Besuche aus der Heimat
Zur Erntezeit
Die Fastnacht

Vierzehntes Kapitel gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich


E freude Stund e guti Stund,
s’ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.

>Johann Peter Hebel

Besuche aus der Heimat – Zur Erntezeit – Die Fastnacht

Der nahende Herbst hatte unserem Hieronymus mehrere Besuche von zu Hause gebracht, erst den Vater und die Mutter, welche kamen, nach des Lehrlings Tun und Treiben und nach der Zufriedenheit des Meisters sich zu erkundigen. Dionys, des Stabhalters Sohn, war sogar später bei ihm über Nacht geblieben und hatte mit ihm das Lager geteilt. Er hatte ihm verschiedene Grüße ausgerichtet und Neuigkeiten erzählt aus der Heimat, worunter die interessanteste gewesen, daß die Florentine immer vollkommener und schöner werde. Von sich selber konnte der junge Handelsmann sagen, daß, ohne Rühmens, sein Geschäft prächtig floriere, und daß auf dem ganzen Wald kein Geschäftsmann zu finden sei, dem mehr Geld durch die Hand laufe als ihm und seinem Vater.

Die Eltern des Hieronymus waren hoch erfreut über das gute Zeugnis, welches der Meister seinem Lehrling ausgestellt, nach Hause zurückgekehrt. Denn auch der Feldwaibel hatte ihnen halb scherzhaft die Versicherung gegeben, daß er, als Beistand, bis jetzt noch nicht den mindesten Grund gehabt, hinsichtlich der geleisteten Bürgschaft irgendwie in Sorgen zu sein.

Nicht nur im eigentlichen Geschäft, auch bei Feldarbeiten griff Hieronymus wacker ein, wobei er – dank der Erziehung daheim – in allen Sätteln sich gerecht erzeigte. – Als sein Meister, der nebenbei auch Feldbau betrieb, zur Erntezeit einmal eines Garbenbinders wegen sehr in Verlegenheit war, erbot sich der Lehrling zur Verrichtung dieses sonst nur geübten Männern anvertrauten Geschäftes. Der Meister schüttelte anfangs ungläubig den Kopf; jener aber ergriff alsbald den Bindnagel, holte aus dem Stadtbächlein die dort zum Einweichen eingelegten „Wieden“, die Magd nahm den „Schaub“ auf den Kopf, die mit frischem Wasser gefüllte „Lägel* an den Arm, und die Meisterin ging zum Antragen mit. Und siehe da – Hieronymus band die hundert Korngarben so regelrecht, wie es der geschickteste Oberknecht nicht hätte besser machen können.

Ebenso willig und gewandt zeigte er sich als Mäher. Frühmorgens, wenn kaum der erste Wachtelschlag den anbrechenden Tag verkündete, schritt er mit andern zum Tor hinaus, die Sense oder das Räff (zum Mähen der Mischelfrucht) über der Schulter, das hölzerne „Futterfäßle“ mit dem Wetzstein hinten am ledernen Gurt befestigt. Und kam er nach vollbrachter Arbeit abends heim, und waren Suppe und Sauermilch verspeist, so nahm er ungeheißen wieder das „Dangelgeschirr“ zur Hand und dengelte, auf einem Holzblock vor dem Scheuertor sitzend, mit den Nachbarn lustig um die Wette. – War dieses Geschäft besorgt und hatte er am Brunnen sich gewaschen, dann erst konnte er sich Ruhe gönnen, indem er sich ein Stündchen noch zur Familie setzte, auf das Bänklein vor dem Haus.

Wie zur Winterszeit gewisse Stuben und Stüblein Sammelorte waren für nachbarliche Abendgesellschaften, so waren es im Sommer die Bänklein vor den Häusern, bei welchen die Freunde in und außer dem Haus sich zu versammeln pflegten.

Erforderten unter der Woche die Erntearbeiten ein frühes Schlafengehen, um morgens wieder zeitig bei der Hand zu sein, so fiel diese Rücksicht am Samstagabend sowie vor einem Feiertag natürlich weg. – Da saßen sie denn oft bis Mitternacht, hemdärmelig, barhäuptig unter dem Himmel voll Sternengefunkel und Wetterleuchten, während im offenstehenden Haus nichts sich regte als das Heimchen und der laute Schlag der Wanduhr in der Stube. – Es hörte sich angenehm zu, dem Gesang der fremden Schnitter und Schnitterinnen, die in Gruppen vor dem Haus des Bauers dort noch ein Stündchen sich verkühlen lassen wollten. Und war auch der Oberamtsrat ein gestrenger Herr, so konnte es ihm doch entfernt nicht einfallen, den Schnittersleuten das Singen überhaupt verbieten zu wollen, wie dies ein halbes Säkulum später von einer nahen Amtsstadt aus geschehen sein soll.

Da es dem fruchtreichen Gau zur Erntezeit an Arbeitskräften fehlt, so kam – wie heute noch – regelmäßig Aushilfe vom benachbarten Heuberg oder von den nächsten Schweizerorten daher, jede Schar unter der Obhut eines besonderen Schnittmeisters. Auch Kinder mit Säcklein zum Ährenlesen waren dabei. War ein Großbauer nicht ganz von der filzigen Sorte, so ließ es sein in diesem Punkte löblicher Stolz gewiß nicht zu, seinem Gesinde das Zusammenrechen hinter dem Garbenbinden her zu gestatten. – Das Verzettelte sollte eben lediglich den Armen gehören.

Bevor es ganz einwinterte, war unserm jungen Freunde noch ein unverhofftes Zusammentreffen vorbehalten. Die Heugabel auf der Schulter, war er mit dem Meister und seinen Leuten zum oberen Tor hinausgeschritten, auf der Schlehwiese noch einiges Ohmdgras einzuheimsen, als von dem Wege, welcher nach dem Roten Rain führt, ein wohlbekannter Pfiff sein Ohr traf.

Das Zeichen kam von einem Patrone, welcher auch dem Leser nicht zum erstenmal vor die Augen tritt. Der Kommende trug über der Schulter, an einem glattgeschälten, äpfelbaumenen Stock, eine Anzahl Vogelkäfige, unter dem Arme, in ein hochrotes Nastuch gewickelt, eine Geige; die kurzen, hellgrün gestreiften Beinkleider waren am Knie mit flatternden Bändeln befestigt; über dem rot und gelb getupften „Leible“ glänzte eine herzförmige silberne Busennadel zum Anheften des leicht geschlungenen Halstüchleins.

Ein breiter Filzhut mit Pfauenfedern und ein zinnener Schlagring mit schwerem Knopfe am kleinen Finger der rechten Hand, womit schon manche Stirn und Nase blau oder rot gesiegelt worden, vollendeten das Kostüm eines Landfahrers; und daß es der Lange Hans sei, bedurfte für Hieronymus keines zweiten Blickes. Er war, vom Walde kommend, seiner Bande vorangeschritten, die Baar der Kirchweih willen zu besuchen.

„Auf e paar Wörtle!“ raunte er dem stehengebliebenen Hieronymus zu, indem er ihn etwas auf die Seite nahm. „Der Zufall hot mer ‚en Gang verspart; schau“, sagte er geheimnisvoll, als sie allein waren, „di haun i grad aufsuche wölle!“
-„Ihr kommt von daheim?“ fragte Hieronymus. „Es sind doch alle g’sund und wohl?“
„Alls g’sund und wohl!“ bestätigte der Lange. „Schau! Du woißt gar nit, was de for e Glückskind bist, Gott soll mi leaba lau – wenn’s nit wohr ist. Schau, i hau der no e b’sundere Gruß ausz richte von enere G’wisse – de kennst mi scho – Hieronymus!“ lispelte er verschmitzt, „schau, i hau der was z’bringen; i kenn reiche Bauresöhn, en Finger vo der Hand gäbet si drum, wenn ihne so was passiere tät; roht, was haun i do, Männle?“ Mit diesen Worten zog er ein Päcklein aus der Rocktasche.
„Ihr macht Spaß, Hans“, meinte Hieronymus, mit forschendem Blick auf den Langen.
„Koi bißle!“ versetzte dieser. – „Schau, i will di nit lang im Wunder lau -’s Laubhauserbaure Töchterle hot mer auftrage, i soll di schäa grüeße – und do schickt dir das Dundersmädle ne Krämle – i haun ihr’s sealber b’sorge müesse auf’m Vöhrebacher Johrmärkt; i hau scho lang g’merkt, wo Barthle de Most holt!“ Dem jungen Burschen war das Blut ins Angesicht geschossen; der Lange hatte ihm das Päcklein überreicht. Der Empfänger aber war unwillkürlich mit der Hand in die Tasche gefahren, als wollte er den wohlverdienten Botenlohn herauslangen. „Hans“, sagte er nach einigem scheinbaren Grübeln, „ich hab kein Münz, wenn Ihr aber nach der Kirchweih wieder bei mir einspreche wollt „
„Hot nix z’sage, Hieronymus! Schau, i bin die best Seel im ganze Ländle, und wenn i nor älle Leuta healfa könnt – als Menschefreund – beim Dunder, tät’s!“ – Bei diesen Worten hatte der Landfahrer seinen Hut aufs linke Ohr gedrückt; „mer schwätze noch später mit’nander von deare Sach – adjes!“ sagte er, mit einem Händedruck und streifte im Fortgehen ein Blatt vom nahen Weidenbusche, um darauf die Melodie des Liedes: „Und du kennst mi au mit“ zu pfeifen. Hieronymus aber eilte rasch seinen Leuten nach.

Das Ohmd auf der Wiese war bald in Schober gehäufelt, und der Lehrling erhielt vom Meister die Weisung, auf den Fuhrmann zu warten. Kaum sah der Zurückgebliebene sich allein, als er, aufs duftige Ohmdgras niedergelassen, sein Päcklein bedächtig und nicht ohne einige Beklommenheit öffnete. – Ein schwarzseidenes Halstuch mit roten Zipfeln fiel ihm in die Augen, dabei ein Schreiben von seiner ehemaligen Schülerin: Dieses wenige, schrieb sie, schicke sie ihm für den Kleiderkasten, den er ihr so schön renoviert und für welchen sie ihm noch nichts habe geben können. „Mich und Deine Mutter“, schloß der Brief, „dunkt es schon eine halbe Ewigkeit, seit Du fort bist, und wir reden oft von Dir und hat Dich noch keins vergessen, und wenn wir beten, beten wir auch für Dich.“ – Unten am Rande des Schreibens hatte die Briefstellerin noch ein Verslein beigesetzt:

„So viel Tröpflein in dem Meer,
So viel Sandkörnlein hin und her,
Als Blatt und Früchten an Bäumen sein,
Als Strahlen hat der Sonnenschein,
Als Gras und Kraut die Erde tragt,
Als Stern und Geist der Himmel hat,
So viel hunderttausend Mal seist Du gegrüßt.“

Er lag noch lange träumerisch auf dem weichen Lager und schaute aufwärts in die Luft. In den abgemähten Stoppeln zirpten die Grillen ihr eintöniges Lied, und von den nahen Schlehenbüschen zitterten vergilbte Blätter schon herbstlich zu Boden, aber Hieronymus war es zumute, als breche eben der Frühling an mit all seinen Knospen und Blüten; und wenn er hinüberschaute nach den dunkelblauen Höhenzügen des Schwarzwaldes, wo der Rauch von den Kohlenmeilern wie Säulen in die stille Luft aufstieg und das ferne Rufen und Singen vereinzelter Hirten in den Wiesen umher durch die Landschaft klang – so glaubte er tausend Grüße zu vernehmen aus der Heimat.

Der Fuhrmann war gekommen, der Wagen geladen, und der Glückliche bestieg ihn, um mit dem Hochgefühl eines Siegers durch das Tor in die Stadt einzuziehen. Die Winternebel lagen auf der Landschaft, und schon hatte es der Lehrling so weit gebracht, daß ihn sein Meister für würdig hielt, einen erst kürzlich entdeckten Grundpfeiler der bildenden Kunst kennenzulernen. Es war , die durch Vereinigung der Natur und Kunst auf den rechten Grund und Grad der Vollkommenheit gesetzte Zeichnungswissenschaft oder Proportion der Figuren von der Geburt bis zum vierundzwanzigsten Jünglingsalter«. Ein Werk, worin, beiläufig gesagt, die leibliche Gestalt des Menschen mit ebensoviel Sicherheit und Scharfsinn ausgemessen war wie seine geistige Natur in gewissen philosophischen Abhandlungen der alten und neuen Zeit. – Hieronymus brachte das Heft oft zu seinem Freunde Severin, wo die beiden im warmen Stüblein manche Mußestunde mit Zeichnen und Tuschen zubrachten.

Unter solchen Beschäftigungen verging der Winter; Advent, Weihnachten, der Neujahrstag waren vorüber sowie der Dreikönigstag; und man näherte sich der Zeit, von welcher es heißt: Lichtmeß bei Tag eß, das Spinnen vergeß. – Die Fastnacht fiel heuer ziemlich frühe, und Hieronymus freute sich, das ungewohnte Leben und Treiben dieser Tage einmal mit ansehen zu können.

Bereits einige Tage vor dem „schmutzigen Donnerstag“ , dem ersten der drei Narrentage, sah man allabendlich die Gassenjugend vor dem Untertor versammelt, wo der Baptistle, ihr Liebling, wohnte. – Welch ein Jubel und Geschrei, wenn bald da, bald dort an einem Fensterlein des Tores der Kopf des närrischen Kauzes in wunderlicher Grimasse, ähnlich dem Lällekönig zu Basel, zum Vorschein kam – oder wenn eine Hand herausfuhr, welche Wolken von Puder unter den Haufen streute – oder wenn durch irgendeinen Spalt des alten Gebäudes plötzlich eine große Schlange unter das jugendliche Publikum raschelte, die, ehe sie erhascht werden konnte, ebenso schnell wieder oben verschwand.

Baptistle bewohnte sein Torstüblein, wie Diogenes sein Faß, in Armut, aber in philosophischer Geringschätzung alles dessen, was die Menschen irdische Güter und Schätze zu nennen pflegen. – Hinter dem grünen Kachelofen lagen in bunten Haufen seine Narrenkleider, zusammengeflickte Fetzen, seltsame wunderliche Trachten, welche ihm in Ermangelung eines Bettes das ganze Jahr hindurch zum Lager dienen mußten, weshalb er auch zu sagen pflegte: es gehe nichts über ein Federbett, er habe nur eine einzige Feder darin und schlafe herrlich wie ein König, wie gut müßten erst diejenigen schlafen, die viele darin hätten. Eine gräuliche, an vielen Stellen schon geflickte Riesenschlange nebst einem ausgestopften Kalb, dessen Kopf und Hinterteil einst vergoldet gewesen, teilten mit dem närrischen Patron den engen Stubenraum. – Es war dieses Getier das einzige, was er aus der Erbschaft seiner seligen Großmutter als wünschenswert an sic gezogen, und stammte ursprünglich aus einer Zeit, in welcher man für gut gefunden, moralisch-deklamatorische Aufzüge statt der altväterischen Fastnachtspossen dem Volke zur Erbauung vorzuführen. „Ludendo corrigo mores!“ lautete das Motto auf einem noch vorhandenen Programm. Bei solch einem Umzug, wobei in Begleitung von Instrumental- und Vokalmusik die sieben Todsünden dargestellt wurden und wobei auch die Großmutter des Baptistle mitgewirkt hatte, dienten jene Tiere als symbolische Beigaben.

Wenn unser moderner Diogenes auch keinen eigentlichen Lebenszweck zu kennen schien, denn seine Narrheit war rein um ihrer selbst willen da, und grünte, um zu grünen, wie das Semper vivum, so war er doch in Wirklichkeit nicht ohne Sorgen. Diese aber bestanden nicht etwa darin, daß er sich gekümmert hätte, was er wohl morgen essen werde (dafür ließ der Philosoph unsern Herrgott und gute Leute sorgen), sein Sinn bezog sich lediglich auf die Instandhaltung und zweckmäßige Vermehrung seiner Narrengarderobe. – Ein Geschäft, welches, wenn auch unbewußt, von manch andern, sich weise dünkenden Menschenkindern ebenso sorgsam gepflegt wird!

Sah unser Baptistle eine schön geputzte Person in neuen Kleidern über die Gasse gehen, so konnte man sicher sein, daß der Narr alsbald bei jener seine Aufwartung machte, bittend um einige Abfälle von dem neuen Prachtgewande; ja, ich glaube, wäre ein neuer Alexander vor ihn hingetreten mit der Aufforderung: eine Gnade sich zu erbitten – Baptistle hätte nur um einen einzigen Zipfel des königlichen Purpurs gebeten, um damit seine Narrenjacke zu flicken!

Einmal war allgemeine Landestrauer und das Narrenlaufen von Amts wegen verboten; man mußte sich, wenn auch ungern, fügen. Baptistle aber vermochte es nicht zu überwinden, daß sein Dichten und Trachten eines ganzen Jahres, gerade als er die Früchte davon zu ernten vermeinte, verkümmert und vernichtet werden sollte. Er ging, dem Herrn Amtsrat seine untertänigste Aufwartung zu machen und demütigst die Bitte vorzutragen: ob es ihm nicht wenigstens gestattet werden möchte, maskiert den Kopf durch das Fenster zu stecken? – Dies allenfalls konnte, unbeschadet des Ansehens der obrigkeitlichen Verfügung, verwilligt werden. – Mit vielen Bücklingen nahm Baptistle die gnädigste Erlaubnis entgegen, und mit schmunzelnder Miene sah man ihn seinem Stüblein zuschreiten.

Des anderen Morgens, am Schmutzigen Donnerstag, als der Herr Rat in Seelenruhe sein Pfeifchen zum Fenster herausschmauchte, denn die Frau Rätin liebte den Qualm im Zimmer nicht, entsteht gewaltiger Rumor auf der Gasse; der Stadtknecht stürzt zur Tür herein: „Der Baptistle“, berichtet er atemlos, „erfrecht sich – narrenzulaufen!“
„Augenblicklich her mit ihm“, befiehlt mit zornglühendem Antlitz der Rat. – Und man führt den Kontravenienten vor den gestrengen Herrn. – Baptistle hatte sein stattliches Narrenhäß angetan und ein Schiebfenster als Halskragen über den Kopf gestülpt.

Überrascht starrt der Amtmann bald den Baptistle, bald dessen seltsame Halskrause an, dann aber fährt er heraus: „ Wer hat Ihm erlaubt?“
„Gestrenger Herr!“ entgegnete der Schalksnarr mit tiefer Reverenz, „haben mir ja Permission erteilt zum Maskieren und den Kopf zu meim‘ Fenster rausstrecken zu dürfen. – Das hier ist mein Stubenfenster, wo ich rausschau!“ — Ob diesem Gebaren war selbst richterlicher Ernst nicht mehr haltbar, und mit gnädigem Lächeln gab der Rat den Bescheid: „Für diesmal soll es Ihm hingehen, aber auf den Gassen laß er sich hinfüro nicht mehr blicken – verstanden?“ Der Baptistle geht.

Aber am zweiten Fastnachtstag erblicken die Einwohner des Städtleins oben am Schellenberger Wald ein seltsames Schauspiel. – Es war unser Eulenspiegel mit der Schuljugend, welcher eingedenk der Worte des Stadtgebieters: sich nicht mehr auf der Gasse blicken zu lassen, das freie Feld zum Tummelplatz seiner Narrenstreiche gewählt hatte.

Aus diesem Vorgang hätte der Herr Rat wohl merken können, daß man einen tief gewurzelten Baum nicht wohl ausreißen kann, ohne daß einige Würzelein und Zäserchen zurückbleiben, welche von neuem ausschlagen.

Als diesmal der erste Fastnachtsmorgen angebrochen, hatte sich gleich nach dem Gottesdienste wieder die ganze Kinderschar vor dem Untertor versammelt. – Als der Held nicht alsogleich erscheinen wollte, erhob sich wie bei einem Theaterpublikum Lärm und Spektakel. – Endlich rumpelt es auf der Stiege – Baptistle erscheint – und zwar in der Gestalt eines „Eselsreiters“. – Unter dem scheckigen Waffenröcklein schaut der hölzerne Kopf des Langohrs hervor, auf welchem der Ritter, im Sattel sitzend und die Zügel in der Hand, zu reiten scheint, während auf der Kehrseite Schwanz und Hinterteil des Tierleins zu schauen sind. Über der Schulter hängt die ausgestopfte Kälberhaut, eine malerische Beigabe, die ihrem Träger beinahe das Ansehen eines in die Neuzeit übersetzten Herkules verlieh.

Donnernder Jubelruf erschallt beim Anblick des Heros, der, seiner Rosinante die Sporen gebend, kühn unter den Haufen sprengt – fort bewegt sich der Troß -, während der Ritter, wie Zeus seine Blitze auf verweglich nahende Sterbliche, sein an einem Stricke befestigtes Kalb den neckenden Buben stäubend auf den Rücken schleudert. Gaß auf, Gaß ab, durch Dick und Dünn geht der Ritt, und die begleitende Schar, blau vor Zeter und Rennen, läßt im Chorus die Narrenverslein erschallen:

Alle Vöglele singet so hell
Bis am Samstig z’Obed!
Alle Meideli hättest mi gern,
O! wie bin i ploget!
Narroh!

Hideli, hädele, hinterm Städtlele
Hät en Bettelma Hochzit,
Es giget e Müüsli,
Es tanzet e Lüüsli,
Es schlagt en Igeli Trumme,
Alle Tierli, wo Wädeli hond,
Sollet zur Hochzit kumme!
Narroh!

Somit war die Fastnacht eröffnet, dem Faß der Zapfen ausgestoßen, und nach dem Sprichwort: „ein Narr macht hundert“, ließ sich mancher vorher unentschlossene Geselle bewegen, einzusteigen ins allgemeine Narrenschiff und die zwei- oder dreitägige Lustfahrt mitzumachen.

Doch sehen wir uns gelegentlich auch einmal nach unserm Lehrling um, welche Rolle denn dieser gespielt. Wenn es schwer ist, in solch bewegtem Durcheinander den einzelnen im Auge zu behalten, so darf doch als gewiß angenommen werden, daß Hieronymus weder unter den Maskierten noch auf dem Tanzboden zu finden gewesen; denn unsere Voreltern hatten den einfältigen Glauben, daß einem Lehrjungen (so wie auch einem Schulpflichtigen) noch keine Stelle allda gebühre, und daß ein solcher, dort betroffen, von Meistern und Gesellen nach Haus gejagt zu werden verdiene. Deshalb dürfen wir mit gutem Grund annehmen, daß er unter den Zuschauern sich befunden, ein Platz, der diesmal besonders ergötzlich gewesen sein mochte.

Es waren zu jener Zeit die alten, etwas in Abgang gekommenen Nationalmasken, die „Hansel“, oder wie sie auch heißen, die „Narro“ wieder in Aufnahme gekommen; denn weil Narrheit und Mode sozusagen Geschwisterkind sind, so unterliegt auch erstere dem Wechsel der Zeit und der Laune.

Das „Häß“ dieser Hansel war kurz vorher in der Werkstatt des Meisters Amtsdiener hübsch renoviert, d. h. bunt bemalt worden.

Der Hansel oder „Heine“, in den Städten Rottweil, Villingen, Donaueschingen und Hüfingen sowie in mannigfacher Abwechslung in der Seegegend heimisch, erscheint als ein Gemisch des altdeutschen Pickelhärings und des italienischen Pantalone. Eine große Holzlarve, „Scheme„, bedeckt das Gesicht, eine Kapuze mit hängendem Fuchsschwanz, zuweilen auch ein breiter Kragen, zieren Kopf und Hals. Die weite Jacke, die schlotterige Hose, beide von weißem Zwillich, bemalt mit Laubwerk und Figuren, und die kreuzweis übergehängten Riemen mit schweren metallenen Schellen sind die Kleidung des Hansels. – Als Waffe schwingt er den hölzernen Flamberg oder die Pritsche, oder er bedient sich der weit ausgreifenden „Narrenscher“. – In allen Häusern ist ihm Zutritt gestattet; und hat er hier die Bolzen seines Witzes verschossen oder gestrehlt, wie die Villinger sagen – so betritt er sein eigentliches Lustrevier, die Gasse, wo die dankbare Jugend seiner harrt -; und daß er ja in Gang und Haltung sich nicht verrate, bediente er sich des üblichen „Narrensprungs“, unnachahmlich jedem Hergelaufenen, d. h. Fremden.

Unser Bildchen soll eine solche Hanselsszene veranschaulichen. Gelockt von Apfelkorb und Bierkrug, umschwärmt ein tobender, schreiender, haschender Haufe den Hansel, fort geht es im Takte des Schellengeklingels, und aus hundert Kehlen erschallt es lustig:

I ha de Narr am Seile,
I han e recht erwischt;
I laß en nimme renne,
Bis d’Fasnet umen ischt!

Narro, Narro siebe sie,
Siebe, siebe Narro gsi;
Narro, Narro Gigeboge,
Was de seist, isch all’s verloge.
Narroh!

Nicht immer iedoch sind’s die alten Liedle, welche der jugendliche Troß dem „auswerfenden“ Hansel singt; manchmal bringt dieser ein neues, eigens auf bestimmte Persönlichkeiten oder Ereignisse gereimtes auf’s Tapet. – Erscheint er aber „nüchtern“, d. h. mit leeren Händen, dann muß er sich’s gefallen lassen, selbst die Zielscheibe des Spottes zu werden:

Hansele, due Lumpehund!
Häst nit g’wißt, daß d‘ Fasnet kummt?
Hättest ’s Muul mit Wasser g’riebe,
Wär der’s Geld im Beutel bliebe!
Narroh!

Dem guten Wälderkinde Hieronymus wollte das Tollen und Treiben des närrischen Theaters fast befremdlich vorkommen; ja, es war ihm anfangs unheimlich zumut, wenn ihn so ein schellenbehangener Narr auf der Straße anredete und er dann – in die finstern Augenhöhlen der großen, lächelnden Holzlarve blickend – nicht recht wußte, wie er den „hänselnden“, foppenden Ton des Schalkes passend erwidern sollte. Und da er, wie schon angedeutet – ohnedies als Lehrling zur Passivität verurteilt war, so entschloß er sich, die freie Zeit des letzten Fastnachtstages zu einem Besuch im stillen Dorfe der betagten Großeltern zu benützen. Des andern Tages, am Aschermittwoch, wollte er dann, über Villingen zurückkehrend, seinen Freund Severin aufsuchen, der dort im Wirtshaus „Zum Hecht“ jedesmal über diese Zeit bei der Tanzmusik mitwirkte. Die „Hecht“-Wirtin war die Patin des musikalischen Altgesellen, und dieser nicht der Mann, einem sich darbietenden Nebenverdienst so leicht den Rücken zu kehren.

Auch dort, in der alten vorderösterreichischen Reichsstadt, stand dazumal die Narrenzunft im höchsten Flor. Der erste Tag, der schmutzige Donnerstag, gehörte in Villingen ehedem ausschließlich der Schuljugend; da hatten die Buben das Recht, narrenzulaufen. Fiel es aber einem Jungen ein, auch an den folgenden Tagen maskiert unter die Erwachsenen sich zu mischen, so wurde er ergiffen und zur Abkühlung des allzu hitzigen Narrengeblüts in den nächsten Brunnen getaucht.

Die derben, mitunter anstößigen Späße und Possen der früheren Zeit, die rücksichtslosen Kundgebungen und verletzenden Persiflagen in Prosa und Versen sind überall verschwunden und haben löblicherweise einem harmloseren Humor das Feld eingeräumt; ebenso manche der unschönen, ständigen Figuren der alten Narrenbühne, wie zum Beispiel die „Hexe“ und der „ Wuest„, die es mit ihren Besen in der Hand lediglich auf Scharmützel mit den Gassen-buben abgesehen hatten, sowie auch der wild sich gebärdende „Butzesel*, der stets von einer Anzahl Narros begleitet sein mußte, die ihn mit Peitschenhieben von beliebten Angriffen auf das, namentlich ländliche, Publikum abzuhalten hatten.

Wueschtvater a.D. Roland Weißer

Als der Held unserer Erzählung, nachdem er bei den Großeltern übernachtet, am Aschermittwoch-Nachmittag die Stadt Villingen betrat und über den Marktplatz schritt, bemerkte er dort viele, müßig um ein schwarzes Gerüst herumstehende Leute, und weiterhin in einer Gasse sah er leidtragende Männer in schwarzen Ratsmänteln mit langen, flatternden Trauerflören daherkommen. – Schon wollte er einen Vorübergehenden fragen, was für eine vornehme Person denn begraben werden solle, als ihm einfiel, es werde wohl der alten Fastnacht gelten. Denn schon in Hüfingen hatte er gehört, daß heute auch dort die Fastnacht „begraben“ werden sollte.

Mit Severin, den er richtig noch im „Goldenen Hecht“ traf, konnte er sodann Zeuge sein von dieser, im Charakter damaliger Zeit liegenden (jetzt aber erfreulicherweise nicht mehr gebräuchlichen) Zeremonie. – Nachdem sie im Wirtshaus zusammen eine Flasche geleert und sich die von der Gotte „Hecht“-Wirtin zubereiteten Fastenküchle trefflich schmecken lassen, begaben sie sich auf den Marktplatz, wo man auf einer Art Sarkophag die irdischen Reste der Entschwundenen – in Gestalt eines mit Stroh ausgestopften Narros – bereits enthüllt auf dem Paradebett liegen sah.

Mittlerweile hatte der Zug sich gebildet. In den wunderlichsten An- und Aufzügen, eine antiquarische Blumenlese aus allen Gerümpelkammern des Orts, waren die Teilnehmer herbeigekommen, ohne Larven, nur mit bemalten oder berußten Gesichtern. Die Agnaten und nächsten Anverwandten der allerhöchst Vergangenen trugen alle schwarze Ratsmäntel, von welchen sich dazumal in jedem Hause mindestens ein Exemplar vorfand, weil kein Bürger ohne diesen Mantel vor Rat erscheinen durfte. – Unter lautem Wehklagen und Seufzen setzte sich der Kondukt in Bewegung, voran die Totengräber und der Standartenträger, hinter ihnen die von vier Narro getragene Bahre, dann sämtliche in Sack und Asche trauernden Zunftgenossen, und ganz zuletzt trippelte – als Hauptperson der Feierlichkeit – die „Leidfrau“, in einem Kostüm, wie die Hex vor Tag, wie man zu sagen pflegt. Aller Spott, alle schlechten Witze, gereimt und ungereimt, wurden von den das Geleite umschwärmenden Zuschauern auf die Leidfrau losgelassen, die in unbändigstem Schmerze sich die Haare ausraufte und ganze Fetzen aus ihrer antiken Gewandung riß.

Am meisten Spaß hatten Hieronymus und sein Begleiter an der Person des mit vielen hohen – nunmehr aber schwarzverschleierten Orden gezierten Hofastrologen der jüngst verwichenen Herrscherin, der gravitätisch unter den übrigen traurigen Hof- und Kammerlakaien einherschritt. Durch den oberen Teil einer Kunkel schaute der gelehrte chaldäische Doktor, wie durch ein Fernrohr, beständig nach den Sternen, als sollten dort – wie dies beim Tode mächtiger Potentaten schon der Fall gewesen sein soll – außerordentliche Zeichen und wichtige Ereignisse verkündende Konstellationen sich zeigen; und eben wollte er dem mutwilligen Publikum den nahe bevorstehenden Weltuntergang prophezeien, als er – zum nicht geringen Gelächter der Zuschauer – auf einer, durch das herrschende Tauwetter schlüpferig gewordenen Stelle ausglitschte und – ziemlich unsanft zunächst an seine eigene Hinfälligkeit erinnert wurde.

Das Ziel des Zuges war – eine bittere Ironie auf den Ausgang aller menschlichen Lust und Herrlichkeit – der große Dung- und Kehrichthaufen am Spital, der den Leichnam aufzunehmen bestimmt war. Große Eile hatte es übrigens damit nicht; denn überall, wo man unterwegs ein Wirtshaus traf, wurde haltgemacht und das grambeschwerte Herz mit der süßen Bacchusgabe zu erleichtern gesucht.

Am genannten Orte angekommen, ging sodann die Versenkung mit allerlei Parodien und einer Predigt vor sich – wobei manche alte Narren – wie Hieronymus und Severin zu bemerken glaubten – in ihrem Katzenjammer wirkliche Tränen vergossen – wahrscheinlich im betrübenden Gedanken an ihre so leicht gewordenen Geldbeutel und an die Buß- und Fastenpredigten, die ehelicherseits zu Hause ihrer warteten.

Unsere Schilderung aber sei mit dem bis auf den heutigen Tag noch gültigen Sprichworte geschlossen:

Würden alle Narren Kolben tragen, so würde das Holz teuer.


Drei Filme der Hüfinger Fasnet von 2015



Hier noch zum Vergleich ein Filmchen von 2014 mit Villinger Narros

Und weil es so schön passt hier noch der Hexensunntig in Bräunlingen 2011

Landfahrerleben
Heimreise

Hieronymus
Das Buch von Lucian Reich 1858

Der Hüfinger Künstlerkreis

Johann Nepomuk Heinemanns „Hieronymus“

Haus Nober

ergänzt mit Fotos und Infos, Originalbeitrag vom 16. Dezember 2022

Der Leinenweber, bzw. Tuchmacher Johann Martin Nober wurde am 9.01.1688 in Hüfingen geboren und verstarb ebenda am 27.11.1741. Ein Enkel, Joh. (C)Kaspar Nober (1765-1842) wurde Tuchmachermeister und kaufte das Haus an der Hauptstraße 5.

Katharina Schelble, geborene Götz (1760-1847)

Sohn Johannes Evangelist Nober (18.10.1806-11.02.1887) heiratet Katharina Schelble (1806-1871, Tochter des Korrekturhausverwalters Franz Josef Schelble und Katharina Götz). Mit der Heirat wird Luzian Reich der Ältere sein Schwager, da dieser mit der Schwester von Katharina, Josepha Schelble, verheiratet ist. Der Bruder der beiden Schwestern ist der berühmte Musiker Johann Nepomuk Schelble.

Die Fabrikantenfamilie Nober betreibt auch eine Weberei außerhalb in der Donaueschinger Straße.*

Johann Caspar Nober, 13.12.1765-17.08.1842

Josepha Reich geborene Schelble. (19.03.1788-12.11.1866)

Katharina Nober geborene Schelble
(09.08.1806-16.04.1871)

J.C. Nober ist hier der Sohn Johann Evangelist Nober 16.10.1806 -11.02.1887

Die Anfänge des Hauses Hüfingen Hauptstraße 5 sind nicht geklärt.

Haus J.C. Nober etwa 1900
1953
Haus Nober 1910
Haus J.C. Nober etwa 1930
Haus Nober 1978
1978
Verschwommenes Foto vom Bekleidungsgeschäft Haus Nober 1998
Haus Nober 1998

Die Hauptstrasse als wesentlicher Teil der Vorderstadt scheint nach einem Brand irgendwann um 1400 erbaut worden sein. 1702 Abriss des alten oberen Schlosses und Beginn eines Neubaus durch die Fürstenberger. Es werden auch Steine des alten hinteren Schlosses verwendet. Bis 1744 wohnte der Fürst von Fürstenberg zeitweise selbst im Schloss.

Das Haus Hauptstraße 5 muss irgendwie mit dem Schloss zu tun gehabt haben und möglicherweise  auf Grund der Stilrichtung in Richtung Barock zwischen 1702 und 1744 errichtet oder wenigstens modernisiert worden  zu sein.*

Auf einer Karte von 1786 besitzt das Haus schon den heutigen Grundriss (leider keine Quelle in dem Zeitungsartikel).

Alle Bürger Hüfingens, egal welchen Handwerks,  hatten  im Nebenerwerb noch etwas Landwirtschaft und so hatte auch das Haus Hauptstraße 5 noch bis 1960  eine Scheuer und noch Relikte von Aufbewahrungsräumen und möglicherweise kleine Stallungen.

Ende 18.Jhd war es nachweislich das Gasthaus zur Sonne.*

Das Sonnenkreuz trägt im Fuße des Sockels die Jahreszahl 1783

Thomas Winterhalder von der Kalten Herberge (Urach) hatte das Haus 1811 gekauft und war bis 1816 als Besitzer und Wirt eingetragen. Winterhalder war mit Maria Mayer (1769 –1813 ) verheiratet und hatte 8 Kinder, ein Sohn war Matthä Winterhalder (23.07.1799-18.11.1863). Thomas Winterhalder war Uhrmacher und dessen Sohn gründete ca. 1850-1860 die Firma Winterhalder und Hofmeier (W&H, Schwärzenbach). (Infos per E-Mail von Dr. Peter Schlesselmann).

Nach dem Tod von Maria Mayer hatte Winterhalder das Haus 1815 an seinen Pächter Fischerkeller verkauft und zog nach Fiedenweiler. Er hatte aber noch eine Hypothek von 2500  Gulden auf dem Besitz.

Im Jahre 1823 erwarb urkundlich Johann Caspar Nober das Haus Hüfingen Hauptstraße 5 durch Kauf vom damaligen Sonnenwirt Thomas Winterhalder bzw. seinem Pächter und seit 1815 auch Nachbesitzer Johann Baptist Fischerkeller (30.6.1781- 25.8.1853).

Fischerkeller war mit Martha Engesser verheiratet (seit 1813) und baute sich ein neues Gasthaus zu Sonne an der Schaffhauser Straße.

Fischerkeller musste diese “Winterhalder- Hypothek“ auf sein neues Anwesen übertragen, damit  J.C. Nober den vollen Kaufpreis an Fischerkeller bezahlen und die Eigentumsübertragung erfolgen konnte. *

Grabstein auf dem Friedhof Hüfingen


Hier ruht
Johann Babtist Fischerkeller
geboren zu Donaueschingen den 21ten August 1749. 
gundler Kaplan zu Jungnau druch 13 – zu Kaseifingen G_ und endlich dazu ad 6. Blasium durch 26 Jahre ? seine irdische Laufbahn den 21 ten Juny 1852.
Gott gebe Ihm und allen ? die Ewige ? Amen

Aufnahme „Fischerkeller“ von 1880.
Vermutlich Ferdinand oder Mathias, Gastwirt zur Sonne

Mehr zu Fischerkeller und Curta gibt es in den Akten zum Rotrain aus 1835.

Caspar Nober stellte im Haus Webstühle auf und betrieb eine Woll-und Textilweberei. Er hatte das Geschäft der Weberei  von seinem Vater, Johannes Nober (16.12.1719-13.09.1788) und Großvater Martin Nober (9.01.1688 -27.11.1741) erlernt. (Fa. Martin Nober und Comp). 

In dem Universal Lexikon von dem Großherzoglichen Baden von 1843  steht unter anderem: „Hüfingen hat 238 Häuser…. Herr Xaver  Reich hat hier  ein Bildhaueratelier…. In diesem Schloss wohnen gewöhnlich die Witwen aus der Fürstenbergischen Familie. Unweit des Schlosses steht eine Nobersche Spinnmaschinenfabrik für Tuchweber, wobei 12 Arbeiter beschäftigt sind…..“*

Später betrieb Caspar Nober zusammen mit seinem Sohn Johann Evangelist Nober die Weberei in noch größerem Stil in der Schaffhauserstraße (nach dem 2. WK Schreinerei Schelble).  Firma Caspar Nober und Sohn.*

Maria Heinemann
(23.12.1857-19.05.1948)

Maria Josepha Heinemann am Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit ihrer Cousine Elisabeth Heinemann (Grießhaber).
Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich, der Tochter von Luzian Reich.

Marie Heinemann und Joh. Karl Nober

Maria Nober
(geborene Heinemann) im Jahr 1878

Johann Evangelist jüngster Sohn (von 14 Kindern), Johann Karl Nober (11.04.1850-11.12.1920) heiratete Maria Josefa Heinemann (23.12.1857-19.05.1948) die Enkeltochter von Luzian Reich und Tochter des Litographen Joh. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich. Sie übernahmen später die Hauptstraße 5, handelten dort mit Woll- und Textilwaren und nannten sich J.C. Nober, wie schon der Vater in seiner Todesanzeige. Das Gründungsdatum des Geschäftes wurde auf den Beginn der Nobers in diesem Haus mit 1823 festgeschrieben.

Eingang mit alter Tür 1974

Glasnegativ von Wilhelm Kratt (1869-1949),
Generallandesarchiv Karlsruhe

Die Spinnerei in der Schaffhauser Straße wurde von seinen Brüdern weiterbetrieben und wurde 1875 geschossen.*

Klara Nober 1892
(06.08.1882-21.08.1961)

Klara Nober und Robert Rosenstiel 1913
Marie Heinemann gezeichnet von ihrem Onkel Josef Heinemann

Haus Nober etwa 1910

Robert Rosenstiel und Klara Nober. Im Hintergrund das Gemälde von Marie Heinemann.

Das Wollgeschäft des Johann Karl Nobers funktionierte erfolgreich weiter und wurde später an den Schwiegersohn Robert Rosenstiel aus Unadingen übergeben.

Maria Josepha Nober,
geborene Heinemann in der Hauptstr. 5

*Alle Daten und Infos sind aus dem Sippenbuch von Hüfingen und den unten aufgeführten Zeitungsausschnitten.

Hüfingen, 15. März 1927
Zur Zeit läßt Herr Kaufmann Robert Rosenstiel in seinem alten Patrizierhaus dem ehemaligen Gashaus zur Sonne die Zimmer renovieren. Dabei wurden im oberen Stock die Deckengemälde blosgelegt, von deren Vorhandensein die Familie wohl Kenntnis hatte, aber nie wußte, was die Gemälde darstellen und welchen Charakter und Kunstwert sie haben. Dann seit Jahrzehnten sind die Gemälde übertüncht gewesen und nur die reiche Stückarbeit im ganzen Obergeschoß verriet, daß hier echte Heimatkunst einmal herrliche Räume geschaffen hatte. Die ganze Lamperie zeigt später eingemalte Jagdszenen. An der Decke wurden nun die Bildwerke in den reichumrahmten Feldern wenigstens zum Teil frei gelegt. Es stellt sich heraus, daß lauter biblische Bilder wohl aus dem 18. Jahrhundert an die Decke gemalt sind und zwar ist die Geschichte des ägyptischen Josef in verschiedenen Szenen dargestellt, Josef wird von seinen Brüdern verkauft, Josef und das Weib des Buthiphar, Josef als König, wie er sich zu erkennen gibt etc. Wenn einmal die Bilder wieder von kunstfertiger Hand hergestellt sind, dann besitzt sicher Herr Rosenstiel eines der schönsten Häuser weit und breit. Die Familie bewahrt auch noch eine ganze Reihe von kunstvollen Schnitzarbeiten, Zeichnungen, Bildern und allerlei anderen Kunstgegenständen aus dem Nachlaß der Hüfinger Künstlerfamilien Heinemann-Reich als kosbare Erbstücke auf, denn Frau Rosenstiel ist die Enkelin des Lithographen J. Nep. Heinemann und amit mit den Künstlern Luzian und Franz Xaver Reich und Gleichauf verwandt oder verschwägert. Herr Rosenstiel weiß den reichen Familienschatz wohl zu würdigen.

Zeitungsartikel von 1927

Wappen Rosenstiel

Zeitungsartikel unbekannter Herkunft und Datum

Das Geschlecht der Tuchmacher und Wollenweber Nober war in den Kirchenbüchern der katholischen Pfarrei Hüfingen seit 1596 erwähnt. In direkter Linie können folgende Ahnherren festgestellt werden: Georg Nober, geboren am 2. Juni 1679, Johannes Nober (28. Dezember 1641 bis April 1690), Johann Martin Nober, Tuchwalker (9. Januar 1688 bis 27. November 1741), Johannes Nober, Leineweber und Tuchmacher (16. Dezember 1719 bis 13. September 1788), Johann Caspar Nober, Tuchmachermeister
und Leineweber (13. Dezember 1765 bis August 1842), Johann Evangelist Nober, Kaufmann und Tuchfabrikant (18. Oktober 1806 bis 11. Februar 1887), Johann Carl Nober, Textilkaufmann (11. April 1850 bis 11. Dezember 1920), Robert Rosenstiel, Textilkaufmann (4. Juni 1887 bis 3. Dezember 1960), verheiratet mit der einzigen Tochter Clara des Johann Carl Nober (am 22. Oktober 1912).

Erwerb des Geschäftshaus in der Hauptstraße am Tor 1823 durch Johannes Caspar Nober und zwar durch Kauf vom damaligen Sonnenwirt Thomas Winterhalter, Vormals aus Friedenweiler bei Neustadt, beziehungsweise seinem Pächter und Nachbesitzer Johann Baptist Fischerkeller, Gastwirt zur Sonne (30.Juni 1781 bis 25. August 1853), der seit 18. November 1813 mit Martha Engesser verheiratet war und sich ein neues Gasthaus zur Sonne vor dem Tor an der Schaffhauser Straße an der Abzweigung nach Freiburg erbaute.
Die Ehefrau des vormaligen Sonnenwirts Thomas Winterhalter, Maria Mayer, geboren 1769, war am 20. Juni 1813 kinderlos gestorben. Dieser hatte das Haus um 1815 an den oben genannten Johann Baptist Fischerkeller verkauft, hatte aber noch eine Hypothek von 2500 Gulden auf dem Anwesen, welche dann von Fischerkeller auf seinen Neubau übernommen wurden, so dass Caspar Nober den Kaufpreis ganz an Fischerkeller zu bezahlen hatte.

Gründung der Firma J. C. Nober: Sie ist auf 1823 datiert.
Daß der »Handel mit Wolle und Wollenwaaren schon vom Vater des Johann Caspar Nober unter der Firma Martin Nober & Comp. und später unter der Firma Caspar Nober & Sohn, ferner, dass Johann Evangelist Nober das Geschäft des Wollenwaaren-Handels bei seinem Vater erlernt und betrieben habe«, geht aus einen Zivilprozess des Jahres 1839 (16. April) »in Sachen des Handelsmannes
Limberger und Comp. von hier, Kläger, gegen den Tuchmacher Johann Evang. Nober wegen Beeinträchtigung im Handelsgewerb« beim Bezirksgericht Hüfingen hervor.

Tuchfabrik und Wollweberei: Diese betrieben Johann Caspar und Johann Evangelist Nober in Hüfingen an der Schaffhauser Straße (jetzige Schreinerei Schelble). Diese konnte unter den Brüdern des Johann Carl Nober um 1875 den Anschluss an das Maschinenzeitalter nicht mehr finden und ging als Handwerksbetrieb in den folgenden Jahren ein. Nur das Handelsgeschäft mit Textilwaren und Wolle wurde von Johann Carl Nober im Haus Hauptstraße 5 und später von dessen Schwiegersohn Robert Rosenstiel unter der Firma J. C. Nober, Textilwaren und Garngroßhandlung, weiter betrieben.

Ofen in der Hauptstr. 5

Zeitungsartikel unbekannter Herkunft
etwa aus 1990 vermutlich von von Franz-J. Filipp

Die Josefsgeschichte an der Stuckdecke

Bilder aus der Genesis im Obergeschoss

Hüfingen (ff). In fünf Bildszenen dokumentiert ist im Gebäude Rosenstiel-Nober in Hüfingens Hauptstraße im zweiten Obergeschoss die so genannte Josefsgeschichte als Deckengemälde, eingefasst in Stuck. Thema ist die biblische Erzählung, die auch Stoff für Thomas Manns Roman, aber auch für das Musical zum Thema Josef waren. Ein historischer Kern mag sicher vorhanden, aber nicht belegt sein. Literarisch ist die Josefsgeschichte als Novelle zu betrachten. Wie die Geschichte erzählt, begegnet der zweitjüngste Sohn des Erzvaters als Siebzehnjähriger Jakob (Genesis 37 bis 50, Ps 105). Wegen der Bevorzugung durch den Vater und seiner Träume, die einen Vorrang vor seinen Brüdern und sogar vor seinen Eltern ausdrückt, erregt er den Hass seiner Brüder. Die Absicht der Brüder, ihn zu töten, wird wegen des Einspruchs von Ruben, dem Ältesten, und von Juda nicht ausgeführt. Er wird aber als Sklave an eine ismaelitische Karawane mitgegeben und durch diese nach Ägypten verkauft. Dem Vater wird der Tod durch ein wildes Tier vorgetäuscht. Der reiche Ägypter Potifar kauft Josef schließlich als Sklaven.

Das erste Motiv der Deckengemälde stellt die Brüder Josefs dar wie sie ihn an ägyotische Kaufleute verkaufen. Dieses Deckengemälde wurde durch Bombenabwürfe in der Nähe des heutigen Bürgerhauses Krone im Kriegsjahr 1945 in Mitleidenschaft gezogen.

Ein weiteres Bild zeigt den Versuch der Verführung Josefs im Hause Potifars durch dessen Ehefrau.

Das zentrale Motiv, das heute jedoch durch eine Zwischenwand zerteilt wird und deshalb in seiner Bildaussage nicht erkennbar ist, stellt eine Traumszene des König mit sieben mageren und sieben fetten Kühen dar. Das vierte Bild unmittelbar über dem Eingang zur Wohnstube von der Treppe zeigt ein Gastmahl, zu dem Josef als Verwalter der königlichen Kornspeicher eingeladen hatte. Auf einem abgebildeten Becher ist die Jahreszahl 1748 zu erkennen, was Rückschlüsse auf das Alter der Gemälde zulassen dürfte. In der letzten Szene direkt am Fenster zur Hauptstraße ist Josef schließlich mit seinen Brüdern zu sehen.

  • Decke im Haus Nober

Für Theo Wössner, den langjährigen Vorsitzenden des katholischen Bildungswerkes Hüfingen und dessen Frau die in dem Haus früher gewohnt hat, sind die Darstellungen »einmalig«, wie er erklärt. Und Klaus Sigwart, der Hüfinger Restaurator, verweist in diesem Zusammenhang auf Bürgerhäuser in Villingen. Dort konnten sich die Gemälde in den Stuben lediglich nur wohlhabende Bürger leisten.

Zeitungsartikel vom 19. Juni 2004 von Franz-J. Filipp

Biblische Szenen über dem Sofa

Hüfingen. Strategien und Lösungsansätze für den Einzelhandel, ein Thema mit dem sich schon bald der neu gewählte Gemeinderat beschäftigen dürfte. Doch mit dem Ankauf des Hauses Rosenstiel-Nober hat die Stadt Hüfingen zugleich auch ein historisches Erbe angetreten.

Das alte Gemäuer entpuppt sich für Bürgermeister Anton Knapp und Stadtbaumeister Ewald Fürderer bei einem ersten Rundgang als kleines Schatzkästchen. Vor allem die in Stuck gefassten Deckengemälde sind älteren Datums und eine Rarität, direkt über dem Wohnzimmersofa der heutigen Wohnungsmieter.

Und was von der Straßenseite hinter der in früheren Jahren sanierten Fassade kaum zu vermuten ist, Türen, Holztäfelungen oder Fußböden scheinen ebenfalls die Jahrhunderte unbeschadet überstanden zu haben. Bis auf das Ladengeschäft mit einer Nutzfläche von 184,5 Quadratmetern im Erdgeschoss geben die alten Holzdielen auf den 183,9 Quadratmetern im ersten Obergeschoss knarrende Stadtgeschichte preis. Mit zum Teil alten Schlössern bewehrte Tü-ren, dem alten Kachelofen oder durch die Trennwände mit kunstvollen Schnitzereien eröffnet das Haus Rosenstiel-Nober zugleich den Blick auf ein Stück Stadtgeschichte.

Weitere 191,7 Quadratmeter Nutzfläche stehen im zweiten Obergeschoss zur Verfügung.

Hüfingens Verwaltungschef möchte zudem die Idee eines Dienstleistungszentrums in dem historischen Gemäuer mit den neu gewählten Bürgervertretern voraussichtlich noch vor der Sommer im Rahmen einer Klausurtagung gemeinsam mit der Komm-In GmbH aus Sternenfels zur Diskussion stellen. Ziel soll es dabei sein, Dienstleister in der Kernstadt zu halten. Das Konzept von Dienstleistungen, etwa der Stadtverwaltung oder von Banken, sowie Lebensmittelhandel oder Bäcker unter einem Dach als modulares System soll durch interessante Öffnungszeiten etwa an Samstagen neue Impulse zur Belebung der Innenstädte bieten und »Tante-Emma-Läden«, überlebensfähig machen. Träger der Zentren können dabei Kommunen oder Investoren sein.

  • Bild im Haus Nober


Der letzte Zeitungsartikel über das Haus war am 9. Januar 2014

Zeitungsartikel aus dem Jahr 2014 über das Haus Nober
Zeitungsartikel über das Haus am 9. Januar 2014 von Stephanie Jakober

Bauantrag aus dem Jahr 2020
Bauantrag aus dem Jahr 2020
Zeichnung aus dem Bauantrag vom 29. Februar 2002
Zeichnung aus dem Bauantrag vom 29. Februar 2020

Seit 2019

Seit 2020 Krav Maga umgezogen ist, steht das Gebäude leer. Im Jahr wurde 2020 dem Gemeinderat ein Bauantrag gezeigt und die Baufreigabe erfolgte im Dezember 2022.
Im September 2023 gab es kurzfristig einige Aktivitäten und am Fenster des Zimmers mit dem Tanzboden und dem Gastraum mit den Wandbemalungen aus 1748, wurden ermordete Fische getrocknet.

Laut Landratsamt würde „das Vorhaben von einem denkmalerfahren Architekten begleitet“.

Was also mal übrig bleibt von den barocken Kunstwerken steht in den Sternen.

Haus Nober am 1. Oktober 2025
Haus Nober am 1. Oktober 2025

Zum 200. Geburtstag von Josef Heinemann

Erste Version war im Dezember 2023

Ein Mitglied vom Hüfinger Künstlerkreis war Josef Heinemann, geboren am 29. Dezember 1825 in Hüfingen und gestorben am 2. April 1901 ebenfalls in Hüfingen. Das Grab scheint leider ganz abgeräumt zu sein.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit); Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.

Der Vater, Josef Heinemann (18.03.1794 – 31.12.1855) war Naglermeister und Armenhausverwalter. Er war am Bau der Hüfinger Anlage beteiligt und wird in dieser Beziehung mehrfach in den Akten erwähnt: Akte über die Anlage auf dem Rotrain. Die Mutter Katharina Strobel (16.04.1791-20.11.1869) war die Tochter des herrschaftlichen Försters Anton Strobel (1762-02.10.1812) aus Mundelfingen.

Josef Heinemann, hat am 03.11.1857 Maria Josefa Gleichauf (10.02.1828-23.03.1891) in Bonndorf geheiratet. Josefa war eine Schwester von seinem Freund Rudolf Gleichauf und das Paar hatte 7 Kinder.

Josef Heinemann (1825 – 1901)
Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Nepomuk Heinemann.
Pfarrer Josef Heinemann, Onkel des Malers Josef Heinemann und des Lithographen Nepomuk Heinemann.
Pfarrer Josef Heinemann, Onkel des Malers Josef Heinemann und des Lithographen Nepomuk Heinemann.
Marie Heinemann (1857 – 1948)
Gemalt von ihrem Taufpaten und Onkel Josef Heinemann.
Mehr zu Marie gibt es im Artikel über das Haus Nober.
Marie und Kätherli (Katharina Heinemann 30.04.1828-27.01.1900. Kätherli war die Schwester von J. Nepomuk und Josef Heinemann)
Foto von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1868

Großherzog Leopold finanzierte Josef Heinemann ein Stipendium in Höhe von 200 Gulden, das ihm einen Aufenthalt in München ermöglichte. Dort hielten sich damals auch Lucian und Xaver Reich, Rudolf Gleichauf sowie sein Bruder Nepomuk auf. Sein erster Lehrer in München wurde der Akademieprofessor Strählhuber und nach ihm Julius Schnorr von Carolsfeld. Damals arbeitete Schnorr an seinen Darstellungen aus dem Nibelungenbuch.
Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:

Mit Jäger, Gießmann und Strähuber, die unter Schnorrs Leitung dessen Nibelungen in der Residenz ausführten, bekannt geworden, beteiligte ich mich regelmäßig an ihren Kegelabenden in einem Privatgarten.

Josephsgeschichte: Jacob schenkt Joseph einen bunten Rock (1850)
Bildnis der Malerin Ida Müller, Freiburg (1841). Heinemann war hier erst 16 Jahre alt.

1848 verließen die Freunde München und gingen nach Frankfurt zum Onkel der Brüder Reich, dem Musikdirektor Johann Nepomuk Schelble.
Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:

Xaver Reich, etwa 1850 gezeichnet von Josef Heinemann

In das vielseitige, nach außen hin aber wenig bewegte Leben unseres Frankfurter Aufenthaltes tönten bald auch schrille Mißklänge politischer Geschehnisse. Mit dem Rufe auf der Straße: Die Liberalen stürmen die Hauptwache waren eines Abends die Bewohner der freien Stadt aus ihrer Ruhe und Behaglichkeit geschreckt worden. Es galt, wie bekannt, zunächst den Sitzen der Herrn in der Eschenheimer Gasse. Das über die festgenommenen studentischen Tollköpfe verhängte, jahrelange heimliche Gerichtsverfahren, von dem nur zuweilen ein Schein gleich dem einer Blendlaterne in die Öffentlichkeit drang, war nichts weniger als geeignet, die bundestägliche Justiz populär zu machen. Und als eines Morgens — wir befanden uns just auf dem Wege zum Städelschen Institut — einer dem andern in den Straßen zurief: Sie sind durch heut Nacht! und die Leute in Gruppen vor der Konstablerwache standen und zu den Käfigen hinauf schauten, an welchen die Stricke, an denen sie sich herabgelassen, noch zu sehen waren, und es hieß, draus im Weiher beim Bethmannschen Garten habe man die Fußstapfen der Flüchtlinge entdeckt — da war unter der nach hunderten zählenden Menge gewiß nicht Einer, der ihnen nicht von Herzen glückliche Reise gewünscht hätte.

Nachdem der Sturm sich gelegt, und man in Ruhe sich wieder den Künsten des Friedens zuwenden konnte, hatten wir, ehe wir unser angefangenes Werk fortsetzten, Musterblätter für Schwarzwälder Uhrenschildmaler herauszugeben begonnen, wozu auch Joseph Heinemann und Heinrich Frank Beiträge gaben.

Im Jahr 52 hatte mich der Bau eines andern Kunsttempels wieder in die Residenz geführt, das Hoftheater, an und in welchem es Verschiedenes zu malen gab, wozu auch Joseph Heinemann und Gleichauf berufen wurden und auch mein Bruder mit seinen Terrakotten sich beteiligen sollte.

Bild aus der Kinderbibel in der polnischen Version. Aus dem Kommentar 1761.
Bild aus der Kinderbibel in der polnischen Version. Aus hieronymus/#comment-1761

Josef Heinemann kam danach wieder zurück nach Hüfingen. Hier wurde er berühmt durch die Bilderbibel die er im Auftrag der Herderschen Verlagsbuchhandlung schuf.

Nach dieser Bilderbibel schnitten die Holzschneider die Illustrationen in der Schulbibel für Volksschulen des Freiburger Weihischofs von Dr. Friedrich Justus Knecht, die später von Dr. J. Schuster und G. May neu bearbeitet, in mehreren Diözesen offiziell eingeführt und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Ein Foto einer kolorierten Fassungen ist sogar schon in den Kommentaren auf dem Hieronymus aufgetaucht.

Zu den Arbeiten Josef Heinemanns zählen auch 14 Kreuzwegstationen für die Kirche in Ettlingen, Wandbilder in der Kirche von Ohlsbach und Oberöwisheim und ein Apostelzyklus im Chor und in der Kuppel der Gruftkirche zu Neudingen.
Er malte auch die Fresken in der Kapelle des Schlosses Heiligenberg und das Rosenkranzbild für einen Seitenaltar in der Stadtkirche zu Donaueschingen, der im Jahre 1873 aufgestellt wurde. Er zeichnete 1868 die Kartons für die Glasfenster der Donaueschinger Stadtkirche. Im Treppenhaus eines Museums in Donaueschingen war auch mal eine Kohlenzeichnung mit dem Titel: Graf Heinrich zu Fürstenberg nach der siegreichen Schlacht bei Dürnkrut 1278 auf seine Burg Fürstenberg zurückkehrend.

Unten die Biblische Geschichte für Schule und Haus

Biblische Geschichte für Schule und Haus
Die Erschaffung der Welt
Adam und Eva
Kain und Abel
Die Sündflut
Noah geht aus der Arche und opfert
Turmbau zu Babel
Abraham
Joseph wir von seinen Brüdern verkauft
Joseph prüft seine Brüder
Jakobs und Josephs Tod
Der geduldige Job
Moses‘ Geburt
Moses‘ Flucht und Berufung
Die zehn Plagen
Das Osterlamm und der Auszug aus Ägypten
Der Durchgang durch das Rote Meer
Die Wunder in der Wüste
Gott verkündet die zehn Gebote
Das heilige Zelt
Der Hohepriester, die Priester und die Leviten
Moses‘ und Marons Zweifel. Die eherne Schlange.
Der Einzug in das Gelobte Land.
Heli und Samuel
David wird zum Könige gesalbt
Davids Kampf mit dem Riesen Goliath
David, der fromme und gotterleuchtete König
Salomons Gebet und weises Urteil.
Der Bau und die Einweihung des Tempels.
Der Prophet Elias.
Das Opfer des Elias.
Elias wird getötet und beruft den Elisäus. Seine Auffahrt.
Tobias und der Engel Raphael.
Judith
Jeremias
Daniel rettet die keusche Susanna.
Die drei Jünglinge im Feuerofen
Daniel in der Löwengrube
Esther
Die makkabäischen Brüder
Die Verkündung der Geburt des Johannes
Die Verkündung der Geburt Jesu
Mariä Heimsuchung
Die Geburt unseres Herrn Jesus Christus
Die Darstellung Jesu im Tempel
Die Darstellung Jesu im Tempel
Die Weisen aus dem Morgenlande
Die Flucht nach Ägypten und die Rückkehr
Der Knabe Jesu im Tempel
Jesu wird von Johannes getrauft
Die Hochzeit zu Kana
Jesus reinigt den Tempel
Jesus und die Samariterin
Jesus lehrt, treibt den Teufel aus und heilt Kranke
Der reiche Fischfang
Die Bergpredigt
Der Erweckung des Jünglings von Raim
Die Büßerin Magdalena
Die Seepredigt
Der Sturm auf dem Meer
Die Tochter des Jairus und das kranke Weib
Jesus vermehrt Brote
Bekenntnis und Vorrang des Petrus. Gewalt der übrigen Apostel
Die Verklärung Jesu
Das Gleichnis vom bamherzigen Samariter
Jesu der gute Hirt
Das Gleichnis vom verlorenen Sohne.
Das Gleichnis von dem reichen Manne und dem armen Lazarus.
Jesu segnet Kinder.
Die Auferweckung des Lazarus.
Der feierliche Einzug Jesu in Jerusalem.
Das Osterlamm und die Fußwaschung.
Jesus sagt den Verrat des Judas, die Flucht der Apostel und die Verleugnung des Petrus vorher.
Jesus am Ölberge.
Jesus wird dem Barabbas nachgesetzt, gegeiselt und gekrönt.
Jesus wird dem Volke vorgestellt und zum Tode verurteilt.
Jesus wird gekeuzigt.
Jesus spricht die sieben letzten Worte und stirbt.
Die Eröffnung der Seite und das Begräbnis Jesu.
Die Auferstehung Jesu.
Die Himmelfahrt Jesu.
Die Ausgießung des Heiligen Geistes.
Stephanus der erste Märtyrer.
Der Kämmerer aus Äthopien.
Die Bekehrung des Saulus.
Die Taufe des Heiden Kornelius.

das letzte Bild fehlt im Buch. Falls jemand noch ein vollständiges hat, freue ich mich über ein Foto!

Leider wurde die künstlerische Arbeit Josef Heinemanns seit dem Beginn der 1870er Jahre durch den Grünen Star (Glaukom) immer stärker gehemmt. Es zwang ihn schließlich, Pinsel und Stift für immer aus der Hand zu legen. Am 2. April 1901 starb Josef Heinemann in Hüfingen.

Fridolin Heinemann (19.12.1859-4.2.1926) führte später das künstlerische Erbe des Vaters weiter. Er stand als Glasmaler in München in hohem Ansehen. Die Glasgemälde in der Heiliggeistkirche in München und in St. Verena und Gallus in Hüfingen wurden im 2. Weltkrieg zerstört. In der Lorettokapelle ist ein Gemälde von ihm zu finden.

„Madonna“ (laut Chronik von August Vetter 1984 sei das eine Madonna?) in der Lorettokapelle von Fridolin Heinemann.

Über Weihnachten und Neujahr

Hieronymus Kapitel 10

“E freie frohe Muth
e gsund und frölich Blut
goht über Geld und Guth.”
>Johann Peter Hebel

Es muß kalt sein, denn wir sehen auf dem Bilde den Stoffel wider Gewohnheit frühe schon von der Jagd heimkehren. Mag aber auch das Alter Ursache haben, vor dem rücksichtslosen Gaste sich zurückzuziehen und Türen und Fenster zu verschließen, so hat doch für die Jugend jegliche Jahreszeit ihre eigenen Freuden: ist es nicht die blühende Rose am Stock, so ist es die Eisblume an der Fensterscheibe.

Nehmen wir einen Sonntagnachmittag. Der Nebel hat das Feld geräumt und die Sonne strahlt glanzvoll über dem weißbepuderten Tannenwald; die Birken und Erlen sehen aus, als kämen sie frisch vom Zuckerbäcker – und in tausend und tausend flimmernden Sternchen glitzert das Schneefeld. – Das ist für die Buben eine Lust, denn jetzt gilt es zu zeigen, wer dort auf der „Schleifer“ des Mühlbachs der Gewandteste und Keckste sei – und die Mädchen am besten zu necken verstehe. – Das waren auch für Hieronymus und seine Kameraden stets um so vergnügtere Tage gewesen, als sie nicht so häufig sind, diese Tage fröhlichen Treibens; denn oft erblickt man in der tief eingeschneiten Landschaft auch nicht ein menschliches Wesen. Nur Raben und Schneegeier flattern über das öde Gefilde, während scharfe Windswehen die Hütten und Höfe mit gewaltigen Schneemassen förmlich in Belagerungszustand versetzen, so daß der Hausvater morgens weder Laden noch Haustüre zu öffnen vermag und genötigt ist, wenn er dem Nachbar einen Besuch machen will, zuerst Minen und Tunnels zu graben.

Wie aber nach dem Ausspruch des Dichters: „Eines schickt sich nicht für alle“, gewisse Dinge in Scherz und Ernst immer nur einem gewissen Alter zukommen, so sahen die herangewachsenen Bürschlein bereits schon eine jüngere Altersklasse lustig auf dem Eis sich tummeln. – Ganz entsagen jedoch konnten sie diesem Vergnügen nicht. War die Schuljugend mit einbrechender Dämmerung vom Bache verschwunden, stieg der Vollmond über dem Wald empor und bestrahlte er die Schneelandschaft so helle, als wollte er’s mit wunderbarem Flimmern und Blitzen der verschwundenen Sonne fast gleichtun, so begaben sich Hieronymus, Dionys und Romulus mit anderen auf den überfrorenen „Gumpen“ unterhalb der Mühle; und auch Florentina und Juliana mit ihren Gespielinnen machten sich herbei, um ein halbes Stündchen lang die spiegelglatte Bahn wieder einmal zu probieren.

Die kurzen Tage hindurch saß Hieronymus fleißig bei der Arbeit. Die langen Abende jedoch gewährten Muße genug, auch noch eine Nebenbeschäftigung vornehmen zu können. – Wie damals in den meisten Kirchen bildliche Weihnachtsvorstellungen, sogenannte Kripplein, beliebt waren, so konnte man in manchen Häusern ebenfalls welche sehen. Für Kinder bildeten sie eine sehr anmutige Unterhaltung. Denn nicht nur erblickten sie da in romantischer Landschaft den Stall mit der Heiligen Familie, auch die drei Weisen aus dem Morgenlande kamen bereits über das Gebirge daher, und am Neujahrstag fand die Darstellung im Tempel statt – und so ging es fort, bis zum ersten Wunder am Hochzeitstisch zu Kana.

Auch Vater Mathias besaß von früher her eine Schachtel voll solcher Figürchen, nur war ihm bisher noch nie so viel Zeit geblieben, dieselben renovieren und eine Landschaft dazu erbauen zu können. Diesem Geschäfte unterzog sich jetzt Hieronymus. Frisch machte er sich daran, von Kohlenstücken eine Felsenlandschaft zu gestalten – eine Schöpfung, die indes nicht sogleich gelingen wollte. Denn bereits war der Berg erbaut, und Bachweber, der sich’s nicht nehmen ließ, auch mit Hand anzulegen, wollte eben als Schlußstein noch ein Kohlenstück einsetzen, als der Brocken seinen Fingern entschlüpfte und der Erschrockene, im Begriff, denselben noch zu erhaschen, an eine der hinten angebrachten Stützen stieß, wodurch – zum nicht geringen Entsetzen der Zuschauer, unter denen auch der Laubhauser sich befand – ein fataler Rutsch erfolgte, der dem mühsam geschaffenen Heiligen Lande den Untergang brachte. – Beim zweiten Versuch wurde der Leim zu schwach genommen und das Werk zu nahe an den warmen Ofen gestellt, was abermals Senkungen und Risse zur Folge hatte; und so gelang die Arbeit erst, nachdem Bruder Cyriak herbeigeholt und zu Rat gezogen worden war. Der in solchen Dingen wohlerfahrene Mann gab die rechten Rezepte und Anleitungen zum Leimen – und bald konnte man zum Grundieren und Kolorieren der Landschaft schreiten.

Der Bruder hatte sich anheischig gemacht, ein neues, in Wachs gegossenes Christkindlein zu stiften, während Hieronymus sich angeregt fühlte, manche Lücke im biblischen Personal kunstgerecht auszufüllen. Er machte es hierbei wie die alten Meister: er griff keck ins Leben hinein und brachte Personen seiner nächsten Umgebung – so gut es seiner Unzulänglichkeit gelingen mochte – in den historischen Rahmen. So stellte er seinen Vater, kenntlich an Haltung und Kleidung, als Hirten dar, sich selbst nebst Dionys und Romulus als Hirtenkinder. Auch der Lehrer Bachweber erschien in einer folgenden Darstellung, und zwar als Schriftgelehrter.

Am meisten Beifall erhielten von seinen Schöpfungen: ein Einsiedler, der im Habit des Bruders Cyriak oben auf den Felsen hinter Bethlehem vor seiner mit einem Kreuze gezierten Klause das Ave-Maria läutete; ferner ein Tiroler Gemsjäger, benebst einer Schwarzwälder Ankenhändlerin, im Begriff, mit ihrer Ware den Wochenmarkt in Jerusalem zu besuchen. – Um die Kritik gelehrter Ästhetiker und Kunstliteraten brauchte er sich ebensowenig zu kümmern wie die alten Meister, weil er glücklicherweise ebensowenig wie diese von solchen etwas wußte.

Am Heiligen Abend und die ganze Weihnachtszeit über kamen viele Kinder und Erwachsene aus dem Tal, um das Werk zu bewundern. Manche fühlten sich bemüßigt, dem Christkindle ein kleines Opfer zu entrichten – was zwar nicht verlangt, aber vernünftigerweise auch nicht abgelehnt wurde.

War unter dem Opfergeld auch mehr Kupfer als Silber zu finden, so gab solches dem Künstler doch schon wieder – rechnete er – Futterzeug zum neuen Rock; denn daß ein solcher notwendig, darüber herrschte im Hause längst keine Meinungsverschiedenheit mehr; nur hatte die Anschaffung bisher immer verschoben werden müssen, der im vorigen Kapitel erwähnten finanziellen Bedrängnisse wegen.

Am Neujahrstage mußte Hieronymus, wie gewöhnlich an diesem Tage, schon vor dem Kirchgang mit den Eltern hinübergehen in den Hof, um den bäuerlichen Herrschaften pflichtschuldigst zu gratulieren. Es geschah mit der üblichen Redensart: Glückseliges Neujahr, und man wünsche, was man sich selber wünsche – Gesundheit und langes Leben und nach diesem die ewige Seligkeit usw. Auf dem Tisch im Hofe dufteten bereits die von allen übrigen Gratulanten sehr bewunderten Attribute des Tages, Meisterstücke der Bäckerkunst unseres Mathias und seiner Anastas: ein mit Zucker bestreuter „Guck-inofen“ nebst etlichen mürben, von Butter glänzenden „Eierringen“, im Durchmesser nicht viel kleiner als ein Pflugrad.

Festtäglich geputzt trat Florentina rasch aus der Kammer in die Stube ein, dem Besuche das Neujahr „abzugewinnen“- Hieronymus sah sie heute zum erstenmal wieder seit ihrer Rückkehr aus dem Hause des Kaiserzollers, wo sie seit etwa acht Wochen sich aufgehalten, um nach dem Wunsche der Mutter im dortigen Wirtshaus das Kochen zu lernen. – Hieronymus konnte eine leichte Überraschung kaum verbergen; war es die Glorie der Morgensonne, die in vollem Winterglanze durch die Scheiben strahlte, oder machten es die neuen Kleider, in denen die Tochter des Hauses nun zum erstenmal in die Kirche gehen wollte – genug, der Freund schien sich heute zum erstenmal bewußt zu werden, daß Florentina ein – bildschönes Mädchen sei. Und fast gar wäre ihm der Ausruf entschlüpft: „O wie schön bist du!“ – Aber er korrigierte sich schnell und sagte – „sind deine Kleider!“

Es waren in der Tat auch Prachtstücke von bestem Samt und Seide: das grüne, reich verzierte Goller, fast zu eng für den weißen Hals, der dunkelrote Brustlatz, gestickt in echtem Gold und Silber, dazu die bauschige, violett schimmernde Taffetschürze mit dem silbernen Gürtel darüber, das faltenreiche Halstuch, die feinen Hemdärmel, weiß wie frisch gefallener Schnee. – Alles zeigte klar, daß ihr Vater in Sachen des Putzes, wie er jetzt selbst oft zu sagen pflegte, nimmer Meister sei.

Und als die liebliche Maid ihrem jugendlichen Freund zur Bekräftigung der guten Wünsche für das neue Jahr die Hand gab, bemerkte dieser am Ringfinger der dargebotenen Rechten ein massiv silbernes Ringlein mit einem leuchtenden Karfunkelstein – ein Neujahrsgeschenk war’s von ihrer Patin, der Frau Kaiserzollerin.

Wie nun das an der Schwelle des jungfräulichen Alters stehende Mädchen in diesem standesgemäßen Anzuge vor ihm prangte, mochte ihm wohl ein leises Gefühl sagen, wie beträchtlich der Abstand sei zwischen dem Sohne des armen Hausmanns – und der Tochter des reichsten Hofbauern im ganzen Tal.

Geschärft mochte diese Erkenntnis noch werden durch das Gespräch der Eltern, die im Fortgehen zu allerlei Betrachtungen sich veranlaßt fühlten über den Reichtum der Familie und über das einstige große Heiratsgut des einzigen Töchterleins, auf dessen Hand sicherlich schon dieser und jener vermögliche Hofbauernsohn spekuliere usw. – Oft schon hatte Hieronymus dieses Thema von den Eltern besprechen gehört, aber noch nie war es ihm so nachhaltig ins Gehör gefallen – wie heute.

Zerstreut kam er aus der Kirche nach Haus; und nach dem Essen begab er sich zum Stabhalter, diesem einen schön gemalten Neujahrswunsch zu überreichen; ein blankes Käsperle war der Lohn für diese Aufmerksamkeit, welches Geldstück der Empfänger mit einer gewissen Befriedigung den übrigen Sparpfennigen beigesellte. – War er nur einmal gehörig ausgerüstet – dann sollte ihn nichts mehr zurückhalten hier im Tal; denn daß da sein Glück nicht blühe, daß er hinaus, etwas Rechtes erlernen und werden müsse, das wurde dem guten Burschen mit jedem Tage mehr klar.

Im Laufe des Nachmittags kamen noch sämtliche nächste Anverwandte des Laubhausers auf den Hof. Es ging hoch her im Haus, denn bei solchen Anlässen wollte der Bauer zeigen, wie gut es mit Küche und Keller zu Laubhausen bestellt sei. Aber nur Ebenbürtige waren zur Teilnahme berechtigt.

Vettern und Basen, mit denen kein Staat zu machen war, wurden nur so nebenbei, in der Küche oder im Hinterstüblein abgespeist. Während kleinere Hausmanns- oder Taglöhnerskinder vor der Haustür dort standen und die ankommenden Schlitten und ihre Insassen musterten oder begehrlich und wunderfitzig durch die Fensterscheiben lugten und vom Peter zuweilen ein duftendes „Küchle“ oder ein paar „Sträuble“ hinausgelangt bekamen – wandelte Hieronymus gedankenvoll hinter den Häusern hinweg, hinüber zur einsamen Hütte des Stoffels.

Der wunderliche alte Junggeselle war eben im Begriff, von seinem unzertrennlichen Dachshund begleitet, einen Gang in den Wald zu machen, und Hieronymus schloß sich ihm an. – Im Fortgehen erzählte der Stoffel seinem jungen Freund, wie nächstens wieder ein großes, von der Herrschaft anbefohlenes Treibjagen auf Säu und Hochwild abgehalten werden solle. „Du weißt“, sagte er, „daß kürzlich in Unterhölzer beim Wartenberg der große Eichwald zum Tiergarten eingezäunt worden ist, wo allein noch Hoch- und Schwarzwild g’hegt werde soll. «

„Vorgestern“, bestätigte Hieronymus, „hab ich g’seh‘, wie sie schon die Wehrblahen und die Garn und Schweinsseil mit den Steckgabeln auf Wägen von Donaueschingen herbracht haben – nüber ins Jägerhaus. Da sind schon die Hundsbube versammelt mit den Leit- und Hetzhund; auch das Zelt hab ich g’sehen ablade für die Herrschaft, – die Fürstin soll ja selber eine so g’schickte Jägerin sein.“

„Allerdings – aber wenn’s so fortgeht“, meinte der Alte verdrießlich, indem er Feuer schlug, um seinen Ulmer wieder in Brand zu versetzen, „wird’s bald höre haben mit der Jagd auf Edelwild. Weiß noch gut die Zeit, wo die Hirsch rudelweis in strenge Winternächte vor die Bauernhöf komme sind, oft bis in die Scheuern, wenn der Knecht vergessen hat, das Scheuertor recht zu schließe.“

Indem sie unter solchen Gesprächen den Wald durchstreiften, der – weil der Schnee fest gefroren – gut zu begehen war, und der Stoffel seinen Begleiter da und dort auf die Fährten und das Getieger des Wildes aufmerksam machte – flog ein Kreuzschnabel über ihren Köpfen hinweg. – „So ein Kreuzschnabel„, sagte der Stoffel, „ist ein wahrhafter echter Schwarzwälder. Wenn die andern wehleidig vor dem Winter Reißaus nehmen oder vor den Häusern und Scheuren auf dem Bettel rumziehen, ist es dem Bürschle erst recht wohl im Wald, so daß es mitten im Winter, im Jänner schon, ans Nesten und Brüte denkt.“

Kreuzschnabel im Schwarzwald

Zu einer Lichtung des Waldes gekommen, wo ein hungriges Häslein um einzelne, aus der Schneedecke ragende Sträucher und Stäudlein sich mühte, nahm der Stoffel seinen Stutzen von der Schulter und machte mit einem wohlgezielten Schusse den Nahrungssorgen des guten Tierles, wie er sich ausdrückte, ein Ende. – „Es wird auf eins rauskomme“, lachte er, indem er zur Stelle schritt und den armen Lampe in den Büchsenranzen schob, „ob dich heut nacht ein Fuchs oder morgen der alte Stoffel verspeist. – Einer lebt vom andern, das ist der Lauf der Welt – und selber essen macht fett, das heutig‘ Evangelium! – Hast du Lust, Hieronymus, so bist du höflich invitiert auf morgen zum ersten Werktagsschmaus. – Man darf die alten ehrwürdige Bräuch nit abgehe lasse.«

„Ihr habt’s gut, Stoffel!“ entgegnete Hieronymus, den Alten, der sein Gewehr wiederum lud, mit lächelnder Miene betrachtend. „Ihr lebt, wie es Euch g’fallt, und schert Euch um niemand und um nix, was andern ’s Herz schwer macht.“

„Närrischer Kerl“, versetzte mit heiserem Lachen der Stoffel, „kannst’s ja auch so haben, wenn du willst! – Was braucht sich einer viel zu kümmern, wenn er nur sein bißle Leben und von Zeit zu Zeit sein Brätesle uf em Tisch hat!“
„Um das handelt es sich nit allein!“ sagte Hieronymus mit einem halb unterdrückten Seufzer. „Man strebt halt b’ständig weiter – in der Hoffnung -„
„Ei was, Hoffnung!“ brummte der Alte, unwirsch ihn unterbrechend. „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren. Die Hoffnung ist ein betrügliches Weibsbild, das viel verspricht und wenig halt‘; hat manchen schon sein Lebtag am Narrenseil rumg’führt.“
„Wenn die Hoffnung nit wär“, meinte Hieronymus ernst, „so wär’s ja zum Verzweifeln. – Und wege was soll man nit hoffen und trachten – nach Glück und -„
„Hoffen und trachte nach Luftschlössern?“ fiel der Alte höhnisch ein.
„Schau, en Spatz in der Hand ist mir lieber als die Taub uf ‚em Dach, das magre Häsle da im Ranzen mir ang’nehmer als der fetteste Rehbock drüben am Feldberg. – Laß das unnötige Schmachten und Trachte. – Laß anderen ihr eingebildet Glück; laß ihne den Geldsack und die Ehrestelle. – Hast du wenig – so brauch wenig, hast dann au nit nötig, dich viel zu bedanken oder jemand zu schmeicheln. – Und kommt dir trotzdem emal einer überzwerch – so zeig ihm, wo er her ist – und daß du nix nach ihm z‘ frage hast.“ Das war in kurzen Worten so ziemlich die ganze Lebensphilosophie des Stoffels, der übrigens seinen jungen Freund nicht ganz verstanden, nicht erraten zu haben schien, wo diesen der Schuh drückte. – Der Alte kümmerte sich in der Tat um niemand, und niemand kümmerte sich viel um ihn, weder der Stabhalter, Vogt noch Amtmann oder der Pfarrer. Er seinerseits brauchte keinen; er zahlte weder Steuern noch Abgaben, weder Sporteln noch Frevelbußen, und kam auch nie in die Lage, Stolgebühren entrichten oder um Dispens nachsuchen zu müssen. – Von Haus aus Wilderer und Fischer nach Belieben, an dem die Jäger und Aufseher gerne vorbeigingen, als hätten sie ihn nicht gesehen, hatte er später sich herbeigelassen, ein Dienstlein anzunehmen.

Der einsichtsvolle Oberförster übertrug ihm nämlich die Aufsicht über das Wild und die Dressur der Jagdhunde. Die Besoldung bestand hauptsächlich im Schußgeld vom Raubzeug; und wenn hie und da auch einmal eine Kugel nebenaus ging und zufällig einen fetten Rehbock oder – wie heute – ein unvorsichtiges Häslein traf, so fiel es niemand ein, den Schützen deshalb zur Rede setzen zu wollen.

Die Raben zogen schon heimwärts, den Bergwäldern zu, als die beiden, herabgestiegen ins Tal, den Rückweg antraten – und am Kreuzweg sich verabschiedeten. – Der klare Wintertag schloß mit einem prächtigen Sonnenuntergang. Als Hieronymus einmal zurückschaute, sah er das Tagesgestirn eben in glühendes, nach oben hin violett verschwimmendes Rot hinabsinken.

Die Berge standen in kaltblauen Schatten am Horizont, nur der Schnee im Tal und auf dem eingefrorenen Bache schimmerte stellenweis wie angehaucht vom Abendrot. – Gedankenvoll betrachtete Hieronymus das schöne Naturspiel eine Weile – dann schritt er weiter. – Aus eisgrauen Wolkenschichten schaute im Osten die blaßgelbe, unvollkommene Scheibe des Mondes über die Höhen, finster schon lagen die Häuser und Hütten – nur die Fenster am Laubhauserhof flammten und spiegelten noch die späte Glut des Himmels ab.

Am andern Tage kam richtig der Gemeindsbote mit der Ansage zur großen Jagd. – Auch Hieronymus rüstete sich dazu; es war nicht das erste Mal, daß er eine solche Hetze mitmachen mußte. – Aber die fürstlichen Herrschaften kamen nicht; die Jagd wurde verschoben, von einem Tag zum andern – bis endlich Tauwetter einfiel. – Ein lauer Föhn war über Nacht ins Land gekommen. Die Tannen verloren ihren Duft und schauten schwarz und melancholisch über das Schneefeld. Es schien, als wolle am Dreikönigstag der Frühling schon seinen Einzug halten. Seine Vorboten, Sturm und Regen, hatten bereits eine allgemeine Mobilmachung angeordnet, und selbst das Eis auf dem Bache erhielt schleunigst Marschbefehl. Es drängten und schoben sich die Schollen auf- und untereinander, gleich einem retirierenden Heere, das im Abziehen noch Brücken und Stege sprengt und soviel wie möglich am Wege hin verwüstet. – Aus allen Wäldern und Schluchten stürzten reißende Gießbäche hervor; das Wasser wuchs stündlich, und man fürchtete für die Hütten und Höfe im Tal, und selbst im Laubhauserhof fand man’s geraten, die Haus- und die Stalltüre mit Mist zu verschanzen.

Einsilbig, in sich gekehrt, verbrachte der von seinem Spaziergang gehörig durchlüftete Bursche den Abend. Früh ging er zu Bett, aber noch lange traf die laute Unterhaltung drüben im Hof sein Ohr – er hörte die umständliche Verabschiedung der Gäste vor der Haustür, das „Bhütigott!“ und „Kommet guet heim!“ der Zurückbleibenden und der Scheidenden – bis endlich, mit dem Geklingel des letzten abziehenden Schlittens, alles in Nacht und Schweigen versank.

Aber der besiegte Winter gab sein Spiel noch lange nicht verloren. Kurz nach Lichtmeß nahm er, als erfahrener Feldherr, im Sturme wieder die Höhen und Pässe – und es fiel eine solche Masse Schnee, daß die Wohnungen in den Niederungen förmlich gesperrt und blockiert wurden.

Dazumal war es auch, daß ein einsamer Hof am Feldberg mit seinen Bewohnern wochenlang unter der Schneedecke begraben lag, bis endlich – es war gerade Karfreitag – Umwohnende den Dachfirst endlich wieder aus dem Schneemeer hervorragen sahen und zu Hilfe zogen. Man brach ein Loch in das Dach und rief hinunter, ob alle noch am Leben seien. „Ja“, erscholl es aus der Tiefe. „Wißt ihr auch, daß heut Karfreitag ist?“ war die zweite Frage der Obenstehenden. „Gottsnamen!“ hieß es unten, »wir verspeisen soeben ’s letzte Stück vom letzten Stier!«

Auch Unglücksfälle durch Lawinen kamen vor, ähnlich der gänzlichen Zertrümmerung des Königenhofs bei Waldau in neuerer Zeit, wobei die vom jähen, von keinem schützenden Waldmantel mehr bedeckten Berg herabrutschende Schneemasse sämtliche Bewohner mit ins Grab riß. – Wie häufig geschieht, mußten auch damals die Leute am Feldberg aufgeboten werden, diesem Beherrscher des Schwarzwaldes im Juli oder August den Schnee vom Haupte zu schäufeln; denn, sagen sie, wär’s ihm nur einmal wieder gelungen, die uralte Mode einzuführen und die Haube das ganze Jahr hindurch aufzubehalten, so wäre der Schwarzwälder Gletscher fertig, wie er’s vor Jahrtausenden gewesen.

In der ersten Ausgabe hatte Lucian Reich auch noch den Text eines Liedes mit drin:

Ich bring heut ein`sehr fröhliche Bost,
Auf daß ihr Hirten die Freuden verkost`;
Als ich nun bei der Nacht,
Bei meinen Schäflein wacht,
Habens ein`liebliche Musik gemacht.

Ich greif einlends nach meiner Schalem;
Und ruf gleich meinen Schäflein herbei,
Aber sie lassen mich,
Sammt meiner Pfeif`im Stich,
Springen, frohlocken und erfreuen sich.

Kommt laß uns nach Bethlehem geh`n
Um nun alldorten das Wunder zu seh`n:
Es war ein alter Stall,
Der voller Feuer stral`,
Wo sich die himmlische Musik erschall.

Ich sah dorten das göttliche Kind,
Liegen im Viehstall bei Esel und Rind.
Herzliebstes Jesulein,
Wir wollen dir dankbar sein,
Daß du bei Sünder gekehret hast ein!


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Der Klausentag – Früher und jetzt

Hieronymus Kapitel 9

“So sprechen die Kinder und drücken sich schnell,
Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell.
Nur stille Kind! Kinderlein, stille!”
Goethe

Über den „Klausenstag“, Gebete, Prüfungen, Geschenke und den Beelzebub.

Unser Bildchen führt uns wieder zurück ins gewöhnliche Geleise der Lebensgeschichte. – Es ist St.-Nikolaus-Tag; und Hieronymus gedenkt gerne der harmlosen Kinderzeit, wo er nicht anders wußte und glaubte, als der wohlwollende Heilige komme schon einige Nächte vor seinem Namens- und Bescherungstag vom Himmel auf die Erde herab, um vor den Hütten und Höfen zu lauschen, ob die Kinder folgsam und fleißig seien, um darnach seine Gaben einrichten und bemessen zu können.

Damals, als Kind, betete Hieronymus gewiß schon einige Wochen vorher jeden Abend drüben im Hof mit seinem Gespänlein Florentina. Sie saßen dabei auf der Staffel am Hinterofen bei der Großmutter, die jetzt nun auch schon dies Plätzlein längst mit einem viel engeren an der Kirchhofmauer vertauscht hatte. Und wie die Kinder ein Vaterunser beendet, so wurde es gewissenhaft auf dem „Klausenhölzle“ eingekerbt, oder ins selbstgefertigte Büchlein mit Rötel, oder zuweilen auch mit dem Löffelstiel strichweise eingetragen; und diese Dokumente kindlicher Frömmigkeit legten sie dann am Vorabend auf den Teller, welcher über Nacht mit der ersehnten Bescherung sich füllen sollte.

Bevor dies geschah, hatten die Kleinen jedesmal noch ein strenges Examen zu bestehen. – Es schellte draußen in der finsteren Hausöhre, die Stubentür ging auf – einige Apfel und Nüsse rollten herein, und der Santiklaus in höchst eigener Person erschien als Bischof gekleidet, ein Lichtlein auf der Mütze; hinter ihm seine Ministranten – und etwas weiter rückwärts – noch einer, den die Kinder aber lieber nicht gesehen hätten -, der Heilige spricht:

„Ich komm vom hohen Himmel herab,
Will schauen, ob ich fleißige Kinder hab;
Sind sie brav, gehören sie mein,
Sind sie bös, so laß ich den Belzebub herein.“

Nun begann die Prüfung, und wehe dem Unwissenden und Faulen, der sein Sprüchlein aus dem Katechismus nicht geläufig hersagen konnte, denn der gefürchtete Belznikel war jeden Augenblick bereit, einzutreten und seine Strafgewalt auszuüben – nicht selten in einer Manier, daß den armen Kleinen dabei Hören und Sehen verging. Dieses letztere Ämtlein hatte immer der älteste Knecht auf dem Hof dort bekleidet, während Bruder Cyriak gar schön den heiligen Nikolaus vorzustellen wußte.

Hieronymus erinnerte sich noch oft, wie er in kindlicher Einfalt die Mutter einst fragte: warum denn der Santiklaus den Kindern des armen Hansjörg auch gar nichts gebracht habe, sie hätten ja doch ebenso fleißig gebetet wie er und Florentina? – Eine Frage, welche die gute Anastasia fast in Verlegenheit gesetzt hätte.

War er auch längst den Kinderschuhen entwachsen, so wollten die Eltern dem herkömmlichen Brauch doch nicht ganz entsagen. Auch jetzt noch wurde der Sohn jedesmal mit einer Gabe erfreut – allerdings nur solche Dinge brachte der Klaus, welche ohnehin hätten angeschafft werden müssen.

Diesmal aber brachte der betreffende Dezembermorgen etwas Außergewöhnliches: eine schöne Farbenschachtel mit diversen Haarpinseln – ein längst gehegter Herzenswunsch des Sohnes. Vater Mathias hatte das kostbare Material vom Klausenmarkt in Furtwangen mitgebracht. Aber nicht zu bloßem Zeitvertreib sollte es dienen, es sollte und konnte ein hübsches Stück Geld damit verdient werden.

Die Familie hatte Unglück gehabt. Vorigen Herbst war sie um ihre Kuh gekommen, die, verbläht von der Weide heimgetrieben, mit knapper Not noch geschlachtet werden konnte. Kein geringer Verlust! – Das Jahr vorher hatte der Vater auf Bitten eines jüngeren, in der Baar verheirateten Bruders, der in zurückgekommenen Verhältnissen lebte, eine Bürgschaft von über hundert Gulden übernommen. Dem Bruder brannte das Haus ab – und Mathias mußte – nach dem alten Satz: den Bürgen muß man würgen – die Summe aus dem eigenen Beutel erlegen. – Bald darauf erkrankte er selbst und konnte über vier Wochen das Bett nicht verlassen.

So war eins aufs andere gekommen, und Mathias war genötigt, sich nach Nebenverdiensten umzusehen. Die herrschaftliche Forstei hatte zur Zeit ein Quantum Holz im Wald zu machen und ins Tal herabzuschaffen ausgeschrieben. Mathias mit andern übernahm die Hälfte davon, d. h. Hieronymus, der indessen ziemlich kräftig geworden, sollte die Arbeit für seinen Teil verrichten. Es war kein Leichtes, zumal der Winter sich frühe und strenge eingestellt. Jeden Morgen vor Tagesanbruch ging’s hinaus in den Wald, spät abends kamen sie heim. Die Genossen unseres Hieronymus waren der Hansjörg und seine drei Söhne. Dieser Mann, der früher mit Erzgraben am Feldberg ein mühsames Leben gefristet und dann im Tal sich niedergelassen, diente dem Mathias zuweilen auch als Aushelfer in der Mühle.

Wäre der Winter nicht als ein so strenger Herrscher aufgetreten, so würde das Geschäft, das Hieronymus nicht zum erstenmal verrichtete, kein so großes Ungemach im Gefolge gehabt haben. So aber kamen sie, Menschen und Kleider, oft vor Kälte starrend nach Haus. Obwohl sie im Wald, um sich zu wärmen, beständig ein Feuer unterhielten, so diente es doch nur dazu, Schnee und Eis an den schweren Bundschuhen in Nässe zu verwandeln, die noch nachteiliger wirkte als selbst der Frost.

Daneben war das Geschäft nicht ohne Gefahr, namentlich das Dirigieren der schwerbeladenen Holzschlitten die Halden und Schluchten hinab – wobei schon mehr als ein Holzmacher das Leben eingebüßt. – Trotz alldem hätte Hieronymus ausgehalten, wenn ihn nicht die Folgen einer Erkältung genötigt hätten, Waldsäge und Holzaxt niederzulegen und den Wald mit Stube und Bett zu vertauschen. Eine starke „Überröte“ war’s, eine Geschwulst im Gesicht, langwierig und schmerzhaft zugleich. Es zuckte und riß ihm in der Wange, als hätt er eine Klopfsäge darin. – Nichts wollte anschlagen, weder die warmen Überschläge der Mutter noch die Sympathien und Kräuter des Cyriak. Eine bösartige Verhärtung hatte sich gebildet, und schon wollte der aus Vöhrenbach herbeigeholte Doktor zum Messer greifen – aber der Patient, von der Mutter unterstützt, konnte sich nicht zur Operation entschließen. – Anastasia setzte hierauf ihre Überschläge von Kamillen und erhitztem Bachsand wieder fleißig fort – und gottlob, mit gutem Erfolg. Die Geschwulst legte und zerteilte sich.

Aber der Rekonvaleszent hatte indes noch langweilige Tage genug durchzumachen hinterm Ofen. Und wenn er mit verbundenem Gesicht so dasaß, während der Vater den klappernden Mahlgang besorgte und die Mutter beim sorgsam unterhaltenen Ollämplein bis tief in die Nacht mit Nähen sich mühte, so wünschte er sehnlichst, daß auch für ihn die Zeit bald wieder kommen möchte, wo er tätig mit eingreifen könne. – Und als er dann endlich imstande war, wieder eine Beschäftigung vorzunehmen – so wollte es ihm beinahe scheinen, als habe ihm das Schicksal das Übel nur deshalb zugeschickt, um ihn dem Zeichnen und Malen wieder zuzuführen. Die neue Farbenschachtel kam ihm jetzt trefflich zustatten. Er kolorierte papierene Uhrenschilde, auch sogenannte Agathazettel, schön verzierte Haussegen oder Spielkarten auf Glanzpapier, Arbeiten, die fast noch besser sich rentierten als das Holzmachen im Wald.

Als er einst von einem Besuch beim kunstfertigen Bruder Cyriak heimkehrte, fand er auf dem Weg einen hübschen neuen Perpendikel. Er paßte denselben alsogleich der alten Wanduhr an, die der Vater noch aus seiner Heimat mitgebracht. Zu der neuen Zier aber wollte das verdunkelte papierene Zifferblatt nun nicht mehr passen, und er machte sich daran, ein neues zu beschaffen. Von einem in der Nähe wohnenden „Brettlemacher“ erhielt er einen hölzernen, gut zugerichteten Schild, auf welchen er mit den Ölfarben des Vaters die Ziffer und ob darüber seinen Namenspatron malte. – Nach dem Urteil aller, die das Werk zu sehen bekamen, war es aufs beste gelungen. – Der Verfertiger erntete viel Lob und erhielt sogleich Bestellungen. – Der Stabhalter verlangte ein ähnliches Kunstwerk, und selbst der Hofbauer gestattete, daß Hieronymus die hölzerne Wanduhr, welche seit alten Zeiten dort in der Stube hing, auf ähnliche Weise renovieren dürfe.

In die vier Ecken des Zifferblattes malte er hübsche große Blumen und oben in den Rundbogen den Laubhauserhof mit seinem Garten davor, in welchem Florentina – wenigstens sollte sie es sein – zu sehen war, in grüner Jüppe und schneeweißen Hemdärmeln, in der Hand eine Rose haltend. Auch dies Werk gefiel so gut, daß der Bauer nicht umhin konnte, in den Beutel zu greifen und dem Verfertiger ein ansehnliches Douceur zu spendieren – was alle, die den Mann kannten, in nicht geringe Verwunderung versetzte. – Die Aufträge mehrten sich; und bereits gab man sich in der Mühle der Hoffnung hin, gegen das Frühjahr wenn nicht wieder ein Kühlein, so doch eine Geiß zu den vorhandenen hin kaufen und einstellen zu können.

In der ersten Ausgabe war noch ein Gedicht, welches Lucian Reich wohl als „allzu bekannt“ in der zweiten Ausgabe weg gelassen hatte:

Scharmanti bruni Bire, welchi Nuß
und menge rothen Aepfel ab der Hurt,
e Gusebüchsli, doch wills Gott der Her
ke Guse drin. Vom zarte Bese-Ris
e goldig Rüethli schlank und nagelneu!
Lueg, so ne Muetter het ihr Chindli lieb!
Lueg, so ne Muetter ziehts verständig uf,
und wird mi Bürstli meisterlos, und meint,
er sei der Her im Hus, se hebt sie b’herzt
der Finger uf, und förcht ihr Büebli nit,
und seit: „Weisch nit, was hinterm Spiegel steckt?“
Und’s Büebli folgt und wird e brave Chnab“

Spaziergang über den Friedhof zu Allerheiligen

aktualisierter Beitrag, 1. Version war am 02. April 2021

St. Leonhardkapelle
31. Oktober 2025
Mond über dem Kreuz und Friedhofsmauer mit Baum
31. Oktober 2025
Mond über dem Friedhof mit Kerzen
31. Oktober 2025
St Leonhardt
31. Oktober 2025
Leonhardskapelle bei Nacht
31. Oktober 2025
Leonhardtskapelle bei Nacht
31. Oktober 2023

Spaziergang über den Friedhof

Die Kette mit den 6 Hufeisen an der Leonhardskapelle befindet sich trotz aller Sagen wohl dort, weil an so gut wie allen Leonhardskapellen Ketten sind. St. Leonhard lebte im 6. Jahrhundert (starb wohl 559) und gehört zu den 14 Nothelfern – er ist der Patron der Fuhrleute. Die Kette gilt als „aneinandergereihte Danksagung“ an den Patron aller Wesen, der Gefangenen und der Stalltiere.

Die Statue in der Kapelle stellt St. Leonhard sitzend mit einer Kette mit Handschelle und Schloß und mit dem Abtsstab dar.

Ebenfalls vorne an der Leonhardskapelle (erbaut 1479 und gestiftet von Konrad und Burckhart von Schellenberg) kann man die verschiedenen Wasserpegel von Hüfingen bestaunen:


Der Friedhof wurde im Jahre 1629 vom Abt Georg Gaisser des Beneditinerklosters St. Georgen geweiht und wurde 1806 und 1861 erweitert. Problem war nicht nur, dass wegen des Dreißigjährigen Krieges der Friedhof bei der Stadtkirche zu klein wurde, sondern auch die ermordeten der sogenannten „Hexenverfolgung“ verscharrt werden mussten. Archivrat Franck meint 1872: “Wen mahnt es aber nicht an höhere Strafe und Gerechtigkeit, wenn er sich erinnert, daß über die Hüfinger Blutmenschen selbst schon am 15. Oktober 1632 das fürchterliche Blutbad durch die Würtemberger hereinbrach?

Aus dem Jahre 1620 stammt die „Bräunlinger mappa„, in der die Territorialgrenze gegen Bräunlingen hervorgehoben ist. Sie enthält auch den westlichen Teil der Gemarkung Hüfingen, die allerdings ungenau gezeichnet ist. Dagegen sind die Schächerkapelle, das Leprosenhaus, St. Leonhard, das Schützenhaus, die Seemühle und der Galgen sowie der große Weiher (Behlaer Weiher) richtiger eingetragen als in der Landtafel der Baar.
Verzeichnet sind das Scharfrichterhaus und der Weg nach Behla.
Karte aus dem Jahr 1664 von Hüfingen
Karte aus dem Jahr 1662 von Hüfingen von Martin Menradt

Siehe auch https://hieronymus-online.de/stadtwappen-hohentwiel-und-grenzsteine/

Landtafel der Baar von 1620 von Hiffingen mit Schützenhaus und Stadtkirche. Die beiden Stadttore und überdimensional auch die Nikolauskapelle. Die Nikolauskapelle stand etwa da, wo die Stadtapotheke war. Deutlich lassen sich die an die Stadtmauer gebauten Häuser erkennen.
Merkwürdigerweise fehlen die beiden Schlösser. Willkürlich ist die Bebauung innerhalb der Stadt gestaltet. Auf der Donaueschinger Stadtseite lagen eingezäunte Grundstücke (Gärten). Besonders ins Auge fällt ein Wegkreuz etwa auf dem Platz der nachmaligen Lorettokapelle. Weniger Sorgfalt als in der » Bräunlinger Mappa« wurde auf den Breglauf, die Wege und die topographisch richtige Lage der St. Leonhardskapelle und des Scharfrichterhauses (zwischen Kapelle und Wegkreuz) gelegt, das westlich der Dögginger Straße erbaut war.

Als Sinnbild der Vergänglichkeit kennt jeder die Rose, dabei ist der Efeu schon seit vorchristlicher Zeit das Sinnbild der Erlösung und des ewigen Lebens.


Epitaphien sind Grabinschriften für einen Verstorbenen an einer Kirchenwand oder in der Friedhofsmauer. Hier will ich einige zeigen und beginne aber erst mit der Mauer von German Hasenfratz in den 1970er

Friedhofsmauer von German Hasenfratz etwa 1970

Lucian Reich
Schriftsteller und Kunstmaler
26. Februar 1817 – 2. Juli 1900

Xaver Reich
Bildhauer
1. August 1815 – 8. Oktober 1881
Josepha Reich
geb. Elsässer
23. Aprlil 1823 – 19. November 1900

Johann Nepomuk Heinemann
Litograf
30. Mai 1817 – 22. Februar 1902

Karl Bromberger, Litograph
Ehernbürger der Stadt Hüfingen
1873-1965
Clara Bromberger, geb. Bölke
1871-1958

Durchbohrt von eines Mörders Hiebe.
Blieb CURTA noch ein Muster von Geduld.
Noch sterbend sprach er voll der Liebe.
Vergebet meinem Mörder seine Schuld.

Dieses Denkmal der Liebe weihet ihrem Gatten Vallentin Curta Handelsmann seine betrübte Witwe mit VIII. verzogenen Kindern. Geboren zu der H. Dreyfaltigkeit in Gressoney. Starb den IV. Oktober MDCCCV. im LIII. Jahr seines Alters. R.I.P.

Dieses Denkmahl der Einzigen Liebe und des oantbiex? andenkens seihen dir Sehrvermißten Curtaischen Kinder ihrer ? für ? und alle jene, die sehr herzlichen unvergeßlichen Mutter
Rosina Burkhard
verehelichten Curta deren Geist aus der zerbrechlichen irdischen Hülle zu der ewigen Stütze und zur fehgälich gewünschten wiedervereinigung zu ihrem vorangegangenen Gatten eille.
der 22. März 1808. eben als die das 40 e Lebensjahr angefangen hatte.
Gottes friede weh in Blumen düften Vater Mutter über Euer Gräber her.

Johann Franz Valentin Curta (Kurta im Stammbuch), Kaufmann aus Italien, * in „Dreifaltigkeit ind der Cresonai“ (=Gressoney am Monte Rosa). Gestorben in Hüfingen am 19.10.1805 . Er wurde von österreichischen Soldaten beim Plündern vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder niedergeschossen und drei Stunden später gestorben. Er war verheiratet mit Rosina Burkhard und sie hatten 12 Kinder. Ein Sohn Johann Franz Valentin Curta wurde Hirschenwirt und Johann Jakob Handelsmann.

Maria Franziska von Ehren
geb. D. IX. September gestorben D. 22 ANG. 1863
?

Denkmal
Ihrer Hochedelgebohrenen Frau Katharina Kletser gebohrene Bosch. Sie starb den 5. November 1815 im 40 Lebensjahr.

Lasset die Kinder zu mir kommen
Dem hoffnungsvollen Knaben
Ferdinand Fischerkeller
Geb. den 8. August 1818
Gest. 25 April 1828
Weihen dieses Denkmal seine trauernden Eltern

Hier ruht
Johann Babtist Fischerkeller
geboren zu Donaueschingen den 21ten August 1749.
gundler Kaplan zu Jungnau druch 13 – zu Kaseifingen G_ und endlich dazu ad 6. Blasium durch 26 Jahre ? seine irdische Laufbahn den 21 ten Juny 1852.
Gott gebe Ihm und allen ? dir Ewige ? Amen

Francisco Neser
Josepf Anton Heizman
Raul Stoerk

Ruhestätte des Hochwürdigen Herrn LOS. Benedict Rebsteix
(Pfarrer?)

2. von links: Maria Magdalena Nober geb. Moog 24. Juni 1765 – 14. Juli 1840

Dem Andenken Des Hochwürdigen Herrn
Benedici Merck
Des villino, Rur:Kap;Exdecans
Bischöf. Konk, geist. Raths, und durh 35 Jahrepfarrer dahier
Legte ab die Körperliche Hülle nach 7 Jahren Leiden den 21 May 1798 im 64 Alterjahre: Geweiht v. seinen Geschwistern.

In der Mitte das Epitaph eines Bäckers.
Die Brezel bindet die gesenkte Fackel des Todes ein.





Das von Franz Xaver Reich 1864 erschaffene Steinkreuz verbindet die Hauptachse des alten Friedhofsteiles mit dem neuen Teil.
Der obere Teil scheint neuer zu sein. Vielleicht weiß ja jemand wo sich das ursprüngliche obere Kreuz befindet?


Die Einsegnungshalle wurde 2007 vom damaligen Bürgermeister Anton Knapp zusammen mit dem Architekten Rolf Schafbuch mit einer großen „Lichterscheinung“ vom Hüfinger Künstler Emil Kiess neu gestaltet.

Das Glasfenster von Emil Kiess mit 6000 kleinen Glasplatten spiegelt den Friedhof wie ein Mosaik.


Ebenfalls bei der Einsegungshalle befinden sich die Grabplatten von Adolf Heer und Rudolf Gleichauf.



Adolf Heer Bildhauer geboren 13. September 1819 gestorben 29. März 1898

Grabstein Adolf Heer und Rudolf Gleichauf

Rudolf Gleichauf Historienmaler geboren 29. Juli 1826 gestorben 15. Oktober 1896

Die Grabstätte (Grabstein) von Adolf Heer und seinem Freund Rudolf Gleichauf ehemals auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe.

Nach dem Tode Adolf Heers veranlasste der Landschaftsmaler Wilhelm Klose, ein ehr vermögender Karlsruher Mäzen (Ehrenbürger der Stadt Karlsruhe), eine würdige Grabstätte für seine Freunde zu errichten. Die Ausführung lag in den Händen von Bildhauer Johannes Hirt, der ein langjähriger Mitarbeiter von Heer bei der Gestaltung des Kaiser-Wilhelm-Denkmal war. Auch die zwei Bronzereliefs von Heer und Gleichauf am Grabstein sind mit J. Hirt signiert. J. Hirt wurde vom Verlassenschaft -Gericht als Abwickler der noch nicht vollendeten Arbeiten von Heer bestimmt. Er wurde ein bekannter Bildhauer in Karlsruhe. Das Grabmal fand seinen Platz auf dem sogenannten „Hügel“, eine bevorzugte Lage mit Bäumen, Farnen und Stechpalmen – wahrscheinlich unter Denkmalschutz stehend.

Wenig verständlich erscheint ein Bericht im Südkurier im Jahre 1976, „Silberdisteln schmücken das gemeinsame Grab von A. Heer und R. Gleichauf, wo den Besuchern von der Friedhofsverwaltung erklärt wird: „Wir halten es für eine Selbstverständlichkeit und Pflicht, den Gräbern Heers und Gleichaufs unsere Aufmerksamkeit zu schenken“. Mit wenigen einprägsamen Worten wird die Bedeutung der Künstler skizziert: .. Heer und Gleichauf haben im vergangenen Jahrhundert mitgeholfen, die Züge des Kunstschaffens in Karlsruhe zu prägen“. Monate später wird dann in einem Schreiben an die Stadtverwaltung Hüfingen und wahrscheinlich auch Vöhrenbach angefragt, ob Interesse am Grabstein der beiden Künstler bestehe: „Das Grab wird aufgelöst.“ Die Stadtverwaltung Hüfingen holte den Grabstein, der jetzt bei der Aussegnunghalle und den Urnenstelen steht. Leider ist der Stein nur ein Torso, denn die kunstvolle Einfassung fehlt. Auch sollte die Inschrift erneuert werden.


Bildhauer Prof. Adolf Heer,
Sein Leben und seine Werke auf der Baar und dem Umland von Erich Willmann
Schriften der Baar 53, (2010)



Dr. Erwin Sumser
(8. Oktober 1891 in Merzhausen bei Freiburg im Breisgau als Erwin Josef Sumser – 22. Januar 1961 in Hüfingen).
Pionier des Naturschutzes.

Eva von Lintig
geboren 11. Juli 1931
gestorben 10. September 2023

Eva von Lintig
Ehrenbürgerin
11.07.1931 – 10. 09.2023

Max Gilly
Ehrenbürger und Bürgermeister
Träger des Bundesverdienstkreuzes
31.03.1921- 15.08.2006

Foto von German Hasenfratz

Gottfried Schafbuch

De Goppfried Schafbuch
(* 3. Jänner 1898 z Hiifinge – 23. Oktober 1984)
isch e dytsche Dialäktdichter un Haimetforscher gsii.



German Hasenfratz
29.05.1923- 2008

Zita Hasenfratz
1926-2021


Hermann Felder (1772 – 1954)
Geistlicher Rat

Monsignore Hermann Josef Kast (01.09.1888 – 21.06.1967)
Ehrenbürger von Hüfingen und Rektor von Mariahof

Abschließen möchte ich diesen Spaziergang mit dem Hüfinger Künstlerkreis und dessen Gedenkstein von der Hüfinger Heimatzunft im Park gegenüber der Breg.

Für Ergänzungen und Tipps bin ich jederzeit dankbar!

Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen

Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stücklein blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Marien’s ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsere liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.

Den Verweis hierfür mögen Wetter- und andere Propheten führen. So viel ist entschieden gewiss, dass zu Anfang der 20er Jahre, am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blauste Himmel sich über dem alten Städtlein Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Tore gesegnet; und hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf dem Gartenhängen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüt geradezu Hosen zu nennen wagt, sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fangschnüren. In der Ferne hörte man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen entlegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen ausgeklopft. Wer im Felde zu tun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so Manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte sein Tschako noch lackieren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefel, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.

„Wenn es nur auch so hält“, sagte der alte Hafnermeister, in den er seinen Sappeursbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig heraus ausstaffierte.
Es bleibt gut“, bemerkte ein Nachbar, der sassianene Gerbermeister. „Mein Laubfrosch sitzt jetzt schon seit vorgestern früh hoch auf der Leiter, und das Männle am Rathausfähnle läßt gutes Wetter supponieren.“
Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“, erwiderte der Andere.
Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit geziemender Würde begangen wird.

Zur Zeit unserer Erzählung war dieser Tag für die ganze Baar sozusagen ein Volksfest, zu welchem die Gäste von nah und fern zusammenströmten. Nicht wenig zum Glanz des Tages trug eine bürgerliche Miliz und ein Musikkorps bei, welche beide nach dem Muster anderer kleinen Städte auch hier errichtet worden waren. Die Musik, von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs trefflichste eingeübt, hatte den Beifall aller Hörer und die wackeren Musketiere exerzierten und manövrierten, dass es eine Lust war, ihnen zuzusehen. Und weil dazumal noch nicht jeder alte Student und Gevatter Handschuhmacher sich einbildete, ein größerer Mann zu sein, der das Volk beglücken und Deutschland umgestalten müsse, so ginge alles im besten Contento, zur Freude für Jung und Alt.

Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberster, der trefflich Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah es aus, wenn er in der Uniform mit kurzen hirschledernen Beinkleidern und Suwarowstiefeln, ähnlich einem Erzherzog Karl oder Fürst Schwarzenberg, vor der Fronte stand.

Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marte, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne kein Wasser ziehe oder ob der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bub in der Eigenschaft eines Feldjägers atemlos und schwitzend daher gelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn.

Gedachter Marte war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte, und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerzieren gründlich studiert bei den Österreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, dass selbst der Major „das Meiste von ihm habe“. „Gleich!“ sagte er, „gleich werd‘ ich erscheinen.“ Er rückte noch einmal seine Waffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger vor dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgerkorps in Reih und Glied und begann sämtliche Schwenkungen und Manövers, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinter her aber zog ein Haufen von Buben mit Bohnenstecken statt der Gewehr, und machten alle Exercitien glücklich nach.

Stellt euch“, sagt der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren. „Stellt euch nur morgen auch Alle präzis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, dass wir den alten Ruhm nicht einbüßen“.

Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwebel Marte und den Korporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauen zu: „Ihr Leut‘, ich fürcht‘, dass uns die Zwei“ – hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin – „morgen bei den Salven Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten.!

„Herr Major“, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: “ das wird’s nicht wohltun; wofür verzürnen die Leutele. Ich weiß ein besser Mittel, laßt mir mich machen. Morgen, bevor und dass wir einmarschieren, will ich tun, als visitiere ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Lichtstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut‘ haben ihre Plaisir.“ – Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandierte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Alten die Musketen heimtragen durften.

Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Burschen die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf den Rücken, kam aus dem Felde. Der andere schien auf der Reise begriffen zu sein; er mochte etwa 24 Jahre zählen, ein stämmiger Bursche mit braunem Haar und rötlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit gehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: Über den neuen schwarzen Lederhosen, den neuen grünen Samtschoopen und das rote Leible. In der Hand trug eine schwanke Haselnussgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken hieb, der vor ihnen hertanzte. K

„Konrad“, sagte der mit der Sense, „das kann ich dir sagen, seit du auf dem Hofe bist, kennt man dich fast nicht mehr, du bist ein Weltkerle geworden“.
D’rum bin ich gesund, Gott Lob“, erwiderte der im Sonntagsstaat, „Essen und Trinken schmeckt mir, und überflüssige Sorgen mach‘ ich mir auch keine“.
Ja, wenn eine gewisse nicht wär!“
Du hast gehört läuten, und weißt nicht wo, Franzsepp“, meinte Konrad. „Was soll denn das für eine gewisse sein? – Vom Hörensagen lügt man gern“. –
Er suchte ablenkend das Gespräch auf eine andere Materie zu leiten, uls sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so dass man die vergoldeten Zeiger der Turmuhr sehen konnte, machte er ein Paar von den blanken runden Knöpfen an dem roten Leibe auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kirchturmuhr.-
„Sechs Uhr!“ , sagte er, „Die geht eine halbe Stund‘ früher als die Bräunlingerin. Sechse, Siebene – bis um Achte bin ich daheim.“
Ei was! kannst’s du auch Neune werden lassen“, rief der Franzsepp. „Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler miteinander trinken in der Sonne, denn so jung kommen wir doch nicht mehr zusammen.“
Nichts da, sag Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!“
„Aha, es zieht den Menschen eben heim; ei, das muss ja ein großmächtiges Zugpflaster sein, das so stark zieht. – Aber morgen kommst doch zum Fest?“
Ja, freili'“, rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Tore über die Bregach führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen wandern sie in aller Seelenruhe zum Tore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht sich ja gar so gut von Allem, was die Woche über passiert, von Altem und Neuen, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen, sie kommt auch wohlfeiler, als die im Wirtshause.

Heute, an so einem geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit alten Zeiten in Stein gehauen, auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und bedächtiger Miene sah er, wie immer, dem Lauf des Baches nach, der in einiger Entfernung die Stadtmühle treibt.

Der Wanderer verließ die Brücke und gegen den Fußweg hin, dadurch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegende, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindschritte oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zog sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde. Denn nachdem die Betglocken, welche in der Umgegend den kommenden Festtage verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathaussstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.

Was trieb ihn denn so vorwärts, und hier sind immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinem Ältern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an laue Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschen? Oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ih der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? –

Hier ist nun der Ort, wo ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündlein von Hüfingen zu dem Dorfe zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und an einen anderen Weg einschlagen; wenn wir unsere Schritte fördern, so kommen wir immer noch zur gleichen Zeit mit ihm an.

Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen.
Richtig. Der Marsch ist so weit nicht, als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein und sein Xaver aus Russland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der 13-jährige Waisenknabe nur noch einen einzigen älteren Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in den Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß. Durch Rührigkeit und Sparsamkeit hatte sich der Knecht bald so emporgeschwungen, dass er als Pächter des fürstlichen Meierhofes zu Waldhausen sich dauernd wieder niederlassen konnte. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihm ein Verwandter zu sich, der keine Kinder hatte, aber sehr für möglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer, hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf dem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegte; im Übrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt, auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der Tat im Stande gewesen, „die Laus und den Balg zu schinden“. Dieser trockene, einsilbige Vetter und dieses knickrische Weib war nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und kühle Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, dass ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da ist der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählich zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.

Dazumal war noch die Ross- und Nachtweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte Rossbubenverfassung, welche seitdem auch von dem raschen Lauf der Zeit umgestürzt worden ist. Da nämlich die jüngeren Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, dass sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektiert wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „ausfuhren“, das heißt die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeinenes Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mussten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stillieger“ und waren die Oberhäupter der anderen. Sie lagen nämlich still, das heißt müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußte ihre Unterthanen alle Arbeit für sie tun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und abzäunen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolkes. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein eingesetzt werden. So geschah es unserem Konrad, dass er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall tat und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, dass er ein Stillleger werden sollte. Der Barbier des Orts, das sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, einen wirklicher Pfleger an ihm wurde, voller Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.

Aber er hatte auch noch Muße, um anderen Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein 18. Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegte, die Mädchen des Dorfes mit anderen Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, dass dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermutet hätte. Was er auch tun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg. Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareille mit den schönen roten Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Tony’s „zumpferne“ Agnes? oder eine von des Müllers Töchtern? Keine von all diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche als Bub bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinetwillen in Tränen zu sehen, ihm ein Genuss gewesen war? Ja die, die war’s, des alten, vermöglichen Vogts sein feines Mariannle, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei.

Freilich hätte er lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliches Bild vor seinen Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden solle, denn er wusste wohl, welch Kluft sei, zwischen der reichen Tochter des Vogts und einem armen Bauernknecht. Er konnte aber nicht, denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letztlich angeschaut hatte, so dass es ihm dabei war, als sähe er in das Paradies hinein. Ihr roter Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht zu sehr zu seinen Gunsten auslegen.

Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammerfenster oben heraus sehen durfte, da konnte er noch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, dass es das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, Niemand anderes war, als das Mariannele. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpflein ein klein wenig herauf, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.

Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach der Amtsstadt zur „Ziehung“. Zu Fuß war sie ausgezogen, das ganze Dorf hatte ihnen Glück gewünscht. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der konscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammengenommen hatten, zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen.

Als der Wagen in’s Dorf hineinfuhr und an dem Hause, an welchem die Bürger und Mädchen beisammen standen, vorbeifuhr, stimmten die lärmenden Rekruten ein Lied an. Und ein Buckliger, den der lustige Zufall Nummer Eins hatte ziehen lassen, brachte mit kreischende Stimme dem Soldatenstand ein lautes Vivat.

Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf eine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: „Verspielt! Nummer 17!“ entgegenhielt, da wurden die gute Mariann‘ blass bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm doch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.

Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft losgemacht hatte, ich bin froh, dass ich fort komm‘. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann‘ kannst du dir keine Hoffnungen machen. Sie ist hübsch – dazu reicher Leute, Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser ’s Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, dass sie dir hold ist, einfältiger Kerl? Also nur fort – Unglückskind – fort, fort!

Doch so schnell sollte es nicht gehen.
Hast du denn gar keine Fehler?“ Fragte ihn sein Vetter nach einiger Zeit, als er sich zur Visitation stellen mußte.
Zwanzig Jahre und kein Fehler!“, sagte die Riedbäuerin dazwischen. „das wär mir was! Jugend hat kein‘ Tugend.“
Von solchen Fehlern ist nicht die Red‘. Annekäther“, bemerkte der alte Rittbauer.
Keinen, dass ich weiß“, erwiderte Konrad. „Den linken Arm kann ich nicht mehr ganz biegen, seit ich ihn gebrochen habe.“
Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben“, sagte sein Pfleger. – „Ja“, dachte Conrad, „das werd‘ ich wohl bleiben lassen; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.“
Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt.
Was ist’s denn mit dem Arm da?“ Fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem anderen Ton, als dass Mariannle einst gefragt hatte.
Ich hab‘ ihn vor zwei Jahren gebrochen“.
Untauglich!“ hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonderer kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, dass noch ganz andere Kerle vor der Türe standen.

Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amzhause ging: das hab‘ ich schon gemerkt, dass der Soldatenstand just kein Schleckhafen ist. – Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in die Abstandsstube unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte er in den Bart hinein, „Aufrecht, dummer Bauerntölpel!“ Wie aber der Konrad auf dieses mit einem grimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, dass der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.

So hat ihm also das Vorhaben, durch die Nötigung der Umstände aus seinem heimatlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb mir nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben?

Die Familie des Mädchens gehörte zu den wohlhabendsten der Baar. Seit mehr als einem Jahrhundert war das Vogtamt beständig bei diesem Hause verblieben. Der älteste Besitzer des Stammgutes hatte unter anderem das Recht, mit eigenem Wappen zu siegeln, und selbst die regierenden Fürsten beliebten früher Zeit während der Jagd öfters ihre Einkehr in dem wohlgelegenen Bauernhause zu nehmen.

Kein Wunder also, dass der Vogt einen gewissen angeerbten Stolz und behäbige Selbstgefühl zur Schau trug. Zudem war er der Mann, der noch viel auf alte Sitten und Bräuche hielt. So herrschte zum Beispiel in dem Dorf noch die Sitte, die Gemeindeversammlungen im Freien unter der alten Linde bei der Kirche abzuhalten. Am Sonntag, wenn Wichtiges verhandelt werden sollte, postierte sich der Bannwart jedes Mal an die Kirchtür und entbot dem herauskommen den Bürger mit den Worten: „Ihr Mannen, ’s ist G’meind, Ihr sollet warten unter der Linden!“

Als einige Neurer später darauf drangen, die Versammlung, wie bereits anderwärts, im neuen Schulhause abzuhalten, stand sich der Vogt, der bei dieser Gelegenheit in eigensinnigen Widerspruch und Wortwechsel gerathen war, bewogen, das Vogtamt abzugeben, und vom Gemeindewesen gänzlich sich zurückzuziehen.

Um diese Zeit waren namentlich Zwei, der Sohn des Krämermichels und der Sternenwirtssohn: die waren nach anderthalb jähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und konnten etwas französisch. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimatleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs taten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andere in Bern oder Lausanne ein Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu gefallen, entschlossen sie sich endlich zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. „In Frankreich ist es so und so“ pflegte der Eine, der ein halbes Jahr im Elsass gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der Andere hatte die Parole umgekehrt: „So ist’s in der welschen Schweiz nicht“, warf er hin, so oft ihm etwas mißfiel.

Leider aber stieß er erste, der Franzos‘, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann‘ auf’s Angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahrte, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe.

Sein Bruder hatte ihm schon früher den Antrag gemacht, zu ihm auf dem Maierhof zu kommen, um den Dienst eines Oberknechts bei ihm zu versehen. Ein Antrag, der unserem Konrad eben recht kam.

Am „Bündelstage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er sein Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündeleien, das er in ein rotes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, dass das Mariannele just unter der Hausthür stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitet ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim.

Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn.

Der Pachthof, zu dem wir den jungen Landwirt begleiten, liegt auf einem stillen, waldbegrenzten Tal hinter dem Städtlein Bräunlingen, auf der Grenze zwischen der Baar und dem Schwarzwald. Auf kahler Anhöhe schauen die Überreste einer Burg. Das Wiesengelände, in dessen Mitte der Maierhof, ein weitläufiges steinernes Gebäude mit zackigen Giebeln sich erhebt.

Wenn es wahr ist, dass Tätigkeit und Unmuße am Besten geeignet sind, von Fällen von selbstquälerischen Sinnen und Grillenfangen abzulenken, so hätte es hier unzweifelhaft unserem Konrad gelingen müssen, seine Gedanken loszuwerden. Denn da galt es tüchtig Hand anzulegen von morgens früh bis abends spät. So sehr der Oberknecht und Gehilfe aber auch mit Arbeit überladen war, fand er dennoch Zeit genug, sich wachend und schlafend an die Heimat zurück zu träumen. –

Wenn die Schneestürme durch die winterliche Gegend wehten oder in kalten, hellstirnigen Nächten das Eis im nahe Teiche krachte, und Abends das Gesinde um den warmen Ofen sich gelagert hatte, führten ihn seine Gedanken nach Hause. – Jetzt, dachte er, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen, und die Weiber spinnen, dass der Ofen zittert, und die Männer liegen auf der Ofenbank. Jetzt wird der alte Kasper hereinkommen, er reibt die Hände, klagt über die Grindskälte und setzt sich in den Herrgottswinkel, wo er zu erzählen anhebt.

Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Geister, um so lieber, wenn der Wind gerade recht schauerlich um Kamin und um die Dächer rumort und die „Nachtfrau“, wie er sagt, um die Häuser schleicht. – So hörte ihn Konrad alle die alten Geschichten wieder vorbringen: vom „Berchenappele“ und anderen gespenstischen Weiblein, die in den Wäldern zwischen Hüfingen und seinem Heimatorte ihr so neckisches Wesen treiben sollen. – „Der Krieg“, schloss der Alte gewöhnlich, „hat die Geister alle vertrieben, d’rum hört man auch so wenig mehr davon“.

Solche und ähnliche Szenen malte sich in ungestörten Augenblicken der Träumer gerne aus. Aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter zu kehrten in das Vogtes Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich ein kein Hausrecht hatten. – Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimat nähert, gleichen Schritt mit ihm halten wolle, denn seht, er ist auf einmal bedeutend in der Marsch geraten, und wenn ihm das „Appele“ unterwegs keinen Streich spielt, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kaspar von ihm erzählen zu hören.

An einem hellen Februartag ging Konrad, vor der Sonntagskirche, auf einen der nächsten Berge, die „Windstelle“ genannt, und erstieg hier die höchste Tanne, um nur wieder einmal den Kirchturm seines Dorfes zu erblicken. Er hatte eine weite, weite Aussicht da oben, über all die dunklen Tannenwälder hinaus, in die Baar, bis an den blauen Osterberg und den hohen Randen. Da saß er denn, während ringsum die vielen Morgenglocken zusammen klangen, und sah und suchte; aber er konnte den wohlbekannten Turm nicht finden. Da, sagte er, indem er mit der Hand gegen den Fürstenberg wies, da muss er liegen. Eine ganze Stunde saß er auf dem Baum, bis sich die Ferne in bläulich weißen Duft gehüllt hatte; dann stieg er ein wenig mißmutig herunter doch war es dabei wunderlich zu Sinne, just als schon der Frühling anbrechen wollte.

Als er auf dem Hofe zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, dass seine Base, die Riederbäuerin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich, denn er wusste wohl, dass ihm seine Frau trotz ihres unfreundlichen Wesens unentbehrliche geworden war. Die Ehe hatte unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, dass sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, dass zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so aneinander gewöhnt und gefesselt waren, dass der überlebende Teil bald seinen losgelassenen Widerpart nachwelken musste.

Am Donnerstag, sagte, der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße, darunter aber auch einen ganz besonderen vom – Mariannele.

Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmergeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! , sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Teil des Tages das Gegenteil von dem, was er Morgen gewesen. Es schien ihn etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlicht betreten umher und fast schüchtern, so dass der alte Veitle, der Karrenknecht, vermutete, es sei ihm der Geist begegnet, der in dem Hofe zu weilen sich hören lasse, wenn er mit seinem Viergespann rassend durch das Haus fahre. – So viel ist übrigens gewiss, dass der junge Mensch so zerstreut war, dass er den Pferden den Wasserkübel statt des Heu’s in die Krippe schüttete.

Was hatte er denn gewagt? Es gab Jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimnis bleiben sollte. Denn wie das Mariannele den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergeselle, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet er viele hundert Grüße aus vom Konrad, – der sei nämlich bei ihm gewesen auf dem Waldhauserhof – und praktizierte ihr dabei ein Brieflein in die Hand.

Sie wurde blass und rot vor Schrecken und hätte beinahe das schwarz im Goldschnitt eingebundene Gebetsbuch und den Rosenkranz mit den blanken silbernen „Gottesregeln“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie den Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und unter Herzklopfen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:


Das Jokobifest war in Hüfingen sehr wichtig und wird auch schon im Hieronymus behandelt.

In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder. Deshalb bemerkt der Hafnermeister (Ofenbauer) mit dem Sappeursbart (sapeur=Steinhauer):

Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“.

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe im Hieronymus Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Im Jahre 1824 fiel der Samstag auf den 24. Juli, also war das Jakobifest auf das sich Hüfingen vorbereitet am Sonntag den 25. Juli 1824.

Lucian Reich beschreibt hier genau die Vorbereitungen in Hüfingen auf das Fest, an dem er selber 7 Jahre alt gewesen ist.

Schützenhaus

Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im “unteren Angel” ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das “Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen” mit “Bürstenbüchsen” zur Pflicht gemacht. (1)

Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April).

Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)

Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises (1)

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Mit dem „Bündelstag“ ist sicher Mariä Lichtmess gemeint.
Dies war einer der wichtigsten Tage im Bauernjahr, da am 2. Februar Knechten und Mägden in der Landwirtschaft erlaubt war, ihren Dienstherrn zu wechseln.

Der Hüfinger Kirchturm hatte es damals den Menschen wohl sehr angetan. Hierzu fällt mir der Ferienbummler von Josef Schelble aus dem Jahre 1899 ein. Hier kann man auch dem Mühlenbach und dem damaligen Stadtmüller begegnen:

Nach der lieben Vaterstadt
Die den grünen Kirchturm hat

Der Maierhof und die Schafweide Waldhausen gehörte damals dem Kloster Bebenhausen, einer Zisterzienserabtei, wobei Lucian Reich schrieb „fürstlicher Maierhof zu Waldhausen“. Waldhausen gehörte tatsächlich den Fürsten zu Fürstenberg und war bis zur Eingemeindung nach Bräunlingen selbstständig.

Über das Leben der „Roßbuben“ und auch die „Stilllieger“ hat Lucian Reich auch schon im Hieronymus berichtet. Auch die Roßbubenverfassung macht er hier wieder zum Thema.
Am Ende des Kapitels wird der Pfingstritt der Knechte und Roßbuben beschrieben, an dessen Ende der Pfingsthagen in den Brunnen geworfen wurde.

Die „Riedbauern“ lebten vermutlich Richtung Rieböhringen bei Hausen vor Wald, da er ein bis zwei Stunden von Hüfingen unterwegs war, den Fürstenberg sehen konnte und der Vogt gerne im Adler einkehrt.

Melodien der Baar – Kirchenglocken Hüfingen, Behla, Hausen, Fürstenberg, Mundelfingen und Sumpfohren

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

Wanderblühten – Das Buch

Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog


„Keine Kohle, kein Feuer
Kann brennen also heiß,
Wie stille heimliche Liebe,
Die Niemand nicht weiß“
Volkslied

„Hoffnung hintergehet zwar,
Aber was wandelmüthig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treu gesinnten Herzen gütig!“
v. Logau

Was habt ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebste Bildchen! Läßt sich der Freund und Gevatter vernehmen. – Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimelig aus! Ja, eine ganze Heimat, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, Die Baar, die an den Schwarzwald stößt.-

Wie still und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchen die Seele der jungen Mutter atmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das einen kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitert sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräte, und hat sich auch des behaglichen Haustiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüffelein rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch das offene Fenster hauchte frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nötig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. – Wißt ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in dem Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“ wie Gottfried von Straßburg sagt! Nein, wir wollen’s frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.

Das kann schon werden, sagte er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypfernen Venus emporkräuselt.

Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal, jetzt handelt es sich darum, ihn weiter zu fördern.

Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: Damit ist alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke, oder mit dem weißleinen Häublein in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele ernst gewesen ist.

Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Schutzengeln überlassen, nach welchen seiner Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er seine erste Selbstständigkeit erlangt hat.

Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in den Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschlosse herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muss er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hause „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den Busch„Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hause sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim oberen Bierhaus ist’s lebendig; dort liegt die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.

Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem fliederbeschlagenen Buche gelesen hat.

Meinhalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musizieren. Aber an Regensonntage da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick.

Zwick! das ist mir eine unbekannte Gegend.
So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur.
Jetzt weiß ich, wo ich d’ran bin. Das ist die Treibschnur;
die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt.
O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, dass einem das Herz im Leibe lacht. Das ist andere Arbeit.
Nun, was hilft’s. Die Freude wird auch nicht ewig währen.
Wenn Hölth sagt:

Bald sitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero,
Verschimmeltes Latein,

So ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in dem leinenen Häublein, oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick, oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muss, und die Sonne scheint so lustig draußen, dass es einem wie Quecksilber durch die Adern ringt. –

Ja, das ist halt freilich eine harte Nuss. Wir wollen froh sein, dass wir sie durchgeknackt haben. Übrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.

Ja, im Winter tut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Eckballen, Marbel, Ball und andere Ergötzungen, und in der Schule selbst führen wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.

Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange, dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darf es mein Konrad nicht bringen; auch muss er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich‘ da nicht nur um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge. als da sind die Geschichten vom ägyptischen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgle“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt.
Halt – kann er denn die Mädchen leiden?
Das nicht gerade. Vielmehr zupft und rupft er sie, scheucht und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist‘ s ihm ein „gemähtes Wiesle“. Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei es auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen.
An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.

Noch einmal Halt – Ist keine ist keine darunter, die er, – wie soll ich mich ausdrücken? – so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wisst schon – es gibt Fälle, da hat man Beispiele.
Allemal ist so eine d’runter, das versteht sich.
Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name tut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigentümlich besonders nicht leiden kann.
Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang.
Also, Marianne?
Des erreichen Vogts Marianneli. Die Jagt er immer am hitzigsten, die kneift der am ärgsten, wenn er sie erwischen kann.
Und doch hat sie ihm gewiss nie etwas zuleide getan.
Bewahre, sie könnte keine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das kleine freundliche Mädel ja nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kammerädinnen ist.

Doch kann das im stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, dass sie ein wenig vornehmer ist als er.
Freilich tut er das, und ich will gleich so ein Zeug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützte diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh‘ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kammerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann‘, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solche sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins?
Grad‘ dir schenk‘ ich keins, sagt er: Warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in eurem Shopf Tabak rauchten?
Ich kann ja aber auch nichts dafür, sagt sie, und die Tränen fließen ihr in die Augen, dass sie allein leer ausgehen soll.
Kauf dir eins, sagt er. Ihr sind. Ihr seid ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache.
Sie sieht ihn aber nicht an?
Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule und unten an der Haustür auf sie, und sagt: da, Mariann, ich schenk es dir doch. – Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich es auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. – Nachher aber ist sie aber gleich wieder gut.
Da muss er übrigens doch noch etwas extra tun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen.
Ja, nach feiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehntscheuer. Es wird hin und her geraten, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben auszuteilen, sagt endlich der Konrad.

Das ist, schätze ich, wohl, „Engel und Teufel“?
Ja, es kommt auf eins heraus.

Die Kinder sitzen im Kreis, eines teilt die Farben oder Blumen aus, ein anderes stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum anderen und sagt ihm ins Ohr: du bist eine rote Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke und so weiter.
Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt es: du bist ein Schlehenbusch, du eine Brennessel, du ein grüner Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. – Wer ist drauß‘? fragt die Austeilerin. – Der Engel mit dem Schein. – Herein. – Was hätt Er gern? – Eine Farb‘. – Was für eine? – Eine weiße Rose. – Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel –
Den macht unser Konrad?
Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappdeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. – Wer ist drauß? – Der Teufel mit der Schürgabel. – Was hätt‘ er gern? – Nun bekommt auch der Teufel seinen Anteil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappern entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz allen Ratens nicht auf die rechte Farbe kommen kann.

Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann‘ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumenname nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muss es sich auch noch gefallen lassen, dass die Seele, und der vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wütend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorbei marschierenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann‘ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten.
Zarte Aufmerksamkeit!

Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne einen Zetermordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster raus. Was gibts? – Der Konrad hat die Mariann‘ ins Gesicht geschlagen, dass sie blutet. – Habe ich dir nicht schon oft gesagt, du sollst nichts mit dem Rotzer haben?

Welche Demütigung für seine satanische Majestät!
Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Salzsäure vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrentiteln hinnimmt, faßt in eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in Arbeit.

Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen!
Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem gestrengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer des Buben führt, zählt ihm noch etliche aus dem ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich ins Bett. – Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, besser jetzt, als später!

Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.

Wenn er das vorher wüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der hier so harmlos träumte. – Wenn ich so einen kleinen runden Kindskopf sehe, so pflegte ich immer zu denken: Du wirst mit der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.

Und doch, wie klein sind die Unfälle, über die wir zurerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Tränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!

Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.

Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr und kraus durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsren Auge das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihrer vollkommenen Gestalten, die wir in Unmuth und Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist denn manches böse Fädelein verschwunden, das uns so dick wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut, denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornämlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. – Aber nun webt mir für unseren Schützling einige freundliche Fäden ein.

Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig tut es mir leid, dass ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die mißfarbigen, denn es nötigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.

Ihr seid unerbittlich, wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.

Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen, denn seine Eltern sind sehr arm. Wie? Da sagt Euer Bildchen die Wahrheit nicht.
Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armut, und das Zimmer sieht so blank gescheuert und wohlhabend aus.

Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichtum, gilt aber doch nichts im Pfandbuch, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Haus aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unseren Konrad, wenn er in Armut aufwächst?

Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus.
Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet wacker auf dem Felde, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht 13 Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.

Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so grässlich auf! Wie und wo kommt der denn ums Leben?
Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge.
Halt, halt, Meister Lucian, man muss den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, solange er mit Ehren geschehen kann. Oder – ja, nun merk‘ ich’s. – Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während ihr mir weiß macht, dass ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecken der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.

Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus Dem abnehmen, was-

Was etwa einem Vater geschehen ist?
Nun, ich will nur so viel sagen, dass ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes und dass ich dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelsehrohr von des zugedrückten Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; den ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.

Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchlein und teilt es mit, ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.

Darauf legt der Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewusstsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.

Lucian Reich erzählt hier zuerst eine Unterhaltung mit „einem schriftgeübten Freund und Sohn der Musen“ und nennt sich hierbei selbst „Meister Lucian“.

Mater nati fata requirens – die Mutter des Sohnes sucht das Schicksal

Wachse ‚ n und trüeihe
bzw. „Wachset und trüeihet!

Johann Peter Hebel

Zwick, so heißt das vordere Ende einer Geißelschnur oder Treibschnur. Das Wort Peitsche wurde damals wohl nicht in diesem Zusammenhang benutzt.

O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht.

Rottweiler Schlinge mit Zwick

Bald schwitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero‘,
Verschimmeltes Latein,

Darauf legt Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschicht an, wie folgt.

Wanderblühten – Die Familie des Einungsmeisters

Einführung über Konrad Ebner

Liebet Friede, legt zu Seiten
Haß und Streiten,
Als den Brunnquell aller Pein.
Werdet nicht hierinnen müde,
Weil zum Friede
Wir von Gott berufen seyn.

Paul Flemming


„Es isch e brave Ma, in alle Stücke biwandert,
u si Frau, Statthalters Blut, mit Tugend bihaftet.“
Johann Peter Hebel

In den fünfziger Jahren des letztverflossenen Jahrhunderts hauste auf dem Wirtshaus zum goldenen Hirsch in Dogern die Witwe des verstorbenen Wirtes Ebner. Einsichtsvoll und verständig hatte die Frau, während der bösen Zeiten der Salpetererhändel, ihr Hauswesen nicht nur gut durchzuführen, sondern auch das Vorhandene nicht unbedeutend zu mehren gewußt. Mit Beharrlichkeit und Selbstgefühl konnte sie daher auf einen wohlgeordneten Hausstand blicken, der bei bürgerlicher Sinnesart kaum mehr zu wünschen übrig ließ. Eine Tochter war glücklich, das heißt in einen vermögenden Mann verheiratet, und dem einzigen Sohne, einem feurigen jungen Burschen, Konrad, durfte man wohl mit Recht zutrauen, dass er in dieser Beziehung auch keinen Fehlgriff tun werde. Die fürsorgliche Mutter, längst geneigt, die Zügel ihres häuslichen Regiments teilweise einer wackeren Schwiegertochter in die Hände zu legen, hatte bereits in Gedanken sich umgesehen, wo für den Sohn wohl eine passende Partie zu finden wäre. Und nicht nur der Mutter, auch ihrer Mitbürgerinnen war die Brautwahl des jungen Mannes Gegenstand angelegentlicher Sorge, und die Frage: Seyn oder nicht seyn? unter ihnen förmlich an der Tagesordnung.

Glücklicherweise schien der Gusto des Sohnes diesmal mit dem Wünschen der Mutter in schönster Übereinstimmung. Denn es war so viel wie entschieden, dass der junge Hirschenwirt sein Augenmerk auf das goldlockige Fränzele, die Tochter eines sehr vermöglichen Hofgutbesitzers in der Nachbarschaft geworfen, und schon einmal mit der beneideten Schönen den Josephs-Markt in Hauenstein besucht habe; ein Umstand, in welchem die ländliche Politik so viel wie eine offizielle Erklärung erblicken wollte. Und als man kurz darauf die beiden als Gevattersleute bei der Taufe des Erstgeborenen der verheirateten Schwester des Konrad zur Kirche schreiten sah, mußte auch der letzte Zweifel schwinden. Weil jedoch, wie man zu sagen pflegte, bei der gleichen Angelegenheit allemal der Himmel hauptsächlich mit dem Spiele ist, so erwies sich auch hier menschliche Berechnung als zu kurzsichtig. Ein in dieser Zeit fallendes Ereignis brachte mit einem Mal eine Veränderung in der ganzen klug ausgesponnenen Familienplan. Es war der Tod des Einungsmeisters Tröndlin, der dem Ebner’schen Hause verwandt und befreundet, nach langem, vielbewegten Leben eingegangen war zur ewigen Ruhe.

Konrad kam von einer Fahrt, die er mit seinem vierspännigen Zuge für einen Kaufmann nach Zurzach getan, noch zur rechten Zeit nach Hause, um der Beerdigung des Vetters beiwohnen zu können. Die Leiche war mit allem, einem Einungsvorstand gebührenden Ehren zur Erde bestattet worden. Der kaiserliche Waldvogt selbst, die Achtmannen, die Einigungswaibel mit ihren Hellebarden und hochroten Röcken, nebst einer großen Menge Volkes hatten den Verblichenen zum Grabe begleitet. Früh morgens war der junge Ebner nach Alpfen geritten, und gegen Mittag, nach beendigter Trauerzeremonie, kehrte er wieder zurück, auffallend zerstreut und nachdenklich. Die Mutter, welche auf ihre Frage nur wortkargen Bericht über die Begräbnisfeier erhalten, schrieb sein bestimmtes Wesen dem Eindruck zu, den das frische Grab, das Leid und die Klage der Anverwandten auf sein mitleidiges Herz gemacht habe, und schmeichelte sich, dass der Sohn in dieser in diesem Punkte ganz der Mutter nachschlage, welche bei fremdem Unglück bekanntlich niemals ungerührt bleiben könne.

Wider seiner Gewohnheit hatte er sonst so gesprächige lebensfrohe Mensch Abends, statt sich zur Gesellschaft an den vorderen Tisch zu setzen, im Finstern auf der Ofenbank Platz genommen, und nachdem er eine Zeit lang mit geschlossenen Augen, und zuweilen seufzend wie in schwerem Traume, dagelegen, begab er sich früh auf seine Kammer, wo er aber, wie es sich herausstellte, nicht allsogleich einschlafen konnte; denn als die Gäste spät nach Hause gingen, sah man den Träumer noch unter seinem Fenster in die laue Sommernacht hinauslugen.

Am anderen Morgen war aber der junge Mann früh im benachbarten Hause seines Vetters und „Göttes“ erschienen. Dieser, ein Vertrauter und Freund des Ebner’schen Hauses, saß eben mit den Seinigen bei der Morgensuppe und sprach seine Verwunderung aus, sein Patenkind so früh schon bei sich zu sehen. Die Base aber hatte sogleich einen Stuhl zurecht gerückt mit der Einladung, der Vetter möge mithalten beim Frühstück. Dieser jedoch dankte für Alles und beschäftigte sich, bis das Essen vorüber war, mit dem kleinen Kinde, welches in seinem großen blauen Augen so verständig aus dem bauschigen, rotgeblümten Kissen schaute, als verstünde es den Zuspruch des freundlichen Vetters.

Als das Mahl vorüber und das Tischgebet gesprochen war (die Base trug eben die leere Schüssel hinaus), wendete sich Konrad zu dem Götti: er habe etwas unter vier Augen mit ihm zu reden. Und sie gehen in die Kammer, und der Götti zieht die Tür geheimnisvoll hinter sich zu; denn aus der Miene des jungen Vetters zu schließen, muss es wohl etwas Wichtiges sein, was er mitzuteilen hatte.

Ich möchte“, fing hierauf Konrad mit etwas gedämpfter Stimme an, „ich möchte in einer Sach‘, die mir sehr am Herzen liegt, Euren Rat erbitten.“
Und das wäre“? fragte der Götti erwartungsvoll.
Ihr wißt“, versetzte der Andere, „daß ich auf Jakobi den Kauf übernehmen soll, und, wie es sich von selbst versteht, bald eine Frau -“
Aha“, fiel ihm der Göttie in die Rede, „versteh‘ dich schon, du möchtest die Sache beschleunigen, vielleicht noch vorher den Ehebund –
„hört mich nur weiter“, unterbrach der junge Mann; der Götti aber ließ ihn nicht zu Wort kommen: „die Sache ist schon eingefädelt“, fuhr er fort, „Schatz, überlaß nur mir die Leitung; erst gestern habe ich mit des Fränzeles Vater über die Angelegenheit verhandelt; der Alte ist content, und was das Mädel anbetrifft – „
Daraus wird nichts, kann nichts werden“, fuhr der Jüngere hastig dazwischen, „mich bindet kein Verspruch, wir beide sind ganz und gar nicht für einander, und war Alles mehr das Werk meiner Mutter und Schwester. Schaut, Götti, ich muss offen bekennen: – keine Andere als des Müllers Kätherle will und kann ich heiraten!“

Der Familienrat machte große Augen, drehte sich halb auf dem Absatz herum und schaute mit einem Ausruf des Erstaunens an die hölzerne Decke des Gemaches, als solle er ein Wunder schauen; dann wendete sich der fast merklich beleidigt an den Sprecher: „wenn der Handel“, warf er empfindlich hin, „denn schon so sicher und abgemacht ist, was soll denn noch mein Rat?“

Götti“, fing hierauf der Andere etwas geschmeidiger an, „ich weiß, dass Ihr’s gut mit mir meint; auf Ehr und Seligkeit versichere ich Euch, dass ich bis jetzt mit keinem Menschen noch ein Wort über die Sach gesprochen habe, als mit Euch; schaut, ich werde noch manchem Berg zu übersteigen haben, bis ich am Ziel bin, weiß ja doch selbst noch nicht einmal, ob’s Kätherlr will und wie es gestimmt ist; auch wird es sonst noch manchen Strudel absetzen. Doch, ich denk‘, wenn ich nur Euch zu meinem Beistand hab‘, so wird sich das Andere finden.“

Sichtlich geschmeichelt durch dieses Zutrauen, schwieg der Rat eine Weile, dann hub er an: „Also das Kätherle! – ei was man doch nicht Alles erleben muss – hm, das Ding wird seine Häckle haben und will überlegt sein. Vor Allem nur nichts übereilt; es ist bälder etwas verrennt als verschlichen, sagt das Sprichwort. Ja freilich wird es noch Berg‘ zu übersteigen geben. Potztausig! deine Mutter – die Weiber sind eigensinnig, und eine Hauensteinerin vorweg, wie ich aus meinem 20-jährigen Ehepraxis selbst am besten weiß. So viel mir bekannt ist, Vetter, steht die Tröndlin’schen nicht am Besten – zwar, des Hirschwirtssohn von Dogern braucht nicht auf Geld und Geldwert zu schauen, ob aber deine Mutter auch so rechnet, nu das wird sich geben; was sein soll schickt sich wohl. Was ich aber fragen will: tu‘ vor der Hand keinen Zug, ich will’s mir überlegen und einleiten – Der Dunder! ’s. Und da Feänzle das dauert mich; doch es hat Geld, und Geld ist die Welt!“

Nach langem Hin- und Herreden mußte der Freier wiederholt geloben, keine übereilten Schritt zu tun. Dafür sagte eben der Vetter feierlich seine Dienste und Hilfe zu; auch der Vater des Fränzles wollte er über sich nehmen und die Sache, wenn es denn einmal nicht anders sein solle, schlichten, ohne dass eine Todfeindschaft daraus entstünde. Soweit die Verabredung.

Doch, hören wir den Leser oder vielmehr die geneigte Leserin neugierig zu fragen: wer ist denn dieses Kätherle, und durch welche Mittel gelang es ihm, die Seele des jungen Burschen also so zu verhexen und einzunehmen? Ehe sich aber hierauf antworten. Sei uns erlaubt, einen Blick in die Vergangenheit zu tun, und Einiges über die Geschichte des älterlichen Hauses der Schönen und damit zusammenhängender Zustände des Landes zu sagen.

Der Müller und Einungsmeister Josef Tröndlin und seine Familie in den Salpeterkriegen

Begeben wir uns deshalb landeinwärts näher an das Gebirge, wo zwischen Kornfeldern und Tannenhügeln das Dorf Unteralpfen liegt. Dort, wo ich das kleine, aus dem „Hirschmatten“ rinnende Bächlein mit dem „Steinbache“ vereinigt, unterhalb des Dorfes, steht am kleinen Weiher eine Mühle und Wohnhaus, ehemals das Eigentum des Einungsmeisters Joseph Tröndlin, desselben Mannes, von dem bereits gesagt ist, dass er während der Zeit der Salpeterkriege stets an der Spitze der besonnenen Partei gestanden, die sich nach ihm die Müller’sche oder Tröndlin’sche genannt habe.

Das Ländchen hatte zu jener Zeit noch seine althergebrachte Gauverfassung; ein Bund zu gegenseitigem Schutz und Trutz von dem Waldvolke beschworen, der zum Zwecke hatte, die überkommenen Freiheiten und Rechte allzeit gebührend zu wahren, sowie bei Kriegsgefahr die Grenzen des Landes zu verteidigen: Alles jedoch unbeschadet der kaiserlichen Obergewalt.

Die oberste Leitung des bürgerlichen Wesens lag in der Hand eines vom Volke gewählten Redmann’s, dem als Vertreter kaiserlicher Hoheitsrechte ein Waldwaldvogt gegenüberstand, nebst einem Waldpropst, welcher die Ansprüche des benachbarten Stiftes St Blasien, welches im Lande viele Zinsverpflichtete hatte, überwachen soll. Das Land zerfiel wiederum in acht Distrikte, deren jeder eine, der Gesamtheit angeschlossene Einung bildete, in der ein alljährlich neu gewählter Einungsmeister die oberste Stelle einnahm.

Eine große Anhänglichkeit an das Altererbte machte, das diese Einrichtung Jahrhundete lang erhalten blieben; doch war dieser löbliche Zug im Charakter des Volkes bei Vielen auch mit einem störrischen Misstrauen und unbelehrbaren Eigensinn gepaart, der jede, auch die wohltätigste Neuerung, als gefährlich erscheinen ließ; und gewiss trug diese Sinnesart nicht wenig zu der Langwierigkeit der hässlichen Salpeterhändel bei, welche während eines halben Jahrhunderts den Frieden des Landes störten. – Die Veranlassung zu diesem Wirren lag in dem Verhältnisse Hauensteins zu dem Stifte St. Blasien.

Viele Einwohner nämlich waren als ehemals Leibeigene dem Stifte noch zinsbar. Während langer Kriegszeit aber waren diese Verbindlichkeiten nicht mehr geltend gemacht worden und daher fast in Vergessenheit geraten. Da geschah es im Jahr 1719, dass die Abtei ihre Rechte aufs Neue wieder bestätigen und in Kraft treten lassen wollte. Auf dem längst nicht mehr gehaltenen Dinggericht zu Remetsweil sollte durch einen Bevollmächtigten des Klosters und zwölf vom Volke gewählten Richter die Angelegenheit ins Reine gebracht werden.

Während der Verhandlung erhob sich ein früherer Einungsmeister, Fridolin Albig von Buch, seines Geschäftes ein Salpeterdieder, und machte Einsprache: der Dingrodel sei verjährt, behauptete er, die Leibeigenschaft durch die Gnade Kaiser Leopolds abgeschafft, daher die Ansprüche St. Blasiens ungerecht.

Es fruchtete nichts, dass der Waldvogt die Erklärung gab: es handele sich nicht um die allerdings abgeschaffte Leibeigenschaft, sondern um daher stammende Rechte und Abgaben, die kaiserlicher Seits anerkannt, dem Stifte rechtlicherweise zukämen. Ohne ein Verständnis erzielt zu haben, gingen die Versammlung lärmend auseinander. Der Funke der Widerspenstigkeit hatte getzündet, die Zahl Derer, welche den Forderungen des Stiftes ihre Anerkennung versagten, wurde mit jedem Tag größer; dieses aber hatte seine Sache vor dem Kaiser als den Schutzherren des Klosters gebracht, während andererseits Albiz, der Salpeterer, sich an die Spitze der Protestierenden stellte.

Dieser Mann war wie gemacht zum Parteihaupte. Bei einem männlich ausdrucksvollem Äußeren besaß er die Gabe der Rede wie Wenige, und an Schlauheit und Energie fehlte es ihm ebenfalls nicht. Starrsinnig und zugleich rauen Gemüts war er aber jeglicher Belehrung unzugänglich, und weil er kräftig den Rosenkranz betete und fleißig zur Kirche ging und wallfahrte, so stand er im Rufe besonderer Frömmigkeit, und Alles, was er sagte und behauptete, ward von seinen Anhängern den Aussprüchen eines Orakels gleich geschätzt.

Das Land“, so lautete seine halb auf wiedertäuferischen Vorstellung beruhende religiös-politische Lehre, „sei nach dem letzten Willen des Grafen Hans von Hauenstein eine freie Reichsgrafschaft unter dem Schutze des Kaisers; St. Blasiens angebliche Rechte seien treulos erworben und erkauft – Bald werde jedoch unter Gottes Leitung die goldene Zeit des Patriarchalen-Lebens zurückkehren. Jedermann werde frei sein, jnd Gottes Wort allein, ohne andere Zuthat, richten. Nachdem die Bundesbrüder die Güter der Gegner unter sich geteilt, werde jeder Hausvater unter dem Baume vor seiner Hütte die Angelegenheiten der um ihn versammelten Angehörigen schlichten. – Doch werde bis dahin mancher Jünger im Gefängnis schmachten, ja sogar Marter und Tod erleiden müssen“, u.s.w.

Es ist begreiflich, dass solcherlei Grundsätze und Ideen ganz geeignet waren, die Menge zu gewinnen. Je mehr deshalb auf der einen Seite Hindernisse sich gestalteten, desto größer ward auf der anderen Trotz und Leidenschaftlichkeit- – Mag auch über die unchristliche Leibeigenschaft und ihre Ausflüsse, zumal von einem geistlichen Stifter ausgeübt, verschieden gedacht werden, so muss doch die Art und Weise, wie die Salpeteranhänger den Streit führten, und zugleich fanatisch-feindselig gegen ihre übrigen Mitbürger auftraten, entschieden mißbilligt werden.

Um den Schritten St. Blasiens in Wien entgegen zu arbeiten, hatte der Häuptling, unterstützt von seinen Freunden, eine Reise in die Kaiserstadt unternommen. Verwiesen an die Landesregierung zu Freiburg, wo seine Beschwerden vorzubringen habe, kehrte er in die Heimat zurück, Wunderdinge erzählend von dem guten Empfange, der ihm beim Hofe geworden. – Er gab vor, sogar einen kaiserlichen Gnadenbrief zu besitzen, der ihm der Monarch selbst eigenhändig habe, und als bald darauf bei einer Einungs-Vorstandsgswahl, die alljährliche im Frühling vorgenommen wurde, seine verblendeten Anhänger auf die Veröffentlichung des Dokuments drangen, fragte er schlau und berechnend: Ob ihnen denn der Brief noch nicht zugestellt worden sei? Der Einungsmeister Tröndlin, sein Hauptgegner, müsse in entweder unterschlagen, oder treuloserweise an das Stift St. Blasien verkauft haben!

Dergleichen schlauberechnete Ausfälle verfehlten natürlich ihre Wirkung auf die erhitzten Gemüter nicht. Die Aufregung wuchs mehr und mehr, und als der unruhige Mann bald darauf verstarb, führten seine Anhänger den Streit weiter, der in kurzer Zeit über den ganzen Unterwald sich verbreitete.

Im Jahr 1727 wollte St. Blasiens Abt im Lande die Huldigung vornehmen lassen, sie ward aber verweigert; und als die Regierung schärfere Maßnahmen gebrauchte, kam die lang verhaltenen Flamme zum Ausbruch. Der Waldvogt hatte die, um selbige Zeit von den Salpetern eigenmächtig erwählten Achtmannen greifen und ins Gefängnis nach Freiburg verbringen lassen.

Dies war die Losung zu rachsüchtiger Erhebung. Wie vorauszusehen, entlladete sich die drohende Wolke zuerst über dem Hause des besonnenen Einungsmeisters zu Alpfen, der stets zur Besonnenheit und billigen Verständigung der Parteien geraten. Mit Knitteln bewaffnet streiften nächtlicher Weile wildtobende Rotten vom Gebirge her über den Wald. Raub und Gewaltthätigkeit droht allen sogenannten Ruhiggesinnten, die erschreckt sich flüchten. Die Mühle zu Alpfen wird überfallen; man raubt Pferde und Hausrat, läßt den Mühlteich ab, fischt ihn aus und verstopften die Deichel; kaum dass der Einungsmeister dem Tode von der Hand heimlich Auflauender entgeht.

Endlich zieht von Freiburg her kaiserliches Militär mit etlichen Geschützen auf; in ihrem Rücken aber erhebt sich der Landsturm, über 1000 Salpeterer mit einigen 100 gewaltsam fortgerissen „Ruhigen“. Auf den Feldern bei Dogern schaart sich der Haufe um die altehrwürdige Landesfahne, den heranziehenden Grenadieren die Spitze zu bieten.

Doch schon nach den ersten Schüssen stiebt der Haufen auseinander, und die Flüchtigen berichten den Ihrigen daheim: St. Blasien habe sich zum Nachgeben bereit erklärt, daher weiteres Blutvergießen unnötig.

Nachdem mehrere Haupträdelsführer ergriffen und zur Strafe an die ungarische Militärgrenze abgeführt worden waren, kam einige äußere Ruhe über das Land – Doch im Inneren der erbitterten missgeleiteten Gemüter gärte noch der alte Groll und die Hoffnung, dereinst dennoch zu obsiegen.

Trotz der Stürme von aussen war die Mühle zu Alpfen die Stätte glücklicher Häuslichkeit. Der Sohn des Einungsmeisters mit einen tätigen braven Weibe verheiratet, besorgte das Müllgeschäft, während der Großvater den einungsmeisterlichen Geschäften oblag. Ein Töchterlein war von mehreren Kindern allein noch am Leben und daher mit doppelter Sorglichkeit von den Eltern gepflegt und behütet. Und wenn auch die Störungen und Beschädigungen, welche dem Hause von Seite irregeleiteter Mitbürger widerfuhren, keineswegs geeignet waren, Wohlstand und Besitztum zu mehren, so fand dafüer die Familie ein solideres Glück in treuem Zusammenhalten in guten und schlimmen Zeiten und dem Selbstbewusstsein besserer Naturen, gegenüber äußerlicher Anfeindung und Verkennung.

Noch war aber der Streit im Allgemeinen nicht zu Ende. Nach längerem Verhandeln war man zwar mit St. Blasien einig geworden, dem Land allen Lasten, welche der ehemaligen Leibeigenschaft entstammten, gegen gewisse Loskaufssumme zu erlassen, und alle Billigdenkenden, welche es mit dem Lande gut meinten, wünschten sich Glück zur endlichen Beilegung der unseligen Händel; nicht so die Salpeterer. Diese schrieen über Verrat, hielten wieder bei Tag und Nacht Versammlungen, warben Anhänger und bereiteten sich zum abermaligen Widerstande vor. 20 Männer, der Häuptling Fridolin Gerspach an der Spitze, machten sich unverzüglich auf den Weg nach Wien, um bei dem Kaiser Beschwerde einzulegen wegen der Schließung des Vertrages.

Zugleich unternimmt ein Schwärmer, Leontius Brutschi von Dogern, eine Wallfahrt nach Einsiedeln mit hundert und elf Jungfrauen, um für glückliche Verrichtung der Geschäfte zu beten. Zwei Männer aus jeder Einung ordneten die Reihen, während eigend bestellte Weiber für den täglichen Anzug und die Zöpfe der Pilgerinnen Sorge tragen müssen.

Aber weder er die Gunst des Himmels noch die Zustimmung des Kaisers ward den Unzufriedenen. Es erschien vielmehr eine landesherrliche Botschaft, welche das Getriebe offen mißbilligte, so wie ein kaiserliches Sendgericht, beschützt von militärischer Macht, um die Zustände des Landes einer Prüfung zu unterwerfen.

Joseph Tröndlin, der einsichtsvolle Einungsmeister, mit den übrigen Obmännern und einem freigewählten Landesausschuß traten mit dem Abgesandten in’s Einvernehmen. Die Salpeterer, um alle Verständigung zu hindern, nahmen ihre Zuflucht abermals zur Gewaltthätigkeit. – Bewaffnete Rotten erheben sich im Gebirge, bei Gurtweil und dem wilden Tiefenstein; ein verabschiedeter Soldat ordnet die Reihen und führt sie gegen die heranrückenden Milizen. – Wie bei Dogern folgt auch hier auf die ersten Schüsse übereilte Flucht, und mehrere der Anführer werden mit dem Waffen der Hand ergriffen. – Doch konnte weder das Hochgericht zu Albbruck, noch die Strafen der Verbannung den tiefgewurzelten bösen Schaden heilen, welcher vier Jahre später wiederholt zum Ausbruch kommen sollte.

Mildgesinnt hatte die Kaiserin Maria Theresia den Verbannten Rückkehr in die Heimat gestattet. Manche, welche die Unverbesserlichkeit dieser Schwärmer kannten, schüttelten bedenklich die Köpfe, als sie von dieser Maßregel hörten. „Setze eine Katze in’s Taubenhaus wie du willst, sie bleibt eine Katz und wird miauen!“ sagte der alte Tröndlin, als er die Rückkehr der erzunruhigen Parteigänger vernahm. Und siehe, er hatte sich nicht getäuscht. Denn alsbald erscholl erwartungsvoll die Kunde von der Freilassung der Verbannten, und wieder begann das alte Spiel. Die Männer, hieß es, seien ins Land geschickt, um die Beschwerden der Salpeterer zu sammeln und ihren Handel aufs Neue zur Entscheidung von den kaiserlichen Thron zu bringen.

Ein Anschlag der Anführer, sich des Landesarchiv in Dogern zu bemächtigen, wird durch die besonnene Dazwischenkunft des Einungsmeisters Tröndlin vereitelt, der schleunigst die Schriften nach Waldshut zu bringen sucht. Aber nur mit Mühe gelingt es durch Schließen der Stadttore, den nachstürmenden Tross von der Verfolgung abzuhalten.

Dieses war jedoch Alles nur der erste Akt des beginnenden Drama’s, in welchem die berüchtigten Anführer: das begnadigte „Tochtermännle“, der „Preuß“, „Gudihans“ und Andere die Heldenrollen übernehmen.

Vor allen Dingen sollte ein vernichtender Schlag gegen die Hauptgegner Joseph Tröndlin in Alpfen und den gleichnamigen Einungsmeister in Rotsel ausgeführt werden. Beide Männer waren bisher zum großen Verdruss der Unruhestifter immer wieder durch des Volkes Stimme zu den obersten Einungsstellen berufen worden. Ein Advokat aus Basel, welcher die Sache der Salpeterer zu führen unternommen, hatte er in langer Schrift die Beschwerden seiner Partei der Landesregierung zu Freiburg übergeben, und besonders heftig gegen die obengenannten Männer losgezogen und auf ihre Beseitigung gedrungen. Diese verfaßten eine Gegenschrift, die mit biderbem Spotte, scharfstimmig und schlagend die Gegner entwaffnete, zugleich aber ihren Hass aufs höchste steigerte.

Der unterdessen hereingebrochene 7-jährige Krieg hatte dem Lande drückende Lasten und Einquartierungen gebracht. Natürlich, dass an allem Diesen niemand Schuld ist, als die beiden Trödlin. Eine Deputation der Unzufriedenen geht deshalb abermals an den Wiener Hof, die Unbill dem Kaiser vorzustellen. – Verderbensträchtige Dünste sammeln sich, die bald wieder als Gewitter über dem Müllerhause zu Alpfen sich entladen sollten.

Dem anhebenden Sturme zu begegnen, hatte der Obrist des über den Wald verlegten österreichischen Regimentes mehrere der Aufwiegler gefänglich einbringen lassen. Vergeblich. – Schon zeigten sich wieder die bekannten Sturmvögel: Bettler, Kesselflicker, Wahrsager und Gaukler, und durchziehen in Scharen das Land, die unsinnigen Gerüchte verbreitend. Der wackere Einungsmeister Tröndlin, hieß es, sollte bald verrückt geworden, bald erschlagen oder landesflüchtig sein.

Es war zu Anfang des August. Eine trübe regnerische Luft lag über der Landschaft. – Wohl mochten böse Ahnungen den Bewohnern der Mühle am Steinbach Unheil künden. – Im Hause des Mayrer, eines Bruders des berüchtigten Tochtermännle, ging’s geschäftig aus und ein. Bis tief in die Nacht dauerten die heimlichen Zusammenkünfte. Eine Lumpensammlerin, die dort übernachtete, hatte die Müllersfamilie gewarnt, auf der Hut zu sein, herumstreifendes Gesindel habe verlauten lassen: dass der alte „Halunke“, der Einungsmeister, von einem hingerichteten Salpeterer in Josaphat’s Thal geladen, im nächsten Frühjahr seine Felder nicht mehr selbst ansehen werde u.s.w. Und schon gab es Manche, die, auf allgemeine Verbrüderung hoffend, diesen aber jenen Acker des Müllers als ihr dereinstiges Eigenthum ansehen mochten.

Tiefhängende Wolken verfinsterten die Nacht. Ein schnaubender Wind schweifte um die Halden, über die weiten Getreidefelder, und flüsterte unheimlich in den Erlen am Mühlbache.

Da weckte Gepolter die Hausbewohner; der Müller sprang aus dem Bette, donnert’s? fragte ihn erschreckt und ängstlich sein Weib. – ehe ihr Mann aber noch antworten konnte, begann der Lärm von Neuem. Die Haustür wurde eingeschlagen; – vergeblich war das mannhafte Entgegentreten des Müllerknechts. Die Verschworenen dringen ein, die Stiege herauf, Mayer, des Tochtermännles Bruder, voran. „Landesverräter“, schreit der Troß dem Müller entgegen, der mit einer Hellebarde mutig sich zur Wehr setzt. Er wird übermannt, der obere Stock erstürmt, die Türen erbrochen und der Einungsmeister ergriffen und gebunden herausgeschleppt. Jammernd und halbtot vor Schrecken waren Mutter und Tochter eine Zeit lang in der Kammer geblieben; als das wilde Getöse verhallt und Stille eingetreten, wagten sie sich heraus. Betäubt und blutend von einem schweren Schlage über den Kopf liegt der Müller auf dem Boden. – Mit Hilfe eines Müllerknechts gelingt es der jammernden Frau, dem Mann wieder ins Leben zurückzurufen.

Katharina, das Töchterlein, war dazumal neun Jahre alt. In ein und derselben Nacht war auch das Haus des Einungsmeisters in Rotsel und andere Männer von der Gegenpartei überfallen und die Inwohnenden abgeführt worden. Unter den rohesten Mißhandlungen wurden die Unglücklichen fortgeschleppt in die rauhe entlegene Gegend Gerweil’s, wo man sie im dortigen Wirtshaus in enge feuchte Kellerlöcher eingesperrte. Sie schienen verloren, denn der rasende Haufen verlangte ihren Tod. Vergeblich waren die Befehle des Waldvogts, sie freizulassen; erst nachdem der Waldkommandant Pommer mit Grenadieren und Husaren heranzieht und die Verschworenen überwältigt, gelingt die Befreiung.

Aber noch waren die Tage des Schreckens und der Verwirrung nicht vorbei. Das Gift gehässiger Spaltung war bis tief ins Innere einer jeden Gemeinde und Familie gedrungen; ja, sogar die Spielplätze der Kinder waren in zwei feindliche Lager geteilt. Die ganze Einung bot ein Bild der traurigsten Zerrissenheit. Männlichkeit und besonnen hatten die Tröndlin auf einer Landgemeinde zu Gerweil zur Besonnenheit gemahnt. Der zudringliche Baseler Advokat spielt im Lande den Gesetzgeber und ordnete den Landsturm. Fanatisierte Haufen durchziehen das Land; von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte werden die Tröndlin’schen verfolgt, mißhandelt und im wilden Taumel teilt man sich ihre Güter. Gaudihans als Diktator der freien Grafschaft landete die beiden verhaßten Einungsmeister von Alpfen und rote Rotsel vor seinen Richterstuhl. Sie mußten flüchten, zuerst nach Waldshut, dann über den Rhein, geächtet und mit dem Tode bedroht.

Und über die Mühle zu Alpfen bricht abermals ein böses Verhängnis herein. – Was geschah, melden die Familienpapiere mit kurzen Worten:

„†1745 wurde Konrad Tröndlin (der Sohn des Einungsmeisters) von den Salpeteren so erbärmlich mißhandelt, dass er das Leben dadurch einbüßen müßen“.

Noch vor Ablauf desselben Jahres war die Macht der Empörer in zwei kurzen Treffen gebrochen. Die rings aufgeboten de Landwehr, Bruder gegen Bruder, ein Trupp Husaren und wendige Infanterie trieben die Empörer, welche Waldshut vergeblich berennt hatten, in die Enge. In den wilden Bergen und Feldschluchten um Herrischried, wohin selbst im Schwedenkriege nie der Fuß eines Kriegers gekommen, wurde der letzte Kampf gekämpft, und geendet zum Nachteile der Meuterer –

Aber das tiefe Leid mancher Familie, der Schmerz um verlorene Angehörige, gesunkener Wohlstand und was sonst noch für bittere Früchte der Aufruhr und Krieg gebracht – das Alles konnte nur allmählig die Zeit heilen und die Hand dessen, welcher die Schicksale der Völker lenkt.

Auf dem Bild von Lucian Reich oben ist der Einungsmeister und Müller Josef Tröndlin
mit seiner Frau Maria Zimmermännin etwa um 1730 dargestellt.


Die Ursula Binkerin von Birndorf muss bald nach dem frühen Tod ihres Mannes den »Hirschen« veräußert haben. Der Käufer war Johann Baptist Tröndlin, Sohn des von den Salpeterern am meisten gehassten Einungsmeisters Josef Tröndlin, des Müllers von Unteralpfen.
Im Juli 1757 ging der »Hirschen« in Flammen auf.
Tröndle ließ das heute noch bestehende Haus bis 1758, zwar nicht mehr in der alten Größe aber immer noch in einem stattlichen Ausmaß errichten.
Im Februar 1759 heiratete Johann Konrad Ebner, Sohn des von den Salpeterern zu Tode gequälten Redmanns Johann Michael Ebner, die einzige Tochter Katharina des Hirschenwirts Johann Tröndle und der Katharine, geb. Iselin. Von der Webpage des Hirschen

Laut Lucian Reich ist die Geschichte etwas anders als oben auf den Seiten des Hirschen zu Dogern erläutert.

Des Hirschwirts Sohn (Konrad Ebner) von Dogern braucht nicht auf Geld und Gelderwerb zu schauen. Seine Mutter führte das Wirtshaus durchaus sehr erfolgreich alleine.

Womöglich wurden diese alten patriarchalen Gesetzte damals nicht ganz so gelebt, wie es heute den Anschein hat. Auch soll Konrad Ebnerauf Jakobi den Kauf übernehmen„. Womöglich ist damit der Hirschen zu Dogern gemeint.

Laut Lucian Reich ist auch des „Müllers Kätherle“ die einzige noch lebende Tochter des Johannes Michael Tröndlin. Dies stimmt auch mit dem Stammbaum der in der Mühle hängt überein. Hier steht eine Katharina Theresia geboren 18.3.1736 deren Mutter Katharine, geb. Iselin ist. Johannes Baptista Tröndle war also ein Bruder des Müllers Johannes Michael. Dies ist auch sehr verwirrend, da der Einungsmeister Josef Tröndlin von seinen 9 Kindern drei Johannes getauft hatte und gleich fünf Maria.

Vermutlich war der namentlich nicht erwähnt Götti und „Familienrat“, der Johannes Baptist Tröndlin, auf dem Papier der Besitzer des Wirtshauses Hirschen, das dann später an Jakobi offiziell an den Konrad Ebner ging.

Stammbaum der Familie des Einungsmeisters an der Wand in der Einungsmeistermühle.

Die alte Mühle in Unteralpfen war über Jahrhunderte im Besitz der Familie Tröndlin und wurde vor etwa 20 Jahren an einen Schweizer verkauft. Dieser Herr war so nett, mir die Mühle zu zeigen und zu erklären.

Vielen Dank!

  • in der Mühle in Alpfen

Bei den Salpeter-Aufständen oder Salpeterunruhen handelte es sich waren mehrere Bauernaufstände, die sich im Hotzenwald des 18. und 19. Jahrhunderts ereigneten.

In der „Grafschaft Hauenstein“, einem Verwaltungsbezirk des ehemaligen Vorderösterreich, gab es Anfang des 18. Jahrhunderts eine Besonderheit in den absolutistisch regierten deutschen Staaten. Hier hatte sich eine Schicht „freier“ Bauern erhalten, die sich direkt und ausschließlich dem habsburgischen Kaiserhaus zugehörig wussten.

Auch am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts regte sich Widerstand. Einer, der Gefahren für Freiheit und Verfassung heraufziehen sah, war der Bauer und Salpetersieder Johann Fridolin Albiez (1654-1727), Salpeterer-Hans genannt, aus Buch. Der damals schon über Siebzigjährige genoss großes Ansehen im Wald. Seine Agitation gegen das Kloster und für die „alten Rechte und Freiheiten“ fand Gehör. Und als im Mai 1727 die Bewohner der Grafschaft einem neuen Abt, Franz II. Schächtelin, ein Treuegelöbnis ablegen sollten, verweigerten sie die „Huldigung“. Die Verweigerung der Huldigungsleistung gegenüber einer Obrigkeit aber galt als Aufstand. Es wurde Militär auf den Wald geschickt und in die Bauernhöfe einquartiert, so dass der Widerstand gegen die Huldigungsleistung rasch zusammenbrach. Der Salpeterer-Hans saß währenddessen in Freiburg im Breisgau, dem damaligen vorderösterreichischen Regierungssitz, im Gasthaus „Bären“ in Arrest. Dort starb er im September 1727.

Andere Bauern, wie Johannes Thoma oder Josef Meyer übernahmen die Führung der Salpeterer, wie sie nun genannt wurden, und sorgten dafür, dass das Misstrauen gegen das Kloster und seine Bestrebungen, aber auch gegenüber den anderen Obrigkeiten nicht einschlief. Unter der Bauernschaft selbst bildeten sich Gruppen für und gegen die salpeterischen Bestrebungen und verschärften die Situation. Die den Salpeterern gegenüberstehenden Bauern nannte man nach den Namen der Anführer die „Tröndlinschen“ oder auch die „Ruhigen“. Die „Salpetererkriege“ fanden darum auch überwiegend zwischen den gegnerischen Bauerngruppen statt – also jenen, die gegen den Ausverkauf alter Rechte und Freiheiten unüberhörbar Widerstand leisteten und den anderen, die zwar dasselbe wollten, aber andere „ruhige“ Wege beschreiten wollten, wie zum Beispiel sich frei zu kaufen.

Als aber das Kloster sich 1738 entschloss, in den von den Einungen betriebenen Freikauf aller Bauern in den Einungsbezirken einzuwilligen und eine Volksabstimmung eine Mehrheit für den Loskauf erbrachte, wollten die salpeterisch gesinnten Einungsgenossen nicht zahlen. Es kam sogar zu einem Treffen zwischen einem Bauernaufgebot der Unruhigen auf der einen und Militär auf der anderen Seite im Mai 1739 bei Etzwihl. Schüsse trieben die Bauern in die Flucht. Dieser zweite Salpetereraufstand endete mit Todesurteilen gegen einige Anführer. 1745 kam es zu zwei weiteren Unruheperioden. Im Frühling gab es sogar für zwei Wochen eine „Salpetererregierung“ in der Grafschaft, und im Herbst versuchten die Salpeterer zweimal, Waldshut zu stürmen, um dort einige inhaftierte Gesinnungsgenossen zu befreien. Diese Belagerung und versuchte Erstürmung von Waldshut und in diesem Zusammenhang stattfindende große nächtliche Schlägereien zwischen „Unruhigen“ und „Ruhigen“ oberhalb Schmitzingen bildeten einen vorläufigen Schlusspunkt der Salpetererunruhen. Es gärte aber „auf dem Wald“ noch einige Jahre weiter. Erst mit der Deportation aller führenden Salpetererfamilien ins Banat (Lucian Reich schreibt von der ungarischen Militärgrenze) erloschen die Unruhen zunächst. Sie fanden jedoch im neunzehnten Jahrhundert eine religiös legitimierte und stark veränderte Neuauflage.

nach Wikipedia

Über diese religiös legitimiert Neuauflage spottet Lucian Reich:

Bald werde jedoch unter Gottes Leitung die goldene Zeit des Patriarchal-Lebens zurückkehren. Jedermann werde frei sein, und Gottes Wort allein, ohne andere Zutat, richten. u.s.w.

Weiter berichtet Lucian Reich:

Zugleich unternimmt der Schwärmer Leontius Brutschi eine Wallfahrt nach Einsiedeln mit hundert und elf Jungfrauen, um für glückliche Verrichtung der Geschäfte zu beten.

Die Zahl der 111 Jungfrauen stimmt laut Mitteilung von Heinrich Dold. Diese Pilgerfahrt sei am 29. April 1739 unternommen worden. Vielen Dank an Herrn Heinrich Dold, den Hauensteiner Ehrenredmann!

Auf der Seite von Dogern gibt es folgendes dazu:

Schlimm erging es dem Dogerner Leontius Brutsche nach dem „Gefecht“ von Etzwihl (Gemarkung Albbruck) 1739. Trotz seiner Wallfahrt mit 111 Jungfrauen nach Einsiedeln, und obwohl viele Frauen und Jungfrauen beim österreichischen Waldvogt in Waldshut für ihn um Gnade baten, musste er seinen Freiheitsdrang mit dem Tode büßen. Er wurde auf der Richtstätte in Albbruck enthauptet.

https://www.dogern.de/de/gemeinde-dogern/gemeindeportrait/geschichte-dogern

Das Kloster Einsiedeln mit der Gnadenkapelle und einer Figur der Schwarzen Madonna, ist Etappenort des Jakobsweges. Hier wird die Geschichte mit Hüfingen verknüpft, das es seit dem Mittelalter auf dem Jakobusweg ist. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder.

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute in Hüfingen an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß gefertigt (siehe Kapitel 17 vom Hieronymus). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Lucian Reich berichtet,

dass die Kaiserin Maria Theresia den Verbannten Rückkehr in die Heimat gestattet. Manche, welche die Unverbesserlichkeit dieser Schwärmer kannten, schüttelten bedenklich die Köpfe, als sie von dieser Maßregel hörten. „Setze eine Katz in’s Taubenhaus wie du willst, sie bleibt eine Katz und wird miauen!“

Am Ende des Kapitels schreibt Lucian Reich, die Familienpapiere melden mit kurzen Worten:

1745 wurde Konrad Tröndlin (der Sohn des Einungsmeisters) von den Salpeterern so erbärmlich mißhandelt, daß er das Leben dadurch hat einbüßen müßen.

Konrad Tröndlin war vermutlich ein Bruder des Josef und eins der neun Kinder vom Einungsmeister Adam Tröndlin.

Wanderblühten – Einungsmeister Konrad Ebner

Wanderblühten – Das Buch

Wanderblühten – Pilgerfahrten

Pilgerfahrten durch das Breisgau und den Schwarzwald

Es war, soviel ich mich erinnere, am 9. Mai, als ich aus dem Unterlande kommend, am Freiburger Bahnhof ausstieg, um von dort meine Reise zu Fuß weiter fortzusetzen.

Das Wetter, auf welches ein Fussgänger immer zuerst achten muss, zeigte mitunter schon jene Laune zu Regen und Wind, die bis tief in den Sommer hinein anhielt und gerechte Besorgnisse einer Missernte erregte. – Den Tag vorher hatte ein heftiger, aus Südwesten tosender Sturm mit Regenschauer die umliegenden Berge, den nahen Brunnberg, den Roßkopf, Schauinsland und Gerstenhalm bis tief herunter in das Tal mit Schnee bedeckt, und den ohnehin grauen Scheiteln des Kandel, Feldberg und Bölchen frischen Puder aufgestreut. Die folgenden Tage jedoch waren leidlich und mitunter so schön, wie sie ein fahrender Ritter nur immer sich wünschen mag.

Der junge Mai hatte allenthalben schon sein Panier entfaltet; in warmen Tagen sproßten bereits Roggenähren, und die Kirschbäume in ihrer Blütentracht standen wie weißgekleidete Ehrenmägdlein des Frühlings in der lichten grünen Landschaft.

Nach kurzem Aufenthalte in der alten Zähringerstadt wendete ich mich längs der westlichen Vorhügel des Schwarzwaldes hin, wo an der Grenze des heiteren Markgräflerlandes, am Ausgang des Münstertales das Städtlein Staufen liegt. Bei einer verwandten Familie, die in dem ehemaligen Kapuzinerkloster ihre Wohnung hat, nahm ich mein Absteigequartier. Von diesem Punkte aus hatte ich nun die beste Gelegenheit, in Kreuz- und Querzügen die Gegend zu durchstreifen. Und weil bekanntlich jeder Mensch seine besondere Interessen und Liebhabereien auf der Welt hat, so war es mein Geschäft, mancherlei Geschichtliches und Sagenhaftes* nebenbei zu sammeln und meinem Gedenkbuche einzuverleiben.

Hieraus entstand nun zunächst eine kleine Mosaik von örtlichen Zügen und Begebenheiten, welche zur Kurzweil des geneigten Lesers hier eine Stelle finden mag.
*Größtenteils Mittheilugen des Oberlehrers Seyferle in Staufen.

Johanneskapelle

Wenn der Wanderer auf der Straße von Krozingen gegen Staufen kommt, erschaut er links auf einer weinbegrenzte Höhe die Trümmer des ritterlichen Hauses der ehemaligen Herren von Staufen. Unten an der Burghalde, wo jetzt Rebenfeld ist, stand früher eine zum Schlosse gehörende Kapelle. Als die Ritter einst im Felde lagen mit dem Schweizer Herren Schaler von Benken, geschah es bei einem Überfalle, dass die Burgherren durch einen unterirdischen Gang nach der nahen Rödlesburg sich flüchteten, ihre weiblichen Dienstboten aber, die Mägde und Köchinnen, allein auf der bedrohten Burg zurückblieben.

Wie nun die verlassenen Weiber die Gefahr, in der sie schwebten, wahrgenommen, lief ein Kammerfräulein in die Burgkapelle, fiel vor dem gemalten Bilde der heiligen Jungfrau auf die Knie und flehte um die Rettung der aus der großen Not. Als wäre ihr während des Gebetes ein kühner Rettungsgedanke geoffenbart, wendete sich das beherzte Mädchen hierauf zu den Übrigen: „Zünden wir die Burg an“, rief sie, „das gnadenreiche Muttergottesbild mit dem heiligen Kinde will ich flüchten. Wenn die Feinde das Haus in Flammen sehen, werden sie ablassen, und wir sind gerettet!“ Sie selbst legte den Feuerbrand ein, und als die Lohe emporschlug, nahm sie das Muttergottesbild und warf es über die Mauer in das Gehürst, welches die Halde bedeckte.

Nachdem die Kriegsknechte abgezogen, wurde das Bildnis wiedergefunden und in der neu erbauten Kapelle an der Burghalde aufgehängt. Welcher Dank jedoch der mutigen Jungfrau von ihren Herren, den furchtsamen Rittern, geworden, wüßte ich nicht zu berichten.

Das Rebenfeld an der Burghalde ist einem Baugebiet gewichen, aber der Stationenweg an die Johanneskapelle ist noch da. Laut Wikipedia wurde die Kapelle im Jahre 1685 von dem Eremiten Johannes Willi nach Zerstörung seiner alten Einsiedelei beim Gotthardhof errichtet und Johannes dem Täufer geweiht.

Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in
menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“
Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von
J. Nepomuk Heinemann

Bei einem Einbruch 2006 in die Johanneskapelle wurden das Altarbild, Holzskulpturen sowie zwei Votivbilder gestohlen. Wobei der Hochaltar, der 1730 der St.-Sebastian-Kapelle auf dem Friedhof gestiftete wurde, erst Ende des 19. Jahrhunderts in die Johanneskapelle kam. Also hat Lucian Reich den Altar damals nur in der Friedhofskapelle besichtigen können.

Auf den Fotos ist eine Leihgabe der Erzdiözese: Eine barocke Muttergottes und darüber das Haupt Johannes des Täufers. Zur Info: Wenn man auf die einzelnen Bilder klickt, erscheint unten die Beschriftung.

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Rödelsburg

Von der Rödelsburg, (deren wenige Mauerreste von einem einsam, mit tannenbedeckten Hügel herabschauen), wohin sich jene salviert, meldet eine Sage Folgendes.

Es war vor etwa zwölf Jahren, als ein Hirtenbub seine Schafe in der Nähe einer Brunnenquelle am Rothenhofe waidete. Als er, um zu trinken, gegen das Brünnlein schritt, vertrat ihm ein schönes Edelfräulein den Weg mit dem Ansuchen, es zu erlösen. Um Mitternacht, bat sie ihn, solle auf die alte Rödelsburg kommen, an deren Tor er eine Kröte und eine Schlange als Wächter finden werde. Was dieses Paar auch gegen ihn unternehmen würde, er solle unverzagt vorüber in den Hofraum schreiten, wo sie ihn dann in das Burggewölbe führen werde zu dem Schatze, durch den sie alleine erlöst werden könne. Vollbringe er aber das Werk der Erlösung nicht, so müsse sie wiederum warten, bis die Zeit gekommen, wo ein Rabe eine Eichel fallen lasse, und diese zum Baume heranwachsen sey, aus dessen geschnittenen Brettern der Schreiner eine Wiege gefertigt, in welcher ein Knäblein großgezogen werde, welches ihre Erlösung zu bewirken vermöge. Dieses aber könne 100 Jahre gehen.

Der Bub ging nach Hause und erzählte die wundersame Geschichte seinen Eltern, die ihr Söhnlein allfolglich zum Pfarrer führten, der ihm zusprach und ihr heilige Sakramente spendete, auf dass er das Abenteuer ohne Schaden bestehen möge. In mitternächtlicher Stunde nähert sich der Bursche der verödeten Burg. Ein furchtbarer Sturm wühlt in den Bäumen und Hürsten; es blitzt, donnert und kracht als käme der jüngste Tag. Die wackeren Torwächter speien Feuer und Flammen gegen den Eindringling, welcher entsetzt sich flüchtet und den Berg hinunter eilt, ohne das verdienstliche Werk vollbracht zu haben.

Ob nun, seitdem der Rabe erschienen, weiß ich nicht zu sagen, eben so wenig den Grund der Ruhelosigkeit des wandelnden Fräuleins. – War es vielleicht eine Spekulationsheirat, die sie um den Frieden ihrer Arm Seele gebracht? Oder hing ihr Herz im Leben allzufest an dem betrügerischen Mamon, der noch nach dem Tode sie beunruhigte? – Genug, das Erlösungswerk soll bis heute noch nicht vollbracht sein.

Ein Hirtenbub sollte hier ein Edelfräulein erlösen. Das Tor wurde aber so sehr von einer Kröte und Schlange bewacht, dass der Bub reißaus nahm. Jetzt muss das Fräulein auf seine Erlösung warten, bis ein Rabe eine Eichel einpflanzt, aus deren Samen ein Baum wächst und deren Bretter für den Bau einer Wiege verwendet werden, in der ihr Retter als Baby schläft.

Geschichtsfunde aus Staufen

Im folgenden listet Lucian Reich einige Geschichtsfunde aus Staufen auf.

Im Jahre 1106 herrschte großer Schrecken in den Breisgauischen Landen. Die Sonne hatte nämlich die dreifarbige Cokarde aufgesteckt und Alles war, wie eine Privatchronik sagt, bestürzt und glaubte, der jüngste Tag wäre nahe.


Vom Jahr 1400 wird berichtet, dass der Winter übermäßig streng gewesen, und viele gefräßige Wölfe über den Rhein herübergekommen seyen, welche das Land unsicher gemacht hätten. Ähnliches soll auch später geschehen sein, zum Beispiel im Melakischen Kriege und anno sechsundneunzig.


Weiter erzählt der Chronist, wie im Jahr 1401 die Juden aus Staufen vertrieben worden sein. Die Weiber der guten Israeliten wurden beschuldigt, Christenkinder in ihre Wohnung gelockt, ihnen die Kleider abgezogen und die Beraubten mit schlechten Fetzen bekleidet wieder entlassen zu haben. (Wahrscheinlich nur im figürlichen Sinne gemeint.) Als zu dieser Beschuldigung noch weitere unheilvolle Gerüchte kamen, geschah es, dass die Häuser der Juden angezündet wurden, worauf ihre Bewohner unter Wehklagen abzogen und die Stadt verließen.


Später, im Jahr 1551, kam ein großes Brandunglück über die Stadt und hätte, wie man später oft sagen hörte, noch Schlimmeres geschehen können, wenn der Jude Aaron Levin von Sulzburg, der zufällig hier gewesen, das Feuer durch seine Kunst nicht gestillt hätte.


Als in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts der Bauernkrieg ausbrach, stellte auch Staufen seine Leute. Es war am 19. Mai 1525, als die Schlösser Höhingen, Dachswangen und Kranznau von den Aufrührern eingenommen und verwüstet wurden. Bei der Plünderung des letzten Schlosses zeichnete sich besonders ein gewisser Faßlin, Beutemeister von Staufen aus. Dieser Mann hatte sich mit seinem Haufen etwas verspätet und kam, weil nicht mehr viel zu finden war, mit dem „langen Fischer“ in heftigen Streit. Endlich fand er noch in einer entlegenen Kammer einen eisernen Ofen, den er an Etliche von Schaffhausen um vier Gulden verkaufte, und hernach dem Hans Karrer dem Auftrag gab, das Schloss anzuzünden, welches bald in hellen Flammen aufloderte und in Trümmer sank.


Im Jahre 1586, meldet eine alte Schrift, habe in Staufen ein gottesfürchtigen Weib gelebt, Anna Sütterlin, das, hundert und vier Jahre alt, noch viel von den Schlossherrn und den Bauern Krieg zu erzählen wusste.


Die bösen Wetter des 30-jährigen Krieges, dessen Schläge so tiefe Narben im Leben des deutschen Volkes hinterließen, berührten vorzugsweise auch die breisgauischen Lande und mit ihnen das Städtlein Staufen.

Die Jahre 1621 und 1622 waren der Anfang einer bösen Zeit; nichts als Kriegspräsentationen zur Anwerbung von Leuten zu Ross und zu Fuß; und je länger desto böser wurde es, so dass die Münzen so hoch im Wert stiegen, dass im Jahr 1623 der Reichstaler sechs fl. galt, eine Dublone aber 20 fl.

Bei diesen verderbten Kriegswesen wollte alles in den Krieg laufen, inmaßen Viele von hier weggezogen, aber mit wenig Ruhm heimkamen. – Das Land ist in Zerfall geraten, und waren überall schlechte Sitten, so dass viele Leute, wenn alltäglich, die große Glocke um zwölf geläutet wurde*, leider nicht darauf achteten, ja Manche den Hut nicht einmal mehr abgezogen.“
*in katholische Landen zum Gedächniß der „sechsten Stunde“, da Christus am Kreuze hieng und Finsterniß über die Erde kam.


Ein Menschenleben galt dazumal wenig. Es wurde oft Bürger in den Städten, Bauern im Felde, Hirten, reisende Kaufleute erschlagen, mir nichts, dir nichts, ohne dass ein Hahn nach innen gekräht hätte. Zuweilen wurden die Leute, und zwar von beiden kriegsführenden Parteien gleich, „so unmenschlich behandelt, dass alles in die Wälder fliehen musste.“ Viele Kinder wurden auf der Flucht geboren und getauft im Walde, in Kohlhütten und auf freiem Felde; und nicht selten setzte es in den Häusern der Quartierträger blutige Händel ab. Im Jahre 1642 hatte, wie man sich noch in Staufen erzählt, der alte Schneider Galli einen rabiaten Schweden im Quartier, der weder mit Kost noch Logis zufrieden sein wollte. Der Schneider sagte, dass er nichts Besseres zu geben imstande sei, indem er durch die früheren Einquartierungen alles eingebüßt habe. Der Soldat aber, nicht faul, stößt ihm den Spieß durch den Leib, so dass der Galli in drei Stunden darauf den Geist aufgeben musste. Die Schneidersfrau aber und ihre drei Buben fielen über den Schweden her und erschlugen ihn, worauf die Schwedischen fünf Häuser in Brand steckten und wohl noch mehr getan hätten, wenn sie nicht eiligst hätten abziehen müssen, weil die Kaiserlichen in Anzug waren.


Infolge einer Missernte und der vielen Einquartierung war im Jahr 1630 große Teuerung entstanden. Der Wein jedoch war geraten und sehr wohlfeil. „Da war ein solch übermütiges Zechen bei Reich und Arm, Mann und Weib (denn der Wein war sehr gut, aber das Brot schlecht und teuer), dass immer Alles voll war, Jung und Alt, alldieweil mit das Weinlein gewähret“-


Um die nämliche Zeit starb hier in des Willis Stall der hinterlassene 9-jährige Knabe des Michael Wüst, dieses gottlosen, flüchtigen und treulosen anjezo Soldaten unter Frankreich. Niemand war bei dem Kleinen. Er ging lange Zeit, „als armes vater- und mutterloses Waislein gänzlich ausgehungert, krank und elend herumben und wurde auf dem Kirchhof an der Mauer begraben.


Die „dreifarbige Cocarde“ die das Breisgau in Angst und Schrecken versetzte war wohl keine Sonnenfinsternis. Es gab zwar eine am 1. August 1106, aber die war in Deutschland gar nicht zu sehen. Vielleicht konnte man Teile davon sehen und deshalb die „dreifarbige Cocarde“ oder es war ein Vulkanausbruch irgendwo auf der Welt.

Ebenso finde ich nichts zu den Melakischen Kriegen im 14 Jahrhundert.

Juden in Staufen

Die Ratsherren von Freiburg unterzeichneten 1401 feierlich den Beschluss, „daz dekein Jude ze Friburg niemmerme sin sol“.[Wikipedia] Vermutlich haben dies die Staufener nach gemacht.

Im Jahr 1551 rettete der Jude Aron Levi Staufen vor einem größeren Feuer durch „seine Kunst“

Bauernkriege in Staufen

Am 19. Mai 1525 wurden die Schlösser Höhingen, Dachswangen und Kranznau verwüstet. Bei der Versüstung von Kranznau war ein gewisser Faßlin von Staufen und der lange Fischer als Beutemeister, besonders beteiligt. Faßlin von Staufen und der lange Fischer stritten, da sie wohl zu spät zum plündern kamen. Sie raubten dann einen eisernen Ofen und verkauften ihn nach Schaffhausen. Danach zündeten sie das Schloß an.

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Dreißigjähriger Krieg in Staufen

Hier erzählt er unter anderem die Geschichte vom alten Schneider Galli von 1642. Dieser wurde von einem Schweden mit einem Spieß erstochen, weil der Soldat mit dem Quartier nicht zufrieden war. Der Schwede wurde darauf hin von der Frau und den drei Söhnen des Schneiders erschlagen. Aus Rache hätten die Schwedischen fünf Häuser in Brand gesteckt und hätten wohl noch mehr getan, wenn die Kaiserlichen nicht im Anzug gewesen wären.

1630 scheinen sich die Staufener von Wein ernährt zu haben. Ebenso um diese Zeit starb ein neunjähriges Kind, dessen Vater, der Michael Wüst, in den Krieg gezogen war. Allem Anschein nach hat man den Jungen verhungern lassen und an der Friedhofsmauer begraben.

Kirchhofen

In dieser Zeit wurde auch das Pfarrhaus Kirchhofen durch die Schweden zerstört. In der Kirche dieses Ortes befindet sich am Hochaltar ein Stein mit folgender Inschrift:

„Anno 1633 den 19. Brachmonat, ist Kirche, Schloss und Kirchspiel verbränt und kam das Land in schwedische Händ; ungefähr 500 Bauersleute erbärmlicher Weis totgeschlagen, darunter 89 vom Pfaffen- und Oelinsweiler waren. Gott wolle ihnen und allen geben ein fröhlich Auferstehen. Amen – Gott und Maria seiner lieben Mutter zu Lob, hab ich Hans Scherlin und Anna Göpfridin mein ehelich Frau, weil uns Gott, durch Fürbitt Maria wunderbarlich durch das leidig Kriegswesen erhalten, den Stein anher verehret.“

Eine alte Schrift im Pfarrarchive zu Kirchhofen erzählt Die Begebenheit, welcher das Denkmal seine Entstehung verdanken soll, auf folgende Weise. – Zur Zeit, als die Schweden unter General Horn das Breisgau überzogen und Breisach belagerten, versammelte der greise Kastellan des Schlosses (ein Dienstmann derer von Weyher) zu Kirchhofen die streitbaren Männer des Kirchspiels, und stellte ihnen die gefahrdrohende Lage des Landes vor mit der Aufforderung, die Waffen zu ergreifen und den Feind von vaterländischen Boden verjagen zu helfen. Unter der Führung des jugendlichen Waldmeisters Hans Scherlin ordneten sich die willfährigen Kirchenspielsgenossen, um, vereinigt mit den Truppen des Herzogs Feria, vor Breisach zu ziehen, welches von den Schweden belagert wurde. Vor dem Ausmarsch überreichte Anna, des Kastellans Töchterlein, dem mutigen Scherlin, ihren Verlobten, eine Rose, welche sie einst von einem Pilgrim aus dem Morgenland erhalten hatte, und die Demjenigen, welcher sie trug, geheime Kräfte verleihen sollte.

Die Schar zog aus und schlug sich rühmlich, wurde aber zuletzt genötigt, von den überlegenen Feinden zurückzuweichen und sich wieder in’s Kirchhofer Schloss zurückzuziehen. In diesem vesten Baue hatten sich auf die Kunde von dem Auszug des Feindes bereits 90 Bauern von Oelinsweiler und Pfaffenweiler versammelt, um den Platz auf Tod und Leben zu verteidigen. Scherlin mit seiner Schar postierte sich am Fuße des Hügels vor der Kirche, wo ein Verhau von Reiswellen und Baumstämmen den Weg versperrte. Als die Feinde nahten, ertönten die Sturmglocken, und mancher „ketzerische Schwed“ ward von den Verteidigern zu Boden gestreckt, bis Letztere endlich im Rücken angegriffen sich auf’s Schloss zurückziehen mussten. Ein Wassergraben, über den eine Zugbrücke führte, umgab die Veste, hinter deren Mauern die Kirchspielgenossen mit Karthaunen und Doppelhacken dem Feind weidlich aufzuspielten.

Unterdessen hatten die Schweden das Dorf eingeäschert und auch die Kirche wurde ein Raub der Flammen. In diesem heiligen Orte war kurz vorher Anna, des Kartellans Tochter, mit mehreren Jungfrauen im Gebete versammelt, als die wilden Soldaten heranstürmten. Nirgends mehr einen Ausweg vor sich sehend, betete Anna zur Muttergottes; da schien es dem Mädchen, als winke das Gnadenbild von der Hand zur Seite nach der Türe des Turmes, die offen stand und ins Freie führte. Die Jungfrau folgte dieser Eingebung und führte ihre Gespielinnen glücklich hinaus über die Türme dem Walde zu, worin schon vorher die Einwohner sich geflüchtet hatten.

Die Nacht war unterdessen hereingebrochen und an den rauchenden Feuerstätten ragte allein noch unversehrt das Schloss. Es war dem Feinde gelungen, die Schleusen des Wassergrabens zu zerstören und so diesen trocken zu legen. Früh am Tage stürmten sie die Mauern. Der heftige Kampf fand am Tore bei der Falltür statt, wo Schafffaluzki, der schwedische Obrist, selbst, den Angriff leitete. Durch Feuerbrände, welche über die Mauern in’s Schloss geschleudert wurden, kamen die Belagerten in Gefahr, unter den einstürzenden Giebeln begraben zu werden. Hans Scherlin, der tapfere Führer, war gefallen, und die Überlebenden suchten durch Capitulation freien Abzug zu gewinnen. Es wird in solcher zugesagt; aber beim Herauskommen werden die Wehrlosen Einer nach dem Anderen mit Keulen erschlagen.

Nach dem Abzug des Feindes wagen die versprengten Weiber und Kinder sich wieder aus den Wäldern hervor, um die gefallenen Angehörigen auf dem Kampfplatz aufzusuchen und zu bestatten. Also hat auch die Tochter des Kastellans, die der Verlust des Vaters und Geliebten zu beklagen hatte. – Doch siehe, als sie unter Tränen um die Leiche des erschlagenen Waldmeisters sich beschäftigte, erwacht der Schwerverwundete aus seiner Betäubung, um unter der liebenden Pflege der Jungfrau und Braut dem Leben wiedergeschenkt zu werden.

Auf Veranlassung des geretteten Paares wurden später die Gebeine der erschlagenen Kirchspielgenossen gesammelt und begraben, die Schädel aber mit den sichtbaren Todeswunden in einer eigens erbauten Kapelle zur ewigen Erinnerung aufbewahrt.

Mit welcher Pietät das Volk noch lange diese Überreste betrachtete, mag aus dem Umstande erhellen, dass die Kapelle, welche die Gebeine in sich schloß, erst nach langem Widerstreit der Gemeinde (im Jahre 1812) konnte abgebrochen und ihr Inhalt zur Erde bestattet werden. Der Pfarrer, welcher den Abbruch betrieben, weil die Kapelle die Aussicht aus dem Pfarrhof hemmte, soll noch auf dem Totenbett reuevoll ausgerufen haben: „Wieder aufbauen das Todtenhäuslein!“ Auch sagen die Pfarrangehörigen, dass der Maurer, welcher die Demolierung vollzogen, noch in selbigem Jahr, wo der Geistliche verstarb, beim „Holzriesen“ erschlagen worden sei.

Anno 1633 den 19. Bachmonat, ist Kirche, Schloß und Kirchspiel verbrännt und kam das Land in schwedische Händ; ungefähr 500 Bauersleut erbärmlicher Weis todtgeschlagen, darunter 89 von Pfaffen- und Oelinsweiler waren. Gott wolle ihnen und allen geben ein fröhlich Auferstehen. Amen. – Gott und Maria seiner lieben Mutter zu Lob, hab ich Hans Scherlin und Anna Gottfriedin mein ehelich Frau, weil uns Gott, durch Fürbitt Maria wunderbarlich durch das leidig Kriegswesen hindurch erhalten, den Stein anher verehrt.

Inschrift auf dem Stein am Hochaltar laut Lucian Reich.

Die Geschichte vom Massaker 1633 und über Hans Scherlin läßt sich auf den Seiten vom Arbeitskreis Ortsgeschichte Ehrenkirchen nachlesen:

http://www.arbeitskreis-ortsgeschichte-ehrenkirchen.de/Personlichkeiten/Hans-Scherlin/Die-Weisse-Rose/die-weisse-rose.html

Staufen nach dem Dreißigjährigen Krieg

Neue Kriegsunruhen brachten die 70er Jahre des 17. Jahrhunderts. In jener Zeit beklagte sich der Ortsvorstand von Staufen, dass während mehrerer Jahre keine Rechnung gestellt werden konnte, weil der leidige Krieg alles in Unordnung gebracht habe, so dass weder Gefälle noch Zinsen bezahlt und auch keine Steuern mehr bezogen werden konnten. Die Bürger seien zu öfteren Malen versprengt und verjagt worden, sogar der Stadtvogt und der Richter hätten in dieser Drangsal keine bleibende Stätte mehr gehabt und seien während der Zeit vielmal ausgeplündert und verjagt worden; ihre Schriften hätten sie nach Schönau geflüchtet, aber leider in dem dortigen großen Brand verblieben und verloren gegangen seyen.

Aus jenen Zeiten finden wir verzeichnet, dass dem „Waldhans“ drei Batzen verehrt worden sind, „weilen er einen Bären geschossen“; ebenso dem „Hafengrunder“ von zwei Wölfen sechs Batzen, den Schützen von Kirchhofen für sechs erlegte Wölfe 18, und denen aus dem Münstertal für drei solcher Raubtiere neun Batzen.


Nach der unglücklichen Zeit des 30-jährigen Krieges soll die Stadt Staufen infolge der Pest ganz ausgestorben gewesen seyn bis auf eine Magd (in’s Barbier alt Maiers Haus). Diese ging eines Morgens an den oberen Brunnen, um Trinkwasser zu holen. Als sie dort ankam, sah sie einen Handwerksgesellen bei des obern Martins Haus auf einem Eckstein sitzen. Sie sagte zu ihm: ob er nicht wisse, dass der Ort ganz ausgestorben sei? – Der Handwerksbursche erwiderte: er komme eben hierher gereist und wollte auf diesem Stein ein wenig ausruhen; er bitte von ihr einen Trunk Wasser, sonst, sagte er, wäre er gesund! – Die Magd gab ihr zu trinken und setzte naiv hinzu: „Wir wollen einander heiraten und die Stadt, so Gott will, wieder bevölkern.“ – Der Handwerksbursch war nicht abgeneigt; sie wurden einig, schlossen das Ehebündnis und erfüllten später die Worte der Schrift: Machet und vermehret euch! – Noch heut zu Tage aber ist jener Eckstein zu sehen vor des Fr. Xaver Martins Haus.

Später, bemerkte die Sage weiter, ist dieses Ehepaar nach dem Dorfe Gunnern gezogen, weil es ihm in Staufen nicht mehr gefallen habe.

Zu der Sage am Eckstein an Xaver Martins Haus in Staufen kann ich leider nichts finden. Auch gibt es keine genaue Bezeichnung des „Oberen Brunnens“. Ich bin mir aber sicher, dass der Eckstein von dem Lucian Reich redet, auch heute nach 200 Jahren noch da ist.

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Anno 1702 begann ein neues Kriegsgetümmel im badischen Oberland, unter dem bald in Pforzheim, bald in Durlach regierenden Markgrafen Friederich Magnus. Es war der spanische Sezessionskrieg, der damals seinen Anfang nahm. Der französische General Villars war bei Hünningen über den Rhein gegangen, um sich mit den Bayern zu vereinigen; Markgraf Ludwig von Baden, der gefürchtete Held, aber sie suchte dieses zu verhindern, weshalb es am 7. Oktober 1702 zu dem blutigen Treffen bei Friedlingen, eine Stunde von Lörrach, kam. Die Franzosen hatten bei 15.000 Mann 3000 Tote, darunter 200 Offiziere, der Markgraf aber zählte bei seinen nur 8000 Mann starken Korps 1500 Tote, worunter auch der Graf von Fürstenberg. Der Erbprinz von Baden-Durlach, Markgraf Wilhelm, der auf dem Berge „Käferhölzlein“ bei Schliengen focht, von einer früheren erhaltenen Wunde noch nicht ganz hergestellt, wurde hier abermals verwundet; der Obrist Gagern aber an seiner Seite von einer Kartäschenkugel tödlich getroffen. Die deutschen Truppen unter Markgraf Wilhelm zogen hernach hier in Staufen ein, während die Franzosen, welche Neuenburg noch in Händen hatten, die Umgegend brandschatzten.


Als im Jahr 1713 Marschall Villars mit 7000 Mann von der Stadt Staufen erschienen war, und die Bürger, weil sie „gut kaiserlich“ waren, die Tore nicht gleich öffnen wollten, wurden 15 Häuser angezündet und der Bürgerschaft eine Brandschatzung von 1200 Gulden auferlegt. Dieser Summe wurde, da Geld sehr rar war, bei der Familie Litschgi in Krozingen entlehnt. Der Gläubiger mußte der Folge dadurch befriedigt werden, dass man ihm freistellte, hundert und zwanzig Stück der schönsten Eichen aus dem hiesigen Stadtwalde sich auszulesen.


Es wird erzählt, dass dem ersten Rheinübergang unter Moreau im Jahr 1796 allerlei überrheinisches Gesindel bei der französischen Division Ferino sich befunden, welches die Gegend weit umher unsicher gemacht habe. Besonders meisterlos erzeigten sich herumschwärmende Husaren, die gerne Frauen und Mädchen in den Feldern überfielen und ängstigten. Als einst ein Weib von Staufen im „oberen Steiner“, nahe an dem Zollhäuslein bei Grunern, in den Reben arbeitete, sprengte ein französischer Reiter, der diese Frau erblickt hatte, in tollem Ritte über Stock und Stein in das Rebfeld. Das Weib flüchtete von einem Stück Reben zum anderen und erreichte glücklich das Zollhäuslein, sprang hinein und hinten wieder hinaus, aber auch hier folgte ihr der wilde Reiter. Mit bloßem Säbel sprengte er hinter ihr her und erreichte fast gleichzeitig mit der Verfolgten das untere Tor der Stadt Staufen. Da stürzten plötzlich vor den Augen der verwunderten Zuschauer Ross und Mann – wie von unsichtbarer Hand getroffen – zu Boden und beide, der Mensch und das Tier, waren tot.

Ein französischer Reiter jenes Korps, so erzählte ein glaubwürdiger Zeuge, der einen mit Geld ziemlich erfüllten Beutel bei sich hatte, ritt, wahrscheinlich mit einer gefahrbringenden Order beauftragt, bei dem Kruzifixe am Wege von Staufen nach Kirchhofen vorbei, und sagte, dem Bilde sich nähernd: „Da – heb mir diesen Beutel auf“, legte den Schatz hinter das Haupt des Gekreuzigten und ritt seines Wegs. Als nach Jahresfrist die Kriegsläufe den Soldaten wieder in hiesige Gegend brachten, hielt er bei dem Kreuze an – und siehe – der Beutel lag noch unversehrt am nämlichen Orte. – Der Reiter, ein Elsässer und etwas „religionsspöttisch“, erzählte die Geschichte nachher seinen Quartiersleuten.


Seltsameres soll dem alten Boten Pfefferle von Staufen passiert sein, als er im Jahre 1812 auf seinem Gange nach Freiburg an dem Kreuze am Kirchhoferweg vorbeikam. Eine hagere Gestalt trat ihm plötzlich in den Weg, so dass er stehenbleiben mußte; in den Lüften hörte er Getöse wie Schwertergeklirr von Geharnischten. Als zufällig Bekannte von Staufen des Weges kamen und den alten Geisterseher anredeten, verschwand das Phantom. – Kurze Zeit darauf kamen Soldaten aller Waffengattungen der Alliierten auf ihrem Wege nach Frankreich durch diese Gauen und nahmen Paris ein.


Als die Franzosen unter Moreau auf ihrem Rückzug im Oktober 1796 von Schwaben her gegen das Breisgau kamen, herrschte daselbst große Angst und Verwirrung. „Die Franzosen sind geschlagen und retiriren“ hieß es, „sie rauben und plündern, sengen und brennen, wo sie hinkommen.“ – In Heitersheim flüchteten die Einwohner mit Allem, was sie in der Eile fortbringen konnten, in die Wälder. Eine arme Wittwe, die krank lag, mußte mit ihrer Tochter, in die ihre Pflegerin war, zurückbleiben. Am nächsten Morgen kamen mehrere Banden Reiter und Fußvolk in das Städtlein, brachen in die verschlossenen Häuser, raubten was sie fanden und trieben mit den zurückgebliebenen Einwohnern schnöden Mutwillen. Ein Soldat mit bärtigem, sonnenverbrannten Gesichte voller Schrammen kommt aus einem Hause, mit einem Geldbeutel in der Hand, den er dort geraubt. Gierig nach weiterer Beute schaut er umher und sieht im Nachbarshause ein schönes Mädchen furchtsam hinter dem Fenstervorhang stehen. In wilder Begehrlichkeit rennt er gegen das Haus und tobt und rüttelt an der verschlossenen Türe, bis diese endlich einbricht. Hastig eilt er durch den Hausgang, die Treppe hinauf, wir aber die Türe aufreißt, begierig sein Opfer zu erhaschen – tritt die Jungfrau, ihr blaues Auge nach Oben, dann nach der kranken Mutter gerichtet, vor ihn hin und spricht: „Tu mir kein Leid, meiner armen, kranken Mutter bin ich die einzige Stütze!“ und schaut dem rauhen Kriegsmanne treuherzig und mild in’s verderbenblitzende Auge. Überwältigt und gerührt durch die Unschuld der Schönheit des Mädchens, steht der Soldat da, ohne ein Wort hervorzubringen, und Tränen rollen über die gebräunte Wange. Er wirft den vollen Beutel mit den Worten zu den Füßen: „da nimmt für deine Mutter – eine brave Tochter du!“ und stürzt zur Türe hinaus auf die Straße, und das Mädchen berührt zu haben.

Zwei Tage nachher war die Schlacht bei Schliengen und Kandern.
Mutter und Tochter sind längst gestorben, und auch der Soldat wird das Zeitliche geschieden sein, aber die That lebt bis heute noch im Andenken des dortigen Volkes.

Der spanische Erbfolgekrieg

Der Spanische Erbfolgekrieg war ein Kabinettskrieg zwischen 1701 und 1714, der um das Erbe des letzten spanischen Habsburgers, König Karl II. von Spanien, geführt wurde.

Am 24. September umging Willard mit 30 Bataillonen, 40 Schwadronen und 33 Geschützen das Gebirge durch den Güninger Durchgang und erreichte Güningen, wo er den Bau einer Brücke anordnete, die am Mittag des Oktobers fertig gestellt wurde. In Sichtweite des Feindes überquerte der Marschall am 2. Oktober das rechte Rheinufer (ein Kunststück, das zu seiner Zeit als herausragende Episode des gesamten Feldzuges hoch angesehen wurde) und beschloss, die Kaiserlichen unter Umgehung von Wilz anzugreifen und dann den Bayern, auf deren Vereinigung der französische König aus politischen Gründen besonders drängte, die Hand zu reichen.

Nach einer Reihe von Manövern und Umwegen griff er den Markgrafen bei Frillingen (14. Oktober) an. Die Franzosen hatten 17.000 Mann in ihren Reihen, die Kaiserlichen 14.000. Die 2-stündige Schlacht war hart umkämpft, und der Sieg geriet ins Wanken. Die Einnahme von Schützengräben auf den Friedlinger Höhen und ein brillanter Angriff der Kürassiere entschieden die Schlacht zugunsten der Franzosen, die 2.500 Gefallene und Verwundete verloren; die kaiserlichen Verluste betrugen bis zu 2.000 Mann. Markgraf Ludwig zog sich nach Staufen zurück, wo er auf Verstärkung stieß.

Nach der Kapitulation von Friedlingen (15. Oktober) wurden die feindlichen Armeen in Winterquartiere verlegt.

https://www.trenfo.com/de/geschichte/spanischer-erbfolgekrieg

Koalitionskrieg

Der Erste Koalitionskrieg war der erste Krieg einer großen Koalition zunächst aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 zur Verteidigung der Monarchie.

Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: https://www.ghv-villingen.de/.
Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution (1770-1815) von Michael Tocha.

Erzherzog Carl Ludwig Johann Joseph Laurentius von Österreich, Herzog von Teschen, (* 5. September 1771 in Florenz; † 30. April 1847 in Wien) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war ein österreichischer Feldherr…. Die Zurückdrängung der französischen Rhein-Mosel Armee unter General Moreau über den Rhein nach der Schlacht bei Emmendingen verschafften Karl große Popularität in Deutschland.

aus Wikipedia

Die Schlacht bei Schliengen war eine Schlacht des Ersten Koalitionskrieges, in der sich die Armeen Österreichs und der französischen Republik gegenüberstanden. Sie fand am 24. Oktober 1796 im Markgräflerland zwischen Basel und Freiburg im Breisgau statt. Das Kampffeld erstreckte sich auf Schliengen (mit seinen heutigen Ortsteilen Mauchen, Liel, Obereggenen, Niedereggenen), Steinenstadt, Sitzenkirch und Kandern.

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Schliengen

Fortsetzung hier:

Wanderblühten – Geschichten aus der Region um Staufen

Wanderbluehten – Das Buch

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