Das Buch habe ich hier 2021 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
„Keine Kohle, kein Feuer Kann brennen also heiß, Wie stille heimliche Liebe, Die Niemand nicht weiß“ Volkslied
„Hoffnung hintergehet zwar, Aber was wandelmüthig; Hoffnung zeigt sich immerdar Treu gesinnten Herzen gütig!“ v. Logau
Was habt ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebste Bildchen! Läßt sich der Freund und Gevatter vernehmen. – Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimelig aus! Ja, eine ganze Heimat, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, Die Baar, die an den Schwarzwald stößt.-
Wie still und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchen die Seele der jungen Mutter atmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das einen kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitert sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräte, und hat sich auch des behaglichen Haustiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüffelein rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch das offene Fenster hauchte frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nötig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. – Wißt ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in dem Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“ wie Gottfried von Straßburg sagt! Nein, wir wollen’s frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.
Das kann schon werden, sagte er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypfernen Venus emporkräuselt.
Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal, jetzt handelt es sich darum, ihn weiter zu fördern.
Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: Damit ist alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke, oder mit dem weißleinen Häublein in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele ernst gewesen ist.
Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Schutzengeln überlassen, nach welchen seiner Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er seine erste Selbstständigkeit erlangt hat.
Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in den Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschlosse herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muss er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hause „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den „Busch„Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hause sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim oberen Bierhaus ist’s lebendig; dort liegt die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.
Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem fliederbeschlagenen Buche gelesen hat.
Meinhalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musizieren. Aber an Regensonntage da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick.
Zwick! das ist mir eine unbekannte Gegend. So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur. Jetzt weiß ich, wo ich d’ran bin. Das ist die Treibschnur; die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt. O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, dass einem das Herz im Leibe lacht. Das ist andere Arbeit. Nun, was hilft’s. Die Freude wird auch nicht ewig währen. Wenn Hölth sagt:
Bald sitzest du, nicht immer froh, Im engen Kämmerlein, Und lernst vom dicken Cicero, Verschimmeltes Latein,
So ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in dem leinenen Häublein, oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick, oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muss, und die Sonne scheint so lustig draußen, dass es einem wie Quecksilber durch die Adern ringt. –
Ja, das ist halt freilich eine harte Nuss. Wir wollen froh sein, dass wir sie durchgeknackt haben. Übrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.
Ja, im Winter tut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Eckballen, Marbel, Ball und andere Ergötzungen, und in der Schule selbst führen wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.
Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange, dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darf es mein Konrad nicht bringen; auch muss er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich‘ da nicht nur um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge. als da sind die Geschichten vom ägyptischen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgle“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt. Halt – kann er denn die Mädchen leiden? Das nicht gerade. Vielmehr zupft und rupft er sie, scheucht und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist‘ s ihm ein „gemähtes Wiesle“. Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei es auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen. An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.
Noch einmal Halt – Ist keine ist keine darunter, die er, – wie soll ich mich ausdrücken? – so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wisst schon – es gibt Fälle, da hat man Beispiele. Allemal ist so eine d’runter, das versteht sich. Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name tut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigentümlich besonders nicht leiden kann. Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang. Also, Marianne? Des erreichen Vogts Marianneli. Die Jagt er immer am hitzigsten, die kneift der am ärgsten, wenn er sie erwischen kann. Und doch hat sie ihm gewiss nie etwas zuleide getan. Bewahre, sie könnte keine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das kleine freundliche Mädel ja nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kammerädinnen ist.
Doch kann das im stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, dass sie ein wenig vornehmer ist als er. Freilich tut er das, und ich will gleich so ein Zeug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützte diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh‘ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kammerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann‘, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solche sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins? Grad‘ dir schenk‘ ich keins, sagt er: Warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in eurem Shopf Tabak rauchten? Ich kann ja aber auch nichts dafür, sagt sie, und die Tränen fließen ihr in die Augen, dass sie allein leer ausgehen soll. Kauf dir eins, sagt er. Ihr sind. Ihr seid ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache. Sie sieht ihn aber nicht an? Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule und unten an der Haustür auf sie, und sagt: da, Mariann, ich schenk es dir doch. – Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich es auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. – Nachher aber ist sie aber gleich wieder gut. Da muss er übrigens doch noch etwas extra tun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen. Ja, nach feiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehntscheuer. Es wird hin und her geraten, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben auszuteilen, sagt endlich der Konrad.
Das ist, schätze ich, wohl, „Engel und Teufel“? Ja, es kommt auf eins heraus.
Die Kinder sitzen im Kreis, eines teilt die Farben oder Blumen aus, ein anderes stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum anderen und sagt ihm ins Ohr: du bist eine rote Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke und so weiter. Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt es: du bist ein Schlehenbusch, du eine Brennessel, du ein grüner Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. – Wer ist drauß‘? fragt die Austeilerin. – Der Engel mit dem Schein. – Herein. – Was hätt Er gern? – Eine Farb‘. – Was für eine? – Eine weiße Rose. – Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel – Den macht unser Konrad? Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappdeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. – Wer ist drauß? – Der Teufel mit der Schürgabel. – Was hätt‘ er gern? – Nun bekommt auch der Teufel seinen Anteil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappern entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz allen Ratens nicht auf die rechte Farbe kommen kann.
Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann‘ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumenname nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muss es sich auch noch gefallen lassen, dass die Seele, und der vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wütend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorbei marschierenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann‘ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten. Zarte Aufmerksamkeit!
Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne einen Zetermordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster raus. Was gibts? – Der Konrad hat die Mariann‘ ins Gesicht geschlagen, dass sie blutet. – Habe ich dir nicht schon oft gesagt, du sollst nichts mit dem Rotzer haben?
Welche Demütigung für seine satanische Majestät! Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Salzsäure vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrentiteln hinnimmt, faßt in eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in Arbeit.
Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen! Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem gestrengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer des Buben führt, zählt ihm noch etliche aus dem ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich ins Bett. – Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, besser jetzt, als später!
Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.
Wenn er das vorher wüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der hier so harmlos träumte. – Wenn ich so einen kleinen runden Kindskopf sehe, so pflegte ich immer zu denken: Du wirst mit der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.
Und doch, wie klein sind die Unfälle, über die wir zurerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Tränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!
Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.
Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr und kraus durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsren Auge das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihrer vollkommenen Gestalten, die wir in Unmuth und Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist denn manches böse Fädelein verschwunden, das uns so dick wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut, denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornämlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. – Aber nun webt mir für unseren Schützling einige freundliche Fäden ein.
Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig tut es mir leid, dass ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die mißfarbigen, denn es nötigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.
Ihr seid unerbittlich, wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.
Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen, denn seine Eltern sind sehr arm. Wie? Da sagt Euer Bildchen die Wahrheit nicht. Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armut, und das Zimmer sieht so blank gescheuert und wohlhabend aus.
Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichtum, gilt aber doch nichts im Pfandbuch, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Haus aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unseren Konrad, wenn er in Armut aufwächst?
Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus. Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet wacker auf dem Felde, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht 13 Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.
Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so grässlich auf! Wie und wo kommt der denn ums Leben? Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge. Halt, halt, Meister Lucian, man muss den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, solange er mit Ehren geschehen kann. Oder – ja, nun merk‘ ich’s. – Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während ihr mir weiß macht, dass ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecken der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.
Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus Dem abnehmen, was-
Was etwa einem Vater geschehen ist? Nun, ich will nur so viel sagen, dass ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes und dass ich dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelsehrohr von des zugedrückten Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; den ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.
Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchlein und teilt es mit, ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.
Darauf legt der Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewusstsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.
Lucian Reich erzählt hier zuerst eine Unterhaltung mit „einem schriftgeübten Freund und Sohn der Musen“ und nennt sich hierbei selbst „Meister Lucian“.
Mater nati fata requirens – die Mutter des Sohnes sucht das Schicksal
„Wachse ‚ n und trüeihe“ bzw. „Wachset und trüeihet!“
Zwick, so heißt das vordere Ende einer Geißelschnur oder Treibschnur. Das Wort Peitsche wurde damals wohl nicht in diesem Zusammenhang benutzt.
O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht.
Rottweiler Schlinge mit Zwick
Bald schwitzest du, nicht immer froh, Im engen Kämmerlein, Und lernst vom dicken Cicero‘, Verschimmeltes Latein,
Wie glücklich, wenn das Knabenkleid Noch um die Schultern fliegt! Nie lästert er der bösen Zeit, Stets munter und vergnügt. Das hölzerne Husarenschwert Belustiget ihn jetzt, Der Kreisel und das Steckenpferd, Auf dem er herrisch sitzt. O Knabe, spiel und laufe nur, Den lieben langen Tag, Durch Garten und durch grüne Flur Den Schmetterlingen nach. Bald schwitzest du, nicht immer froh, Im engen Kämmerlein, Und lernst vom dicken Cicero Verschimmeltes Latein!
„Die Knabenzeit“ von Ludwig Heinrich Christoph Hölty (1748-1776)
Darauf legt Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschicht an, wie folgt.
Das Buch habe ich hier 2021 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
Einführung über Konrad Ebner
Liebet Friede, legt zu Seiten Haß und Streiten, Als den Brunnquell aller Pein. Werdet nicht hierinnen müde, Weil zum Friede Wir von Gott berufen seyn.
„Es isch e brave Ma, in alle Stücke biwandert, u si Frau, Statthalters Blut, mit Tugend bihaftet.“ Johann Peter Hebel
In den fünfziger Jahren des letztverflossenen Jahrhunderts hauste auf dem Wirtshaus zum goldenen Hirsch in Dogern die Witwe des verstorbenen Wirtes Ebner. Einsichtsvoll und verständig hatte die Frau, während der bösen Zeiten der Salpetererhändel, ihr Hauswesen nicht nur gut durchzuführen, sondern auch das Vorhandene nicht unbedeutend zu mehren gewußt. Mit Beharrlichkeit und Selbstgefühl konnte sie daher auf einen wohlgeordneten Hausstand blicken, der bei bürgerlicher Sinnesart kaum mehr zu wünschen übrig ließ. Eine Tochter war glücklich, das heißt in einen vermögenden Mann verheiratet, und dem einzigen Sohne, einem feurigen jungen Burschen, Konrad, durfte man wohl mit Recht zutrauen, dass er in dieser Beziehung auch keinen Fehlgriff tun werde. Die fürsorgliche Mutter, längst geneigt, die Zügel ihres häuslichen Regiments teilweise einer wackeren Schwiegertochter in die Hände zu legen, hatte bereits in Gedanken sich umgesehen, wo für den Sohn wohl eine passende Partie zu finden wäre. Und nicht nur der Mutter, auch ihrer Mitbürgerinnen war die Brautwahl des jungen Mannes Gegenstand angelegentlicher Sorge, und die Frage: Seyn oder nicht seyn? unter ihnen förmlich an der Tagesordnung.
Glücklicherweise schien der Gusto des Sohnes diesmal mit dem Wünschen der Mutter in schönster Übereinstimmung. Denn es war so viel wie entschieden, dass der junge Hirschenwirt sein Augenmerk auf das goldlockige Fränzele, die Tochter eines sehr vermöglichen Hofgutbesitzers in der Nachbarschaft geworfen, und schon einmal mit der beneideten Schönen den Josephs-Markt in Hauenstein besucht habe; ein Umstand, in welchem die ländliche Politik so viel wie eine offizielle Erklärung erblicken wollte. Und als man kurz darauf die beiden als Gevattersleute bei der Taufe des Erstgeborenen der verheirateten Schwester des Konrad zur Kirche schreiten sah, mußte auch der letzte Zweifel schwinden. Weil jedoch, wie man zu sagen pflegte, bei der gleichen Angelegenheit allemal der Himmel hauptsächlich mit dem Spiele ist, so erwies sich auch hier menschliche Berechnung als zu kurzsichtig. Ein in dieser Zeit fallendes Ereignis brachte mit einem Mal eine Veränderung in der ganzen klug ausgesponnenen Familienplan. Es war der Tod des Einungsmeisters Tröndlin, der dem Ebner’schen Hause verwandt und befreundet, nach langem, vielbewegten Leben eingegangen war zur ewigen Ruhe.
Konrad kam von einer Fahrt, die er mit seinem vierspännigen Zuge für einen Kaufmann nach Zurzach getan, noch zur rechten Zeit nach Hause, um der Beerdigung des Vetters beiwohnen zu können. Die Leiche war mit allem, einem Einungsvorstand gebührenden Ehren zur Erde bestattet worden. Der kaiserliche Waldvogt selbst, die Achtmannen, die Einigungswaibel mit ihren Hellebarden und hochroten Röcken, nebst einer großen Menge Volkes hatten den Verblichenen zum Grabe begleitet. Früh morgens war der junge Ebner nach Alpfen geritten, und gegen Mittag, nach beendigter Trauerzeremonie, kehrte er wieder zurück, auffallend zerstreut und nachdenklich. Die Mutter, welche auf ihre Frage nur wortkargen Bericht über die Begräbnisfeier erhalten, schrieb sein bestimmtes Wesen dem Eindruck zu, den das frische Grab, das Leid und die Klage der Anverwandten auf sein mitleidiges Herz gemacht habe, und schmeichelte sich, dass der Sohn in dieser in diesem Punkte ganz der Mutter nachschlage, welche bei fremdem Unglück bekanntlich niemals ungerührt bleiben könne.
Wider seiner Gewohnheit hatte er sonst so gesprächige lebensfrohe Mensch Abends, statt sich zur Gesellschaft an den vorderen Tisch zu setzen, im Finstern auf der Ofenbank Platz genommen, und nachdem er eine Zeit lang mit geschlossenen Augen, und zuweilen seufzend wie in schwerem Traume, dagelegen, begab er sich früh auf seine Kammer, wo er aber, wie es sich herausstellte, nicht allsogleich einschlafen konnte; denn als die Gäste spät nach Hause gingen, sah man den Träumer noch unter seinem Fenster in die laue Sommernacht hinauslugen.
Am anderen Morgen war aber der junge Mann früh im benachbarten Hause seines Vetters und „Göttes“ erschienen. Dieser, ein Vertrauter und Freund des Ebner’schen Hauses, saß eben mit den Seinigen bei der Morgensuppe und sprach seine Verwunderung aus, sein Patenkind so früh schon bei sich zu sehen. Die Base aber hatte sogleich einen Stuhl zurecht gerückt mit der Einladung, der Vetter möge mithalten beim Frühstück. Dieser jedoch dankte für Alles und beschäftigte sich, bis das Essen vorüber war, mit dem kleinen Kinde, welches in seinem großen blauen Augen so verständig aus dem bauschigen, rotgeblümten Kissen schaute, als verstünde es den Zuspruch des freundlichen Vetters.
Als das Mahl vorüber und das Tischgebet gesprochen war (die Base trug eben die leere Schüssel hinaus), wendete sich Konrad zu dem Götti: er habe etwas unter vier Augen mit ihm zu reden. Und sie gehen in die Kammer, und der Götti zieht die Tür geheimnisvoll hinter sich zu; denn aus der Miene des jungen Vetters zu schließen, muss es wohl etwas Wichtiges sein, was er mitzuteilen hatte.
„Ich möchte“, fing hierauf Konrad mit etwas gedämpfter Stimme an, „ich möchte in einer Sach‘, die mir sehr am Herzen liegt, Euren Rat erbitten.“ „Und das wäre“? fragte der Götti erwartungsvoll. „Ihr wißt“, versetzte der Andere, „daß ich auf Jakobi den Kauf übernehmen soll, und, wie es sich von selbst versteht, bald eine Frau -“ „Aha“, fiel ihm der Göttie in die Rede, „versteh‘ dich schon, du möchtest die Sache beschleunigen, vielleicht noch vorher den Ehebund – „hört mich nur weiter“, unterbrach der junge Mann; der Götti aber ließ ihn nicht zu Wort kommen: „die Sache ist schon eingefädelt“, fuhr er fort, „Schatz, überlaß nur mir die Leitung; erst gestern habe ich mit des Fränzeles Vater über die Angelegenheit verhandelt; der Alte ist content, und was das Mädel anbetrifft – „ „Daraus wird nichts, kann nichts werden“, fuhr der Jüngere hastig dazwischen, „mich bindet kein Verspruch, wir beide sind ganz und gar nicht für einander, und war Alles mehr das Werk meiner Mutter und Schwester. Schaut, Götti, ich muss offen bekennen: – keine Andere als des Müllers Kätherle will und kann ich heiraten!“
Der Familienrat machte große Augen, drehte sich halb auf dem Absatz herum und schaute mit einem Ausruf des Erstaunens an die hölzerne Decke des Gemaches, als solle er ein Wunder schauen; dann wendete sich der fast merklich beleidigt an den Sprecher: „wenn der Handel“, warf er empfindlich hin, „denn schon so sicher und abgemacht ist, was soll denn noch mein Rat?“
„Götti“, fing hierauf der Andere etwas geschmeidiger an, „ich weiß, dass Ihr’s gut mit mir meint; auf Ehr und Seligkeit versichere ich Euch, dass ich bis jetzt mit keinem Menschen noch ein Wort über die Sach gesprochen habe, als mit Euch; schaut, ich werde noch manchem Berg zu übersteigen haben, bis ich am Ziel bin, weiß ja doch selbst noch nicht einmal, ob’s Kätherlr will und wie es gestimmt ist; auch wird es sonst noch manchen Strudel absetzen. Doch, ich denk‘, wenn ich nur Euch zu meinem Beistand hab‘, so wird sich das Andere finden.“
Sichtlich geschmeichelt durch dieses Zutrauen, schwieg der Rat eine Weile, dann hub er an: „Also das Kätherle! – ei was man doch nicht Alles erleben muss – hm, das Ding wird seine Häckle haben und will überlegt sein. Vor Allem nur nichts übereilt; es ist bälder etwas verrennt als verschlichen, sagt das Sprichwort. Ja freilich wird es noch Berg‘ zu übersteigen geben. Potztausig! deine Mutter – die Weiber sind eigensinnig, und eine Hauensteinerin vorweg, wie ich aus meinem 20-jährigen Ehepraxis selbst am besten weiß. So viel mir bekannt ist, Vetter, steht die Tröndlin’schen nicht am Besten – zwar, des Hirschwirtssohn von Dogern braucht nicht auf Geld und Geldwert zu schauen, ob aber deine Mutter auch so rechnet, nu das wird sich geben; was sein soll schickt sich wohl. Was ich aber fragen will: tu‘ vor der Hand keinen Zug, ich will’s mir überlegen und einleiten – Der Dunder! ’s. Und da Feänzle das dauert mich; doch es hat Geld, und Geld ist die Welt!“
Nach langem Hin- und Herreden mußte der Freier wiederholt geloben, keine übereilten Schritt zu tun. Dafür sagte eben der Vetter feierlich seine Dienste und Hilfe zu; auch der Vater des Fränzles wollte er über sich nehmen und die Sache, wenn es denn einmal nicht anders sein solle, schlichten, ohne dass eine Todfeindschaft daraus entstünde. Soweit die Verabredung.
Doch, hören wir den Leser oder vielmehr die geneigte Leserin neugierig zu fragen: wer ist denn dieses Kätherle, und durch welche Mittel gelang es ihm, die Seele des jungen Burschen also so zu verhexen und einzunehmen? Ehe sich aber hierauf antworten. Sei uns erlaubt, einen Blick in die Vergangenheit zu tun, und Einiges über die Geschichte des älterlichen Hauses der Schönen und damit zusammenhängender Zustände des Landes zu sagen.
Der Müller und Einungsmeister Josef Tröndlin und seine Familie in den Salpeterkriegen
Begeben wir uns deshalb landeinwärts näher an das Gebirge, wo zwischen Kornfeldern und Tannenhügeln das Dorf Unteralpfen liegt. Dort, wo ich das kleine, aus dem „Hirschmatten“ rinnende Bächlein mit dem „Steinbache“ vereinigt, unterhalb des Dorfes, steht am kleinen Weiher eine Mühle und Wohnhaus, ehemals das Eigentum des Einungsmeisters Joseph Tröndlin, desselben Mannes, von dem bereits gesagt ist, dass er während der Zeit der Salpeterkriege stets an der Spitze der besonnenen Partei gestanden, die sich nach ihm die Müller’sche oder Tröndlin’sche genannt habe.
Das Ländchen hatte zu jener Zeit noch seine althergebrachte Gauverfassung; ein Bund zu gegenseitigem Schutz und Trutz von dem Waldvolke beschworen, der zum Zwecke hatte, die überkommenen Freiheiten und Rechte allzeit gebührend zu wahren, sowie bei Kriegsgefahr die Grenzen des Landes zu verteidigen: Alles jedoch unbeschadet der kaiserlichen Obergewalt.
Die oberste Leitung des bürgerlichen Wesens lag in der Hand eines vom Volke gewählten Redmann’s, dem als Vertreter kaiserlicher Hoheitsrechte ein Waldwaldvogt gegenüberstand, nebst einem Waldpropst, welcher die Ansprüche des benachbarten Stiftes St Blasien, welches im Lande viele Zinsverpflichtete hatte, überwachen soll. Das Land zerfiel wiederum in acht Distrikte, deren jeder eine, der Gesamtheit angeschlossene Einung bildete, in der ein alljährlich neu gewählter Einungsmeister die oberste Stelle einnahm.
Eine große Anhänglichkeit an das Altererbte machte, das diese Einrichtung Jahrhundete lang erhalten blieben; doch war dieser löbliche Zug im Charakter des Volkes bei Vielen auch mit einem störrischen Misstrauen und unbelehrbaren Eigensinn gepaart, der jede, auch die wohltätigste Neuerung, als gefährlich erscheinen ließ; und gewiss trug diese Sinnesart nicht wenig zu der Langwierigkeit der hässlichen Salpeterhändel bei, welche während eines halben Jahrhunderts den Frieden des Landes störten. – Die Veranlassung zu diesem Wirren lag in dem Verhältnisse Hauensteins zu dem Stifte St. Blasien.
Viele Einwohner nämlich waren als ehemals Leibeigene dem Stifte noch zinsbar. Während langer Kriegszeit aber waren diese Verbindlichkeiten nicht mehr geltend gemacht worden und daher fast in Vergessenheit geraten. Da geschah es im Jahr 1719, dass die Abtei ihre Rechte aufs Neue wieder bestätigen und in Kraft treten lassen wollte. Auf dem längst nicht mehr gehaltenen Dinggericht zu Remetsweil sollte durch einen Bevollmächtigten des Klosters und zwölf vom Volke gewählten Richter die Angelegenheit ins Reine gebracht werden.
Während der Verhandlung erhob sich ein früherer Einungsmeister, Fridolin Albig von Buch, seines Geschäftes ein Salpeterdieder, und machte Einsprache: der Dingrodel sei verjährt, behauptete er, die Leibeigenschaft durch die Gnade Kaiser Leopolds abgeschafft, daher die Ansprüche St. Blasiens ungerecht.
Es fruchtete nichts, dass der Waldvogt die Erklärung gab: es handele sich nicht um die allerdings abgeschaffte Leibeigenschaft, sondern um daher stammende Rechte und Abgaben, die kaiserlicher Seits anerkannt, dem Stifte rechtlicherweise zukämen. Ohne ein Verständnis erzielt zu haben, gingen die Versammlung lärmend auseinander. Der Funke der Widerspenstigkeit hatte getzündet, die Zahl Derer, welche den Forderungen des Stiftes ihre Anerkennung versagten, wurde mit jedem Tag größer; dieses aber hatte seine Sache vor dem Kaiser als den Schutzherren des Klosters gebracht, während andererseits Albiz, der Salpeterer, sich an die Spitze der Protestierenden stellte.
Dieser Mann war wie gemacht zum Parteihaupte. Bei einem männlich ausdrucksvollem Äußeren besaß er die Gabe der Rede wie Wenige, und an Schlauheit und Energie fehlte es ihm ebenfalls nicht. Starrsinnig und zugleich rauen Gemüts war er aber jeglicher Belehrung unzugänglich, und weil er kräftig den Rosenkranz betete und fleißig zur Kirche ging und wallfahrte, so stand er im Rufe besonderer Frömmigkeit, und Alles, was er sagte und behauptete, ward von seinen Anhängern den Aussprüchen eines Orakels gleich geschätzt.
„Das Land“, so lautete seine halb auf wiedertäuferischen Vorstellung beruhende religiös-politische Lehre, „sei nach dem letzten Willen des Grafen Hans von Hauenstein eine freie Reichsgrafschaft unter dem Schutze des Kaisers; St. Blasiens angebliche Rechte seien treulos erworben und erkauft – Bald werde jedoch unter Gottes Leitung die goldene Zeit des Patriarchalen-Lebens zurückkehren. Jedermann werde frei sein, jnd Gottes Wort allein, ohne andere Zuthat, richten. Nachdem die Bundesbrüder die Güter der Gegner unter sich geteilt, werde jeder Hausvater unter dem Baume vor seiner Hütte die Angelegenheiten der um ihn versammelten Angehörigen schlichten. – Doch werde bis dahin mancher Jünger im Gefängnis schmachten, ja sogar Marter und Tod erleiden müssen“, u.s.w.
Es ist begreiflich, dass solcherlei Grundsätze und Ideen ganz geeignet waren, die Menge zu gewinnen. Je mehr deshalb auf der einen Seite Hindernisse sich gestalteten, desto größer ward auf der anderen Trotz und Leidenschaftlichkeit- – Mag auch über die unchristliche Leibeigenschaft und ihre Ausflüsse, zumal von einem geistlichen Stifter ausgeübt, verschieden gedacht werden, so muss doch die Art und Weise, wie die Salpeteranhänger den Streit führten, und zugleich fanatisch-feindselig gegen ihre übrigen Mitbürger auftraten, entschieden mißbilligt werden.
Um den Schritten St. Blasiens in Wien entgegen zu arbeiten, hatte der Häuptling, unterstützt von seinen Freunden, eine Reise in die Kaiserstadt unternommen. Verwiesen an die Landesregierung zu Freiburg, wo seine Beschwerden vorzubringen habe, kehrte er in die Heimat zurück, Wunderdinge erzählend von dem guten Empfange, der ihm beim Hofe geworden. – Er gab vor, sogar einen kaiserlichen Gnadenbrief zu besitzen, der ihm der Monarch selbst eigenhändig habe, und als bald darauf bei einer Einungs-Vorstandsgswahl, die alljährliche im Frühling vorgenommen wurde, seine verblendeten Anhänger auf die Veröffentlichung des Dokuments drangen, fragte er schlau und berechnend: Ob ihnen denn der Brief noch nicht zugestellt worden sei? Der Einungsmeister Tröndlin, sein Hauptgegner, müsse in entweder unterschlagen, oder treuloserweise an das Stift St. Blasien verkauft haben!
Dergleichen schlauberechnete Ausfälle verfehlten natürlich ihre Wirkung auf die erhitzten Gemüter nicht. Die Aufregung wuchs mehr und mehr, und als der unruhige Mann bald darauf verstarb, führten seine Anhänger den Streit weiter, der in kurzer Zeit über den ganzen Unterwald sich verbreitete.
Im Jahr 1727 wollte St. Blasiens Abt im Lande die Huldigung vornehmen lassen, sie ward aber verweigert; und als die Regierung schärfere Maßnahmen gebrauchte, kam die lang verhaltenen Flamme zum Ausbruch. Der Waldvogt hatte die, um selbige Zeit von den Salpetern eigenmächtig erwählten Achtmannen greifen und ins Gefängnis nach Freiburg verbringen lassen.
Dies war die Losung zu rachsüchtiger Erhebung. Wie vorauszusehen, entlladete sich die drohende Wolke zuerst über dem Hause des besonnenen Einungsmeisters zu Alpfen, der stets zur Besonnenheit und billigen Verständigung der Parteien geraten. Mit Knitteln bewaffnet streiften nächtlicher Weile wildtobende Rotten vom Gebirge her über den Wald. Raub und Gewaltthätigkeit droht allen sogenannten Ruhiggesinnten, die erschreckt sich flüchten. Die Mühle zu Alpfen wird überfallen; man raubt Pferde und Hausrat, läßt den Mühlteich ab, fischt ihn aus und verstopften die Deichel; kaum dass der Einungsmeister dem Tode von der Hand heimlich Auflauender entgeht.
Endlich zieht von Freiburg her kaiserliches Militär mit etlichen Geschützen auf; in ihrem Rücken aber erhebt sich der Landsturm, über 1000 Salpeterer mit einigen 100 gewaltsam fortgerissen „Ruhigen“. Auf den Feldern bei Dogern schaart sich der Haufe um die altehrwürdige Landesfahne, den heranziehenden Grenadieren die Spitze zu bieten.
Doch schon nach den ersten Schüssen stiebt der Haufen auseinander, und die Flüchtigen berichten den Ihrigen daheim: St. Blasien habe sich zum Nachgeben bereit erklärt, daher weiteres Blutvergießen unnötig.
Nachdem mehrere Haupträdelsführer ergriffen und zur Strafe an die ungarische Militärgrenze abgeführt worden waren, kam einige äußere Ruhe über das Land – Doch im Inneren der erbitterten missgeleiteten Gemüter gärte noch der alte Groll und die Hoffnung, dereinst dennoch zu obsiegen.
Trotz der Stürme von aussen war die Mühle zu Alpfen die Stätte glücklicher Häuslichkeit. Der Sohn des Einungsmeisters mit einen tätigen braven Weibe verheiratet, besorgte das Müllgeschäft, während der Großvater den einungsmeisterlichen Geschäften oblag. Ein Töchterlein war von mehreren Kindern allein noch am Leben und daher mit doppelter Sorglichkeit von den Eltern gepflegt und behütet. Und wenn auch die Störungen und Beschädigungen, welche dem Hause von Seite irregeleiteter Mitbürger widerfuhren, keineswegs geeignet waren, Wohlstand und Besitztum zu mehren, so fand dafüer die Familie ein solideres Glück in treuem Zusammenhalten in guten und schlimmen Zeiten und dem Selbstbewusstsein besserer Naturen, gegenüber äußerlicher Anfeindung und Verkennung.
Noch war aber der Streit im Allgemeinen nicht zu Ende. Nach längerem Verhandeln war man zwar mit St. Blasien einig geworden, dem Land allen Lasten, welche der ehemaligen Leibeigenschaft entstammten, gegen gewisse Loskaufssumme zu erlassen, und alle Billigdenkenden, welche es mit dem Lande gut meinten, wünschten sich Glück zur endlichen Beilegung der unseligen Händel; nicht so die Salpeterer. Diese schrieen über Verrat, hielten wieder bei Tag und Nacht Versammlungen, warben Anhänger und bereiteten sich zum abermaligen Widerstande vor. 20 Männer, der Häuptling Fridolin Gerspach an der Spitze, machten sich unverzüglich auf den Weg nach Wien, um bei dem Kaiser Beschwerde einzulegen wegen der Schließung des Vertrages.
Zugleich unternimmt ein Schwärmer, Leontius Brutschi von Dogern, eine Wallfahrt nach Einsiedeln mit hundert und elf Jungfrauen, um für glückliche Verrichtung der Geschäfte zu beten. Zwei Männer aus jeder Einung ordneten die Reihen, während eigend bestellte Weiber für den täglichen Anzug und die Zöpfe der Pilgerinnen Sorge tragen müssen.
Aber weder er die Gunst des Himmels noch die Zustimmung des Kaisers ward den Unzufriedenen. Es erschien vielmehr eine landesherrliche Botschaft, welche das Getriebe offen mißbilligte, so wie ein kaiserliches Sendgericht, beschützt von militärischer Macht, um die Zustände des Landes einer Prüfung zu unterwerfen.
Joseph Tröndlin, der einsichtsvolle Einungsmeister, mit den übrigen Obmännern und einem freigewählten Landesausschuß traten mit dem Abgesandten in’s Einvernehmen. Die Salpeterer, um alle Verständigung zu hindern, nahmen ihre Zuflucht abermals zur Gewaltthätigkeit. – Bewaffnete Rotten erheben sich im Gebirge, bei Gurtweil und dem wilden Tiefenstein; ein verabschiedeter Soldat ordnet die Reihen und führt sie gegen die heranrückenden Milizen. – Wie bei Dogern folgt auch hier auf die ersten Schüsse übereilte Flucht, und mehrere der Anführer werden mit dem Waffen der Hand ergriffen. – Doch konnte weder das Hochgericht zu Albbruck, noch die Strafen der Verbannung den tiefgewurzelten bösen Schaden heilen, welcher vier Jahre später wiederholt zum Ausbruch kommen sollte.
Mildgesinnt hatte die Kaiserin Maria Theresia den Verbannten Rückkehr in die Heimat gestattet. Manche, welche die Unverbesserlichkeit dieser Schwärmer kannten, schüttelten bedenklich die Köpfe, als sie von dieser Maßregel hörten. „Setze eine Katze in’s Taubenhaus wie du willst, sie bleibt eine Katz und wird miauen!“ sagte der alte Tröndlin, als er die Rückkehr der erzunruhigen Parteigänger vernahm. Und siehe, er hatte sich nicht getäuscht. Denn alsbald erscholl erwartungsvoll die Kunde von der Freilassung der Verbannten, und wieder begann das alte Spiel. Die Männer, hieß es, seien ins Land geschickt, um die Beschwerden der Salpeterer zu sammeln und ihren Handel aufs Neue zur Entscheidung von den kaiserlichen Thron zu bringen.
Ein Anschlag der Anführer, sich des Landesarchiv in Dogern zu bemächtigen, wird durch die besonnene Dazwischenkunft des Einungsmeisters Tröndlin vereitelt, der schleunigst die Schriften nach Waldshut zu bringen sucht. Aber nur mit Mühe gelingt es durch Schließen der Stadttore, den nachstürmenden Tross von der Verfolgung abzuhalten.
Dieses war jedoch Alles nur der erste Akt des beginnenden Drama’s, in welchem die berüchtigten Anführer: das begnadigte „Tochtermännle“, der „Preuß“, „Gudihans“ und Andere die Heldenrollen übernehmen.
Vor allen Dingen sollte ein vernichtender Schlag gegen die Hauptgegner Joseph Tröndlin in Alpfen und den gleichnamigen Einungsmeister in Rotsel ausgeführt werden. Beide Männer waren bisher zum großen Verdruss der Unruhestifter immer wieder durch des Volkes Stimme zu den obersten Einungsstellen berufen worden. Ein Advokat aus Basel, welcher die Sache der Salpeterer zu führen unternommen, hatte er in langer Schrift die Beschwerden seiner Partei der Landesregierung zu Freiburg übergeben, und besonders heftig gegen die obengenannten Männer losgezogen und auf ihre Beseitigung gedrungen. Diese verfaßten eine Gegenschrift, die mit biderbem Spotte, scharfstimmig und schlagend die Gegner entwaffnete, zugleich aber ihren Hass aufs höchste steigerte.
Der unterdessen hereingebrochene 7-jährige Krieg hatte dem Lande drückende Lasten und Einquartierungen gebracht. Natürlich, dass an allem Diesen niemand Schuld ist, als die beiden Trödlin. Eine Deputation der Unzufriedenen geht deshalb abermals an den Wiener Hof, die Unbill dem Kaiser vorzustellen. – Verderbensträchtige Dünste sammeln sich, die bald wieder als Gewitter über dem Müllerhause zu Alpfen sich entladen sollten.
Dem anhebenden Sturme zu begegnen, hatte der Obrist des über den Wald verlegten österreichischen Regimentes mehrere der Aufwiegler gefänglich einbringen lassen. Vergeblich. – Schon zeigten sich wieder die bekannten Sturmvögel: Bettler, Kesselflicker, Wahrsager und Gaukler, und durchziehen in Scharen das Land, die unsinnigen Gerüchte verbreitend. Der wackere Einungsmeister Tröndlin, hieß es, sollte bald verrückt geworden, bald erschlagen oder landesflüchtig sein.
Es war zu Anfang des August. Eine trübe regnerische Luft lag über der Landschaft. – Wohl mochten böse Ahnungen den Bewohnern der Mühle am Steinbach Unheil künden. – Im Hause des Mayrer, eines Bruders des berüchtigten Tochtermännle, ging’s geschäftig aus und ein. Bis tief in die Nacht dauerten die heimlichen Zusammenkünfte. Eine Lumpensammlerin, die dort übernachtete, hatte die Müllersfamilie gewarnt, auf der Hut zu sein, herumstreifendes Gesindel habe verlauten lassen: dass der alte „Halunke“, der Einungsmeister, von einem hingerichteten Salpeterer in Josaphat’s Thal geladen, im nächsten Frühjahr seine Felder nicht mehr selbst ansehen werde u.s.w. Und schon gab es Manche, die, auf allgemeine Verbrüderung hoffend, diesen aber jenen Acker des Müllers als ihr dereinstiges Eigenthum ansehen mochten.
Tiefhängende Wolken verfinsterten die Nacht. Ein schnaubender Wind schweifte um die Halden, über die weiten Getreidefelder, und flüsterte unheimlich in den Erlen am Mühlbache.
Da weckte Gepolter die Hausbewohner; der Müller sprang aus dem Bette, donnert’s? fragte ihn erschreckt und ängstlich sein Weib. – ehe ihr Mann aber noch antworten konnte, begann der Lärm von Neuem. Die Haustür wurde eingeschlagen; – vergeblich war das mannhafte Entgegentreten des Müllerknechts. Die Verschworenen dringen ein, die Stiege herauf, Mayer, des Tochtermännles Bruder, voran. „Landesverräter“, schreit der Troß dem Müller entgegen, der mit einer Hellebarde mutig sich zur Wehr setzt. Er wird übermannt, der obere Stock erstürmt, die Türen erbrochen und der Einungsmeister ergriffen und gebunden herausgeschleppt. Jammernd und halbtot vor Schrecken waren Mutter und Tochter eine Zeit lang in der Kammer geblieben; als das wilde Getöse verhallt und Stille eingetreten, wagten sie sich heraus. Betäubt und blutend von einem schweren Schlage über den Kopf liegt der Müller auf dem Boden. – Mit Hilfe eines Müllerknechts gelingt es der jammernden Frau, dem Mann wieder ins Leben zurückzurufen.
Katharina, das Töchterlein, war dazumal neun Jahre alt. In ein und derselben Nacht war auch das Haus des Einungsmeisters in Rotsel und andere Männer von der Gegenpartei überfallen und die Inwohnenden abgeführt worden. Unter den rohesten Mißhandlungen wurden die Unglücklichen fortgeschleppt in die rauhe entlegene Gegend Gerweil’s, wo man sie im dortigen Wirtshaus in enge feuchte Kellerlöcher eingesperrte. Sie schienen verloren, denn der rasende Haufen verlangte ihren Tod. Vergeblich waren die Befehle des Waldvogts, sie freizulassen; erst nachdem der Waldkommandant Pommer mit Grenadieren und Husaren heranzieht und die Verschworenen überwältigt, gelingt die Befreiung.
Aber noch waren die Tage des Schreckens und der Verwirrung nicht vorbei. Das Gift gehässiger Spaltung war bis tief ins Innere einer jeden Gemeinde und Familie gedrungen; ja, sogar die Spielplätze der Kinder waren in zwei feindliche Lager geteilt. Die ganze Einung bot ein Bild der traurigsten Zerrissenheit. Männlichkeit und besonnen hatten die Tröndlin auf einer Landgemeinde zu Gerweil zur Besonnenheit gemahnt. Der zudringliche Baseler Advokat spielt im Lande den Gesetzgeber und ordnete den Landsturm. Fanatisierte Haufen durchziehen das Land; von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte werden die Tröndlin’schen verfolgt, mißhandelt und im wilden Taumel teilt man sich ihre Güter. Gaudihans als Diktator der freien Grafschaft landete die beiden verhaßten Einungsmeister von Alpfen und rote Rotsel vor seinen Richterstuhl. Sie mußten flüchten, zuerst nach Waldshut, dann über den Rhein, geächtet und mit dem Tode bedroht.
Und über die Mühle zu Alpfen bricht abermals ein böses Verhängnis herein. – Was geschah, melden die Familienpapiere mit kurzen Worten:
„†1745 wurde Konrad Tröndlin (der Sohn des Einungsmeisters) von den Salpeteren so erbärmlich mißhandelt, dass er das Leben dadurch einbüßen müßen“.
Noch vor Ablauf desselben Jahres war die Macht der Empörer in zwei kurzen Treffen gebrochen. Die rings aufgeboten de Landwehr, Bruder gegen Bruder, ein Trupp Husaren und wendige Infanterie trieben die Empörer, welche Waldshut vergeblich berennt hatten, in die Enge. In den wilden Bergen und Feldschluchten um Herrischried, wohin selbst im Schwedenkriege nie der Fuß eines Kriegers gekommen, wurde der letzte Kampf gekämpft, und geendet zum Nachteile der Meuterer –
Aber das tiefe Leid mancher Familie, der Schmerz um verlorene Angehörige, gesunkener Wohlstand und was sonst noch für bittere Früchte der Aufruhr und Krieg gebracht – das Alles konnte nur allmählig die Zeit heilen und die Hand dessen, welcher die Schicksale der Völker lenkt.
Auf dem Bild von Lucian Reich oben ist der Einungsmeister und Müller Josef Tröndlin mit seiner Frau Maria Zimmermännin etwa um 1730 dargestellt.
Gemälde des Einungsmeister Josef Tröndlin in der Einungsmeistermühle
Die Ursula Binkerin von Birndorf muss bald nach dem frühen Tod ihres Mannes den »Hirschen« veräußert haben. Der Käufer war Johann Baptist Tröndlin, Sohn des von den Salpeterern am meisten gehassten Einungsmeisters Josef Tröndlin, des Müllers von Unteralpfen. Im Juli 1757 ging der »Hirschen« in Flammen auf. Tröndle ließ das heute noch bestehende Haus bis 1758, zwar nicht mehr in der alten Größe aber immer noch in einem stattlichen Ausmaß errichten. Im Februar 1759 heiratete Johann Konrad Ebner, Sohn des von den Salpeterern zu Tode gequälten Redmanns Johann Michael Ebner, die einzige Tochter Katharina des Hirschenwirts Johann Tröndle und der Katharine, geb. Iselin. Von der Webpage des Hirschen
Laut Lucian Reich ist die Geschichte etwas anders als oben auf den Seiten des Hirschen zu Dogern erläutert.
Des Hirschwirts Sohn (Konrad Ebner) von Dogern braucht nicht auf Geld und Gelderwerb zu schauen. Seine Mutter führte das Wirtshaus durchaus sehr erfolgreich alleine.
Womöglich wurden diese alten patriarchalen Gesetzte damals nicht ganz so gelebt, wie es heute den Anschein hat. Auch soll Konrad Ebner „auf Jakobi den Kauf übernehmen„. Womöglich ist damit der Hirschen zu Dogern gemeint.
Laut Lucian Reich ist auch des „Müllers Kätherle“ die einzige noch lebende Tochter des Johannes Michael Tröndlin. Dies stimmt auch mit dem Stammbaum der in der Mühle hängt überein. Hier steht eine Katharina Theresia geboren 18.3.1736 deren Mutter Katharine, geb. Iselin ist. Johannes Baptista Tröndle war also ein Bruder des Müllers Johannes Michael. Dies ist auch sehr verwirrend, da der Einungsmeister Josef Tröndlin von seinen 9 Kindern drei Johannes getauft hatte und gleich fünf Maria.
Vermutlich war der namentlich nicht erwähnt Götti und „Familienrat“, der Johannes Baptist Tröndlin, auf dem Papier der Besitzer des Wirtshauses Hirschen, das dann später an Jakobi offiziell an den Konrad Ebner ging.
Stammbaum der Familie des Einungsmeisters an der Wand in der Einungsmeistermühle.
Die Einungsmeistermühle in Unteralpfen deren Ursprung auf das Jahr 1342 zurück geht und die den Dreißigjährigen Krieg überstanden hat.
Die alte Mühle in Unteralpfen war über Jahrhunderte im Besitz der Familie Tröndlin und wurde vor etwa 20 Jahren an einen Schweizer verkauft. Dieser Herr war so nett, mir die Mühle zu zeigen und zu erklären.
Vielen Dank!
Die in den 1980ern renovierte Mühle in Betrieb.
Bei den Salpeter-Aufständen oder Salpeterunruhen handelte es sich waren mehrere Bauernaufstände, die sich im Hotzenwald des 18. und 19. Jahrhunderts ereigneten.
In der „Grafschaft Hauenstein“, einem Verwaltungsbezirk des ehemaligen Vorderösterreich, gab es Anfang des 18. Jahrhunderts eine Besonderheit in den absolutistisch regierten deutschen Staaten. Hier hatte sich eine Schicht „freier“ Bauern erhalten, die sich direkt und ausschließlich dem habsburgischen Kaiserhaus zugehörig wussten.
Auch am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts regte sich Widerstand. Einer, der Gefahren für Freiheit und Verfassung heraufziehen sah, war der Bauer und Salpetersieder Johann Fridolin Albiez (1654-1727), Salpeterer-Hans genannt, aus Buch. Der damals schon über Siebzigjährige genoss großes Ansehen im Wald. Seine Agitation gegen das Kloster und für die „alten Rechte und Freiheiten“ fand Gehör. Und als im Mai 1727 die Bewohner der Grafschaft einem neuen Abt, Franz II. Schächtelin, ein Treuegelöbnis ablegen sollten, verweigerten sie die „Huldigung“. Die Verweigerung der Huldigungsleistung gegenüber einer Obrigkeit aber galt als Aufstand. Es wurde Militär auf den Wald geschickt und in die Bauernhöfe einquartiert, so dass der Widerstand gegen die Huldigungsleistung rasch zusammenbrach. Der Salpeterer-Hans saß währenddessen in Freiburg im Breisgau, dem damaligen vorderösterreichischen Regierungssitz, im Gasthaus „Bären“ in Arrest. Dort starb er im September 1727.
Andere Bauern, wie Johannes Thoma oder Josef Meyer übernahmen die Führung der Salpeterer, wie sie nun genannt wurden, und sorgten dafür, dass das Misstrauen gegen das Kloster und seine Bestrebungen, aber auch gegenüber den anderen Obrigkeiten nicht einschlief. Unter der Bauernschaft selbst bildeten sich Gruppen für und gegen die salpeterischen Bestrebungen und verschärften die Situation. Die den Salpeterern gegenüberstehenden Bauern nannte man nach den Namen der Anführer die „Tröndlinschen“ oder auch die „Ruhigen“. Die „Salpetererkriege“ fanden darum auch überwiegend zwischen den gegnerischen Bauerngruppen statt – also jenen, die gegen den Ausverkauf alter Rechte und Freiheiten unüberhörbar Widerstand leisteten und den anderen, die zwar dasselbe wollten, aber andere „ruhige“ Wege beschreiten wollten, wie zum Beispiel sich frei zu kaufen.
Als aber das Kloster sich 1738 entschloss, in den von den Einungen betriebenen Freikauf aller Bauern in den Einungsbezirken einzuwilligen und eine Volksabstimmung eine Mehrheit für den Loskauf erbrachte, wollten die salpeterisch gesinnten Einungsgenossen nicht zahlen. Es kam sogar zu einem Treffen zwischen einem Bauernaufgebot der Unruhigen auf der einen und Militär auf der anderen Seite im Mai 1739 bei Etzwihl. Schüsse trieben die Bauern in die Flucht. Dieser zweite Salpetereraufstand endete mit Todesurteilen gegen einige Anführer. 1745 kam es zu zwei weiteren Unruheperioden. Im Frühling gab es sogar für zwei Wochen eine „Salpetererregierung“ in der Grafschaft, und im Herbst versuchten die Salpeterer zweimal, Waldshut zu stürmen, um dort einige inhaftierte Gesinnungsgenossen zu befreien. Diese Belagerung und versuchte Erstürmung von Waldshut und in diesem Zusammenhang stattfindende große nächtliche Schlägereien zwischen „Unruhigen“ und „Ruhigen“ oberhalb Schmitzingen bildeten einen vorläufigen Schlusspunkt der Salpetererunruhen. Es gärte aber „auf dem Wald“ noch einige Jahre weiter. Erst mit der Deportation aller führenden Salpetererfamilien ins Banat (Lucian Reich schreibt von der ungarischen Militärgrenze) erloschen die Unruhen zunächst. Sie fanden jedoch im neunzehnten Jahrhundert eine religiös legitimierte und stark veränderte Neuauflage.
Über diese religiös legitimiert Neuauflage spottet Lucian Reich:
„Bald werde jedoch unter Gottes Leitung die goldene Zeit des Patriarchal-Lebens zurückkehren. Jedermann werde frei sein, und Gottes Wort allein, ohne andere Zutat, richten. u.s.w.„
Weiter berichtet Lucian Reich:
Zugleich unternimmt der Schwärmer Leontius Brutschi eine Wallfahrt nach Einsiedeln mit hundert und elf Jungfrauen, um für glückliche Verrichtung der Geschäfte zu beten.
Die Zahl der 111 Jungfrauen stimmt laut Mitteilung von Heinrich Dold. Diese Pilgerfahrt sei am 29. April 1739 unternommen worden. Vielen Dank an Herrn Heinrich Dold, den Hauensteiner Ehrenredmann!
Auf der Seite von Dogern gibt es folgendes dazu:
Schlimm erging es dem Dogerner Leontius Brutsche nach dem „Gefecht“ von Etzwihl (Gemarkung Albbruck) 1739. Trotz seiner Wallfahrt mit 111 Jungfrauen nach Einsiedeln, und obwohl viele Frauen und Jungfrauen beim österreichischen Waldvogt in Waldshut für ihn um Gnade baten, musste er seinen Freiheitsdrang mit dem Tode büßen. Er wurde auf der Richtstätte in Albbruck enthauptet.
Das Kloster Einsiedeln mit der Gnadenkapelle und einer Figur der Schwarzen Madonna, ist Etappenort des Jakobsweges. Hier wird die Geschichte mit Hüfingen verknüpft, das es seit dem Mittelalter auf dem Jakobusweg ist. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder.
Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute in Hüfingen an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß gefertigt (siehe Kapitel 17 vom Hieronymus). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.
Lucian Reich berichtet,
dass die Kaiserin Maria Theresia den Verbannten Rückkehr in die Heimat gestattet. Manche, welche die Unverbesserlichkeit dieser Schwärmer kannten, schüttelten bedenklich die Köpfe, als sie von dieser Maßregel hörten. „Setze eine Katz in’s Taubenhaus wie du willst, sie bleibt eine Katz und wird miauen!“
Am Ende des Kapitels schreibt Lucian Reich, die Familienpapiere melden mit kurzen Worten:
1745 wurde Konrad Tröndlin (der Sohn des Einungsmeisters) von den Salpeterern so erbärmlich mißhandelt, daß er das Leben dadurch hat einbüßen müßen.
Konrad Tröndlin war vermutlich ein Bruder des Josef und eins der neun Kinder vom Einungsmeister Adam Tröndlin.
Das Buch habe ich hier 2021 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
Pilgerfahrten durch das Breisgau und den Schwarzwald
Es war, soviel ich mich erinnere, am 9. Mai, als ich aus dem Unterlande kommend, am Freiburger Bahnhof ausstieg, um von dort meine Reise zu Fuß weiter fortzusetzen.
Das Wetter, auf welches ein Fussgänger immer zuerst achten muss, zeigte mitunter schon jene Laune zu Regen und Wind, die bis tief in den Sommer hinein anhielt und gerechte Besorgnisse einer Missernte erregte. – Den Tag vorher hatte ein heftiger, aus Südwesten tosender Sturm mit Regenschauer die umliegenden Berge, den nahen Brunnberg, den Roßkopf, Schauinsland und Gerstenhalm bis tief herunter in das Tal mit Schnee bedeckt, und den ohnehin grauen Scheiteln des Kandel, Feldberg und Bölchen frischen Puder aufgestreut. Die folgenden Tage jedoch waren leidlich und mitunter so schön, wie sie ein fahrender Ritter nur immer sich wünschen mag.
Der junge Mai hatte allenthalben schon sein Panier entfaltet; in warmen Tagen sproßten bereits Roggenähren, und die Kirschbäume in ihrer Blütentracht standen wie weißgekleidete Ehrenmägdlein des Frühlings in der lichten grünen Landschaft.
Nach kurzem Aufenthalte in der alten Zähringerstadt wendete ich mich längs der westlichen Vorhügel des Schwarzwaldes hin, wo an der Grenze des heiteren Markgräflerlandes, am Ausgang des Münstertales das Städtlein Staufen liegt. Bei einer verwandten Familie, die in dem ehemaligen Kapuzinerkloster ihre Wohnung hat, nahm ich mein Absteigequartier. Von diesem Punkte aus hatte ich nun die beste Gelegenheit, in Kreuz- und Querzügen die Gegend zu durchstreifen. Und weil bekanntlich jeder Mensch seine besondere Interessen und Liebhabereien auf der Welt hat, so war es mein Geschäft, mancherlei Geschichtliches und Sagenhaftes* nebenbei zu sammeln und meinem Gedenkbuche einzuverleiben.
Hieraus entstand nun zunächst eine kleine Mosaik von örtlichen Zügen und Begebenheiten, welche zur Kurzweil des geneigten Lesers hier eine Stelle finden mag. *Größtenteils Mittheilugen des Oberlehrers Seyferle in Staufen.
Staufen am 3. Januar 2022
Johanneskapelle
Wenn der Wanderer auf der Straße von Krozingen gegen Staufen kommt, erschaut er links auf einer weinbegrenzte Höhe die Trümmer des ritterlichen Hauses der ehemaligen Herren von Staufen. Unten an der Burghalde, wo jetzt Rebenfeld ist, stand früher eine zum Schlosse gehörende Kapelle. Als die Ritter einst im Felde lagen mit dem Schweizer Herren Schaler von Benken, geschah es bei einem Überfalle, dass die Burgherren durch einen unterirdischen Gang nach der nahen Rödlesburg sich flüchteten, ihre weiblichen Dienstboten aber, die Mägde und Köchinnen, allein auf der bedrohten Burg zurückblieben.
Wie nun die verlassenen Weiber die Gefahr, in der sie schwebten, wahrgenommen, lief ein Kammerfräulein in die Burgkapelle, fiel vor dem gemalten Bilde der heiligen Jungfrau auf die Knie und flehte um die Rettung der aus der großen Not. Als wäre ihr während des Gebetes ein kühner Rettungsgedanke geoffenbart, wendete sich das beherzte Mädchen hierauf zu den Übrigen: „Zünden wir die Burg an“, rief sie, „das gnadenreiche Muttergottesbild mit dem heiligen Kinde will ich flüchten. Wenn die Feinde das Haus in Flammen sehen, werden sie ablassen, und wir sind gerettet!“ Sie selbst legte den Feuerbrand ein, und als die Lohe emporschlug, nahm sie das Muttergottesbild und warf es über die Mauer in das Gehürst, welches die Halde bedeckte.
Nachdem die Kriegsknechte abgezogen, wurde das Bildnis wiedergefunden und in der neu erbauten Kapelle an der Burghalde aufgehängt. Welcher Dank jedoch der mutigen Jungfrau von ihren Herren, den furchtsamen Rittern, geworden, wüßte ich nicht zu berichten.
Das Rebenfeld an der Burghalde ist einem Baugebiet gewichen, aber der Stationenweg an die Johanneskapelle ist noch da. Laut Wikipedia wurde die Kapelle im Jahre 1685 von dem Eremiten Johannes Willi nach Zerstörung seiner alten Einsiedelei beim Gotthardhof errichtet und Johannes dem Täufer geweiht.
„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“ Johann Peter Hebel Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann
Bei einem Einbruch 2006 in die Johanneskapelle wurden das Altarbild, Holzskulpturen sowie zwei Votivbilder gestohlen. Wobei der Hochaltar, der 1730 der St.-Sebastian-Kapelle auf dem Friedhof gestiftete wurde, erst Ende des 19. Jahrhunderts in die Johanneskapelle kam. Also hat Lucian Reich den Altar damals nur in der Friedhofskapelle besichtigen können.
Auf den Fotos ist eine Leihgabe der Erzdiözese: Eine barocke Muttergottes und darüber das Haupt Johannes des Täufers. Zur Info: Wenn man auf die einzelnen Bilder klickt, erscheint unten die Beschriftung.
Von der Rödelsburg, (deren wenige Mauerreste von einem einsam, mit tannenbedeckten Hügel herabschauen), wohin sich jene salviert, meldet eine Sage Folgendes.
Es war vor etwa zwölf Jahren, als ein Hirtenbub seine Schafe in der Nähe einer Brunnenquelle am Rothenhofe waidete. Als er, um zu trinken, gegen das Brünnlein schritt, vertrat ihm ein schönes Edelfräulein den Weg mit dem Ansuchen, es zu erlösen. Um Mitternacht, bat sie ihn, solle auf die alte Rödelsburg kommen, an deren Tor er eine Kröte und eine Schlange als Wächter finden werde. Was dieses Paar auch gegen ihn unternehmen würde, er solle unverzagt vorüber in den Hofraum schreiten, wo sie ihn dann in das Burggewölbe führen werde zu dem Schatze, durch den sie alleine erlöst werden könne. Vollbringe er aber das Werk der Erlösung nicht, so müsse sie wiederum warten, bis die Zeit gekommen, wo ein Rabe eine Eichel fallen lasse, und diese zum Baume heranwachsen sey, aus dessen geschnittenen Brettern der Schreiner eine Wiege gefertigt, in welcher ein Knäblein großgezogen werde, welches ihre Erlösung zu bewirken vermöge. Dieses aber könne 100 Jahre gehen. –
Der Bub ging nach Hause und erzählte die wundersame Geschichte seinen Eltern, die ihr Söhnlein allfolglich zum Pfarrer führten, der ihm zusprach und ihr heilige Sakramente spendete, auf dass er das Abenteuer ohne Schaden bestehen möge. In mitternächtlicher Stunde nähert sich der Bursche der verödeten Burg. Ein furchtbarer Sturm wühlt in den Bäumen und Hürsten; es blitzt, donnert und kracht als käme der jüngste Tag. Die wackeren Torwächter speien Feuer und Flammen gegen den Eindringling, welcher entsetzt sich flüchtet und den Berg hinunter eilt, ohne das verdienstliche Werk vollbracht zu haben.
Ob nun, seitdem der Rabe erschienen, weiß ich nicht zu sagen, eben so wenig den Grund der Ruhelosigkeit des wandelnden Fräuleins. – War es vielleicht eine Spekulationsheirat, die sie um den Frieden ihrer Arm Seele gebracht? Oder hing ihr Herz im Leben allzufest an dem betrügerischen Mamon, der noch nach dem Tode sie beunruhigte? – Genug, das Erlösungswerk soll bis heute noch nicht vollbracht sein.
Ein Hirtenbub sollte hier ein Edelfräulein erlösen. Das Tor wurde aber so sehr von einer Kröte und Schlange bewacht, dass der Bub reißaus nahm. Jetzt muss das Fräulein auf seine Erlösung warten, bis ein Rabe eine Eichel einpflanzt, aus deren Samen ein Baum wächst und deren Bretter für den Bau einer Wiege verwendet werden, in der ihr Retter als Baby schläft.
Im folgenden listet Lucian Reich einige Geschichtsfunde aus Staufen auf.
Im Jahre 1106 herrschte großer Schrecken in den Breisgauischen Landen. Die Sonne hatte nämlich die dreifarbige Cokarde aufgesteckt und Alles war, wie eine Privatchronik sagt, bestürzt und glaubte, der jüngste Tag wäre nahe.
Vom Jahr 1400 wird berichtet, dass der Winter übermäßig streng gewesen, und viele gefräßige Wölfe über den Rhein herübergekommen seyen, welche das Land unsicher gemacht hätten. Ähnliches soll auch später geschehen sein, zum Beispiel im Melakischen Kriege und anno sechsundneunzig.
Weiter erzählt der Chronist, wie im Jahr 1401 die Juden aus Staufen vertrieben worden sein. Die Weiber der guten Israeliten wurden beschuldigt, Christenkinder in ihre Wohnung gelockt, ihnen die Kleider abgezogen und die Beraubten mit schlechten Fetzen bekleidet wieder entlassen zu haben. (Wahrscheinlich nur im figürlichen Sinne gemeint.) Als zu dieser Beschuldigung noch weitere unheilvolle Gerüchte kamen, geschah es, dass die Häuser der Juden angezündet wurden, worauf ihre Bewohner unter Wehklagen abzogen und die Stadt verließen.
Später, im Jahr 1551, kam ein großes Brandunglück über die Stadt und hätte, wie man später oft sagen hörte, noch Schlimmeres geschehen können, wenn der Jude Aaron Levin von Sulzburg, der zufällig hier gewesen, das Feuer durch seine Kunst nicht gestillt hätte.
Als in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts der Bauernkrieg ausbrach, stellte auch Staufen seine Leute. Es war am 19. Mai 1525, als die Schlösser Höhingen, Dachswangen und Kranznau von den Aufrührern eingenommen und verwüstet wurden. Bei der Plünderung des letzten Schlosses zeichnete sich besonders ein gewisser Faßlin, Beutemeister von Staufen aus. Dieser Mann hatte sich mit seinem Haufen etwas verspätet und kam, weil nicht mehr viel zu finden war, mit dem „langen Fischer“ in heftigen Streit. Endlich fand er noch in einer entlegenen Kammer einen eisernen Ofen, den er an Etliche von Schaffhausen um vier Gulden verkaufte, und hernach dem Hans Karrer dem Auftrag gab, das Schloss anzuzünden, welches bald in hellen Flammen aufloderte und in Trümmer sank.
Im Jahre 1586, meldet eine alte Schrift, habe in Staufen ein gottesfürchtigen Weib gelebt, Anna Sütterlin, das, hundert und vier Jahre alt, noch viel von den Schlossherrn und den Bauern Krieg zu erzählen wusste.
Die bösen Wetter des 30-jährigen Krieges, dessen Schläge so tiefe Narben im Leben des deutschen Volkes hinterließen, berührten vorzugsweise auch die breisgauischen Lande und mit ihnen das Städtlein Staufen.
Die Jahre 1621 und 1622 waren der Anfang einer bösen Zeit; nichts als Kriegspräsentationen zur Anwerbung von Leuten zu Ross und zu Fuß; und je länger desto böser wurde es, so dass die Münzen so hoch im Wert stiegen, dass im Jahr 1623 der Reichstaler sechs fl. galt, eine Dublone aber 20 fl.
„Bei diesen verderbten Kriegswesen wollte alles in den Krieg laufen, inmaßen Viele von hier weggezogen, aber mit wenig Ruhm heimkamen. – Das Land ist in Zerfall geraten, und waren überall schlechte Sitten, so dass viele Leute, wenn alltäglich, die große Glocke um zwölf geläutet wurde*, leider nicht darauf achteten, ja Manche den Hut nicht einmal mehr abgezogen.“ *in katholische Landen zum Gedächniß der „sechsten Stunde“, da Christus am Kreuze hieng und Finsterniß über die Erde kam.
Ein Menschenleben galt dazumal wenig. Es wurde oft Bürger in den Städten, Bauern im Felde, Hirten, reisende Kaufleute erschlagen, mir nichts, dir nichts, ohne dass ein Hahn nach innen gekräht hätte. Zuweilen wurden die Leute, und zwar von beiden kriegsführenden Parteien gleich, „so unmenschlich behandelt, dass alles in die Wälder fliehen musste.“ Viele Kinder wurden auf der Flucht geboren und getauft im Walde, in Kohlhütten und auf freiem Felde; und nicht selten setzte es in den Häusern der Quartierträger blutige Händel ab. Im Jahre 1642 hatte, wie man sich noch in Staufen erzählt, der alte Schneider Galli einen rabiaten Schweden im Quartier, der weder mit Kost noch Logis zufrieden sein wollte. Der Schneider sagte, dass er nichts Besseres zu geben imstande sei, indem er durch die früheren Einquartierungen alles eingebüßt habe. Der Soldat aber, nicht faul, stößt ihm den Spieß durch den Leib, so dass der Galli in drei Stunden darauf den Geist aufgeben musste. Die Schneidersfrau aber und ihre drei Buben fielen über den Schweden her und erschlugen ihn, worauf die Schwedischen fünf Häuser in Brand steckten und wohl noch mehr getan hätten, wenn sie nicht eiligst hätten abziehen müssen, weil die Kaiserlichen in Anzug waren.
Infolge einer Missernte und der vielen Einquartierung war im Jahr 1630 große Teuerung entstanden. Der Wein jedoch war geraten und sehr wohlfeil. „Da war ein solch übermütiges Zechen bei Reich und Arm, Mann und Weib (denn der Wein war sehr gut, aber das Brot schlecht und teuer), dass immer Alles voll war, Jung und Alt, alldieweil mit das Weinlein gewähret“-
Um die nämliche Zeit starb hier in des Willis Stall der hinterlassene 9-jährige Knabe des Michael Wüst, dieses gottlosen, flüchtigen und treulosen anjezo Soldaten unter Frankreich. Niemand war bei dem Kleinen. Er ging lange Zeit, „als armes vater- und mutterloses Waislein gänzlich ausgehungert, krank und elend herumben und wurde auf dem Kirchhof an der Mauer begraben.„
Die „dreifarbige Cocarde“ die das Breisgau in Angst und Schrecken versetzte war wohl keine Sonnenfinsternis. Es gab zwar eine am 1. August 1106, aber die war in Deutschland gar nicht zu sehen. Vielleicht konnte man Teile davon sehen und deshalb die „dreifarbige Cocarde“ oder es war ein Vulkanausbruch irgendwo auf der Welt.
Ebenso finde ich nichts zu den Melakischen Kriegen im 14 Jahrhundert.
Juden in Staufen
Die Ratsherren von Freiburg unterzeichneten 1401 feierlich den Beschluss, „daz dekein Jude ze Friburg niemmerme sin sol“.[Wikipedia] Vermutlich haben dies die Staufener nach gemacht.
Im Jahr 1551 rettete der Jude Aron Levi Staufen vor einem größeren Feuer durch „seine Kunst“
Bauernkriege in Staufen
Am 19. Mai 1525 wurden die Schlösser Höhingen, Dachswangen und Kranznau verwüstet. Bei der Versüstung von Kranznau war ein gewisser Faßlin von Staufen und der lange Fischer als Beutemeister, besonders beteiligt. Faßlin von Staufen und der lange Fischer stritten, da sie wohl zu spät zum plündern kamen. Sie raubten dann einen eisernen Ofen und verkauften ihn nach Schaffhausen. Danach zündeten sie das Schloß an.
Hier erzählt er unter anderem die Geschichte vom alten Schneider Galli von 1642. Dieser wurde von einem Schweden mit einem Spieß erstochen, weil der Soldat mit dem Quartier nicht zufrieden war. Der Schwede wurde darauf hin von der Frau und den drei Söhnen des Schneiders erschlagen. Aus Rache hätten die Schwedischen fünf Häuser in Brand gesteckt und hätten wohl noch mehr getan, wenn die Kaiserlichen nicht im Anzug gewesen wären.
1630 scheinen sich die Staufener von Wein ernährt zu haben. Ebenso um diese Zeit starb ein neunjähriges Kind, dessen Vater, der Michael Wüst, in den Krieg gezogen war. Allem Anschein nach hat man den Jungen verhungern lassen und an der Friedhofsmauer begraben.
Kirchhofen
Kirchhofen am 03.Januar 2022
In dieser Zeit wurde auch das Pfarrhaus Kirchhofen durch die Schweden zerstört. In der Kirche dieses Ortes befindet sich am Hochaltar ein Stein mit folgender Inschrift:
„Anno 1633 den 19. Brachmonat, ist Kirche, Schloss und Kirchspiel verbränt und kam das Land in schwedische Händ; ungefähr 500 Bauersleute erbärmlicher Weis totgeschlagen, darunter 89 vom Pfaffen- und Oelinsweiler waren. Gott wolle ihnen und allen geben ein fröhlich Auferstehen. Amen – Gott und Maria seiner lieben Mutter zu Lob, hab ich Hans Scherlin und Anna Göpfridin mein ehelich Frau, weil uns Gott, durch Fürbitt Maria wunderbarlich durch das leidig Kriegswesen erhalten, den Stein anher verehret.“
Eine alte Schrift im Pfarrarchive zu Kirchhofen erzählt Die Begebenheit, welcher das Denkmal seine Entstehung verdanken soll, auf folgende Weise. – Zur Zeit, als die Schweden unter General Horn das Breisgau überzogen und Breisach belagerten, versammelte der greise Kastellan des Schlosses (ein Dienstmann derer von Weyher) zu Kirchhofen die streitbaren Männer des Kirchspiels, und stellte ihnen die gefahrdrohende Lage des Landes vor mit der Aufforderung, die Waffen zu ergreifen und den Feind von vaterländischen Boden verjagen zu helfen. Unter der Führung des jugendlichen Waldmeisters Hans Scherlin ordneten sich die willfährigen Kirchenspielsgenossen, um, vereinigt mit den Truppen des Herzogs Feria, vor Breisach zu ziehen, welches von den Schweden belagert wurde. Vor dem Ausmarsch überreichte Anna, des Kastellans Töchterlein, dem mutigen Scherlin, ihren Verlobten, eine Rose, welche sie einst von einem Pilgrim aus dem Morgenland erhalten hatte, und die Demjenigen, welcher sie trug, geheime Kräfte verleihen sollte.
Die Schar zog aus und schlug sich rühmlich, wurde aber zuletzt genötigt, von den überlegenen Feinden zurückzuweichen und sich wieder in’s Kirchhofer Schloss zurückzuziehen. In diesem vesten Baue hatten sich auf die Kunde von dem Auszug des Feindes bereits 90 Bauern von Oelinsweiler und Pfaffenweiler versammelt, um den Platz auf Tod und Leben zu verteidigen. Scherlin mit seiner Schar postierte sich am Fuße des Hügels vor der Kirche, wo ein Verhau von Reiswellen und Baumstämmen den Weg versperrte. Als die Feinde nahten, ertönten die Sturmglocken, und mancher „ketzerische Schwed“ ward von den Verteidigern zu Boden gestreckt, bis Letztere endlich im Rücken angegriffen sich auf’s Schloss zurückziehen mussten. Ein Wassergraben, über den eine Zugbrücke führte, umgab die Veste, hinter deren Mauern die Kirchspielgenossen mit Karthaunen und Doppelhacken dem Feind weidlich aufzuspielten.
Unterdessen hatten die Schweden das Dorf eingeäschert und auch die Kirche wurde ein Raub der Flammen. In diesem heiligen Orte war kurz vorher Anna, des Kartellans Tochter, mit mehreren Jungfrauen im Gebete versammelt, als die wilden Soldaten heranstürmten. Nirgends mehr einen Ausweg vor sich sehend, betete Anna zur Muttergottes; da schien es dem Mädchen, als winke das Gnadenbild von der Hand zur Seite nach der Türe des Turmes, die offen stand und ins Freie führte. Die Jungfrau folgte dieser Eingebung und führte ihre Gespielinnen glücklich hinaus über die Türme dem Walde zu, worin schon vorher die Einwohner sich geflüchtet hatten.
Die Nacht war unterdessen hereingebrochen und an den rauchenden Feuerstätten ragte allein noch unversehrt das Schloss. Es war dem Feinde gelungen, die Schleusen des Wassergrabens zu zerstören und so diesen trocken zu legen. Früh am Tage stürmten sie die Mauern. Der heftige Kampf fand am Tore bei der Falltür statt, wo Schafffaluzki, der schwedische Obrist, selbst, den Angriff leitete. Durch Feuerbrände, welche über die Mauern in’s Schloss geschleudert wurden, kamen die Belagerten in Gefahr, unter den einstürzenden Giebeln begraben zu werden. Hans Scherlin, der tapfere Führer, war gefallen, und die Überlebenden suchten durch Capitulation freien Abzug zu gewinnen. Es wird in solcher zugesagt; aber beim Herauskommen werden die Wehrlosen Einer nach dem Anderen mit Keulen erschlagen.
Nach dem Abzug des Feindes wagen die versprengten Weiber und Kinder sich wieder aus den Wäldern hervor, um die gefallenen Angehörigen auf dem Kampfplatz aufzusuchen und zu bestatten. Also hat auch die Tochter des Kastellans, die der Verlust des Vaters und Geliebten zu beklagen hatte. – Doch siehe, als sie unter Tränen um die Leiche des erschlagenen Waldmeisters sich beschäftigte, erwacht der Schwerverwundete aus seiner Betäubung, um unter der liebenden Pflege der Jungfrau und Braut dem Leben wiedergeschenkt zu werden.
Auf Veranlassung des geretteten Paares wurden später die Gebeine der erschlagenen Kirchspielgenossen gesammelt und begraben, die Schädel aber mit den sichtbaren Todeswunden in einer eigens erbauten Kapelle zur ewigen Erinnerung aufbewahrt.
Mit welcher Pietät das Volk noch lange diese Überreste betrachtete, mag aus dem Umstande erhellen, dass die Kapelle, welche die Gebeine in sich schloß, erst nach langem Widerstreit der Gemeinde (im Jahre 1812) konnte abgebrochen und ihr Inhalt zur Erde bestattet werden. Der Pfarrer, welcher den Abbruch betrieben, weil die Kapelle die Aussicht aus dem Pfarrhof hemmte, soll noch auf dem Totenbett reuevoll ausgerufen haben: „Wieder aufbauen das Todtenhäuslein!“ Auch sagen die Pfarrangehörigen, dass der Maurer, welcher die Demolierung vollzogen, noch in selbigem Jahr, wo der Geistliche verstarb, beim „Holzriesen“ erschlagen worden sei.
Hochaltar der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Kirchenhofen
Anno 1633 den 19. Bachmonat, ist Kirche, Schloß und Kirchspiel verbrännt und kam das Land in schwedische Händ; ungefähr 500 Bauersleut erbärmlicher Weis todtgeschlagen, darunter 89 von Pfaffen- und Oelinsweiler waren. Gott wolle ihnen und allen geben ein fröhlich Auferstehen. Amen. – Gott und Maria seiner lieben Mutter zu Lob, hab ich Hans Scherlin und Anna Gottfriedin mein ehelich Frau, weil uns Gott, durch Fürbitt Maria wunderbarlich durch das leidig Kriegswesen hindurch erhalten, den Stein anher verehrt.
Inschrift auf dem Stein am Hochaltar laut Lucian Reich.
Kopie der Innschrift neben dem Hochaltar. Anscheinend konnte Lucian Reich die Schrift noch besser entziffern.
Die Geschichte vom Massaker 1633 und über Hans Scherlin läßt sich auf den Seiten vom Arbeitskreis Ortsgeschichte Ehrenkirchen nachlesen:
Neue Kriegsunruhen brachten die 70er Jahre des 17. Jahrhunderts. In jener Zeit beklagte sich der Ortsvorstand von Staufen, dass während mehrerer Jahre keine Rechnung gestellt werden konnte, weil der leidige Krieg alles in Unordnung gebracht habe, so dass weder Gefälle noch Zinsen bezahlt und auch keine Steuern mehr bezogen werden konnten. Die Bürger seien zu öfteren Malen versprengt und verjagt worden, sogar der Stadtvogt und der Richter hätten in dieser Drangsal keine bleibende Stätte mehr gehabt und seien während der Zeit vielmal ausgeplündert und verjagt worden; ihre Schriften hätten sie nach Schönau geflüchtet, aber leider in dem dortigen großen Brand verblieben und verloren gegangen seyen.
Aus jenen Zeiten finden wir verzeichnet, dass dem „Waldhans“ drei Batzen verehrt worden sind, „weilen er einen Bären geschossen“; ebenso dem „Hafengrunder“ von zwei Wölfen sechs Batzen, den Schützen von Kirchhofen für sechs erlegte Wölfe 18, und denen aus dem Münstertal für drei solcher Raubtiere neun Batzen.
Nach der unglücklichen Zeit des 30-jährigen Krieges soll die Stadt Staufen infolge der Pest ganz ausgestorben gewesen seyn bis auf eine Magd (in’s Barbier alt Maiers Haus). Diese ging eines Morgens an den oberen Brunnen, um Trinkwasser zu holen. Als sie dort ankam, sah sie einen Handwerksgesellen bei des obern Martins Haus auf einem Eckstein sitzen. Sie sagte zu ihm: ob er nicht wisse, dass der Ort ganz ausgestorben sei? – Der Handwerksbursche erwiderte: er komme eben hierher gereist und wollte auf diesem Stein ein wenig ausruhen; er bitte von ihr einen Trunk Wasser, sonst, sagte er, wäre er gesund! – Die Magd gab ihr zu trinken und setzte naiv hinzu: „Wir wollen einander heiraten und die Stadt, so Gott will, wieder bevölkern.“ – Der Handwerksbursch war nicht abgeneigt; sie wurden einig, schlossen das Ehebündnis und erfüllten später die Worte der Schrift: Machet und vermehret euch! – Noch heut zu Tage aber ist jener Eckstein zu sehen vor des Fr. Xaver Martins Haus.
Später, bemerkte die Sage weiter, ist dieses Ehepaar nach dem Dorfe Gunnern gezogen, weil es ihm in Staufen nicht mehr gefallen habe.
Zu der Sage am Eckstein an Xaver Martins Haus in Staufen kann ich leider nichts finden. Auch gibt es keine genaue Bezeichnung des „Oberen Brunnens“. Ich bin mir aber sicher, dass der Eckstein von dem Lucian Reich redet, auch heute nach 200 Jahren noch da ist.
Möge sich der geneigte Leser einen Eckstein aussuchen.
Anno 1702 begann ein neues Kriegsgetümmel im badischen Oberland, unter dem bald in Pforzheim, bald in Durlach regierenden Markgrafen Friederich Magnus. Es war der spanische Sezessionskrieg, der damals seinen Anfang nahm. Der französische General Villars war bei Hünningen über den Rhein gegangen, um sich mit den Bayern zu vereinigen; Markgraf Ludwig von Baden, der gefürchtete Held, aber sie suchte dieses zu verhindern, weshalb es am 7. Oktober 1702 zu dem blutigen Treffen bei Friedlingen, eine Stunde von Lörrach, kam. Die Franzosen hatten bei 15.000 Mann 3000 Tote, darunter 200 Offiziere, der Markgraf aber zählte bei seinen nur 8000 Mann starken Korps 1500 Tote, worunter auch der Graf von Fürstenberg. Der Erbprinz von Baden-Durlach, Markgraf Wilhelm, der auf dem Berge „Käferhölzlein“ bei Schliengen focht, von einer früheren erhaltenen Wunde noch nicht ganz hergestellt, wurde hier abermals verwundet; der Obrist Gagern aber an seiner Seite von einer Kartäschenkugel tödlich getroffen. Die deutschen Truppen unter Markgraf Wilhelm zogen hernach hier in Staufen ein, während die Franzosen, welche Neuenburg noch in Händen hatten, die Umgegend brandschatzten.
Als im Jahr 1713 Marschall Villars mit 7000 Mann von der Stadt Staufen erschienen war, und die Bürger, weil sie „gut kaiserlich“ waren, die Tore nicht gleich öffnen wollten, wurden 15 Häuser angezündet und der Bürgerschaft eine Brandschatzung von 1200 Gulden auferlegt. Dieser Summe wurde, da Geld sehr rar war, bei der Familie Litschgi in Krozingen entlehnt. Der Gläubiger mußte der Folge dadurch befriedigt werden, dass man ihm freistellte, hundert und zwanzig Stück der schönsten Eichen aus dem hiesigen Stadtwalde sich auszulesen.
Es wird erzählt, dass dem ersten Rheinübergang unter Moreau im Jahr 1796 allerlei überrheinisches Gesindel bei der französischen Division Ferino sich befunden, welches die Gegend weit umher unsicher gemacht habe. Besonders meisterlos erzeigten sich herumschwärmende Husaren, die gerne Frauen und Mädchen in den Feldern überfielen und ängstigten. Als einst ein Weib von Staufen im „oberen Steiner“, nahe an dem Zollhäuslein bei Grunern, in den Reben arbeitete, sprengte ein französischer Reiter, der diese Frau erblickt hatte, in tollem Ritte über Stock und Stein in das Rebfeld. Das Weib flüchtete von einem Stück Reben zum anderen und erreichte glücklich das Zollhäuslein, sprang hinein und hinten wieder hinaus, aber auch hier folgte ihr der wilde Reiter. Mit bloßem Säbel sprengte er hinter ihr her und erreichte fast gleichzeitig mit der Verfolgten das untere Tor der Stadt Staufen. Da stürzten plötzlich vor den Augen der verwunderten Zuschauer Ross und Mann – wie von unsichtbarer Hand getroffen – zu Boden und beide, der Mensch und das Tier, waren tot.
Ein französischer Reiter jenes Korps, so erzählte ein glaubwürdiger Zeuge, der einen mit Geld ziemlich erfüllten Beutel bei sich hatte, ritt, wahrscheinlich mit einer gefahrbringenden Order beauftragt, bei dem Kruzifixe am Wege von Staufen nach Kirchhofen vorbei, und sagte, dem Bilde sich nähernd: „Da – heb mir diesen Beutel auf“, legte den Schatz hinter das Haupt des Gekreuzigten und ritt seines Wegs. Als nach Jahresfrist die Kriegsläufe den Soldaten wieder in hiesige Gegend brachten, hielt er bei dem Kreuze an – und siehe – der Beutel lag noch unversehrt am nämlichen Orte. – Der Reiter, ein Elsässer und etwas „religionsspöttisch“, erzählte die Geschichte nachher seinen Quartiersleuten.
Seltsameres soll dem alten Boten Pfefferle von Staufen passiert sein, als er im Jahre 1812 auf seinem Gange nach Freiburg an dem Kreuze am Kirchhoferweg vorbeikam. Eine hagere Gestalt trat ihm plötzlich in den Weg, so dass er stehenbleiben mußte; in den Lüften hörte er Getöse wie Schwertergeklirr von Geharnischten. Als zufällig Bekannte von Staufen des Weges kamen und den alten Geisterseher anredeten, verschwand das Phantom. – Kurze Zeit darauf kamen Soldaten aller Waffengattungen der Alliierten auf ihrem Wege nach Frankreich durch diese Gauen und nahmen Paris ein.
Als die Franzosen unter Moreau auf ihrem Rückzug im Oktober 1796 von Schwaben her gegen das Breisgau kamen, herrschte daselbst große Angst und Verwirrung. „Die Franzosen sind geschlagen und retiriren“ hieß es, „sie rauben und plündern, sengen und brennen, wo sie hinkommen.“ – In Heitersheim flüchteten die Einwohner mit Allem, was sie in der Eile fortbringen konnten, in die Wälder. Eine arme Wittwe, die krank lag, mußte mit ihrer Tochter, in die ihre Pflegerin war, zurückbleiben. Am nächsten Morgen kamen mehrere Banden Reiter und Fußvolk in das Städtlein, brachen in die verschlossenen Häuser, raubten was sie fanden und trieben mit den zurückgebliebenen Einwohnern schnöden Mutwillen. Ein Soldat mit bärtigem, sonnenverbrannten Gesichte voller Schrammen kommt aus einem Hause, mit einem Geldbeutel in der Hand, den er dort geraubt. Gierig nach weiterer Beute schaut er umher und sieht im Nachbarshause ein schönes Mädchen furchtsam hinter dem Fenstervorhang stehen. In wilder Begehrlichkeit rennt er gegen das Haus und tobt und rüttelt an der verschlossenen Türe, bis diese endlich einbricht. Hastig eilt er durch den Hausgang, die Treppe hinauf, wir aber die Türe aufreißt, begierig sein Opfer zu erhaschen – tritt die Jungfrau, ihr blaues Auge nach Oben, dann nach der kranken Mutter gerichtet, vor ihn hin und spricht: „Tu mir kein Leid, meiner armen, kranken Mutter bin ich die einzige Stütze!“ und schaut dem rauhen Kriegsmanne treuherzig und mild in’s verderbenblitzende Auge. Überwältigt und gerührt durch die Unschuld der Schönheit des Mädchens, steht der Soldat da, ohne ein Wort hervorzubringen, und Tränen rollen über die gebräunte Wange. Er wirft den vollen Beutel mit den Worten zu den Füßen: „da nimmt für deine Mutter – eine brave Tochter du!“ und stürzt zur Türe hinaus auf die Straße, und das Mädchen berührt zu haben.
Zwei Tage nachher war die Schlacht bei Schliengen und Kandern. Mutter und Tochter sind längst gestorben, und auch der Soldat wird das Zeitliche geschieden sein, aber die That lebt bis heute noch im Andenken des dortigen Volkes.
Der spanische Erbfolgekrieg
Der Spanische Erbfolgekrieg war ein Kabinettskrieg zwischen 1701 und 1714, der um das Erbe des letzten spanischen Habsburgers, König Karl II. von Spanien, geführt wurde.
Am 24. September umging Willard mit 30 Bataillonen, 40 Schwadronen und 33 Geschützen das Gebirge durch den Güninger Durchgang und erreichte Güningen, wo er den Bau einer Brücke anordnete, die am Mittag des Oktobers fertig gestellt wurde. In Sichtweite des Feindes überquerte der Marschall am 2. Oktober das rechte Rheinufer (ein Kunststück, das zu seiner Zeit als herausragende Episode des gesamten Feldzuges hoch angesehen wurde) und beschloss, die Kaiserlichen unter Umgehung von Wilz anzugreifen und dann den Bayern, auf deren Vereinigung der französische König aus politischen Gründen besonders drängte, die Hand zu reichen.
Nach einer Reihe von Manövern und Umwegen griff er den Markgrafen bei Frillingen (14. Oktober) an. Die Franzosen hatten 17.000 Mann in ihren Reihen, die Kaiserlichen 14.000. Die 2-stündige Schlacht war hart umkämpft, und der Sieg geriet ins Wanken. Die Einnahme von Schützengräben auf den Friedlinger Höhen und ein brillanter Angriff der Kürassiere entschieden die Schlacht zugunsten der Franzosen, die 2.500 Gefallene und Verwundete verloren; die kaiserlichen Verluste betrugen bis zu 2.000 Mann. Markgraf Ludwig zog sich nach Staufen zurück, wo er auf Verstärkung stieß.
Nach der Kapitulation von Friedlingen (15. Oktober) wurden die feindlichen Armeen in Winterquartiere verlegt.
Der 29-jährige Jean-Victor Moreau (1792) Gemälde von François Bouchot Public domain, via Wikimedia Commons
Koalitionskrieg
Der Erste Koalitionskrieg war der erste Krieg einer großen Koalition zunächst aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 zur Verteidigung der Monarchie.
Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: https://www.ghv-villingen.de/. Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution (1770-1815) von Michael Tocha.
Internetfund mit französischen Uniformen um 1790
Erzherzog Carl Ludwig Johann Joseph Laurentius von Österreich, Herzog von Teschen, (* 5. September 1771 in Florenz; † 30. April 1847 in Wien) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war ein österreichischer Feldherr…. Die Zurückdrängung der französischen Rhein-Mosel Armee unter General Moreau über den Rhein nach der Schlacht bei Emmendingen verschafften Karl große Popularität in Deutschland.
Karl von Österreich-Teschen Porträt von Johann Baptist Seele (1800), Heeresgeschichtliches Museum in Wien, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Schlacht bei Schliengen war eine Schlacht des Ersten Koalitionskrieges, in der sich die Armeen Österreichs und der französischen Republik gegenüberstanden. Sie fand am 24. Oktober 1796 im Markgräflerland zwischen Basel und Freiburg im Breisgau statt. Das Kampffeld erstreckte sich auf Schliengen (mit seinen heutigen Ortsteilen Mauchen, Liel, Obereggenen, Niedereggenen), Steinenstadt, Sitzenkirch und Kandern.
Dr. Ursula Speckamp schrieb hier über Heinrich Jansjakob (1837-1916) aus seinem Reisetagebuch, Verlassene Wege unterm 21. Juni 1900:
Ehe ich heute meine Reise fortsetzte, besuchte ich noch einen alten Ehrenmann, der einst in Rastatt mein Zeichenlehrer war – den Maler und Volksschriftsteller Lucian Reich. – Im dritten Stock eines kleinen Häuschens in Hüfingen, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinen Besuch, der dreiundachzigjährige Greis, in dessen Zügen Bitterkeit und Biederkeit sich die Waage halten. – Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. – Unermüdlich ist er aber noch geistig tätig, liest und zeichnet und schriftstellert.
Wanderblühten aus dem Gedenkbuche eines Mahlers. Von Lucian Reich.
Mit einem Titelblatt von Rudolf Gleichauf und Bildern von L. Reich,
mit der Feder auf Stein gezeichnet von Johann Nepomuk Heinemann.
Karlsruhe. Herder’sche Buchhandlung (A. Geßner).
1855
Das Buch habe ich hier im Januar 2022 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
Eingang
Eingang
Mehrere durch Lebensberuf und Neigung gleichgesinnte Freunde, welche in ihrer kleineren Stadt des badischen Oberlandes ihren Sitz hatten, waren gewohnt, ihre abendlichen Mußestunden vereint im häuslichen Kreise einer befreundeten Familie zuzubringen.
Es war in Zeiten gesellschaftlicher Verwirrung und Zwiespältigkeit, die Manchen, dem es unerquicklich erscheinen mochte, dem Tagesgetriebe sich hinzugeben, auf sich selbst oder den Umgang Weniger zurückwiesen. Das Haus, wo die Verbündeten ihre Zusammenkünfte hielten, war eine freundliche Gartenwohnung am Rande der Stadt, und hatte, um mich eines beschreibenden Vergleiches zu bedienen, einige Ähnlichkeit mit der Villa des Cicero bei Tusculum, wo bekanntlich dieser Philosoph öfter mit seinen Freunden zusammenkam, um diejenigen Materien zu besprechen, die er später niederschrieb, und nach dem Namen seines Landhauses betitelte, der Nachwelt hinterließ.
Wenn unser schwarzwäldisches Tuskulanum, welches, beiläufig gesagt, dem Italienischen gleichen mochte wie etwa einer Tanne dem Lorbeer, wenn es auch nicht das Glück hatte, Philosophen und große Gelehrte unter seiner seine Besucher zu zählen, so steht, so fehlte es doch keineswegs an Stoff zu gegenseitiger Unterhaltung und probaten Mitteln, den einförmigen Tageslebens eine farbige Folie unterzulegen.
Die Zeit, wo die Sonne im Zeichen der Waage zum zweiten Mal, dem Tage und der Nacht gleiche Dauer gibt, war vorüber, und der Winter begann bereits sein ganzes Aufgebot von dienstbaren Geistern: Frostn Nebel und Stürme, mobil zu machen und über das Land zu schicken, so dass jedermann wieder gerne zu Stuben und Ofen seine Zuflucht nahm.
Auch in unserem Tuskulanum hatte die Behaglichkeit einer stillen Häuslichkeit sich wieder geltend gemacht, und statt wie noch vor Kurzem die Abende im Freien zu verbringen, saßen jetzt die Freunde in dem Stüblein am runden Tische in der Nähe des Ofens, in welchen ein tüchtiges Feuer brummte, wie um die Wette mit dem eisigen Nordwinde, der draußen über die herbstlichen Stoppelfelder brauste und im Kamin seine Klagelieder sang.
Eines Abends, als ein junger Mann, der gewöhnlich das Amt eines Dorflehrers bekleidete, der Gesellschaft eine Novelle vorgetragen, bemerkte der Zuhörer, als jener geendet: „das ist wieder einmal eine jener romanhaften Liebesgeschichten, wie sie gewöhnlich in Büchern, aber selten oder nie im Leben vorkommen.“
„Ja wohl“, versetzte daraufhin ein Anderer, „man sieht auf den ersten Blick, dass das Ding keinen wahren Boden hat, also rein aus der Luft gegriffen und lediglich nur Machwerk ist. – Es gibt aber, sollte man meinen, im Leben genug Motive, die zu solchen Schilderungen recht guten Stoff abgeben und jedenfalls mehr Interesse erregen würden, als solche oberflächliche Erzeugnisse. – Mir fällt gerade ein Geschichtchen ein, welches ich einst von einem gesprächigen Alten vernommen, und wenn ihr mir Gehör schenken wollt, so will ich es gerne zum Besten geben.“
„Es soll uns willkommen sein!“ hieß es von allen Seiten, und nachdem der Freund sein Pfeifchen gestopft und angezündet hatte, begann er seinen Vortrag.
Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit); Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.
„Druf bruckt er ’s Füür mit de Fingeren abe,“ und macht ’s Deckli zu. „Se willi den näumis verzehle,“ seit er, und sizt nieder, „doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;“ von Johann Peter Hebel Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann
Die erste Geschichte ist die eines alten Herren, des Baschi, den der Erzähler bei einer seiner Wanderschaften in einer alten Friedhofskapelle trifft. Der alte Baschie erzählt, wie er seine Frau, das Burgele, kennenlernte.
Das Burgele
Als ich einst, fing er an, nach längerer Abwesenheit meinen Aufenthalt wieder auf einige Monate im elterlichen Hause genommen, ward mir manche freie Zeit zu Ausflügen in die Umgegend und den angrenzenden Schwarzwald.
Auf einer dieser Wanderung in den nächsten Schwarzwaldtäler wollte ich bei einem alten Bekannten nicht vorübergehen. Es war dies ein schon bejahrter Mann mit gutem Gedächtniß, welcher mancherlei von der alten Zeit und ihren Sitten zu erzählen wußte. Seine Wohnung lag etwas abseits des Städtleins, dicht neben dem Kirchhofe, auf welchem er das Geschäft seines Totengräbers zu verstehen, eines Totengräbers zu versehen hatte.
Eine in der Mitte des Platzes stehende, halb zerfallene Kirche war ihres hohen Alters wegen schon oft der Gegenstand meiner Betrachtung geworden. Einst die Pfarrkirche des Dorfes, war sie, seit der Erbauung einer neuen Kirche innerhalb des Städtlein selbst verlassen, und seit Menschengedenken kein Gottesdienst mehr in ihr gehalten worden. Von den verödeten, entweihten Altären blickten noch alte holzgeschnitzte Heiligenbilder, als Denkmäler jener kräftigen, begeisterten Zeit, welche dem Leben und der Kunst einen goldenen Boden bereitete und an den Wänden zeigten sich noch hie und da Überreste von alten Malereien; aber die Fenster waren zerbrochen und das Blei hing schlotternd herab, dem Wind und Wetter seinem Durchzug gewährend. Nur noch einzelnen Betern diente jetzt die Kirche zur einsamen Gottesverehrung, und in den hinteren Räumen, neben zertrümmerten Kirchenstühlen, bewahrte der Totengräber die Bahre auf und sein übriges Geschirr. Denn der Kirchhof ist immer noch wie vor Zeiten die Begräbnisstätte der Ortseinwohner, und die Glocken im alten Turme läuten noch jeden Abgeschiedenen auf dem Heimweg.
Diesmal fand ich das Haus des Totengräbers verschlossen und suchte deshalb meinen Mann auf dem Kirchhof. Es war zur schönen Sommerzeit; der alte Lindenbaum an der Mauer stand in vollen Blüten, und einige Kinder waren beschäftigt, diese in Körbchen zu sammeln, zum heilsamen Tranke. Ein paar fromme Mütterlein wandelten betend zwischen den Gräbern, und weiterhin sah ich endlich den Alten, wie er eben einem Verstorbenen seine letzte Ruhestätte bettete.
Ich trat näher und grüßte ihn; er reichte mir die Hand aus dem halbfertigen Grabe und sagte, wie es ihn freue, mich wieder einmal hier zu sehen. Zugleich erkundigte er sich nach meinem bisherigen Aufenthalte, und als ich ihm gesagt, ich komme aus ich komme aus dem Unterland, so fragte er mit Theilnahme nach Neuigkeiten von dort.
„Das Neueste“, antwortete ich, „ist jetzt die Eisenbahn, an welcher über Kopf und Hals gearbeitet wird, so dass schon eine Strecke unterhalb Karlsruhe befahren werden kann.“ Es war nämlich zu Anfang der vierziger Jahre.
„Hm!“ sagte er, „was der Mensch doch für Erfindungen macht, um schneller durch’s Leben z’kommen – es geht ja ohnehin schnell g’nug, d’Zeit selber ist en Eisenbahn.“
„Und ihr seid der Bahnwärter an der letzten Station, nicht wahr?“ erwiderte ich, auf das offene Grab deutend, „da müssen eben alle Passagiere aussteigen, weil jenseits eine andere Spurweite beginnt, zu welcher die irdischen Räder nicht mehr passen“, setzte ich bei, sein Gleichnis weiter ausmalend.
Er nickte, obwohl er mich nicht ganz verstanden haben mochte. „Ja, ja“, sagte er nach einer Weile, „’s geht rasch mit dem Lebe, das ist jetzt das dritte Mal, dass ich den Kirchhof umgab‘. Ihr könnt Euch denke, wie Mängem ich schon sein Bettle g’macht hab‘. Da schaufle ich eben dem Kranzwirth aus, en Mann, der seiner Zeit in Ehr und Reichtum g’standen, es weiß kein Mensch wie groß, er und seine seine vier schönen Töchter, -und jetzt ist keins mehr da von Allen nix als Knoche – lauter Vergänglichkeit.“
Der Mann fragte mich hierauf, wo ich hin wolle, denn er hatte bemerkt, dass ich Kappe und Regenschirm bei mir trug, und auf meinem meine Erwiderung, dass ich eine kleine Reise vorhabe und beim Rückweg wieder bei ihm zu sprechen gedächte, um mit ihm mehr noch von den alten Zeiten zu plaudern, deutete auf ein altes, graues Männlein, welches mühsam den Hügel herauf gegen die Kirche kam. „Der kann doch von Allerlei erzähle“, sagte er, „das ist einer der Ältesten im Ort, der alt‘ Baschi.“
Dieser Weisung zufolge verabschiedete ich mich von meinem nimmer rastenen Gärtnersmann und schritt auf die Kirche zu, in der Absicht, mit dem Alten anzuknüpfen. Er war schon innerhalb des Gotteshauses angekommen und hatte ermüdet in einem der Kirchstühle Platz genommen.
„Geht’s immer noch ein wenig, Großvater?“ fing ich an. Kann’s nicht lobe“, gab er zur Antwort, „’s ist bald Mathä am Lezte mit dem Baschi – wär’aber auch kein Wunder“, setzte er lächelnd bei.
„Wie alt, Mann, seyd ihr wohl?“ fragte ich weiter. „Ihr könnt denke, es sind jetzt schon 65 Jahr, seit ich geheiratet habe, und 15 Jahre sind’s, seit’s Bugele selig tot ist – und ich leb‘ alleweil noch.“ „s’Burgele war euer Weib?“ fragte ich, und als es bejahte, erkundigte mich, ob es auch aus dem Städtlein gewesen. „Ah, b’hütesgott!“ sagte er kopfschüttelnd, „es ist in der Schollach daheim g’wese, wenn Ihr wisset, wo die liegt.“ „Recht wohl“, versetzte ich, „aber wie habt Ihr sie denn kennengelernt?“ „Auf sonderbarliche Art, Herr, unsere Liebe hat mir Prügel eingefangen – abt Ihr auch schon mal so was gehört – mit Prügel!“ sagte er lachend. „Das ist allerdings ein wunderlicher Anfang“, bemerkte ich; „denn dass schon manche Liebe auf diese Art geendet hat, ist bekannt, aber damit angefangen, das ist unerhört – Bin doch begierig, zu hören, wie sich’s zugetragen.“ „Von Profession“, fuhr der Baschi fort, „bin ich ein Zimmermann, weil es aber daheim mit allsfort Arbeit gebe hat, so bin ich ‚rum zogen im ganzen Fürstenbergischen und weiters; denn, Herr, dazumal sind nicht noch so viel Häuser im Rauch aufgegange, wie jetzt, und d’rum auch weniger gebaut worden. Vor sechsundsechzig Jahren aber hat es sich ereignet, dass der Wolfshalder-Hof verbronne; ’s hat selbige Tag ein entsetzlich‘ Wetter am Himmel gehabt, und man hat sagen wollen, es sei unter erschröckliche Schlägen en feurige Drach‘ aus finsteren Wolken auf’s Haus ‚rab g’fahre. Gesehen habe ich es nicht, aber so viel ist richtig, dass selbigmal der Wolfshaber-Hof verbrannt worden ist bis auf den Grund. Der Schaden ist groß gewesen, aber das Vermögen vom Wolfshalderbauer noch größer; das Holz zum Bau hat er im eigenen Wald geschlagen, und die Bretter auf der eigenen Sägemühle schneiden lassen, und an baarem Geld hat es ihm nicht gefehlt. – Da habe ich denn auch Arbeit gefunden als junger Zimmergesell. Mein Meister ist der Seppetoni selig gewesen, ein Ausbund von Geschicklichkeit, wie man in siebe Herre Länder kein‘ mehr antrifft, Herr! – Gegen den Herbst ist der Hof wieder gestanden, größer und properer als z’erst, und am Donnerstag nach Michäli ist der Dachstuhl aufgeschlagen worden. Dazumal aber habe ich noch keine Bekanntschaft gehabt; doch bekennen muss ich, s’Zinkebaure Jüngste hat mir gefallen, ne bundesnett Weibsbild, gesund und frisch wie eine Rose. Das Mädel aber hat nichts von mir wissen wollen, und das hat mich bitterlich verdrossen. Wie nun der Dachstuhl glücklich aufgeschlagen gewesen war, habe ich den üblichen Spruch gehalten, denn in derartigen Dingen habe ich meines Gleiche g’sucht. Mein Vater selig ist der Spielhans gewesen, ein Tanzgeiger und Reimereißer obenaus; aber ’s Geigen ist jetzt abgekommen beim Tanz, es muss jetzt Alles pfiffen und trompetet sein. – Des Zinkebaure Jüngster und ihre Kamerädine zum Schabernack, habe ich aber in den Spruch noch das Versle eing‚flickt:
„Von schöne Mädle, das ist bekannt, hat es die feinste hierzuland; Doch will ich nicht lang suchen und laufen, Will ein Dutzend um ein alt’s Strohseil kaufen“,
und da sind sie halt waidlich ausgelacht worden. Darnach aber ist der Schmaus angangen und alle Nachbarn und Bekannten sind dazu invitiert worden. Herr! das ist en Esse g’wese – potz Dunder! Zuerst sind komme: Knöpfle im Specksuppe, Leberwürste und zwei Dudelsäck, d’rauf grüner Speck, Schulterblättle und Rippestückle, nach dem geräucherten Speck und Bratwürste, und auf das erste noch vier Hammestoze* und Stücker habe wir davor ‚runter g‚säbelt, wie Brieftasche – e Sauerkräudle dazu, so schön wie en Goldfaden; aber z’allereletzt sind noch aufgetrage worden zwei Guckinofen** und Torten und Muskete“. * Schinken ** Gugelhopf
„Pasteten, wollt Ihr sagen“, unterbrach ich ihn. „Nun ja, ich sage ja nur Muskete, mit Mandeln und Zibeebe, denn ihr müsst wissen, dass die jüngste Tochter vom Wolfshalder Klosterfrau gewesen ist in Friedenweiler, und die hat das Backwerk spendiert; und was an Wein draufgegangen, ist nicht zum sage. Am Samstag darauf bin ich heim, um meiner Mutter, tröstet sie Gott, die schwarz Wäsche z’bringe, und wie ich da mit meinem Bündel unterm Arm guten Mutes fort marschiere und zum Bildstöckle komme -was geschieht? Die Mädel passe mir auf, von wegen dem Spruch. „Da kommt er mit seinem wüsten Maul“, höre ich sagen, „und da hat’s Trinkgeld“. Jetzt aber ist es losgegangen mit Ruten und Besen über mich her! Da ist dabeigewesen ’s Zinkebaure Jüngste, ’s Fralkebühlers Rosle, das Brunnenbachers Kätherle, s‘ Bierwirths Sepperle, s‘ Waldbauers Burgerle und noch drei Andere. Da habe ich denn für jedwedes unnütz‘ Wort, was ich gesprochen habe, ein Paar Flausen überkommen und es ist mir ganz recht geschehen.
Die aber, die mir’s am Allerärgsten gemacht hat, die ist s’Burgele gewesen. „Du wirst an mich denken“, sagte es und versetzte mir noch ein Paar herzhafte mit den bloßen Händen und seine weißen Arme – gibt mir en Blick und macht sich aus dem Staub mit den Anderen.
Die Geschicht aber hat mir z’denke g’macht, absonderlich s’Burgele’s Benehmen und seine Wort‘, und ihr dürft mir’s glauben, Herr, es ist mir zur Nacht verkommen im Traum – und fein lieblich Gestalt ist wieder vor mir gestanden, und es sagt mit freundliche Worte zu mir: „Du wirst an mich denken“, und gib mir, statt den Streichen, e‘ Schmüzli und rennt fort .- ‚s ist e‘ Sach, Herr, um d‘ Jugend!
Am Montag darauf komme ich wieder zurück; da habe ich denn für den Spott auch nicht sorgen dürfe, von wege dem Trinkgeld. Am nämlichen Nachmittag aber sehe ich, nit weit von unserem Zimmerplatz s’Burgele, wie es auf dem Grasplatz vor ihrem Haus Garn spreitet; es ist ein schöner Tag gewesen. – Ich lug hinüber, und wie ich so während der das Holz’bschlagen ‚nüber schiel, glitscht mir’s Breitbeil aus am Holz und fahrt mir tief in den Waden am linken Fuß, und das Blut ist rausgesprungen wie ne Brunnenröhre; –‚s Burgele sieht’s und springt rüber.
„Um Gotteswille“, ruft es, „was hast g’macht und was ist passiert, o Baschi!“ Und es reißt in der Eil sein Fürtuch vom Leib und will mir’s Blut stille, nimmt mich am Arm und führt mich in ihr Haus; und die Anderen sind her g’sprungen und haben mich noch gar verbunden. Zum Glück ist grad das Kräuter-Toneli bei der Hand mit seiner Kunst und Sympathi; es nimmt e‘ Gläsle mit Kupferwasser und lasst etliche Blutstropfen d’rein fallen und sagt: „das Glas muss jetzt ‚e reine Jungfrau in ihrem Kleiderkasten aufhebe, doch so, dass weder Sonne noch Mond dazukommt“, und s’Burgele springt auf und sagt: „gebt’s mir her, Tonele!“ und es nimmt’s und verschließt’s in seinem Kasten, und im nämlichen Augenblick ist s’Blut gestillt, und d’Schmerze sind weg, wie weg g’wischt.
„O Burgele, Burgele, sag ich, was tust du am mir, ich kann’s dir mein Lebtag nicht vergelten.“ „Es ist ja gern geschehen“, sagt es, „und wenn’s nur bald wieder gesund wirst, Baschi!“ Ich aber bin bald wieder heil worde, denn es hat sich schnell bessert, und s’Burgele ist bei mir bliebe früh und bis spät und hat mir abg’wartet. Schon nach acht Tagen habe ich wieder marschieren können und bin heim gegangen. Wie ich aber daher oben angekommen, so fangt die Blessur unverhofft wieder an zu bluten und die Mutter meint, es kommt von der Mühe im Laufe; sie rennt fort und holt den Scharfrichter-Hans, der hat auch verstanden z‘ „stille“. – Ich sage ihm, so und so ist’s gegangen und das und das hat mir geholfen; er aber macht seine Spargelementer und sagt, dass ich mindestens acht Tage Hausarrest haben soll. – „Aber das kann ich euch sagen“, macht er, „wenn ich nicht dazugekommen wäre, hätte es euch könne das Leben kosten, Baschi; ich vermute nämlich nichts anderes, als dass das Fläschle, von dem er mir sagt, an der Sonne oder an’s Feuer gekommen ist.“
So wird mir doch, denke ich, s’Burgele den Streich nicht gespielt haben, es täte mir wahrhaftig weher als der böse Fuss, und macht mir so meine Gedanken. Zwölf Tage habe ich d’Stube hüte müssen und wie ich wieder hoch marschieren können, ist der erste Gang – in d’Schollach.
Wie ich zu s‘ Waldbauers Haus hin komm‘, treffe ich gerad ’s Kräuterweible vor der Tür, und es winkt mir und nimmt mich zur Seite. „Baschi“, sagt es, „Ihr habt nicht gut g’handelt am Bugele“, und Dies und Jenes. „Warum?“ sagt ich. „und was meint ihr damit?“ und sie erzählte mir Alles. „Drum hat es en „Anhalter“ g’habt ’s Zinkebauers Franz, und Vater und Mutter haben ihm zugesprochen, es soll ihn nehme. Geld hat er und Haus und Hof dazu; aber s’Burgele will nit. Lieber ledig sterben als den Franz! sagt es, und wie sie ihm weiters zuspreche, wird es krank und ißt nicht und trinkt nicht, denn die Liebe ist eine Krankheit, sagt das Sprichwort. Keinem Menschen aber hat es anvertraut, was ihm fehlt und wo sein Kummer sitzt, als mir.“ „Ich habe ’s im Vertrauen in den Baschi gesetzt.“ sagt es, „und keinen Anderen will ich und mit keinem Anderen kann ich leben; wenn er nur käme und wenn ich mit ihm reden könnt“. – Aber wer nicht kommt, das ist der Baschi, und es wartet und wartet, und es kommt kein Baschi. „Er hat mich vergessen“, seufzt es und brieget. Und so, Freund, stehe jetzt die Sache“, sagt’s Toneli, „sprecht, wie seyd ihr g’sinnt, und was ist z’machen. Euer Zuspruch wird besser helfen als alle meine Kräuter und alle Sympathie.“
Ihr könnt euch vorstellen, Herr, wie groß auf einmal meine Freude und meine Hoffnung geworden sind, und ich sag ihm, wie es mir gegangen, wie mein Fuß wieder rebellisch worden sey und was mir der Scharfrichter-Hans bedeutet habe, von wegen dem Gläsle. Aber s’Töneli erklärt und mir d’Sach.
„s’Burgele ist unschuldig, und ihr könnt ihm keine Schuld beimessen; s’Barbele, seine jüngste Schwester, hat den Streich gespielt und s’Gläsle heimlich aus dem Kasten genommen und an die Sonne gestellt aus Wunderwitz. s’Burgele ist dazugekommen und zum Tod erschrocken, und rennt schnell zu mir und sagt mirs.“
„Burgele, habe ich gesagt, es gibt Gegenmittel und ich will es anwenden, Dir und dem Baschi zuzlieb, aber hätte gefährlich ablaufen können, mit solchen Sachen lässt sich nicht spaßen.“
„Tonele“, sag ich, „Ihr seid mein guter Engel, der mich leitet und führt, und grüßet mir s’Burgele, es soll mir verzeihe, wenn ich es erzürnt habe, und ich wollte selber noch mit ihm reden“, und so und so und so.
Den nämlichen Tag noch ist es aufgestanden, und am anderen Morgen hat es eine Wallfahrt gemacht, mit dem Bärbele und dem alte Tonele nach, Tryberg zur Kreuztanne; und wie sie wieder retour kommen, so stehe ich ihnen auf dem Weg beim Bildstöckle, wo ich vor 14 Tagen die Flause bekommen habe.
Es ist schon ziemlich dunkel gewesen, und wie sie daherkommen, so gehe ich aufs Bugele zu und sage „Verzeiht mir Burgele (denn ich hab’s Herz nimmer g’habt, „Du“ zu ihm z’sagen) und zürnet mir nicht.“ Es aber gibt mir die Hand und sagt „ich wüßte nicht wegen was, Baschi“ zieht e’Betbüchle heraus und reicht mir e‘ Helgele: „da hast dein’n heilige Namenspatron, und wir haben auch e‘ wenig für dich betet bei der Kreuztanne, und du darfst mich aber wohl noch duzen!“ sagt es. Und s’Tonele winkt mir mit den Auge.
Und das ich’s kurz mache, Herr, wir haben einander geheiratet trotz meiner Armut und alle Hindernissen. Aber Harz hat es kostet, das kann ich sagen, bis die Älteren das Jawort gegeben haben und bis alles in Richtigkeit gewesen ist. Denn, selbiger Zeit ist’s Hochzeitmachen nicht so leicht gegangen, wie heut zu Tage; aber ich habe gute Patrone gehabt und unser Bürgermeister hat mir geholfen mit guten Attestate, sonst wär es auch nicht gegangen.
Mit der Arbeit und Sparsamkeit haben wir uns durchgeschlagen, und wenn auch im Anfang Schulden vorhanden gewesen sind, so haben wir uns doch in kurze Jahre frei gemacht. – Freud und Leid, gute und böse Tage haben wir miteinander ertragen und unser Herrgott hat uns geholfen. d‘ Burgele ist jetzt schon 15 Jahre tot, aber kein Stund vergeht dem Tag, wo ich nicht an ihn’s denke, und sein Tag im Jahr und kein Tag im Jahr, wo ich nicht für ihn‘ s bet. – Ich denke, Der, der das Menschenherz trennt, wird’s auch wieder vereinigen. – Das, sagte er, an seinem abgetragenen blauen Rock deutend, ist mein Hochzeitsrock und mit dem soll man mich auch ins Grab legen. – Wenn’s nur bald Gotteswill wär.
Der Alte schwieg, und seine Lippen bewegten sich wie in stillen Gebete. Ich legte ein Geldstücklein in seinen nebenan stehenden Hut und er nickte stumm zum Abschied. Als ich nach einigen Wochen wieder von meinem Ausflug zurückkam und meinem Versprechen gemäß beim alten Totengräber einsprach, rief mir dieser schon von weitem entgegen „der Baschi ist fort, – er ist erlöst, unser Herr Gott hat ihn endlich zu sich genommen. – Dort hinten bei der Linde habe ich ihm’s Bett gemacht, nicht weit von seinem Burgele. Er hat sich gefreut auf sein‘ Sterbestund, tröst ihn Gott – er hat’s überstanden!“
So erzählte der Freund, und alle baten ihn, diese Geschichte doch aufzuschreiben, dem guten Burgele und dem Baschi zum Gedächtnis und ihren, den Zuhörern, zur freundlichen Erinnerung an eine angenehm verbrachte Stunde.
Der Erzähler hatte der Gesellschaft zu willfahren versprochen und brachte wirklich nach einiger Zeit die kleine Novelle Schwarz auf weiß. – „da bekanntlich“, sagte er mit sehr ernsthafter Miene, indem er das Werk den Freunden reichte, „Bescheidenheit schriftstellerischer Verdienste holdefte Tochter ist, so glaube auch ich mit unserem gefeierten Landsmann und Dichter von dieser Arbeit sagen zu dürfen, dass ihr Inhalt und ihre Manier sie besonders für die Freunde ländlicher Natur und Sitten eignet; und wenn Herren und Damen höherer Bildung sie nicht ganz unbefriedigt aus den Händen legen, so ist der Wunsch des Verfassers erreicht. Ich habe“, schloss er, „der kleinen Gabe nach eine bildliche Darstellung beigegeben, gleichsam als heimatlichen Boden und Fundort des Blümleins, welches also ausgestattet ich Euch überreiche.“
Wie zu erwarten, erntete der Autor großes Lob – ein Ding, womit Freunde in der Regel nicht allzu sparsam umgehen zu pflegen. Auch wurde dabei der Wunsch ausgesprochen, es möchte dem Einzelnen Mehreres dere Art angereihet werden, so dass es, wie eben Kranze die Blume (welche oft für sich alleine wenig ist) im Verein mit anderen gehoben und bedeutsamer erscheine.
„Gut!“ ließ sich der Erzähler der freundlichen Idylle vernehmenm „um also den Anforderungen wohlmeinender Freunde zu entsprechen, wie es gewöhnlich in Vorreden heißt, will ich Eurem Begehren nachkommen und dem Versuch machen. – Was ich jedoch geben möchte, sind, und bei dem gewählten Bild stehen zu bleiben, weniger künstlich gezogene Zier- und Prachtblumen, als vielmehr solche, wie sie etwa ein Wanderer am Wege durch Felder und Wälder zu pflücken Gelegenheit findet, oder mit anderen Worten, Schilderungen aus dem Gedenkhefte eines Reisenden. – Was aber die Art und Weise der Darstellung betrifft, so wolle der geneigte Leser, wie ein alter Scribent in seiner Vorrede sich ausdrückt, dieselbe sich wohl gefallen lassen und wenn einige Fehler und Mängel sich eingeschlichen, dieselben mit seiner Nachsicht und gewohnten Leutseligkeit wohlgeneigt zudecken; was mich nicht allein unendlich obligieren, sondern auch ermutigen würde, in Zukunft mehr Anderes mitzuteilen, sintemal in einige Jahre über durch selbst eigene Notierung, als auch nach gepflogener Korrespondenz, verschiedene Historien zusammen bekommen, welche der wißbegierigen Welt keineswegs verdeckt werden, noch in ewige Vergessenheit geraten sollen. – Indessen bleibe das liebe Publikum mir gewogen und lebe verpflichtet, dass ich ihm zu dienen allzeit bereitwillig verbleibe u.s.w.“
Nach diesen und ähnlichen Präliminarien wurde ganz weiter ausgemacht, dass einige Abende in der Woche den Mitteilungen gewidmet werden sollen, vorausgesetzt, dass nicht etwa wichtige Stadt- und Landneuigkeiten einliefern, die eine gründliche patriotische Besprechung vor Allem notwendig machten. Zum Schluss versprach noch ein Mitglied, den ganzen ehrenwerten Club in Tusculanum, wie er leibte und lebte, zu Papier zu bringen und sollen je die Abhandlung, etwa unter dem ansprechenden Titel: „Wanderblühten“ oder „fliegende Blätter aus der Reisetasche eines modernen Pilgers“, gedruckt und herausgegeben werden, so, meinte er, könne das Ding eben so gut, wie manche bescheidene Neuere ihr eigenes Bildnis als empfehlendes Tavernschild vor ihren Werken aushängen, dem Ganzen als Titelblatt beigegeben werden.
So viel über die Veranlassung, welcher die nachfolgenden Mitteilungen zunächst ihr Entstehen verdanken.
„Und woni gang, go Gresgen oder Wies in Feld und Wald, go Basel oder heim, s’isch einerlei, igang im Chilchhof zu“ Johann Peter Hebel Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann
Der Baschi war Zimmermann und hat das Burgele bei Arbeiten an einem niedergebrannten Hof kennengelernt. Aus Unachtsamkeit haut er sich mit dem Breitbeil in die linke Wade. Zum Glück kommt gerade „das Kräuter-Toneli“ vorbei, nimmt ein Gläschen mit Kupferwasser und läßt etliche Blutstropfen hinein fallen. Das Glas muss dann bei einer reinen Jungfrau in ihrem Kleiderkasten aufbewahrt werden. Es darf aber weder Sonne noch Mond drauf scheinen. Burgerle nimmt das Gläschen zu sich in ihren Kleiderkasten. Der Baschi ist sehr dankbar, dass sie ihm das Leben gerettet hat. Die Blutung hört sofort auf.
Danach geht der Baschi zu seiner Mutter ihr die Schmutzwäsche zu bringen. Bei der Mutter angekommen blutet das Bein wieder. Die Mutter holt den Scharfrichter-Hans, der auch verstehen würde Blut zu stillen. Der befiehlt zwölf Tage Hausarrest. Und meint, dass das Fläschle mit dem Blut an die Sonne gekommen sei. Baschi wundert sich, dass das Burgele ihm solch einen Streich gespielt hat, der ihm fast das Leben kostet.
Als es ihm wieder besser geht, trifft er an dem Bildstock das Kräuter-Toneli. Toneli erzählt Burgele hätte einen reichen Mann heiraten sollen, aber sie würde ich weigern und nur den Baschi wollen. Dann sei die kleine Schwester an ihren Kleiderkasten und habe das Fläschchen mit dem Blut am Fenster angeguckt. Kräuter-Toneli wurde sofort von Burgele dazu gerufen und konnte Baschi gerade so nochmal retten, sonst wäre er jetzt tot.
Da lässt Baschi dem Burgele Grüße ausrichten. Darauf hin geht das Burgele mit Freundinen nach Tryberg an die Kreuztanne zum beten. Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen. Diese kommt nämlich schon im Kapitel 22 vom Hieronymus vor.
Als das Burgele mit den Freundinnen zurück kommt, wartet der Baschi an dem Bildstock auf sie. Die zwei sprechen sich aus und werden heiraten.
Nach der Geschichte mit dem Baschi und seinem Burgele, entschließen sich die Freunde von nun an Geschichten zu sammeln und aufzuschreiben.
Pilgerfahrten durch das Breisgau und den Schwarzwald.
Die Pilgerfahrt beginnt in Staufen an der Johanneskapelle.
„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“ Johann Peter Hebel Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann
Das Buch habe ich hier im Januar 2022 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
Wanderblühten aus dem Gedenkbuche eines Mahlers. Von Lucian Reich.
Mit einem Titelblatt von Rudolf Gleichauf und Bildern von L. Reich,
mit der Feder auf Stein gezeichnet von Johann Nepomuk Heinemann.
Karlsruhe. Herder’sche Buchhandlung (A. Geßner).
1855
In die einzelnen Kapitel kommt man, indem man auf das Bild klickt 🙂
aktualisierte Version, Original vom 07. Februar 2020
Ein Angehöriger des Hüfinger Künstlerkreises war „Muckle“, der Lithograph Johann Nepomuk Heinemann (30.05.1817 – 22.02.1902).
Selbstportrait
Verheiratet war er mit Elisabeth Reich (15.12.1819- 24.06.1871) der Tochter von Luzian Reich der Ältere (07.01.1787 – 18.12.1866) und somit der Schwester von Lucian Reich dem Jüngeren (26.02.1817 – 02.07.1900 ).
Hier will ich die Lithographien von Johann Nepomuk Heinemann aus dem Hieronymus, die er „mit Feder auf Stein gezeichnet“ hat, vorstellen. Die erste Litographie von der Ruine Zindelstein ist nur in der Erstausgabe von 1853 vorhanden. In späteren Nachdrucken wurde dieses vergessen.
s‘ chunt alles jung und neu und alles schlicht im Alter zu, und alles nimmt en End, und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht, und siehsch am Himmel obe Stern an Stern? Me meint, vo alle rühr si kein, und doch ruckt alles witers, alles chunnt und goht. >Johann Peter Hebel
„geb dir Gott e glücklich Jahr und freudige Sinne!“ >Johann Peter Hebel
„Es isch en Engel usem Paradies u Mutterliebi heißt si schöne Amme.“ >Johann Peter Hebel
„Sie ziehn di uf, und lehre di laufe, gen der n freudige Sinn u zeige der nüzlige Sache“ >Johann Peter Hebel
„und jez göhnt in d’Schul – fall mer keis, gent achtig u lehret was menich ufgit!“ >Johann Peter Hebel
„Kennst du auch die goldene Zeit Mit den frommen Kinderträumen Ach sie darf nicht lange träumen Ihre Heimath liegt gar weit“ >A. Schreiber
„Sie lüte weger s‘ Zeiche scho der Pfarrer, schint’s, well zitli cho.“ >Johann Peter Hebel
So hüt di vorem böse Ding s’bringt nume Weh und Ach‘ Wenn’s Sunntig isch se bet und sing Am Werchtig schaff di Sach. >Johann Peter Hebel
„So sprechen die Kinder und drücken sich schnell, Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell: Nur stille Kind! Kinderlein, stille!“ >Goethe
„E freie frohe Muth e gsund und frölich Blut goht über Geld und Guth.“ >Johann Peter Hebel
Es chunnt e chuele Abedluft, und an de Halme hangt der Duft denckmol, mer göhn jez an alsgmach im stille Frieden unter Dach! >Johann Peter Hebel
Ruhig Gewissen, eigner Herd Ist Gott und aller Ehren werth. >Johann Peter Hebel
„Siehsch des ordelig Städtli mit sine Fenstern und Gieble,“ >Johann Peter Hebel
„De freudig Stündli isch’s nit e Fündli?“ >Johann Peter Hebel
„E freude Stund e guti Stund, s‘ erhaltet Lib und Lebe gsund, doch muß es in der Ordnig goh, sust het me Schand und Leid dervo. >Johann Peter Hebel
„s‘ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle, Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate, Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.“ >Johann Peter Hebel
Willchumm Herr Storch! bisch au scho do, und schmecksch im Weiher d’Frösche scho? und meinsch der Winter heig si Sach, und’s besser Wetter chöm alsgmach? >Johann Peter Hebel
Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom, und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber. >Johann Peter Hebel
Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte Jeder: da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein. > Goethe
„Drunter ischs und drüber gange was me cha sage. Menge brave Ma hets nime chönne prästiere, het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet. >Johann Peter Hebel
„O wie chlopft der di Herz, wie lüpft si di flatterig Halstuch, und wie stigt der d’Röthi jez in die lieblige Backe, wie am Himmel s’Morgeroth am duftige Maitag“ >Johann Peter Hebel
„Zum frohe Sinn, zum freie Muth, und Heimet zu schmeckt alles gut.“ >Johann Peter Hebel
Schlof wohl, schlof wohl im chüele Bett! De ligsch zwor hert uf Sand und Chies; doch spürts din müede Rucke nit. Schlof sanft und wohl! >Johann Peter Hebel ist aus den Wanderblühten 2020 mit rein gerutscht aber ich lasse es hier jetzt stehen
Und chunt zur Zit e Biderma, ans Füür, und zündet ’s Pfifli a, und setzt si nänmen ane mit, se schmeks em wohl, un – brenn di nit! >Johann Peter Hebel
„Erhalt mer Gott mi Friedli!! >Johann Peter Hebel
Hüfingen, 24. Febr. Heute wird der älteste Mann von hier zu Grabe getragen, der 85jährige Litograph und Photograph Johannes Nepemuck Heinemann. Er war nicht nur der älteste, sondern auch wohl einer der brävsten und tüchtigsten hießigen Bürger, bei einer gewissen Wohlhabenheit doch immer ein Muster edelster Einfachheit und altbürgerlicher Bescheidenheit. Wie rührend konnte er oft erzählen von der guten alten Zeit, und bitter klagen über die Maßlosen Ansprüche der heutigen Zeit, besonders der Jugend. Mit Heinemann ist ein Künstler von Gottes Gnaden gestorben, bekannt und geschätzt weit über die Baar hinaus. Der alte Fürst war sein liebevoller Gönner. Um nur einen Beweis seines künstlerischen Könnens anzuführen, sei hier erinnert an die Prächtigen Illustrationen in Luzian Reich’s „Hieronymus“. Sie sind eine der schönsten Arbeiten Heinemanns, leider nur zuwenig bekannt. Heinemann ist gestorben, ohne eigentlich krank gewesen zu sein, infolge von Altersschwäche im Vollbesitz der Geistesfrische bis zur letzten Stunde. Versehen mit den hl. Sterbesakramenten ist er in die Ewigkeit gegangen, um beim lieben Gott nun auszuruhen von einem langen, frommen, arbeitsreichen Leben.
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren.
Man möge mir verzeihen: Ist mir das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd, so ist das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind einige Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen.
Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Hier der 3. Teil vom Kapitel Mainau
Die folgenreichen Weltereignisse zu Anfang unseres Jahrhunderts nötigten auch den Deutschorden, mit vielen anderen abzutreten vom viel gestalteten Nationaltheater. Der Preßburger Frieden brachte ihn um seine Selbstständigkeit. Die Mainau samt dem zugewendeten Ordensgebiet kam an das Haus Baden.
Der letzte Contour zu Mainau war Konrad Joseph Siegmund Reich von Reichenstein-Brombach. Er starb im 72. Altersjahr, am 30. August 1817 und liegt nicht wie seine Vorgänger in der Mainauer Gruftkapelle begraben, sondern gemäß seines letzten Willens auf dem Kirchhofe zu Almansdorf. Ein einfacher Stein, außen an der Kirchmauer bezeichnet sein Grab.
In einem Zeitraum von 500 und 33 Jahren (1272 bis 1805) residierten auf der Insel 66 Komture, in nachfolgender Ordnung.
I. Frater Rudolf v. Schafhus, Komt. und Landkomt. v. J. 1264 – 1272 (zu Mainau). II. Frater Ulrich v. D. Jestetten, Komt. v. J. 3. 1291 bis 1295. III. Frater Joh. v. Klingenberg, Komt. – 1301. IV. Frater Eberhard v. Steckborn, Komt. – 1307. V. Frater Wolfram v. Nellenburg, Komt. – 1316. VI. Arnold v. Langenstein, Komt. – 1319. VII. Heinrich v. Dettingen, Komt. – 1327. VIII. Ulrich v. Königsegg, Komt. – 1350. IX. Rubolf v. Homburg, Komt. – 1357. X. Gottfried v. Homburg, Hauskomt. – 1357. XI. Eberhard v. Königsegg, Komt. – 1365. XII. Joh. v. Rothenstein, Komt. – 1373 XIII. Wilh. v Seckendorf, Hauskomt,- 1387. XIV. Rudolf v. Randegg, Komt. – 1394. XV. Heirich v. Schletten, Land- und Komt. – 1401. XVI. Stephan Strowin, Hauskomt. – 1402. XVII. Jakob v. Blumberg, Hausfomt. – 1424. XVIII. Kaspar v. Möckingen, Hausfomt. – 1428. XIX. Marquard v. Königsegg, Landkomt. und Komt.- 1429. XX. Rudolph v. Rechberg, Conventualis – 1432. XXI. Otto D. Hörnlingen, Hauskomt. – 1433. XXII Joh. v. Mülhausen, Haustomt. – 1436. XXIII. Wilh. v. Helfingen, Komt. -1450. XXIV. Hans v. Ischall, Hausfomt. – 1450. XXV. Herm. v. Luternau, Haustomt. – 1452. XXVI. Burkard v. Schellenberg, Land= und Hausfomt. – 1453. XXVII. Georg v. Neuhaufen, Komt. – 1471. XXVI. Georg v. Homberg, Hauskomt. – 1482. XXIX. Wolfgang v. Klingenberg, Land – und Hauskomt. – 1484. XXX. Bernard v. Helmsborf, Hauskomt, – 1494. XXXI. Sebaftian v. Stetten, Komt. – 1518. XXXII. Hans Heinr. Vogt v. Summerau, Komt. – 1537. XXXIII. Sigmund v. Hornftein, Komt. – 1545. XXXIV. Franz v. Fridingen, Komt. – 1553. XXXV. Ludwig Walter v. Pleideck, Hofmeister – 1558. XXXVI. Wolfgang v. Hohenegg, Komt. – 1562. XXXVII. Sigmund v. Reinach, Hofm. – 1567. XXXVIII. Joh. Jak. Rauch v. Minada, Hofm. – 1577. XXXIX. Werner Schenck v. Staufenberg, Komt. – 1579. XL. Joachim v. Bubenhofen, Hofm. – 1584. XLI. Georg v. Hemmingen, Komt. – 1589. XLII. Christoph Thumb v. Neuburg, Komth. – 1592. XLIII. Jakob Gremblich v. Jungingen, Komt. – 1615. XLIV. Hans Christoph v. Ramstein, Hofm. – 1619. XLV. Kappar v. Stadion, Land = und Komt. – 1626. XLVI. Philipp AIbrecht v. Berndorf, Komt. zu Mülhaufen und Statthalter zu Mainau – 1628. XLVII. Joh. Werner Hundbiß v. Walbrams, Komt. – 1647. XLVIII. Philipp Albrecht v. Berndorf, Land = und Komt. – 1660. XLIX. Georg Christoph Rinck v. Baldenstein, Hauskomt., nachher Komt. – 1673-1688. L. Joh. Hartmann v. Roggenbach, Land = und Komt. – 1674. LI. Melchior Heinr. v. Grandmont, Komt. – 1689. LII. Joh. Adam Speth, Freih. v. Silzburg, Hauskomt. – 1710. LIll. Joh. Karl Freih. v. Schönau, Statthalter zu Mainau – 1712. LIV. Georg Balthasar, Freih. v. Weitersheim, Komt. – 1717-1720. LIV. Joh. Karl, Freih. v. Schönau, Statth. – 1720. LVI. Franz Anton, Freih. v. Reinach, Komt. – 1721-1731. LVII. Reinhard, Freih. v. Schönau, Komt. – 1736. IVIII. Servat Ignaz, Freih. v. Roll zu Bernau, Komt. – 1737. LIX. Friderich, Freih. v. Baden, Komt. – 1745 bis 1751. LX. Jak. Joseph Ignaz, Freih. v. und zu Hagenbach – 1756. LXI. Beat. Konr. Philipp Friedrich, Freih. Reuttner v. Reil, Landkomt. – 1785. LXII. Franz. Nik. Fridolin, Freih. v. Schönau – 1792. LXIII. Freih. v. Ramschwag – 1792. IXIV. Franz Peter, Freih. v. Lerchenfeld – 1795. LXV. Franz Fidel, Erbtruchseß, Reichsgraf v. Waldburg zu Zeil =Wurzach – 1802. LXVI. Konrad Jos. Sigmund Reich v. Reichenstein-Brombach, Komt. – 1805.
Im Jahre 1827 kam die Insel durch Kauf an den Fürsten Esterhazy und nach dessen Ableben 1830 in den Besitz seines Sohnes Freiherr Nicolaus von Mainau; und als dieser 1839 das Zeitliche segnet, wurde laut Vertrag vom 18. August desselben Jahres die Frau Gräfin Katharina von Langenstein Besitzerin, welche (8. Juni 1850) das schöne Gut samt aller Zubehöre ihrer Tochter, der Frau Gräfin Louise von Douglas, käuflich überließ. – Nach diesem schnellen Wechsel des Besitzes fiel dem reizenden Eiland das Loos auf das Lieblichste: es wurde, nach Übereinkommen vom 12. Oktober 1853, Eigenthum Seiner königlichen Hoheit, des durchlauchtigsten Prinzen und Regenten Friderich von Baden.
Der Flächeninhalt des Insellandes beträgt 110 badische Morgen, wovon gegenwärtig etwa 80 Morgen an geblümt sind. Das Ganze bildet eine eigene Gemarkung zur Gemeinde Almansdorf, Bezirksamt Konstanz gehörig. Wenn der Wanderer am klaren Tage über den waldigen Rücken von Lützelstetten herkommt, liegt der wellenumspülte Lustgarten, ein grüner Smaragd, auf silberplänzigen Schilde in geringer Entfernung vor ihm zu seinen Füßen. Den Vordergrund bilden die Felder und Obstbäume der Lützlestädter Gemarkung. Links und rechts ziehen die vaterländischen Ufer hin, und im Hintergrunde schauen die schneereichen Alpen. Haupt an Haupt, riesig groß über die weitgedehnte Wasserfläche.
Ein hölzerner Steg über 500 Schritte lang, führt vom Ufer der Landzunge zur Insel. Der See hat in dieser Richtung eine Untiefe, so dass bei niedrigem Wasserstand der stete Grund zum Vorschein kommt. Links vom Steg erblicken wir die See, ein großes und zwei kleinere metallene Kreuze, an ersteren den Heiland, an den beiden anderen die Schächer; laut einer Inschrift im Jahr 1855 vom Komtur Schenck von Staufenberg „Jesu Christo geweiht“, nach einer Tradition wegen glücklich vollbrachte Meeresfahrt. Dieses Denkmal hat sich der Staat allein beim Verkaufe zum bleibenden Eigentum vorbehalten.
Nach einer Sage wollten die Schweden die drei Kreuze mitnehmen. Sie brachten sie aber mit sechs Rossen nicht weiter als bis an den Lützstetter Berg. Später schafften sie die Bauern mit zwei gewöhnlichen Ackergäulen mit leichter Mühe wieder an ihre alte Stelle. In dem Stege war früher eine Fallbrücke angebracht.
Am Ende des Weges, nahe am schilfigen Ufer, wohnt der Lauenführer (Fährmann), dessen Geschäftes ist, auf einem Lauen (Floß) ankommende Chaisen und Pferde, beim Hochwasser wohl auch Fußgänger überzusetzen. Zugleich ist der Lauenführer ein gelernter Fischer, dem die ringsum zur Insel gehörigen Fischereigerechtigkeit Gelegenheit zur Ausübung seines Handwerks gibt. Neben der Fährmannswohnung unter den alten Bäumen hält der Patron der Schiffsleute und Fischer, der heilige Johann von Nepomuk in Stein gehauen, Schildwache; einen verwitterten Wappen am Fußgestell deutet auf Kultur. Johann Hartmann von Roggenbach (1647).
Von hier führt der Weg zwischen Obstbäumen zuerst über ein flaches, wohl angebautes Vorland, dann mittels Treppen aufwärts, wo ein einfaches Häuslein der Vogelherd (noch aus der Zeit des Ordens), von der Höhe schaut. Hier auf der Bank unter schattigen Kastanien, mag der Wanderer eine kurze Rast sich gönnen. Zur ersten Überschau das nahe Horn bei Lützelstetten zur Linken öffnet sich gegen Nordwesten die Bucht des schönen Überlinger Sees, dessen Einfahrt die Mainau majestätisch überwacht.
Vom Punkt zu Punkt, von einem zierlichen Bilde zum anderen schweift der Blick bald mit dem weißglänzenden Segel des Schiffleins über die ruhig ausgebreitete Fläche, bald mit dem einsamen Fluge des Reihers in hoher Luft über dem Berg und Wald zu den grauen Felsen um Sipplingen und Goldbach, über die gelben Kornfelder bei Überlingen und Seefelden zu den stillen Waldhöhen des Linzgaus, dem luftigen Gipfel des heiligen Bergs, und zu dem Turm von Hochbodman oder wo tief am sonnigen Gestade Maurach ruht mit seinen friedlichen Nachbardörfern. Dann zurück zur nächsten Umgebung, zu Füssen das geräumige Vorland der Insel, seine blumigen Wiesen, Gehölze und gesegneten Weizenfelder über den Steg nach dem langgedehnten grünen Buchwald von Sankt Katharina und wo auf vorspringendem Horn das friedliche, Lützelstetten sich darstellt.
Doch so gerne wir lange betrachtend hier verweilen möchten, es zieht uns weiter, wo aus dem Grün der Büsche und Bäume alte Mauern und Türme hervorschauen zu dem festen Haus und dem pläsierlichen Schloss.
Über den Rücken der Anhöhe führt der Weg dahin vor dem Tore, welches in dem rings abgeschlossenen Hof führt. Zur Linken liegt die Pächterwohnung mit ihren Nebengebäuden und einem Brunnen. Das jetzige Wohnhaus hieß zu Ordenszeiten der Einsatz und diente zur Überwinterung der Topfpflanzen.
Eine feste Brücke führte sodann über den malerisch bewachsenen Wallgraben, wo als Torwächter ein massiver Rundturm sich erhebt, aus dessen zwölf Fuß dicken Mauern und weit klaffenden Schießscharten, der einst dem Feinde eine unhöfliche eurer Gruß entgegendonnern mochte. Das geräumige Torgebäude beherbergte früher das ordentlsche Oberamt und die Beamten. In dem südlichen Theile wohnte der Hofrat. Unter dem Torbogen links wurde vom Torwart eine Wirtschaft betrieben. Er erhielt von der Herrschaft, für welche er in der holzgetäfelten Wirtsstube Wein ausschenkte, den sogenannten Maßpfennig. Abends wurden die Tore geschlossen. Innerhalb des Schlosses, etwa 15 Schritte vom Torgebäude, stand ein zweiter Turm, ebenfalls verschließbar mittels eines Tores.
Gegenwärtig dient das ganze Gebäude zum Gasthaus zur „Insel Mainau“, in dem der Ankömmling alles wünschenswerte, Bequemlichkeit und die beste Bedienung findet. Der älteste Teil des Hauses gehört dem Ende des 15. Jahrhunderts an. Das Ganze scheint im Jahre 1626 unter Komtur Caspar von Stadion repariert und durch Anbau erweitert worden sein.
Eingetreten in den Schlosshof überwachen uns die lieblichen, größtenteils unter dem jetzigen durchlauchtigsten Besitzer angelegten Gartenanlagen. Hier, wo früher weitläufige Gebäulichkeiten, zwei Bauernhäuser, Stallungen, Weintrotten (unter Fürst Esterhazy 1828 abgetragen), alle Aussicht hemmten, sehen wir einen kleinen Feengarten mit dem anmutigsten fernsichten. Wir wandeln in einer Galerie der zierlichsten Landschaftsbilder und Seestücke, welche durch die Lichtung der Gesträuche und eingefaßt von ihren grünen Rahmen, im Zauber einer wechselnden Beleuchtung uns entgegen schimmern. In der Mitte von Blumenbeeten und Rosenbüschen umgeben, plätschert ein Springquell und füllt ein steinernes Bassin. Sein Ursprung liegt außerhalb der Insel im benachbarten Walde von Sankt Katharina.
Nachdem wir hier eine Weile auf das angenehmste verträumt, wendet sich unsere Aufmerksamkeit dem stolzen Schlosse zu, welches in großen Dimensionen die Stirne der Insel bekrönt. Mit der Hauptfassade nach Osten schließt es mittels zwei westlich laufender Flügel einen weiteren Hof von drei Seiten rechtwinklig ein. Es ist aus rotem Sandstein im Stile des vorigen Jahrhunderts, erbaut nach dem Plane des komturischen Baudirektors Johann Caspar Bagnato zu Altshausen. Nach der Jahreszahl, dem östlichen Giebel der Hauptfassade, wurde es vollendet im Jahre 1746. Das westliche Giebelfeld enthält die Wappen der Bauherren. Das erste links, dem Komtur Servat Ignaz von Roll zu Bernau gehörig, bedeutet, dass unter diesem Komtur der Bau angefangen worden; das zweite überrascht uns durch ein bedeutungsvolles Zusammentreffen. Es weist auf den Komtur, unter dem das Schloss seine Vollendung erhalten – Friderich von Baden – , zugleich der Name des jetzigen durchlauchtigsten Herren und Besitzers. Über beiden Wappenschildern ist ein drittes, dem damaligen Deutschmeisters August Clemens, Prinzen von Baiern repräsentierend.
Wenn der mainauische Komtur Friedrich von Baden, auch seiner Blutsverwandtschaft mit dem berühmten Ahnen unseres erlauchten Fürstenhaus sich rühmen konnte, so standen seine Vorfahren doch in enger Beziehung zu ihnen. Er stammt nämlich aus dem breisgau’schen Adelsgeschlecht von Baden, welches ein weiß und schwarz gewürfelten Schild im Wappen führte. Es verdankte seinen Ursprung einem Dienstmann der Herzoge von Zähringen, mit dessen Beneficium der Wachdienst auf der Burg Baden bei Weiler, (daher Badenweiler) verbunden sein mochte. Denn diese Burg gehörte zu den ältesten Besitzungen des zähringerischen Hauses und die Familie von Baden zu dem ältesten Dienstadel desselben, wie die von Rockenbach. Schon unter Herzog Konrad (von 1122 bis 1152) erschienen ex hominibus ducis als Urkundenzeugen die ministerialesHeinricus de Badin et Wernherus de Roggenbach, und 1260 nannte sich Ulrich von Baden bereits miles (Ritter).
Nach dem Erlöschen der Zähringer war die Baden’sche Familie mit der Herrschaft Badenweiler an die Grafen von Freiburg geerbt und erwarb sich nun im oberem Breisgau verschiedene Lehen, zum Ziel aber ihren bleibenden Sitz. Unter diesen Lehen befand sich namentlich auch hachbergische, und als die Herrschaft Badenweiler mit dem hachbergischen Erbe an das markgräfliche Haus Baden fiel, erschienen die Herren von Baden sofort als badische Dienst und Lehnmänner.
Schon 1413 befand sich Albert von Baden im Gefolge der Markgrafen Bernhard auf dem Konzil zu Konstanz, während ein anderer, Albert von Baden 1439 als Statthalter des Markgrafen Wilhelm von Hachberg und Rudolf von Baden, welcher Johanniter-Komtur zu Heitersheim war, 1474 als Statthalter des Markgrafen Karl von Baden, den Interessen des badischen Hauses dienten. Im übrigen gehörte die Familie von Baden zum breisgauischen Ritterstande, dessen Directorium wiederholt an ihre Glieder gelangte, wovon der letzte 1830 zu Freiburg verstarb.
Um nun in den Bau des Komturs Friedrich zu gelangen, melden wir uns beim herrschaftlichen Verwalter, der seine Wohnung im unteren Geschosse des nördlichen Flügels hat. Die Stiegenhäuser befinden sich in den beiden Seiten Gebäuden. Im ganzen enthält das Schloss zwei Säle, 57 Zimmer mit elf sonstigen Räumlichkeiten an Küchen und Kammern und vieles mehr. Das zweite Stockwerk enthält die fürstlichen Wohngemächer, deren eine Reihe im nördlichen Flügel für den zweiten Aufenthalt Seiner Königlichen Hoheit des Regenten auf das Geschmacksvollste neu eingerichtet ist.
Die Fenster dieser Zimmer haben die herrliche Aussicht auf den Ueberlingersee und seine Ufer. – Dort am fernsten Punkte gegen Norden, Sipplingen und seine Molaßwände, von welchen der weit sichtbare Haldenhof niederschaut, und die gebrochene Burg Hohenfels, die Heimat des Minnesänger Burkhard von Hohenfels; herwärts, hart der See, das weiß schimmernde Felshorn mit seinen rätselhaften Heidenlöchern, die Mauern und Türme der alten Reichsstadt Überlingen, das Dörflein Nußdorf, Schloss Maurach und auf dem freien Hügel die stattliche Kirche Neubirnau.
Im Hintergrund der hohe Waldkopf bei Pfaffenhofen mit den Türmen der Burg Kabpellinz, deren Stelle fernhin drei große Fohren bezeichnen, die bei Durchholzung des alten Dorfes auf Befehl seiner großherzoglichen Hoheit des Markgrafen Wilhelm stehengeblieben; rechts einsam in die Luft ragend, der runde Turm von Hochbodman, wo einst ein Zweig des Geschlechts von Bodman hauste, und oberhalb Frickingen, zwischen Heiligenholz und Heiligenberg, ein erhabener Waldgipfel, die Schanze genannt, wohin, nach einer Tradition, ehemals bei Feindesgefahr die umliegenden Bewohner durch Feuersignale berufen wurden; sodann im Verlauf Bergrückens Allerheiligenberg, die zerfallene Veste, und ein weiß glänzender Punkt auf dunklem Grunde Heiligenberg, das herrliche, an Erinnerungen reiche Fürstenschloss; endlich weiter östlich das Höchste auf demselben Höhenzuge, welchen Platz (mit prachtvoller Fernsicht) eine, vom höchstseligen Fürsten Karl Egon von Fürstenberg errichtete Pyramide krönt. Oberhalb erblicken wir noch den Hof Lichteneck, den höchsten Punkt im Seekreis.
Von den Zimmern, die wir durchschreiten, enthält das eine, das Eckzimmer, noch Reste ehemaliger Dekorierung. Es findet in Öl gemalte Tapeten, in idyllischen Darstellungen mit Geschmack der Zeiten Ludwigs XIV. Die meisten Zimmer aber hatten Sommertapeten von verschiedenen Lokalfarben, oft mit Gold und Silber durchwirkt. Die Vorhänge waren schwere Seidenstoffe, die Möbel massiv, von Mahagoni und Nussbaum. Etwas sehr Schönes, was noch aus alten Tagen vorhanden, sind eigene gute erhaltene Öfen in den eigentlichen Wohngemächern Seiner Königlichen Hoheit des Regenten. Sie sind wahrhafte Kunstwerke und um so höher zu schätzen, als sie eine, in unserer Zeit gänzlich vernachlässigte künstlerische Technik im Fache der Töpferei repräsentieren. Auf weißglassierten Kacheln sehen wir in meisterhaft gezeichneten blauen Umrissen und Schraffierungen Szenen aus dem Kriegs- und Jagdleben, dazwischen Figuren aus der älteren und mittleren Geschichte. Der Verfertigung ist ein Hafner, (der wohl mit mehreren Gliedern einer Künstlerfamilie) zu Ende des 17. oder Anfang des folgenden Jahrhunderts in Steckborn lebte.
Ähnliche Öfen fanden sich vor kurzem noch in demhauensteinischen Schlosse Gurtweil, se wie an manche anderen Orten der oberen Gegend. Es wäre von Interesse, Näheres von diesem Meister zu erfahren.
Bei diesen trefflichen Werken von der Hand eines Schöpfers drängt sich unwillkürlich ein Vergleich auf zwischen den kunstfähigen Gewerken des Mittelalters, der Renaissance und denen der Neuzeit. Zu wessen Gunsten wird wohl das Urteil ausfallen? Sicherlich nicht zum Vorteil der Letzteren. Die gemeine Routine, das fabrikmäßige Raffinement, ist allerdings heut zu Tage ungleich mehr, fast bis zum Äußersten, ausgebildet, aber im eigentlichen Kunst- und Geschmackselemente waren uns die wackeren Altmeister durchaus überlegen. Doch kehren wir zurück zu unserer Mainau.
Eine steinerne Treppe führt uns in die dritte Etage der Hauptfacade, wo ein großer Saal, der ehemalige Ordenssaal, uns aufnimmt. Wände Decken sind in Rocco leicht verziert, links und rechts an den Seitenwänden befinden sich zwei Altanen, welche dem hohen Raume etwas Festliches geben; wir denken ihn belebt durch die Anwesenheit edler Herren und Gäste, durch ein fröhliches Bankett, bei dessen Trinksprüchen lustig von oben die Instrumente schallen.
Durch eine große Flügeltüre treten wir hinaus auf den luftigen Balkon. – welch ein Gemälde entrollt sich hier! In seiner ganzen Länge und Breite liegt der herrliche Obersee von den letzten badischen Uferorten Meersburg und Kirchberg und dem württembergischen Friedrichshafen, bis wo, von Sonnenschein und Duft umworben, die Fürsten des Hochlandes am Horizonte stehen – über Lindau und dem Waldgebirge und Bregenz die schneelosen Kalkfelsen der Vorarlberger Alpen und der Vorgebirge Tyrols, der Grindelkopf, das Rangiswangerhorn; weiter rechts der Hirschberg und der Künzlesspiz, höher ragend sodann der Hochlichtspitz, der Löffelspitz, die Kalkwände des Montafun, der Rauchberg, der Schenakopf und andere. Über diesen meist doppelt übereinander gereihten Bergkolossen zeigen sich bei einem Himmel noch in scharfen Konturen die beeisten Zacken der höchsten Tyroler- und Bündner-Alpen, der Chapoltspitz, der Hundskopf und manche ungenannte, bis zum weißglänzenden Brandjoch, den Zimpaffspiz und den Seekopf.
Über dem weit ansteigenden Schweizer-Ufer bei Arbon und Romanshorn beginnen die Appenzeller Berge, deren höchster der hohe Säntis, wie ein gewaltiges Bollwerk die übrigen kühn beherrscht, unter ihnen der Altmann und der Ehrenspiz, zur Linken bei niedrigeren Knochen des Föneren und des Kamor, des Hohenkarpfen und Anderer, zur Rechten die Schwägalp, und weiter die Berge des Toggenburgs und die kahlen Zinnen der lieben Kurfürsten, hinter ihnen der beschneiter Spitzweiler, der Ischingen und der Osen bis wo die glänzenden Eisberge des Glarus sich in die Luft erheben.
Wie hier das Großartigste überrascht und fesselt, so ziehen die nahen vaterländischen Ufer, vom südlichen Flügel aus gesehen, durch ihre traute Heimlichkeit und Ruhe an das prächtige Grün der Buchenwälder, gehoben durch den Ernst der eingemengten Tannen, von Bäumen halb verdeckt der Dörflein Eck mit seinem weiland komtur’schen Schlösslein, Staad der Stappelort harmlos ab- und zugehender Segelschifflein und Fischernachen, weiter hin die sonnigen Schweizerufer und über ihnen die in stiller Größe wiederum die Alpen. – Wahrlich, du empfindest, warum die Gegend um den Bodensee die Heimat so vieler Minnesänger ist und warum die treuherzigen Alten das Blüteneiland, auf dem du stehst, die Mainau genannt haben – enn Mai und Freude und Lust waren im sinnigen Mittelalter gleich bedeutende Worte.
Nach diesem Schweifen in die Ferne haftet unser Interesse gern wieder an der nächsten Umgebung. Eine heraldische Stammtafel, im Stiegenhaus des Mittelbaus aufgehängt, erinnert an das hohe Alter und die Geschichte des Ritterhauses. Sie enthält die „Schild und Wappen deren hochwürdigen Herren Commandeurs und Statthalters, Hauscommandeurs und Hofmeisters der Reichskommende Mainau“, von Frater Rudolf von Schafus, (1264) bis zu Komtur Georg Christoph Rinck von Waldenstein (1678); oben thront die Heilige Jungfrau mit dem Kinde, als Beschützerin und Fürbitte des Ordens, ihr zur Seite Als Vorbilder der Ordenspflicht stehen, der heilige Georg, der Ritter und Verfechter des christlichen Glaubens, und die heilige Margaretha, die Mildtätige und Pflegerin der Kranken und Preßthaften.
Ein zweites späteres Tableau führt die Reihenfolge der Komture weiter bis zum Letzten, Karl Reich von Reichenstein Brombach.
Um diese Erinnerung einer sich abgeschlossenen Vergangenheit schlingen sich überall die frischen grünen Ranken der Gegenwart. Mit einem reichen, geschmackvollen Hausrat sehen wir bereits manch wertvollen Schmuck der bildenden Kunst durch den kunstliebenden, durch lautichsten Besitzer hierher verpflanzt. Als von speziell vaterländischem Interesse heben wir hervor: die Cartons von Hofmalerin Fräulein Maria Ellenrieder, ein Enclus von Ansichten badischer Städte und Gegenden von Landschaftsmaler Moosbrugger in Konstanz und von einem älteren Meister die Ahnenbilder Friedrich Magnus Markgrafen von Baden und seine Gemahlin.
Außerhalb des Schlosses, aber doch in seinem Umfange liegt die Ordenskirche zu unserer lieben Frauen. Sie ist in gleichem Stile wie das Schloss. Ihr Turm bekrönt ein zierliches Zwiebeltuch, auf dessen Spitze das goldene Ordenskreuz blinkt. Das Innere des freundlichen Tempels schmücken drei von Ordensheiligen geweihte Altäre. Rechts mit einem Seitenanbau des Chores befindet sich die Gruft der Ritter und im Langhause die Beamtengruft, in welcher auch der Baumeister des Schlosses und der Kirche Johann Caspar Bagnato, gestorben 1757, einer fröhlichen Urstände harrt.
Früher bestand hier eine Bruderschaft zu Ehren des Märtyrers und Ritters Sacet Sebastian, errichtet mit päpstlicher Bestätigung von Komtur Georg von Emmingen anno 1587, „damit Gott durch die Verdienste und Fürbitte des Heiligen abwende alle Pestilenz und ansteckende Krankheiten, nicht allein von dem Haus Mainau, sondern vom ganzen Land.“ Die einverleibten Brüder und Schwestern waren vorzugsweise zur Ausübung der Werke der Barmherzigkeit verpflichtet. Am Sebastianstag, (20. Jänner) wurde im Ritterhause ein allgemeines, außergewöhnliches Almosen gespendet. –
Gegenwärtig findet alle Samstag ein Gottesdienst darin statt, den der Geistliche von Lützelstetten zu besorgen hat. Es ist dies eine Stiftung des Engländers Darby, welcher unter Esterhazy längere Zeit zur Miete im Schlosse gewohnt, Orgel und Messparamente verdanken ihr Dasein der Freigebigkeit dieses Fürsten.
Nahe der Kirche stand ehedem das Zeughaus. Die Franzosen sollen sechs Kanonen und 20 gute Panzer daraus entführt haben. Das Haus selbst wurde unter Langensteinscher Verwaltung abgebrochen. In dem nämlichen Richtung, (gegen Südosten) ragte früher ein Turm, der zum Gefängnis diente und die Katze hieß. Gegenwärtig finden wir in dieser Gegend das Treibhaus, eine Schöpfung des Grafen Douglas, ferner einen schönen Blumengarten, über einem Teile der abgebrochenen Fortifikationen angelegt.
Ein wohl erhaltenes Gebäude innerhalb des Burgfriedens ist der Reitstall. Er soll späteren Ursprungs sein als das Schloss und seine Lage vor dem Schloßhof die Laune eines Komturs sein, der, leidend am Podagra (Gicht) und Liebhaber von Pferden, von seinem Fenster aus die Reitübungen überwachte und leitete.
Hinter diesem Gebäude stand früher eine Schmiedewerkstätte und ein großes Waschhaus, in welchem zugleich eine Obstdörre angebracht war, und mehr gegen die Kirche zu fanden sich die Bäckerei und eine Schreinerwerkstatt. Bei Musterung der noch vorhandenen Befestigungswerken müssen wir den viereckigen Turm an der Schloßhalde, das höchste Alter, zu erkennen. Sein Dach wurde unter dem vorigen Besitzer abgetragen und zur Plattform hergerichtet. Es mochte der massive Bau mit der einst um 20 Fuß höheren Ringmauer dem alten Schlosse zur Verteidigung gedient haben. Von den übrigen Türmen haben sich außer dem bereits genannten Torturm nur zwei vollständig erhalten. Der Gärtnerturm am Wallgraben und ein runder Wartthurm im Rebberge gegen Süden. Ein dritter Rundturm, der Jägerturm, stand im südlichen Verlaufe des Grabens, etwa 50 Schritte vom Gärtnerturm, während nordwestlich ein ähnliches, noch als Fragment vorhandenes Rondell gegen den See hinschaute.
Unten am Ufer gegenüber heißt jetzt noch ein Platz, die Schwedenschanze, ein etwas kleinerer „das Schwedenschänzle“, findet sich hinter dem Haus des Pächters im nordwestlichen Teile der Insel. Beide wurden, wie oben gehört beim Herannahen der Gefahr, gegen die Schweden errichtet.
Eine der wichtigsten Einrichtungen der Insel ist der Hafen. Er leistet nicht nur den Inselbewohnern gute Dienste, auch für die Schifffahrt überhaupt ist er von Bedeutung, teils als gelegentlicher Ruhepunkt zwischen dem Ober und Überlinger See, teils als sicherer Hort bei Stürmen, die ja besonders verderblich werden können.
Wenn nämlich die Föhn weht und große Wassermassen in die Bucht des Überlinger Sees schwellt, der Gegendruck aber, das Gleichgewicht mit dem oberen Wasserstand herzustellen kämpft, wird der See vom Grund aus bewegt – Der Schiffer nennt es das Grundgewelle, was besonders in der Gegend der Mainau fürchterlich und höchst gefahrvoll werden kann. Wie alte Schiffsleute behaupten, wäre schon manches Unglück geschehen, wenn der Mainauerhafen nicht ein schimmerndes Asyl gewährt hätte.
Die ganze Anlage ist eine sehr solide, und es scheint ihre gegenwärtige Beschaffenheit wie ein erneutes Wappen schließen läßt, aus der Zeit des Komturs von Stadion (1626) herzurühren. Den Eingang bewacht das über der Mauer angebrachte Bildnis der heiligen Jungfrau, während am Ufer ein kleines Wohnhaus wie zur Aufsicht herniederschaut. Unterhalb diesem Häuslein war an der östlichen Hafenmauer eine leichte Bedachung angebracht für die herrschaftlichen Schiffe, unter denen sich ein großer Segler befand, in welchen der Komtur, begleitet von sechs Matrosen, seine Spazierfahrten zu machen pflegte. Das Schiff beschattete ein weißes Baldachin mit schwarzer Einfassung, Troddeln und Glöcklein von eben denselben Farben. Auch der Segelbaum war also gefärbt, weil schwarz und weiß die Farben des Ordens im Frieden waren.
Zwischen dem Hafen und dem viereckigen Turme an letzteren angebaut, stand in der Richtung, gegen das Häuslein an Hafen der große Landeskomturkeller, dessen oberer Teil zur Fruchtschütte diente. Ein zweiter, der sogenannte Seekeller, fand sich etwas entfernt nördlich vom Thurme. Er war viel geräumiger als der Landeskomturkeller und erhielt das größte Faß der Commende mit 60 alten Seefudern, (das Fuder zu 30 Eimer, der Eimer zu 32 Maaß). Außerdem hatte er noch Fässer von 40, 50, 60 Fudern und obenauf ebenfalls Getreidespeicher. Weiter nördlich, hart am Ufer und zum Teil über dasselbe hinaus gebaut, hatten die Kiefer ihre Werkstatt, sie hieß das Bindhaus. Und daß Nichts fehlte, was zu einem wohlgeordneten Gemeinhaushalt gehört, war am südlichen flachen Ufer unten am Rebberge ein Platz und großer Schopf für die Zimmerleute.
Das anmutige Wäldchen am nordöstlichen Ufer beherbergte ehedem jenes „hohe Obrigkeits- Signum“ von dem vorne Seite 46 gesagt wird, dass es ein solches ums Jahr 1671 noch nicht auf der Insel vorhanden gewesen. Der Platz hat noch heutzutage den artigen Namen das „Galgentöbele“.
Wenn wir längs der Ufermauer durch die Ahorn und Nußbaumallee, dem südlichen Ende der Insel zuwandern, kommen wir zum Badplatz, der noch aus alten Zeiten mit steinernen Treppen und Platten zum Baden im Freien hergerichtet ist.
Weiterhin gelangen wir in denjenigen Teil des Eilandes, der ausschließlich landwirtschaftlichen Zwecken gewidmet ist. Terrassenförmig steigen üppige Wiesen an, fruchtbares Ackerland und sonnige Rebhallen. So klein die Gemarkung am Umfang ist, so fruchtbar und reich ist sie an Produkten aller Art Getreide, vorzüglichem Wein, feines Obst, Gemüse, gewürzige Fruchtfutterkräuter, Hanföl, Holz, kurz alles, was ein vollkommener Landwirt sich nur wünschen mag.
Das nutzbare Feld der Insel ist, mit Ausnahme der Reben, teils an den Pächter, teils an den Gastwirt zu Mainau verpachtet. Die hiesige Ernte fällt in die Zeit um Jakobi.
Was nebst einer üppigen abwechselnden Vegetation das Landschaftliche, Angenehme belebt, sind die vielen gefiederten Gäfte, die von „Luftes-wegen“ in dem grünen Eilande ihren Aus- und Einflug haben. Von den bedächtigen Weih, der lauernd über den Feldern schwebt, bis zum zierlichen kleinen Sänger, sind beinahe alle heimischen Gattung vertreten. Auch die Nachtigall fehlt nicht. Ihre süß lockende Weise ertönt während mehreren Frühlingswochen regelmäßig im Park an der Schloßhalde. Ein eigentliches Heimatrecht aber scheint die Schwalbe auf dem Eilande zu beanspruchen. Die offene Vorhalle des Schlosses dient ihr zu familiären Ansiedelungen. Ebenso häufig hält sich auch die Wildente in der Nähe der Insel auf. Ihr Luftrevier ist das schilfreiche Ufer gegen den Lützelstetter Berg.
Ein wenig gern gesehener Gast ist ein Insekt, die wilde Biene; sie verklebt mit ihrem Gehäuse von feinem Sand alle Türen und Fenstergesellstelle des Schlosses.
Zur Zeit des humoristischen Wirthes Schnettz, der noch aus der Verlassenschaft des Ordens bis vor kurzem auf der Insel lebte, waren die Gehölze und Anlage mit einer zahlreichen Familie von Kanarienvögeln bevölkert, die, sobald der Winter heranrückte, freiwillig sich wiederum zu ihrem Herrn in Kost und Logis zu begeben pflegte. Unter dem letzten Komtor war stets auch ein kleiner Wildstand von Hirschen und Rehen unter Aufsicht des Jägers im Wallgraben unterhalten, ebenso ein Fasanenhaus.
Zu jener Zeit erstreckte sich ein Zier- und Lustgarten, vom Gärtnerthurm bis gegen den Vogelherd. Alte komturische Unterthanen wissen noch viel von seiner „himmlischen Schönheit“ zu erzählen.
Oft ist das liebliche Eiland auch von jeher einer der reizendsten Punkte des südlichen Deutschland gewesen, so wird ihm doch jetzt erst durch die Munificenz seines hohen Besitzers die gebührende Rücksicht und Pflege. Sehr Vieles ist bereits im Laufe dieses Sommers geschehen. das regste Leben in allen Richtungen herrschte auf dem freundlichen Insellande. Gärtner, Bauleute, Dichter und Maler zogen herbei zur Verschönerung und Verherrlichung des würdigen Fürstensitzes .
Eine der größeren neueren Unternehmungen ist die Anlage eines Reit- und Fahrweges längs den Ufern rund um die Insel. (Der schönen Gartenanlagen im Schlosshofe haben wir bereits gedacht.) Wichtig ist auch die erst kürzlich getroffene Einrichtung des regelmäßigen hierortigen Landons der Dampfschiffe und ihrer Tour von Konstanz nach Meersburg und Überlingen; so wie zuweilen noch extra Fahrten stattfinden, unternommen von größeren Gesellschaften, die unter Sang und Klang einziehen und fröhliche Gelage auf dem grünen Plane halten.
Aber auch in höherer Beziehung ist der Übergang des Besitztums an den jetzigen durchlauchtigsten Herren von Bedeutung. Der Bewohner des Seekreises glaubt nämlich darin, die Gewähr eines längst gehegten Lieblingswunsches zu finden, seinen allverehrten, ritterlichen Landesfürsten – wohl bald an der Seite einer hohen minniglichen Gemahlin, höchstderen Stammburg eine dem See benachbarte ist – einen Teil der schönen Jahreszeit in den oberen Gauen zubringen zu sehen.
Sicherlich aber wird die Auszeichnung, welche der Seegegend durch die Erwerbung der Mainau geworden, nicht verfehlen, auf den fremden Besuch überhaupt Einfluss zu üben. Es sind ja doch namentlich die schönen, an Abwechslung so reichen badischen Ufer noch viel zu wenig besucht und gekannt. Denn nicht nur dem flüchtigen Durchstreifen gewähren sie hohen Genuss, auch der länger Verweilende wird alles finden, was ihm den Aufenthalt lieb und wert machen kann.
Ein paar Wochen zum Beispiel auf unserem grünen Eilande Mainau – welch ein Herz und Sinn erquickend der Aufenthalt! Das geräumige Gasthaus, wenn auch nicht ein Hotel ersten Ranges, läßt billigem Verlangen gewiss nichts zu wünschen übrig. Die edle Liberalität, durch welche dem Fremden die ganze Insel mit ihren Einrichtungen zur Verfügung gestellt ist, gewährt dem Gaste Annehmlichkeiten, die er anderwärts für schweres Geld nicht haben kann, und ist das Wohnen umgeben von solch Anmut, Heiterkeit und Güte der Natur nicht an sich schon ein Hochgenuss?
Wenn ein goldener Morgen glänzend über den Wellen erwacht, über der einen von Tau befeuchteten Luftbezirke früh schon das hohe Lied der Lerche klingt und um die Berge Morgennebel ringen mit dem Strahl der Sonne -wie fühlt sich da der Geist gehoben und zu neuen Lebenslust erregt. Und in der stillen Mittagsstunde – wo verträumte sich ein Stündlein besser, als unter dem Blütenbüschen, neben dem geschwätzigen Springquell im Schlosshof, in den luftigen Saal mit den grünen Fenstern und ihren lieblichen Fernsichten!
Zwischen den Häuptern, dunkel belaubten Nussbäume und alten Tannen, die wie verwundert über die Ringmauer hereinschauen, der Blick der Sonne, die Silberwellen des Sees und die lichtblauen Gebirge des schwäbischen Ufers.
Über Dir tänzelndes Gelispel der Silberpappel, der Atem süßer Maienlüfte und das luftige Zwischenspiel schnell hinschießender Schwalben. Dazu das Gefühl, rings von Wasser umschlossen, unnahbar alles, was dich stören könnte.- Eine selige Einsamkeit. – Am langen Sommernachmittag ein Gang durch das Inselfeld, wo im grünen Wiesenplan geschäftige Gruppen um duftende Holzschober sich mühen, oder Schnitter und Schnitterin gelben Weizenfelde, während dort schon wieder im frühherbstlichen Stoppelfelde der Pflug seine braunen Furchen zieht.
Oder du steigst hinab durch die kühlen Schatten der Ahorn- und Nussbäume zum Hafen, um eine Luftfahrt zu machen, auf weiter ungemessener Wellenbahn – in zierlicher Gondel allein, umrudernd das stille Inselland, das hohe Schloss am Meere und seinen schattigen Park, widergespiegelt im feuchten, tiefen Grüne der kristallenen Flut, wankend und schwebend, in ungewissen Umrissen; hinaus in den offenen See, der von sonnigen Dünsten zum Meer erweitert scheint oder blau bis zu den Alpen, deren Bild lieblich im Gewässer badet. Wieder zurück am Abend, wenn rosiger Schein der Wellen säumt und Geläute deutlich, nah, von den Ufern hallt; beim Sinken des Tages, in der Dämmerstunde, wenn Ruhe, sanfte, süße Schwermut sich zum Herzen drängt – wenn Dunkelheit dem Mantel bereitet, Nebel aus der Tiefe steigen und über dem Gebirge leise Glut dem auftauchenden Vollmond verkündet.
Ja selbst Sturm und Gewitter, der trüb umdüsterte Tag, die Schauer der Nacht haben, hier erlebt, ihr Bedeutendes und Schöne. Wenn das bekannte Sturmsignal, der weißegraue Nebel – Brähme nennt ihn der Schiffsmann – aufsteigt und zuletzt zur finsteren Wolke gestaltet heranzieht, so sucht jeder Fährmann so rasch wie möglich das tückische Element zu verlassen.
Mit welcher Teilnahme verfolgst du dann den Segler, der mit Getreide von Überlingen oder mit Ziegelwaaren vom Bodman kömmt, – wie er auf und nieder schwankt in dem mehr als Klafterhohen Gewoge, wie er rudert und ringt, den Hafen der Mainau zu gewinnen, der hilfreich seine starken Arme in den gefahrenbringenden Wellenkampf hinausstreckt.
Welch ein Anblick, wenn ein plötzlicher, ein hereingebrochener Gewittersturm mannshoch die Wogen aufregt, dann in rasendem Gewirbel die Spitzen der Wellen zum sprühenden Nebel zerstiebt, der im Nu weit umher den See verhüllt.
Du stehst am Ufer – ein gewaltiger Ost oder Nord durchströmt den herbstlichen fahlen Tag; in Schlangensprüngen, weit, unabsehbar, tobt die weißbeschäumte Woge – und die Brandung am alten Gemäuer führt zur Musik des Sturmes einen wilden, dämonischen Tanz auf, hochspritzend, zischend, lärmend, wie in toller verzweiflungsvoller Lust.
In mitternächtlicher Stunde, wenn es über den See, um die alten Mauern und Türme tobt und schnaubt, als er klängen im Winde wallende Geisterstimmen aus den Tagen Wrangels und des Komturs von Hundbiß.
Oder Du wandelst in lauer Frühlingsnacht um dein träumerisch stilles Blüteneiland; aus halbverschleiertem Himmel blinken einzelne Sterne, am Horizont zuckt es wie Wetterleuchten; um die jungen Wipfel flüstert der Nachtwind, am Bord leis andrängender Wellen Gemurmel – verstohlen wie Geplauder der Liebe, und dazwischen, entlang gehaltenen Pausen, der süße Schlag der Nachtigall in verschwiegenen Park des hehren Schlosses, – wie klagend um das verlorene Glück der treuen Maid vom Bodman und des Ritters Hug von Langenstein.
Im 30-jährigen Krieg gelangte die Insel Mainau im Bodensee 1647 nach einer verheerenden Niederlage gegen die Schweden für einige Monate in deren Besitz. Unter Mitnahme alles Wertvollen – nur das sogenannte Schwedenkreuz blieb zurück – zogen die Schweden 1649 wieder ab. Foto: Böhringer Friedrich (Wikipedia)
Schwedenkreuz. Aufnahme von 1887 (Quelle: Wikiwand)
Johann Nepomuk auf der Mainau von Gerhard Eichinger: eichinger.ch
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren.
Man möge mir verzeihen: Ist mir das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd, so ist das oft zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind einige Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen.
Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Hier der 2. Teil vom Kapitel Mainau
Mainau (Fortsetzung)
Der Deutschorden wurde gegründet 1190 von Herzog Friedrich von Schwaben zurzeit der Belagerung von Akkon während eines Kreuzzuges. Der Zweck war ursprünglich ein ähnlicher wie bei den Johannitern. Verteidigung der christlichen Religion gegen die Ungläubigen und Verpflegung christlicher Wallfahrer im Heiligen Lande.
Der Orden war der Heiligen Jungfrau geweiht, weshalb die Ritter sich auch Brüder des deutschen Hauses Unserer Lieben Frau zu Jerusalem nannten. Das Haupt des geistlichen Ordens war der Groß- oder Deutschmeister. Er hatte anfangs seinen Sitz in Jerusalem, später als das Heilige Land Schritt für Schritt an die Ungläubigen verloren gegangen war, zu Venedig und zu Marburg (1297), seit 1309 aber zu Marienburg in Preußen und zuletzt (seit 1527) im Meisterthurme zu Mergentheim auf dem dortigen Bergchlosse Neuhaus.
Die Ritter mussten Deutsche adliger Herkunft sein und durften sich nicht verehelichen. Die Ordenstracht bestand in einem schwarzen Kleide und weißem Mantel, auf dem ein schwarzes Kreuz mit silbernen. Randes prangte. Die Besitzungen des Ordens waren in Valleien oder Provinzen und diese wieder in Sommenden oder Commenden oder Kommtureien abgeteilt, denen ein Komtur (Landeskomtur) vorstand.
Die oben erzählte Schenkung der Insel Mainau an den Orden machte nun dieses schöne Eiland zum Mittelpunkte einer Kommende, deren Erwerbung und Bestandteile außer der Insel folgende waren. Zu Almansdorff: Das Ritterhaus empfängt 1272 vom Stifte Reichenau halb Schenkung, halb kaufweise den Kenhhof. Im 15. und 16. Jahrhundert erkaufte der Orden daselbst mehrere Rebstücke. Überhaupt besitzt er zu Almansdorff, (wie zu Eck, Egelsee, Hard und Sirenmoos) etliche Lehnhöfe, Silten und Zehnten.Zu Hinterhausen, Hausen, Eichhorn, Sonnenbühl und Stad ist das Ritterhaus im Besitze verschiedener Güter seit dem Jahr 1493.
In Dettingen wird der mindere Kelnhof erkauft von Heinrich Soldat, Kirchherrn zu Wollmatingen 1349; „die Veste und Leibeigenen“ aber werden von der Familie von Westerstetten erkauft um 300 £ Heller im Jahr 1362. Der bisherige Lehnsherr, der Abt von Reichenau, verzichtet völlig darauf, so dass das Ritterhaus die Veste eigenthümlich besitzt. Weiteren Zuwachs erhält der Orden daselbst im Jahr 1372 von einem Werner von Dettingen, der dem Ritterhaus seine Hälfte des Dorfes überlässt und 1405 erkauft dasselbe von dem Blarer zu Konstanz, dem Burgstall „zu der alten Burg“ zu Dettingen mit Umgebung und etlichen Höfen; für 743 £ Heller, ebenfalls mit Bewilligung des reichenauischen Abtes.
Zu Wallhausen erwirbt es 1488 den größeren Kelnhof von Hans von Liebenfels, und Mehreres bis zum Jahre 1629.
– In Dingelsdorf beginnen die Ankäufe mit 1327 und gehen bis 1629 – In Lützelstädten seit 1286, wo Ulrich von Alga mit lehnsherrlich reichenauischer Bewilligung seine Güter an das Ritterhaus verkauft. Weitere Gerwerbungen zu Lützestetten sind, die Mülhalde, Neuhaus und Ronhausen. – Zu Oberndorf, seit 1568 bis 1628 – Zu Wollmatingen endlich seit 1349 bis 1614.
Auf solche Weise erhielt der Orden mit all diesen Orten die Grundherrlichkeit, während die Gerichtsherrlichkeit vom Jahr 1431 kommt, wo König Sigmund dem Ritterhaus die drei Gerichte Almannsdorf, Dettingen und Dingelsdorf mit aller Jurisdiktion, auch Stock und Galgen verleiht. Die ganze Herrschaft war in die oberen und niederen Gerichte eingeteilt unter jenen waren begriffen: Stad und Almannsdorf ,und unter diesen Oberndorf, Dingelsdorf, Lutzelstetten und Dettingen. Überdies besaß die Commende noch eine Herrschaft Blumenfeld, (Schloss und Städtlein) mit Weiterdingen, Leipferdingen, Weil, Beueren nebst (Schloss und Städtlein) Thengen, Uttenhofen, Nordhalden, Epfenhofen, Thalheim, Tegerhofen mit allen Rechten und Zubehörden.
Im Jahr 1463 war besagte Herrschaft von der Familie von Klingenberg an die Herren von Bodman und Jungingen für 10.000 fl. rhein. verkauft worden; 17 Jahre später aber brachten die Herren Albrecht, Eberhard und Kaspar von Klingenberg zu Hohentwiel das Ganze wiederum an sich, worauf sie es dem Ritterhaus Mainau für die Summe von 12,000 fl. überließen. Zur selben Zeit war Wolfgang von Klingenberg Landkomtur des Deutschordens im Elsaß.
Was andere Herren noch im Blumenfeldischen besaßen, suchte der Orden nach und nach ebenfalls an sich zu bringen. Während die Verhältnisse der Herrschaft zu den Nachbarn und einigen Untertanen durch Verträge geordnet wurden. Das kleine Städtlein Blumenfeld liegt ungefähr neun Stunden von Mainau, im Hegau. Aus einem engen Tale erhebt sich ein steiler Hügel, auf dem das ehemals deutschordische Schloß ruht, umgeben von Nebengebäuden und Wohnhäusern. Der Gesamtanblick erinnert an eine merianische Darstellung – an das vielgestaltete, enge, fehdereiche Mittelalter, dessen Überreste stets ein Gefühl der Romantik erwecken. Das Schloss enthält interessante Lokale; sehr hübsche Vorplätze mit Welschkaminen aus der Renaissance, ebenso einen schönen Erker. Es ist gegenwärtig der Sitz eines großherzoglichen Bezirksamtes. Der Himmel möge dem alten Bau sein ritterliches Ansehen bewahren.
Auch zu Immenstad erwarb sich die Ritter Güter in dem Zeitraum von 1422 bis 1622. In Jettenhausen aber vergab Hermann von Raderach 1250 dem Orden den Kirchplatz, und in Überlingen, wurde demselben im Jahre 1312 ein Haus mit Reben schenkweise überlassen. Auch Ankäufe kommen daselbst vor wie in den Jahren 1324 und 1350. Bald nachher (1357) wurde die Pfarrei zu Aufkirch, wohin Überlingen gehörte, vom Papst dem Ritterhaus Mainau, einverleibt.
In Lippersreute erwirbt der Orden von den Johannitern in Überlingen den Haupthof, zu welchem Zwing und Bann und Kirchplatz gehört. Zu Mindersdorf kommt 1362 das Reichenauische Besitztum gegen das mainauische zu Wollmatingen an die Ritter und 1292 vergab ihnen Heinrich von Deutingen den Kirchplatz zu Pfaffenhofen.
Im Hermannsberg verwilligte 1360 der mainausche Komptur und Ulrich von Königseck vier Klausnerinen, sich auf der ordentlichen Hofstatt niederlassen und ansiedeln zu dürfen. Von dem an besteht dort ein Klösterlein bis in die neuere Zeit. War nun hiermit ein wohl begründeter und weit unterlassener Besitzstand hergestellt, so mußte, um ihn ungeschmälert zu erhalten, noch für hinreichenden Schutz und Schirm von oben gesorgt werden. Wer aber konnte solchen wohl nachdrücklicher gewähren als das mächtige Erzhaus Österreich? Der Kaiser selbst? Der sogenannte Schirmbrief, den das Haus Mainau von dort sich erwirkt hatte, enthielt die vertragsmäßige Zusage, dass Österreich das Haus bei seinen rechten Gütern und seinem Frieden schützen wolle und vieles mehr.
Als daher die Mainauer (1473) mit Itelhans von Stoffeln ihrem Nachbarn „in eine Vehd und Feindschaft“ gerieten, weil derselbe mit seinen Gesellen das Haus und dessen armen Leute leibeigene Untertan mutwillig angriff und schädigte, nahm der mainausche Komtur Georg von Neuhausen seine Zuflucht zu dem österreichischen Herren Räten in Konstanz mit Berufung auf den Schirmbrief. Die Räte versprachen Hilfe mit dem Beding, wenn man von Mainau aus in etwaigen Kriegsfall des Erzhauses mit Häusern, Schlössern und Leuten ebenfalls Beistand leisten wolle. Der Deutschorden Landeskomtur aber meinte, dies würde dem Orden schwerfallen bei den Kriegen Österreichs mit den Eidgenossen. Das meiste Ordensgut liege dort oder in der Nachbarschaft und es könne leicht kommen, dass es der Orden verlöre. Die Räte würdigten diesen Grund und nahmen die Eidgenossen aus. – Dem Stoffler wurde hierauf von Nellenenburger (österreichischen) Vogte geschrieben, er möge die Mainauer fortan unbehelligt lassen.
Eine Ernennung dieses Schutzverhältnisses fand statt im Jahre 1523 Erzherzog Ferdinand von Österreich im Namen seines Bruders, des Kaisers Karl der Fünfte, nimmt den Komtur Rudolf von Friedlingen, Gebieter des Deutschordens-Ballen Elsaß, mit seinen Freiheiten, Leuten und Gütern in den Schutz des Hauses Österreich. Dagegen soll das Haus Mainau in allen „offenen Vehten und Kriegen“ des Erzhauses dessen offenes Haus sein – Vor der Hand auf 35 Jahre. – Vom Jahr 1521 findet sich weiter ein Schreiben des Statthalters der Regierung zu Innsbruck und den Hauskomtur Sebastian von Stetten des Inhalts:“ er (der Statthalter), habe vernommen, wie das Haus Mainau mit den Leuten und Nothdürften so wohl versehen sei ,und welcher gute Wille sich dort zeige, um dasselbe Haus bei Reiche zu erhalten, und bei den Schirmverwandtniß mit dem Erzhause. Das solle kaiserlicher Majestät gemeldet werden.„
Mögen Streit und Fehden im Mittelalter auch häufig gewesen sein, den Fortschritt der Kultur, Wohlstand und Behäbigkeit im Ganzen störten sie nicht. Anders verhält es sich mit dem 30-jährigen Krieg. Sein tief einschneidendes Weh brachte Ruin und Verdruss über alle Teile des Reiches. Besonders aber war es die Gegend, welche alle Drangsale jeder langwierigen Kriegszeit auszustehen hatte. Im Jahr 1633 erschien zum Ersten Mal eine schwedische Armee unter Feldmarschall Gustav Horn am See. Sie mußte jedoch nach fruchtloser Belagerung der Stadt Konstanz vor der heran kommenden kaiserlichen Übermacht sich zurückziehen. Im folgenden Jahr kam der Feind unter Horns Oberbefehl zum Zweiten Mal in die Gegend. Die Stadt Überlingen hatte den ersten Sturm auszuhalten, der jedoch von einer tapferen Garnison und Bürgerschaft mutvoll aufgeschlagen wurde. Radolfzell und Buchhorn waren die einzigen Orte am See, die in die Gewalt der Schweden fielen. In Bregenz, Lindau, Überlingen und Konstanz lagen Kaiserliche. Die Schlacht bei Nördlingen brachte das schwedische-weimarische Heer abermals zum Abzug.
Nach großen, wechselvollen Kriegsläufen wurden die Seeufer bald wieder der Schauplatz furchtbarer Kämpfe und Verheerungen. Die schwedische Armee, von Wrangel commandiert, eroberte 1646 die Bregenzer Klause und belagerte Lindau, dessen Besatzung sich mannhaft und siegreich verteidigte.
Die Mainau war bisher von feindseligen Besuchen verschont geblieben. Bereits im Jahr 1632, als der Schwede zum ersten Mal in die Gegend kam, hatte der kaiserliche Obrist von Ossa die Garnison von Überlingen nach dieser Insel geführt, welcher Letztere, wie auch die benachbarte Reichenau, von den Kaiserlichen gut befestigt wurde. Doch scheint man nach Abzug des Feindes wiederum sehr lässig geworden zu sein. Der Landkomtur zu Altshausen schrieb deshalb 1642 An den Komtur Johann Werner Hundbiß von Waldbrahms zu Mainau. „Das Geschrei wegen bevorstehender Gefahr werde immer größer, sei auch kein Wunder, denn man könne nicht bemerken, dass irgendeine Anstalt zur Ab- oder Gegenwehr gemacht werde, was doch vermittelst der Garnisonen zu Lindau, Konstanz, Zell und den Bregenzischen Bauern unschwer geschehen könnte. Es verlautet, dass zu Hohentwiel viele Schiffe ausgerüstet würden, woraus zu ersehen, dass es auf ein und anderen Ort am See abgesehen sei.“
Von gleicher Besorgnis geleitet, schrieb auch 18. Oktober 1642 der Rat von Konstanz an den komturischen Amman zu Almansdorf. „Nachdem dem Commandanten Widerhold zu Twiel die geforderte Contribution von der Stadt und dem Bischof abgeschlagen worden, sei derselbe Vorhabens, sie mit Abbrennung der Weintrotten, Häuser und anderer Gebäude, auch Verderbung des von Gott erhaltenen leben Weinnutzens, feindlich zu verfolgen. Daher verstehe man sich zu den kompturischen Unterthanen nachbarlich, daß sie dem Commandanten den Paß durch das orden’sche Gebiet nit werden offen lassen, sondern zur mehreren Versicherung des geliebten Vaterlandes (da ja eine Nachbarschaft der anderen in solchen Fällen mit behülflich an die Hand gehen soll) durch Fällung der Bäume alle Wege, außer der Landstraße, verlegen werden, damit man in Konstanz mit einstmals übereilt, sondern zeitgleich zur nöthigen Defension gelangen möge.“
Als das vorausgesehene Kriegswetter wirklich über den See ausgebrochen und zuerst über Lindau sich entlud, schrieb am 15. Jänner 647 der dortige kaiserliche Commandant, Graf von Wolfeck, an den Komtur von Hundbiß zu Mainau: „Er habe aus erheblichen Ursachen schon früher begehrt, seine darunten (zu Mainau) liegende Mannschaft durch die von Kostischen Knechte ablösen und nach Lindau in die Festung folgen zu lassen, indem von der besseren Verwahrung dieses importierenden Postens das Heil der übrigen Seeplätze abhänge. Er ersuche daher wiederholt den Herrn Komtur, das Interesse des kaiserlichen Kriegsdienstes zu erwägen, und dieser Ablösung keine weitere Verhinderung zu machen.“
Dieses Verlangen des Kommandanten wurde am 19. Jänner wiederholt, mit dem Anfügen: daß auch die Munition, Stück und Schiffe von Mainau nach Lindau möchten salviert werden, damit dortige Garnison den Nutzen davon haben, der Feind aber, im Fall er Mainau begkomme, sich solcher Vorteile nicht bedienen könne.
Dem Komtur wolle aber dieses nicht einleuchten.; er antwortete deshalb (unterm 20ten) dem Commandanten: „Auch die geringe Verfassung von Mainau zuzugeben, finde er doch nicht, daß man dem Feind so geschwind solle Tür und Tor öffnen. Durch Verlassung von Mainau würden dann Ueberlingen und Konstanz auch gefährdet werden. Er hoffe, dem Feind zu widerstehen und ihn bis zu einem Succurs wenigstens aufzuhalten.“
Unter solchen Verhandlungen war der 11. Februar herangekommen. Das sah man von Mainau aus eine Flottille geraden Weges den See herabsegeln und auf die Insel lossteuern. Es waren Schweden, welche von der noch immer belagerten Stadt Lindau her kommend, die Mainau anzugreifen trachteten. Ihre Ausrüstung bestand aus elf größeren und zwei kleineren Fahrzeugen, die 1000 Musketiere und vier Stück an Bord hatten.
Die Insel schützten südöstlich und westlich wohl angelegte Schanzen sowie eine doppelte Reihe föhrender Pfähle rings um die Ufer das das Landen verhindern solle. Doppelte Mauern und Gräben umgaben von drei Seiten die Schlossgebäude, während gegen Nordosten die steile übermauerte Burghalde Schutz genug gewähren mochte; 14 stete Thürme vollendeten der das ganze Vertheidigungswerk.
Gleich bei der Ankunft des feindlichen Geschwaders verließen die Kaiserlichen die westlichen Schanzen, und auch die Verteidigung aus den übrigen vermochte nicht die feindliche Landung zu verwehren. Des anderen Tages schon wurde das Schloss teilweise genommen, und am vierten kapitulierte der Komtur, Obristleutnant von Hundbiß, mit Überlassung der Insel an die Schweden. Der Besatzung war freier Abzug zugesagt, das Versprechen aber nicht gehalten worden.
Der Komtur wendete sich daher am 16. Februar schriftlich an Feldmarschall Wrangel: „Er werde sich seiner Zusage erinnern, was maßen er ihm (dem Komtur) seiner Mannschaft, bei der gezwungenen Abtretung des Postens Mainau schriftlich und mündlich freien Abzug zugesichert. Nun aber seien seine Soldaten zurückbehalten worden; er bittet daher um ihre Auslieferung, damit ihm bei Seiner Majestät nicht Etwas zur Verantwortung gereiche.
Ob diesem Verlangen gewillfahrt worden, wird in dem Akten nicht gesagt. Wohl aber findet sich in einem Schreiben des Landlomturs aus Hizkirch an den Erzherzog Hochmeister Einiges über die Einnahme der Insel. Der Landkomtur meldet dem Hochmeister „daß mit dem Ruin des ganzen Schwabenlandes auch ihm, (dem Landkomtur) sein Haus Altshausen mit Zubehör, Dörfer und Unterthanen so verderbt worden, daß nichts mehr übrig, als der Brand, und er sich kurz vor Ankunft des Feindes in die Mainau retirirt, und daselbst bis auf den unvorhergesehenen Übergang von Bregenz aufgehalten; als nur der Feind viele Schiffe ausgerüstet und damit angefangen, den Bodensee unsicher zu machen, Lindau zu belagern, Ueberlingen zu blockieren x, habe er sich wegen hohen Alters und Leibesbeschwerden in die Eidgenossenschaft begeben, in Hoffnung, es solle der Posten Mainau desto besser mit Lebensmitteln versehen und füglicher defendiert werden. Der listige Feind aber habe durch ein Strategem diesem Posten, welcher wegen Mangel an Mannschaft nicht gehalten werden konnte, alle Succursmittel abgeschnitten und durch Schießen, Stein- und Granatenwerfen, auch Sprengung einer Mine, den Herrn Komtur gezwungen, den Platz per Accord zu übergeben.“
Den Siegern waren große Schätze in die Hände gefallen, Messgewänder und Edelsteinen besetzt, herrliche Pokale, Gold und Silbergeschirr, auch fünf halbe Karthaunen, alles zusammen 5 Millionen Gulden an Werth.
Im März desselben Jahres mußte Wrangel die Belagerung von Lindau wieder aufgeben und sich nach Ravensburg zurückziehen. In Mainau, Langenargen und dem Schlosse Neuenburg bei Gosiz lagen noch schwedische Besatzungen. Die Kaiserlichen erschienen wieder am Bodensee. Eine Abteilung 300 Mann, die von Villingen nach Konstanz kommen waren, rüsteten 17 Schiffe aus, um von Lindauern unterstützt, einen Angriff auf die Mainau zu wagen. Aber die Schweden schlugen die Stürmenden tapfer zurück und machten überhaupt mit ihrer Flottille bald den ganzen Bodensee unsicher. So ging es fort bis zum Frieden des Jahres 648. Am 30. September verließ die schwedische Besatzung auf Mainau unter klingendem Spiel, laut eines Accords, die Insel.
Der See öffnete sich wieder dem Handel und der Schifffahrt, und alles schien das alte harmlose Ansehen gewonnen zu haben. Doch aber war solches nur eine Täuschung. Die Wunden, durch den langen Krieg geschlagen, brauchten manch Jahrzehnt um nur oberflächlich zu heilen. Nicht der dritte Unterthan hatte ein Bett mehr. Vor dem Kloster Weingarten lagen, wie Gustav Schwab berichtet, noch in der Winterkälte des Januar 1649 verlassene, unschuldige Kinder und flehten jämmerlich um Brod und Obdach.
Auch die mainauischen Hausacten wissen von Schäden und Wehen zu erzählen. „Betreffend den Selbstbau in der Insul“, berichtet der mainausche Hausmeister an den Landeskomtur im Jänner des Jahres 1638, „kann und mag derselbe bei so starker Haushaltung wenig erklecken. Denn wenn man wiederum über Herbst (davon) säät, die Haushaltung davon führet, wie auch das wöchentliche Almosen, (welches bei so schweren und theuren Zeiten niemalen abgebrochen, sondern jederzeit treulich geraicht worden) erstattet, kann Ew. Exzellenz dero hochbegabtem Verstand nach selbsten gnädig ermessen, daß wenig mehr übrig bleibt.“
„Vor diesem hat man den Dienern in den Gesindtstuben jedem fünf kleine schwarze Brote täglich gegeben, weil man es aber bei so geringem Einkommen und schlechten Fruchtwar nicht mehr continuiren konnte, hat sich jeder, wie auch noch, mit zwei Brot täglich contentieren müssen.“
„Zu Allmansdorff und Dingelstorff liegen beide Kelnhöfe, wie auch andere güether, sodann zu Oberndorff und Lüzelstetten, etliche Höff ganz wüst; davon seyndt jeden orts etliche tausend ackers vom Hauß aus angeblümt worden, weil aber dieselbe durch die vorigen Inhaber wegen beschwerlichen lang gewehrten Kriegsläufen (und weil ihnen ihr Vieh und Roß viel unterschiedliche mal, sowohl von Freund als auch Feind genommen) mit der gebühr nach gebawen werden mögen, und man die Mittel auch noch nicht hat, gemelte Güter mit s.v. Tung zu versehen, ma der Nutzen von denselben etwa auch wenig thun. Zudem so seyndt die Sommerfrüchten wegen der großen Hitz noch gar dahinden geblieben, und hat mancher den Samen nicht mehr bekommen. Es seien zwar zu Allmannsdorf ein guter Teil Felder von den Untertanen anblümt worden, es gehört aber der mehrenteil Zehnten dasselbsten dem groß und kleinen Spitel zue Konstanz und dem Gotteshaus Reichenau.“
„Zue Egg seyndt unter wehrender konstantzischer Belägerung von dem Feind die Mühle darselbsten neben dreien Häusern und einer Scheune abgebrannt worden.“
Zu Litzelstetten seien die Untertanen unter erstgemeldeter Belagerung auch gänzlich ruiniert und spoliert, und als man die Stadt Radolfzell von Lindau aus plogieren wollen, aber unverrichteter Sachen wiederum abziehen müssen, hat der Feind dem Kahs. noch nachgesetzt, Selbiges bei und um Litzelstetten erdapt, teils beschädigt, teils gar niedergemacht, und elf Häuser in Brand gesteckt.“
„Zu Dingelsdorf hat es der Unterthanen halben eine gleiche Verwandten ist wie oben, und stehen desselben auch auch unterschiedliche Häuser ganz öd und wüst.“
„Zu Tetingen und Walhausen wird von diesem auf die 60 bis 70 Unterthan gewest, und unizo befinden sich doch 20 daselbst; und Feind dieselbe des Feindes Gefahr, als die weit entseßenen, am aller mehrischen unterworfen gewesen. Zue vorgemeldetem Tetingen stehen uff die 27 Häuser ganz öd, so von niemandem bewohnt werden.“
„Zu Walhaußen feind bey wehrender feindlicher Belagerung der Stadt Konstanz, außerhalb dreyer Häuser, alle übrigen samt dem Torckel (Kelter) verbrennt worden.“
„Der Hof zu Mülhalden liegt gleicher gestalt, ganz öd und wüst, von niemandem bewohnt.“
Zue alten Burg und Neuhauß hat es von diesem eigne Haushaltungen, Knechte und Mägde, Roß und Vieh und stattliche Äcker, Gebäu, ja sogar bei gemelter Burg eine eigene Sennerei gegeben, deren Ross und Vieh, wie auch auf die 200 wägen mit Heu alles in Feindeshand kommen. Die Güter liegen nun von etlichen Jahren her öd und wüst und können dieselbe wegen Mangel der Vorlagen (Ausslagen), Item wegen Mangel an Leuten und Rossen nit gehörig gebawen werden, sodann müssen beede mit einem Paar Chevolk (Dienstboten) bestellt werden.“
„Durch das langegewehrte Kriegswesen feind sind vil Unterthan verjagt, Hungers gestorben und verdorben, und was noch übrig geblieben, hat der liebe Gott hernach durch die leidige contagion (Pest) hinweggenommen. Welches verursacht, dass bei so wenigen Leuten die Reben nicht mehr alle gebawen werden mögen, und liegen sonderlich zu Dinglstoff, Tetingen und Walhaußen ein guter Teil Reben von etlichen Jahren her ganz öd und wüst, und es sieht ihme gleich, es werde noch kein Aufhören sein; denn ein armer Rebmann der eigene Reben hat und wolt dieselbe gern bawen, hat daselbst nichts zu essen. Wann er nun Weib und Kinder mit Ehren fortbringen und erhalten will, wird er getrungen, andere Reben anzunehmen und die seinen wüst liegen zu lassen. Baut aber der gemeine Mann seine eigene Reben und gibt den Wein auf Rechnung, so wird besagte Rechnung bei guten Jahren also spottwolfeil gemacht, dass er das ganze Jahr sein Müh und Arbeit schier vergeblich anwendt und nichts damit ausrichten kann.“
„In guten Jahren hat man allzeit bei dem newen Hauß einen aignen Ziegler gehabt; weil aber die Mittel anjezt hierzu mangeln, hat man damit, wie auch noch, innhalten müssen. Interime aber gehen die Dächer, sowohl bei dem Haus Mainau, Burg, Rewenhaus, Rohhaußen und anderen Orten übel zue Grundt; und wären auch unterschiedlicher orten allerhand bauselligkeiten bei besagten Haus Mainau zu reparieren, welches man alles wegen Mangel der Vorlagen einstellen und allein dahin sehen muß, wie das Hauswesen und der Rebbau vortgebracht werden möge. Sintemalen man alles, was man zur menschlichen notdurft vonnöthen, tewer erkaufen muß, und hierzu keine andere losung hat, als den Wein, in welchem gar kein Vertrieb mehr vorhanden.„
„Vor diesem hat es zu Almanenstorff 13 bis 15, zu Litzlstetten 8, zu Dingelsdorf acht und zu Tettingen auf die 13 Züg gehabt, anizt kann man in den Oberen und underen Gerichten mit deren 13 zusammenbringen; und es scheint die Roß also beschaffen, dass wenn sie einen Tag zu acker gehen oder andere Arbeiten verrichten, daß sie den nächsten Tag wiederum rasten müssen.“
„Bei dem Haus allhier befinden sich noch uff die 17 Stuck Vich, junges und altes, und 12 Zugroß, welches sich allein mit rowem und saurem Heu behelfen müssen und keinen Hafer haben“
Die Zehenden zu Jettenhausen, Ober- und Unterraderach und Lewenthal haben etliche Jahr her gar nichts ertragen, liegt alles ohngebaut. Lewenthal und Hoffen sind verbrannt, die anderen in Grund ruiniert, die Leut gestorben und verdorben, und die wenigen übrig gebliebenen durch die leidige Pest dezimiert.“
„Im übrigen werden die Untertanen fast allerorten von den fremden mit geistlichen und weltlichen Gerichten stark tribuliert; es will eben niemand mehr mit dem anderen Gedult tragen. Das verursacht, dass sie zu haußen schlechte Luft, und wann nicht bald remedirt und mit dem vielfältigen Tribulationen inngehalten wird, der mehrerteil Untertanen Haus und Hof verlassen und davonziehen müssen. Man will die langgewehrte Kriegspressuren und den Ruin, da man doch die Unmöglichkeit vor Augen sieht, gar nit in Obacht nehmen und considerieren.“
“ Im Wein ist fast gar kein Vertrieb, und wird von dem Kauf- und Handelsleute aller orten ein solcher Spott darauf gelegt, sonderlich wo sie wissen, daß man gedrängt, daß zu besorgen, der liebe Gott werde uns noch alle strafen, daß man die Gnad Gottes also verachtet. Die vermögenlichsten Unterthanen, sonderlich in oberen Gerichten, haben fast alle etwas weniges Wein in Kellern, und wo einer in die Stadt Konstanz etwas schuldig ist und erbittet sich, daran Wein zu geben, so hat gemelte Stadt ein Statutum gemacht, daß kein Bürger fürderhin Wein mehr hinein führen darf. Wie ich berichte, solle verwichenen Herbst bei allen Toren auf die 7000 fueder Wein in die Stadt kommen und sonsten noch ein schöner Vorrat an altem Wein vorhanden sein. Dieweil aber die Untertanen kein ander Mittel als den Wein haben, dasselbe aber für diesmal nicht angenommen, noch anderen Orten verkauft werden kann, so werden sie obengezogener maßen umb die baare Bezahlung tibuliert.“
„Dieweil man den Untertanen von dem Haus Mainau zum fuccurieren die Mittel nicht hat, werden sie notgedrängter Weis verursacht, die Hülf anderer Orten zu suchen, welches aber mit ihrer der Unterthanen großer beschwerd geschieht; dann wenn man weißt, dass man gedrängt, wird keinem nichts vorgeliehen, wenn der Verleiher mit doppeltem Gewinn oder Profit dabei hat, und wann einer mit Weib und Kind nicht Hunger und Mangel haben und leiden will, muss er diesen weggeben. Vor wenigen Wochen hat zudem der liebe Gott in den oberen und unteren Gerichten eine Krankheit unter das Vieh verhängt, dass dasselbige gällig worden, und ein guter Teil entweder mit Schaden, oder noch etwas wenigem Nutz weggeschafft werden mueßte.“
„Demnach wird F.Fr. auß obengezogenen Punkten dero hocherleuchtem Verstand noch selbst gnädig ermessen können, weil bei allerorten mangelnden Zins- und Fruchtgefällen ,Abgang der Reben und Felder, Mangel der Leut, Roß, Vieh und anderer Notwendigkeitenn die Schuldigkeit wie zuvor nicht mehr erstattet werden kann, wie beschwerlich man bis dato gehauset und noch hauset, sintemalen ausser des geringen Selbsthawens in der Insel und etliche außerhalb angebliemten Jaucherten Ackers, konnten einige Fruchtmittel nicht vorhanden, sondern alles durch Verkauffung des Weins, bei dem ganz und gar kein Vertrieb, zuwege gebracht werden muss. Anno 1636, Weil die Früchten allerorten so übel gefehlt hat man für die Haushaltung hernach ein halb Jahr alles bis zur Ernte erkaufen und in hohem Geld bezahlen müssen. Mit Früchten sind wir dem ungefähren Überschlag noch bis in Monat April versehen, hernach wird man auf Mittel bedacht sein, woher man die fernere Vorlag nehmen wolle.“
„Aus den Amt. Blumenfeld ist seit anno 1631 an Geld und Früchten nichts, als ferndt und dies Jahr etlich wenig Malter hierher geliefert, wie es nun bei selbigen Amt und den Unterthanen beschaffen, werden F.Fr. uß Herrn Obervogt daselbsten hie beigelegtem Bericht gnädig vernehmen.“
„Aus dem Amt Überlingen ist gar nichts hierher geliefert, sondern ist an Geld und Früchten von etlichen Jahren her so viel nit eingegangen, dass die Priester und ihren corpora, und den Herren Kapucinern ihr wochentlich Almueßen allzeit gereicht werden mögen; wie man das Einkommen jetziger Zeit beschaffen, das belieben F.Fr. uß Herrn Obervogt zue Hochenfels übersandten ungefährem Überschlag gnädig abzulesen.“
„Sonsten kann ich wohl mit Wahrheit schreiben“ schließt der Bericht, „dass man einer von etlichen Jahren in diesem Revier gewesen, und anizt widerumben dahin kommen sollte, er sich selbsten nit mehr erkennen würde, so ist alles verwildert und verwachsen.“
„Und doch war dies nur der Anfang der Wirren, wie ma es wohl nach dem Jahr 1848 ausgesehen haben! Einen beiläufigen Maßstab, wie durch den Eintritt des Krieges plötzlich alles ins Stocken geraten, gibt eine Übersicht der Mainauischen Zinsrodel. Anno 1632 z.B. betrug das Einkommen aus dem komturischen Amte Überlingen:
Drei Jahre später gingen jährlich im ganzen kaum noch 25 Malter Getreide ein, und an Hühnern, Eiern und barem Gelde gar nichts. Auch finden wir, dass der Güterwerb des Ritterhauses von dem 30-jährigen Kriege an fast gänzlich aufhört.
Der Orden im allgemeinen hatte um jene Zeit bereits viel von seiner politischen Wichtigkeit eingebüßt, nachdem er im Laufe der Zeit zu großen Reichtümern gelangt war und zu Anfang des 15. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hatte, ging es allmählich mit der alten Kraft und Sinnmüthigkeit abwärts.
Um das Jahr 1229 erbaten sich die Polen die Hälfte des Ordens gegen die Preußen, welche nach 53-jährigen Kampfe die Oberhoheit der deutschen Ritter anerkennen und dem Christentum huldigen mußten.
Ein großes Verdienst haben die tapferen Ritterbrüder um die Germanisierung der slawischen Länder am baltischen Meere. – Als im Laufe des 16. Jahrhunderts diese Ländereien eine Beute der Polen und das Heldenschwert der christlichen Verbrüderung allmählich stumpf und schartig geworden, nahm, wie oben erwähnt, der Hochmeister seinen Sitz in Mergentheim, in denen er zugleich die Würde eines geistlichen Reichsfürsten bekleidete. Er herrschte über ein in verschiedenen Ländern zerstreut liegendes Gebiet von etwa 40 Quadratmeilen, aufgeteilt in elf Commenden.
Von Zeit zu Zeit liehen die Ritter ihre Waffen nach den Kämpfen gegen den gefürchteten, weiter vorrückenden Halbmond. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als die Türken die venezianische Insel Kandia angriffen, waren die Päpste eifrig bemüht, die Hilfte der christlichen Potentaten und Herren zu gewinnen. – Papst Clemens der Neunte wendete sich im Jahre 1668 den 3. März schriftlich an den Hochmeister des Deutschordens, Graf von Stadion, mit der dringenden Bitte um baldige Hilfe. Die Art und Weise, wie diesem Gesuch entsprochen worden, gibt ein nicht uninteressantes Bild von der damaligen Wehrverfassung des Ordens.
Der Hochmeister schrieb auf das päpstliche Ansinnen, dem Komtur von Elsass und Burgund Hartmann von Roggenbach zu Altshaußen : „Obwohl man gegenwärtig im deutschen Vaterlande selbst sehr bedrängt sei und löschen solle, wo das Feuer am nächsten brennt, so wäre er doch der Meinung, dass dem Begehren des Papstes entsprochen werden solle, und zwar mittels Sendung einer Kompagnie zu Fuß, eine solche einzurichten komme auf etwa 6000 fl., und zu unterhalten nicht viel über 1000 fl. monatlich. Doch gebe er zu bedenken, ob nicht auch dem Wunsche des Papstes mit einer Geldsendung entsprochen werden könne, da das Anwerben einer Mannschaft jetzt, wo allenthalben für den Kaiser nach Spanien geworben werde, ziemlich schwierig sei und viel Zeit erfordere, die Hilfe aber verlangtermaßen schnell geleistet werden müsse.“
Der Komtur entschied für Anwerbung einer Kompanie von circa 130 Mann, „welches dem Orden an reputierlichsten und auch nützlicher als Geldsendung sein möchten, die, wenn sie nicht sehr groß, wenig beachtet und halb vergessen sein werde.“-
Nach längerem hin- und her schreiben kamen endlich die Majora überein, dass der geforderte Beistand in einer Volkshilfe bestehen und der Offizier, dem die Führung anvertraut werden solle, ein mit dem Kriegshandwerk vertrauter Ritter aus dem Orden sein müsse, ebenso auch der Fähnrich. Der ausgeschlagene Geldbetrag für Mainau und einige andere Ritterhäuser betrug 1000 fl. Unter den zwölf Häusern war Altausen das höchstbetreffende mit 300 fl., das geringste Kaisersberg mit 4 fl. 6 Kreuzer. Die Kompagnie zu 150 Mann samt dem Generalstab wird in monatlichen Sold zu 733 fl. berechnet, jährlich zu 8796 fl. Anwerbungskosten per Kopf 18 fl..
Am 24. September benachrichtigte der Komtur zu Mainau, der das Werbegeschäft zubesorgen hatte, die Komture zu Freiburg, Ludach und Nixen: „daß sie von sämtlichen Komturen des Ordens bewilligte Kompagnie vollzählig sei und nächstens ausmarschieren werde. Er bittet daher um die aufgeschlagenen, von ihm einstweilen ausgelegten Geldbeiträge und hoffe, man werde ihn nicht stecken lassen, da ja allerwärts ein guter Herbst zu hoffen.“
Im November kam die Mannschaft auf Kandia an. Die Gelder zu ihrer ferneren Verpflegung, wurden nicht ohne vieles Hin- und Herschreiben von den betreffenden Summen ausbezahlt. – Unterm 20. März 1689 berichtet der Kompaniechef, Leutnant von. Metzhausen, dem Deutschmeister, das Zusammenschmelzen der Kompagnie auf 154 Köpfe und fragte an, ob man die Mannschaft nach Ablauf des Jahres zurückziehen oder wegen dringender Gefahr noch ein Jahr belassen solle. Von der Commende Mainau erging die Antwort, „die Kompagnie habe zu bleiben und die Unterstützung werde fernerhin ausbezahlt werden.“
Als im November desselben Jahres die Veste Kantia durch Kapitulation an die Türken übergegangen, wurde die Kompagnie entlassen und nach Corfu eingeschifft, dem Orden aber von der Republik Venedig für bereitwillig geleistete Hilfe gedankt. Das Korps, nur noch aus 80 Köpfen bestehend, hatte auf dem Heimzug viel Ungemach und Unglück zu bestehen. Nachdem es auf dem Meere Schiffbruch gelitten und von dem venezianischen Podesta sehr schlecht behandelt worden war, zählte es nur noch 49 Mann, die ihren Marsch nach Mergentheim nahmen. Aber auch diese geringe Zahl verringerte sich bis dahin, (wahrscheinlich durch Ausreißerei) auf 31 Köpfe. Es ward beschlossen, die Mannschaft bedenklicher Zeitläufe wegen noch ferner auf den Beinen zu behalten und nach Mainau zu schicken.
Als der martialische Zug gegen Ende des Jahres 1670 sich seinem Bestimmungsorte näherte, führte der österreichische Kommandant zu Konstanz einige Beunruhigungen und ließ auf meine Anfragen, was es mit dem heranziehenden Fähnlein von 30 Mann auf sich habe, damit er solches Kaiserliche Majestät berichte.
Der Kontur setzte den Deutschmeister von der Anfrage in Kenntnis und machte nebenbei den Vorschlag allgemein bedenklicher Zeitumstände wegen, die Insel wiederum zu befestigen und mit Munition zu versehen. Der Deutschmeister erwiderte, die österreichischen Bedenken seien beseitigt, und die Befestigung der Insel aber werde gutgeheißen.
Die wackeren kandischen Veteranen zogen also in Mainau ein, doch scheint ihnen der Friedensdienst auf dem stillen Eilande nur wenig behagt zu haben. Denn schon nach einigen Wochen war man genöthigt die Mannen von etlichen Ausreißern in Altshausen und Mergentheim („da in Mainau kein dergleichen hohes Obrigkeit Signum vorhanden“) an den Galgen schlagen zu lassen und andere Mannschaft dafür zu werben. Trotz der guten Verpflegung und den neuen Uniformen von grauem Tuch glaubten die Unteroffiziere noch Ursache zu haben, sich beklagen zu dürfen, und über Wachdienst, den sie in Ermangelung der Gemeinen tun mußten, deren eine Hälfte nach Mergentheim geschickt hatte. Und als der „Kompagnie-Feldherr“ wegen gröblicher Insubordination und weil er sich so weit vergessen, den Bedienten des Komtur zu prügeln, seines Dienstes entlassen und mit Frau und Kindern über den See geschafft wurde, schien man der Soldateska auf Mainau als alsgemacht herzlich überdrüssig. Der Rat zu Mergentheim schickte zwar, um strengere Zucht einzuführen, die Kriegsartikel ad normam, überschrieben: „Der Kaiserlichen Majestät und heiligen römischen Reichs Teutscher Knechten Artikuln, Speyer 1570,“ aber der Komtur glaubte, dass es besser sein möchte, sich der kostspieligen Last ganz zu erledigen, in welchem Sinne er sich wiederholt an den Deutschmeister wendete.
Zur gleichen Zeit, 1673, beschäftigte sich der Komtur angelegentlich mit dem Entwurfe seiner Allianz mit Österreich im Falle eines Bruches mit Frankreich, gegen welches Kaiser Leopold I. zu Gunsten Hollands in die Schranken trat. Dem Entwurf zufolge sollte keine andere als kaiserliche Besatzung auf Mainau zugelassen werden, auf welch letzterer der Kaiser blos das jus praesidii ohne alle jurisdiktion und nicht länger als bis die Gefahr vorüber haben solle. „Müsse die Insel befestigt werden, so habe der Orden nichts daran zu tragen, und nach dem Frieden müsse alles in statu quo im Zeughause hergestellt und die Verfestigung nicht demoliert, sondern dem Orden überlassen werden. Ebenso soll den Rittern die Retirade nach Mainau beständig offen gehalten werden. Dagegen verpflichtete sich das Haus Mainau entweder einen Ausschuss von Untertanen oder, was am verständigsten sein werde, sein zum schwäbischen Kreis erforderliches Kontingent einzuwerfen.“
In wieweit dieser Entwurf zur Ausführung gekommen, ist aus dem Akten nicht mehr zu entnehmen. Gewiss ist aber, dass die Zeitläufte unserem Eilande keine hervorragend politischen Ereignisse weiter zuführen. Die Waffen rasteten und rosteten in den Rüstkammern, und die Nachfolger stets kampfbereiter Ritter verlebten auf ihrem ländlichen Besitzungen ruhige Tage im patriarchalischen Wohlbefinden, was bei der geringen Zahl von Untertanen und einfacher Verwaltung niemals durch große Regierungsgeschäfte unterbrochen wurde.
Im ganzen kann das deutschordensche Regiment ein mildes genannt werden. Die Untertanen waren „eigen“ und zu bestimmten Frohnden verpflichtet. Sie hatten aber sonst wenig Abgaben und immer reichliches Almosen und Unterstützung an Geld vom Ritterhause zu erwarten. Bis zur Aufhebung der Commnde wurden alle Samstage, das wöchentliche Almosen auf der Insel ausgeteilt, und weil die großen Einkünfte in späteren Friedenszeiten stets viel bares Geld übrig ließen, so erhielt der Bauer auf einem guten Leumund hin Vorschüsse und Kapitalien geliehen, die ihm, wenn er richtig zinste, nicht selten teilweise geschenkt wurden.
Besonders wird in dieser Hinsicht einer der letzten Komtur gerühmt, der „Graf Fidele“ von Wurzach. Der Wahlspruch dieses guten Herren war „leben und leben lassen“. – Als er einst in den großen Landkomturkeller kam und der Kellermeister in unterthänigster Ehrfurcht fragte, „was Ihre Gnaden für einen Wein zu trinken wünschten“?, antwortet der gnädige Herr ironisch „aus deinem Fäßle!“
Die Revenüen aus Gefällen und Zehnten (der Ertrag des Selbstbaus ungerechnet) sollten jährlich 30.000 fl. abgeworfen haben. Die Komture saßen allein mit ihrer zahlreichen Dienerschaft und den Beamten auf der Insel. Im Schlosse herrschte große Gastfreundschaft, und Gäste von Konstanz und den umliegenden Edelsitzen waren jederzeit willkommen und trefflich bewirtet, und dass es dabei nicht an guten Humor breche, dafür sorgte unter Graf Fidele, der Narr „Baron Quaker„. Dieser launige Kauz, so erzählt man, hatte eine große Vorliebe für Katzen, deren zur Sicherung der reichen Frucht, Speicher und Vorräte ein ganzes stehendes Heer auf der Insel unterhalten wurde. Er wußte diese Tiere durch natürliche Sympathie so an sich zu locken, dass sie ihm dutzendweise bis vor das Tor das Geleite gaben, wenn er ausging, um für die Herrschaft Botengänge zu machen.
Die Verwaltung der kleinen Landschaft war eine sehr einfache familiäre. Der Amtmann hatte keine Ortsdiener. Wenn bewohnt werden sollte, begab er sich bei Tagesanbruch vor die Häuser der Pflichtigen, wo er mit einem Pfiff und Namensruf den Unterthan zur Fron in die Mainau beorderte. Die verschiedenen ordentlichen Hofgüter wurden durch die sogenannten Bauleute auf Rechnung der Herrschaft umgetrieben. Die Handwerker und Dienstboten auf der Insel erhielten an Geld wenig Lohn, wurden aber dafür mit allem nötigen Lebensbedarf auf das Beste versehen. So große Verdienste die früheren Deutschritter um Ausbreitung christlicher, germanischer Kultur und Sitte sich erwarben, so wenig geschah unter den späteren behaglichen Herren für höhere Interessen der Nation, obwohl es ihnen weder an Muße noch Mitteln gefehlt hätte, für Kunst und Wissenschaft und anderes tätig zu sein. Doch in einer Zeit, wo der Nationalhorizont in allen Teilen so wässrig und trübe geworden wie im 17. und 18. Jahrhundert, der Deutsche wieder billigerweise nicht verlangen wollten, dass es an einzelnen Punkten ausnehmend hell und sonnig sein solle. Nachdem der Orden als seine politische Bedeutung verloren hatte, waren die Enden lediglich nur noch große Gutsverwaltungen mit gewissen Hoheitsrechten gegenüber der zugehörigen Bevölkerung.
Hexenprozesse im Meistertum Mergentheim In den Hexenprozessen im Meistertum Mergentheim wurden 584 Personen zwischen 1450 und 1665 wegen Hexerei, „Unholdtum“, Zauberei und Abfall vom Christentum verhaftet in vier Wellen von Hexenverfolgung in den Jahren 1590/91, 1601/02, 1617/18 und 1628 bis 1631. Nach heutigen Angaben überlebten 387 Menschen den Prozess nicht. Weitere acht starben in Haft. Lediglich 27 Verdächtigte kamen frei. Bis heute ist das Schicksal von 93 Personen unbekannt. Das Alter der Angeklagten lag zwischen elf und 70 Jahren. Wikipedia
Hermann von Salza, der IV. Hochmeister in den Jahren 1210–1239; Spätere historisierende Darstellung aus einer Chronik des 16. Jahrhunderts; Rüstung und Kopfbedeckung des Hochmeisters entsprechen nicht der dargestellten Zeit. Quelle: Wikipedia
Im 30-jährigen Krieg gelangte die Insel Mainau im Bodensee 1647 nach einer verheerenden Niederlage gegen die Schweden für einige Monate in deren Besitz. Unter Mitnahme alles Wertvollen – nur das sogenannte Schwedenkreuz blieb zurück – zogen die Schweden 1649 wieder ab. Foto: Böhringer Friedrich (Wikipedia)
Komtur Franz Fidel Reichserbtruchseß zu Zeil-Wurzach ist vermutlich 1805 gestorben: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/NUXF4GVUZFDYIS6OOH7ET3TGVWDHFBLK Über „Baron Quaker“ lässt sich leider nicht mehr finden.
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren.
Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Hier der 1. Teil vom Kapitel Mainau
Mainau
Gegen das Ende der schmalen Landzunge, welche den Untersee vom Überlinger See trennt, m Eingange des letzteren, erhebt sich das Land nochmals aus der Fluth und bildet ein Terrassenförmiges, bis zu 89 Fuß über den gewöhnlichen Wasserstand des Sees ansteigende Eiland, welches eine halbe Stunde im Umfange hat.
Es ist dies einer jener außerordentlichen Punkte, über welchen die Mutter Natur alle ihre Schönheit und Güte ausgegossen zu haben scheint. Die Alten gaben ihm den Namen Mahgenowe oder Mahen-Anue, wie Badrian sagt „von Luftes wegen“.
Ohne Zweifel stammt die Benennung aus den Zeiten, wo das jugendliche Volk der Germanen das bis heute um den See nicht ganz erloschene Maienfest als religiösen Kultus beging. Und wahrlich, welchen Platze machte der unverdorbene Sohn der Natur wohl passender den Namen seines Luft- und Lieblingsmoments beilegen, als der feenhaft aus den Wellen des geheimnisvollen Bodan empor steigenden sonnigen Aue?
Die geschichtlichen Nachrichten über die liebliche Insel beginnen jedoch erst mit den christlichen Ansiedlungen am See. Die Mainau wird seit frühesten Zeiten eine Zugehörige der Abtei Reichenau genannt, von welcher sie an dem Deutschorden kam. Nach einer Volkssage waren die Herren von Bodman die ursprünglichen Besitzer, und eine Erbin dieses Hauses vergab die schöne Au an den deutschen Orden.
Meister Sepp von Eppishusen (Freiherr von Laßberg) erzählt die Sage in seinem wenig verbreiteten Büchlein „vom Littower“ folgendermaßen:
Ein Fräulein von Bodenmann, welche von ihrer Mutter große Güter am Bodensee besaß, nämlich die Mahnau, mit Dörfern, Weilern und Höfen, war in züchtiger Minne einem jungen Ritter von Langenstein hold, und er hinwieder auch ihr. Da sie als eine Waise frei und selbstständig über ihr Gut walten konnte; so war auch des Ritters Vater ganz geneigt, zu dieser Verbindung seine Einwilligung zu geben, und schon nahte der Zeitpunkt heran, der die beiden Liebenden auf immer vereinen sollte. Als der alte Ritter von seinen Lehnsherren, dem Abt der zur Reichenau plötzlich aufgerufen wurde, ihm auf einem Kreuzzug nach Syrien zu folgen. Alter und Behden hatten den Vater gebrechlich gemacht, und der rüstige Sohn mußte an seiner Stelle das Kreuz nehmen und die so nahe Vermählung vertagen.
In den damaligen Zeiten war es wie jetzt, zu einer reichen Erbin standen sich immer viele Bewerber. Aber die treue Maid von Bodnman hing zu innig an ihrem geliebten Ritter und gab den übrigen kein Gehör. Langensteins Zug war nicht glücklich: Die Kreuzfahrer erlitten im Heiligen Land mehrere Niederlagen, und bei einer derselben fiel ihm das traurige Los, verwundet und gefangen zu werden. Tief in das Land der Araber geschleppt und zu schmählicher Knechtschaft gezwungen, blieb ihm wenig Hoffnung, die schönen Augen der holden Frau seines Herzens und die Reben umgrenzten Ufer des Bodensees je wieder zu sehen.
Indessen war die Kunde von Langensteins Verwundung und Gefangenschaft auch nach Schwaben gelangt, und die Bewerbungen um die Hand des schönen Fräuleins fingen mit verdoppelten Eifer wieder an, aber die treue Maid von Bodman, war zu keiner Sinnesänderung zu bewegen, und als ihr die Bewerber zu lästig wurden, zog sie sich zu einer Verwandten in ein benachbartes Kloster zurück, um da ungestört für die baldige Erlösung ihres geliebten Ritters zu beten. Jahre auf Jahre entflohen; In Syrien wurden hie und da gefangene Christen ausgewechselt und losgekauft., aber in das ferne Arabien drang kein mitleidiger Priester, der den Heiden Gold für christliche Sklaven geboten hätte. Standhaft hatte der Ritter von Langenstein alles Anerbieten von Freiheit, Ehre und Reichtum, wenn er den Glauben des Landes annehmen wolle, abgewiesen; aber auch beinahe gänzlich die Hoffnung auf Erlösung aufgegeben, als ihm einst mal im Traume einfiel, die Geliebte seines Herzens und sich selbst Gott aufzuopfern, und hierdurch die himmlischen Mächte zu Mitleid und Hilfe zu bewegen. Er tat also bei sich, das Gelübde: wenn er der Heimat wiedergegeben würde, in einem der drei geistlichen Ritterorden zu treten.
Schon am folgenden Abend fand er die Türe seines Gefängnisses offen, und dem Wink der Vorsehung benutzend, trat er, mit wenigen Lebensmitteln versehen, hinaus in die Sternen. Helle Sandwüste, welche seine Flucht begünstigen sollte, seinen Weg nach dem Laufe der ihm wohlbekannten Sterne* richtend, erreichte er nach vielen Tagen und umfänglichen Mühseligkeiten die Ufer des unendlichen Meeres. Auch entdeckte er in geringerer Entfernung ein Schiff, das auf wiederholte Zeichen und Rufen Ein Boot abgesandte, ihn aufzunehmen. Christliche Männer, die Handel nach Ägypten trieben, waren vom Sturm an diese unwirtliche Küste verschlagen worden und warteten mit Sehnsucht auf günstigen Wind, um ihre Heimfahrt nach Italien anzustellen. Als er erschien, richteten sie ihren Lauf nach dem heimatlichen Strande und erreichten ihn auch ohne besondere Färlichkeiten auszustehen.
Der Freiheit und dem Vaterlande wiedergegeben, hatte der Ritter von Langenstein keine dringendere Angelegenheit als die schnelle Erfüllung seines Gelübdes. Er stellte sich vor dem Landkomture zu Altshausen und bat demütig um Aufnahme in einen Orden, der im neuen, unaufhörlichen Krieg gegen die Heiden zur ersten Pflicht machte.
Der Ruf seiner Tapferkeit war ihm vorausgegangen, und vielleicht damals schon als Dichter bekannt, konnte er in jener Zeit nur als ein Mann von hoher Geistesrichtung gelten. Er mußte also dem Orden ein willkommener Bruder sein, und seine Aufnahme fand keinen Anstand.
Auf sein eigenes Verlangen ward er alsbald mit mehreren jüngeren Brüdern nach dem damals noch heidnischen Preussen gesandt, um im neuen, immerwährenden Kampfe gegen ein tapferes Volk, das den vaterländischen Boden Schritt vor Schritt verteidigte, das noch stets für die holde Erbin von Bodman schlagende Herz zu beschwichtigen.
Die Nachricht vom Langensteins Heimkehr aus dem Morgenlande war kaum in seinem väterlichen Gaue erschollen, als die treue Maid vom Bodman aus den Klostermauern wieder nach ihrer Burg sich aufmachte. Liebliche Gedanken vom seligen Beisammensein und fröhlicher Zukunft umschwebten sie auf ihrem Wege und begleiteten sie bis unter das Burgtor. Ein vertrauter Jugendfreund ihres Ritters*erwartete sie hier: Er brachte ihr den letzten Gruß des für sie nun auf ewig verlorenen Geliebten, und die hochzeitlichen Fackeln erloschen da, wo sie kaum noch in Gedanken angezündet waren.
Nicht lange Zeit bedurfte die edle Schwaben Maid, bis sie zu allem ihres Herzens und ihrer reinen Minne würdigen Entschlusse kam. Tief empfindend
„Wie Liebe mit Leide Ze jüngest lonen kan“
beschloß sie dem geliebten Manne ein Zeichen zu hinterlassen, das ihn ewig an die Liebe und Treue seiner Herzensgespielin erinnern sollte. Sie reiste zu dem frommen Landeskomtur des Deutschen Ordens, und eröffnete ihm, wie sie gesinnt sei, ihr mütterliches Eigen, die schöne Insel Mahnau, mit Dörfern und Höfen, seinem Orden als eine freie Vergabung zuzustellen, wenn derselbe ihr gewährleisten werde, dass Bruder Hug von Langenstein, erster Hauskomtur auf der Insel werden solle.
Strenge waren die Regeln und Gesetze des Ordens. Durch mehrere Kriegszüge und nützliche Dienste musste der Bruder seine Tüchtigkeit erprobt und den Dank seiner Oberen verdient haben, ehe ihm die Türen zu den Würden desselben geöffnet wurden. Nur ausgedienten, durch Wunden und Alter, dem Kriege gegen die Ungläubigen entzogenen Brüdern wurde damal Komtureien verliehen und hiervon konnte weder der Wille, noch die Macht eines Ordensgebieters abweichen. Der Landeskomtur mußte die treue Maid an den obersten Meister des Ordens verweisen. Was sie da ausgerichtet, hat uns die Sage nicht aufbewahrt. Allein soviel ist gewiss, dass wir unter den auf der Insel aufgehängten Wappenschildern, der dortigen Komtur, jenen des Ritters von Langenstein als den sechsten zählen.
Wo nach diesem die treue Maid von Bodman mit ihren zertrümmerten Hoffnungen und mit ihrem zerrissenen Herzen sich hin gewendet, in welches Kloster sie ihren Schmerz begraben, wissen wir nicht anzugeben; es mag für sie wohl gleichgültig gewesen sein, wo sie ihre Tage verweinte. Der Gedanke: mein Geliebter lebt jetzt in meinem Hause, in demselben Gemächern, die einst Zeugen unserer unschuldigen Minne waren, er isst von dem Brot meiner Äcker und trinkt von dem Wein meiner Reben; die hohen Nußbäume, unter denen wir so oft beisammen saßen, beschatten ihn nun wieder, und in der kleinen Kapelle, wo unser kindliches Gebet so manchmal sich vereinigte, flehet er jetzt im Himmel um Mut und Standhaftigkeit für uns beide an: An diese Gedanken müssen sich oft in die stille Zelle der treuen Maid geschlichen und ein bitter süßes Gefühl in dem liebenden Herzen erweckt haben, das gewiss nur unter dem kalten Grabsteine aufhörte, für den geliebten Ritter zu schlagen.
Dies ist die Sage von dem treuen Maid von Bodman und dem Sänger von Langenstein, wie ich sie vor mehr dann dreissig Jahren, aus dem Munde des Volkes vernommen und aufbewahrt habe.
Von dem Ende des Sängers Hug von Langenstein ist mir keine Nachricht bekannt; wahrscheinlich starb er Lebens müde als Komtur auf seiner Insel, und wenn einmal die Gruft in der kleinen Ordenskirche daselbst geöffnet werden sollte, dürfte auch sein Grab entdeckt werden. Er selbst schildert sich uns am Schlusse seines großen Gedichtes als einen Mann, dessen Lebensschiff das Ruder der göttlichen Minne aus dem Sturm bewegten Fluten in den Hafen geschafft hat; der aber auch da nie wahre Ruhe genoß, noch einer sanften Stille. Dieser Gemütszustand deutet doch wohl auf unglückliche Liebe.
Die heimatliche Burg des Ritters Hugo liegt im Hegau, links der Landstraße, welche nach Engen führt. Sie liegt zwischen Felsen, selbst auf einem Fels von weitläufigen Eichen- und Buchenwäldern umgeben. Es ist das größte und festeste Bauwesen aller edeln Sitze des Gaues. Rings um einen ungeheuren Turm her, den das Volk irrig aus dem Fels gehauen wähnt und dessen Alter wenigstens in den Anfang des elften Jahrhunderts, wenn nicht vielleicht sogar in den karolingischen Zeitraum hinauf reicht, sind die Wohngebäude eingereiht und nehmen mit den Wirtschaftsgebäude einen großen Raum ein. Der mit Wappen verzierte Eingang, die großen steinigen Stiegen und Wendeltreppe, die hohen gewölbten Gänge, die von Säulen getragenen Hallen, die hohen geräumigen Säle und Gemächer, die vielen, zum Teil in den Fels gehauenen unterirdischen Gänge und Keller geben dem Ganzen ein großartiges, die vielen sonderbar gealterten Kalkfelsen, ein wunderbares und romantisches Aussehen.
Nach dem Absterben der Ritter von Langenstein kam die Burg in wechselndem Besitz, zuerst als reiche reichenauisches Lehen an die Grafen von Nellenburg, im 15. Jahrhundert an die Edlen von Heudorf, später an die Freiherren von Reischach, und nach diesen an die von Reitenau, zuletzt an die Grafen von Welschberg, von denen es der höchst selige Großherzog Ludwig von Baden erkaufte, zu bleibenden Wohnorte der jetzigen gräflichen Besitzer.
Über den Ursprung des Ritterhauses zu Mainau gibt uns die Geschichte von der Sage abweichende Aufschlüsse. Dr. Josef Bader teilte darüber folgendes mit:
Die Ritter Familie von Langenstein war ein Dienstmannsgeschlecht (ministerialed) der Abtei Reichenau. Die historische Kunde von diesem Geschlecht geht bis zum Jahre 1197, allwo ein Hugo de Langenstein ministerialis ecclesiae Augiensis, das Gut seines Knechtes Machtolf am Donnersberg für 9 Pfund Münze und das Stift Salem überlässt*. Weiter finden wir, dass die Salemer diesen Hugo als Belohnung für seine Bemühungen bei einem Kaufgeschäfte des Stiftes 40 Käse übermachen; woraus es erhellt, wie patriarchalisch die damaligen Zustände, und wie bescheiden der Adel von Langenstein in jener Zeit gewesen sein müssen. Nach diesem Hugo werden noch achte des Geschlechtes urkundlich erwähnt, so dass sich folgende Stammtafel ergibt
Hugo 1197 bis 1211. Hugo 1211 bis 1216. Arnold stirbt 1272. Arnold Ritter bis 1282. Hugo 1259 bis 1267. Arnold Berthold Friedrich. Hugo stirbt 1319 als letzter Spross des Hauses.
Die genannte Familie besaß unter mehreren anderen reichenauischen Benefizien (Dienstmannslehen). auch die Insel Mainau – Im Jahr 1272 geschah zwischen Abt Albrecht zu Reichenau und dem Komtur Rudolf von Schafhus vom Deutschorden über gewisse streitige Güter folgender Vertrag. Der Abt überläßt mit Einstimmung seines Klosters den Landeskomtur für dem Deutschorden die Höfe zu Almansdorf, Eck, Stad, Oberndorf und Dinglsdorf mit dem Kirchensatze und Zehnten und allen reichenauischen Gütern daselbst, ferner das Dorf Lützelstetten mit allen Leuten und Gütern, mit Zwing und Bann und allen anderen Rechten (die Mannslehen ausgenommen), sodann das Schloss und die Insel Maienowe und alle übrigen Güter Arnolds von Langenstein seelig, mit dessen Maieramte, mit der Vogtei und allen Rechten, welche derselbe da gehabt. Dagegen überlässt der Deutschorden dem Stifte Reichenau zu einem Ersatze: das Schloss Sandeck mit der Vorburg, die Höfe zu Wald, Heroltsweil, Landertsweil, bei Ermatingen, Bernag, und Steckborn, nebst verschiedenen Rebgütern und Zehnten in diesen Orten, zu Frutweiler H. Actum in Gotteliubon, anno MCCLXXII, Feria IV podz vinculum S. Petri.
Dies verhielt sich aber folgendermaßen: Der Abt von Reichenau hatte den reichenauischen Dienstmännern von Langensteinen, von Steckborn, von Feldbach und von Frutweiler erlaubt, die oben gezeichneten Besitzungen und Rechte zu Mainau, Almensdorf, Eck, Stad, Oberndorf und Dingelsdorf an den Deutschorden zu vermachen (weil es reichenauische Lehen waren), da nun über diese Güter dennoch ein Streit entstand, so mußte der Deutschorden erstens dieselben als reichenauische Lehen anerkennen und jährlich mit 20 Pfunden Wachses verzinsen, zweitens aber dagegen noch die kleine Herrschaft Sandeck an das Kloster abtreten, welchen die Söhne des Eberhard von Steckborn, (der zu Salem Mönch geworden), ihm vermacht hatten.
Dieses Sandeck war wohl auch ein reichenauisches Lehen im Besitz der Familie von Steckborn gewesen, und da der Abt das vortrefflich gelegene Schloss gern selber zu bewohnen wünschte, ergriff er die Gelegenheit des obrigen Streites, um es dem Deutschorden wieder abzujagen.
Das ist nun wahre Ursprung des Ritterhauses zu Mainau und nicht erst jener Schenkung von 1282, wie gewöhnlich angegeben wird. Im Jahr 1272 war der Schenker Arnold schon verstorben. Daher die urkundlichen Ausdrücke: (qondan oder bonae memoria Arnoldus de Langenstein) er hatte aber Brüder und Söhne.
Mit den angeführten zwei Schenkungen vom Jahre 1282, die Schönhut, wie es scheint, aus Urkunden darthut, kann es sich so verhalten haben: Arnold von Langenstein, der ältere vermachte vor dem Jahre 1272 Schloss und Insel Mainau als reichenaischer Lehenbesitzer dem Deutschorden; dieser war also von dem an Inhaber dieses reichen Lehens, verlieh dasselbe aber afterlehenweis wieder an die Familie von Langenstein, welches es so besaß bis 1282, wo Arnold der jüngere es dem Orden wieder aufgab, das heißt denselben wieder in unmittelbarem Besitz der Mainau setzte, damit ein Deutschhaus daselbst errichtet werde.
Wie bereits bemerkt, hatte Arnold, der Ältere vier Söhne. Von diesem widmeten sich drei dem Deutschorden, den einen Arnold, finden wir als Komtur zur Mainau, wo er 1319 als letzter seines Geschlechts das Leben beschließt. Sein Bruder Hugo verweilte um 1298 im Hause des Deutschordens zu Freiburg im Breisgau, nachdem er vorher, wie sicher annehmen läßt, im Ritterhause zu Mainau sich aufgehalten. Dieser Hugo von Langen Stein ist der berühmte Sänger, von dem noch zwei Gedichte und ein Prosawerk allein vorhanden sind. Von ersteren verherrlicht das eine die heilige Märtyrerin Martina, das andere besingt die wunderbarliche Bekehrung des heidnischen Königs Littower. Das Prosawerklein, genannt „Mainauer Naturlehre„, handelt von der Astronomie, von der Gestalt der Erde und den Bewegung der Himmelskörper und vielem mehr. (Baseler Pergamenthandschriften B. VIII, 27.).
* Er schrieb ja, wie wir nachher vernehmen werden, eine astronomische und astrologische Abhandlung.
* Vielleicht der benachbarte und gleichzeitige Minnesänger Burkhard von Hohenfels.
Der römische Feldherr Tiberius brachte gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Drusus in den Jahren 15 bis 13 v. Chr. Raetien und das im Norden gelegene Vindelicien unter römische Herrschaft. Dem war der Befehl des römischen Kaisers Augustus, ihres Stiefvaters, vorausgegangen, der die Unterwerfung des von den Rätern bewohnten Landes rund um den Bodensee anordnete. Laut dem antiken griechischen Geschichtsschreiber Strabon soll im Jahr 15 v. Chr. Tiberius im Seekampf gegen die Vindeliker eine „kleine Bodenseeinsel“ als Flottenstützpunkt genutzt haben. Man hat abwechselnd jede der vier damaligen Inseln (Lindau, Mainau, Reichenau und Wasserburg) für diese Insel gehalten. Nach dem sicheren Ausscheiden von Lindau und Wasserburg verbleiben noch die Reichenau und die Mainau, jedoch angesichts zahlreicher römischer Fundstücke kommt wohl nur die Mainau in Frage.[28] Das würde bedeuten, dass die Römer die Insel unweit des späteren Constantia (Konstanz) kurzzeitig für ein Kastell, eine Schiffswerft und eine kleinere Flottenstation der römischen Bodenseekriegsflotte des Tiberius, die ihren Hauptsitz in Brigantium (Bregenz) hatte, nutzten.
Joseph Maria Christoph Freiherr von Laßberg, (geboren 10. April 1770 in Donaueschingen; gestorben 15. März 1855 in Meersburg) nannte sich selber der Meister Sepp von Eppishusen. Er war Gründer des Baarvereins und auch leidenschaftlicher Sammler. Über ihn gibt es sehr viele Geschichten und auch Kontroversen wegen seines Nachlasses.
Burg Meersburg, Eigentum und Wohnsitz von Laßberg von 1838 bis zu seinem Tode
Joseph Maria Christoph Freiherr von Laßberg
Die Maische Säule von Peter Lenk in Meersburg
Laßberg von Lenk in Meersburg
Ritter von Langenstein
Die Freiherren von Langenstein (ein schweizer Adelsgeschlecht über das viel mehr bekannt ist) sind nicht zu verwechseln mit der Ministerialenfamilie des Klosters Reichenau Langenstein. Diese Familie bestand aus Arnold I. von Langenstein und seinen oben erwähnten Söhnen Hugo dem Jüngeren, Berthold, Arnold II. und Friedrich. Sie schenkten 1271 die Insel Mainau, ein Lehen des Klosters Reichenau, eigenmächtig dem Deutschen Orden. 1272 richtet der Orden dort eine Kommende ein, in welche Hugo der Jüngere und ein weiterer seiner Brüder eintraten. Hugo war ein mittelhochdeutscher Dichter und verfasste eine umfangreiche Reimlegende über das Leben und das Martyrium der Heiligen Martina. Ihren Namen leitete die Familie von der Burg Langenstein im Hegau ab, dessen Bergfried heute als Untergeschoss Teil des Schlosses Langenstein ist.
Das Schloss Langenstein liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Orsingen-Nenzingen südlich der Gemeinde Eigeltingen zwischen Stockach und Singen im Hegau. Um 1100 wurde der heute noch als Untergeschoss bestehende Bergfried von der Abtei Reichenau auf einem langgestreckten Felsen aus Jurakalk errichtet. Nachdem das Geschlecht derer von Langenstein zu Beginn des 14. Jahrhunderts ausgestorben war, waren in den folgenden Jahrhunderten zahlreiche Adlige im Besitz der Burg, so auch Ritter Bilgeri von Heudorf. Foto: Wikipedia
Kreuzzug nach Syrien
Heißt heute Kreuzzug der Barone. In den Jahren von 1239 bis 1241 war ein von der Kirche geförderter Kriegszug in das heilige Land zur Entlastung der Kreuzfahrerstaaten im Kampf gegen die benachbarten Herrschaftsgebiete der Ayyubiden. Der Kreuzzug umfasste zwei Kreuzzugsunternehmen, den Kreuzzug Theobalds von Champagne und den Kreuzzug Richards von Cornwall. Wikipedia
Deutschordenskommende Altshausen
Die Deutschordenskommende Altshausen war von 1264 bis 1806 eine Kommende des Deutschen Ordens in der Deutschordensballei Schwaben-Elsass-Burgund in Altshausen im heutigen Landkreis Ravensburg in Oberschwaben. Das Schloss Altshausen ist heute Residenz des Chefs des Hauses Württemberg Carl Herzog von Württemberg und Unternehmenssitz der Hofkammer des Hauses Württemberg. Wikipedia
Lucian Reich geht also davon aus, dass jeder Leser die Nibelungen kennt.
Die Mainauer Naturlehre
Die Mainauer Naturlehre ist ein um 1300 entstandenes Werk und laut Wikipedia unbekannten Autors:
Das Werk stellt den Versuch dar, das naturwissenschaftliche Wissen der Zeit in deutscher Prosa darzustellen, so wird z. B. auch die Kugelgestalt der Erde postuliert („div erde, div ist kvgeleht“). Als Grundlage dienten vor allem der Tractatus de sphera und der Computus des Johannes de Sacrobosco sowie das anonyme Secretum secretorum. Der Entstehungsort ist unbekannt, es ist sicher nicht die 1831 von Wilhelm Wackernagel in seiner Ausgabe vermutete Insel Mainau im Bodensee. Erhalten ist sie vollständig nur in einer um 1300 entstandenen Handschrift der Universitätsbibliothek Basel (B VIII 27 293ra-304rb)
Basler Manuskript (B VIII 27 293r) der Mainauer Naturlehre, um 1300 (Wikipedia)
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren.
Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Uebersicht
Der Bodensee, welcher, sechs und zwanzig Meilen im Umfang, wie eine große Marke zwischen fünf Ländern germanischer Zunge ruht, hat in seiner größten Ausdehnung von Bregenz bis zur Mündung der Stockach eine Länge von sechszehn Stunden, während seine größte Breite von Rorschach bis Friedrichshafen (von Süd nach Nord) fünf Stunden beträgt. Er liegt zwischen 26 ° 42′ 42“ und 47 ° 24 ‚ 56“ Länge und zwischen 47 ° 28 ‚ 32“ und 47° 48‘ 45“ Breite in einer Höhe von dreizehnhundert und vier und dreißig badischen Fuß über der Meeresfläche. Sein Flächeninhalt beläuft sich auf neun eine halbe Quadratmeilen.
Bei den Römern heißt er Brigantinischer See von der rhätischen Stadt Brigantia; welche keltische Namen mit denen der Schwarzwälder Bäche, Brig und Breg Verwandtschaft haben.
Erst später, im neunte Jahrhundert, taucht sein jetziger Name Bodensee lacus podamicus in Urkunden auf. – Dies beweist aber noch nicht, dass dieser Name wirklich der jüngere sei. Vielmehr dürfen wir der Ansicht G. Schwab’s folgend, annehmen, die Bucht um Bregenz, noch heute der Bregenzer See habe zu Römer Zeiten Brigantinischer See geheißen, während die unteren Gewässer bereits den Namen Bodensee getragen, welche Benennung etwas Allgemeines bedeutet, später die herrschende werden werden mußte. Boden, altdeutsch Bodam, heißt nämlich Vertiefung.
Je nach ihrer Lage tragen wiederum die verschiedenen Teile des Sees andere Namen. Der Ober- und Untersee, jener oberhalb Konstanz, dieser von da abwärts bis Zell, nach dieser Stadt auch Zellersee genannt. Beide verbunden durch das grüne Band des durchströmenden Rheins; die langgestreckte Bucht sodann vom Horn bei Dingelsdorf bis Bodman heißt der Überlingersee, auch der Bodmersee.
Die Tiefe des Bodensees wurde früher in übertriebenen Maßen angegeben. Der See, elf Stunden in der Länge von Konstanz bis Lindau, soll, wie Schiffsleute behaupten, zwischen Lindau und Bregenz 2208 Fuß tief sein, also 900 Fuß tiefer als der Grund der Ostsee. Wenn dies unglaublich erscheint, so ist doch gewiss, das könnte, der See ausgetrocknet werden, sein Becken, das tiefste Tal der angrenzenden Gauen bilden würde.
Neuere Messungen haben folgendes ergeben. Die größte Tiefe zwischen Friedrichshafen und Arbon beträgt 964 Fuss zwischen Langenargen und Rorschach, wo der See eine Breite von drei dreiviertelstunden hat, 693 württembergische Fuss. Die Tiefe zwischen Friedrichshafen und Rorschach, wo das fünf 1/10 in die Breite misst, beträgt 489 württembergische Fuß. Mithin ist das sehr tiefer als der Grund von manchem Meere und tiefer als der tiefste Punkt des Königreichs Württemberg. Nach den Karten des badischen Militärischen topographischen Bureaus hat der See innerhalb der badischen Grenzen zwischen Hagnau und Landschlacht, eine Tiefe von 730 badischen Fuß. Zwischen dem Eichhorn (unweit Konstanz) und Münsterlingen 150 zwischen der Insel Mainau und dem Ufer der Richtung nach Daisendorf 570 badische Fuß. Weiterhin gegen Überlingen und Bodman hat das Gewässer ähnliche Abgründe, während die Tiefe des Untersee im Durchschnitt viel geringer ist.
Zwischen der Insel Reichenau und Allensbach misst die größte Tiefe 80 badische Fuß zwischen der Höri und der Mettnau (bei Radolfzell) 105 und zwischen Überlingen und Thorn 148 Badische Fuß. Sonst finden wir fast überall im Untersee mit 60 Fuß Grund.
In diesen Tiefen-Verhältnissen liegt ohne Zweifel die Ursache, warum der Ober- und Überlinger See so selten, der Untersee hingegen beinahe jedes Jahr zufriert. Das Eis bildet sich bekanntlich von unten herauf. Eine tiefe Wassermasse erkältet aber schwerer, und es braucht eine außerordentliche Temperatur, bis ihr das Grundeis geht.
Das Wasser des Bodensees ist grünlich klar. Es steigt im Frühling während der Schneeschmelze in den Alpen oft bis auf 10 bis 12 Fuß über den gewöhnlichen Wasserstand. Nebst dem Rhein hat das große Bassin noch 13 Zuflüsse durch kleinere Bäche, nämlich die Dornbirner Ach, die Bregenzer Aach, die Lauterach, die Goldach, die Steinach, alle von Südost kommend, vom Norden die Laibach, die Argen, die Schussen, die Urnauer- und die Seefelder Aach, die Stockach und der Goldbach ergießen sich in den Überlinger-, die Aach bei Zell strömt in den Untersee.
Selten erscheint der ganze See in blanker Spiegelfläche, fast immer zeigen sich farbige Streifen wie von leichten Aufzügen oder innerer Strömung. Eine auffallende Erscheinung sind auch die regelmäßigen Winde, namentlich auf dem Obersee. An heiteren Sommertagen zieht gewöhnlich vormittags ein leichter Ost, der gegen 10:00 in Nord oder West umschlägt, bis gegen Abend wiederum Ostwind sich einstellt.
Der gefährlichste Wind auf dem See ist die Föhn. „Föhn“ heißt der Schiffer, den Südwind, „Westerwind“ den Westwind, „Osterluft“ den Ost- und „Ortwind“ den Nordwind.
Ihr Kommen verkündet ein rötlicher Schein an den Alpen. Auch kann der Nordwest oft der Ostwind sehr Gefahr bringend sein. Ein sonderbares Phänomen, was man beobachtet haben will, ist das plötzliche Aufsteigen des Wassers gegen das Ufer ohne Vergrößerung der Wassermasse und das ebenso schnelle Sinken ohne Sturm oder sonstige äußerliche Ursache. Auf dem Bodensee heißt diese Erscheinung Ruhß. Auf dem Genfer See, wo sie auch vorkommen soll Seiches.
Das sogenannte Blühen des Sees (an einzelnen Stellen) soll vom Blütenstaub nahe stehender Bäume und Wälder herrühren. Der Überlinger See zum Beispiel erscheint oft weiterhin gelblich gefärbt. Das ganze See Becken mit den Alpen und den nächsten schwäbischen Gebirgen ist, wie die Geognosten versichern, das Ergebnis einer der späteren Katastrophen jener Zeit, in welcher die elementarischen Großmächte in übergewaltigen Ringen das tellurische Gleichgewicht herzustellen bemüht waren. Im Verlaufe dieses Kampfes scheinen ungeheure Alpentrümmer zermalmt und von der Flut zu Thal geschwemmt, sich über die genannte Gegend ausgebreitet zu haben.
Wir finden deshalb unter der obersten Dammerde überall Rollsteine (Kies) dann Nagelflue und nach dieser Sand, der an manchen Orten wie bei Meersburg, Überlingen etc. in den haubaren Sandstein übergeht, zuweilen auch mit Gold, Sand und vermengt ist. Das Ganze ruht zuletzt auf einem mächtigen Lager von Thon, der an vielen Stellen unmittelbar den Grund des Sees bildet. Inbegriffen in tiefe Formation zeigt sich auch das Hegau, mit Ausnahme seiner hohen Bergkegel, die ein Werk Meister Vulkans erst später aus dem vertrockneten Bodensatz der Flut wie Blasen in die Höhe stiegen. Wichtige Gründe sprechen dafür, dass zu jener Zeit der Mensch noch nicht existiert, sondern erst nach geschlossenem Frieden das Erdreich betreten habe.
Ringsum an den Ufern hat der See fast überall ein breites Vorland, welches gegen die Tiefe abfällt. Es heißt im landesüblichen Ausdruck die Halde; einer helleren Farbe des Wassers zeigt deutlich ihre Ausdehnung.
Von alters her bildeten Schifffahrt und Fischerei die Haupt Erwerbszweig auf dem Bodensee. Handelsverkehr, namentlich der Transport des Getreides von den gesegneten schwäbischen Ufern in die Schweiz belebte schon in frühen Jahrhunderten diese Gewässer. Die Fahrzeuge waren Segelschiffe von mittlerer Größe, Lädinen genannt, an deren Stelle später die kleineren Segner in Gebrauch kamen.
Das erste Dampfboot, ein württembergisches, befuhr den See im Jahre 1824. Heutzutage durchkreuzen ihn über 20 Dampfschiffe, sie sind Eigentum der Konstanzer, Schaffhauser, Lindauer und württembergischen Aktiengesellschaften.
Nebst dem brachten auch Kriegsleute hin und wieder kleine Flottille in den Bodensee. Die erste erschien unter Tiberius sechszehn Jahre vor Christi Geburt. Der römische Feldherr fuhr mit Schiffen über den See, befestigte eine dortige Insel, wahrscheinlich die Reichenau, und lieferte von da aus den Bindeliciern eine siegreiche Seeschlacht.
Im 30-jährigen Kriege waren es die Schweden, welche unter Wrangel größere Schiffe auf dem See erbauten, und in dem Kriegsjahre 1799 lief eine Flottille unter dem englischen Obristen Williams von Bregenz aus, um die Operationen des Großherzogs Karl zu unterstützen.
Die Fischerei ist zwischen den Orten durch obrigkeitliche Verträge geregelt, die jedoch nicht allzu strenge eingehalten werden. Der bedeutendste und eigentümlichste Bodensee-Fischfang ist der Fölchenfang. Nach ihm kommt der des Gangfischs. Außer diesen beiden Fisch Gattungen wohnen noch 24 andere in dem Gewässer, unter denen die des Brarmen die allermeiste ist.
Zahlreicher sind die verschiedenen Arten geflügelter Gäste, welche theils beständig, theils als Strichvögel an und auf dem großen Weier ihr Fortkommen suchen. Ihre Zahl (Sumpf- und Schwimm Vögel) wird auf etliche und neunzig geschätzt; dazu kommen zur strengen Winterzeit zuweilen noch landesfremde Besucher aus dem hohen Norden.
Das Klima um den See ist im allgemeinen mild. Der Rebe und dem Nussbaum durchaus günstig. Doch hat das schwäbische Ufer ein milderes als das schweizerische. Die badische Strecke von Immenstad bis Deningen, misst, die Inseln ausgenommen, beiläufig zehneinhalb deutsche Meilen; sie bildet Teile der Großherzoglichen Bezirksämter Meersburg, Salem, Überlingen, Stockach, Konstanz und Radolfzell.
Laut Wikipedia ist der Umfang vom Bodensee 273 km; die Länge von Bregenz nach Bodman 63 km; die Breite von Friedrichshafen nach Romanshorn ist 14 km; das Volumen ist 48 km³; die Fläche ist Obersee: 473 km², Untersee: 63 km², zusammen 536 km² (ohne Seerhein); die Mittlere Tiefe ist 90 m; die Höhe über Meeresspiegel ist 395,23 m; Koordinaten sind 47° 38′ N, 9° 22′ O (744895 / 277632).
Wikipedia: Der römische Geograph Pomponius Mela nennt um das Jahr 43 n. Chr. den Lacus Venetus und den Lacus Acronius, die beide vom Rhein durchflossen werden. Man nimmt an, dass es sich um die Namen für den Obersee (nach dem rätischen Stamm der Vennoneten) und den Untersee handelt. Beide Namen kommen sonst in der antiken Literatur nicht mehr vor.
Tabula Peutingeriana (Peutingersche Tafel) mit Silva marciana (Schwarzwald) oben. Der Kleckes in der Mitte ist der Bodensee, drunter Brigantia (Bregenz) und oben drüber Brigobanne (Hüfingen) (https://tp-online.ku.de)
Der Naturforscher Plinius der Ältere bezeichnet den gesamten Bodensee um 75 n. Chr. erstmals als Lacus Raetiae Brigantinus nach dem damaligen römischen Hauptort am See, Brigantium (Bregenz). Dieser Name ist mit den hier ansässigen keltischen Brigantiern verbunden, wobei offen ist, ob der Ort nach dem Stamm hieß oder sich die Einwohner der Region nach ihrem Hauptort benannten. Bei Ammianus Marcellinus ist später die Form Lacus Brigantiae zu finden.
Wikipedia: Der heutige deutsche Name „Bodensee“ leitet sich vom Ortsnamen Bodman ab und bedeutet damit „See bei Bodman“. Dieser Ortsname geht auf althochdeutsch bodam zurück, was als Gattungswort „Boden, Erdboden, Grundfläche“ und als Ortsname „tief gelegener Siedlungsplatz“ oder „Ort auf einer Ebene“ bedeutet. Der Name des Sees ist erstmals 840 in latinisierter Form als in lacum Potamicum erwähnt, es folgen 890 (jüngere Kopie) ad lacum Podamicum, 902 und 905 prope lacum Potamicum und 1087 deutsch Bodinse, Bodemse. Als althochdeutsche Ursprungslautung ist *Bodamsē beziehungsweise mit Zweiter Lautverschiebung *Potamsē anzusetzen.
Lacus Podamicus. Der Boden See. Kolorierter Kupferstich, um 1640. Quelle: Wikipedia
Aus dem eLexikon: Ruhß (Ruhs), eine noch nicht vollkommen aufgeklärte, ganzen seltene Erscheinung auf dem Bodensee, welche das Wasser desselben scheinbar ohne äußere Veranlassung plötzlich steigen und fallen macht. Vgl. Seiches.
Von Peter Hug: Seiches (franz., spr. ssähsch), periodische Niveauschwankungen des Genfer Sees und im weitern Sinn auch andrer Seen. Nach einer von Merian aufgestellten, von Thomson vereinfachten Formel ist die Dauer der Oszillation der Länge des Sees direkt, der Quadratwurzel seiner mittlern Tiefe umgekehrt proportional, und dies gilt nach Forel auch für den Neuenburger, Brienzer, Thuner, Wallen- und Bodensee, wo die Erscheinung »Ruhß« genannt wird.
tellurisch: von lateinisch tellus (Erde). Tellus ist in der römischen Mythologie die Gottheit der mütterlichen Erde, daher auch oft Terra Mater genannt, und entspricht der griechischen Gaia. Sprich „tellurische Gleichgewicht“ ist die Erde betreffendes Gleichgewicht.
Aus Wikipedia: Juranagelfluh Stark bemooster Aufschluss der Jüngeren Juranagelfluh, schlecht sortiert, wohl gerundet, „Tengener Rinne“, Hegaualb, Schwäbische Alb. Im mittleren Südwestdeutschland schütteten wasserreiche Urflüsse Juranagelfluh genannte Sedimente, darunter auch Konglomerate, deren Gerölle vom Schwarzwald bzw. von der damals noch weiter nach Nordwesten reichenden Albtafel und deren nördlichen Vorland stammen. Diese Urflüsse mündeten in die Graupensandrinne (am Nordrand des Molassebeckens) und später in die entstehende Urdonau. Ober-oligozäne Ältere-Juranagelfluh-Gerölle sind nur am Nordrand des Hegaus erhalten. Die im Ober-Miozän geschütteten Jüngeren Juranagelfluhe sind zwischen dem Kanton Schaffhausen (vor allem aber im deutschen Hegau) und der östlichen Schwäbischen Alb (nördlich und südlich der heutigen Oberen Donau) nachgewiesen und auf geologischen Karten eingetragen.
Bild einer der letzten Lädinen auf dem Bodensee und eines der ersten eisernen Kiesschiffe mit Dieselmotor am Lagerplatz von Immenstaad. Gemalt von Gustav Levering vor 1921. Quelle: Wikipedia
Der Glattdecker Wilhelm, genannt Seeschneck, gilt als das offiziell erste Dampfschiff im regulären Betrieb auf dem Bodensee. Es wurde 1824 mit Unterstützung des württembergischen Königs König Wilhelm I. gebaut, der auch Namensgeber für das Schiff war. Gemalt von Eberhard Emminger (1808-1885) um 1825 Ludwigsburg, Heimatmuseum, Inv.Nr. 212 S. 1072. Quelle: Wikipedia
Wikipedia: Die Seeschlacht auf dem Bodensee war eine militärische Konfrontation zwischen Römern und Kelten, die sich im Jahr 15 v. Chr. ereignete. Das Gefecht war Bestandteil der von Drusus und Tiberius zur Eroberung Rätiens durchgeführten letzten Phase der Alpenfeldzüge. Hierbei drang Drusus von Norditalien aus über die Alpen in Richtung des heutigen Augsburg (Augusta Vindelicorum) vor, während Tiberius sein Heer von vermutlich etwa 10.000 Legionären und einer ähnlich großen Zahl an Auxiliartruppen zunächst im Südwesten Deutschlands (Römerlager Dangstetten) sammelte, um dann über den Bodensee ostwärts nach Augsburg vorzustoßen. Am Bodensee angekommen, ließ Tiberius eine Flottille von Transportschiffen bauen, wobei er eine Insel (möglicherweise die Mainau) als Stützpunkt verwendete. Laut Strabon soll es dann zu einem Seegefecht mit dem dort ansässigen keltischen Stamm der Vindeliker gekommen sein, das die Römer zu ihren Gunsten entscheiden konnten.
Bindeliciern sind also Vindeliker. Die vindelikischen Stämme sind aus der augusteischen Reichsvermessung rekonstruierbar, die der „Geographie“ des Ptolemaios zu Grunde liegt.
Die Römischen Provinzen im Alpenraum nach dem Tod des Augustus, 14 n. Chr. Weisse Beschriftungen bezeichnen wichtige Stämme im römischen Herrschaftsgebiet. Quelle: Wikipedia
Hermann von Wrangel (1587–1643), schwedischer Feldmarschall. Quelle: Wikipedia
De Gangfisch isch e silbrige länglische Fisch, wo 25 bis 30 cm lang werd und öppe 300 g wögt. De Rugge isch echli dünkler, aber nöd ase starch gfärbt, wie bim Blaufelche. Sini Rugge- und Buuchflosse gönd is hend e geele Farbton. De Gangfisch het groossi Auge aber e chliis Muul. Quelle: Wikipedia Alemannisch
Brarmen: Wer weiß was?
Wikipedia: Zu Strichvögeln zählt man alle im Sommer in einem Gebiet heimischen Vogelarten, die vor allem im Winter ihr Brutgebiet verlassen, aber keine Wanderungen nach Süden unternehmen, wie etwa die Zugvögel, sondern in denselben Breiten bleiben. Bei winterlicher Kälte wechseln sie oft den „Landstrich“ und suchen etwas wärmere Regionen auf, wie beispielsweise mild-gemäßigte Gebiete oder aber auch menschliche Siedlungen. Zu den Strichvögeln zählen in Europa zum Beispiel Finken, die Goldammer oder der weit ziehende Gänsegeier
etliche und neunzig: Sprichwörtlich für „sehr viele Pi mal Schnauze“.