Wanderblühten – Das Burgele

Wanderblühten – Das Burgele

2. Januar 2022 0 Von Hannah Miriam Jaag

Heinrich Jansjakob (1837-1916) schreibt in seinem Reisetagebuch, Verlassene Wege unterm 21. Juni 1900:

Ehe ich heute meine Reise fortsetzte, besuchte ich noch einen alten Ehrenmann, der einst in Rastatt mein Zeichenlehrer war – den Maler und Volksschriftsteller Lucian Reich. – Im dritten Stock eines kleinen Häuschens in Hüfingen, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinen Besuch, der dreiundachzigjährige Greis, in dessen Zügen Bitterkeit und Biederkeit sich die Waage halten. – Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. – Unermüdlich ist er aber noch geistig tätig, liest und zeichnet und schriftstellert.

Wanderblühten
aus dem
Gedenkbuche eines Mahlers.
Von
Lucian Reich.

Mit einem Titelblatt von Rudolf Gleichauf und Bildern
von L. Reich,

mit der Feder auf Stein gezeichnet
von
Johann Nepomuk Heinemann.

Karlsruhe.
Herder‘sche Buchhandlung (A. Geßner).

1855

Eingang

Mehrere Freund treffen sich in einer “freundlichen Gartenwohnung am Ende der Stadt” und lesen sich gegenseitig vor. Einer der Herren hat die Idee selber eine Geschichte zu erzählen, die ihm auf Wanderschaft zu Ohren kam.

–“Druf bruckt er ‘s Füür mit de Fingeren abe, und macht ‘s Deckli zu. “Se willi den näumis verzehle,” seit er, und sizt nieder, “doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;” —
Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann

Die erste Geschichte ist die eines alten Herren, des Baschi, den der Erzähler bei einer seiner Wanderschaften in einer alten Friedhofskapelle trifft. Der alte Baschie erzählt, wie er seine Frau, das Burgele, kennenlernte.

Das Burgele

Der Baschi war Zimmermann und hat das Burgele bei Arbeiten an einem niedergebrannten Hof kennengelernt. Aus Unachtsamkeit haut er sich mit dem Breitbeil in die linke Wade. Zum Glück kommt gerade “das Kräuter-Toneli” vorbei, nimmt ein Gläschen mit Kupferwasser und läßt etliche Blutstropfen hinein fallen. Das Glas muss dann bei einer reinen Jungfrau in ihrem Kleiderkasten aufbewahrt werden. Es darf aber weder Sonne noch Mond drauf scheinen. Burgerle nimmt das Gläschen zu sich in ihren Kleiderkasten. Der Baschi ist sehr dankbar, dass sie ihm das Leben gerettet hat. Die Blutung hört sofort auf.

Danach geht der Baschi zu seiner Mutter ihr die Schmutzwäsche zu bringen. Bei der Mutter angekommen blutet das Bein wieder. Die Mutter holt den Scharfrichter-Hans, der auch verstehen würde Blut zu stillen. Der befiehlt zwölf Tage Hausarrest. Und meint, dass das Fläschle mit dem Blut an die Sonne gekommen sei. Baschi wundert sich, dass das Burgele ihm solch einen Streich gespielt hat, der ihm fast das Leben kostet.

Als es ihm wieder besser geht, trifft er an dem Bildstock das Kräuter-Toneli. Toneli erzählt Burgele hätte einen reichen Mann heiraten sollen, aber sie würde ich weigern und nur den Baschi wollen. Dann sei die kleine Schwester an ihren Kleiderkasten und habe das Fläschchen mit dem Blut am Fenster angeguckt. Kräuter-Toneli wurde sofort von Burgele dazu gerufen und konnte Baschi gerade so nochmal retten, sonst wäre er jetzt tot.

Da lässt Baschi dem Burgele Grüße ausrichten. Darauf hin geht das Burgele mit Freundinen nach Tryberg an die Kreuztanne zum beten. Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen. Diese kommt nämlich schon im Kapitel 22 vom Hieronymus vor.

Als das Burgele mit den Freundinnen zurück kommt, wartet der Baschi an dem Bildstock auf sie. Die zwei sprechen sich aus und werden heiraten.

“Und woni gang, go Gresgen oder Wies in Feld und Wald, go Basel oder heim, s’isch einerlei, igang im Chilchhof zu”
Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann

Nach der Geschichte mit dem Baschi und seinem Burgele, entschließen sich die Freunde von nun an Geschichten zu sammeln und aufzuschreiben.

Pilgerfahrten
durch
das Breisgau und den Schwarzwald.

Die Pilgerfahrt beginnt in Staufen an der Johanneskapelle.

“Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.”
Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann

Fortsetzung hier