Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Sechzehntes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
Willchumm Herr Storch! bisch au scho do, und schmecksch im Weiher d’Frösche scho? und meinsch der Winter heig si Sach, und’s besser Wetter chöm alsgmach? >Johann Peter Hebel
Ländlich, sittlich
Lassen wir vorderhand unsern Helden im väterlichen Hause ungestört ausschlafen, um uns bis zu seinem Wiedererwachen der Betrachtung vorliegender Illustration und der Landschaft überhaupt zuzuwenden.
Die Zeichnung trägt den Charakter der Baar. Über die Häuser, welche mit ihren aufstrebenden steinernen Giebeln einen auffallenden Gegensatz bilden zu den breiten, strohbedeckten Hütten des Waldes, zieht durch die heitere Luft der Storch, der stets willkommene Frühlingsgast. Ehe jedoch der beschwingte Reisende das alte Nest, weit umkreisend, in Besitz nimmt und sein Dorf klappernd begrüßen kann, jubeln ihm schon die Kinder entgegen.
Gleich aber beginnt ein Wettlauf der lieben Jugend nach dem Hause des Vogts; denn es gilt nach altem Herkommen einen Laib Brot für denjenigen, welcher die Ankunft des Frühlingsboten dort zuerst meldet.
Dem Waldbewohner erscheint die benachbarte Hochebene bereits als „im Schwobe druß“. Und wirklich verrät das fruchtreiche Kornland mit seinen abgegrenzten Tannen- und Buchenwäldern und den zusammengedrängten, von großen Fruchtöschen umgebenen Ortschaften schon viel schwäbisches Gepräge. Der hohe Schwarzwald dort hat keine eigentlichen Dörfer, nur Talgemeinden in zerstreut durch die Täler und über die Höhen hinziehenden Gehöften und Hütten. – Im Wälderhof befindet sich die große gemeinsame Wohnstube nebst Küche im Erdgeschoß; das alte Baarer Haus in Stadt und Land hat diese ausschließlich im zweiten Stockwerk.
Wie die Wohnungsverhältnisse, so zeigen auch Lebensweise, Sitten und Gewohnheiten der beiden Angrenzer merkliche Verschiedenheit. Wenn der Baarer bei Übergabe des Hofguts das Regiment sogleich an den jüngsten Sohn oder – in Ermanglung eines männlichen Sprossen – an die älteste Tochter abtrat und dann im Leibgedingstüblein, einem Alkov neben der allgemeinen Wohnstube, seine Tage verbrachte, so erhielt dagegen der junge Wäldner bei seiner Verehelichung zwar den Kauf, aber nicht zugleich das Regiment im Haus; dies behielt der Vater meist lebenslänglich für sich, und die jungen Eheleute setzten sich mit den Alten zu Tische; die baarischen Leibgedingleute dagegen führten eine getrennte Haushaltung: sie speisten am sogenannten Klebtischlein, wo sie gewöhnlich die kleinen Enkel zu Gast hatten.
Das baarische Hofgut bestand in der Regel aus Lehen, wobei nur ein kleiner Teil eigen und zinsfrei war. – Des Wäldners Güter waren meist freies Eigentum. – Hier wie dort aber bildeten ein charakteristisches Familienanhängsel die „Vetter„, wie die älteren, im Haus verbliebenen ledigen Brüder des Gutsbesitzers insgemein genannt wurden. Schon von frühester Jugend an mußten diese hören, daß sie sich auf Versorgung, d. h. Verheiratung, nicht viel Hoffnung machen dürften, es wäre denn, daß eine reiche Bauerntochter oder eine Witwe sich fände, die bereit wäre, ihr Herz einem solchen Vetter zu schenken. Eigenes Vermögen besaßen die Vettern nicht. Wohl wurden ihnen bei der Erbteilung etwelche Felder überlassen, aber nur als unveräußerlicher Bestandteil des Hofes, der, gewissermaßen Fideikommiß, nie geschmälert werden durfte – worauf auch die Vettern einen besonderen Stolz hatten. Sie schafften in Haus und Feld, was und wie es ihnen beliebte, erhielten Verköstigung vom Bruder mit Statt und Platz zur Legung ihrer Feldfrüchte; und im Alter wurden sie gemeiniglich sorglich verpflegt, weil es gewöhnlich von ihnen noch etwas zu erben gab.
Beachtet man, daß seit uralten Zeiten ein bedeutender Teil des Waldes mit der Baar in Gaugenossenschaft verbunden gewesen, so wird man es erklärlich finden, daß bei aller Verschiedenheit des Volkscharakters und der Lebens- und Erwerbsweise dennoch Sitten und Anschauungen viel Übereinstimmendes haben mußten. Namentlich prägten sich religiöse Formen und Bräuche, die allem eine gewisse Weihe gaben, überall gleichmäßig aus, im öffentlichen wie im häuslichen Leben.
Kein Bauernknecht, auch nicht der roheste, betrat des Morgens die Stube ohne den Gruß: „Gelobt sei Jesus Christ!“ und ohne sich, nachdem er die Hände im zinnernen „Handgießle“ an der Türe gewaschen, mit Weihwasser zu besprengen. Mit einem „Im Namen Gottes!“ begann der Sämann sein Tagewerk, und mit dem Wunsch: „Jetzt walt Gott und unsre liebe Frau!“ verließ er nach vollbrachter Arbeit den Acker. – Mit den Worten: „Glück im Stall!“ betrat man in fremden Häusern den Viehstall; und fand man ein Stück zu loben, so geschah es nie ohne den Beisatz: „Ein schön Stück Vieh, b’hüt’s Gott!“
Die am Palmsonntag von Knaben zur Kirche getragene und da geweihte Palme wurde – wie heute noch – vor dem Hause aufgesteckt als Schutz gegen Blitz und Ungewitter; während der von Mädchen zum Altar gebrachte (in früheren Zeiten lediglich nur aus Heilkräutern bestehende) Kräuterbüschel im Stall das Vieh vor Krankheiten behüten soll. – Wenn am St.-Agatha-Tag sich das Gesinde am Herd versammelte, um den Rosenkranz zu beten, so geschah es, weil diese Heilige als Patronin gegen Feuersgefahr angerufen wird. Dieser Beziehung verdankte zum Beispiel auch das alte Heiligenbild unter dem Gewölbe des Niedertors zu Villingen sein Dasein, vor welchem Bilde früher alljährlich am genannten Tage Lichter angezündet und öffentliche Gebete verrichtet wurden; und zwar soll dies seit der Zeit geschehen sein, wo (im 13. Jahrhundert) die Stadt durch einen großen – der Sage nach durch eine vom Niedertor hereingeflogene feurige Kugel (Aerolith) verursachten – Brand bis auf wenige Häuser in Asche gelegt wurde.
Zeichnung von Paul Bärsen. (aus GHV-Jahresheft 2001, Seite 41).
Das Niedere Tor in Villingen wurde (bis heute ein Ärgernis aller Villinger) 1847 abgebrochen. Das Aussehen und die Abmessung des Niederen Tores sind laut Geschichts- und Heimatverein Villingen weitgehend unbekannt. So wird wohl auf ewig unbekannt bleiben was für ein altes Heiligenbild unter dem Gewölbe zu sehen war. Es läßt aber vermuten, dass es ein Bild der Heiligen Agatha war.
Eine Figur der Heiligen Agatha, die aus den Trümmern des Tors gerettet worden sei, befindet sich heute im Franziskanermuseum
Figur der Heiligen Agathe aus dem 18. Jahrhundert. Foto: Peter Graßmann, Franziskanermuseum
1271 wurde eine feurige Kugel, welche aus der Luft in die Stadt fuhr, ein Haus in Brand gesteckt, worauf das Feuer so schnell und gewaltig um sich griff, daß ganz Villingen niederbrannte, und über dreihundert Menschen ihr Leben einbüßten.
Badische Landes-Geschichte von den ältesten bis auf unsere Zeiten von Josef Bader 1836
Lucian Reich erzählt hier die Sage, dass am St.Agatha Tag diese feurige Kugel, seiner Meinung nach ein Aerolith (Meteorit), durch das Niedere Tor hereingeflogen kam und Villingen in Asche gelegt habe.
Aus diesen Gründen war wohl das Niedere Tor der Heiligen Agathe – der Patronin der Feuerwehren – geweiht worden.
Am Thomastage pflegten die Mädchen jedweden Hauses den sogenannten Durchsitz zu halten, d. h. sie durchwachten die Nacht in gesellschaftlichem Verein, wobei sie spannen und abwechslungsweise geistliche Lieder sangen (wie es scheint, eingeführt, um die in dieser Nacht getriebenen abergläubischen Bräuche zu verdrängen). Und gewiß, es war ein sinniger Brauch, wenn in der Heiligen Nacht die Hirten betend um den Stall gingen und sodann den Tieren Futter aufsteckten. Noch bis in die neueste Zeit war es in Villingen üblich, daß in jener Nacht die städtischen Hirten, ihre Reigen blasend, durch die Gassen der Stadt zogen.
Bekannt sind die kirchlichen Prozessionen vor der Erntezeit durch die Ortsgemarkung oder, wie man in der Baar sagt, um den Oesch. Eigentümlich war früher daselbst der Oeschritt, welcher nur von berittenen Männern, voran der Geistliche mit Kreuz und Fahne, abgehalten wurde. Wie früher alles in standesgemäßer Ordnung und Begrenzung vor sich gehen mußte, so trugen bei einem solchen Oeschritt die Verheirateten den blauen Tuchrock, die Ledigen das rote Wollehemd, während den Buben nur der weiße Zwillichkittel zustand. Wenn dann der also geordnete Zug nach vollbrachtem Umritt dem heimatlichen Dorfe wiederum nahte, so warteten seiner die Weiber mit ihren Kindern auf den Armen; und nun war es eine Freude für die Kleinen, wenn sie, vom Vater auf das Roß gehoben, den Weg bis zur Kirche und von da nach Haus im Sattel zurücklegen durften.
Von den verschiedenen religiösen Vereinen mag allein der sogenannte Marianische Rat, dessen Ursprung sehr alt zu sein scheint, hier erwähnt werden.
Dieser Verein bestand in der Regel aus dem Vogt als Vorstand und elf Mitgliedern, gewöhnlich den Ältesten der Gemeinde und von anerkannter Ehrenhaftigkeit. Seine Aufgabe war, in Verbindung mit dem Pfarrer die Kirchenordnung und Sittlichkeit überhaupt zu handhaben und zu überwachen, denn selbst auf Aburteilung von Felddiebstählen und ähnlicher Vergehen dehnte sich die Befugnis aus. Beim sonntäglichen Gottesdienste führte stets ein Ratsglied die Aufsicht über die Jugend; die zwei vordersten Bänke auf der Männerseite waren der bestimmte Platz für diese Volksältesten, wo vor jedem ein mit einem Stern gezierter Stab aufgesteckt war, an welchem er bei Prozessionen feierlich einherzuschreiten pflegte.
Waren sittlicher Ernst und religiöse Anschauung auf diese Weise überall vorherrschend, so konnte man die Lebensweise doch entfernt nicht eine kopfhängerische nennen. Denn an heitern Anlässen, Erholungen und Lustbarkeiten fehlte es durchaus nicht.
Ein allgemein bekanntes, bis in unsere Zeit reichendes Kinderfest war der Gregoristag, am Ende der Winterschule. Schon im sechzehnten Jahrhundert verschönerte die Gattin Heinrichs von Fürstenberg, welche auch die erste Schule in Donaueschingen gegründet, dieses Fest durch eine Stiftung, zufolge welcher noch heute an diesem Tage Wecken an arme Kinder der Gemeinde ausgeteilt werden. – In der Regel waren es die vier besten Schüler, welche als „Gregorisbuben“ mit bebänderten Stäben in den Händen in und vor den Häusern umhergehen, Sprüche hersagen und Gaben einsammeln durften, mit welchen dann der allgemeine Schmaus im Wirtshaus bestritten wurde. An manchen Orten fanden auch dabei Spiele statt, wie zum Beispiel in Bräunlingen das Kugelwerfen nach dem hölzernen Löwen (im Stadtwappen), wobei die Gemeinde die Preise spendete. – Die Neuzeit hat dieses Schulkinderfest abgeschafft, und kein anderes ist bis jetzt an seine Stelle getreten.
Gregoristag Das GregoriFest findet in Donaueschingen immer noch statt. Auch werden heute noch „Gregorisbuben“ vom Fürst mit einer Uhr beschenkt. Wobei die Buben heute wohl eher Mädchen sind. Das Kugelwerfen in Bräunlingen nach dem hölzernen Löwen hört sich besonders spannend an.
Löwe auf dem Ottilienberg in Bräunlingen
An Kirchweih und Fastnacht fanden fast in jedem Dorf an je zwei Tagen Tanzbelustigungen statt. – Versetzen wir uns einige Jahrzehnte zurück, um auf dem Tanzboden als Zuschauer gegenwärtig sein zu können.
Es ist zwölf Uhr mittags. Im Zuge, voran die Spielleute, begeben sich die Paare ins Wirtshaus, wohin vorerst der ledige Bursche nur seine Schwester mitbringen darf. – Denjenigen Schönen, welche eines Bruders entbehren, ist jedoch nur eine kurze Frist des Harrens auferlegt. Denn kaum einige Stunden währt die Lust, so wählt der junge Bursche, dem die Sitte verbietet, seine Liebste in eigener Person zum Tanze zu führen, aus seinen Freunden einen sogenannten Fürsprech, der als Abgeordneter ins elterliche Haus des Mädchens gesendet wird.
Hier grüßt er die Eltern mit dem herkömmlichen Spruch:
„Des Vogts Peter schickt mich her, Eine Tänzerin wär sein Begehr. Er verspricht, er wolle sie halten in Ehren, Drum werden’s die lieben Eltern nicht verwehren.“
Wenn die Mutter hierauf ihre Einwilligung gegeben, entfernt sich das Töchterlein, um sich geziemend herauszustaffieren. Der Vater aber trinkt mit dem Fürsprech am Tisch den Willkomm. Endlich tritt die geschmückte Schöne wieder in die Stube; der Vater bestimmt die Stunde, welche der Lustbarkeit ein Ende machen soll; die Mutter führt die Tochter vor das Weihwassergefäß, besprengt, segnet sie und entläßt sie in „Gottes Namen“. – War es ein heiterer Tag, so ließ sich die ganze Tanzgesellschaft wohl auch einmal verlocken, vom Tanzboden weg einen Ausflug ins Freie zu machen – dieses hieß das „Ausziehen“. Auf eine nahegelegene Wiese oder Garten zog das junge Volk unter dem Schall der Instrumente. Nachdem die Spielleute sich auf eine Bank postiert, begann der Tanz. – Aber jetzt, nachdem, angelockt durch Musik und lauten Jubel, jüngere Frauen, ihre Kinder auf dem Arme, herbeigekommen und zuschauend die Tanzenden umstanden, geschah das „Wechseln“, eine Sitte, die eine anmutige Rücksicht der Mädchen gegen die jungen Frauen in sich schloß. Mitten im Tanze wurde innegehalten. Jedes Mädchen führte ihren Tänzer einer der zusehenden Frauen zu, nahm ihr das Kind vom Arme und unterhielt sich mit dem Kleinen, während die Mutter nun den Reigen antrat.
Die ledigen Burschen saßen gewöhnlich in gemeinschaftlicher Zeche, wobei jedesmal ein gewählter Zechmeister die Schreibtafel zu besorgen hatte, zu welchem Amtlein in der Regel solche junge Männer ausersehen wurden, die in Trauer waren und deshalb nicht tanzen durften. Nebst einer großen und einer kleinen Zeche, in welche letztere die Späterkommenden sich setzten, gab es auch noch einen „Knausertisch“ für solche, die auf eigene Rechnung zehren wollten.
Der Tanz selbst hatte mancherlei Abwechslung. Es gab Hahnen-, Schappel- und Hammeltänze sowie die „sieben Sprüng“, welche man nach dem Rhythmus gewisser, von den Tanzenden gesprochener Verse ausführte.
Die löbliche Sitte der Landleute, sich in selbstgefertigte Leinwand zu kleiden, hatte damals den ausgedehnten Anbau des Hanfes und Flachses zur Notwendigkeit gemacht, und die Zubereitung dieser beiden Erzeugnisse, bevor sie in die Hände des Webers kamen, war fast ausschließlich Geschäft der Hausfrauen.
Wenn im Oktober die Arbeit des Hanfbrechens bei einer eigens hiezu gebauten Feuerstätte im Freien, die je einer Familie abwechslungsweise zur Benutzung zustand, vorgenommen wurde, so halfen außer den bestellten Lohnbrecherinnen noch angesehene Bauerntöchter mit, welche man Ehrenbrecherinnen nannte. Kam nun während des Geschäftes, wobei es gewöhnlich lustig zuging, ein bekannter junger Mann vorüber, so beeilten sich ein paar der Mädchen, ihm zuvorzukommen. Jede trug eine Handvoll feiner Reisten (gebrochenen Hanf), mit welcher sie dem Ankömmling den Weg bestreuten, sprechend:
„Es reist ein schöner Herr wohl übers Land, Wir hoffen, er hab einen großen Verstand, Wir wollen ihm streuen in Ehren, Er wird uns auch was in die Reisten verehren!“
Der Angesprochene, um sich loszukaufen, langt in die Tasche, reicht den schalkhaften Brecherinnen scherzweise das kleinste Geldstück, welches er bei sich trägt und spricht:
„Weil ihr mir die Ehr erweiset, Und mich gar einen Herren heißet, So will ich mich nicht länger wehren, Und euch diesen Kronentaler in die Reisten verehren!“
Die Mädchen unter Scherz und Lachen:
„Dieser Kronentaler ist viel zu klein, So zahlen arme Bäuerlein; Die Herren spenden immer mehr, Drum gib uns noch einen Zwölfer her.“
Und keiner war je so ungalant, daß er nicht den schönen Drängerinnen mehr gespendet hätte. Reiche Bauernsöhne gaben sogar nicht selten in der Tat einen Kronentaler, selbst mehr, vorausgesetzt, daß ihnen die „Reisten“ und diejenigen, welche sie gestreut, gut gefallen.
Den Schluß des ländlichen Geschäfts machte jedesmal ein Schmaus, welchen die Hausfrau ihren Helferinnen zum besten gab – und als Beweis, daß diese stets einen guten Appetit von der Arbeit mitzubringen pflegten, kann das alte Sprichwort gelten: Hunger haben wie eine Brecherin. Während dem Ehrenmahl erschienen die ledigen Burschen des Ortes, jeder mit einem Stab in der Hand, und indem sie sich vor das Haus postierten, unterhielten sie sich durch die offenen Fenster mit den essenden Schönen in der untern Stube.
Weil aber dem Mahle niemals Apfel- oder Birnenschnitze fehlen durften, so verlangten die Außenstehenden, scherzweise durch die hohle Hand sprechend, bald von dieser, bald von jener Innesitzenden einen Schnitz, dessen Geben oder Verweigern natürlich stets großen Spaß verursachte.
War das Essen vorüber, so stellten sich die Burschen im Spalier vor dem Hause auf mit vorgehaltenen Stäben – und wenn die Mädchen heraustraten, um nach Hause zu gehen, so mußte sich jede die Begleitung eines solchen galanten Stabhalters gefallen lassen.
Selbst der geringste Stand der Dienstboten, die Roßbuben, die wir bereits in einem früheren Kapitel kennengelernt, hatten ihre besonderen Rechte und bestimmten Lustbarkeiten.
Ehe die allgemeine Allmendteilung stattgefunden, bestanden in der Baar überall besondere Roßweiden, die sich wieder in Tag- und in Nachtweiden teilten. Am ersten Mai, wenn die Roßbuben zum erstenmal „ausfuhren“, fand ein Ringkampf unter ihnen statt, und die drei Stärksten wurden die „Stillieger“ oder Hauptleute der übrigen. Drei Knappen, solche, die nach ihnen im Kampfe als die Gewandtesten sich erwiesen, durften sie bedienen, wenn sie am Feuer lagerten, schmausten, würfelten oder sonstige Kurzweil trieben; während allen andern, den „Wehrbuben“, die Aufsicht über die Rosse oblag.
Gewisse Gesetze und Gebote waren diesen wilden und oft sehr rohen Burschen, welche die Hälfte des Jahres unter freiem Himmel zubrachten, um so notwendiger, als sie nur wenig in die Kirche und höchst selten in eine Schule kamen; daher das Sprichwort: Gefürchtet wie der Teufel und die Roßbuben.
Übertretung ihrer Gebote – von welchen zum Beispiel eines Ehrerbietung gegen Frauen und Mädchen oder gegen Feldkreuze zur Pflicht machte – wurden jeden Monatssonntag nach dem Gottesdienst von den Stilliegern öffentlich vor dem Pfarrhof oder dem Rathaus mittelst auf dem bloßen Arm des Schuldigen hin und her geschwungener Bündel Wacholderreises abgestraft. – Aber auch dem Feldbannwart stand eine gewisse Aufsicht über die ganze „Hut“ zu; denn wenn er auf die Weide kam und zum Beispiel zum Gebet kommandierte, so mußten sich alle seiner Anordnung fügen. Kehrten sie abends mit ihren Rossen heim, so wurde auf dem Weg ein gemeinschaftlicher Rosenkranz gebetet.
War das Stehlen unter Kameraden strenge verpönt, so wurde es nach außen hin – nach altspartanischer Sitte – doch nur dann als strafwürdig erachtet, wenn der Betreffende ungeschickt genug war, sich dabei erwischen zu lassen. Während der Nacht oft meilenweit reitend, statteten die Burschen den Obstgärten und Rauchfängen fremder Bauern gern Besuche ab; und es war für die Bäurin gewiß keine angenehme Überraschung, wenn sie morgens die Küche betrat und statt der saftigen Schinken ein Stück Holz im Kamin hängen sah. – Auch geschah es oft, daß eine „Hut“ einer andern benachbarten förmlich Krieg erklärte; auf unzugerittenen Fohlen sprengten sie dann gegeneinander, und nicht selten verfolgten die Sieger den fliehenden Feind bis in die Dörfer, allwo Pfarrer und Vogt zur Abwehr herbeieilen mußten, um weitere Gewalttaten zu verhindern.
Der Pfingstmontag war – wie wir bereits gesehen haben – der eigentliche Ehrentag dieser Nomaden, wobei sie unter dem Schalle ihrer Rindenhörner zu Pferd in die betreffende Ortschaft oder Stadt einzogen, um den Pfingsthagen, Pfingstbutz oder wie er sonst noch geheißen, in den Brunnen zu werfen – ein Brauch, der jedenfalls auf das altgermanische Maifest zurückzuführen ist. Unter dem grüne Tännchen in der Hand tragenden Zuge wurde der Frühling verstanden, welcher kommt, den mit Rinde oder Stroh umhüllten Winter in das fließende Wasser zu werfen. – Ein ähnlicher Brauch herrschte auch unter den Kindern. Paarweise zogen sie in den Häusern umher, das eine mit dem grünen Bäumchen stellte den Frühling, das andere in Stroh gehüllte den Winter vor, der unter wechselweise hergesagten Sprüchen vom andern zur Tür hinausgetrieben wurde.
Der Pfingsthagen ist heute ganz unbekannt. Wobei ein Teil des Brauches lebt vielleicht in den Villinger Wuescht fort.
An der Kirchweih war unsern Rossebändigern zwei Tage hindurch Tanzbelustigung – der sogenannte Heuliechertanz – abzuhalten gestattet, während alsdann die Knechte für sie die Pferde auf die Weide treiben und hüten mußten.
Mit Beginn des Frühlings pflegte die erwachsene Jugend allsonntäglich hinauszuziehen auf den in der Nähe des Ortes gelegenen „Brühl“ oder Grasgarten, um da gemeinsame Spiele, Ballschlagen usw. zu treiben. Vom ersten Mai ab hörte aber dieses „Brühlrennen“ auf, weil von jetzt an die Wiesen nicht mehr begangen werden durften. – Beliebt war in der Baar um Ostern das Eierlesen; eine Wette, wobei ein Bursche eine gewisse Wegstrecke zurückzulegen hat, während sein Gegner eine Anzahl, in gemessener Entfernung auseinanderliegenden Eier jedes einzeln aufzulesen und in eine am Ziel aufgestellte, mit Spreu gefüllte Wanne zu bringen sich anheischig macht.
Während der Heuernte hatte jeder Bursche unter den Mädchen seiner Umgebung ein „Heubühle“ (deminutiv von Buhle) zu wählen, dem er diese Zeit über gefällig und dienstbar sein wollte. – Sind die Früchte glücklich eingeheimst, so feiert der Bauer die „Sichelhenke„; hat das Gesinde dem Meister das Jahr über redlich gedient, so ist’s jetzt am Meister und der Meisterin, die Dienstboten am Tische zu bedienen und – womöglich mit neuem Wein – das Mundschenkenamt zu versehen.
Werden diese flüchtigen Umrisse nicht schon erkennen lassen, wie gut es unsere Vorfahren verstanden, jedem Vorkommnis im Leben eine bedeutende oder heitere Seite abzugewinnen? Und sollte ein Vergleich der Gegenwart mit den Bildern der Vergangenheit nicht zu allen Zeiten eine ebenso nützliche wie angenehme Unterhaltung gewähren?
Leider sind diese Briefe selber verschollen und es existiert nur eine Transkription aus den vermutlich 1950er Jahren. Bei einer Trankription steht: „Dies ist der Brief, den Sie Frau Baumgärtner überlassen haben!„
Anna Reich etwa 1885
Maria Heinemann 1878
Luzian Reich (07.01.1787 – 18.12.1866) und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866). Die Großeltern von Marie Heinemann und Anna Reich. Sie starben kurz nacheinander vor Weihnachten 1866. Foto von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1866.
Lucian Reich (1817-1900) hat Margareta Stoffler (1825-1880) erst am 8. August 1874 in Geisingen geheiratet; deshalb sind die Daten von Anna Reich nicht bekannt. Anna Reich war also ein uneheliches Kind und bei der Hochzeit ihrer Eltern schon fast erwachsen. Anna Reich kam mit ihrem Vater später wieder nach Hüfingen und pflegte ihn bis zu seinem Tod am 2. Juli 1900. Danach heiratete sie einen verwitweten Landwirt in Neudingen und zog seine (8 ?) Kinder groß. Sie selber hatte nie eigene Kinder und starb hoch betagt in der Neudinger Mühle.
Marie Heinemann (Maria Josepha 23.12.1857-19.05.1948) war die einzige Tochter von Lisette Reich (Elisabeth 15.12.1819-24.06.1871) und MuckelHeinemann (Johann Nepomuk 30.05.1817-22.02.1902). Lisette Reich starb schon früh, deshalb kümmerte sich seine Schwester, Kätherli Heinemann (Katharina 30.04.1828-27.01.1900) um den Haushalt.
Rastatt, den 7. 7. 1875
Theuerste Marie!
Weil du Sonntag Morgen’s auf einen Brief von mir wartest, will ich nicht säumen, dir einen solchen zu übersenden. Gute Marie: ich glaube, daß dies endlich der letzte Brief ist, der nicht in jede Hände gelangen sollte, deßhalb, will ich dir jetzt noch einmal ausführlich, was ich selbst weiß, von dem, schon so oft erwähnten Unahnnehmlichkeiten schreiben, mit dem festen Vorsatz, nie mehr etwas darüber zu schreiben, – Ich habe dir’s geschildert, bis Sonntag, nun will ich fortfahren. – Also an dem im letzten Schreiben erwähnten Sonntag, haben wir einander Abends verfehlt, ich, Fanny und Maria, waren in Kuppenheim, u. da kommen wir ziemlich spät heim, weshalb ich St. nicht mehr traf. Ich sah ihn nie mehr, – bis gestern Abend, hatt ich ich das Vergnügen ihn zu sprechen. Ich forderte ihn auf, er soll mir deinen Brief weisen, ja sagte er, den habe ich jetzt zerrißen, ich kann ihnen nichts mehr davon zeigen, so sagte ich also mit einer zweiten Lüge, wollen sie die erste verdecken, aber es hilft ihnen nichts, vor meinen Augen sind sie ein Lügner, er sagte nein das bin ich nicht, ich habe einen Brief von Marie gehabt. Dann sagte er jetzt geben sie mir meinen Brief von der Marie, aber das will ich ihnen sagen, ist darin geschimpft, oder nur ein Wort, daß mir nicht gefällt, dann schicke ich ihn wieder retour u. schreibe noch etwas unten hin, da sagte ich um der Marie diese Unannehmlichkeit zu ersparen, bekommen sie ihn gar nicht in ihre Hände, denn daß keine Schmeichelworte für sie darin stehen, werden sie sich, wie ich ungelesen, denken können, da sagte er, dann geben sie ihn mir lieber nicht, aber was darin steht möchte ich doch wißen, das sollen sie sagte ich, öffnete denselben, gab ihm die Querte und las ihm den Inhalt des Briefes vor, den Satz wegen Sch. ließ ich aus mehreren Gründen draus, sonst las ich ihn Wort für Wort vor, (könnte ich zeichnen, ich würde dir sein Bild entwerfen, daß Komisch genug aussah) als ich geendet, zerriß ich denselben vor seinen Augen, er sagte so genug ich werde ihr auch schreiben, grüßte ganz kurz, drehte mir den Rücken u. rannte wie besessen von mir weg, ich glaube ich werde ihn jetzt nie mehr sehen.
Wegen der Neuigkeit, die ihm Herr Bausch sagte, fragte ich ihn auch, es war die, die du dir dachtest, nämlich wegen Herrn Ri. wegen einem Porträt sagte er auch etwas,
B. habe sich, glaube ich, bei deinem Vater photographieren lassen, dann habest du mit ihm gesprochen, oder was weiß ich. Doch jetzt genug davon, für ein u. allemal, du liebe Marie mußt mir noch einmal schreiben darüber, besonders wenn St. dir schreibt, was ich aber nicht glaube, auch schreibe mir, ob ich recht oder unrecht gehandelt habe mit dem Brief.
Ach theuerste Marie es thut mir sehr weh, daß ich mir immer den Vorwurf machen muß, daß ich Schuld bin, dir diese Kränkungen verursacht zu haben, ich bitte dich herzlich um Verzeihung, Vergeße alles so gut du kannst, nur mich, und die schöne Zeit die du hier erlebtest, nicht. Glaube mir, St. kann dir nichts Gefährliches anthun, wenn er auch hinkommt, sei deßhalb außer Sorgen, wegen deßen.
Sch. ist noch immer für mich von der Welt verschwunden, ich weiß gar nichts von ihm.
Theuerste Freundin, ich bitte dich habe Nachsicht mit meiner schlechten Schrift, das nächste Mal werde ich dir besser schreiben. – Ich sitze den ganzen lieben langen Tag in meinem Zimmerchen u. denke u. studiere wie es sein könnte, ich bin immer so zerstreut, u. das wirst du meinen Briefen wohl anmerken, glaube nicht, daß ich das vergessen, was mir so wehe that, wegen Aug. Ka. wenn ich seiner schon nicht mehr erwähne, geschieht es nicht aus Vergeßlichkeit, sondern nur um eine noch stark blutende Wunde, nicht zu erneuern.
Durch diese Auftritte in denen du leider auch verwickelt bist, habe ich als Momente, den Schmerz ein wenig vergeßen, aber nun hören jetzt auch diese auf, diese hinterließen mir mehr Zorn und Verachtung als Schmerz.
Ich geh nie aus, sonst hätte ich auch ordentliches Papier gekauft.
J. Nepomuk Heinemann. Der Vater von Marie.
Elisabeth (Lisette) Reich 1819-1871. Die Mutter von Marie und Tante von Anna.
Lucian Reich. Der Vater von Anna und Onkel von Marie.
Rastatt, den 20. 7. 1875
Theuerste Marie!
Dein liebes Briefchen erhielt ich gestern Morgen, ich lag noch im Bett, als ich in’s Wohnzimmer kam, erblickte ich auf dem Tische dasselbe, mit welcher Hast ich dasselbe erbrach, wirst du dir denken können. Gute Marie, herzlichen Dank für dessen Inhalt, der mir bewiesen, das du Antheil an meinem, dir anvertrauten Schmerze nahmst, ach wie wohl thaten mir deine von Herzen ausgesprochenen Worte. – Diesen Morgen früh erhielt ich wieder zwei Briefe, der eine zeigte mir den – Hochzeitstag an – der gestern war, hätte ich das gewußt, daß gestern also seine Vermählung stattfinden würde, ich glaube ich währe nicht so ruhig neben Fräulein Werner im Garten geseßen. Ich kann’s gar nicht begreifen, daß die Geisinger, woher ich die Zeit doch so viele Briefe bekam, seiner nie erwähnten, es lief so schön ab, du hattest mich darauf vorbereitet, u. gestern erhielt ich die Anzeige schon, von seiner Vermählung, ich weis nicht wußten’s die Geisinger nicht, oder waren sie so nachsichtig mit mir, – Gott sei Dank, daß es so abgelaufen ist, jetzt schreibt mir gewiß niemand mehr Etwas von ihm. Ich kann mich jetzt schon eher faßen, ich glaube es ist wie du schreibst, die Zeit heilt alle Wunden, aber das glaube ich auch u. fühle es eine Narbe läßt sie zeitlebens mir zurück. – Doch genug denn ich fühle, ich bin noch nicht so stark, als ich mir es gerne vormachen wollte. Möge es ihm in seinem neuenStande wohl ergehen!
Theure Marie! was mich nicht nur beleidigt, sondern noch weit mehr wehe that, war dass du mein Vertrauen das ich dir schenkte so schlecht mit Gegenvertrauen belohntest. Ich habe dir doch Alles nur Alles, meine Gedanken, anvertraut u. du magst mir nicht einmal anvertrauen, daß du eine zweite Korrespondenz nach Rastatt führtst!
Dies hätte ich nie gedacht daß du so wenig Zutrauen zu mir hättest! Um dies eine bitte ich dich, sei so gut u. nenne weder mich noch Herrn Schneider in deinem Schreiben, denn nur zum Belächeln von deinem Herrn Korrespondent, fühlen wir und doch noch zu gut! Ich merkte wohl, daß er ordentlich bei Herrn Schneider gedatscht hat, aus Allerlei konnt ich’s entnehmen. Ich werde dir nicht mehr so viel schreiben, denn es könnte deinem Vater doch auffallen, wenn du gar zu viele Briefe von hier erhieltest. u. jedenfalls weiß der Herr St. amüsantere Neuigkeiten zu schreiben als ich, er ist ja ein sehr abenteuerlicher Mann.
Was die Reise anbelangt im Herbst ist sie vollständig von mir aufgegeben worden, als ich diese Neuigkeit erfuhr; Vater u. Mutter gaben ihre Einwilligung dazu, ich währe Ende September gekommen, aber jetzt werde ich ihnen diesen Grund angeben warum ich nicht gehe, ich sage ich finde es nicht für nöthig, da wir dieses Jahr so viel Besuch vom Oberland gehabt hätten, ich wollte warten bis das nächste Jahr.
Auch dies habe ich mir vorgenommen, nie mehr Jemand zu meinem Freunde oder meiner Freundin zu erheben mag das Schicksals Tücken über mich verhängen was es sei, ich wills versuchen allein zu tragen, der Gedanke dabei soll mich bestärken, daß man Alles dem lieben Gott klagen soll.
Viele Grüße von meinen Ib. Eltern u. deiner dich nie vergeßenden Cousine
Anna Reich.
Viele Grüße an Reichen.
Viele Grüße von Späth Marie. Im Theater war ich noch nie. Die Poststraße am Sonntag gelaufen mit Fanny und Marie.
Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint (siehe auch weiter unten). Josefa und Xaver Reich hatten 6 Kinder: Berthold Lucian Joseph Reich (01.06.1844-?), Maria Josefa Amalia (21.1.1848-?), Amalia Maria Anastasia (23.9.1850-22.10.1939), Klara Mathilde (27.11.1852-?), Karl Guido (14.11.1858 – ?), Amalia (25.12.1860-31.8.1955).
Portrait von Xaver Reich 1838 gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann.
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)
Foto von Xaver Reich
Rastatt, den 23. 8. 1875
Gute Marie!
Durch die Erlaubnis, von meinen Eltern, dich in Bälde zu besuchen, bin ich so frei und zeige dir meine Ankunft, die wahrscheinlich die nächste Woche eintreten wird, an. Ich erwarte aber jedenfalls noch einen Brief vorher von dir, worin ich hoffe, daß du mir rückhaltslos anzeigst, ob es dir angenehm, oder vielleicht auch dich unangenehm berühren könnte, wenn ich komme. –
Den Tag kann ich noch nicht bestimmen, Fräulein Gerstner geht mit mir bis Offenburg, sie geht auf einige Wochen nach Freiburg, um unangenehmen Erinnerungen auf Monate auszuweichen, wie ich auch. –
Liebe Marie, Neuigkeiten, die mich wie dich interessieren, will ich aufsparen bis ich’s dir mündlich erzählen kann. Nur soviel will ich dir einstweilen mitteilen, Fräulein Sch. ist jetzt fort, am Sonntag sei sie fortgekommen, Fräulein St. scharwänzelt noch immer in der Stadt herum, Fräulein Mathilde fühlt sich wirklich sehr vereinsamt u. verlaßen, denn Beker ist verreist u. zwar in Donaueschingen soll er sich befinden, oder wo weiß ich.
Wirklich gehe ich meist zu Gerstner Mathild, ihr kann ich Alles anvertrauen, da sie sich ja in dem gleichen Verhältnisse befindet wie ich.
Ich will nun enden für heute und dich nochmals bitten mir bald zu schreiben, hinsichtlich was meine Reise betrifft, oder aber wenn du mir nicht schreibst, ist es auch eine Antwort, die ich zu deuten weiß, die dann lautet, du brauchst nicht kommen.
Meine Sinnlosigkeit bessert sich so nach und nach wieder, ich hoffe daß es bei deinem Einflusse, den du auf mich übst, gelingen wird, so ziemlich mich davon zu befreien.
Leb nun wohl und sei herzlich gegrüßt u. geküßt von deiner dich innigliebenden
Anna Reich
Viele Grüße von Marie und Mathild
Nicht wahr die Rosenzeit ist vorbei?
Rastatt, den 6. Dez. 1875
Meine Ib. gute Mary
Dein Brief, welchen ich so sehnlichst erwartete, erhielt ich Donnerstag Abends, u. zwar in einer solchen schwermütigen Stimmung, es war schon dunkel, ich saß draußen im traulichen Zimmerchen u. weinte so stille vor mich hin, indem ich überdachte, wie ich so ganz verlaßen auf der Welt sei, ich dachte an vorigen Winter zurück, an die Tanzstunde, wies da so ganz anders war. Auch schweiften meine Gedanken zu dir hinauf Ib. Mary, ich dachte auch an jene Zeit als du hier warst, ich sagte Mary hat mich gewiß auch vergeßen, sie ist glücklicher als ich. – Ja sie ist glücklicher als ich – dachte ich, bis ich deinen Ib. Brief gelesen, Ib. Mary, ich weinte, als ich deine Worte las, ich nahm herzlichen Antheil an euch Beiden. Ach Ib. Mary, es thut mir sehr weh, daß auch du schon solch bittere Erfahrung machen mußtest, ach wo hätte ich so Etwas von Joseph gedacht, als ich bei dir war, du schreibst Ib. Mary, du könntest ihm nicht zürnen, auch ich könnte es nicht, aber bemitleiden, bedauern würde ich ihn, an deiner Stelle. Er dauert mich sehr, wenn ich so bedenke, wie es ihm jetzt sein wird, und wie man’s ihm jetzt macht. Ich hätte müssen weinen, wenn ich ihn gesehen hätte, wie er dir den Album gab und dich um Verzeihung bat, ach Gott wie wird ihm das so schwer gefallen sein. Ewig Lebewohl sagte er dir, ja das glaube ich im Moment hält er jetzt Alles für verloren, aber mit der Zeit ändert sich’s doch wieder, wieviele sind in ähnlicher Lage, für die sich später wieder alles günstiger und freundlicher gestaltet, wegen dem lb. Mary könntet ihr doch zusammenkommen, denn ich zweifle gar nicht, daß du ihm von Herzen verzeihst.
Um dies bitte ich dich meine lb. Mary, vergrößere seinen Kummer nicht noch durch dein Verhältnis zu Strobel, denke dir wenn er es erfährt, daß du so bald wieder einem anderen deine Liebe schenkst, ach wie würde ihn das schmerzen, denn es müßt ihm ja wie Spott von dir vorkommen, ich werde doch glauben dürfen, daß du lb. Mary für die Liebeserklärungen, von dem mir so unheimlichen Menschen, taub bist.
Wer weiß, vielleicht hofiert er dir nur, um sich zu rächen an dir, o wenn ich an jene unheimlichen Augen und Mundverziehungen denke, fürchte ich mich wahrhaft. – Wird J. R. das Mädchen heiraten? Den Schlag für seine aristokratische Frau Mutter.
Du wünscht theure Mary, daß ich nie so getäuscht werde wie du, bin ich’s nicht vor dir geworden? Das war ja noch härter für mich, denn du liebtest, wie du ja immer gesagt, J. R. nicht recht, aber ich, nun ich will schweigen, denn bald würden mir die Thränen wieder in die Augen steigen. Ach, u. zudem muß ich als wieder denken, er ist durch mich getäuscht worden, der arme Teufel, er meinte ja nur ich liebe ihn nicht, der dumme Sch. ist schuld, hätt mir der Aff nich hofiert, währs ganz anderst, nun was vorbei ist, ist nicht zu ändern, wer weiß für was es gut ist. – Liebe Mary, gestern war Onkel Reich bei uns, er brachte mir einen prachtvollen Ring, der mich sehr freute, nun hätte ich jetzt Ringe genug an mir, aber wie ich zum vierten kam, darüber tadelst du mich mich ganz sicher liebe Mary, ich vertauschte A.K. Ring, gegen einen anderen – denke dir letzten Donnerstag nahm ich ihn mit als ich auf den Markt ging u. ging damit in einen Goldwarenladen, zeigte ihn und fragte, ob ich nicht einen andern dagegen haben könnte, die Frau betrachtete und preiste ihn indem sie sagte – dieser Ring ist streng getragen worden, es klang mir wie ein Vorwurf, als ich diese Worte hörte, ja dachte ich, er ist ja streng getragen worden, denn immer immer glänzte er an seiner lb. Hand, es ist doch nicht recht von mir, daß ich ihn vertauschte, denn er hatte ihn auch immer getragenm u. gab mir ihn den letzten Abend als ich bei ihm war, er zog ihn von seinem Finger und steckte ihn mir an, mit den Worten, nimm einmal diesen Ring, bis ich einen Andern für dich habe, Mutter schimpfte mich auch als ich ihr’s sagte, nicht wahr Ib. Mary ich hab ihn doch nicht sollen hergeben.
Von Sch. weiß ich nichts, will auch nichts mehr von ihm wissen, ebenso von Emil, er war ein einziges mal bei mir, so lange er hier ist und schrieb zweimal von hier aus, ich gab ihm den Abschied, es führt ja doch zu nichts, es ist nichts, als das man unangenehme Auftritte dabei hat, auch Fridmann habe ich wieder beleidigt, er geht an mir vorbei und grüßt mich nicht mal mehr, ich gab Allen den Abschied, es führt ja doch zu nichts, ich fange nie mehr so was an, mach es du auch so lb. Mary.
Schrieb dir Herr Fridel noch nicht? Herr Riemk? war hier, wie mir Mathild schrieb, besucht mich aber nicht, was mir sehr lieb ist.
Vorgestern erhielten wir die Todesnachricht von Onkel aus Amerika, von dem ich meine schöne Goldgarnitur habe, wirklich folgt Schlag auf Schlag, wirklich ist’s fast zum rasend werden für mich.
Ach, Ib. Mary, könnten wir doch auch hie und da zusammenkommen, ach, wir hätten jetzt auch so viel zu erzählen und zu schwätzen, ich meine als es könne nicht sein, daß wir ? zusammen kömmen, wenn man nur auch mal die Sonnenschirme wieder mal brauchen könnte, denn ich habe Hoffnung, daß du mir ihn dann auch bringst, ach wie glücklich wäre ich dann!
Heute kam zum größten Leidwesen Elises Herr Sihiel nach Mannheim, er mußte sehr schnell fort, denke dir den ? für’s Elisle, sie hat ihn jetzt so arg gerne, denkst auch noch an die zwei, bei der Maientour u. an uns zwei auch u. an selbige Soldatenknöpf am Arm? Selige Erinnerung.
Gestern feierte Sternenwirths Wilhelm die Verlobung mit einem schönen Frauenzimmer von Kuppenheim, weist von dort wo wir damals so lustig waren, wo wir so tanzten miteinander.
Wie ich aus deinem Schreiben entnommen, hast du das Weihnachtsgeschenk auch schon wie ich auch, ich bekomme einen grauen Habolakregenmantel, er gefällt mir sehr gut, er kostete 12 fl. Deine Jacke lb. Mary kommt wirklich theuer, sie wird aber auch schön sein. Reichen Mary hat ja auch eine, Klara eine Pelzgarnitur u. Amelie einen Mantel, so schrieb es mir, Mittwoch schickte ich ihm seine Höschen, die es hier gelassen u. sein Armband, es wirds auch gesagt haben, denn ich habe ja Grüße u. Allerlei an dich ihnen aufgetragen.
Mein gefärbtes braunes Kleid ist ordentlich geworden, ich hab’s mit braun kariertem Stoff verziert auf der Taille eine Weste davon auf den Ärmel u. auf den Rock ebenfalls vom gleichen Stoff.
Ach du liebe Zeit am Mittwoch sollte ich beichten, was soll ich auch zuerst sagen, die Rastatter Sünden oder die Oberländer, oder am Ende das Stelldichein auf dem Schloßplatze, wo man den bei jener so schönen Maientour versprochenen Kuß erhielt? Ich muß auch wie jedes Jahr auf das Schlittenfahren verzichten, obwohl es dieses Jahr ?? viel Schnee hat bei uns und so grandig kalt, daß in meinem Zimmerchen die Fenster nie aufgefrieren, ich schlafe jetzt immer im Zimmer vorne, auf dem Kanape. Man sieht fast nicht mehr den Sprung an meinem Fenster, vor lauter Eis, aber deswegen denke ich doch noch oft an die Fortuna, denn wir verirrten uns auch einmal dort hinten aus der Tanzstunde!!
Strickst immer noch Socken, ich häkle wirklich kleine Tüchle zwei, das Muster das du mir gehäkelt Ib. Mary von Frau Heitz, viele Grüße von ihr, sie war heute bei uns, wenn die Rosen wieder blühen, werdest du auch hoffentlich wieder kommen.
Und nun zum Schluße Ib. Mary. Sei doch so gut u. schreibe mir Ausgangs dieser Woche, denn ich sehne mich als nach einem Brief von dir, nicht wahr schreibst mir bald, u. auch viel.
Herzlich grüßt und küßt dich deine dich liebende
Cousine Anna.
Bei der amerikanischen Verwandtschaft handelt es sich wohl um den erstgeborenen Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Ein anderer Sohn, Guido Karl, geboren 14.11.1858, ist wohl erst später ausgewandert.
Rastatt, den 12. 2. 1876
Liebe Mary! Auf deinen letzen Brief, der von so gedankenloser u. kalter Erzeugung mir hinlänglichen Beweis liefert, weis ich Nichts zu antworten. Deshalb soll mein Brief im höchsten Stadium des Schmerzes u. der Trostlosigkeit u. zugleich der höchsten Unruhe geschrieben, nur diese eine Gewissensfrage an dich stellen, was willst du lb. Mary dadurch bezwecken, daß du leugnest was ich dir geschickt, das du mich aufforderst dir dasjenige zu schicken, wovon ich leider nur zu gut die Gewißheit habe, daß solches schon geschehen, warum, warum, frag ich mich immer selbst, stellt diese, der ich so völliges Vertrauen bis daher geschenkt, mich als Lügnerin, oder doch zum mindesten eine gedankenlose, oder eine solche, die nicht weis was sie thut, dar.
Du kannst mich auffordern, ich soll dir das Gedicht schicken, indem du im Herzen denken musst, oi oi oi ich habe es ja schon sogar gelesen, ja schon zerrissen. Ich weiß keinen anderen Grund für dein mir so rätselhaftes Betragen, als diesen: daß ich dich Ib. Mary in meinem ahnungslosen Gedicht beleidigte, wenn du meinst, daß mein Gemisch Gemarsch, diesen ehrenvollen Titel tragen darf, ich würde mich nicht getrauen, es Gedicht zu nennen, ich dichtete es ja aber auch mit der Gewißheit, daß es nicht kritisirt werden soll, aber auch nicht, wie schon erwähnt nicht in dieser Meinung, dich Ib. Mary dadurch zu kränken, daß du’s einfach leugnest, du habest es gar nicht erhalten. Ich bitte dich tausendmal um Verzeihung deswegen.
Eine Bitte habe ich an dich Ib. Mary, im nächsten Schreiben, dem ich sehnsuchtsvoll entgegensehe, schreibe mir nur diese Worte: „Ich habe es erhalten.“ über diese Sache, sonst nichts. Meine Ruhe stellst du mir dadurch wieder her, denn du darfst mir glauben daß es mir Gedanken macht, daß du schreibst, du habest es das Gedicht nicht erhalten, es ist mir nicht einerlei, in wessen Hände es ist. Inwiefern habe ich mich unwissentlich bei Frl. Elise vergangen? Daß sie meinen letzten Brief, den ich ihr geschrieben, nicht der Mühe werth hält, ihn zu beantworten? Wie ich mir denke, interessiert dich Nichts was ich dir von unserem nächsten Kränzchen mitteilen könnte, obwohl es sehr interessantes währe, dir Vorkehrungen die darauf getroffen werden, zu berichten, besonders das wunderschöne Quartett, zu dessen Ausführung wir schon zwei mal Tanzstunden hatten, 8 Paare wurden dazu gewählt. Baldiger Antwort entgegensehent verbleibe ich deine dich innigstliebende Cousine Anna So kann man in Unannehmlichkeiten kommen wenn man an ? Böses denkt.
Elise (Elisabetha Heinemann 17.10.1858-27.06.1932) 1. Heirat 25.08.1881 mit Rudolf Franz Restaurator in Donaueschingen; hatte ein Sohn mit ihm der 1911 ledig starb. 2. Heirat 21.04.1884 nach Bad Dürrheim mit August Grieshaber; hatte 7 weitere Kinder.
Elise mit ihrer Cousine Marie .
Ohne Datum (verm. Feb. / März 1876)
Meine liebe theure Cousine!
Ach wie lange lange schon ist es, daß ich deine letzten Zeilen erhielt. Es dünkt mich eine Ewigkeit, ich kann mich kaum noch erinnern, u. warum. Ja warum Ib. Mary vernachlässigten wir uns gegenseitig diese Zeit her, so unverzeihlich? Ich weiß Ib. Mary ich versprach dir schon die vorige Woche zu schreiben, ich wollte dir auch gleich nach der Faschingszeit schreiben, aber es war mir rein unmöglich, obwohl ich so vieles mit dir über diese vergangene Zeit zu plaudern hätte, ach so vieles, was für die Feder viel zu langweilig währe, wollte ich dir Alles niederschreiben wie es war – frage mein Bild, daß ich dir hier schicke, o wenn sich auch dieses große Maul öffnen könnte u. dir von der schönen Zeit erzählen könnte, ich glaube, daß dann der ganze Zug im Gesichte ein freundlicherer u. vergnügterer wäre, nicht wahr in meinem Gesicht findest du lb. Mary keinen Zug, der mit einem Fastnachts-Kostüm harmonierte, findest nicht jenen mich verklärenten Zug, den du einst fandest, als ich an jenem Abend von Geisingen wieder zu dir zurück kam. –
Theure Mary, bei dem kostümierten Kränzchen, wo wir acht Italiener Paare die Hauptrolle spielten, gefiel es mir zu gut, seit ich hier auf Bälle und Kränzchen gehe, ist dieses das einzige, an das ich fast täglich mit innigstem Vergnügen zurück den-ke, obwohl es mich auch oft so wehmütig stimmt, daß ich weinen möchte, wenn zwei zusammen kommen, die dabei waren, darf man sicher glauben, daß ihr gewähltes Thema vom Kränzchen ist, ohne Ausnahme gefiel es Allen sehr gut dabei.
Weniger gut gefiel es uns beim Tanzstund-Kränzchen, letzten Freitag v. W. ich glaube daß es uns auch gefallen hätte, wenn nicht Alle das andere Kränzchen im Kopf gehabt hätten, ich hatte mein Sommerkleid wieder an, ich ließ mich dieses mal auch frisieren, oben hatte ich gesteckte Locken, unten 3 Häng-Locken u. 2 Rosen an der Seite, die Frisur war sehr hübsch, wie man mir sagte, ich war eigenliebig gefallsüchtig genug, sogar noch zu glauben, wenn man mir sagte, sie gehe mir so gut.
Montag und Dienstag von 7 Uhr bis 10 Uhr gingen wir zu 7 Frauenzimmern, wie man sich hier beliebt auszudrücken, wir fanden als auch Herrn, die uns kannten unter-wegs, 5 waren in Domino, Frl. Wettin als Alte u. Frl. Habich als Köchin, den ersten Abend war es sehr schön, an den zweiten kann ich nur mit Wehmuth denken, o es hätte schöner sein können am Dienstag als am Montag, wenn mich nicht des Schicksals-Tücke, oder vielmehr ein unseliger Zufall so verfolgt hätten.
Auf Dienstag Abend hatten wir mit unseren Ib. schönen Italiener Buben verabredet gehabt, wenigstens ich und Notars Mathild, da währen also diese zwei noch mit uns, auch in Domino natürlich, im Löwen sollten wie aufeinander warten, so war es abgemacht, wir waren zuerst da, jetzt merke auf lb. Mary – Sch. hatte ich vor einer Stunde etwa auch gesehen, er sagte mir er gehe auch hier schnurren wie und wo wir uns treffen, ich sagte ich wisse es nicht, da sagte er wir wollen ein Losungswort gebrauchen, ich stimmte bei, indem ich dachte, ja heute Abend gilt bei dir weder Losungswort noch Suchen meinerseits, endlich trennten wir uns, er in der Hoffnung mich heute Abend noch einmal sprechen zu können, ich aber – ihn nicht mehr zu treffen. Wie schon erwähnt, waren wir zuerst im Löwen. Ich lief mit einem Student herum, der vorigen Abend schon bei uns war, ich unterhielt mich sehr gut mit ihm, obschon ich ihn nicht weiter kannte, auf einmal steht ein großer, schwarzer Domino vor uns, ich berücksichtigte denselben nicht weiter, er wechselte einige Worte mit dem Student, auf einmal trat er dicht vor mich u. sagte das mir bekannte Losungswort, ich schrak unter meinem Domino ordentlich zusammen, ich antwortete ihm nicht darauf denn schon sah ich den kommen, auf den ich wartete, noch einmal wiederholte Sch. das Losungswort worauf mir unbewußt die Antwort darauf meinen Lippen entfuhr, natürlich kannte er mich u. ich ihn, ich sagte nun dem Student ade, obwohl ich lieber bei ihm geblieben wäre, ich lief nun ich weis selbst nicht wie mit Sch. im Saal herum, so lange bis mich mein Herr erkannte, er kam auf mich zu, engagierte mich auf den soeben beginnenden Polka, ich tanzte nun mit ihm indem er mir so allerlei sagte, wie es schön werden könne usw. als der Tanz beendet sagte er die Gesellschaft wolle fort, ich müsse auch mit ihm, da Sch. nahm mich von seinem Arm weg, der andere aber sagte ja wir gehen jetzt, kommen sie Frl. Reich, Sch. sagte, nein sie geht nicht, sie bleibt bei mir, da sagte der andere wer ist denn dieses, ich antwortete ich kenne ihn nicht, mittlerweil kommen die anderen Frauenzimmer her u. sagten laß doch den fremden Domino fahren, wenn du ihn nicht kennst, Sch. sagte, sie laßt ihn aber nicht fahren, gleich munkelten einige es ist Sch. es ist Sch. darum laßt sie ihn nicht gehen, der andere fixierte ihn nun überall u. wolte ihn durchaus kennen, das einmal sagte er, ja es ist Sch. das eine mal, nein es ist nicht Sch. Dann sagte er zu mir, indem er mich am Arm nahm, jetzt gehen sie mit mir, sei es wer es wolle, Sch. raunte mir nun in’s Ohr ja Anna gehe nur, gehe nur, ich zwinge dich nicht zum dableiben, ach ich war so unschlüssig, so wankent, der andere sagte immer, ach ich bitte ihnen kommen sie doch mit mir, es ist ja Sch nicht, inzwischen kommt Kunz auf uns zu u. sagte so da ist Sch. das ist Sch. u. das ist d’Reich, du kannst dir denken wie mir’s war, der Andere ging nun von mir weg, indem er sagte, da kann man sehen, wenn sie Sch. am Arm haben, lassen sie mich fahren, jetzt sind sie im Himmel nicht wahr, ich wollte ihn zurückhalten, vielleicht mit ihm gehen, ich wußte es nicht, kurz ich wollte ihn zurückhalten, aber Sch. sagte laß ihn doch endlich einmal laufen, du bleibst bei mir, nun blieb ich bis 10 Uhr im Löwen bei Sch. die anderen gingen ins Kreuz, da dort auch ein Kränzchen war, der Andere habe dann zu Notars Math. noch allerlei gesagt wegen mir und Sch. seitdem grüßt er mich nicht mehr, ach wie viel mußt ich doch schon wegen Sch. aushalten, er schrieb mir schon wieder, seit Fastnacht Dienstag, schon am Freitag, ach der Sch. ich weiß nicht, so viel Unangenehmes hatte ich schon wegen ihm, schon so oft sind wir böse gewesen u. immer wieder kommen wir zusammen, ich weiß selbst nicht wie, ich stelle oft an mich die Frage, bist du nicht das dümmste einfältigste Mädchen Wo es gibt, nur an einen solchen zu denken, bei dem auch gar keine Hoffnung ist, bei dem ist es ja doch nie Etwas. Das der Andere jetzt wieder böse ist mit mir wegen Sch. ist mir auch nicht einerlei, bei den Andern lauft alles so stille ab, bei mir wissen es gleich alle wenn Sch. dagewesen, es geschieht mir aber ganz recht, wenn der Andere (seinen Namen will ich dir nicht nennen, ich weis selbst nicht warum, ich habe jetzt auch kein Recht mehr dazu) nur nicht böse wäre mit mir, auf Versöhnung rechne ich nicht, denn jetzt da kein Ball u. nichts mehr ist, kommen wir nicht mehr zusammen, nun ich muß mich eben darin fügen.
Und nun meine lb. Mary, wie gefielst du im Samtkleid, ach ich sehe ein siegreiches Lächeln an deinen Lippen schweben, ach du wirst zärtlich geliebt von St. meine Ahnung sagt mir, daß auch die Zeit über sehr vergnügt u. glücklich an der Seite eines hoffnungsvollen Jünglings umherschwebtest. Ach bitte schreibe mir Alles wie es gewesen, was er gesagt u. halt so Alles.
Ich will enden indem ich dich bitte mir ja recht bald zu schreiben, ach schreibe mir Morgen gleich, denke wie lange her es schon ist seitdem du geschrieben Tausend Küße und Grüße von deiner
Anna.
ohne Datum
Meine liebe Marie!
Hier sende ich dir das Ding, möge es gute Folgen haben! Ich kann dir nicht beschreiben Ib. Marie, wie mich dies Gedicht in Alteration versetzte, wenigstens 7 Bogen Papier versudelte ich, bis ich endlich zufrieden war mit meinem Werke, ich sage dir wenn ich mein eigenes Todesurtheil hätte unterzeichnen müßen, hätte mich’s nicht in größere Aufregung versetzen können wie dies Gedicht, gezittert habe ich, meine Schrift war so verändert, findest du dies nicht auch, ich hatte so viele Gedichte die für U. paßen, somit konnte ich fast zu keinem Resultate kommen, zuerst schrieb ich ihm diese beiliegenden, doch verwarf ich sie wieder, jetzt habe ich ihm dies geschrieben, ich weis nicht ist es dir bekannt: Einsam, bin ich nicht allein, denn es schwebt ja süß und mild usw. wenn nicht will ich dir’s schreiben. Meinst du auch er bekomme es durch diese Adreße?
O, liebe Marie, wenn ich nur bei dir sein könnte! Gelt dir gefällt es noch nicht so recht, ist dir noch Alles fremd, du bist eben auch ein Wesen, das sich nirgends gleich heimisch fühlt, ohne daß man dir zuerst zuvorkommend entgegentritt.
Ich kann dir nicht sagen wie ich mich freue aufs Frühjahr, denn du mußt zu mir kommen, o Marie, komme doch in mein Zimmerchen, o da plaudert sich’s so heimlich, so traulich, komme, komme.
Was hast du für zwei Wesen neben dir? Poetisch o. Prosaisch, fühlst du keine Simpathie für sie, ich bitte dich um Alles liebe Marie, schließ mir keine Freundschaft mit ihnen, denn dann würde ich sicherlich verlieren dadurch, du mußt wissen, in der Liebe wie in der Freundschaft bin ich sehr egoistisch. Könnte ich dir doch ein wenig Wärme von m. Zimmer abtreten, du armes Kind, du dauerst mich, wenn und ein so herzblutstockendmachend kaltes Zimmer hast, schlafst du allein? Sage mir liebe Marie, warum konntest du nicht kochen hier? O denk dir wie schön es gewesen wäre!
In der freudigen Hoffnung über Alles mündlich mit dir bald sprechen zu können, will ich nun weiteres nicht erörthern, aber dann wird’s geplaudert o u. wie!
Also sei so freundlich und besorge mir das Ding da recht, ich werde dir Dank dafür wissen, vielleicht kann ich dir’s durch ähnlichen Gegendienst wett machen.
Im Geiste umarme ich dich und verbleibe deine dich von Herzen liebende Cousine
O gelt schreibst mir wegen dem dings, es ist mir, wie wenn ich ein Staatsverbrechen begangen hätte, ich möcht nur die Wirkung sehen u. hören, glaubst du er zieh mich?
Zürnt er mir?
Marie und Kätherli (Katharina Heinemann, Schwester von Nepomuk und Josef) Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1867
Endlich, endlich nach langem peinlichem Wartens, erhielt ich deine so sehnlichst erwünschten Zeilen, wie sehr mich dein Bild erfreute, werde ich dir nicht erst zu schreiben brauchen, ach ich war ganz entzückt, du forderst mich auf, theure Mary, dir unverholen meine Kritik über dein Bild mitzutheilen, nun dazu bin ich gern bereit, du bist im Allgemeinen, glaube ja nicht daß ich dir schmeicheln wolle, sehr sehr gut getroffen, so gut das wenn ich dich betrachte, meine ich immer, du müßest den Blick auf mich wenden u. deinen Mund öffnen u. mir erzählen u. antworten auf das was ich dich so gerne fragen würde, wenn du nur den Blick auf mich richten würdest, aber was, es wäre ja doch nicht anderst. Auch muß dein Samtkleid so schön sein, ich beneide dich darum, die Kette liebes Kind macht nicht viel Effekt, man meint, wenn man deine Taille nur so flüchtig betrachtet es sei ein weißer Besatz an der Taille, nun das ist ja aber auch Nebensache, dein Ib. Gesichtchen ist doch sehr naturell.
Nicht wahr das bewußte erste Veilchen-Sträußchen revaschierst (revangierst) du mit deinem Bilde? Ja, ja, ach St. wird ganz entzückt dich täglich hundert mal betrachten u. küßen. Wie glücklich bist du, jeden Abend kannst du, während dem der Ib. Vollmond, die schönen milden Abende, noch durch sein Erscheinen romantischer u. schwärmerischer macht, Arm in Arm ein unblauschtes Plätzchen aussuchen, ach Gott, ach Gott, zu sagen hat man sich in solchen Momenten Nichts, ich kann mich gut in deine wirkliche Lage versetzen obwohl ich nicht in derselben bin.
Wirklich sind doch die Abende sinnberauschend schön, denke dir meine Ib. Eltern wandern auch schon wieder jeden Abend in Gottes freie Natur hinaus, ich gehe als zu Buderina Abends, oder sie kommt zu mir, dann gehen wir als auch auf dem Rheinauer Wege mutterseelen allein spazieren, gestern Abend kamen Buderina und Frl. Seitz zu mir, wir blieben da bis nach neun Uhr, hernach begleitete ich sie heim, morgen gehen wir drei nach Rothenfels, Maientouren wollen wir als auch wieder machen, ach was für ein Unterschied wird es dieses Jahr sein, gegen voriges Jahr, könnte ich dir nur ausführlich den nirentödtenten Durcheinander unter uns erzählen, wir drei sind mit den anderen alle böse, Alssermann u. ich, denke dir dieses Unglaubliche, laufen aneinander vorbei wie wenn wir uns fremd währen, ebenso Gerstner und Kurz, die zwei letzten sind jetzt immer beieinander, sie kommen als auch zu Späth, da erfahre ich alles wieder, was sie von mir sagen, denke dir Späth weiß auch alles wegen Sch. dieses ist mir eigentlich das ärgste, daß es Mary erfahren hat, denke dir Sch. erzählte den Studenten Alles, wie ich hörte aus Eifersucht, wenn er Verstand und bischen überlegt hätte, hätte er zu Allen geschwiegen, dieses kann ich ihm nie niemals verzeihen, nach Ostern, wenn seine Ferienzeit vorüber, kommt er wieder hierher, natürlich nicht ahnent, was unter dieser Zeit geschehen ist, ich gehe nicht zu dem Rendezvous, ich will unter keiner Bedingung mehr mündlich mit ihm sprechen, wenn er in Karlsruhe wieder ist schicke ich ihm seine Briefe u. fordere meine zurück u. damit fertig, ich will und darf ihn, der mir so unsäglich viel Unannehmlichkeiten bereitete, nicht mehr sehen.
Auch meine geringe Persönlichkeit erhielt schon vorigen Monat 4 Veilchensträußchen die ich trotz des Verwelkens aufbewahre, als Erinnerung, Ach Ib. Mary, ich bräuchte so notwendig einen Sonnenschirm, ich kann ja nirgends hin, ach bitte sei so barmherzig u. schicke mir auch einen neuen, weist einer mit einer Kette, du darfst den schwarzen behalten, auch schicke ich dir herzlich gern mein weißes Überkleid dafür, ersuche Amelia, es gibt dir auch etwas dazu, ich schreibe ihm deswegen, denn wie du weist sollte ich auch ein Sommerkleid haben, kann ja sonst den ganzen Sommer nicht fort, u. eben ein Kleid, ein Schirm, Schuhe, Handschuhe u. Hut, erlauben meine Mittel nicht anzuschaffen, ach bitte sei mir doch nicht böse, weil ich geradezu mich erfrecht (dich) direkt mit einer Unverschämtheit zu belästigen, verzeihst du mir dieses nicht?
Was ich für ein Samtkleid bekomme, weis ich noch nicht, ebensowenig wann, wenn ich mal den Stoff habe will ich dir Müsterchen beilegen, O, wie gut hast du’s, jetzt bekommst du ein Samtkleid, zwei Samtkleider u. hast doch schon zwei so schöne Sommerkleider gehabt, wenn ich nur dein gelbes hätte, wie gerne wollte ich mich den Sommer über mit demselben behelfen, aber ich armer Teufel besitze zwei einzige Kleider u. zwar beide für den Winter.
Liebe Mary, den Schmuck, den du mir auf Fastnacht geschickt, vergaß ich dir beizulegen, wenn ich dir das Überkleid schicke, lege ich denselben bei auch bisschen wohlriechendes Gewässer. Vorige Woche schickte ich Emil seine Photographiedurch Eduard zurück, er ist seither schon wieder 3 mal an unserem Haus vorbei, ich weiß nicht, will er mich dadurch ärgern oder was, aber jedenfall lauft er mir nicht zu lieb vorbei, denn er schaut als nicht einmal an’s Fenster, die Tropfen wissen nicht, wie sie einem ärgern wollen.
Den Zopf von Kätherlein bekomme ich erst nach Ostern, sie hätten wirklich so viel zu thun, aber ich glaube die Hauptursache ist, weil die Friseure Madame bald in’s Wochenbett kommt.
? gibt Alssermann’s Buben keine Stunde mehr, sie hat jetzt einen Zahlaspirant, er schickte ihr ein schönes Poesiebuch zu ihrem Namenstage. Viele Grüße von Mary, u. jetzt brauchst du nicht mehr so lange auf ihre Photographie warten, sie lasse sich bald photographieren.
Gestern war kurz ihr Fischer da, denke dir sie liefen per Arm die Stadt hinunter. O du liebes Kind lebe wohl u. vergnügt u. denke auch bischen hir und da meiner in deinem Glück, o lieb so lange du lieben kannst, es kommt die Zeit u.s.w.
Schönen Gruß an ? Strobel, viele an’s Kätherlein. Viele Grüße von meiner Mutter an dich u. Kätherlein. Jetzt ist’s bald ein Jahr, seitdem du hier warst.
Ach bitte schreib mir doch recht bald wieder u. auch viel, es interessiert mich alles. Wenn in der Sch. Geschichte Fortsetzung folgt, will ich dir dieselbe mittheilen. Mit deiner Busenfreundin bin ich böse. Schreibe mir ja recht bald, bedenke daß deine Briefe wirklich mein einziger Trost sind.
Hat Strobel Anna schon geheiratet? Ist Schrenk Peggi schon wieder da von Stuttgart? Ist Hug Friedel gesund?
Rastatt, den 7. 9. 1876
Liebe Mary!
Die innigsten herzlichsten Glückwünsche zu deinem Namens-Tage, ruft dir deine dich innigstliebende Cousine aus der Ferne zu.
Ich will dir gewöhnliche Phrasen, die immer und immer bei solcher Veranlassung in Anwendung gebracht werden, unterlaßen, du bist mir gewiß nicht böse darob, denn du weißt ja, das ich dir nur Liebes und Gutes wünsche, wenn ich die Gaben des ? auch nicht so einzeln dir wünsche u. beschreibe.
Ach, wie glücklich war ich voriges Jahr an deinem Namens-Feste; jetzt ist es mir von dem Schicksale vergönnt, dir wie damals meine Wünsche mündlich darzubringen, nun in das Unveränderliche, von den Göttern bestimmte Schicksal muß man sich eben geduldig fügen.
Unwillkürlich drängt sich ein Gedanke mir auf, u. zwar, wann werde ich dir wieder mündlich gratulieren können? Doch genug, ich will auf ein anderes Thema übergehen
Wie stehts in Bezug auf die noch zweifelhafte Verlobung? Ist’s als noch ein Geheimnis, oder ist dieselbe schon ein Futter für Kritisirendes u. Verhechelnte?
Es wundert mich ob es zu etwas wird, ich meine eine schlechte Parthie wäre es nicht, er hat ja ein süßes Geschäft auch ist er ein schöner, gefälliger Bursche. Will ihn Klara nicht mehr? So, so dein Amerikaner Vetter, war ein solcher Herzeroberer, nun ich bin froh, daß ich ihn nicht kennen lernte, denn weist mein Herz ist auch nicht gewappnet genug, gegen Amors Pfeile. Du zweifelst, ob er Frl. Rank heirathen wird, nun ein Risiko ist es doch jedenfalls von ihr.
Liebes Kind was faselst du von schöner Gelegenheit zu kommen, ich meine du hast auch nicht weiter zu mir als ich zu dir, u. zudem ist des Jahreskehr an dir, o wie oft, wie oft dachte ich daran, diesen meinem Lieblings-Wunsch dir mitzutheilen, aber wenn ich mir als jene nierentötenden, hoffnungsvernichtenden Worte ins Gedächtnis zurückrief, die da lauteten: „Es ist vorbei mit Rastatt“ da trieb ich meine Wünsche mit einem Stoßseufzer verbunden, in die unergründlichsten Tiefe meines Herzens. Mein Papa kommt nicht mit den Bildern, denn die Schule beginnt nächsten Dienstag wieder. Papa und Mama werden Euch das nächste Jahr das Vergnügen schenken, Mamale muß zuerst noch ein neues Röckchen u. neues Peterlie han, no kummt sie.
Ach bitte liebe Mary, komme im November oder noch bisle später, dann gehst du als mit mir auf die eroberungsreichen Kränzchen, denke dir köstlichen Spaß (?), bitte schreibe mir das nächste Mal ob du Lust hättest zu kommen, dann schreibe ich an Onkel, damit du um so eher Erlaubniß von ihm erhält, ich versichere dir ich bin nicht mehr so wunderlich wie voriges Jahr, ich bin wie ein umgekehrter Sack.
Aber blutete dir dein Herz nicht, als du die niederschmetternde Nachricht erhieltest, Herr Strobel herze und küße eine Andere? Denke dir Emil kommt wieder oft zu uns. Komme morgen Abend zum Zapfenstreich, diese Woche waren schon zwei, nämlich bei der Sedan-Feier u. Dienstag Abend General Moltke, der hier war zu Ehren, ’s ist als recht ordeli darbei. Am Sonntag gehe ich nach Ettlingen um meine Freundin, die schon längere Zeit dorten ist, abzuholen, dann werden wir noch nach Karlsruhe ge-hen.
Und nun liebes Kind muß ich enden. Denke beim Anblick des kaum erwähnenswerthen Geschenkchens: „Wenig aber von Herzen.“
Herzliche Grüße von meiner Mutter u. sie läßter ou gratulire u. du sollist ou kumme. Auch viele Grüße an Kältherlein. Bitte Ib. Mary schreibe mir so bald wie möglich. Das wurmse surmse, hast du nicht recht entziffert, auch die beiden Buchstaben hatten nicht dieselbe Bedeutung, die du ihnen zuschreibst, sie waren bedeutungsllooooss.
Was bekommst du allerhand zum Namensfeste, von wem? Also noch einmal die herzlichsten Glückwünsche auf morgen und viel Vergnügen.
Lebe nun recht wohl und schreibe recht bald deine dich liebende Anna.
Ist die Ernte auch schon vorbei droben? Gott Straß es ist sinnverwirrend kalt.
Mit amerikanische Vetter handelt es sich wohl um den erstgeborenen Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Ein anderer Sohn, Guido Karl, geboren 14.11.1858, ist wohl erst später ausgewandert. Der „Amerikaner Vetter“ kann aber auch der älteste Sohn des Fridolin Heinemann – Josef Heinemann (*21.11.1857) sein der nach Amerika ausgewandert ist, wobei auch dieser 1876 vielleicht noch zu jung war.
Rastatt, den 24. 10. 1876
Meine theure Mary!
Schon sind etliche Tage verfloßen, seitdem ich dein Ib. Brieflein erhalten. Ich wollte dasselbe wie gewöhnlich, gleich beantworten, wurde aber durch verschiedene Ereignisse, zum Theil sehr unangenehme, davon abgehalten. Gerne würde ich dieselbe nennen, befürchte jedoch deine Geduld auf eine zu harte Probe dadurch zu setzen, will’s also, auf obiges bezug nehmend, nicht nennen und alles bei mir behalten.
Ach wären wir doch beisammen, dann ja dann.
Theure Mary, wie geht es sonst, seit ihr wieder alle wohl? Hoffentlich. Vater ist G.s. D. ganz wohl. Mütterchen so so, la la, meine geringe Persönlichkeit befindet sich auch wohl. o je. Bei Durchlesung der so schlimm u. sehr unangenehm ausgefallenen Verlobung von M. wurde ich ganz starr u. Entsetzen ergriff mich davor. Nur so Etwas nicht. Weniger erstaunt war ich bei Durchlesung wo du mir schreibst Amelie habe sich beleidigt gefühlt, der verspäteten Gratulation wegen, ich dachte mirs, thut mir leid aber ändern konnte ich’s nicht, ich sah zu spät im Kalender nach, wo sein Tag verzeichnet ist.
Herr Gott Salon, werdet Ihr aber nobel in Hüfingen, schon wieder neue Hüte mit ächten Federn darauf! Ich behalte meiner von voriges Jahr wieder.
Ich wollte zuerst meinem Cousin einen Brief für dich mitgeben, aber ich fürchtete der Teufel mache uff. Vater hat ihm einen für Onkel R. und Herr Pfarrer mitgegeben. Du mußt nämlich wissen er war in Heidelberg in einem Geschäft u. nun ist er bei’s Fritscherichs in Hüfingen comis, gestern Morgen kam er bei uns an, und ging heute Mittag ins Oberland. Ich erzählte und schwatzte ihm immer von dir, zeigte ihm deine Photographie. Ich sagte zu ihm er solle als auch mit dir tanzen, er ist nämlich ein guter Tänzer, er ging auch in die Tanzschule. Er ist so groß wie du, hat gerade solch schwarze Haare wie du und akurat solche rothe Wänglein wie du. Er mußte mir ver-sprechen, dir hie und da Fensterparade zu machen, wenn es dich auch ärgert, macht nichts. Ich lege dir an’s Herz, gehe auch zu ihm in Laden u. schreibe mir, wenn er Unfuge u. d. gl. treibt droben, was ich zwar nicht hoffe, ich sprach ihm sehr zu, er soll auch brav sein, ich erfahre es wenn er es nicht sei u. s. w. einen heillosen Mist schwatzte ich an ihn hin.
Liebe Mary, ach könntest du nur auch hie und da Abends bei uns sein, o wie vergnügt wollten wir sein, so aber ist’s halt langweilig, besonders heute Abend, Mutter spinnt, Vater ist noch in Karlsruhe, er kommt erst um neun Uhr heim, u. ich sitze da u. schreibe für mein liebes Kind einen Brief jetzt da.
Weder Tag’s noch Abend’s werden wir in unserem Alltäglichen gestört o je.
Du schreibst mir immer was Andere für Kavaliere haben, deiner vergißt aber immer mir zu nennen, hoffentlich wird’s bald, od. ich erfahre es irgendwo andersher, wart‘ mir Mädele, mußt ja nicht denken, es komme mir einmal in den Sinn du habest keinen Gschboutsi, o je.
Ist’s bei Euch droben auch schon so nerventödtent kalt? Herr Gott Salon, Mutter friert schon wieder von Morgens früh bis Abends spät, o je. Gott-Straß, wirklich ist’s ehrlos langweilig o je. Fort komme ich wenn ich Kommissionen machen muß, sonst nicht, ich bin am liebsten daheim. Wirklich mache ich stramm an Vaters Hemden. Was schaffst denn du?
Bitte liebe Mary, komme doch diesen Winter zu mir, dann gehst mit auf die Kränzchen. Soll ich deinem Vater schreiben deswegen? Nicht wahr Ib. Mary, du schreibst mir recht bald wieder, o ich bitte dich um alles in der Welt darum. Und nun schlaf wohl. träume süß, am Morgen nicht zu früh.
Ade Kind, grüße mir die Leute, die mich kennen.
Ein Satz im Dialekt dann:
je es ist so warm do hin, jo jo.
Schreibe recht bald wieder deiner dich innigstliebenden Anna. Viele Grüße von Mutter. Grüße auch’s Kätherlie u. Elise.
Rastatt, den 26. 11. 1876
Meine theure Mary!
„Selige Erinnerung der Vergangenheit!“ durchlebe ich im Geiste noch einmal den gestrigen, vergnügungsreichen Abend, muß ich unwillkürlich an oben angeführte Worte denken.
Liebe Mary, nach langer langer Zeit endlich kam ich einmal wieder zum Tanzen u. was drum und dran hängt, u. zwar gestern Abend, um 8 Uhr begann das Konzert, woselbst ein Hofopernsänger von Karlsruhe mitwirkte, Herr Gott Salon, nein der hatte eine Stimme, so hörte ich noch nie singen, das Konzert dauerte bis 10 Uhr, nach einer 1/2 stündigen Pause, wurde der Tanz durch Polonaise eröffnet, u. nachher verstrich die Zeit unglaublich, nierentödtent, sinnverwirrent schnell, durch herz-blutstockenmachende Tänze u. was drum u. dran hängt. Um 1/2 4 Uhr gingen wir schon heim, ach ich hätte so gern noch den nächstfolgenten Lacie mitgetanzt aber – Nun was habe ich jetzt davon, nichts als das Nachdenken u. was drum u. dran hängt. Liebes Kind dies ist Alles, was ich dir aus meinem einförmigen Alltagsleben mittheilen kann.
Nun nun du schreibst ja mir einen gräßlich scharf verfaßten Brief, dein zweitletzter Brief gelang ja in meine ?, ich schrieb ja Elise nicht, daß ich keinen Brief erhalten habe von dir, sondern blos warum du mir so lange nicht mehr geschrieben, es kommt mir fast vor, als währe es ein Verbrechen, wenn du mir schreibst ohne daß ich dir vorher antworte geld so ist’s. Herr Gott Salon wehrt die sich wenn man sagt Fridolin Fridolin od. wenn man singt: Holdes Grün, wie lieb ich dich, weil mein Schatz ein Jäger ist. u. doch – Wer dir begegnet auf der bekannten Straße weis ich nicht, da jene Erwähnung, nur eine von meiner im Hirn erzeugten Einbildung wahr, bei uns nennt mans ?, Witz, Spaß u. d. gl. was du so gleich alterirt bist!
Soso du sprachst mit meinem Herr Vetter Bodenhopser, Schubladenzieher, wenn du zu ihm kommst wieder, dann bitte ich dich um alles in der Welt, sage zu ihm er sei ein Erdslügner ein fauler Fisch, ein ein ein Spinnenbobelenhirn u. noch vieles Andere hast gehört dieses sagst zum hast’s gehört, er wird dann schon wissen warum u. was drum und dran hängt.
Was ich auf Weihnachten mache fragst du mich, ha ich sticke Vater ein paar Pantoffeln u. du?
Elise schrieb mir heute auch. Denke dir gestern Abend sagte ein Herr zu mir, ich war in Hausach, da traf ich Herrn Bernauer, er sei auf der ? dort, dann haben sie so halt so von der Tanzstunde geschwätzt, dann habe Herr B. gesagt, er solle mich herzlich grüßen u. so. u. so. er hni halt ou n Freud g’ha, Herr Gott Salon, denkst auch noch an seine Knöpfe u. was drum u. dran hängt?
Liebe Mary ich bitte dich um Alles in der Welt u. um noch vieles Andere komme doch nach Rastatt, aber nicht erst an Fastnacht, komme Gott-Straß auf Weihnachten, es sind ja drei Feiertage, bis dorthin ist jedenfalls wieder ein Kränzchen, o Mary komme, komme doch, soll ich an Onkel schreiben deswegen, od. erhälst du ohne dies Erlaubniß, ach nicht wahr du schreibst mir das nächste Mal davon, o mein ich hätte dir auch vieles Erlebte nie wieder Kehrendes zu erzählen, wenn es von dir abhängt zu kommen od. nicht – so erfülle meine inständige Bitte u. wähle Ersteres.
Kätherlein laße ich noch nachträglich herzlich Glück wünschen zu seinem gestrigen Namenstage d. h. wenn es sie noch annimmt. Meine Mutter kommt nächste Woche hinauf, aber nicht im Hemd. Ich gehe nächsten Monat oder im Januar nach Paris, als Musiklehrerin eine Stelle habe ich schon bei Graf Murat. Meine Adresse ist dann:
A. R. per Gram a Loth e le va Murat??? Lo schemo??? a Paris N. 386
Bin ich erst einmal in Paris, weis ich dir mehr zu schreiben. Elise schreibe ich noch einmal bevor ich gehe. Also bis dahin Gott befohlen liebes Kind. Auf Ib. baldige Antwort hoffend grüßt und herzt dich innigst deine dich treu und ewig, innigst u. aufrichtig liebende Anna Die Liebe klebt wie Bärendreck
Man bringt sie nicht vom Herz hinweg Gute Nacht, ins Guschi gehe ich jetzt u. denke an dich u. noch an vieles Andere u. was drum u. dran hängt.
Schreibe ja recht bald wieder od. ich erschieße mich mit Gansdreck, wir stopfen ja eine, da hab ich ja schon Gelegenheit.
Rastatt, den 29. 12. 1876
Meine theure Mary!
Schon ist wieder ein Jahr in dem Strom des Lebens dahingeflossen, wieviele freundliche, mitunter auch freudige Erinnerungen steigen vor unserem geistigen Auge empor, wenn wir uns das erlebte alte Jahr zurückrufen, nicht wahr liebe Mary, trübe Stunden zählt das verflossene Jahr keine oder doch nur sehr wenige, der liebe Gott wolle uns auch im neuen Jahr nicht mehr senden. Doch ich komme von meinem eigentlichen Thema ganz ab. Ich wollte dir ja Alles Liebe u. Gute von Herzen zum neuen Jahre senden. Du lieber Gott, füge es doch, daß die liebe Mary bald wieder einmal zu mir kommt, weist wir hätten ja miteinander so viel zu erzählen, was weist du ja schon.
Liebe Mary, ich will gar nicht viele Worte gebrauchen, meinen Neujahrs-Wunsch dir darzubringen, begnüge dich also mit den oben wenig erwähnten Worten.
Daß du diese Feiertage nicht kommst, habe ich zu meinem größten Leidwesen bemerkt, nun wie verliefen dieselben? Bei mir verliefen sie sehr ruhig. Was bekamst du zu Weihnachten? Ich bekam eine augenblendent, sinnverwirrent, herzerobernten Jacken. Mein ich bin schön d’rin, obwohl dieses noch Niemand zu mir gesagt, glaube ich’s doch.
Kränzchen besuchte ich diesen Winter erst ein einziges, nächsten Sonntag das zweite, o wärst du doch da, denke dir wie schön es währe, Tänzer gibt es genug, Beweis hirvon ist, das ich noch nicht ein mal sitzen bleiben mußte, ist doch gewiß viel gesagt, am Samstag ziehe ich mein schwarzes Kleid an, es ist sehr schön gemacht. Donnerwetter, wenn du nur bei mir wärst, mein ich wollte dir deine Grillen austreiben, durch Allerlei Schnurren u. Schnaggen u. Possen und Rosen u. s. W.
Neues Ib. Kind weis ich dir nicht viel. Kunz Fanny ist in Freiburg, als Ladenmädchen, warum sie von daheim fortging od. mußte, laßt sich leichter mündlich erzählen, als schriftlich.
Reichen habe ich (eigentlich: mich) nie eingeladen dieses Jahr, aber Vater haben sie schon eingeladen, so viel ich gehört, will ja Klara kommen, horche auch droben, sage du gehest auf Fastnacht herunter, ob sie nichts sagen zu dir, bitte aber nenne meinen Namen nicht. Ich weis jetzt also nicht kommt eine od. nicht, od. wann, od. wo, od. wie, hast gehört sage einmal so etwas droben, schreibe mir dann, was sie gesagt haben. Schreibe mir auch die nächsten Tage. Elise hätte ich auch geschrieben, aber da sie fort ist, finde ich es für unnöthig. Sage ihr ich laße sie grüßen u. s. w. Ob keine Aussichten hier sind fragst du mich, ha für dich gibts vielleicht schon, für mich ist’s wirklich nichts.
Liebe Mary schreibe mir auch recht bald u. auch viel geld! Ich freue mich auf die Fastnacht, sonst sage ich jetzt Nichts mehr. Grüße uns herzlich Onkel u. Kätherlein u. auch glückseliges Neujahr, hast’s gehört? Schreibe mir auch bald. Denke am Samstag um 8 Uhr jetzt geht sie auf’s Kränzlein.
Herzliche Grüße u. Küße nehme im Geiste entgegen von deiner A. R.
Wie viele Neujahrs-Karten werde ich noch bekommen 1 od. O thut nichts.
Wie viele erwartest du? 5 od. 11!
Xaver Reich
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)
Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint. (siehe oben)
Xaver Reich (Franz Xaver 01.08.1815-08.10.1881) und Josefa (1823-19.11.1900) Elsässer hatten 5 Kinder:
Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe Maria Josefa Amalia (21.1.1848 verheiratet 08.03.1866 mit Karl Eschborn), Mary (Amalia Maria Anastasia 23.09.1850-22.10.1939), Klara (Klara Mathilde 27.11.1852-?), Karl Guido (14.11.1858-?), ausgewandert in die USA Amelie ( Amalia 25.12.1860-31.8.1955)
„Die Reichen“ war sicher auch so gemeint, da Xaver Reich es zu deutlichem Wohlstand geschafft hatte und seine Töchter von den Cousinen wohl etwas „abgehoben“ waren.
Über Karl Guido Reich geboren am 14.11.1858 in Hüfingen, heiratet Josephine (Sophia) Kirchler geboren am 15.12.1864, gestorben in New Jersey am 24.10.1926. Auswanderung nach Amerika. 5 Kinder
Rastatt, den 4. 1. 1877
Erwählte, einzige Freundin meines Herzens!
Habe dir zu vermelden, daß den 21. d. M., also nächsten Samstag über 14 Tage, ein Maskenball ist u. gleich hernach einige Kränzchen, vielleicht ist vorher auch noch Etwas. Ich bin nun der Ansicht, daß du bis 21. kommen sollst, denn speziell nur der Fastnachtsvergnügungen wegen hierher zu kommen währe Thorheit, denn über Fastnacht ist rein gar nichts hier.
Richte es also so ein, daß du im Verlauf von 8 Tagen kommen kannst, dies liegt doch gewiß im Bereiche der Möglichkeit, aber nicht ausser den Grenzen deines Willens. – Von Reichen wird keines kommen, wenn Mary krank ist. Wie geht es ihr? Warum thun sie so geheimnisvoll mit ihrer Krankheit?
Schreibe mir sobald du kannst, ob du jetzt kommst, oder erst später, ich rathe dir komme jetzt.
Deinen weißen Schleier kannst du hier schon brauchen, sogar sehr gut. Meine geringe Persönlichkeit hat noch nie einen weißen Schleier getragen, wird auch keinen tragen, da dies zu nobel für mich wäre, schwarze Schleier habe ich auf dem Sonntags u. Werktagshute. Was ich zu Weihnachten bekam will ich dir zeigen wenn du in meinem Zimmer stehst. Ach Gott, wenn du auch in meinem Zimmer bist, welch köstlicher Spautz!
Schreibe mir doch auch gleich, zugleich wann du kommst, damit ich wischen kann u. Spinnbobeln weg thun kann u. was drum u. dran hängt. Herr Gott Salon!
Nehme auch viele und 1 helles Kleid mit. Boa u. Muff, Hut u. Schleier u. deine Uhr u. was drum und dran hängt. Schreibe mir also recht bald. On, wie, wann u. u. u. du kommst.
Tausend Grüße u. Güse empfangen im Geiste von deiner dich sehnlichsterwarten-ten A. R.
Jaso, meine Ib. Eltern danken ? für deine lieben u. gutgemeinten Glückwünsche u. ich danke a recht schön dafür. Gruß von Mammale u. sollischt au bald kumme.
Auf baldiges Wiedersehen.
Grüße an Onkel und Käthchen.
Rastatt, im Mai 1877.
Meine liebe Marie! Wie ergeht es dir liebe Mary? Bist du immer gesund und munter? Was ist deine Hauptbeschätigung? Im Garten wirst du die goldene Zeit des Wonnemonats meist zubringen und die Kinder Floras hegen und pflegen, In dieser Arbeit beneide meist dich wirklich. Welche Wonn, welche beseligende Empfindung, in Gottes prachtvoller Natur beschäftigt zu sein, in diesem Monate, da ja alles grünt und blüht! O, Wonn! O, seliger Genuß!
Nacht ihr keine Maientouren? Dieses Jahr macht ich noch nicht ein einzige, kam ganz gewiß auch nicht dazu. Ist ?..
Mit wem macht Ihr diese diese gottvollen, seelen- und herzerquikenden Vergnügungen? Elise mit R. F. und mein Marichen mit J. St. den daß Ihr zwei Euch wieder gefunden, spüre ich in allen Gliedern, od. ists das nicht, ists sonst ebes intressantes mit dir. Nicht nur am Tage, sondern in der Träume Stille umkaugelt mich dein Ib. Bild. Schon oft wenn ich selig, allem menschlichen Treiben entrückt, in Morpheus Zauberarmen ruhte, riß mich ein Traumbild wieder in die Wirklichkeit zurück, was war es für ein Traumbild? Mir träumte: „Meine Mary sei soeben in Rastatts kugelfesten Mauern angekommen, ich bin ganz überselig, ich führe sie in unserer schönen Wohnung herum, ich gehe Arm in Arm mit ihr auf den Murgdamm bummeln u.s. w. auch kommt es oft vor daß ich dir eine Schüssel unterheben muß, warum, ha aus einem gewißen Grunde. Doch liebe Mary allen Scherz bei Seite, kein Tag vergeht an dem ich nicht fortwährend an dich denken muß. Doch soweit ich dich kenne, glaubst du mir dieses offene Bekenntniße nicht, u. es ist denoch so. Ach liebe Mary, warum kamst du nicht an Fastnacht? Warum nicht jetzt erst, o ich könnte rasend werden wenn ich daran denke, wie schön wie gottvoll hätten wir es auch da, in jeder Beziehung, warum mustest du auch noch einmal in jene mölankolische Wohnung kommen! Mir gruselt es eiskalt den Rücken herauf wenn ich an unsere erste Logis denke. Meine einzige Freude und Ermunterung ist das Wohlbefinden meiner Ib. Eltern u. unsere schön unterhaltende Wohnung. Zu erzählen hätte dir schon einiges, aber schreiben? nun dadurch würde ich deine Geduld einer zu harten Probe unterwerfen. Von Elise hätte ich dir auch einiges mitzutheilen, gewiß würdest du mir bei Ihrem Roman gerne zuhören. Frl. Fanny Kunz ist auch wieder hier, hat einen Zahlaspiranten. UI. kommt jede Woche einmal zu unseren Herren-Buben hinauf, ich gehe ihm jedesmal aus dem Wege, so gut ich kann, was ihm jedenfall sehr angenehm ist, er kam in eine unangenehme Geschichte hinein mit einem Offizier und zwar auf offener Straße, ich bin sehr begierig, wie das Ende abläuft, er zeigte es beim Direktor an. Habt Ihr auch immer so unbeständige Witterung? Wirklich ist der Himmel wieder ganz mit Regenwolken angefüllt. Morgen ist Fronleichnams-Fest. Ach Gott! Selige Erinnerung aus meiner Kinderzeit! Wenn ich morgen nur einer Prozeßion beiwohnen könnte, wie du weist, haben die Rastatter diesen schonen ehrwürdigen Brauch abgehen laßen. Denkst du auch an jenen Fronleichnams-Tag als du hier warst, weist wir machten morgens eine Maientour, von der wir im höchsten Grade Herzerweiterung bekamen.
liebe Mary ich habe eine junge, wilklich fabelhaft gescheidte, unglaublich schöne Katze, of wenn wir so allein beisammen sie ermüdent ihr Köpfchen auf meinen Schoß legt, erzähle ich ihr als von dir, und herzerweichend ?rührend anzusehen, laufen ihr als die hellen Thränen über ihre behaarten Wangen, besonders wenn ich als an die Stelle komme, wo wir an einem Sonntagnachmittage so sehnsuchtsvoll im Engel in Niederbühl im oberen Stocke umherschoßen.
Liebes Kind sind die erinnerungsreichen Momente bei dir bald herum? Bei mir gehen sie Gott-Straß erst recht an, Herr Gott Salon. Donnerwetter der Kerl.
Nicht wahr liebe Mary, du vergißest mich nicht, auch wenn du dich in deinem gewünschten Elisium befindest!
Wenn du nur halb soviel an mich denkst, wie ich an dich, dann bin ich befriedigd, dann bin ich’s zufrieden. Was macht auch Fritschi’s Schubladenzieher? Er komme nach Karlsruhe als Grenadier.
? ja schon wieder ein neues Kleid? Ich bekomme keines, ich veränderte mein vorigjähriges, ich macht selbst Bolenfransen daran, die kolossal schön sind, wenn ichs anziehe springt mir als immer unsere Katze nach, vor lauter Blesier, die sie an den Bollen hat, wenn dus nur sehen köntest, du wirdest gewiß heulen.
Bitte gute Mary, schreibe mir auch recht bald.
Viele Grüße von meiner Mutter
Herzliche Grüße und Küsse (im Geiste) von deiner dich liebenden Anna.
Rastatt, im August 1877
Meine liebe Mary!
Je länger ich zög’re einen Brief zu beantworten, desto schwerer finde ich einen Anfang dazu, wenn ich ihn endlich einmal beantworten will. Schon volle 10 M. sitze ich hier über Papier und Feder gebückt und suche und hasche nach einem, wenn nicht zischen, so doch ordentlich geschriebenen Anfangs-Satze. Und nun ich mit meinem, zwar nicht schmeichelhaften Bekenntniße den Anfang machte, ist mir geholfen. Ich will nun versuchen, was ich weiß nach einander dir Ib. Mary herzudiktiren.
Gesund und wohl verlaufen mir die Tage sehr ruhig und einsam. Ich bin immer zu Hause die ganze Woche, gehe regelmäßig, Montag, Donnerstag und Samstag auf den Wochenmarkt, kaufe da ein was notwendig ist u. gehe wieder nach Hause, da ich nie od. höchst selten eine von meinen Freundinnen dorten treffe, da dieselbe die Einkäufe durch ihre Leute besorgen laßen. Sonntag’s ist mein erster Ausgang in die Kirche, woselbst sich mein Gemüth u. meine Seele erhaben fühlt.
Trotz zwischen Elise und mir noch die alte Freundschaft besteht u. wir einander noch von Herzen gut sind, komme ich höchst selten zu ihr, voriges Jahr um diese Zeit verstrich kein Tag, das wir nicht beieinander waren, warum Ib. Mary, diese Frage ist sehr inhaltsschwer für Elisen auf ihr künftiges Glück od. Unglück wirkent. Wenn ich dir’s mündlich erzählen könnte –
Doch genug von diesem. Ludovica kommt auch selten, eben auch darum. Zu Späthen komme ich sehr wenig. Mary erzählte mir letzthin Sch. sei als Leutnant hier gewesen, also seit Fastnacht schon drei mal und ich habe ihn noch nie gesehen, sehne mich auch nicht mehr nach seiner holden Gestalt. ? ist nach dem er das Examen sehr gut bestanden am Freitag dem 9ten von hier fort. Er kam zu uns um mir adie zusagen, Mutter und ich waren allein zu Hause, Ib.
Mary, wie du weist ist es ja schon lange Zeit mit uns aus gewesen, aber als er kam, um mir Lebewohl zu sagen, fühlte ich, daß er mir noch nicht fremd ist. Stillschweigend und mit abgewandtem Gesicht streckte ich ihm meine Hand hin, ich hörte wie er mit ziternter Stimme sagte: Lebewohl: mehr sah und hörte ich nicht denn ich ging in mein Zimmer und ließ ihn stehn. Mutter sagte mir nachher er währe furchtbar aufgeregt gewesen, er habe ganz gebebt, weist lb. Mary, mir fällt nichts schwerer als ein Abschied u. nicht wahr ein Abschied ist hart, wenn man aber Abschied nimmt für’s Leben, das ist mehr als hart, dafür weis ich keinen Ausdruck. Er kommt nach Würzburg, woselbst er lustig studieren will bis er Amtmann ist, das dies ein Abschied für’s Leben war ist gewiß, denn er sagte zu Fr. Frank, mein Weg führt mich nicht mehr nach Rastatt, er sagte noch vieles zu Fr. Frank. könnte ich dir alles mündlich erzählen, gewiß du bliebst nicht unberührt davon – doch ab davon –
Die vorige Woche hatten wir Besuch von meiner Cousine von Geisingen, ich erfuhr viel Neues von dorten, mitunter sagte sie mir auch, du seist erst mit Fridolin und mit einem kleinen Mädchen (vielleicht Heinemanns Elise) in Geisingen gewesen, Fridolin und du seien ja Brautleute, o ja sagte ich, dieses ist mir nichts Neues, Mary nimmt keinen andern als Fridle.
Donnerwetter!
Wie sieht es auch in euerem Garten aus? Hat Onkel wieder viel Arbeit? Was macht Elise? Wie steht ihre Herzensangelegenheit? Verspührst du keine Herzerweiterungsanfälle mehr? Stein
Ich habe dieses Übel in kolosal starkem Quantum wirklich.
Liebe Mary ich komme wahrscheinlich die nächste Woche ins Oberland, werde aber in Donaueschingen nicht aussteigen, sondern direkt nach Hattingen fahren, woselbst ich einen kranken Schatz besuchen werde. Wenn ich nicht in’s Oberland komme, gehe ich nach Kutzbrunn. – Denke dir Gott-Straß Kunz Fanny ihr Schatz hat sich eine Ader geöffnet, warum er dieses gethan weis ich nicht. Wie geht es Herrn St.?
Was ich zu meinem Namenstage bekam ist folgendes: 2 ? , 2 paar schöne Glacehandschuhe, von Elise ein prachtvolles seidenes Hemd, wie beiliegendes Müsterchen zeigt, weiter 1 ? u. noch viel Gratulationskarten. Doch würde ich meinen vorigjährigen Namenstag dem diesjährigen vorziehen – Grüße mir alle deine Freundinnen Mary, Elise und Stanni u. Babete u. s. W. s‘Kätherli grüß mir ganz besonders und morgen komme ich ? Dialekt – Scherz
Bitte sei do gut und schreibe mir so bald dir’s möglich ist u. recht viel.
Sei herzlich gegrüßt von deiner dich aufrichtig und treu liebenden
Cousine Anna
Herrn Förderer sehe ich jeden Tag, schade das du mich nicht bist. Emil ist in Hagenau auf 6 Wochen
Rastatt, im Dez. 1877
Meine theure Cousine!
Du hattest ganz recht als du schriebst, ich wäre dir schon lange Antwort schuldig, obwohl ich mich dieser Nachlässigkeit selbst anklagte, finde ich doch ein Wort der Entschuldigung, indem ich immer dachte, mein Mariechen hat jetzt wieder andere Sachen zu denken und zu sinnieren als an seine Rastatter Cousine zu schreiben, und ihre interssantlosen Briefe zu lesen.
Um so mehr freute es mich deswegen daß du trotzdem doch noch Briefe von mir verlangst, die Folgerung hiervon muß sein, das du doch noch ein klein wenig an mich denkst.
Aber Ib. Kind was habe ich Elise geschrieben? Über welchen Punkt soll ich dir Aufschluß gegeben? Was Ihr für zwei Tropfen seid ist mir unerklärlich, du schreibst nicht von Ihr, und Sie nicht von dir u. trotzdem weiß ich doch Alles von Euch beiden.
Warum hast du mir nicht einmal schreiben mögen, daß Elise in Karlsruhe war u. warum hat sie nicht aussteigen mögen hier, du bist schuld, du wirdt zu ihr gesagt haben, a was du brauchst nicht zu dieser, kannst zu Elise sagen ich habe vor Zorn geweint, als ich erfuhr, daß sie noch nicht einmal so viel Takt habe, wenn sie hier durchfährt u. mich noch nicht einmal besucht, eine Schande ist es. O wer weiß ob du nicht auch schon hier durchgefahren bist, ohne mich zu besuchen, wer weiß wer Natürlich seitdem man wieder in Besitz ist von Herrn St. Photographie denkt man nicht darüber hinaus, ja jener Ball, war halt doch günstig, halt so, für Elise soll er auch sehr günstig gewesen sein, habe ich gehört. War Frl. Kleinler Mary nicht dort?
Bitte richte einen Gruß aus, von meiner Cousine Auguste an oben genanntes Frl. sie lernten sich in Freiburg kennen. Am Sonntag war ich auf einem Kränzchen woselbst es mir so ordentlich gefiel…
(schwer leserlich)
An Weihnachten komme ich sehr wahrscheinlich ins Oberland, da ich mit meiner Cousine Auguste muß, vielleicht komme ich auch auf einen Tag nach Hüfingen. Ich freue mich ? bis ich dich wiedersehe und mit dem Glauben komme, du hast mir gewiß vieles zu erzählen, trag es immer zu Herrn St. er dürfe mich nicht mehr ?
?
Auch bin ich nicht im Stande heute einen ordentlichen Brief zu schreiben.
Grüße von uns allen besonders von deiner dich von Herzen liebenden Cousine
Anna.
Baldige Antwort. Ich bin geistig und körperlich phlegmatisch
ohne Datum
Meine liebe Marie, du must mir glauben, das ich oft nicht mehr weiß, was ich thue, ach du bist glücklich zu schätzen gegen mir, allerdings haben dich die Ereigniße letzerer Zeit auch arg angegriffen, aber dir nur Zorn bereitet, den man eher vergesßen kann, als ein verlorenes nie mehr ersetzendes Lebensglück, wie das Meine, doch ich will enden davon u. nie mehr seiner erwähnen, aber glaube mir, wenn ich mir den Zwang auch anthue heiter zu scheinen, es ist nur eine Maske, hinter der ein Herz schlägt, das nichts mehr von Fröhlichkeit u. Vergnügen wißen kann.
Ich will dir nur einiges von meiner Geistesabwesenheit mitteilen. Vorgestern habe ich anstatt das Kaffemehl Eimerweiß in den Kaffe geschüttet, was es für eine Brühe war, kannst dir denken, gestern morgen hat Mutter Bohnen abgethan u. zu mir gesagt wenn sie weich sind thust’s raus, hast’s gehört, ja sagte ich als sie fort war wußte ich Nichts mehr davon, ich nahm in Gedanken den Kessel samt den Bohnen u. schüttete sie den Schüttstein ab, in der Meinung es sei nur Wasser, was Mutter dazu sagte will ich verschweigen, sie fragt alts mich nimmts nur Wunder an was du auch denkst, ja denke ich als ich weiß an was.
Bitte schreibe bald wieder, sei unterdeßen herzlich geküßt u. gegrüßt von deiner auf dich trauenden Anna.
Marie Heinemann war die einzige Tochter von “Lisette” Reich. Die Schwester von Lucian Reich Elisabeth Heinemann 15.12.1819-22.06.1871) .
Rastatt, den 18ten Okt. 1880
Meine liebe Marie!
Verzeihe wenn ich dich so lange auf einen Brief warten ließe, jeden Tag nahm ich mir vor, dir zu schreiben, kam aber nie dazu, warum? ich weis es selbst nicht. Ich bin noch nie ruhig und gefaßt zur Überlegung, ich weis nicht gut Marie was ich dir über meinen frühern Plan und Wunsch weiter schreiben soll, oft hab ich Stunden in denen ich dich liebe Marie so sehnsüchtig herbei wünsche, ? sehnlicher als wenn ich allein am Grabe, auf dem Flecken Erde stehe, daß mein Alles, Alles birgt, o Mutter, o Mutter; glaubst du ich störe ihre Ruhe wenn ich sie oft besuche mit ihr spreche u. um sie weine?
Dann habe ich aber auch wieder Stunden in denen ich Niemand um mich haben möchte, einsam dem Schmerze nachhängen ist zu Zeiten lindernd. Sei mir nicht böse, ich kann ja nicht dafür.
Daß es sehr einsam, traurig bei uns ist wirst du begreiflich finden, ich möchte zu Niemand gehen, am Grabe meiner Mutter fühle ich mich am wohlsten. O, ich komme oft nicht über den Gedanken hinaus, keine Mutter mehr; fort ohne Abschied u. wir sehen uns doch so lange nicht mehr, todt, todt ist sie, sie gibt mir keine Antwort mehr wenn ich am Grabe bei ihr stehe, u. mit ihr spreche, sie plauderte als doch so viel und so gerne mit mir, besonders das letzte Jahr; den Sommer 1880 vergeße ich nie, o Gott was ist das Leben, ein eitler Traum, alles vergänglich, nichts bleibt, als die Verdienste um den Himmel, u. wie saumselig, nachlässig ist man um dies.
Gott hilf mir, stehe du mir bei, führe mich bald zu meiner Mutter, hole mich dahin zu ihr, wo es keine Trennung mehr gibt.
Könntest du liebe Marie nicht über Allerseelen kommen, o bitte wenn möglich, laße mich die erste Allerseelen nicht allein an ihrem Grabe stehen, ich weiß das Grab deiner eigenen Mutter hält dich zurück, aber bei dir ist’s nicht der erste Allerseelentag, komme also wenn möglich über Allerseelen, wenn du nicht kommen kannst oder willst, wenn ich diese Tage allein sein muß, will ich’s die anderen auch sein, Gott unser gerechter Gott wird mir beistehen, mich nicht verlaßen.
Mit größtem Bedauern erhielten wir die traurige Nachricht von Onkel und Berthold’s Erkrankung, wie geht es ihnen? Ist auch eine schwere Heimsuchung Gottes, doch es kommt von Gott, der Mensch muß sich fügen. Herzliche Besserung wünschen wir für beide. Onkel hat einen Schachteldeckel zurückgelassen, er schrieb kürzlich darum, wenn du kommst, kannst du ihn mit nehmen, andern Fall schicken wir ihn per Post, nicht wahr, nächstens erhalte ich Bericht von dir, und zwar ganz bestimmt ob und wann du kommst. Herzliche Grüße an die Familie Reich, nochmals von Herzen gute Besserung für die Kranken,
Amelie habe ich auch geschrieben, was weiß ich nicht mehr, ich bin so vergeßlich.
Auf baldiges Wiedersehen, sage ich zuversichtlich liebe Marie! Gruß an Onkel u. Kätherli von Vater und deiner trauernden Anna
Heute erhielten wir von Karlsruhe die Nachricht, daß Alssermanns Mathild ein Mädchen hat. Schreibst du mir bald?
Gruß und Kuß von deiner Anna.
Rastatt, im Dez. 1880
Meine liebe Marie!
Ganz einsam sitze ich am Tische, um bei dem trüben Lichte der Lampe an Dich zu schreiben. Ich weiß nicht liebe Marie ist das Licht trüber wie sonst, od. sind’s meine Augen, es ist alles so trübe, so ganz anderst, meine Mutter hat so vieles mit genommen, gute Mutter hörst du mich nicht mehr? Niemand hab ich mehr, mit dem ich von Herzen reden kann, o ich hätte meiner Mutter so vieles zu sagen, aber ich finde sie nicht mehr, sie ist fort, liebe Marie zwei schwarze Männer trugen sie hinab, das sah ich u. mehr nicht. Nach einigen Tagen führten sie mich auf den Gottesacker, an einen frisch aufgeworfenen Grabeshügel, sie sagten nicht hier unten ruht sie, mein Herz sagte es mir, hier unten in Gottes Erde liegt sie kalt und unbeweglich, o theurer Flecken Erde, es ist so ruhig dort oben, wenn ich am Grabe meiner Mutter stehe ist mir immer als hörte ich sie sagen, weine nicht, blick aufwärts suche Trost bei dem der Vater aller Waisen ist, u. gewiß liebe Marie Menschen mit ihren leeren Worten haben mir noch ein Trost, noch ein Beruhigung gegeben, nur der, auf den ich meine ganze Hoffnung setzte, Gott der Barmherzige erbarmt sich meiner, er gibt mir Trost, o wie wäre jetzt mein Leben, ich müßte ja verzweifeln, wenn nicht ein guter Gott sich meiner annehmen.
Wie thöricht ist der Mensch der nur nach Zeitlichem, nach Unbeständigem jagt u. ringt, was ist eigentlich das Leben? Wie schnell ist’s dahin, wie bald wird die Zeit da sein wo auch mich schwarze Männer hinab tragen um mich der kühlen Erde zu übergeben, wenn ich nur neben meine Mutter käme, wirst du auch meinem Sarge folgen? Wird auch jemand um mich weinen?
O, Gott sei mir gnädig!
Wäre das Unmögliche möglich, könnte ich meine vergangenen Jahre nochmals durchleben, wie vieles würde ich anderst machen, wie vieles mit anderen Gedanken beginnen, Gott nur du verstehst mich, nur zu dir kann ich reden. Es ist mir Alles wie ein Traum, meine Mutter ist mir wie eine Traumgestalt, du Ib.
Marie u. Alle die mir einst so lieb und theuer waren, Alle mit denen ich so gerne verkehrte, es ist mir als träumte ich immer fort, seit dem Tode meiner lieben Mutter, Mutter o Mutter!
Weihnachten ist vorbei, stille doch mit Gottes Hilfe nicht so traurig wie ich fürchtete sind die Feiertage bei mir herumgegangen. Bei dir liebe Marie? Wann werde ich dich wohl wieder sehen? O ein trauriges Wiedersehen wird es sein, nicht wie früher.
Vielleicht kommen wir im Sommer hinauf, Vater meint es wäre besser für mich, ich glaube nicht, ich kann doch nicht so weit vom Grabe meiner Mutter, gestern Abend spät war ich auch bei ihr, ich fürchte mich Nachts nicht mehr auf dem Friedhofe, ich bin ja bei meiner Mutter, was soll ich fürchten, schaudrig sei es Abends droben sagen die Leute zu mir, was mir einfalle, o ich find nicht.
Liebe, gute Marie so gerne würde ich dich wieder sehen, ach so gerne, und doch fürchte ich mich vor unserem ersten Wiedersehen, ich weiß nicht wie es noch kommt, o Mutter, liebe gute Mutter.
Vater ist gesund, Gott sei Dank, er ist recht zu bedauern, er hatt’s recht langweilig, langweilig find ich’s nur, wenn ich mit jemand reden soll, ich bin am liebsten allein. Bitte recht bald zu schreiben gute Marie. Grüße uns recht herzlich d. Ib. Vater u. Kätherlie, das mir auch wie eine Nebelgestalt vorkommt, du auch, alle Bekannten.
Baldiger Antwort entgegensehend küßt und grüßt dich herzlich deine
Anna.
Reich’s schreiben uns nicht
Am 19.September 1881 heiratete Maria Josepha Heinemann den Kaufmann Joh. Karl Nober (11.04.1850-11.12.1920)
Marie Heinemann und Joh. Karl Nober. (Aufnahme nach der Hochzeit)
Im August 1881
(„laut Poststempel, der Brief selbst ist nicht datiert„)
Liebe gute Marie!
Hälst du deinen Vorwurf gegen mich noch aufrecht, wenn ich dir sage daß ich für die damalige Zeit unzurechnungsfähig war? Sieh‘ Ib. Marie ich weiß damals habe ich oft Briefe geschrieben, daß was sie enthielten jedoch weis ich nicht. Der Todt m. guten Mutter hatte mir doch so sehr zugesetzt dass ich lange Zeit für nichts mehr verantwortlich gemacht werden konnte. Wenn man der Sache nachspüren wollte liegt vielleicht in deinem Vorwurfe blos eine Beschönigung od. Deckmäntelchen für deine eigene Sünde, gelt du hast eingesehen dass du mich trotz Brautstandes zu sehr vernachlässigt hast, gelt es grübelt dir? Natürlich war meine Ib. Marie zu stolz um dies‘ zu gestehn gelt so ist’s?
Das ich dir nie zürnen kann, davon hättest du dich nach geringer Mühe schon längst überzeugen können.
Bei deiner Einladung magst du vielleicht richtig vorausgesetzt haben, daß ich derselben nicht nachkommen kann, denn wie du weist ist ja im Sept. u. zwar Mitte Sept. der Todtes-Tag v. m. seligen Mutter, ich bin mit Gottes Gnade ruhiger geworden, aber September ist u. bleibt für mich ein traurig stimmender Monat. Wie könnte ich in dieser Zeit an einer Hochzeit Theil nehmen, meine gute Marie, dies ginge über meine Kräfte.
Vater meinte auch ich habe schon früher sollen nach Geisingen u. einige Tage nach Hüfingen, aber ich kann nicht ich bin an Rastatt gefesselt, es hält mich mächtig zurück
Ach Ib. Marie es kam so ganz anders als wir’s uns zusammen ausgemalt haben, wenn man uns damals gesagt hätte, ich wäre an deinem Hochzeitstage nicht zugegen was hätten wir auch geantwortet? Im Geiste Ib. gute Marie bin ich bei dir, an diesem so ernsten, wichtigen Tage, ich will beten für dich.
Das du mir den Tag bestimmtst ist selbstverständlich. Am Ende führt Euch Eure Hochzeitsreise nach Rastatt? Wie wäre das? Bitte lege dies dem Herrn Bräutigam vor, o Ib. Marie komme ja ja! Erfülle mir doch eine Bitte in d. Leben kommet.
Elise kann ich nur von Herzen bedauern. Gottes Segen gute Marie zu deinem Vorhaben, vergeße nicht zu beten. Wie gerne ich mit dir plaudern möchte kann ich dir nicht beschreiben. Kommt ihr?
Herzliche Grüße an Alle von Vater und deiner dich treu liebenden
Anna
an den Rändern: Wann schreibst du mir wieder? Nächstes Jahr um diese Zeit? Na gibt’s eine Fehde? Kommt ihr? Ich sehe Euch schon im Geiste. Eine Empfehlung an den Herrn Bräutigam
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Vierundzwanzigstes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
Rückblicke – Neugestaltungen und Abschied Nach den Mühen des Tages
Gleichwie ein Wanderer, wenn er, nahe dem Reiseziel, eine letzte Höhe erstiegen, hier haltmacht, hinzuschauen auf die lange Strecke zurückgelegten Weges, und dann vorwärts, wohl über sein Ziel hinaus, also sei uns auch jetzt noch einmal eine Umschau vergönnt.
In grünem Tale, hell von der Sonne beschienen, erblicken wir freundliche und befreundete Wohnungen, in der Ferne die Türme blühender Städte.
Lichte Wölklein ziehen darüber hin und umdüstern nur auf Augenblicke den lieblichen Anblick. – Weiter seitwärts aber hat das Gewölk sich gehäuft, der dunkle Vorhang reicht herunter bis zum Gesichtskreis, wo Luft und Land sich zu vermischen scheinen.
Wer sind die Wanderer, welche dort des Weges ziehen, immer tiefer hinein gegen die unheildrohende Nacht? – Wir werden den Blick anstrengen müssen, irrende Landfahrer zu erkennen.
Das Haupt der Sippe, den Langen Hans, haben wir im Zuchthause zu Hüfingen verlassen. Er genoß dort eine recht hübsche Aussicht auf die grüne Stadtwiese und über die Ufer der Breg, trotzdem aber begann der Aufenthalt ihm herzlich langweilig zu werden, weil auch die schönste Gegend ihren Reiz verliert, wenn wir sie täglich vor Augen haben.
Hans war griesgrämig, schwermütig geworden und dachte ernstlich daran, eine Ortsveränderung vorzunehmen. Schweizer Luft, hoffte er, sollte ihm besser zuschlagen. – Die Anstalten zur Abreise wurden aber wiederholt durch den wachsamen Zuchtknecht entdeckt und damit letztere selbst vereitelt.
In einsamer Zelle legte man den Alten an Ketten. Aber auch hier fand er die Ruhe nicht. Wenn er schlief – so träumte er vom freien Leben, von Zusammenkünften mit Tanz und Schmaus, von Wald und Feld. Es war in einer unheimlich finsteren Novembernacht; der Sturm sauste mächtig durch die Gassen, durch die unbelaubten Bäume in dem Zuchthausgarten und rüttelte polternd an Läden und Fenstern. – Da regte es sich um Mitternacht auf dem Dache des Hauptbaues, eine Gestalt stieg hervor, kletterte mit Katzengewandtheit über die Ziegel bis zur Dachrinne, rutschte dann an schnell befestigter Leine geräuschlos herab auf den Boden. – Eben schritt der Wachposten, tief in den Mantel gewickelt, aus dem Schilderhaus. Der Flüchtling barg sich hinter einem Eckstein. –
Als der Zuchtknecht am Morgen in die Zelle des Langen Hans getreten – fand er das Nest leer – die Ketten durchgefeilt und den Ofen abgebrochen.
Es mußte dem Sträfling Hilfe von außen gebracht worden sein. – Und wahrlich, es wäre ein heroischer Zug von der Vagantin Trautel, wenn sie, wie angenommen wurde, durch eigene Hingebung den Gatten gerettet hätte. – Gewiß ist, daß das Weib zur Haft gebracht, wenige Tage zuvor ihrem Hans gegenübergestellt worden. In heftiger Freude des Wiedersehens war sie dem Manne um den Hals gefallen und, so wurde vom scharfsinnigen Inquisitor angenommen, sei im Kusse ein Wachskügelchen, worin eine feingezähnte Uhrfeder verborgen, aus dem Munde der Gattin in den des Gatten über-gegangen.
Der Flüchtling war unbeschrien aus der Stadt entkommen und hatte sich gegen Hausen und Mundelfingen gewendet. Dort im Walde, eine bekannte Bettelküche aufsuchend, war er an einer Stelle angelangt, wo am halberloschenen Feuer ein Mann schnarchte. „Bist du’s?“ fragte der Lange. „Ja!“ antwortete die Stimme des Schwarz Sepple. – „Ihr habt lang auf Euch warten lassen!“
In Opferdingen stahlen sie einem Bauern die Kleider aus der Schlafkammer. „Man kann nit alles kaufen!“ lautete der Wahlspruch des Langen, „und so kann ich mich als ehrlicher Mann am Tag vor niemand zeigen.“ Seine Garderobe, großenteils zum rettenden Seil zerschnitten, war auch in der Tat bis auf das Notdürftigste zusammengeschmolzen. Die beiden wateten sodann durch die Wutach, und noch vor Tag waren sie über der Schweizer Grenze.
Der Sepple hatte den Plan, in der Schweiz den Doktor zu spielen, Hans wollte als Spielmann sein ehrlich Auskommen suchen; es scheint jedoch, als hätten die Stücklein, die er spielte, den freien Eidgenossen nicht sonderlich gefallen, denn nach kurzer Zeit schon saß der Hans wieder als Malefikant im Wasserturm zu Zürich.
In mondloser Nacht hören die Wächter ein Geräusch wie von einem Sprung in den See, ein Mensch taucht aus den Wellen – ein Schuß von der Wache – ein Schrei – der Flüchtling rudert und ringt noch eine Weile – dann verschlingt der See sein Opfer. Es war der Lange Hans. – Ob zur mitternächtlichen Stunde bisweilen noch der Geist des alten Kommunisten aufsteigt und über den Wassern schwebt, die menschliche Gesellschaft zu beunruhigen – weiß ich nicht zu sagen. –
Als wäre der Fall des Familienhäuptlings ein böses Vorzeichen vom Untergange nicht nur der eigenen Sippe, sondern des gesamten Vagantenvolkes, brach jetzt für diese Heimatlosen eine verhängnisvolle letzte Zeit herein.
Geschärft ward allenthalben das Schwert der Kriminaljustiz. Die Waage in der Hand des Richters muß empfindlich im höchsten Grade gewesen sein, denn das geringste Gewichtsteilchen von Schuld reichte hin, die Schale des Missetäters hoch hinaufzuschnellen. Lange war der Name des Schultheißen Schäfer zu Sulz am Neckar der Schrecken aller Landfahrer. Man erzählt sich heute noch, daß Hunderte jener armen Teufel durch den gestrengen Richter von Rechts wegen dem Henker überliefert worden seien.
Auch die Gebeine des Schwarz Sepple ruhen zu Sulz unter dem Galgen. – Den Stumpfarm wollte man anfangs der neunziger Jahre unter einem Haufen Sansculotten im Elsaß gesehen haben, später soll er gezwungen worden sein, Bekanntschaft mit der Guillotine zu machen.
Trautel, nach langer Haft endlich aus dem Gefängnisturm entlassen, verlor sich spurlos unter der Menge. – Von Schön Rösel hat man nichts mehr gehört und gesehen seit ihrem Abzug mit den Neufranken.
Im letzten Kapitel geht Lucian Reich wieder auf die Verfolgung und Ermordung der Jenischen ein.
Über den nach Lucian Reich schlimmsten Inquisitor, den Schultheiß Schäfer zu Sulz am Neckar, konnte ich leider nichts finden.
Auch über die Jenischen selber läßt sich heute nur noch wenig finden, da von den Überlebenden der Verfolgungen um die Jahrhundertwende (1780-1810) wohl viele in der Anonymität Zuflucht gefunden haben.
Jenische Familien wurden später von den Nazis verfolgt und ermordet und sie sind in Deutschland, im Gegensatz zur Schweiz, bis heute nicht als als nationale Minderheit anerkannt.
Die Jahre eintausendachthundertdrei und -vier waren herbeigekommen und die reichsstädtischen Souveränitäten nebst noch manchem anderen unter den Trümmern der alten deutschen Reichsverfassung begraben worden.
Unser alter Freund, der Feldwaibel, erlebte diese Katastrophe noch sowie die politischen Neugestaltungen in Deutschland; sie machten dem Alten . wenig Bedenken. Aber die Auflösung des fürstenbergischen Korps, eine Folge jener Weltereignisse, das Verschwinden jenes Banners, unter welchem der bereits ergraute Soldat sich noch Lorbeeren gesammelt, das war für ihn die letzte schmerzliche Begebenheit seines Lebens, ja vielleicht die nächstliegende Ursache seines Todes. Wenigstens war ein auffallender Wechsel in dem Gesundheitszustand des Veteranen zu bemerken seit der Zeit, als es bekannt geworden, welchen Ausgang die Verhandlungen der Reichsdeputation zu Regensburg nehmen werden.
Im Frieden von Lunéville hatte Österreich auf die linksrheinischen deutschen Gebiete verzichtet. Das Haus Fürstenberg war nicht dem Rheinbund beigetreten. *
Als Feldmarschall Leutnant Fürst Karl Aloys von Fürstenberg am 25. März 1799 bei Liptingen gefallen war, hatte seine Gemahlin, Elisabeth Fürstin zu Fürstenberg, Prinzessin von Thurn und Taxis die Vormundschaft über ihren Sohn, den 1796 in Prag geborenen Prinzen Karl Egon II.. *
So zogen wohl 1804 die fürstenbergischen Truppen auf immer aus Hüfingen ab und Hüfingen wurde Teil der Rheinbundstaaten und des Großerzogtums Baden. *
In Baden wurden Rekruten durch Konskription ausgehoben.
Was vielleicht interessant ist, ist die Konskription und der Aufstand von 1806 in Hüfingen
Schon im Oktober 1806 fand auch in der Baar die erste Truppenaushebung nach der Eingliederung in das Großherzogtum Baden statt. Sie stieß in der Baar auf Widerstand, der in verschiedenen Gemeinden zu Behinderung der Konskription und zu offenem Aufruhr führte. ….
…Am 26. Oktober hatten sich Bauern und Bauernsöhne aus Mundelfingen, Hausen vor Wald, Behla, Riedböhringen und anderen Orten zusammengerottet – sogar in Donaueschingen habe es gespuckt – , waren in Hüfingen vor das Schloß gezogen, um mit Bengeln und Prügeln bewaffnet einige Beamte der Donaueschinger Regierung aufzusuchen.
Chronik Hüfingen von August Vetter (1984) Seite 260 ff
Er fühlte die Abnahme seiner Lebenskräfte, und der Soldat bereitete sich, so wie er gelebt, als Mann auch zu scheiden aus dieser Zeitlichkeit. Gefaßt und ergeben hatte er von Priesterhand die Letzte Olung empfangen zur Reise in das unbekannte Jenseits. Es war am Morgen desselben Tages, an welchem die Fürstenberger den Befehl erhalten, sich zu sammeln, um reorganisiert und einem neuen Kriegs- und Landesherrn zugeführt zu werden.
Der Kranke war eingeschlummert, als gegen Mittag Trommelschlag ihn erweckte. Da bat er die hingebend sorgliche Hausfrau, ihn aufzurichten, damit er durch das Fensterlein in der Stadtmauer hinausschauen könne auf die Heerstraße, denn hier mußten die abmarschierenden Kriegsgefährten vorüberziehen. Unverwandt haftete der Blick des Soldaten auf der scheidenden Kompanie, bis diese ihm so teuren Weißröcke für immer hinter der Anhöhe bei Almendshofen verschwunden waren. – Dann sank er zurück in die Kissen. Einige Augenblicke darauf suchte er die Hand der Hausfrau und sprach wenige kaum verständliche Worte – es war der letzte Abschied, das Ende nah.
Die gute Annakäther hatte sich über den Sterbenden gebeugt, ihre Tränen träufelten auf sein bleiches Angesicht; dann kniete sie an der Bettstatt nieder und betete zum Namenspatron des Verscheidenden, zum heiligen Michael, dem „unüberwindlichen Fechter und Beschirmer, daß er den kranken heimziehenden Menschen schützen und geleiten möge aus diesem Jammertal, hinauf – in die Wohnungen des ewigen Friedens“ Ehe der Abend herangekommen, war er entschlummert.
Die Tochter in Wildenstein wollte haben, die Mutter solle nun zu ihr ziehen, um den Rest ihrer Tage bei ihren Kindern und Enkeln sorgenfrei beschließen zu können; doch die Matrone war nicht zu bewegen, das gewohnte Stüblein zu verlassen – bis zu dem Tage, der auch sie abrief zur Vereinigung mit dem vorangegangenen Gatten.
Tolberg blieb für immer bei seinen Kindern. Lebhaftes Interesse nahm der alte Geschäftsmann am Fortgang des Uhrenhandels, dem er durch Adressen und Verbindungen manchen Vorteil zuzuweisen vermochte. Wie auf einen stürmischen Herbst zuweilen noch späte, stillsommerliche Tage folgen, so verlebte der vielgeprüfte Mann noch heitere, glückliche Tage.
Ehe wir jedoch dem freundlichen Leser die Hand zum Abschiede reichen, sei uns vergönnt, noch einen Blick zu tun auf das Schlußbildchen.
Wir versetzen uns in die erste Zeit glücklichen Ehelebens unseres Paares.
An der Schwelle des eigenen Heimwesens sitzt das vergnügte Ehepaar, Hieronymus und Helena, diese Kinder einer abgeschlossenen Zeit, deren Enkel kaum mehr wissen, wie es zu den Tagen der Großeltern im Lande ausgesehen.
Es ist Abend; die Mühen des Tages sind vorüber. Mondlicht zittert durch die Zweige, friedlich, versöhnend; und beim Anblick der ewigen Sterne ziehen in die Brust des Menschen Friede und Vertrauen – und die Seele beseligt die Liebe, von welcher die Heilige Schrift sagt, daß sie stärker sei – als der Tod.
Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Dreiundzwanzigstes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
Heimkehr und Heiratsantrag – Unverhoffte Rückkehr Der eigene Herd
Fünfmal schon hatte der Frühling Wald und Flur mit neuem Grün geschmückt, seitdem Helena das Haus der Pflegeeltern verlassen. Immer noch war sie auf Wildenstein die treue Dienerin, die liebreiche Pflegerin der Kinder, die unermüdliche Gehilfin im Haushalte des Schloßverwalters.
Wohl trat bisweilen das Bild früherer Tage ihr vor die Seele, und das bitter wehmütige Gefühl des Alleinstehens in der Welt wollte sie anwandeln. Doch Tätigkeit und Pflichtübung leiteten ab vom trüben Sinnen und füllten, grünenden Ranken gleich, die Lücken ihres Innern; leise keimende Hoffnungen erleuchteten es wohl auch mit dem Scheine künftiger glücklicher Tage.
Schon wehte der Wind wieder über die Haberstoppeln – weder die Wachtel in den Furchen noch die Lerche in den Lüften ließen ihr Lied mehr erschallen, da schritt ein Wandersmann auf der Straße von Sigmaringen stromaufwärts durch das Donautal. Er war vorbeigezogen an der alten Hochveste Werrenwag, welche, ein Wächter über das Tal, von schroffem Fels herniederschaut. Bereits war die Sonne dem Untergehen nahe, als der Wanderer sich auf die rechte Talseite gewendet, wo ein nur wenig gangbarer Pfad hinzog.
Schloss Werenwag oder „Hochveste Werrenwag„, wie Lucian Reich schreibt, befindet sich im Oberen Donautal der Gemeinde Beuron.
Schloss Werenwag Foto: Roland Nonnenmacher auf Wikipedia
1629 erhielten die Grafen von Fürstenberg das Schloss, das sie 1721 an die Freiherren von Ulm zu Erbach verkauften. Erst im Jahr 1830 kam Werenwag wieder in den Besitz der Fürsten von Fürstenberg. (Wikipedia)
Lange Schatten ruhten auf dem tiefen, felsumgürteten Grund und seinem grünflutenden Strom. Nur die hohe, fürstenbergische Burg Wildenstein schaute kühn noch dem Tagesgestirn ins leuchtende Antlitz. Eine Gestalt aus längst verflossener Zeit, schien der ernste, schmucklose Bau den Pilgrim im Tale zu begrüßen.
Auf steilem Pfade stieg der Fremde den zackigen Felsgipfel hinan. Vor der Zugbrücke, welche, mit ihren langen Armen einer riesigen Spinne vergleichbar, den breiten Felsspalt überdeckte, stand er eine Weile still, das Haus mit seinem gewaltigen viereckigen Turme zu beschauen. Das Dach hing nur lose in eisernen Schlaudern darüber, denn die festgewölbte Stirne des Baues trotzt auch dem zerschmetternden Wurfgeschoß. War die Brücke aufgezogen, so fanden nur noch Raben und Geier den Eingang in das einsame Felsennest.
Burg Wildenstein, Postkarte ca. 1910 Foto: Wikimedia
Dumpf dröhnte die alte Brücke, als der Wanderer in luftiger Höhe über den Abgrund schritt, um durch das finstere Tor in den engen Burghof zu gelangen. Im abendlichen Dunkel erblickte er hier an dem mittelalterlich überdachten Ziehbrunnen, welcher durch den Felsen bis auf die Sohle des Stromes niedergeht, ein Mädchen, eben im Begriff, ein kupfernes Wassergefäß auf den Kopf zu heben. – Einem schüchtern forschenden Blicke des Mädchens in das sonngebräunte Angesicht des jungen Mannes – folgte freudig überraschendes Erkennen – es waren Hieronymus und Helena.
Wie eine weiterschleppte Taube, frei gelassen, den Flug wieder nach dem wohlbekannten Dache richtet, und die Schwalbe nach vergangenem Winter wiederum die alte Heimat sucht, also kehrte der lang Gewanderte nach fast fünfjähriger Abwesenheit in die Heimat zurück. Das Verlangen, Verwandte zu sehen und die bewährte Jugendfreundin, hatte den Heimkehrenden bewogen, die Heerstraße zu verlassen und den rauhen, wenig begangenen Weg im Stromtal einzuschlagen.
Als zartes, feingeputztes Herrenkind war sie einst dem schlichten Knaben im Zwilchkittel gegenübergestanden, und jetzt – sah er das bürgerlich und häuslich gekleidete Mädchen vor sich, ihm die schöne, doch etwas schwielige Hand zum Gruße darreichend.
Freundlich aufgenommen von den Vettersleuten und ebenso gut bewirtet, weilte der Reisende einen Tag auf dem Schlosse. Als er des Morgens wieder fürbaß zog, den steilen Felsabhang hinunter, sah man den sonst eilfertigen Wanderer wiederholt nachdenklich stehenbleiben, als habe er etwas vergessen, etwas liegenlassen oben auf der Burg. – Ofter blickte er zurück nach dem Orte, den er eben verlassen – wiewohl ein dichter Herbstnebel verhüllend um die Felsen zog und die kahlen Giebel des Hauses nur undeutlich aus dem Duft hervorschauten. Offenbar fesselte den Blick des Dahinziehenden ein mehr als gewöhnliches Interesse. Dennoch vermögen wir nicht viel mehr zu berichten, als daß unser Freund hatte versprechen müssen, über’s Jahr wiederum auf Besuch nach Wildenstein zu kommen. – Unverkennbar aber ist gewesen, daß die Züge des Wanderers von innerer Freudigkeit erglänzten wie die grünende Flur vom hellen Streiflicht der aufgehenden Sonne.
Dem heimgekehrten Sohne war die Freude des Wiedersehens von Vater und Mutter leise getrübt durch die Wahrnehmung, wie die so sehr Geliebten seitdem merkbar gealtert hatten.
Die Heimat übte auf den gereiften jungen Mann ihre wohltätigen Zauberkräfte. Manches erschien ihm zwar jetzt in verändertem Lichte; der rosige Schimmer der Jugend hatte der wenig phantastischen Tagesbeleuchtung weichen müssen. Aber er hatte hier seine Jugend verlebt, und wenn er um sich schaute, so sproßten auf jedem Platze, aus jedem Busch in Feld und Wald alte Erinnerungen auf, die ihm, wie Blumen, ihre erquicklichen Düfte zuwehten.
Doch nicht als Träumer und Phantast war er zurückgekehrt: obwohl er sich anfangs vorgenommen, sein Besuch solle nur ein vorübergehender sein, so war sein ganzes Sinnen und Trachten doch alsbald auf Tätigkeit und festen Lebensberuf gerichtet. Seit der Einkehr in Wildenstein schien es, habe er ein ungewisses Streben ins Weite aufgegeben; und schon in den ersten Tagen seiner Wiederkunft ward ihm durch Romulus eine wohl zu erwägende Idee geboten.
Dieser, der langjährige Student, hatte, wie er seinem Freunde Hieronymus vor Jahren schon geschrieben, wirklich umgesattelt und sich dem Schulfach zugewendet. In Donaueschingen, wo er bei dem dortigen Normallehrer und Musikpräzeptor Unterricht genommen, hatte er ein gutes Examen gemacht und alsogleich auch eine Anstellung auf dem Wald erhalten. Bei einem Besuch in der Heimat war er mit Hieronymus unter anderm auch auf die Uhrenindustrie zu reden gekommen, welche Industrie in dem Tal, wo er den Schuldienst versah, besonders schwunghaft betrieben wurde. Namentlich die Uhrenschildmalerei war es, welche zur Zeit mehr und mehr selbständig sich ausbildete. Zu den größeren Spieluhren mit Gestellen und Säulchen wurden ganze Tableaux verlangt, die geübtere Kräfte als die bisherigen verlangten; und Romulus machte seinem Freunde den Vorschlag, die Sache in die Hand zu nehmen.
Hieronymus war nicht abgeneigt. – Ein Anfang ward gemacht; ein gesegneter Fortgang fehlte nicht. Denn nach kurzer Zeit waren seine Arbeiten weit und breit in der Umgegend bekannt und gesucht. – Eine Uhrenhändler-Compagnie bot ihm bald auch Kapitalien zur Vergrößerung des Geschäftes, aber er schlug es aus, um seine Selbständigkeit nicht zu gefährden. – Wo aber ein guter Grund gelegt, das Gedeihen sichtbar ist, da wenden die Augen der Nachbarn sich hin; denn sie wissen mit Salomo, daß im Hause des Weisen ein lieblicher Schatz sei.
Uhrenschild von Lucian Reich
Der Stabhalter, praktisch in allem, was er tat, gab dem Meister Schildmaler nicht undeutlich zu verstehen, daß er noch eine zweite hübsche Tochter habe und auch imstand sein würde, einem braven Schwiegersohn nachhaltig unter die Arme zu greifen. – Aber auch in diesem, wie im Punkte des Anerbietens der Uhrenhändler-Compagnie, schien Hieronymus ziemlich harthörig zu sein. – Und wo der Sitz des Übels lag, konnte entnommen werden aus einem Zwiegespräch in Hüfingen, wohin Hieronymus gegangen war, um seine dortigen Freunde zu besuchen.
Es war am Herz-Jesu-Fest, welches Fest der Stadt immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte. Auch das Bäbele von Wildenstein war zum Besuch der alten Eltern gekommen. Die kirchlichen Feierlichkeiten waren vorüber und die Familie und Hieronymus im Hausgärtlein versammelt, den lauen Sommerabend im Freien zu genießen. Man plauderte von allerlei; und als endlich die Mutter Annakäther ins Haus sich begeben, um ein Nachtessen zu richten und auch ihr Mann sich vom Bänklein erhoben hatte, um die Vogelkäfige aus dem Garten in die Stube zu bringen, hatte Hieronymus mit der Verwaltersfrau, in den Wegen auf und abgehend, ein Gespräch angefangen.
Das Herz-Jesu-Fest „welches Hüfingen immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte“ wird heute noch in Fürstenberg gefeiert. Das traditionelle Fest findet stets zehn Tage nach Fronleichnam statt und gehört heute noch zu den kirchlichen Höhepunkten der Fürstenberger.
Die Frau äußerte sich scherzhaft über sein Glück und gratulierte ihm zu den vorteilhaften Heiratsanträgen, die ihm, wie sie von ihrer Mutter gehört, gemacht worden seien. Hieronymus ging auf den Scherz ein. „Ich bin ein Glückskind“, sagte er, „Ihr habt Recht, Base, und ich muß Euch auch gestehen, daß ich das Heiratskapitel seit neuerer Zeit öfter in Betracht ziehe. – Zum freiwillig ledigen Stand, mein‘ ich, gehört ein gewisses Genie – oder aber eine solche Selbstgenügsamkeit, wie sie mein Freund Severin besitzt. Zu beidem fühl‘ ich keine Anlage in mir. Meiner Natur nach bin ich mehr zum folgsamen Ehemann geschaffen.
„Folgsam“, wiederholte die Base lachend, „das ist eine Tugend, die eine Frau sehr glücklich machen kann. – Da Ihr aber, wie man hört, so heiklich seid, so wär ich doch begierig auf Eure Wahl.“ „Vielleicht ist sie gar schon getroffen, diese Wahl!“ warf Hieronymus zum Ernst übergehend hin. „Ich will offen mit Euch reden, Frau Bas. – Seht, als ich im vorigen Herbst auf der Heimreis‘ bei Euch auf Wildenstein eingekehrt bin, da ist es dem lang in der Fremde gewanderten Menschen wieder einmal recht heimelig ums Herz worden; und ich gesteh’s, als ich das treue Walten und Schaffen Eurer Helene gesehen, hab ich unwillkürlich den Mann beneidet, dem sie der Himmel einst als Frau an die Seite setzen wird. „Euer Gusto ist nicht der schlechteste“, versetzte schalkhaft die Base. „Ei, ei, am End werd ich gar meine Haushälterin und Lehrerin meiner Kinder einbüßen sollen. – Bedenkt doch -“ „Bedenken? Was soll ich bedenken? Daß ein so braves Mädchen nicht mehr frei sein werde – nicht wahr?“ „Richtig, etwas ähnliches hab ich sagen wollen. – Ich will Euch ein Geheimnis mitteilen, Vetter, obwohl man nicht aus der Schul schwätzen soll. – Ihr wißt, jedermann hat Geheimnisse, so ein Heiligtum, in welches nur Vertraute zuweilen einen Blick tun dürfen. Als mir Helene einmal ihre Andenken aus früheren Jahren im Haus ihrer Pflegeeltern gezeigt hat, hab ich auch etwas dabei gefunden, so wie – alte Liebe rostet nit.“
„Briefe vielleicht, von irgendeinem Verehrer?“ fragte Hieronymus ein wenig betroffen. „Nicht weit neben die Scheibe geschossen“, entgegnete lächelnd die Frau, „’s ist so was gewesen – wie schön gemalte Neujahrswünsch‘: Spann auf den goldenen Bogen, Aurora, schönste Frau, und dergleichen; und das Mädchen hat mir gestanden, daß sie von jemand herrührten, den es nicht vergessen könne!“ „Also so sorgsam immer noch aufgehoben?“ fragte Hieronymus in einem Ton, der nichts weniger als gleichgültig klang. „Ja – es sind schöne Zeiten gewesen!“ setzte er bei – und die Base glaubte zu bemerken – obwohl es schon dunkelte und die Fledermäuse bereits um die alte Stadtmauer und um das Gärtlein flatterten – zu sehen glaubte sie, daß es freudig, wie ein heller Strahl über das Gesicht des jungen Meisters hinziehe.
„Aber noch ein’s“, nahm die Base wieder das Wort: „Vermögen -“ „Hat sie keines!“ unterbrach sie rasch Hieronymus. „Das weiß ich. Aber ich denk, ihre guten haushälterischen Eigenschaften bilden ein Kapital, das sich reichlich verzinsen wird.“ „Wenn Ihr so rechnet, Vetter“, entgegnete die Frau, „so könnt ich mich vielleicht dazu verstehen, Euch einen Liebesdienst zu erweisen.“ „Ich nehm Euch beim Wort, Frau Bas!“ versetzte Hieronymus lebhaft, ihre Hand ergreifend. – Und noch denselben Abend verfaßte er ein Schreiben an Helene, welches die Verwaltersfrau bestens zu besorgen versprach. – Das Fräulein möge nicht übel aufnehmen, schrieb er, wenn er sich die Freiheit nehme, einen Brief an sie zu richten; es müsse einmal gewagt sein. Eilig, wie ein rasch fließendes Waldwasser dränge es ihn dem Ziele zu. – Er komme sich vor wie Noah in der Arche, der die Taube ausgeschickt habe, die, so hoffe er, nun auch für ihn mit dem Olzweig zurückkehren werde – usw.
Des andern Morgens zogen beide Paare von dannen; das Bäbele nämlich mit dem Brief nach Wildenstein, Meister Hieronymus mit seiner Hoffnung nach Laubhausen. – Und wir können nur wünschen, daß die Liebesbötin ihr Anbefohlenes fester verwahrt gehalten als der Antragsteller seine Hoffnung. Denn unterwegs schon kamen ihm allerlei Zweifel über die Aufnahme seines eiligen Briefes. – War es vielleicht Selbsttäuschung, als er auf Wildenstein in den Augen des Mädchens ein besonderes Wohlwollen gegen ihn zu erblicken vermeinte? – Doch – wenn er dann wieder an die Mitteilungen der Base dachte, so war es ihm, als wehe ihn frische Morgenluft an, alle Zweifel zerstreuend.
Zu Hause angekommen, zählte der ungeduldige Mensch Tage und Stunden – es war unmöglich, daß so bald Antwort da sein konnte, und doch blickte er jeden Morgen die Straße entlang, auf welcher der Amtsbot, der auch alle Privatbriefe besorgte, zu kommen pflegte. Mitten in diese mühende Unentschiedenheit hinein fiel aber ein Ereignis, welches, einem Meteorstein ähnlich, die ganze Nachbarschaft in Aufregung versetzte.
Wie eine alte, breit gewurzelte Tanne Generationen absterben und jüngere um sich heranwachsen sieht und, in scheinbar unverwüstlicher Zähigkeit Wind und Wetter trotzend, immer dieselbe bleibt – also lebte stets noch der greise Köhler Klaus, versah sein Handwerk mit der gewohnten Sorglichkeit. – An seinen Schürbaum gelehnt, sah der Alte in jenen Tagen einen fremden Mann dem Kohlplatz zuschreiten. Er hielt den Wanderer seiner Kleidung nach für einen Jakobsbruder, der auf dem Wege nach Hüfingen im Begriffe stehe, zum dortigen Jakobifest zu pilgern.
Jakobusbrunnen
Und noch ein Kirchenfest: Das Jakobifest. In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder.
Der Fremde war angetan mit einem braunen Pilgergewand, während ein breitrandiger Hut sein ernst schauendes Gesicht beschattete, welches in stark ausgeprägten Zügen tiefe Spuren ungewöhnlicher Erlebnisse trug. Der Ankömmling hatte den Alten begrüßt und, wie es schien, ermüdet dem rauchenden Meiler gegenüber auf dem Rasen Platz genommen. Fragen an den Alten hatte dieser in gewohnter Dienstfertigkeit beantwortet. Nachdem der Unbekannte die große, altersgraue Gestalt des Köhlers einige Augenblicke unverwandt angeblickt, sagte er forschend: „Wie geht es Eurer Familie?“ „Des Stabhalters, meint Ihr? – Gut, gottlob!“ „Und Eurem andern Schwiegersohn?“ Der Alte schwieg betroffen und mißtrauisch. „Ich habe gehört, er lebe noch“, fing der Fremde wieder an. „ „Würdet Ihr ihn wieder erkennen, alter Vater, wenn er jetzt auf einmal vor Euch stünde?“ Klaus schaute blitzenden Auges dem Manne ins Gesicht. – „Tolberg“ schrie er in heftiger Bewegung. „Weich, Versucher!“ Und zum gewaltigen Schlag ausholend, schwang der Köhler den Schürbaum.
Der Pilgersmann aber nahm den Hut vom Kopfe und sagte gelassen: „Schlagt zu, wenn es dann besser ist! – Seht her, Vater, meine Haare sind so grau wie die Eurigen.“ – Da ließ der Alte die Arme sinken und stöhnte: „Und Euer Kind?“„Werdet Ihr wiedersehen, wenn es Gottes Wille ist“, versicherte Tolberg.
„Und mein ungeratener Sohn – Euer Kamerad?“ „Dieter“, entgegnete zögernd der Schwiegersohn, „dem wird Gott gnädig sein!“ „Also tot! – Gott verzeih ihm, wie ihm sein Vater verzeiht.“ Der Alte mußte sich setzen, seine Knie wankten. „Ihr sollt alles hören – über alles Auskunft erhalten – aber jetzt faßt Euch, kommt zur Hütte und von da in Euer Haus – laßt den Jungen hier beim Geschäft zurückkommt!“
Tolberg faßte den alten Mann am Arme, ihn nach der Hütte zuführend; und nach kurzem Verweilen sah man sie weiterschreiten, in der Richtung nach der Wohnung des Köhlers. Klaus hatte niemanden noch den Namen des Fremden genannt, doch verbreitete sich bald das Gerücht, Tolberg sei wieder da und suche seine verlorene Tochter, welche mit den Landfahrern herumziehe. Von dem Angekommenen wußte man nur so viel, daß er, nachdem er in früher Morgenstunde lange auf dem Grabe Johannas verweilt, des andern Tages schon wieder das Tal verlassen habe.
Nach etwa einer Woche war der Fremde bei Nacht wieder im Haus des Köhlers angekommen, und gleich des andern Morgens in der Frühe empfing Meister Hieronymus in seiner Werkstatt ein Handbillett, von Tolberg unterzeichnet, worin dieser ihn, einer notwendigen Unterredung halber, zu sich ins Haus des Köhlers einlud. Der Meister säumte nicht lange, denn es war ihm alsobald klar, daß man von ihm Auskunft erwarte über Herrn Tolbergs Tochter, mit welcher er ja in früher Jugend so oft zusammen war und welche er vor wenig Jahren noch bei den Vaganten getroffen hatte.
In der Wohnstube des Köhlers eingetreten, fand Hieronymus daselbst einen ältlichen, mildernst aussehenden Herrn, welcher, nachdem er sich überzeugt, daß er in dem Angekommenen den rechten Mann vor sich habe, also anfing: „Entschuldiget, junger Freund, daß ich Euch hierher bemüht – ich heiße Tolberg – ohne Zweifel habt Ihr diesen Namen schon nennen gehört und wißt auch, daß ich der Schwiegersohn des Forbachklaus bin. Daß ich ein Töchterlein hier zurückgelassen, wird Euch ebenfalls nicht fremd sein – ja, man sagte mir, daß Ihr sie näher kennen sollet.“
„Wenn ich nicht irre“, versetzte zögernd Hieronymus, „so kenne ich sie allerdings, wir waren früher oft zusammen. – Doch jetzt im Augenblick wär ich nicht imstande“ – Der Sprecher stockte, es war ihm ein zu heikler Punkt, die fatale Vagantengeschichte zu berühren.
„Ich verstehe schon“, fiel der alte Herr ein, „ich will jedoch gleich von der Hauptsache mit Euch reden. – Nachdem der Himmel die Tochter glücklich in die Arme ihres Vaters zurückgeführt hat, gestand mir das Mädchen, als ich sie nach allen ihren Lebensumständen genau befragte, daß sie ihr Vertrauen und ihre ganze Lebenshoffnung schon von früher her auf einen wackern jungen Mann gesetzt habe; sie glaubt auch, daß ihr besagter junger Mann wohl zugetan sei. – Ich habe“, fuhr er mit bewegter Stimme weiter, „ich habe in diesem Punkte eine zu herbe Schule durchgemacht, als daß ich der Neigung meines Kindes hemmend in den Weg treten möchte. – Weil mir nun“, schloß der Sprecher mit lächelnder Miene, „das Mädchen einen gewissen Hieronymus als ihren Freund bezeichnet – so hab ich Euch heute hierher rufen lassen.“
Dem Angeredeten war es bei dieser Wendung der Rede siedend heiß geworden, er erinnerte sich wieder der Zutunlichkeit Schön Rösels gegen ihn, als er sie damals im Walde getroffen. – Verwirrt und verlegen, wußte er nicht alsogleich etwas Passendes zu erwidern.
Herr Tolberg, der sein Schweigen für Schüchternheit auslegen mochte, fuhr ermunternd fort: „Ich wünsche, junger Freund, daß Ihr in allen Stücken Euer Zutrauen auf mich setzen möchte; ich höre, daß Ihr tätig und strebsam seid – ist Euch mit einem Kapitälchen zur Erweiterung Eures Geschäftes gedient, so sprecht offen.“
„Verehrtester Herr*, fiel jetzt Hieronymus mit Entschiedenheit ein, „für Euren gütigen Antrag muß ich höflich danken. Ich glaube vorerst mit Fleiß und Beharrlichkeit mein vorgestecktes Ziel ohne fremde Hilfe zu erreichen. Was aber das andere, nämlich Eure Tochter anbetrifft, so will ich offen und aufrichtig gegen Euch sein, wie Ihr es gegen mich seid. – Eure Tochter, ja, ich habe sie gekannt schon in frühester Jugend, sie war meine Gespielin, ich erinnere mich auch, daß sie immer besonders freundlich gegen mich gewesen ist – doch die Jahre und Verhältnisse haben uns getrennt – es sind vielleicht schon sechs bis sieben Jahre oder noch länger, seit ich sie zum letzten Mal im Wald – in der Nähe des Grumbentobels – gesehen und gesprochen habe.“ Die Geschichte am Stöckle-Turm kam ihm zwar auf die Zunge, doch hielt er stockend inne.
Tolberg schaute den Sprecher groß an, aber Hieronymus fuhr fort: „ Wenn sie aber ihr Vertrauen in mich gesetzt hat, so tut’s mir herzlich leid. – Meine Hoffnung und mein Entschluß stehen fest. – Ich kenne ein Mädchen, und wenn es geht, wie ich hoffe, und sie mir ihre Neigung zugewendet und Gott meinem Tun und Schaffen Gedeihen schenkt, so soll niemand als sie die Gefährtin meines Lebens sein. Und wenn ich heute zum Millionär, ja zum König würde, so sollte keine andere als sie meine Königin sein.
In Tolbergs Mienen drückten Erstaunen und Betroffenheit sich immer deutlicher aus. „Eure Gesinnungen muß man ehren; aber was redet Ihr da“, fügte er kopfschüttelnd bei, „vom Wald, von sieben Jahren?“ Der junge Meister fühlte seine Lage immer peinlicher werden. Tolberg aber schritt unwirsch, fast verdrießlich nach der Kammertür: „Da, sprecht selbst miteinander, ich kann nicht klug werden aus der Geschichte.“
Halb starr blickte Hieronymus auf die geöffnete Tür, als befürchtete er einen Auftritt wie weiland in der unterirdischen Bettelküche. Da trat Tolberg wieder ein, an seiner Hand – nicht Schön Rösel, sondern – Helena in all ihrer Lieblichkeit, gleich einer in lauer Frühlingsnacht aufgebrochenen Rose.
Wie von bösem Zauber gebannt stand der Freund da – also Helene des reichen Tolbergs Tochter! Dieser Gedanke durchfuhr ihn blitzschnell, und er vermeinte seine Hoffnung vor seinen Augen versinken zu sehen. – Lächelnd aber trat das Mädchen auf ihn zu. „Ich bin Euch Antwort schuldig – Hieronymus -!“ sagte sie treuherzig. „Hier!“ Und damit legte sie ihre Rechte in die seinige. Und freudig überrascht drückte der Überglückliche ihre Hand an seine Brust. Überlassen wir jedoch die beiden ihrem Glücke und wenden uns, wie der Leser wohl nicht anders erwarten wird, zunächst der Geschichte Tolbergs zu.
Nach der Zurückkunft ins Vaterhaus lebte der junge Mann in der ersten Zeit noch ganz dem Andenken seiner Johanna. Wenn die Verhältnisse ihn wie ein lastendes Gewicht niederdrückten, schwangen sich die Gedanken in jene friedlichen Tannenwälder – wo ein liebendes Weib seiner harrte.
Nicht allzulange jedoch konnte sein leicht veränderlich Wesen festhalten an solch sehnsüchtig unbefriedigenden Schattenbildern. Der Tod Johannas traf bereits den für die Welt erzogenen Sohn reicher Eltern in einer Stimmung merklich verkühlten Herzens, und es kam bald so weit, daß der junge Herr seiner Verbindung mit jener Tochter des Waldes kaum noch als eines unüberlegten Streiches, einer jugendlichen Verirrung gedachte.
Wohl lag die Versorgung des hinterbliebenen Kindes dem von Natur aus nicht zum gewissenlosen Menschen geschaffenen Vater am Herzen. – Dieses Kind jedoch mußte auswärts erzogen werden; der Jugendstreich des Sohnes sollte und mußte vertuscht bleiben – so wollte es die Ehre des Hauses. – Der Sohn erinnerte sich jener freundlichen Familie des Obervogts, die er während seines Aufenthaltes im Schwarzwalde kennengelernt. – Hier konnte man das Kind unterbringen. Fern von der verfeinerten und verbildeten Welt sollte das Töchterlein eine anständige, aber einfache Erziehung erhalten. Später, wenn sich die Verhältnisse geändert, kalkulierte der Vater, konnte die herangewachsene Tochter ja immer noch in die Arme ihres unbekannten Vaters zurückgeführt werden.
Durch den geistlichen Herrn in Laubhausen wurde die Sache auch befriedigend ins Reine gebracht. Der Obervogt mit seiner Familie war unterdessen von seinem früheren Posten abgerufen und in ein entferntes Städtchen des Kinzigtales, später als Amtsrat nach Hüfingen versetzt worden. Ein regelmäßiges Jahresgehalt sollte für die Mühen und übernommene Pflege entschädigen.
Nachdem sich dieser Knoten im Leben des jungen Herrn Tolberg so befriedigend gelöst, hatte er der Stimme der Vernunft und der seines Vaters so weit Gehör gegeben, daß er für gut fand, sich wieder zu verheiraten. Es war begreiflich eine vorteilhafte Partie, eine Heirat nach der Mode. Ein Sohn, dieser Verbindung entsprossen, wurde in Paris erzogen. Nach dem Tode des alten Fabrikherrn aber waren die Bande der ehelichen Liebe bereits schon so lose geworden, daß eine beiderseits gewünschte Trennung des Paares erfolgte.
Die Vorläufer der Revolution hatten sich eingestellt. Man weiß, welch ein Schauplatz von Unfug und Greueln gleich zu Anfang dieses Weltereignisses das Elsaß gewesen. Tolberg war es gelungen, zu rechter Zeit noch einen, wenn auch kleinen Teil seines Vermögens nach Basel in Sicherheit zu bringen. Zur Flucht aber wollte er sich nicht entschließen, wie viele Freunde ihm auch das Beispiel dazu gegeben.
Da geschah es eines Tages, als er kurz vorher einen anonymen Warnungsbrief erhalten, daß ein ungebetener, lange nicht mehr gesehener Gast vor den ernstnachdenklichen Fabrikherrn trat. Es war ein verwahrloster, wildaussehender Mensch, nicht mehr jung. Auf dem schwarzen Filzhütlein, welches er beim Eintritt in das Wohnzimmer kaum ein wenig beiseite gerückt, prangte eine große dreifarbige Kokarde; eine schlotterig umgeschlagene Halsbinde verbarg Hals und Kinn, halbzerrissene, gestreifte weiße Pantalons, ein blautuchenes Militärkolett mit rotwollenen Epauletten bezeichneten einen Neufranken, der Dialekt aber, in welchem sich der branntweinduftende Bruder an den Hausherrn wendete, einen verkommenen Deutschen.
„Bon jour, lieber Schwager!“ lautete die Begrüßung. In merklicher Unruhe und mit einem Blick des Unwillens auf den Sprecher erhob sich Tolberg, ohne etwas zu erwidern. „Ich weiß“, fuhr der Eingetretene in maliziösem Tone fort, „daß ich hier, bei meinen lieben Verwandten, immer gerne gesehen und mit Ungeduld erwartet werde.“ „Du kommst“, fuhr Tolberg heraus, „jetzt gerade sehr ungelegen.“ „Ungelegen?“ wiederholte der andere höhnisch, „ich, der Dieter, das Genie, wie man mich früher zu nennen beliebte.“ „Zu oft schon hast du meine Güte mißbraucht mit deiner Zudringlichkeit.“
„Oho“, brauste Dieter auf, denn er war es wirklich, „aus dem Ton beliebt man aufzuspielen – ich bin jetzt der zudringliche Lump? – Ah, richtig, ich hab ja keine hübsche Schwester mehr, mit welcher sich der Herr en passant verlustieren könnte – doch jene Zeiten sind vorüber, und jetzt wirft man den Dieter in den Winkel wie einen durchgetretenen Stiefel. – Ah foudre!“ schrie der halbbetrunkene Altgeselle in anscheinender Erbosung, „verdammter Royalist; Kerl! ich spieß dich wie ein zappelnder Frosch!“ Er hatte aus einem Knotenstock, den er in der Linken hielt, einen Stockdegen gezogen und die spitze Klinge dem zitternden, erblassenden Tolberg auf die Brust gesetzt.
„Doch halt! Du dauerst mich – Schwager, du steckst in böser Haut – und der gutmütige Dieter, dem man schon so oft in diesem Haus die Tür gewiesen, das gutmütige Bruderherz kommt, um dich zu verwarnen. – Schau, die Axt ist am Baum – der Klub in Schlettstadt hat deinen Untergang beschlossen – bin ich nicht sein Mitglied – und ist nicht sein Vorstand mein deutscher Landsmann aus dem Badischen? – Wenn Monsieur Tolberg, der Aristokrat, nicht heut abend noch vor Sonnenuntergang das Felleisen schnürt, so“ – hier fuhr Dieter mit dem Finger quer über den Hals. – Tolberg erblaßte. „Schau“, fuhr der Klubist fort, „Dieter, das Genie, hat so spekuliert: du warnst den sorglosen Schwager und hilfst ihm in der Eil einige Trümmer seines Reichtums retten. – Fraternité, egalité, brüderliche Teilung – auch dem Republikaner liegt das Hemd näher als der Rock!“
Ehe jedoch Tolberg etwas auf diesen Vorschlag entgegnen konnte, wurde die Türe des Gemaches aufgerissen, ein Diener stürzte herein: „Rettet Euch, Herr, wir sind verloren!« keuchte der Mann. – Als wär eine Bombe in das Haus gefallen, also wirkte diese Hiobsbotschaft. – Sei es, daß man sich zu einer Flucht schon länger versehen – Tolberg eilt in das anstoßende Kabinett, reißt einen Koffer auf, nimmt daraus eine Schatulle und verschwindet durch ein zweites Zimmer – sein Diener hinter ihm her.
Dieter, wie ein Rüde, dem die nahe Beute entrinnt, stürzt den Flüchtigen nach, Tolberg und der treue Diener durcheilen den anstoßenden Garten, übersteigen die Mauer und gelangen glücklich ins Freie. Der Ort war aber schon umstellt von den Sendlingen des Schlettstadter Klubs. – In dem Augenblick, als der zu Tod erschrockene Fabrikherr mit seinem Diener querfeldein gegen ein nahes Gehölz sich wenden will, vertritt ihnen Dieter den Weg – wie eine Katze war er hinter den beiden her über die Mauer geklettert.
„Halt!“ schrie er mit vorgehaltener Klinge. „Die Schatulle, das Geld – so entkommst du mir nicht!“ Eine Minute verloren und alles verloren. – Tolberg wirft die hemmende Last von sich – aber vom Garten her nahen Stimmen – sie waren entdeckt. – Einige Schüsse krachen. – „Ich hab mein Teil!“ röchelt Dieter, vorwärts aufs Angesicht fallend über die Geldkiste, die er eben im Begriff war aufzuheben. Die andern rennen gegen den Wald, aber auch von dieser Seite kommen Bewaffnete, schneiden ihnen den Weg ab und bringen die Flüchtlinge zur Haft.
Tolbergs Güter wurden konfisziert, er selbst in den Kerker geworfen. Das über dem Haupte des Unglücklichen schwebende Fallbeil sollte übrigens sein Opfer nicht erreichen. Tolberg hatte Mittel und Wege gefunden, aus dem Gefängnis zu entkommen. Ein ehemaliger Handelsfreund verbarg ihn in seinem Hause; nachts führte ein vertrauter Knecht den Verkleideten aus der Stadt. – Als Tolberg beim Scheine einer Straßenlaterne dem stummen Führer ins Gesicht schaute, erschrak er innerlich – er glaubte Kolumban, den ehemaligen Köhlerknecht des Forbachklaus, vor sich zu sehen. – Beim Abschied wollte er ein Geldstück in die Hände des Führers drücken – der Mann wies es von sich. – „Ich kenn Euch“ – sagte er trocken zu dem Flüchtling, „behaltet in Gottes Namen, was Ihr habt.“ –
Nach wochenlangem Umherirren war es Tolberg gelungen, Nizza zu erreichen. Ein toskanisches Handelsschiff, welches nach Livorno segelte, nahm ihn auf. Am zweiten Tage der Fahrt aber wurde das Schiff von algerischen Korsaren angegriffen, genommen und nach Oran gebracht. Das Los Tolbergs wie all seiner Gefährten war die Sklaverei.
Zu harter Feldarbeit angehalten, hatte der Unglückliche jetzt Muße genug, während manchen schlaflosen Nächten sein bisheriges Leben zu überblicken. Ein Strahl bessernder Selbsterkenntnis mußte in sein Inneres gefallen sein. Seine Hände falteten sich oft zum Gebet – und wenn ihn sein Geschäft an den Meeresstrand führte, blickte er tränengefüllten Auges über die endlose Flut, die ihn trennte von allem, was ihm einst angehört.
Es waren viele Jahre verflossen, der Sklave hatte seinen Herrn gewechselt, und sein neuer Dienst führte ihn bisweilen in das sardinische Konsulatsgebäude. Dort gelang es ihm, Verbindungen zu knüpfen und endlich durch die bereitwillige Vermittlung des humanen Konsuls aus Deutschland sich die nötigen Gelder zu seinem Loskauf zu beschaffen.
Der Freigelassene hatte seinen Weg zunächst nach Italien genommen und nach glücklicher Fahrt in Civitavechia gelandet, gerade in dem Augenblick, als zur Feier eines christlichen Festtages hehres Geläute von den Türmen der Hafenstadt erschallte. – Überwältigt von dem Eindrucke dieses lange nicht mehr gehörten Klanges, fiel der Pilgrim auf sein Antlitz, und Tränen benetzten den Boden. – Sein nächstes Reiseziel war Rom. Von da pilgerte er weiter der Schweiz zu, wo jedoch sein Aufenthalt nicht länger dauerte, als es zum flüchtigen Ordnen seiner Vermögensverhältnisse vonnöten gewesen.
Hier erfuhr Tolberg denn auch das Schicksal seines in Paris zurückgebliebenen Sohnes; er war bald nach der Flucht des Vaters als ein Opfer der Revolution gefallen. Jetzt wanderte der Pilger rastlos dem Schwarzwalde zu, denn in die Heimat und die früheren Lebensverhältnisse zurückkehren mochte er nun nicht mehr. Nachdem Tolberg, wie wir gesehen, den alten Schwiegervater noch am Leben gefunden, galt der nächste Besuch der verwitweten Amtsrätin.
Die gute Frau konnte ihren Augen kaum trauen, als sie den längst Verschollenen vor sich sah, von dem sie nur wußte, daß er dem Blutgerüste entkommen und geflüchtet wäre. Stets noch auf die mögliche Rückkehr des Geächteten hoffend, hatte sie, dem gegebenen Worte treu, immer noch gezögert, die Pflegetochter mit ihren Verwandten auf dem Walde bekannt zu machen. Das Fortziehen des Mädchens aber zur befreundeten Familie durfte der Frau um so unbedenklicher scheinen, als es überhaupt nicht in ihrer Macht gestanden, solches zu verhindern. Zudem waren die Jahresgelder, welche man sonst regelmäßig bezogen, seit dem Verschwinden Tolbergs ausgeblieben.
Dokumente über Heimat und Abkunft der Pflegetochter, welche der Amtsrätin früher schon durch den alten geistlichen Herrn eingehändigt worden, hatte die Frau, für den Fall unerwarteten Todes, bei Gericht niedergelegt. Eben war Helena den Ihrigen bei einer Feldarbeit behilflich, als sie mit dem Bedeuten nach Hause gerufen wurde, daß der Bruder ihres unbekannten Vaters, dem sie manches zu danken habe, auf Wildenstein angekommen sei und sie alsogleich zu sprechen wünsche.
In ihrer ländlichen Kleidung, die Ärmel aufgeschürzt, betrat das Mädchen die mittelalterliche Verwalterswohnung, wo Tolberg ihrer harrte. – Bei diesem Anblicke Helenens ward der Vater fast sprachlos, er glaubte, Johanna vor sich zu sehen. – Helena aber eilte mit liebenswürdiger Hast auf ihn zu, ergriff seine Hand und bedeckte sie niedergebeugt zu seinen Füßen mit Küssen. „Gott, der Vergelter alles Guten“, sprach sie mit bebender Stimme, „lohne Ihnen alle Wohltaten, die Ihre Güte einer Waise in so reichlichem Maße gespendet!“
Kaum fühlte der alte Herr noch genug Kräfte, das dankbare Kind aufzurichten und an sein Herz zu drücken. – „Keine Waise“ – rief er, „meine Tochter, mein gutes geliebtes Kind!« Vater und Tochter umfaßten sich und hielten sich in langer, sprachloser Umarmung. – Als nach diesem Wiederfinden die Frau Amtsrätin in die Stube trat, flüchtete sich Helena aus der Umarmung des Vaters an die Brust der Pflegemutter; und in Liebe, Dank und elterlicher Wonne schlugen drei bewegte Herzen.
Ein neuer schöner Tag für Helena war derjenige, welcher sie in das Tal zurückführte, wo ihre Wiege stand, zu ihren Verwandten und vor allem in die Arme der leiblichen Schwester ihrer seligen Mutter. Dem alten Klaus war jetzt noch die Freude beschieden, seiner Enkelin, der Tochter der unvergeßlichen Johanna, noch einmal ins Gesicht zu schauen. Mit besonderer Freundschaft und Innigkeit schloß sich auch Florentina an die bräutliche Helena an.
Was aber soll ich erzählen von Vater Mathias, von Mutter Anastasia? Im Sohne sah der Vater alle Hoffnungen erfüllt, und in Helena hatte die Mutter eine liebende Tochter, eine Pflegerin ihres Alters gefunden. Zum Sitze häuslichen Glückes war die niedere Hütte des greisen Paares geworden, welches bisher so mutig unter allen Lebensverhältnissen ausgeharrt. – Hieronymus hatte im Frühjahr in der Nachbarschaft ein Haus gekauft und vollständig sich darin schon eingerichtet. Von der Hochzeit unseres Brautpaares mag nur soviel berichtet werden, daß das familiäre Mahl in der Mühle stattgefunden.
Severin, unseres Meisters erprobter und langjähriger Freund, war seit einiger Zeit schon zu ihm auf den Wald gezogen. – Der Aufenthalt in der, wie er meinte, so geräuschvollen Stadt an der Land- und Heerstraße war ihm verleidet. Sprach man ja doch allenthalben schon wieder von einem Kriege. Und der Junggeselle fürchtete nichts so sehr, als wieder Einquartierung zu bekommen. – Als Gehilfe und Mitarbeiter im Geschäfte der Schildmalerei war es vorzüglich die Aufgabe des kunstgeübten Altgesellen, die Gestelle oder Kasten der Spieluhren zu erbauen, zu schnitzen und in allerlei Art und Weise zu verzieren.
Durch Severin nun und Romulus war die geräumige Müllerstube für das Hochzeitsmahl bekränzt und mit passenden Inschriften geschmückt worden. Ein freundliches Geschick führte noch einmal alle unsere Bekannten hier zusammen. Wir sehen bei der fröhlichen Feier den Großvater, die Eltern und Pflegeltern der Brautleute, die Kinder von Helenens Pflegemutter, den Onkel Stabhalter mit Frau und Töchtern, Dionys und Florentina sowie den Laubhauser; unten am Tisch Philipp und Juliana, Peter und sein Agathle, den Kaiserzoller und sein Weib. – Der Feldwaibel als Veteran, mit dem wohlverdienten Ehrenzeichen auf der Brust, Frau Annakäther, die es sich jedoch nicht nehmen ließ, heute das Mahl bereiten zu helfen, der greise Schulmeister Bachweber, Severin und Romulus waren die andern Festgenossen.
An der Tafel sah man den letzteren eifrig beflissen, Platz zu finden neben Martina, der Herzenserkorenen, der zweiten Tochter des Stabhalters. Dieser war anfangs der Werbung des Normalschullehrers um sein Töchterlein nicht sonderlich hold gewesen; aber Juliana, gleichsam austilgend den Auftritt beim Ausmarsch ihres Landsturmmannes, war des Bewerbers eifrige Fürsprecherin beim Vater geworden und hatte diesen auch glücklich umzustimmen gewußt; und Romulus hatte die Freude, heute beim Mahl sich vom Stabhalter als Bräutigam und künftigen Schwiegersohn proklamiert – und von allen herzlich beglückwünscht zu sehen.
Etwas später erschien auch der junge Herr Pfarrer im Brauthause. Der alte geistliche Herr war bereits vor einigen Jahren heimgegangen und der Neffe ihm im Amte gefolgt. Der Verwalter von Wildenstein und das Bäbele, seine Frau, hatten der persönlichen Einladung der Brautleute leider keine Folge geben können, diese dagegen ihnen versprechen müssen, ihre Hochzeitsreise ins Donautal zu machen.
Wenn es wahr ist, daß verklärte Geister noch teilnehmen an den Leiden und Freuden der Lieben, welche sie hier zurückgelassen, wahrlich, so mußte es heute geschehen, wo Tolbergs Blicke oft und ausdrucksvoll auf der lieblichen Gestalt der Braut hafteten und das Bild der seligen Johanna vor seine Seele trat. Wenn in zweier Freundinnen Herzen je ein wehmütiger Gedanke sich einmischte, so war es die kindliche Treue, mit welcher Helena und Florentina dem Angedenken geliebter Toten ein stilles Opfer brachten.
Es muß angenehm gewesen sein, dies Opfer, denn der Geist ungetrübter Seelenheiterkeit schien fortwährend sich niedergelassen zu haben über alle, die da anwesend waren beim Festmahle. Allen war es, als gehörten sie einer Familie an, deren Glieder nach langer Trennung sich glücklich wiedergefunden.
Severins schön geschriebene Verse an der Stubentüre, an welcher zwei goldene, mit Rosenketten verschlungene H prangten, wurden zum eigentlichen Wahrspruch des Festes:
„Einigkeit, ein festes Band, Halt zusammen Leut und Land; Wenn all Uhren zugleich schlagen ein, Wird Fried in allen Landen sein!“
Fahne der Jakobsbruderschaft
Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.
Bildstock zu Ehren des Stadtpatrons St. Jakobus von Bernhard Wintermantel 1987
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Zweiundzwanzigstes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
Die Wanderjahre – Neuigkeiten aus der Heimat Mater dolorosa
Es war in den ersten Tagen der Pfingstwoche, als Hieronymus mit den besten Zeugnissen von seinem Meister schied, um noch zwei Tage bei den Eltern zuzubringen – und dann die Wanderschaft anzutreten.
„Geld und Geldswert“, sagte der Vater beim Abschied, „können wir dir nit mitgeben. Sei fleißig und rechtschaffen – hab Gott vor Augen – und schick dich nach de Leut und – hast’s g’hört – schreib auch bald.“ Die Mutter aber, nachdem sie sein Felleisen sorglich mit dem Nötigsten versehen, legte obenauf noch ein hübsch eingebundenes Gebetbüchlein, das sie von einer Wallfahrt mitgebracht, die sie für das Wohlergehen des Sohnes zur Bildtanne nach Triberg unternommen hatte. „Halt’s in Ehren!“ bat sie und hielt ihm dann noch eine Vorlesung über die mitgegebenen Kleider und Weißzeugstücke und was alles noch nachgeschickt werden solle, wenn er einmal einen festen Platz haben werde – und ja nicht zu übersehen – unten im Felleisen werde er, für Notfälle, Nadel, Faden und Fingerhut finden, auch ein Dutzend Knöpfe; und sobald die Leinwand von der Bleiche komme, werde sie ihm noch ein halbes Dutzend neue Hemden anfertigen.
Ein Felleisen ist ein lederner Rucksack, der früher von Handwerksgesellen auf Wanderschaft getragen wurde.
Postbote mit Felleisen (Paris musée de la poste etwa 1850)
Felleisen im Franziskanermuseum in Villingen
Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen
Auf dem Hof hatte Hieronymus die Tochter Florentina nicht mehr getroffen. – Sie war über die Feiertage auf Besuch zu ihren Verwandten, den Kaiserzollers, gegangen. – Der Hofbauer hatte dem Jüngling zur bevorstehenden Reise viel Glück und Segen gewünscht, die gute Hausfrau jedoch den Scheidenden bis vor die Türe begleitet und ihm in der Hausöhre noch ein paar Taler in die Hand gedrückt.
Beim Bachweber war des Gesellen letzte Beurlaubung. „Nimm auf deiner Wanderschaft“, sagte der alte Lehrer, „den Eulenspiegel zum Muster; ist’s bergan gegangen, hat er gelacht; ist’s aber abwärts gegangen, war er betrübt; denn, hat er gemeint, wenn es mühselig die Steig naufgeht, freu ich mich, weil ich denk, es werd auf der andern Seiten auch wieder abwärts gehen – und so umgekehrt. Auch du wirst auf deinem Wanderleben nit immer ebene Weg und Straßen antreffen, wirst steile Berg und tiefe Abgründ finden. – Verlier den Mut nit. Geh gradaus, weich nit ab vom rechten Weg, dann wirst du am sichersten zum Ziel gelangen.“ Und mit diesen Worten hatte der Alte aus dem Wandkästlein ein Büchslein genommen, nicht viel größer als eine Welschnuß, worin er das Schulgeld aufzubewahren pflegte. Er fischte zwei blanke Silberlinge heraus, reichte sie seinem ehemaligen Schüler mit den Worten: „Da – trink auf’s Wohl deines alten Lehrers – wenn er dir schon nit viel hat geben können, so war’s doch gut gemeint.“
Im „Felsen“ hatte das ehemals so anhängliche Kleeblatt sich noch ein Stelldichein gegeben. Auch Stoffel hatte versprechen müssen, sich einzufinden, er kam aber nicht. Dionys, zutunlicher denn je, machte den splendiden Wirt. Die Florentina und er, versicherte er den reisefertigen Freund, hätten die Zeit her oft von ihm gesprochen; sie hab immer gehofft, sie werd ihn auch noch sehen und ihm Adje sagen können. – Beim Scheiden war zwischen Hieronymus und Romulus ein fortdauernder Briefwechsel verabredet worden.
Früher hatte Hieronymus immer sich der Hoffnung hingegeben, Severin werde, den alten Plänen getreu, mit ihm ziehen auf die Wanderschaft. Daran aber war in der letzten Zeit nicht mehr zu denken gewesen. Der Gute war im Begriff, immer mehr – wie man zu sagen pflegt – sich einzudeckeln. Alle Lust und Freude an der Außenwelt war ihm vergangen. Die gewaltigen Ereignisse und Umgestaltungen der französischen Revolutions- und Kriegszeit, alles, was er sah und hörte oder zufällig einem Zeitungsblatt entnahm, hatte bei dem ohnehin zum enghäuslichen Stilleben geneigten Junggesellen den Glauben erzeugt, es gehe abwärts mit der Menschheit und es müsse nächstens ein noch größeres Strafgericht über sie hereinbrechen. – Selten mehr verließ er sein Stüblein und die Werkstatt. Sein frugales Mahl bereitete er sich selbst; und im Küchelein herrschte eine Ordnung und Reinlichkeit, wie sie die Hand auch der pünktlichsten Magd oder Hausfrau nicht größer herzustellen vermocht haben würde.
Der Gedanke ans Heiraten war aufgegeben. Severin schauderte bei der Vorstellung, die Erwählte könnte sich hinterher als unordentliche Hausfrau und als schlechte Köchin entpuppen. – „Ich mein“, hatte er einmal zu Hieronymus gesagt, als von diesem Kapitel die Rede gewesen, „auch die feurigst Liebe müß abkühlt werden, wenn die Frau als Sudelköchin dem Mann das Essen anricht!“ – Nicht minder Respekt hatte der sparsame Mensch vor solchen Gemahlschaften, bei denen die schönere Hälfte im Gefühl ihrer Batzen und sonstigen außerordentlichen Eigenschaften sich gewissermaßen für ein Juwel hält, dem ihr geplagter Pantoffelheld höchstens nur zur Fassung und Folie dienen soll. – Im Gegensatz zu solch einem Hausstand schien ihm sein Stüblein ein kleines Paradies zu sein, das er – als zufriedener Adam ohne Eva – recht gern jeden Morgen selbst auskehren und alle vier Wochen einmal eigenhändig auf waschen und fegen wollte.
Das Häuslein, in dem er so lange Zeit schon wohnte, hoffte Severin – wenn fortan jetzt Friede bleiben würde – dereinst käuflich zu erwerben. Und so fühlte er sich glücklich, zufrieden. Was wollte und konnte er Besseres in der weiten Welt noch suchen und finden?
Unser Wandergeselle hatte den Weg ins Schwäbische genommen. Im Kloster Marchtal fand er die erste Beschäftigung. Von da ging’s nach Ulm. Vom Nachfolger des verstorbenen Oberamtrats in Hüfingen war ihm durch Vermittlung des Meisters Amtsdiener ein Schreiben dorthin mitgegeben worden an den Wirt „Zum goldenen Greifen“, wo zu Kreiszeiten die Bevollmächtigten der Höfe Baden-Durlach und Fürstenberg Quartier zu nehmen pflegten. Der jetzige, zum Rat beförderte Amtmann, hatte als Gesandtschaftssekretär mehrmals längere Zeit dort gewohnt, und es war zu hoffen, daß der Greifenwirt, als geborener Ulmer, dem angehenden Handwerksgesellen mit Rat und Tat an die Hand gehen und Arbeit verschaffen werde. – Und wirklich gab er sich auch alle Mühe, dem gut empfohlenen Gesellen einen Platz ausfindig zu machen; allein es wollte nicht gelingen; die Geschäfte stockten, weil niemand recht dem Frieden traute. Der Name Bonaparte, der durch seine Siege in Italien die Welt in Staunen versetzte, schwebte auf aller Lippen. – Trotzdem tat’s der Wirt nicht anders, Hieronymus mußte ein paar Tage lang sein zechfreier Gast sein, um doch wenigstens die Merkwürdigkeiten der alten freien Reichsstadt in Augenschein nehmen zu können.
Der zweite Tag nach des Gesellen Ankunft war der Schwörtag des neu erwählten regierenden Bürgermeisters. Und so hatte er Gelegenheit, den Aufzug sämtlicher Zünfte nebst dem städtischen Offizierkorps zu sehen.
Hieronymus in Ulm Über Ulm, den Schwörtag, das Rathaus und auch das Münster läßt sich vieles schreiben. Für alle interessierten verweise ich auf die überaus interessanten Seiten des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben.
Am folgenden Tage wurde – zum erstenmal wieder seit Beginn des Krieges – das große Fischerstechen auf der Donau abgehalten, welch lustiger Wettkampf der Fischer- und Schifferzunft für Hieronymus ebenfalls ein ganz neues Schauspiel war.
Schon in Marchtal, wo er den Strom so mächtig daherfluten gesehen, war er nicht wenig stolz geworden auf seinen schwarzwäldischen Landsmann, der einst, sozusagen ein Kind noch, dem Kinde stets so viel Lust und Vergnügen bereitet. Wie oft hatte er als Bube, im Bade auf den glatten Kieseln und dem beweglichen Fischgras liegend, die murmelnde, sonnige Welle über sich hingleiten lassen! – Jetzt, in Ulm, hätt‘ er’s – obwohl ein leidlicher Schwimmer – nicht mehr gewagt, dem so groß und stark gewordenen Jugendfreund sich in den Arm zu werfen.
Auch noch ein weiteres Vergnügen verschaffte der Greifenwirt seinem Gaste, den freien Eintritt in das städtische Komödienhaus, wo zum Schluß des Festes eine Vorstellung stattfand. Schon einmal war ihm das Glück zuteil geworden, einen Blick tun zu dürfen in diese Zauberwelt. Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen. Natürlich, daß sämtliche Hausfreunde des Verwalters der Vorstellung beiwohnten; und auch Hieronymus hatte durch seinen Meister Zutritt erhalten. Ein Marionettentheater war alles, was er bis dahin von der Bretterwelt gesehen, und wenn er damals diesen Maßstab auch nicht gerade in das Hoftheater mitgebracht, so wurden durch alles, was er dort zu sehen und zu hören bekam, seine Erwartungen und Vorstellungen doch so sehr übertroffen, daß er wie ein Verzückter aus dem Musentempel heraus und nach Haus gekommen war.
Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen.
An früherer Stelle habe ich erwähnt dass der „Verwalter“ der Großvater von Lucian Reich war. So ist mit dem „Söhnlein“ der Onkel von Lucian Reich gemeint, also der Bruder seine Mutter. Der Bruder von Maria Josefa Reich (18. März 1788 -12. November 1866) war Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 in Hüfingen – 7. August 1837 in Hüfingen), der Gründer des Cäcilienvereins in Frankfurt a. M.. https://hieronymus-online.de/wanderbluhten-johann-nepomuk-schelble-2/
Die Wiederholung dieses Hochgenusses bot unserm Gesellen jetzt um so mehr Interesse, als sämtliche Maschinen und Dekorationen nebst dem Vorhang kürzlich erst durch Künstler, welche ihre Ausbildung der berühmten Karlsschule zu Stuttgart verdankten, neu beschaffen worden waren. Namentlich war es der Vorhang, der alle Welt in Bewunderung versetzte und auch unsern Malergesellen nicht wenig staunen machte. Da sah man die Philosophie mit der „Person, welche“, wie die Ankündigung besagte, „Ulm vorstellte, von der Theorie und dem Nutzen der Schauspiele“ sich unterhalten, während der, als Flußgott gebildete Donaustrom, in Gesellschaft von Nymphen, Musen und Göttern, dem höchst interessantesten Diskurs aufmerksam zuhörte. – Das Stück selbst, in welchem eine unglückliche Liebe vorkam, rührte den guten Burschen zu Tränen. – Wie ein Träumer und Nachtwandler kam er nach dem Schlusse in den „Greifen“ zurück – und konnte gar nicht begreifen, wie die Bürger dort beim Schoppen von so ganz alltäglichen Dingen sich unterhalten konnten.
Bevor Hieronymus die altertümliche Reichsstadt verließ, besichtigte er auf Zureden seines Wirtes noch das Rathaus. – Bekanntlich herrschte bei unsern Altvordern das löbliche Bestreben, öffentliche Gebäude, zumal Rathäuser, mit Werken der Kunst und Sehenswürdigkeiten überhaupt zu zieren – oder, wo solche vorhanden, wenigstens doch zu erhalten.
Konnte das hiesige Rathaus mit seinen immerhin schönen, gotischen Fenstern und zackigen Giebeln auch keinen Vergleich aushalten mit dem Augsburger – welches Hieronymus bald nachher zu bewundern Gelegenheit hatte -, so sah er doch viel Schönes und Merkwürdiges daselbst, sowohl in der großen Ratsstube, wo vordem die Bürger dem Kaiser gehuldigt, als auch in dem Gemache, wo die Deputationen der Kreisstände sich zu versammeln pflegten: zierliches Getäfel, herrlich leuchtende Glasgemälde, die Wappen alter Ratsherren aus den Geschlechtern darstellend, Bildnisse berühmter Männer und geschichtliche und allegorische Gemälde mit Reimsprüchen, welche die Wände schmückten. Das schöne Gitterwerk am Ofen der Ratsstube sowie der in Bronze gegossene Kronleuchter allda gaben Zeugnis vom hohen Stande einstiger heimischer Kunstfertigkeit. – Auch das Zeughaus, d. h. die dortige reichhaltige Modellkammer (das Zeughaus selbst war bei Beginn des Krieges durch die Kaiserlichen vollständig geleert worden) bekam der Geselle auf Verwendung seines gefälligen Wirtes zu sehen. Er bewunderte da eine Menge von Rissen und Zeichnungen öffentlicher Gebäude aller Länder, Modelle kunstreicher Brücken, Mühlen und Maschinen sowie eine Sammlung von Nachbildungen deutscher und holländischer Festungen.
Wochenlang hätte Hieronymus in Ulm bleiben mögen, um alle Sehenswürdigkeiten mit Muße betrachten zu können. Aber er fürchtete seinem Wirte überlästig zu werden; und so schied er mit herzlichem Dank für die freundliche Bewirtung – nachdem er noch das Münster besichtigt und – zum Andenken – einen neuen Ulmergulden eingewechselt hatte. – Früh morgens, als eben der Kuhhirt blies und groß und klein zum Tor hinaustrieb – verließ er die Stadt, um Augsburg zuzuwandern. Dort, in der reichen Handelsstadt, gab es Arbeit; und der Geselle legte für längere Zeit sein Felleisen nieder.
Wie Bachweber vorausgesagt, fand er im Verlaufe seine Wanderlebens Berge und Täler, Erfreuliches und Trübes, aber sein Mut und sein Eifer blieben allen Hindernissen gewachsen: „Duck dich, laß vorüber gahn, das Wetter will seinen Willen han“, hieß es in dem „guldenen ABC“, welches ihm sein Vater als moralischen Wegweiser mit auf die Reise gegeben hatte.
Mit Fleiß und Beharrlichkeit strebte er in seinem Fache vorwärts; keine Mühe war ihm zuviel, wenn es sich darum handelte, etwas Neues zu lernen oder im Alten sich zu vervollkommnen. Geselligkeit und frohen Lebensgenuß floh er nicht; wenn ihn jedoch der Strudel einmal zu weit fortreißen, fast leichtsinnig machen wollte – denn auch die beste Uhr schlägt zuweilen einmal ein Viertel zuviel -, so besann er sich sogleich wieder – und gedachte der Seinigen daheim, welche in Mühsal und Not sich durchs Leben zu schlagen hatten. – Erfahrung lehrte ihn Vorsicht. Doch wenn er sich auch oft getäuscht fühlen mußte in der guten Meinung, die er zur Zeit noch von allen Menschen hegte, so fand er hinwieder im fremden Lande Freunde und Freundeshilfe, wo sie am wenigsten zu vermuten gewesen.
Nahezu zwei Jahre verbrachte er in der kunst- und gewerbereichen Reichsstadt. Von Zeit zu Zeit schrieb er nach Hause, und zuweilen waren diese Sendschreiben auch mit etwas Silber beschwert. Neben diesem Briefwechsel mit dem Vater unterhielt Hieronymus noch einen zweiten mit Romulus, dem stets pflichtgetreuen Berichterstatter des Neuesten aus der Heimat. – War das Ankommen solcher Briefe für den Sohn und Freund immer ein Gegenstand freudiger Aufregung, so geschah das Öffnen derselben doch nicht ohne ein gewisses banges Nebengefühl, welches nicht weichen wollte, bis er die Zeilen überflogen und die Beruhigung geschöpft hatte, daß zu Haus alles gut stehe. – Vielleicht glaubte er auch auf eine Nachricht stoßen zu müssen, auf welche er zwar gefaßt war, wovon er übrigens nicht recht wußte, ob er sie endlich herbeiwünschen solle oder nicht.
Seit Jahr und Tag war dem geheimen Korrespondenten der Name Florentina nicht mehr aus der Feder geflossen; da meldete er eines Tages die – Verheiratung der Hofbauerntochter Florentina mit dem Handelsmann und „Packer“ Dionys. „Er hat schon“, hieß es in dem Schreiben, „im vorletzten Herbst förmlich um sie angehalten; der Vater und die Verwandten hatten zugesprochen, das Mädchen aber sich ein Jahr Bedenkzeit ausgebeten – endlich hatte sie nachgegeben. – Hat sie vielleicht auf einen Ritter gehofft, der aus fremden Landen, etwa aus dem Schwäbischen kommend, sie vom Scheiterhaufen befreien würde? Der Laubhauser hat Verwandte von nah und fern zur Hochzeit eingeladen und in jede Hütte der Gemeinde Wein und Brot geschickt: die Leute sollen wissen, sagte er, daß der Laubhauser heut ein Fest feiert.“ Der Stabhalter, hieß es weiter, sei an selbigem Tag kreuzfidel gewesen und habe schon bei der Morgensuppe, wo er den Kaffee aus einem Milchbecken getrunken, seine gewohnten Späße zum Besten gegeben usw.
Lange schon hatte der Geselle ausgelesen, aber noch hielt er unbeweglich den Brief mit beiden Händen. Da hob sich die Brust, und ein tiefer Atemzug erleichterte die Last des gepreßten Herzens. Ein halb entwurzelter, ausgerissener Baum grünt und blüht wohl noch eine Zeitlang fort, genährt von Tau und Luft, bis ein Windstoß ihn gänzlich zu Boden wirft. – Also ein anhänglich liebendes Gemüt.
Der Schluß von Romulus‘ Brief hatte noch eine Nachricht enthalten, von welcher Hieronymus unter andern Umständen schmerzlich berührt worden wäre, die aber jetzt eine fast entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte, eine Art Trutz gegen das Schicksal. Es war nämlich die Nachricht von dem Tode des alten Stoffel, welchen man eines Morgens tot in seiner Hütte gefunden.
Der treue Dachshund lag zu den Füßen des Leichnams und wollte keinen Menschen sich diesem nähern lassen. Die Hütte stand seitdem leer, niemand mochte sie bewohnen.
Des andern Tages nach dem Empfang dieser Nachrichten hatte unser Geselle zum erstenmal in seinem Leben einen „Blauen“ gemacht, jedoch keineswegs bei Spiel und Wein, sondern in blauer, frischer Luft. Frühe schon war er aufgestanden, hatte sich, damit die Nebengesellen ihm nichts ansehen sollten, am Brunnen die Augen gewaschen, und dann die Werkstatt betreten. Zu arbeiten aber war ihm unmöglich; er kleidete sich vollständig an, wanderte hinaus vor das Tor, durch Felder und Gründe, durch Dörfer und Wälder und kehrte des Abends ziemlich versöhnt, in äußerlich beruhigter Stimmung nach Hause.
Der Aufenthalt in Augsburg aber blieb von jenem Augenblick an dem Gesellen verleidet, er kündigte dem Meister auf und wanderte München zu. Die wenn auch kurze Reise genügte, ihn von allen bösen Wettern, die allenfalls noch im tiefen Schachte seiner Seele gelagert sein mochten, gründlich zu befreien; und der fahrende Geselle betrat die Stadt in einer Stimmung, wie es etwa einem Schwimmer zumute ist, wenn er nach vielem Ringen wieder festen Grund unter seinen Füßen spürt. Ein starkes Band, das ihn an die Heimat gefesselt und heimlich zurückgezogen – er fühlte es jetzt gelöst. In der Fremde wollte und konnte er ja sein Glück machen, auch von da aus dann den Eltern hilfreich sein, sie unterstützen.
Doch was sind Vorsätze, Zukunftspläne! – Auch der stärkste Steuermann vermag ja nichts gegen Sturm und Wogendrang. – Die politische Atmosphäre war – in wie heftigen Schlägen auch die Wetter sich entladen hatten – stets noch eine schwüle – ein dauernder Friede für die nächsten Zeiten nicht zu hoffen. Namentlich unser südwestlicher Winkel Deutschlands sollte sobald nicht zur Ruhe kommen, und fast schien es, als sollten die Prophezeiungen unseres Severin zur Wahrheit werden.
Einigemal schon hatte der Freund dem Freunde geschrieben; und jetzt erhielt Hieronymus wieder ein Brieflein von Severin. Er könne nicht unterlassen, schrieb er, ein paar Zeilen zu schreiben und zu melden, daß es bei ihnen wieder verwirrter und trostloser aussehe denn je. – „ Wie Du wissen wirst, ist es schon wieder losgegangen. Der Franzos will eben mit keinem Nachbar in Frieden leben. Ach, das ist ein trauriger Anblick gewesen die vorige Woche, die Wägen voll Schwerblessierter, so auf dem blutigen Stroh von der Bataille von Stockach her vor’s Zuchthaus hier angefahren sind, wo abermals ein Spital eingerichtet ist: denn die Sträflinge sind ausquartiert und nach dem festen Schloß Wildenstein verbracht worden. Der ganze Vorplatz, das Stiegenhaus und die Gäng und Stuben im untern und obern Stock, alles voll mit Blessierten, überall nix als Ach und Weh. Die französischen Chasseurs, so hat mir der Schwarz Weißgerber gesagt, hätten vor der Schlacht geschworen, sie wollten den östreichischen Kostbeuteln die langen Nasen schon abhauen. Aber ich mein‘, sie haben diesmal ihren Meister gefunden am Erzherzog Karl! – Du kannst Dir eine Vorstellung machen, seit vierzehn Tagen bin ich in kein Bett mehr kommen, weil mein’s belegt ist gewesen mit der Einquartierung. Im Stüblein sieht es aus wie mit der Heugabel durcheinandergeschüttelt. Heut ist der erste Tag, wo wir wieder schnaufen können. – Der Feldwaibel, hieß es am Schluß, „ist seit vorem Jahr schon zum Invalidenkorps versetzt worden. Er und die Annakäther lassen Dich tausendmal grüßen sowie auch des Amtsdieners. NB. Bald hätt ich’s vergessen – der Schwarz Weißgerber laßt Dir sagen, Du sollest ihm doch einen schönen Ulmerkopf schicken, den seinigen hab er verloren durch die Spitzbuben-Einquartierung.“
Nicht lange – und der Briefbot brachte auch ein Schreiben von Romulus, mit Nachrichten, die unserm Hieronymus schon mehr zu Herzen gingen. Auch Romulus meldete, welch große Drangsale ihnen der diesmalige Feldzug über Wald gebracht. Viele Leute an der Heerstraße, schrieb er, hätten ihre Habseligkeiten in das Tal geflüchtet, in der Meinung, auch jetzt würde der Feind diesen abgelegenen Winkel nicht heimsuchen. Dies müsse verraten worden sein. Die retirierenden Franzosen, die bei Röthenbach und Neustadt ihr Lager gehabt, hätten Spione herübergesandt, und seien dann in hellen Haufen, gleich einem toll gewordenen Bienenschwarm, angerückt, um zu plündern und zu rauben. „Es war anzusehen“, schrieb Romulus, „wie wenn irgendwo Viehmarkt wär, und würden s. v. Ochsen, Kühe, Kälber und Schweine alles fort, zu Markt getrieben. Ein Glück war’s für unser Haus, daß ich just daheim gewesen bin, denn weil ich ein paar Brocken Französisch mit ihnen hab welschen können, so haben sie’s in betreff des Hausrates noch gnädig gemacht; aber dem Vieh im Stall haben sie kein Pardon gegeben.
Im Laubhauserhof aber hat’s viel bösere Auftritt abgesetzt; da haben sie nebst alldem noch bares Geld verlangt, und mit „Bougre und andern französischen Titeln dem konsternierten ‚Außvater‘ Peter die Bajonnets auf die Brust gesetzt. Ein Glück für ihn, daß die Bäurin, das Agathle, so resolut gewesen ist und ihnen gleich einen Beutel voll Kronentaler nebst dem Schlüssel zur Speis- und Speckkammer eingehändigt hat. Der alte Laubhauser soll unsichtbar gewesen sein und sich auf dem Heustall unterm Heu verkrochen gehabt haben. – Dem Stabhalter haben sie den Wein im Keller gesoffen, und zwar aus Kübeln und Gelten, und hernach die Fässer eingeschlagen. Wie aber dieses Bachusfest im besten Zug ist gewesen – kam einer auf abgetriebener Mähre dahergaloppiert – allons toutsvite aufgepackt und fort – dem Lager zu. Von der Ferne her krachte es durch die Waldungen. – Was war’s? – Der fürstliche Revierförster Columban, den Du auch kennst, der war’s, der sie so schnell auf die Weichseiten und zur Höllenfahrt getrieben hat. Er wußte, daß die Kaiserlichen schon Bondorf besetzt hatten; er begab sich hin, erbat sich Mannschaft, mit denen er auf Waldwegen beikam – und piff, paff, ging’s über die Piquets und Vorposten her. Alles kam in Alarm und packte auf – dem Höllenpaß zu.
Wie ich nun nachderhand in Euer Haus kommen bin, hab ich Deinen Vater betrübt vor den leeren Kästen und Trögen in der Stube stehen sehen. Die Stalltür fand ich eingeschlagen, die Kuh und die Geiß fort. „Es ist‘, hat Dein Vater mit nassen Augen zu mir gesagt, ,wie wenn wir jetzt erst frisch zu hausen anfangen müßten. – Am meisten aber kränkt es Deine Mutter, daß ihr die Schlingel auch den schönen Ballen Flächsetuch, so sie für Dich gesponnen und umgelegt hat, erwischt haben. ‚Hab immer glaubt‘, sagte sie traurig zu mir, ‚es werd‘ dem Hieronymus einmal die Aussteuer geben. – Wer weiß, was für ein Lumpenkerl nun Staat mit dem Weißzeug machen wird! – Dein Vater aber wünscht und laßt Dir sagen, daß Du je eher je lieber heimkommen möchtest, um ihn zu unterstützen. Er ist den ganzen Winter her kränklich gewesen, und so liegt jetzt die ganze Last allein auf der Mutter.“ – Am Schlusse gestand der Korrespondent, daß er mit den praktischen Ausführungen der neufränkischen Ideen durchaus nicht mehr einverstanden, und von manchem, für das er früher geschwärmt, so ziemlich kuriert worden sei.
Wie stand es nun mit unseres Gesellen hochfliegenden Plänen, sein Glück draußen in der Fremde machen und der Heimat Adjeu sagen zu wollen?
Rief ihn jetzt nicht eine heiligste Pflicht zurück ins Vaterhaus zur Unterstützung der alten Eltern? – Das nächste, was er tat, war, daß er seine Sparpfennige – darunter auch das Goldstück, welches er vor Jahren von der Emigranten-Familie erhalten, samt dem Ulmergulden – zusammenpackte und mit einem Trostschreiben begleitet an den Vater schickte. – So lange, schrieb er, wolle er noch außen bleiben, um seine Wanderjahre vorschriftsmäßig vollenden zu können; was er nebenbei zur Unterstützung des heimatlichen Hauswesens nur immer tun könne, wolle er tun usw.
Mit verdoppeltem Eifer und Fleiß wendete er sich jetzt wieder seinem Geschäfte zu. Er hatte einsehen gelernt, daß die unerbittliche Notwendigkeit den Menschen entweder immer wieder seiner Pflicht – oder dem Abgrund zuführen müsse. – In München hatte er vollauf Gelegenheit, im Fache sich weiter auszubilden und Kenntnisse aller Art zu erwerben. – Und schon gegen den Herbst hin erfreuten ihn auch wieder bessere Nachrichten von daheim.
Das Unheil im Haus hatte sich später denn doch minder groß herausgestellt, als es im ersten Schrecken den Anschein gehabt. Manches, was versteckt gewesen, wurde wieder gefunden, anderes, was die Plünderer auf dem Wege als unnütz oder lästig befunden, weggeworfen, war wieder beigebracht worden. Und selbst die Kuh stand längst wieder gesund und munter im Stall.
Die Franzosen, schrieb der Vater, hätten, als sie das Schießen vom Überfall des Försters gehört, das Tier, das ohnehin nicht gut französisch gesinnt und nur mit Gewalt fortzubringen gewesen, alsbald im Stich gelassen. Verwildert sei dasselbe mehrere Tage im Wald herumgelaufen, endlich aber glücklich wieder eingefangen worden. – Und was das erfreulichste war, auch die Gesundheit des Vaters hatte sich wieder gekräftigt; dies und die Unterstützung des Sohnes benebst einer guten Ernte hatten den Hausstand bald wieder auf den alten Stand gebracht. Und so schrieb der Vater, er sei ganz damit einverstanden, wenn Hieronymus noch ein paar Jahre in der Fremde bleiben wolle, um sich noch vollends auszubilden.
Auf dem Walde verliefen im übrigen die Dinge so ziemlich, wie es vorherzusehen war. – Dionys, welcher jetzt über ein ansehnliches Vermögen verfügte, war neben seinem Krämergeschäft auch noch Packer geworden, d. h. er versendete Uhren, mit deren Anfertigung er verschiedene Meister beschäftigte; sein Geschäft wuchs und gewann mit jedem Jahr an Ausdehnung.
Die Uhrenmacherei hatte zur selben Zeit überhaupt einen mächtigen Aufschwung genommen. Gleich wie ein Samenkorn, vom Winde auf rauhe Felsen getragen, sich selbst überlassen im spärlichen Boden keimt und Wurzeln schlägt und zuletzt zum fruchtbaren Baum erwächst, so ähnlich war der Anfang und so gesegnet der Fortgang dieser neuen Industrie. Im siebenzehnten Jahrhundert aus unscheinbaren Anfängen und Versuchen auf dem Glashof bei St. Peter entstanden, hatte sie sich mehr und mehr ausgebreitet; und zur Zeit unserer Erzählung wurden bereits schon ganze Ladungen von Uhren ins Ausland versendet.
Unser Geschäftsmann Dionys hatte schon mehrere Reisen nach Frankreich gemacht, und von daher nebst fremder Sprache, fremdländischen Manieren und Mode auch fremdes Geld mitgebracht. Dazu im Besitze einer reichen Frau konnte es ihm bei seinen Mitbürgern nicht wohl an Ansehen fehlen, denn auch das bißchen Großtun fand man bei Gelegenheit ganz am Platze, „er kann’s machen!“ hieß es, „er hat’s!“
Doch, wieviel auch der Mensch mit äußerlichen Glücksgütern gesegnet sein mag – vor Schmerz und Leid schützen sie nicht. Auch Florentina, die emsig und treu waltende Hausfrau, mußte dieses erfahren. Ihre ganze Liebe, ihr Lebensinteresse war den beiden Kindern zugewendet, welche der Himmel ihrem Mutterherzen anvertraut hatte. Aber der Tod entriß ihr die Mutter, nicht lange danach auch das einzige Söhnlein.
Längst verhallt war das Grabgeläute und dargebracht das übliche Opfer für die Dahingeschiedenen; aber von der Zeit an blieb ihr liebster Ausgang – auf die Gräber der geliebten Toten. – Wenn am schönen Sonntagnachmittag ringsum alles sich Erholung gönnte und die Menschen singend, plaudernd auf Wegen und Stegen dahinzogen, konnte man in der kleinen Totenkapelle auf dem stillen Gottesacker einsam eine Frau in Trauertracht knien sehen. Die klagte Gott ihr bitteres Leid und suchte Tröstung vor dem Bilde der Mutter, die auch einst mit zerrissenem Herzen an dem Kreuz des Sohnes stand.
Endlich jedoch übte die Zeit auch auf ihr Gemüt wohltätigen Einfluß aus. In dem noch übrigen Kinde, im Familienleben überhaupt, fand sie Ersatz für so manchen Verlust, so manche Lebenstäuschung.
Mann mit Pfeife von Luzian Reich dem Älteren Es würde mich sehr freuen, wenn jemand die Schrift unten entziffern kann!
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Einundzwanzigstes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
“Zum frohe Sinn, zum freie Muth, und Heimet zu schmeckt alles gut.” >Johann Peter Hebel
Heimritt – Freisprechung Einzug in die neue Zunftherberge
Sitte war es damals, daß Neuvermählte vier Wochen nach der Hochzeit ihren auswärts wohnenden Eltern einen Besuch, und zwar zu Pferd, abstatteten; und nicht Peter noch sein junges Weib waren die Leute, solch altes Herkommen unbeachtet zu lassen.
Frühmorgens waren sie vom Laubhauserhof weggeritten, hinaus gegen die benachbarte bergumgrenzte Hochebene, wo zwischen Wiesen und Getreidefeldern bald das heimatliche Dorf des Agathle dem Blick sich zeigte.
Bei den ersten einzelnstehenden Häusern angekommen, gab die junge, stattliche Bäuerin ihrem reich aufgesträußten Pferde einen leichten Schlag, Peter legte die Sporen an, und in raschem Trabe, daß weithin Band und Halstuch flatterten, ritten sie durch das Dorf, um vor des Storchenbauern Hause haltzumachen. Die Mutter war freudig überrascht aus der Küche gerannt, wo sie in Erwartung ihrer Kinder mit Küchlebacken beschäftigt war; und der Vater, der vom Kammerfenster aus gegen die Hochstraße hin die Kommenden bereits von ferne erblickt hatte, stand schon zum freudigen Empfang vor dem Hause bereit.
Doch wir wollen diesmal nicht in das Haus und in die Stube eintreten, in welcher die junge Frau vor den Augen der Mutter und Geschwister ihren buntbemalten „Lid(Deckel)korb“ mit den Geschenken auskramt, während der Vater noch unten beim Schwiegersohn steht, die Gäule und das neue Reitzeug bewundert und mit Kenneraugen schätzt.
Der Heimritt schließt für unser junges Paar die Flitterwochen; das Leben des Ehestandes beginnt. Seine Freuden, seine kleinen und großen Leiden folgen im Wechsel aufeinander, so wie die Jahre kommen und vergehen.
Auch für Hieronymus haben die Freuden und Leiden des Lehrlingsstandes gewechselt und sind vorübergegangen; er stand jetzt daran, „freigesprochen“ zu werden. Alle Gewerbe, außer jenen, welche man zu den freien Künsten zählte, umschlang damals noch ein fester und wohlgegliederter Zunftverband. Die Satzungen und Vorschriften einer Zunft waren verbindlich für Meister und Gesellen. Mochte an einem Orte auch nur ein einziger Meister wohnen, wie der Faßmaler in Hüfingen, so hatte dieser dennoch in allem, was das Gewerbe betraf und dessen Betriebsförmlichkeiten, den Obermeister des Gaues oder Bezirkes als nächsten Vorgesetzten zu betrachten.
Alle Streitigkeiten innerhalb der Zunft, auch solche zwischen Meister und Geselle, wurden vom Handwerksamte „vor offener Lade“ verhandelt und entschieden; es kam vor, daß wichtige Fragen auch weiter, sogar bis vor den Kaiser gebracht wurden.
Kein Meister durfte einem andern einen Gesellen „abspannen“ oder einen ohne ordentlichen Abschied Fortgelaufenen einstellen. Gefiel einem Gesellen die Arbeit nicht, so konnte er nach vierzehn Tagen die Werkstatt wieder verlassen, ebenso konnte in dieser Zeit der Meister seinen Arbeiter fortschicken, war jedoch gehalten, demselben den bedungenen Lohn auszubezahlen; im übrigen fand beiderseits vierzehntägige Aufkündigung statt.
Ein Geselle von schlechter Aufführung ward „gescholten“ und von der ganzen Zunft in die Acht erklärt, d. h., er konnte und durfte von keinem Meister mehr in Arbeit genommen werden. Von Herberg zu Herberg verbreitete sich sein übler Leumund, und es blieb dem Bescholtenen nichts übrig, als vor versammelter Zunft sich förmlich zu „waschen“, zu rechtfertigen oder Abbitte zu tun.
Aber auch ein Meister konnte „gescholten“ werden, was namentlich dann geschah, wenn er seinen Untergebenen Lohn und Kost schmälerte. Ein bescholtener Meister wurde auf ein halbes, zuweilen auf ein ganzes Jahr „gemieden“, d. h., es durfte während dieser Zeit kein Geselle Arbeit bei ihm nehmen. – Kam ein Meister unverschuldet in Armut, so erhielt er Unterstützung aus der Lade.
An seinem Lehrorte war es Hieronymus begreiflich nicht vergönnt, Förmlichkeiten und Feierlichkeiten seiner Zunft aus eigener Anschauung kennenzulernen. Er war in diesem Stück auf mündliche Belehrung durch seinen Meister angewiesen, und seine Freisprechung konnte von keinen besonderen Umständlichkeiten begleitet sein. Einen Begriff aber von der Würde und Bemessenheit, welche bei feierlichen Auftritten einer Zunft herrschten, konnte der junge Mann gleich nach jenem Akte erhalten, denn gerade um jene Zeit hielt das ehrsame Metzgerhandwerk zu Hüfingen seinen Einzug in die neu gewählte Herberge.
An einem Montag, vormittags elf Uhr, setzte sich der vom Hause des Zunftmeisters ausgehende Zug in Bewegung; er war folgendermaßen geordnet: Die Spitze bildete eine spielende Musikbande unter Leitung des städtischen Musikpräzeptors. Unmittelbar dahinter folgte des Zunftmeisters ältester Sohn in stattlicher Kleidung, den schön gezierten, vom Gesellen Hieronymus eigens zum Feste renovierten Zunftschild tragend. Nach diesem sah man zwei junge, weißgeschürzte Metzgergesellen, welche die blumenbekränzte Lade trugen, worin nebst den Dokumenten und Schriften die Insignie der Zunft, ein kleines vergoldetes Haumesser, liegt. Hierauf war zu sehen des Ladenmeisters jüngster Sohn, und auf seinem Kopfe die Zierde des Festes, eine Bratwurst, vierzig Schuh in der Länge und entsprechend dick, vergleichbar fast der ehernen Schlange, jeden mit neuer Lebenskraft erfüllend, der einen Blick auf sie warf. Den Schluß machte die ehrsame Meisterschaft, paarweise daherschreitend, unter Vortritt des Zunft- und des Ladenmeisters.
Nachdem bei großem Zulauf von Neugierigen der Zug am Wirtshause zum „Goldenen Kreuz“ angelangt, wurde haltgemacht. Der Wirt stand wartend unter der Haustüre und hab dann an: „Willkommen, ihr Herrn Metzgermeister! Was ist euer Begehren?“ Der Zunftmeister, hervortretend, das Zwiegespräch fortzusetzen, ließ sich also vernehmen: „Herr Kreuzwirt, im Namen des ehrsamen Handwerkes stell ich an Euch die Frage: ob Ihr unsere Zunft nicht wollet in Euer Haus aufnehmen?“ Wirt: „Ja, ich mache mir eine Ehre daraus, dem ehrsamen Handwerk Herberge und Aufwartung zu verschaffen. Ich bitte, tretet ein!“
Auf diese Einladung verfügen sich sämtliche Festteilnehmer in das Haus und nehmen Besitz von der Wirtsstube und ihrem geräumigen Erker. Der Wirt und seine Frau Liebste aber stehen schon bereit, die Gäste geziemend zu bewillkommnen. Zunftmeister: „Grüß euch Gott, im Namen des ehrsamen Handwerkes, Herr Kreuzwirt und Frau Kreuzwirtin!“ Wirt und Wirtin: „Gott dank euch, ihr Herren Metzgermeister; mit was können wir euch aufwarten, und was ist sonst noch euer Begehr?“ Zunftmeister: „Wir möchten euch heut nicht nur als unseren Gastgeber ansprechen, sondern wir ersuchen euch, ob ihr nicht wollet jetzt und in Zukunft unser Herbergsvater und die Frau Kreuzwirtin unsere Mutter sein?“ Wirt: „Ja, wir machen uns eine besondere Ehr daraus, einem ehrsamen Metzgerhandwerk Herberg und Aufwartung zu verschaffen, auch besitzen wir noch fünf Töchter, die wetteifern werden, euch in Ehren und als Brüder zu bedienen.“ Zunftmeister: „Es gibt aber nicht immer der guten Zeiten, es gibt auch der bösen viele; wollet ihr alsdann auch, in Leid wie in Freud, im Krieg wie im Frieden, unser Vater und die Frau Wirtin unsere Mutter sein?“ Wirt: „Ja! Ich werde mich zu allen Zeiten bestreben, was in meiner Kraft steht. euch als Vater zu unterstützen.“
Zunftmeister: „Wir haben auch wandernde Gesellen bei unserm Handwerk, und unter ihnen solche, die nicht viel Geld im Beutel haben, folglich wenig Gewinn von ihnen zu hoffen ist, wollet Ihr auch diese freundlich beherbergen, und so auch, wenn sie kränklich wären?“
Wirt: „Ja, ich werde reisende Gesellen und Kranke als Herbergsvater behandeln und die allgemeine Menschenpflicht voraus zu meiner steten Richtschnur nehmen.“ Zunftmeister: „Nun, wohlan denn, auf diese bereitwillige Anerbietung werden wir gesamte Metzgermeister Euch als Herbergsvater anerkennen und Euch unsern Schild und die Zunftlade mit Zunftbuch, Zunftzeichen in Verwahr übergeben, dafür aber verlange ich als Zunftmeister im Namen der ganzen Meisterschaft von Euch das herkömmlich feierliche Handgelübde.“ Als dieses abgelegt, wurde der Schild sofort in der Stube aufgesteckt und die Lade dem Herbergsvater überreicht. Dieser aber und seine Frau traktierten das ganze ehrenwerte Handwerk mit einem köstlich bereiteten Mahle, und weil die Wurst lang und der Wein gut war, so wurde es auch die allgemeine Fröhlichkeit. Die Musikanten machten ihre Sache so vortrefflich, daß einer um den andern der Gäste nach Hause eilte, um Frau und Tochter herbeizuholen zum nachfolgenden fröhlichen Tanze.
Hieronymus, als der Renovator des Zunftschildes, war auch zum Feste geladen worden, und diese Ehre durfte er nicht ablehnen, sowenig sein Sinn heute für Feier und Lustbarkeit gestimmt sein mochte. Ein Brief, welchen er tags zuvor von Romulus empfangen, war die Ursache dieser Stimmung.
Er habe sich jetzt entschlossen, hatte der Freund gemeldet, in Donaueschingen Normalschullehrer zu werden. „Als Hauptneuigkeit aber ist zu melden“, so schloß der Brief, „daß Dionys seit jenem Hochzeitsmahl der Florentina bei jeder Gelegenheit offen den Hof macht, und wie ich schon damals vorausgesagt, entschieden als Brautwerber auftritt. Das Mädel aber hat bis jetzt augenscheinlich ihrem verschamerierten Liebhaber, wie man zu sagen pflegt, wenig Käs zum Brot gegeben – doch viele Tropfen höhlen am Ende auch den härtesten Stein aus, und was nicht ist, kann noch werden, zumal die Eltern der beiden die Allianz eifrigst betreiben. – Und das Ende vom Lied wird sein, daß wir zwei allein zuletzt noch übrigbleiben werden, und doch – beim Henker, was wären wir für Kerle, wenn wir Geld genug hätten!“
Sinnend und verstimmt saß Hieronymus im Kreuz. Es wollte bei ihm nicht verfangen, daß der Zunftmeister eigenhändig ihm vom Besten einschenkte; die muntersten Ländler machten ihn schwermütig. Auch der Wein, welcher doch sonst des Menschen Herz erfreut, wollte heut ihn nicht zum Frohsinn stimmen. – Sein Geist war sichtlich der Gegenwart entrückt, und wenn ihn jemand gefragt hätte, ob er Sechser oder Zwölfer, Schweizer oder Markgräfler trinke – wahrlich, er hätte es nicht zu sagen gewußt. Es wollte ihn bedünken, als wäre der schönste Teil seines Lebens schon vorüber und als müßte er, Abschied nehmend, noch einmal wandeln im rosigen Lichte früherer Tage. In jene Täler und auf die Höhen versetzte er sich zum glimmenden Feuer auf duftendem Weidgang oder in die Hütte des Köhlers, wo er mit der Gespielin seiner Jugend den Erzählungen des Alten gelauscht. Er glaubte alle Blüten schon verwelken und nur blasse Herbstzeitlosen der Erinnerung an ihrer Stelle aufleben zu sehen. Seine Liebe kam ihm vor wie ein weggeworfener Blumenstrauß, den niemand mehr vom Boden aufheben mag. – Dann fuhr auch wieder ein trotzender Blitz aus der schwül bewölkten Atmosphäre seines Innern – und ein gärender Unmut stieg in ihm auf – als sollte er sich Luft machen in jugendlicher Tatkraft.
Und wahrlich, noch lange hätte er simulierend dagesessen, versunken in den stillen See der Vergangenheit, hätte ihn nicht der Zunftmeister aufgerüttelt. – Eben spielte die Musik den Hopper:
Der Zunftmeister, längst schon die üble Laune des Gesellen bemerkend, führte diesem scherzend eine Tänzerin zu, seine eigene Schwägerin, mit Vorwürfen über das Regenwettergesicht, das er schneide; und Hieronymus, überrascht, konnte jetzt unmöglich anders, als galant sein und die Schöne zum Tanz führen.
Aber auch dieses Mittel schlug nur halb an. – Als nach geendetem Tanze die Jüngeren an den Tischen manch lustiges Liedlein sangen, wollte es der Zufall, daß einer der Vorsänger eine Weise anstimmte, die unserm Gesellen mächtig ins Herz hineingriff und ihn allen trüben, bereits verscheuchten Gedanken wiederum zuführte. Sie sangen:
„Ach! in Trauern muß ich leben, Ach! wie hab ich’s denn verschuld’t? Weil mir’s hat mein Schatz aufgeben, Muß ich’s leiden mit Geduld.
Vater und Mutter wollen’s nicht leiden, Gelt mein Schatz, das weißt du wohl? Kannst dein Glück viel besser machen, Weil ich dich nicht kriegen soll.
Rosmarin und Lorbeerblätter Verehr ich dir zu guter Letzt: Das soll sein das letzt Gedenken, Weil du mich nochmals ergötzt!
’s sind zwei Sterne an dem Himmel, Leuchten wie das klare Gold; Der eine leuchtet zu mei’m Schätzel, Der andere durch das finstre Holz.
Sind wir oft beisammen g’sessen Manche schöne halbe Nacht, Haben wir oft den Schlaf vergessen Und mit Lieben zugebracht.
Morgen, wenn ich früh aufstehe, Ist mein Schatz schon aufgeputzt, S chon mit Stiefeln, schon mit Sporen Gibt er mir den Abschiedskuß.
Dieses Lied, das Hieronymus einst der Freundin Florentina, schön geschrieben, gegeben hatte, war damals bei der Hochzeit im Felsen von ihr angestimmt worden, als der Stabhalter sie zum Singen aufgefordert.
Das damalige Gespräch, ihre Aufforderung zum Tanz und ihre Einladung zum Besuch bei den Ihrigen im Hof – die ganze Szene, jedes Wort, jeder Blick – sein abstoßendes Benehmen – alles trat wieder lebhaft vor seine Seele- und abermals versank er in ein dumpfes Hinbrüten. – Zuweilen griff er krampfhaft nach dem Glas und leerte es rasch, als wollte er gewaltsam sich betäuben. – Die Musik begann wieder; an Tänzerinnen fehlte es nicht. Entschlossen fuhr er endlich auf – wählte nicht lange – und mischte sich in die Reihen. – Aller Trübsinn schien von ihm gewichen. Noch nie hatte Severin seinen Freund so aufgeregt, so überlustig gesehen.
Eine zweite Flasche stand geleert wieder vor ihnen auf dem Tisch; Hieronymus kommandierte zu einer dritten. – Und als spät – nach dem Kehraus – die Gesellschaft nach und nach verschwand, war er einer der letzten, die nach dem Hute griffen. Severin begleitete ihn bis vor das Haus des Meisters – und kehrte erst in seine Wohnung zurück, nachdem er aufmerksam horchend sich überzeugt hatte, der Polterer habe Stiege und Kammertür oben richtig gefunden.
Ob Hieronymus des andern Tages mit Kopfweh erwacht sei, ist nicht zu sagen; gewiß bleibt nur, daß, als der übernächtliche Dunst verflogen, eine peinigende Unruhe, ein veränderungssüchtiges Mißbehagen den Jüngling fortwährend beherrschten. – Hatte der junge Mensch, der bisher, ohne sich seines Verhältnisses zu dem Mädchen vollkommen bewußt zu sein, immer noch hoffnungsvoll in das farbige Nebelbild der Zukunft geschaut – und jetzt erst die trockene Vernunft zu Rat gezogen? – Wenn er alles recht überlegte und in Betrachtung zog – welche Kluft zwischen dem lediglich auf sich selbst angewiesenen Malergesellen – und den Ansprüchen, die des Laubhausers einziges Töchterlein zu machen berechtigt war! Nur der ausgesprochene, entschiedenste Wille des Mädchens konnte über diese Kluft eine Brücke bauen.
Ja, dann würde auch in der Seele des Jünglings jene Spannkraft erwacht sein, die sich über Berge von Hindernissen siegreich wagend hinwegsetzt. – Wer vermag jedoch den geheimen Prozeß zu verfolgen, welchen oft leise Anregungen in dem Herzen eines Menschen hervorrufen.
Genug, eine tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich der Seele unseres Helden bemeistert, und das Spiegelbild dieser Stimmung zeichnete sich in dem Briefe an seine Mutter, wozu ein alsobald eingetretenes Ereignis die Veranlassung gab. Florentina war eben „z’Kunkeln“ bei Frau Anastas, als dieser Brief anlangte; sie mußte ihn sogleich vorlesen.
Hieronymus berichtete den Tod des Amtsrates, und zwar mit allen Nebenumständen, weil sein Herz noch voll war von den Eindrücken dieses Trauerfalles.
Abwechselnd mit dem Feldwaibel und den Familiengliedern des Verstorbenen hatte er am Krankenbette gewacht, und dies war auch in der letzten Nacht der Fall gewesen. Der sorgsame Wächter hatte bemerkt, daß der Kranke in große Schwäche verfiel, und schnell die Familie davon benachrichtigt. „Es war ein trauriger Anblick“, schrieb Hieronymus in dem Brief, „die jammernden Kinder um das Sterbebett zu sehen. Aber keine Klage und kein Weinen vermochten das teure Leben auch nur um eine Minute zu verlängern.
Der Herr Rat war schon ins End gefallen. Und nach wenigen Atemzügen verschied unser im Leben gewesener bester Herr. – Die Frau und die Kinder knieten alle betend um die Bettstatt und auch ich, zu seinen Füßen neben dem ältesten Fräulein Helene. Diese dauert mich am meisten, sie ist jetzt eine elternlose Waise, denn ich weiß von der Base, daß der Herr Rat selig nicht ihr rechter Vater gewesen und die Frau Rätin nicht ihre Mutter ist. Sie ist die Beste unter den Kindern und war immer so gut gegen mich. Der Verstorbene hat wenig Vermögen hinterlassen und viele Kinder.“
Am Schlusse des Briefes tat er den Eltern sein Vorhaben kund, auf die Wanderschaft zu gehen. Es treibe ihn, schrieb er, auf die Wanderschaft hinaus, er müsse fort – auf lang, vielleicht auf immer. Die Kunst, welche er gewählt, sei eine solche, in der man gar nie auslernen könne, und wenn einer so alt werde wie Methusalem.
Der Mutter hatte dieser Brief, das desperate Vorhaben des Sohnes, der Heimat Valet zu sagen und hinauszuziehen, vielleicht für immer, einen unwillkürlichen Seufzer abgepreßt. Florentina aber, als sie geendet und den Brief der Mutter zurückgegeben hatte, blieb schweigsam und blickte eine Zeitlang trübsinnig durch die Fensterscheiben; dann aber steckte sie eiligst die Spindel in den glänzenden Flachswulst an der zierlich gedrechselten, bemalten und vergoldeten Kunkel, einer Arbeit des Briefstellers, und verließ früher als gewöhnlich das Haus.
An dich richtet er kein einziges Wort! Dies mochten etwa ihre Gedanken sein – so wenig Mühe kostet es ihn, fortzuziehen auf lange, vielleicht auf immer? Und dann dieses Fräulein, das immer so gut gegen ihn sein sollte! – Dionys hatte ihr auch schon von diesem Herrenkind erzählt und von den Lobsprüchen, die Hieronymus demselben bei verschiedenen Gelegenheiten gespendet haben sollte.
Die Liebe ist eine starke, aber auch eine zarte Pflanze, sie überdauert die gewaltigsten Stürme, die heftigsten Ungewitter, aber ein einziger erkältender Reif kann ihre Blüte zerstören. Zurücksetzung ist für ein empfindendes Gemüt vielleicht am schwersten zu tragen; und so sehen wir hier zwei Herzen sich entfernen, erkälten, welche bisher von dem stillen, heiligen Feuer innigster Zuneigung erwärmt waren.
Ein äußerer Anstoß, ein Sturm hätte dies Feuer vielleicht zur lichten Flamme angefacht, und jetzt droht es in sich selbst zu verglühen, weil ihm der frische Luftzug tatsächlicher Anregung fehlt.
Was Hieronymus über Helenes Lage geschrieben hatte, verhielt sich wirklich so, und in ihrer Jugend schon sollte das gute Mädchen den vollen Ernst des Lebens kennenlernen. Daß der Amtsrat nicht in den besten Umständen gestorben, wußte sie, und ihr persönliches Verhältnis zur Ratsfamilie hatte sie längst geahnt, obwohl die Eltern stets bemüht waren, sie es in nichts fühlen zu lassen. Aber bei dem jüngsten Trauerfall war es die Stimme der Natur, die, wenn auch unbewußt, aus der Seele der Mutter gesprochen, die sich eben doch gegen die leiblichen Kinder anders gebarte, anders ausdrückte als gegen das Pflegekind, und daß sie dieses sei, war dem guten Mädchen jetzt zur Gewißheit geworden.
Mit Worten zwar ward dies Verhältnis von der Mutter nicht berührt, und begreiflich konnte es Helena nicht in den Sinn kommen, zuerst davon zu sprechen. In der Seele des angenommenen Kindes aber reifte der Entschluß, die gute geliebte Pflegemutter so bald als immer tunlich von der Last ihres Unterhaltes zu befreien.
Die Frau Amtsrätin war seit dem Hinscheiden ihres Mannes auch etwas leidend; eines Abends saß Frau Annakäther bei ihr, und nachdem das Andenken des Abgeschiedenen eine Zeitlang Stoff des Gespräches gewesen, erzählte die Annakäther unter anderem, wie kürzlich ihre Tochter, die Verwalterin auf Wildenstein, das Verlangen geäußert habe, eine Person zu finden, welche ihr nicht nur in der Haushaltung an die Hand gehen, sondern namentlich auch die Kinder pflegen und unterrichten könne.
Die Frauen hatten sich über diesen Gegenstand ausgelassen, diesen und jenen Namen genannt, ohne jedoch zu einer Einigung zu gelangen. Helena hatte schweigend zugehört. – Als aber die Feldwaibelsfrau geschieden, trat, nach einer Pause gegenseitigen Schweigens, das Mädchen vor die im Lehnstuhl sitzende Witwe, warf sich in großer Bewegung vor den Stuhl und sprach, die Hände der Frau an ihre Lippen pressend: „Mutter, ich will nach Wildenstein gehen. – Ich kann es nicht mehr länger über mich bringen – jetzt, wo sich so vieles geändert hat – Euch noch zur Last zu sein – ich kann nichts als danken, Mutter, für alles.“
Burg Wildenstein Foto: Rainer Halama auf Wikipedia
Die überraschte Frau drückte das gute Kind an ihre Brust. „Helene“, sprach sie in tröstendem Tone, „beruhige dich – es wird noch alles gut werden – sprich mir von keiner Trennung.“ Aber das Mädchen konnte sich nicht zufriedengeben. Beide Hände vor dem Gesicht, lag sie auf den Knien der guten Frau – ein Tränenstrom erleichterte ihre Brust. „Helene, fasse dich, du hast ja deinen Eltern nie Ursache zur Beschwerde gegeben.“ „Ich habe ein heiliges Gelübde getan“, sprach Helena feierlich, „der Himmel ist mein Zeuge. – Laßt mich gewähren, Mutter – versucht es nicht, mich abwendig zu machen – es ist mein Gedanke Tag und Nacht. – Josepha (so hieß die zweite Tochter der Amtsrätin) ist erwachsen, sie kann allein alles versehen. – Oh, ich weiß, daß ich ohne Euch alleingestanden hätte in dieser Welt.“ „Helene“, erwiderte die Rätin begütigend, aber in einem Tone, der ihr Nachgeben bekundete, „ich weiß, was du sagen willst – es sind heilig übernommene Pflichten, dazu die Liebe einer Mutter, die dich an mich fesseln – glaube mir, auch ferner noch wird für dich gesorgt werden – vertraue deiner Mutter.“
So schien denn ein ernstes Geschick unsere bisherigen Freunde auseinanderbringen und lange Trennung, vielleicht auf immer, gewohnten, liebgewordenen Verhältnissen ein Ende machen zu wollen.
Burg Wildenstein
Kupferstich von Matthäus Merian von 1643. Das Profil der Wehrgräben ist extrem überzeichnet, gibt aber den Eindruck wieder, den diese auf die Zeitgenossen ausgeübt haben müssen. Foto: Wikipedia
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Zwanzigstes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
“O wie chlopft der di Herz, wie lüpft si di flatterig Halstuch, und wie stigt der d’Röthi jez in die lieblige Backe, wie am Himmel s’Morgeroth am duftige Maitag” >Johann Peter Hebel
Brautwerbung – Die Doppelhochzeit
Mögen Welthändel die Völker entzweien, widerstreitende Interessen die Volksstämme gegeneinander aufstacheln; mag das „Mein und Dein“, das „Gewinnen und Verlieren“ selbst Nachbarn zu Feinden machen, stets wird die Liebe eine heilige Zufluchtsstätte in den Herzen der einzelnen finden und dort das Band wieder knüpfen, an welchem allein die Menschheit ihrem Ziele entgegengeleitet werden kann.
Ein Jahr war umflossen, seit der Friede wieder ins Land gekehrt, und doch gehörte für Philipp die so heiß ersehnte Verbindung mit der guten Juliana noch immer in das Reich der Hoffnungen und Wünsche. Endlich aber sollte auch bei diesem Paar sich das Sprichwort bewähren, „wo Treue Wurzel schlägt, macht Gott einen Baum daraus“. Die Bedenklichkeiten und Häkeleien, aus Familienverhältnissen und Rücksichten entsprungen, wurden beseitigt, geglättet und sie glücklich als Brautpaar anerkannt.
Solche Vorgänge sind oft wie herausfordernd, denn kurze Zeit darauf sehen wir ein zweites Paar aus dem Kreise unserer Bekannten dem Segen der Kirche zu ihrer Eheverbindung entgegenharren. Des Laubhausers Peter hatte sich entschlossen, zu heiraten, oder besser gesagt, sein Vater hat sich entschlossen, den Sohn zu verheiraten. Des Hofbauern Beweggrund hiezu lag keineswegs etwa darin, daß er das Regiment gerne an den Sohn abgetreten, um den Rest seiner Tage in ruhiger Zurückgezogenheit zu verleben, nein, der alte Laubhauser hatte jetzt gerade eine passende Braut für den Sohn gefunden, oder vielmehr eine Bauerntochter, auf welche er seit geraumer Zeit her sein Augenmerk in dieser Beziehung gerichtet, war jetzt ins heiratsfähige Alter getreten, und der Bauer hatte es an der Zeit erachtet, mit seinen Plänen hervorzutreten.
Die Angelegenheit war schon früher durch den Langen Hans eingefädelt worden. Durch ihn waren unserm Hofbauern gewisse Winke gegeben und von diesem wohl vermerkt worden. Das Mädchen, um welches es sich handelte, war in der Baar zu Hause und die Tochter des reichen Storchenbauern. Wie aber die beabsichtigte Verbindung zustand gebracht worden, das ging auf folgende Weise zu.
Nachdem der Laubhauser einmal das bestimmte Ziel ins Auge gefaßt und seine Maßregeln getroffen hatte, erschienen eines Tages zwei Männer vor des Storchenbauern Hause. Der eine war der Stabhalter von Laubhausen, der andere der Bregenbacherbauer, Peters Götte. Als die Botschafter sich langsam genähert, klopfte der Stabhalter mit dem Stock am Fenster der Wohnstube, zu sehen, ob jemand im Hause. Der Storchenbauer erscheint am Fenster, und als er bemerkt, weß Landes, ladet er die Männer ein, hereinzukommen.
Die beiden aber machen diplomatisch ernsthafte Gesichter und sind eigentlich nur gekommen, im Vorbeigehen die zwei jungen Fohlen, welche der Bauer, soviel sie wissen, feil habe, in Augenschein zu nehmen. Der Storchenbauer führt sie darum in den Stall – wo man lobt, schätzt, bewundert, aber doch nicht handelseins wird. – Der Storchenbauer, nach einigem Schweigen, ladet die Männer ein, hinauf in die Stube zu kommen – der Stabhalter und sein Freund sehen sich fragend an und schreiten dann bedächtlich hinter dem Bauer her.
In der Stube wird nun von Frucht- und Marktpreisen, von Landwirtschaft überhaupt gesprochen. Die älteste Tochter, ein stattliches Mädchen, bringt Wein und Brot und stellt die Erfrischung mit den Worten: „Sind au Gottwilchen!“ auf den Tisch, entfernt sich aber wieder, ohne sich in weiteres Gespräch einzulassen. – Die Männer reden noch immer von Äckern und Wiesen – der Stabhalter führt vergleichungsweise das Hofgut des Laubhausers an, der Storchenbauer macht Bemerkungen über das seinige, während er seinen silberbeschlagenen Ulmerkopf mit Rollenkanaster versieht, Feuer schlägt und starke Dampfwolken vor sich hin treibt.
Ulmerkopf aus der Privatsammlung von Anton Manger, Pfeifenbauer aus Wollbach/Unterfranken.
„Weil wir doch grad davon reden“, sagt er, „so will ich Euch das Inventari holen, da werdet Ihr sehen, Stabhalter, daß wir Baaremer Bure gegen Euch Wälder um e Guts verschieden sind. – Agathle“, ruft er durch den Küchenladen, „gib mir den Kastenschlüssel.“ – Während der Bauer in die Kammer schreitet, winkt der Stabhalter dem Bregenbacher, und sie stoßen mit den Gläsern an. –
Der Storchenbauer kommt zurück, breitet das Inventar auf dem Tische aus und zeigt mit der Mundspitze seiner Pfeife, wo die besten Äcker und Wiesen liegen, wobei er beiläufig anführt, was er einer Tochter geben könne. – Jetzt war der rechte Augenblick gekommen. –
„Wie wär’s“, wirft der Stabhalter ein, indem er mit der flachen Hand auf den Tisch schlägt, „wie wär’s, wenn man die Sach zusammenspielen tät?“
Und siehe! Der Zauber ist gelöst – man nennt das Kind bei seinem rechten Namen. „’s ließ sich hören!“ meint der Storchenbauer und ruft dem Agathle wieder, die Butelle sei leer, und als das flinke Mädel erschienen, sagt ihm der Stabhalter: er habe beinahe vergessen, daß des Laubhausers Peter sie vielmal grüßen lasse. Während sie errötend, ihm nickend, aus dem dargebrachten Glase trinkt, sagt er: „Der Peter ist e Männle – trinket us und stoßet a!“ Soweit war nun alles im Reinen, und man macht noch aus, daß die beiden jungen Leute mit ihren Vätern am Johannimarkt zu Donaueschingen im Gasthaus zum Schützen sich treffen sollten. – Das war die „Abrede“.
Speisekarte von etwa 1880 aus dem Hotel zum Schützen in Donaueschingen.
Die Zusammenkunft mußte ihre Früchte getragen haben, denn nicht lange nachher sieht man eines Tages das Agathle mit seinem Vater auf den „B’schauet“ vor dem Laubhauserhofe anfahren – und daß es ihnen allda recht wohlgefallen, können wir daraus annehmen, daß von dieser Zeit an in des Storchenbauern Hause über Kopf und Hals an der Brautfahrt (Aussteuer) geschafft wurde. Die Hochzeitsfeier selbst begleiteten alle hergebrachten Formen und Bräuche.
Einige Tage vorher fuhr vierspännig ein Leiterwagen, von Laubhausen kommend, vor des Storchenbauern Haus; Geschirr und Wagen waren nagelneu und wurden daselbst in die Scheuer eingestellt. Des andern Tages früh, als auch der glückliche Hochzeiter Peter nachgefolgt war, begann die Verladung der Aussteuer. Zuerst kam die große, mit reich verziertem Bretterhimmel verdachte Doppelbettstatt, dann ein großer Kleiderkasten, ein Trog, möglichst bunt bemalt, eine Kunkel mit angelegtem Flachs und flatternden Bändern. Wenn letzteres als Symbol häuslichen Fleißes bezeichnet werden mochte, so deutete der nie fehlende Brautbesen von weißen Reisern mit seinem verzierten Stiel (eine Arbeit der Stillieger) auf die schöne Eigenschaft der Reinlichkeit.
Der nie fehlende Brautbesen mit weißen Reisern und dem verzierten Stiel der eine Arbeit der Stillieger sei, ist für mich ein Rätsel. Die Bezeichung „Stillieger“ findet sich nur im Zusammenhang mit der Rheinschifffahrt und auch der Brautbesen scheint verschwunden zu sein.
Das Brautbett wurde vorn auf dem Wagen vollständig aufgemacht, und als dieses geschehen, begann das Einpacken der Kästen und Tröge. Verwandte der Braut, schmucke junge Mädchen, trugen Stück für Stück in die Scheuer, daß auch den Nachbarn genaue Einsicht und richtiges Wertschätzen ermöglicht war. Doch weil hier der Platz mangelt, all diese Kostbarkeiten im einzelnen vor dem Leser auszubreiten, führen wir nur an: die schönen eingebändelten Jüppen und Goller, die farbigen Fürtücher, feintuchenen Ärmel, die seidenen Halstücher, Hemden und Strümpfe, ebenso das Tischzeug, Handzwelen, Getüch, Zwillich, Reisten, Flachs, Zinngeschirr; alles dutzendweise gezählt, ellenweise gemessen, zentnerweis gewogen. Erlassen sei es uns jedoch, die blanken Taler zu zählen, welche der Storchenbauer seinem Töchterlein „auf den ersten Wurf“ schon mitgegeben. Kaum hatten die Vormittagsstunden hingereicht, das Geschäft zu beenden. Schlag zwölf Uhr wurde die Aussegnung vorgenommen.
Der Herr Pfarrer war erschienen, die Eltern, die Braut und sämtliches Hausgesinde wohnten der frommen Handlung kniend bei. Nachdem der Geistliche seine Gebete verrichtet und den Segen gesprochen, tritt der Hochzeiter herein, nähert sich seinen zukünftigen Schwiegereltern und dankt mit einem Handschlag für die reiche Hochzeitsgabe. Hierauf bespannt des Laubhausers Karrenknecht mit seinem stolzen Viergespann den Wagen, schwingt sich in den Sattel, und die Fahrt geht vonstatten, während der auf dem Handgaul sitzende Vorreiter, der Roßbub, triumphierend, als hätt er den Brautwagen erobert, mit einem lauten „Juhe!“ sein Lederkäpplein schwingt. Von allen Giebeln und Häusern krachen Schüsse als Gruß und Abschied.
Hinter dem Wagen mit der teuren Last aber steigt in stattlichem blauem Rock und rotem Wollehemd der beglückte Bräutigam Peter; in der Linken hält er einen großen, mit Scheidemünze wohlgefüllten, rot bemalten Beutel, aus welchem die Rechte den glückwünschenden Kindern, welche von Zeit zu Zeit „vorspannen“, Gaben spendet; und um ja der Würde eines Sohnes vom Laubhauserhof heute nichts zu vergeben – wirft der Glückliche noch Geld unter die Zuschauer.
Bei so naher Bekanntschaft und Verwandtschaft war der Gedanke natürlich, daß die Hochzeiten Peters und des Kaiserzollers Philipp an einem Tage gefeiert werden sollten, so ward es unter den Eltern verabredet, und zwar sollten Mahl und Tanz im Felsen sein. Welche Zurüstungen zu diesem Festtage! Noch mancherlei Förmlichkeiten sind bis zum Augenblick der Trauung zu beobachten; versetzen wir uns jedoch mit einem Blick auf unsere Zeichnung in den Hochzeitsmorgen selbst.
Juliana, von der Schwester angekleidet und frisiert, glänzt schon im bräutlichen Schmucke der jungfräulichen Schappeltracht. Die Krone voll Goldflitter und farbigen Perlchen ziert das Haupt; die Haare sind eingeflochten in hochrote Stränge von Türkengarn und Hals und Brust züchtig verhüllt in Flor; über der schwarzen Taffetschürze prangt der schön gestickte Schappelgürtel, und die bauschige Jüppe fällt herab in feinen Falten auf die neuen Stöckelschuhe, in welchen die also Geputzte nur in bemessenen Schritten einherzugehen vermag. – Erwartungsvoll umstehen sie die kleinen Kränzlejungfern, die sich längst schon gefreut und vorbereitet haben auf diesen wichtigen Tag.
Von ferne erklingen die Geigen und Klarinetten der Spielleute, welche der Sitte gemäß im Tal umhergehen und vor den Häusern die „Morgensuppe anblasen“, und bald werden die Glocken zur Kirche rufen. Man sagt, eine Braut, welche in der Hochzeitskirche nicht weine, bekomme eine tränenreiche Ehe. Auch der Himmel, ob hell oder trübe, soll eine Vorbedeutung sein, sagen die Weiber, die natürlich stets auf das Angelegentlichste mit den Brautleuten sich beschäftigen – Tränen jedoch sind bald vergossen und ebensobald wieder abgewischt; doch gewiß ist, daß auch im höchsten Ton der Freude leise Trauer, herber Schmerz mitklingt, wie mit dem hohen Glockenton die tiefe Oktave.
Wie es jedoch mit dem Wetter beschaffen war, hell oder trübe, vermögen wir nicht anzugeben. Nur so viel darf versichert werden, der Hochzeiter Philipp hatte sich innig gefreut auf diesen Tag, der ihm seine geliebte Juliana unauflöslich verbinden sollte; und auch der Peter, nicht wenig stolz auf sein Agathle, hielt ihn für seinen höchsten Ehrentag. Beide junge Männer aber konnten diesen Gefühlen und Erwägungen heute nur flüchtig nachhängen; denn mehr noch als der Kaiser am Krönungstag hatten sie nach allen Richtungen hin diplomatische Förmlichkeiten und Rücksichten zu beobachten: zu grüßen, die Hand zu geben und jedem zu sagen, wie sehr es sie freue, daß man ihnen die Ehre schenke usw.
Doch – überlassen wir ihnen die Ausführung des herkömmlichen Zeremoniells und wenden wir uns nach vollzogener Trauung der Hochzeitstafel im „Felsen“ zu, wo im Doppelfeste zwei Ehebündnisse gefeiert werden.
Welch eine Menge von Gästen, kaum daß sie das Haus mit seiner großen Stube und Nebenkammer, welche durch Aufhebung der hölzernen Scheidewand zu einem Raume vereinigt sind, alle zu fassen vermag. Die ganze Nachbarschaft rund umher ist eingeladen worden, und niemand, scheint es, hat die Einladung abgelehnt; die Ehrenmägdlein haben alle Hände voll zu tun, jedem ankommenden Gaste auf dem Teller sogleich das Sträußchen zu bieten. – Mit dem Fazenettlein und dem Rosmarinzweig in der Hand sitzen die Bräute an dem Tisch; und da es heute nicht schicklich ist, daß sie von dem Aufgetragenen selbst herausnehmen und auf dem Teller zerlegen, so sehen wir die an ihrer Seite sitzenden Brautführer sie zuvorkommend bedienen. – Auch Florentina, Geschwisterkind und Schwägerin, erblicken wir als bekränzte Ehrenmagd oben an der Tafel; aber sie blickt still und gedankenvoll vor sich hin, obwohl der an ihrer Seite sitzende Handelsmann Dionys, sorgfältig angetan, sich alle Mühe gibt, mit Schöntun sie zu gewinnen.
Ein Fazenettlein ein Taschentuch, bzw. ein Tüchlein. Rosmarin ist das Symbol für ewige Liebe, Treue und bleibende Erinnerung. Im Mittelalter schrieb man Rosmarin die Kraft zu, böse Geister zu bannen. Volkstümlichen Namen für den Rosmarin sind: Brautkraut, Hochzeitsbleami, Hochzeitsmaie, Kranzenkraut, Weyrauchkraut, Rosemarie, Lieblingskraut oder Gedenkemein.
Aber Hieronymus, warum sehen wir diesen nicht an der Tafelrunde? – Eingeladen ist er und hat der Einladung auch Folge geleistet; aber am Hochzeitstisch selbst, unter den Verwandten und Großwürdenträgern, gebührt ihm, dem Sohne des Dienstmannes, heute kein Ehrenplatz; da muß eben alles g’hörig und formularisch sein, wie der Laubhauser sich auszudrücken beliebte; und Ausnahmen durften keine gemacht werden.
War demnach die Etikette streng vorgeschrieben, ward sie doch keineswegs so ängstlich beobachtet, daß zuletzt nicht die alte Zutraulichkeit wieder sich hätte geltend machen dürfen. Aber Hieronymus hatte heute seinen eigenen launenhaften Tag, und wenn er sich im Herzen auch unrecht geben mußte, so vermied er doch störrisch alles Begegnen, alles Annähern an Florentina.
Der Grillenfänger saß am hintern Tischlein bei seinem Vater, der heute im besten Gewande, seinem einstigen Hochzeitsrocke, prangte. Die Mutter war in der Küche beschäftigt. Romulus hatte sich auch zu ihnen gesellt. „Du siehst“, sagte er in gedämpftem Ton, daß es nur Hieronymus hören konnte, „wie er sich an den Laden legt, ich hab richtig prophezeit.“ Damit meinte aber der Student den zutunlichen Dionys, der heute für niemand Augen hatte als nur für Florentina, die er wiederholt schon zum Tanze geführt hatte. Der Angeredete biß sich auf die Lippen und erwiderte nichts. Romulus schenkte die Gläser voll und nötigte den Freund zum Trinken. Ganz abgesehen von ihrer Umgebung taten sich die beiden jetzt Zwang an und sprachen mit scheinbar größter Unbefangenheit von ihren Studien und vom Stadtleben.
Florentina hatte öfter ihre Blicke nach dem hintern Tische gerichtet; und jetzt neigte sich die Braut Juliana, die es bemerkt hatte, zur Gespielin, ihr etwas ins Ohr zu zischeln. Hierauf erhoben sich beide, um Hand in Hand auf den Tisch zuzuschreiten. – Versöhnlich reichte zuerst die Braut ihrem einstigen Anbeter Romulus die Hand; und Florentina, das gute Mädchen, wendete sich an Hieronymus, fragend, was ihm fehle und ob er denn heut gar keine Lust zum Tanzen habe?
„An Tänzern fehlt es ja nit, wie ich seh!“ gab er mit erzwungener Gleichmütigkeit zur Antwort mit einem Seitenblick auf Dionys, der ebenfalls sich herbeigemacht. „Du hast dich diesmal noch gar nie bei uns sehe lassen, machst dich au gar so rar!“ fuhr in halb vorwurfsvollem Ton die Freundin fort. „Bin gestern erst kommen und wollt bei euch im Haus nit überlästig sein, wo alles so vollauf mit der Hochzeit beschäftigt g’wesen ist.“ „Nu, so schenkst du uns morgen doch die Ehr, nit wahr?“ fragte sie treuherzig. „Ich will morgen mit dem frühesten wieder fort“, entgegnete Hieronymus scheinbar kalt und gleichgültig. „Schon wieder fort?“ wiederholte Florentina, indem es wie ein leiser Schatten über ihr Gesicht hinzog „Dem Hieronymus g’fallt es nit mehr bei uns auf’m Land“, bemerkte Dionys lächelnd; „’s ist wahr, in der Stadt gibt’s mehr Pläsier.“
Ehe Hieronymus hierauf erwidern konnte, war der Bräutigam Philipp herbeigekommen mit dem vollen Glas, um es den Freunden zuzubringen. „Essen und Vergessen!“ sagte er fröhlich zu seinem ehemaligen Widersacher – und auch Romulus ergriff sein Glas und stieß mit ihm an.
„Kommt, Romulus, Hieronymus“, ermunterte Philipp die beiden, „kommt, seid doch auch e bißle lustig und alert! – Hört ihr nit den lustigen Tanz? Juheisa juhe! Kommt’s euch nit in die Füß? Frisch – hellauf und glattweg!“ Aber auch die Geigen und Flöten, die jetzt vom Tanzboden her tönten, vermochten nicht, das eigensinnige Paar in den allgemeinen Wirbel hineinzuziehen. Sie blieben am Tische sitzen.
Nur einmal, als es hieß, es solle ein Vortanz ausgerufen werden, bemühten sie sich hinaufzugehen, als Zuschauer. – Als die Gruppen sich gehörig gebildet, trat der alte Spielhannes auf und rief, mit der Hand Schweigen gebietend, die üblichen Vortänze aus: „Drei ehrliche Tänz“, verkündet er, „für die beiden ehrsamen Hochzeiter und für den Laubhauserbur, und es soll niemand dreinfahren, außer er hab Staub unterm Hut und e Loch im Strumpf, so groß wie en Speckteller!“ – Allgemeines Gelächter. – Der Tanz beginnt, und machten die Brautleute ihre Sache gut, so tanzte der Bauer mit der Kaiserzollerin noch besser – gravitätisch führt er die Tänzerin auf den Platz, und bald auf dem einen, bald auf dem andern Absatz klappernd oder in die Hände klatschend umschwärmt er die züchtige Tänzerin, die, zimperlich mit der Hand ihr Gewand haltend, bald sich nähert, bald sich entfernt, während der Tänzer die Verslein singt:
„Tanz mir nur all siebe siebe, Tanz mir nur all siebe; Mach mir’s, daß ich tanzen kann, Tanzen wie ein Edelmann; Frei g’schwind!“
Nachdem diese Tänze beendet, begann erst der allgemeine Ländler. Die beiden Freunde aber hatten längst sich wieder in die Trinkstube an ihren Tisch begeben. – Heiterkeit und Lust waren in vollem Zug – und der Stabhalter, nachdem jedes seinen Platz wieder eingenommen, forderte die Mädchen auf, eins zu singen: „Allons, Florentina“, kommandierte er, „stimm an!“ – Auf das gebot er Stille – und Florentina – nach einigem Besinnen – stimmte eins an, und die andern, darunter natürlich auch der seelenvergnügte Dionys, fielen ein. – Auch dem Hieronymus und seinem Freunde hatte der Stabhalter zugewinkt – aber sie lehnten ab. – Bald nachher fanden sie für gut, dem geräuschvollen Feste sich unbemerkt zu entziehen.
Gegen Abend, als das Mahl beinahe zu Ende war, zog die Musikbande spielend um die Hochzeitstische, und als der „Brotis-Marsch“ beendet, bestieg der alte Spielhannes eine Bank, von welcher herab er mit lauter Stimme den üblichen Zech- und Glückwunschruf herdeklamierte:
„Ich bitte still, ein wenig still, daß jeder höre, was ich will; Hochgeehrte, liebe Gäste, Allen hier beim Hochzeitsfeste, Bin vom Brautpaar hergesandt: So viel Dank wie Sand am Meere, Für die ihm erwies’ne Ehre, Und was ein Mensch je Guts erdacht, Sei Freunden auch zum Dank gebracht. Auch der Wirt bringt heute keine Kreide, Denn sie beraubt der Gäste Freude, Man zechet heut, wie’s früher war, Auf das geliebte Hochzeitspaar.«
Und nachdem die Gäste noch ermahnt worden, zu tun, „was schon die Alten erdacht“, nämlich mit „Gaben“ das Herz der Brautpaare zu erfreuen, wendete der Sprecher sich an diese selbst und wünschte ihnen im Namen der Hochzeitsgäste:
„Alles, alles, nur das Beste, Zuletzt noch viele Kinder, Gesund und munter auch sogar, Mit blauen Augen, gelbem Haar, Dann“, schloß er, „stirbt die Welt gewiß nicht aus, Und Gottes Segen ist im Haus.“
Bis in die späte Nacht dauerte das festliche Gelage. – Viele vermochten sich nicht zu trennen, bis am grauenden Morgen. Unsere schmollenden Freunde waren aber in der Dämmerung hinausgewandert ins Freie, in die Einsamkeit des nahen Waldes. Sie sprachen über vielerlei und machten ihrem jugendlichen Unmute in philosophischem Gespräche über die Menschen und Verhältnisse Luft.
Als sie spät am Abend umkehrten, strahlte das Wirtshaus festlich erleuchtet durch den Nebelduft; und Getöse und Tanzmusik tönte weit durch die stille Nacht. Die Jünglinge waren unschlüssig, ob sie noch einmal eintreten sollten. Hieronymus hatte Lust, es zog ihn mit heimlicher Gewalt; doch Romulus ließ sich vernehmen, ihn am Arme packend: „Tu es nicht! Laß dem stolzen Bauernadel für heut sein Gaudium!“
Mißgestimmt war Hieronymus nach Haus gekommen, wo er, ohne sich ganz auszukleiden, sich unverweilt aufs Lager warf, doch ohne daß ihm der Schlaf die Augenlider schloß. – Und als er nach langem Wachen endlich eingeschlummert, weckte ihn bald wieder Wagengerassel und das Spiel der Musikanten. Es war üblich im Tal, daß die Spielleute jeden fremden Hochzeitsgast, von dem ein gutes Trinkgeld zu erwarten war, beim Scheiden musizierend bis vor die Haustür begleiteten. – So – zwischen Einschlummern und Aufwachen – ging es fort, bis der Tag graute. – Noch im Morgendämmer wollte der ungeduldige Mensch von dannen ziehen. Die „Nachhochzeit“, redete er sich vor, werde auch ohne ihn abgehalten werden können. – Nicht viel Zeit brauchte er, sich reisefertig zu machen; auch litt er nicht, daß ihm die soeben erst vom Wirtshaus herübergekommene Mutter ein Süpplein koche. Sie begriff seine Eile nicht, obwohl er ihr sagte, er müsse diesmal den längeren Rückweg über Neustadt machen, um dort für den Meister eine kleine Kirchenarbeit abzuholen.
Nebelgewölk verhüllte noch die Berge, als er durch das „Felsental“ zog; es wich erst, als er oben auf dem „Höchst* angekommen war. Von der Straße ab ging er rechts, eine schwachbeholzte Bergkuppe ersteigend, wo sich ihm eine freie Aussicht bot, über die Vorhügel hinweg – hinaus ins bläuliche Rheintal. Die kühle Morgenluft hatte bereits all die trüben Nachtschatten von gestern aus seinem Gemüte verweht; er atmete freier, und die Gedanken schweiften hinaus, leicht wie die Wölkchen, die im reinen Äther über seinem Haupte wegzogen. – Und doch fühlte er sich nicht so glücklich wie damals, wo er, als Hirte im Grase liegend, hinaufgeschaut und den Wolkenzug betrachtet und aufspringend dann sich gedrängt gefühlt hatte, mit einem weithin schallenden Jauchzer sein Glück den Bergen und Wäldern zu verkünden!
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Neunzehntes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
“Drunter ischs und drüber gange was me cha sage. Menge brave Ma hets nime chönne prästiere, het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet. >Johann Peter Hebel
Moreaus Rückzug – Plünderung
Für den Augenblick war das Unwetter vorübergezogen, ohne in dieser Gegend größeren Schaden anzurichten; doch bald sollte es, von einem Gegenwind zurückgetrieben, nur um so heftiger sich entladen.
Mit dem Anfang des Oktober hatte der französische General Moreau auf seinem, wohl über die Gebühr gepriesenen Rückzuge die Höhen des Schwarzwaldes und den Paß des Höllentales wiederzugewinnen vermocht und den Schauplatz unserer Erzählung mit seinen Scharen überschwemmt.
Bereits, als es kundbar geworden, wie Erzherzog Karl die zweite feindliche Armee nach dem Main zurückgeworfen habe, und wie die fränkischen Bauern den fliehenden Franzosen mitgespielt, da machte das Vaterlandsgefühl sich geltend, überall, wo ein Feind auf deutschem Boden zu sehen gewesen. In dem diesseitigen Teile des Bistums Speyer hatte der bewaffnete Volksaufstand seinen Anfang genommen, sich rasch über den Odenwald und herauf über die Ortenau verbreitet. Aber selbst in jenem Teile des Schwarzwaldes, welcher noch in Feindes Hand war, suchte man die verborgenen Waffen wieder hervor. Wo man den Franzosen einen Schaden, einen Abbruch tun konnte, geschah es. Nachzügler, einzeln reisende Kriegsbeamte wurden überfallen und auf die Seite geschafft.
An den Heerstraßen hatten verwegene Rotten Hinterhalte angelegt, von wo sie kleinere feindliche Abteilungen versprengten, oft gar überwältigten.
Gefangene wurden bei solchen Gelegenheiten keine gemacht, das begreift man. Allerdings ließen die Franzosen solche Dinge nicht ungeahndet, wo sie es vermochten, allein man darf wohl annehmen, daß nur die Furcht, den Aufstand allgemein zu machen, sie von greulicher Wiedervergeltung abhielt.
Im Kirchtal unter andern hatte der Kuhhirt einige verwegene Gesellen um sich versammelt und lag mit diesen an der Landstraße auf der Lauer. Da sahen sie einen feindlichen Gepäckzug herannahen, nur von wenigen Bewaffneten begleitet. Die Disposition zum Angriff war bald gemacht; als der Zug nahe genug herangekommen, sprangen die Kameraden rasch aus ihrem Versteck, wirbelten mit den Füßen den Staub der Landstraße hoch in die Höhe, der Hirte feuerte dabei zwei Pistolenschüsse ab, und die erschreckten Feinde, wahrscheinlich junge Leute, nahmen eiligst die Flucht, den Wegelagerern das Gepäck als Kriegsbeute überlassend. Doch nicht lange nach dem Streich erscheint eine französische Kolonne in dem Tale, dort die Auslieferung der Übeltäter zu verlangen oder den Ort niederzubrennen. Jene aber hatten sich bereits in die Berge salviert, und der französische General war menschlich genug, nur sechs Häuser in Asche legen zu lassen. – Auch in Hausen vor Wald war ähnliches geschehen, und das Dorf wurde drei Tage lang der Plünderung preisgegeben.
In Hausen vor Wald haben wohl auch Hirten Franzosen überfallen, was genau passiert ist, schreibt Lucian Reich nicht. Auf jeden Fall wurde als Strafe Hausen vor Wald drei Tage lang Plünderungen peisgegeben. Dass danach wohl nicht mehr viel übrig sein konnte, ist wohl klar.
Und wieder fürchtete man in der Baar eine Schlacht. – Schon standen die Armeen einander gegenüber, als die Franzosen ihre Stellungen aufgaben und den Rückzug über den Schwarzwald fortsetzten. Der Feuerschein des brennenden Dorfes Röthenbach, wo vorher einige Franzosen umgebracht worden waren, und die flammende Pfarrkirche samt Schulhaus in Neustadt bezeichneten ihren Weg.
Unsern Hieronymus faßte der Strudel im Hause der Großeltern, welche im Jahr vorher kurz nacheinander aus dieser Zeitlichkeit geschieden waren und für welche eben jetzt der Gedächtnisgottesdienst gehalten werden sollte.
Zweiter Koalitionskrieg Der Zweite Koalitionskrieg (1798/99–1801/02) wurde von einer Allianz um Russland, Österreich und Großbritannien gegen das im Ersten Koalitionskrieg erfolgreiche revolutionäre Frankreich geführt.
Auf dem Walde war in diesem Jahr vom Kriege wenig zu verspüren gewesen; kein Feind hatte noch die Gegend um Laubhausen betreten; und daß Moreau schon wieder auf dem Rückzug sich befinde, davon hatte man dort nur gerüchtweise sagen gehört. Also war Vater Mathias in die Amtsstadt gekommen, um seinen Sohn zur Gedächtnisfeier abzuholen.
Der 29-jährige Jean-Victor Moreau (1792) Foto: Wikipedia
Der Gottesdienst im Dorfe war noch ungestört vorübergegangen. Gegen Mittag, als die Leute gruppenweise vor ihren Häusern standen, mehr stumm und erwartungsvoll als beratend, erscholl es plötzlich: „Sie kommen“, und wirklich sah man bald darauf am „Kapf“ (einer Waldecke) Bajonette blitzen. Eine Abteilung Franzosen hatte dort Halt gemacht.
Das Kapf bei Villingen ist gegenüber vom Kirnacher Bahnhöfle und eine alte Wallanlage des keltischen Siedlungsareals.
In demselben Augenblick krächzt eine heisere Weiberstimme: „Sie kummet, sie kummet, d‘ Vetterli kummet! Jetzt ist den arme Leute g’holfe!“ – Es war das alte halbverrückte Duningerannele, welches in wahnsinniger Lust also durch das Dorf rannte.
Über das Duningerannele läßt sich in der Villinger Geschichte leider nichts mehr finden. Anscheinend aber war sie den Ideen der französischen Revolution nicht abgeneigt.
Da tut sich der krumme Davidle, der Viehdoktor und Teufelsbanner hervor, die Leute zu beruhigen: er könne Französisch, behauptete er, und wolle hinausziehen, zu parlamentieren.
Der krumme Davidle, der Viehdoktor und Teufelsbanner ist auch in den Tiefen der Geschichte verschollen.
Man ließ ihn gewähren. Da band der Patriot ein weißes Taschentuch an einen Stock und zog mit dieser Friedensfahne hinaus zu den Franzosen.
Nach etwa einer Viertelstunde ängstlichen Harrens kehrte der Parlamentär wieder zurück, von weitem schon schreiend: „Viktoria – sie sage, sie tun uns nüt – wenn wir ihne nur g’nug z‘ essen und z‘ trinke nausbringe.« So leichten Kaufes loszukommen, hatte man nicht vermutet, und alles beeilte sich, Schinken, ganze Speckseiten, geräuchertes Fleisch, Wein und Branntwein herbeizuschaffen, auf Karren zu laden und dies Mittagsmahl den fremden Gästen zuzuführen, welche dasselbe auch ohne viel Komplimentierens entgegennahmen. Die Leute, welche hinausfuhren, waren nicht wenig erstaunt, solch einen bunten, zerrissenen und zerlumpten Haufen zu sehen wie diese Neufranken, obwohl sie bei ihrem ersten Auftreten schon abenteuerlich genug ausgesehen hatten.
Alle Orte von Ulm bis Schwenningen, wo der Haufe durchgezogen war, mußten ihm Tribut gezollt haben. Neben einem Soldaten im französischen Casquet sah man einen andern im schwäbischen Nebelspalter, der hatte einen Weiberrock umgetan, jener einen Ratsherrenmantel. Hier lief einer barfuß, dort ein anderer in Pantoffeln. Hier einer im weißen Chorhemd, dort ein anderer im blauen Fuhrmannskittel. Dieser trug gestreifte Pantalons, jener gelbe Lederhosen. Man sah, hier herrschte Freiheit, aber wenig Gleichheit.
Mit „französische Casquet“ ist vielleicht ein Casque, ein Helm, gemeint.
CASQUE À CHENILLE DE CHASSEURS À CHEVAL MODELE 1791 Internetfund
Was mit einem schwäbischen Nebelspalter gemeint ist, würde mich auch sehr interessieren!
Die Lebensmittel waren kaum an ihre Herren gelangt, als wieder, wie des Morgens schon, ein eisiger Regen einfiel und die Kolonne ihren Marsch nach dem Dorf fortsetzte. – Welch ein vortrefflicher Unterhändler der krumme Davidle gewesen, zeigte sich alsobald; denn als die Franzosen kaum an den ersten Häusern angekommen waren, ging der Spektakel los.
Eine ergötzliche Jagd auf Gänse und Enten war das erste. Wo aber solch fette Bissen auf den Gassen zu finden, muß offenbar in den Häusern noch weit Köstlicheres vorhanden sein. – In dieser Voraussetzung statteten die Neufranken ihren deutschen Brüdern schon in den Nachbarhäusern überraschende Besuche ab. Bald darauf sah man einen mit einem Ballen Leinwand wieder auf die Straße stürzen, die andern gleich einer bellenden Meute hinter ihm drein, jeder bemüht, ein Stück des Ballens herunterzusäbeln und als schützenden Mantel umzuhängen. – Das alles war jedoch, wie gesagt, nur ein Vorspiel, denn bald schien es, als brenne das ganze Dorf, und die behenden Franzosen seien nur gekommen, um auszutragen, was nicht niet- und nagelfest. Da wurden verborgene Schätze gehoben ohne Wünschelrute und Christoffelgebet; Übergaben bewerkstelligt ohne Notar; Truhen wurden geleert, volle Beutel eingesteckst, ohne Empfangsbescheinigung. Manch Schweinchen wurde geschlachtet und zerstückt, ohne vorher gebrüht worden zu sein.
Internetfund mit französischen Uniformen um 1790
„Krieg den Palästen, Friede den Hütten!“ war das neue Losungswort – aber in Ermangelung von Palästen mußten eben die Hütten herhalten.
Mathias und Hieronymus hatten sich während dieses Sturmes in dem großelterlichen Häuslein gehalten, und wunderbarerweise war es gerade diese kleine Wohnung, welche verschont geblieben.
Nachdem die wilden Wasser verlaufen, suchten Vater und Sohn wieder den Heimweg. Überall auf ihrem Wege erblickten sie Spuren des wüsten Zuges, und ihre bange Spannung, wie es zu Hause ergangen sein möchte, mußte mit jedem Schritte wachsen. Hie und da begegneten den Wanderern einzelne oder kleine Truppen von Nachzüglern, die jedoch nicht alle den heimischen Herd zu sehen das Glück hatten. Gerade das aber war für den alten Mathias ein Grund vermehrter Besorgnis, denn bereits vom Tage an, wo die Franzosen gegen das Kinzigtal gekommen, war der Stoffel unsichtbar geworden; und bald da, bald dort hatte man einen erschossen gefunden, dafür aber war auch da und dort ein Hof niedergebrannt worden. Doch erwiesen sich diese Besorgnisse glücklicherweise als unbegründet. Der Feind hatte sich auf dem Rückzug keine Zeit genommen, dem entlegenen Laubhauserhof Besuche abzustatten.
Der Feldzug war beendigt und der jugendliche Held Erzherzog Karl zu Freiburg als Befreier des Vaterlandes im Triumphe eingezogen. Nur von Kehl her, welches unter dem Oberbefehl des Fürsten Alois von Fürstenberg beschossen wurde, dröhnte noch das Brummen der schweren Stücke.
Erzherzog Carl Ludwig Johann Joseph Laurentius von Österreich, Herzog von Teschen, (* 5. September 1771 in Florenz; † 30. April 1847 in Wien) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war ein österreichischer Feldherr…. Die Zurückdrängung der französischen Rhein-Mosel Armee unter General Moreau über den Rhein nach der Schlacht bei Emmendingen verschafften Karl große Popularität in Deutschland.
Karl von Österreich-Teschen (Porträt von Johann Baptist Seele, 1800, Heeresgeschichtliches Museum in Wien)
In einem gesegneten Lande aber sind die Wunden des Krieges bald verharscht; der altgewohnte Zustand kehrt wieder. Das Erlebte gibt Stoff zum traulichen Gespräch, und der wieder unbefangene Blick findet aus den Szenen des Schreckens und der Bedrängnis Züge von Humor und Originalität heraus. – So erzählte man sich in Hüfingen lange unter Lachen, wie es dem Vetter Galli ergangen. In dem allgemeinen Durcheinander hatte es ihn zum Verwalter getrieben, ohne daß er recht wußte, was er eigentlich wolle. Unterwegs trifft er auf einen Neufranken, dem sogleich des Vetters neue Bundschuhe in die Augen stechen; der Soldat erlaubt sich, dem Vetter das Schuhwerk auszuziehen, und wirft ihm dafür seine durchgetretenen Stiefel hin. Kaum im Anziehen begriffen, kommt ein anderer Kriegsmann in Pantoffeln daher, und sogleich setzt es einen neuen Tausch ab. Also leicht beschuht zieht der Galli weiter, da begegnet ihm ein Dritter, welcher gar keine Fußbekleidung umzutauschen hatte und welcher den Galli mit der jenem Volke eigenen Höflichkeit nötigt, seine Visite beim Verwalter in Socken abzustatten.
Interessanter für unsere Leser dürfte die Geschichte sein vom Sturm auf das Stöckle, dem Gefängnisturm im süßen Winkel.
Das Stöckle, der Gefängnisturm im süßen Winkel wurde etwa 1840 abgerissen.
In diesen wohlverwahrten Ort hatte man zu Anfang der Kriegsunruhen einige Sträflinge aus dem Zuchthause verbracht, darunter den Langen Hans und seine Tochter Schön Rösel. Das Vagantenmädchen, seiner bekannten Unschuld zu viel vertrauend, hatte sich aus dem Überrhein wieder herübergewagt und war endlich der ungalanten Polizei in die Hände geraten.
Als im Städtlein das Lärmen der plündernden Franzosen bis zu dem Turme gedrungen, machte sich die schöne Heimatlose an das Gitterfenster und sang eines ihrer Lieder, daß es weit durch die Gassen schallte:
„Ei schöner guter Tag! Ei tausend gute Nacht! Ein Fischfänger möcht ich sein Bei der Nacht. Die Fische fängt man in dem Teich Im Sommer wie im Winter gleich, Bei der Nacht! Bei der Nacht, da fische ich!“
Ein Trupp angetrunkener Franzmänner, welcher die Gasse entlanggezogen, hörte das Lied und erschaute auch alsbald die schöne Sängerin. Als diese aber (sie hatte im Elsaß einige französische Brocken aufgefaßt) den Franzosen ihr „bon jour citoyens“ zugerufen, ging der Tanz los. „Vive la liberté!“ schrie der eine, „vive la bohémienne!“ ein anderer, und die Freiheitsmänner machten sich unter rasendem Beifallsgeschrei sämtlicher Gefangenen kühn daran, einen zweiten Sturm auf die Bastille in dem Städtchen der Baar aufzuführen.
Die gesamte Obrigkeit des Ortes, der Amtsrat, der Schultheiß, die Bettelvögte und was sonst noch zur vollziehenden Gewalt des Städtleins gehörte, waren unterdessen herbeigekommen und suchten, wiewohl vergeblich, den Auflauf zu beschwören; die Franzosen wollten nichts davon verstehen, daß es sich hier um malfaiteurs handle. Man mußte endlich unterhandeln und zuletzt sich dazu verstehen, wenigstens Schön Rösel freizugeben. Im Triumphe ward die reizende Beute durch die Gasse getragen, und sie war auch wirklich ihren Befreiern als belle cantinière auf ihren weiteren Zügen über den Rhein gefolgt.
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Achzehntes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte Jeder: da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein. > Goethe
Der Landsturm – Rückkehr der Kreissoldaten
Bevor noch der Krieg erklärt – schon zu Anfang der neunziger Jahre -, war man in den vorliegenden Landen auf Verteidigung derselben durch Errichtung eines Landsturms bedacht.
Der Plan ging zunächst von Freiherrn v. Sommerau aus, dem Landeschef der vorderösterreichischen Regierung. Manche Reichsstände gingen sogleich auf den Vorschlag ein, welcher, allgemein und mit Beharrlichkeit durchgeführt, das Land vor einer französischen Überflutung durchaus schützen mußte. Aber wie es im Reich zu gehen pflegte, einzelne Stände ließen sich bereitwillig finden, andere taten nichts oder waren geradezu entgegen.
Alle waffenfähige Mannschaft, hieß es in dem Aufruf, vom fünfzehnten bis fünfzigsten Jahr, sollte ungesäumt militärisch eingeübt werden. Die Gemeinden sollten für diejenigen, welche es benötigt, Wehr, Munition und Proviant liefern. Sammelplätze wurden bestimmt, und jedem Platz ward ein kaiserlicher Hauptmann als Kommandant beigegeben. – Allein, wie schon gesagt, Zusammenhang kam nie in das Unternehmen, es fehlte an ernstlicher Unterstützung von oben. Erst im Jahr sechsundneunzig, als die Franzosen um Straßburg eine beträchtliche Heeresmacht versammelt hatten, rief man den Landsturm auf. Eine Proklamation erschien, worin das Volk aufgefordert wurde, sich zu verteidigen, als Männer zu kämpfen für Religion, für den Kaiser, für das Vaterland und den eigenen Herd.
Rasch hatte das Wort gezündet. Die Bürger von Freiburg und Kenzingen waren dem Korps des Generals Fröhlich beigegeben, die aus der Herrschaft Kürnberg und Lichteneck den Kaiserlichen bei Ober- und Niederhausen.
Die Bauern aus dem Elztal, Simonswald und Triberg, die Bürger aus den Städten Villingen und Bräunlingen sollten unter Führung ihrer Bürgermeister und Vögte die Gebirgspässe im Schwarzwald besetzen. Auch die Männer aus dem Münstertal, Staufen und Säckingen, Waldshut und Laufenburg sowie die St.-Blasianer griffen zu den Waffen.
Der erste Koalitionskrieg
Der Krieg dauerte von 1792 bis 1797 und es waren Frankreich mit Österreich und Preußen im Krieg.
Die Kaiserlichen Reichstruppen zogen vom Jahr 1790 an durch Hüfingen und 1791 folgte das kaiserliche Kürassierregiment Hohenzollern. Am 14. Juli 1796 überschritten die französischen Truppen unter General Moreaus den Rhein.
Ein kaiserlicher Kürassier im Polnischen Thronfolgekrieg vor Philippsburg 1734 („Jung-Savoyen“ – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift) Foto: Wikipedia
Wie wenig durchgreifenden Erfolg auch solche verspätete Erhebung haben mußte, den Franzosen erschien sie bedenklich genug. Vielleicht erinnerten sie sich der Fährlichkeiten, welche ihre Heere zu Anfang des Jahrhunderts im Schwarzwald zu bestehen gehabt. Durch Sendlinge aller Art suchten sie abzumahnen und zu hintertreiben, wo und wie sie nur konnten; Proklamationen verteilte man, worin zur Neutralität geraten und Schutz der Nationalität sowie der Religion verheißen wurde; ihre Agenten zischelten den Bauern in die Ohren, daß der Landsturm nur organisiert werde, um ihn für schweres Geld an die Engländer zu verkaufen usw. Es war eine bewegte Zeit; auch bis in die entlegensten Täler und Winkel schlugen die Wogen der großen Weltbegebenheiten.
Während dieses ungewöhnlichen Treibens pflegte Philipp, der älteste Sohn des Kaiserzollers, ein aufgeweckter junger Mann, oft nach Laubhausen zu kommen, und er unterließ dabei niemals, auch im Wirtshaus „Zum Felsen“ einzusprechen. – Philipp sollte einst das Bauerngut seines Vaters erben und, so Gott wollte und der österreichische Obervogt nichts dagegen hatte, auch des Vaters Amt als Kaiserzoller erhalten. Dieser befehligte ein Fähnlein bei dem Landsturmaufgebot, und dem Philipp war eine Führerstelle bei demselben übertragen worden.
Auch einen zweiten Gast, nämlich Romulus, schienen die Zeitverhältnisse jetzt öfter in den Felsen zu führen. Der Student hatte vorderhand seine Studien an den Nagel gehängt, sei es nun, daß diese Studien den Geldbeutel des Vaters zu sehr angegriffen, oder daß die Zeitströmung überhaupt zu mächtig auf seinen Geist einwirkte, um in Ruhe hinter dem Schreibtisch ausharren zu können. – Das letztere muß als wahrscheinlich angenommen werden, denn des jungen Mannes Kopf schien vollständig eingenommen zu sein von den neufränkischen Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Wenigstens ermangelte er selten, im Gespräch mit anderen diese Ideen zu verteidigen und mit Andersgesinnten deswegen anzubinden.
Die Aufgebote harrten des Befehls zum Ausmarsch, und Philipp benützte diese letzte Frist, um noch einmal herüber zu seinen Verwandten zu kommen. Er war bereits als marschbereiter Wehrmann angetan und hatte sein Pferd im „Felsen“ eingestellt. Diesmal empfing ihn Juliana, das Töchterlein des Hauses, denn der Wirt und sein Sohn waren in Geschäften abwesend. – Das Mädchen hatte dem eintretenden Landsturmmann zuvorkommend Hut und Säbel abgenommen, beides in die Ecke zu stellen, und fragte nun freundlich nach des Gastes weiterem Begehr. – Es waren noch mehr Gäste in der Stube, und auch der Laubhauser hatte sich herüber begeben, um Neuigkeiten zu hören. Romulus mit einigen Gesinnungsgenossen saß am hinteren Tisch bei der Küchentür.
Philipp schien heute besonders redselig; in feurigen Ausdrücken sprach er über die allgemeine Landesdefension, den Ausmarsch, und was damit zusammenhing. Juliana, welche sich neben ihn gesetzt, schien, den Kopf auf die Hand gestützt, aufmerksam jedes Wort des Redners zu verfolgen.
„Ja, wenn alle täten wie wir, im Vorderösterreichischen“, rief Philipp lebhaft, „so kam uns diesmal der Franzos nit auf den Hals! – Aber so ist’s halt meistens g’wesen, während die einen den Brand g löscht haben, sind die andern als bedächtliche Zugucker daneben ’standen oder haben sich höchstens noch am Austragen beteiligt, um ein paar Fetzen für sich zu erwischen. – Da geh‘ mal einer nach Freiburg und schau, wie da das Freischützenkorps so fleißig exerziert und manövriert. Und in Waldshut und in Staufen und andern Städten soll ebenfalls die Bürgerschaft schon vollständig unterm Gwehr steh’n. Und die Bauern von Altdorf, so hört man, die haben sogar aus freien Stücken bei der Regierung den Antrag g’stellt, sich bewaffnen und ausmarschieren zu dürfen. – Und ich kann euch versichern, auch bei mir daheim will keiner z’rückbleiben, ja, ich glaub, die Weiber gingen noch mit, wenn’s sein müßt. – Wundere mich nur, daß hier rum noch alles so ruhig ist!“ „Ich für mein‘ Teil, Vetter“, unterbrach der Laubhauser, unwillig auf die Tür zuschreitend, die Rede seines begeisterten Neffen, „ich bin der Meinung, der Bur g’hört an de‘ Pflug!“
„Ja, freilich“, rief ihm Philipp nach, „so heißt’s eben bei vielen: so der Baur nit muß, rührt er weder Hand noch Fuß. – Und wenn wir auch alle das Leben lassen müssen“, fuhr er, die Augen auf Juliana heftend, fort, „so haben wir uns doch gezeigt als Männer und uns gewehrt für alles, was uns lieb und wert ist!“
Jetzt hörte man am hinteren Tisch an die leere Flasche klingeln, so daß Juliana aufstand, zu sehen, was man begehre. Romulus, ihr die Flasche darreichend, sagte mit spöttischem Blick auf Philipp: „Es wird halt wieder heißen: vorne getrommelt und hinten keine Soldaten!“
Dem Philipp stieg das Blut zu Gesicht, doch hielt er an sich und tat, als habe er’s nicht gehört. „Laßt sie nur kommen, und schaut dann, wie mäuslestill die Helden auf einmal sein werden“, fuhr Romulus fort. – „Laßt euch nit beschwätzen von solchen“, sagte er zu seiner Umgebung, mit einem stechenden Seitenblick auf den jungen Wehrmann, „von Leuten, denen es im Grund ja doch nur um en Amtle oder um die Gnad von oben zu tun ist.“ „Laßt euch nit beschwätzen“, gab Philipp trotzig zurück, „von verdorbnen Advokaten (Romulus hatte Juristerei zu studieren angefangen), von Leut‘, die für’s Geld die Briefträger und falschen Ratgeber machen.“
Aber der Student – der in der Tat kurz vorher eine der vielen damals erschienenen Flugschriften vorgelesen und den Bauern erklärt hatte – brach in ein schallendes Gelächter aus und begann dann das bekannte Spottlied auf den österreichischen Landsturm zu singen: Nur langsam voran, usw. Das war zu stark. – Die mühsam zurücgehaltene Flamme brach aus in lichter Lohe. – Zorngeröteten Angesichts sprang Philipp nach seinem Rolandsschwert. – Die am hintern Tisch aber griffen zu Schutz und Trutz nach Stühlen und Flaschen – so rasch aber wie diese war auch das Wirtstöchterlein Juliana zur Stelle.
„Unfriedensstifter!“ rief sie erzürnt gegen Romulus; und zugleich fühlte dieser von einem schönen, aber kräftigen Arm so unsanft sich zurückgestoßen, daß er, der aus Verdruß wohl ein wenig zu tief ins Glas geschaut haben mochte, taumelnd gegen die Wand stolperte. – Dann wendete das Mädchen sich gegen Philipp und bat, ihn sanft umfassend: „Gib Frieden, mir zulieb!“ Dem Jüngling aber geschah dabei, wie einst Rudolph von Habsburg, als er vor Basel die Botschaft seiner Kaiserwahl empfing, denn gleich diesem steckte jener die gezückte Klinge ruhig wieder in die Scheide und machte Friede.
In der Tat war dem guten Burschen durch das Benehmen des Wirtstöchterleins etwas kund geworden, was ihn höher beglückte als selbst eine Kaiserbotschaft; denn als er dastand, von den Armen des schönen Mädchens umfaßt, als sein Auge in das ihrige schaute, fast bis auf den Grund ihrer Seele, da überkam ihn ein noch nie empfundenes Gefühl. Das wild aufgeregte Meer der Zornesleidenschaft ward zur sonnenhellen Fläche, widerspiegelnd den Himmel und die schönen Sterne.
Bei diesem Anblick des umschlungenen Paares war Romulus mit verbissenem Ingrimm zur Stube hinausgerannt, und jetzt konnten die übrigen Anwesenden erst merken, um was es sich hier gehandelt: daß die beiden nämlich weder um den Kaiser noch um das Reich gestritten, sondern einzig und allein um der Wirtin Töchterlein.
Wäre irgendein Zweifel noch möglich gewesen, die nachfolgende Abschiedsszene hätte auch den letzten Rest davon tilgen müssen; die Zeit drängte, und als der Augenblick des Scheidens nimmer verschoben werden konnte, hatte Juliana bereits den Hut des wehrhaften Landesverteidigers mit Strauß und Band geschmückt und geleitete den Abziehenden hinaus zu seinem Pferde. Der Jüngling hatte mit der Linken Zügel und Kammhaar erfaßt, sich in den Sattel zu schwingen, und streckte die Rechte zum letzten Lebewohl nochmals gegen die Begleiterin. Da vermochte das bisher so spröde Mädchen sich nicht mehr zu halten; zur Verwunderung aller Zuschauer hinter den Fensterscheiben umhalste sie den Freund, drückte einen herzhaften Kuß auf seine Lippen – und eilte schnell in das Haus zurück, auf ihre Kammer, dort den mühsam verhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen. Denn Lieb‘ ist Leides Anfang, und wer konnte wissen, ob alle auch glücklich wieder aus dem Felde heimkehren würden?
Der Landsturmmann war rasch aufgesessen, hatte seinem Rosse beide Sporen in die Weichen gedrückt und war im scharfen Trabe davongeritten, gleich, als ginge es jetzt vor den Feind, und als müßte er mutig einsetzen sein Leben für Gott, für das Vaterland und alles, was darin lebte und liebte.
Oben auf der Höhe sah man ihn anhalten, um gegen das schon in der Abenddämmerung rauchende Wirtshaus im Tale noch einmal grüßend den Hut zu schwingen, denn am diesseitigen Giebelfensterlein winkte ja die Genossin seiner Schmerzen, seines Glücks, von welcher ihn das Schicksal zu scheiden zwang, in dem Augenblick, wo ihre Herzen für immer sich verkettet. Schon der nächste Tag brachte den Befehl zum allgemeinen Aufbruche. Die Landsturm-Trompeter gaben aller Orten die Signale, und von allen Bergen und Tälern zogen die Bewaffneten auf ihre Sammelplätze.
Am vierundzwanzigsten Mai des Jahres sechsundneunzig, wenige Stunden nach Mitternacht, begann Geschützfeuer zu erdröhnen im ganzen Rheintal von Basel bis Philippsburg. Diese Nacht hatte der republikanische Oberfeldherr bestimmt, den Übergang seines Heeres über den Strom zu erzwingen. Auf Stadt und Dorf Kehl, wo unser schwäbisches Kreiskontingent mit elf schwachen Bataillonen und zwei Reiterregimentern in langer Linie aufgestellt war, richtete der Feind seinen Hauptstoß. Kaum die Hälfte dieses Korps, wenig über dreitausend Mann, konnten hier auf dem bedachten Punkte den Franzosen entgegengeworfen werden. Um fünf Uhr des Morgens war man handgemein geworden, und noch fünf Stunden lang hatte das Häuflein sich gewehrt gegen die stets und stets wachsende Zahl der Feinde, sechshundert der Ihrigen auf der Walstatt gelassen und dann gegen das Gebirge hin sich zurückgezogen.
Der französische Oberfeldherr hatte die Kaiserlichen rheinabwärts gedrängt, und schon am vierten Tag stand ihm der Eingang in das Renchtal und somit nach Schwaben offen. Bei dem schwäbischen Korps hatte der Landgraf von Fürstenberg den Befehl übernommen (denn der alte Feldzeugmeister Stain war „erkrankt“), und diesem General gelang es noch, mit einigen Abteilungen seines Korps die Gebirgspässe des Kniebis und Roßbühl zu besetzen und so dem Feinde den Weg zu verlegen. Der Rest stand im Kinzigtal.
In der ersten Hälfte des Juli war am Ausgang des Bleichtales bei Herbolzheim und Wagenstadt der Landsturm zum ersten Treffen gekommen und hatte mit seinem Blute wenigstens Unerschrockenheit und den besten Willen bekundet, so daß ihm der General Fröhlich das Zeugnis ausstellen konnte, er verdanke den Sieg größtenteils der Tapferkeit der Landmiliz.
Bis herauf zu den Höhen des Schwarzwaldes hallte der Donner der Geschütze, und selbst in der Gegend des Laubhauserhofes konnte man deutlich die einzelnen Schüsse der schweren Stücke unterscheiden. Während die Alten in banger Spannung lebten und manch bekümmertes Gemüt im Gebet Hilfe suchte, lagen die Kinder draußen auf dem Rasen, das Ohr am Boden und vergnügten sich, die einzelnen Schläge des fernen Geschützdonners zu zählen.
Es war am vierzehnten Juli des Nachts, als der kaiserliche General Fröhlich in Villingen eintraf, welcher die Mannschaft dieser Stadt sowie jene aus Bräunlingen, Triberg und aus dem Nellenburgischen schleunigst nach den Gebirgspässen beorderte. – Mit Freuden war man diesem Befehle gefolgt, denn noch immer hielt man die kaiserliche Armee für unüberwindlich, trotz der vielen bedenklichen Nachrichten, welche man in neuester Zeit vernommen. Doch gab es auch Weiterblickende, denen ein trübes Vorgefühl nicht das Beste prophezeite. Indessen, man marschierte aus, ward in den Dörfern einquartiert, hielt einige Pässe und Höhepunkte besetzt und harrte des Verlaufes der Dinge.
In Hüfingen wie im ganzen Fürstenbergischen war es zu keinem Landsturmaufgebot gekommen; man sprach wohl allgemein davon – und namentlich freute sich der Zollbereiter, wenn in der Abendgesellschaft beim Verwalter davon die Rede war, daß sein Vorschlag einer Bürgerbewaffnung nun doch zur Ausführung komme – allein zur Organisation war es zu spät.
Hieronymus hoffte vergeblich auf einen Ausmarsch; er hatte sogar Lust, in des Kaiserzollers Kompanie als Freiwilliger einzutreten, aber sein Meister und auch Severin rieten ab.
In diese Zeit allgemeinen Kriegslärms fiel auch der Tod unseres Tambours Gsell – der Himmel wollte dem alten Veteranen den Schmerz ersparen, ein kaiserliches Heer retirieren zu sehen.
Des Kaiserzollers Kompanie stand bei St. Georgen auf der Sommerau, und hatte sich in einem alten Gemäuer gelagert. Von nordwärts her hörte man deutlich Kleingewehrfeuer, und Geschützschüsse tönten aus allen Tälern herauf. Ein paar junge Burschen standen als Schildwachen auf den Mauer-trümmern. Im Innern aber lagerte ein Teil der Mannschaft an einem lustigen Feuer, wobei der alte Büchsenmacher aus dem Tribergischen mit Kugelgießen beschäftigt war. Bei jeder blauen Bohne, welche der alte Kauz aus dem Kugelmodel klopfte, murmelte er einige Verwünschungen über das Avancieren der Franzosen und das Mißgeschick des Reichsheeres.
Philipp, den Kopf auf die Hand gestützt, lag nachdenklich abseits, und ich glaube, daß er mehr an des Felsenwirts nettes Töchterlein gedacht als an die Zustände des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Der Hauptmann Kaiserzoller aber ging unruhig auf und ab. – Es dunkelte bereits, das Schießen hatte aufgehört, allein es war unverkennbar, daß der Feind wieder Boden gewonnen habe, daß nicht nur der Kniebispaß, sondern wahrscheinlich auch der Höllenpaß bereits in seiner Hand sein werde. „Wenn sie jetzt nit kommen, so ist ihnen was passiert“, fing endlich der Hauptmann an, indem er stehenblieb. „Entweder sind sie weiter als Mönchweiler oder sie sind am End gar schon den Bündelbuben (den Franzosen) in die Händ‘ g’fallen“, war die Ansicht des Haldenbauers. „Ah“, beruhigte der Büchsenmacher, „so g fährlich steht die Sach‘ noch nit – dem Schießen nach ist noch kein Französle über Schiltach hoben – und wenn auch – sorg nur keiner für den Husarenseppel, der ist ein alter Soldat und kennt die Schlich!“
In dem Augenblick hörte man von außen Stimmen und zugleich auch den Buben, welcher als Lauerposten auf der Mauer stand, herunterrufen. Alle Blicke wendeten sich nach dem Eingang, wo man auch alsobald die beiden auf Kundschaft ausgesendeten Männer, von welchen bisher die Rede gewesen, hereinschreiten sah. Der eine trug zu seinem bäuerischen Anzug noch eine verbleichte Husarenjacke, auf der Schulter aber ein Kommißgewehr nebst großer Patrontasche. Es war der Husarenseppel, der sich wirklich zu dem bevorstehenden Feldzug mit dem Rest seiner ehemaligen Soldatengarderobe herausstaffiert hatte. Sein Begleiter, der Pariserschneider mit sorgfältig gewickeltem Zopf, trug auf der Schulter einen langen Nachtwächterspieß und in der Rocktasche eine mächtige Reiterpistole.
„Das war beim Dunder e g’fährliche Kommission“, platzte der Schneider sogleich heraus. „Ich hab nimmer glaubt, daß wir“ -, doch war es ihm nicht vergönnt, die Phrase zu vollenden, denn mit den Worten: „nur g’stät“, schob ihn der Husarenseppel alsbald zur Seite, trat mit militärischem Gruß steif vor den Hauptmann hin und rapportierte ordonnanzmäßig ungefähr folgendes:
In Mönchweiler hätten sie die Villinger nicht mehr angetroffen, und man habe dort ihnen berichtet, daß sie nach Fischbach marschiert wären, und so hätten sie beide auch den Weg dahin eingeschlagen und die Leute richtig getroffen. Von dem Hauptmann, Syndikus Handtmann, hätten sie nun vernommen, daß des Tags zuvor zweihundert Mann von Stockach zu ihnen gestoßen waren. Der Syndikus und der Stockacher Hauptmann hätten sich dann bei dem österreichischen Kommandanten zu Fischbach gemeldet und diesem ihre Leute zur Verfügung gestellt. Der Offizier aber habe ihnen bedeutet, sie möchten mit ihren Leuten in Gottes Namen wieder heimziehen, denn so, wie die Sachen jetzt stünden, wisse er sie nicht mehr zu gebrauchen.
Dessen aber hätten sich die Landsturmmänner entschieden geweigert. Nun seien heute um Mittag die angesehensten und ältesten Männer von Villingen zu ihnen hinausgekommen, um sie zum Heimgehen zu vermögen, und dazu hätten sie sich endlich auch entschlossen. „Und so bleibt uns denn auch nix anders übris“, schloß die Meldung, „als in Gott’s Name den Villingern nachzumachen und umzukehren. – Die Kappe ist, wie ich merk, verschnitten!“ – Dieser Rat erwies sich wirklich auch als der beste, denn am andern Morgen sah man, daß die Nachhut der kaiserlichen Truppen vor Tag schon aus der Gegend abmarschiert war.
An manchen Herd, in manche Hütte war mit den heimkehrenden Wehrmännern die Ruhe wieder eingezogen, die bange Sorge entflohen. Aber auch manche frühzeitig zur Witwe gewordene Gattin saß da im dumpfen Schmerze; mancher Mutter Tränen flossen um den gebliebenen Sohn, und viele Herzen waren noch die Beute nagender Ungewißheit.
Es waren überhaupt Tage der Verwirrung und Bestürzung. Der fürstliche Hof zu Donaueschingenhatte sich nach der Schweiz geflüchtet, nachdem vorher das Wertvollste aus dem Archiv dorthin gebracht und das Kupfer und Zinngeschirr aus der Schloßküche an einer tiefen Stelle in die Donau versenkt worden war. – Solche Beispiele sind ansteckend, weil die Leute selten den Unterschied der Beweggründe bedenken noch die Mittel zur Ausführung.
Auch in Hüfingen war die Lust zum Auswandern eingerissen. Beim Verwalter wurde die Sache beraten; man wollte wenigstens Frauen und Kinder in Sicherheit bringen. Allein noch keine Tagreise war gemacht, als das Gefühl der Ratlosigkeit schon über alle gekommen. Jedes lernte einsehen, was es heiße, Haus und Hof so übereilt zu verlassen – und so zog man in Gottesnamen wieder heim. Doch wurde das Vieh in die Wälder geflüchtet.
An die Beamten war die Weisung ergangen, auf ihren Posten standhaft auszuharren. Aber auch sie wollten nicht versäumen, ihre beste Habe in Sicherheit zu bringen. Also geschah es auch im Hause des Rats; und Hieronymus wurde vom Meister Amtsdiener beordert, der Familie beim Geschäft an die Hand zu gehen. Während der Amtsdiener nächtlicherweile bemüht war, in einem Winkel des Hausgartens eine Kiste mit Silber und Wertsachen zu verscharren, half Hieronymus der Base Annakäther und Fräulein Helene bei Verpackung des Weißzeugs und anderer Sachen, die man mit Beihilfe eines Knechtes unter dem Kommando der Frau Rätin oben auf dem Speicher unter den Trümmern eines alten Kachelofens versteckte.
Mit Severin war Hieronymus, nachdem das Geschäft beendet, spät in der Nacht noch vor das Tor gegangen. In den Gassen, die sie durchschritten, herrschte Unruhe, alles lief hin und her, und niemand wollte sich dem Schlaf überlassen. Die Männer, welche in Gruppen vor dem Tore standen, wollten bestimmt wissen, die Vorposten der Franzosen stünden bereits schon herwärts von Kirchdorf und Klengen. – An der „Länge„, vom Wartenberg bis zum Fürstenberg hin, sah man Wachtfeuer brennen vom Lager, welches die Condéer und die Kaiserlichen dort geschlagen. Allgemein wurde eine Schlacht befürchtet. – Ein Reiter kam dahergetrabt. Man drängte sich um ihn, fragend nach dem Stand der Dinge. Richtig, die Franzosen hatten Villingen besetzt, der ganze Marktplatz, berichtete der Mann, liege voll Soldaten, stehe voll Kanonen.
Aber schon im Laufe des folgenden Morgens traf die Nachricht ein, die Kaiserlichen hätten ihr Lager aufgehoben und ihren Rückzug fortgesetzt. Bald nachher rückte der Feind in Donaueschingen ein und besetzte auch die Amtsstadt. Die „Erleichterungen“, von welchen der Fohrlenbacher gesprochen, nahmen ihren Anfang. – Zum Glück konnten die brandschatzenden, hungrigen und durstigen Brüder nicht lange in der Gegend verweilen; schon nach drei Tagen zogen sie wieder ab.
Von dem Kreiskontingente wußte man nur wenig Sicheres. Daß dasselbe bedeutend zusammengeschmolzen, namentlich durch den Abzug der Württemberger, war gewiß. Indessen gelangten durch sichere Boten Briefe aus dem Hauptquartier des Landgrafen von Fürstenberg nach Donaueschingen. Durch sie hatte man erfahren, daß das Korps am achtzehnten und neunzehnten Juli sich noch bei Haigerloch und Rottenburg geschlagen, daß man aber durch die Reichsstände zu Augsburg Befehl erhalten habe, nach Biberach zu marschieren.
Bald jedoch waren die Vorgänge bei Biberach kund geworden; sie machten großes Aufsehen, denn daß die braven Soldaten durch Kaiserliche selbst entwaffnet worden, schien unbegreiflich. Man wußte eben nicht, daß es ein Gebot der Not und Vorsicht war; denn Erzherzog Karl wußte, daß viele Reichsstände geneigt waren, separat mit dem französischen Oberfeldherrn zu unterhandeln, so wie andererseits das Gemunkel von einer Schwäbischen Republik (auf welche gewisse Professoren bereits Subskribenten sammelten) auch zu seinen Ohren gekommen sein mußte.
Einige Wochen später kamen einzelne fürstenbergische Soldaten zurück, und man erfuhr in Hüfingen, daß eine größere Abteilung von Geisingen her im Anmarsch wäre. Große Aufregung entstand darob im Städtlein, und viele hatten sich auf den Weg gemacht, ihnen bis zum Hexenberg entgegenzueilen.
Der Hüfinger Hexenberg war vermutlich dort, wo jetzt der Bauhof steht.
Hieronymus war sogleich aus seiner Werkstatt fort zur Base gelaufen, ihr die Neuigkeit zu bringen. Die Nachricht schlug der guten Frau so in die Glieder, daß sie sich setzen mußte und nicht vermochte, dem Gatten entgegenzugehen. Hieronymus eilte allein hinaus und hatte die Kolonne bald erreicht, wenn man einen Haufen abgerissener, schuhloser, mit Stöcken bewaffneter Soldaten also nennen darf. Aber wie auch der Lehrling mit suchendem Auge den Zug musterte – den Feldwaibel sah er nicht. Mit banger Ahnung fragte er einen der alten Grenadiere.
„Der Feldwaibel“, hieß es, „ist in Möhringen zurückgeblieben, er ist malad! Ist aber auch kein Wunder, der Ärger und Verdruß ist mehr als die Strapaz! Sechsundzwanzig Tag hintereinander in der Bataille – und zuletzt so. – Der gemeine Mann hat seine Schuldigkeit getan; bei meiner Seel, so lang das Deutsche Reich existiert, ist’s nit erhört worden!“
Der Grenadier hatte recht berichtet; der Meister Amtsdiener, noch einige Freunde, Frau Annakäther, welche jetzt nimmer aufzuhalten war, hatten alsobald ein leichtes Fuhrwerk genommen, waren damit nach Möhringen geeilt, und hatten auch den Veteranen glücklich und in leidlichem Zustande dort aufgefunden. Es war schon dunkel, als sie zurückkehrend, hinter der Stadtmauer weg, zum Petertörlein hineinfuhren, denn der Feldwaibel wollte nicht bei Tag vor aller Augen in das Standquartier einziehen – ohne Mannschaft und Waffen.
„Ja, den Kaiserlichen haben wir bigott selber die G’wehr lassen müssen“, ergänzte ein Kreisdragoner, der sich statt des Gaules mit einem unterwegs geschnittenen Weißdornstock forthalf, „und die Condéer, hol’s der Teufel, haben uns noch die Gäul g‘ nommen – was haben wir machen können? – Die mögen’s verantworten, die schuld d’ran sind.“ Die Umstehenden waren wenig erbaut von diesen Reden. Hieronymus hielt sich nicht dabei auf, sondern eilte, soviel er vermochte, seine, wenn auch nicht freudige, doch immerhin beruhigende Botschaft der Base zu verkünden.
Der alte Soldat hatte Tränen vergossen, als die Mannschaft das Gewehr strecken mußte, so erzählten später noch Leute seiner Kompanie. Es war die schmerzlichste Wunde, welche dem getreuen Kämpen in seinem Leben geschlagen worden.
Eine Episode soll hier aber noch ergänzt werden:
Auf der Hüfinger Kälberweide wurde am 21. August 1796 ein Soldat des ungarischen Infantrieregiments Benjofsky gehängt, weil er ein Komplott zur Desertion angezettelt haben sollte. Die anderen Beteiligten wurden durch die Spieße gejagt. Der hingerichtete war erst 21 Jahre alt und vom Hüfinger Scharfrichter gefoltert und gehängt worden. Ein ganzes Bataillon war zur Exekution ausgerückt.
Hüfinger Chronik von August Vetter (1984)
Aber auch viele Steuerpflichtigen hätten weinen mögen – über die nachfolgenden Umlagen. Denn über zweimalhunderttausend Gulden hatte der Durchzug das Land gekostet; und zwölf Millionen Franken waren der Preis, um welchen der Schwäbische Kreis seinen Waffenstillstand hat erkaufen müssen – nicht mit eingerechnet die bedeutenden Geldgeschenke, die einzelne Generäle und Kommissäre eigens noch für sich verlangt hatten.
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Siebzehntes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom, und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber. >Johann Peter Hebel
Das Wiedersehen – Bedenkliche politische Neuigkeiten Einquartierung
Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zu unserm Freunde Hieronymus zurück. Hohe Zeit wird es sein, wollen wir anders Zeuge sein seines Erwachens aus dem tiefen Schlaf, worin wir ihn verlassen. Jedenfalls sind wir nicht mehr die ersten im Hause; denn, mochte es Ahnung gewesen sein oder sonst eine verwandte Stimmung, genug, als kaum der Tag zu dämmern begann, war die erst wieder genesene Mutter vom Lager aufgestanden und nach einigem Herumgehen im Hause in die obere Kammer getreten, wo sie ihren Hieronymus ausgestreckt auf dem Strohsack liegen sah.
Verwunderungsvoll blieb sie stehen bei diesem unverhofften Anblick, still die Hände über der Brust gefaltet. – Eine fröstelnde Morgenluft drang durchs offene Fenster; sie fühlte es, wendete sich geräuschlos zu dem Kleiderkasten, dort den alten Mantel ihres Mannes vom Nagel zu nehmen und ihn vorsichtig über den Schlummernden zu breiten. Als es geschehen, ohne den Jüngling zu wecken, war sie, auf den Zehen trippelnd, wieder davongeschlichen. – Die wohltuende Wärme hatte den Schlaf länger auf den Augenlidern des Müden festgehalten, und er erwachte erst, als in und außer dem Haus schon alles lebendig war. – Es bedurfte einer Weile, bis die sinnenden Gedanken sich zurechtfanden; erst heftete er den Blick wie forschend an die Holzdecke des Gemaches, dann auf den schützenden Mantel – der Nachtmarsch, die Landfahrer, war das alles ein Traum gewesen?
Gedanken folgen sich schneller, als die Zunge sie auszusprechen vermag, und es bedurfte keines zweiten Blickes auf die Umgebung, um dem Erwachenden klarzumachen, daß jene Vorgänge Wahrheit und er wirklich im Vaterhause angekommen sei. Aber auch diesen Gedanken vermochte er noch nicht mit voller Freudigkeit zu erfassen, denn noch regte sich das gestrige Bedenken. Wie war er angekommen? Schon nach dreiviertel Jahren bei Nacht und Nebel, fast wie ein Dieb. – Wo blieb der gemachte Mann, den alles bei der Heimkehr heimlich beneiden und anstaunen würde, wie ihm der Zauberspiegel seiner Phantasie so oft vorgemalt? Ein halb ausgelernter Lehrling und weiter nichts war er noch. Ja, wenn er sich außer dem Hause nur sehen lassen wollte, mußte vorerst die Nähnadel der Mutter in Anspruch genommen werden, denn der bewußte blautuchene Sonntagsrock, welchen er beim Abmarsch angetan, hatte durch die Hecken, Dornen und Felsen der Wildnis zu große Unbilden erfahren.
Doch soviel war unserem Freunde im Leben bereits klargeworden, daß jeglicher von seinen Wünschen und Hoffnungen ansehnlichen Rabatt verwilligen müsse, weil die Wechsel, die wir selbst in jugendlicher Erwartung auf die Zukunft ausstellen, von der Wirklichkeit selten nach ihrem Nennwerte honoriert werden. – Aus diesen Träumereien riß ihn der Klang einer Mädchenstimme, welche er unter tausenden erkannt haben würde und welche fragte, ob denn Hieronymus noch nicht erwacht sei. Rasch fuhr er auf, ordnete eilig das Nötigste an seinem Anzug und war dann mit ein paar Sätzen unten.
Herzlich grüßten sich Mutter und Sohn; die erstere hatte längst erraten, daß der Besuch nur ihrenthalben eingetroffen, und dem Sohne zeigte das Aussehen der Mutter, daß ihre Gesundheit so ziemlich wiedergekehrt wäre.
„Ich wollt nit haben, daß dir der Vater was von meinem Anfall schreiben sollt“, sagte die Mutter. „Aber welcher gute Geist hat denn heut nacht den Mantel über mich gebreitet und Euch und der Florentina da meine Ankunft gemeldet?“ fragte lächelnd der Sohn. „Deine Ankunft?“ erwiderte die Mutter scherzhaft, „mein kleiner Finger hat mir’s g’sagt, und der Florentina hat’s träumt – nit wahr, Florentina?“ Als aber der Jüngling sich jetzt gegen diese wendete, denn diese war die Fragerin, sie zu begrüßen, schien er verlegen, fast schüchtern. Florentina, die, wenn auch ferne, im Bilde seiner stillglühenden Gedankenwelt die traute Gefährtin all seines Tuns und Lassens gewesen, stand vor ihm in ihrer früheren unwandelbaren Freundlichkeit, nur dünkte ihn, ihre Mienen seien ausdrucksvoller, ihre Augen noch schöner geworden; dem ungeachtet vermochte der junge Mann den alten Ton der Zutraulichkeit nicht wiederzufinden. – Das Wiedersehen hatte ihn froh, aber einsilbig, fast stumm gemacht. – Florentina schien es zu bemerken; auch sie blickte wortkarg vor sich hin – und schied, indem sie die Erwartung aussprach, daß er auch ihnen drüben im Hof gleich einen Besuch machen werde.
Vom Vater Mathias, der inzwischen eingetreten, wurde dann sogleich eine Art Programm entworfen, zur Feststellung der Reihenfolge, wie die Besuche des Ankömmlings aufeinander zu folgen hätten; denn ein Verstoß gegen die Etikette in diesem Punkt wär auf dem Laubhauserhof so gut wie an jedem andern Hof übel vermerkt worden. „Es wird notwendig falle“, meinte der Vater, „daß wir zuerst nübergehe in den Hof; darnach zum Herrn Pfarrer, dann zum Stabhalter, und dann kannst du noch zum Lehrer Bachweber dich begeben.“
Vom Lehnsherrn, dem man somit die erste Aufwartung machte, wurden sie in gewohnter trockener, mitunter sarkastischer Manier empfangen. Als Hieronymus auf die Frage, ob er nun bald alles gelernt hab, von den Schwierigkeiten seines Faches zu reden angefangen, äußerte der Bauer: „’s ist e Sach, wenn einer en Herr werde will!“ Er – wie der Vater des Kaplans zu Hüfingen – hielt außer der Landwirtschaft und den notwendigsten Handwerken alles andere für Herrengeschäfte, d. h. eigentlich für gar keine.
Hieronymus war so klug, den Stich nicht fühlen zu wollen; er wußte ja, daß es so bös nicht gemeint sei; zudem blickte ihn bei jedem Trumpf, den der Alte ausspielte, ein schönes Augenpaar so freundlich und beweglich an, als wollte es abbitten und entschuldigen des Vaters – Unhöflichkeit. – Der Laubhauser, nachdem seine Grillen wegen des „Obenauswollens“ versummt hatten, wurde glimpflicher, und er befahl der Tochter, eine Flasche Wein zu holen. Die Bäuerin aber kam mit einem hölzernen, appetitlich beladenen Speckteller und einem Laib Brot daher und nötigte den Gast zum Sitzen.
Mittlerweile war die Ankunft des Lehrlings in der Nachbarschaft bekanntgeworden, und es kamen Bachweber, der Fohrlenbacher und zuletzt auch der Stabhalter herbei – weniger um ihn zu begrüßen, als um von ihm Neuigkeiten zu hören aus der Stadt. Allgemein sprach man zur Zeit von einer Kriegserklärung der Mächte gegen Frankreich; ja, es hieß, es sei dies bereits schon geschehen und Befehl zum Ausmarsch der Reichsvölker gegeben worden.
Hieronymus war in der Tat in der Lage – obwohl sein Sinn just auf ganz andere Dinge stand als Kriegserklärungen -, aus bester Quelle Auskunft zu geben; hörte er doch immer das Neueste vom Feldwaibel und auch vom Meister, die stets noch regelmäßig die Abendgesellschaft beim Verwalter besuchten, wo bekanntlich die Zeitung gehalten wurde. – „Der Feldwaibel“, berichtete er, „hat mir letzthin anvertraut, daß die Ordre zur Ausrüstung der Kreistruppen schon gegeben sei. Und in der Zeitung steht, daß der Kardinal Rochan zu Ettenheim eine ganze Armee von französischen Edelleuten aufg’stellt hab, daß die Patrioten aber ihr ,Friede den Hütten und Krieg den Palästen‚ nächstens au bei uns proklamieren wolle.“ „s ist richtig!“ bestätigte der Fohrlenbacher, „mein Student hat’s gestern ebenfalls heimbracht. – Aber er meint, der gemeine Mann bei uns werd sich nix Übles von ihne zu versehe habe; sie kämen nur, um uns zu helfen und zu erleichtern.“
Kardinal Rochan zu Ettenheim, oder besser Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené war 1785 Akteur in der Halsbandaffäre am französischen Hof .
1790 nimmt Kardinal de Rohan im Straßburger Amtshaus (dem Palais Rohan) Residenz. Er versammelt hier eine konterrevolutionäre Armee. Ettenheim ist zeitweise Straßburger Bischofssitz. Er muss dann aus seinen linksrheinischen Besitzungen fliehen.
Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené
Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
Der sogenannte Koalitionskrieg war der erste Krieg einer großen Koalition zunächst aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 zur Verteidigung der Monarchie. Die Markgrafschaft Baden war seit dem 23. November 1792 von der Reichsversammlung aufgefordert ihr Kontingent für die Reichsarmee zu stellen. Baden war Mitglied des Schwäbischen Reichskreises. Seit 1681 besagten die Reichsmatrikel, wie groß die Kontingente der verschiedenen Reichskreise zu sein hätten. In Baden stellte 1792/93 die untere Markgrafschaft 10700, die obere rund 6000 Mann, die mit dem österreichisch-breisgauischem Kontingent in die österreichische Oberrheinarmee eingegliedert waren. Dieses Landaufgebot wurde als militärisch wenig kampfstark angesehen und fand hauptsächlich als Besatzung der rechtsrheinischen Reichsfestungen Kehl und Philippsburg (Speyer) Verwendung (aus Wikipedia) Allerdings scheint hier Lucian Reich deutlich vom Vormärz und von Georg Büchner (1834) beeinflusst zu sein. Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières! war der französische Schlachtruf und wird dem französischen Schriftsteller Sébastien Roch Nicholas Chamfort zugeschrieben. Büchner erst hat den Ruf sozusagen umgedreht Paix aux chaumières!Guerre aux châteaux!
„Freili werde sie uns erleichtern!“ warf der Stabhalter spöttisch ein. „Grad so, wie sie uns in de vorige Kriegen Erleichterung verschafft haben!“ „Diesmal werd es anderst komme, meint der Romulus“, entgegnete mit Nachdruck der Fohrlenbacher. „Anderst?“ fragte hitzig der Stabhalter. „Hab erst gestern e Schreiben bekomme, worin es steht, wie sie’s sogar den eigene Landsleut drübe machen. Da schreibt mir ein G’schäftsfreund, wie sie im Elsaß den Bürgern die Häuser niederreißen und abbrennen und sie mit Gewalt dann zur Schanzarbeit fortschleppen. – Und so und noch ärger würden sie’s auch bei uns mache!“ schloß der Stabhalter, der als rechnender Geschäftsmann der Meinung war, die besten Händel seien kein‘ Batzen wert. „Wird diesmal nit so weit kommen“, sagte Bachweber mit Zuversicht. „Es muß einer die kaiserliche Armee nur kenne, so wie ich sie kenn, aus der Zeit, wo ich noch beim Regiment gewesen bin.“ „An der ganze G’schicht“, nahm der Laubhauser aufgebracht das Wort, „ist nix anders schuld als die neu freidenkisch Lehr. Wir haben au bei uns so Patriote, die nur drauf warte, bis geteilt und alles gleichg‘ macht wird. Hab erst kürzlich von reisende Handwerksbursche g hört, daß sich die freidenkische Professoren in Freiburg und in Mainz schon lange Bärt wachse ließen und Reden einstudiere täte, um die französische Patriote, wenn sie komme, hübsch ordeli begrüße zu könne!“
Kaiserliche Truppen
Hiermit ist die Habsburgische Armee –HRR– gemeint. Das Haus Habsburg-Lothringen stellte bis nach dem Tod Kaiser Franz‘ I. Stephan von 1765 bis 1806 die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.
Ein kaiserlicher Kürassier im Polnischen Thronfolgekrieg vor Philippsburg 1734 („Jung-Savoyen“ – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift) Foto: Wikipedia
„Was werde wir nit alles noch erlebe müsse!“ jammerte Mathias. – Sein Sohn aber, der fröhlicher in die Zukunft schaute, unterhielt sich unterdessen angelegentlich mit der Mutter und Tochter, die ihn freundlich zum Essen und Trinken nötigten. Zwischen ihm und Florentina hatte sich bald die frühere Unbefangenheit wieder geltend gemacht. Hieronymus erzählte von seinen Arbeiten und Erlebnissen in der Stadt und ließ sich dann von dem Mädchen ausführlich berichten, was es seitdem Neues hier im Tale gegeben. – Er hatte zum Besuch im Hof das bewußte rotgesäumte Halstuch umgetan, mit dem er sonst nur an Festtagen Staat zu machen pflegte; und als er bemerkte, wie der Freundin Augen während des Gesprächs öfter an dem hübschen Tüchlein hafteten, ergriff er das volle Glas, um mit einem freudigen „Florentina, ich bring dir’s!“ anzustoßen. Und während sie lächelnd Bescheid tat – und Hieronymus dann auch mit der Bäuerin Gesundheit trank -, hatten auch die Männer die Gläser wieder zur Hand genommen, um angesichts der drohenden Kriegsgefahr hoch den Frieden leben zu lassen.
Drei Tage verblieb der Sohn im Elternhause; es wurde ihm viel Ehre angetan; der Herr Pfarrer, der Stabhalter, sogar der Laubhauser hatten ihn zu Gaste geladen. Letzterer freilich nicht aus eigenem Antrieb, vielmehr auf Andringen der Bäuerin, welche es für schicklich hielt und gegen die andern nicht zurückbleiben wollte.
Wieder zurückgekehrt nach der Stadt, war es nun des guten Sohnes eifriges Anliegen, sein Gelübde zu erfüllen. Zunächst war das beschädigte Muttergottesbild auf dem Blechtäfelein wiederherzustellen oder vielmehr neu zu malen. Figuren in Öl zu malen hatte der Lehrling bisher noch wenig versucht. Doch war ihm einige Mal die Gelegenheit zuteil geworden, im Auftrag seines Meisters die Werkstatt des Hofmalers Weiß in Donaueschingen zu besuchen und dort dem Meister bei der Arbeit zuzusehen. Ein natürliches Geschick und guter Wille waren ihm treffliche Beistände, und so kam immerhin etwas zustande, was sich sehen lassen durfte.
Vom F.F. Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) aus Hüfingen sind in St. Johann einige Gemälde zu besichtigen seien und er hat die Fahne der Jakobusbruderschaft gemacht. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und begegnet uns in Kapitel 23 nochmals.
Fahne der Jakobsbruderschaft
Nach Severins Rat hatte Hieronymus sich einen kleinen Kupferstich, „Maria vom guten Rat“, zum Muster genommen; und als das Bildchen fertig war, machten die beiden Freunde eines Morgens sich ungesäumt auf den Weg, es an seine Stelle zu bringen. Der Steinmetz hatte sich mit Schlegel, Zweispitz und dem übrigen Benötigten versehen, und nach wenig Stunden tüchtiger Arbeit stand der umgeworfene Stein wieder auf festgemauertem Fundamente. Das Votivbildchen schimmerte in erneuter Schönheit aus seiner Vertiefung, und noch manches Jahr nachher verrichtete der Wandersmann, welchen sein Weg vorüberführte, in Andacht sein stilles Gebet davor.
So ruhig, friedlich wie bisher sollten aber die Lehrjahre unseres Freundes nicht mehr lange verlaufen, denn die Stürme, welche vorerst nur am Niederrhein und bis hinab nach Holland getobt, nahmen jetzt auch ihre Richtung nach den bisher so stillen Gauen des Oberrheins und Schwarzwaldes. Daß der Reichstag wirklich den Krieg erklärt habe, daß das alte Räderwerk einer Reichsarmee noch einmal in Gang gesetzt werden sollte, daß die Kreiskontingente mobil, d. h. marschfertig gemacht werden müßten, das war nach und nach für jedermann eine Gewißheit. Und wollte es manchem auch noch unglaublich vorkommen, so mußte dieser Unglaube weichen, als bald nachher längs der ganzen Heerstraße, von Engen, Geisingen bis ins Höllental, kaiserliche Einquartierung angesagt wurde.
Seit einem Menschenalter hatte man in diesem Gebirgswinkel Deutschlands keine kaiserlichen Soldaten mehr gesehen. Die ganze Umwohnerschaft, jung und alt, war ihnen entgegengeeilt, als es hieß: Sie kommen! Auch Hieronymus mit seinen Bekannten stand an der Landstraße, um den ersten Zug dahermarschieren zu sehen. Da wendete sich ein alter Dragonerwachtmeister, welcher am Ende der Vorhut ritt, lächelnd den gewichsten Schnurrbart streichend, gegen die Gaffer mit den Worten:
„O liebe Leutl, werdet Soldaten noch g’nug z’sehen kriegen; werd’t uns bald nimmer nachlaufen!“
Man weiß, wie richtig diese Prophezeiung eingetroffen ist; denn Welle auf Welle flutete der Kriegsstrom daher. Selbst der Laubhauserhof bekam ungebetene Gäste. – Eines Morgens sah der Bauer sein Haus besetzt von einem Trupp wildfremder Kameraden mit langen Flinten, langen Messern im Gürtel und rote Mäntel über der Schulter.
Ohne viel Umstände hatten sie sich’s bequem gemacht, und der Hofbauer konnte jetzt mit Recht sagen: ich bin nimmer Meister. – Bald waren die Nachbarn einig, daß dies Rotmäntler seien, von welchen ihnen die Großeltern so Unerbauliches aus den vorigen Kriegen erzählt. Der Laubhauser aber tröstete sich in dem Gedanken, daß er, in kluger Voraussicht der kommenden Gefahr, vor einiger Zeit schon seine Kronentaler vergraben habe, im Garten hinter dem Immenhäusle. „Der Teufel ist en Schelm“, hatte er zur Bäuerin gesagt, „ich trau nit.«
Daß allerdings wenig Grund zum Trauen vorlag, konnte der gute Mann schon nach einer Stunde merken an gewissen Lücken in den Vorräten der Speckkammer und des Hühnerstalls sowie an mangelnden Wäschestücken, welche am Hag zum Trocknen aufgehängt waren – obwohl er seiner Einquartierung an Speis und Trank nichts hatte abgehen lassen. – Als die unheimlichen Gäste des Guten ein Genüge getan und sich unter dem großen Apfelbaum aufs Ohr gelegt, schlich der Laubhauser hinüber zum Fohlenbacher, den er in Welthändeln für einen erfahrenen Kopf hielt. Aber auch diesem lag das Haus voll seressanischen Volkes, und er wußte in der Tat wenig Trost als höchstens: er hab es schon lang vorausgesagt, daß es so kommen werde. – Die Kinder aber waren unterdessen an den Zaun geschlichen, wo die braunen, schwarzhaarigen Gesellen wie Katzen im Sonnenschein auf dem Rasen lagerten.
Der Begriff „Rotmäntler“ bezieht sich auf die Seraschaner. Die Sereschaner, eine aus Südslawen gebildete Heerestruppe des Österreichischen Militärs, hatte rote Mäntel an und die markanten Schnauzbärte.
Seressaner (Internetfund)
Kurze Zeit nachher gab es wieder andere Gäste, die Condéer; aber das Betragen dieses Emigrantenkorps wollte den Leuten noch weniger gefallen als das der Rotmäntel. – Der Meister des Hieronymus, sonst ein äußerst konservativ gesinnter Mann, sagte einmal zu seinem Lehrling: „Jetzt kann ich mir das schreckliche Gericht, welches über die Vornehmen drüben gekommen ist, einigermaßen erklären!“ – Einst hatten sie einen dieser Emigranten, der zwei Söhne bei sich hatte, im Quartier; die Meisterin mußte ihnen weichgesottene Eier mit Weißbrot bringen; als jedoch die Frau sehen mußte, wie die jungen adeligen Herren nur die Kruste der Brötchen verspeisten, das Weiche aber zum Fenster hinauswarfen, ohne daß der adelige Herr, ihr Vater, sie daran gehindert hätte, entsetzte sich das gute Weib ob dieser „Sünde“. – Als sie jedoch gleich darauf von einem der jungen Kavaliere in gebrochenem Deutsch gefragt wurde, ob denn ihr Kind, dem sie eben Brei im Pfännchen gebracht, auch schon eine Zunge habe, mußte sie wieder lachen über solch grasse Unwissenheit. – Spät in der Nacht verlangten sie dann vom Hausherrn, er solle ihnen einen Wegweiser verschaffen bis an die Schweizer Grenze; der Meister bestimmte seinen Lehrling dazu, der dann erst am andern Morgen wieder zurückkam – mit einem Goldstück beschenkt. Es war das erste gemünzte Gold, welches in seinen Besitz kam. Der Meister gönnte ihm den Fang von Herzen, meinte aber, wenn es mit der Kampflust der übrigen bestellt sei wie bei diesen, so werde das Korps nicht viel ausrichten.
Während dieser Vorgänge war auch das Fürstenbergische Kontingent auf den Kriegsfuß gebracht worden. Werbeplätze wurden aufgetan im ganzen Schwäbischen Kreis und die Mannschaften vollzählig gemacht; es kostete jedoch Anstrengung, das durch die lange Friedenszeit fast eingerostete deutsche Schwert aus der Scheide zu ziehen.
Unserm Feldwaibel zu Hüfingen, welcher so manche Kapitulation ausgedient, wäre jetzt ein ehrenhafter Rücktritt in das Invalidenkorps offengestanden, allein das vermochte der alte Soldat bei bevorstehendem Feldzug nicht über sich zu bringen. Von vornherein war er entschlossen, noch einmal für Kaiser und Reich sein Leben in die Schanze zu schlagen.
Was ihm am meisten naheging, war, daß er diesmal den Feldzug ohne seine getreue Annakäther mitmachen mußte. Nicht an dem Willen der Hausfrau lag dies, denn mit Freuden wäre sie auch diesmal noch dem Manne ins Feldlager gefolgt, aber es war lange her seit dem Siebenjährigen Krieg, das Alter forderte bei dem Weibe unerbittlich sein Recht.
Die Mannschaft war ziemlich bald vollzählig. In der Rheinebene sollte das schwäbische Kontingent sich sammeln. Aber die einzelnen Abteilungen, welche dort anlangten, mußten zuerst gleichmäßig uniformiert, zum Teil zweckdienlicher bewaffnet werden. – Der Sommer ging darüber hin, bis das Korps mit dem Nötigen versehen, bis einige Ordnung und Gliederung in die unzusammenhängende Masse gebracht war und man es unternehmen durfte, dieselbe gegen den Feind zu führen.
Dem Feldwaibel waren bei solchen Zuständen alle Hände voller Arbeit, und er hatte nicht viel Muße, auch wenn es in seiner Art gelegen wäre, sorglich trübe Gedanken in die Heimat zu senden.
Dort aber saß jetzt einsam Frau Annakäther an ihrem Spulrade, für die Zeugmacher in der Stadt Wolle zu spinnen. Beim Abschied von dem fortziehenden Gatten hatte sie mehr Festigkeit bewiesen, als man vielleicht erwartet. Jetzt aber war ihr tausendmal des Tages, als müßte sie seinen Tritt auf der Stiege hören oder seine Stimme im Hausgange, und manch stille Träne wischte sie sich mit der grobleinenen Schürze von der vergrämten Wange.
Hieronymus war ihr Tröster in der ungewohnten Einsamkeit, und es erleichterte sie jedesmal, wenn er herüberkam, Bericht zu bringen von dem kaiserlichen Heere oder vom fernen Kriegsschauplatz.
(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.