der heiligen Agatha geweihten Wachsstöckleins wirklich erschien, sprangen die Söhne und Knechte des Mannes aus dem Futtergang hervor und verabreichten den beiden das Trinkgeld in so rauher Währung, daß der Lange hoch und teuer verschwor, den Flegeln das Haus nie mehr betreten zu wollen. – Man rieb den Pferden die Zähne, welche die Gaukler vorher mit Seife eingerieben, mit Salz ab – und der Bann war gehoben.

Daß übrigens dies Völklein dem Landvolk nicht immer so ganz unwillkommen war, hat der Leser bereits einem früheren Kapitel entnommen.

Und warum sollte es auch ungern gesehen worden sein? War doch so ein Landfahrer ein förmliches lebendiges Urbar und mobiles Unterpfandsbuch, aus welchem der, auf Vermögensverhältnisse anderer stets etwas eifersüchtige Bauer alle Schulden, Kapitalien und Obligationen der Nachbarn rings umher erfahren konnte. Und dem ledigen Burschen oder röschen Witwer, sollte es ihm nicht willkommen gewesen sein, wenn ihm die vielerfahrene Vagantenmutter ein vollständiges Register von allen heiratsfähigen Bauerntöchtern der Umgegend vorlegte oder hersagte? Und wenn sie dann der Erwählten die Karten schlug und ihr von ferne den gewissen Freier zeigte und auch die Eltern dem Projekte günstig zu stimmen wußte, sollte dies beiden Teilen nicht ganz erwünscht gewesen sein? Und wahrlich, mehr als ein glücklicher Ehebund ist auch dazumal auf diesem „nicht mehr ungewöhnlichen Weg” eingefädelt und zum Abschluß gebracht worden.

Die ehelichen Verbindungen dieser Landfahrer selbst waren meist Neigungsheiraten; man wird dies leicht glauben, da sie in tatsächlicher Gütergemeinschaft lebten; und was die Form der Bündnisse anbetrifft, so ist anzunehmen, daß bei ihrem Abschlusse wenig Papier verschrieben worden sei.

Was überhaupt ihre Ansichten über den Wert der Glücksgüter betrifft, so erzählte der Lange Hans einst, wie er und seine Trautel ein schönes Vermögen zusammengebracht hätten: am Abend vor der Hochzeit, sagte er, habe er seiner Trautel einen Kuß gegeben und dabei ausgerufen: „Trautl, du bist mir hundert Gulden wert.” Hierauf habe ihm Trautel ebenfalls einen gegeben und gesagt: „Hans, du bist mir tausend wert!” Das hätten sie nun zusammengerechnet und am ersten Abend ihrer Verehelichung schon elfhundert Gulden zusammengebracht.

Auf alten Ursprung deuten die nächtlichen Zusammenkünfte dieser Heimatlosen, welche sie alljährlich zur Herbstzeit auf irgendeinem einsamen Waldplatze abhielten. – „Lon euch au finde, am Scheuremer Eck”, „Schelmenhau!” war die Losung, mit welcher sie auf Jahrmärkten, und wo sie sonst noch zusammentrafen, sich gegenseitig zum Feste luden.

Die nebenstehende Abbildung soll uns ein solches Nachtgelage wiedergeben. Im tiefen Walde, an der Felswand, brennt das Feuer. Der Lange schnarchend im Vorgrunde; Trautel bei der lustig brennenden Flamme – sie, die perfekte Köchin, von welcher ihr Eheliebster, der Lange Hans, zu sagen pflegte: Sie sei eine Köchin obenraus, und es gäbe nichts, was sie nicht zu kochen verstünde; so habe sie ihm einmal sogar die Schuhbürste gesotten in der Suppe gebracht! –

Auf verborgenen Pfaden ziehen unterdessen die Geladenen heran zum Schmause, der also verschwenderisch bereitet wird, daß die mutwilligen Vagantinnen oft noch die Zweige nebenstehender Holderstauden in den Teig, sodann in die Pfanne ziehen und das also fertig gemachte Holderküchlein als Wahrzeichen an dem Gesträuche hängenlassen. Nach dem Mahle beginnt die volle Lust; bald auch ertönt die Fiedel, und zu ihrem muntern Klange drehen sich auf freiem Waldplatze beim Lichte des Vollmonds die Paare. Damit es aber dem Feste nicht an der nötigen Abwechslung mangle, setzte es dabei fast regelmäßig Händel und Prügeleien ab, und namentlich pflegten die Damen wegen allzu fertiger Zunge von ihren Rittern oft traktiert zu werden, wie weiland Frau Kriemhilde von ihrem Hörning Siegfried. Auch Trautel mußte zuweilen erfahren, welch veränderlich Wesen die Liebe sei; „o Hans!” rief sie einst im höchsten Schmerze nach solch einem kriegerischen Momente ihres Ehelebens, „wie host mi verküßt und verschlecket am Scheuremer Eck – und jetzt schlaist (schlägst) mil” – Solche Szenen aber zogen vorüber wie Aprilschauer, auf welche der Sonnenschein des lieben Friedens rasch wiederzukehren pflegt.

Erst nach Mitternacht, wenn schon die Morgenluft durchs Gesträuche zieht und auf dem fernen Einödhof die Hähne krähen, verschwindet der Spuk; glücklich alsdann der arme Holzmacher oder der Waldbannwart, welcher tags darauf an die verlassene Feuerstelle kommt, wo die Holderstauden so köstliche Früchte tragen.

Eine nette Geschichte ist die der Holderküchlein

So haben die Jenischen bei ihren Feiern auf einsamen Waldplätzen auf Zweigen von Holunderbüschen Holderküchlein gebacken, sozusagen als Wahrzeichen. Diese haben dann am nächsten Morgen “arme Holzmacher und Waldbannwärter” glücklich gemacht.

Im Augenblick unserer Erzählung war die Sippe des inhaftierten Langen Hans ziemlich zusammengeschmolzen. Dem Arm der Justiz waren nur Frau Trautel, ihre beiden Stiefkinder Sepple und Schön Rösel, der Stumpfarm und noch einige andere entgangen.

„O!” jammerte die bekümmerte Trautel seufzend, „was treibt ma doch àlles mit de Leute – und es kann mei’m Mann doch nit ‘s kleinst Brösele bewiese weare!” – Die betrübte Gattin wollte weiterreden, da unterbrach sie barsch eine rauhe Stimme, aus einem finstern Winkel der Höhle kommend, und: „Lochlone, wittischer Massik!” tönte es von dorther, was etwa so viel heißen sollte, als: Laß bleiben – ein Verräter ist da.

Es scheint, dass Lucian Reich einiges der Sprache konnte, bzw. zumindest verstand.

Lochlone wittischer Massik!

Laß bleiben – ein Verräter ist da

So findet sich im Wörterbuch der Jenischen Sprache (Chochemer Loschen von 1832) der Ausdruck “wittischer Massik” als Verräter der Diebe.

Hieronymus, um sich blickend, gewahrte jetzt erst einen Mann im Hintergrund, auf einer Moosbank ausgestreckt. – Es war der Stumpfarm, welcher jene Warnungsworte gesprochen und die Alte zum Schweigen gebracht hatte.

Er trat hervor ans Feuer, um etwas Holz nachzulegen. Der augenscheinlich gleisende Ausdruck seines Gesichtes, die Jacke aus ungeschorenem Schaffelle erinnerten Hieronymus unwillkürlich an den Wolf im Schafspelz.

„Für den Hans”, fing jener gleichgültig an, „hab ich kei Sorg, er ist sauber übers Nierenstück und hot kein Fehler als sei übertriebene Ehrlichkeit; den Zuchtverwalter und sei Frau kenn ich, es sind scharmante Leutle; ihr ältste Tochter hot mer jo sealber e Kind zum Tauf trage, wo in sealbigem Haus uf d’Welt kummen ist, von mei’m erste Weib selig.”

„O du liebs Herrgöttle”, schluchzte Trautel dazwischen, „wie wurd er jetzt so grausam Langweil hau no sei’m Weib und seine Kinder, die jetzt arme Woisle sind.”

„Und wenn der ganz Schwäbisch Kreis in helle Flamme stünd”, sagte mit verbissenem Grimm der im Schafskleid, „so wär der Himmel nit so brandig und rot als das Blut ist von all den unschuldig Hing’ richteten und G’räderten; der Krug goht aber zum Brunne, bis er bricht – der Weltgeist steigt allweil höher und höher – und ‘s Strofg’ richt wird kummen über Sodoma und Gomorrha”, schloß er, eine Handvoll Moos in die Flamme werfend.

Hieronymus schwieg. Frau Trautel aber, nachdem sie ihre Tränen getrocknet, hatte ihr irdenes Pfeiflein hervorgezogen und diesmal, in Ermanglung des echten Holländischen, mit gedörrten Rosenblättern gestopft. Sie schmauchte mit einem Anstande, welcher einer emanzipierten Dame des neunzehnten Jahrhunderts Ehre gemacht hätte.

Eben wollte Trautel dem Gespräche eine andere Wendung geben und beeilte sich, ihrem jungen Gaste die Mahlzeit anzurichten, als man vom Eingang her leichte Tritte hörte und Schön Rösel in die Höhle trat. – Hieronymus erblicken und dem lange nicht mehr gesehenen Jugendfreunde zärtlich um den Hals fallen, war für die Schöne ein Werk des Augenblicks; aber bevor Hieronymus unter solchem Überfall unerwarteter Zärtlichkeit seine Fassung zu finden vermochte, fuhr eine Hand dermaßen ungestüm da-zwischen, daß Jüngling und Mädchen, wie von einem plötzlichen Windstoße erfaßt, ein paar Schritte gegen die Wand taumelten.

Hab’s mit deiner’s Gatting!” kreischte dabei die Stimme der intervenierenden Macht, in der Person der zärtlich eifersüchtigen Stiefmutter Trautel.

Jetzt aber ergoß sich in sprudelnder Eifersüchtigkeit aus den Kehlen beider Schönen ein Schwall von nicht zierlichen Reden, wie wenn eine Schleuse vom Müller aufgezogen wird und der Wasserstrahl sich brausend auf die Räder stürzt und das ganze Mühlwerk klappernd und schrillend in Gang kommt.

Doch der Kampf der Worte, wie mächtig er auch erbrauste, war nur das Tosen vor dem Hagelschlag, denn ein heilloser Waffentanz begann sofort mit Pfannen und Kochlöffeln. – Hundegebell und Kindergeheul machten den Chorus dazu wie in einer altgriechischen Tragödie.

Hieronymus, der noch immer nicht wußte, wie ihm geschah, hatte sich mechanisch gegen die Moosbank salviert und betrachtete die Amazonenschlacht mit neutraler Miene. Als aber im Dialog der beiden Fechtenden gewisse Reden verlauteten, welche geeignet waren, die so viel gerühmte Ehrlichkeit der Sippe zu beeinträchtigen, sprang der Stumpfarm, welcher wieder teilnahmslos in unzerstörbarer Ruhe dagelegen, rasch auf, riß ein rauchendes Scheit Holz aus dem Feuer und fuhr damit erbarmungslos zwischen die Strei-tenden, das Feuer mit Rauch zu ersticken.

Frau Trautel aber, welche nicht die Person war, sich so leicht in ihrem angestammten Rechte des letzten Wortes beeinträchtigen zu lassen, griff schnell nach dem Topfe mit dem siedenden Habermus, ihn dem Stumpfarm an den Kopf zu schleudern – dieser aber bückt sich rasch, dem dahersausenden Donnerkeil auszuweichen; sei es aber, daß der Wurf ursprünglich schlecht gezielt war – oder daß die Schützin die Bewegung des Feindes noch rechtzeitig erschaut – kurz, der Topf zerplatzte auf dem Rücken des alsobald von Brei übergossenen Stumpfarm, daß er dampfte wie ein gebrühtes Ferkel.

Ohne dem Gegner Zeit zur Besinnung zu lassen, fuhr das Weib, einer gereizten Bärin gleich, wider ihren Feind, und die scharfe Zunge stieß Reden aus, welche fast wie Blut und Mord klangen.

Nun entbrennt des Vaganten Zorn, die Stirnadern schwellen an, die Augen flammen und die Hand fährt nach dem Messer; da aber macht Schön Rösel Front gegen den ungeschliffenen Friedensstifter, fährt ihm mit der einen Hand in den borstigen Schopf und faßt mit der andern die waffensuchende Rechte.

Der Moment war kritisch. – Unser Ritter Hieronymus fühlte, daß er sich der bedrängten Unschuld annehmen sollte – aber ehe er über das Wie mit sich einig, war der Schwarz Sepple hereingetreten und stand mit einem Satze in der Mitte der Kämpfenden. Er hatte alsbald an den herumliegenden Waffen erkannt, welche Karten hier bei dem Spiele Trumpf wären. Den Stock hoch geschwungen, fuhr es ihm heraus: „In des Drei Teufels Namen, gebt Ruh!” – Die hadernde Sippschaft, die Zauberkräfte dieses Stabes kennend, schien plötzlich alle Lust zur Fortsetzung des Kriegs verloren zu haben.

Gegen den Stumpfarm gewendet aber fuhr jener fort:
„Dich wird der Kuonle noch reite, bis du Quartier g’funde hast im Haus auf drei Pfähl und ohne Dach” (womit er den Galgen meinte). Sodann, gegen die Weiber gewendet, machte er mit dem Stocke einen Strich auf den Boden mit den Worten:
„Bis daher! – Wie eine den Fuß drübersetzt – so!” – Beide verstanden die Gebärde und fügten sich. –

Der holde Friede war somit wieder in die versöhnlichen Herzen eingezogen, und Hieronymus, welcher nach dem tragischen Ende seines Habermuses keine Ursache mehr sah zu längerem Verweilen, faßte ein Herz und wendete sich zum Sepple: „Ich hab noch ein gut Stück Wegs vor mir – es ist schon spät und finster, drum wär’s mir recht, wenn du mir ein Stück weit ausfolgen wolltest.”

Frau Trautel aber gab durchaus nicht zu, daß ihr Gast so nüchtern abziehen sollte; er mußte sich zu einem Stück Speck und Schwarzbrot bequemen und dies Mahl mit einem Schluck Wacholder würzen. – Dann aber erhob er sich mit solcher Entschiedenheit, daß die andern wohl sahen, er sei nicht länger aufzuhalten. Der Herbergsmutter drückte er einige Schweizerbatzen in die Hand und beurlaubte sich mit den Worten: „Nix für ungut, und spar Euch Gott g’sund.” Schön Rösel aber ließ den Freund nicht scheiden ohne einen herzhaften Schmatz, so daß es dem guten Jungen fast schwül dabei ward.

„Wenn du nach Hüfingen kommst”, rief der Stumpfarm dem Scheidenden nach, „so grüß mir die Amtleut und die Gardisten und sag ihnen, sie können uns auf die Kirchweih komme, drüben im Elsaß; dem Hans kannst melde, daß er uns überm Rhein drübe finde könn, beim Jude Schmulche. – Den Zuchtverwalter und den Amtsdiener laß ich schön grüße, der Amtsrat aber” – den Schluß dieses Auftrags konnte der Abziehende nicht mehr vernehmen, er war bereits mit seinem Begleiter auf der Oberwelt angekommen, wo es durch die finstere Nacht unheimlich sauste und stürmte und der Wandersmann ohne seinen Führer weder Weg noch Steg gefunden hätte.

Sepple begleitete ihn bis über den Wald hinaus; „da”, sagte er, gegen einen vor ihm liegenden schwarzen Punkt deutend, „das ist der Krumbehof, und rechts drübe die Straß. Du wirst schweige könne, Hieronymus, über das, was du g’sehe und g’hört hast – ‘s leid’t gegewärtig s’ Schnaufe nit – du verstehst mi scho!”
„Vollkommen!” erwiderte der Freund, indem er seinem Wegweiser den letzten Rest seines Barvorrates als Trinkgeld aufgenötigt hatte.

Nun wieder sich selbst überlassen, dankte Hieronymus im Herzen Gott, daß er ihn so gnädig aus des Teufels Garküche erlöst habe. Allein seines Weges ziehend, überkamen ihn allerhand Gedanken. Das Bild von Schön Rösel wollte ihm nicht aus dem Sinne weichen. Noch als Knospe, d. h. als Kind, hatte man dem Mädchen ihren Beinamen gegeben, und jetzt war sie vor ihn getreten als völlig aufgeblühte wilde Rose. Ihre Züge heimelten ihn an wie eine dunkle Jugenderinnerung, Bilder vergangener Zeiten zogen im Geiste an ihm vorüber. Die verstorbene Johanna trat vor seine Seele, und ihre Tochter, jenes Kind Tolbergs, welches von dem Geschäftsführer des Fabrikherrn abgeholt worden und von welchem man bisher nichts Gewisses mehr in Erfahrung gebracht. Jetzt fiel ihm ein, wie die alte Fahlenbacherin, welche längst aus dieser Zeitlichkeit geschieden, ihm und seinen Gespielen oft erzählt, daß Schön Rösel jenes Kind Tolbergs sei, von ihm entführt und den Vaganten übergeben worden, es dadurch um sein Erbe zu betrügen; ja, sie hatte zuweilen nicht undeutlich vermerken lassen, daß der Elsässer eigentlich der wilde Jäger und wahrhaftige „Gott b’hüt üs davor” gewesen, dem auch Dieter für betrügerisches Geld seine Seele habe verschreiben müssen.

Wenn Hieronymus letzteres auch für das hielt, was es war, für eine Alt-weiberfabel, so konnte er jetzt doch kaum anders, als den ersteren Behauptungen vollen Glauben beimessen. Je mehr der arme Junge nachdachte, je weniger war er mit sich selber und mit seinem heutigen Benehmen zufrieden.

Es war ihm klar, daß er eigentlich Schön Rösel hätte befreien und ihren Verwandten in die Arme führen sollen. – Doch mußte der arme Ritter nicht selbst froh sein, mit heiler Haut davongekommen zu sein? Wie – wenn ihn der heimtückische Stumpfarm als vermeintlichen Verräter aus dem Wege geschafft und allenfalls in den moosigen Weiher geworfen hätte, denn so viel von der Spitzbubensprache hatte Hieronymus inne, daß er jene Worte des mißtrauisch verschlagenen Alten verstanden; oder wenn während seines Ver-weilens der Bande plötzlich eine Streif wache über den Hals gekommen wäre, wie angenehm für Hieronymus, mitverhaftet und auf einem Leiterwagen in Gesellschaft seiner Freunde in die Stadt abgeführt zu werden, denn mitgefangen – mitgehangen, lautete es dann. Von solch wirren Betrachtungen zogen ihn endlich Anwandlungen von großer Müdigkeit ab, die sich ihm wie bleierne Gewichte auf seine Sinne legten, so daß er, ein zweiter Odysseus, nach langer Irrfahrt sozusagen schlafend in der Heimat anlangte.

Geräuschlos ward am Vaterhaus die hintere hölzerne Laube erstiegen und die Türe an der obern unbewohnten Kammer geöffnet, allwo der wegmüde Mensch, ohne sich Zeit zum Ausziehen zu gönnen, auf einem seit seinem Wegzug nicht mehr benützten Strohsack schnell den erquicklichen Schlaf fand.

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