Hieronymus Kapitel 2
Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergƤnzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr verƶffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter groĆem Aufwand von Dr. Johne, verƶffentlicht wurde.
Da der Hieronymus-online sich auch der Barrierefreiheit verschrieben hat, werde ich ab sofort die einzelnen Kapitel durcharbeiten und die einzelnen Bilder im Hintergrund für Menschen mit Sehschwächen beschriften. Die Beschriftung kann mit Screenreadern ausgelesen werden.
Zweites Kapitel in unserer Podcast Reihe, gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich
HƤusliches Stilleben -Sagen und Geistergeschichten
Die Heimatlosen
Ein Sommer voll Tätigkeit in Feld und Wald war für die Talbewohner vorübergegangen. Der Winter schickte seine Vorboten allmählich in das Land, und tagelange Nebel machten den stillklaren Herbsttagen, die im Hochgebirge gewöhnlich so wunderbar schön sind, ein schnelles Ende. Der Gesang der Vögel war längst verstummt, und die Blätter am Kirschbaum im Garten und das Heidbeerkraut auf den Feldern färbten sich glühend rot, und ein kalter Wind sauste durch die hohen Tannenwälder.
Sowie aber die Vögel sich zusammenscharen und das Wild in Höhlen lagert, so beginnt auch in dieser Jahreszeit in der Menschenbrust das Gefühl der Häuslichkeit sich zu regen, und der nahende Winter mit seinen geselligen Abendstunden gewährt einen wohltuenden Wechsel auf das ruhelose Auseinanderrennen während der langen Sommertage.
Auch in der Stube des Laubhauserhofes erblicken wir beim Scheine des Lichtspanes ein Bild friedlich hƤuslichen Stillebens. – Das Nachtessen ist vorbei. – Die āHeim-“ oder āHagarten“ sind, mit Ausnahme des Schulmeisters Bachweber, noch ferne. Auf dem SchoĆe der Mutter liegt der SƤugling, unsere Florentina, jedoch nicht mehr als still ruhendes Wickelkind, nein, wenn wir jetzt die zappelnde Kleine, ihre runden BƤckchen und das nebenan stehende leere BreipfƤnnchen betrachten, so kƶnnen wir merken, daĆ es mit dem Appetit und folglich auch mit dem āTrueihen“ oder Gedeihen nach Wunsch bestellt sei. – Es scheint, als kenne es die Mutter schon, die im freudigen Anblick ihres Kindes all die vielen Sorgen und Mühen um das zarte Leben gerne vergiĆt. – Ihr Innerstes, ihre Gedanken jedoch kundzutun vermƶgen wir nicht; denn wer kann wissen, was eine Mutter an der Wiege ihres Kindes alles denkt und dichtet? Und wer die Sprache verstehen, die sie mit ihrem Liebling spricht? Nur eine Mutter selbst – denke ich – und derjenige, dessen allmƤchtige Hand diese Sprache und Liebe in die Menschenherzen eingeschrieben.
Auf der Bank nebenan schmaucht der Vater wohlgefƤllig in langen Zügen sein Tabakskraut, wƤhrend Peter, das Haussƶhnlein, dem Bachweber Gesellschaft leistet und die Holzschnittbilder im Buche betrachtet, in welcher der gelehrte Schulmeister nach dem Kapitel sucht, welches heute Abend vorgelesen werden soll. – Zwischen beiden ebengenannten Gruppen blicken wir in den den Hinterofen oder āTempel“, wie der mit einer Tür versehene Raum zwischen Wand und Ofen heiĆt; hier sehen wir die betagte GroĆmutter, wie sie, sozusagen abgeschieden von der Welt, den Rest ihrer Tage verbringt und wie über den GrƤbern der Vergangenheit ihre stillen Gebete verrichtet, Ihr Sohn, der jetzige Besitzer des Hofguts, hatte dasselbe seit dem Tode ihres Mannes übernommen; er verwaltete es konservativ, abhold allen Neuerungen, in anerzogener und anererbter Weise, um es dereinst wieder ungeschmƤlert auf den Sohn übergehen zu sehen. Streng und genau haltend die Sitten und Gewohnheiten der Altvordern, sah er gerne, wenn sich seine Hausmannen und die sonstigen wenigen Nachbarn, die alle mehr oder minder in AbhƤngigkeit vom Hofgute lebten, in den Feierabendstunden um ihn versammelten; und er war alsdann der einzige āFreie“ inmitten seiner āHƶrigen“ und āpofren Lüte“
Es mochte Wetter sein, wie es wollte, so wandelten zur Winterszeit (mit Ausnahme des Sonnabends, wo niemand Besuche machte) die gewƶhnlichen Hagarten, wie im Volksmunde besuchende Nachbarn und Freunde genannt werden, abends der warmen Stube des Laubhauserhofes zu. Bachweber, der Schulmeister und weitgereiste Schneider, war regelmƤĆig der erste, welcher sich einzufinden pflegte. Als Vorleser, der auch alles auszulegen verstand, war er der Gesellschaft ein stets willkommener Gast; und selbst der Laubhauser, der sonst nicht viel auf Wissenschaften hielt, hƶrte ihm gerne zu, wenn er aus dem Trostspiegel oder der Legende oder aus irgendeinem Ritter-oder Klosterroman ein Kapitel vortrug. Wenn jedoch bei Anhƶrung letzterer Lektüre die anderen in gewaltige Verwunderung oder gar Rührung gerieten, so pflegte er, als abkühlenden Niederschlag auf dieses Feuer, gewƶhnlich ganz trocken hinzuwerfen: āGlaub’s doch keiner“, oder ādas ist nur für alte Weiber!“
Nebst dem Bachweber stellten sich abends alle jene ein, die wir schon bei der Gasterei am Tauftage genannt haben. Unter diesen war aber der wunderlichste Kauz der alte Forstknecht und Fischer Stoffel. Schon unter dem alten Laubhauser wohlgelitten, hatte er nach Katzenart eigentlich mehr AnhƤnglichkeit an das Haus als an dessen Bewohner; wenigstens nahm er, der LƤnge nach auf der Ofenbank liegend, nur selten teil ein GesprƤch. Auch kam er nicht so regelmƤĆig wie die andern. Es vergingen oft viele Wochen, wo ihn niemand zu sehen bekam. Der G’huse oder Hausmann Mathias, der die kleine Mühle des Hofes zu besorgen hatte, gehƶrte dagegen zu den nie fehlenden AbendgƤsten; oft auch brachte er sein Sƶhnlein herüber, den kleinen Hieronymus, und für diesen hatte das groĆe, schwƤrzlich angerauchte Haus mit seiner tiefen holzgetƤfelten Wohnstube etwas anziehend Heimliches, besonders wenn er noch so manches aus alter Zeit dabei erzƤhlen hƶrte.
Da stand zum Beispiel über der Wandvertiefung, in welcher der Bauer seine Schriften und Kaufbriefe zu verwahren pflegte, ein hƶlzernes Muttergottesbild, an welchem die Spur eines SƤbelhiebes zu sehen war. Oft erzƤhlte die GroĆmutter den Kindern, daĆ dieser Hieb von einem schwedischen, einst im Hofe einquartierten Reiter herrühre, der nach sotanem Frevel übermütig davongeritten, droben in der Schollach aber mit dem RoĆ gestürzt sei und den Hals gebrochen habe. – Auch an der Holzwand wollte die Ahne eine Spur sehen, welche – ich glaube, es war noch unter ihrem GroĆvater – das āFronfastengespenst“ nach einem im Haus auf der āStƶhr“ arbeitenden Schuhmacher, der aller Warnung zum Trotz am Samstagabend noch geschafft, zum offenen Fenster hereingeschleudert haben sollte.
Ćber der Haustür sah man noch stets das Hufeisen befestigt, welches, mit seinen drei NƤgeln auf einem Kreuzweg gefunden und unbeschrien aufgehoben, gegen den Blitzstrahl schützen sollte. Und auch der – jedenfalls uralte – StierschƤdel nahm – wie in vielen anderen Hƶfen – stets noch seinen zukƶmmlichen Platz ein, droben unter dem Dachfirst. Nach dem – vielleicht noch aus Heidenzeiten stammenden – Volksglauben war er trefflich geeignet zum Bannungsort für schadenfrohe, Viehkrankheiten verursachende Hauskobolde.
Die „wahre“ Geschichte um den StierschƤdel ist in der ersten Auflage nicht zu finden. Wahrscheinlich war es damals noch vielen bekannt, dass der StierschƤdel „der trefflich geeignete Bannungsort für schadenfrohe, Viehkrankheiten verursachende Hauskobolde war.„
Der StierschƤdel oben befindet sich in einem der alten BauernhƤuser der Vogtsbauernhƶfe.
Ob der Hausbesitzer an diese Dinge wirklich geglaubt hat, wüĆte ich nicht zu sagen. Nur so viel ist gewiĆ, daĆ der Laubhauserbauer niemanden je gestattet haben würde, diese Dinge und Wahrzeichen von der Stelle zu rücken. HƤtte er sie bei der Hausübergabe nicht bereits vorgefunden, er würde sie auch nicht hingemacht haben. Sie waren einmal da und sollten da bleiben, solang er wenigstens das Leben hƤtte; und kam je ein Spƶtter oder Vorwitziger, der ihn nach der Bedeutung oder dem Nutzen dieser Dinge fragte, so erhielt er gewiĆ Antworten, die ihm jede weitere Erƶrterung gründlich verleideten. So zum Beispiel behauptete der Bauer von dem StierschƤdel, daĆ solcher von einem āHagen“ oder Faselstier herrühre, der dem neumodischen Herrenvolk so aufsƤssig gewesen, daĆ er, wenn ihm einer in den Weg gekommen, stracks auf ihn losgerannt und nur dadurch zu besƤnftigen gewesen sei, daĆ der GeƤngstigte, auf den Zuruf des Hirtenbuben, schleunigst und hƶflich den Hut abgenommen habe. Dabei pflegte er allerlei Anspielungen und Bemerkungen zu machen über die AnmaĆung und den Hochmut des Unvernünftigen, welche dem Frager im Herrenrock nichts weniger als schmeichelhaft klangen.
Ebenso konservative Gesinnung herrschte in religiƶsen Dingen im Hause vor. An der mit Schindeln beschlagenen AuĆenwand des Hofes hütete seit Menschengedenken das groĆe, in Holz geschnitzte Kruzifix mit seinem frommen Spruch immer noch, seitwƤrts aufgehƤngt, den Eingang. Und ebenso alt waren sicherlich auch die Bilder in dem hinter dem Hause stehenden kleinen Betkapellchen. Und auch der gedruckte āHaussegen“ an der Kammertür hatte kein Aussehen, als wƤre er kürzlich erst vom Jahrmarkt heimgebracht oder von einem Hausierer gekauft worden; stets noch war ihm zufolge das Haus unter den Schutz der Heiligen Familie, Jesus, Maria und Josef, gestellt, die es behüten sollten vor āPestilenz und Feuersbrunst, Zauberei, Unheil und MiĆgunst“. – Und in das zinnerne Weihwasserkessele neben der Tür hatten sicherlich schon die UrgroĆeltern beim Hinausgehen aus der Stube, um sich zu segnen, die Finger eingetunkt.
Für unsern Hieronymus bildeten alle diese Dinge – wie schon bemerkt – etwas besonders Anziehendes. Namentlich auffallend war ihm der StierschƤdel unter dem Dache, den er jedesmal, wenn es Gelegenheit gab, mit einem gewissen Respekt betrachtete; nicht weil er sich etwa vor den hineinbeschworenen Kobolden gefürchtet hƤtte – diese machten ihm überhaupt wenig Kummer -, sondern weil ihm die Anekdote, die der Hofbauer von den Launen des Tieres gelegentlich zum besten gab, so wohl gefiel. Und wenn er und seine Kameraden um Heu zu stampfen auf die āBühne“ kamen, so zogen sie, halb im Ernst, halb im Scherz, immer noch ihr LederkƤpplein ab vor dem hohlƤugig grinsenden, mit Spinnweben überzogenen SchƤdel, auf daĆ er nicht bƶse werde und sie auf die Gabel nehme.
Einst an einem frostigen Novemberabend waren die Freunde wie gewƶhnlich im Laubhauserhof versammelt; der anhebende Sturm schien den rauhen Winter mit Macht ins Land bringen zu wollen, und jeder fühlte sich doppelt beglückt, so behaglich in der warmen Stube sitzen zu kƶnnen. Meister Bachweber hatte eben ein Kapitel aus der Legende, und zwar, der Jahreszeit gemƤĆ, von einem der sogenannten ākalten Helgen“ vorgelesen. – Und als nach seinem Vortrag das GesprƤch endlich auch auf das Wetter gekommen, bemerkte der Laubhauser, āwenn so stürmisches Wetter g‘ wesen ist, so hat mei GroĆmutter, trƶst sie Gott, allemal das dreifache Almosen in die Lüfte g’streut.“
āMan hat früher viel so aberglƤubisch Wesen gehabt“, warf Bachweber hin, der als weitgewanderter, aufgeklƤrter Mann keinen Aberglauben dulden mochte, seinen eigenen natürlich ausgenommen. āHat man ja doch früherer Zeit hinter jedem Ofen, in jedem alten GebƤu und GemƤuer, in Wind und Wetter Geister und Gespenster sehen und hƶren wollen.“
āJa sogar auf den Schuhen!“ versetzte sarkastisch der Hofbauer – zum nicht geringen GelƤchter der übrigen. Denn keinem war es unbekannt, wie der Schulmeister eines Abends, aus dem Hammerwirtshaus heimkehrend, von einem Gespenst übel gefoppt und geƤngstigt worden war. Zu einer Stelle im Wald gekommen, wo, wie der Hofbauer sich ausdrückte, wenn er die Geschichte zum besten gab, hƤufig schon RoĆ und Esel, besonders wenn sie stark geladen hatten, scheu geworden, wurde es dem einsamen Wanderer, welcher des Guten im Wirtshaus etwas zu viel getan, plƶtzlich schwül und ungeheuerlich zumut. Die finstern Tannen rauschten und schüttelten sich, wie von GeisterhƤnden hin und her gezerrt, und groĆe Tropfen fielen ins dürre Moos.
Der Schulmeister – sonst kein HasenfuĆ und gegen Wind und Wetter abgehƤrtet – nahm sein groĆes Regendach unter den Arm und fing an zu laufen, rennst nit, so gilt es nit, dem sichern heimischen Herde zu. Da fing es auf einmal an, dicht neben ihm zu tappen und zu klatschen – und je behender er auszog, desto vernehmlicher folgte ihm der Spuk – und war nicht eher still, als bis der AusreiĆer der LƤnge nach im nassen StraĆengraben lag.
āUnd wer meint Ihr“, fragte der Laubhauser, der diese Geschichte dem Schulmeister zum Schabernack auch diesmal ausführlich vorbrachte; āwer meint Ihr, wer das G’spenst g’wesen ist?“
āNiemand anders als die Laschen auf meinen Schuhen!“ fiel der Gefoppte lachend ein; āmeine Schuhlaschen, die beim Rennen auf und ab klappten. – Ihr wüĆtet ja die Geschichte alle nit, wenn ich nit so dumm gewesen wƤr, sie selber auszuplaudern.“
āAllerdings spielt selbst bei Studierten und Couragierten die Einbildung manchmal die Hauptroll!“ bestƤtigte Mathias mit absichtsloser Zweideutigkeit. āUnd wenn man recht auf den Grund schaut, so steckt g’meiniglich nit viel dahinter. – Herentgegen komme wieder Sache vor, über die keiner so leicht naus kommt. Bin grad auch nit stark mit G’spensterfurcht behaftet, aber e‘ G’schichtle wüĆt ich zu verzƤhle, für das ich gutstehn kann.“
āRaus damit!“ hieĆ es von allen Seiten. āMacht’s gnƤdig, Vetter, lügt, daĆ man’s auch glaube kann“, bemerkte schmunzelnd Schulmeister Bachweber.
āDie G’schicht ist wahr, sie dürft gedruckt im Kalender stehn“, versicherte der Mathias. āIch will’s aber kurz mache, auf daĆ Ihr unglƤubiger Thomas da“, sagte er zum Schulmeister, ākein‘ AnstoĆ daran nehmt.* – Trotz dieser Klausel erzƤhlte er aber die Begebenheit oder vielmehr die Sage vom āSchnaufer“ in der alten Entenburg an der Donau bei Pfohren so umstƤndlich wie mƶglich. Hatte er doch selbst eine Zeitlang in der Mühle zu Pfohren gedient und war er doch selbst zugegen gewesen in selbiger Kunkelstube, wo die jungen Burschen mit dem beherzten Mareile gewettet hatten, es getraue sich nicht, bei Nacht und Nebel hinauszugehen an die Entenburg und dort zum Wahrzeichen seine Spindel ins Schlüsselloch des alten, zur Zeit als Zehentscheuer benützten GebƤudes zu stecken. Die junge Magd sei auf die Wette eingegangen, aber nicht mehr zurückgekommen. Und als die Burschen nachgegangen, hƤtten sie die Ćrmste besinnungslos vor dem SchloĆtor liegend gefunden. āWas ihm passiert ist, dem Mareile“, schloĆ der Mathias seinen Bericht, Ā»weiĆ heut noch kein Mensch. Nur ’s Nazis Ottile, en alt’s Weible, das draus im letzten Haus an der Dona g‘ wohnt hat, die hat g’seh und g’hƶrt habe wolle, wie oben am Giebel en Laden aufgange sei, und einer rausg’rufe hab: in drei Tag und drei NƤcht! – In drei Tagen ist richtig ’s Mareile verschiede. – Oft noch habe die Zehentdrescher – und ich selber verschiedene Mal – den Schnufer im SchloĆ g’hƶrt; – es soll g wiĆ – so hab ich wenigstens von einem Studente g’hƶrt – der Kaiser Caroli, ich glaub, den Dicke hat man ihn geheiĆe, dort in der NƤh im Morast verstickt sein.“ āNachteulen oder Windzug!“ brummte der Stoffel, verdrieĆlich auf seinerOfenbank sich umkehrend.
Die Sage vom „Schnufer“ und Mareile in der Pfohrener Entenburg hingegen ist in der ersten Auflage besser erklƤrt.
So verspricht der Oberbure Kasper der Mareile einen neuen Gürtel mit BƤndel, wenn sie sich traut nachts an der Entenburg ihre Spindel ins Schlüsselloch zu stecken. Als sie nicht zurück kommt suchen die jungen Leute Mareile und finden sie ohnmƤchtig im Gras liegen. Mareile kann ihnen nicht mehr erzƤhlen, was los war und stirbt drei Tage spƤter. Die alte Frau im letzten Haus, sagt gehƶrt zu haben: „drei Tag und drei NƤcht, da schwƤtze mer mit enander“.
Entenburg in Pfohren
āGanz gewiĆ Eulen oder Zugwind!“ wiederholte Freund Bachweber.
āOder Schuhlaschen“, warf der Laubhauser lachend hin.
„Will’s nit bestreite“, versetzte der Mathias., āAber was sagt Ihr zu dem, Vetter?“ wendete er sich zum Schulmeister. āBin emal bei’m alte Kuhhirt g’standen im Ried zwischen Pfohren und Neudingen; da sagt der Mann zu mir: „Siehst drobe den schwarze Ritter am Fürstenberg? Jedesmal, wenn der sich zeigt, gibt’s Hagel oder Ungewitter.‘ – Und richtig ist’s auch eingetroffen.“
„’s Unwetter ist eingetroffen“, entgegnete Bachweber, āaber der Ritter? Den hat wahrscheinlich nur der Kuhhirt g’sehn.“
āEn Reiter hab ich g’seh“, bekrƤftigte der Mathias, āob aber grad en schwarze, mƶcht ich nit beschwƶre. – Dagegen kann ich sage, daĆ ich bald nachher in finsterer Nacht das Licht an der Rittersteig am Warteberg verblickt hab, von welchem Licht alte Leut so viel verzƤhle. – Und hab den Geist selber auch noch persƶnlich kenneg‘ lernt.“
„’s wird einer z‘ Licht gange sein, drobe beim Bur“, meinte Bachweber.
āNein, aber der Bur ist’s selber g‘ wese, dem e Kalbin scheu worden und durchgangen ist, die er und der Knecht mit Laternen am Berg rum g’sucht habe; so ist mir am andern Tag g’sagt worden in den drei LƤrchen im Bier-haus, wo ich einkehrt bin und e Schƶpple trunke hab.“ āSo geht’s halt meist mit ganz natürlichen Dingen zu“, meinte der Schulmeister.
Der „schwarze Ritter am Fürstenberg“ der sich vor Unwetter zeigt, wird nur in der zweiten Auflage besprochen.
āFreilich“, versetzte Mathias.
āAber es gibt herentgegen auch wieder Leut, die solche natürliche Auslegungen nit wolle gelte lasse.
āVersteht sich, gibt’s solche Leut“, sagte der Bachweber, āund mit solchen ist nit gut streiten. Da hƤtt’s einer mal probieren solle, meiner GroĆmutter selig auszureden, es geb an der Breg keine Schlange mit goldne Krƶnle auf dem Kopf. Wie oft hat sie uns Kindern verzƤhlt, wie einmal an ‚me heiĆe Sommertag so eine Schlangenkƶnigin im Bach gebadet, ihr goldnes Krƶnle aber vorher am Bord unter dem Gebüsch abg’legt hab. Ein Mann hab sie ausgepaĆt, sei hingeschlichen und hab ihr die Kron wegstibizt und sei damit fortg’sprungen. Die Schlang aber wie en Pfeil aus dem Wasser raus, ihm nach. Der Mann aber hab glücklicherweis sein HƤusle noch erreichen und die Tür hinter sich zuschlagen kƶnnen, an welcher die Schlang dann ’s Hirn ein-g’rennt hab. –
Auch die Geschichte der „Schlange mit der goldenen Krone“ die es in der Breg gibt, wird nur in der zweiten Auflage besprochen.
Hier weiĆ die GroĆmutter zu berichten, dass die Schlangenkƶnigin mit der goldenen Krone im Bach gebadet habe und dafür ihre Krone im Gebüsch bei der Breg versteckt habe. Ein Mann hƤtte ihr da die Krone wegstibitzt und sei damit fort gesprungen. Die Schlange aber, wie ein Pfeil aus dem Wasser heraus ihm nach. Der Mann ist in sein Haus gerannt und hat die Türe hinter sich zugeschlagen. Wie die Geschichte weiter geht, wird leider im Buch Hieronymus nicht berichtet.
Hieronymus 2.0 weiĆ aber mehr:
Das sind so G’schichtle, wie man sie den Kindern verzƤhlt!“ āAuf solche MƤrle“, nahm der Fohrlenbacher das Wort, āist allerdings nit viel zu gebe. Aber es gibt auch wieder Sache, die keiner so leicht wegdisputiere kann. Denn was man mit eigenen Ohren und Auge hƶrt und sieht, das muĆ man doch glaube. So sagt man vom TƤlingerhof, daĆ dort jedesmal, bevor daĆ en Krieg ausbricht, ’s Wildheer mit Fuhrwerken und Strohschneiden auf der Bühne sich hƶre laĆ. Und wirklich hat’s mein Bruder, der beim PƤchter als Knecht gedient hat, selber g hƶrt – und richtig ist auch bald drauf der SiebenjƤhrige Krieg ausgebroche.“
āGanz richtig, er ist ausgebrochen“, versetzte Bachweber, āund ich selber hab ihn bekanntlich noch mitgemacht, ’s letzte Jahr vorm FriedensschluĆ – als Kompanieschneider. – Aber was es mit dem wilde Heer für Bewandtnis hab, will ich dahing’stellt sein lasse. – Schauet, Fohrlebacher, so hab ich als Hirtebub oft auch g’meint, ich seh droben auf m einsame Kolmen und in der NƤh vom groĆen Hof ‚ Kolmeweible in seiner grüne Jüppe und dem gelbe Strohhut; und manch Hirtenkind hat das Weible schon wolle g’seh habe, wie es die lange Haar strƤhlt am Brunne, vor dem das Vieh, wenn’s noch so durstig ist, g’wiĆ scheue soll. – Und wie manchmal hab ich als Bub mir vormacht, ich seh den Landenberger droben im Wald, wie er den Kopf unterm Arm, verkehrt auf seinem Schimmel durch die Hürste reite, und ist doch nix als lauter Trug und Nebeldunst gewesen.“
āDer Landeberger, Bachweber, soll aber wirklich früher g’lebt haben als Landvogt*, entgegnete der Fohrlenbacher, āund weil er den Leuten ungrechterweis die Waldungen abprozessiert und ihne fast das Blut unter den NƤgeln vorgedruckt hab, so müss‘ er jetzt, heiĆt es, b’stƤndig noch geistweis gehe.
Dass „s` Wildheer mit Fuhrwerken und Strohschneiden auf der Bühne sich hƶren lƤĆt“ bevor ein Krieg ausbricht, gibt es nur in der von Lucian Reich überarbeiteten Version. Wobei, ich persƶnlich mit der Beschreibung nichts anfangen kann. Auch die Geschichte vom Kolmeweible in seiner grüne Jüppe und dem gelbe Strohhut, bleibt wohl ein RƤtsel.
Dame mit gelbem Strohhut im Kelnhofmuseum in BrƤunlingen.
āWenn’s wahr wƤr“, meinte Bachweber, āso müĆt ihn der Klaus da g’wiĆ auch schon getroffe habe; denn kein Stund im Tag und keine in der Nacht vergeht, wo der Klaus nit drauĆen ist beim Kohlhaufe. Nit wahr, Klaus?“ āHab ihn noch nie verblickt – bin überhaupt kein Geisterseher und kein Sunntigskind“, versicherte der ehrliche Kohlenbrenner.
āIch bin’s auch nit“, warf der Fohrlenbacher hin.
āAber doch glaub ich das, was man vom Schützeklaus verzƤhlt droben in Waldau und St. Peter.“
āEi ja, daĆ der Schützenklaus ein herrschaftlicher Forstknecht gewesen ist, glaub ich auch“, sagte Bachweber; āund die Talleut in selbiger Gegend haben’s genugsam erfahre, wie er sie durch sein gewalttƤtiges Wesen gereizt und fast zur Rebellion gegen die vorderƶsterreichische Regierung getrieben hat. Aber daĆ er jetzt noch die Holzmacher, und wer sonst im Wald zu tun hat, schikanier und als wilder JƤger rumgeistern soll, das mƶcht ich bezweifle.Ā«
āNu – man sagt nur davon!“ erwiderte der Fohrlenbacher. āSo bin ich kürzlich mit dem Ratschreiber von Furtwange zusammeg wesen und sind wir auch auf derlei Sache zu rede kumme und hat er mir versichert, daĆ neulich wieder der Rampegeist auf der Steig dort g‘ sehe worde sei. Und zwar sei es e bekannte BƤurin aus m Ort selber g wese, die mit ihre zwei Kinderle drauĆ g’wesen und den weiĆe Mann ohne Kopf auf sein’m zweirƤdrige Karre, den niemand gezoge hab, daherkutschiere g’sehe hab. Beim Kreuz unterm Baum sei aber das wunderbarlich Fuhrwerk verschwunde.“ „’s ist sonderbar“, bemerkte der Stoffel, ādaĆ die Geister so gern ohne Kopf rumgehn oder ihn – wie galante Herren den Hut – unterm Arm tragen – oder gar auf’m PrƤsentierteller!“
Ā»Ja, spottet nur, Stoffel!“ sagte Vroni, die alte Magd, die, emsig ihre Spindel drehend, bisher schweigend dem GesprƤch zugehƶrt hatte. āKann Euch wohl auch mal geh‘ wie selbige junge Bursche, die mit ihre Liebsten aus dem Wirtshaus von der Oscheck heimgange sind; es ist auch so einer dabei g’wese, der sein G’spƶtt getrieben und im Ćbermut g’rufe hat: „Rampegeist kumm, wenn du Courage hast! Kumm, ich fürcht di nit!‘ Auf das kummt e schreckliches Brausen und Sausen und nimmt den Kerle von den andern weg, und treibt und schleift ihn beim alte Rampehof durch die Mistgrub und von da weiter, die Halden ab, wo ihn die Kamerade g‘ funden und mit knapper Not wieder zum Lebe bracht habe.“
„’s ist alles mƶglich“, nahm die alte Barbara das Wort, die kurz vorher eingetreten, weil sie bis dahin bei einer Wƶchnerin im Tal beschƤftigt gewesen und jetzt gekommen war, um ihren Bruder, den Kƶhler-Klaus, heim-zubegleiten. āHat man ja“, fuhr sie fort, āauch den GeiĆemƤckeler wieder hƶre wolle, drübe bei St. MƤrgen und Neukirch.“
āDer GeiĆemƤckeler„, erklƤrte der Schulmeister, āist kein anderer als der Schützenklaus. Es soll dazumal – wie mir der Vogt in Simonswald gesagt hat eine so strenge Waldordnung eingeführt worden sein, daĆ den Leuten nicht nur das Laufenlassen der GeiĆen, sondern sogar das Halten derselben verboten gewesen sei. Der Forstknecht sei deshalb oft nachts an den Berghütten rumg schlichen und hab gemƤckelt wie e‘ GeiĆ; und hab ihm eine drinnen Antwort geben, so sei der Eigentümer in Straf kommen. Deswegen hab auch en arme Frau den GeiĆestall mitten in ihr HƤusle g‘ macht, auf daĆ der JƤger die Tierle nit mehr hƶren soll. – Kein Wunder, daĆ er von den arme Leut verflucht worden ist und noch heutigentages, wie manche meinen, als bƶser Geist umgehen und vor den StƤllen meckern oder in Wald und Feld sein Wesen treiben muĆ.“
āDummheiten!“ murrte der Stoffel auf seinem Laubsack. āAltweiberfabel! WƤr wohl der Müh wert wege so e paar magere GeiĆe!“
„’s ist wahr!“ meinte der Kƶhler-Klaus. āAber gemeiniglich ist doch was an solche G’schichte. So soll zum Beispiel der BodewƤlder, von dem es heiĆt, daĆ er sein Wese treib auf dem lange Bergrucke gege‘ Rohrbach hin, vor hundert Jahre wirklich g lebt habe. En franzƶsischer General, heiĆt es, hab er umbracht und ihm ’s Geld abgenomme. Der Franzos aber soll vor sei m Tod den Mƶrder noch benamst und verflucht habe. Drum will man sage, der Geist geh bestƤndig noch um und führ die Leut, wenn sie durch den Wald kumme, vom rechte Weg ab. – Und ich selber hab en Krattemacher vom Rohrbach kennt, der mich versichert hat, der BodewƤlder sei schon e paarmal an ihn kumme, wenn er heimgange sei durch den Wald. Auch sein Vater, hat er behauptet, hab ihn früher manchmal g’sehen im Holz in allerlei G’stalt, einmal als en schwarzer Pudel, das andermal als Feuerflammen oder gar als Has mit rote Strümpf. – Welches Menschenkind aber den BodewƤlder von seiner Ruchlosigkeit bekehrt und ihn verlƶst, der soll – so sagt man – den Kessel voll Gold bekomme, den er nach selbiger Mordtat im Wald verscharrt hab.Ā«
āWenn alle Leutplager und ĆbeltƤter nach ihrem Tod geistweis gehn müĆte“, bemerkte der Bachweber, āso gƤb es bald mehr G’spenster als Menschen auf der Welt!“
āJa, es gibt aber auch solche“, warf der Oberknecht Melcher aus dem Hintergrund der Stube ein, ādie vorher keine Mensche g’wese sind. So wie zum Beispiel der Hollohoh, das grausige G’spenst drauĆen am Schelleberger-wald, das schon so manchem den Hals umdreht hat. – Hat man nit erst kürzlich den alte Frieder tot am Abhang dort g’funde, mit verstrubbeltem Hoor und kƶlschblau im G’sicht?“
āDas hat man!“ bekrƤftigte Bachweber. ā Was aber dabei im Spiel g’wesen ist, en Schluck über den Durst – oder “ āSchuhlaschen!“ fuhr der Laubhauser zum GelƤchter der übrigen dazwi-schen, ādas hat niemand erfahre.“ āDer Melcher hat nit unrecht“, sagte Mathias, nachdem wieder Stille ein-getreten, āwenigstens was den Glauben der Leut anbetrifft – untersuche will ich’s nit. – Aber wie oft hat uns die GroĆmutter selig von der Nachtfrau verzƤhlt, die auf de DƤchern sitzen und den Kindern so aufsƤssig sein soll. – Und der schwarz Hund, der mit feurigen Auge -„
āOh, so verzƤhlt doch keine so schreckhafte Sache!“ unterbrach und bat die LaubhauserbƤuerin, ihr Kind, das unruhig aus dem Schlaf erwacht war, aus der Wiege nehmend und beschwichtigend an die Brust drückend; ā’s ist mir ohnehin, als sei was Ungrads. – Wie der Sturm drauĆ tut, wenn’s nur heut nacht kein Unglück gibt!“
āHƶrt ihr nit, wie die armen Seelen in de Lüfte heule?“ sagte die Fahlenbacherin, aus dem Hinterofen schleichend, wo sie der halbtauben GroĆmutter Gesellschaft geleistet hatte und jetzt zum Fortgehen sich anschickte. Sie meinte damit jenen alten Volksglauben, nach welchem das Heulen des Sturmes von abgeschiedenen, im Winde hin und her gepeitschten Seelen herrühren solle.
Die Geschichten vom Schützeklaus in Waldau und St. Peter, dem Rampegeist in Furtwangen, der GeiĆemƤckeler bei St. MƤrgen und Neukirch, dem BodewƤlder bei Rohrbach und allen voran der Hollohoh, einem recht wilden Gespenst am Schellebergerwald, all diese Geschichten müssen wohl noch aufgeschrieben werden.
Heute beschützen einige Engel den Wald auf dem Schellenberg und der Hollohoh wurde schon lange nicht mehr gesehen.
Das entfesselte Element tobte aber auch in der Tat auĆergewƶhnlich; es sauste und rüttelte an den alten HolzwƤnden, daĆ es im ganzen Hause Ƥchzte und knisterte, als regten sich überall in Balken und Brettern heimliche Lebensgeister.
Das GesprƤch stockte eine Weile, und alle horchten auf das Unwetter. – Da unterbrach plƶtzlich ein starkes Klopfen von auĆen die Stille. Der Hofhund, der anfangs wütend gebellt, wurde ganz ruhig – und alle sahen einander betroffen an. Der Hausherr erhob sich, um nachzusehen; seine Frau aber ermahnte ihn, doch ja nicht allein hinauszugehen. āDie Nacht ist keines Menschen Freund“ sagte sie, und der Fohrlenbacher schickte sich an, ihn zu begleiten.
āWer ist da?“ fragte der Bauer, die Haustür ƶffnend; und von auĆen antwortete eine bekannte Stimme:
āDer Graf von Nirgendheim und Bettelrain, Vom groĆen Orden, Der Tag und Nacht marschiert, Hunger leidet und halb verfriert!“
Teufel flieh, wie habt Ihr uns verschreckt!“ entgegnete der Hofbauer, den spƤten Gast in die Stube geleitend. – Es war der Lange Hans, der bekannte Landfahrer, der, seiner Bande vorangehend, so spƤt noch Herberge suchte auf dem Hof. Es war dies keine Seltenheit; denn oft kamen sie mitten in der Nacht auf die Einƶdhƶfe und nahmen ungefragt Besitz von Küche, Stube und Heustall. Von den Bauern aber wurden sie geduldet, teils aus Furcht vor bƶswilliger Rachsucht, teils aus Gewohnheit und Neugierde; denn als vielwissende NeuigkeitskrƤmer und Berichterstatter, die es übrigens mit der Wahrheit nicht immer so genau zu nehmen pflegten, wurden diese Heimatlosen von den Bauern mit demselben Interesse begrüĆt, wie wir heute etwa dem Erscheinen unserer Zeitungen und WochenblƤtter entgegensehen.
Der Lange Hans hatte sich in der Stube, wo er als gewohnter Gast empfangen worden, sogleich beim Stoffel auf der Ofenbank niedergelassen. – Nicht lange lieĆ seine nachfolgende Sippschaft auf sich warten. Bald hƶrte man sie im Hausgang rumoren und bald auch in der Küche ihr geschƤftiges Wesen treiben. Es waren gekommen: Trautel, die rechtmƤĆige, im Ausland kopulierte Gattin des Langen (der Trauschein war ihnen leider abhanden gekommen), der langhaarige Schwarz Sepple, ihr vielversprechender Sohn, Schƶn Rƶsel, ihr talentvolles Tƶchterlein, der alte Stumpfarm, die Lohr-mƤnnin, die KartenschlƤgerin und alte Hexe, von welcher manche behaupteten, sie sei auch schon gesehen worden bei den nƤchtlichen TƤnzen in des Junkers von Ramschwag SchloĆ – nebst verschiedenen andern und mehreren groĆen und kleinen SprƶĆlingen.
Bei dieser, in den verschiedensten Graden miteinander verwandten und verschwƤgerten Kompanie, genoĆ, wie bereits angedeutet, der Lange Hans, als Altester, groĆes Vorrecht und Ansehen; auch war er weit und breit beliebt als fertiger Tanzgeiger, Schnackenmacher und Berichterstatter. – WƤhrend nun die Weiber drauĆ in der Küche ihre Kƶrbe, Krezen, MehlsƤcke und SchmalzhƤfen auspackten und ihre wohlerzogene, aber etwas gefrƤĆige Jugend mit Maulschellen und sonstigen Liebkosungen zur Ruhe verwiesen, erzƤhlte der Hans seinen Freunden in der Stube eine nicht ganz unwichtige Neuigkeit. Als sie bei ihrem Zug über das āHƶchst* hergekommen, berichtete er in seiner schwƤbisch-heubergischen Mundart, hƤtten sie eine starke Rƶte am Himmel bemerkt, die ohne Zweifel von einer Feuersbrunst herrühren müsse. āGott soll mi leabe lau“, schloss er seine ErzƤhlung, ād Welt wurd Ƥll Tag schleachter und verdorbener, die arme Leut (hier meinte er sich und seine Zunft) werdet verfolgt und unterdruckt; drum schickt unser Herrgott Warnungen und Strofe.“
Die Anwesenden wurden durch diesen Bericht in nicht geringe Angst und Besorgnis versetzt. Der Richtung nach, die der Vagabund angegeben, konnte es ganz wohl die Gemeinde sein, wo der Kaiserzoller wohnte; und HausbrƤnde wurden damals, bei dem gƤnzlichen Mangel an Feuerversicherungsanstalten, allgemein für ein groĆes Unglück angesehen, indem der davon Betroffene, wenn ihm nicht gute Freunde und Nachbarn helfend und beisteuernd unter die Arme griffen, gewƶhnlich um Haus und Hof kam. – Der Laubhauserbauer beschloĆ deshalb, morgen mit dem frühesten hinüberzureiten zum Schwager, um sich vom Grund oder Ungrund seiner Besorgnis an Ort und Stelle überzeugen zu kƶnnen.
Die Hagarten waren lƤngst schon ihren Hütten zu, und die Hausangehƶrigen zu Bette gegangen. Aber in der Küche, wohin sich nun auch der Hans begeben, herrschte noch lange – bis gegen Mitternacht – GeschƤftigkeit und Unruhe. Ein groĆes Feuer war auf dem Herde angefacht worden, und wenn dasselbe nicht lustig genug brennen wollte, warf Trautel, die erprobte Kƶchin, ganze Klumpen Schmalz auf die Holzstücke, so daĆ die Flamme zischend und prasselnd in die Hƶhe fuhr, die unheimlichen Gestalten grell beleuchtend. – Und wer das üppig bereitete Mahl, welches die braunhƤutigen Kinder der Nacht von ihrem zusammengebettelten Vorrat hier geschmort und gekocht, gesehen und davon verkostet hƤtte, dem würde solches eine sonderbare Illustration abgegeben haben zu der Verfolgung und Unterdrückung, von welcher der Lange kurz vorher gesprochen.
Früh morgens, als die Vagabunden gegen ihre Gewohnheit ohne lƤngeren Aufenthalt weitergezogen, kam, ehe der Hofbauer noch sein RoĆ gesattelt hatte, ein Bote vom Kaiserzoller angeritten mit der Nachricht, daĆ es gestern abend bei ihnen gebrannt habe: das Feuer sei im Nachbarshaus angegangen und habe bei dem starken Wind den Schopf und Anbau des Kaiserzollers ergriffen, dessen WohngebƤude aber glücklicherweise verschont. – āGottlob“, sagte die HofbƤuerin, āso ist doch allemal noch ein Glück bei allem Unglück. Ich hab’s aber geahnt!“ Ihr Mann lieĆ sich alsogleich den bereits aufgezƤumten Gaul vorführen und ritt mit dem Boten hinüber zu den Verwandten, die er zwar noch bestürzt und verwirrt, aber doch soweit getrƶstet fand, daĆ die Flamme wenigstens das WohngebƤude verschont habe.
Am Ende des Kapitels treffen wir zum ersten Mal auf die Jenischen. Lucian Reich nennt sie Landfahrer und bezeichnet nur ihre Sprache als Jenisch. Weiter im Buch wird er ihnen noch ein ganzes Kapitel widmen. Die Verfolgung der Landfahrer beschƤftigte ihn sehr und er beschreibt ihr Leben in der Region (Schweiz/Baar/Schwarzwald/Elsass), wohl ahnend, dass dem bald ein Ende ist.
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