S’Rotkäppli von Gottried Schafbuch aus dem Jahr 1970
Alemannisch
Alemannentagung
Niklas Grüninger über ein besonderes Phänomen im Alemannischen
29. April 2025 von Niklas Grüninger
Hallo liebe Mundelfinger,
im letzten Jahr habe ich für mein Studium in Germanistik eine Masterarbeit über ein besonderes Phänomen im Alemannischen geschrieben und die dabei gewonnenen Ergebnisse auf der Alemannentagung in Bern vorgestellt. Ich freue mich nun sehr darüber, dass ich euch ebenfalls ein wenig über die Ergebnisse der Arbeit berichten kann und hoffe sehr, dass dasThema für euch interessant ist. Ich habe versucht, alle Fachbegriffe verständlich darzustellen und auch einige Beispiele aus unserem Dialekt darzustellen.
Da ich vor einer Woche eine Doktoratsstelle in Dialektologie an einem Graduiertenkolleg begonnen habe, werdet ihr im Laufe des nächsten Jahres sicher noch einmal von mir hören.
Wenn es dann so weit ist und ich nach Versuchspersonen suche, würde ich mich sehr darüber freuen, den Großteil meiner Forschung mit Mundelfingern durchzuführen zu können, um unseren Mundelfinger Dialekt in allen Altersgruppen weiter zu erforschen.
Einleitung
Einleitung
Das Thema meiner Masterarbeit war ‚Wahrnnehmungsimperative im Alemannischen – Methoden zur Beschreibung und Analyse lexikalischer Variation‘. Was erst einmal relativ kompliziert klingt, bedeutet im Grunde, dass ich mich für diejenigen Wörter interessiert habe, mit denen man andere dazu auffordert, etwas anzuschauen. Obwohl bei uns in Mundelfingen dafür vor allem ‚guck‘ verwendet wird, kennen wohl alle von uns auch die Variante ‚lueg‘, die in weiten Teilen des Raums Waldshut-Tiengen üblich ist. Auch das für uns hochdeutsch klingende ‚schau‘ kommt öfters vor allen bei den jüngeren Dialektsprechern vor. Im Prinzip und auch laut der aktuellen Forschung wird angenommen, dass diese drei Aufforderungen ein
und dasselbe bedeuten: jemand soll sich etwas Bestimmtes anschauen.
Die These, die ich für meine Masterarbeit erforscht habe, war jedoch, dass diese drei Varianten in denjenigen Räumen, in denen man alle drei gleichzeitig benutzt, unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen aufweisen. Um dies herauszufinden, habe ich 130-Stunden langes Videomaterial aus Gesprächen zwischen Eltern und Kindern aus dem hochalemannischen Raum analysiert und verschiedene sprachliche Aspekte herausgearbeitet, mit denen es möglich ist, vorauszusagen, welche Variante wann vorkommt. Obwohl die Daten zum Großteil aus dem Raum WT stammen, können die Ergebnisse trotzdem auch auf unser Mulläfingerisch bezogen werden.
Trockene Zahlen
Da das Spektrum der sogenannten ‚Variationslinguistik‘ stark auf Statistik aufbaut, musste ich während meiner Forschung viel mit Zahlen, Prozenten und Wahrscheinlichkeiten arbeiten.
Diese trockenen Zahlen sind an sich wenig interessant und ich werde im folgenden Beitrag versuchen, die Ergebnisse so gut wie möglich ohne zähe Statistiken darzustellen. Was allerdings interessant ist, sind die sogenannten ‚Tokenzahlen‘, also die Gesamtanzahl der Vorkommen von ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ im kompletten Videomaterial. ‚Lueg‘ wurde dabei mit 1475 Vorkommen am häufigsten benutzt, aber auch ‚guck‘ (336 Vorkommen) und ‚schau‘ (224 Vorkommen) waren relativ häufig anzutreffen.
Teil 2
Lautliche Einflüsse
Der erste Aspekt, den ich in meiner Arbeit untersucht habe, waren die lautlichen Einflüsse der drei Varianten ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘. Hier hat sich gezeigt, dass unser Dialekt zwei seh spezielle ‚Vorlieben‘ hat, die dafür sorgen, dass Sprecher des Alemannischen die Varianten so auswählen, dass deren lautliche Umgebung gewissen Regelmäßigkeiten folgt.
Die erste spezielle Eigenschaft unseres Dialekts ist, dass wir es nicht mögen, wenn ein sogenannter Hiatus zwischen Zwei Wörtern besteht: wir vermeiden es so gut wie möglich, ein Wort, das vokalisch endet (z.B. ‚schau‘) mit einem Wort zu kombinieren, das vokalisch anfängt (z.B. ‚einmal‘). Diese Regel erklärt, weshalb für uns das Wort ‚schau‘ hochdeutsch klingt: wir vermeiden es, da die Gefahr besteht, dass ein Hiatus entsteht. Und tatsächlich haben die Sprecher im Videomaterial ‚schau‘ extrem selten verwendet, wenn darauf ein Vokal folgt; stattdessen wurde häufig ‚lueg‘ verwendet, um diesen Hiatus zu vermeiden.

Interessant zu wissen ist auch, dass wir alle ganz unbewusst eine Strategie verwenden, um diese zwei aufeinandertreffenden Vokale zu ‚überbrücken‘. Bei dieser Strategie (hiatustilgendes ‚n‘) fügen wir zwischen zwei Vokalen ein ‚n‘ ein, das den Hiatus zwischen den Wörtern verhindert. Stellt euch mal vor, wie ihr folgendes im Dialekt sagen würdet: „Ich bin gestern gegangen.“ Viele haben jetzt wohl so übersetzt: „Ich bi geschtert gangä.“ Hier fällt auf, dass ‚bin‘ in unserem Dialekt eigentlich kein ‚n‘ hat und wenn jemand statt ‚ich bi‘ ‚ich bin‘ sagt, fällt sofort auf, dass diese Person wohl Hochdeutsch spricht. Stellt euch jetzt aber mal vor, ihr wollt den gleichen Satz als Frage formulieren: „Bin ich gestern gegangen?“
Die allermeisten haben für diese Frage wohl die beschriebene Strategie benutzt und ein ‚n‘ eingefügt, damit zwischen ‚bi‘ und ‚ich‘ kein Hiatus entsteht: „Bi–n–i geschtert gangä?“.
Diese Strategie verwenden wir überraschend oft und vielleicht fällt euch in Zukunft manchmal auf, dass ihr in Gesprächen oft ein zusätzliches ‚n‘ einfügt. Einige fragen sich jetzt sicher auch, weshalb wir ‚ich‘ manchmal mit ‚ch‘ aussprechen und manchmal ohne. Diese Frage kann mit der zweiten lautlichen Eigenschaft unseres Dialektes erklärt werden.
Teil 3
Wie im vorherigen Kapitel bereits angedeutet wurde, kombinieren Sprecher ‚guck‘ ebenfalls sehr selten mit Vokalen, obwohl ‚guck‘ eigentlich mit einem Konsonanten endet und somit keinen Hiatus verursachen kann. Hier kommt die zweite Eigenart unseres Dialekts ins Spiel: die sogenannte ‚Resilbifizierung‘. Der bekannteste Dialektologe Deutschlands Peter Auer hat einmal zwischen „Akzentsprachen“ und „Silbensprachen“ unterschieden. Hochdeutsch tendiert allgemein zu den Akzentsprachen: Wörter werden klar voneinander abgetrennt und mit einem besonderen Laut, dem glottalen Plosiv, voneinander abgegrenzt; so würde ‚luge einmal‘ durch diesen besonderen Laut vor dem ‚e‘ in ‚einmal‘ klar in zwei Wörter unterteilt.
In unserem Dialekt gibt es diesen Laut allerdings nicht, weshalb das Alemannische (wie z.B. das Französische) zu den Silbensprachen tendiert und verschiedene Wörter ‚resilbifiziert‘, also nicht nach Wortgrenzen, sondern nach Silben trennt. Versucht mal, im Hochdeutschen ‚luge einmal‘ nach Silben zu trennen. Hier hätten wir vier Silben: „lu-ge ein-mal“. Und jetzt versucht, das gleiche mit unserem Dialekt (‚lueg ämol‘) zu machen. Jetzt müsste euch aufgefallen sein, dass wir diese Zwei Wörter verschmelzen und nur drei Silben haben: ‚lue- gä-mol‘ – das ist diese spezielle ‚Resilbifizierung‘. Mit dieser Regel kann ebenfalls erklärt werden, weshalb ‚guck‘ seltener mit Vokalen vorkommt als ‚lueg‘. Bei ‚lue-gä-mol‘ endet die erste Silbe mit einem schön lautenden doppelten Vokal, einem sogenannten Diphthong. Wenn wir das gleiche mit ‚guck‘ machen, entstehen folgende Silben: ‚gu-ckä-mol‘. Hier endet die erste Silbe auf einem kurzen einfachen Vokal, was sich wesentlich weniger schön anhört.
Das hat seine Gründe: Silben, die mit zwei Vokalen oder einem langen Vokal enden, heißen ‚schwere offene Silben‘, während ‚leichte offene Silben‘ mit einem kurzen Vokal enden. In unserem Dialekt versuchen wir beim Verschmelzen von Wörtern, so oft wie möglich schwere offene Silben an Wortenden zu haben, weshalb sich ‚lueg ämol‘ schöner anhört als ‚guck ämol‘. Zurück zur Frage, weshalb wir manchmal ‚ich‘ und manchmal einfach nur ‚i‘ sagen.
Wenn wir Wörter verschmelzen, versuchen wir, wenn nur irgend möglich, die Struktur ‚Konsonant-Vokal‘ bzw. ‚CV‘ einzuhalten. Bei ‚Ich bi gangä‘ kommt es nicht zu Wortverschmelzungen bzw. Resilbifizierungen: ‚Ich – bi – gang – ä.‘ Wenn wir es allerdings wieder umstellen, kommt es wegen des hiatustilgenden ‚n‘ zu einer Wortverschmelzung zwischen ‚bin‘ und ‚ich‘: ‚Bi-ni gang-ä?‘ Bei der Wortverschmelzung fällt nun auf, dass die ersten zwei Silben jetzt strikt dem Muster ‚Konsonant-Vokal‘ folgen, was nicht mehr der Fall wäre, wenn wir ‚ich‘ mit ‚ch‘ aussprechen. Und genau aus diesem Grund sagen wir nur ‚i‘ in diesen speziellen Fällen, während wir ‚ich‘ sagen, wenn keine Wortverschmelzung vorliegt.
Als Schlusswort dieses Teils lässt sich also sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man ‚lueg‘ verwendet, stark erhöht ist, wenn darauf ein Vokal folgt, während ‚guck‘ und ‚schau‘ wahrscheinlicher vor Konsonanten vorkommen.
Die sogenannten Modalpartikeln ‚mal‘ (‚mol‘) und ‚einmal‘ (‚ämol‘)
Teil 4
Die drei Varianten ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ haben eine Gemeinsamkeit, die sie von anderen Wortarten unterscheidet: sie alle kommen häufig mit den Wörtern ‚mal‘ oder ‚einmal‘ vor.
Die Fragen, die sich hier stellen, lauten: Weshalb kommen die Varianten manchmal mit diesen Wörtern vor und manchmal nicht? Warum bestehen so große Unterschiede in den Statistiken zwischen den Varianten? Und welche Funktionen haben die Modalpartikeln ‚mal‘ und ‚einmal‘?
Bevor ich diese Fragen beantworte, erst einmal zu den grundlegenden Zahlen: Allgemein kommen ‚schau‘ und ‚lueg‘ häufiger mit ‚mal‘ oder ‚einmal‘ vor als nicht, während ‚guck‘ viel seltener mit diesen Wörtern vorkommt.

Wenn wir uns nun anschauen, wie häufig die Varianten mit ‚mal‘ und wie häufig mit ‚einmal‘ vorkommen, fällt auf, dass fast nur ‚lueg‘ mit ‚einmal‘ vorkommt.

Diese Unterschiede sind sehr groß und deuten bereits darauf hin, dass hier irgendeine bestimmte Systematik dahinterstecken muss. Um das herauszufinden, müssen wir erst einmal wissen, was man bereits über ‚mal‘ und ‚einmal‘ weiß.
Überraschenderweise sind sich viele Forscher noch nicht ganz einig darüber, was diese beiden Wörter ‚mal‘ und ‚einmal‘ eigentlich genau bedeuten. Während einige sagen, dass diese Wörter eine Aufforderung höflicher machen, sagen andere, dass man sie nur benutzt, wenn man ausdrücken will, dass die Aufforderung nur einmalig ist. Für meine Arbeit bin ich davon ausgegangen, dass man ‚mal‘ und ‚einmal‘ immer dann an ‚guck‘, ‚lueg‘ oder ‚schau‘ anhängt, wenn man auf etwas sehr Wichtiges oder Neues hinweisen will.
Um herauszufinden, ob das auch stimmt, habe ich geschaut, ob nach den Aufforderungen etwas mit einem unbestimmten Artikel (‚ein‘, ‚einer‘, ‚eine‘) oder mit einem bestimmten Artikel (‚der‘, ‚die‘, ‚das‘) eingeführt wird; wenn ein unbestimmter Artikel verwendet wird, wird etwas Neues eingeführt und es müsste entweder ‚mal‘ oder ‚einmal‘ benutzt werden, während die bestimmten Artikel etwas bereits Bekanntes beschreiben. Und tatsächlich hat meine Analyse gezeigt, dass ‚mal‘ und ‚einmal‘ fast ausschließlich verwendet werden, wenn unbestimmte Artikel folgen, also etwas Neues eingeführt wird.
Teil 5
Es hat sich aber noch eine weitere Funktion von ‚mal‘ herausgestellt, die vor allem von Kindern verwendet wird, wenn sie die Aufmerksamkeit einer anderen Person wollen. Wenn ein Kind etwas gefunden hat oder etwas zeigen will, verwendet es häufig Wiederholungen:
‚Papa, papa, schau mal, schau mal, schau mal.‘ Stellt man sich nun vor, dass ein Kind dasselbe macht, allerdings ohne ‚mal‘, hört sich das auf jeden Fall unnatürlicher an. ‚Mal‘ kann also auch verwendet werden, wenn zwar nichts Neues eingeführt wird, man allerdings die Aufmerksamkeit eines anderen auf sich ziehen will, was bei Kindern sehr häufig vorkommt.
Nun stellt sich noch die Frage, weshalb vor allem bei ‚lueg‘ zwischen ‚mal‘ und ‚einmal‘ unterschieden wird. Natürlich spielt hier auch wieder die lautliche Thematik eine Rolle: da nach ‚lueg‘ viel häufiger Vokale vorkommen als bei ‚schau‘ und ‚guck‘, macht es natürlich Sinn, dass ‚einmal‘ vor allem nach ‚lueg‘ vorkommt. Allerdings erklärt das nicht, weshalb auch ‚mal‘ nach ‚lueg‘ vorkommt. Der Grund für diese Unterscheidung hat sich als sehr vielfältig herausgestellt und soll in einem späteren Teil ausführlicher dargestellt werden.
Bezogen auf die Thematik dieses Artikels hat sich allerdings schon eine Facette herausgestellt. Stellt euch vor, ihr wollt jemandem etwas zeigen, das sich gerade bei euch im Raum befindet. Und versucht jetzt, diese Sache einmal mit ‚guck mol …‘ und einmal mit ‚guck ämol …‘ zu beschreiben. Wenn euch jetzt aufgefallen ist, dass nach ‚ämol‘ automatisch und unbewusst eine längere Sprechpause eingefügt wird als nach ‚mol‘, macht ihr das gleiche, was ich in meiner Arbeit herausgefunden habe. Wenn ich sage ‚guck mol – än Stift‘, würden ich und die Sprecher in den Videos spontan keine bzw. eine sehr kurze Pause zwischen ‚mol‘ und ‚än‘ einfügen. Wenn ich allerdings sage ‚guck ämol – än Stift‘, ist diese Pause wesentlich länger. Das liegt daran, dass ‚einmal‘ einen Suchauftrag beinhaltet, der bei ‚mal‘ nicht vorhanden ist: wenn man ‚guck ämol‘ sagt, gibt man der anderen Person Zeit, die Sache, auf die man hinweisen will, selbst zu finden. Bei ‚guck mol‘ geht es allerdings nur darum, die Aufmerksamkeit auf die Sache zu lenken, wobei die Suchanforderung wegfällt. Und wer sich gedacht hat, dass man dem Gefühl nach nach ‚ämol‘ eher längere Sätze wie ‚… do isch än Stift‘ einfügen würde als nach ‚mol‘, hat auch schon eine kleine Vorschau auf ein späteres Kapitel.
Als Schlusswort dieses Artikels kann also gesagt werden, dass ‚guck‘ dazu tendiert, Sachen wieder in den Fokus zu rücken, die bereits bekannt sind. ‚Schau‘ wird häufig von Kindern verwendet, wenn sie die Aufmerksamkeit einer anderen Person haben wollen. ‚Lueg‘ hat die Funktion, neue Sachen hervorzuheben und beinhaltet häufig Suchaufträge, die Spannung bei der anderen Person erzeugen sollen.
Deiktika: Die Wörter ‚so‘, ‚da‘, ‚dort‘, ‚der‘ …
Teil 6
Im Laufe meiner Arbeit bin ich auf etwas sehr Unerwartetes gestoßen: ‚lueg‘ wird wesentlich öfter (12%) mit dem Wort ‚so‘ kombiniert als ‚guck‘ (2,08%) und ‚schau‘ (1,34%). Das bedeutet, dass ‚so‘ in irgendeiner Weise mit ‚lueg‘ verbunden ist, die es wahrscheinlicher macht, dass beide zusammen auftreten. Um dieser Frage nachzugehen, muss zuerst klargestellt werden, was das Wort ‚so‘ in Verbindungen mit ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ überhaupt für Funktionen haben kann. Einerseits kann ‚so‘ als sogenannter Operator bzw. Diskursmarker fungieren, auf was im nächsten Kapitel näher eingegangen werden soll.
Andererseits gehört ‚so‘ zur Gruppe der sogenannten Deiktika. Dieser Fachbegriff beschreibt alle Wörter, die in ihrer Bedeutung eine Zeigegestik beinhalten; wenn man zum Beispiel sagt ‚guck da‘, erwartet der Hörer automatisch, dass eine Richtung vom Sprecher vorgegeben wird. Zu diesen Deiktika gehören üblicherweise die Demonstrativa, also die Wörter ‚da‘, ‚dort‘, ‚der‘, ‚die‘, ‚das‘ etc,, aber eben auch das Wort ‚so‘. Was dieses Wort allerdings so besonders macht, ist, dass es immer automatisch auf die Position des Sprechers zeigt. Wenn man jemandem sagt ‚gucke so‘, weiß der Hörer automatisch und ohne Zeigegeste, dass er die Aufmerksamkeit auf den Sprecher richten soll. Dabei verwendet man ‚so‘ in diesem Kontext immer dann, wenn man einer anderen Person zeigen will, in welcher Art und Weise etwas
gemacht werden muss. Zum Beispiel wird der Trainer im Fußballverein beim Training häufiger etwas sagen wie: „Guckt, so müsst ihr das machen.“ Ohne dass der Trainer jetzt mit seiner Hand auf sich selbst zeigt, wird jedem Spieler aufgrund des Wortes ‚so‘ sofort klar sein, dass man den Trainer beobachten soll.

Teil 7
Was aber, wenn nun ein Spieler einen anderen Spieler darauf hinweisen will, den Trainer zu beobachten? Selbst wenn dieser Spieler sagen würde ‚guck, so macht das der Trainer‘, würde der Hörer trotzdem denken, er solle den Sprecher anschauen und nicht den Trainer. Hier kommen sogenannte ‚W-Termsätze‘ ins Spiel, die in gewisser Hinsicht ein Gegenstück zu den Deiktika sind. An sich ist ‚guck so‘ gleichbedeutend mit ‚guck, wie ich das mache‘ bzw. ‚guck, was ich mache‘. Und nur diese Konstruktion kann auch in unserem Beispiel verwendet werden: ‚guck, was der Trainer macht‘ bzw. ‚guck, wie der Trainer das macht‘. Das gleiche Prinzip gilt auch für alle anderen Zeigewörter. Warum aber ist dann das Verhältnis des Wortes ‚so‘ derart unterschiedlich?
Angenommen die beiden Arten Deiktika (‚gucke so‘) und W-Termsätze (‚guck, wie der das macht‘) sind Gegenstücke, so müsste eine gewisse Systematik zwischen deren Vorkommen bestehen. Und tatsächlich hat sich gezeigt, dass folgender Trend besteht: je öfter Deiktika verwendet werden, desto seltener kommen W-Termsätze vor. Und noch weiter: das Wort ‚so‘ steht in einer starken Konkurrenz mit den Demonstrativa ‚der‘, ‚das‘ und ‚die‘. Dieses Ergebnis wurde bisher noch nicht in der Forschung beschrieben und könnte vor allem im Hinblick auf unseren Dialekt neue Erkenntnisse bringen.

Alles zusammengenommen kann also eine Konkurrenz zwischen allen Wörtern und Sätzen gezogen werden, die die Aufmerksamkeit des Hörers auf eine Position ungleich dem Sprecher richten und denen, die die Aufmerksamkeit auf die Position des Sprechers richten. So hat sich letztlich gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ‚lueg‘ auftritt, um mehr als das 11-fache erhöht ist, wenn die Aufmerksamkeit auf die Sprecherposition gerichtet wird.
Diskursmarker: Wenn ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘ nichts mit sehen zu tun haben
Teil 8
Nun hat das Wort ‚so‘ allerdings noch eine zweite große Funktion, und zwar die als Diskursmarker. Dieses Konzept zu erklären, kann ganz schön lange und kompliziert werden, weshalb ich versuche, es mit einem Beispiel zu verbildlichen. Wenn jemand sagt ‚guck so‘, ist wie beschrieben klar, dass der Sprecher will, dass man ihn beobachtet. Wenn man jetzt allerdings sagt ‚so, guck ämol, jetzt messä mo überlegä, wie mos machäd‘, hat das Wort ‚so‘ klar eine andere Funktion und auch das Wort ‚guck‘ bedeutet nicht mehr unbedingt, dass man etwas beobachten soll. Im zweiten Beispiel fungiert ‚so, guck ämol‘ als sogenannter Diskursmarker. Diese Diskursmarker werden benutzt, um die Aufmerksamkeit des Hörers nicht auf eine beobachtbare Sache zu richten, sondern auf das, was man danach sagt. Und
genau diese Funktion ist bei ‚guck‘, ‚lueg‘ und ‚schau‘ relativ weit verbreitet. Wenn man sich nun wieder die unterschiedlichen Zahlen und Anteile zwischen den drei Wörtern als Diskursmarker anschaut, sticht erneut ‚lueg‘ heraus, das mit Abstand am häufigsten als Diskursmarker verwendet wird. Darüber hinaus überschreitet der Diskursmarkeranteil von ‚lueg einmal‘ die erwarteten Anteile um über das Doppelte, was eindeutig beweist, dass Sprecher zwischen ‚lueg mal‘ und ‚lueg einmal‘ unterscheiden, um anzuzeigen, dass ein Diskursmarker verwendet wird.

Dieses Ergebnis hängt mit den Ergebnissen von Teil 3 zusammen. Erinnert ihr euch, dass man nach ‚guck ämol‘ instinktiv eine längere Sprechpause macht als nach ‚guck mol‘? Typisch und charakteristisch für Diskursmarker ist, dass sie durch Sprechpausen von dem abgegrenzt werden, was danach gesagt wird. Somit kann also gesagt werden, dass ‚lueg einmal‘ bzw. in unserem Fall ‚guck ämol‘ instinktiv als Diskursmarker aufgefasst wird, der durch Sprechpausen erkenntlich wird.
Grammatik und Satzbau: Was für Sätze werden für ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ benutzt?
Teil 9
Der letzte von mir untersuchte sprachliche Einfluss betrifft die Grammatik und die Länge der Sätze, in denen ‚guck‘, ‚lueg‘ und ‚schau‘ benutzt werden, denn es macht einen Unterschied, ob der Satz minimal (‚Gucke!‘) oder maximal (‚Dort vorne, guck, was der macht!‘) besetzt ist. Auch stellt sich die Frage, ob es Regelmäßigkeiten zwischen den drei Wörtern gibt und ob sie eher am Anfang, in der Mitte oder am Ende des Satzes stehen. Erneut hat sich gezeigt, dass sich die drei Wörter stark voneinander unterscheiden: ‚guck‘ kommt am häufigsten in minimalen Sätzen vor (36,9%), gefolgt von ‚schau‘ (20,54%) und ‚lueg‘ (12,88%). Diese Zahlen spiegeln die bereits gewonnenen Ergebnisse wider, da vor allem ‚lueg‘ mit dem Wort ‚einmal‘ komplexere Sachen anzeigt als ‚guck‘, das häufig auf bereits Bekanntes hinweist.
Weiter noch zeigen die Zahlen, dass in diesen Minimalsätzen das Wort ‚mal‘ wesentlich
häufiger vorkommt als in größeren Sätzen.

Aber was bedeutet das nun? Dass die minimalen Sätze häufiger das Wort ‚mal‘ aufweisen deutet darauf hin, dass es vor allem bei ‚guck‘ möglich ist, die Sache, die man zeigen will, durch die sprachliche Zeigegestik von ‚mal‘ zu ersetzen, womit dieses Wort eine Art Platzhalterfunktion erfüllt. Dementsprechend ist zu erwarten, dass das Wort ‚mal‘ weggelassen werden kann, wenn das Objekt beschrieben wird (‚guck, do isch der Stift‘), allerdings nicht, wenn nur darauf gezeigt wird (‚guck mol‘). Somit würde ‚mal‘ auch in denen Fällen Neues beschreiben, in denen die Sache nicht sprachlich beschrieben wird.

So kompliziert das obige Schaubild wirken mag, so beweist es generell erneut die Ergebnisse, die in den anderen Teilen bereits beschrieben wurden. ‚Schau‘ und ‚lueg‘ können kaum Sätze ohne ‚mal‘ bilden, ‚guck‘ aber schon, was beweist, dass ‚guck‘ stark dazu tendiert, auf
Bekanntes zu zeigen. ‚Schau‘ weist die häufigsten minimalen Sätze mit ‚mal‘ auf (‚Schau mal!‘), was ebenfalls damit zusammenhängt, dass diese Konstruktion häufig von Kindern verwendet wird, um Aufmerksamkeit zu erregen. ‚Lueg‘ bildet am häufigsten komplexe und lange Sätze, was alle bisher beschriebenen Tendenzen bestätigt, aber auch zeigt, dass dieses Wort häufig von Erwachsenen verwendet wird.
Hauptergebnisse und Schlusswort
Teil 10
So, und was sind nun die größten Hauptergebnisse meiner Arbeit? Ganz allgemein hat meine Arbeit bewiesen, dass die drei Varianten ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘ unterschiedliche Funktionen haben und nicht, wie bisher beschrieben, bedeutungsgleich sind. Diese Diversität an Möglichkeiten ist einzigartig in unserem Dialekt, da nirgendwo anders in Deutschland alle drei Varianten verbreitet sind und zusammen vorkommen. Ebenfalls lässt sich allgemein sagen, dass es möglich ist, die Auftretenswahrscheinlichkeit aller drei Wörter anhand verschiedener sprachlicher Eigenschaften vorherzusagen. Das bedeutet, dass wir in unserem Dialekt (auch wenn diese Sachen eher im Raum WT liegen) unbewusst zwischen mehreren Varianten eines Wortes unterscheiden und instinktiv die passende Variante im passenden
Kontext verwenden, was im Hochdeutschen so gut wie nicht vorhanden ist.
Dabei passen wir die Wahl der Variante ganz ohne viel Nachdenken an verschiedenste Faktoren an: lautlich passen wir darauf auf, dass kein Hiatus entsteht und die richtige Silbenstruktur vorliegt. Wir kombinieren sie mit den Wörtern ‚mal‘ und ‚einmal‘ je nachdem, was wir zeigen oder erreichen wollen. Wir passen die sprachliche Zeigegestik an, um zu unterscheiden, ob auf den Sprecher oder auf etwas ungleich dem Sprecher gezeigt wird. Wir verwenden die Varianten metaphorisch als Diskursmarker und passen unsere Sprache so an, dass der Hörer genau weiß, dass es sich um einen Diskursmarker handelt. Und wir variieren die Länge und Komplexität unserer Sätze je nachdem, was wir mit welcher Variante erreichen wollen – und all das ohne jemals irgendwelche Regeln gelernt zu haben, einfach aus dem
Bauch heraus, wie wir es von Kind an von unseren Eltern und Großeltern gelernt haben.
Ich bedanke mich vielmals für euer Interesse und hoffe, dass ihr meinen Beitrag trotz aller
Fachbegrifflichkeiten spannend fandet.
Alemannisch word nit untergau und wenn doch, erfahret ihr’s im Hieronymus z’erscht
Originalartikel vom 20. Juni 2021
Teil 2 und Vorspann – Teil1 gibs hier
Im vergangene Herbscht han i zmol en Aaruef und e mail vum Linguistsiche Institut vu de Uni Sidney, z Auschtralie dä dunne griegt. En Carl Bodnaruk sait, er heb Vorfahre z Konschtanz und z Friborg, wär au scho dä gsi und dät passabel Diitsch schwätze und au eweng Alemannisch. Des mit em passabel han i glii i sauguet ummodle miesse. Er wet also e Studiearbet, e Bachelorarbet, über die Alemannisch Mundart schriebe, ob ich ihm do eweng helfe kinnt. De ganz Herbscht und Winter hät sich en aagregte mail- ping-pong ergähe. Denno han i lang nint me ghert. Uffs mol kunnt Aafang Juni en lange Studierodel über fascht 60 Siite mit Graphike, Karte und wisseschaftliche Erläuterungen.
(Wunderfitzigi könnet die Arbet i Englisch hier haan).
Selli uffschlussriich und au erstuunlich sind die umfangriiche ziemli uubekannte Quelleaagabe, wo er aagieht.
De Carl Bodnaruk sait, dass s Alemannisch grad i de grössere Städt dorch Überlagerung vu de schriftsprochliche Zuwanderer, em Mangel a technischem, wirtschaftlichem, buchsproochlichem Wortschatz und de Überalterung vu de Mundartsproochler schwer am himbelle sei. Uff de Dörfer und de kleiner Gmonde seis no eweng besser durch stärker glebts Brauchtum und Gselligkeit. Des alls hät er mit Frogeboge a 100 Mundartler uusgwertet und i Tabelle und Fieberkurve uusgschafft. En kleine Mangel dürft es haa, weil er glaub hauptsächlich Alemanne und Liit über 60 Johr befrogt hät. Uffschlussriicher wärs no, wenn er au Buechsprochler i de verschiedene Altersgruppe und au die Jüngere i allene Lebensalter gforgt het. Au wär en Bezug zu de Berufliche und de Gsellschaftliche Beziehunge wichtig, also die Demographie vu de Befrogte.
Es stimmt zwar scho alles, aber ich sag, es liiht haupsächlich a iiserem mangelnde und vernochlässigte Selbsbewustsii. Scho wo die Flüchtlingswelle us Pommern, Ostpreussen, Schlesie und em Sudeteland uff ganz Westdiitschland notwendigerwies aagschwappt isch, hond d Alemanne eweng s Knick iizogge und hond sich eher dene Neubürger schriftsproochlich aapasst. Dezue kumme isch, dass s Handwerk, de Handel und d Landwirtschaft sich radikal veränderet, mechanisiert, technisiert und nationalisiert hät. Me hät nimme nu uff de Boor oder z. Bade iikauft, bstellt und gschäftet, sondern mit ganz Diitschland, bald au mit ganz Europa und hitzutags au uff de ganze Welt. Natierli bruucht mer für Werkziig, Zubehöhr, Maschine, Computer und i de Wisseschaft ganz andere Wörter und Begriff wie i de alte Mundart. Und so sterbet alte, altbachene, klassische Mundarwörter ganz „natürlich“ uus. Des war aber scho immer so mit iisere eigentlich kelto- romanische Sprooch. Sie war und isch ständig im Wandel. Wandel hoesst aber au Umbau, Verändere, aber au Uffbau uff de alte Wert und Begriff. Weil des so ransant im digitale, globale Ziitalter goht, glaube mir, dass d Mundart uusstirbt. Sie veränderet sich schnell und so stark wie no nie. Wenn mir Alemanne, und dodezue ghöret aber au die Zuegroosste, die diitsche- und internationale Seconos- und Tricondos, uff dere lokal lebendige Mundart uffbauet, bliibt die modernisiert Mundart erhalte und für uuswärtige erkennbar und für iis selber e Markezoeche, e Eigeart uff die mer stolz sii khaa. Und sie bliibt denno au e Markezeiche für e Region, e Landschaft, e kennzeichnende Gschäftswelt. Gern erinnere ich mich a den Lehrbue us de Appruzze, der die bescht Villinger Mundart gschwätzt hät, oder den anatolische Gastronom us Briilinge, der broeter Baaremrisch schwätz, wie die meischte Briilinger. Oder de Christian Streich, der es ferig bringt, i Alemannisch sogar wieder am Fernseh, im Rundfunk und de Presse wieder „Hof z halte“. Es liit also a iis. Wenn mir oegsinnig und selbsbewusst unsere Zweisproochigkeit lebet, uns nit zu Uugebildete wege dere „putzigen“ Sprooch degradieret lond, denno verhebts no lang. D Schwiezer hond des gschafft, weils sies uuverboge lebet und nint aabrenne liond. „So wie mer s halt triebt, so hät mers“, en uralte Mundartspruch.
De Kummer: D ́ Lesbarkeit
Oe Schwierigkeit hommer allerdings, die hond aber au alle Mundarte: D Lesbarkeit. Mir waret, mit ganz wenige Uusnahme bei de Mundartdichter, no nie uff lese vu Mundart „konditioniert“, also iigstellt, iiguebt. Des Mundarschriftbild isch nit i iiserm Bildspeicher. Usserdem schriebt jeder Mundartschrieber anderscht, im Satzbau, im Sproochbild und i de Uussprooch. Wichtig isch, dass mer Mundart möglichscht vum Klangbild her schriebt, vum gsprochen, vum ghörte Wort. Also rein vum Klangbild i de Ohre und im Wort- „Laut“. I schwierig uusprechbare Sprooche wie französisch und Englisch gihts e klar iigführte phonetsiche Schrift. Des wär e Möglichkeit, aber weder nötig no bruuchbar. Weil für jede Mundartgegend , wie Hegau, Breisgau, Baar, Elsass e oeges Darstellungssystem nötig wär. Drum isch die Idee nit bsunders guet. Es bliibt nint anders übrig wie Klanggerecht z` Schriebe. Im Hieronymus, oder i de Eschinger Mundartrunde vu de Bürgerstiftung, setzt mer uff Vorläse. So khaa jeder beim Lese des gsproche Gschichtle au mitlese und kunnt so besser i die Mundartleserei inni. Villi bestätiget, dass mer denno dorchuus inni kunnt. Leider sterbet au die Stammtisch, die Fasnetfestle und die Vereinsuusflieg, dä wo meischtens Mundart gschwätzt word, immer meh uus. Des waret die beschte Bewahrer vu de lokale Mundart. Usserdem erhöht de Sproochklang die sowieso netter Poesie vu de Mundarte gegenüber em Buechsprochliche. Der folgend Spruch sait dodezue alles:
I de Mundart sehnet d` Ohre besser
Martin Graff
Alemannisch word nit untergau und wenn doch, erfahret ihr`s im Hieronymus z` erscht
Jede Dunschtig Obet isch uff Bayern 1 de Kultspruch vum Ringelstetter z Höre. Nu dass er statt Alemannisch „Bayern“ sait und statt Hieronymus „Bayern1“. Die Überschrift stimmt trotzdem uff de Pfennig. Zwar hät de Carl Bodnaruk vu de Uni Sidney, des isch z Down Under, in ere Studie ussi gfunde, dass es mit dere Alemannische Mundart nit so toll uusähne dät. De Karle us dem Land, dä wo mer de Uriiwohner Aboriginies sait, so wie iiserne Uriiwohner Alemanne, däts i de grössere Städt wege de villne Schriftsproch- Iiwanderer selli mau uusähne. Uff em Land vermacht er dere Sproch no e weng meh. Und die Ü 60- er i de Dörfer hetets no eweng meh druff wie die Junge. Dieselle dätet scho lang und uuaufhaltsam die rasant aawaasend die neu digital- Mundart mit sellene Bit- Bytes, Giga- Terra, USB- BBC, WLAN, PIN und TAN, Äpps, Potkascht, Hoembanking, sörfe, clauds und päds schwätze. Wörter wie Karscht, Zabbis, Heuliecher, Betziet, Bexler und Gilleschapfe könne mer allmählich ruhig im Archiv vu de Muetersproochgsellschaft verschobbe. Die bruuchemer halt oefach nimme. Wege Motorhacke, Vollernter, Fahrsilo, Meditation bim Waldbadde, Hydraulischem Spalter, und Kläralage.
De Kängeru Karle, seller alemannischfreundlich Aussi, hät aber vergesse, dass solang de Streiche Chrischtian iis uff Alemannisch no erklärt, wie des mit de Wochetag eigentlich goht und de Keller Franz no uff Alemannisch sakramentiert, de Joogi uff Wiesetälerisch die Taktik gege die Wikinger Schoofbuere vu de Faroer verklickeret, im Joostal no Mundart- Freilichtspiel aabote wered, de Burger Steff sie baarschwarzwälder Mundart bim Predige im Münschter nit verhebbe khaa, solang stirbt s Alemannisch no lang nit uus. Wenn die Schwarzwälder Skiadler Legende de Nation erkläret, dass es „die wo„ hoesst und nit „diejenigen, welche„, merket ihrs: 5 Buechstabe gege 16 Buechstabe, s Komma gar nit mirgrechnet, denno verhebbt s no lang. Au wenn de Streiche Chrischtian dereinst am Hockestäcke des Lehrangebot, den Lehrufftrag vu de Buechebacher Bolzer aanimmt, und dene anatolische, lybische, akkademische Secondo- Stroosekicker und dene Ibe- und Attedäeler Buurebuebe de Deckungsschatte uff Dreisam- Alemannisch verklickeret, denno gohts sowieso nuu no, wie bei me geniale Steilpass, ghörig uffwärts. Allerdings sottet die iibilte alemannische Borgermäeschter nit am Grensilli Roulet Tisch hucke, Millione Chips vor sich uffbieget, sondern halt wieder am Stammtisch nuu um Pfennig spiele beim alemannische Benokel oder Zego dresche. Schriftsprooch, Buechsproch, manche saget au „Hochdeutsch“ zu dere gstelzte Mundart, heb sich nuu zuefällig ergähe, weil de Thüringer Luther halt sie Sproochart vu dä als Bibelsprooch drucke lau hät. Sunscht miesstet nämlich die zuegreiste Bildungsbürger i de Städt wie Friborg, Konschtanz und Lörrach die domols vorherrschend fränkisch- alemannisch, poesievoll Mundart schwätze.
Mir Ducklimuuser, mir Hennefiddle sottet halt mit Stolz iisere Mundart– Fahne selbsbewusst schwenke. So wies d Schwiezer im Fernseh, im Radio, im Parlament, i de Konzern, i de Wisseschaft, i de Kunscht und i de Banke hemmungslos machet, denno hät de Alemanne- Karle us Sydney/ Down Under amend doch nit ganz reacht.
Eine kulturelle Erfolgsgeschichte besteht seit 10 Jahren
Gelesen von Maria Simon
E erfolgriiche Kulturgschicht bestoht sit Zeh Johr
Vor Zeh Johr, anne 2014, hät d`Bürgerstiftung Eschingen noch em aalte Bruuch vum „Z`Liicht gau“ en Runde Tisch is Lebe gruefe, a dem mer D`Mundart schwätze, pflege und am am Lebe bhalte will. De Teschtes war de unermüdlich, hoemetverliebt Pfohremer Ernst Zimmermaa. Dass es mit de Mundart nit am Beschte bschtellt isch, des hät ein Auschtralier, de Karl Bodnaruk vu down under, vu Sidney, in ere Studie scho uussigfunde. Er sait mir Baaremer Mundartler mond jetzt selli tapfer sii, es dät s Loch ab gau.
E ganz klei weng wemers aber verhebbe mit dere Mundartrundi. Die trifft sich jede Monet am Dunschtig Obet um 19:30 im Mehrgenerationehuus i de Schuelstrooss. A dene Obet schwätzet mer über Stadtgschichte, über Oegeheite vu de Boor und mir leset iis gegesiitig ebe i Mundart selber erlebte, erfundene, erlebte Erinnerunge und Erlebnis vor. Mir hond iis vorgnomme des au manchmol doppelsproochig uff z`schriebe und vorz`läse. Scho anne 2016 hät mer e Buech selli erfolgriich uussibroch mit dem Titel: „Eschinger Gschichte“ wa in grosse Ufflag schnell vergriffe war. Au des isch zweisprochig i Buechsproch und i Baaremer Mundart. Und es liit e CD debei wo mer sich während em Lese die Gschichte aalose khaa.
E ganz grossi Kummedi isch nämli, dass im Gegsatzt z.B. vu de Schwiitzer , kaum no ebber Mundart lese kha, mit höre gohts ebbe besser. So sind über 200 Mundartgschichte entstande. Au e doppelsproochig Büechle über d Eschinger Bürschtekultur und e Bilderbüechle für Jung und Alt über d Kirnberger Wasserkraft. Oe Gschicht hät sogar en Literaturpreis vum Landkreis griegt. Sit e paar Johr wered vill Gschichte au im Hieronymus, em Hifinger Internetufftrit über Politik, Kultur, Molerei, Gschicht und ebe Kurzgschichte aabote. Die meischte wered au vu de guete Mundartvorleseri, de Maria Simon us Aamedshofe, lebendig vortrait. Z`Liicht findet also zwischeziitlich au im Netzt statt. Mit eme kleine Feschtle am Dunnschtig Obet, 12.12.2024 , um 19:00 , i de Schuelstrooss word über die Erfolgsgschicht vu de Bürgerstiftung bestimmt wieder lebhaft zogatet.
D Mundart word nit so schnell untergau, und wenn doch, erfahreters bei de Bürgerstiftung und im Hieronymus z`erscht
The State of Alemannic oder der Zustand der Alemannischen Mundart
Alemannisch word nit untergau und wenn doch, erfahret ihr’s im Hieronymus z‘ erscht.
Teil 1
Carl Bodnaruk von der Universität Sydney hat im Juli 2020 eine Studie über die Nutzung des Alemannischen im Südwesten durchgeführt. Hierfür hat er 100 Antworten eines Fragebogens ausgewertet und als Diplomarbeit für den „Bachelor of Arts (thesis)“ veröffentlicht.
Hubert Mauz war einer dieser Teilnehmer und hat uns hier seinen beantworteten Fragebogen vom 01.09.2020 zur Veröffentlichung überlassen:
„En Guedde“
Gerne gehe ich auf den Fragebogen ein. Ich erlaube mir aus grossem Erfahrungssschatz etwas sehr ausführlich die Fragen zu beantworten und meine Intentionen darzustellen. Dazu ist mir die mail- Form die passendste und stilgerechteste.
Dialekt, ich, und die meisten Muttersprachler, nennen sie Mundart, nämlich die Art den Mund zu benutzen, wurde mir in die Wiege der Fam. gelegt. Der Fam. Clan lebte Ende 1950 im Umkreis von ca. 20 Km auf der Baar. Dort redete ich bis zur Volksschule mit 7 diese „Mutter- bzw. Vatersprache“ die Baaremer, Bodenseeallemannischen Mundart. In der Volksschule / Grundschule wurde uns Baaremern dann Schriftdeutsch mit mehr oder weniger Erfolg näher gebracht. Im Gymnasium wurde das intensiviert, wobei die Landsmannschaftlichen Lehrer tolerant waren und die unerbittlichen Norddeutschen Lehrer die Mundartbelasteten Schüler und Lehrer meist, fundamentalgebildet, hochnäsig u. arrogant als ungebildet betrachteten u. oft sogar so bezeichneten. Dies blieb u. bleibt in ganz winzigen Formen immer noch bei in unsere Landschaft eingereiste Schriftdeutschen. Als der Wirtschaftspolitische , geniale Werbespruch der BaWürtemberger erfunden und promotet wurde: „Wir können Alles ausser Hochdeutsch“ kippte die Stimmung urplötzlich und Alemannisch bekam einen hohen Charme und Anerkennungsstatus. Im Studium in Konstanz u. im Berufsleben im Südwesten hat man keinerlei Defizite und anschl. bei Projekten in ganz Dt. nütze dieser Mundartbonus sogar, gemäss diesem Sinnspruch.
Zur Begriffsbestimmung wie ich sie verstehe: Das Synonym „Hochdeutsch“ halte ich für nicht treffend, denn auch sie ist eine Mundart, gesprochen in der Lutherzeit in der Region Thüringen, Anhalt, Nordharz. Seither wurde sie zu der angeblichen reinsten Hochsprache im Raum Hannover. Wäre die Reformation gescheitert, würden wir Deutschen vermutlich nach Ansicht vieler Kenner u. Linguisten, das Fränkisch – Alemannische , Regio Mainz, Worms, Speyer reden. Dann wäre „Hochdeutsch“ auch eine Mundart und nicht die von den Süddeutschen etwas überheblich, hochnäsig betrachtete Hochsprache.
Sinnigerweise sagen die Schweizer einfach Dütsch/ Deutsch dazu oder Schwiizerdütsch. Ich bevorzuge den Begriff Schriftsprache, weil diese auch per Duden „normisiert“ ist. Noch öfter verwende ich „Buchsprache“ weil sie eben in Literatur und Schriftverkehr verwendet wird. Die Norweger sagen sehr zutreffend “ Booksmol“ und „Landsmol“ für eben Buchsprache und Landesprache, also Mundart der versch. Regionen mit dem gleichen Nord- Süd- Mundart-Gefälle wie in Dt.
In meinem Freundeskreis sprechen viele, fast alle diese Mundart mehr oder weniger ausgeprägt. Ausserdem hatte ich als Bauing. viel mit den Mundart- Baumenschen im SüWesten zu tun. Was mir auch die ziemlich genaue Einschätzung des Regio- sogar bis Dorfmundart ermöglicht hat.
Die meisten Bekannten aus dem sogenannten Bildungsbürgertum (Baarverein, Sportverein, Bürgerstiftung, Freundes- u. Familienkreis) sprechen, verstehen u. tolerieren diese Mundart. Allmählich wird sie sogar wieder eher geschätzt und weniger als „Ungebildet “ betrachtet. Das muss man aber auch selbstbewusst kolportieren.
Wenn man merkt , daß der Partner einem nicht versteht, bemüht man sich mehr in Schriftsprache. Ärger gab es nur einmal als ein angeblich gebildeter , seit 40 Jahren hier lebender, die Mundart schriftlich und unflätig diskreditierte u. auch die Schweizer beschimpfte und beleidigte. Er war der unsäglichen Ansicht, daß dieses Wortgewürge ausradiert gehöre. Gemeinsam haben wir ihm „die Zündung“ eingestellt und Einhalt geboten. Dennoch erwarte ich von Zugereisten, daß sie sich anpassen und nicht die Locals sich ihnen anpassen müssen, was man tatsächlich, aber sehr selten, antrifft. Wer nach Australien auswandert muss eben Ausi- Engl. lernen und ihr nicht Sächsisch. ( Anlagen Schmit- Cotta !!, unsäglich !)
Ja , ganz klar. In einem meiner Mundartgeschichten über die 4 Sprachinseln des kleinen Donaueschingen hab ich das beschrieben. Durch Immigration von Böhmischen Fürstenbediensteten im Residenzbereich hat sich dort die Baaremer Sprache schon verändert um 1900, zur Kasernenzeit von ca. 1920 – 1945 (bis zu 4500 Militärs) ebenso, u. zu Zt. der Ostdeutschen Flüchtlingswelle 1946- 1955 ebenso enorm. Ein Stadtteil sprach fast ausschl. Schriftdt. u. Nachwirkung hat es immer noch. Die Immigranten u. Gastarbeiter Italiener, Portugiesen, Jugoslawen, Türken , nun Rumänen, haben keinen Einfluss gehabt. Ebenso die Wirtschafts- Umsiedler aus Ostdr. u. Dt. Russen. Dass jedoch in der Schweiz in der Gastronomie Sächsisch u. Thüringisch gesprochen wird, stört die Schweizer sehr. Aber kaum, fast kein Schweizer arbeitet mehr im Gastgewerbe- u. Dienstleistungsbereich. Das ist aber ein Globales Naturgesetzt. Ich bin mir sehr sicher , und Beweise hab ich genug, wie diese Zuwanderer unsre Umgangssprache, unser Landsmol , unsere stark veränderte, modernisierte Mundart übernehmen. Die Veränderung findet unaufhaltsam und völlig legitim durch Zuwanderung, geänderte Tätigkeiten und Gewerke, durch Reisetätigkeiten priv. Geschäftlich und die Modernisierung, Digitalisierung mit völlig anderem, digitalistischem Wortgebrauch statt. Man muss das Wort Heugabel nicht mehr kennen, Mgbit aber schon oder was eine App ist.
Jede Mundart, zumindest die ich kenne u. einschätzen kann, hat etwas sehr poesievolles, narratives, blumiges, charmantes. Sie ist die Sprache, die die Menschen der Heimat gemacht, geprägt, in Sprachduktus, Grammatik, Wortschatz auch geprägt, erfunden, offenbart haben. Sprache entsteht nicht am Reissbrett oder der Redaktion des Duden oder des Diktionärs. Wenn ich meine Mundartgeschichten vom Baaremerisch ins Schriftsprachliche übersetzte, verjazze, verliert die Geschichte an Wortwitz, Duktus, Poesie u. Bildsprache. Sie wird platter, konstruierter, und normierter. In Buchsprache gibt es für viele Mundartwörter kein Wort. Sprache, ob Buchsprache oder Landesprache wird ärmer, poesieloser werden. Man mags bedauern, aber es ist auch ein evolutionäres Gesetz.
Da will ich mich aus grossem Respekt vor allen Mundarten nicht festlegen. Jeder dieser Mundartler schätz seine Sprache. Dennoch gibt es so Clichés z. B. vom Französischen, wo, glaub sogar H. Heine sagte, es sei eine „affige“ – Sprache. Sprache bildet auch immer Landsmannschaftscharakter ab. Knapp, trocken, schwülstig, ausladend, opulent, melodisch, hart, erhaben, witzig, frech, nüchtern, satirisch, etc. Bayrisch kann eine derb- blumige Sprache sein, melodisch ist Fränkisch. Sprachmelodie dürfte eine wichtige Kenngrösse der Akzeptanz sein. Dänisch, Holländisch, Nordisch ist fast wie gesungen, Keltisch- Irisch sehr rachal, die Romanischen Sprachen alle. Uns hat ein Jordanischer Studienfreund, Salim Saman, immer gesagt: „Ihr sprecht wie die Raben“. Aus Toleranz, Respekt und Rücksicht haben wir unsere Sprachempfindungen über das Arabisch nie zu äussern gewagt.
Natürlich hat sich meine Heimatstadt sowohl städtebaulich, architektonisch, bevölkerungsmässig und sprachlich stark verändert. Im sprachlichen Bereich hauptsächlich dadurch, dass zu meiner Kindheit die Stadt zu einem drittel landwirtschaftlich, baaremerisch in Gesellschaft und spiritueller und weltlicher Kultur geprägt war. Gerde diese Bauernsprache machte den Dialekt aus. Diese Bauernsprache wird nicht mehr gebraucht, auch dort wird digital- Sprache, Motorensprache, PS- , Kommerz- Finaz, Wirtschafts und Profitsprache gesprochen. Diese Mundart verändert sich rasend schnell aber sie wandelt sich. Mundart , u. wenn es Börsensprache ist, wird es immer geben. Globalisierung wirds beschleunigen aber nicht auslöschen, solange es ortsfeste Heimatkommunities geben wird. In der Finnmark siedelten sich Portugiesische Dorschfischer in einem Fjord an. Die Menschen sind olivhäutig u. sollen zu ihrer Norge. Booksmol etwas portugiesisch sprechen ?
Ein paar Aspekte hab ich glaub angeführt. Das weite Feld des Schwiizerdütsch ist gross, aber hoch erkenntnisreich. bis kurios, eine Rarität.
Unsere Mundart ist fast das zentrale mentale, familiäre, Gesellschaftliche Merkmal in unserem Leben ohne Heimattümmelei und Konservatismus. Nicht umsonst beschäftige ich mich in der Post- Berufskarriere mit Mundart, Mundartrunde, Mundartforum, 90 Mundartgeschichten , meist authentisch, Mundarttheater. Lesungen, Vorträgen, Bücher, Literatur immer im Kopfkino zunächst in Mundart. Gerade hab ich in dem BHU (Bund Heimat u, Umwelt) Forum in Magdeburg einen Vortrag gehalten über Wasserkünste meiner Heimatstadt. Das nennet man Materielles Kulturerbe, aber Thema des Forums war Immaterielles Kulturerbe, und dazu gehört Mundart in bevorzugter und wichtiger Weise.
Ich wünsche Ihnen und Euch eine erkenntnisreiche aber auch eine lustbetonte Beschäftigung mit dem für Down Under ungewöhnlichen Mundartthema. Ein UNESCO Mann, Immaterielles“, H. Dr. Luckscheiter hat bei dem Smalltalk Gespräch über euer Vorhaben evtl Hilfe zugesagt ?
Alles Gute und “ En Guete “ vom Schwarzwald Hubert Mauz
Die Studie ist unter folgendem Link einsehbar: https://ses.library.usyd.edu.au/handle/2123/24679.
Hier eine kurze Zusammenfassung von Carl Bodnaruk auf Deutsch:
Ich erwarte, dass einige der Ergebnisse, die ich hier präsentieren werden, für Sie keine Überraschung birgt. Weil Sie in dieser Region wohnen, sehen Sie die Nutzung (oder den Mangel) des Alemannischen im Alltag. Deswegen kann es gut sein, dass Sie vielleicht schon aufgrund Ihrer eigenen Beobachtung, einige Forschungsergebnisse antizipieren können, die in meiner Studie beschrieben wurden. Es könnte dann interessant sein, zu sehen, wie ähnlich Ihre Beobachtungen dieser Ergebnisse sind, und in welchen Bereichen sie sich widersprechen.
Meine Studie beinhaltet einen Fragebogen, den Sie ausgefüllt haben, und ein freiwilliges Interview, an dem Sie ggf. teilgenommen haben. Der Rücklauf betrug 100 Antworten. Ich hatte ursprünglich höchstens 50 erwartet, daher war es toll, so viele Zusagen bekommen zu haben. Ich habe die Daten des Fragebogens statistisch analysiert, um Trends und Muster darin zu identifizieren. Ich habe dann die Interviews benutzt, um die Themen des Fragebogens weiter zu untersuchen.
Die Ergebnisse des Fragebogens sind in 3 Teilen untergliedert: Demographie der Alemannisch-sprechenden Bevölkerung, die Nutzung von Alemannisch in dieser Gruppe sowie die Einstellungen von dieser Gruppe zur Sprache. Erstens habe ich herausgefunden, und das war ehrlich gesagt keine Überraschung, dass Alemannisch häufiger von älteren Leuten als jüngeren Leuten gesprochen wird. Infolgedessen wurde es auch mehr von Leuten gesprochen, die im Ruhestand sind. Es wurde auch öfter in kleineren Dörfern als in Städten wie Freiburg benutzt. Diese Ergebnisse sind tatsächlich darstellend der Mitgliedschaft der Muettersproch-Gsellschaft und könnten möglicherweise die weitere Nutzung der Sprache nicht perfekt spiegeln. Leider waren diese Daten die bestmöglichsten, die ich über das Internet während der Coronapandemie sammeln konnte. Ob die Demographie der Gsellschaft die Demographie des weiteren alemannischen Sprachraums spiegelt, kann ich aufgrund der Datenlage nicht abschließend beantworten.
Alemannisch wird im Alltag so oft wie möglich benutzt. Diese Nutzung wird durch mehrere Faktoren begrenzt, nämlich durch einen Mangel von Fachvokabular am Arbeitsplatz und in der Schule und einen Mangel von Sicherheit, dass Alemannisch vom
Gesprächspartner verstanden wird. Die erste Grenze (dass Alemannisch oft nicht bei der Arbeit oder Schule gesprochen wird) erklärt die höhere Zahl von Alemannischsprechern, die im Ruhestand sind. Die zweite (dass Alemannisch ohne Sicherheit der Sprachstufe des Gesprächspartners nicht gesprochen werden kann) erklärt teils die niedrigere Nutzung von Alemannischen in größeren Städten. Diese Schwierigkeit führt dann zu einer sich selbst anhaltenden Abnahme der Nutzung von Alemannischen in diesen Großstädten, weil, wenn man unsicher ist, ob Alemannisch verstanden wird, spricht man weniger Alemannisch, und wenn (ein anderer) Alemannisch (vom ersten) im Alltag nicht mehr hört, wird er dann auch unsicher und spricht auch weniger Alemannisch usw.
Die Einstellungen von Alemannischsprechern zur Sprache sind überwiegend positiv. Sie wollen, dass ihre nächste Generationen noch Alemannisch lernen soll und fühlen sich, dass ihre alemannische Sprachfähigkeit einen wichtigen Teil ihrer Identität als lokale Bürger bildet. Es war nicht so einstimmig, ob eine alemannische Sprachfähigkeit dafür notwendig war, um sich “lokal” zu fühlen. 26% der Probanden haben bemerkt, dass Alemannischsprecher mehr Anspruch auf diese Identität beanspruchen, 22% waren neutral und 51% sagten, dass es nicht notwendig ist.
Im Vergleich zu von französischen Forschern schon publizierten Daten gibt es in meinen Ergebnissen keine Überraschungen. Bei der Nutzung von Elsässisch sieht es sehr ähnlich aus, wahrscheinlich weil beide als lokale Sprache unter einer nationale Sprache benutzt werden. In die Schweiz aber ist das ganz anders, weil Alemannisch noch von fast jedem im Alltag benutzt wird, während Hochdeutsch nur in formellen Kontexten gesprochen wird.
Zusammenfassend sieht die Zukunft von Alemannischen leider nicht toll aus. Um als weit gesprochene regionale Sprache zu bleiben, müssen Alemannischsprechenden Chancen haben, die Sprache im Alltag zu nutzen. Je seltener diese Chancen sich bieten und genommen werden, desto weniger wird Alemannisch gesprochen und gelernt. In kleineren Dörfern gibt es diese Chancen für Kinder und anderer Sprachlerner noch relativ oft, aber in Städten ohne Unterschiede vielleicht in Bildungspolitik werden diese Gelegenheiten immer ungewöhnlicher werden.
Ich möchte mich nochmals bei Ihnen für Ihre freundliche Teilnahme an dieser Studie bedanken. Wenn Sie weitere Fragen (oder Ideen, Vorschläge, sogar Kritikpunkte) hätten, bitte stellen Sie sie mir per E-Mail und ich werde versuchen, die Fragen so gut wie möglich zu beantworten.
Mit freundlicher Genehmigung von Carl Bodnaruk, University of Sydney




