Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog

Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog

29. März 2022 0 Von Hannah Miriam Jaag

Lucian Reich erzählt hier zuerst eine Unterhaltung mit “einem schriftgeübten Freund und Sohn der Musen” und nennt sich hierbei selbst “Meister Lucian“.

Mater nati fata requirens – die Mutter des Sohnes sucht das Schicksal

Wachse ‘ n und trüeihe
bzw. “Wachset und trüeihet!

Johann Peter Hebel
Das Habermuß
von Johann Peter Hebel

Zwick, so heißt das vordere Ende einer Geißelschnur oder Treibschnur. Das Wort Peitsche wurde damals wohl nicht in diesem Zusammenhang benutzt.

O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht.

Rottweiler Schlinge mit Zwick

Bald schwitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero’,
Verschimmeltes Latein,

Wie glücklich, wenn das Knabenkleid
Noch um die Schultern fliegt!
Nie lästert er der bösen Zeit,
Stets munter und vergnügt.
Das hölzerne Husarenschwert
Belustiget ihn jetzt,
Der Kreisel und das Steckenpferd,
Auf dem er herrisch sitzt.
O Knabe, spiel und laufe nur,
Den lieben langen Tag,
Durch Garten und durch grüne Flur
Den Schmetterlingen nach.
Bald schwitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero
Verschimmeltes Latein!


“Die Knabenzeit”
von Ludwig Heinrich Christoph Hölty (1748-1776)

Engel und Teufel

Lucian Reich beschreibt hier ein altes Kinderspiel:

Die Kinder sitzen im Kreis, eines teilt die Farben oder Blumen aus, ein anderes stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum anderen und sagt ihm ins Ohr: du bist eine rote Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke und so weiter.
Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt es: du bist ein Schlehenbusch, du eine Brennessel, du ein grüner Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. – Wer ist drauß’? fragt die Austeilerin. – Der Engel mit dem Schein. – Herein. – Was hätt Er gern? – Eine Farb’. – Was für eine? – Eine weiße Rose. – Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel –
Den macht unser Konrad?
Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappdeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. – Wer ist drauß? – Der Teufel mit der Schürgabel. – Was hätt’ er gern? – Nun bekommt auch der Teufel seinen Anteil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappern entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz allen Ratens nicht auf die rechte Farbe kommen kann.

In dir ruht Herr! mein ganz Gemüthe.

“Keine Kohle, kein Feuer
Kann brennen also heiß,
Wie stille heimliche Liebe,
Die Niemand nicht weiß”

Volkslied

Darauf legt Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschicht an, wie folgt.

Fortsetztung hier:

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