Schlangenprinzessin Niesnichtmehr

Schlangenprinzessin Niesnichtmehr

12. September 2022 0 Von hieronymus

Ein Märchenprojekt der Autorin Margrit Vollertsen-Diewerge auf Deutsch, Chinesisch und Englisch. Jetzt hier auch auf Booremerisch.

Booremerisch: Maria Simon, Text: Hubert Mauz, Donaueschingen
Hochdeutsch: Klaus Karl-Kraus,

Booremerisch word nit uussterbe, und wenn doch, 
erfahret ihrs do im Hieronymus z`erscht

E Mährli, Übersetzung vu de Buechsproch is Booremerisch

D` Schlangeprinzessin

I me Land, nit wiit eweg vu do, hät emol e Schlangeprinzessin mit sage und schreibe 332 andere Schlange vu ihrere Sorte i me scheene Heckegai glebt. Sie hond unter grosse Stäe ghuuset und sich i de Sunn gwärmt.
A me scheene Tag isch die Prinzessin uuzfriese wore und hät gsait: „Mir wänd mitenand i Stadt züggle, gi Hifinge a de Breg, und dä bi dene Liit uff de Boor lebe, wer kunnt mit ?“
Alle 332 Schlängli hond natierli mit welle und so hond sie sich geg die booremer Stadt Hifinge a de Untere Breg gschlänglet.

Wo die Liit us Hifinge die Schlange gsähne hond, hond sie Türe verrammlet und sich nimme traut, au nuu oe Schlange ab-zmorkse, well sie d Gähwuet vu dene andere Schlange gfierchtet hond.
Die Schlange hond sich überall gmietli gmacht. Sie sind i de Bettstatt, uff de Sessle, i de Hundezoene und i de Kochischränk glege.
Mit dene isch e komische Kranket i d Stadt kumme. Alli Kinder zwische sechs und sechzeh Johr hond allfort, uhni End schnoddere messe.

Sie hond gschnodderet und gschnodderet und hon nimme i d Schuel gau kinne und hond nuu no Dehoem hucke kenne. D Eltere und de Borgermoeschter waret ganz verzwazzlet. Er hät im Apetheker vu de Stadt d Aawiesung gähe, Tablette oder e Saalbi herzumstelle, wo des ständig Schnoddere eweg bringt.
De Apetheker hät aarühre und probiere kenne wa er hät welle, koe Salbi, konni Tropfe und Pille hond ebbis gholfe.

In ere lange Naacht isch de Apetheker ganz verzwazzlet a sim Labortisch ghuckt und hät grad e gschieds Buech us de Schublad hinnerverri krome well. Wo er aber inniglanget hät, hät er e Schlang i de Doope. „Jetzet huckt bigott des holos Gwürm scho i minere Buddi und i de Schublade“, hät er gjoohlet und hät den lange Schlangewurm us em Fenschter werfe well.
Uff s mol dismet die liesli : „Morks mi bittschee nit ab, ich bi die Schlangeprinzessin. Villiecht kah ich dir helfe?“

Do hät de Apetheker die Schlang sorgsam uff en Stuhl glait und gsait: „ Wenn du mir des Rezept geg des Niesse verrotisch, lass ich dich am Lebe.“ D Schlangeprinzessin hät s Köpfle hin und her draiet und glisplet. „ Nimm oe Pfund Nieswurz und Milch, die muess grinne und stocke, s Netz vun ere Spinn, wo grad am Spinne isch, rühr alls zämet mit „Luft isch schwer“. Des isch denno die Salbi „Nies nicht mehr“. Kundinent isch de Apetheker a s Aarühre gange, wa gar nit so oefach war. „Luft isch schwer“ und „Nieswurz“ isch nämli selli, selli rar.

Des isch nämli e Hahnefuessgwächs mit giftigem Wurzelstock, wo nuu im Winter rötlich-wiissi Blüete hät. Wo d Sunne uffgange isch, hät er alli Zuetate zämet ghet und hät die Salbi fertigmache kinne.
Sin Nochber hät en Bue ghet, de sechsjährig Peterli, wo uunterbroche vum Schnoddere gschittlet wore isch. Beim Peterli hät de Apetheker die Wundersalbi uusprobiert. Und kum zum Glaube: Ums ummigucke hät die Schnodderei uffghört.
So hond sich denno alli Kinder mit dere Salbi vum Hifinger Apetheker uff s Näsli gsaalbet und hond wieder id Schuel zum Schriebe- und Leselehre gau kinne.

De Borgermoeschter war selli stolz uff sin so gschiede Apetheker und hät ihm e goldini Kette vermacht mit ere Urkunde i me goldige Rahme. „Du häsch en Preis griegt, grieg ich au on ?“ froget eweng iigschnappt und giffizig d Schlangeprinzessin. „Ich vermach dir de würdig Name „Nies nicht mehr“ sait de Apetheker. „Des isch aber schee, dankschee allerbeschtens” sait d Prinzessin, „aber ich dät au no gern bei dir i de Apethek bliibe. Dä gfallts mer doch soo guet.“

De Apetheker überleit und sinnt korz nooch und sait denno: “Wenn du alli andere Schlange dezue überschwätze khaasch, dass die wieder is Hoemetland vu wo sie herkumme sind zruckgond und iis i Ruhe lond, denno kaahsch du bei mir bliibe“.
„Worsch du mir denno au e Glashuus baue mit eme Ascht z Mitt`s drin ?“ froget d „Nies nicht mehr“. Und au des hät de Apetheker versproche.

Do hät sich s Prinzessli „Nies nicht mehr“ uussigschlänglet und alli Schlange aaschwattiert und verzellt, wie scheen es domols im hoemelige Hoemtland war, wo d Sunn uff d Stae gschunne hät und sie im warme Sandbodde pfuuse hond kinne.
Und vor allem dät nähmert meh uuflätig joohle: „ Jeggesmaraije, do liet jo scho wieder so e gruusigs Schlangegwürm“
D Prinzessin hät es so herzig und siess uusmoole kinne, dass alli 332 Schlängli Hoemweh griegt hond und zum Städlitor, zum Peterstörli, uusgwanderet sind und wieder is Hoemetland zoge sind, wo sie sit Hunderte vu Johr wohlig und hoemelig glebt hond.

De Apetheker hät Wort ghaalte und e gross Glashuus baut mit eme Ascht z Mitts dinne,
A dem hät sich s “Nies nit meh” uffi gringle kinne. Obe uff dem Ascht hät de Apetheker all Tag e Häfeli mit frische Milch und eme Aijer drin ännighängt. Des hät s”Nies nit meh” selli möge.

So hät s` Prinzessle vu ihrem Glashuus obe abi alls uusschäche und uusloschore kinne, wa i de Apethek so alls gange isch, und wie die Liit über ihre Breschte gjoomeret hond und mitenand Zagatet und s Neischt us em Städtli verkartet hond.
Und weil sie sich selli wohlgfühlt hät und e frindlichi, weise Schlang war, hät sie im Apeteheker vill hoemlichi gheimnisvolle Rezept verrote.
So isch de Apetheker vu Hifinge wiit über d Boor und de Wälderwaald drübert uussi en aagsehnene und gschätzte, gfrogete, heilkundige Apetheker wore.

Drum hanget sit 1951 s Bild vu de Schlange uff dem Ascht a jedere Apethek als Wohrzeoeche im ganze Land., au z Hifinge Und wer des nit glaubt, der khaa sich mit oegene Auge überzüege. Wo mer e Glashiesli hange sieht mit eme grosse, rote „A“ und ere wiise Schlang drin, wo sich a me Ascht uffischlänglet und us eme Häfeli Milch trinkt, der khaa sicher sii, dass dä alli Breschte und Wehwele mit überlieferte Salbe und Tropfe ghoelet wered.

S „A“ vu de Schlang „Nies nimme“

Amend hät sich de Leser über d Johreszahl 1951 gwunderet. Wa hät so e Johreszahl us em vergangene Johrhundert i me Märli zum sueche. Aber die Zahl han ich mit Absicht aagähe. Sie hät nämli e Gschicht.

Unter de Überschrift „55 Johr Apetheke- A – Johrtag vu me Klassiker“ kahh mer i de „Pharmazeutische Ziiting“ die Sätz lese: „ Laije, Adler, Einhorn und villi andere Markezoeche waret Johrhundert lang die diitliche Hiiwies uff d Heilkunde. Ebbe mit dem „A“ i de Liit aazoeget. Und es stellt des iis allne bekannt hitrig Apethekersymbol dar. Des „A“ uff wiisem Grund , wa nuu im diitsche Apethekerverzoechnis gilt, hät folgende Hintergrund:

Wo am End vu de 1920-er Johr
anstatt Laije, Mohr und Engel e einheitlichs Markezoeche gsuecht wore isch, hät sich uff oenere Siite des Hageda Krietz mit Kelch und Schlange aabote und andersiits hät sich aber des drei Löffel Symbol i me Wettbewerb vu de Verunda Ziiting dorregsetzt.

Noch de Machtübernahm vum Hitler hät de Urheber vum „Drei Löffel Symbol“, de Graphiker Rudolf Weber (1899-1972) e Berufsverbot griegt well sie Bauhaus- Kunscht z mols als entartet golte hät. Au des wiis Kriez uff rotem Grund isch verbote wore, „weil es geeignet sei, s schwiizer Nationalgfühl z verletzte“.

Am 1. Jänner 1937 hät sich des gotisch „A“ mit ere Rune dorregsetzt. Des hät de Reichsapethekerfüher, au des häts gähe, koschtelos a jedi Apethek gschickt, mit de Ufflag, des uugfähr 20 cm gross Zoeche guet sichtbar aazbringe.
Wo mit em End vum 2. Weltkrieg Runezoeche verbote wore sind, hät e neis Wahrzoeche her miesse. Des Symbol mit em Kelch und de Schlange isch wieder ufftaucht und sich i Verbindung mit dem rote „A“ zu dem Wahrzoeche entwicklet, wa uns hit immer no is Aug springt. Die wiiss Schlange do drin isch für mich zum Vorbild für die Schlangeprinzessin „Niess nimmi“ wore. So hät sie vu dankbare Apetheker e ehrends Aadenke überkumme. Sit 55 Johr wieset sie iis de Weag zu de näschte Apethek.

So au do z Hifinge.

Die” Schlange mit der goldenen Krone” wohnte an der Breg. Die Geschichte wurde von Lucian Reich im Hieronymus in Kapitel 2 erzählt:

Das „A” der Schlange Niesnichtmehr

Vielleicht hat sich der Leser über die Jahreszahl 1951 gewundert. Was hat eine solche Angabe aus dem vergangenen Jahrhundert in einem Märchen zu suchen? Doch diese Zahl habe ich mit Absicht genannt, denn sie hat eine Geschichte. Unter dem Titel „55 Jahre Apotheken-A – Geburtstag eines Klassikers” finden sich in der „,Pharmazeutischen Zeitung” die Sätze:

„Löwe, Adler, Einhorn und viele andere Embleme waren jahrhundertelang die klassischen Wahrzeichen der Apotheken”.

Und am Ende heißt es:

„Am 15. Dezember 1951 wurde die Kombinationder beiden klassischen Elemente der Heilkunde mit dem roten A der Öffentlichkeit vorgestellt und stellt das uns allen bekannte heutige Apothekensymbol dar.”

Dieses „A” auf weißem Grund, das es nur in Deutschland als Apothekenwahrzeichen gibt, hat folgenden Ursprung: als Ende der 1920er Jahre statt Löwe, Mohr und Engel in einheitliches Logo gefordert wurde, setzte sich einerseits das Hageda-Kreuz mit Kelch und Schlange durch, andererseits war aber das „,Drei-Löffel-Symbol” als Sieger as einem Wettbewerb der Kundenzeitschrift „Verunda” hervorgegangen.

Nach der Machtübernahme durch Hitler bekam der Schöpfer des „,Drei-Löffel-Symbols”, der Grafiker Rudolf Weber (1899-1972), Berufsverbot, da Bauhauskunst als entartet galt. Auch das weiße Kreuz auf rotem Grund wurde verboten, „da es geeignet war, das schweizerische Nationalgefühl zu verletzen”. 

Am 1. Januar 1937 setzte sich das gotische „A” mit einer Rune durch, das Reichsapothekerführer Albert Schmierer kostenlos an jeden Apotheker übersenden ließ mit der Auflage, dieses etwa 20 cm große Symbol gut sichtbar anzubringen.

Da mit dem Ende de Zweiten Weltkriegs Runenzeichen verboten wurden, mußte ein neues Wahrzeichen gefunden werden. Das Symbol mit Kelch und Schlange tauchte wieder auf und wurde in Verbindung mit dem roten „A” zu dem Emblem, das uns heute wohlbekannt ist. Die weiße Schlange darin wurde für mich zum Vorbild für die Schlangenprinzessin Niesnichtmehr, die vom dankbaren Apotheker ein bleibendes Denkmal gesetzt bekam, das uns schon seit mehr als 55 Jahren den Weg zur nächsten Apotheke weist.

Margrit Vollertsen-Diewerge

Alle Rechte bei  ©Margrit Vollertsen-Diewerge.
Frei in Baarmundart übertragen von ©Hubert Mauz im September 2022.
Illustrationen: Lu Yingying, Kang Yuan, Jing Di, Wang Lei, Zhu Muyet, Yiang Yang, Nguyen Quynh Trang.