Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann 1875-1881

überarbeitet, Original von 2022

Leider sind diese Briefe selber verschollen und es existiert nur eine Transkription aus den vermutlich 1950er Jahren. Bei einer Trankription steht: „Dies ist der Brief, den Sie Frau Baumgärtner überlassen haben!

Anna Reich etwa 1885
Maria Heinemann 1878
Luzian Reich (07.01.1787 – 18.12.1866) und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866). Die Großeltern von Marie Heinemann und Anna Reich. Sie starben kurz nacheinander vor Weihnachten 1866.
Foto von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1866.

Lucian Reich (1817-1900) hat Margareta Stoffler (1825-1880) erst am 8. August 1874 in Geisingen geheiratet; deshalb sind die Daten von Anna Reich nicht bekannt. Anna Reich war also ein uneheliches Kind und bei der Hochzeit ihrer Eltern schon fast erwachsen. Anna Reich kam mit ihrem Vater später wieder nach Hüfingen und pflegte ihn bis zu seinem Tod am 2. Juli 1900. Danach heiratete sie einen verwitweten Landwirt in Neudingen und zog seine (8 ?) Kinder groß. Sie selber hatte nie eigene Kinder und starb hoch betagt in der Neudinger Mühle.

Marie Heinemann (Maria Josepha 23.12.1857-19.05.1948) war die einzige Tochter von Lisette Reich (Elisabeth 15.12.1819-24.06.1871) und Muckel Heinemann (Johann Nepomuk 30.05.1817-22.02.1902). Lisette Reich starb schon früh, deshalb kümmerte sich seine Schwester, Kätherli Heinemann (Katharina 30.04.1828-27.01.1900) um den Haushalt.


Rastatt, den 7. 7. 1875

Theuerste Marie!

Weil du Sonntag Morgen’s auf einen Brief von mir wartest, will ich nicht säumen, dir einen solchen zu übersenden. Gute Marie: ich glaube, daß dies endlich der letzte Brief ist, der nicht in jede Hände gelangen sollte, deßhalb, will ich dir jetzt noch einmal ausführlich, was ich selbst weiß, von dem, schon so oft erwähnten Unahnnehmlichkeiten schreiben, mit dem festen Vorsatz, nie mehr etwas darüber zu schreiben, – Ich habe dir’s geschildert, bis Sonntag, nun will ich fortfahren. – Also an dem im letzten Schreiben erwähnten Sonntag, haben wir einander Abends verfehlt, ich, Fanny und Maria, waren in Kuppenheim, u. da kommen wir ziemlich spät heim, weshalb ich St. nicht mehr traf. Ich sah ihn nie mehr, – bis gestern Abend, hatt ich ich das Vergnügen ihn zu sprechen. Ich forderte ihn auf, er soll mir deinen Brief weisen, ja sagte er, den habe ich jetzt zerrißen, ich kann ihnen nichts mehr davon zeigen, so sagte ich also mit einer zweiten Lüge, wollen sie die erste verdecken, aber es hilft ihnen nichts, vor meinen Augen sind sie ein Lügner, er sagte nein das bin ich nicht, ich habe einen Brief von Marie gehabt. Dann sagte er jetzt geben sie mir meinen Brief von der Marie, aber das will ich ihnen sagen, ist darin geschimpft, oder nur ein Wort, daß mir nicht gefällt, dann schicke ich ihn wieder retour u. schreibe noch etwas unten hin, da sagte ich um der Marie diese Unannehmlichkeit zu ersparen, bekommen sie ihn gar nicht in ihre Hände, denn daß keine Schmeichelworte für sie darin stehen, werden sie sich, wie ich ungelesen, denken können, da sagte er, dann geben sie ihn mir lieber nicht, aber was darin steht möchte ich doch wißen, das sollen sie sagte ich, öffnete denselben, gab ihm die Querte und las ihm den Inhalt des Briefes vor, den Satz wegen Sch. ließ ich aus mehreren Gründen draus, sonst las ich ihn Wort für Wort vor, (könnte ich zeichnen, ich würde dir sein Bild entwerfen, daß Komisch genug aussah) als ich geendet, zerriß ich denselben vor seinen Augen, er sagte so genug ich werde ihr auch schreiben, grüßte ganz kurz, drehte mir den Rücken u. rannte wie besessen von mir weg, ich glaube ich werde ihn jetzt nie mehr sehen.

Wegen der Neuigkeit, die ihm Herr Bausch sagte, fragte ich ihn auch, es war die, die du dir dachtest, nämlich wegen Herrn Ri. wegen einem Porträt sagte er auch etwas,

B. habe sich, glaube ich, bei deinem Vater photographieren lassen, dann habest du mit ihm gesprochen, oder was weiß ich. Doch jetzt genug davon, für ein u. allemal, du liebe Marie mußt mir noch einmal schreiben darüber, besonders wenn St. dir schreibt, was ich aber nicht glaube, auch schreibe mir, ob ich recht oder unrecht gehandelt habe mit dem Brief.

Ach theuerste Marie es thut mir sehr weh, daß ich mir immer den Vorwurf machen muß, daß ich Schuld bin, dir diese Kränkungen verursacht zu haben, ich bitte dich herzlich um Verzeihung, Vergeße alles so gut du kannst, nur mich, und die schöne Zeit die du hier erlebtest, nicht. Glaube mir, St. kann dir nichts Gefährliches anthun, wenn er auch hinkommt, sei deßhalb außer Sorgen, wegen deßen.

Sch. ist noch immer für mich von der Welt verschwunden, ich weiß gar nichts von ihm.

Theuerste Freundin, ich bitte dich habe Nachsicht mit meiner schlechten Schrift, das nächste Mal werde ich dir besser schreiben. – Ich sitze den ganzen lieben langen Tag in meinem Zimmerchen u. denke u. studiere wie es sein könnte, ich bin immer so zerstreut, u. das wirst du meinen Briefen wohl anmerken, glaube nicht, daß ich das vergessen, was mir so wehe that, wegen Aug. Ka. wenn ich seiner schon nicht mehr erwähne, geschieht es nicht aus Vergeßlichkeit, sondern nur um eine noch stark blutende Wunde, nicht zu erneuern.

Durch diese Auftritte in denen du leider auch verwickelt bist, habe ich als Momente, den Schmerz ein wenig vergeßen, aber nun hören jetzt auch diese auf, diese hinterließen mir mehr Zorn und Verachtung als Schmerz.

Ich geh nie aus, sonst hätte ich auch ordentliches Papier gekauft.

J. Nepomuk Heinemann.
Der Vater von Marie.
Elisabeth (Lisette) Reich 1819-1871.
Die Mutter von Marie und Tante von Anna.
Lucian Reich.
Der Vater von Anna und Onkel von Marie.

Rastatt, den 20. 7. 1875

Theuerste Marie!

Dein liebes Briefchen erhielt ich gestern Morgen, ich lag noch im Bett, als ich in’s Wohnzimmer kam, erblickte ich auf dem Tische dasselbe, mit welcher Hast ich dasselbe erbrach, wirst du dir denken können. Gute Marie, herzlichen Dank für dessen Inhalt, der mir bewiesen, das du Antheil an meinem, dir anvertrauten Schmerze nahmst, ach wie wohl thaten mir deine von Herzen ausgesprochenen Worte. – Diesen Morgen früh erhielt ich wieder zwei Briefe, der eine zeigte mir den – Hochzeitstag an – der gestern war, hätte ich das gewußt, daß gestern also seine Vermählung stattfinden würde, ich glaube ich währe nicht so ruhig neben Fräulein Werner im Garten geseßen. Ich kann’s gar nicht begreifen, daß die Geisinger, woher ich die Zeit doch so viele Briefe bekam, seiner nie erwähnten, es lief so schön ab, du hattest mich darauf vorbereitet, u. gestern erhielt ich die Anzeige schon, von seiner Vermählung, ich weis nicht wußten’s die Geisinger nicht, oder waren sie so nachsichtig mit mir, – Gott sei Dank, daß es so abgelaufen ist, jetzt schreibt mir gewiß niemand mehr Etwas von ihm. Ich kann mich jetzt schon eher faßen, ich glaube es ist wie du schreibst, die Zeit heilt alle Wunden, aber das glaube ich auch u. fühle es eine Narbe läßt sie zeitlebens mir zurück. – Doch genug denn ich fühle, ich bin noch nicht so stark, als ich mir es gerne vormachen wollte. Möge es ihm in seinem neuenStande wohl ergehen!

Theure Marie! was mich nicht nur beleidigt, sondern noch weit mehr wehe that, war dass du mein Vertrauen das ich dir schenkte so schlecht mit Gegenvertrauen belohntest. Ich habe dir doch Alles nur Alles, meine Gedanken, anvertraut u. du magst mir nicht einmal anvertrauen, daß du eine zweite Korrespondenz nach Rastatt führtst!

Dies hätte ich nie gedacht daß du so wenig Zutrauen zu mir hättest! Um dies eine bitte ich dich, sei so gut u. nenne weder mich noch Herrn Schneider in deinem Schreiben, denn nur zum Belächeln von deinem Herrn Korrespondent, fühlen wir und doch noch zu gut! Ich merkte wohl, daß er ordentlich bei Herrn Schneider gedatscht hat, aus Allerlei konnt ich’s entnehmen. Ich werde dir nicht mehr so viel schreiben, denn es könnte deinem Vater doch auffallen, wenn du gar zu viele Briefe von hier erhieltest. u. jedenfalls weiß der Herr St. amüsantere Neuigkeiten zu schreiben als ich, er ist ja ein sehr abenteuerlicher Mann.

Was die Reise anbelangt im Herbst ist sie vollständig von mir aufgegeben worden, als ich diese Neuigkeit erfuhr; Vater u. Mutter gaben ihre Einwilligung dazu, ich währe Ende September gekommen, aber jetzt werde ich ihnen diesen Grund angeben warum ich nicht gehe, ich sage ich finde es nicht für nöthig, da wir dieses Jahr so viel Besuch vom Oberland gehabt hätten, ich wollte warten bis das nächste Jahr.

Auch dies habe ich mir vorgenommen, nie mehr Jemand zu meinem Freunde oder meiner Freundin zu erheben mag das Schicksals Tücken über mich verhängen was es sei, ich wills versuchen allein zu tragen, der Gedanke dabei soll mich bestärken, daß man Alles dem lieben Gott klagen soll.

Viele Grüße von meinen Ib. Eltern u. deiner dich nie vergeßenden Cousine

Anna Reich.

Viele Grüße an Reichen.

Viele Grüße von Späth Marie. Im Theater war ich noch nie. Die Poststraße am Sonntag gelaufen mit Fanny und Marie.


Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint (siehe auch weiter unten). Josefa und Xaver Reich hatten 6 Kinder: Berthold Lucian Joseph Reich (01.06.1844-?), Maria Josefa Amalia (21.1.1848-?), Amalia Maria Anastasia (23.9.1850-22.10.1939), Klara Mathilde (27.11.1852-?), Karl Guido (14.11.1858 – ?), Amalia (25.12.1860-31.8.1955).

Portrait von Xaver Reich 1838 gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann.
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)
Foto von Xaver Reich

Rastatt, den 23. 8. 1875

Gute Marie!

Durch die Erlaubnis, von meinen Eltern, dich in Bälde zu besuchen, bin ich so frei und zeige dir meine Ankunft, die wahrscheinlich die nächste Woche eintreten wird, an. Ich erwarte aber jedenfalls noch einen Brief vorher von dir, worin ich hoffe, daß du mir rückhaltslos anzeigst, ob es dir angenehm, oder vielleicht auch dich unangenehm berühren könnte, wenn ich komme. –

Den Tag kann ich noch nicht bestimmen, Fräulein Gerstner geht mit mir bis Offenburg, sie geht auf einige Wochen nach Freiburg, um unangenehmen Erinnerungen auf Monate auszuweichen, wie ich auch. –

Liebe Marie, Neuigkeiten, die mich wie dich interessieren, will ich aufsparen bis ich’s dir mündlich erzählen kann. Nur soviel will ich dir einstweilen mitteilen, Fräulein Sch. ist jetzt fort, am Sonntag sei sie fortgekommen, Fräulein St. scharwänzelt noch immer in der Stadt herum, Fräulein Mathilde fühlt sich wirklich sehr vereinsamt u. verlaßen, denn Beker ist verreist u. zwar in Donaueschingen soll er sich befinden, oder wo weiß ich.

Wirklich gehe ich meist zu Gerstner Mathild, ihr kann ich Alles anvertrauen, da sie sich ja in dem gleichen Verhältnisse befindet wie ich.

Ich will nun enden für heute und dich nochmals bitten mir bald zu schreiben, hinsichtlich was meine Reise betrifft, oder aber wenn du mir nicht schreibst, ist es auch eine Antwort, die ich zu deuten weiß, die dann lautet, du brauchst nicht kommen.

Meine Sinnlosigkeit bessert sich so nach und nach wieder, ich hoffe daß es bei deinem Einflusse, den du auf mich übst, gelingen wird, so ziemlich mich davon zu befreien.

Leb nun wohl und sei herzlich gegrüßt u. geküßt von deiner dich innigliebenden

Anna Reich

Viele Grüße von Marie und Mathild

Nicht wahr die Rosenzeit ist vorbei?


Rastatt, den 6. Dez. 1875

Meine Ib. gute Mary

Dein Brief, welchen ich so sehnlichst erwartete, erhielt ich Donnerstag Abends, u. zwar in einer solchen schwermütigen Stimmung, es war schon dunkel, ich saß draußen im traulichen Zimmerchen u. weinte so stille vor mich hin, indem ich überdachte, wie ich so ganz verlaßen auf der Welt sei, ich dachte an vorigen Winter zurück, an die Tanzstunde, wies da so ganz anders war. Auch schweiften meine Gedanken zu dir hinauf Ib. Mary, ich dachte auch an jene Zeit als du hier warst, ich sagte Mary hat mich gewiß auch vergeßen, sie ist glücklicher als ich. – Ja sie ist glücklicher als ich – dachte ich, bis ich deinen Ib. Brief gelesen, Ib. Mary, ich weinte, als ich deine Worte las, ich nahm herzlichen Antheil an euch Beiden. Ach Ib. Mary, es thut mir sehr weh, daß auch du schon solch bittere Erfahrung machen mußtest, ach wo hätte ich so Etwas von Joseph gedacht, als ich bei dir war, du schreibst Ib. Mary, du könntest ihm nicht zürnen, auch ich könnte es nicht, aber bemitleiden, bedauern würde ich ihn, an deiner Stelle. Er dauert mich sehr, wenn ich so bedenke, wie es ihm jetzt sein wird, und wie man’s ihm jetzt macht. Ich hätte müssen weinen, wenn ich ihn gesehen hätte, wie er dir den Album gab und dich um Verzeihung bat, ach Gott wie wird ihm das so schwer gefallen sein. Ewig Lebewohl sagte er dir, ja das glaube ich im Moment hält er jetzt Alles für verloren, aber mit der Zeit ändert sich’s doch wieder, wieviele sind in ähnlicher Lage, für die sich später wieder alles günstiger und freundlicher gestaltet, wegen dem lb. Mary könntet ihr doch zusammenkommen, denn ich zweifle gar nicht, daß du ihm von Herzen verzeihst.

Um dies bitte ich dich meine lb. Mary, vergrößere seinen Kummer nicht noch durch dein Verhältnis zu Strobel, denke dir wenn er es erfährt, daß du so bald wieder einem anderen deine Liebe schenkst, ach wie würde ihn das schmerzen, denn es müßt ihm ja wie Spott von dir vorkommen, ich werde doch glauben dürfen, daß du lb. Mary für die Liebeserklärungen, von dem mir so unheimlichen Menschen, taub bist.

Wer weiß, vielleicht hofiert er dir nur, um sich zu rächen an dir, o wenn ich an jene unheimlichen Augen und Mundverziehungen denke, fürchte ich mich wahrhaft. – Wird J. R. das Mädchen heiraten? Den Schlag für seine aristokratische Frau Mutter.

Du wünscht theure Mary, daß ich nie so getäuscht werde wie du, bin ich’s nicht vor dir geworden? Das war ja noch härter für mich, denn du liebtest, wie du ja immer gesagt, J. R. nicht recht, aber ich, nun ich will schweigen, denn bald würden mir die Thränen wieder in die Augen steigen. Ach, u. zudem muß ich als wieder denken, er ist durch mich getäuscht worden, der arme Teufel, er meinte ja nur ich liebe ihn nicht, der dumme Sch. ist schuld, hätt mir der Aff nich hofiert, währs ganz anderst, nun was vorbei ist, ist nicht zu ändern, wer weiß für was es gut ist. – Liebe Mary, gestern war Onkel Reich bei uns, er brachte mir einen prachtvollen Ring, der mich sehr freute, nun hätte ich jetzt Ringe genug an mir, aber wie ich zum vierten kam, darüber tadelst du mich mich ganz sicher liebe Mary, ich vertauschte A.K. Ring, gegen einen anderen – denke dir letzten Donnerstag nahm ich ihn mit als ich auf den Markt ging u. ging damit in einen Goldwarenladen, zeigte ihn und fragte, ob ich nicht einen andern dagegen haben könnte, die Frau betrachtete und preiste ihn indem sie sagte – dieser Ring ist streng getragen worden, es klang mir wie ein Vorwurf, als ich diese Worte hörte, ja dachte ich, er ist ja streng getragen worden, denn immer immer glänzte er an seiner lb. Hand, es ist doch nicht recht von mir, daß ich ihn vertauschte, denn er hatte ihn auch immer getragenm u. gab mir ihn den letzten Abend als ich bei ihm war, er zog ihn von seinem Finger und steckte ihn mir an, mit den Worten, nimm einmal diesen Ring, bis ich einen Andern für dich habe, Mutter schimpfte mich auch als ich ihr’s sagte, nicht wahr Ib. Mary ich hab ihn doch nicht sollen hergeben.

Von Sch. weiß ich nichts, will auch nichts mehr von ihm wissen, ebenso von Emil, er war ein einziges mal bei mir, so lange er hier ist und schrieb zweimal von hier aus, ich gab ihm den Abschied, es führt ja doch zu nichts, es ist nichts, als das man unangenehme Auftritte dabei hat, auch Fridmann habe ich wieder beleidigt, er geht an mir vorbei und grüßt mich nicht mal mehr, ich gab Allen den Abschied, es führt ja doch zu nichts, ich fange nie mehr so was an, mach es du auch so lb. Mary.

Schrieb dir Herr Fridel noch nicht? Herr Riemk? war hier, wie mir Mathild schrieb, besucht mich aber nicht, was mir sehr lieb ist.

Vorgestern erhielten wir die Todesnachricht von Onkel aus Amerika, von dem ich meine schöne Goldgarnitur habe, wirklich folgt Schlag auf Schlag, wirklich ist’s fast zum rasend werden für mich.

Ach, Ib. Mary, könnten wir doch auch hie und da zusammenkommen, ach, wir hätten jetzt auch so viel zu erzählen und zu schwätzen, ich meine als es könne nicht sein, daß wir ? zusammen kömmen, wenn man nur auch mal die Sonnenschirme wieder mal brauchen könnte, denn ich habe Hoffnung, daß du mir ihn dann auch bringst, ach wie glücklich wäre ich dann!

Heute kam zum größten Leidwesen Elises Herr Sihiel nach Mannheim, er mußte sehr schnell fort, denke dir den ? für’s Elisle, sie hat ihn jetzt so arg gerne, denkst auch noch an die zwei, bei der Maientour u. an uns zwei auch u. an selbige Soldatenknöpf am Arm? Selige Erinnerung.

Gestern feierte Sternenwirths Wilhelm die Verlobung mit einem schönen Frauenzimmer von Kuppenheim, weist von dort wo wir damals so lustig waren, wo wir so tanzten miteinander.

Wie ich aus deinem Schreiben entnommen, hast du das Weihnachtsgeschenk auch schon wie ich auch, ich bekomme einen grauen Habolakregenmantel, er gefällt mir sehr gut, er kostete 12 fl. Deine Jacke lb. Mary kommt wirklich theuer, sie wird aber auch schön sein. Reichen Mary hat ja auch eine, Klara eine Pelzgarnitur u. Amelie einen Mantel, so schrieb es mir, Mittwoch schickte ich ihm seine Höschen, die es hier gelassen u. sein Armband, es wirds auch gesagt haben, denn ich habe ja Grüße u. Allerlei an dich ihnen aufgetragen.

Mein gefärbtes braunes Kleid ist ordentlich geworden, ich hab’s mit braun kariertem Stoff verziert auf der Taille eine Weste davon auf den Ärmel u. auf den Rock ebenfalls vom gleichen Stoff.

Ach du liebe Zeit am Mittwoch sollte ich beichten, was soll ich auch zuerst sagen, die Rastatter Sünden oder die Oberländer, oder am Ende das Stelldichein auf dem Schloßplatze, wo man den bei jener so schönen Maientour versprochenen Kuß erhielt? Ich muß auch wie jedes Jahr auf das Schlittenfahren verzichten, obwohl es dieses Jahr ?? viel Schnee hat bei uns und so grandig kalt, daß in meinem Zimmerchen die Fenster nie aufgefrieren, ich schlafe jetzt immer im Zimmer vorne, auf dem Kanape. Man sieht fast nicht mehr den Sprung an meinem Fenster, vor lauter Eis, aber deswegen denke ich doch noch oft an die Fortuna, denn wir verirrten uns auch einmal dort hinten aus der Tanzstunde!!

Strickst immer noch Socken, ich häkle wirklich kleine Tüchle zwei, das Muster das du mir gehäkelt Ib. Mary von Frau Heitz, viele Grüße von ihr, sie war heute bei uns, wenn die Rosen wieder blühen, werdest du auch hoffentlich wieder kommen.

Und nun zum Schluße Ib. Mary. Sei doch so gut u. schreibe mir Ausgangs dieser Woche, denn ich sehne mich als nach einem Brief von dir, nicht wahr schreibst mir bald, u. auch viel.

Herzlich grüßt und küßt dich deine dich liebende

Cousine Anna.


Bei der amerikanischen Verwandtschaft handelt es sich wohl um den erstgeborenen Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Ein anderer Sohn, Guido Karl, geboren 14.11.1858, ist wohl erst später ausgewandert.


Rastatt, den 12. 2. 1876

Liebe Mary!
Auf deinen letzen Brief, der von so gedankenloser u. kalter Erzeugung mir hinlänglichen Beweis liefert, weis ich Nichts zu antworten. Deshalb soll mein Brief im höchsten Stadium des Schmerzes u. der Trostlosigkeit u. zugleich der höchsten Unruhe geschrieben, nur diese eine Gewissensfrage an dich stellen, was willst du lb. Mary dadurch bezwecken, daß du leugnest was ich dir geschickt, das du mich aufforderst dir dasjenige zu schicken, wovon ich leider nur zu gut die Gewißheit habe, daß solches schon geschehen, warum, warum, frag ich mich immer selbst, stellt diese, der ich so völliges Vertrauen bis daher geschenkt, mich als Lügnerin, oder doch zum mindesten eine gedankenlose, oder eine solche, die nicht weis was sie thut, dar.

Du kannst mich auffordern, ich soll dir das Gedicht schicken, indem du im Herzen denken musst, oi oi oi ich habe es ja schon sogar gelesen, ja schon zerrissen. Ich weiß keinen anderen Grund für dein mir so rätselhaftes Betragen, als diesen: daß ich dich Ib. Mary in meinem ahnungslosen Gedicht beleidigte, wenn du meinst, daß mein Gemisch Gemarsch, diesen ehrenvollen Titel tragen darf, ich würde mich nicht getrauen, es Gedicht zu nennen, ich dichtete es ja aber auch mit der Gewißheit, daß es nicht kritisirt werden soll, aber auch nicht, wie schon erwähnt nicht in dieser Meinung, dich Ib. Mary dadurch zu kränken, daß du’s einfach leugnest, du habest es gar nicht erhalten.
Ich bitte dich tausendmal um Verzeihung deswegen.

Eine Bitte habe ich an dich Ib. Mary, im nächsten Schreiben, dem ich sehnsuchtsvoll entgegensehe, schreibe mir nur diese Worte: „Ich habe es erhalten.“ über diese Sache, sonst nichts. Meine Ruhe stellst du mir dadurch wieder her, denn du darfst mir glauben daß es mir Gedanken macht, daß du schreibst, du habest es das Gedicht nicht erhalten, es ist mir nicht einerlei, in wessen Hände es ist. Inwiefern habe ich mich unwissentlich bei Frl. Elise vergangen? Daß sie meinen letzten Brief, den ich ihr geschrieben, nicht der Mühe werth hält, ihn zu beantworten?
Wie ich mir denke, interessiert dich Nichts was ich dir von unserem nächsten Kränzchen mitteilen könnte, obwohl es sehr interessantes währe, dir Vorkehrungen die darauf getroffen werden, zu berichten, besonders das wunderschöne Quartett, zu dessen Ausführung wir schon zwei mal Tanzstunden hatten, 8 Paare wurden dazu gewählt.
Baldiger Antwort entgegensehent verbleibe ich deine dich innigstliebende Cousine
Anna
So kann man in Unannehmlichkeiten kommen wenn man an ? Böses denkt.


Elise (Elisabetha Heinemann 17.10.1858-27.06.1932)
1. Heirat 25.08.1881 mit Rudolf Franz Restaurator in Donaueschingen; hatte ein Sohn mit ihm der 1911 ledig starb.
2. Heirat 21.04.1884 nach Bad Dürrheim mit August Grieshaber; hatte 7 weitere Kinder.

 Elise mit ihrer Cousine Marie .

Ohne Datum (verm. Feb. / März 1876)

Meine liebe theure Cousine!

Ach wie lange lange schon ist es, daß ich deine letzten Zeilen erhielt. Es dünkt mich eine Ewigkeit, ich kann mich kaum noch erinnern, u. warum. Ja warum Ib. Mary vernachlässigten wir uns gegenseitig diese Zeit her, so unverzeihlich? Ich weiß Ib. Mary ich versprach dir schon die vorige Woche zu schreiben, ich wollte dir auch gleich nach der Faschingszeit schreiben, aber es war mir rein unmöglich, obwohl ich so vieles mit dir über diese vergangene Zeit zu plaudern hätte, ach so vieles, was für die Feder viel zu langweilig währe, wollte ich dir Alles niederschreiben wie es war – frage mein Bild, daß ich dir hier schicke, o wenn sich auch dieses große Maul öffnen könnte u. dir von der schönen Zeit erzählen könnte, ich glaube, daß dann der ganze Zug im Gesichte ein freundlicherer u. vergnügterer wäre, nicht wahr in meinem Gesicht findest du lb. Mary keinen Zug, der mit einem Fastnachts-Kostüm harmonierte, findest nicht jenen mich verklärenten Zug, den du einst fandest, als ich an jenem Abend von Geisingen wieder zu dir zurück kam. –

Theure Mary, bei dem kostümierten Kränzchen, wo wir acht Italiener Paare die Hauptrolle spielten, gefiel es mir zu gut, seit ich hier auf Bälle und Kränzchen gehe, ist dieses das einzige, an das ich fast täglich mit innigstem Vergnügen zurück den-ke, obwohl es mich auch oft so wehmütig stimmt, daß ich weinen möchte, wenn zwei zusammen kommen, die dabei waren, darf man sicher glauben, daß ihr gewähltes Thema vom Kränzchen ist, ohne Ausnahme gefiel es Allen sehr gut dabei.

Weniger gut gefiel es uns beim Tanzstund-Kränzchen, letzten Freitag v. W. ich glaube daß es uns auch gefallen hätte, wenn nicht Alle das andere Kränzchen im Kopf gehabt hätten, ich hatte mein Sommerkleid wieder an, ich ließ mich dieses mal auch frisieren, oben hatte ich gesteckte Locken, unten 3 Häng-Locken u. 2 Rosen an der Seite, die Frisur war sehr hübsch, wie man mir sagte, ich war eigenliebig gefallsüchtig genug, sogar noch zu glauben, wenn man mir sagte, sie gehe mir so gut.

Montag und Dienstag von 7 Uhr bis 10 Uhr gingen wir zu 7 Frauenzimmern, wie man sich hier beliebt auszudrücken, wir fanden als auch Herrn, die uns kannten unter-wegs, 5 waren in Domino, Frl. Wettin als Alte u. Frl. Habich als Köchin, den ersten Abend war es sehr schön, an den zweiten kann ich nur mit Wehmuth denken, o es hätte schöner sein können am Dienstag als am Montag, wenn mich nicht des Schicksals-Tücke, oder vielmehr ein unseliger Zufall so verfolgt hätten.

Auf Dienstag Abend hatten wir mit unseren Ib. schönen Italiener Buben verabredet gehabt, wenigstens ich und Notars Mathild, da währen also diese zwei noch mit uns, auch in Domino natürlich, im Löwen sollten wie aufeinander warten, so war es abgemacht, wir waren zuerst da, jetzt merke auf lb. Mary – Sch. hatte ich vor einer Stunde etwa auch gesehen, er sagte mir er gehe auch hier schnurren wie und wo wir uns treffen, ich sagte ich wisse es nicht, da sagte er wir wollen ein Losungswort gebrauchen, ich stimmte bei, indem ich dachte, ja heute Abend gilt bei dir weder Losungswort noch Suchen meinerseits, endlich trennten wir uns, er in der Hoffnung mich heute Abend noch einmal sprechen zu können, ich aber – ihn nicht mehr zu treffen. Wie schon erwähnt, waren wir zuerst im Löwen. Ich lief mit einem Student herum, der vorigen Abend schon bei uns war, ich unterhielt mich sehr gut mit ihm, obschon ich ihn nicht weiter kannte, auf einmal steht ein großer, schwarzer Domino vor uns, ich berücksichtigte denselben nicht weiter, er wechselte einige Worte mit dem Student, auf einmal trat er dicht vor mich u. sagte das mir bekannte Losungswort, ich schrak unter meinem Domino ordentlich zusammen, ich antwortete ihm nicht darauf denn schon sah ich den kommen, auf den ich wartete, noch einmal wiederholte Sch. das Losungswort worauf mir unbewußt die Antwort darauf meinen Lippen entfuhr, natürlich kannte er mich u. ich ihn, ich sagte nun dem Student ade, obwohl ich lieber bei ihm geblieben wäre, ich lief nun ich weis selbst nicht wie mit Sch. im Saal herum, so lange bis mich mein Herr erkannte, er kam auf mich zu, engagierte mich auf den soeben beginnenden Polka, ich tanzte nun mit ihm indem er mir so allerlei sagte, wie es schön werden könne usw. als der Tanz beendet sagte er die Gesellschaft wolle fort, ich müsse auch mit ihm, da Sch. nahm mich von seinem Arm weg, der andere aber sagte ja wir gehen jetzt, kommen sie Frl. Reich, Sch. sagte, nein sie geht nicht, sie bleibt bei mir, da sagte der andere wer ist denn dieses, ich antwortete ich kenne ihn nicht, mittlerweil kommen die anderen Frauenzimmer her u. sagten laß doch den fremden Domino fahren, wenn du ihn nicht kennst, Sch. sagte, sie laßt ihn aber nicht fahren, gleich munkelten einige es ist Sch. es ist Sch. darum laßt sie ihn nicht gehen, der andere fixierte ihn nun überall u. wolte ihn durchaus kennen, das einmal sagte er, ja es ist Sch. das eine mal, nein es ist nicht Sch. Dann sagte er zu mir, indem er mich am Arm nahm, jetzt gehen sie mit mir, sei es wer es wolle, Sch. raunte mir nun in’s Ohr ja Anna gehe nur, gehe nur, ich zwinge dich nicht zum dableiben, ach ich war so unschlüssig, so wankent, der andere sagte immer, ach ich bitte ihnen kommen sie doch mit mir, es ist ja Sch nicht, inzwischen kommt Kunz auf uns zu u. sagte so da ist Sch. das ist Sch. u. das ist d’Reich, du kannst dir denken wie mir’s war, der Andere ging nun von mir weg, indem er sagte, da kann man sehen, wenn sie Sch. am Arm haben, lassen sie mich fahren, jetzt sind sie im Himmel nicht wahr, ich wollte ihn zurückhalten, vielleicht mit ihm gehen, ich wußte es nicht, kurz ich wollte ihn zurückhalten, aber Sch. sagte laß ihn doch endlich einmal laufen, du bleibst bei mir, nun blieb ich bis 10 Uhr im Löwen bei Sch. die anderen gingen ins Kreuz, da dort auch ein Kränzchen war, der Andere habe dann zu Notars Math. noch allerlei gesagt wegen mir und Sch. seitdem grüßt er mich nicht mehr, ach wie viel mußt ich doch schon wegen Sch. aushalten, er schrieb mir schon wieder, seit Fastnacht Dienstag, schon am Freitag, ach der Sch. ich weiß nicht, so viel Unangenehmes hatte ich schon wegen ihm, schon so oft sind wir böse gewesen u. immer wieder kommen wir zusammen, ich weiß selbst nicht wie, ich stelle oft an mich die Frage, bist du nicht das dümmste einfältigste Mädchen Wo es gibt, nur an einen solchen zu denken, bei dem auch gar keine Hoffnung ist, bei dem ist es ja doch nie Etwas. Das der Andere jetzt wieder böse ist mit mir wegen Sch. ist mir auch nicht einerlei, bei den Andern lauft alles so stille ab, bei mir wissen es gleich alle wenn Sch. dagewesen, es geschieht mir aber ganz recht, wenn der Andere (seinen Namen will ich dir nicht nennen, ich weis selbst nicht warum, ich habe jetzt auch kein Recht mehr dazu) nur nicht böse wäre mit mir, auf Versöhnung rechne ich nicht, denn jetzt da kein Ball u. nichts mehr ist, kommen wir nicht mehr zusammen, nun ich muß mich eben darin fügen.

Und nun meine lb. Mary, wie gefielst du im Samtkleid, ach ich sehe ein siegreiches Lächeln an deinen Lippen schweben, ach du wirst zärtlich geliebt von St. meine Ahnung sagt mir, daß auch die Zeit über sehr vergnügt u. glücklich an der Seite eines hoffnungsvollen Jünglings umherschwebtest. Ach bitte schreibe mir Alles wie es gewesen, was er gesagt u. halt so Alles.

Ich will enden indem ich dich bitte mir ja recht bald zu schreiben, ach schreibe mir Morgen gleich, denke wie lange her es schon ist seitdem du geschrieben Tausend Küße und Grüße von deiner

Anna.


ohne Datum

Meine liebe Marie!

Hier sende ich dir das Ding, möge es gute Folgen haben! Ich kann dir nicht beschreiben Ib. Marie, wie mich dies Gedicht in Alteration versetzte, wenigstens 7 Bogen Papier versudelte ich, bis ich endlich zufrieden war mit meinem Werke, ich sage dir wenn ich mein eigenes Todesurtheil hätte unterzeichnen müßen, hätte mich’s nicht in größere Aufregung versetzen können wie dies Gedicht, gezittert habe ich, meine Schrift war so verändert, findest du dies nicht auch, ich hatte so viele Gedichte die für U. paßen, somit konnte ich fast zu keinem Resultate kommen, zuerst schrieb ich ihm diese beiliegenden, doch verwarf ich sie wieder, jetzt habe ich ihm dies geschrieben, ich weis nicht ist es dir bekannt: Einsam, bin ich nicht allein, denn es schwebt ja süß und mild usw. wenn nicht will ich dir’s schreiben. Meinst du auch er bekomme es durch diese Adreße?

O, liebe Marie, wenn ich nur bei dir sein könnte! Gelt dir gefällt es noch nicht so recht, ist dir noch Alles fremd, du bist eben auch ein Wesen, das sich nirgends gleich heimisch fühlt, ohne daß man dir zuerst zuvorkommend entgegentritt.

Ich kann dir nicht sagen wie ich mich freue aufs Frühjahr, denn du mußt zu mir kommen, o Marie, komme doch in mein Zimmerchen, o da plaudert sich’s so heimlich, so traulich, komme, komme.

Was hast du für zwei Wesen neben dir? Poetisch o. Prosaisch, fühlst du keine Simpathie für sie, ich bitte dich um Alles liebe Marie, schließ mir keine Freundschaft mit ihnen, denn dann würde ich sicherlich verlieren dadurch, du mußt wissen, in der Liebe wie in der Freundschaft bin ich sehr egoistisch. Könnte ich dir doch ein wenig Wärme von m. Zimmer abtreten, du armes Kind, du dauerst mich, wenn und ein so herzblutstockendmachend kaltes Zimmer hast, schlafst du allein? Sage mir liebe Marie, warum konntest du nicht kochen hier? O denk dir wie schön es gewesen wäre!

In der freudigen Hoffnung über Alles mündlich mit dir bald sprechen zu können, will ich nun weiteres nicht erörthern, aber dann wird’s geplaudert o u. wie!

Also sei so freundlich und besorge mir das Ding da recht, ich werde dir Dank dafür wissen, vielleicht kann ich dir’s durch ähnlichen Gegendienst wett machen.

Im Geiste umarme ich dich und verbleibe deine dich von Herzen liebende Cousine

Anna.

Baldige Antwort!

Schlaf wohl, möge deine Liebe dich erwärmen in deinem kalten Logis!

O gelt schreibst mir wegen dem dings, es ist mir, wie wenn ich ein Staatsverbrechen begangen hätte, ich möcht nur die Wirkung sehen u. hören, glaubst du er zieh mich?

Zürnt er mir?


Marie und Kätherli (Katharina Heinemann, Schwester von Nepomuk und Josef)
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1867
Marie Heinemann gezeichnet von ihrem Onkel Josef

Rastatt, den 8. 4. 1876

Meine theure Mary!

Endlich, endlich nach langem peinlichem Wartens, erhielt ich deine so sehnlichst erwünschten Zeilen, wie sehr mich dein Bild erfreute, werde ich dir nicht erst zu schreiben brauchen, ach ich war ganz entzückt, du forderst mich auf, theure Mary, dir unverholen meine Kritik über dein Bild mitzutheilen, nun dazu bin ich gern bereit, du bist im Allgemeinen, glaube ja nicht daß ich dir schmeicheln wolle, sehr sehr gut getroffen, so gut das wenn ich dich betrachte, meine ich immer, du müßest den Blick auf mich wenden u. deinen Mund öffnen u. mir erzählen u. antworten auf das was ich dich so gerne fragen würde, wenn du nur den Blick auf mich richten würdest, aber was, es wäre ja doch nicht anderst. Auch muß dein Samtkleid so schön sein, ich beneide dich darum, die Kette liebes Kind macht nicht viel Effekt, man meint, wenn man deine Taille nur so flüchtig betrachtet es sei ein weißer Besatz an der Taille, nun das ist ja aber auch Nebensache, dein Ib. Gesichtchen ist doch sehr naturell.

Nicht wahr das bewußte erste Veilchen-Sträußchen revaschierst (revangierst) du mit deinem Bilde? Ja, ja, ach St. wird ganz entzückt dich täglich hundert mal betrachten u. küßen. Wie glücklich bist du, jeden Abend kannst du, während dem der Ib. Vollmond, die schönen milden Abende, noch durch sein Erscheinen romantischer u. schwärmerischer macht, Arm in Arm ein unblauschtes Plätzchen aussuchen, ach Gott, ach Gott, zu sagen hat man sich in solchen Momenten Nichts, ich kann mich gut in deine wirkliche Lage versetzen obwohl ich nicht in derselben bin.

Wirklich sind doch die Abende sinnberauschend schön, denke dir meine Ib. Eltern wandern auch schon wieder jeden Abend in Gottes freie Natur hinaus, ich gehe als zu Buderina Abends, oder sie kommt zu mir, dann gehen wir als auch auf dem Rheinauer Wege mutterseelen allein spazieren, gestern Abend kamen Buderina und Frl. Seitz zu mir, wir blieben da bis nach neun Uhr, hernach begleitete ich sie heim, morgen gehen wir drei nach Rothenfels, Maientouren wollen wir als auch wieder machen, ach was für ein Unterschied wird es dieses Jahr sein, gegen voriges Jahr, könnte ich dir nur ausführlich den nirentödtenten Durcheinander unter uns erzählen, wir drei sind mit den anderen alle böse, Alssermann u. ich, denke dir dieses Unglaubliche, laufen aneinander vorbei wie wenn wir uns fremd währen, ebenso Gerstner und Kurz, die zwei letzten sind jetzt immer beieinander, sie kommen als auch zu Späth, da erfahre ich alles wieder, was sie von mir sagen, denke dir Späth weiß auch alles wegen Sch. dieses ist mir eigentlich das ärgste, daß es Mary erfahren hat, denke dir Sch. erzählte den Studenten Alles, wie ich hörte aus Eifersucht, wenn er Verstand und bischen überlegt hätte, hätte er zu Allen geschwiegen, dieses kann ich ihm nie niemals verzeihen, nach Ostern, wenn seine Ferienzeit vorüber, kommt er wieder hierher, natürlich nicht ahnent, was unter dieser Zeit geschehen ist, ich gehe nicht zu dem Rendezvous, ich will unter keiner Bedingung mehr mündlich mit ihm sprechen, wenn er in Karlsruhe wieder ist schicke ich ihm seine Briefe u. fordere meine zurück u. damit fertig, ich will und darf ihn, der mir so unsäglich viel Unannehmlichkeiten bereitete, nicht mehr sehen.

Auch meine geringe Persönlichkeit erhielt schon vorigen Monat 4 Veilchensträußchen die ich trotz des Verwelkens aufbewahre, als Erinnerung, Ach Ib. Mary, ich bräuchte so notwendig einen Sonnenschirm, ich kann ja nirgends hin, ach bitte sei so barmherzig u. schicke mir auch einen neuen, weist einer mit einer Kette, du darfst den schwarzen behalten, auch schicke ich dir herzlich gern mein weißes Überkleid dafür, ersuche Amelia, es gibt dir auch etwas dazu, ich schreibe ihm deswegen, denn wie du weist sollte ich auch ein Sommerkleid haben, kann ja sonst den ganzen Sommer nicht fort, u. eben ein Kleid, ein Schirm, Schuhe, Handschuhe u. Hut, erlauben meine Mittel nicht anzuschaffen, ach bitte sei mir doch nicht böse, weil ich geradezu mich erfrecht (dich) direkt mit einer Unverschämtheit zu belästigen, verzeihst du mir dieses nicht?

Was ich für ein Samtkleid bekomme, weis ich noch nicht, ebensowenig wann, wenn ich mal den Stoff habe will ich dir Müsterchen beilegen, O, wie gut hast du’s, jetzt bekommst du ein Samtkleid, zwei Samtkleider u. hast doch schon zwei so schöne Sommerkleider gehabt, wenn ich nur dein gelbes hätte, wie gerne wollte ich mich den Sommer über mit demselben behelfen, aber ich armer Teufel besitze zwei einzige Kleider u. zwar beide für den Winter.

Liebe Mary, den Schmuck, den du mir auf Fastnacht geschickt, vergaß ich dir beizulegen, wenn ich dir das Überkleid schicke, lege ich denselben bei auch bisschen wohlriechendes Gewässer. Vorige Woche schickte ich Emil seine Photographie durch Eduard zurück, er ist seither schon wieder 3 mal an unserem Haus vorbei, ich weiß nicht, will er mich dadurch ärgern oder was, aber jedenfall lauft er mir nicht zu lieb vorbei, denn er schaut als nicht einmal an’s Fenster, die Tropfen wissen nicht, wie sie einem ärgern wollen.

Den Zopf von Kätherlein bekomme ich erst nach Ostern, sie hätten wirklich so viel zu thun, aber ich glaube die Hauptursache ist, weil die Friseure Madame bald in’s Wochenbett kommt.

? gibt Alssermann’s Buben keine Stunde mehr, sie hat jetzt einen Zahlaspirant, er schickte ihr ein schönes Poesiebuch zu ihrem Namenstage. Viele Grüße von Mary, u. jetzt brauchst du nicht mehr so lange auf ihre Photographie warten, sie lasse sich bald photographieren.

Gestern war kurz ihr Fischer da, denke dir sie liefen per Arm die Stadt hinunter. O du liebes Kind lebe wohl u. vergnügt u. denke auch bischen hir und da meiner in deinem Glück, o lieb so lange du lieben kannst, es kommt die Zeit u.s.w.

Schönen Gruß an ? Strobel, viele an’s Kätherlein. Viele Grüße von meiner Mutter an dich u. Kätherlein. Jetzt ist’s bald ein Jahr, seitdem du hier warst.

Ach bitte schreib mir doch recht bald wieder u. auch viel, es interessiert mich alles. Wenn in der Sch. Geschichte Fortsetzung folgt, will ich dir dieselbe mittheilen. Mit deiner Busenfreundin bin ich böse. Schreibe mir ja recht bald, bedenke daß deine Briefe wirklich mein einziger Trost sind.

Hat Strobel Anna schon geheiratet? Ist Schrenk Peggi schon wieder da von Stuttgart? Ist Hug Friedel gesund?


Rastatt, den 7. 9. 1876

Liebe Mary!

Die innigsten herzlichsten Glückwünsche zu deinem Namens-Tage, ruft dir deine dich innigstliebende Cousine aus der Ferne zu.

Ich will dir gewöhnliche Phrasen, die immer und immer bei solcher Veranlassung in Anwendung gebracht werden, unterlaßen, du bist mir gewiß nicht böse darob, denn du weißt ja, das ich dir nur Liebes und Gutes wünsche, wenn ich die Gaben des ? auch nicht so einzeln dir wünsche u. beschreibe.

Ach, wie glücklich war ich voriges Jahr an deinem Namens-Feste; jetzt ist es mir von dem Schicksale vergönnt, dir wie damals meine Wünsche mündlich darzubringen, nun in das Unveränderliche, von den Göttern bestimmte Schicksal muß man sich eben geduldig fügen.

Unwillkürlich drängt sich ein Gedanke mir auf, u. zwar, wann werde ich dir wieder mündlich gratulieren können? Doch genug, ich will auf ein anderes Thema übergehen

Wie stehts in Bezug auf die noch zweifelhafte Verlobung? Ist’s als noch ein Geheimnis, oder ist dieselbe schon ein Futter für Kritisirendes u. Verhechelnte?

Es wundert mich ob es zu etwas wird, ich meine eine schlechte Parthie wäre es nicht, er hat ja ein süßes Geschäft auch ist er ein schöner, gefälliger Bursche. Will ihn Klara nicht mehr? So, so dein Amerikaner Vetter, war ein solcher Herzeroberer, nun ich bin froh, daß ich ihn nicht kennen lernte, denn weist mein Herz ist auch nicht gewappnet genug, gegen Amors Pfeile. Du zweifelst, ob er Frl. Rank heirathen wird, nun ein Risiko ist es doch jedenfalls von ihr.

Liebes Kind was faselst du von schöner Gelegenheit zu kommen, ich meine du hast auch nicht weiter zu mir als ich zu dir, u. zudem ist des Jahreskehr an dir, o wie oft, wie oft dachte ich daran, diesen meinem Lieblings-Wunsch dir mitzutheilen, aber wenn ich mir als jene nierentötenden, hoffnungsvernichtenden Worte ins Gedächtnis zurückrief, die da lauteten: „Es ist vorbei mit Rastatt“ da trieb ich meine Wünsche mit einem Stoßseufzer verbunden, in die unergründlichsten Tiefe meines Herzens. Mein Papa kommt nicht mit den Bildern, denn die Schule beginnt nächsten Dienstag wieder. Papa und Mama werden Euch das nächste Jahr das Vergnügen schenken, Mamale muß zuerst noch ein neues Röckchen u. neues Peterlie han, no kummt sie.

Ach bitte liebe Mary, komme im November oder noch bisle später, dann gehst du als mit mir auf die eroberungsreichen Kränzchen, denke dir köstlichen Spaß (?), bitte schreibe mir das nächste Mal ob du Lust hättest zu kommen, dann schreibe ich an Onkel, damit du um so eher Erlaubniß von ihm erhält, ich versichere dir ich bin nicht mehr so wunderlich wie voriges Jahr, ich bin wie ein umgekehrter Sack.

Aber blutete dir dein Herz nicht, als du die niederschmetternde Nachricht erhieltest, Herr Strobel herze und küße eine Andere? Denke dir Emil kommt wieder oft zu uns. Komme morgen Abend zum Zapfenstreich, diese Woche waren schon zwei, nämlich bei der Sedan-Feier u. Dienstag Abend General Moltke, der hier war zu Ehren, ’s ist als recht ordeli darbei. Am Sonntag gehe ich nach Ettlingen um meine Freundin, die schon längere Zeit dorten ist, abzuholen, dann werden wir noch nach Karlsruhe ge-hen.

Und nun liebes Kind muß ich enden. Denke beim Anblick des kaum erwähnenswerthen Geschenkchens: „Wenig aber von Herzen.“

Herzliche Grüße von meiner Mutter u. sie läßter ou gratulire u. du sollist ou kumme.
Auch viele Grüße an Kältherlein.
Bitte Ib. Mary schreibe mir so bald wie möglich. Das wurmse surmse, hast du nicht recht entziffert, auch die beiden Buchstaben hatten nicht dieselbe Bedeutung, die du ihnen zuschreibst, sie waren bedeutungsllooooss.

Was bekommst du allerhand zum Namensfeste, von wem?
Also noch einmal die herzlichsten Glückwünsche auf morgen und viel Vergnügen.

Lebe nun recht wohl und schreibe recht bald deine dich liebende Anna.

Ist die Ernte auch schon vorbei droben?
Gott Straß es ist sinnverwirrend kalt.


Mit amerikanische Vetter handelt es sich wohl um den erstgeborenen Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Ein anderer Sohn, Guido Karl, geboren 14.11.1858, ist wohl erst später ausgewandert. Der „Amerikaner Vetter“ kann aber auch der älteste Sohn des Fridolin Heinemann – Josef Heinemann (*21.11.1857) sein der nach Amerika ausgewandert ist, wobei auch dieser 1876 vielleicht noch zu jung war.


Rastatt, den 24. 10. 1876

Meine theure Mary!

Schon sind etliche Tage verfloßen, seitdem ich dein Ib. Brieflein erhalten. Ich wollte dasselbe wie gewöhnlich, gleich beantworten, wurde aber durch verschiedene Ereignisse, zum Theil sehr unangenehme, davon abgehalten. Gerne würde ich dieselbe nennen, befürchte jedoch deine Geduld auf eine zu harte Probe dadurch zu setzen, will’s also, auf obiges bezug nehmend, nicht nennen und alles bei mir behalten.

Ach wären wir doch beisammen, dann ja dann.

Theure Mary, wie geht es sonst, seit ihr wieder alle wohl? Hoffentlich. Vater ist G.s. D. ganz wohl. Mütterchen so so, la la, meine geringe Persönlichkeit befindet sich auch wohl. o je. Bei Durchlesung der so schlimm u. sehr unangenehm ausgefallenen Verlobung von M. wurde ich ganz starr u. Entsetzen ergriff mich davor. Nur so Etwas nicht. Weniger erstaunt war ich bei Durchlesung wo du mir schreibst Amelie habe sich beleidigt gefühlt, der verspäteten Gratulation wegen, ich dachte mirs, thut mir leid aber ändern konnte ich’s nicht, ich sah zu spät im Kalender nach, wo sein Tag verzeichnet ist.

Herr Gott Salon, werdet Ihr aber nobel in Hüfingen, schon wieder neue Hüte mit ächten Federn darauf! Ich behalte meiner von voriges Jahr wieder.

Ich wollte zuerst meinem Cousin einen Brief für dich mitgeben, aber ich fürchtete der Teufel mache uff. Vater hat ihm einen für Onkel R. und Herr Pfarrer mitgegeben. Du mußt nämlich wissen er war in Heidelberg in einem Geschäft u. nun ist er bei’s Fritscherichs in Hüfingen comis, gestern Morgen kam er bei uns an, und ging heute Mittag ins Oberland. Ich erzählte und schwatzte ihm immer von dir, zeigte ihm deine Photographie. Ich sagte zu ihm er solle als auch mit dir tanzen, er ist nämlich ein guter Tänzer, er ging auch in die Tanzschule. Er ist so groß wie du, hat gerade solch schwarze Haare wie du und akurat solche rothe Wänglein wie du. Er mußte mir ver-sprechen, dir hie und da Fensterparade zu machen, wenn es dich auch ärgert, macht nichts. Ich lege dir an’s Herz, gehe auch zu ihm in Laden u. schreibe mir, wenn er Unfuge u. d. gl. treibt droben, was ich zwar nicht hoffe, ich sprach ihm sehr zu, er soll auch brav sein, ich erfahre es wenn er es nicht sei u. s. w. einen heillosen Mist schwatzte ich an ihn hin.

Liebe Mary, ach könntest du nur auch hie und da Abends bei uns sein, o wie vergnügt wollten wir sein, so aber ist’s halt langweilig, besonders heute Abend, Mutter spinnt, Vater ist noch in Karlsruhe, er kommt erst um neun Uhr heim, u. ich sitze da u. schreibe für mein liebes Kind einen Brief jetzt da.

Weder Tag’s noch Abend’s werden wir in unserem Alltäglichen gestört o je.

Du schreibst mir immer was Andere für Kavaliere haben, deiner vergißt aber immer mir zu nennen, hoffentlich wird’s bald, od. ich erfahre es irgendwo andersher, wart‘ mir Mädele, mußt ja nicht denken, es komme mir einmal in den Sinn du habest keinen Gschboutsi, o je.

Ist’s bei Euch droben auch schon so nerventödtent kalt? Herr Gott Salon, Mutter friert schon wieder von Morgens früh bis Abends spät, o je. Gott-Straß, wirklich ist’s ehrlos langweilig o je. Fort komme ich wenn ich Kommissionen machen muß, sonst nicht, ich bin am liebsten daheim. Wirklich mache ich stramm an Vaters Hemden. Was schaffst denn du?

Bitte liebe Mary, komme doch diesen Winter zu mir, dann gehst mit auf die Kränzchen. Soll ich deinem Vater schreiben deswegen? Nicht wahr Ib. Mary, du schreibst mir recht bald wieder, o ich bitte dich um alles in der Welt darum. Und nun schlaf wohl. träume süß, am Morgen nicht zu früh.

Ade Kind, grüße mir die Leute, die mich kennen.

Ein Satz im Dialekt dann:

je es ist so warm do hin, jo jo.

Schreibe recht bald wieder deiner dich innigstliebenden Anna.
Viele Grüße von Mutter. Grüße auch’s Kätherlie u. Elise.


Rastatt, den 26. 11. 1876

Meine theure Mary!

„Selige Erinnerung der Vergangenheit!“ durchlebe ich im Geiste noch einmal den gestrigen, vergnügungsreichen Abend, muß ich unwillkürlich an oben angeführte Worte denken.

Liebe Mary, nach langer langer Zeit endlich kam ich einmal wieder zum Tanzen u. was drum und dran hängt, u. zwar gestern Abend, um 8 Uhr begann das Konzert, woselbst ein Hofopernsänger von Karlsruhe mitwirkte, Herr Gott Salon, nein der hatte eine Stimme, so hörte ich noch nie singen, das Konzert dauerte bis 10 Uhr, nach einer 1/2 stündigen Pause, wurde der Tanz durch Polonaise eröffnet, u. nachher verstrich die Zeit unglaublich, nierentödtent, sinnverwirrent schnell, durch herz-blutstockenmachende Tänze u. was drum u. dran hängt. Um 1/2 4 Uhr gingen wir schon heim, ach ich hätte so gern noch den nächstfolgenten Lacie mitgetanzt aber – Nun was habe ich jetzt davon, nichts als das Nachdenken u. was drum u. dran hängt. Liebes Kind dies ist Alles, was ich dir aus meinem einförmigen Alltagsleben mittheilen kann.

Nun nun du schreibst ja mir einen gräßlich scharf verfaßten Brief, dein zweitletzter Brief gelang ja in meine ?, ich schrieb ja Elise nicht, daß ich keinen Brief erhalten habe von dir, sondern blos warum du mir so lange nicht mehr geschrieben, es kommt mir fast vor, als währe es ein Verbrechen, wenn du mir schreibst ohne daß ich dir vorher antworte geld so ist’s. Herr Gott Salon wehrt die sich wenn man sagt Fridolin Fridolin od. wenn man singt: Holdes Grün, wie lieb ich dich, weil mein Schatz ein Jäger ist. u. doch – Wer dir begegnet auf der bekannten Straße weis ich nicht, da jene Erwähnung, nur eine von meiner im Hirn erzeugten Einbildung wahr, bei uns nennt mans ?, Witz, Spaß u. d. gl. was du so gleich alterirt bist!

Soso du sprachst mit meinem Herr Vetter Bodenhopser, Schubladenzieher, wenn du zu ihm kommst wieder, dann bitte ich dich um alles in der Welt, sage zu ihm er sei ein Erdslügner ein fauler Fisch, ein ein ein Spinnenbobelenhirn u. noch vieles Andere hast gehört dieses sagst zum hast’s gehört, er wird dann schon wissen warum u. was drum und dran hängt.

Was ich auf Weihnachten mache fragst du mich, ha ich sticke Vater ein paar Pantoffeln u. du?

Elise schrieb mir heute auch. Denke dir gestern Abend sagte ein Herr zu mir, ich war in Hausach, da traf ich Herrn Bernauer, er sei auf der ? dort, dann haben sie so halt so von der Tanzstunde geschwätzt, dann habe Herr B. gesagt, er solle mich herzlich grüßen u. so. u. so. er hni halt ou n Freud g’ha, Herr Gott Salon, denkst auch noch an seine Knöpfe u. was drum u. dran hängt?

Liebe Mary ich bitte dich um Alles in der Welt u. um noch vieles Andere komme doch nach Rastatt, aber nicht erst an Fastnacht, komme Gott-Straß auf Weihnachten, es sind ja drei Feiertage, bis dorthin ist jedenfalls wieder ein Kränzchen, o Mary komme, komme doch, soll ich an Onkel schreiben deswegen, od. erhälst du ohne dies Erlaubniß, ach nicht wahr du schreibst mir das nächste Mal davon, o mein ich hätte dir auch vieles Erlebte nie wieder Kehrendes zu erzählen, wenn es von dir abhängt zu kommen od. nicht – so erfülle meine inständige Bitte u. wähle Ersteres.

Kätherlein laße ich noch nachträglich herzlich Glück wünschen zu seinem gestrigen Namenstage d. h. wenn es sie noch annimmt. Meine Mutter kommt nächste Woche hinauf, aber nicht im Hemd. Ich gehe nächsten Monat oder im Januar nach Paris, als Musiklehrerin eine Stelle habe ich schon bei Graf Murat. Meine Adresse ist dann:

A. R.
per Gram a Loth e le va Murat???
Lo schemo???
a Paris N. 386

Bin ich erst einmal in Paris, weis ich dir mehr zu schreiben. Elise schreibe ich noch einmal bevor ich gehe. Also bis dahin Gott befohlen liebes Kind. Auf Ib. baldige Antwort hoffend grüßt und herzt dich innigst deine dich treu und ewig, innigst u. aufrichtig liebende Anna Die Liebe klebt wie Bärendreck

Man bringt sie nicht vom Herz hinweg
Gute Nacht, ins Guschi gehe ich jetzt u. denke an dich u. noch an vieles Andere u. was drum u. dran hängt.

Schreibe ja recht bald wieder od. ich erschieße mich mit Gansdreck, wir stopfen ja eine, da hab ich ja schon Gelegenheit.


Rastatt, den 29. 12. 1876

Meine theure Mary!

Schon ist wieder ein Jahr in dem Strom des Lebens dahingeflossen, wieviele freundliche, mitunter auch freudige Erinnerungen steigen vor unserem geistigen Auge empor, wenn wir uns das erlebte alte Jahr zurückrufen, nicht wahr liebe Mary, trübe Stunden zählt das verflossene Jahr keine oder doch nur sehr wenige, der liebe Gott wolle uns auch im neuen Jahr nicht mehr senden. Doch ich komme von meinem eigentlichen Thema ganz ab. Ich wollte dir ja Alles Liebe u. Gute von Herzen zum neuen Jahre senden. Du lieber Gott, füge es doch, daß die liebe Mary bald wieder einmal zu mir kommt, weist wir hätten ja miteinander so viel zu erzählen, was weist du ja schon.

Liebe Mary, ich will gar nicht viele Worte gebrauchen, meinen Neujahrs-Wunsch dir darzubringen, begnüge dich also mit den oben wenig erwähnten Worten.

Daß du diese Feiertage nicht kommst, habe ich zu meinem größten Leidwesen bemerkt, nun wie verliefen dieselben? Bei mir verliefen sie sehr ruhig. Was bekamst du zu Weihnachten? Ich bekam eine augenblendent, sinnverwirrent, herzerobernten Jacken. Mein ich bin schön d’rin, obwohl dieses noch Niemand zu mir gesagt, glaube ich’s doch.

Kränzchen besuchte ich diesen Winter erst ein einziges, nächsten Sonntag das zweite, o wärst du doch da, denke dir wie schön es währe, Tänzer gibt es genug, Beweis hirvon ist, das ich noch nicht ein mal sitzen bleiben mußte, ist doch gewiß viel gesagt, am Samstag ziehe ich mein schwarzes Kleid an, es ist sehr schön gemacht. Donnerwetter, wenn du nur bei mir wärst, mein ich wollte dir deine Grillen austreiben, durch Allerlei Schnurren u. Schnaggen u. Possen und Rosen u. s. W.

Neues Ib. Kind weis ich dir nicht viel. Kunz Fanny ist in Freiburg, als Ladenmädchen, warum sie von daheim fortging od. mußte, laßt sich leichter mündlich erzählen, als schriftlich.

Reichen habe ich (eigentlich: mich) nie eingeladen dieses Jahr, aber Vater haben sie schon eingeladen, so viel ich gehört, will ja Klara kommen, horche auch droben, sage du gehest auf Fastnacht herunter, ob sie nichts sagen zu dir, bitte aber nenne meinen Namen nicht. Ich weis jetzt also nicht kommt eine od. nicht, od. wann, od. wo, od. wie, hast gehört sage einmal so etwas droben, schreibe mir dann, was sie gesagt haben. Schreibe mir auch die nächsten Tage. Elise hätte ich auch geschrieben, aber da sie fort ist, finde ich es für unnöthig. Sage ihr ich laße sie grüßen u. s. w. Ob keine Aussichten hier sind fragst du mich, ha für dich gibts vielleicht schon, für mich ist’s wirklich nichts.

Liebe Mary schreibe mir auch recht bald u. auch viel geld! Ich freue mich auf die Fastnacht, sonst sage ich jetzt Nichts mehr. Grüße uns herzlich Onkel u. Kätherlein u. auch glückseliges Neujahr, hast’s gehört? Schreibe mir auch bald. Denke am Samstag um 8 Uhr jetzt geht sie auf’s Kränzlein.

Herzliche Grüße u. Küße nehme im Geiste entgegen von deiner A. R.

Wie viele Neujahrs-Karten werde ich noch bekommen 1 od. O thut nichts.

Wie viele erwartest du? 5 od. 11!


Xaver Reich
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint. (siehe oben)

Xaver Reich (Franz Xaver 01.08.1815-08.10.1881) und Josefa (1823-19.11.1900) Elsässer hatten 5 Kinder:

Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe
Maria Josefa Amalia (21.1.1848 verheiratet 08.03.1866 mit Karl Eschborn),
Mary (Amalia Maria Anastasia 23.09.1850-22.10.1939),
Klara (Klara Mathilde 27.11.1852-?),
Karl Guido (14.11.1858-?), ausgewandert in die USA
Amelie ( Amalia 25.12.1860-31.8.1955)

„Die Reichen“ war sicher auch so gemeint, da Xaver Reich es zu deutlichem Wohlstand geschafft hatte und seine Töchter von den Cousinen wohl etwas „abgehoben“ waren.

Über Karl Guido Reich geboren am 14.11.1858 in Hüfingen, heiratet Josephine (Sophia) Kirchler geboren am 15.12.1864, gestorben in New Jersey am 24.10.1926. Auswanderung nach Amerika.
5 Kinder



Rastatt, den 4. 1. 1877

Erwählte, einzige Freundin meines Herzens!

Habe dir zu vermelden, daß den 21. d. M., also nächsten Samstag über 14 Tage, ein Maskenball ist u. gleich hernach einige Kränzchen, vielleicht ist vorher auch noch Etwas. Ich bin nun der Ansicht, daß du bis 21. kommen sollst, denn speziell nur der Fastnachtsvergnügungen wegen hierher zu kommen währe Thorheit, denn über Fastnacht ist rein gar nichts hier.

Richte es also so ein, daß du im Verlauf von 8 Tagen kommen kannst, dies liegt doch gewiß im Bereiche der Möglichkeit, aber nicht ausser den Grenzen deines Willens. – Von Reichen wird keines kommen, wenn Mary krank ist. Wie geht es ihr? Warum thun sie so geheimnisvoll mit ihrer Krankheit?

Schreibe mir sobald du kannst, ob du jetzt kommst, oder erst später, ich rathe dir komme jetzt.

Deinen weißen Schleier kannst du hier schon brauchen, sogar sehr gut. Meine geringe Persönlichkeit hat noch nie einen weißen Schleier getragen, wird auch keinen tragen, da dies zu nobel für mich wäre, schwarze Schleier habe ich auf dem Sonntags u. Werktagshute. Was ich zu Weihnachten bekam will ich dir zeigen wenn du in meinem Zimmer stehst. Ach Gott, wenn du auch in meinem Zimmer bist, welch köstlicher Spautz!

Schreibe mir doch auch gleich, zugleich wann du kommst, damit ich wischen kann u. Spinnbobeln weg thun kann u. was drum u. dran hängt. Herr Gott Salon!

Nehme auch viele und 1 helles Kleid mit. Boa u. Muff, Hut u. Schleier u. deine Uhr u. was drum und dran hängt. Schreibe mir also recht bald. On, wie, wann u. u. u. du kommst.

Tausend Grüße u. Güse empfangen im Geiste von deiner dich sehnlichsterwarten-ten A. R.

Jaso, meine Ib. Eltern danken ? für deine lieben u. gutgemeinten Glückwünsche u. ich danke a recht schön dafür. Gruß von Mammale u. sollischt au bald kumme.

Auf baldiges Wiedersehen.

Grüße an Onkel und Käthchen.


Rastatt, im Mai 1877.

Meine liebe Marie!
Wie ergeht es dir liebe Mary? Bist du immer gesund und munter? Was ist deine Hauptbeschätigung? Im Garten wirst du die goldene Zeit des Wonnemonats meist zubringen und die Kinder Floras hegen und pflegen, In dieser Arbeit beneide meist dich wirklich. Welche Wonn, welche beseligende Empfindung, in Gottes prachtvoller Natur beschäftigt zu sein, in diesem Monate, da ja alles grünt und blüht! O, Wonn!
O, seliger Genuß!

Nacht ihr keine Maientouren? Dieses Jahr macht ich noch nicht ein einzige, kam
ganz gewiß auch nicht dazu. Ist ?..

Mit wem macht Ihr diese diese gottvollen, seelen- und herzerquikenden Vergnügungen? Elise mit R. F. und mein Marichen mit J. St. den daß Ihr zwei Euch wieder gefunden, spüre ich in allen Gliedern, od. ists das nicht, ists sonst ebes intressantes mit dir. Nicht nur am Tage, sondern in der Träume Stille umkaugelt mich dein Ib. Bild. Schon oft wenn ich selig, allem menschlichen Treiben entrückt, in Morpheus Zauberarmen ruhte, riß mich ein Traumbild wieder in die Wirklichkeit zurück, was war es für ein Traumbild? Mir träumte: „Meine Mary sei soeben in Rastatts kugelfesten Mauern angekommen, ich bin ganz überselig, ich führe sie in unserer schönen Wohnung herum, ich gehe Arm in Arm mit ihr auf den Murgdamm bummeln u.s. w. auch kommt es oft vor daß ich dir eine Schüssel unterheben muß, warum, ha aus einem gewißen Grunde. Doch liebe Mary allen Scherz bei Seite, kein Tag vergeht an dem ich nicht fortwährend an dich denken muß. Doch soweit ich dich kenne, glaubst du mir dieses offene Bekenntniße nicht, u. es ist denoch so. Ach liebe Mary, warum kamst du nicht an Fastnacht? Warum nicht jetzt erst, o ich könnte rasend werden wenn ich daran denke, wie schön wie gottvoll hätten wir es auch da, in jeder Beziehung, warum mustest du auch noch einmal in jene mölankolische Wohnung kommen! Mir gruselt es eiskalt den Rücken herauf wenn ich an unsere erste Logis denke.
Meine einzige Freude und Ermunterung ist das Wohlbefinden meiner Ib. Eltern u. unsere schön unterhaltende Wohnung.
Zu erzählen hätte dir schon einiges, aber schreiben? nun dadurch würde ich deine Geduld einer zu harten Probe unterwerfen. Von Elise hätte ich dir auch einiges mitzutheilen, gewiß würdest du mir bei Ihrem Roman gerne zuhören.
Frl. Fanny Kunz ist auch wieder hier, hat einen Zahlaspiranten.
UI. kommt jede Woche einmal zu unseren Herren-Buben hinauf, ich gehe ihm jedesmal aus dem Wege, so gut ich kann, was ihm jedenfall sehr angenehm ist, er kam in eine unangenehme Geschichte hinein mit einem Offizier und zwar auf offener Straße, ich bin sehr begierig, wie das Ende abläuft, er zeigte es beim Direktor an.
Habt Ihr auch immer so unbeständige Witterung? Wirklich ist der Himmel wieder ganz mit Regenwolken angefüllt.
Morgen ist Fronleichnams-Fest.
Ach Gott! Selige Erinnerung aus meiner Kinderzeit! Wenn ich morgen nur einer Prozeßion beiwohnen könnte, wie du weist, haben die Rastatter diesen schonen ehrwürdigen Brauch abgehen laßen.
Denkst du auch an jenen Fronleichnams-Tag als du hier warst, weist wir machten morgens eine Maientour, von der wir im höchsten Grade Herzerweiterung bekamen.

liebe Mary ich habe eine junge, wilklich fabelhaft gescheidte, unglaublich schöne Katze, of wenn wir so allein beisammen sie ermüdent ihr Köpfchen auf meinen Schoß legt, erzähle ich ihr als von dir, und herzerweichend ?rührend anzusehen, laufen ihr als die hellen Thränen über ihre behaarten Wangen, besonders wenn ich als an die Stelle komme, wo wir an einem Sonntagnachmittage so sehnsuchtsvoll im Engel in Niederbühl im oberen Stocke umherschoßen.

Liebes Kind sind die erinnerungsreichen Momente bei dir bald herum? Bei mir gehen sie Gott-Straß erst recht an, Herr Gott Salon. Donnerwetter der Kerl.

Nicht wahr liebe Mary, du vergißest mich nicht, auch wenn du dich in deinem gewünschten Elisium befindest!

Wenn du nur halb soviel an mich denkst, wie ich an dich, dann bin ich befriedigd, dann bin ich’s zufrieden. Was macht auch Fritschi’s Schubladenzieher? Er komme nach Karlsruhe als Grenadier.

? ja schon wieder ein neues Kleid? Ich bekomme keines, ich veränderte mein vorigjähriges, ich macht selbst Bolenfransen daran, die kolossal schön sind, wenn ichs anziehe springt mir als immer unsere Katze nach, vor lauter Blesier, die sie an den Bollen hat, wenn dus nur sehen köntest, du wirdest gewiß heulen.

Bitte gute Mary, schreibe mir auch recht bald.

Viele Grüße von meiner Mutter

Herzliche Grüße und Küsse (im Geiste) von deiner dich liebenden Anna.


Rastatt, im August 1877

Meine liebe Mary!

Je länger ich zög’re einen Brief zu beantworten, desto schwerer finde ich einen Anfang dazu, wenn ich ihn endlich einmal beantworten will. Schon volle 10 M. sitze ich hier über Papier und Feder gebückt und suche und hasche nach einem, wenn nicht zischen, so doch ordentlich geschriebenen Anfangs-Satze. Und nun ich mit meinem, zwar nicht schmeichelhaften Bekenntniße den Anfang machte, ist mir geholfen. Ich will nun versuchen, was ich weiß nach einander dir Ib. Mary herzudiktiren.

Gesund und wohl verlaufen mir die Tage sehr ruhig und einsam. Ich bin immer zu Hause die ganze Woche, gehe regelmäßig, Montag, Donnerstag und Samstag auf den Wochenmarkt, kaufe da ein was notwendig ist u. gehe wieder nach Hause, da ich nie od. höchst selten eine von meinen Freundinnen dorten treffe, da dieselbe die Einkäufe durch ihre Leute besorgen laßen. Sonntag’s ist mein erster Ausgang in die Kirche, woselbst sich mein Gemüth u. meine Seele erhaben fühlt.

Trotz zwischen Elise und mir noch die alte Freundschaft besteht u. wir einander noch von Herzen gut sind, komme ich höchst selten zu ihr, voriges Jahr um diese Zeit verstrich kein Tag, das wir nicht beieinander waren, warum Ib. Mary, diese Frage ist sehr inhaltsschwer für Elisen auf ihr künftiges Glück od. Unglück wirkent. Wenn ich dir’s mündlich erzählen könnte –

Doch genug von diesem. Ludovica kommt auch selten, eben auch darum. Zu Späthen komme ich sehr wenig. Mary erzählte mir letzthin Sch. sei als Leutnant hier gewesen, also seit Fastnacht schon drei mal und ich habe ihn noch nie gesehen, sehne mich auch nicht mehr nach seiner holden Gestalt. ? ist nach dem er das Examen sehr gut bestanden am Freitag dem 9ten von hier fort. Er kam zu uns um mir adie zusagen, Mutter und ich waren allein zu Hause, Ib.

Mary, wie du weist ist es ja schon lange Zeit mit uns aus gewesen, aber als er kam, um mir Lebewohl zu sagen, fühlte ich, daß er mir noch nicht fremd ist. Stillschweigend und mit abgewandtem Gesicht streckte ich ihm meine Hand hin, ich hörte wie er mit ziternter Stimme sagte: Lebewohl: mehr sah und hörte ich nicht denn ich ging in mein Zimmer und ließ ihn stehn. Mutter sagte mir nachher er währe furchtbar aufgeregt gewesen, er habe ganz gebebt, weist lb. Mary, mir fällt nichts schwerer als ein Abschied u. nicht wahr ein Abschied ist hart, wenn man aber Abschied nimmt für’s Leben, das ist mehr als hart, dafür weis ich keinen Ausdruck. Er kommt nach Würzburg, woselbst er lustig studieren will bis er Amtmann ist, das dies ein Abschied für’s Leben war ist gewiß, denn er sagte zu Fr. Frank, mein Weg führt mich nicht mehr nach Rastatt, er sagte noch vieles zu Fr. Frank. könnte ich dir alles mündlich erzählen, gewiß du bliebst nicht unberührt davon – doch ab davon –

Die vorige Woche hatten wir Besuch von meiner Cousine von Geisingen, ich erfuhr viel Neues von dorten, mitunter sagte sie mir auch, du seist erst mit Fridolin und mit einem kleinen Mädchen (vielleicht Heinemanns Elise) in Geisingen gewesen, Fridolin und du seien ja Brautleute, o ja sagte ich, dieses ist mir nichts Neues, Mary nimmt keinen andern als Fridle.

Donnerwetter!

Wie sieht es auch in euerem Garten aus? Hat Onkel wieder viel Arbeit? Was macht Elise? Wie steht ihre Herzensangelegenheit? Verspührst du keine Herzerweiterungsanfälle mehr? Stein

Ich habe dieses Übel in kolosal starkem Quantum wirklich.

Liebe Mary ich komme wahrscheinlich die nächste Woche ins Oberland, werde aber in Donaueschingen nicht aussteigen, sondern direkt nach Hattingen fahren, woselbst ich einen kranken Schatz besuchen werde. Wenn ich nicht in’s Oberland komme, gehe ich nach Kutzbrunn. – Denke dir Gott-Straß Kunz Fanny ihr Schatz hat sich eine Ader geöffnet, warum er dieses gethan weis ich nicht. Wie geht es Herrn St.?

Was ich zu meinem Namenstage bekam ist folgendes: 2 ? , 2 paar schöne Glacehandschuhe, von Elise ein prachtvolles seidenes Hemd, wie beiliegendes Müsterchen zeigt, weiter 1 ? u. noch viel Gratulationskarten. Doch würde ich meinen vorigjährigen Namenstag dem diesjährigen vorziehen – Grüße mir alle deine Freundinnen Mary, Elise und Stanni u. Babete u. s. W. s‘Kätherli grüß mir ganz besonders und morgen komme ich ? Dialekt – Scherz

Bitte sei do gut und schreibe mir so bald dir’s möglich ist u. recht viel.

Sei herzlich gegrüßt von deiner dich aufrichtig und treu liebenden

Cousine Anna

Herrn Förderer sehe ich jeden Tag, schade das du mich nicht bist.
Emil ist in Hagenau auf 6 Wochen


Rastatt, im Dez. 1877

Meine theure Cousine!

Du hattest ganz recht als du schriebst, ich wäre dir schon lange Antwort schuldig, obwohl ich mich dieser Nachlässigkeit selbst anklagte, finde ich doch ein Wort der Entschuldigung, indem ich immer dachte, mein Mariechen hat jetzt wieder andere Sachen zu denken und zu sinnieren als an seine Rastatter Cousine zu schreiben, und ihre interssantlosen Briefe zu lesen.

Um so mehr freute es mich deswegen daß du trotzdem doch noch Briefe von mir verlangst, die Folgerung hiervon muß sein, das du doch noch ein klein wenig an mich denkst.

Aber Ib. Kind was habe ich Elise geschrieben? Über welchen Punkt soll ich dir Aufschluß gegeben? Was Ihr für zwei Tropfen seid ist mir unerklärlich, du schreibst nicht von Ihr, und Sie nicht von dir u. trotzdem weiß ich doch Alles von Euch beiden.

Warum hast du mir nicht einmal schreiben mögen, daß Elise in Karlsruhe war u. warum hat sie nicht aussteigen mögen hier, du bist schuld, du wirdt zu ihr gesagt haben, a was du brauchst nicht zu dieser, kannst zu Elise sagen ich habe vor Zorn geweint, als ich erfuhr, daß sie noch nicht einmal so viel Takt habe, wenn sie hier durchfährt u. mich noch nicht einmal besucht, eine Schande ist es. O wer weiß ob du nicht auch schon hier durchgefahren bist, ohne mich zu besuchen, wer weiß wer Natürlich seitdem man wieder in Besitz ist von Herrn St. Photographie denkt man nicht darüber hinaus, ja jener Ball, war halt doch günstig, halt so, für Elise soll er auch sehr günstig gewesen sein, habe ich gehört. War Frl. Kleinler Mary nicht dort?

Bitte richte einen Gruß aus, von meiner Cousine Auguste an oben genanntes Frl. sie lernten sich in Freiburg kennen. Am Sonntag war ich auf einem Kränzchen woselbst es mir so ordentlich gefiel…

(schwer leserlich)

An Weihnachten komme ich sehr wahrscheinlich ins Oberland, da ich mit meiner Cousine Auguste muß, vielleicht komme ich auch auf einen Tag nach Hüfingen. Ich freue mich ? bis ich dich wiedersehe und mit dem Glauben komme, du hast mir gewiß vieles zu erzählen, trag es immer zu Herrn St. er dürfe mich nicht mehr ?

?

Auch bin ich nicht im Stande heute einen ordentlichen Brief zu schreiben.

Grüße von uns allen besonders von deiner dich von Herzen liebenden Cousine

Anna.

Baldige Antwort.
Ich bin geistig und körperlich phlegmatisch


ohne Datum

Meine liebe Marie, du must mir glauben, das ich oft nicht mehr weiß, was ich thue, ach du bist glücklich zu schätzen gegen mir, allerdings haben dich die Ereigniße letzerer Zeit auch arg angegriffen, aber dir nur Zorn bereitet, den man eher vergesßen kann, als ein verlorenes nie mehr ersetzendes Lebensglück, wie das Meine, doch ich will enden davon u. nie mehr seiner erwähnen, aber glaube mir, wenn ich mir den Zwang auch anthue heiter zu scheinen, es ist nur eine Maske, hinter der ein Herz schlägt, das nichts mehr von Fröhlichkeit u. Vergnügen wißen kann.

Ich will dir nur einiges von meiner Geistesabwesenheit mitteilen. Vorgestern habe ich anstatt das Kaffemehl Eimerweiß in den Kaffe geschüttet, was es für eine Brühe war, kannst dir denken, gestern morgen hat Mutter Bohnen abgethan u. zu mir gesagt wenn sie weich sind thust’s raus, hast’s gehört, ja sagte ich als sie fort war wußte ich Nichts mehr davon, ich nahm in Gedanken den Kessel samt den Bohnen u. schüttete sie den Schüttstein ab, in der Meinung es sei nur Wasser, was Mutter dazu sagte will ich verschweigen, sie fragt alts mich nimmts nur Wunder an was du auch denkst, ja denke ich als ich weiß an was.

Bitte schreibe bald wieder, sei unterdeßen herzlich geküßt u. gegrüßt von deiner auf dich trauenden Anna.


Maria Heinemann (23.12.1857-19.05.1948)
Marie 1878
Marie gemalt von ihrem Taufpaten Josef Heinemann.

Maria Josepha Nober, geborene Heinemann in der Hauptstr. 5


Margareta Stoffler aus Geisingen war die Frau von Lucian Reich und Mutter der einzigen Tochter Anna. Sie starb am 16.September 1880. – siehe auch die Briefe von Lucian Reich an seinen Schwager J.N. Heinemann.

Marie Heinemann war die einzige Tochter von “Lisette” Reich. Die Schwester von Lucian Reich Elisabeth Heinemann 15.12.1819-22.06.1871) .


Rastatt, den 18ten Okt. 1880

Meine liebe Marie!

Verzeihe wenn ich dich so lange auf einen Brief warten ließe, jeden Tag nahm ich mir vor, dir zu schreiben, kam aber nie dazu, warum? ich weis es selbst nicht. Ich bin noch nie ruhig und gefaßt zur Überlegung, ich weis nicht gut Marie was ich dir über meinen frühern Plan und Wunsch weiter schreiben soll, oft hab ich Stunden in denen ich dich liebe Marie so sehnsüchtig herbei wünsche, ? sehnlicher als wenn ich allein am Grabe, auf dem Flecken Erde stehe, daß mein Alles, Alles birgt, o Mutter, o Mutter; glaubst du ich störe ihre Ruhe wenn ich sie oft besuche mit ihr spreche u. um sie weine?

Dann habe ich aber auch wieder Stunden in denen ich Niemand um mich haben möchte, einsam dem Schmerze nachhängen ist zu Zeiten lindernd. Sei mir nicht böse, ich kann ja nicht dafür.

Daß es sehr einsam, traurig bei uns ist wirst du begreiflich finden, ich möchte zu Niemand gehen, am Grabe meiner Mutter fühle ich mich am wohlsten. O, ich komme oft nicht über den Gedanken hinaus, keine Mutter mehr; fort ohne Abschied u. wir sehen uns doch so lange nicht mehr, todt, todt ist sie, sie gibt mir keine Antwort mehr wenn ich am Grabe bei ihr stehe, u. mit ihr spreche, sie plauderte als doch so viel und so gerne mit mir, besonders das letzte Jahr; den Sommer 1880 vergeße ich nie, o Gott was ist das Leben, ein eitler Traum, alles vergänglich, nichts bleibt, als die Verdienste um den Himmel, u. wie saumselig, nachlässig ist man um dies.

Gott hilf mir, stehe du mir bei, führe mich bald zu meiner Mutter, hole mich dahin zu ihr, wo es keine Trennung mehr gibt.

Könntest du liebe Marie nicht über Allerseelen kommen, o bitte wenn möglich, laße mich die erste Allerseelen nicht allein an ihrem Grabe stehen, ich weiß das Grab deiner eigenen Mutter hält dich zurück, aber bei dir ist’s nicht der erste Allerseelentag, komme also wenn möglich über Allerseelen, wenn du nicht kommen kannst oder willst, wenn ich diese Tage allein sein muß, will ich’s die anderen auch sein, Gott unser gerechter Gott wird mir beistehen, mich nicht verlaßen.

Mit größtem Bedauern erhielten wir die traurige Nachricht von Onkel und Berthold’s Erkrankung, wie geht es ihnen? Ist auch eine schwere Heimsuchung Gottes, doch es kommt von Gott, der Mensch muß sich fügen. Herzliche Besserung wünschen wir für beide. Onkel hat einen Schachteldeckel zurückgelassen, er schrieb kürzlich darum, wenn du kommst, kannst du ihn mit nehmen, andern Fall schicken wir ihn per Post, nicht wahr, nächstens erhalte ich Bericht von dir, und zwar ganz bestimmt ob und wann du kommst. Herzliche Grüße an die Familie Reich, nochmals von Herzen gute Besserung für die Kranken,

Amelie habe ich auch geschrieben, was weiß ich nicht mehr, ich bin so vergeßlich.

Auf baldiges Wiedersehen, sage ich zuversichtlich liebe Marie!
Gruß an Onkel u. Kätherli von Vater und deiner trauernden Anna

Heute erhielten wir von Karlsruhe die Nachricht, daß Alssermanns Mathild ein Mädchen hat.
Schreibst du mir bald?

Gruß und Kuß von deiner Anna.


Rastatt, im Dez. 1880

Meine liebe Marie!

Ganz einsam sitze ich am Tische, um bei dem trüben Lichte der Lampe an Dich zu schreiben. Ich weiß nicht liebe Marie ist das Licht trüber wie sonst, od. sind’s meine Augen, es ist alles so trübe, so ganz anderst, meine Mutter hat so vieles mit genommen, gute Mutter hörst du mich nicht mehr? Niemand hab ich mehr, mit dem ich von Herzen reden kann, o ich hätte meiner Mutter so vieles zu sagen, aber ich finde sie nicht mehr, sie ist fort, liebe Marie zwei schwarze Männer trugen sie hinab, das sah ich u. mehr nicht. Nach einigen Tagen führten sie mich auf den Gottesacker, an einen frisch aufgeworfenen Grabeshügel, sie sagten nicht hier unten ruht sie, mein Herz sagte es mir, hier unten in Gottes Erde liegt sie kalt und unbeweglich, o theurer Flecken Erde, es ist so ruhig dort oben, wenn ich am Grabe meiner Mutter stehe ist mir immer als hörte ich sie sagen, weine nicht, blick aufwärts suche Trost bei dem der Vater aller Waisen ist, u. gewiß liebe Marie Menschen mit ihren leeren Worten haben mir noch ein Trost, noch ein Beruhigung gegeben, nur der, auf den ich meine ganze Hoffnung setzte, Gott der Barmherzige erbarmt sich meiner, er gibt mir Trost, o wie wäre jetzt mein Leben, ich müßte ja verzweifeln, wenn nicht ein guter Gott sich meiner annehmen.

Wie thöricht ist der Mensch der nur nach Zeitlichem, nach Unbeständigem jagt u. ringt, was ist eigentlich das Leben? Wie schnell ist’s dahin, wie bald wird die Zeit da sein wo auch mich schwarze Männer hinab tragen um mich der kühlen Erde zu übergeben, wenn ich nur neben meine Mutter käme, wirst du auch meinem Sarge folgen? Wird auch jemand um mich weinen?

O, Gott sei mir gnädig!

Wäre das Unmögliche möglich, könnte ich meine vergangenen Jahre nochmals durchleben, wie vieles würde ich anderst machen, wie vieles mit anderen Gedanken beginnen, Gott nur du verstehst mich, nur zu dir kann ich reden.
Es ist mir Alles wie ein Traum, meine Mutter ist mir wie eine Traumgestalt, du Ib.

Marie u. Alle die mir einst so lieb und theuer waren, Alle mit denen ich so gerne verkehrte, es ist mir als träumte ich immer fort, seit dem Tode meiner lieben Mutter, Mutter o Mutter!

Weihnachten ist vorbei, stille doch mit Gottes Hilfe nicht so traurig wie ich fürchtete sind die Feiertage bei mir herumgegangen. Bei dir liebe Marie? Wann werde ich dich wohl wieder sehen? O ein trauriges Wiedersehen wird es sein, nicht wie früher.

Vielleicht kommen wir im Sommer hinauf, Vater meint es wäre besser für mich, ich glaube nicht, ich kann doch nicht so weit vom Grabe meiner Mutter, gestern Abend spät war ich auch bei ihr, ich fürchte mich Nachts nicht mehr auf dem Friedhofe, ich bin ja bei meiner Mutter, was soll ich fürchten, schaudrig sei es Abends droben sagen die Leute zu mir, was mir einfalle, o ich find nicht.

Liebe, gute Marie so gerne würde ich dich wieder sehen, ach so gerne, und doch fürchte ich mich vor unserem ersten Wiedersehen, ich weiß nicht wie es noch kommt, o Mutter, liebe gute Mutter.

Vater ist gesund, Gott sei Dank, er ist recht zu bedauern, er hatt’s recht langweilig, langweilig find ich’s nur, wenn ich mit jemand reden soll, ich bin am liebsten allein.
Bitte recht bald zu schreiben gute Marie. Grüße uns recht herzlich d. Ib. Vater u. Kätherlie, das mir auch wie eine Nebelgestalt vorkommt, du auch, alle Bekannten.

Baldiger Antwort entgegensehend küßt und grüßt dich herzlich deine

Anna.

Reich’s schreiben uns nicht


Am 19.September 1881 heiratete Maria Josepha Heinemann den Kaufmann Joh. Karl Nober (11.04.1850-11.12.1920)

Marie Heinemann und Joh. Karl Nober. (Aufnahme nach der Hochzeit)

Im August 1881

(„laut Poststempel, der Brief selbst ist nicht datiert„)

Liebe gute Marie!

Hälst du deinen Vorwurf gegen mich noch aufrecht, wenn ich dir sage daß ich für die damalige Zeit unzurechnungsfähig war? Sieh‘ Ib. Marie ich weiß damals habe ich oft Briefe geschrieben, daß was sie enthielten jedoch weis ich nicht. Der Todt m. guten Mutter hatte mir doch so sehr zugesetzt dass ich lange Zeit für nichts mehr verantwortlich gemacht werden konnte. Wenn man der Sache nachspüren wollte liegt vielleicht in deinem Vorwurfe blos eine Beschönigung od. Deckmäntelchen für deine eigene Sünde, gelt du hast eingesehen dass du mich trotz Brautstandes zu sehr vernachlässigt hast, gelt es grübelt dir? Natürlich war meine Ib. Marie zu stolz um dies‘ zu gestehn gelt so ist’s?

Das ich dir nie zürnen kann, davon hättest du dich nach geringer Mühe schon längst überzeugen können.

Bei deiner Einladung magst du vielleicht richtig vorausgesetzt haben, daß ich derselben nicht nachkommen kann, denn wie du weist ist ja im Sept. u. zwar Mitte Sept. der Todtes-Tag v. m. seligen Mutter, ich bin mit Gottes Gnade ruhiger geworden, aber September ist u. bleibt für mich ein traurig stimmender Monat. Wie könnte ich in dieser Zeit an einer Hochzeit Theil nehmen, meine gute Marie, dies ginge über meine Kräfte.

Vater meinte auch ich habe schon früher sollen nach Geisingen u. einige Tage nach Hüfingen, aber ich kann nicht ich bin an Rastatt gefesselt, es hält mich mächtig zurück

Ach Ib. Marie es kam so ganz anders als wir’s uns zusammen ausgemalt haben, wenn man uns damals gesagt hätte, ich wäre an deinem Hochzeitstage nicht zugegen was hätten wir auch geantwortet? Im Geiste Ib. gute Marie bin ich bei dir, an diesem so ernsten, wichtigen Tage, ich will beten für dich.

Das du mir den Tag bestimmtst ist selbstverständlich. Am Ende führt Euch Eure Hochzeitsreise nach Rastatt? Wie wäre das? Bitte lege dies dem Herrn Bräutigam vor, o Ib. Marie komme ja ja! Erfülle mir doch eine Bitte in d. Leben kommet.

Elise kann ich nur von Herzen bedauern.
Gottes Segen gute Marie zu deinem Vorhaben, vergeße nicht zu beten.
Wie gerne ich mit dir plaudern möchte kann ich dir nicht beschreiben. Kommt ihr?

Herzliche Grüße an Alle von Vater und deiner dich treu liebenden

Anna

an den Rändern:
Wann schreibst du mir wieder? Nächstes Jahr um diese Zeit? Na gibt’s eine Fehde?
Kommt ihr? Ich sehe Euch schon im Geiste.
Eine Empfehlung an den Herrn Bräutigam

GREENSILL – Affäre

Beitrag vom 20. Januar 2022 von Frank Meckes

In gut zwei Monaten jährt sich die Hüfinger GREENSILL-Affäre. Und uns als Bürgerinnen und Bürgern bleibt nach der Aufregung in 2021 eine Frage offen: „Was ist bis heute eigentlich dazu geschehen“?

Der Hüfinger Gemeinderat hatte eine Anlagenrichtlinie. Diese war gut, klar definiert und hat wohl auch über viele Jahre funktioniert. Einziger Fehler der Anlagenrichtlinie zum GREENSILL-Fall war, dass sie nicht eingehalten wurde.
Menschliches Versagen? Oder schlicht Nichtbeachtung? Es schien auch so in der öffentlichen Aufarbeitung, dass die drei Millionen Anlagevolumen bei der GREENSILL-Bank schnell untergebracht werden mussten. Warum? Weil die Stadt Anlagen suchen musste, die das Geld vermehren und nicht mindern, so die Begründung. Die Banken vor Ort schienen hier keine Option zu sein, was dann wohl auch für uns Bürgerinnen und Bürger ein schräges Signal darstellt, wenn man diesen Gedanken weiterdenkt.

Also Geld angelegt, GREENSILL-Bank durch die Bankenaufsicht gestoppt und eingefroren, Geld weg. Ohne hier fachlich näher darauf einzugehen, könnte man auch eingestehen, dass dem Anlagegeschäft auch das Risiko des Verlustes anhaftet. Dies kann jedem passieren. Doch wenn es um öffentliche Gelder geht, ist nun etwas anderes im Hüfinger Fall kritisch zu sehen.

So war in der Presse nach geraumer Zeit zu lesen „Wir haben den Schuldigen gefunden“. Mit groben ungelenkem Fingerzeig wurde auf das schwächste Glied der Verwaltungskette gezielt. Hoffentlich nicht das Kettenglied, deren Stelle aktuell ausgeschrieben ist. Dabei lächelnd in die Kamera zu blicken war eine Ohrfeige. Die wurde zwar in der sehr viel später einberufenen öffentlichen Gemeinderatssitzung zurückgenommen mit der Bürgermeisteraussage: „Ich stelle mich hinter jeden einzelnen Mitarbeiter“. Aber es ist auch manchmal besser, sich zum richtigen Zeitpunkt vor die Mitarbeitenden zu stellen.

Viele Bürgerinnen und Bürger waren wirklich wütend über die Kommunikation Seitens der Verwaltung. Die zahlreichen Besucher und die massive Bürgerbeteiligung in der Bürgerfragestunde zeigten eine deutliche Ablehnung dieses Verhaltens gegenüber dem Vorsitzenden des Rates. Während hier die SPD klare Kante zeigte, kam von der CDU nur ein „das ist nun geschehen und da kann man nichts mehr machen“. Ob hier die Parteizugehörigkeit des Bürgermeisters eine Rolle in dieser gleichgültig wirkenden Haltung der Grund war, wird nie zu erfahren sein.

In der gleichen Gemeinderatssitzung holte sich der Bürgermeister Unterstützung durch Experten dazu. Der Finanzexperte drängte sich selbst mit einem merkwürdigen Vortrag über die Höhe von einer Million, wenn man Scheine aufeinanderstapeln würde, eher ins Aus. Aber der Designeranzug saß. Dagegen machte der anwesende und wohl hochbezahlte Rechtsanwalt aus der Bankenstadt Frankfurt ein klein wenig Hoffnung, dass zumindest ein Teil des verzockten Geldes zurückkommen könnte.

Was danach passierte, ist schnell erzählt. Um die Sommerpause wurde eine neue Anlagerichtlinie entwickelt. Ob diese nun besser oder schlechter ist, bleibt abzuwarten. Auch an diese wird man „sich halten“ müssen, wenn sie funktionieren soll.

Mehr war nicht zu hören. Mehr war nicht zu lesen. Außer, dass ein anonymer Stempel-Sprayer in Hüfingen den Text „3 Millione michel“ versprüht hat. Damit blieb das Thema der Öffentlichkeit erhalten, trotzdem seitens des Bürgermeisters dazu keine Stellungnahme mehr kam. Dennoch, liebe Sprayer, denkt hier auch daran, dass die Kinder des Schultes mit dem Tagesablauf ihres Vaters nichts zu tun haben, und durch diese Sprays quasi tagtäglich damit öffentlich konfrontiert wurden.

Es wird also in 2022 spannend, ob und wenn, was noch von der GREENSILL-Affäre zu hören sein wird. Oder ist sie schon unter dem Teppich verschwunden? Doch bei einem können sich alle sicher sein: dieses Thema wird bei der nächsten Bürgermeisterwahl nicht einfach unter den Tisch fallen.

Mindestens da sind sich viele einig.

Hieronymus und der Wald-5

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 5.

In Kapitel XI. Die Tölpeljahre treibt es Hieronymus, sehr zum Missvergnügen seiner Mutter, hinaus in die Wälder und Berge, und sein liebster Gesellschafter war jetzt Stoffel, der alte Waidgeselle. Das unstäte, wenn gleich stets wechselvoll beschäftigte Leben des Jägers und Fischers passte vollkommen zu seiner Gemütsverfassung. Dass die beiden dann freilich sogar im Gefolge des fürstlichen Hofes an der Hohen Jagd auf den balzenden Auerhahn teilnehmen durften, ist Lucian Reichs Jägerlatein. Denn nur die allerexklusivsten, zumeist blaublütigen Jagdgäste waren beim frühmorgendlichen Anspringen des balzenden Hahns wohlgelitten. Bis zur Revolution von 1848 besaßen Landes- wie Standesherrschaften das Jagdregal und durften somit im gesamten Herrschaftsbereich jagen. Weil das neue (revolutionäre) Jagdgesetz auch die Hahnenjagd nur noch im eigenen Wald zuließ, pachtete der Fürst nahezu sämtliche Balzplätze auch aus fremden Jagdbezirken heraus – jagdrechtlich eine gewagte, so eigentlich gar nicht zulässige Konstruktion, die jedoch zeigt, wie hoch die Hahnenjagd im Kurs stand. Nichts da also für Stoffel und seinen jungen Gesellen, so wie Lucian Reich sich deren jagdliche Abenteuer ausgemalt hat – allenfalls „verhören“ (d. h. den Balzplatz auskundschaften) durften sie den Hahn am Vorabend der Jagd!

Die Beute eines FF- Balzjagdmorgens:
14 Auerhähne, drapiert um den Eingang
des Gasthauses Krone in Peterzell (1914)

In Kapitel XII Die Ankunft muss der junge Hieronymus den Wald hinter sich lassen und zur Lehre in die an der Heerstraße liegende Stadt Hüfingen ziehen. Hier zieht auch Lucian Reich nochmals alle Register seiner orts- und heimatkundlichen Kenntnisse – klar, dass nun auch die römischen Baureste und Straßen Erwähnung finden. Noch einmal geht es vorüber an der gebrochenen Veste Neu-Fürstenberg und bis zum alten Zindelstein, wo der Bach den fast ununterbrochenen Tannenwäldern des mittleren Schwarzwaldes den langen Abschied zumurmelt. 

Zindelstein
Foto von Hubert Mauz

Da sind sie wieder, die fast ununterbrochenen Tannenwälder, die, wiewohl Lucian Reich den Unterschied zwischen Tannen und Fichten sehr wohl kannte, in Wahrheit Fichtenwälder sind. Beim Zindelstein verlässt der Bub also das heimatliche Tal, nachdem er sich zuvor im Wirtshaus zum Schwarze Bue bei einem Schoppen von seinen Begleitern (dem Vater und seinen Kameraden Dionys und Romulus) verabschiedet hat.

Schwarzer Bube
Foto von Hubert Mauz

Doch kurz nach Bräunlingen taucht er noch einmal so richtig in ein (allerdings sehr klischeehaftes) Waldidyll ein: Im Walde war es stille, man hörte nur das Fallen der Tannzapfen und das Nagen der Eichhörnchen in den hohen Baumwipfeln; die schlanken jungen Fohrenstämmchen bewegten wiegend und neigend ihre zarten Aeste in der leise wehenden Luft. Hier wischt sich der Wanderer nochmals den Schweiß von der Stirne, ehe er nach längerem Sinnen weiter zieht vorbei am felsigen Höllenstein, wo die Raben um das düstere Hochgericht flatterten – seiner Lehrstelle und dem Stadtleben entgegen.


Richtig wildromantisch, ja, dramatisch geht es erst wieder in Kapitel XV. Die Landfahrer zu, als Hieronymus, der Hüfinger Lehrbub, einen Heimaturlaub antritt, allerdings bei höchst unfreundlichem Wetter. Der Wandersmann schlug, um abzukürzen, den Weg durch das Oberholz ein, also über Hubertshofen und Mistelbrunn: Er war schon tief in den Wald eingedrungen. Der Wind sauste mächtig in den hohen Tannenwipfeln, um welche krächzende Raben über ihren Nestern kreisten. Der Pfad ward immer unwegsamer, nach kurzer Strecke jede Spur davon verloren, und der Wanderer sah sich in einer Wildniß, wohin noch nicht einmal die Axt des Holzhauers gedrungen, und kaum bisweilen ein Strahl der Sonne durch das Dickicht bricht. Auf dem mitternächtlich gelegenen, steil abfallenden Boden lagerten neben himmelhohen graubärtigen Weißtannen umgeworfene Stämme, Windfälle, von Jahrhunderten her über und unter einander, zum Theil völlig vermodert. Starrende Äste und ausgerissenes Wurzelgeflecht, hie und da sickernde Quellen und verborgene tiefe Lachen machten dem Schritte des Jünglings das Vorwärtskommen streitig.

Kein Zweifel, Hieronymus hat es in den steilen Wilddobel (oder war es doch der Roßdobel?) verschlagen; im benachbarten Krumpendobel hatten die Fürstenberger anno 1565 übrigens einen der letzten Bären erlegt. Der Abstieg erfolgt über Stock und Stein, wo der jähe Abhang quer durchrissen war durch eine Schlucht mit wildem Waldwasser. Inzwischen ist die Wildnis dort arg domestiziert, der Wald besteht aus gleichwüchsigen Fichten, der Hang ist mit Forstwegen erschlossen, der Bach eher ein Rinnsal. Dennoch muss Lucian Reich auf seinen Schwarzwaldwanderungen wohl doch auch noch urwaldartige Waldpartien kennengelernt haben, so plastisch wie er hier die Wildnis beschreibt. Bei der Beschreibung des Wilddobels indes übertreibt er maßlos!

Wildnis im Bannwald Zweribach

Schließlich trifft der strauchelnde und durchnässte Verirrte an einem kleinen, moosigen Weiher (heute ein Biotop!) auf ein schwarzbraunes Weib: auf Trautel, die Circe und schwäbelnde Vagantin, die ihn in ihre hinter Haselgesträuch versteckte Bettelküche führt, wo er sich trocknen darf – und wo ihm plötzlich schön Rösel, die Jugendgespielin, um den Hals fällt: Ein Überfall unerwarteter Zärtlichkeit, heißt es da, und der Leser darf einen gar seltenen Hauch von Erotik in Lucian Reichs Oeuvre verspüren: Leider war es eine Begegnung, die durch die resolute Trautel rasch unterbunden wird, wo doch Rösel in Wahrheit die von den Vaganten entführte Tochter von Johanna und Tolberg ist. Wer waren die Vaganten, die Lucian Reich erstaunlich lieblos beschreibt? Es dürfte sich um Angehörige des fahrenden Volks der Jenischen gehandelt haben, jener spätestens im Dreißigjährigen Krieg durch Verarmung entstandenen Gegengesellschaft der Kesselflicker und Scherenschleifer; allerdings  pflegten die nicht zu schwäbeln, sondern hatten ihre eigene Sprache.

Domestizierte Wildnis im Jahr 2016: Wilddobel, wo Hieronymus sich einst verlaufen hat

Der Wald spielt in den restlichen Kapiteln allenfalls noch als ferner Sehnsuchtsort eine Rolle – oder als Metapher: Wie eine alte, breit gewurzelte Tanne Generationen absterben und jüngere um sich heranwachsen sieht, und in scheinbar unverwüstlicher Zähigkeit Wind und Wetter trotzend immer dieselbe bleibt – also lebte stets noch der Köhler Klaus…, heißt es kurz vor dem Happyend, als plötzlich der Herr Tolberg nach langer, durch die politischen Wirren verursachter Irrfahrt wieder seinen Auftritt hat und seine Tochter Helena, Klausens Enkelin und nachmals Ehefrau des Hieronymus, wiederfindet. Bei Lucian Reichs breit gewurzelter Tanne dürfte es sich zwar wiederum um eine Fichte mit breiter Tellerwurzel (und nicht um eine tief wurzelnde Weißtanne) gehandelt haben, dennoch wollen wir das Bild so stehen lassen. Im Schwarzwald, auf dem Wald also, blühen derweil die Uhrenindustrie und der Uhrenhandel auf, von Lucian Reich sehr detailliert und kenntnisreich beschrieben.

Zum 6. und letzten Teil geht es hier.

Hier geht es zum Podcast der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage ab Kapitel 11:

Im Kapitel 15 vom Podcast geht es etwas genauer um die Jenischen und auch das Holderküchlein.

Lochlone wittischer Massik!

Hieronymus und der Wald-4

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 4.

Im Kapitel VI. Hirten- und Jugendleben taucht der Forbachklaus wieder auf, in dessen Köhlerhütte sich die Hirtenbuben an regnerischen nebelig-kalten Tagen aufwärmten an den Gluten, woran der Alte sein spärliches Mahl bereitete. Klaus unterrichtete die Kinder, wie man sich vor den Wölfen zu schützen habe, oder theilte ihnen anderes über diese Raubthiere mit.

Bestie Wolf, bereits im frühen 18. Jh. so gut wie ausgerottet dank der Wartenberger Wolfsordnung

Es sei letzthin erst durch die Nachlässigkeit des Hirten wieder eine Kuh von den Wölf´ zerrissen worden. Weshalb auch der fürstlich´ Oberjäger erst wieder die Wolfsgruben, oben am Thierstein und durch den ganzen Hellberg (den Hallenberg?), frisch habe auslegen (sprich: beködern) lassen.

Dann heißt es weiter: Den Schwarzwaldkindern waren übrigens Wölfe damals nichts Fremdes, und Hieronymus kannte ihr Geheul ganz wohl, denn des Winters trieb der Hunger die Bestien oft bis an die Einfriedung der Gehöfte, welche sie umstrichen, oder wo sie sich, den Hunden gleich, niederkauerten, die Gelegenheit zu einem Raube, oder zu einem Einbruch in den Stall zu erspähen. Auch hier hat Lucian Reich zweifellos etwas allzu dick aufgetragen, denn die Wölfe waren bereits im frühen 18. Jahrhundert – nicht zuletzt dank der Wartenbergischen Wolfsordnung – so gut wie ausgerottet. Der seinerzeit letzte Wolf, ein einzelner Zuwanderer (wie der vorerst allerletzte, am Ochsenberg bei Tannheim nachgewiesene vom März 2020), wurde bekanntlich anno 1805 bei Immendingen erlegt, nachdem schon Jahrzehnte lang keiner mehr aufgetaucht war. 

Auf der A 5 überfahren: Wolf im Juli 2015

Ein andermal erzählt der Fohrbachklaus von den gewaltigen Steinhaufen im Wald des Laubhauser Bergs, wo eine Stadt gestanden habe. Der gut erhaltene Thorbogen war ebenso frei erfunden wie das prächtige Kloster, das einst auf dem Tierstein gestanden habe.

Siedlungsreste oder alte Sandsteinbrüche?
Es fehlen die Funde aus der Keltenzeit

Immerhin soll dort oben nach Kwasnitschka eine Fliehburg mittelalterlichen, wenn nicht gar keltischen Ursprungs existiert haben. Unter den überhängenden Felsen des Tiersteins, wo bisweilen auch die Vaganten zu kampieren pflegten, flüchteten die Kinder bei Sturm und Gewitter, oder sie verschanzten sich im verfallenen Gemäuer des einsamen Zindelsteins. Erstaunlicherweise hat sich Reich einen Hinweis auf Altfürstenberg, das (erstmals 1619 erwähnte) Krumpenschloss, versagt, dem ebenfalls keltische Ursprünge nachgesagt werden. 

Foto: K. Kwasnitschka: Laubenhausen eine befestigte keltische Siedlung (Schriften der Baar 1991)

Die Hütte des alten Köhlers stand auf der Kohlstatt beim Bruderkirchlein, heißt es in Kap. VII. Das Bruderkirchlein und die Köhlerhütte.

Kohlplätze und im Boden erhaltene Kohlereste liefern der Wissenschaft Nachweise über den Wald und die jeweils vorherrschenden Baumarten in den zurückliegenden Jahrhunderten

Klaus hatte sie von seinem Vater geerbt, der auch seine ganze Lebzeit im Dienste des Laubhausers kohlte. So ganz realitätsnah will mir das nicht erscheinen, denn die Kohlplatten wechselten rasch, sobald ringsum der Kohlholzvorrat erschöpft war. Der Stich zum Kapitel zeigt auch am Tierstein eine Hütte, doch die scheint nur als Unterschlupf gedient zu haben. Das Motiv der Köhlerhütte hat Lucian Reich auch auf Uhrenschildern verwendet, wie im Hüfinger Museum gezeigt wird.

Bruderkirchle bei Vöhrenbach

Hier also, in Kapitel VIII. Johanna, sitzt der alte Forbachklaus ruhig bei seinem Feuerherd unter dem Thierstein, in dessen Nähe er seine Kohlstatt aufgeschlagen hatte.

Derweil war seiner Tochter, der kleinen Johanna, kein Baum zu hoch und kein Fels zu schroff, als dass sie ihn nicht erklettert hätte: Auf die höchsten Mauerzacken der verwitterten Burg Neufürstenberg wagte sie sich, wo auch der verwegenste Bube ihr nicht nachgekommen wäre.

Derweil sich seine Tochter Johanna auf die 
höchsten Mauerzacken der verwitterten Burg
Neufürstenberg wagte

In der Köhlerhütte jedenfalls empfangen Klaus und Tochter Johanna den jungen Herrn Tolberg, der einige Zeit verweilen möchte, um die Angehörigen seines Freundes, des Köhlersohns Dieter, kennen zu lernen, so wie die traulichen Hütten und romantischen Gegenden des schönen Schwarzwaldes. Köhlerhütten wird man sich nicht gar zu traulich, eher rußig-schmutzig und primitiv vorzustellen haben; erst recht die von Schweiß und Ruß gezeichneten, oft lungenkranken Köhler, deren Beruf am unteren Ende des Sozialprestiges rangierte. Insofern scheint mir hier die Idylle doch ein bisschen allzu weit getrieben worden zu sein.  Aber es sollte hier ja auch eine zarte, folgenreiche Liebesgeschichte ihren Anfang nehmen. Wilhelm Hauffs 1830 geschriebenes Märchen Das Kalten Herz mit Kohlenmunk-Peter und Holländer Michel, jenes frühkapitalistische Lehrstück über die menschliche Gier, hat die Köhlerei jedenfalls sehr viel sozialkritischer beschrieben.

Tierstein

Fortsetzung gibt es hier

Hier gehts zum Podcast der Kapitel 6-8 der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage:

Hieronymus und der Wald-3

zwischen Dichtung und Wahrheit

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 3.

In Kap. II. Häusliches Stillleben wundert sich der kleine Hieronymus über den großen Stierschädel, welcher seit mehr als Menschengedenken am First des Laubhauser Hofs angebracht war. Lucian Reich erinnert hier an die auch heute mitunter noch an der Hohsuhle (Firsthochsäule) der ältesten Schwarzwaldhöfe angebrachten Schädel der Zugtiere, die einst das Bauholz herbei befördert haben.

Foto von Hermann Schilli

Hermann Schilli, der Verfasser von Das Schwarzwaldhaus (1953), zeigt einen solchermaßen mumifizierten Schädel aus dem Schwarzbauernhof im Katzensteigtal, der Blitzschläge und Unglücksfälle vom Hof fernhalten soll, wie er schreibt.

Heidnischer Brauch an der Hohsuhle
Foto von Hubert Mauz

Erwähnt wird auch noch der Kolmenfrieder (vom Kolmenhof auf der Martinskapelle?), der am Kohlwasen vom Hollahoh, dem erschrecklichen G´spenst, erwürgt worden sei.

Auch den an die Köhlerei erinnernden Kohlwasen gibt es tatsächlich: Es ist ein bewaldeter Rücken zwischen Linach- und Bregtal; unlängst geriet er in die Schlagzeilen als potenzieller Standort von Windkraftanlagen. Schließlich noch ein Schlegelwald, wo es in den hohe Tanne zu wehen und zu rauschen beginnt – als wie wenn der Pfaffe-Diesle geistweis ging. Ein Schlegelwald mit hohen Tannen (aber ohne Gespenst) ist mir ebenfalls geläufig, doch der befindet sich im Villinger Stadtwald an der Vöhrenbacher Grenze.

Flößerei auf Murg, Enz und Nagold seit der Römerzeit.

In Kap III. Frühlingsanfang erfahren wir etwas über die Flößerei: Der Hofwald liefere, so schreibt Lucian Reich, erst seit neuerer Zeit den gewünschten Ertrag, seit nämlich mehrere Flüsse flößbar gemacht und überall Wald- und andere Wege angelegt wurden, welche die Abfuhr des Großholzes möglich machen. Eine etwas verwirrende Aussage, denn auf der Breg wurde zwar seit langem fürstliches Brennholz getriftet, doch höchstens versuchsweise einmal auch Langholz geflößt. Hierzu reichten weder die Wasserführung noch das Gefälle aus, und auch über Schwallungen (Klusen) ist nichts bekannt.

Klusen (Schwallungen) an der Breg nicht bekannt, Wasserführung meist zu gering, Probleme mit den Mühlenbesitzern und Widerstand der Bräunlinger.

1715 wollte das Fürstenhaus die Breg bis Donaueschingen flößbar machen, scheiterte jedoch am Bräunlinger Widerstand, weshalb Fürst Anton Egon sogar erwog, einen Durchstich von Wolterdingen nach Aufen zur Brigach hinüber graben zu lassen. Ganz anders die Flößerei etwa auf der Murg, die der Rastatter Lucian Reich wohl vor Augen hatte. Doch auf den hierzu geeigneten Schwarzwaldflüssen wurde bekanntlich nicht erst seit neuerer Zeit geflößt, sondern bereits seit dem frühen Mittelalter, wenn nicht gar schon seit Römerzeiten. Die systematische Walderschließung mit einem Wegenetz ist dagegen erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts so richtig in Gang gekommen.

Walderschließung mit Fahrwegen beendet die Kurzholz-Trift auf der Breg im 19. Jahrhundert

Die Köhlerei, das Kohlenbrennen, das auf dem Schwarzwald schon von Urzeiten her üblich war, stehe jedoch in keinem Verhältnis zu dem unermesslichen Holzvorrath, weil außer diesem und den wenigen Brettern, die jeder Bauer auf seiner einfachen Klopfsägemühle schneiden ließ, gar geringer Verbrauch war. Das scheint mir nun wirklich eine gar zu idyllische, alles in allem unzutreffende Beschreibung der Waldsituation im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert zu sein! Landesweit ging damals „das Gespenst der Holznot“ um, das die Landes- und Standesherren schließlich zu großen Anstrengungen in Richtung Nachhaltigkeit zwang, so auch durch das neue Badische Forstgesetz von 1833 (Verbot der Waldweide, des Kahlhiebs und des regellosen Plenterns im öffentlichen Wald). Die fürstliche wie auch die großherzogliche Forstverwaltung erwarben damals viele „vergantete“ Höfe (so auch den einst stattlichen Grumpenhof), den Hofwald – oft genug „in abgeforstetem“, d. h.  in kahlem Zustand. Von Heinrich Hansjakob, dem Rastatter Schüler von Lucian Reich, stammt der Ausspruch – bezogen auf die FF-Wälder um Wolfach – wenn´s so weitergehe, müsse man den Schwarzwald bald in Kahlwald umbenennen.

Heinrich Hansjakob: Der Schwarzwald als Kahlwald? Großkahlschläge im 18. Jahrhundert.
Hier Kahllächen nach dem Orkan Lothar (1999)

Sodann zeichnet Lucian Reich ein Bild jener hochgelegenen Schwarzwälder Landschaften, wozu man sich noch weite Strecken einsamer Wildnisse und Moose, rauschende Waldbäche und zwischen all den unabsehbaren Tannenwäldern starre, spärlich bewachsene Granitmassen denken muß, um ihren eigenthümlich ernsten, bei vieler Lieblichkeit fast schwermüthigen Charakter zu fühlen.

Möser (Moore) des Buntsandsteinschwarzwalds und deren Entwässerung durch die Forstwirtschaft

Offenbar hat Lucian Reich hier weniger den Hoch-, als vielmehr den Baarschwarzwald vor Augen mit seinen Mösern (Mooren) und Missen oben auf der Buntsandsteindecke, die freilich schon im 19. Jahrhundert im großen Stil mit Hilfe von Grabensystemen entwässert wurden.

Weder mit Wildnissen noch mit unabsehbaren Tannenwäldern konnte dieser Teil des Schwarzwalds in Wahrheit noch aufwarten ausgangs des 18. Jahrhunderts: Dafür hatten im und um das Bregtal längst die Glashütten oder das Hammereisenbacher Eisenwerk gesorgt mit ihren dem Holzhunger geschuldeten Kahlschlägen. Reichs Tannenwälder waren damals schon weit überwiegend Fichtenwälder. So heißt es etwa im Forsteinrichtungswerk von 1833 für den Wolterdinger Wald, die Weißtanne nehme eine ganz untergeordnete Stellung ein, „obgleich sie in einzelnen riesenhaften Exemplaren und fast allenthalben als Überständer vorkommt.“

Lucian Reichs unabsehbare Tannenwälder waren bereits überwiegend Fichtenwälder

Im Bräunlinger Stadtwald war die Weißtanne bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast völlig verschwunden. Letzte „prachtvolle Überreste“ von Tannenurwald glaubten die Forstleute – fälschlicherweise – noch im 19. Jahrhundert im Weißwald bei Tannheim und an der Bruggener Halde vorweisen zu können: im einen Fall handelte es sich um einen überaus extensiv bewirtschafteten ehemaligen Klosterwald, im andern um die Liquiditätsreserve für die Privatschatulle des Fürsten. Beim rauschenden Waldbach und den spärlich bewachsenen Granitmassen hatte der Dichter gewiss den Grumpendobel und den Tierstein vor Augen.

In einzelnen riesenhaften Exemplaren:
Weißtanne im Grumpendobel

Über Mathias, den Vater von Hieronymus, den ältesten Sohn und weichenden Erben eines Bauern, erfahren wir nebenbei auch etwas über die Reutfeldwirtschaft, das Rüttibrennen, das vor allem im zentralen Gneis-Schwarzwald bis ins 20. Jahrhundert hinein weit verbreitet war: Auf einem entlegenen öden Feldstücke … schürfte er die Oberfläche, „brandelte“ den Rasen, ließ die Erd- und Aschehaufen den Winter über gären und verwesen, und erzielte durch diese Behandlungsart, damals noch wenig bekannt, einen solchen Ertrag an Gerste, dass es die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Dass dieses althergebrachte Verfahren der Waldfeldwirtschaft damals noch wenig bekannt gewesen sein soll, muss erstaunen. Wieso waren die rauchgeschwärzten Hänge der Reutberge dem Hüfinger nie aufgefallen – bei all seinen Schwarzwaldwanderungen (vgl. Wanderblühten von 1855)?

Reutfeldwirtschaft (Rüttibrennen): auf der Baar damals noch wenig bekannt?

Auf einem entlegenen, öden Feldstücke…schürfte er die Oberfläche, „brandelte“ den Rasen, ließ Erd- und Asche-Haufen den Winter über gären und verwesen, und erzielte einen solchen Ertrag an Gerste, dass es die allgemeine Aufmerksamkeit erregte.

Zum 4. Teil geht es hier:

Das Kapitel 2 von der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage ist deutlich ausführlicher was die Geistergeschichten, den Hollohoh und auch die Jennischen betrifft.

Den Podcast zum Kapitel 2 gibt es hier:

Den Podcast zum Kapitel 3 gibt es hier:

Hieronymus und der Wald-2

zwischen Dichtung und Wahrheit

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 2.

Im Kapitel I. Die heilige Taufe stellt er uns Ort und Zeit der Handlung des Buchs sowie die handelnden Personen genauer vor: Wir befinden uns also in einem einsam gelegenen Schwarzwälderthale, und die Geschichte beginnt ausgangs des 18. Jahrhunderts, genauer: zwischen 1745 und dem Beginn der französischen Koalitionskriege im Jahr 1792, also in einer Zeit, wo tiefe Ruhe und ungestörter Friede im deutschen Reiche herrschten.

Ort der Handlung: …in einem einsam gelegenen Schwarzwälderthale
(im Bregtal zwischen Bregenbach und Zindelstein)            

Die Handlung spielt zunächst einmal in einem großen einzeln stehenden Wälderhause, dem Laubhauser Hof. Hieronymus, erfahren wir, ist der Sohn eines Dienstmannes vom Laubhauser Hofgut. Der Name dieses Hofs scheint mir eher atypisch zu sein für Schwarzwaldhöfe, zumal im Bregtal die Laubbäume bekanntlich äußerst rar sind. Und dass dort Dienstmänner angestellt waren an Stelle von Knechten und Mägden will mir auch nicht allzu schwarzwälderisch erscheinen.

Bregenbach:
bis 1896 selbständige Gemeinde mit 5 großen Hofgütern (daher das Wappen mit 5 Fingern)

Mit dem – fiktiven –  Hofnamen soll die Aufmerksamkeit des Lesers zweifellos auf die geheimnisvolle Siedlung Laubenhausen gelenkt werden, wie wir in Kapitel VI erfahren werden. Die Kelten werden übrigens, anders als die (schon 1768 nachgewiesenen)  Römer in Reichs Heimatstadt Hüfingen, nicht erwähnt; sie scheinen erst später (wohl 1880 in Band 3 der Schriften der Baar) als mutmaßliche Gründer von Laubenhausen ins Spiel gekommen zu sein. 

Den Laubhauser Hof haben wir uns im Bregtal unweit des Felsenwirts vorzustellen, der damals Stabhalter seiner kleinen Thalgemeinde war. Die Bewohner werden im Buch übrigens verschiedentlich als Wäldner bezeichnet, worin ich fast geneigt bin, einen Fehler des Lektors oder des Verlags zu vermuten, denn die Schwarzwälder hießen nun mal zu allen Zeiten „Wälder“ (und nicht Wäldner). Allerdings kommen die „Wäldner“ auch in seinen Wanderblühten vor.

Weißkopfenhof
Erbaut um 1850 „in Gant“ und zwangsversteigert an ein Konsortium, 1899 vom Großh. Domänenärar übernommen.

Ein Wirtshaus Zum Felsen steht bekanntlich noch heute am unteren Ortsausgang von Hammereisenbach; ein Ortsname, der von Lucian Reich freilich verschmäht wird; mag sein, dass ihm der Erzbergbau mit Schmelze, Hammerwerk und vielerlei „Gastarbeitern“ nicht ins ländlich-sittliche Milieu gepasst hat. Stattdessen bevorzugt er Bregenbach, die bis 1896 selbständige Gemeinde längs der Breg vom Bernreutehof bis zur Fischersäge, heute ein Ortsteil von Hammereisenbach, seit 1971 Stadtteil von Vöhrenbach. 

Der 1906 abgerissene Fischerhof mit dem 1774 neu erbauten Gasthaus Zum Fischer könnte Lucian Reich als Vorbild für den Laubhauser Hof gedient haben (heute Behindertenheim)

Also haben wir uns die Lage des Laubhauser Hofs irgendwo zwischen Fischerhof (dem heutigen Behindertenheim) und dem Weißkopfenhof vorzustellen. Oder war der Fischerhof selbst das Vorbild mit seinem Gasthof Zum Fischer an der Straße und mit ca. 400 ha einer der größten Höfe des Schwarzwalds? Außerdem gibt es da auch noch einen Bregenbacher Hof, den ebenfalls wohlhabenden Nachbarn, aus dem die Laubhauser Bäuerin stammt (vielleicht der Krumpenhof?). Dann ist da noch  das Bruderkirchle, eine Anleihe des Autors bei der Stadt Vöhrenbach: die St. Michaelskapelle, genannt Bruderkirchle, an der alten Villinger Straße mit integriertem Einsiedlerwohnraum. An handelnden Personen vorgestellt werden uns hier u. a.: Fohrbachklaus, der Köhler, auch der Fohrlenbacher Bauer und die alte Fahlenbacherin. Hinter Fohrlenbach steckt zweifellos das Forbental (mit dem 1968 abgebrannten und aufgegebenen Forbenhof), das beim Fischerhof vom Bregtal abzweigt, wohingegen der Fahlenbach oberhalb Hammereisenbach ins Urachtal einmündet.

Das Laubenhauser Hofgut

Teil 3 gibt es hier:

Den Podcast zum Kapitel 1 gibt es hier:

Hieronymus und der Wald-1

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 1.

Nur Raben und Schneegeier* überflattern das öde Gefilde, während scharfe Windswehen hohe, weiße Schanzen und Wälle vor die Hütten werfen, so daß der Hausvater des Morgens weder Läden noch Hausthüre zu öffnen vermag, weil der Schnee draußen bis an die Dachtraufe reicht…

Vorbemerkung: Das X. Kapitel in Lucian Reichs Hauptwerk, der Erzählung Hieronymus, ist überschrieben mit Ein Winter auf dem Walde. Die darin enthaltene Episode vom einsamen, eingeschneiten Bauernhof am Feldberg hatte es mir vor über vierzig Jahren schon so sehr angetan, dass ich sie ins Zentrum eines dem Schwarzwaldwinter (am roten Faden des 100 km langen Fernskiwanderwegs von Schonach zum Belchen) gewidmeten Bildtextbandes gestellt habe. Auch den Buchtitel „Winter auf dem Wald“ habe ich von Lucian Reich übernommen.

Winter auf dem Walde

Diese Episode liest sich so herzerfrischend, dass sie hier im Original eingefügt werden soll: …oft erblickt man weit umher in der beschneiten Landschaft auch nicht ein menschliches Wesen. Nur Raben und Schneegeier* überflattern das öde Gefilde, während scharfe Windswehen hohe, weiße Schanzen und Wälle vor die Hütten werfen, so dass der Hausvater des Morgens weder Läden noch Hausthüre zu öffnen vermag, weil der Schnee draußen bis an die Dachtraufe reicht. Glücklich, wenn´s den Bewohnern gelingt, bis zum Nachbarn einen Tunnel zu schaufeln, zu erkundigen, ob dieser noch am Leben sei. Manch Bezeichnendes ereignet sich bei solchen Gelegenheiten. So geschah es, dass einige Jahre nach dem gegenwärtigen Momente unserer Erzählung, ein einsamer Bauernhof am Feldberg mit den Bewohnern Wochen lang unter dem Schnee begraben lag, bis endlich, es war gerade Charfreitag, Umwohnende den Dachfirst aus der Bahrdecke hervorragen sahen, und nun zu Hilfe zogen. Man brach ein Loch in das Dach und rief hinunter: ob noch alle am Leben seien: Ja! Antwortete es aus der Tiefe. „Wißt ihr auch, dass heut Charfreitag ist?“ war die zweite Frage der Obenstehenden. „Daß Gott erbarm!“ tönte es von unten zurück, „Charfreitag, und wir verzehren so eben das letzte Stück vom letzten Stier.“ So fiel es den Leuten schwerer auf´s Herz, das Fastengebot, wenn auch unwissend, übertreten zu haben, als die Befreiung aus langer Haft und Nacht sie zu erfreuen vermochte.

Alpen, die jüngeren Nachbarn des Schwarzwalds…

Typisch Lucian Reich: ein zum Schmunzeln anregendes Gemisch aus Chronik und dichterischer Freiheit, aus Übertreibungen (Schneegeier*, Tunnel graben, aus der Bahrdecke ragender Dachfirst) und Belehrungen: 1853 ist sein Hieronymus erschienen, keine 10 Jahre zuvor, im Winter 1844, war das schlimmste Lawinenunglück des Schwarzwalds geschehen, mit 17 Toten und mitsamt viel verendetem Vieh. Und so fährt er im X. Kapitel brandaktuell fort: Oft auch geht es ganz schlimm ab; ist doch erst in neuester Zeit der Königenhof, unweit Waldau, durch eine Schneemasse, welche von dem jähen, von keinem Waldmantel mehr bedeckten Berge in das Thal rutschte, zerquetscht, und Haus wie Bewohner in das kalte Grab gerissen.

Lawinentragödie im Wagnerstal anno 1844

Lawinenunglücke geschahen (und geschehen) im Schwarzwald zwar immer wieder einmal, doch keineswegs „oft“, wie er schreibt. Auch wurden nicht alle Bewohner ins kalte Grab gerissen, sondern es haben immerhin sieben überlebt. Überliefert ist wiederum, dass noch anfangs des 19. Jahrhunderts während einiger rauer Sommer (oder vielleicht auch nur im Sommer 1815, im sog. „Jahr ohne Sommer“ nach Ausbruch des Vulkans Tambora?) der Schnee auf dem Feldberg nicht vollends abgeschmolzen ist, sodass man in Sorge war, es könne sich daraus ein Gletscher bilden. Tatsächlich ließ der Abt von St. Blasien daher die Bauern aus den umliegenden Dörfern anrücken und den Schnee „bis auf den Grund durchhacken“, sofern er bis zum 25. Juli nicht verschwunden war. Was macht Lucian Reich daraus? Hat es ja nicht selten um Johanni, im hohen Sommer noch den Anschein, als ob der alte Feldberg Lust habe, es seinen jüngeren Nachbarn, den Schweizeralpen gleich zu thun, und eine Haube aus ewigem Schnee aufzubehalten. Dann freilich müssen alle Umwohner aufgeboten werden, und dem Riesen seine Tarnkappe wider Willen vom Kopf zu ziehen; denn, sagen sie: hätt er´s einmal wieder verschmeckt und die Haube nur ein Jahr lang aufbehalten, so wäre ein Schwarzwald-Gletscher fertig, wie bereits vor Jahrtausenden.

Hier belehrt Reich seine Leser beiläufig ein bisschen in den Fächern Geologie (Alter des Schwarzwalds und der Alpen) und Glaziologie; die letztere erfuhr im Schwarzwald im frühen 19. Jahrhundert vor allem durch den Mannheimer Naturforscher Karl Schimper erste wichtige Impulse. Keine Frage: Lucian Reich hatte eine Schwäche fürs Topaktuelle wie fürs Kuriose. Heute würden die Feldberger die Vergletscherung wohl eher begrüßen und auf Sommerski-Möglichkeiten hoffen. Klimawandel hin oder her: Erinnert sei an die wunderlichen Pläne eines Furtwanger Hochschulprofessors, der zu Beginn unseres neuen Jahrtausends, auf dem Feldberg – zur Vorfreude des vormaligen Bürgermeisters (und Präsidenten des Schwarzwälder Skiverbands) – wieder einen (künstlichen) Gletscher entstehen lassen wollte.

Von diesen Ausflügen in den hohen Schwarzwald abgesehen, beschränkt sich Lucian Reich im Hieronymus, wie er schon im Vorwort schreibt, mit der Handlung überwiegend auf ihm wohlvertrautes, heimatliches Gefilde, also auf jene entlegene Landschaft des Großherzogtums Baden, welche das Sprichwort: 

„die Brig und die Breg bringen die Donau z´weg“ so sprechend andeutet, die östlichen Thäler nämlich des mittleren Schwarzwaldes und die angrenzende Hochebene, ein Theil der alten fürstenbergischen Grafschaft…  Als ganz so „entlegen“ würden wir seine Handlungsorte heute gewiss nicht mehr beschreiben. Doch die Bregtalbahn war ja erst 1892 in Betrieb genommen worden (im Gegensatz zur 1840 eröffneten Rheintalbahn, die er von Rastatt aus nach Freiburg gerne benutzt hat). Und noch mehr zusammengeschnurrt sind die Entfernungen bekanntlich im Zeitalter des Automobils.

Hockenjos, W.: Winter auf dem Wald. Schillinger-Verl., Freiburg 1979

*Schneegeier sind in den Gebirgen Zentralasiens zuhause, Gänsegeier in Deutschland wohl bereits im Mittelalter ausgestorben; neuerdings werden in den Alpen Bartgeier wieder angesiedelt (Hölzinger, J.: Die Vögel Baden-Württembergs. 1987). Die (Kolk-)Raben waren ab 1830 im Fürstenbergischen ausgerottet. (Stephani, K.: Geschichte der Jagd in den schwäbischen Gebieten der fürstenbergischen Standesherrschaft. 1938)

Zum Teil 2 geht es hier:

Rückblicke
Neugestaltungen und Abschied
Nach den Mühen des Tages

Ein junges Ehepaar sitzt vor einem Haus und diskutiert. Über ihnen ein Kreuz und neben ihnen eine Katze, davor ein Brunnen.

Hieronymus Kapitel 24

Rückblicke – Neugestaltungen und Abschied
Nach den Mühen des Tages

Gleichwie ein Wanderer, wenn er, nahe dem Reiseziel, eine letzte Höhe erstiegen, hier haltmacht, hinzuschauen auf die lange Strecke zurückgelegten Weges, und dann vorwärts, wohl über sein Ziel hinaus, also sei uns auch jetzt noch einmal eine Umschau vergönnt.

In grünem Tale, hell von der Sonne beschienen, erblicken wir freundliche und befreundete Wohnungen, in der Ferne die Türme blühender Städte.

Lichte Wölklein ziehen darüber hin und umdüstern nur auf Augenblicke den lieblichen Anblick. – Weiter seitwärts aber hat das Gewölk sich gehäuft, der dunkle Vorhang reicht herunter bis zum Gesichtskreis, wo Luft und Land sich zu vermischen scheinen.

Wer sind die Wanderer, welche dort des Weges ziehen, immer tiefer hinein gegen die unheildrohende Nacht? – Wir werden den Blick anstrengen müssen, irrende Landfahrer zu erkennen.

Das Haupt der Sippe, den Langen Hans, haben wir im Zuchthause zu Hüfingen verlassen. Er genoß dort eine recht hübsche Aussicht auf die grüne Stadtwiese und über die Ufer der Breg, trotzdem aber begann der Aufenthalt ihm herzlich langweilig zu werden, weil auch die schönste Gegend ihren Reiz verliert, wenn wir sie täglich vor Augen haben.

Hans war griesgrämig, schwermütig geworden und dachte ernstlich daran, eine Ortsveränderung vorzunehmen. Schweizer Luft, hoffte er, sollte ihm besser zuschlagen. – Die Anstalten zur Abreise wurden aber wiederholt durch den wachsamen Zuchtknecht entdeckt und damit letztere selbst vereitelt.

In einsamer Zelle legte man den Alten an Ketten. Aber auch hier fand er die Ruhe nicht. Wenn er schlief – so träumte er vom freien Leben, von Zusammenkünften mit Tanz und Schmaus, von Wald und Feld. Es war in einer unheimlich finsteren Novembernacht; der Sturm sauste mächtig durch die Gassen, durch die unbelaubten Bäume in dem Zuchthausgarten und rüttelte polternd an Läden und Fenstern. – Da regte es sich um Mitternacht auf dem Dache des Hauptbaues, eine Gestalt stieg hervor, kletterte mit Katzengewandtheit über die Ziegel bis zur Dachrinne, rutschte dann an schnell befestigter Leine geräuschlos herab auf den Boden. – Eben schritt der Wachposten, tief in den Mantel gewickelt, aus dem Schilderhaus. Der Flüchtling barg sich hinter einem Eckstein. –

Als der Zuchtknecht am Morgen in die Zelle des Langen Hans getreten – fand er das Nest leer – die Ketten durchgefeilt und den Ofen abgebrochen.

Es mußte dem Sträfling Hilfe von außen gebracht worden sein. – Und wahrlich, es wäre ein heroischer Zug von der Vagantin Trautel, wenn sie, wie angenommen wurde, durch eigene Hingebung den Gatten gerettet hätte. – Gewiß ist, daß das Weib zur Haft gebracht, wenige Tage zuvor ihrem Hans gegenübergestellt worden. In heftiger Freude des Wiedersehens war sie dem Manne um den Hals gefallen und, so wurde vom scharfsinnigen Inquisitor angenommen, sei im Kusse ein Wachskügelchen, worin eine feingezähnte Uhrfeder verborgen, aus dem Munde der Gattin in den des Gatten über-gegangen.

Der Flüchtling war unbeschrien aus der Stadt entkommen und hatte sich gegen Hausen und Mundelfingen gewendet. Dort im Walde, eine bekannte Bettelküche aufsuchend, war er an einer Stelle angelangt, wo am halberloschenen Feuer ein Mann schnarchte. „Bist du’s?“ fragte der Lange. „Ja!“ antwortete die Stimme des Schwarz Sepple. – „Ihr habt lang auf Euch warten lassen!“

In Opferdingen stahlen sie einem Bauern die Kleider aus der Schlafkammer. „Man kann nit alles kaufen!“ lautete der Wahlspruch des Langen, „und so kann ich mich als ehrlicher Mann am Tag vor niemand zeigen.“ Seine Garderobe, großenteils zum rettenden Seil zerschnitten, war auch in der Tat bis auf das Notdürftigste zusammengeschmolzen. Die beiden wateten sodann durch die Wutach, und noch vor Tag waren sie über der Schweizer Grenze.

Der Sepple hatte den Plan, in der Schweiz den Doktor zu spielen, Hans wollte als Spielmann sein ehrlich Auskommen suchen; es scheint jedoch, als hätten die Stücklein, die er spielte, den freien Eidgenossen nicht sonderlich gefallen, denn nach kurzer Zeit schon saß der Hans wieder als Malefikant im Wasserturm zu Zürich.

In mondloser Nacht hören die Wächter ein Geräusch wie von einem Sprung in den See, ein Mensch taucht aus den Wellen – ein Schuß von der Wache – ein Schrei – der Flüchtling rudert und ringt noch eine Weile – dann verschlingt der See sein Opfer. Es war der Lange Hans. – Ob zur mitternächtlichen Stunde bisweilen noch der Geist des alten Kommunisten aufsteigt und über den Wassern schwebt, die menschliche Gesellschaft zu beunruhigen – weiß ich nicht zu sagen. –

Als wäre der Fall des Familienhäuptlings ein böses Vorzeichen vom Untergange nicht nur der eigenen Sippe, sondern des gesamten Vagantenvolkes, brach jetzt für diese Heimatlosen eine verhängnisvolle letzte Zeit herein.

Geschärft ward allenthalben das Schwert der Kriminaljustiz. Die Waage in der Hand des Richters muß empfindlich im höchsten Grade gewesen sein, denn das geringste Gewichtsteilchen von Schuld reichte hin, die Schale des Missetäters hoch hinaufzuschnellen. Lange war der Name des Schultheißen Schäfer zu Sulz am Neckar der Schrecken aller Landfahrer. Man erzählt sich heute noch, daß Hunderte jener armen Teufel durch den gestrengen Richter von Rechts wegen dem Henker überliefert worden seien.

Auch die Gebeine des Schwarz Sepple ruhen zu Sulz unter dem Galgen. – Den Stumpfarm wollte man anfangs der neunziger Jahre unter einem Haufen Sansculotten im Elsaß gesehen haben, später soll er gezwungen worden sein, Bekanntschaft mit der Guillotine zu machen.

Trautel, nach langer Haft endlich aus dem Gefängnisturm entlassen, verlor sich spurlos unter der Menge. – Von Schön Rösel hat man nichts mehr gehört und gesehen seit ihrem Abzug mit den Neufranken.

Im letzten Kapitel geht Lucian Reich wieder auf die Verfolgung und Ermordung der Jenischen ein.

Über den nach Lucian Reich schlimmsten Inquisitor, den Schultheiß Schäfer zu Sulz am Neckar, konnte ich leider nichts finden.

Auch über die Jenischen selber läßt sich heute nur noch wenig finden, da von den Überlebenden der Verfolgungen um die Jahrhundertwende (1780-1810) wohl viele in der Anonymität Zuflucht gefunden haben.

Jenische Familien wurden später von den Nazis verfolgt und ermordet und sie sind in Deutschland, im Gegensatz zur Schweiz, bis heute nicht als als nationale Minderheit anerkannt.

Die Jahre eintausendachthundertdrei und -vier waren herbeigekommen und die reichsstädtischen Souveränitäten nebst noch manchem anderen unter den Trümmern der alten deutschen Reichsverfassung begraben worden.

Unser alter Freund, der Feldwaibel, erlebte diese Katastrophe noch sowie die politischen Neugestaltungen in Deutschland; sie machten dem Alten . wenig Bedenken. Aber die Auflösung des fürstenbergischen Korps, eine Folge jener Weltereignisse, das Verschwinden jenes Banners, unter welchem der bereits ergraute Soldat sich noch Lorbeeren gesammelt, das war für ihn die letzte schmerzliche Begebenheit seines Lebens, ja vielleicht die nächstliegende Ursache seines Todes. Wenigstens war ein auffallender Wechsel in dem Gesundheitszustand des Veteranen zu bemerken seit der Zeit, als es bekannt geworden, welchen Ausgang die Verhandlungen der Reichsdeputation zu Regensburg nehmen werden.

Im Frieden von Lunéville hatte Österreich auf die linksrheinischen deutschen Gebiete verzichtet. Das Haus Fürstenberg war nicht dem Rheinbund beigetreten. *

Als Feldmarschall Leutnant Fürst Karl Aloys von Fürstenberg am 25. März 1799 bei Liptingen gefallen war, hatte seine Gemahlin, Elisabeth Fürstin zu Fürstenberg, Prinzessin von Thurn und Taxis die Vormundschaft über ihren Sohn, den 1796 in Prag geborenen Prinzen Karl Egon II.. *

So zogen wohl 1804 die fürstenbergischen Truppen auf immer aus Hüfingen ab und Hüfingen wurde Teil der Rheinbundstaaten und des Großerzogtums Baden. *

In Baden wurden Rekruten durch Konskription ausgehoben.

Was vielleicht interessant ist, ist die Konskription und der Aufstand von 1806 in Hüfingen

Schon im Oktober 1806 fand auch in der Baar die erste Truppenaushebung nach der Eingliederung in das Großherzogtum Baden statt. Sie stieß in der Baar auf Widerstand, der in verschiedenen Gemeinden zu Behinderung der Konskription und zu offenem Aufruhr führte. ….

…Am 26. Oktober hatten sich Bauern und Bauernsöhne aus Mundelfingen, Hausen vor Wald, Behla, Riedböhringen und anderen Orten zusammengerottet – sogar in Donaueschingen habe es gespuckt – , waren in Hüfingen vor das Schloß gezogen, um mit Bengeln und Prügeln bewaffnet einige Beamte der Donaueschinger Regierung aufzusuchen.

Chronik Hüfingen von August Vetter (1984) Seite 260 ff

Er fühlte die Abnahme seiner Lebenskräfte, und der Soldat bereitete sich, so wie er gelebt, als Mann auch zu scheiden aus dieser Zeitlichkeit. Gefaßt und ergeben hatte er von Priesterhand die Letzte Olung empfangen zur Reise in das unbekannte Jenseits. Es war am Morgen desselben Tages, an welchem die Fürstenberger den Befehl erhalten, sich zu sammeln, um reorganisiert und einem neuen Kriegs- und Landesherrn zugeführt zu werden.

Der Kranke war eingeschlummert, als gegen Mittag Trommelschlag ihn erweckte. Da bat er die hingebend sorgliche Hausfrau, ihn aufzurichten, damit er durch das Fensterlein in der Stadtmauer hinausschauen könne auf die Heerstraße, denn hier mußten die abmarschierenden Kriegsgefährten vorüberziehen. Unverwandt haftete der Blick des Soldaten auf der scheidenden Kompanie, bis diese ihm so teuren Weißröcke für immer hinter der Anhöhe bei Almendshofen verschwunden waren. – Dann sank er zurück in die Kissen. Einige Augenblicke darauf suchte er die Hand der Hausfrau und sprach wenige kaum verständliche Worte – es war der letzte Abschied, das Ende nah.

Die gute Annakäther hatte sich über den Sterbenden gebeugt, ihre Tränen träufelten auf sein bleiches Angesicht; dann kniete sie an der Bettstatt nieder und betete zum Namenspatron des Verscheidenden, zum heiligen Michael, dem „unüberwindlichen Fechter und Beschirmer, daß er den kranken heimziehenden Menschen schützen und geleiten möge aus diesem Jammertal, hinauf – in die Wohnungen des ewigen Friedens“ Ehe der Abend herangekommen, war er entschlummert.

Die Tochter in Wildenstein wollte haben, die Mutter solle nun zu ihr ziehen, um den Rest ihrer Tage bei ihren Kindern und Enkeln sorgenfrei beschließen zu können; doch die Matrone war nicht zu bewegen, das gewohnte Stüblein zu verlassen – bis zu dem Tage, der auch sie abrief zur Vereinigung mit dem vorangegangenen Gatten.

Tolberg blieb für immer bei seinen Kindern. Lebhaftes Interesse nahm der alte Geschäftsmann am Fortgang des Uhrenhandels, dem er durch Adressen und Verbindungen manchen Vorteil zuzuweisen vermochte. Wie auf einen stürmischen Herbst zuweilen noch späte, stillsommerliche Tage folgen, so verlebte der vielgeprüfte Mann noch heitere, glückliche Tage.

Ehe wir jedoch dem freundlichen Leser die Hand zum Abschiede reichen, sei uns vergönnt, noch einen Blick zu tun auf das Schlußbildchen.

Wir versetzen uns in die erste Zeit glücklichen Ehelebens unseres Paares.

An der Schwelle des eigenen Heimwesens sitzt das vergnügte Ehepaar, Hieronymus und Helena, diese Kinder einer abgeschlossenen Zeit, deren Enkel kaum mehr wissen, wie es zu den Tagen der Großeltern im Lande ausgesehen.

Es ist Abend; die Mühen des Tages sind vorüber. Mondlicht zittert durch die Zweige, friedlich, versöhnend; und beim Anblick der ewigen Sterne ziehen in die Brust des Menschen Friede und Vertrauen – und die Seele beseligt die Liebe, von welcher die Heilige Schrift sagt, daß sie stärker sei – als der Tod.

Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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Heimkehr und Heiratsantrag
Unverhoffte Rückkehr
Der eigene Herd

Hieronymus Kapitel 23

Heimkehr und Heiratsantrag – Unverhoffte Rückkehr
Der eigene Herd

Fünfmal schon hatte der Frühling Wald und Flur mit neuem Grün geschmückt, seitdem Helena das Haus der Pflegeeltern verlassen. Immer noch war sie auf Wildenstein die treue Dienerin, die liebreiche Pflegerin der Kinder, die unermüdliche Gehilfin im Haushalte des Schloßverwalters.

Wohl trat bisweilen das Bild früherer Tage ihr vor die Seele, und das bitter wehmütige Gefühl des Alleinstehens in der Welt wollte sie anwandeln. Doch Tätigkeit und Pflichtübung leiteten ab vom trüben Sinnen und füllten, grünenden Ranken gleich, die Lücken ihres Innern; leise keimende Hoffnungen erleuchteten es wohl auch mit dem Scheine künftiger glücklicher Tage.

Schon wehte der Wind wieder über die Haberstoppeln – weder die Wachtel in den Furchen noch die Lerche in den Lüften ließen ihr Lied mehr erschallen, da schritt ein Wandersmann auf der Straße von Sigmaringen stromaufwärts durch das Donautal. Er war vorbeigezogen an der alten Hochveste Werrenwag, welche, ein Wächter über das Tal, von schroffem Fels herniederschaut. Bereits war die Sonne dem Untergehen nahe, als der Wanderer sich auf die rechte Talseite gewendet, wo ein nur wenig gangbarer Pfad hinzog.

Schloss Werenwag oder „Hochveste Werrenwag„, wie Lucian Reich schreibt, befindet sich im Oberen Donautal der Gemeinde Beuron.

Schloss Werenwag
Foto: Roland Nonnenmacher auf Wikipedia

1629 erhielten die Grafen von Fürstenberg das Schloss, das sie 1721 an die Freiherren von Ulm zu Erbach verkauften. Erst im Jahr 1830 kam Werenwag wieder in den Besitz der Fürsten von Fürstenberg. (Wikipedia)

Lange Schatten ruhten auf dem tiefen, felsumgürteten Grund und seinem grünflutenden Strom. Nur die hohe, fürstenbergische Burg Wildenstein schaute kühn noch dem Tagesgestirn ins leuchtende Antlitz. Eine Gestalt aus längst verflossener Zeit, schien der ernste, schmucklose Bau den Pilgrim im Tale zu begrüßen.

Auf steilem Pfade stieg der Fremde den zackigen Felsgipfel hinan. Vor der Zugbrücke, welche, mit ihren langen Armen einer riesigen Spinne vergleichbar, den breiten Felsspalt überdeckte, stand er eine Weile still, das Haus mit seinem gewaltigen viereckigen Turme zu beschauen. Das Dach hing nur lose in eisernen Schlaudern darüber, denn die festgewölbte Stirne des Baues trotzt auch dem zerschmetternden Wurfgeschoß. War die Brücke aufgezogen, so fanden nur noch Raben und Geier den Eingang in das einsame Felsennest.

Burg Wildenstein, Postkarte ca. 1910
Foto: Wikimedia

Dumpf dröhnte die alte Brücke, als der Wanderer in luftiger Höhe über den Abgrund schritt, um durch das finstere Tor in den engen Burghof zu gelangen. Im abendlichen Dunkel erblickte er hier an dem mittelalterlich überdachten Ziehbrunnen, welcher durch den Felsen bis auf die Sohle des Stromes niedergeht, ein Mädchen, eben im Begriff, ein kupfernes Wassergefäß auf den Kopf zu heben. – Einem schüchtern forschenden Blicke des Mädchens in das sonngebräunte Angesicht des jungen Mannes – folgte freudig überraschendes Erkennen – es waren Hieronymus und Helena.

Wie eine weiterschleppte Taube, frei gelassen, den Flug wieder nach dem wohlbekannten Dache richtet, und die Schwalbe nach vergangenem Winter wiederum die alte Heimat sucht, also kehrte der lang Gewanderte nach fast fünfjähriger Abwesenheit in die Heimat zurück. Das Verlangen, Verwandte zu sehen und die bewährte Jugendfreundin, hatte den Heimkehrenden bewogen, die Heerstraße zu verlassen und den rauhen, wenig begangenen Weg im Stromtal einzuschlagen.

Als zartes, feingeputztes Herrenkind war sie einst dem schlichten Knaben im Zwilchkittel gegenübergestanden, und jetzt – sah er das bürgerlich und häuslich gekleidete Mädchen vor sich, ihm die schöne, doch etwas schwielige Hand zum Gruße darreichend.

Freundlich aufgenommen von den Vettersleuten und ebenso gut bewirtet, weilte der Reisende einen Tag auf dem Schlosse. Als er des Morgens wieder fürbaß zog, den steilen Felsabhang hinunter, sah man den sonst eilfertigen Wanderer wiederholt nachdenklich stehenbleiben, als habe er etwas vergessen, etwas liegenlassen oben auf der Burg. – Ofter blickte er zurück nach dem Orte, den er eben verlassen – wiewohl ein dichter Herbstnebel verhüllend um die Felsen zog und die kahlen Giebel des Hauses nur undeutlich aus dem Duft hervorschauten. Offenbar fesselte den Blick des Dahinziehenden ein mehr als gewöhnliches Interesse. Dennoch vermögen wir nicht viel mehr zu berichten, als daß unser Freund hatte versprechen müssen, über’s Jahr wiederum auf Besuch nach Wildenstein zu kommen. – Unverkennbar aber ist gewesen, daß die Züge des Wanderers von innerer Freudigkeit erglänzten wie die grünende Flur vom hellen Streiflicht der aufgehenden Sonne.

Dem heimgekehrten Sohne war die Freude des Wiedersehens von Vater und Mutter leise getrübt durch die Wahrnehmung, wie die so sehr Geliebten seitdem merkbar gealtert hatten.

Die Heimat übte auf den gereiften jungen Mann ihre wohltätigen Zauberkräfte. Manches erschien ihm zwar jetzt in verändertem Lichte; der rosige Schimmer der Jugend hatte der wenig phantastischen Tagesbeleuchtung weichen müssen. Aber er hatte hier seine Jugend verlebt, und wenn er um sich schaute, so sproßten auf jedem Platze, aus jedem Busch in Feld und Wald alte Erinnerungen auf, die ihm, wie Blumen, ihre erquicklichen Düfte zuwehten.

Doch nicht als Träumer und Phantast war er zurückgekehrt: obwohl er sich anfangs vorgenommen, sein Besuch solle nur ein vorübergehender sein, so war sein ganzes Sinnen und Trachten doch alsbald auf Tätigkeit und festen Lebensberuf gerichtet. Seit der Einkehr in Wildenstein schien es, habe er ein ungewisses Streben ins Weite aufgegeben; und schon in den ersten Tagen seiner Wiederkunft ward ihm durch Romulus eine wohl zu erwägende Idee geboten.

Dieser, der langjährige Student, hatte, wie er seinem Freunde Hieronymus vor Jahren schon geschrieben, wirklich umgesattelt und sich dem Schulfach zugewendet. In Donaueschingen, wo er bei dem dortigen Normallehrer und Musikpräzeptor Unterricht genommen, hatte er ein gutes Examen gemacht und alsogleich auch eine Anstellung auf dem Wald erhalten. Bei einem Besuch in der Heimat war er mit Hieronymus unter anderm auch auf die Uhrenindustrie zu reden gekommen, welche Industrie in dem Tal, wo er den Schuldienst versah, besonders schwunghaft betrieben wurde. Namentlich die Uhrenschildmalerei war es, welche zur Zeit mehr und mehr selbständig sich ausbildete. Zu den größeren Spieluhren mit Gestellen und Säulchen wurden ganze Tableaux verlangt, die geübtere Kräfte als die bisherigen verlangten; und Romulus machte seinem Freunde den Vorschlag, die Sache in die Hand zu nehmen.

Hieronymus war nicht abgeneigt. – Ein Anfang ward gemacht; ein gesegneter Fortgang fehlte nicht. Denn nach kurzer Zeit waren seine Arbeiten weit und breit in der Umgegend bekannt und gesucht. – Eine Uhrenhändler-Compagnie bot ihm bald auch Kapitalien zur Vergrößerung des Geschäftes, aber er schlug es aus, um seine Selbständigkeit nicht zu gefährden. – Wo aber ein guter Grund gelegt, das Gedeihen sichtbar ist, da wenden die Augen der Nachbarn sich hin; denn sie wissen mit Salomo, daß im Hause des Weisen ein lieblicher Schatz sei.

Der Stabhalter, praktisch in allem, was er tat, gab dem Meister Schildmaler nicht undeutlich zu verstehen, daß er noch eine zweite hübsche Tochter habe und auch imstand sein würde, einem braven Schwiegersohn nachhaltig unter die Arme zu greifen. – Aber auch in diesem, wie im Punkte des Anerbietens der Uhrenhändler-Compagnie, schien Hieronymus ziemlich harthörig zu sein. – Und wo der Sitz des Übels lag, konnte entnommen werden aus einem Zwiegespräch in Hüfingen, wohin Hieronymus gegangen war, um seine dortigen Freunde zu besuchen.

Es war am Herz-Jesu-Fest, welches Fest der Stadt immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte. Auch das Bäbele von Wildenstein war zum Besuch der alten Eltern gekommen. Die kirchlichen Feierlichkeiten waren vorüber und die Familie und Hieronymus im Hausgärtlein versammelt, den lauen Sommerabend im Freien zu genießen. Man plauderte von allerlei; und als endlich die Mutter Annakäther ins Haus sich begeben, um ein Nachtessen zu richten und auch ihr Mann sich vom Bänklein erhoben hatte, um die Vogelkäfige aus dem Garten in die Stube zu bringen, hatte Hieronymus mit der Verwaltersfrau, in den Wegen auf und abgehend, ein Gespräch angefangen.

Das Herz-Jesu-Fest „welches Hüfingen immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte“ wird heute noch in Fürstenberg gefeiert. Das traditionelle Fest findet stets zehn Tage nach Fronleichnam statt und gehört heute noch zu den kirchlichen Höhepunkten der Fürstenberger.

Die Frau äußerte sich scherzhaft über sein Glück und gratulierte ihm zu den vorteilhaften Heiratsanträgen, die ihm, wie sie von ihrer Mutter gehört, gemacht worden seien. Hieronymus ging auf den Scherz ein. „Ich bin ein Glückskind“, sagte er, „Ihr habt Recht, Base, und ich muß Euch auch gestehen, daß ich das Heiratskapitel seit neuerer Zeit öfter in Betracht ziehe. – Zum freiwillig ledigen Stand, mein‘ ich, gehört ein gewisses Genie – oder aber eine solche Selbstgenügsamkeit, wie sie mein Freund Severin besitzt. Zu beidem fühl‘ ich keine Anlage in mir. Meiner Natur nach bin ich mehr zum folgsamen Ehemann geschaffen.

„Folgsam“, wiederholte die Base lachend, „das ist eine Tugend, die eine Frau sehr glücklich machen kann. – Da Ihr aber, wie man hört, so heiklich seid, so wär ich doch begierig auf Eure Wahl.“ „Vielleicht ist sie gar schon getroffen, diese Wahl!“ warf Hieronymus zum Ernst übergehend hin. „Ich will offen mit Euch reden, Frau Bas. – Seht, als ich im vorigen Herbst auf der Heimreis‘ bei Euch auf Wildenstein eingekehrt bin, da ist es dem lang in der Fremde gewanderten Menschen wieder einmal recht heimelig ums Herz worden; und ich gesteh’s, als ich das treue Walten und Schaffen Eurer Helene gesehen, hab ich unwillkürlich den Mann beneidet, dem sie der Himmel einst als Frau an die Seite setzen wird. „Euer Gusto ist nicht der schlechteste“, versetzte schalkhaft die Base. „Ei, ei, am End werd ich gar meine Haushälterin und Lehrerin meiner Kinder einbüßen sollen. – Bedenkt doch -“ „Bedenken? Was soll ich bedenken? Daß ein so braves Mädchen nicht mehr frei sein werde – nicht wahr?“ „Richtig, etwas ähnliches hab ich sagen wollen. – Ich will Euch ein Geheimnis mitteilen, Vetter, obwohl man nicht aus der Schul schwätzen soll. – Ihr wißt, jedermann hat Geheimnisse, so ein Heiligtum, in welches nur Vertraute zuweilen einen Blick tun dürfen. Als mir Helene einmal ihre Andenken aus früheren Jahren im Haus ihrer Pflegeeltern gezeigt hat, hab ich auch etwas dabei gefunden, so wie – alte Liebe rostet nit.“

„Briefe vielleicht, von irgendeinem Verehrer?“ fragte Hieronymus ein wenig betroffen.
„Nicht weit neben die Scheibe geschossen“, entgegnete lächelnd die Frau, „’s ist so was gewesen – wie schön gemalte Neujahrswünsch‘: Spann auf den goldenen Bogen, Aurora, schönste Frau, und dergleichen; und das Mädchen hat mir gestanden, daß sie von jemand herrührten, den es nicht vergessen könne!“
„Also so sorgsam immer noch aufgehoben?“ fragte Hieronymus in einem Ton, der nichts weniger als gleichgültig klang. „Ja – es sind schöne Zeiten gewesen!“ setzte er bei – und die Base glaubte zu bemerken – obwohl es schon dunkelte und die Fledermäuse bereits um die alte Stadtmauer und um das Gärtlein flatterten – zu sehen glaubte sie, daß es freudig, wie ein heller Strahl über das Gesicht des jungen Meisters hinziehe.

„Aber noch ein’s“, nahm die Base wieder das Wort: „Vermögen -“ „Hat sie keines!“ unterbrach sie rasch Hieronymus. „Das weiß ich. Aber ich denk, ihre guten haushälterischen Eigenschaften bilden ein Kapital, das sich reichlich verzinsen wird.“ „Wenn Ihr so rechnet, Vetter“, entgegnete die Frau, „so könnt ich mich vielleicht dazu verstehen, Euch einen Liebesdienst zu erweisen.“ „Ich nehm Euch beim Wort, Frau Bas!“ versetzte Hieronymus lebhaft, ihre Hand ergreifend. – Und noch denselben Abend verfaßte er ein Schreiben an Helene, welches die Verwaltersfrau bestens zu besorgen versprach. – Das Fräulein möge nicht übel aufnehmen, schrieb er, wenn er sich die Freiheit nehme, einen Brief an sie zu richten; es müsse einmal gewagt sein. Eilig, wie ein rasch fließendes Waldwasser dränge es ihn dem Ziele zu. – Er komme sich vor wie Noah in der Arche, der die Taube ausgeschickt habe, die, so hoffe er, nun auch für ihn mit dem Olzweig zurückkehren werde – usw.

Des andern Morgens zogen beide Paare von dannen; das Bäbele nämlich mit dem Brief nach Wildenstein, Meister Hieronymus mit seiner Hoffnung nach Laubhausen. – Und wir können nur wünschen, daß die Liebesbötin ihr Anbefohlenes fester verwahrt gehalten als der Antragsteller seine Hoffnung. Denn unterwegs schon kamen ihm allerlei Zweifel über die Aufnahme seines eiligen Briefes. – War es vielleicht Selbsttäuschung, als er auf Wildenstein in den Augen des Mädchens ein besonderes Wohlwollen gegen ihn zu erblicken vermeinte? – Doch – wenn er dann wieder an die Mitteilungen der Base dachte, so war es ihm, als wehe ihn frische Morgenluft an, alle Zweifel zerstreuend.

Zu Hause angekommen, zählte der ungeduldige Mensch Tage und Stunden – es war unmöglich, daß so bald Antwort da sein konnte, und doch blickte er jeden Morgen die Straße entlang, auf welcher der Amtsbot, der auch alle Privatbriefe besorgte, zu kommen pflegte. Mitten in diese mühende Unentschiedenheit hinein fiel aber ein Ereignis, welches, einem Meteorstein ähnlich, die ganze Nachbarschaft in Aufregung versetzte.

Wie eine alte, breit gewurzelte Tanne Generationen absterben und jüngere um sich heranwachsen sieht und, in scheinbar unverwüstlicher Zähigkeit Wind und Wetter trotzend, immer dieselbe bleibt – also lebte stets noch der greise Köhler Klaus, versah sein Handwerk mit der gewohnten Sorglichkeit. – An seinen Schürbaum gelehnt, sah der Alte in jenen Tagen einen fremden Mann dem Kohlplatz zuschreiten. Er hielt den Wanderer seiner Kleidung nach für einen Jakobsbruder, der auf dem Wege nach Hüfingen im Begriffe stehe, zum dortigen Jakobifest zu pilgern.

Jakobusbrunnen

Und noch ein Kirchenfest: Das Jakobifest.
In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder.

Der Fremde war angetan mit einem braunen Pilgergewand, während ein breitrandiger Hut sein ernst schauendes Gesicht beschattete, welches in stark ausgeprägten Zügen tiefe Spuren ungewöhnlicher Erlebnisse trug. Der Ankömmling hatte den Alten begrüßt und, wie es schien, ermüdet dem rauchenden Meiler gegenüber auf dem Rasen Platz genommen. Fragen an den Alten hatte dieser in gewohnter Dienstfertigkeit beantwortet. Nachdem der Unbekannte die große, altersgraue Gestalt des Köhlers einige Augenblicke unverwandt angeblickt, sagte er forschend: „Wie geht es Eurer Familie?“
„Des Stabhalters, meint Ihr? – Gut, gottlob!“
„Und Eurem andern Schwiegersohn?“
Der Alte schwieg betroffen und mißtrauisch.
„Ich habe gehört, er lebe noch“, fing der Fremde wieder an. „
„Würdet Ihr ihn wieder erkennen, alter Vater, wenn er jetzt auf einmal vor Euch stünde?“ Klaus schaute blitzenden Auges dem Manne ins Gesicht. – „Tolberg“ schrie er in heftiger Bewegung. „Weich, Versucher!“ Und zum gewaltigen Schlag ausholend, schwang der Köhler den Schürbaum.

Der Pilgersmann aber nahm den Hut vom Kopfe und sagte gelassen:
„Schlagt zu, wenn es dann besser ist! – Seht her, Vater, meine Haare sind so grau wie die Eurigen.“ – Da ließ der Alte die Arme sinken und stöhnte: „Und Euer Kind?“„Werdet Ihr wiedersehen, wenn es Gottes Wille ist“, versicherte Tolberg.

„Und mein ungeratener Sohn – Euer Kamerad?“
„Dieter“, entgegnete zögernd der Schwiegersohn, „dem wird Gott gnädig sein!“
„Also tot! – Gott verzeih ihm, wie ihm sein Vater verzeiht.“ Der Alte mußte sich setzen, seine Knie wankten.
„Ihr sollt alles hören – über alles Auskunft erhalten – aber jetzt faßt Euch, kommt zur Hütte und von da in Euer Haus – laßt den Jungen hier beim Geschäft zurückkommt!“

Tolberg faßte den alten Mann am Arme, ihn nach der Hütte zuführend; und nach kurzem Verweilen sah man sie weiterschreiten, in der Richtung nach der Wohnung des Köhlers. Klaus hatte niemanden noch den Namen des Fremden genannt, doch verbreitete sich bald das Gerücht, Tolberg sei wieder da und suche seine verlorene Tochter, welche mit den Landfahrern herumziehe. Von dem Angekommenen wußte man nur so viel, daß er, nachdem er in früher Morgenstunde lange auf dem Grabe Johannas verweilt, des andern Tages schon wieder das Tal verlassen habe.

Nach etwa einer Woche war der Fremde bei Nacht wieder im Haus des Köhlers angekommen, und gleich des andern Morgens in der Frühe empfing Meister Hieronymus in seiner Werkstatt ein Handbillett, von Tolberg unterzeichnet, worin dieser ihn, einer notwendigen Unterredung halber, zu sich ins Haus des Köhlers einlud. Der Meister säumte nicht lange, denn es war ihm alsobald klar, daß man von ihm Auskunft erwarte über Herrn Tolbergs Tochter, mit welcher er ja in früher Jugend so oft zusammen war und welche er vor wenig Jahren noch bei den Vaganten getroffen hatte.

In der Wohnstube des Köhlers eingetreten, fand Hieronymus daselbst einen ältlichen, mildernst aussehenden Herrn, welcher, nachdem er sich überzeugt, daß er in dem Angekommenen den rechten Mann vor sich habe, also anfing: „Entschuldiget, junger Freund, daß ich Euch hierher bemüht – ich heiße Tolberg – ohne Zweifel habt Ihr diesen Namen schon nennen gehört und wißt auch, daß ich der Schwiegersohn des Forbachklaus bin. Daß ich ein Töchterlein hier zurückgelassen, wird Euch ebenfalls nicht fremd sein – ja, man sagte mir, daß Ihr sie näher kennen sollet.“

„Wenn ich nicht irre“, versetzte zögernd Hieronymus, „so kenne ich sie allerdings, wir waren früher oft zusammen. – Doch jetzt im Augenblick wär ich nicht imstande“ – Der Sprecher stockte, es war ihm ein zu heikler Punkt, die fatale Vagantengeschichte zu berühren.

„Ich verstehe schon“, fiel der alte Herr ein, „ich will jedoch gleich von der Hauptsache mit Euch reden. – Nachdem der Himmel die Tochter glücklich in die Arme ihres Vaters zurückgeführt hat, gestand mir das Mädchen, als ich sie nach allen ihren Lebensumständen genau befragte, daß sie ihr Vertrauen und ihre ganze Lebenshoffnung schon von früher her auf einen wackern jungen Mann gesetzt habe; sie glaubt auch, daß ihr besagter junger Mann wohl zugetan sei. – Ich habe“, fuhr er mit bewegter Stimme weiter, „ich habe in diesem Punkte eine zu herbe Schule durchgemacht, als daß ich der Neigung meines Kindes hemmend in den Weg treten möchte. – Weil mir nun“, schloß der Sprecher mit lächelnder Miene, „das Mädchen einen gewissen Hieronymus als ihren Freund bezeichnet – so hab ich Euch heute hierher rufen lassen.“

Dem Angeredeten war es bei dieser Wendung der Rede siedend heiß geworden, er erinnerte sich wieder der Zutunlichkeit Schön Rösels gegen ihn, als er sie damals im Walde getroffen. – Verwirrt und verlegen, wußte er nicht alsogleich etwas Passendes zu erwidern.

Herr Tolberg, der sein Schweigen für Schüchternheit auslegen mochte, fuhr ermunternd fort: „Ich wünsche, junger Freund, daß Ihr in allen Stücken Euer Zutrauen auf mich setzen möchte; ich höre, daß Ihr tätig und strebsam seid – ist Euch mit einem Kapitälchen zur Erweiterung Eures Geschäftes gedient, so sprecht offen.“

„Verehrtester Herr*, fiel jetzt Hieronymus mit Entschiedenheit ein, „für Euren gütigen Antrag muß ich höflich danken. Ich glaube vorerst mit Fleiß und Beharrlichkeit mein vorgestecktes Ziel ohne fremde Hilfe zu erreichen. Was aber das andere, nämlich Eure Tochter anbetrifft, so will ich offen und aufrichtig gegen Euch sein, wie Ihr es gegen mich seid. – Eure Tochter, ja, ich habe sie gekannt schon in frühester Jugend, sie war meine Gespielin, ich erinnere mich auch, daß sie immer besonders freundlich gegen mich gewesen ist – doch die Jahre und Verhältnisse haben uns getrennt – es sind vielleicht schon sechs bis sieben Jahre oder noch länger, seit ich sie zum letzten Mal im Wald – in der Nähe des Grumbentobels – gesehen und gesprochen habe.“ Die Geschichte am Stöckle-Turm kam ihm zwar auf die Zunge, doch hielt er stockend inne.

Tolberg schaute den Sprecher groß an, aber Hieronymus fuhr fort: „ Wenn sie aber ihr Vertrauen in mich gesetzt hat, so tut’s mir herzlich leid. – Meine Hoffnung und mein Entschluß stehen fest. – Ich kenne ein Mädchen, und wenn es geht, wie ich hoffe, und sie mir ihre Neigung zugewendet und Gott meinem Tun und Schaffen Gedeihen schenkt, so soll niemand als sie die Gefährtin meines Lebens sein. Und wenn ich heute zum Millionär, ja zum König würde, so sollte keine andere als sie meine Königin sein.

In Tolbergs Mienen drückten Erstaunen und Betroffenheit sich immer deutlicher aus. „Eure Gesinnungen muß man ehren; aber was redet Ihr da“, fügte er kopfschüttelnd bei, „vom Wald, von sieben Jahren?“ Der junge Meister fühlte seine Lage immer peinlicher werden. Tolberg aber schritt unwirsch, fast verdrießlich nach der Kammertür: „Da, sprecht selbst miteinander, ich kann nicht klug werden aus der Geschichte.“

Halb starr blickte Hieronymus auf die geöffnete Tür, als befürchtete er einen Auftritt wie weiland in der unterirdischen Bettelküche. Da trat Tolberg wieder ein, an seiner Hand – nicht Schön Rösel, sondern – Helena in all ihrer Lieblichkeit, gleich einer in lauer Frühlingsnacht aufgebrochenen Rose.

Wie von bösem Zauber gebannt stand der Freund da – also Helene des reichen Tolbergs Tochter! Dieser Gedanke durchfuhr ihn blitzschnell, und er vermeinte seine Hoffnung vor seinen Augen versinken zu sehen. – Lächelnd aber trat das Mädchen auf ihn zu. „Ich bin Euch Antwort schuldig – Hieronymus -!“ sagte sie treuherzig. „Hier!“ Und damit legte sie ihre Rechte in die seinige. Und freudig überrascht drückte der Überglückliche ihre Hand an seine Brust. Überlassen wir jedoch die beiden ihrem Glücke und wenden uns, wie der Leser wohl nicht anders erwarten wird, zunächst der Geschichte Tolbergs zu.

Nach der Zurückkunft ins Vaterhaus lebte der junge Mann in der ersten Zeit noch ganz dem Andenken seiner Johanna. Wenn die Verhältnisse ihn wie ein lastendes Gewicht niederdrückten, schwangen sich die Gedanken in jene friedlichen Tannenwälder – wo ein liebendes Weib seiner harrte.

Nicht allzulange jedoch konnte sein leicht veränderlich Wesen festhalten an solch sehnsüchtig unbefriedigenden Schattenbildern. Der Tod Johannas traf bereits den für die Welt erzogenen Sohn reicher Eltern in einer Stimmung merklich verkühlten Herzens, und es kam bald so weit, daß der junge Herr seiner Verbindung mit jener Tochter des Waldes kaum noch als eines unüberlegten Streiches, einer jugendlichen Verirrung gedachte.

Wohl lag die Versorgung des hinterbliebenen Kindes dem von Natur aus nicht zum gewissenlosen Menschen geschaffenen Vater am Herzen. – Dieses Kind jedoch mußte auswärts erzogen werden; der Jugendstreich des Sohnes sollte und mußte vertuscht bleiben – so wollte es die Ehre des Hauses. – Der Sohn erinnerte sich jener freundlichen Familie des Obervogts, die er während seines Aufenthaltes im Schwarzwalde kennengelernt. – Hier konnte man das Kind unterbringen. Fern von der verfeinerten und verbildeten Welt sollte das Töchterlein eine anständige, aber einfache Erziehung erhalten. Später, wenn sich die Verhältnisse geändert, kalkulierte der Vater, konnte die herangewachsene Tochter ja immer noch in die Arme ihres unbekannten Vaters zurückgeführt werden.

Durch den geistlichen Herrn in Laubhausen wurde die Sache auch befriedigend ins Reine gebracht. Der Obervogt mit seiner Familie war unterdessen von seinem früheren Posten abgerufen und in ein entferntes Städtchen des Kinzigtales, später als Amtsrat nach Hüfingen versetzt worden. Ein regelmäßiges Jahresgehalt sollte für die Mühen und übernommene Pflege entschädigen.

Nachdem sich dieser Knoten im Leben des jungen Herrn Tolberg so befriedigend gelöst, hatte er der Stimme der Vernunft und der seines Vaters so weit Gehör gegeben, daß er für gut fand, sich wieder zu verheiraten. Es war begreiflich eine vorteilhafte Partie, eine Heirat nach der Mode. Ein Sohn, dieser Verbindung entsprossen, wurde in Paris erzogen. Nach dem Tode des alten Fabrikherrn aber waren die Bande der ehelichen Liebe bereits schon so lose geworden, daß eine beiderseits gewünschte Trennung des Paares erfolgte.

Die Vorläufer der Revolution hatten sich eingestellt. Man weiß, welch ein Schauplatz von Unfug und Greueln gleich zu Anfang dieses Weltereignisses das Elsaß gewesen. Tolberg war es gelungen, zu rechter Zeit noch einen, wenn auch kleinen Teil seines Vermögens nach Basel in Sicherheit zu bringen. Zur Flucht aber wollte er sich nicht entschließen, wie viele Freunde ihm auch das Beispiel dazu gegeben.

Da geschah es eines Tages, als er kurz vorher einen anonymen Warnungsbrief erhalten, daß ein ungebetener, lange nicht mehr gesehener Gast vor den ernstnachdenklichen Fabrikherrn trat. Es war ein verwahrloster, wildaussehender Mensch, nicht mehr jung. Auf dem schwarzen Filzhütlein, welches er beim Eintritt in das Wohnzimmer kaum ein wenig beiseite gerückt, prangte eine große dreifarbige Kokarde; eine schlotterig umgeschlagene Halsbinde verbarg Hals und Kinn, halbzerrissene, gestreifte weiße Pantalons, ein blautuchenes Militärkolett mit rotwollenen Epauletten bezeichneten einen Neufranken, der Dialekt aber, in welchem sich der branntweinduftende Bruder an den Hausherrn wendete, einen verkommenen Deutschen.

„Bon jour, lieber Schwager!“ lautete die Begrüßung. In merklicher Unruhe und mit einem Blick des Unwillens auf den Sprecher erhob sich Tolberg, ohne etwas zu erwidern. „Ich weiß“, fuhr der Eingetretene in maliziösem Tone fort, „daß ich hier, bei meinen lieben Verwandten, immer gerne gesehen und mit Ungeduld erwartet werde.“ „Du kommst“, fuhr Tolberg heraus, „jetzt gerade sehr ungelegen.“ „Ungelegen?“ wiederholte der andere höhnisch, „ich, der Dieter, das Genie, wie man mich früher zu nennen beliebte.“ „Zu oft schon hast du meine Güte mißbraucht mit deiner Zudringlichkeit.“

„Oho“, brauste Dieter auf, denn er war es wirklich, „aus dem Ton beliebt man aufzuspielen – ich bin jetzt der zudringliche Lump? – Ah, richtig, ich hab ja keine hübsche Schwester mehr, mit welcher sich der Herr en passant verlustieren könnte – doch jene Zeiten sind vorüber, und jetzt wirft man den Dieter in den Winkel wie einen durchgetretenen Stiefel. – Ah foudre!“ schrie der halbbetrunkene Altgeselle in anscheinender Erbosung, „verdammter Royalist; Kerl! ich spieß dich wie ein zappelnder Frosch!“ Er hatte aus einem Knotenstock, den er in der Linken hielt, einen Stockdegen gezogen und die spitze Klinge dem zitternden, erblassenden Tolberg auf die Brust gesetzt.

„Doch halt! Du dauerst mich – Schwager, du steckst in böser Haut – und der gutmütige Dieter, dem man schon so oft in diesem Haus die Tür gewiesen, das gutmütige Bruderherz kommt, um dich zu verwarnen. – Schau, die Axt ist am Baum – der Klub in Schlettstadt hat deinen Untergang beschlossen – bin ich nicht sein Mitglied – und ist nicht sein Vorstand mein deutscher Landsmann aus dem Badischen? – Wenn Monsieur Tolberg, der Aristokrat, nicht heut abend noch vor Sonnenuntergang das Felleisen schnürt, so“ – hier fuhr Dieter mit dem Finger quer über den Hals. – Tolberg erblaßte. „Schau“, fuhr der Klubist fort, „Dieter, das Genie, hat so spekuliert: du warnst den sorglosen Schwager und hilfst ihm in der Eil einige Trümmer seines Reichtums retten. – Fraternité, egalité, brüderliche Teilung – auch dem Republikaner liegt das Hemd näher als der Rock!“

Ehe jedoch Tolberg etwas auf diesen Vorschlag entgegnen konnte, wurde die Türe des Gemaches aufgerissen, ein Diener stürzte herein: „Rettet Euch, Herr, wir sind verloren!« keuchte der Mann. – Als wär eine Bombe in das Haus gefallen, also wirkte diese Hiobsbotschaft. – Sei es, daß man sich zu einer Flucht schon länger versehen – Tolberg eilt in das anstoßende Kabinett, reißt einen Koffer auf, nimmt daraus eine Schatulle und verschwindet durch ein zweites Zimmer – sein Diener hinter ihm her.

Dieter, wie ein Rüde, dem die nahe Beute entrinnt, stürzt den Flüchtigen nach, Tolberg und der treue Diener durcheilen den anstoßenden Garten, übersteigen die Mauer und gelangen glücklich ins Freie. Der Ort war aber schon umstellt von den Sendlingen des Schlettstadter Klubs. – In dem Augenblick, als der zu Tod erschrockene Fabrikherr mit seinem Diener querfeldein gegen ein nahes Gehölz sich wenden will, vertritt ihnen Dieter den Weg – wie eine Katze war er hinter den beiden her über die Mauer geklettert.

„Halt!“ schrie er mit vorgehaltener Klinge. „Die Schatulle, das Geld – so entkommst du mir nicht!“ Eine Minute verloren und alles verloren. – Tolberg wirft die hemmende Last von sich – aber vom Garten her nahen Stimmen – sie waren entdeckt. – Einige Schüsse krachen. – „Ich hab mein Teil!“ röchelt Dieter, vorwärts aufs Angesicht fallend über die Geldkiste, die er eben im Begriff war aufzuheben. Die andern rennen gegen den Wald, aber auch von dieser Seite kommen Bewaffnete, schneiden ihnen den Weg ab und bringen die Flüchtlinge zur Haft.

Tolbergs Güter wurden konfisziert, er selbst in den Kerker geworfen. Das über dem Haupte des Unglücklichen schwebende Fallbeil sollte übrigens sein Opfer nicht erreichen. Tolberg hatte Mittel und Wege gefunden, aus dem Gefängnis zu entkommen. Ein ehemaliger Handelsfreund verbarg ihn in seinem Hause; nachts führte ein vertrauter Knecht den Verkleideten aus der Stadt. – Als Tolberg beim Scheine einer Straßenlaterne dem stummen Führer ins Gesicht schaute, erschrak er innerlich – er glaubte Kolumban, den ehemaligen Köhlerknecht des Forbachklaus, vor sich zu sehen. – Beim Abschied wollte er ein Geldstück in die Hände des Führers drücken – der Mann wies es von sich. – „Ich kenn Euch“ – sagte er trocken zu dem Flüchtling, „behaltet in Gottes Namen, was Ihr habt.“ –

Nach wochenlangem Umherirren war es Tolberg gelungen, Nizza zu erreichen. Ein toskanisches Handelsschiff, welches nach Livorno segelte, nahm ihn auf. Am zweiten Tage der Fahrt aber wurde das Schiff von algerischen Korsaren angegriffen, genommen und nach Oran gebracht. Das Los Tolbergs wie all seiner Gefährten war die Sklaverei.

Zu harter Feldarbeit angehalten, hatte der Unglückliche jetzt Muße genug, während manchen schlaflosen Nächten sein bisheriges Leben zu überblicken. Ein Strahl bessernder Selbsterkenntnis mußte in sein Inneres gefallen sein. Seine Hände falteten sich oft zum Gebet – und wenn ihn sein Geschäft an den Meeresstrand führte, blickte er tränengefüllten Auges über die endlose Flut, die ihn trennte von allem, was ihm einst angehört.

Es waren viele Jahre verflossen, der Sklave hatte seinen Herrn gewechselt, und sein neuer Dienst führte ihn bisweilen in das sardinische Konsulatsgebäude. Dort gelang es ihm, Verbindungen zu knüpfen und endlich durch die bereitwillige Vermittlung des humanen Konsuls aus Deutschland sich die nötigen Gelder zu seinem Loskauf zu beschaffen.

Der Freigelassene hatte seinen Weg zunächst nach Italien genommen und nach glücklicher Fahrt in Civitavechia gelandet, gerade in dem Augenblick, als zur Feier eines christlichen Festtages hehres Geläute von den Türmen der Hafenstadt erschallte. – Überwältigt von dem Eindrucke dieses lange nicht mehr gehörten Klanges, fiel der Pilgrim auf sein Antlitz, und Tränen benetzten den Boden. – Sein nächstes Reiseziel war Rom. Von da pilgerte er weiter der Schweiz zu, wo jedoch sein Aufenthalt nicht länger dauerte, als es zum flüchtigen Ordnen seiner Vermögensverhältnisse vonnöten gewesen.

Hier erfuhr Tolberg denn auch das Schicksal seines in Paris zurückgebliebenen Sohnes; er war bald nach der Flucht des Vaters als ein Opfer der Revolution gefallen. Jetzt wanderte der Pilger rastlos dem Schwarzwalde zu, denn in die Heimat und die früheren Lebensverhältnisse zurückkehren mochte er nun nicht mehr. Nachdem Tolberg, wie wir gesehen, den alten Schwiegervater noch am Leben gefunden, galt der nächste Besuch der verwitweten Amtsrätin.

Die gute Frau konnte ihren Augen kaum trauen, als sie den längst Verschollenen vor sich sah, von dem sie nur wußte, daß er dem Blutgerüste entkommen und geflüchtet wäre. Stets noch auf die mögliche Rückkehr des Geächteten hoffend, hatte sie, dem gegebenen Worte treu, immer noch gezögert, die Pflegetochter mit ihren Verwandten auf dem Walde bekannt zu machen. Das Fortziehen des Mädchens aber zur befreundeten Familie durfte der Frau um so unbedenklicher scheinen, als es überhaupt nicht in ihrer Macht gestanden, solches zu verhindern. Zudem waren die Jahresgelder, welche man sonst regelmäßig bezogen, seit dem Verschwinden Tolbergs ausgeblieben.

Dokumente über Heimat und Abkunft der Pflegetochter, welche der Amtsrätin früher schon durch den alten geistlichen Herrn eingehändigt worden, hatte die Frau, für den Fall unerwarteten Todes, bei Gericht niedergelegt. Eben war Helena den Ihrigen bei einer Feldarbeit behilflich, als sie mit dem Bedeuten nach Hause gerufen wurde, daß der Bruder ihres unbekannten Vaters, dem sie manches zu danken habe, auf Wildenstein angekommen sei und sie alsogleich zu sprechen wünsche.

In ihrer ländlichen Kleidung, die Ärmel aufgeschürzt, betrat das Mädchen die mittelalterliche Verwalterswohnung, wo Tolberg ihrer harrte. – Bei diesem Anblicke Helenens ward der Vater fast sprachlos, er glaubte, Johanna vor sich zu sehen. – Helena aber eilte mit liebenswürdiger Hast auf ihn zu, ergriff seine Hand und bedeckte sie niedergebeugt zu seinen Füßen mit Küssen. „Gott, der Vergelter alles Guten“, sprach sie mit bebender Stimme, „lohne Ihnen alle Wohltaten, die Ihre Güte einer Waise in so reichlichem Maße gespendet!“

Kaum fühlte der alte Herr noch genug Kräfte, das dankbare Kind aufzurichten und an sein Herz zu drücken. – „Keine Waise“ – rief er, „meine Tochter, mein gutes geliebtes Kind!« Vater und Tochter umfaßten sich und hielten sich in langer, sprachloser Umarmung. – Als nach diesem Wiederfinden die Frau Amtsrätin in die Stube trat, flüchtete sich Helena aus der Umarmung des Vaters an die Brust der Pflegemutter; und in Liebe, Dank und elterlicher Wonne schlugen drei bewegte Herzen.

Ein neuer schöner Tag für Helena war derjenige, welcher sie in das Tal zurückführte, wo ihre Wiege stand, zu ihren Verwandten und vor allem in die Arme der leiblichen Schwester ihrer seligen Mutter. Dem alten Klaus war jetzt noch die Freude beschieden, seiner Enkelin, der Tochter der unvergeßlichen Johanna, noch einmal ins Gesicht zu schauen. Mit besonderer Freundschaft und Innigkeit schloß sich auch Florentina an die bräutliche Helena an.

Was aber soll ich erzählen von Vater Mathias, von Mutter Anastasia? Im Sohne sah der Vater alle Hoffnungen erfüllt, und in Helena hatte die Mutter eine liebende Tochter, eine Pflegerin ihres Alters gefunden. Zum Sitze häuslichen Glückes war die niedere Hütte des greisen Paares geworden, welches bisher so mutig unter allen Lebensverhältnissen ausgeharrt. – Hieronymus hatte im Frühjahr in der Nachbarschaft ein Haus gekauft und vollständig sich darin schon eingerichtet. Von der Hochzeit unseres Brautpaares mag nur soviel berichtet werden, daß das familiäre Mahl in der Mühle stattgefunden.

Severin, unseres Meisters erprobter und langjähriger Freund, war seit einiger Zeit schon zu ihm auf den Wald gezogen. – Der Aufenthalt in der, wie er meinte, so geräuschvollen Stadt an der Land- und Heerstraße war ihm verleidet. Sprach man ja doch allenthalben schon wieder von einem Kriege. Und der Junggeselle fürchtete nichts so sehr, als wieder Einquartierung zu bekommen. – Als Gehilfe und Mitarbeiter im Geschäfte der Schildmalerei war es vorzüglich die Aufgabe des kunstgeübten Altgesellen, die Gestelle oder Kasten der Spieluhren zu erbauen, zu schnitzen und in allerlei Art und Weise zu verzieren.

Durch Severin nun und Romulus war die geräumige Müllerstube für das Hochzeitsmahl bekränzt und mit passenden Inschriften geschmückt worden. Ein freundliches Geschick führte noch einmal alle unsere Bekannten hier zusammen. Wir sehen bei der fröhlichen Feier den Großvater, die Eltern und Pflegeltern der Brautleute, die Kinder von Helenens Pflegemutter, den Onkel Stabhalter mit Frau und Töchtern, Dionys und Florentina sowie den Laubhauser; unten am Tisch Philipp und Juliana, Peter und sein Agathle, den Kaiserzoller und sein Weib. – Der Feldwaibel als Veteran, mit dem wohlverdienten Ehrenzeichen auf der Brust, Frau Annakäther, die es sich jedoch nicht nehmen ließ, heute das Mahl bereiten zu helfen, der greise Schulmeister Bachweber, Severin und Romulus waren die andern Festgenossen.

An der Tafel sah man den letzteren eifrig beflissen, Platz zu finden neben Martina, der Herzenserkorenen, der zweiten Tochter des Stabhalters. Dieser war anfangs der Werbung des Normalschullehrers um sein Töchterlein nicht sonderlich hold gewesen; aber Juliana, gleichsam austilgend den Auftritt beim Ausmarsch ihres Landsturmmannes, war des Bewerbers eifrige Fürsprecherin beim Vater geworden und hatte diesen auch glücklich umzustimmen gewußt; und Romulus hatte die Freude, heute beim Mahl sich vom Stabhalter als Bräutigam und künftigen Schwiegersohn proklamiert – und von allen herzlich beglückwünscht zu sehen.

Etwas später erschien auch der junge Herr Pfarrer im Brauthause. Der alte geistliche Herr war bereits vor einigen Jahren heimgegangen und der Neffe ihm im Amte gefolgt. Der Verwalter von Wildenstein und das Bäbele, seine Frau, hatten der persönlichen Einladung der Brautleute leider keine Folge geben können, diese dagegen ihnen versprechen müssen, ihre Hochzeitsreise ins Donautal zu machen.

Wenn es wahr ist, daß verklärte Geister noch teilnehmen an den Leiden und Freuden der Lieben, welche sie hier zurückgelassen, wahrlich, so mußte es heute geschehen, wo Tolbergs Blicke oft und ausdrucksvoll auf der lieblichen Gestalt der Braut hafteten und das Bild der seligen Johanna vor seine Seele trat. Wenn in zweier Freundinnen Herzen je ein wehmütiger Gedanke sich einmischte, so war es die kindliche Treue, mit welcher Helena und Florentina dem Angedenken geliebter Toten ein stilles Opfer brachten.

Es muß angenehm gewesen sein, dies Opfer, denn der Geist ungetrübter Seelenheiterkeit schien fortwährend sich niedergelassen zu haben über alle, die da anwesend waren beim Festmahle. Allen war es, als gehörten sie einer Familie an, deren Glieder nach langer Trennung sich glücklich wiedergefunden.

Severins schön geschriebene Verse an der Stubentüre, an welcher zwei goldene, mit Rosenketten verschlungene H prangten, wurden zum eigentlichen Wahrspruch des Festes:

„Einigkeit, ein festes Band,
Halt zusammen Leut und Land;
Wenn all Uhren zugleich schlagen ein,
Wird Fried in allen Landen sein!“

Fahne der Jakobsbruderschaft

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Bildstock zu Ehren des Stadtpatrons St. Jakobus von Bernhard Wintermantel 1987

Hier geht es zu Kapitel 24:

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Die Wanderjahre
Neuigkeiten aus der Heimat
Mater dolorosa

Hieronymus Kapitel 22

Die Wanderjahre – Neuigkeiten aus der Heimat
Mater dolorosa

Es war in den ersten Tagen der Pfingstwoche, als Hieronymus mit den besten Zeugnissen von seinem Meister schied, um noch zwei Tage bei den Eltern zuzubringen – und dann die Wanderschaft anzutreten.

„Geld und Geldswert“, sagte der Vater beim Abschied, „können wir dir nit mitgeben. Sei fleißig und rechtschaffen – hab Gott vor Augen – und schick dich nach de Leut und – hast’s g’hört – schreib auch bald.“ Die Mutter aber, nachdem sie sein Felleisen sorglich mit dem Nötigsten versehen, legte obenauf noch ein hübsch eingebundenes Gebetbüchlein, das sie von einer Wallfahrt mitgebracht, die sie für das Wohlergehen des Sohnes zur Bildtanne nach Triberg unternommen hatte. „Halt’s in Ehren!“ bat sie und hielt ihm dann noch eine Vorlesung über die mitgegebenen Kleider und Weißzeugstücke und was alles noch nachgeschickt werden solle, wenn er einmal einen festen Platz haben werde – und ja nicht zu übersehen – unten im Felleisen werde er, für Notfälle, Nadel, Faden und Fingerhut finden, auch ein Dutzend Knöpfe; und sobald die Leinwand von der Bleiche komme, werde sie ihm noch ein halbes Dutzend neue Hemden anfertigen.

Ein Felleisen ist ein lederner Rucksack, der früher von Handwerksgesellen auf Wanderschaft getragen wurde.

Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen

Auf dem Hof hatte Hieronymus die Tochter Florentina nicht mehr getroffen. – Sie war über die Feiertage auf Besuch zu ihren Verwandten, den Kaiserzollers, gegangen. – Der Hofbauer hatte dem Jüngling zur bevorstehenden Reise viel Glück und Segen gewünscht, die gute Hausfrau jedoch den Scheidenden bis vor die Türe begleitet und ihm in der Hausöhre noch ein paar Taler in die Hand gedrückt.

Beim Bachweber war des Gesellen letzte Beurlaubung. „Nimm auf deiner Wanderschaft“, sagte der alte Lehrer, „den Eulenspiegel zum Muster; ist’s bergan gegangen, hat er gelacht; ist’s aber abwärts gegangen, war er betrübt; denn, hat er gemeint, wenn es mühselig die Steig naufgeht, freu ich mich, weil ich denk, es werd auf der andern Seiten auch wieder abwärts gehen – und so umgekehrt. Auch du wirst auf deinem Wanderleben nit immer ebene Weg und Straßen antreffen, wirst steile Berg und tiefe Abgründ finden. – Verlier den Mut nit. Geh gradaus, weich nit ab vom rechten Weg, dann wirst du am sichersten zum Ziel gelangen.“ Und mit diesen Worten hatte der Alte aus dem Wandkästlein ein Büchslein genommen, nicht viel größer als eine Welschnuß, worin er das Schulgeld aufzubewahren pflegte. Er fischte zwei blanke Silberlinge heraus, reichte sie seinem ehemaligen Schüler mit den Worten: „Da – trink auf’s Wohl deines alten Lehrers – wenn er dir schon nit viel hat geben können, so war’s doch gut gemeint.“

Im „Felsen“ hatte das ehemals so anhängliche Kleeblatt sich noch ein Stelldichein gegeben. Auch Stoffel hatte versprechen müssen, sich einzufinden, er kam aber nicht. Dionys, zutunlicher denn je, machte den splendiden Wirt. Die Florentina und er, versicherte er den reisefertigen Freund, hätten die Zeit her oft von ihm gesprochen; sie hab immer gehofft, sie werd ihn auch noch sehen und ihm Adje sagen können. – Beim Scheiden war zwischen Hieronymus und Romulus ein fortdauernder Briefwechsel verabredet worden.

Früher hatte Hieronymus immer sich der Hoffnung hingegeben, Severin werde, den alten Plänen getreu, mit ihm ziehen auf die Wanderschaft. Daran aber war in der letzten Zeit nicht mehr zu denken gewesen. Der Gute war im Begriff, immer mehr – wie man zu sagen pflegt – sich einzudeckeln. Alle Lust und Freude an der Außenwelt war ihm vergangen. Die gewaltigen Ereignisse und Umgestaltungen der französischen Revolutions- und Kriegszeit, alles, was er sah und hörte oder zufällig einem Zeitungsblatt entnahm, hatte bei dem ohnehin zum enghäuslichen Stilleben geneigten Junggesellen den Glauben erzeugt, es gehe abwärts mit der Menschheit und es müsse nächstens ein noch größeres Strafgericht über sie hereinbrechen. – Selten mehr verließ er sein Stüblein und die Werkstatt. Sein frugales Mahl bereitete er sich selbst; und im Küchelein herrschte eine Ordnung und Reinlichkeit, wie sie die Hand auch der pünktlichsten Magd oder Hausfrau nicht größer herzustellen vermocht haben würde.

Der Gedanke ans Heiraten war aufgegeben. Severin schauderte bei der Vorstellung, die Erwählte könnte sich hinterher als unordentliche Hausfrau und als schlechte Köchin entpuppen. – „Ich mein“, hatte er einmal zu Hieronymus gesagt, als von diesem Kapitel die Rede gewesen, „auch die feurigst Liebe müß abkühlt werden, wenn die Frau als Sudelköchin dem Mann das Essen anricht!“ – Nicht minder Respekt hatte der sparsame Mensch vor solchen Gemahlschaften, bei denen die schönere Hälfte im Gefühl ihrer Batzen und sonstigen außerordentlichen Eigenschaften sich gewissermaßen für ein Juwel hält, dem ihr geplagter Pantoffelheld höchstens nur zur Fassung und Folie dienen soll. – Im Gegensatz zu solch einem Hausstand schien ihm sein Stüblein ein kleines Paradies zu sein, das er – als zufriedener Adam ohne Eva – recht gern jeden Morgen selbst auskehren und alle vier Wochen einmal eigenhändig auf waschen und fegen wollte.

Das Häuslein, in dem er so lange Zeit schon wohnte, hoffte Severin – wenn fortan jetzt Friede bleiben würde – dereinst käuflich zu erwerben. Und so fühlte er sich glücklich, zufrieden. Was wollte und konnte er Besseres in der weiten Welt noch suchen und finden?

Unser Wandergeselle hatte den Weg ins Schwäbische genommen. Im Kloster Marchtal fand er die erste Beschäftigung. Von da ging’s nach Ulm. Vom Nachfolger des verstorbenen Oberamtrats in Hüfingen war ihm durch Vermittlung des Meisters Amtsdiener ein Schreiben dorthin mitgegeben worden an den Wirt „Zum goldenen Greifen“, wo zu Kreiszeiten die Bevollmächtigten der Höfe Baden-Durlach und Fürstenberg Quartier zu nehmen pflegten. Der jetzige, zum Rat beförderte Amtmann, hatte als Gesandtschaftssekretär mehrmals längere Zeit dort gewohnt, und es war zu hoffen, daß der Greifenwirt, als geborener Ulmer, dem angehenden Handwerksgesellen mit Rat und Tat an die Hand gehen und Arbeit verschaffen werde. – Und wirklich gab er sich auch alle Mühe, dem gut empfohlenen Gesellen einen Platz ausfindig zu machen; allein es wollte nicht gelingen; die Geschäfte stockten, weil niemand recht dem Frieden traute. Der Name Bonaparte, der durch seine Siege in Italien die Welt in Staunen versetzte, schwebte auf aller Lippen. – Trotzdem tat’s der Wirt nicht anders, Hieronymus mußte ein paar Tage lang sein zechfreier Gast sein, um doch wenigstens die Merkwürdigkeiten der alten freien Reichsstadt in Augenschein nehmen zu können.

Der zweite Tag nach des Gesellen Ankunft war der Schwörtag des neu erwählten regierenden Bürgermeisters. Und so hatte er Gelegenheit, den Aufzug sämtlicher Zünfte nebst dem städtischen Offizierkorps zu sehen.

Hieronymus in Ulm
Über Ulm, den Schwörtag, das Rathaus und auch das Münster läßt sich vieles schreiben. Für alle interessierten verweise ich auf die überaus interessanten Seiten des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben.

Am folgenden Tage wurde – zum erstenmal wieder seit Beginn des Krieges – das große Fischerstechen auf der Donau abgehalten, welch lustiger Wettkampf der Fischer- und Schifferzunft für Hieronymus ebenfalls ein ganz neues Schauspiel war.

Schon in Marchtal, wo er den Strom so mächtig daherfluten gesehen, war er nicht wenig stolz geworden auf seinen schwarzwäldischen Landsmann, der einst, sozusagen ein Kind noch, dem Kinde stets so viel Lust und Vergnügen bereitet. Wie oft hatte er als Bube, im Bade auf den glatten Kieseln und dem beweglichen Fischgras liegend, die murmelnde, sonnige Welle über sich hingleiten lassen! – Jetzt, in Ulm, hätt‘ er’s – obwohl ein leidlicher Schwimmer – nicht mehr gewagt, dem so groß und stark gewordenen Jugendfreund sich in den Arm zu werfen.

Auch noch ein weiteres Vergnügen verschaffte der Greifenwirt seinem Gaste, den freien Eintritt in das städtische Komödienhaus, wo zum Schluß des Festes eine Vorstellung stattfand. Schon einmal war ihm das Glück zuteil geworden, einen Blick tun zu dürfen in diese Zauberwelt. Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen. Natürlich, daß sämtliche Hausfreunde des Verwalters der Vorstellung beiwohnten; und auch Hieronymus hatte durch seinen Meister Zutritt erhalten. Ein Marionettentheater war alles, was er bis dahin von der Bretterwelt gesehen, und wenn er damals diesen Maßstab auch nicht gerade in das Hoftheater mitgebracht, so wurden durch alles, was er dort zu sehen und zu hören bekam, seine Erwartungen und Vorstellungen doch so sehr übertroffen, daß er wie ein Verzückter aus dem Musentempel heraus und nach Haus gekommen war.

Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen.

An früherer Stelle habe ich erwähnt dass der „Verwalter“ der Großvater von Lucian Reich war. So ist mit dem „Söhnlein“ der Onkel von Lucian Reich gemeint, also der Bruder seine Mutter. Der Bruder von Maria Josefa Reich (18. März 1788 -12. November 1866) war Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 in Hüfingen – 7. August 1837 in Hüfingen), der Gründer des Cäcilienvereins in Frankfurt a. M..
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Johann Nepomuk Schelble (1789 -1837)
Zeichnung von unbekannt.

Die Wiederholung dieses Hochgenusses bot unserm Gesellen jetzt um so mehr Interesse, als sämtliche Maschinen und Dekorationen nebst dem Vorhang kürzlich erst durch Künstler, welche ihre Ausbildung der berühmten Karlsschule zu Stuttgart verdankten, neu beschaffen worden waren. Namentlich war es der Vorhang, der alle Welt in Bewunderung versetzte und auch unsern Malergesellen nicht wenig staunen machte. Da sah man die Philosophie mit der „Person, welche“, wie die Ankündigung besagte, „Ulm vorstellte, von der Theorie und dem Nutzen der Schauspiele“ sich unterhalten, während der, als Flußgott gebildete Donaustrom, in Gesellschaft von Nymphen, Musen und Göttern, dem höchst interessantesten Diskurs aufmerksam zuhörte. – Das Stück selbst, in welchem eine unglückliche Liebe vorkam, rührte den guten Burschen zu Tränen. – Wie ein Träumer und Nachtwandler kam er nach dem Schlusse in den „Greifen“ zurück – und konnte gar nicht begreifen, wie die Bürger dort beim Schoppen von so ganz alltäglichen Dingen sich unterhalten konnten.

Bevor Hieronymus die altertümliche Reichsstadt verließ, besichtigte er auf Zureden seines Wirtes noch das Rathaus. – Bekanntlich herrschte bei unsern Altvordern das löbliche Bestreben, öffentliche Gebäude, zumal Rathäuser, mit Werken der Kunst und Sehenswürdigkeiten überhaupt zu zieren – oder, wo solche vorhanden, wenigstens doch zu erhalten.

Konnte das hiesige Rathaus mit seinen immerhin schönen, gotischen Fenstern und zackigen Giebeln auch keinen Vergleich aushalten mit dem Augsburger – welches Hieronymus bald nachher zu bewundern Gelegenheit hatte -, so sah er doch viel Schönes und Merkwürdiges daselbst, sowohl in der großen Ratsstube, wo vordem die Bürger dem Kaiser gehuldigt, als auch in dem Gemache, wo die Deputationen der Kreisstände sich zu versammeln pflegten: zierliches Getäfel, herrlich leuchtende Glasgemälde, die Wappen alter Ratsherren aus den Geschlechtern darstellend, Bildnisse berühmter Männer und geschichtliche und allegorische Gemälde mit Reimsprüchen, welche die Wände schmückten. Das schöne Gitterwerk am Ofen der Ratsstube sowie der in Bronze gegossene Kronleuchter allda gaben Zeugnis vom hohen Stande einstiger heimischer Kunstfertigkeit. – Auch das Zeughaus, d. h. die dortige reichhaltige Modellkammer (das Zeughaus selbst war bei Beginn des Krieges durch die Kaiserlichen vollständig geleert worden) bekam der Geselle auf Verwendung seines gefälligen Wirtes zu sehen. Er bewunderte da eine Menge von Rissen und Zeichnungen öffentlicher Gebäude aller Länder, Modelle kunstreicher Brücken, Mühlen und Maschinen sowie eine Sammlung von Nachbildungen deutscher und holländischer Festungen.

Wochenlang hätte Hieronymus in Ulm bleiben mögen, um alle Sehenswürdigkeiten mit Muße betrachten zu können. Aber er fürchtete seinem Wirte überlästig zu werden; und so schied er mit herzlichem Dank für die freundliche Bewirtung – nachdem er noch das Münster besichtigt und – zum Andenken – einen neuen Ulmergulden eingewechselt hatte. – Früh morgens, als eben der Kuhhirt blies und groß und klein zum Tor hinaustrieb – verließ er die Stadt, um Augsburg zuzuwandern. Dort, in der reichen Handelsstadt, gab es Arbeit; und der Geselle legte für längere Zeit sein Felleisen nieder.

Wie Bachweber vorausgesagt, fand er im Verlaufe seine Wanderlebens Berge und Täler, Erfreuliches und Trübes, aber sein Mut und sein Eifer blieben allen Hindernissen gewachsen: „Duck dich, laß vorüber gahn, das Wetter will seinen Willen han“, hieß es in dem „guldenen ABC“, welches ihm sein Vater als moralischen Wegweiser mit auf die Reise gegeben hatte.

Mit Fleiß und Beharrlichkeit strebte er in seinem Fache vorwärts; keine Mühe war ihm zuviel, wenn es sich darum handelte, etwas Neues zu lernen oder im Alten sich zu vervollkommnen. Geselligkeit und frohen Lebensgenuß floh er nicht; wenn ihn jedoch der Strudel einmal zu weit fortreißen, fast leichtsinnig machen wollte – denn auch die beste Uhr schlägt zuweilen einmal ein Viertel zuviel -, so besann er sich sogleich wieder – und gedachte der Seinigen daheim, welche in Mühsal und Not sich durchs Leben zu schlagen hatten. – Erfahrung lehrte ihn Vorsicht. Doch wenn er sich auch oft getäuscht fühlen mußte in der guten Meinung, die er zur Zeit noch von allen Menschen hegte, so fand er hinwieder im fremden Lande Freunde und Freundeshilfe, wo sie am wenigsten zu vermuten gewesen.

Nahezu zwei Jahre verbrachte er in der kunst- und gewerbereichen Reichsstadt. Von Zeit zu Zeit schrieb er nach Hause, und zuweilen waren diese Sendschreiben auch mit etwas Silber beschwert. Neben diesem Briefwechsel mit dem Vater unterhielt Hieronymus noch einen zweiten mit Romulus, dem stets pflichtgetreuen Berichterstatter des Neuesten aus der Heimat. – War das Ankommen solcher Briefe für den Sohn und Freund immer ein Gegenstand freudiger Aufregung, so geschah das Öffnen derselben doch nicht ohne ein gewisses banges Nebengefühl, welches nicht weichen wollte, bis er die Zeilen überflogen und die Beruhigung geschöpft hatte, daß zu Haus alles gut stehe. – Vielleicht glaubte er auch auf eine Nachricht stoßen zu müssen, auf welche er zwar gefaßt war, wovon er übrigens nicht recht wußte, ob er sie endlich herbeiwünschen solle oder nicht.

Seit Jahr und Tag war dem geheimen Korrespondenten der Name Florentina nicht mehr aus der Feder geflossen; da meldete er eines Tages die – Verheiratung der Hofbauerntochter Florentina mit dem Handelsmann und „Packer“ Dionys. „Er hat schon“, hieß es in dem Schreiben, „im vorletzten Herbst förmlich um sie angehalten; der Vater und die Verwandten hatten zugesprochen, das Mädchen aber sich ein Jahr Bedenkzeit ausgebeten – endlich hatte sie nachgegeben. – Hat sie vielleicht auf einen Ritter gehofft, der aus fremden Landen, etwa aus dem Schwäbischen kommend, sie vom Scheiterhaufen befreien würde? Der Laubhauser hat Verwandte von nah und fern zur Hochzeit eingeladen und in jede Hütte der Gemeinde Wein und Brot geschickt: die Leute sollen wissen, sagte er, daß der Laubhauser heut ein Fest feiert.“ Der Stabhalter, hieß es weiter, sei an selbigem Tag kreuzfidel gewesen und habe schon bei der Morgensuppe, wo er den Kaffee aus einem Milchbecken getrunken, seine gewohnten Späße zum Besten gegeben usw.

Lange schon hatte der Geselle ausgelesen, aber noch hielt er unbeweglich den Brief mit beiden Händen. Da hob sich die Brust, und ein tiefer Atemzug erleichterte die Last des gepreßten Herzens. Ein halb entwurzelter, ausgerissener Baum grünt und blüht wohl noch eine Zeitlang fort, genährt von Tau und Luft, bis ein Windstoß ihn gänzlich zu Boden wirft. – Also ein anhänglich liebendes Gemüt.

Der Schluß von Romulus‘ Brief hatte noch eine Nachricht enthalten, von welcher Hieronymus unter andern Umständen schmerzlich berührt worden wäre, die aber jetzt eine fast entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte, eine Art Trutz gegen das Schicksal. Es war nämlich die Nachricht von dem Tode des alten Stoffel, welchen man eines Morgens tot in seiner Hütte gefunden.

Der treue Dachshund lag zu den Füßen des Leichnams und wollte keinen Menschen sich diesem nähern lassen. Die Hütte stand seitdem leer, niemand mochte sie bewohnen.

Des andern Tages nach dem Empfang dieser Nachrichten hatte unser Geselle zum erstenmal in seinem Leben einen „Blauen“ gemacht, jedoch keineswegs bei Spiel und Wein, sondern in blauer, frischer Luft. Frühe schon war er aufgestanden, hatte sich, damit die Nebengesellen ihm nichts ansehen sollten, am Brunnen die Augen gewaschen, und dann die Werkstatt betreten. Zu arbeiten aber war ihm unmöglich; er kleidete sich vollständig an, wanderte hinaus vor das Tor, durch Felder und Gründe, durch Dörfer und Wälder und kehrte des Abends ziemlich versöhnt, in äußerlich beruhigter Stimmung nach Hause.

Der Aufenthalt in Augsburg aber blieb von jenem Augenblick an dem Gesellen verleidet, er kündigte dem Meister auf und wanderte München zu. Die wenn auch kurze Reise genügte, ihn von allen bösen Wettern, die allenfalls noch im tiefen Schachte seiner Seele gelagert sein mochten, gründlich zu befreien; und der fahrende Geselle betrat die Stadt in einer Stimmung, wie es etwa einem Schwimmer zumute ist, wenn er nach vielem Ringen wieder festen Grund unter seinen Füßen spürt. Ein starkes Band, das ihn an die Heimat gefesselt und heimlich zurückgezogen – er fühlte es jetzt gelöst. In der Fremde wollte und konnte er ja sein Glück machen, auch von da aus dann den Eltern hilfreich sein, sie unterstützen.

Doch was sind Vorsätze, Zukunftspläne! – Auch der stärkste Steuermann vermag ja nichts gegen Sturm und Wogendrang. – Die politische Atmosphäre war – in wie heftigen Schlägen auch die Wetter sich entladen hatten – stets noch eine schwüle – ein dauernder Friede für die nächsten Zeiten nicht zu hoffen. Namentlich unser südwestlicher Winkel Deutschlands sollte sobald nicht zur Ruhe kommen, und fast schien es, als sollten die Prophezeiungen unseres Severin zur Wahrheit werden.

Einigemal schon hatte der Freund dem Freunde geschrieben; und jetzt erhielt Hieronymus wieder ein Brieflein von Severin. Er könne nicht unterlassen, schrieb er, ein paar Zeilen zu schreiben und zu melden, daß es bei ihnen wieder verwirrter und trostloser aussehe denn je. – „ Wie Du wissen wirst, ist es schon wieder losgegangen. Der Franzos will eben mit keinem Nachbar in Frieden leben. Ach, das ist ein trauriger Anblick gewesen die vorige Woche, die Wägen voll Schwerblessierter, so auf dem blutigen Stroh von der Bataille von Stockach her vor’s Zuchthaus hier angefahren sind, wo abermals ein Spital eingerichtet ist: denn die Sträflinge sind ausquartiert und nach dem festen Schloß Wildenstein verbracht worden. Der ganze Vorplatz, das Stiegenhaus und die Gäng und Stuben im untern und obern Stock, alles voll mit Blessierten, überall nix als Ach und Weh. Die französischen Chasseurs, so hat mir der Schwarz Weißgerber gesagt, hätten vor der Schlacht geschworen, sie wollten den östreichischen Kostbeuteln die langen Nasen schon abhauen. Aber ich mein‘, sie haben diesmal ihren Meister gefunden am Erzherzog Karl! – Du kannst Dir eine Vorstellung machen, seit vierzehn Tagen bin ich in kein Bett mehr kommen, weil mein’s belegt ist gewesen mit der Einquartierung. Im Stüblein sieht es aus wie mit der Heugabel durcheinandergeschüttelt. Heut ist der erste Tag, wo wir wieder schnaufen können. – Der Feldwaibel, hieß es am Schluß, „ist seit vorem Jahr schon zum Invalidenkorps versetzt worden. Er und die Annakäther lassen Dich tausendmal grüßen sowie auch des Amtsdieners. NB. Bald hätt ich’s vergessen – der Schwarz Weißgerber laßt Dir sagen, Du sollest ihm doch einen schönen Ulmerkopf schicken, den seinigen hab er verloren durch die Spitzbuben-Einquartierung.“

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Nicht lange – und der Briefbot brachte auch ein Schreiben von Romulus, mit Nachrichten, die unserm Hieronymus schon mehr zu Herzen gingen. Auch Romulus meldete, welch große Drangsale ihnen der diesmalige Feldzug über Wald gebracht. Viele Leute an der Heerstraße, schrieb er, hätten ihre Habseligkeiten in das Tal geflüchtet, in der Meinung, auch jetzt würde der Feind diesen abgelegenen Winkel nicht heimsuchen. Dies müsse verraten worden sein. Die retirierenden Franzosen, die bei Röthenbach und Neustadt ihr Lager gehabt, hätten Spione herübergesandt, und seien dann in hellen Haufen, gleich einem toll gewordenen Bienenschwarm, angerückt, um zu plündern und zu rauben. „Es war anzusehen“, schrieb Romulus, „wie wenn irgendwo Viehmarkt wär, und würden s. v. Ochsen, Kühe, Kälber und Schweine alles fort, zu Markt getrieben. Ein Glück war’s für unser Haus, daß ich just daheim gewesen bin, denn weil ich ein paar Brocken Französisch mit ihnen hab welschen können, so haben sie’s in betreff des Hausrates noch gnädig gemacht; aber dem Vieh im Stall haben sie kein Pardon gegeben.

Koalitionskriege
Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution(1770-1815) von Michael Tocha. Für Hüfingen ist in der Chronik von August Vetter (1984) einiges dazu nachzulesen.

Im Laubhauserhof aber hat’s viel bösere Auftritt abgesetzt; da haben sie nebst alldem noch bares Geld verlangt, und mit „Bougre und andern französischen Titeln dem konsternierten ‚Außvater‘ Peter die Bajonnets auf die Brust gesetzt. Ein Glück für ihn, daß die Bäurin, das Agathle, so resolut gewesen ist und ihnen gleich einen Beutel voll Kronentaler nebst dem Schlüssel zur Speis- und Speckkammer eingehändigt hat. Der alte Laubhauser soll unsichtbar gewesen sein und sich auf dem Heustall unterm Heu verkrochen gehabt haben. – Dem Stabhalter haben sie den Wein im Keller gesoffen, und zwar aus Kübeln und Gelten, und hernach die Fässer eingeschlagen. Wie aber dieses Bachusfest im besten Zug ist gewesen – kam einer auf abgetriebener Mähre dahergaloppiert – allons toutsvite aufgepackt und fort – dem Lager zu. Von der Ferne her krachte es durch die Waldungen. – Was war’s? – Der fürstliche Revierförster Columban, den Du auch kennst, der war’s, der sie so schnell auf die Weichseiten und zur Höllenfahrt getrieben hat. Er wußte, daß die Kaiserlichen schon Bondorf besetzt hatten; er begab sich hin, erbat sich Mannschaft, mit denen er auf Waldwegen beikam – und piff, paff, ging’s über die Piquets und Vorposten her. Alles kam in Alarm und packte auf – dem Höllenpaß zu.

Wie ich nun nachderhand in Euer Haus kommen bin, hab ich Deinen Vater betrübt vor den leeren Kästen und Trögen in der Stube stehen sehen. Die Stalltür fand ich eingeschlagen, die Kuh und die Geiß fort. „Es ist‘, hat Dein Vater mit nassen Augen zu mir gesagt, ,wie wenn wir jetzt erst frisch zu hausen anfangen müßten. – Am meisten aber kränkt es Deine Mutter, daß ihr die Schlingel auch den schönen Ballen Flächsetuch, so sie für Dich gesponnen und umgelegt hat, erwischt haben. ‚Hab immer glaubt‘, sagte sie traurig zu mir, ‚es werd‘ dem Hieronymus einmal die Aussteuer geben. – Wer weiß, was für ein Lumpenkerl nun Staat mit dem Weißzeug machen wird! – Dein Vater aber wünscht und laßt Dir sagen, daß Du je eher je lieber heimkommen möchtest, um ihn zu unterstützen. Er ist den ganzen Winter her kränklich gewesen, und so liegt jetzt die ganze Last allein auf der Mutter.“ – Am Schlusse gestand der Korrespondent, daß er mit den praktischen Ausführungen der neufränkischen Ideen durchaus nicht mehr einverstanden, und von manchem, für das er früher geschwärmt, so ziemlich kuriert worden sei.

Wie stand es nun mit unseres Gesellen hochfliegenden Plänen, sein Glück draußen in der Fremde machen und der Heimat Adjeu sagen zu wollen?

Rief ihn jetzt nicht eine heiligste Pflicht zurück ins Vaterhaus zur Unterstützung der alten Eltern? – Das nächste, was er tat, war, daß er seine Sparpfennige – darunter auch das Goldstück, welches er vor Jahren von der Emigranten-Familie erhalten, samt dem Ulmergulden – zusammenpackte und mit einem Trostschreiben begleitet an den Vater schickte. – So lange, schrieb er, wolle er noch außen bleiben, um seine Wanderjahre vorschriftsmäßig vollenden zu können; was er nebenbei zur Unterstützung des heimatlichen Hauswesens nur immer tun könne, wolle er tun usw.

Mit verdoppeltem Eifer und Fleiß wendete er sich jetzt wieder seinem Geschäfte zu. Er hatte einsehen gelernt, daß die unerbittliche Notwendigkeit den Menschen entweder immer wieder seiner Pflicht – oder dem Abgrund zuführen müsse. – In München hatte er vollauf Gelegenheit, im Fache sich weiter auszubilden und Kenntnisse aller Art zu erwerben. – Und schon gegen den Herbst hin erfreuten ihn auch wieder bessere Nachrichten von daheim.

Das Unheil im Haus hatte sich später denn doch minder groß herausgestellt, als es im ersten Schrecken den Anschein gehabt. Manches, was versteckt gewesen, wurde wieder gefunden, anderes, was die Plünderer auf dem Wege als unnütz oder lästig befunden, weggeworfen, war wieder beigebracht worden. Und selbst die Kuh stand längst wieder gesund und munter im Stall.

Die Franzosen, schrieb der Vater, hätten, als sie das Schießen vom Überfall des Försters gehört, das Tier, das ohnehin nicht gut französisch gesinnt und nur mit Gewalt fortzubringen gewesen, alsbald im Stich gelassen. Verwildert sei dasselbe mehrere Tage im Wald herumgelaufen, endlich aber glücklich wieder eingefangen worden. – Und was das erfreulichste war, auch die Gesundheit des Vaters hatte sich wieder gekräftigt; dies und die Unterstützung des Sohnes benebst einer guten Ernte hatten den Hausstand bald wieder auf den alten Stand gebracht. Und so schrieb der Vater, er sei ganz damit einverstanden, wenn Hieronymus noch ein paar Jahre in der Fremde bleiben wolle, um sich noch vollends auszubilden.

Auf dem Walde verliefen im übrigen die Dinge so ziemlich, wie es vorherzusehen war. – Dionys, welcher jetzt über ein ansehnliches Vermögen verfügte, war neben seinem Krämergeschäft auch noch Packer geworden, d. h. er versendete Uhren, mit deren Anfertigung er verschiedene Meister beschäftigte; sein Geschäft wuchs und gewann mit jedem Jahr an Ausdehnung.

Die Uhrenmacherei hatte zur selben Zeit überhaupt einen mächtigen Aufschwung genommen. Gleich wie ein Samenkorn, vom Winde auf rauhe Felsen getragen, sich selbst überlassen im spärlichen Boden keimt und Wurzeln schlägt und zuletzt zum fruchtbaren Baum erwächst, so ähnlich war der Anfang und so gesegnet der Fortgang dieser neuen Industrie. Im siebenzehnten Jahrhundert aus unscheinbaren Anfängen und Versuchen auf dem Glashof bei St. Peter entstanden, hatte sie sich mehr und mehr ausgebreitet; und zur Zeit unserer Erzählung wurden bereits schon ganze Ladungen von Uhren ins Ausland versendet.

Unser Geschäftsmann Dionys hatte schon mehrere Reisen nach Frankreich gemacht, und von daher nebst fremder Sprache, fremdländischen Manieren und Mode auch fremdes Geld mitgebracht. Dazu im Besitze einer reichen Frau konnte es ihm bei seinen Mitbürgern nicht wohl an Ansehen fehlen, denn auch das bißchen Großtun fand man bei Gelegenheit ganz am Platze, „er kann’s machen!“ hieß es, „er hat’s!“

Doch, wieviel auch der Mensch mit äußerlichen Glücksgütern gesegnet sein mag – vor Schmerz und Leid schützen sie nicht. Auch Florentina, die emsig und treu waltende Hausfrau, mußte dieses erfahren. Ihre ganze Liebe, ihr Lebensinteresse war den beiden Kindern zugewendet, welche der Himmel ihrem Mutterherzen anvertraut hatte. Aber der Tod entriß ihr die Mutter, nicht lange danach auch das einzige Söhnlein.

Längst verhallt war das Grabgeläute und dargebracht das übliche Opfer für die Dahingeschiedenen; aber von der Zeit an blieb ihr liebster Ausgang – auf die Gräber der geliebten Toten. – Wenn am schönen Sonntagnachmittag ringsum alles sich Erholung gönnte und die Menschen singend, plaudernd auf Wegen und Stegen dahinzogen, konnte man in der kleinen Totenkapelle auf dem stillen Gottesacker einsam eine Frau in Trauertracht knien sehen. Die klagte Gott ihr bitteres Leid und suchte Tröstung vor dem Bilde der Mutter, die auch einst mit zerrissenem Herzen an dem Kreuz des Sohnes stand.

Endlich jedoch übte die Zeit auch auf ihr Gemüt wohltätigen Einfluß aus. In dem noch übrigen Kinde, im Familienleben überhaupt, fand sie Ersatz für so manchen Verlust, so manche Lebenstäuschung.

Mann mit Pfeife von Luzian Reich dem Älteren
Es würde mich sehr freuen, wenn jemand die Schrift unten entziffern kann!

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Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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Mehr zum Hieronymus gibt es hier:

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