Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergƤnzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr verƶffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter groĆem Aufwand von Dr. Johne, verƶffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Erstes Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich:
Die Szene spielt in den 1770er Jahren und wurde etwa 70 Jahre spƤter von Lucian Reich geschrieben.
āgeb dir Gott e glücklich Jahr und freudige Sinne!ā >Johann Peter Hebel
Die heilige Taufe – Einkehr und Taufschmaus
An einem jener lieblichen Tage, wo nach langem Winter der junge Frühling wieder neue Liebe, neue Lebensfreude über die Erde ergieĆt, wurde im einsamen SchwarzwƤldertal ein Kind zur Taufe getragen. Es war noch vor dem franzƶsischen Revolutionskriege, einer Zeit, wo tiefe Ruhe und ungestƶrter Friede im deutschen Reiche herrschten.
Aus einem groĆen, einzeln stehenden WƤlderhause traten die Gevattersleute mit ihrem Patenkinde. Es war der Laubhauser Hof, dessen Besitzer durch die Geburt eines Tƶchterleins beglückt worden war.
Die Gevattersleute aber waren der Felsenwirt, damals Stabhalter der kleinen aber weitlƤufigen Talgemeinde, und die Kaiserzollerin, eine Schwester der Wƶchnerin. Beide, versteht sich von selbst, glƤnzten in ihrem ehrbarsten festtƤglichen Staate; er mit dem breiten Hut und der hinten überhƤngenden Hutbinde, dem blauen, weiĆ abgenƤhten Tuchrock, worunter das rote āWollhemd“ an der Brust über dem scharlachroten Leible und dem grünen HosentrƤger wie vorne an den Handgelenken noch ein wenig hervorschaute und mit dem Ćberrock die gelbledernen Beinkleider um eine gutes Teil bedeckte; sie in der gefƤltelten āJüppe“ mit roter und grüner āB’lege“ und den enganliegenden schwarztuchenen āĆrmeln“, welche knapp genug waren, um noch einen Teil des reich eingebƤndelten āLatzes“ sehen zu lassen, wƤhrend das rote, den Hals umschlieĆende āGoller“ von dem flatternden MailƤnder Halstuch halb und halb bedeckt war. Das junge, noch hübsche Weib hatte den gelben Strohhut auf, wƤhrend die alte Barbara, die nachfolgende Hebamme, noch die altertümliche Pelzkappe trug.
Form für einen Strohhut im Franziskanermuseum in Villingen
Dame mit Strohhut im Kelnhofmuseum in BrƤunlingen.
Als sie gegen das Kirchlein hinkamen, krachten drei Schüsse bald nacheinander aus dem Dachfenster der nahen Mühle, daĆ es lange in den Bergen widerhallte. Es war der alte Stoffel, welcher sich unter dem Dache der Mühle postiert und seine stark geladene RadschloĆbüchse dreimal in die Luft abgefeuert hatte – zu Ehren des Kindes und der Gevattersleute.
Aber auch hinter dem Hag am engen Wege, welcher die Anhöhe hinauf zum Kirchlein führte, harrten schon seit einer Viertelstunde zwei kleine Buben mit Ungeduld auf den Taufzug. Der eine war Dionys, der Sohn des Gevatters Stabhalter, der andere, etwas jüngere, Hieronymus, der Sohn eines Dienstmannes vom Laubhauser Hofgut.
Als der stattliche Gevatter mit seiner Gevatterin herangekommen, sprangen die beiden Wegelagerer rasch hervor und spannten nach altem Brauch ein Band quer über den Weg, dem Taufzug den PaĆ verlegend. Der Stabhalter lƤchelte und zog den Geldbeutel, um sich mit einem Stücklein Münze loszukaufen; denn wo Geld vorangeht, stehen alle Wege offen, sagt das Sprichwort. Die beiden Junker vom Stegreif lieĆen den PaĆ nur fast und entfernten sich jubelnd über den erhaltenen Lƶsepfennig. Oben aber, bei dem Kirchlein, warten einzelne Kinder und Erwachsene begierig auf das kleine Taufgeleite, um einer kirchlichen Handlung beizuwohnen, welche für sie immer eine Sehenswürdigkeit bildete.
Die Frühlingssonne beschien mit ihren frischen wärmenden Strahlen den sommerig gelegenen Hügel, auf welchem das Kirchlein mit seinem kleinen Gottesacker still und friedlich ruhte, und in den hohen Linden, die es umgaben, zwitscherten die Vögel lustig in den freundlichen Tag hinein.
Das Kind erhielt in der heiligen Taufe den Namen Florentina, wie die Mutter hieĆ; denn so wünschten es Eltern und Verwandte, weil man nach altem Glauben dafürhielt, daĆ Kindern, welche den Namen der Mutter trügen, ein langes Leben beschieden sei.
Nach der Taufhandlung, welche der alte Pfarrer mit gebührender Würde verrichtet hatte, knieten die Gevattersleute an den Stufen des Altares nieder und erflehten von oben Segen und Gnade für den TƤufling, der wie ein zartes PflƤnzlein des himmlischen Taues bedürfe und der erwƤrmenden Kraft der Himmelssonne, um zu wachsen und zu gedeihen. Dabei hatte die āGote“ dem āGƶte“ das Kindlein auf die Arme gegeben und es ihm so lange gelassen, bis er sich, ermüdet von der kleinen, lieblichen Bürde, durch das Versprechen des āGotegeschenkes“ wieder von ihr losgekauft.
Im Wirtshause āZum Felsen“ aber war in der groĆen, hellen Stube der runde Tisch sauber und zierlich gedeckt, als nach vollendeter āTaufet“ die Gevattersleute eintraten und hierauf auch der Pfarrer folgte. Denn bevor das kleine neue Christkindlein wieder in die Arme seiner Mutter gelegt werden sollte, muĆte es sich nach dem Gebrauche des Tales eine Einkehr in der Schenke gefallen lassen, wo schon seit einigen Stunden alles, was Küche und Keller vermochten, auf die Ankunft der Gevattersleute hergerichtet worden war.
Nachdem die GƤste ihr Gebet gesprochen, begann der Schmaus; ein feuriger Roter, welchen der Stabhalter zuletzt noch in der dickbƤuchigen grünlichen Budelle als āSorgenbrecher“ aufstellen lieĆ, erwƤrmte die Herzen und brachte die Unterhaltung in Gang. Der Stabhalter, in behaglicher Laune, sprach seinen GƤsten eifrig zu und lieĆ die GlƤser hell erklingen auf das Wohl der kleinen Patin und aller Anwesenden. Seine Frau, die als sorgsame Martha bisher ab und zu gegangen, muĆte sich endlich auch zur Gesellschaft setzen, aber erst nachdem sie den ungeduldig harrenden Kindern in der Nebenkammer das Katzentischlein gedeckt hatte; denn auch den Kleinen sollte die Bedeutung des Tages durch gute Bissen und einen Schluck aus dem Glase fühlbar gemacht werden.
āBei solchen AnlƤssen“, sagte der Pfarrer, indem er lƤchelnd eine Prise aus der glatten Buchsbaumdose nahm, āda merkt man erst recht, daĆ man alt wird, und vor allem wir Geistlichen, die wir gleichsam als die TorwƤchter am Ein- und Ausgang dieser Zeitlichkeit stehen. Kaum, dünkt es uns, haben wir das Kind getauft, so steht es schon wieder als BrƤutigam oder Braut vor dem Altar, und ebenso bald sind wieder Kinder herangewachsen, die wir abermals in einen wichtigen Zeitabschnitt einzuführen berufen sind. – Ich mein, es sei erst gestern gewesen, wie Ihr, Frau Stabhalterin, als kleines Büschelkind beim Taufschmaus dort im Herrgottswinkel gelegen, wo jetzt die kleine Florentine liegt; so schnell sind die achtundzwanzig JƤhrlein verflossen, seit ich auf dem Wald hier aufgezogen bin.“
āAuch der Tag“, fuhr der gesprƤchige Herr zur Kaiserzollerin gewendet fort, āsteht mir noch lebhaft im GedƤchtnis, wo Ihr, Frau Zollerin, getauft worden seid. Es waren Kriegszeiten, und man muĆte Euch sozusagen verstohlenerweis in die Kirche tragen, vonwegen der Franzosen, vor denen sich alles mit Hab und Gut in die WƤlder geflüchtet hatte – es ist dazumal gewesen, als der Franzos gegen die Kaiserin Maria Theresia marschiert ist.
Dasselbige Jahr, Anno vierundvierzig, gleich anfangs im JƤnner, war auch der groĆe Komet am Himmel mit seinem langen blutigen Schweif. Und bald darauf gab’s ein schreckliches Regenwetter und groĆe Ćberschwemmungen, besonders im Breisgau unten. Und weil nie eins allein kommt, so zog sich auch der Krieg in unser Land herein.“
āVon diesen Zeiten wiĆt ihr freilich alle nichts mehr, der Stabhalter da ausgenommen. Ich aber erinnere mich noch so gut, als wƤr’s gestern gewesen, wie der franzƶsische General, der Bellisle, bei uns eingeritten ist. Ich stand mit dem Mesner und mehreren Leuten vor dem Pfarrhof und machte meine Reverenz; er aber auf seinem Apfelschimmel, die linke Hand am Degengriff, salutierte mit der rechten gar hƶflich. Denn das“, meinte der Pfarrer lƤchelnd ,,das muĆ man ihnen nachsagen, den Franzosen, hƶflich sind sie alle, wenn sie im Sack haben, was sie begehren. Und so hatte auch der Bellisle gut hƶflich sein, nachdem ihm Villingen, die feste Stadt, die langbewahrte Jungfrauschaft so leichten Kaufs hatte hingeben müssen. Denn was wollten die guten Villinger machen? Sie waren vom ƶsterreichischen MilitƤr verlassen und konnten sich auf eigene Faust gegen einen so überlegenen Feind nicht mehr halten, wie es im DreiĆigjƤhrigen Krieg und Anno tausendsiebenhundertundvier so rühmlicherweis geschehen ist.“
āJa, und nit nur Villingen, auch unser Geld, die grausamen Brandschatzungen und Kontributionen und viel anderes noch hat der Franzos im Sack gehabt“, warf der Stabhalter Ƥrgerlich hin. āIch bin selbigesmal ein Büble gewesen, wie mein Donyse da, wie einmal in der Nacht die Vƶgt und Bürger aus dem Vorderƶsterreichischen zu uns ins Fürstenbergische rüber kommen sind mit ihren vornehmsten Schriften und Freibriefen. Es gedenkt mir, als wƤr’s erst heute gewesen, wie ich meinem Vater die Latern hab halten müssen, als die Mannen bei Nacht und Nebel die Sachen drüben im Bruderkirchle hinter dem Muttergottesbild eingemauert haben, damit sie die Franzosen nit erwischen sollten. – Aber“ ; setzte er lachend bei, ādie guten Leutle sind dann bald g’nug zur Einsicht kommen, daĆ die Praktiken der Parlevous nicht auf Schriften und Freibrief, sondern allzeit nur auf den Geldbeutel gerichtet sind. – Und was die Hƶflichkeit betrifft, so weiĆ man’s auch, wie weit sie diese getrieben haben, vorab gegen unsere Weiber und MƤdle. – Drum haben die SchwarzwƤlder- und Baaremerbauern auch jedesmal zu Wehr und Waffen ‚griffen, wenn’s zum Krieg mit ihnen kommen ist, um sich die ungebetenen GƤst vom Hals zu schaffen. So weiĆ ich noch von meinem GroĆvater selig, daĆ in früheren Kriegen schon der Landsturm gegen sie aufgebote worden ist. – Und wie es alsdann zug gangen ist, das kann man noch auf den paar alte Votivtafeln drüben im Bruderkirchle abgemalt sehen, wo Hirten, denen ihr Vieh weggetrieben wird, oder MƤnner, die ihre Weiber und Tƶchter verteidige wolle, von den RƤubern und Mordbrennern tot schlagen oder miĆhandelt werde. – Freilich, auch das muĆ man sagen“, schloĆ er, āhat uns der Krieg viel Ćbles bracht, so hat er auf der andern Seiten auch wieder das Gute g habt, daĆ er uns einsame Waldbewohner mit der Welt mehr vertraut und bekanntg‘ macht hat. Vor dem Schwedenkrieg zum Beispiel, von dem noch in den Chroniken zu lesen ist, ist auĆer dem spƤrlichen Ackerbau und dem Handel mit GroĆholz blutwenig bei uns hantiert worden, und wenn einer von den alten WƤldern jetzt wieder in die irdische Heimat kƤm, so würd er sich hƶchlichst verwundern über so manches Gewerb und Unternehmen, von dem man früherer Zeit nix g‘ wuĆt hat.
āWas Ihr da vom alleinigen Betrieb des spƤrlichen Ackerbaus und Holzhandels sagt, Stabhalter“, entgegnete der Herr Pfarrer, āscheint mir nicht so ganz richtig zu sein; ich glaub vielmehr, daĆ auf dem Wald in früheren Zeiten auch sonst noch mancherlei hantiert und gehandelt worden ist. Vor mehreren hundert Jahren schon ist der WƤldner hinabgewandert ins Breisgau und Rheintal – nicht, um zu betteln – nein, mit seiner āKreze auf dem Rücken, um selbstgefertigte War, Kƶrb und Zainen oder Schapfen, Lƶffel, Brenten, Kübel und Gelten, die er geschnitzelt oder gedrechselt, in Dƶrfern und StƤdten oder auf den MƤrkten zu verkaufen. So hab ich, als ich Vikar in Todtmoos gewesen bin, den dortigen Pfarrakten entnommen, daĆ schon zur Zeit des Kaisers Rudolf von Habsburg Holzdrechsler in der Gegend dort gewohnt haben. Und einem Drechsler allda soll die Kirche in Todtmoos auch ihr Entstehen verdanken.“
āMag sein, Herr Pfarrer“, versetzte der Stabhalter; āaus alldem ist zu entnehmen, daĆ der Waldbewohner von jeher lieber durch Arbeit sich sein Brot verdient – als gebettelt hat, was bei seiner unergiebigen rauhen Heimat wahrhaftig kein Wunder gewesen wƤr.“ āRichtig ist“, sagte der Pfarrherr, ādaĆ man dazumal von der SchwarzwƤlder Uhrenmacherei und auch vom Strohflechten hier noch soviel wie nichts gewuĆt hat.“ āEi ja“, fiel ihm der Stabhalter ins Wort, āmir gedenkt’s ja noch, daĆ man hier im Tal nit viel von den WƤlderuhren g’wuĆt hat; und der Dürrjokele aus Gütenbach, den ich noch ganz gut gekannt hab, ist der erst g‘ wese, der hier rum und spƤter drunten im Breisgau damit hausiert hat. Von der neuen Sorte mit Perpendikeln hat man selbigmal noch gar nix g’wuĆt. Da hat man nur die hƶlzernen Waaguhre g habt, wie ich drinnen in der Kammer noch eine hƤnge hab. – Und wenn man bedenkt, wie seit der Zeit der Handel‘ naus ins Land zugenomme hat, so muĆ man sich nur verwundern, was alles in einem Menschenalter mƶglich ist.“
āUnd wie hat es dazumal“, nahm die Kaiserzollerin das Wort, ānoch mit Weg und Stegen ausg sehen! Mein Vater ist nie mit dem Fuhrwerk fort, ohne die Wagewinde mitz‘ nehmen; und selten ist er ohne e‘ verbrochnes Rad von Doneschingen oder Neustadt heimkumme. Und ist einer nach Villingen ins Kaufhaus g’fahren oder nach Freiburg oder Zürich, so wƤr’s fast gar nƶtig g’wesen, er hƤtt vorher Reu und Leid und ’s Testament g’macht.“ āFreilich“, versetzte der Stabhalter darauf, āist seitdem alles im Preis merkwürdig gestiege. Von mein’m GroĆvater selig, der Teilhaber an der Bubacher Glashütte g’wesen ist, hab ich oft g’hƶrt, daĆ sie mit der Gemeind BrƤunlingen en Akkord g’habt habe, wonach ihnen das Klafter Tanneholz auf dem Stock um zwanzig Kreuzer abgelasse worden ist; und ist das noch viel g’wesen, wenn man bedenkt, daĆ hundert Jahr früher die Gemeind dem Bergverwalter in Eisenbach das Klafter um sieben Kreuzer, sage sieben Kreuzer, abgelasse hat! – Und der alt FelsetƤlerbur hat mir oft verzƤhlt, daĆ zu seiner Zeit viel, viel Holz im Wald zu Asche gebrannt worden sei, ’s Viertel um drei Kreuzer.“
āSo Ƥndern sich die Zeiten“, sagte der Pfarrer; āmit der zunehmenden Bevƶlkerung und Industrie gehen eben die Holzpreise und viel anderes mit in die Hƶh. Vor hundert Jahren hat auf dem obern BrƤnd, wo jetzt ein Haus am andern steht, noch niemand gewohnt. Und auch das kleine EisenbƤchle hat dazumal noch nichts als Wald und Himmel gesehen. Ja, man darf sagen, Industrie und Kommerz haben den Wald erst gelichtet und HƤuser und Hütten talauf und -ab gebaut. – Unser Jahrhundert“, setzte er lƤchelnd bei, āist eben die Zeit der Verbesserung und Neuerungen, wie keine andere noch gewesen ist.“ āWahrhaftig, Herr Pfarrer“, versetzte der Stabhalter, āich mƶcht hundert Jahr noch leben, nur um zu sehn, wo das alles noch naus will und was alles noch verbessert und erfunde wird; am End gar noch das Fliegen – dann aber adje mit SchlagbƤum, Zollstƶck, Weg- und Bruckengelder!“
Die Brüder Wright wurden erst 1867, bzw. 1871 geboren und sind somit dem Verfasser absolut unbekannt. Allerdings bauten 1784 die Franzosen Launoa und Bienvenue einen flugfƤhigen Modellhubschrauber mit Doppelrotor und 1816 konstruierte der Ćsterreicher Jakob Degen eine Luftschraube mit Uhrwerkantrieb. Ganz sicher spielt Lucian Reich in dem Abschnitt auf diese ersten Hubschrauber an und deutet sein Bedauern an, dies alles nicht mehr erleben zu dürfen.
āKƶnnt manches noch erleben, lieber Stabhalter“, meinte der geistliche Herr. āIm Vergleich zu unsereinem seid Ihr noch jung, und rüstig dazu!“ āBin auch kein heurigs HƤslein mehr, Hochwürden“, entgegnete lachend der Stabhalter; āund wenn ich trotzdem immer noch e biĆle jung ausseh, so hab ich’s lediglich meiner Alte da zu verdanke, die mich jeden Morgen so fein sƤuberlich strehlt und kammpelt und mir die grauen HƤrle sorgfƤltig ausrupft, auf daĆ sie sich nit zu schƤme braucht neben ihrem alte Mann.“ āAha!“ sagte die Stabhalterin zur Kaiserzollerin, ājetzt geht es über uns Weibsleut her.“ āEs ist nur schad“, entgegnete die Kaiserzollerin, ādaĆ meiner nit auch dabei ist, denn wenn’s auf das Kapitel kommt, so weiĆ er g’wiĆ immer den beste Trumpf auszuspiele. āWird er uns die Ehr nit auch noch antun?“ fragte die Stabhalterin. āVersproche hat er’s; doch wird’s jedenfalls spƤt werde“, meinte die Kaiserzollerin. āDenn wenn er droben ist beim Schwager in Urach, wo sie Abrechnung halte, so kommt er nie so bald los. – Denn ist ’s G’schƤft vorbei, so geht’s an de MarkgrƤfler, den sie sich zum SchluĆ jedesmal weidlich schmecke lassen; es dunkt ja die Manne doch nie besser, als wenn ihre Weiber nit dabei sind, nit wahr, Stabhalter?“ āBravo“, sagte dieser lachend, ājetzt kommt der Kehr an uns. Damit Ihr aber auch seht, Frau Zollerin, was für en groĆe Respekt ich vor den Weibervƶlkern hab, so schlag ich vor, gleich emal die Kaiserin Maria Theresia lebe zu lassen, eine Frau, die ihr Land besser regiert als mancher Mann. – Sie soll leben, vivat hoch!“ Alle ergriffen die GlƤser und tranken auf das Wohl der groĆen Kaiserin.
So ging das GesprƤch von alten und neuen Zeiten, und der Stabhalter würzte es nach seiner Art mit manchem SpƤĆlein. WƤhrend aber die Hebamme, die alte Barbara, von Zeit zu Zeit nach dem Kindlein sieht, welches als gar stiller Gast ein wenig abseits liegt, wollen auch wir hinzutreten und ein wenig unter das fein abgenƤhte Tauftuch lugen, wenn es die Alte vorsichtig lauschend in die Hƶhe hebt.
Das schlummernde Kind, liegt es nicht in seinem bauschigen Bettlein wie ein Samenkorn in der Furche? – Auf der Stirn über den geschlossenen Auglein und dem kleinen StumpfnƤschen ziehen einige leichte FƤltchen hin, fast ein wenig trutzlich, als hƤtt es bis jetzt noch wenig Gefallen gehabt an den Dingen dieser Welt – um die schmalen Lippen zuckt es zuweilen, was mit dem schwebenden Atem fast allein das leicht verhüllte Leben kundgibt. – Ein solcher Lebensanfang, gleicht er nicht dem frühesten Morgen, wenn kaum die erste DƤmmerung aus dem SchoĆe der Mitternacht sich loszuringen beginnt? Ob aber der Tag heiter oder trübe werde, müssen wir getrost einer hƶheren Macht überlassen, ohne welche es keinen Tag und keine Nacht gƤbe.
Die Einkehr im Felsen war zu Ende, und die Frau Gevatterin in Begleitung ihres Mannes, der sich wirklich ziemlich spƤt erst im Wirtshaus eingefunden, bereits über die Grenze geritten. Denn dazumal wurden alle groBen und kleinen Reisen meist zu Pferd gemacht, weil es – trotz des verbesserten StraĆenbaues, wovon die Gesellschaft im Felsen gesprochen – an vielen Stellen lediglich noch über Felder und Wiesen weg ging oder durch enge Hohlgassen über holperige Karrenwege, wo kaum ein Pferd, oder nur eines vors andere gespannt, gehen konnte. Die Bauersfrau ritt im sogenannten Weibersattel, der als flacher Sitz mit niederer Lehne und Rückwand quer auf dem Gaul befestigt war.
Der Kaiserzoller versah im Vorderƶsterreichischen das Amt eines Steuer-und Zolleinnehmers, nebenbei ein nicht unbetrƤchtliches Bauerngut umtreibend. Sein Weib, wie die LaubhauserbƤuerin, stammte aus dem Bregenbacherhof, der gleich dem Laubhauser zu den reichsten der Talgemeinde zƤhlte.
Zu Ende neigte sich der Tag; der Abend zog bereits kühl mit langen Schatten aus den Wäldern und mahnte daran, daà es mit den milden Frühlingstagen auf dem Walde noch nicht ganz ernstlich gemeint sei.
Der Verlauf unserer Geschichte führt uns noch nach dem Laubhauserhof, aus dessen Dach ohne Schornstein dichter Rauch hervorqualmt; denn in der gerƤumigen Küche des alten WƤldergebƤudes ging es diesmal besonders geschƤftig her. – Der Laubhauserbauer hatte alle seine Ehhalten, d. h. Dienstboten, seine āG’husen“ oder Dienstmannen nebst verschiedenen Nachbarsleuten zu Gast geladen, weil heute seinem Hause Heil widerfahren durch die Geburt eines Tƶchterleins. Anastasia, das Eheweib des Hausmannes Mathias, besorgte mit den MƤgden die Küche, und Hieronymus, ihr Sƶhnlein, den wir heute bereits beim Kirchlein den Gevattersleuten vorspannen gesehen, leistete ihr Gesellschaft. Der Kleine spazierte mit selbstvergnüglicher Miene am Herde auf und ab, denn er war heut in seinem Leben zum erstenmal mit Hƶslein angetan, den sogenannten Gottehosen, die nach altem Herkommen die Patin ihrem Patenkind zu schenken pflegt, wenn es in ein Alter getreten, wo es sich, den Kinderrock ablegend, als mƤnnlicher SproĆ der Gesellschaft prƤsentieren kann.
In der groĆen Stube waren indes versammelt und harrten der Dinge, die da kommen sollten: Bachweber, der Schulmeister und Schneider, Forbachklaus, der Kƶhler, Barbara, seine ledige Schwester, die wir bereits als Hebamme kennengelernt, Stoffel, der Fischer und Forstknecht, Mathias, der Hausmann und Müller, der Fohrlenbacherbauer mit seinem Weib, die alte Fahlenbacherin und noch einige andere. – Frau Anastas hatte heute ihrer Kochkunst Ehre gemacht: es wurde aufgestellt, was nur der mƤchtige Eichenholztisch zu tragen vermochte; und als nach dem āHammenstotzen“ noch eine groĆe zinnerne Platte voll Küchle und StrƤuble, die Nationalspeise, kam, rollten dem kleinen Hieronymus TrƤnen über die Backen herab, denn er hatte dem Vorhergehenden so weidlich zugesetzt, daĆ er vom Nachkommenden fast nichts mehr unterzubringen vermochte. – Dabei wanderte das Krüglein fleiĆig in den Keller hinab, und es wurde demselben so wacker zugesprochen, auf das Wohl des Hauses und seines einzigen Tƶchterleins, daĆ man den Kuckuck in der Uhr einmal über das anderemal überhƶrte – und endlich die Weiber allen Ernstes zum Aufbruch mahnen muĆten.
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergƤnzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr verƶffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter groĆem Aufwand von Dr. Johne, verƶffentlicht wurde.
Die Erstausgabe vom Hieronymus erschien 1853 und in dem Buch ist das Bild mit der Ruine Zindelstein ganz vorne. Das Bild wurde in der 2. Auflage leider vergessen.
sā chunt alles jung und neu und alles schlicht im Alter zu, und alles nimmt en End, und nüt stoht still. Hƶrsch nit, wie ās Wasser ruuscht, und siehsch am Himmel obe Stern an Stern? Me meint, vo alle rühr si kein, und doch ruckt alles witers, alles chunnt und goht. >Johann Peter Hebel
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Hier die digitale Fassung von Lucian Reichs Hieronymus:
Zuerst das Vorwort von Lucian Reich zur zweiten Auflage
Vorwort zur zweiten Auflage
Der Schauplatz nachstehender Lebensgeschichte ist jene hochgelegene Land-schaft, welche das Sprichwort: āDie Brig und die Breg bringen die Donau z’weg“, so sprechend andeutet; die ƶstlichen TƤler des oberen Schwarzwaldes und die angrenzende Hochebene, ein Teil der alten Gaugrafschaft Baar, welche die Quelle der Donau in ihrem SchoĆe trƤgt.
Hoch oben, dreitausendvierhundert Fuà über dem Meere, im schweigsamen Revier der Tanne und Fƶhre, in deren Schatten der Auerhahn balzt und vor Zeiten BƤren und Wƶlfe dem Menschen sein Dasein streitig machten, auf der Wasserscheide zwischen dem Rhein und der Donau, am āBriglirain“, entquillt die Bregach einem einsamen Bergschlund.
Die alten Tannen am āRoĆeck“ singen ihr fern hinrauschend das Wiegen-lied. Die Jugend des Kindes ist keine gelinde; rauh und steinig ist sein Bett.
Aber wie ein gesundes, von der Natur zu langem Lebenslauf bestimmtes Wesen eilt es, der Mutterbrust entwƶhnt, keck und munter sein enges, nur von wenigen einschichtigen Hƶfen und Hütten besetztes Tal, die āKatzen-steig“, hinab, zwischen Granitblƶcken und HolzstƤmmen hindurch, vorüber am vergessenen , HeidenschloĆ“, dem Marktlecken Furtwangen zu.
Ein SchwarzwƤlderkind aber darf nicht lange müĆig gehen, und so muĆ auch die kleine Bregach frühe schon allerlei nützliche Arbeit verrichten: hier mit silbernem Wellenstrang eine Wiese wƤssern, dort am oberschlƤchtigen Rad den einfachen Mahlgang treiben, welcher dem Hofbauer seinen Mehl-bedarf liefert, oder sie plƤtschert am kunstlosen Werk einer KlopfsƤge, oder hilft schon wacker aus bei der Uhrmacherei; denn bald ist der Bereich dieser weltbekannten Industrie erreicht. Die rauschende Welle begrüĆt am Wege hin manches alte und manches neue Haus, in dessen heller, reinlicher Stube die Drehbank des Uhrenmachers schnurrt und Kuckuckruf sich hƶren lƤĆt, oder Uhrenschildmaler emsig ihrer Kunst obliegen.
Rasch geht es mitten nach Furtwangen hinein, zum Sitz wƤlderischer Industrie und HandelstƤtigkeit. Hier bekommt unsere Kleine, durch wohltƤtige Einflüsse unterdessen schon sichtlich gekrƤftigt, wieder vollauf zu tun; aber lange will sie sich nicht halten lassen, obwohl bei dem rührigen Vƶlklein, trotz dem rauhen Klima, alles recht gastlich und einladend ausschaut. Das unruhige Ding will hinaus āins Land“, wie die UhrenhƤndler sagen; GroĆhandel und Schiffahrt sind sein heimliches Trachten. Darum wandert es – nachdem es mit einem droben von āStollenwald“ hergelaufenen Schwester-chen, das auch schon bei renommierten Meistern gedient, Schmollis getrunken – frƶhlich weiter, das lange Tal von Schƶnenbach, in welchem es wieder manche Werkstatt trifft, hinab, nimmt unterwegs einen im Zickzack und Rausch daherrennenden, auswanderungslustigen Landsmann, den jungen Rohrbach, kameradschaftlich auf und zieht in Vƶhrenbach ein. Auch hier, im ansehnlichen StƤdtchen, schaut es sich sogleich nach Arbeit um und schafft in Mühlen und Walken und anderen Werken.
Triefend, in Schweià gebadet von der Anstrengung, will das jugendliche Wesen doch keinen Augenblick rasten und ruhen: weder die wunderbaren Klänge des Orchestrions, noch die Flötentöne einer Spieluhr, die von der Werkstatt des Meisters dort her klingen, können es zum Stillstehen bewegen.
Abermals verstƤrkt durch Landskraft vom Langenbach her, nimmt es Ab-schied. Die StraĆe nach Villingen bleibt links liegen; bequemer geht’s durch das schƶne aber wenig bewohnte Tal hinab durch sonnige, von TannenwƤldern eingefaĆte Matten.
Hammereisenbach ist das nƤchste Ziel der eiligen Wanderschaft; doch mehr als eine Stunde vergeht, ehe unsere Breg, die unterwegs wohl wieder ein halbes Dutzend anhƤnglicher Vettern und BƤsle aus den nahen TƤlern zum Mitgehen bewogen, den alten, steingepanzerten Vasallen dort, der mit seinen grünen Fƶhrenzweigen auf dem durchlƶcherten Helm einsam auf der Hƶhe steht, begrüĆen kann. Es ist Neufürstenberg, die lƤngst in Trümmer gesunkene Hochwacht. Unten, beim āKirchlein vom Hammer“, wartet indessen schon wieder ein anderes industrielles WƤlderkind, der durch die Urach verstƤrkte Eisenbach, auf die grƶĆere, freudig einherrauschende Schwester, um vereint mit ihr der Morgensonne entgegen, hinaus in die luftige Baar zu wallen.
Noch immer indessen halten uns die Berge eng umschlossen. Die ganze Umgebung, Wiesen und Wald, aus dem überall der Granit seine schwƤrzlichen ZƤhne hervorstreckt, Stroh- und SchindeldƤcher, rauchende Kohlen-meiler, glimmende Feuer hoch oben im Reutefeld, das Geklingel des Melk-viehs, welches zerstreut in saftgrünen Matten weidet oder an sonnigen Halden zwischen Brombeerstauden, Pfriemen und Stechpalmen umhersteigt, wohltƤtiger Fichtennadelgeruch und Bachesrauschen, alles mahnt uns, daĆ wir stets noch, āauf dem Wald“ uns befinden.
Halten wir gleichen Schritt mit dem Bach, das anmutige Tal entlang, so bleibt uns keine Zeit, weder beim āFischer“, noch eine halbe Stunde weiter unten, beim āSchwarzen Bue“, einzukehren. Dort, nicht weit von dieser SchƤnke, erblicken wir einen breitschulterigen Wegelagerer, der uns drohend den PaĆ verlegen zu wollen scheint. Der Zindelstein ist’s, der einstige gestrenge mittelalterliche Burgvogt. HohlƤugig und finster, geschwƤrzt von der Fackel des Bauernkrieges, schaut er herab von seinem hohen Sitz, als hƤtt‘ er immer noch zu befehlen. Aber Macht und Ansehen sind dahin, nur Raben und Geier finden sich noch bewogen, ihm dort auf dem Turm die Aufwartung zu machen, und die Stürme, wenn sie kommen, in dunkler Winternacht heulend und pfeifend ein Turnier um Graben und GemƤuer abzuhalten. Trotzdem scheint der verwetterte Alte nicht übel Lust zu haben, wenigstens unserer Bregach den Ausgang aus dem Tal verwehren zu wollen.
Eine unternehmende Schwarzwäldernatur jedoch vermag sich überall durchzubringen. Sie scheut einen Umweg nicht, um sicher ans vorgesteckte Ziel zu gelangen; und zudem ist die Tochter des Waldes bereits so stark geworden, daà sie vor keinem Hindernis so leicht mehr zurückschreckt.
Hunderte von Schluchten, Tobeln und Rinnen, alle Quellen und Brunnen haben ihr VerstƤrkung zugesendet, sie gleichsam ausgesteuert mit ihrem ganzen Reichtum zur Reise hinab ans Schwarze Meer. Und ist der Tag heiter, die Luft stille, so singt ihr wohl auch noch ein Hirtenkind in den Matten dort am FuĆe des Berges ein Abschiedslied. Es klingt fast wehmütig, ernst, wie die Farbe der düstergrünen Tanne. Auch der Wald will der Fortziehenden noch das Geleite geben, hinaus bis zum Dorf Wolterdingen.
Von hierab jedoch scheint die Landschaft ein Stück nach dem anderen von ihrer grünen Wäldertracht ablegen zu wollen.
Granit und Gneis haben ihre Herrschaft bereits an den bunten Sandstein abgetreten, Haue und Pflugschar der Gegend mehr und mehr ein schwƤbisches GeprƤge aufgedrückt. Ja selbst unsere Bregach Ƥndert ihr Temperament und nimmt allmƤhlich das Naturell eines Baarer Bauers an, dem es bekanntlich nie sehr pressiert, auĆer wenn die Ernte drauĆen ist und ein Gewitter am Himmel steht. GemƤchlich zieht sie am Dorf und an seinen von ObstbƤumen beschatteten GƤrten vorbei, den erweiterten Wiesenplan hinab. Nur einmal noch, unterhalb Bruggen, drƤngt sich, vom Schellenberg her, der Wald her-an, bemooste HƤupter alter Tannen sind’s, die in der klaren Welle sich bespiegeln mƶchten.
BrƤunlingen, das alte StƤdtchen, das wie ein anhƤnglicher Reichsbürger noch so manches Stück aus der ehemaligen vorderƶsterreichischen Zeit zur Schau trƤgt, ist schon in Sicht. Seine kleine Kapelle dort auf dem Ottilienberg schaut frei hinaus in die weite Baar, über groĆe Kornfelder hinweg bis zu den grünen BuchenwƤldern der āLƤnge“, wo als letzter AuslƤufer des Jura der Fürstenberg sich erhebt und sein Nachbar, der breite Basaltklotz des ebenso mƤchtigen Wartenbergs.
Nachdem unsere WƤldnerin, welcher TƤtigkeit nun einmal zur zweiten Natur geworden, dem BrƤunlinger Müller gelegentlich ausgeholfen und in neuerer Zeit auch zum Seidenzwirnen sich herabgelassen (denn vernünftigem Fortschritt ist sie keineswegs abhold), lƤuft sie am Rothenrain hin, durch āUnterweiden“ Hüfingen zu. Bevor sie jedoch dieses StƤdtchen ganz erreicht, muĆ sie sich eine kurze Lektion klassischer Bildung und Gelehrsamkeit gefallen lassen; freilich nur spƤrliche Reminiszenzen sind’s: Fundamente, Mauerwerk mit Heizbƶden und Legionsziegeln, vermutlich Ćberreste des keltisch-rƶmischen Brigobannis, welcher Station die Breg dereinst als Taufpatin gedient haben soll.
Sie, die bisher meist nur auf Feld- und Waldwegen gewandelt, betritt nun eine kleine Strecke weiter unten die alte Land- und HeerstraĆe. Hinter dem StƤdtchen, dem sie nach gewohnter Art wiederum manchen ersprieĆlichen Dienst leistet, in der Mühle und auf der Bleiche, in Gerberei und FƤrberei macht sie, zum tiefen Waag gestaut, einen kurzen Stillstand, als wollte sie sich vorbereiten auf den Empfang in der fürstlichen Residenz, wo sie beim Schlosse die schwesterliche VermƤhlung feiern und ihren Namen für immer ablegen soll.
Beschleunigten Laufes, das VersƤumnis einzuholen, zieht sie weiter; kaum daĆ sie sich noch Zeit nimmt, drüben bei der Stadtwies dem Landwirt seinen Dunggips und Schwarzkalk zu mahlen und die Backsteinmaschine zu drehen. Schon tƶnt von Donaueschingen her der Pfiff der Lokomotive; und wie sehr sie sich auch tummelt, Almendshofen und Donaueschingen zu er-reichen, so kommt sie doch beinahe zu spƤt. Denn gleich nachdem sie am fürstlichen Park, wo die VermƤhlung der drei als sinniges Gebilde der Kunst im Quellenbassin sich bespiegelt, vorbeigezogen, kommt ihr schon das Kind der Baar, die Donau, entgegen, welche nach kurzem Jugendlauf mit der von Villingen herflieĆenden Brigach sich vereinigt hat.
Ohne Hast und Ćberstürzung, wie es einer zu groĆer Macht und Würde berufenen Jungfrau geziemt, zieht die Einsgewordene durch die fruchtbare Hochebene. Zuweilen scheint sie tiefsinnig stillzustehen, als trƤume sie von StƤdtepracht, KaiserpalƤsten und groĆen Reichen. Leise flüstert sie zum Sange in lauer Sommernacht heimkehrender Schnitter und Schnitterinnen, begleitet mit Wellengelispel das einfƶrmige Lied der Grille im herbstlichen Stoppelfeld oder hüllt sich, mit Schilf und Rohr bekrƤnzt, in weiĆe Schleier ein, die ihr nƤchtliche Geister und Nebel im nahen Moor und Riede weben.
In Bogen und Krümmungen zieht sie am Wartenberg hin, wie zƶgernd, hinweg aus der Heimat. Doch lassen wir Bilder und Gleichnisse, ohne die unsere topographische Skizze wohl allzu trocken ausgefallen wƤre. Nur eines dürfte, anknüpfend an den SchluĆ derselben, noch gesagt werden: āAus der Heimat“ (ein Wort, das so vieles in sich schlieĆt) kƶnnte mit Fug und Recht vorliegendes Bild-werk, welches hiermit zum zweitenmal die Reise hinaus ins Land antritt, betitelt werden.
Aber wie dem Maler, wenn er nach lƤngerer Zeit sein GemƤlde wieder zu HƤnden nimmt, Lasuren und Korrekturen notwendig scheinen, um dem Ganzen grƶĆere Vollendung und Harmonie zu geben, so fühlte auch der Verfasser sich gedrungen, Allzubekanntes wegzulassen oder kaum angedeutete Motive mehr auszuführen. Soll ja das Werk keine bloĆe sogenannte Dorf- oder lƤndliche Liebegeschichte sein, sondern vielmehr eine Lebensgeschichte auf historischem und kulturgeschichtlichem Hintergrund eines ganzen Gaues, eine Arbeit, welche NachtrƤge und VervollstƤndigungen keineswegs ausschlieĆt. Die Illustrationen, von Freundeshand auf Stein übertragen, in einer Weise, die bei Fachgenossen und Laien allwƤrts verdiente Anerkennung gefunden, sind dieselben geblieben. Neu hinzugekommen ist allein die Titelvignette, welche der nunmehrige Verleger unserem āHieronymus“ als Maien vorangesteckt. Und so mƶge denn diesem gleich wie bei seinem erstmaligen Erscheinen freundliche Aufnahme zuteil werden.
Leider ist die „neu hinzugekommene Titelvignette, welche der nunmehrige Verleger unserem „Hieronymus“ als Maien vorangesteckt,“ nicht bekannt und es muĆ hierauf verzichtet werden.
Dies mag daran liegen, dass die 2. Auflage zu Lebzeiten von Lucian Reich keinen Verleger fand und diese erst über 100 Jahre später veröffentlicht werden konnte, um gleich darauf wieder vergessen zu werden.
Ich wünsche allen viel Freude beim Anhƶren des Podcasts und habt bitte Nachsicht mit meinem „Gestammle“, ich bin Naturwissenschaftlerin und des Alemannischen vom vorletzten Jahrhunderts nicht sonderlich gelƤufig.
Der heilige Hieronymus nach Albrecht Dürer. Diese unverƶffentlichte Lithografie von JN Heinemann kƶnnte die „Titelvignette“ sein.
Vorwort zur ersten Auflage
Wie die Blätter am grünen Stamme wachsen und abfallen, so die Geschlechter der Menschen. Das eine stirbt ab und ein anderes wird geboren.
Diese Worte aus den Sprüchen des Sirach, welche wir als Motto über den Eingang unserer kleinen Bildergalerie gesetzt, deuten dem Publikum den Sinn an, in welchem dieselbe unternommen und aufgestellt worden. Sie soll ihm das Sitten- und Gewohnheitsleben der früheren Geschlechter eines kräftigen Volksstammes in stillschweigendem Vergleiche zur Gegenwart vorführen und veranschaulichen. Es dürfte dies nicht allein eine angenehme Beschäftigung sein, sondern auch nützliche Betrachtungen veranlassen, besonders in einer Zeit, wo das gediegene Alte meist verkannt und den früheren Zuständen so gerne alles Gute abgesprochen wird.
Der heimatliche Boden dieser Bilder ist jene entlegene Landschaft des GroĆherzogtums Baden, welche das Sprichwort: āDie Brig und die Breg bringen die Donau zweg“ so ansprechend andeutet, die ƶstlichen TƤler nƤmlich des mittleren Schwarzwaldes und die angrenzende Hochebene, ein Teil der alten fürstenbergischen Grafschaft Baar, worin Donaueschingen jetzt den Hauptort bildet.
Von den alten Sitten und GebrƤuchen, wie sie ehemals waren, ist zwar vieles schon abgekommen und erloschen, doch lebt noch ein Teil davon so charakteristisch im Volke fort, daĆ er wohl verdient, abgebildet und beschrieben zu werden – gleichsam als ein Denkmal ehrwürdiger Ćberreste, aus welchen wir schlieĆen mƶgen, wie solid, wie reich und eigentümlich jenes Volksleben einst gewesen.
Allerdings haben mit den Zeiten stets auch die Sitten sich geändert; heutzutage aber ist es gekommen, daà eine immer mehr übergreifende Welt-sitte sich als Feindin gebart jeglicher örtlichen Eigentümlichkeit, ja sogar jeglichen nationalen Gepräges. Doch ist vieles auch schon in übelverstande-nem Verbesserungsdrange geringschätzig beseitigt oder methodisch zugestutzt und verkümmert worden.
In den alten Sitten und Gebräuchen aber, von welchen wir gesprochen, spiegelt sich das kräftige, echt deutsche Gemüt unserer Voreltern und ihr gesunder Verstand auf das sichtbarste und entschiedenste ab. Sie bildeten ein ungeschriebenes Gesetzbuch, eine goldene Regel in geistlichen und weltlichen Dingen, in Scherz und Ernst, in Haus und Feld. Sie bewahrten das Leben vor der nüchternen Zerfahrenheit, die unsere Tage so auffallend bezeichnet.
Die Bewohner einer Landschaft, eines Gaues, bildeten früher eine fest-gegliederte Genossenschaft, in Tun und Handeln. Jeder Stamm bewahrte seine Eigentümlichkeiten, wodurch er sich von andern unterschied und auszeichnete. Und trotzdem, daà es dem einzelnen nicht gestattet war, von den ererbten Formen abzuweichen, so blieb ihm doch Raum genug, seine persönlichen Eigenheiten und Gaben auf das mannigfaltigste an den Mann zu bringen. Denn die Stände und Körperschaften mit ihren althergebrachten Gewohnheiten und Rechten wiesen jedem, wie die Marksteine im freien Feld, seinen Platz und Boden an, worauf er frei und ungehindert schalten und walten konnte. Mit ihnen verschwindet aber nun alles, was sich an sie anknüpfte: die ehrsamen Bürger- und Bauerntrachten, die volkstümlichen Feste und Spiele, die Lieder und Tänze, die alten Hausbräuche, der alte, fromme, patriarchalische Sinn, kurz alles Nationale und Eigene.
Wenn ich von all diesem so manches noch sah und hörte und mit dem hereinbrechenden modernen Leben verglich, so entstand in mir immer der Wunsch, das Gesehene und Gehörte, im dauernden Wechsel, nach besten Kräften in Wort und Bild darzustellen und aufzubewahren. Und da ich fühlte, daà mir solches um so eher gelingen dürfte, als es die eigene Heimat betrifft, so unternahm ich endlich diese Darstellung.
In der Baar zu Hause, besuchte ich oft die nahen Schwarzwaldtäler mit ihren Einöden, ihren dunklen, weithingedehnten Tannenwäldern und wasserreichen Wiesen, mit ihren traulichen Hütten und Höfen, und lernte dadurch das Leben des rastlos tätigen und genügsamen Menschenstammes kennen, welcher sie bewohnt.
Aber ich warf meinen Blick auch in die verflossenen Zeiten zurück und sammelte manches, was noch aus ihnen stammt, um sie desto treuer und lebendiger beleuchten zu kƶnnen. So fand ich unter anderem unter dem Nachlasse meines seligen GroĆvaters eine Chronik unseres HeimatstƤdtleins Hüfingen, deren Verfasser ein Mann war, von welchem in den folgenden BlƤttern eigens die Rede ist. Dieses Tagebuch enthielt (ich sage āenthielt“, weil es leider verlorenging) freilich nichts von allgemeinerem Interesse; aber was ich zwischen seinen Aufzeichnungen von Geburts- und Todesjahren, von Hochzeiten und Festen, von teueren und wohlfeilen Zeiten, stƤdtischen Bauten und VerƤnderungen zu lesen fand, was ich aus dem Munde meiner GroĆeltern und Eltern, welche vƤterlicherseits vom Lande und mütterlicherseits aus der Stadt sind, über heimische Dinge und FamilienverhƤltnisse wiederholt vernahm und was ich darüber noch anderwƤrts in Erfahrung brachte – das alles zusammengehalten gab mir hinreichenden Stoff, um ein Stücklein heimatlichen Lebens und Webens aus den letzten siebzig Jahren darstellen zu kƶnnen.
Und indem ich hierzu das Leben des Hieronymus wƤhlte, hatte ich den Vorteil, meist speziell Wahres und persƶnlich Erlebtes aus dem angedeuteten Bereiche dem Leser vorführen zu kƶnnen. Darum freilich kommen in diesem Leben und seinen Bildern keine jener romanhaften Verwicklungen und absonderlichen Entwicklungen vor, wie sie der oder jener Leser lieben mag, dem nichts pikant genug vorkommt oder zu scharf gewürzt; aber ich sehe auch nicht ein, warum ich dem guten Meister Hieronymus, dem das Schicksal ohnehin so manche Schwierigkeiten bereitete, noch mehr Steine des AnstoĆes hƤtte in den Weg werfen sollen, nur um solchen Lesern zu gefallen.
Die interessanteste Entwicklung im Leben jedes einzelnen ist eben doch das, was er wird und wie er es wird, und wenn ihn der liebe Gott zur Zugabe noch in anderweitige frohe oder traurige Ereignisse verwickelt, so soll es dargestellt, aber nicht übertrieben werden.
Ein solches Werk aber der Offentlichkeit übergeben, heiĆt ein Haus an die StraĆe bauen. Es wird gelobt und getadelt; denn wer an die StraĆe baut, hat viele Meister, sagt das Sprichwort. Es gleicht einer Schenke, deren Schild oder grüner Busch jedem zur Einkehr winkt. Viele gehen vorüber, andere treten ein und versuchen den Trank; dem einen mundet er, dem anderen nicht; der eine findet die Zeche billig, der andere hƤlt sich für überfordert. Das ist nun einmal nicht anders, und man muĆ es hinnehmen, wie es kommt.
Doch weià ich: Es behagt manchem Wanderer recht wohl in einem einfachen Schwarzwälderwirtshaus, wo ihm der Wirt anstatt der Küchenprodukte eines welschen Restaurants heimische Kost vorsetzt; liefern doch unsere Wälder und Felder, unsere Wasser so manches, was selbst der Gaumen eines Feinschmeckers nicht verschmähen dürfte.
Und wie mancher, der alle Meere durchschifft und alle LƤnder bereist hat, zuletzt findet, daĆ es daheim doch auch wohnlich und schƶn sei und daĆ es manches stille, anmutige PlƤtzlein in der NƤhe gebe, welches er früher nie gekannt oder geschƤtzt hatte. Sollte es nun der Liebe und dem getreuen FleiĆe, womit diese BlƤtter entworfen und von Freundeshand auf Stein gezeichnet worden, gelungen sein, alte heimische Erinnerungen festzuhalten und bei Gleichgesinnten Teilnahme zu erwecken, so muĆ vor allem des erlauchten Schutzes gedacht werden, den unser Geisteskind schon vor der Geburt bei jenem edlen Fürsten gefunden, welchem das Ganze in dankbarster Verehrung gewidmet werden durfte.
Möge ein deutsch und vaterländisch gesinntes Publikum unsere kleine Bildergalerie mit Nachsicht und billiger Beurteilung aufnehmen! In dieser Voraussetzung wollen wir sie demselben getrost eröffnen. Ist auch manches darin noch mangelhaft, so müssen wir den Beschauer bitten, noch allerlei Gutes und Schönes selber hineinzudenken und so die Lücken auszufüllen.
Wir unsererseits kƶnnen uns damit entschuldigen, daĆ Dichten und Malen freie Künste sind, daĆ also jeder sich darin versuchen darf, ohne vorher zunftmƤĆig das übliche Meisterstück gemacht zu haben.
Vorwort zur neuen Auflage
Donaueschingen, Weihnachten 1957 von Dr. Johne
Die landlƤufige und etwas verschwommene Bezeichnung ā Volksschriftsteller“ wird der künstlerischen Persƶnlichkeit Luzian Reichs nicht ganz gerecht.
Luzian Reich ist mehr als ein Volksschriftsteller. Er ist auch einer der ersten und vorbildlichen Vertreter der Heimat- und Volkskunde. Sein Hauptwerk āHieronymus“ beweist uns das aufs schƶnste. Hansjakob nennt das Werk „eines der besten Volksbücher überhaupt“. Und Luzian Reich spricht sein Wollen und seine Absicht deutlich aus: āEs soll das Werk keine bloĆe sogenannte Dorf- oder lƤndliche Liebesgeschichte sein, sondern vielmehr eine Lebensgeschichte auf historischem und kulturgeschichtlichem Hintergrunde eines ganzen Gaues.“ Er will, wie er im Vorwort zur 1. Auflage sagt, im āHieronymus“…āein Stücklein heimatlichen Lebens und Webens aus den letzten siebenzig Jahren darstellen“ . Er will erzƤhlenderweise belehren, ohne daĆ die Leser es groĆ merken; er will seinen Lesern die Schƶnheit der heimatlichen Natur, der alten Sitten, GebrƤuche und Trachten vor Augen führen und sie dahin bringen, daĆ sie diese Schƶnheiten begreifen und an ihnen festhalten. So wird der āHieronymus“ tatsƤchlich zur aufschluĆreichen und eindringlichen Kultur- und Sittengeschichte der Baar und der angrenzenden SchwarzwaldtƤler. Es ist aber keine trockene Kulturgeschichte, die uns vorgesetzt wird, sondern die Kulturgeschichte ist hineingesponnen in eine einfache und schlichte ErzƤhlung, die man in gewissem Sinne füglich auch eine Erziehungsgeschichte nennen kƶnnte. Und oft wird die Geschichte zur freundlichen Idylle.
Luzian Reichs Vater war Schulmeister, und er selbst war jahrzehntelang Zeichenlehrer. Das Lehren und Belehren liegt ihm also im Blute schon von Vaters Seite her, dessen nachgelassene Aufzeichnungen der Sohn nachgewiesenermaĆen in seinem āHieronymus“ mitverwendet und mitverwertet hat.
Luzian Reich singt in seinen Werken immer die gleiche Melodie, das Lied der Heimat, aber in vollendeter Form und in vielen Variationen. Es ist nichts Abseitiges, was Luzian Reich darstellt, nein, es ist das Alltägliche, das Einfache, was er schildert, aber er erzählt es kunstvoll im inneren Aufbau und wahrhaft in der Empfindung. Alle falsche Sentimentalität liegt ihm fern. Das Volkstümliche kennt auch keine geistreichen Reflexionen.
Luzian Reich sammelt āBlumen, wie sie ein Wanderer am Wege durch Felder und WƤlder pflücken kann“. Reich gemahnt uns in seiner ErzƤhlkunst an Jeremias Gotthelf oder Pestalozzi und mitunter selbst an Johann Peter Hebel. Dabei mangelt es Reich keineswegs an dichterischer Erfindungsgabe, und immer wieder packt uns die Gefühlstiefe in der ErzƤhlung.
Wir dürfen nicht vergessen, daà Luzian Reich dem alten Kulturgut der Baar um mehr als hundert Jahre nähersteht als wir, daà er uns deshalb vieles durch seine Erzählung erhalten hat, was heute schon längst vergessen wäre, und daà er daneben auch manches Alte wieder neu entdeckt hat.
Vier Jahre vor Eichendorffs Tode ist der āHieronymus“ erschienen. Und er ist als eine SpƤtblüte der Romantik zu begreifen.
Die Sprache Luzian Reichs bleibt immer einfach, schlicht, ohne jegliches Pathos, wie auch Hansjakob den āHieronymus“ als āeinfach, schlicht und lieb geschrieben“ charakterisiert; und er sieht in ihm den āromantischen Goldschimmer der guten alten Zeit“. Die Sprachkunst Luzian Reichs ist nicht alltƤglich. Sein Sprachgefühl ist auĆerordentlich und sein sprachlicher Ausdruck voller Kraft. In kurzen, eindrucksvollen SƤtzen gleitet der FluĆ der ErzƤhlung dahin. Und über aller Darstellungskunst liegt etwas Verhaltenes, TrƤumerisches. Es nimmt eigentlich wunder, daĆ nicht Stücke aus dem āHieronymus“ in die Lesebücher der badischen Volksschulen Eingang gefunden haben.
Stilistisch ist Luzian Reich seinem groĆen Kunstgenossen Adalbert Stifter nicht unƤhnlich, dem er auch in der liebevollen Kleinschilderung der Natur verwandt ist.
Luzian Reich ist aber nicht nur Schriftsteller, er ist ja auch Maler, und so veranschaulicht er das, was er erzƤhlt, noch durch liebevoll gezeichnete Bilder.
Ein ganz eigenartiger Reiz liegt in diesen Zeichnungen zum āHieronymus“ In der Darstellung der Landschaft hƤlt sich Reich realistisch an die Natur.
Die ErzƤhlkunst in den Bildern ist nicht geringer als die in der sprachlichen Schilderung. Immer wieder erfreut uns die in den Zeichnungen zum Ausdruck kommende ruhige Betrachtung der Natur. Es gibt keine besseren und feineren Bilder vom Leben auf der Baar und im Schwarzwald. In der Natur- und Menschendarstellung sind sie gleich vortrefflich, behƤbig und aus tiefem Verstehen von Natur und Volk gewachsen. Mit den Zeichnungen rückt Luzian Reich durch deren tiefen Empfindungsgehalt in die NƤhe Ludwig Richters oder seines Freundes Moritz von Schwind, mit dem er auch zeitweise zusammengearbeitet hat. DaĆ Reich in seinem Schwager Johann Nepomuk Heinemann, der die Bilder zum āHieronymus“ auf Stein gezeichnet hat, einen kongenialen Genossen fand, darf als Glücksfall erscheinen.
Die ƤuĆeren LebensumstƤnde Luzian Reichs sind rasch erzƤhlt. 1817 im alten BaarstƤdtchen Hüfingen geboren, lernt er zeichnen und malen im StƤdelschen Institut in Frankfurt und dann in München. Das Glück hat ihm nie gelƤchelt. DaĆ er 1855 eine gering bezahlte Zeichenlehrerstelle am Gymnasium in Rastatt annahm und sich dort 35 Jahre lang in stƤndigen Disziplin-Schwierigkeiten mit seinen Schülern herumplagte, daĆ er daneben zur Aufbesserung seiner kargen Besoldung allerlei Malerarbeiten ausführte, wie sie der Tag so mit sich brachte, oder grƶĆere und kleinere Geschichten schrieb, ist der zwangslƤufige AusfluĆ seiner beengten materiellen Lage. Im Alter findet Luzian Reich wieder heim in seine geliebte Baar, in seine Vaterstadt Hüfingen, und dort stirbt er, einsam und kaum beachtet, als 83 jƤhriger Greis im Jahre 1900.
Reichlich hundert Jahre sind seit dem ersten Erscheinen des āHieronymus“ verstrichen (I853). Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg hatte dem Verfasser zum Drucke ein Darlehen gegeben, und ihm hat Reich die erste Auflage des Buches gewidmet. Rasch zwar war die 1. Auflage vergriffen; eine 2. Auflage erschien 1876, die dem Neudruck zugrunde liegt. Alle Bemühungen Luzian Reichs aber, dem Werke vor seinem Tode noch einmal zum Drucke zu ver-helfen, waren vergeblich. Es ist deshalb ein groĆes Verdienst der Hüfinger Heimatzunft in Verbindung mit dem Bund āHeimat und Volksleben“, daĆ sie es unternommen hat, das Buch neu herauszugeben. DaĆ S. D. Dr. h. c. Prinz Max zu Fürstenberg, die Stadt Hüfingen, der Kreis Donaueschingen und der LandesausschuĆ āTag der Heimat“ in Südbaden durch Beihilfen die Neuausgabe ermƶglicht haben, soll ihnen die Heimat danken.
Mƶge nun der āHieronymus“ im neuen Gewande das werden, was er von Anfang an sein sollte: das Heimatbuch der Baar und des Schwarzwaldes, das in jeder Bürger- und Bauernstube seinen Ehrenplatz hat. Wer Land und Leute der Heimat vergangener Zeiten kennenlernen will, wird und muĆ zum āHieronymus“ greifen. Freilich, wer allein sein Genügen findet an KriminalreiĆern, dem wird der āHieronymus“ nicht viel zu sagen haben. Wir haben aber die Hoffnung, ja die Ćberzeugung, daĆ es doch noch sehr, sehr viele ernste und kunstverstƤndige Heimatfreunde gibt, die den neuen āHierony-mus“ freudig begrüĆen und ihn zu ihrer Haus- und Heimatpostille erwƤhlen.
Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Momentan befinde ich mich noch im Jahr 1833 und habe das Buch in mehrere Teile unterteilt.
Unten findet sich das restliche Buch. Mit der Zeit werde ich dies auch aktualisieren. Die alte Formatierung unten ist mit der Zeit etwa durcheinander gekommen, auch sind die Ladezeiten ziemlich lange da alles sehr alte ist inzwischen.
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Nach einem mit den Freunden auf der SachsenhƤuser Warte gehaltenen Abschiedstrunk bestieg ich den Omnibus nach Darmstadt, um von dort ā wie sich’s damals bei jungen Leuten von selbst verstand ā zu FuĆ weiter zu pilgern, den Heimatbergen zu. Heinemann war mir bis Bƶhrenbach entgegen gekommen. Von Zeit zu Zeit hatte er uns von seinem Kunftstreben Nachricht gegeben, als Probe einmal auch das Bildnis unsrer Schwester in der Schappeltracht der Baar gesendet. AnfƤnglich wollte er Schildmaler werden bei Dilger in Neustadt, einer der WerkstƤtten, in welchen sich im Lause der Zeit eine fire Technik ausgebildet hatte, die vollstƤndig genügt hƤtte, den ebenso praktischen wie charakteristischen, hell lackierten und bemalten, „Schild“ der SchwarzwƤlderuhr artistisch weiter auszubilden.
Nach des Meisters baldigem Tode hatte sich Heinemann bei Keller in Donaueschingen dem lithographischen Fache zugewandt. Bei seinen Eltern in Hüfingen wohnend und jeden Tag den Weg hin und her machend und ausschlieĆlich mit schriftlichen Arbeiten, Tabellen und ImpressenĀ beschƤftigt, war es ihm nur in freien Stunden vergƶnnt, PortrƤts nach der Natur zu zeichnen – und wie viele und treffliche hat er auf Stein gezeichnet, unter andern eins von W. Rehmann und ein frühestes von Scheffel als Eyceist.
Bleistiftzeichunung Karl von Schneider (1847 ā 1923) von Johann Nepomuk Heinemann
Im elterlichen Hause war unterdessen manche Wandlung eingetreten. Das rege Leben im obern Stock war zum Stillleben, der gute GroĆvater von seinem Tagewerk abberufen worden. Nur der GroĆmutter (Katharina Schelble geborene Gƶtz) hatten die Jahre scheinbar nichts anzuhaben vermocht. Stets saĆ sie von Morgen bis Abend noch an der Kunkel. Am Sonntag vor dem Gottesdienst kam regelmƤĆig der Vetter Galli (Gallus Gƶtz 21.10.1757-29.11.1840)- ihr Bruder, groĆ und hager, mit einem Gesicht, charalteristisch wie der beste Holzschnitt Dürers, um den Kaffee bei ihr einzunehmen. Und da sie selbst nicht mehr zur Kirche gehen und auch nicht mehr lesen konnte, muĆte ihr immer Eins von uns das sonntƤgliche Evangelium vorlesen; denn aufrecht wie ihre Gestalt war ihr religiƶses Bekenntnis, von dem sie kein Jota abging; aber keine Betschwester, die meint, mit dem fleiĆigen Kirchenbesuch seis abgetan. Kam je eine solche, ihr Nachteiliges von andern zu hinterbringen, so sagte sie: Ich will nichts hƶren, es hat jedes gnug vor der eignen Tür zu kehren! Eine Freude für sie war, wenn nachmittags der āNepomuk und die Molly– (Johann Nepomuk Schelble und seine Frau) kamen. Aber auch sie waren immer viel in Anspruch genommen mit Einrichtung und Verbesserungen ihres Hauses und Gütchens. Die GroĆmutter stammte aus der Hofbauernfamilie Gƶtz, deren Haus in der Vorderstadt noch ganz die mittelalterliche Bauart zeigte und auch eine allerdings trübselige geschichtliche Bedeutung hatte, insofern als die Scheuer der Hauptschauplatz war des grƤuelvollen Blutbades vom Jahre 1632 beim Ueberfall der Stadt durch Württembergisches Kriegsvolk.
Katharina Schelble geb. Gƶtz (01.11.1760-04.04.1847) gemalt von Reich senior ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829. Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die GroĆmutter von Elisabeth Heinemann geb. Reich und Lucian Reich und Xaver Reich.
Der Vater machte jetzt wenig Gebrauch mehr von seiner Kunstbegabung. Der Schlüssel zur Werkstatt hing oft wochenmonatelang unberührt am Nagel; und wenn ich ihn je einmal zur Hand nahm und hinab ging, schauten mich Cicero, Adonis, Hertules, Dacchus et Comp. ā Bildhauer Brunner’schen Angedenkens ā die ich vor meinem Abgang nach Frankfurt so schƶnĀ auf Tonpapier gezeichnet ā von ihren bestaubten SchƤften herab wehmütig und verlassen an.
Kam der einst so kunsteifrige Besitzer aus der Schule heim, so nahmen ihn schon wieder andere Sorgen und Mühen auĆer dem Hause in Anspruch. Er hatte ein Gipslager auf der Gemarkung entdeckt und an der Breg eine Dunggipsmühle, und in Verbindung mit seinem tƤtigen Schwager Noberam āKƤnnerbachā eine Wollespinnerei errichtet, wozu spƤter noch an der Breg Cement- und Schwarzkali-Fabritation kam. Die Standesherrschaft wie auch der damalige Gemeinderat waren den Unternehmungen im wohlverstandenen Interesse der Allgemeinheit fordernd entgegen gekommen.
Alte Türe am Haus Nober mit dem Schaf als Wappen für die Wollspinnerei
Vaters Werkbank in der Wohnstube glich jetzt einer bunt durcheinander gewürfelten Mineraliensammlung, zu welcher die ganze Umgegend BeitrƤge geliefert hatte. Im Umgang mit Hofrat W. Rehmann und Oberforstinspektor Gebhard, sowie als aktives Mitglied des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte in Donaueschingen (Baarverein), hatte er sich geognostische Kenntnisse erworben, um welche ihn, wie Professor Fickler sich ausdrückte, mancher Professor hƤlte beneiden kƶnnen. Nicht gleichen Schritt mit seinem Unternehmungseifer hielten aber die pekuniƤren Erfolge; das fortwƤhrende Verbessern und Aendern der Werke nahm die beschrƤnkten Mittel allzusehr in Anspruch; dazu kam noch der Betrieb durch fremde, nicht immer ganz zuverlƤssige Leute. ā Und somit floĆ jetzt das Leben im elterlichen Hause nicht mehr in ruhigem geregeltem Gang dahin wie früher.
Haus Nober, HauptstraĆe 5, etwa 1910
Aber auch die Amtsstadt zeigte die ehemalige Physiognomie nicht mehr so ganz. Der Zeitgeist hatte manchen Zug bereits verwischt oder verdrƤngt ā wenn auch nicht in der Weise, wie der hinkende „Hafnerkaspar“ finden wollte: es habe kein Bürger mehr den richtigen bürgerlichen Gang, ā ja wenn er Rock gesagt hƤtte, den dunkelblauen langen Tuchrock (von Spƶttern Zehenklopfer genannt) mit umgelegtem Kragen und Knƶpfen statt Hasten, wodurch sich der Handwerksmann vom Bauer unterschied. Auch der Bauer hielt nicht mehr so zƤh am Alten fest. Nur die BƤurin schritt sonntags noch im vollen Staat mit weiĆlackiertem Strohhut, gesticktem Goller, Fürstecker und silbernem Gürtel zur Kirche, wƤhrend vielleicht das Tƶchterlein den Tag kaum erwarten konnte, wo es sich die leichtere Modekleidung aneignen dürfte.
Den umgekehrten Fall, die Verwandlung eines ,Rockmeidli- in ein Juppemeidli, habe ich nur einmal dahier beobachtet. Vor wenig Jahrzehnten hätten die alten Wallfahrtskapellen mit ihren vielen Votivtafeln Gelegenheit geboten zu Trachtenstudien, aus welchen zu ersehen gewesen, wie manche jetzige Tracht nur noch ein Rest der alten ist. Gleich wie die Landestrachten mehr und mehr verschwinden, so wird von altem Herkommen, Sitten und Bräuchen, bald nicht viel mehr übrig sein.
Hat doch selbst Frau Fastnacht ihr eigenartiges Gewand zum Teil schon abgelegt, indem sie in Stadt und Dorf in Gestalt von allen mƶglichen Trauer-, Schau- und Lustspielen programigemäà über die Bretter geht. DaĆ trotzdem aber die humoristische Volksdichtung, die ihren Stoff dem alltƤglichen Leben entnimmt, immer lustig noch die Pritsche schwingt, davon lieferte der diesjƤhrige Karneval dahier einige recht gelungene Proben. Und auch der Hansel oder Heine-Narro hat stets noch sein Recht behauptet. ā Ob er seit alter, d. h. mittelalterlicher Zeit, im Baargau schon heimatberechtigt, mƶchte schwer zu entscheiden sein. Die Chronisten melden meines Wissens nichts davon. Nur soviel ist anzunehmen, daĆ er, Ƥhnlich dem Schem- oder Schƶnbartlaufen; immer nur in stadtbürgerlichen Kreisen, nie aber auf dem Lande, in einem Dorf oder Landsitz, sein Wesen getrieben habe. Aus sehr alter Zeit stammt seine Tracht. Denn schon im Parsival lesen wir, daĆ die besorgte Mutter dem Sƶhnlein ein bunt bemaltes Narrenkleid habe anfertigen lassen, um damit seine Herkunft zu verbergen. Auch die Kapuze mit dem Fuchsschwanz (doch ohne den in Villingen gebrƤuchlichen Halstragen, der viel jünger ist) beweist sein uraltes Herkommen; denn weniger die Metallschelle, die ja auch Vornehme an ihrer Kleidung trügen, als vielmehr die Zier Meister Reinecke’s war das Attribut des Schalksnarren, weshalb sie auch an der weiland Bühler Narrenchronik prangte.Ā
Film von Ernst Kramer aus 1950
Der Hansel betrug sich übrigens nicht immer so harmlos und gefƤllig wie jetzt. Er war gefürchtet seiner bƶsen Zunge wegen und der rücksichtslosesten Lust am „StrƤlen„. Und wenn er, umtollt von einem Schwarm Gassenbuben, vor einem Hause Posto gefaĆt, und diese das eingelernte Liedlein anstimmten, wurde oben das Fenster rasch zugemacht und das VorhƤnglein zugezogen. Auf dem Speiszettel einer rechtschaffenen Fastnacht standen Leckerbissen vom hausgeschlachteten SƤulein obenan. Erst am Aschermittwoch gab man dem Stockfisch, und allenfalls āgschlampeten“ Schnecken die Ehr. Abends fanden in den meisten Wirtschaften Fastenessen statt, an welchen sich in der Regel nur Eheleute beteiligten. Eingeleitet wurde die Fastnacht (sowie die Kirchweih) Sonntags mit einem Ball, dem nie ein Essen fehlen durfte, zu welchem eine Liste zirkulierte. Es hatte das Gute, daĆ, im Gegensatze zum gewƶhnlichen Tanze, auch Ƥltere und verheiratete Leute sich einfanden, wodurch der Abend mehr den Charakter des FamiliƤren und Gemeinsamen erhielt.
Aktive und Passive mit statutengemäà bedingtem Zutritt gab es damals noch nicht, beim Cäcilienball nur insofern, als von Kirchenchor-Mitgliedern gut einstudierte hübsche gemischte Chöre und Lieder zum Vortrag gebracht wurden.
Auch Xaver war von München zurückgekommen. Im Atelier Schallers hatte er, obgleich im Steinarbeiten nicht geübt, resolut zu Hammer und MeiĆel gegriffen und nach Schallers Modell die Holbeinstatue für die Pinatothek in Stein ausgeführt. Im Lehrsaal Zwergers war er bis in die letztere Zeit der einzige Schüler gewesen, der sich ausschlieĆlich der Plastik widmete. Zu den jüngern Fachgenossen, mit denen er jetzt verkehrte, zƤhlte vor allen HƤhnel (spƤter Professor in Dresden). Entwürfe, die er mir von seiner TƤtigkeit als Mitglied eines Komponiervereins zuschickte, lieĆen ein frisches, freudiges Schaffen erkennen. Jetzt, nach kurzem Verweilen in der Vaterstadt, hatte er das Glück, an Fürst Karl Egon zu Fürstenberg einen MƤcen zu finden. Der erste bedeutende Auftrag betraf die Donaugruppe für den fürstlichen Park, wozu er das Modell in München fertigen sollte.Ā
Fürstenbrunnen in Heiligenberg von Xaver Reich
Die junge Donau als Kind im SchoĆe der Mutter Baar von Xaver Reich.Ā
Im Gesellschaftshause Frohsinn hatte er Atelier und Wohnung gemietet; und ein glücklicher Gedanke war es den Kunstheros Cornelius um einen Besuch zu bitten. Und er kam oft, der kleine groĆe Mann mit dem Blicke des Adlers, und nicht nur mit Worten, auch mit genial hingeworfenen Bleistiftstrichen suchte er den jugendlichen Modelleur auf die Erfordernisse monumentaler Plastik ausmerksam zu machen. Wozu mir in Frankfurt die Anregung gefehlt, das tat ich jetzt wieder, indem ich ein Bild aus dem Leben malte. Hierauf begab auch ich mich ebenfalls nach München, wo ich im āFrohsinn, den auch Schaller und Bildhauer Eduard WendelstƤdt, Sohn des Inspektors am StƤdelschen Institut, bezogen hatten, mich einquartierte. (Das bedeutendste Werk dieses talentbegabten, frühe verstorbenen Künstlers ist die Statue Karls des GroĆen auf der Mainbrücke zu Frankfurt.)
Madonna an Verena und Gallus von Xaver Reich
Unser Schaffen und Streben war im besten Zuge, als uns, wie ein Blitz aus heiterem Himmel ā denn er hatte sich ja in anscheinender Besserung befunden ā die Nachricht vom Tode Schelbles traf. Es war ein neblig trüber Dezembertag, als wir, mit zwei Schweizer FruchthƤndlern die einzigen Passagiere, von Lindau aus über den Bodensee hin fuhren.
Der fürstliche Protektor hatte meinem Bruder ein Atelier im Schloà zu Hüfingen herstellen lassen. Und es zeugt gewià von seltener Zuversicht und Tatkraft, daà er die über 10 Fuà hohe Gruppe, von seinem getreuen, Seppele (Jos. Billinger), den er eigens dazu geschult, in Punkten gesetzt, eigenhändig in Stein ausführte. Während diese Arbeit mehr und mehr der Vollendung entgegen ging, zeichnete und malte ich viel nach der Natur im Freien. Und ist auch die kornreiche Hochebene für den gewöhnlichen Touristengeschmack keine eigentlich pittoreske, so ist sie doch nicht ohne idyllischen Reiz, namentlich für den, dem sie von der Heimatluft umweht entgegen tritt. Ein schöner frischer Juni- oder Julimorgen, zugebracht an den umbuschten Wiesenufern der Breg, im Tannenrauschen des Wolfbühls, oder unter den alten Föhren des Hölensteins, war an sich schon eine Studie.
Und darin besteht ja der Wert einer solchen Skizze, daĆ sie uns immer wieder vergegenwƤrtigt, was wir dabei gedacht, gehofft und geliebt und manches Beengende im Verkehr mit der Natur vergessen gaben. Ungleich mehr malerische Einzelheiten boten die nahen Schwarzwaldteile mit ihren Hütten und Hƶfen, MilchhƤuslein und Brunnen, felsigen Schluchten und weltentlegenen Einsamkeiten und billigen was doch auch zur Schƶnheit einer Gegend gehƶrt – billigen Wirtszechen.
Hotels gab es noch keine auf dem Wald. Schwarzwald war zu jener Zeit noch eine unbekannte, sozusagen noch nicht entdeckte Gegend. Es brauchte einer nicht gar weit her zu sein, um zu glauben, es wƤren da oben in den kaum ein paar Wochen des Jahres schneefreien WƤldern und Einƶden hƤufig noch BƤren und Wƶlfe anzutreffen. Der Strom müĆigen Touristenvolkes war noch nicht hier, in die tannenumschlossenen grünen TƤler und auf ihre luftfrischen Hƶhen gelenkt worden. Einen mobilen, skizzierenden und notierenden Kollegen getroffen zu haben, entsinne ich mich nicht, wohl aber einmal einen Gendarmen in einem Dorfe gegen Freiburg hin, der dem Skizzisten strengstens bedeutete, ohne polizeiliche Erlaubnis sei es im Lande niemanden gestattet, ein Haus oder einen Berg abzuzeichnen, und der just des Wegs daher wandelnde Ortsvorstand bestƤtigte es in seiner sabbatlichen Weinfeuchte.
Von Hüfingen aus hatte ich schon einmal die Badische Residenz und den Galeriedirektor Frommel besucht, der mir einen Auftrag gegeben, welcher aber nichts getragen hatte. Als ich jetzt wieder hinkam, wollte er mir nicht raten, in Karlsruhe zu bleiben. Unser Land ist klein und kein günstiges Terrain für Kunst sagte er, und riet mir, um ein Stipendium aus dem Fonds für Künste und Wissenschaften einzukommen und nach München zu gehen; er wolle das Gesuch unterstützen. Also strebte ich wohlgemüt wieder den Ufern der Isar zu, da mir das Stipendium richtig zukam. Es lagerte eine herbstlich angehauchte AtmosphƤre über der Kunstwelt Isar-Athens. Von Cornelius hieĆ es, er beabsichtige die Baierische Metropole zu verlassen. Mit ihm und seinen unvergƤnglichen Schƶpfungen schloĆ die unter dem groĆen MƤcenĀ Kƶnig Ludwig erblühte Kunstperiode ab, Es war ein Uebergang, aber kein tatsƤchlich ermutigender. Die neue Aera sollte ja erst spƤter, aber nicht von Innen, von Paris und Belgien herkommen; statt des bisherigen Idealismus ā Naturalismus bis zum nüchternsten Modellismus.
Ungeachtet dessen muĆ zugegeben werden, daĆ die frühere Zeit für die jüngere Generation nicht immer fƶrderlich gewesen ist. Die von Kƶnig Ludwig ins Leben gerufene deutsche Kunst war vorzugsweise eine monumentale, oder doch wenigstens dahin gerichtete. Aber wie viele, die Beruf und Neigung hiezu nicht in sich fühlten, oder wenn es der Fall gewesen, keine Aussicht hatten, Ƥhnliche AuftrƤge zu erhalten, muĆten auf halbem Wege stehen, d. h. zurückbleiben. Wie in Frankfurt war auch an der Akademie in München zur Ausbildung in Genremalerei keine Gelegenheit geboten. Beim akademischen Studium wurde zu viel Gewicht aufs Komponieren und (Karton-) Zeichnen gelegt und zu wenig aufs Malen und die koloristische Wirkung Bedacht genommen ā daher verhƤltnismƤĆig wenige ein Staffeleibild malen lernten. Im übrigen war es noch ganz das alte, gemütliche München, der schwarze Adler der erste Gasthof mit einem Comfort, wie er heute kaum einem Gasthof dritten Ranges genügen würde. Das erste Cafe war das Dillmetz’sche, ein gutes auch das Melcher’sche und ein kleineres, aber nicht minder beliebtes, das von Fink, einem gebürtigen Donaueschinger, unweit der Frauenkirche. Wollte einer wiedermal mit einem Trunke süĆer Bacchusgabe sich gütlich tun, so lenkte er seine Schritte dem von Künstlern vielbesuchten -Englischen Kaffeehaus zu; und sonntags früh konnte es vorkommen, daĆ man in Gesellschaft eines Freundes dem Englischen Garten zusteuerte, um bei einer Tasse Mokka, oder gar schon bei einer schƤumenden Halben der dienenden Menschheit, Kellnern und Kellnerinnen, Ladendienern und Dienerinnen zuzuschauen, die auf offenem Podium zu den Rhythmen eines StrauĆ’schen oder Lanner’schen im Tanze sich wiegten. Abends aber saĆ man behƤglich in der „SchieĆstatt“ beim MaĆkrügel, ohne zu ahnen, wie bald sie vom Schienenstrang und seinem Bahnhof erfaĆt und weggefegt werden sollte.
Es bestandĀ dort ein zwangloser Künstlerstammtisch, an welchem ich, an Schaller mich anschlieĆend, die rühmlichst bekannten Kupferstecher Merz, Thaeter, Gonzenbach, Hofmann und Schütz und die Maler Albert Zimmermann und Bruckmann kennen lernte. Zimmermann, der mir zuweilen von seinen Landschaftsstudien zum Kopieren gab, malte damals seine Jahreszeiten auf Kreidegrund, jede in Form und Farbe ein der Natur abgelauschtes Gedicht mit Staffagen aus der altgriechischen Welt. Aehnlich Treffliches glaubte ich in Rottmanns, von ebenso echtem Naturgefühl wie virtuoser Technik zeugenden Freiken unter den Arkaden zu finden.
Den Mittagstisch im Stachus besuchten ebenfalls Künstler, die ā meine Wenigkeit ausgenommen ā sich bereits einen Namen gemacht: Schaller, Chr. Morgenstern, D. Fohr, Koch, Mitarbeiter Schraudolphs in der Pasilika, Mende, Architekt Kayser aus Frankfurt und mehrere DƤnen; als Passanten der von einer Studienreise aus Tyrol zurückkehrende Landschafter Schirmer und die Dichter Klemens Brentano und Andersen, der vielgepriesene MƤrchenerzƤhler. Ersterer kam in Begleitung eines jungen Mannes, mit dem er sich, offenbar nicht im rosenfarbigsten Humor über die Münchner Kunst und ihren kƶniglichen Protektor unterhielt. Andersen war gekommen, seine Landsleute zu besuchen.
Auch Emil Rehmann lernte ich da kennen, den Neffen und Nachfolger des fürstlich Fürstenbergischen Leibarztes Wilh. Rehmann, und diesem in allem so Ƥhnlich, in vielseitig wissenschaftlichem Streben, wie in edler Selbstlosigkeit, die ihn nicht dazu gelangen lieĆ, sichĀ SchƤtze anzuhƤufen. Er war auf einer Ausbildungs-Reise begriffen. Der bestgelaunteste der Tafelrunde war allezeit Morgenstern, der, wie er mit so vielem Humor zu erzƤhlen wuĆte, einstmals in seiner Vaterstadt Hamburg beinahe keine Wohnung gefunden hƤtte, weil ihm kein Eigentümer habe gestatten wollen, in einem der Zimmer die groĆen FenstervorhƤnge zu beseitigen. Es konnte aber einem Musensohne Ƥhnliches auch an der Isar passieren, z. B. in der LerchenstraĆe, wohin ich eines Tages ging, ein ausgeschriebenes Zimmer in Augenschein zu nehmen, Eigentum eines altbürgerlichen EhepƤrleins. Sie schloĆ auf, und er kam in Schlafrock und Pantoffeln aus dem Nebenzimmer gewatschelt. Beide konnten das Zimmer mit seinen Bequemlichkeiten nicht genug anpreisen. Nun es gefiel mir, und da der Preis ein mƤĆiger, sagte ich zu, nƤchster Tage schon einziehen zu wollen. ās is recht, bester Herr, schmunzelte der behƤbige Herbergsvater, kam es nu. Sie wern mit allem zfrieden sein. ā Das Licht ist gut, da am Fenster werde ich meine Staffelei hinstellen Staffel ā ja, san’s denn e Molerz, stƶtterte er entsetzt heraus. Und āe Moler?- wiederholte sein Ehgespons in gleicher Tonart. ā Versteht sichā āNa, do is es nir ā das hƤttens uns glai sagen sollen. āJesses na, do is es nir! ka Red dervol- fiel sie hitzig ein. Und als ich lachend ging, mit der Drohung, meine Sachen dennoch herbringen zu lassen, sie hƤtten mir ja’s Wort gegeben, schlossen und riegelten sie die Thüre vorsichtig hinter mir zu.
Mit Schütz war ich nƤher bekannt geworden. Er stach zur Zeit die Odyssee von Genelli, den er nebst Cornelius und Schwind vor allen hoch auf den Leuchter stellte. So wie Genelli in seiner Kunstrichtung dem verƤnderlichen Zeitgeschmacke nicht das geringste ZugestƤndnis machte, so waren auch die pekuniƤren VerhƤltnisse des genialen Mannes stets ƤuĆerst knappe, so daĆ es seiner Frau nicht selten am nƶtigsten Kleingeld gemangelt haben soll, den Wochenmarkt zu beschicken. „Was nützt das viele Schaffen“ schrieb er einmal seinem Freunde Schwind nach Karlsruhe, „es kauft’s ja doch niemand, muĆ ich immer nebenher denken.Ā „
Auch Schütz würde sich bei einer minder strengen idealistischen Richtung besser gestellt, dafür aber bei seiner Bedürfnislosigkeit weniger innerliche Befriedigung gefunden haben. Er besuchte mich oft; und jedesmal freute ich mich, ihn in seinem grauen Flaus und vormƤrzlichen Cylinder die StraĆe daherkommen zu sehen. „Schwerenot!“ wunderte er sich einmal beim Eintreten ā ich hatte just die Schublade meiner Kommode aufgezogen, etwas herauszunehmen ā „was du einen Vorrat an Hemden hast!“. Es mochten etwa ein Dutzend gewesen sein, die mir die Mutter von ihrem selbstgesponnenen Linnen zurechtgemacht und mitgegeben hatte.
Gesellschaften, wo viel disputiert und peroriert wurde, liebte Schütz nicht. „Zum Henker“ sagte er, „kann man denn nicht beisammen sitzen und nur denken? Soll man sich immer an- und beschwatzen lassen?„
Ein Original Ƥhnlich denkender Art war der der Ƥltern Künstlergeneration angehƶrige rühmlichst bekannte Miniaturmaler Thugut Heinrich, dessen Bekanntschaft ich bei seinem Landsmann Schaller gemacht hatte. Man konnte mit ihm ein ganzes Stadtviertel durchwandern, ohne mehr als „ja“ oder „nein“ und „das versteht sich“ aus ihm herauszubringen. Als er einst beauftragt war, die Kƶnigin Therese en miniature zu malen, und die hohe Frau wƤhrend der Sitzung, ihrer Gewohnheit gemƤĆ, bestƤndig mit Bonbons sich zu schaffen machte, platzte Heinrich endlich ungeduldig heraus: „Wenn MajestƤt immer essen, kann ich Sie ja nicht malen“ Bei der nƤchsten Sitzung sagte die Kƶnigin dann zu ihrer Hofdame: „Heute dürfen wir aber nicht essen, Herr Heinrich erlaubt es nicht„ā
Obgleich er der Maler der hohen und hƶchsten Aristokratie war, hatte er doch wenig oder nichts von einem Hofmann an sich. „Dem Adelsstolz“ pflegte er zu sagen, „setze ich den Künstlerstolz entgegen“.
Mit JƤger, GieĆmann und StrƤhuber, die unter Schnorrs Leitung dessen Nibelungen in der Residenz ausführten, bekannt geworden, beteiligte ich mich regelmƤĆig an ihren kegelabenden in einem Privatgarten. Der Meister selbst, auch Schaller und Marggraf, SekretƤr der Akademie, kamen hin; und in ihrer Gesellschaft (Schnorr und Schaller ausgenommen) machte ich einen Ausflug mit nach Oberammergau, dem Passionsspiele beizuwohnen. Der Zulauf von Nah und Fern war damals schon so groĆ, daĆ wir unterwegs mit Nachtquartieren in PrivathƤusern, einmal auch mit einem gemeinsamen, in einem lƤndlichen Tanzsaal aufgeschichteten Nachtlager vorlieb nehmen muĆten. Die Aufführung selbst, mit ihrer einfachen Bretterbühne, machte mir in ihren Hauptmomenten den Eindruck der erhabensten Tragƶdie.
Auf dem Heimwege halten sich Kaulbach und Halbreiter der Wandertruppe angeschlossen. Es war ein wunderbar verklärter Abend, als wir von Gesang und Zitherspiel begleitet, über den Starnbergersee hinfuhren. Gleich bei meiner Ankunft in München hatte ich mich Schnorr, dem interimistischen Leiter der Akademie, vorgestellt und teilte dann mit Schabet, mir von Frohsinnszeiten her schon befreundet, ein Zimmer im Seitenbau der Akademie.
Früher unter Cornelius in der Ludwigskirche beschƤftigt, malte Schabet jetzt Kirchenbilder für Landgemeinden, die laut kƶniglicher Verordnung alle an der Akademie gefertigt werden sollten. Ich hatte von Haus einen Cyklus von Entwürfen mitgebracht, die eine strenge akademische Stilisierung und Ausführung nicht erfordert hƤtten: Beim Corettobruder; Am Marktbrunnen; Im Klostergarten; Eine heimatliche Sage; Volkslied ec. ā kam aber nicht dazu, einen derselben auf die Leinwand zu bringen. Und so nahm ich einen hl. Christophorus in Angriff, der jedoch ā trotz seiner KƶrperstƤrke ā dem Sturm der Zeit nicht standgehalten hat. Auf Zuspruch meiner Freunde war ich dem Kunstverein beigetreten. Es handelte sich just darum, bei den Vorstandswahlen dem überwiegenden EinfluĆ der Künstlergesellschaft „Stubenvoll“ entgegen zu treten.
Heinemann, der, auf eigene Kraft angewiesen, von Karlsruhe nach München gekommen und bei Hohe sogleich BeschƤftigung gefunden, sagte mir, es habe sich ein jüngerer Maler bei diesem beklagt, daĆ er mit seinen Arbeiten bisher so wenig Beachtung beim Kunstverein gefunden, worauf Hohe erwidert habe: Werden Sie Mitglied des Stubenvoll, auĆerdem dürfen Sie nieĀ auf Berücksichtigung rechnen.
Selbstbildnis von Johann Nepomuk Heinemann von 1840
Die Wahlen fielen aber nicht nach Wunsch der Opposition aus. Als ich eines Tages im Kunstvereinslokal vor einem raufende Hunde vorstellenden Bilde stand, hƶrte ich dicht hinter mir eine Stimme: Wyttenbach ā so hieĆ der Maler ā āder groĆe Hundsfreund“. Ich schaute mich um ā und erkannte den Kƶnig. Rasch wollte ich auf die Seite treten, er aber bedeutete mir, zu bleiben. „Kunstschüler ā woher“ fragte er. Aus dem GroĆherzogtum Baden. āāDa geht’s jetzt auch vorwƤrts mit der Kunst“ sagte er, āHübsch ist ein tüchtiger Architekt“. Und in der That es ging vorwƤrts auf vaterlƤndischem Boden. Schwind hatte den Auftrag erhalten, das Stiegenhaus des „Akademiebaues“ (Kunsthalle) in Karlsruhe mit Fresken zu schmücken. Gleichzeitig war auch mein Bruder nach Karlsruhe gerufen worden, um sich verschiedener, ihm vom GroĆherzog zugedƤchter monumentaler Aufgaben wegen mit Hübsch zu besprechen.
Er hatte den Weg über Freiburg genommen, wo er mit Schwind, der Einsicht vom Münster genommen, zusammen treffen wollte; auch ich hatte mich ihm angeschlossen. Schwind beabsichtigte seinen groĆen Karton, die Einweihung des Freiburger Münsters, in Wien zu zeichnen. Die Strecke Freiburg Konstanz wollte er zu FuĆ zurücklegen, und ich sollte ihn begleiten. Und so wanderten wir unter wolkenlosestem, aber auch heiĆestem Julihimmel mit leichtem GepƤck dem Schwarzwald zu. Doch schon in Ebnet, wo wir Mittag gemacht, hielten wir in der Scheuer des Wirtshauses Siesta ā Schwind füà schlummernd im abgesetzten Kasten einer alten Landkutsche ā ich nebenan auf einem Hausen grünen Klees überlegend, wie ich ihn wohlbehalten hinauf über die Steig bringen würde. Er hatte sich das Hƶllental ā den Hirschsprung mit seinem keck auf die StraĆe herabschauenden, raubritterlichen Falkenstein, ausgenommen wilder, grotesker vorgestellt. Weiterhin im Tal erblickten wir dann eines jener Bilder, die in ihrer Einfachheit und elegischen Lieblichkeit Sinn und Gemüt weit mehr ansprechen und fesseln als manche noch so hoch gepriesene Sehenswürdigkeit.
Vor einer Ƥrmlichen Hütte, am Wege stand eine alte FrauĀ mit einem nackten in ein Stück grober Sackleinwand gewickelten wunderhübschen Kindlein auf dem Arm. Vom vollen Sonnenlicht getroffen, war’s ein Anblick von überraschendster Wirkung. Schwind trat nƤher, und das Kind streckte lƤchelnd die Aermchen nach ihm aus. Er nahm’s auf den Arm. Das isch en arms Kindli, sagte die Frau. āIch han’s numme us Barmherzigkeit zue mer gnomme. Sini Eltere sind doben uf em Berg im Feld. Kürzli hen sie’s Unglück gha, um ihri einzigi GaiĆ zkumme. Und jetz hƤt des arm Weseli halt kei Milch meh Das arme Weselein!“ „HƤtt gute Lust“, sagte Schwind, „i traget’s bis nach Wien nunter!“ ā Dann trat er ein wenig auf die Seite, um mir zu sagen, er wolle der Frau so viel einhƤndigen, daĆ die Leute wieder eine GeiĆ kaufen kƶnnten. Ich erbot mich, ebenfalls einen Beitrag hierzu zu leisten, meinte jedoch, es mƶchte die Frage sein, ob die Frau nicht versucht werden kƶnnte, das Geld für sich zu behalten. Sicherer wƤre es, wir machten uns frühmorgens von unserm beabsichtigten Nachtquartier im Sternen auf, wieder hieher, um das Geld den Eltern selbst zu geben. Es leuchtete ihm ein; und wir schieden. Als wir ausgeruhte Pilger aber des andern Tages im Sternen erwachten, strahlte die Sonne bereits hoch über alle Berge; und wir hƤtten den Weg hin und her nicht zurücklegen kƶnnen, ohne zwischen hier und Hüfingen noch einmal zu nƤchtigen. Noch auf der Steig schaute Schwind mehrmals zurück, sich Ƥrgernd, daĆ der Mensch doch so selten dazu komme, das Richtige und Rechte zu tun! Und auch mich wurmte es, durch meine Bedenken ā falls die Frau ehrlich war ā eine gute Tat verhindert zu haben.
Schwind halte im Schwarzwald Schatten erwartet. Nun begleitete uns aber die Sonne mit einer Sorgfalt, die selbst dem ausgedƶrrtesten Touristen von Profession SchweiĆ ausgepreĆt haben würde. Von der staubigen LandstraĆe ablenkend, schlugen wir von Neustadt aus, die Wasserscheide von Rhein und Donau überschreitend, den Weg ins grüne Tal von Eisenbach und der Breg ein ā hinaus nach Hüfingen, das Schwind mit den dreiĀ laufenden Brunnen in der HauptstraĆe -Kleinaugsburg nannte. Da auch von hier aus nur wenig Schatten zu erwarten, lieĆ uns der Vater seine zwei GƤule einspannen und bis Engen kutschieren.
Von da gemƤchlich den Hegau durchwandernd, gelangten wir bei guter Tageszeit noch nach Singen, wo wir den Hohentwiel bestiegen und das in purpurnem Lichte des Abends sich vor uns ƶffnende LandschaftsgemƤlde bewunderten. Nachdem wir des andern Tages im Steinbock zu Konstanz noch eine Flasche Seezwƶlfer geleert, trennten wir uns am Hafen, wo der Dampfer bereits zur Abfahrt rüstete ā auf Wiedersehen, nƤchstes Jahr in Karlsruhe.
Bevor Schwind dann nach Karlsruhe zurück ging, hatte er sich einige Zeit in München aufgehalten, wohin auch mein Bruder kam, der vom GroĆherzog Leopold den Auftrag erhalten, die Giebelgruppe für die Trinkhalle in Baden auszuführen, wozu er das Modell in kleinerm MaĆstab in München fertigen wollte. Auch Schwind hatte bei seinem vorjƤhrigen Besuche in Karlsruhe eine flüchtige Skizze dazu entworfen. Schwanthaler, der beide Entwürfe sah, gab dem meines Bruders entschieden den Vorzug, indem er sagte, der Bildhauer dürfe sich nie nach der Skizze eines Malers richten. Nach Erledigung seines Auftrages begab sich Xaver nach Rom und Schwind nach Karlsruhe, um seine Fresken in Angriff zu nehmen.
Gegen das Frühjahr hin schrieb er mir, es gebe im Akademiebau viel zu tun, ich solle mich reisefertig machen. Auch mein Bruder werde kommen, und wir kƶnnten dann ein lustiges Leben zusammen führen. Die Badische Künstlergenossenschaft, die Professor Koopmann im Stiegenhaus des Akademiebaues raphaelisch in Form der Schule von Athen als Fresko hatte verewigen wollen, war noch keine sehr zahlreiche. Ohne eine dienstliche Stellung inne zu haben waren es nur Helmsdorf, Aug. von Bayer und der alte Nehrlich, der in der Galerie kopierte und nebenher philosophierte. Andere, wie Kirner und Grund, hatten versucht, sich festzusetzen, aber nicht lange ausgehalten. Das Kunstinteresse war fast ausschlieĆlich auf den Kunstverein beschrƤnkt, dem Frommel und Münzrat KachelĀ vorstanden.
AuftrƤge, wie die Fresken in der Bulacher Kirche von Dietrich, wurden als eine Seltenheit angesehen und besprochen. GroĆstadtluft wehte noch keine in der Residenz, dafür aber mehr erquickliche Hardtwaldlust. Hotels, luxuriƶs eingerichtete Restaurants und Ƥhnliche Etablishements architektonisch überschmenglichen Stils suchte man vergeblich zwischen Durlach und Mühlburg. Das einzige Cafe war das familiƤre Kappler’sche in der LammstraĆe mit einem Zimmer ebner Erde, in welchem die beiden Tƶchter des Besitzers dem Gast und Hausfreund jederzeit ein TƤĆchen Mokka in Bereitschaft hielten. SpƤter wurde das etwas komfortablere DƤschner’sche erƶffnet.
In Karlsruhe hatte ich mich bei der Familie Lorenz in der Bierbrauerei zum Pfau einquartiert, wohin dann auch Lukas Engesser, der mit der Leitung des Akademiebaues betraut war, zog. Unten im Nebenzimmer der Wirtschaft hatte sich ein Kreis gebildet, als dessen PrƤjes Prof. Guido Schreiber gelten konnte. Und wo Schreiber war, da herrschte Leben. Doch ā mochte der Becher auch zuweilen überschƤumen, die Unterhaltung gleich einem Pfauenrad in allen Farben spielen ā nie kam es zum ƶden, handwerksmƤĆigen Kneipen. Schreiber, der Mann der exakten Wissenschaft, war von seltener Vielseitigkeit, wovon, nebst seinen Fachschriften, der Badische Wehrstand, die Malerische Perspektive, die Farbenlehre, sein Technisches Zeichnen, und besonders auch seine früheren Zeichnungen nach der Natur Zeugnis geben.
Zu gleicher Zeit machte ich die persƶnliche Bekanntschaft Joseph Baders, den ich lƤngst schon aus seiner „Badenia“ und andern Schriften kannte, durch welche er sich das unlƤugbare Verdienst erworben, Sinn und Interesse für vaterlƤndische Geschichte und Geschichten in den breitesten Kreisen angeregt und geweckt zu haben. Und dies erachtete er ja als seine eigentliche Lebensaufgabe. Ein Gelehrter ex professo wollte er nicht sein. Als ich einst sagte, unter den Griechischen und Rƶmischen Klassikern (die ich verdeutscht in der bekannten Stuttgarter Ausgabe besaĆ) finde sich doch manch Unbedeutendes, lachte er und meinte: „Wenn’s nicht Griechisch oder Lateinisch wƤre, würden unsre Gelehrten vieles gar nicht lesen“.Ā
Badenia 1839 von Dr. Josef Bader
Im „innern Zirkel“ des Pfauen wurde gegen das Frühjahr hin der Plan zum feierlichen Empfange des Prinzen Karneval entworfen, wobei die Zopfmiliz, deren Hauptquartier im Gasthof zum Kreuz sich befand, paradieren sollte. Das Programm, von Lorenz kalligraphisch ausgeführt und illustriert, wurde sogleich hƶhern Orts zur Kenntnisnahme gebracht, ein Duplikat auch ins Palais am katholischen Kirchenplatz des Fürsten zu Fürstenberg befƶrdert. Die Sitzungen im groĆen Saal des Bürger-Vereins waren glƤnzend und von Angehƶrigen verschiedener StƤnde besucht. Selbst Mitglieder der gleichzeitig tagenden II. Kammer, an welche eine offizielle Einladung ergangen, besassen Humor genug, in der Kappe einer Sitzung beizuwohnen.
Als Ehrengast erschien einmal auch Kapellmeister Kalliwoda. Bald nachher traf bei der Redaktion des „vielgeprüften Narrenspiegels ein Lied ein“ Von einem nƤrrischen ZweispƤnner an der Donauquelle, das den „Schabernack“ der Censur humoristisch parodierte.
Es war bei der 25jƤhrigen Gründungsfeier des Badischen Kunstvereins im Saale des Museums, wo Altvater Lewald, der mit seiner Europa nach der Hardtstadt übergesiedelt, mich mit einem kleinen, klug blickenden Manne im schwarzen Frack bekannt machte, dessen erste Frage lautete: „Haben Sie meine SchwarzwƤlder Dorfgeschichten schon gelesen?“ ā Nein, aber viel rühmliches davon gehƶrt. ā āDie müssen Sie lesen.“
Europa, Chronik einer gebildeten Welt. Von August Lewald 1836
Nachher sagte Auerbach mir, er beabsichtige das Buch illustriert herauszugeben, wozu Lewald mich bestens empfohlen habe. Es wurde dann mehrmals darüber verhandelt, ohne daĆ es dazu gekommen wƤre. SpƤter zeichnete ich auf seinen Wunsch die Illustration zu seinem „Hebelschoppen“ in der Gartenlaube.
War es auch nicht gerade ein ālustiges, so war es doch ein reges produktives Leben, das sich hinter der Bretterverschalung des neuerstehenden Kunsttempels ā von Pflastertretern Steinhaufen genannt ā aufgetan. Wie in den obern RƤumen gezeichnet und gemalt, so wurde in den untern modelliert und gemeiĆelt, denn auch Xaver hatte sich nach einjƤhrigem Verweilen in der ewigen Stadt eingefunden, um zunƤchst seine Statuen, Bildhauerei und Malerei für die Altane des Portals in Marmor auszuführen. Einen Punkteur hatte er von München kommen lassen, auch einen SteinmeĆ fürs Ornamentale. Es war eine kleine Kolonie, zu welcher Geck und, wie bereits erwƤhnt, auch Lukas Engesser, des Meisters Hübsch bevorzugter Bauführer, gehƶrten. Nach Auerbachs Weggang hatte Herm. Kurz die Redaktion des von der Müllerschen Hofbuchhandlung verlegten Familienbuches übernommen.
Zu seinen AufsƤtzen in demselben zeichnete ich Illustrationen, die Heinemann mit der Feder auf Stein übertrug. Mit Gemüt und poetischer Gestaltungsgabe verband kurz echten Humor, das so seltene Gewürz im deutschen Dichtergarten; wir waren oft mit ihm zusammen. Ich bin fest überzeugt sagte eines Abends Xaver, als wir politisierend bei einem Glase Bier sassen, daĆ ElsaĆ-Lothringen dereinst wieder zu Deutschland kommen wird.ā „Ja, stimmte Kurz bei, der Zeiger an der Uhr geht zwar langsam, aber sicher wird’s einmal auch zum Schlagen kommen“.
Unsere mehrjƤhrige TƤtigkeit in der Kunsthalle war beendet. Wiederholt hatte der GroĆherzog sie in Betracht genommen und seine Befriedigung ausgesprochen. Da weitere BeschƤftigung nicht in Aussicht, hatten die Kolonisten ihre Zelte abgebrochen und sich nach allen Richtungen hin entfernt. Schwind hatte vor seinem Weggange noch ein Oelbild zu malen begonnen ā seinen āRhein“ wobei er, wie er mir sagte, zeigen wollte, daĆ er imstande sei, ein groĆes Oelbild zu malen aber nicht wie so viele neuester Schule, die den menschlichen Kƶrper behandelten , wie einen Baumstamm, lediglich nur zum Auffangen von Schatten, Lichtern und Reflexen. Meinen Bruder allein hielten kurze Zeit noch AuftrƤge von Münzrat Kachel und Baurat Fischer zurück. Ich aber nahm den Kurs wieder dem Quellengebiete der Donau zu, ebenso auch Heinemann.
In München, wo er bei Hohe BlƤtter für HanfstƤnglsĀ Dresdener Galerie in Kreidemanier auf Stein zeichnete, hatte er von diesem den Antrag erhalten, unter vorteilhaften Bedingungen bei ihm in Dresden einzutreten, was Heinemann, der baldmƶglichst selbstƤndig werden wollte, ablehnte. Nun halte er sich in Hüfingen haushƤblich niedergelassen und ein GeschƤft erƶffnet. (Er heiratete am 31.01.1854 Elisabeth Reich, die Schwester von Lucian). Schon einmal hatte ich, von Kurz veranlaĆt, zu einem Genrebild aus der Baar den Text geschrieben und dieses Verfahren wollte ich jetzt wieder einschlagen. Die Skizzen und Notizen, die ich früher bei meinen Streifzügen durch die Baar und den Schwarzwald gesammelt, wollte ich, vervollstƤndigt durch schriftliche BeitrƤge von der Hand des Vaters, zu einem Gesamtbilde vereinigen und mit Hilfe Heinemanns in Buchform herausgeben. Aber ein Verleger, der mit einem VorschuĆ die Herausgabe ermƶglicht hƤtte? ā
Ich wendete mich an den fürstlichen Hofmarschall Baron von Pfaffenhofen, durch den ich kurz vorher veranlaĆt worden war, von Karlsruhe aus eine Reise nach Heiligenberg zu machen und Skizzen zu einer dort geplanten Restaurierung zu entwerfen, die indes nicht zur Ausführung kam, und nun meinte Pfaffenhofen, der Fürst werde mir ,als Aequivalent für Heiligenberg gerne mit einem VorschuĆ zu dem vaterlƤndischen Unternehmen unter die Arme greifen.
Ich hatte Skizzen zu den Bildern vorgelegt und auch über den beabsichtigten Text mich ausgesprochen, und der allen Bestrebungen in Kunst und Wissenschaft fƶrderlichst entgegen kommende Herr sprach sich anerkennend darüber aus. In unsrer nivellierenden, alles zersetzenden Zeit, sagte er wƤre es doppelt verdienstlich, dem Volke das āGute und Schƶne“ was es noch besitze und eigen nenne, wirksam vor Augen zu stellen, wozu auch die alten Landestrachten zu rechnen seien.
In meiner Gegenwart gab mir der erlauchte Herr sodann, als āLandgraf in der Baar“ seine Zusage schriftlich. Meinem Bruder war indessen das SchloĆatelier wie früher zur Verfügung gestellt worden, in welchem sich wieder eine vielseitige TƤtigkeit enthaltete; denn es war nicht nur eine Bildhauer, auch eine Büchsenmacherwerkstatt war es, in welcher geschƤfftet, pistoniert und einmal auch ein neuer GuĆstahllauf mit Zügen versehen wurde.
Wie in Karlsruhe, wo wir der Schützengesellschaft beigetreten waren, beteiligten wir uns als aktive Mitglieder auch bei den hiesigen GesellschaftsschieĆen. Viele Jahre hindurch versah Xaver dabei das Amt des Schützenmeisters, und es verdient registriert zu werden, daĆ er und Heinemann vor etlich und zwanzig Jahren zur Ueberzeugung gelangten, ein kleineres als das bisherige Kaliber habe nicht nur grƶĆere Rasanz, sondern auch grƶĆere TrefffƤhigkeit; und demgemäà beschafften sie sich Standrohre mit einem dem jetzigen beim MilitƤr eingeführten Kaliber nahezu gleich kommenden. ā
Die ƤuĆerst zweckmƤĆige SchieĆhalle verdankt die stets noch bestehende Gesellschaft der Munifizenz des letztverstorbenen Fürsten Karl Egon; früher Kegelhaus im hiesigen SchloĆgarten überlieĆ sie der erlauchte Herr auf Verwenden meines Bruders der Gesellschaft und wohnte dann als hochgefeierter Gastschütze der Einweihung selbst bei.
Wir, Heinemann und ich, waren noch mit Vorbereitungen, Tondruckproben rc. zu unserm Bildwerke beschƤftigt, als das politische Dunst- und Wettergewƶlk des Jahres achtundvierzig bebrƶhlich am Horizont aufstieg. Und als es dann losging, die Sturmglocken und die Feuertrommeln ertƶnten und die Aufgebote mit SchieĆeisen, SpieĆen und Sensen in gleichem Schritt und Tritt durchs StƤdtlein marschierten hinüber zum Volksrate der bekannten Zehntausend auf dem Donaueschinger Marsfeld, vulgo RübƤcker, da hƤtte es ganz andere Bilder zu zeichnen gegeben, als die, welche wir unserm Werklein beigeben wollten, da hƤtte ich die schƶnsten Studien machen kƶnnen zu dem Fries aus dem Bauernkrieg, den ich gezeichnet, und wozu Freund kurz ein markiges Gedicht geschrieben hatte.
Uhrenschild von Lucian Reich
Nachdem der Sturm sich gelegt, und man in Ruhe sich wieder den Künsten des Friedens zuwenden konnte, hatten wir, ehe wir unser angefangenes Werk fortsetzten, MusterblƤtter für SchwarzwƤlder Uhrenschildmaler herauszugeben begonnen, wozu auch Joseph Heinemann und Heinrich Frank BeitrƤge gaben. Als ich das erste Heft dem fürstlichen Protektor unterbreitete, sagte er, im Glauben, als wƤren wir mit unserm heimatlichen Hieronymuswerk auf unwegsamen Boden geraten: „Nun, ich lasse Ihnen dasĀ Geld auch zur Forderung dieses Unternehmens.“ Ich gab ihm jedoch das Wort, beide würden zu erwünschtem Ende geführt werden.
Josef Heinemann (1825 ā 1901) Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Johann Nepomuk Heinemann.
Im Jahr 52 hatte mich der Bau eines andern Kunsttempels wieder in die Residenz geführt, das Hoftheater, an und in welchem es Verschiedenes zu malen gab, wozu auch Joseph Heinemann und Gleichauf berufen wurden und auch mein Bruder mit seinen Terrakotten sich beteiligen sollte. ā Neben diesen Arbeiten her besorgte ich die Korrekturen des Textes zu unserm Werklein. Obgleich das Buch, von GeĆner in Kommissionsverlag genommen, binnen kurzem vergriffen, war das finanzielle Ergebnis weder für den Autor noch den Lithographen ein besonders ermutigendes.
Ziegelhütte und Terrakottenbrennerei Reich. Sie stand da, wo heute der Kofenweiher ist.
Nachdem ich mehrere Jahre später den mir vom verewigten Fürsten gewährten Vorschuà in, von der fürstlichen Domänenkanzlei festgesetzten Fristen zurückerstattet hatte, wollte sich in der Rechnung beinahe ein merkliches Defizit herausstellen.
Zu den bedeutendsten AuftrƤgen, die mein Bruder von Fürst Karl Egon III. erhalten hat, gehƶrte die Aufgabe, bei der Neueinfassung der Donauquelle im SchloĆhofe auch diese mit einer Figur oder Gruppe zu charakterisieren. Statt wieder eine Nymphe, sagte mir Xaver, wolle er die junge Donau als Kind im SchooĆe der Baar in Vorschlag bringen. Dem Fürsten gefiel dieser die Heimat des Stromes so klar bezeichnende Gedanke; und der Beauftragte modellierte das Modell zu der Gruppe dann in München im Verkehr mit den Freunden Schwind und Schaller und auch mit Professor Widenmann.
Die junge Donau als Kind im SchoĆ der Mutter Baar von Xaver Reich aus 1875
Daà dem so mannigfach Beschäftigten, von dem Cornelius seiner Zeit gesagt, er zeige entschieden Begabung für monumentale Aufgaben, stets auch noch Hand und Sinn fürs Bildnisfach zu Gebote stehe, bewies er an der Porträtstatue des verewigten Fürsten am Portal des Schlosses Heiligenberg und an der Büste des Fürsten von Hohenzollern Sigmaringen, sowie an der seines Schwagers Ludwig Kirsner an dessen Denkmal in Donaueschingen.
Ich hatte gezƶgert, die mir (1855) vom GroĆh. Oberstudienrat angetragene Zeichenlehrerstelle am Lyceum zu Rastatt (um die ich mich in der sterilen Zeit unmittelbar nach 49 beworben) anzunehmen. Die Bundesfestung, in welcher ich (1850) einer standgerichtlichen Verhandlung als Entlastungszeuge angewohnt, wuĆte ich, stehe nichts weniger als im Rufe grƶĆer gesellschaftlicher Annehmlichkeiten und geistiger Regsamkeit. Zudem waren die Aussichten lichtere, vom Prinzregent Friedrich war mir eben erst der ehrende Auftrag geworden, die Mainau und den Badischen Bodensee zu beschreiben und zu illustrieren. Doch etwas Gewisses, muĆte ich mir sagen, wƤre auch in Anschlag zu bringen, also nahm ich an. Gegen ein mƤĆiges Entgelt war mir ein Zimmer im Mittelbau des Schlosses eingerƤumt worden, in welchem ich grƶĆere, meist kirchliche Bilder malte. Doch vertrieben mich die Kriegsstürme immer wieder aus dem ruhigen, an so manche Sieges und Ruhmestat ā aber auch an die VergƤnglichkeit aller irdischen Macht und Herrlichkeit mahnenden Asyl.
Auf beschränktere Räumlichkeiten angewiesen, malte ich Landschaftliches, Genre und erlegtes Wild, dieses zum Teil für die Badener Neunklubverlosung, und auch für den human gesinnten Kunst- und Altertumsfreund Grafen Zeppelin-Aschhausen, der mich in antiquarisch-artistischen Angelegenheiten von Baden aus öfter besuchte.
LƤnger als ein Jahrzehnt stand ich mit Dr. Krƶnlein in Verbindung, der mich eingeladen hatte, für den āuntern Stock“ der Karlsruher Zeitung feuilletonistische BeitrƤge zu liefern. Nicht selten war ich bei gesellschaftlichen AnlƤssen als Arrangeur und Regisseur in Anspruch genommen, auch schrieb ich ein und anderes dafür. Für mich selbst verfaĆte ich etwelche Stücke, über welche mir ein Fachmann und Autor, den ich um sein Urteil gebeten hatte, schrieb, sie hƤtten etwas Apartes, wƤren nicht nach der Schablone, sondern nach der Natur gearbeitet, und es mƶchte jeder, dessen Urteil kein korrumpiertes, fühlen und wünschen, sie auf die Bretter gebracht zu sehen. Um dieses erreichen zu kƶnnen, müĆten die Stücke jedoch gedruckt an mehrere Bühnen zugleich versendet werden kƶnnen ā eine Ausgabe, welche mein Finanzministerium mir nicht gestatten wollte.
Aus der beschrƤnkten von der Murg bespülten SphƤre herausĀ hatten mich in früheren Jahren stets auch wieder auf verschiedene Veranlassungen unternommene, grƶĆere Ausflüge geführt nach Nürnberg, Kƶln-Düsseldorf und wiederholt nach Frankfurt. Im Jahr 68 feierte der CƤcilienverein sein 50 jƤhriges JubilƤum, wozu ich vom Festkomitee eine Einladung erhalten hatte. Der wahrhaft würdigen Feier wohnten, nebst einer groĆen Anzahl musikalischer Persƶnlichkeiten ersten Ranges von nah und ferne, noch drei Mitglieder an, die vor 50 Jahren beim ersten Vereinskonzert in der Wohnung des Gründers mitgewirkt hatten. Das groĆartige JubilƤumstonzert mit den weihevollen KlƤngen und Chƶren der hohen A-moll Messe von Sebastian Bach (der Geigerkƶnig Joachim an der Spitze), das der vormittƤgigen akademischen Feier im Saalbau folgte, rief mir Erinnerungen wach an die Konzerte im „Weidenbuschsaalā und was mit ihnen an Mühen, Sorgen und Opfern zusammenhing. ā
Der zweite Teil der Feier des folgenden Tages war der geselligen Seite gewidmet ā Bankett und Tanz. „Der groĆe Saal“ heiĆt es in einem Festberichte, erstrahlte von Lichterfülle. Das Podium hatte sich in einen Garten von Grün und Blumen verwandelt, in dessen Mitte die plastische Kolossalfigur der heiligen CƤcilie thronte, die HƤnde segnend über die Büsten Schelble’s und Messer’s seines Schülers und Nachfolgers breitend“. Die Gesellschaft bot eine Fülle von Jugend und Schƶnheit, Würde und Verdienst, Wissen und Kunst und zugleich ein Konglomerat aller Kreise dieser Stadt. Den Reigen der offiziellen Toaste erƶffnete Dr. Eckhard, der die Versammlung mit beredten Worten begrüĆte und ā als Dankopfer für die Toten ā unter rauschendem Beifall der Versammlung sein Glas auf das Andenken Schelble’s leerte. Von den nachfolgenden Trinksprüchen war einer der bedeutendsten der von Vincenz Lachner, welcher im Namen seiner Brüder einen Toast erwidernd, sein Hoch der Stadt Frankfurt brachte, deren Ƥchter Bürgergeist in anhaltender und treuer Arbeit mehr für das wahre Gedeihen und Blühen einer ernsten und sittlichen Kunst getan habe, als anderswo Spenden der KronentrƤger und Hƶfe. Auf diesen Geistessieg des freien Bürgertums leerte der gefeierte Redner sein Glas.Ā
Von alldem war ich jedoch nicht mehr Augen- und Ohrenzeuge. Für mich war die Feier mit dem Konzerte beendet. Nachdem ich mich schriftlich vom Vorstand des Vereins verabschiedet, dƤmpfte ich im frühesten Morgengrauen wieder dem Festungsgürtel zu ā doch nicht ohne noch ein zweites schƶnes Erinnerungsblatt dem andern angereiht zu haben.
Einem innerlichen Triebe folgend hatte ich den Tag vor der Festlichkeit zu einem Ausfluge nach Mainz benützt, dem Altmeister Weit und der Familie seines Schwiegersohnes Settegast einen Besuch abzustatten. Ich fand den verehrten Meister kƶrperlich und geistig rüstig, all sein Tun und Denken immer noch einer ernsten und sittlichen Kunst zugewandt. WƤre er jünger, versicherte er, würde ihn nichts abgehalten haben, dem VereinsjubilƤum ebenfalls anzuwohnen. Ich freute mich, einen alten Bekannten bei ihm anzutreffen, namens Hieronymus, den er auf seinem Tische liegen hatte und dem er viel Gutes nachsagte. Im Laufe des GesprƤchs meinte er, er gehƶre nun auch schon zu den hinterm Zeitfortschritt zurück gebliebenen. Ich aber war der Ansicht, es werde ihm dies dereinst sicherlich zum Verdienst angerechnet werden. Settegast begleitete mich in den Dom, wo er mit Ausführung der Wandbilder nach Weits Entwürfen beschƤftigt war. Ich konnte mir nicht versagen, dieselben in photographischer Nachbildung von der Verlagshandlung nachkommen zu lassen. Ein liebes Blatt erhielt ich spƤter noch von Settegast, eine eigenhƤndige Zeichnung aus dem Nachlasse Weits, die, über meinem Arbeitstisch hƤngend, mir immer wieder lƤngst entschwundene Tage ins GedƤchtnis ruft.Ā
Bilder und Ton zur Ausstellung von Ingeborg Jaag im Hüfinger Stadtmuseum vom 08. Oktober 2021 bis 02. Januar 2022.
Trompeter
Brautkleid von Maria Josepha Heinemann zu ihrer Hochzeit am 19. September 1881 mit Johann Carl Nober.
1780 Geiger im Rokoko
1789 Chemisenkleid Empire
Alt Jungfere aus Villingen als Zuschauerinnen.
Elisabeth von Ćsterreich in einem Wiener Hofkleid. Nach einem Bild von Franz Xaver Winterhalter 1865
Nach August Macke 1914
Unterhosen galten zunƤchst als hƶchst anstƶĆig, so dass man sie nicht beim Namen nennen mochte. āDie Unaussprechlicheā ā mehr brachte man nicht über die Lippen. Auch die Kirchen hatten Bedenken gegen das Tragen von geschlossenen Unterhosen, da „die Frauen zu ungebührlichen Bewegungen verführt werden“.
Die alte Künstlertraditon des Hüfinger Künstlerkreises lebt fort in der Moderne. Hier der Text zum Bild vom Künstler Dede Hegenauer:
Bei uns im Schwarzwald Baar Kreis hatten wir eigentlich gar keine Bollenhüte. Dennoch aber auch sehr schƶne Trachten. Das Bild malte ich in Anlehnung an ein Bild von Rudolf Gleichauf aus dem 19. Jhdt. und es zeigt ein MƤdchen in traditioneller Baaremer Bauerntracht. Ich würde auch davon Drucke erstellen lassen. Wer mag, kann mir gern schreiben! GrüĆe aus eurer Baaremer Stube