Lärmaktionsplan Stufe 4 – Elke Zimmer in Hüfingen

Beitrag von Wiltrud Siegfried am 24. April 2024

Beim Ortstermin am 19.04.2024 mit Elke Zimmer, Staatssekretärin im Verkehrsministerium Baden-Württemberg, und Martina Braun, Landtagsabgeordnete Bündnis 90/Die Grünen, stellte der Bürgermeister den aktuellen Lärmaktionsplan Stufe 4 und dessen Maßnahmen vor. Eine Geschwindigkeitsreduzierung auf 30 km/h ganztags ist vorgesehen auf der L 171 Dögginger Straße, auf der L 171 Hauptstraße/Donaueschinger Straße, auf der L 181 Schaffhauser Straße, auf der Hochstraße und auf der L 181 Bräunlinger Straße. Die Umsetzung der Geschwindigkeitsreduzierung erfolgt durch das Straßenverkehrsamt beim Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis. Im nächsten Schritt wird eine Verkehrsschau stattfinden, bei der die Straßenabschnitte begangen werden und die notwendige Beschilderung festgelegt wird. Die Stadt Hüfingen hat dazu in der vergangenen Woche das Straßenverkehrsamt angeschrieben und um eine Terminvereinbarung gebeten.

Darstellung aus dem Bericht der Rapp AG nach Beschlussfassung des Lärmaktionsplans Stufe 4 am 29. Februar 2024. Die grün markierten Streckenabschnitte sind mit Tempo 30 ganztags geplant.

Zudem wurde im Lärmaktionsplan festgelegt, dass bei anstehenden Belagserneuerungen ein lärmoptimierter Fahrbahnbelag eingebaut wird. Auch ruhige Gebiete wurden im Rahmen des Lärmaktionsplans untersucht, um sie vor „weiterer Verlärmung, insbesondere durch Verkehrswege oder Gewerbeansiedlungen, zu schützen.“

Der zweite Teil des Besuchs von Elke Zimmer und Martina Braun fand in den Enoteca Bel Nini statt. Frau Zimmer berichtete über die Ideen des Verkehrsministeriums, um die Klimaziele für das Jahr 2030 zu erreichen. Die Einführung des Landesmobilitätsgesetzes wird die gesetzliche Grundlage schaffen für verschiedene Instrumente der Kommunen. Hierzu gehören die Möglichkeiten einer Citymaut, eines Mobilitätspasses und On-Demand-Mobilität, also klimaneutrale Fahrangebote auf Bestellung, die von den Gemeinden ausgestaltet werden können.


Diskutiert wurden anschließend die Lärmbelästigung durch die Bundestraßen, die Hüfingen flankieren, Möglichkeiten zur besseren Nutzung des ÖPNV und zur Unterstützung des Fußverkehrs. Dabei ist mir aufgefallen, dass persönliche Empfindungen unsere Meinung mitunter stark prägen. Als Fazit kann ich festhalten: Veränderungen erfordern Geduld. Uns Menschen fällt es schwer, Gewohnheiten aufzugeben. Bei Einführung der Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h ganztags empfiehlt Elke Zimmer daher auch, die Verkehrsteilnehmer mit großen Bannern auf die Neuerung hinzuweisen, damit sie wahrgenommen wird.

Übrigens: Zur Schaffung der Infrastruktur für die Verkehrswende stehen den Kommunen in Baden-Württemberg mit dem Landesgemeindefinanzierungsgesetz diverse Fördermöglichkeiten zur Verfügung. Hier gibt es also finanzielle Unterstützung.

GREENSILL – Affäre

Beitrag vom 20. Januar 2022 von Frank Meckes

In gut zwei Monaten jährt sich die Hüfinger GREENSILL-Affäre. Und uns als Bürgerinnen und Bürgern bleibt nach der Aufregung in 2021 eine Frage offen: „Was ist bis heute eigentlich dazu geschehen“?

Der Hüfinger Gemeinderat hatte eine Anlagenrichtlinie. Diese war gut, klar definiert und hat wohl auch über viele Jahre funktioniert. Einziger Fehler der Anlagenrichtlinie zum GREENSILL-Fall war, dass sie nicht eingehalten wurde.
Menschliches Versagen? Oder schlicht Nichtbeachtung? Es schien auch so in der öffentlichen Aufarbeitung, dass die drei Millionen Anlagevolumen bei der GREENSILL-Bank schnell untergebracht werden mussten. Warum? Weil die Stadt Anlagen suchen musste, die das Geld vermehren und nicht mindern, so die Begründung. Die Banken vor Ort schienen hier keine Option zu sein, was dann wohl auch für uns Bürgerinnen und Bürger ein schräges Signal darstellt, wenn man diesen Gedanken weiterdenkt.

Also Geld angelegt, GREENSILL-Bank durch die Bankenaufsicht gestoppt und eingefroren, Geld weg. Ohne hier fachlich näher darauf einzugehen, könnte man auch eingestehen, dass dem Anlagegeschäft auch das Risiko des Verlustes anhaftet. Dies kann jedem passieren. Doch wenn es um öffentliche Gelder geht, ist nun etwas anderes im Hüfinger Fall kritisch zu sehen.

So war in der Presse nach geraumer Zeit zu lesen „Wir haben den Schuldigen gefunden“. Mit groben ungelenkem Fingerzeig wurde auf das schwächste Glied der Verwaltungskette gezielt. Hoffentlich nicht das Kettenglied, deren Stelle aktuell ausgeschrieben ist. Dabei lächelnd in die Kamera zu blicken war eine Ohrfeige. Die wurde zwar in der sehr viel später einberufenen öffentlichen Gemeinderatssitzung zurückgenommen mit der Bürgermeisteraussage: „Ich stelle mich hinter jeden einzelnen Mitarbeiter“. Aber es ist auch manchmal besser, sich zum richtigen Zeitpunkt vor die Mitarbeitenden zu stellen.

Viele Bürgerinnen und Bürger waren wirklich wütend über die Kommunikation Seitens der Verwaltung. Die zahlreichen Besucher und die massive Bürgerbeteiligung in der Bürgerfragestunde zeigten eine deutliche Ablehnung dieses Verhaltens gegenüber dem Vorsitzenden des Rates. Während hier die SPD klare Kante zeigte, kam von der CDU nur ein „das ist nun geschehen und da kann man nichts mehr machen“. Ob hier die Parteizugehörigkeit des Bürgermeisters eine Rolle in dieser gleichgültig wirkenden Haltung der Grund war, wird nie zu erfahren sein.

In der gleichen Gemeinderatssitzung holte sich der Bürgermeister Unterstützung durch Experten dazu. Der Finanzexperte drängte sich selbst mit einem merkwürdigen Vortrag über die Höhe von einer Million, wenn man Scheine aufeinanderstapeln würde, eher ins Aus. Aber der Designeranzug saß. Dagegen machte der anwesende und wohl hochbezahlte Rechtsanwalt aus der Bankenstadt Frankfurt ein klein wenig Hoffnung, dass zumindest ein Teil des verzockten Geldes zurückkommen könnte.

Was danach passierte, ist schnell erzählt. Um die Sommerpause wurde eine neue Anlagerichtlinie entwickelt. Ob diese nun besser oder schlechter ist, bleibt abzuwarten. Auch an diese wird man „sich halten“ müssen, wenn sie funktionieren soll.

Mehr war nicht zu hören. Mehr war nicht zu lesen. Außer, dass ein anonymer Stempel-Sprayer in Hüfingen den Text „3 Millione michel“ versprüht hat. Damit blieb das Thema der Öffentlichkeit erhalten, trotzdem seitens des Bürgermeisters dazu keine Stellungnahme mehr kam. Dennoch, liebe Sprayer, denkt hier auch daran, dass die Kinder des Schultes mit dem Tagesablauf ihres Vaters nichts zu tun haben, und durch diese Sprays quasi tagtäglich damit öffentlich konfrontiert wurden.

Es wird also in 2022 spannend, ob und wenn, was noch von der GREENSILL-Affäre zu hören sein wird. Oder ist sie schon unter dem Teppich verschwunden? Doch bei einem können sich alle sicher sein: dieses Thema wird bei der nächsten Bürgermeisterwahl nicht einfach unter den Tisch fallen.

Mindestens da sind sich viele einig.

Hieronymus und der Wald-5

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 5.

In Kapitel XI. Die Tölpeljahre treibt es Hieronymus, sehr zum Missvergnügen seiner Mutter, hinaus in die Wälder und Berge, und sein liebster Gesellschafter war jetzt Stoffel, der alte Waidgeselle. Das unstäte, wenn gleich stets wechselvoll beschäftigte Leben des Jägers und Fischers passte vollkommen zu seiner Gemütsverfassung. Dass die beiden dann freilich sogar im Gefolge des fürstlichen Hofes an der Hohen Jagd auf den balzenden Auerhahn teilnehmen durften, ist Lucian Reichs Jägerlatein. Denn nur die allerexklusivsten, zumeist blaublütigen Jagdgäste waren beim frühmorgendlichen Anspringen des balzenden Hahns wohlgelitten. Bis zur Revolution von 1848 besaßen Landes- wie Standesherrschaften das Jagdregal und durften somit im gesamten Herrschaftsbereich jagen. Weil das neue (revolutionäre) Jagdgesetz auch die Hahnenjagd nur noch im eigenen Wald zuließ, pachtete der Fürst nahezu sämtliche Balzplätze auch aus fremden Jagdbezirken heraus – jagdrechtlich eine gewagte, so eigentlich gar nicht zulässige Konstruktion, die jedoch zeigt, wie hoch die Hahnenjagd im Kurs stand. Nichts da also für Stoffel und seinen jungen Gesellen, so wie Lucian Reich sich deren jagdliche Abenteuer ausgemalt hat – allenfalls „verhören“ (d. h. den Balzplatz auskundschaften) durften sie den Hahn am Vorabend der Jagd!

Die Beute eines FF- Balzjagdmorgens:
14 Auerhähne, drapiert um den Eingang
des Gasthauses Krone in Peterzell (1914)

In Kapitel XII Die Ankunft muss der junge Hieronymus den Wald hinter sich lassen und zur Lehre in die an der Heerstraße liegende Stadt Hüfingen ziehen. Hier zieht auch Lucian Reich nochmals alle Register seiner orts- und heimatkundlichen Kenntnisse – klar, dass nun auch die römischen Baureste und Straßen Erwähnung finden. Noch einmal geht es vorüber an der gebrochenen Veste Neu-Fürstenberg und bis zum alten Zindelstein, wo der Bach den fast ununterbrochenen Tannenwäldern des mittleren Schwarzwaldes den langen Abschied zumurmelt. 

Zindelstein
Foto von Hubert Mauz

Da sind sie wieder, die fast ununterbrochenen Tannenwälder, die, wiewohl Lucian Reich den Unterschied zwischen Tannen und Fichten sehr wohl kannte, in Wahrheit Fichtenwälder sind. Beim Zindelstein verlässt der Bub also das heimatliche Tal, nachdem er sich zuvor im Wirtshaus zum Schwarze Bue bei einem Schoppen von seinen Begleitern (dem Vater und seinen Kameraden Dionys und Romulus) verabschiedet hat.

Schwarzer Bube
Foto von Hubert Mauz

Doch kurz nach Bräunlingen taucht er noch einmal so richtig in ein (allerdings sehr klischeehaftes) Waldidyll ein: Im Walde war es stille, man hörte nur das Fallen der Tannzapfen und das Nagen der Eichhörnchen in den hohen Baumwipfeln; die schlanken jungen Fohrenstämmchen bewegten wiegend und neigend ihre zarten Aeste in der leise wehenden Luft. Hier wischt sich der Wanderer nochmals den Schweiß von der Stirne, ehe er nach längerem Sinnen weiter zieht vorbei am felsigen Höllenstein, wo die Raben um das düstere Hochgericht flatterten – seiner Lehrstelle und dem Stadtleben entgegen.


Richtig wildromantisch, ja, dramatisch geht es erst wieder in Kapitel XV. Die Landfahrer zu, als Hieronymus, der Hüfinger Lehrbub, einen Heimaturlaub antritt, allerdings bei höchst unfreundlichem Wetter. Der Wandersmann schlug, um abzukürzen, den Weg durch das Oberholz ein, also über Hubertshofen und Mistelbrunn: Er war schon tief in den Wald eingedrungen. Der Wind sauste mächtig in den hohen Tannenwipfeln, um welche krächzende Raben über ihren Nestern kreisten. Der Pfad ward immer unwegsamer, nach kurzer Strecke jede Spur davon verloren, und der Wanderer sah sich in einer Wildniß, wohin noch nicht einmal die Axt des Holzhauers gedrungen, und kaum bisweilen ein Strahl der Sonne durch das Dickicht bricht. Auf dem mitternächtlich gelegenen, steil abfallenden Boden lagerten neben himmelhohen graubärtigen Weißtannen umgeworfene Stämme, Windfälle, von Jahrhunderten her über und unter einander, zum Theil völlig vermodert. Starrende Äste und ausgerissenes Wurzelgeflecht, hie und da sickernde Quellen und verborgene tiefe Lachen machten dem Schritte des Jünglings das Vorwärtskommen streitig.

Kein Zweifel, Hieronymus hat es in den steilen Wilddobel (oder war es doch der Roßdobel?) verschlagen; im benachbarten Krumpendobel hatten die Fürstenberger anno 1565 übrigens einen der letzten Bären erlegt. Der Abstieg erfolgt über Stock und Stein, wo der jähe Abhang quer durchrissen war durch eine Schlucht mit wildem Waldwasser. Inzwischen ist die Wildnis dort arg domestiziert, der Wald besteht aus gleichwüchsigen Fichten, der Hang ist mit Forstwegen erschlossen, der Bach eher ein Rinnsal. Dennoch muss Lucian Reich auf seinen Schwarzwaldwanderungen wohl doch auch noch urwaldartige Waldpartien kennengelernt haben, so plastisch wie er hier die Wildnis beschreibt. Bei der Beschreibung des Wilddobels indes übertreibt er maßlos!

Wildnis im Bannwald Zweribach

Schließlich trifft der strauchelnde und durchnässte Verirrte an einem kleinen, moosigen Weiher (heute ein Biotop!) auf ein schwarzbraunes Weib: auf Trautel, die Circe und schwäbelnde Vagantin, die ihn in ihre hinter Haselgesträuch versteckte Bettelküche führt, wo er sich trocknen darf – und wo ihm plötzlich schön Rösel, die Jugendgespielin, um den Hals fällt: Ein Überfall unerwarteter Zärtlichkeit, heißt es da, und der Leser darf einen gar seltenen Hauch von Erotik in Lucian Reichs Oeuvre verspüren: Leider war es eine Begegnung, die durch die resolute Trautel rasch unterbunden wird, wo doch Rösel in Wahrheit die von den Vaganten entführte Tochter von Johanna und Tolberg ist. Wer waren die Vaganten, die Lucian Reich erstaunlich lieblos beschreibt? Es dürfte sich um Angehörige des fahrenden Volks der Jenischen gehandelt haben, jener spätestens im Dreißigjährigen Krieg durch Verarmung entstandenen Gegengesellschaft der Kesselflicker und Scherenschleifer; allerdings  pflegten die nicht zu schwäbeln, sondern hatten ihre eigene Sprache.

Domestizierte Wildnis im Jahr 2016: Wilddobel, wo Hieronymus sich einst verlaufen hat

Der Wald spielt in den restlichen Kapiteln allenfalls noch als ferner Sehnsuchtsort eine Rolle – oder als Metapher: Wie eine alte, breit gewurzelte Tanne Generationen absterben und jüngere um sich heranwachsen sieht, und in scheinbar unverwüstlicher Zähigkeit Wind und Wetter trotzend immer dieselbe bleibt – also lebte stets noch der Köhler Klaus…, heißt es kurz vor dem Happyend, als plötzlich der Herr Tolberg nach langer, durch die politischen Wirren verursachter Irrfahrt wieder seinen Auftritt hat und seine Tochter Helena, Klausens Enkelin und nachmals Ehefrau des Hieronymus, wiederfindet. Bei Lucian Reichs breit gewurzelter Tanne dürfte es sich zwar wiederum um eine Fichte mit breiter Tellerwurzel (und nicht um eine tief wurzelnde Weißtanne) gehandelt haben, dennoch wollen wir das Bild so stehen lassen. Im Schwarzwald, auf dem Wald also, blühen derweil die Uhrenindustrie und der Uhrenhandel auf, von Lucian Reich sehr detailliert und kenntnisreich beschrieben.

Zum 6. und letzten Teil geht es hier.

Hier geht es zum Podcast der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage ab Kapitel 11:

Im Kapitel 15 vom Podcast geht es etwas genauer um die Jenischen und auch das Holderküchlein.

Lochlone wittischer Massik!

Hieronymus und der Wald-4

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 4.

Im Kapitel VI. Hirten- und Jugendleben taucht der Forbachklaus wieder auf, in dessen Köhlerhütte sich die Hirtenbuben an regnerischen nebelig-kalten Tagen aufwärmten an den Gluten, woran der Alte sein spärliches Mahl bereitete. Klaus unterrichtete die Kinder, wie man sich vor den Wölfen zu schützen habe, oder theilte ihnen anderes über diese Raubthiere mit.

Bestie Wolf, bereits im frühen 18. Jh. so gut wie ausgerottet dank der Wartenberger Wolfsordnung

Es sei letzthin erst durch die Nachlässigkeit des Hirten wieder eine Kuh von den Wölf´ zerrissen worden. Weshalb auch der fürstlich´ Oberjäger erst wieder die Wolfsgruben, oben am Thierstein und durch den ganzen Hellberg (den Hallenberg?), frisch habe auslegen (sprich: beködern) lassen.

Dann heißt es weiter: Den Schwarzwaldkindern waren übrigens Wölfe damals nichts Fremdes, und Hieronymus kannte ihr Geheul ganz wohl, denn des Winters trieb der Hunger die Bestien oft bis an die Einfriedung der Gehöfte, welche sie umstrichen, oder wo sie sich, den Hunden gleich, niederkauerten, die Gelegenheit zu einem Raube, oder zu einem Einbruch in den Stall zu erspähen. Auch hier hat Lucian Reich zweifellos etwas allzu dick aufgetragen, denn die Wölfe waren bereits im frühen 18. Jahrhundert – nicht zuletzt dank der Wartenbergischen Wolfsordnung – so gut wie ausgerottet. Der seinerzeit letzte Wolf, ein einzelner Zuwanderer (wie der vorerst allerletzte, am Ochsenberg bei Tannheim nachgewiesene vom März 2020), wurde bekanntlich anno 1805 bei Immendingen erlegt, nachdem schon Jahrzehnte lang keiner mehr aufgetaucht war. 

Auf der A 5 überfahren: Wolf im Juli 2015

Ein andermal erzählt der Fohrbachklaus von den gewaltigen Steinhaufen im Wald des Laubhauser Bergs, wo eine Stadt gestanden habe. Der gut erhaltene Thorbogen war ebenso frei erfunden wie das prächtige Kloster, das einst auf dem Tierstein gestanden habe.

Siedlungsreste oder alte Sandsteinbrüche?
Es fehlen die Funde aus der Keltenzeit

Immerhin soll dort oben nach Kwasnitschka eine Fliehburg mittelalterlichen, wenn nicht gar keltischen Ursprungs existiert haben. Unter den überhängenden Felsen des Tiersteins, wo bisweilen auch die Vaganten zu kampieren pflegten, flüchteten die Kinder bei Sturm und Gewitter, oder sie verschanzten sich im verfallenen Gemäuer des einsamen Zindelsteins. Erstaunlicherweise hat sich Reich einen Hinweis auf Altfürstenberg, das (erstmals 1619 erwähnte) Krumpenschloss, versagt, dem ebenfalls keltische Ursprünge nachgesagt werden. 

Foto: K. Kwasnitschka: Laubenhausen eine befestigte keltische Siedlung (Schriften der Baar 1991)

Die Hütte des alten Köhlers stand auf der Kohlstatt beim Bruderkirchlein, heißt es in Kap. VII. Das Bruderkirchlein und die Köhlerhütte.

Kohlplätze und im Boden erhaltene Kohlereste liefern der Wissenschaft Nachweise über den Wald und die jeweils vorherrschenden Baumarten in den zurückliegenden Jahrhunderten

Klaus hatte sie von seinem Vater geerbt, der auch seine ganze Lebzeit im Dienste des Laubhausers kohlte. So ganz realitätsnah will mir das nicht erscheinen, denn die Kohlplatten wechselten rasch, sobald ringsum der Kohlholzvorrat erschöpft war. Der Stich zum Kapitel zeigt auch am Tierstein eine Hütte, doch die scheint nur als Unterschlupf gedient zu haben. Das Motiv der Köhlerhütte hat Lucian Reich auch auf Uhrenschildern verwendet, wie im Hüfinger Museum gezeigt wird.

Bruderkirchle bei Vöhrenbach

Hier also, in Kapitel VIII. Johanna, sitzt der alte Forbachklaus ruhig bei seinem Feuerherd unter dem Thierstein, in dessen Nähe er seine Kohlstatt aufgeschlagen hatte.

Derweil war seiner Tochter, der kleinen Johanna, kein Baum zu hoch und kein Fels zu schroff, als dass sie ihn nicht erklettert hätte: Auf die höchsten Mauerzacken der verwitterten Burg Neufürstenberg wagte sie sich, wo auch der verwegenste Bube ihr nicht nachgekommen wäre.

Derweil sich seine Tochter Johanna auf die 
höchsten Mauerzacken der verwitterten Burg
Neufürstenberg wagte

In der Köhlerhütte jedenfalls empfangen Klaus und Tochter Johanna den jungen Herrn Tolberg, der einige Zeit verweilen möchte, um die Angehörigen seines Freundes, des Köhlersohns Dieter, kennen zu lernen, so wie die traulichen Hütten und romantischen Gegenden des schönen Schwarzwaldes. Köhlerhütten wird man sich nicht gar zu traulich, eher rußig-schmutzig und primitiv vorzustellen haben; erst recht die von Schweiß und Ruß gezeichneten, oft lungenkranken Köhler, deren Beruf am unteren Ende des Sozialprestiges rangierte. Insofern scheint mir hier die Idylle doch ein bisschen allzu weit getrieben worden zu sein.  Aber es sollte hier ja auch eine zarte, folgenreiche Liebesgeschichte ihren Anfang nehmen. Wilhelm Hauffs 1830 geschriebenes Märchen Das Kalten Herz mit Kohlenmunk-Peter und Holländer Michel, jenes frühkapitalistische Lehrstück über die menschliche Gier, hat die Köhlerei jedenfalls sehr viel sozialkritischer beschrieben.

Tierstein

Fortsetzung gibt es hier

Hier gehts zum Podcast der Kapitel 6-8 der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage:

Hieronymus und der Wald-3

zwischen Dichtung und Wahrheit

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 3.

In Kap. II. Häusliches Stillleben wundert sich der kleine Hieronymus über den großen Stierschädel, welcher seit mehr als Menschengedenken am First des Laubhauser Hofs angebracht war. Lucian Reich erinnert hier an die auch heute mitunter noch an der Hohsuhle (Firsthochsäule) der ältesten Schwarzwaldhöfe angebrachten Schädel der Zugtiere, die einst das Bauholz herbei befördert haben.

Foto von Hermann Schilli

Hermann Schilli, der Verfasser von Das Schwarzwaldhaus (1953), zeigt einen solchermaßen mumifizierten Schädel aus dem Schwarzbauernhof im Katzensteigtal, der Blitzschläge und Unglücksfälle vom Hof fernhalten soll, wie er schreibt.

Heidnischer Brauch an der Hohsuhle
Foto von Hubert Mauz

Erwähnt wird auch noch der Kolmenfrieder (vom Kolmenhof auf der Martinskapelle?), der am Kohlwasen vom Hollahoh, dem erschrecklichen G´spenst, erwürgt worden sei.

Auch den an die Köhlerei erinnernden Kohlwasen gibt es tatsächlich: Es ist ein bewaldeter Rücken zwischen Linach- und Bregtal; unlängst geriet er in die Schlagzeilen als potenzieller Standort von Windkraftanlagen. Schließlich noch ein Schlegelwald, wo es in den hohe Tanne zu wehen und zu rauschen beginnt – als wie wenn der Pfaffe-Diesle geistweis ging. Ein Schlegelwald mit hohen Tannen (aber ohne Gespenst) ist mir ebenfalls geläufig, doch der befindet sich im Villinger Stadtwald an der Vöhrenbacher Grenze.

Flößerei auf Murg, Enz und Nagold seit der Römerzeit.

In Kap III. Frühlingsanfang erfahren wir etwas über die Flößerei: Der Hofwald liefere, so schreibt Lucian Reich, erst seit neuerer Zeit den gewünschten Ertrag, seit nämlich mehrere Flüsse flößbar gemacht und überall Wald- und andere Wege angelegt wurden, welche die Abfuhr des Großholzes möglich machen. Eine etwas verwirrende Aussage, denn auf der Breg wurde zwar seit langem fürstliches Brennholz getriftet, doch höchstens versuchsweise einmal auch Langholz geflößt. Hierzu reichten weder die Wasserführung noch das Gefälle aus, und auch über Schwallungen (Klusen) ist nichts bekannt.

Klusen (Schwallungen) an der Breg nicht bekannt, Wasserführung meist zu gering, Probleme mit den Mühlenbesitzern und Widerstand der Bräunlinger.

1715 wollte das Fürstenhaus die Breg bis Donaueschingen flößbar machen, scheiterte jedoch am Bräunlinger Widerstand, weshalb Fürst Anton Egon sogar erwog, einen Durchstich von Wolterdingen nach Aufen zur Brigach hinüber graben zu lassen. Ganz anders die Flößerei etwa auf der Murg, die der Rastatter Lucian Reich wohl vor Augen hatte. Doch auf den hierzu geeigneten Schwarzwaldflüssen wurde bekanntlich nicht erst seit neuerer Zeit geflößt, sondern bereits seit dem frühen Mittelalter, wenn nicht gar schon seit Römerzeiten. Die systematische Walderschließung mit einem Wegenetz ist dagegen erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts so richtig in Gang gekommen.

Walderschließung mit Fahrwegen beendet die Kurzholz-Trift auf der Breg im 19. Jahrhundert

Die Köhlerei, das Kohlenbrennen, das auf dem Schwarzwald schon von Urzeiten her üblich war, stehe jedoch in keinem Verhältnis zu dem unermesslichen Holzvorrath, weil außer diesem und den wenigen Brettern, die jeder Bauer auf seiner einfachen Klopfsägemühle schneiden ließ, gar geringer Verbrauch war. Das scheint mir nun wirklich eine gar zu idyllische, alles in allem unzutreffende Beschreibung der Waldsituation im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert zu sein! Landesweit ging damals „das Gespenst der Holznot“ um, das die Landes- und Standesherren schließlich zu großen Anstrengungen in Richtung Nachhaltigkeit zwang, so auch durch das neue Badische Forstgesetz von 1833 (Verbot der Waldweide, des Kahlhiebs und des regellosen Plenterns im öffentlichen Wald). Die fürstliche wie auch die großherzogliche Forstverwaltung erwarben damals viele „vergantete“ Höfe (so auch den einst stattlichen Grumpenhof), den Hofwald – oft genug „in abgeforstetem“, d. h.  in kahlem Zustand. Von Heinrich Hansjakob, dem Rastatter Schüler von Lucian Reich, stammt der Ausspruch – bezogen auf die FF-Wälder um Wolfach – wenn´s so weitergehe, müsse man den Schwarzwald bald in Kahlwald umbenennen.

Heinrich Hansjakob: Der Schwarzwald als Kahlwald? Großkahlschläge im 18. Jahrhundert.
Hier Kahllächen nach dem Orkan Lothar (1999)

Sodann zeichnet Lucian Reich ein Bild jener hochgelegenen Schwarzwälder Landschaften, wozu man sich noch weite Strecken einsamer Wildnisse und Moose, rauschende Waldbäche und zwischen all den unabsehbaren Tannenwäldern starre, spärlich bewachsene Granitmassen denken muß, um ihren eigenthümlich ernsten, bei vieler Lieblichkeit fast schwermüthigen Charakter zu fühlen.

Möser (Moore) des Buntsandsteinschwarzwalds und deren Entwässerung durch die Forstwirtschaft

Offenbar hat Lucian Reich hier weniger den Hoch-, als vielmehr den Baarschwarzwald vor Augen mit seinen Mösern (Mooren) und Missen oben auf der Buntsandsteindecke, die freilich schon im 19. Jahrhundert im großen Stil mit Hilfe von Grabensystemen entwässert wurden.

Weder mit Wildnissen noch mit unabsehbaren Tannenwäldern konnte dieser Teil des Schwarzwalds in Wahrheit noch aufwarten ausgangs des 18. Jahrhunderts: Dafür hatten im und um das Bregtal längst die Glashütten oder das Hammereisenbacher Eisenwerk gesorgt mit ihren dem Holzhunger geschuldeten Kahlschlägen. Reichs Tannenwälder waren damals schon weit überwiegend Fichtenwälder. So heißt es etwa im Forsteinrichtungswerk von 1833 für den Wolterdinger Wald, die Weißtanne nehme eine ganz untergeordnete Stellung ein, „obgleich sie in einzelnen riesenhaften Exemplaren und fast allenthalben als Überständer vorkommt.“

Lucian Reichs unabsehbare Tannenwälder waren bereits überwiegend Fichtenwälder

Im Bräunlinger Stadtwald war die Weißtanne bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast völlig verschwunden. Letzte „prachtvolle Überreste“ von Tannenurwald glaubten die Forstleute – fälschlicherweise – noch im 19. Jahrhundert im Weißwald bei Tannheim und an der Bruggener Halde vorweisen zu können: im einen Fall handelte es sich um einen überaus extensiv bewirtschafteten ehemaligen Klosterwald, im andern um die Liquiditätsreserve für die Privatschatulle des Fürsten. Beim rauschenden Waldbach und den spärlich bewachsenen Granitmassen hatte der Dichter gewiss den Grumpendobel und den Tierstein vor Augen.

In einzelnen riesenhaften Exemplaren:
Weißtanne im Grumpendobel

Über Mathias, den Vater von Hieronymus, den ältesten Sohn und weichenden Erben eines Bauern, erfahren wir nebenbei auch etwas über die Reutfeldwirtschaft, das Rüttibrennen, das vor allem im zentralen Gneis-Schwarzwald bis ins 20. Jahrhundert hinein weit verbreitet war: Auf einem entlegenen öden Feldstücke … schürfte er die Oberfläche, „brandelte“ den Rasen, ließ die Erd- und Aschehaufen den Winter über gären und verwesen, und erzielte durch diese Behandlungsart, damals noch wenig bekannt, einen solchen Ertrag an Gerste, dass es die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Dass dieses althergebrachte Verfahren der Waldfeldwirtschaft damals noch wenig bekannt gewesen sein soll, muss erstaunen. Wieso waren die rauchgeschwärzten Hänge der Reutberge dem Hüfinger nie aufgefallen – bei all seinen Schwarzwaldwanderungen (vgl. Wanderblühten von 1855)?

Reutfeldwirtschaft (Rüttibrennen): auf der Baar damals noch wenig bekannt?

Auf einem entlegenen, öden Feldstücke…schürfte er die Oberfläche, „brandelte“ den Rasen, ließ Erd- und Asche-Haufen den Winter über gären und verwesen, und erzielte einen solchen Ertrag an Gerste, dass es die allgemeine Aufmerksamkeit erregte.

Zum 4. Teil geht es hier:

Das Kapitel 2 von der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage ist deutlich ausführlicher was die Geistergeschichten, den Hollohoh und auch die Jennischen betrifft.

Den Podcast zum Kapitel 2 gibt es hier:

Den Podcast zum Kapitel 3 gibt es hier:

Hieronymus und der Wald-2

zwischen Dichtung und Wahrheit

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 2.

Im Kapitel I. Die heilige Taufe stellt er uns Ort und Zeit der Handlung des Buchs sowie die handelnden Personen genauer vor: Wir befinden uns also in einem einsam gelegenen Schwarzwälderthale, und die Geschichte beginnt ausgangs des 18. Jahrhunderts, genauer: zwischen 1745 und dem Beginn der französischen Koalitionskriege im Jahr 1792, also in einer Zeit, wo tiefe Ruhe und ungestörter Friede im deutschen Reiche herrschten.

Ort der Handlung: …in einem einsam gelegenen Schwarzwälderthale
(im Bregtal zwischen Bregenbach und Zindelstein)            

Die Handlung spielt zunächst einmal in einem großen einzeln stehenden Wälderhause, dem Laubhauser Hof. Hieronymus, erfahren wir, ist der Sohn eines Dienstmannes vom Laubhauser Hofgut. Der Name dieses Hofs scheint mir eher atypisch zu sein für Schwarzwaldhöfe, zumal im Bregtal die Laubbäume bekanntlich äußerst rar sind. Und dass dort Dienstmänner angestellt waren an Stelle von Knechten und Mägden will mir auch nicht allzu schwarzwälderisch erscheinen.

Bregenbach:
bis 1896 selbständige Gemeinde mit 5 großen Hofgütern (daher das Wappen mit 5 Fingern)

Mit dem – fiktiven –  Hofnamen soll die Aufmerksamkeit des Lesers zweifellos auf die geheimnisvolle Siedlung Laubenhausen gelenkt werden, wie wir in Kapitel VI erfahren werden. Die Kelten werden übrigens, anders als die (schon 1768 nachgewiesenen)  Römer in Reichs Heimatstadt Hüfingen, nicht erwähnt; sie scheinen erst später (wohl 1880 in Band 3 der Schriften der Baar) als mutmaßliche Gründer von Laubenhausen ins Spiel gekommen zu sein. 

Den Laubhauser Hof haben wir uns im Bregtal unweit des Felsenwirts vorzustellen, der damals Stabhalter seiner kleinen Thalgemeinde war. Die Bewohner werden im Buch übrigens verschiedentlich als Wäldner bezeichnet, worin ich fast geneigt bin, einen Fehler des Lektors oder des Verlags zu vermuten, denn die Schwarzwälder hießen nun mal zu allen Zeiten „Wälder“ (und nicht Wäldner). Allerdings kommen die „Wäldner“ auch in seinen Wanderblühten vor.

Weißkopfenhof
Erbaut um 1850 „in Gant“ und zwangsversteigert an ein Konsortium, 1899 vom Großh. Domänenärar übernommen.

Ein Wirtshaus Zum Felsen steht bekanntlich noch heute am unteren Ortsausgang von Hammereisenbach; ein Ortsname, der von Lucian Reich freilich verschmäht wird; mag sein, dass ihm der Erzbergbau mit Schmelze, Hammerwerk und vielerlei „Gastarbeitern“ nicht ins ländlich-sittliche Milieu gepasst hat. Stattdessen bevorzugt er Bregenbach, die bis 1896 selbständige Gemeinde längs der Breg vom Bernreutehof bis zur Fischersäge, heute ein Ortsteil von Hammereisenbach, seit 1971 Stadtteil von Vöhrenbach. 

Der 1906 abgerissene Fischerhof mit dem 1774 neu erbauten Gasthaus Zum Fischer könnte Lucian Reich als Vorbild für den Laubhauser Hof gedient haben (heute Behindertenheim)

Also haben wir uns die Lage des Laubhauser Hofs irgendwo zwischen Fischerhof (dem heutigen Behindertenheim) und dem Weißkopfenhof vorzustellen. Oder war der Fischerhof selbst das Vorbild mit seinem Gasthof Zum Fischer an der Straße und mit ca. 400 ha einer der größten Höfe des Schwarzwalds? Außerdem gibt es da auch noch einen Bregenbacher Hof, den ebenfalls wohlhabenden Nachbarn, aus dem die Laubhauser Bäuerin stammt (vielleicht der Krumpenhof?). Dann ist da noch  das Bruderkirchle, eine Anleihe des Autors bei der Stadt Vöhrenbach: die St. Michaelskapelle, genannt Bruderkirchle, an der alten Villinger Straße mit integriertem Einsiedlerwohnraum. An handelnden Personen vorgestellt werden uns hier u. a.: Fohrbachklaus, der Köhler, auch der Fohrlenbacher Bauer und die alte Fahlenbacherin. Hinter Fohrlenbach steckt zweifellos das Forbental (mit dem 1968 abgebrannten und aufgegebenen Forbenhof), das beim Fischerhof vom Bregtal abzweigt, wohingegen der Fahlenbach oberhalb Hammereisenbach ins Urachtal einmündet.

Das Laubenhauser Hofgut

Teil 3 gibt es hier:

Den Podcast zum Kapitel 1 gibt es hier:

Hieronymus und der Wald-1

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 1.

Nur Raben und Schneegeier* überflattern das öde Gefilde, während scharfe Windswehen hohe, weiße Schanzen und Wälle vor die Hütten werfen, so daß der Hausvater des Morgens weder Läden noch Hausthüre zu öffnen vermag, weil der Schnee draußen bis an die Dachtraufe reicht…

Vorbemerkung: Das X. Kapitel in Lucian Reichs Hauptwerk, der Erzählung Hieronymus, ist überschrieben mit Ein Winter auf dem Walde. Die darin enthaltene Episode vom einsamen, eingeschneiten Bauernhof am Feldberg hatte es mir vor über vierzig Jahren schon so sehr angetan, dass ich sie ins Zentrum eines dem Schwarzwaldwinter (am roten Faden des 100 km langen Fernskiwanderwegs von Schonach zum Belchen) gewidmeten Bildtextbandes gestellt habe. Auch den Buchtitel „Winter auf dem Wald“ habe ich von Lucian Reich übernommen.

Winter auf dem Walde

Diese Episode liest sich so herzerfrischend, dass sie hier im Original eingefügt werden soll: …oft erblickt man weit umher in der beschneiten Landschaft auch nicht ein menschliches Wesen. Nur Raben und Schneegeier* überflattern das öde Gefilde, während scharfe Windswehen hohe, weiße Schanzen und Wälle vor die Hütten werfen, so dass der Hausvater des Morgens weder Läden noch Hausthüre zu öffnen vermag, weil der Schnee draußen bis an die Dachtraufe reicht. Glücklich, wenn´s den Bewohnern gelingt, bis zum Nachbarn einen Tunnel zu schaufeln, zu erkundigen, ob dieser noch am Leben sei. Manch Bezeichnendes ereignet sich bei solchen Gelegenheiten. So geschah es, dass einige Jahre nach dem gegenwärtigen Momente unserer Erzählung, ein einsamer Bauernhof am Feldberg mit den Bewohnern Wochen lang unter dem Schnee begraben lag, bis endlich, es war gerade Charfreitag, Umwohnende den Dachfirst aus der Bahrdecke hervorragen sahen, und nun zu Hilfe zogen. Man brach ein Loch in das Dach und rief hinunter: ob noch alle am Leben seien: Ja! Antwortete es aus der Tiefe. „Wißt ihr auch, dass heut Charfreitag ist?“ war die zweite Frage der Obenstehenden. „Daß Gott erbarm!“ tönte es von unten zurück, „Charfreitag, und wir verzehren so eben das letzte Stück vom letzten Stier.“ So fiel es den Leuten schwerer auf´s Herz, das Fastengebot, wenn auch unwissend, übertreten zu haben, als die Befreiung aus langer Haft und Nacht sie zu erfreuen vermochte.

Alpen, die jüngeren Nachbarn des Schwarzwalds…

Typisch Lucian Reich: ein zum Schmunzeln anregendes Gemisch aus Chronik und dichterischer Freiheit, aus Übertreibungen (Schneegeier*, Tunnel graben, aus der Bahrdecke ragender Dachfirst) und Belehrungen: 1853 ist sein Hieronymus erschienen, keine 10 Jahre zuvor, im Winter 1844, war das schlimmste Lawinenunglück des Schwarzwalds geschehen, mit 17 Toten und mitsamt viel verendetem Vieh. Und so fährt er im X. Kapitel brandaktuell fort: Oft auch geht es ganz schlimm ab; ist doch erst in neuester Zeit der Königenhof, unweit Waldau, durch eine Schneemasse, welche von dem jähen, von keinem Waldmantel mehr bedeckten Berge in das Thal rutschte, zerquetscht, und Haus wie Bewohner in das kalte Grab gerissen.

Lawinentragödie im Wagnerstal anno 1844

Lawinenunglücke geschahen (und geschehen) im Schwarzwald zwar immer wieder einmal, doch keineswegs „oft“, wie er schreibt. Auch wurden nicht alle Bewohner ins kalte Grab gerissen, sondern es haben immerhin sieben überlebt. Überliefert ist wiederum, dass noch anfangs des 19. Jahrhunderts während einiger rauer Sommer (oder vielleicht auch nur im Sommer 1815, im sog. „Jahr ohne Sommer“ nach Ausbruch des Vulkans Tambora?) der Schnee auf dem Feldberg nicht vollends abgeschmolzen ist, sodass man in Sorge war, es könne sich daraus ein Gletscher bilden. Tatsächlich ließ der Abt von St. Blasien daher die Bauern aus den umliegenden Dörfern anrücken und den Schnee „bis auf den Grund durchhacken“, sofern er bis zum 25. Juli nicht verschwunden war. Was macht Lucian Reich daraus? Hat es ja nicht selten um Johanni, im hohen Sommer noch den Anschein, als ob der alte Feldberg Lust habe, es seinen jüngeren Nachbarn, den Schweizeralpen gleich zu thun, und eine Haube aus ewigem Schnee aufzubehalten. Dann freilich müssen alle Umwohner aufgeboten werden, und dem Riesen seine Tarnkappe wider Willen vom Kopf zu ziehen; denn, sagen sie: hätt er´s einmal wieder verschmeckt und die Haube nur ein Jahr lang aufbehalten, so wäre ein Schwarzwald-Gletscher fertig, wie bereits vor Jahrtausenden.

Hier belehrt Reich seine Leser beiläufig ein bisschen in den Fächern Geologie (Alter des Schwarzwalds und der Alpen) und Glaziologie; die letztere erfuhr im Schwarzwald im frühen 19. Jahrhundert vor allem durch den Mannheimer Naturforscher Karl Schimper erste wichtige Impulse. Keine Frage: Lucian Reich hatte eine Schwäche fürs Topaktuelle wie fürs Kuriose. Heute würden die Feldberger die Vergletscherung wohl eher begrüßen und auf Sommerski-Möglichkeiten hoffen. Klimawandel hin oder her: Erinnert sei an die wunderlichen Pläne eines Furtwanger Hochschulprofessors, der zu Beginn unseres neuen Jahrtausends, auf dem Feldberg – zur Vorfreude des vormaligen Bürgermeisters (und Präsidenten des Schwarzwälder Skiverbands) – wieder einen (künstlichen) Gletscher entstehen lassen wollte.

Von diesen Ausflügen in den hohen Schwarzwald abgesehen, beschränkt sich Lucian Reich im Hieronymus, wie er schon im Vorwort schreibt, mit der Handlung überwiegend auf ihm wohlvertrautes, heimatliches Gefilde, also auf jene entlegene Landschaft des Großherzogtums Baden, welche das Sprichwort: 

„die Brig und die Breg bringen die Donau z´weg“ so sprechend andeutet, die östlichen Thäler nämlich des mittleren Schwarzwaldes und die angrenzende Hochebene, ein Theil der alten fürstenbergischen Grafschaft…  Als ganz so „entlegen“ würden wir seine Handlungsorte heute gewiss nicht mehr beschreiben. Doch die Bregtalbahn war ja erst 1892 in Betrieb genommen worden (im Gegensatz zur 1840 eröffneten Rheintalbahn, die er von Rastatt aus nach Freiburg gerne benutzt hat). Und noch mehr zusammengeschnurrt sind die Entfernungen bekanntlich im Zeitalter des Automobils.

Hockenjos, W.: Winter auf dem Wald. Schillinger-Verl., Freiburg 1979

*Schneegeier sind in den Gebirgen Zentralasiens zuhause, Gänsegeier in Deutschland wohl bereits im Mittelalter ausgestorben; neuerdings werden in den Alpen Bartgeier wieder angesiedelt (Hölzinger, J.: Die Vögel Baden-Württembergs. 1987). Die (Kolk-)Raben waren ab 1830 im Fürstenbergischen ausgerottet. (Stephani, K.: Geschichte der Jagd in den schwäbischen Gebieten der fürstenbergischen Standesherrschaft. 1938)

Zum Teil 2 geht es hier:

Rückblicke
Neugestaltungen und Abschied
Nach den Mühen des Tages

Ein junges Ehepaar sitzt vor einem Haus und diskutiert. Über ihnen ein Kreuz und neben ihnen eine Katze, davor ein Brunnen.

Hieronymus Kapitel 24

Rückblicke – Neugestaltungen und Abschied
Nach den Mühen des Tages

Gleichwie ein Wanderer, wenn er, nahe dem Reiseziel, eine letzte Höhe erstiegen, hier haltmacht, hinzuschauen auf die lange Strecke zurückgelegten Weges, und dann vorwärts, wohl über sein Ziel hinaus, also sei uns auch jetzt noch einmal eine Umschau vergönnt.

In grünem Tale, hell von der Sonne beschienen, erblicken wir freundliche und befreundete Wohnungen, in der Ferne die Türme blühender Städte.

Lichte Wölklein ziehen darüber hin und umdüstern nur auf Augenblicke den lieblichen Anblick. – Weiter seitwärts aber hat das Gewölk sich gehäuft, der dunkle Vorhang reicht herunter bis zum Gesichtskreis, wo Luft und Land sich zu vermischen scheinen.

Wer sind die Wanderer, welche dort des Weges ziehen, immer tiefer hinein gegen die unheildrohende Nacht? – Wir werden den Blick anstrengen müssen, irrende Landfahrer zu erkennen.

Das Haupt der Sippe, den Langen Hans, haben wir im Zuchthause zu Hüfingen verlassen. Er genoß dort eine recht hübsche Aussicht auf die grüne Stadtwiese und über die Ufer der Breg, trotzdem aber begann der Aufenthalt ihm herzlich langweilig zu werden, weil auch die schönste Gegend ihren Reiz verliert, wenn wir sie täglich vor Augen haben.

Hans war griesgrämig, schwermütig geworden und dachte ernstlich daran, eine Ortsveränderung vorzunehmen. Schweizer Luft, hoffte er, sollte ihm besser zuschlagen. – Die Anstalten zur Abreise wurden aber wiederholt durch den wachsamen Zuchtknecht entdeckt und damit letztere selbst vereitelt.

In einsamer Zelle legte man den Alten an Ketten. Aber auch hier fand er die Ruhe nicht. Wenn er schlief – so träumte er vom freien Leben, von Zusammenkünften mit Tanz und Schmaus, von Wald und Feld. Es war in einer unheimlich finsteren Novembernacht; der Sturm sauste mächtig durch die Gassen, durch die unbelaubten Bäume in dem Zuchthausgarten und rüttelte polternd an Läden und Fenstern. – Da regte es sich um Mitternacht auf dem Dache des Hauptbaues, eine Gestalt stieg hervor, kletterte mit Katzengewandtheit über die Ziegel bis zur Dachrinne, rutschte dann an schnell befestigter Leine geräuschlos herab auf den Boden. – Eben schritt der Wachposten, tief in den Mantel gewickelt, aus dem Schilderhaus. Der Flüchtling barg sich hinter einem Eckstein. –

Als der Zuchtknecht am Morgen in die Zelle des Langen Hans getreten – fand er das Nest leer – die Ketten durchgefeilt und den Ofen abgebrochen.

Es mußte dem Sträfling Hilfe von außen gebracht worden sein. – Und wahrlich, es wäre ein heroischer Zug von der Vagantin Trautel, wenn sie, wie angenommen wurde, durch eigene Hingebung den Gatten gerettet hätte. – Gewiß ist, daß das Weib zur Haft gebracht, wenige Tage zuvor ihrem Hans gegenübergestellt worden. In heftiger Freude des Wiedersehens war sie dem Manne um den Hals gefallen und, so wurde vom scharfsinnigen Inquisitor angenommen, sei im Kusse ein Wachskügelchen, worin eine feingezähnte Uhrfeder verborgen, aus dem Munde der Gattin in den des Gatten über-gegangen.

Der Flüchtling war unbeschrien aus der Stadt entkommen und hatte sich gegen Hausen und Mundelfingen gewendet. Dort im Walde, eine bekannte Bettelküche aufsuchend, war er an einer Stelle angelangt, wo am halberloschenen Feuer ein Mann schnarchte. „Bist du’s?“ fragte der Lange. „Ja!“ antwortete die Stimme des Schwarz Sepple. – „Ihr habt lang auf Euch warten lassen!“

In Opferdingen stahlen sie einem Bauern die Kleider aus der Schlafkammer. „Man kann nit alles kaufen!“ lautete der Wahlspruch des Langen, „und so kann ich mich als ehrlicher Mann am Tag vor niemand zeigen.“ Seine Garderobe, großenteils zum rettenden Seil zerschnitten, war auch in der Tat bis auf das Notdürftigste zusammengeschmolzen. Die beiden wateten sodann durch die Wutach, und noch vor Tag waren sie über der Schweizer Grenze.

Der Sepple hatte den Plan, in der Schweiz den Doktor zu spielen, Hans wollte als Spielmann sein ehrlich Auskommen suchen; es scheint jedoch, als hätten die Stücklein, die er spielte, den freien Eidgenossen nicht sonderlich gefallen, denn nach kurzer Zeit schon saß der Hans wieder als Malefikant im Wasserturm zu Zürich.

In mondloser Nacht hören die Wächter ein Geräusch wie von einem Sprung in den See, ein Mensch taucht aus den Wellen – ein Schuß von der Wache – ein Schrei – der Flüchtling rudert und ringt noch eine Weile – dann verschlingt der See sein Opfer. Es war der Lange Hans. – Ob zur mitternächtlichen Stunde bisweilen noch der Geist des alten Kommunisten aufsteigt und über den Wassern schwebt, die menschliche Gesellschaft zu beunruhigen – weiß ich nicht zu sagen. –

Als wäre der Fall des Familienhäuptlings ein böses Vorzeichen vom Untergange nicht nur der eigenen Sippe, sondern des gesamten Vagantenvolkes, brach jetzt für diese Heimatlosen eine verhängnisvolle letzte Zeit herein.

Geschärft ward allenthalben das Schwert der Kriminaljustiz. Die Waage in der Hand des Richters muß empfindlich im höchsten Grade gewesen sein, denn das geringste Gewichtsteilchen von Schuld reichte hin, die Schale des Missetäters hoch hinaufzuschnellen. Lange war der Name des Schultheißen Schäfer zu Sulz am Neckar der Schrecken aller Landfahrer. Man erzählt sich heute noch, daß Hunderte jener armen Teufel durch den gestrengen Richter von Rechts wegen dem Henker überliefert worden seien.

Auch die Gebeine des Schwarz Sepple ruhen zu Sulz unter dem Galgen. – Den Stumpfarm wollte man anfangs der neunziger Jahre unter einem Haufen Sansculotten im Elsaß gesehen haben, später soll er gezwungen worden sein, Bekanntschaft mit der Guillotine zu machen.

Trautel, nach langer Haft endlich aus dem Gefängnisturm entlassen, verlor sich spurlos unter der Menge. – Von Schön Rösel hat man nichts mehr gehört und gesehen seit ihrem Abzug mit den Neufranken.

Im letzten Kapitel geht Lucian Reich wieder auf die Verfolgung und Ermordung der Jenischen ein.

Über den nach Lucian Reich schlimmsten Inquisitor, den Schultheiß Schäfer zu Sulz am Neckar, konnte ich leider nichts finden.

Auch über die Jenischen selber läßt sich heute nur noch wenig finden, da von den Überlebenden der Verfolgungen um die Jahrhundertwende (1780-1810) wohl viele in der Anonymität Zuflucht gefunden haben.

Jenische Familien wurden später von den Nazis verfolgt und ermordet und sie sind in Deutschland, im Gegensatz zur Schweiz, bis heute nicht als als nationale Minderheit anerkannt.

Die Jahre eintausendachthundertdrei und -vier waren herbeigekommen und die reichsstädtischen Souveränitäten nebst noch manchem anderen unter den Trümmern der alten deutschen Reichsverfassung begraben worden.

Unser alter Freund, der Feldwaibel, erlebte diese Katastrophe noch sowie die politischen Neugestaltungen in Deutschland; sie machten dem Alten . wenig Bedenken. Aber die Auflösung des fürstenbergischen Korps, eine Folge jener Weltereignisse, das Verschwinden jenes Banners, unter welchem der bereits ergraute Soldat sich noch Lorbeeren gesammelt, das war für ihn die letzte schmerzliche Begebenheit seines Lebens, ja vielleicht die nächstliegende Ursache seines Todes. Wenigstens war ein auffallender Wechsel in dem Gesundheitszustand des Veteranen zu bemerken seit der Zeit, als es bekannt geworden, welchen Ausgang die Verhandlungen der Reichsdeputation zu Regensburg nehmen werden.

Im Frieden von Lunéville hatte Österreich auf die linksrheinischen deutschen Gebiete verzichtet. Das Haus Fürstenberg war nicht dem Rheinbund beigetreten. *

Als Feldmarschall Leutnant Fürst Karl Aloys von Fürstenberg am 25. März 1799 bei Liptingen gefallen war, hatte seine Gemahlin, Elisabeth Fürstin zu Fürstenberg, Prinzessin von Thurn und Taxis die Vormundschaft über ihren Sohn, den 1796 in Prag geborenen Prinzen Karl Egon II.. *

So zogen wohl 1804 die fürstenbergischen Truppen auf immer aus Hüfingen ab und Hüfingen wurde Teil der Rheinbundstaaten und des Großerzogtums Baden. *

In Baden wurden Rekruten durch Konskription ausgehoben.

Was vielleicht interessant ist, ist die Konskription und der Aufstand von 1806 in Hüfingen

Schon im Oktober 1806 fand auch in der Baar die erste Truppenaushebung nach der Eingliederung in das Großherzogtum Baden statt. Sie stieß in der Baar auf Widerstand, der in verschiedenen Gemeinden zu Behinderung der Konskription und zu offenem Aufruhr führte. ….

…Am 26. Oktober hatten sich Bauern und Bauernsöhne aus Mundelfingen, Hausen vor Wald, Behla, Riedböhringen und anderen Orten zusammengerottet – sogar in Donaueschingen habe es gespuckt – , waren in Hüfingen vor das Schloß gezogen, um mit Bengeln und Prügeln bewaffnet einige Beamte der Donaueschinger Regierung aufzusuchen.

Chronik Hüfingen von August Vetter (1984) Seite 260 ff

Er fühlte die Abnahme seiner Lebenskräfte, und der Soldat bereitete sich, so wie er gelebt, als Mann auch zu scheiden aus dieser Zeitlichkeit. Gefaßt und ergeben hatte er von Priesterhand die Letzte Olung empfangen zur Reise in das unbekannte Jenseits. Es war am Morgen desselben Tages, an welchem die Fürstenberger den Befehl erhalten, sich zu sammeln, um reorganisiert und einem neuen Kriegs- und Landesherrn zugeführt zu werden.

Der Kranke war eingeschlummert, als gegen Mittag Trommelschlag ihn erweckte. Da bat er die hingebend sorgliche Hausfrau, ihn aufzurichten, damit er durch das Fensterlein in der Stadtmauer hinausschauen könne auf die Heerstraße, denn hier mußten die abmarschierenden Kriegsgefährten vorüberziehen. Unverwandt haftete der Blick des Soldaten auf der scheidenden Kompanie, bis diese ihm so teuren Weißröcke für immer hinter der Anhöhe bei Almendshofen verschwunden waren. – Dann sank er zurück in die Kissen. Einige Augenblicke darauf suchte er die Hand der Hausfrau und sprach wenige kaum verständliche Worte – es war der letzte Abschied, das Ende nah.

Die gute Annakäther hatte sich über den Sterbenden gebeugt, ihre Tränen träufelten auf sein bleiches Angesicht; dann kniete sie an der Bettstatt nieder und betete zum Namenspatron des Verscheidenden, zum heiligen Michael, dem „unüberwindlichen Fechter und Beschirmer, daß er den kranken heimziehenden Menschen schützen und geleiten möge aus diesem Jammertal, hinauf – in die Wohnungen des ewigen Friedens“ Ehe der Abend herangekommen, war er entschlummert.

Die Tochter in Wildenstein wollte haben, die Mutter solle nun zu ihr ziehen, um den Rest ihrer Tage bei ihren Kindern und Enkeln sorgenfrei beschließen zu können; doch die Matrone war nicht zu bewegen, das gewohnte Stüblein zu verlassen – bis zu dem Tage, der auch sie abrief zur Vereinigung mit dem vorangegangenen Gatten.

Tolberg blieb für immer bei seinen Kindern. Lebhaftes Interesse nahm der alte Geschäftsmann am Fortgang des Uhrenhandels, dem er durch Adressen und Verbindungen manchen Vorteil zuzuweisen vermochte. Wie auf einen stürmischen Herbst zuweilen noch späte, stillsommerliche Tage folgen, so verlebte der vielgeprüfte Mann noch heitere, glückliche Tage.

Ehe wir jedoch dem freundlichen Leser die Hand zum Abschiede reichen, sei uns vergönnt, noch einen Blick zu tun auf das Schlußbildchen.

Wir versetzen uns in die erste Zeit glücklichen Ehelebens unseres Paares.

An der Schwelle des eigenen Heimwesens sitzt das vergnügte Ehepaar, Hieronymus und Helena, diese Kinder einer abgeschlossenen Zeit, deren Enkel kaum mehr wissen, wie es zu den Tagen der Großeltern im Lande ausgesehen.

Es ist Abend; die Mühen des Tages sind vorüber. Mondlicht zittert durch die Zweige, friedlich, versöhnend; und beim Anblick der ewigen Sterne ziehen in die Brust des Menschen Friede und Vertrauen – und die Seele beseligt die Liebe, von welcher die Heilige Schrift sagt, daß sie stärker sei – als der Tod.

Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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Heimkehr und Heiratsantrag
Unverhoffte Rückkehr
Der eigene Herd

Zwei Köhler vor einer Grube. Ein Kind bewacht den Meiler und dahinter ist ein Bruderhäusschen zu sehen.

Hieronymus Kapitel 23

Heimkehr und Heiratsantrag – Unverhoffte Rückkehr
Der eigene Herd

Fünfmal schon hatte der Frühling Wald und Flur mit neuem Grün geschmückt, seitdem Helena das Haus der Pflegeeltern verlassen. Immer noch war sie auf Wildenstein die treue Dienerin, die liebreiche Pflegerin der Kinder, die unermüdliche Gehilfin im Haushalte des Schloßverwalters.

Wohl trat bisweilen das Bild früherer Tage ihr vor die Seele, und das bitter wehmütige Gefühl des Alleinstehens in der Welt wollte sie anwandeln. Doch Tätigkeit und Pflichtübung leiteten ab vom trüben Sinnen und füllten, grünenden Ranken gleich, die Lücken ihres Innern; leise keimende Hoffnungen erleuchteten es wohl auch mit dem Scheine künftiger glücklicher Tage.

Schon wehte der Wind wieder über die Haberstoppeln – weder die Wachtel in den Furchen noch die Lerche in den Lüften ließen ihr Lied mehr erschallen, da schritt ein Wandersmann auf der Straße von Sigmaringen stromaufwärts durch das Donautal. Er war vorbeigezogen an der alten Hochveste Werrenwag, welche, ein Wächter über das Tal, von schroffem Fels herniederschaut. Bereits war die Sonne dem Untergehen nahe, als der Wanderer sich auf die rechte Talseite gewendet, wo ein nur wenig gangbarer Pfad hinzog.

Schloss Werenwag oder „Hochveste Werrenwag„, wie Lucian Reich schreibt, befindet sich im Oberen Donautal der Gemeinde Beuron.

Schloss Werenwag
Foto: Roland Nonnenmacher auf Wikipedia

1629 erhielten die Grafen von Fürstenberg das Schloss, das sie 1721 an die Freiherren von Ulm zu Erbach verkauften. Erst im Jahr 1830 kam Werenwag wieder in den Besitz der Fürsten von Fürstenberg. (Wikipedia)

Lange Schatten ruhten auf dem tiefen, felsumgürteten Grund und seinem grünflutenden Strom. Nur die hohe, fürstenbergische Burg Wildenstein schaute kühn noch dem Tagesgestirn ins leuchtende Antlitz. Eine Gestalt aus längst verflossener Zeit, schien der ernste, schmucklose Bau den Pilgrim im Tale zu begrüßen.

Auf steilem Pfade stieg der Fremde den zackigen Felsgipfel hinan. Vor der Zugbrücke, welche, mit ihren langen Armen einer riesigen Spinne vergleichbar, den breiten Felsspalt überdeckte, stand er eine Weile still, das Haus mit seinem gewaltigen viereckigen Turme zu beschauen. Das Dach hing nur lose in eisernen Schlaudern darüber, denn die festgewölbte Stirne des Baues trotzt auch dem zerschmetternden Wurfgeschoß. War die Brücke aufgezogen, so fanden nur noch Raben und Geier den Eingang in das einsame Felsennest.

Burg Wildenstein, Postkarte ca. 1910
Foto: Wikimedia

Dumpf dröhnte die alte Brücke, als der Wanderer in luftiger Höhe über den Abgrund schritt, um durch das finstere Tor in den engen Burghof zu gelangen. Im abendlichen Dunkel erblickte er hier an dem mittelalterlich überdachten Ziehbrunnen, welcher durch den Felsen bis auf die Sohle des Stromes niedergeht, ein Mädchen, eben im Begriff, ein kupfernes Wassergefäß auf den Kopf zu heben. – Einem schüchtern forschenden Blicke des Mädchens in das sonngebräunte Angesicht des jungen Mannes – folgte freudig überraschendes Erkennen – es waren Hieronymus und Helena.

Wie eine weiterschleppte Taube, frei gelassen, den Flug wieder nach dem wohlbekannten Dache richtet, und die Schwalbe nach vergangenem Winter wiederum die alte Heimat sucht, also kehrte der lang Gewanderte nach fast fünfjähriger Abwesenheit in die Heimat zurück. Das Verlangen, Verwandte zu sehen und die bewährte Jugendfreundin, hatte den Heimkehrenden bewogen, die Heerstraße zu verlassen und den rauhen, wenig begangenen Weg im Stromtal einzuschlagen.

Als zartes, feingeputztes Herrenkind war sie einst dem schlichten Knaben im Zwilchkittel gegenübergestanden, und jetzt – sah er das bürgerlich und häuslich gekleidete Mädchen vor sich, ihm die schöne, doch etwas schwielige Hand zum Gruße darreichend.

Freundlich aufgenommen von den Vettersleuten und ebenso gut bewirtet, weilte der Reisende einen Tag auf dem Schlosse. Als er des Morgens wieder fürbaß zog, den steilen Felsabhang hinunter, sah man den sonst eilfertigen Wanderer wiederholt nachdenklich stehenbleiben, als habe er etwas vergessen, etwas liegenlassen oben auf der Burg. – Ofter blickte er zurück nach dem Orte, den er eben verlassen – wiewohl ein dichter Herbstnebel verhüllend um die Felsen zog und die kahlen Giebel des Hauses nur undeutlich aus dem Duft hervorschauten. Offenbar fesselte den Blick des Dahinziehenden ein mehr als gewöhnliches Interesse. Dennoch vermögen wir nicht viel mehr zu berichten, als daß unser Freund hatte versprechen müssen, über’s Jahr wiederum auf Besuch nach Wildenstein zu kommen. – Unverkennbar aber ist gewesen, daß die Züge des Wanderers von innerer Freudigkeit erglänzten wie die grünende Flur vom hellen Streiflicht der aufgehenden Sonne.

Dem heimgekehrten Sohne war die Freude des Wiedersehens von Vater und Mutter leise getrübt durch die Wahrnehmung, wie die so sehr Geliebten seitdem merkbar gealtert hatten.

Die Heimat übte auf den gereiften jungen Mann ihre wohltätigen Zauberkräfte. Manches erschien ihm zwar jetzt in verändertem Lichte; der rosige Schimmer der Jugend hatte der wenig phantastischen Tagesbeleuchtung weichen müssen. Aber er hatte hier seine Jugend verlebt, und wenn er um sich schaute, so sproßten auf jedem Platze, aus jedem Busch in Feld und Wald alte Erinnerungen auf, die ihm, wie Blumen, ihre erquicklichen Düfte zuwehten.

Doch nicht als Träumer und Phantast war er zurückgekehrt: obwohl er sich anfangs vorgenommen, sein Besuch solle nur ein vorübergehender sein, so war sein ganzes Sinnen und Trachten doch alsbald auf Tätigkeit und festen Lebensberuf gerichtet. Seit der Einkehr in Wildenstein schien es, habe er ein ungewisses Streben ins Weite aufgegeben; und schon in den ersten Tagen seiner Wiederkunft ward ihm durch Romulus eine wohl zu erwägende Idee geboten.

Dieser, der langjährige Student, hatte, wie er seinem Freunde Hieronymus vor Jahren schon geschrieben, wirklich umgesattelt und sich dem Schulfach zugewendet. In Donaueschingen, wo er bei dem dortigen Normallehrer und Musikpräzeptor Unterricht genommen, hatte er ein gutes Examen gemacht und alsogleich auch eine Anstellung auf dem Wald erhalten. Bei einem Besuch in der Heimat war er mit Hieronymus unter anderm auch auf die Uhrenindustrie zu reden gekommen, welche Industrie in dem Tal, wo er den Schuldienst versah, besonders schwunghaft betrieben wurde. Namentlich die Uhrenschildmalerei war es, welche zur Zeit mehr und mehr selbständig sich ausbildete. Zu den größeren Spieluhren mit Gestellen und Säulchen wurden ganze Tableaux verlangt, die geübtere Kräfte als die bisherigen verlangten; und Romulus machte seinem Freunde den Vorschlag, die Sache in die Hand zu nehmen.

Hieronymus war nicht abgeneigt. – Ein Anfang ward gemacht; ein gesegneter Fortgang fehlte nicht. Denn nach kurzer Zeit waren seine Arbeiten weit und breit in der Umgegend bekannt und gesucht. – Eine Uhrenhändler-Compagnie bot ihm bald auch Kapitalien zur Vergrößerung des Geschäftes, aber er schlug es aus, um seine Selbständigkeit nicht zu gefährden. – Wo aber ein guter Grund gelegt, das Gedeihen sichtbar ist, da wenden die Augen der Nachbarn sich hin; denn sie wissen mit Salomo, daß im Hause des Weisen ein lieblicher Schatz sei.

Der Stabhalter, praktisch in allem, was er tat, gab dem Meister Schildmaler nicht undeutlich zu verstehen, daß er noch eine zweite hübsche Tochter habe und auch imstand sein würde, einem braven Schwiegersohn nachhaltig unter die Arme zu greifen. – Aber auch in diesem, wie im Punkte des Anerbietens der Uhrenhändler-Compagnie, schien Hieronymus ziemlich harthörig zu sein. – Und wo der Sitz des Übels lag, konnte entnommen werden aus einem Zwiegespräch in Hüfingen, wohin Hieronymus gegangen war, um seine dortigen Freunde zu besuchen.

Es war am Herz-Jesu-Fest, welches Fest der Stadt immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte. Auch das Bäbele von Wildenstein war zum Besuch der alten Eltern gekommen. Die kirchlichen Feierlichkeiten waren vorüber und die Familie und Hieronymus im Hausgärtlein versammelt, den lauen Sommerabend im Freien zu genießen. Man plauderte von allerlei; und als endlich die Mutter Annakäther ins Haus sich begeben, um ein Nachtessen zu richten und auch ihr Mann sich vom Bänklein erhoben hatte, um die Vogelkäfige aus dem Garten in die Stube zu bringen, hatte Hieronymus mit der Verwaltersfrau, in den Wegen auf und abgehend, ein Gespräch angefangen.

Das Herz-Jesu-Fest „welches Hüfingen immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte“ wird heute noch in Fürstenberg gefeiert. Das traditionelle Fest findet stets zehn Tage nach Fronleichnam statt und gehört heute noch zu den kirchlichen Höhepunkten der Fürstenberger.

Die Frau äußerte sich scherzhaft über sein Glück und gratulierte ihm zu den vorteilhaften Heiratsanträgen, die ihm, wie sie von ihrer Mutter gehört, gemacht worden seien. Hieronymus ging auf den Scherz ein. „Ich bin ein Glückskind“, sagte er, „Ihr habt Recht, Base, und ich muß Euch auch gestehen, daß ich das Heiratskapitel seit neuerer Zeit öfter in Betracht ziehe. – Zum freiwillig ledigen Stand, mein‘ ich, gehört ein gewisses Genie – oder aber eine solche Selbstgenügsamkeit, wie sie mein Freund Severin besitzt. Zu beidem fühl‘ ich keine Anlage in mir. Meiner Natur nach bin ich mehr zum folgsamen Ehemann geschaffen.

„Folgsam“, wiederholte die Base lachend, „das ist eine Tugend, die eine Frau sehr glücklich machen kann. – Da Ihr aber, wie man hört, so heiklich seid, so wär ich doch begierig auf Eure Wahl.“ „Vielleicht ist sie gar schon getroffen, diese Wahl!“ warf Hieronymus zum Ernst übergehend hin. „Ich will offen mit Euch reden, Frau Bas. – Seht, als ich im vorigen Herbst auf der Heimreis‘ bei Euch auf Wildenstein eingekehrt bin, da ist es dem lang in der Fremde gewanderten Menschen wieder einmal recht heimelig ums Herz worden; und ich gesteh’s, als ich das treue Walten und Schaffen Eurer Helene gesehen, hab ich unwillkürlich den Mann beneidet, dem sie der Himmel einst als Frau an die Seite setzen wird. „Euer Gusto ist nicht der schlechteste“, versetzte schalkhaft die Base. „Ei, ei, am End werd ich gar meine Haushälterin und Lehrerin meiner Kinder einbüßen sollen. – Bedenkt doch -“ „Bedenken? Was soll ich bedenken? Daß ein so braves Mädchen nicht mehr frei sein werde – nicht wahr?“ „Richtig, etwas ähnliches hab ich sagen wollen. – Ich will Euch ein Geheimnis mitteilen, Vetter, obwohl man nicht aus der Schul schwätzen soll. – Ihr wißt, jedermann hat Geheimnisse, so ein Heiligtum, in welches nur Vertraute zuweilen einen Blick tun dürfen. Als mir Helene einmal ihre Andenken aus früheren Jahren im Haus ihrer Pflegeeltern gezeigt hat, hab ich auch etwas dabei gefunden, so wie – alte Liebe rostet nit.“

„Briefe vielleicht, von irgendeinem Verehrer?“ fragte Hieronymus ein wenig betroffen.
„Nicht weit neben die Scheibe geschossen“, entgegnete lächelnd die Frau, „’s ist so was gewesen – wie schön gemalte Neujahrswünsch‘: Spann auf den goldenen Bogen, Aurora, schönste Frau, und dergleichen; und das Mädchen hat mir gestanden, daß sie von jemand herrührten, den es nicht vergessen könne!“
„Also so sorgsam immer noch aufgehoben?“ fragte Hieronymus in einem Ton, der nichts weniger als gleichgültig klang. „Ja – es sind schöne Zeiten gewesen!“ setzte er bei – und die Base glaubte zu bemerken – obwohl es schon dunkelte und die Fledermäuse bereits um die alte Stadtmauer und um das Gärtlein flatterten – zu sehen glaubte sie, daß es freudig, wie ein heller Strahl über das Gesicht des jungen Meisters hinziehe.

„Aber noch ein’s“, nahm die Base wieder das Wort: „Vermögen -“ „Hat sie keines!“ unterbrach sie rasch Hieronymus. „Das weiß ich. Aber ich denk, ihre guten haushälterischen Eigenschaften bilden ein Kapital, das sich reichlich verzinsen wird.“ „Wenn Ihr so rechnet, Vetter“, entgegnete die Frau, „so könnt ich mich vielleicht dazu verstehen, Euch einen Liebesdienst zu erweisen.“ „Ich nehm Euch beim Wort, Frau Bas!“ versetzte Hieronymus lebhaft, ihre Hand ergreifend. – Und noch denselben Abend verfaßte er ein Schreiben an Helene, welches die Verwaltersfrau bestens zu besorgen versprach. – Das Fräulein möge nicht übel aufnehmen, schrieb er, wenn er sich die Freiheit nehme, einen Brief an sie zu richten; es müsse einmal gewagt sein. Eilig, wie ein rasch fließendes Waldwasser dränge es ihn dem Ziele zu. – Er komme sich vor wie Noah in der Arche, der die Taube ausgeschickt habe, die, so hoffe er, nun auch für ihn mit dem Olzweig zurückkehren werde – usw.

Des andern Morgens zogen beide Paare von dannen; das Bäbele nämlich mit dem Brief nach Wildenstein, Meister Hieronymus mit seiner Hoffnung nach Laubhausen. – Und wir können nur wünschen, daß die Liebesbötin ihr Anbefohlenes fester verwahrt gehalten als der Antragsteller seine Hoffnung. Denn unterwegs schon kamen ihm allerlei Zweifel über die Aufnahme seines eiligen Briefes. – War es vielleicht Selbsttäuschung, als er auf Wildenstein in den Augen des Mädchens ein besonderes Wohlwollen gegen ihn zu erblicken vermeinte? – Doch – wenn er dann wieder an die Mitteilungen der Base dachte, so war es ihm, als wehe ihn frische Morgenluft an, alle Zweifel zerstreuend.

Zu Hause angekommen, zählte der ungeduldige Mensch Tage und Stunden – es war unmöglich, daß so bald Antwort da sein konnte, und doch blickte er jeden Morgen die Straße entlang, auf welcher der Amtsbot, der auch alle Privatbriefe besorgte, zu kommen pflegte. Mitten in diese mühende Unentschiedenheit hinein fiel aber ein Ereignis, welches, einem Meteorstein ähnlich, die ganze Nachbarschaft in Aufregung versetzte.

Wie eine alte, breit gewurzelte Tanne Generationen absterben und jüngere um sich heranwachsen sieht und, in scheinbar unverwüstlicher Zähigkeit Wind und Wetter trotzend, immer dieselbe bleibt – also lebte stets noch der greise Köhler Klaus, versah sein Handwerk mit der gewohnten Sorglichkeit. – An seinen Schürbaum gelehnt, sah der Alte in jenen Tagen einen fremden Mann dem Kohlplatz zuschreiten. Er hielt den Wanderer seiner Kleidung nach für einen Jakobsbruder, der auf dem Wege nach Hüfingen im Begriffe stehe, zum dortigen Jakobifest zu pilgern.

Jakobusbrunnen

Und noch ein Kirchenfest: Das Jakobifest.
In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder.

Der Fremde war angetan mit einem braunen Pilgergewand, während ein breitrandiger Hut sein ernst schauendes Gesicht beschattete, welches in stark ausgeprägten Zügen tiefe Spuren ungewöhnlicher Erlebnisse trug. Der Ankömmling hatte den Alten begrüßt und, wie es schien, ermüdet dem rauchenden Meiler gegenüber auf dem Rasen Platz genommen. Fragen an den Alten hatte dieser in gewohnter Dienstfertigkeit beantwortet. Nachdem der Unbekannte die große, altersgraue Gestalt des Köhlers einige Augenblicke unverwandt angeblickt, sagte er forschend: „Wie geht es Eurer Familie?“
„Des Stabhalters, meint Ihr? – Gut, gottlob!“
„Und Eurem andern Schwiegersohn?“
Der Alte schwieg betroffen und mißtrauisch.
„Ich habe gehört, er lebe noch“, fing der Fremde wieder an. „
„Würdet Ihr ihn wieder erkennen, alter Vater, wenn er jetzt auf einmal vor Euch stünde?“ Klaus schaute blitzenden Auges dem Manne ins Gesicht. – „Tolberg“ schrie er in heftiger Bewegung. „Weich, Versucher!“ Und zum gewaltigen Schlag ausholend, schwang der Köhler den Schürbaum.

Der Pilgersmann aber nahm den Hut vom Kopfe und sagte gelassen:
„Schlagt zu, wenn es dann besser ist! – Seht her, Vater, meine Haare sind so grau wie die Eurigen.“ – Da ließ der Alte die Arme sinken und stöhnte: „Und Euer Kind?“„Werdet Ihr wiedersehen, wenn es Gottes Wille ist“, versicherte Tolberg.

„Und mein ungeratener Sohn – Euer Kamerad?“
„Dieter“, entgegnete zögernd der Schwiegersohn, „dem wird Gott gnädig sein!“
„Also tot! – Gott verzeih ihm, wie ihm sein Vater verzeiht.“ Der Alte mußte sich setzen, seine Knie wankten.
„Ihr sollt alles hören – über alles Auskunft erhalten – aber jetzt faßt Euch, kommt zur Hütte und von da in Euer Haus – laßt den Jungen hier beim Geschäft zurückkommt!“

Tolberg faßte den alten Mann am Arme, ihn nach der Hütte zuführend; und nach kurzem Verweilen sah man sie weiterschreiten, in der Richtung nach der Wohnung des Köhlers. Klaus hatte niemanden noch den Namen des Fremden genannt, doch verbreitete sich bald das Gerücht, Tolberg sei wieder da und suche seine verlorene Tochter, welche mit den Landfahrern herumziehe. Von dem Angekommenen wußte man nur so viel, daß er, nachdem er in früher Morgenstunde lange auf dem Grabe Johannas verweilt, des andern Tages schon wieder das Tal verlassen habe.

Nach etwa einer Woche war der Fremde bei Nacht wieder im Haus des Köhlers angekommen, und gleich des andern Morgens in der Frühe empfing Meister Hieronymus in seiner Werkstatt ein Handbillett, von Tolberg unterzeichnet, worin dieser ihn, einer notwendigen Unterredung halber, zu sich ins Haus des Köhlers einlud. Der Meister säumte nicht lange, denn es war ihm alsobald klar, daß man von ihm Auskunft erwarte über Herrn Tolbergs Tochter, mit welcher er ja in früher Jugend so oft zusammen war und welche er vor wenig Jahren noch bei den Vaganten getroffen hatte.

In der Wohnstube des Köhlers eingetreten, fand Hieronymus daselbst einen ältlichen, mildernst aussehenden Herrn, welcher, nachdem er sich überzeugt, daß er in dem Angekommenen den rechten Mann vor sich habe, also anfing: „Entschuldiget, junger Freund, daß ich Euch hierher bemüht – ich heiße Tolberg – ohne Zweifel habt Ihr diesen Namen schon nennen gehört und wißt auch, daß ich der Schwiegersohn des Forbachklaus bin. Daß ich ein Töchterlein hier zurückgelassen, wird Euch ebenfalls nicht fremd sein – ja, man sagte mir, daß Ihr sie näher kennen sollet.“

„Wenn ich nicht irre“, versetzte zögernd Hieronymus, „so kenne ich sie allerdings, wir waren früher oft zusammen. – Doch jetzt im Augenblick wär ich nicht imstande“ – Der Sprecher stockte, es war ihm ein zu heikler Punkt, die fatale Vagantengeschichte zu berühren.

„Ich verstehe schon“, fiel der alte Herr ein, „ich will jedoch gleich von der Hauptsache mit Euch reden. – Nachdem der Himmel die Tochter glücklich in die Arme ihres Vaters zurückgeführt hat, gestand mir das Mädchen, als ich sie nach allen ihren Lebensumständen genau befragte, daß sie ihr Vertrauen und ihre ganze Lebenshoffnung schon von früher her auf einen wackern jungen Mann gesetzt habe; sie glaubt auch, daß ihr besagter junger Mann wohl zugetan sei. – Ich habe“, fuhr er mit bewegter Stimme weiter, „ich habe in diesem Punkte eine zu herbe Schule durchgemacht, als daß ich der Neigung meines Kindes hemmend in den Weg treten möchte. – Weil mir nun“, schloß der Sprecher mit lächelnder Miene, „das Mädchen einen gewissen Hieronymus als ihren Freund bezeichnet – so hab ich Euch heute hierher rufen lassen.“

Dem Angeredeten war es bei dieser Wendung der Rede siedend heiß geworden, er erinnerte sich wieder der Zutunlichkeit Schön Rösels gegen ihn, als er sie damals im Walde getroffen. – Verwirrt und verlegen, wußte er nicht alsogleich etwas Passendes zu erwidern.

Herr Tolberg, der sein Schweigen für Schüchternheit auslegen mochte, fuhr ermunternd fort: „Ich wünsche, junger Freund, daß Ihr in allen Stücken Euer Zutrauen auf mich setzen möchte; ich höre, daß Ihr tätig und strebsam seid – ist Euch mit einem Kapitälchen zur Erweiterung Eures Geschäftes gedient, so sprecht offen.“

„Verehrtester Herr*, fiel jetzt Hieronymus mit Entschiedenheit ein, „für Euren gütigen Antrag muß ich höflich danken. Ich glaube vorerst mit Fleiß und Beharrlichkeit mein vorgestecktes Ziel ohne fremde Hilfe zu erreichen. Was aber das andere, nämlich Eure Tochter anbetrifft, so will ich offen und aufrichtig gegen Euch sein, wie Ihr es gegen mich seid. – Eure Tochter, ja, ich habe sie gekannt schon in frühester Jugend, sie war meine Gespielin, ich erinnere mich auch, daß sie immer besonders freundlich gegen mich gewesen ist – doch die Jahre und Verhältnisse haben uns getrennt – es sind vielleicht schon sechs bis sieben Jahre oder noch länger, seit ich sie zum letzten Mal im Wald – in der Nähe des Grumbentobels – gesehen und gesprochen habe.“ Die Geschichte am Stöckle-Turm kam ihm zwar auf die Zunge, doch hielt er stockend inne.

Tolberg schaute den Sprecher groß an, aber Hieronymus fuhr fort: „ Wenn sie aber ihr Vertrauen in mich gesetzt hat, so tut’s mir herzlich leid. – Meine Hoffnung und mein Entschluß stehen fest. – Ich kenne ein Mädchen, und wenn es geht, wie ich hoffe, und sie mir ihre Neigung zugewendet und Gott meinem Tun und Schaffen Gedeihen schenkt, so soll niemand als sie die Gefährtin meines Lebens sein. Und wenn ich heute zum Millionär, ja zum König würde, so sollte keine andere als sie meine Königin sein.

In Tolbergs Mienen drückten Erstaunen und Betroffenheit sich immer deutlicher aus. „Eure Gesinnungen muß man ehren; aber was redet Ihr da“, fügte er kopfschüttelnd bei, „vom Wald, von sieben Jahren?“ Der junge Meister fühlte seine Lage immer peinlicher werden. Tolberg aber schritt unwirsch, fast verdrießlich nach der Kammertür: „Da, sprecht selbst miteinander, ich kann nicht klug werden aus der Geschichte.“

Halb starr blickte Hieronymus auf die geöffnete Tür, als befürchtete er einen Auftritt wie weiland in der unterirdischen Bettelküche. Da trat Tolberg wieder ein, an seiner Hand – nicht Schön Rösel, sondern – Helena in all ihrer Lieblichkeit, gleich einer in lauer Frühlingsnacht aufgebrochenen Rose.

Wie von bösem Zauber gebannt stand der Freund da – also Helene des reichen Tolbergs Tochter! Dieser Gedanke durchfuhr ihn blitzschnell, und er vermeinte seine Hoffnung vor seinen Augen versinken zu sehen. – Lächelnd aber trat das Mädchen auf ihn zu. „Ich bin Euch Antwort schuldig – Hieronymus -!“ sagte sie treuherzig. „Hier!“ Und damit legte sie ihre Rechte in die seinige. Und freudig überrascht drückte der Überglückliche ihre Hand an seine Brust. Überlassen wir jedoch die beiden ihrem Glücke und wenden uns, wie der Leser wohl nicht anders erwarten wird, zunächst der Geschichte Tolbergs zu.

Nach der Zurückkunft ins Vaterhaus lebte der junge Mann in der ersten Zeit noch ganz dem Andenken seiner Johanna. Wenn die Verhältnisse ihn wie ein lastendes Gewicht niederdrückten, schwangen sich die Gedanken in jene friedlichen Tannenwälder – wo ein liebendes Weib seiner harrte.

Nicht allzulange jedoch konnte sein leicht veränderlich Wesen festhalten an solch sehnsüchtig unbefriedigenden Schattenbildern. Der Tod Johannas traf bereits den für die Welt erzogenen Sohn reicher Eltern in einer Stimmung merklich verkühlten Herzens, und es kam bald so weit, daß der junge Herr seiner Verbindung mit jener Tochter des Waldes kaum noch als eines unüberlegten Streiches, einer jugendlichen Verirrung gedachte.

Wohl lag die Versorgung des hinterbliebenen Kindes dem von Natur aus nicht zum gewissenlosen Menschen geschaffenen Vater am Herzen. – Dieses Kind jedoch mußte auswärts erzogen werden; der Jugendstreich des Sohnes sollte und mußte vertuscht bleiben – so wollte es die Ehre des Hauses. – Der Sohn erinnerte sich jener freundlichen Familie des Obervogts, die er während seines Aufenthaltes im Schwarzwalde kennengelernt. – Hier konnte man das Kind unterbringen. Fern von der verfeinerten und verbildeten Welt sollte das Töchterlein eine anständige, aber einfache Erziehung erhalten. Später, wenn sich die Verhältnisse geändert, kalkulierte der Vater, konnte die herangewachsene Tochter ja immer noch in die Arme ihres unbekannten Vaters zurückgeführt werden.

Durch den geistlichen Herrn in Laubhausen wurde die Sache auch befriedigend ins Reine gebracht. Der Obervogt mit seiner Familie war unterdessen von seinem früheren Posten abgerufen und in ein entferntes Städtchen des Kinzigtales, später als Amtsrat nach Hüfingen versetzt worden. Ein regelmäßiges Jahresgehalt sollte für die Mühen und übernommene Pflege entschädigen.

Nachdem sich dieser Knoten im Leben des jungen Herrn Tolberg so befriedigend gelöst, hatte er der Stimme der Vernunft und der seines Vaters so weit Gehör gegeben, daß er für gut fand, sich wieder zu verheiraten. Es war begreiflich eine vorteilhafte Partie, eine Heirat nach der Mode. Ein Sohn, dieser Verbindung entsprossen, wurde in Paris erzogen. Nach dem Tode des alten Fabrikherrn aber waren die Bande der ehelichen Liebe bereits schon so lose geworden, daß eine beiderseits gewünschte Trennung des Paares erfolgte.

Die Vorläufer der Revolution hatten sich eingestellt. Man weiß, welch ein Schauplatz von Unfug und Greueln gleich zu Anfang dieses Weltereignisses das Elsaß gewesen. Tolberg war es gelungen, zu rechter Zeit noch einen, wenn auch kleinen Teil seines Vermögens nach Basel in Sicherheit zu bringen. Zur Flucht aber wollte er sich nicht entschließen, wie viele Freunde ihm auch das Beispiel dazu gegeben.

Da geschah es eines Tages, als er kurz vorher einen anonymen Warnungsbrief erhalten, daß ein ungebetener, lange nicht mehr gesehener Gast vor den ernstnachdenklichen Fabrikherrn trat. Es war ein verwahrloster, wildaussehender Mensch, nicht mehr jung. Auf dem schwarzen Filzhütlein, welches er beim Eintritt in das Wohnzimmer kaum ein wenig beiseite gerückt, prangte eine große dreifarbige Kokarde; eine schlotterig umgeschlagene Halsbinde verbarg Hals und Kinn, halbzerrissene, gestreifte weiße Pantalons, ein blautuchenes Militärkolett mit rotwollenen Epauletten bezeichneten einen Neufranken, der Dialekt aber, in welchem sich der branntweinduftende Bruder an den Hausherrn wendete, einen verkommenen Deutschen.

„Bon jour, lieber Schwager!“ lautete die Begrüßung. In merklicher Unruhe und mit einem Blick des Unwillens auf den Sprecher erhob sich Tolberg, ohne etwas zu erwidern. „Ich weiß“, fuhr der Eingetretene in maliziösem Tone fort, „daß ich hier, bei meinen lieben Verwandten, immer gerne gesehen und mit Ungeduld erwartet werde.“ „Du kommst“, fuhr Tolberg heraus, „jetzt gerade sehr ungelegen.“ „Ungelegen?“ wiederholte der andere höhnisch, „ich, der Dieter, das Genie, wie man mich früher zu nennen beliebte.“ „Zu oft schon hast du meine Güte mißbraucht mit deiner Zudringlichkeit.“

„Oho“, brauste Dieter auf, denn er war es wirklich, „aus dem Ton beliebt man aufzuspielen – ich bin jetzt der zudringliche Lump? – Ah, richtig, ich hab ja keine hübsche Schwester mehr, mit welcher sich der Herr en passant verlustieren könnte – doch jene Zeiten sind vorüber, und jetzt wirft man den Dieter in den Winkel wie einen durchgetretenen Stiefel. – Ah foudre!“ schrie der halbbetrunkene Altgeselle in anscheinender Erbosung, „verdammter Royalist; Kerl! ich spieß dich wie ein zappelnder Frosch!“ Er hatte aus einem Knotenstock, den er in der Linken hielt, einen Stockdegen gezogen und die spitze Klinge dem zitternden, erblassenden Tolberg auf die Brust gesetzt.

„Doch halt! Du dauerst mich – Schwager, du steckst in böser Haut – und der gutmütige Dieter, dem man schon so oft in diesem Haus die Tür gewiesen, das gutmütige Bruderherz kommt, um dich zu verwarnen. – Schau, die Axt ist am Baum – der Klub in Schlettstadt hat deinen Untergang beschlossen – bin ich nicht sein Mitglied – und ist nicht sein Vorstand mein deutscher Landsmann aus dem Badischen? – Wenn Monsieur Tolberg, der Aristokrat, nicht heut abend noch vor Sonnenuntergang das Felleisen schnürt, so“ – hier fuhr Dieter mit dem Finger quer über den Hals. – Tolberg erblaßte. „Schau“, fuhr der Klubist fort, „Dieter, das Genie, hat so spekuliert: du warnst den sorglosen Schwager und hilfst ihm in der Eil einige Trümmer seines Reichtums retten. – Fraternité, egalité, brüderliche Teilung – auch dem Republikaner liegt das Hemd näher als der Rock!“

Ehe jedoch Tolberg etwas auf diesen Vorschlag entgegnen konnte, wurde die Türe des Gemaches aufgerissen, ein Diener stürzte herein: „Rettet Euch, Herr, wir sind verloren!« keuchte der Mann. – Als wär eine Bombe in das Haus gefallen, also wirkte diese Hiobsbotschaft. – Sei es, daß man sich zu einer Flucht schon länger versehen – Tolberg eilt in das anstoßende Kabinett, reißt einen Koffer auf, nimmt daraus eine Schatulle und verschwindet durch ein zweites Zimmer – sein Diener hinter ihm her.

Dieter, wie ein Rüde, dem die nahe Beute entrinnt, stürzt den Flüchtigen nach, Tolberg und der treue Diener durcheilen den anstoßenden Garten, übersteigen die Mauer und gelangen glücklich ins Freie. Der Ort war aber schon umstellt von den Sendlingen des Schlettstadter Klubs. – In dem Augenblick, als der zu Tod erschrockene Fabrikherr mit seinem Diener querfeldein gegen ein nahes Gehölz sich wenden will, vertritt ihnen Dieter den Weg – wie eine Katze war er hinter den beiden her über die Mauer geklettert.

„Halt!“ schrie er mit vorgehaltener Klinge. „Die Schatulle, das Geld – so entkommst du mir nicht!“ Eine Minute verloren und alles verloren. – Tolberg wirft die hemmende Last von sich – aber vom Garten her nahen Stimmen – sie waren entdeckt. – Einige Schüsse krachen. – „Ich hab mein Teil!“ röchelt Dieter, vorwärts aufs Angesicht fallend über die Geldkiste, die er eben im Begriff war aufzuheben. Die andern rennen gegen den Wald, aber auch von dieser Seite kommen Bewaffnete, schneiden ihnen den Weg ab und bringen die Flüchtlinge zur Haft.

Tolbergs Güter wurden konfisziert, er selbst in den Kerker geworfen. Das über dem Haupte des Unglücklichen schwebende Fallbeil sollte übrigens sein Opfer nicht erreichen. Tolberg hatte Mittel und Wege gefunden, aus dem Gefängnis zu entkommen. Ein ehemaliger Handelsfreund verbarg ihn in seinem Hause; nachts führte ein vertrauter Knecht den Verkleideten aus der Stadt. – Als Tolberg beim Scheine einer Straßenlaterne dem stummen Führer ins Gesicht schaute, erschrak er innerlich – er glaubte Kolumban, den ehemaligen Köhlerknecht des Forbachklaus, vor sich zu sehen. – Beim Abschied wollte er ein Geldstück in die Hände des Führers drücken – der Mann wies es von sich. – „Ich kenn Euch“ – sagte er trocken zu dem Flüchtling, „behaltet in Gottes Namen, was Ihr habt.“ –

Nach wochenlangem Umherirren war es Tolberg gelungen, Nizza zu erreichen. Ein toskanisches Handelsschiff, welches nach Livorno segelte, nahm ihn auf. Am zweiten Tage der Fahrt aber wurde das Schiff von algerischen Korsaren angegriffen, genommen und nach Oran gebracht. Das Los Tolbergs wie all seiner Gefährten war die Sklaverei.

Zu harter Feldarbeit angehalten, hatte der Unglückliche jetzt Muße genug, während manchen schlaflosen Nächten sein bisheriges Leben zu überblicken. Ein Strahl bessernder Selbsterkenntnis mußte in sein Inneres gefallen sein. Seine Hände falteten sich oft zum Gebet – und wenn ihn sein Geschäft an den Meeresstrand führte, blickte er tränengefüllten Auges über die endlose Flut, die ihn trennte von allem, was ihm einst angehört.

Es waren viele Jahre verflossen, der Sklave hatte seinen Herrn gewechselt, und sein neuer Dienst führte ihn bisweilen in das sardinische Konsulatsgebäude. Dort gelang es ihm, Verbindungen zu knüpfen und endlich durch die bereitwillige Vermittlung des humanen Konsuls aus Deutschland sich die nötigen Gelder zu seinem Loskauf zu beschaffen.

Der Freigelassene hatte seinen Weg zunächst nach Italien genommen und nach glücklicher Fahrt in Civitavechia gelandet, gerade in dem Augenblick, als zur Feier eines christlichen Festtages hehres Geläute von den Türmen der Hafenstadt erschallte. – Überwältigt von dem Eindrucke dieses lange nicht mehr gehörten Klanges, fiel der Pilgrim auf sein Antlitz, und Tränen benetzten den Boden. – Sein nächstes Reiseziel war Rom. Von da pilgerte er weiter der Schweiz zu, wo jedoch sein Aufenthalt nicht länger dauerte, als es zum flüchtigen Ordnen seiner Vermögensverhältnisse vonnöten gewesen.

Hier erfuhr Tolberg denn auch das Schicksal seines in Paris zurückgebliebenen Sohnes; er war bald nach der Flucht des Vaters als ein Opfer der Revolution gefallen. Jetzt wanderte der Pilger rastlos dem Schwarzwalde zu, denn in die Heimat und die früheren Lebensverhältnisse zurückkehren mochte er nun nicht mehr. Nachdem Tolberg, wie wir gesehen, den alten Schwiegervater noch am Leben gefunden, galt der nächste Besuch der verwitweten Amtsrätin.

Die gute Frau konnte ihren Augen kaum trauen, als sie den längst Verschollenen vor sich sah, von dem sie nur wußte, daß er dem Blutgerüste entkommen und geflüchtet wäre. Stets noch auf die mögliche Rückkehr des Geächteten hoffend, hatte sie, dem gegebenen Worte treu, immer noch gezögert, die Pflegetochter mit ihren Verwandten auf dem Walde bekannt zu machen. Das Fortziehen des Mädchens aber zur befreundeten Familie durfte der Frau um so unbedenklicher scheinen, als es überhaupt nicht in ihrer Macht gestanden, solches zu verhindern. Zudem waren die Jahresgelder, welche man sonst regelmäßig bezogen, seit dem Verschwinden Tolbergs ausgeblieben.

Dokumente über Heimat und Abkunft der Pflegetochter, welche der Amtsrätin früher schon durch den alten geistlichen Herrn eingehändigt worden, hatte die Frau, für den Fall unerwarteten Todes, bei Gericht niedergelegt. Eben war Helena den Ihrigen bei einer Feldarbeit behilflich, als sie mit dem Bedeuten nach Hause gerufen wurde, daß der Bruder ihres unbekannten Vaters, dem sie manches zu danken habe, auf Wildenstein angekommen sei und sie alsogleich zu sprechen wünsche.

In ihrer ländlichen Kleidung, die Ärmel aufgeschürzt, betrat das Mädchen die mittelalterliche Verwalterswohnung, wo Tolberg ihrer harrte. – Bei diesem Anblicke Helenens ward der Vater fast sprachlos, er glaubte, Johanna vor sich zu sehen. – Helena aber eilte mit liebenswürdiger Hast auf ihn zu, ergriff seine Hand und bedeckte sie niedergebeugt zu seinen Füßen mit Küssen. „Gott, der Vergelter alles Guten“, sprach sie mit bebender Stimme, „lohne Ihnen alle Wohltaten, die Ihre Güte einer Waise in so reichlichem Maße gespendet!“

Kaum fühlte der alte Herr noch genug Kräfte, das dankbare Kind aufzurichten und an sein Herz zu drücken. – „Keine Waise“ – rief er, „meine Tochter, mein gutes geliebtes Kind!« Vater und Tochter umfaßten sich und hielten sich in langer, sprachloser Umarmung. – Als nach diesem Wiederfinden die Frau Amtsrätin in die Stube trat, flüchtete sich Helena aus der Umarmung des Vaters an die Brust der Pflegemutter; und in Liebe, Dank und elterlicher Wonne schlugen drei bewegte Herzen.

Ein neuer schöner Tag für Helena war derjenige, welcher sie in das Tal zurückführte, wo ihre Wiege stand, zu ihren Verwandten und vor allem in die Arme der leiblichen Schwester ihrer seligen Mutter. Dem alten Klaus war jetzt noch die Freude beschieden, seiner Enkelin, der Tochter der unvergeßlichen Johanna, noch einmal ins Gesicht zu schauen. Mit besonderer Freundschaft und Innigkeit schloß sich auch Florentina an die bräutliche Helena an.

Was aber soll ich erzählen von Vater Mathias, von Mutter Anastasia? Im Sohne sah der Vater alle Hoffnungen erfüllt, und in Helena hatte die Mutter eine liebende Tochter, eine Pflegerin ihres Alters gefunden. Zum Sitze häuslichen Glückes war die niedere Hütte des greisen Paares geworden, welches bisher so mutig unter allen Lebensverhältnissen ausgeharrt. – Hieronymus hatte im Frühjahr in der Nachbarschaft ein Haus gekauft und vollständig sich darin schon eingerichtet. Von der Hochzeit unseres Brautpaares mag nur soviel berichtet werden, daß das familiäre Mahl in der Mühle stattgefunden.

Severin, unseres Meisters erprobter und langjähriger Freund, war seit einiger Zeit schon zu ihm auf den Wald gezogen. – Der Aufenthalt in der, wie er meinte, so geräuschvollen Stadt an der Land- und Heerstraße war ihm verleidet. Sprach man ja doch allenthalben schon wieder von einem Kriege. Und der Junggeselle fürchtete nichts so sehr, als wieder Einquartierung zu bekommen. – Als Gehilfe und Mitarbeiter im Geschäfte der Schildmalerei war es vorzüglich die Aufgabe des kunstgeübten Altgesellen, die Gestelle oder Kasten der Spieluhren zu erbauen, zu schnitzen und in allerlei Art und Weise zu verzieren.

Durch Severin nun und Romulus war die geräumige Müllerstube für das Hochzeitsmahl bekränzt und mit passenden Inschriften geschmückt worden. Ein freundliches Geschick führte noch einmal alle unsere Bekannten hier zusammen. Wir sehen bei der fröhlichen Feier den Großvater, die Eltern und Pflegeltern der Brautleute, die Kinder von Helenens Pflegemutter, den Onkel Stabhalter mit Frau und Töchtern, Dionys und Florentina sowie den Laubhauser; unten am Tisch Philipp und Juliana, Peter und sein Agathle, den Kaiserzoller und sein Weib. – Der Feldwaibel als Veteran, mit dem wohlverdienten Ehrenzeichen auf der Brust, Frau Annakäther, die es sich jedoch nicht nehmen ließ, heute das Mahl bereiten zu helfen, der greise Schulmeister Bachweber, Severin und Romulus waren die andern Festgenossen.

An der Tafel sah man den letzteren eifrig beflissen, Platz zu finden neben Martina, der Herzenserkorenen, der zweiten Tochter des Stabhalters. Dieser war anfangs der Werbung des Normalschullehrers um sein Töchterlein nicht sonderlich hold gewesen; aber Juliana, gleichsam austilgend den Auftritt beim Ausmarsch ihres Landsturmmannes, war des Bewerbers eifrige Fürsprecherin beim Vater geworden und hatte diesen auch glücklich umzustimmen gewußt; und Romulus hatte die Freude, heute beim Mahl sich vom Stabhalter als Bräutigam und künftigen Schwiegersohn proklamiert – und von allen herzlich beglückwünscht zu sehen.

Etwas später erschien auch der junge Herr Pfarrer im Brauthause. Der alte geistliche Herr war bereits vor einigen Jahren heimgegangen und der Neffe ihm im Amte gefolgt. Der Verwalter von Wildenstein und das Bäbele, seine Frau, hatten der persönlichen Einladung der Brautleute leider keine Folge geben können, diese dagegen ihnen versprechen müssen, ihre Hochzeitsreise ins Donautal zu machen.

Wenn es wahr ist, daß verklärte Geister noch teilnehmen an den Leiden und Freuden der Lieben, welche sie hier zurückgelassen, wahrlich, so mußte es heute geschehen, wo Tolbergs Blicke oft und ausdrucksvoll auf der lieblichen Gestalt der Braut hafteten und das Bild der seligen Johanna vor seine Seele trat. Wenn in zweier Freundinnen Herzen je ein wehmütiger Gedanke sich einmischte, so war es die kindliche Treue, mit welcher Helena und Florentina dem Angedenken geliebter Toten ein stilles Opfer brachten.

Es muß angenehm gewesen sein, dies Opfer, denn der Geist ungetrübter Seelenheiterkeit schien fortwährend sich niedergelassen zu haben über alle, die da anwesend waren beim Festmahle. Allen war es, als gehörten sie einer Familie an, deren Glieder nach langer Trennung sich glücklich wiedergefunden.

Severins schön geschriebene Verse an der Stubentüre, an welcher zwei goldene, mit Rosenketten verschlungene H prangten, wurden zum eigentlichen Wahrspruch des Festes:

„Einigkeit, ein festes Band,
Halt zusammen Leut und Land;
Wenn all Uhren zugleich schlagen ein,
Wird Fried in allen Landen sein!“

Fahne der Jakobsbruderschaft

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Bildstock zu Ehren des Stadtpatrons St. Jakobus von Bernhard Wintermantel 1987

Hier geht es zu Kapitel 24:

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Die Wanderjahre
Neuigkeiten aus der Heimat
Mater dolorosa

Hieronymus Kapitel 22

Die Wanderjahre – Neuigkeiten aus der Heimat
Mater dolorosa

Es war in den ersten Tagen der Pfingstwoche, als Hieronymus mit den besten Zeugnissen von seinem Meister schied, um noch zwei Tage bei den Eltern zuzubringen – und dann die Wanderschaft anzutreten.

„Geld und Geldswert“, sagte der Vater beim Abschied, „können wir dir nit mitgeben. Sei fleißig und rechtschaffen – hab Gott vor Augen – und schick dich nach de Leut und – hast’s g’hört – schreib auch bald.“ Die Mutter aber, nachdem sie sein Felleisen sorglich mit dem Nötigsten versehen, legte obenauf noch ein hübsch eingebundenes Gebetbüchlein, das sie von einer Wallfahrt mitgebracht, die sie für das Wohlergehen des Sohnes zur Bildtanne nach Triberg unternommen hatte. „Halt’s in Ehren!“ bat sie und hielt ihm dann noch eine Vorlesung über die mitgegebenen Kleider und Weißzeugstücke und was alles noch nachgeschickt werden solle, wenn er einmal einen festen Platz haben werde – und ja nicht zu übersehen – unten im Felleisen werde er, für Notfälle, Nadel, Faden und Fingerhut finden, auch ein Dutzend Knöpfe; und sobald die Leinwand von der Bleiche komme, werde sie ihm noch ein halbes Dutzend neue Hemden anfertigen.

Ein Felleisen ist ein lederner Rucksack, der früher von Handwerksgesellen auf Wanderschaft getragen wurde.

Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen

Auf dem Hof hatte Hieronymus die Tochter Florentina nicht mehr getroffen. – Sie war über die Feiertage auf Besuch zu ihren Verwandten, den Kaiserzollers, gegangen. – Der Hofbauer hatte dem Jüngling zur bevorstehenden Reise viel Glück und Segen gewünscht, die gute Hausfrau jedoch den Scheidenden bis vor die Türe begleitet und ihm in der Hausöhre noch ein paar Taler in die Hand gedrückt.

Beim Bachweber war des Gesellen letzte Beurlaubung. „Nimm auf deiner Wanderschaft“, sagte der alte Lehrer, „den Eulenspiegel zum Muster; ist’s bergan gegangen, hat er gelacht; ist’s aber abwärts gegangen, war er betrübt; denn, hat er gemeint, wenn es mühselig die Steig naufgeht, freu ich mich, weil ich denk, es werd auf der andern Seiten auch wieder abwärts gehen – und so umgekehrt. Auch du wirst auf deinem Wanderleben nit immer ebene Weg und Straßen antreffen, wirst steile Berg und tiefe Abgründ finden. – Verlier den Mut nit. Geh gradaus, weich nit ab vom rechten Weg, dann wirst du am sichersten zum Ziel gelangen.“ Und mit diesen Worten hatte der Alte aus dem Wandkästlein ein Büchslein genommen, nicht viel größer als eine Welschnuß, worin er das Schulgeld aufzubewahren pflegte. Er fischte zwei blanke Silberlinge heraus, reichte sie seinem ehemaligen Schüler mit den Worten: „Da – trink auf’s Wohl deines alten Lehrers – wenn er dir schon nit viel hat geben können, so war’s doch gut gemeint.“

Im „Felsen“ hatte das ehemals so anhängliche Kleeblatt sich noch ein Stelldichein gegeben. Auch Stoffel hatte versprechen müssen, sich einzufinden, er kam aber nicht. Dionys, zutunlicher denn je, machte den splendiden Wirt. Die Florentina und er, versicherte er den reisefertigen Freund, hätten die Zeit her oft von ihm gesprochen; sie hab immer gehofft, sie werd ihn auch noch sehen und ihm Adje sagen können. – Beim Scheiden war zwischen Hieronymus und Romulus ein fortdauernder Briefwechsel verabredet worden.

Früher hatte Hieronymus immer sich der Hoffnung hingegeben, Severin werde, den alten Plänen getreu, mit ihm ziehen auf die Wanderschaft. Daran aber war in der letzten Zeit nicht mehr zu denken gewesen. Der Gute war im Begriff, immer mehr – wie man zu sagen pflegt – sich einzudeckeln. Alle Lust und Freude an der Außenwelt war ihm vergangen. Die gewaltigen Ereignisse und Umgestaltungen der französischen Revolutions- und Kriegszeit, alles, was er sah und hörte oder zufällig einem Zeitungsblatt entnahm, hatte bei dem ohnehin zum enghäuslichen Stilleben geneigten Junggesellen den Glauben erzeugt, es gehe abwärts mit der Menschheit und es müsse nächstens ein noch größeres Strafgericht über sie hereinbrechen. – Selten mehr verließ er sein Stüblein und die Werkstatt. Sein frugales Mahl bereitete er sich selbst; und im Küchelein herrschte eine Ordnung und Reinlichkeit, wie sie die Hand auch der pünktlichsten Magd oder Hausfrau nicht größer herzustellen vermocht haben würde.

Der Gedanke ans Heiraten war aufgegeben. Severin schauderte bei der Vorstellung, die Erwählte könnte sich hinterher als unordentliche Hausfrau und als schlechte Köchin entpuppen. – „Ich mein“, hatte er einmal zu Hieronymus gesagt, als von diesem Kapitel die Rede gewesen, „auch die feurigst Liebe müß abkühlt werden, wenn die Frau als Sudelköchin dem Mann das Essen anricht!“ – Nicht minder Respekt hatte der sparsame Mensch vor solchen Gemahlschaften, bei denen die schönere Hälfte im Gefühl ihrer Batzen und sonstigen außerordentlichen Eigenschaften sich gewissermaßen für ein Juwel hält, dem ihr geplagter Pantoffelheld höchstens nur zur Fassung und Folie dienen soll. – Im Gegensatz zu solch einem Hausstand schien ihm sein Stüblein ein kleines Paradies zu sein, das er – als zufriedener Adam ohne Eva – recht gern jeden Morgen selbst auskehren und alle vier Wochen einmal eigenhändig auf waschen und fegen wollte.

Das Häuslein, in dem er so lange Zeit schon wohnte, hoffte Severin – wenn fortan jetzt Friede bleiben würde – dereinst käuflich zu erwerben. Und so fühlte er sich glücklich, zufrieden. Was wollte und konnte er Besseres in der weiten Welt noch suchen und finden?

Unser Wandergeselle hatte den Weg ins Schwäbische genommen. Im Kloster Marchtal fand er die erste Beschäftigung. Von da ging’s nach Ulm. Vom Nachfolger des verstorbenen Oberamtrats in Hüfingen war ihm durch Vermittlung des Meisters Amtsdiener ein Schreiben dorthin mitgegeben worden an den Wirt „Zum goldenen Greifen“, wo zu Kreiszeiten die Bevollmächtigten der Höfe Baden-Durlach und Fürstenberg Quartier zu nehmen pflegten. Der jetzige, zum Rat beförderte Amtmann, hatte als Gesandtschaftssekretär mehrmals längere Zeit dort gewohnt, und es war zu hoffen, daß der Greifenwirt, als geborener Ulmer, dem angehenden Handwerksgesellen mit Rat und Tat an die Hand gehen und Arbeit verschaffen werde. – Und wirklich gab er sich auch alle Mühe, dem gut empfohlenen Gesellen einen Platz ausfindig zu machen; allein es wollte nicht gelingen; die Geschäfte stockten, weil niemand recht dem Frieden traute. Der Name Bonaparte, der durch seine Siege in Italien die Welt in Staunen versetzte, schwebte auf aller Lippen. – Trotzdem tat’s der Wirt nicht anders, Hieronymus mußte ein paar Tage lang sein zechfreier Gast sein, um doch wenigstens die Merkwürdigkeiten der alten freien Reichsstadt in Augenschein nehmen zu können.

Der zweite Tag nach des Gesellen Ankunft war der Schwörtag des neu erwählten regierenden Bürgermeisters. Und so hatte er Gelegenheit, den Aufzug sämtlicher Zünfte nebst dem städtischen Offizierkorps zu sehen.

Hieronymus in Ulm
Über Ulm, den Schwörtag, das Rathaus und auch das Münster läßt sich vieles schreiben. Für alle interessierten verweise ich auf die überaus interessanten Seiten des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben.

Am folgenden Tage wurde – zum erstenmal wieder seit Beginn des Krieges – das große Fischerstechen auf der Donau abgehalten, welch lustiger Wettkampf der Fischer- und Schifferzunft für Hieronymus ebenfalls ein ganz neues Schauspiel war.

Schon in Marchtal, wo er den Strom so mächtig daherfluten gesehen, war er nicht wenig stolz geworden auf seinen schwarzwäldischen Landsmann, der einst, sozusagen ein Kind noch, dem Kinde stets so viel Lust und Vergnügen bereitet. Wie oft hatte er als Bube, im Bade auf den glatten Kieseln und dem beweglichen Fischgras liegend, die murmelnde, sonnige Welle über sich hingleiten lassen! – Jetzt, in Ulm, hätt‘ er’s – obwohl ein leidlicher Schwimmer – nicht mehr gewagt, dem so groß und stark gewordenen Jugendfreund sich in den Arm zu werfen.

Auch noch ein weiteres Vergnügen verschaffte der Greifenwirt seinem Gaste, den freien Eintritt in das städtische Komödienhaus, wo zum Schluß des Festes eine Vorstellung stattfand. Schon einmal war ihm das Glück zuteil geworden, einen Blick tun zu dürfen in diese Zauberwelt. Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen. Natürlich, daß sämtliche Hausfreunde des Verwalters der Vorstellung beiwohnten; und auch Hieronymus hatte durch seinen Meister Zutritt erhalten. Ein Marionettentheater war alles, was er bis dahin von der Bretterwelt gesehen, und wenn er damals diesen Maßstab auch nicht gerade in das Hoftheater mitgebracht, so wurden durch alles, was er dort zu sehen und zu hören bekam, seine Erwartungen und Vorstellungen doch so sehr übertroffen, daß er wie ein Verzückter aus dem Musentempel heraus und nach Haus gekommen war.

Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen.

An früherer Stelle habe ich erwähnt dass der „Verwalter“ der Großvater von Lucian Reich war. So ist mit dem „Söhnlein“ der Onkel von Lucian Reich gemeint, also der Bruder seine Mutter. Der Bruder von Maria Josefa Reich (18. März 1788 -12. November 1866) war Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 in Hüfingen – 7. August 1837 in Hüfingen), der Gründer des Cäcilienvereins in Frankfurt a. M..
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Johann Nepomuk Schelble (1789 -1837)
Zeichnung von unbekannt.

Die Wiederholung dieses Hochgenusses bot unserm Gesellen jetzt um so mehr Interesse, als sämtliche Maschinen und Dekorationen nebst dem Vorhang kürzlich erst durch Künstler, welche ihre Ausbildung der berühmten Karlsschule zu Stuttgart verdankten, neu beschaffen worden waren. Namentlich war es der Vorhang, der alle Welt in Bewunderung versetzte und auch unsern Malergesellen nicht wenig staunen machte. Da sah man die Philosophie mit der „Person, welche“, wie die Ankündigung besagte, „Ulm vorstellte, von der Theorie und dem Nutzen der Schauspiele“ sich unterhalten, während der, als Flußgott gebildete Donaustrom, in Gesellschaft von Nymphen, Musen und Göttern, dem höchst interessantesten Diskurs aufmerksam zuhörte. – Das Stück selbst, in welchem eine unglückliche Liebe vorkam, rührte den guten Burschen zu Tränen. – Wie ein Träumer und Nachtwandler kam er nach dem Schlusse in den „Greifen“ zurück – und konnte gar nicht begreifen, wie die Bürger dort beim Schoppen von so ganz alltäglichen Dingen sich unterhalten konnten.

Bevor Hieronymus die altertümliche Reichsstadt verließ, besichtigte er auf Zureden seines Wirtes noch das Rathaus. – Bekanntlich herrschte bei unsern Altvordern das löbliche Bestreben, öffentliche Gebäude, zumal Rathäuser, mit Werken der Kunst und Sehenswürdigkeiten überhaupt zu zieren – oder, wo solche vorhanden, wenigstens doch zu erhalten.

Konnte das hiesige Rathaus mit seinen immerhin schönen, gotischen Fenstern und zackigen Giebeln auch keinen Vergleich aushalten mit dem Augsburger – welches Hieronymus bald nachher zu bewundern Gelegenheit hatte -, so sah er doch viel Schönes und Merkwürdiges daselbst, sowohl in der großen Ratsstube, wo vordem die Bürger dem Kaiser gehuldigt, als auch in dem Gemache, wo die Deputationen der Kreisstände sich zu versammeln pflegten: zierliches Getäfel, herrlich leuchtende Glasgemälde, die Wappen alter Ratsherren aus den Geschlechtern darstellend, Bildnisse berühmter Männer und geschichtliche und allegorische Gemälde mit Reimsprüchen, welche die Wände schmückten. Das schöne Gitterwerk am Ofen der Ratsstube sowie der in Bronze gegossene Kronleuchter allda gaben Zeugnis vom hohen Stande einstiger heimischer Kunstfertigkeit. – Auch das Zeughaus, d. h. die dortige reichhaltige Modellkammer (das Zeughaus selbst war bei Beginn des Krieges durch die Kaiserlichen vollständig geleert worden) bekam der Geselle auf Verwendung seines gefälligen Wirtes zu sehen. Er bewunderte da eine Menge von Rissen und Zeichnungen öffentlicher Gebäude aller Länder, Modelle kunstreicher Brücken, Mühlen und Maschinen sowie eine Sammlung von Nachbildungen deutscher und holländischer Festungen.

Wochenlang hätte Hieronymus in Ulm bleiben mögen, um alle Sehenswürdigkeiten mit Muße betrachten zu können. Aber er fürchtete seinem Wirte überlästig zu werden; und so schied er mit herzlichem Dank für die freundliche Bewirtung – nachdem er noch das Münster besichtigt und – zum Andenken – einen neuen Ulmergulden eingewechselt hatte. – Früh morgens, als eben der Kuhhirt blies und groß und klein zum Tor hinaustrieb – verließ er die Stadt, um Augsburg zuzuwandern. Dort, in der reichen Handelsstadt, gab es Arbeit; und der Geselle legte für längere Zeit sein Felleisen nieder.

Wie Bachweber vorausgesagt, fand er im Verlaufe seine Wanderlebens Berge und Täler, Erfreuliches und Trübes, aber sein Mut und sein Eifer blieben allen Hindernissen gewachsen: „Duck dich, laß vorüber gahn, das Wetter will seinen Willen han“, hieß es in dem „guldenen ABC“, welches ihm sein Vater als moralischen Wegweiser mit auf die Reise gegeben hatte.

Mit Fleiß und Beharrlichkeit strebte er in seinem Fache vorwärts; keine Mühe war ihm zuviel, wenn es sich darum handelte, etwas Neues zu lernen oder im Alten sich zu vervollkommnen. Geselligkeit und frohen Lebensgenuß floh er nicht; wenn ihn jedoch der Strudel einmal zu weit fortreißen, fast leichtsinnig machen wollte – denn auch die beste Uhr schlägt zuweilen einmal ein Viertel zuviel -, so besann er sich sogleich wieder – und gedachte der Seinigen daheim, welche in Mühsal und Not sich durchs Leben zu schlagen hatten. – Erfahrung lehrte ihn Vorsicht. Doch wenn er sich auch oft getäuscht fühlen mußte in der guten Meinung, die er zur Zeit noch von allen Menschen hegte, so fand er hinwieder im fremden Lande Freunde und Freundeshilfe, wo sie am wenigsten zu vermuten gewesen.

Nahezu zwei Jahre verbrachte er in der kunst- und gewerbereichen Reichsstadt. Von Zeit zu Zeit schrieb er nach Hause, und zuweilen waren diese Sendschreiben auch mit etwas Silber beschwert. Neben diesem Briefwechsel mit dem Vater unterhielt Hieronymus noch einen zweiten mit Romulus, dem stets pflichtgetreuen Berichterstatter des Neuesten aus der Heimat. – War das Ankommen solcher Briefe für den Sohn und Freund immer ein Gegenstand freudiger Aufregung, so geschah das Öffnen derselben doch nicht ohne ein gewisses banges Nebengefühl, welches nicht weichen wollte, bis er die Zeilen überflogen und die Beruhigung geschöpft hatte, daß zu Haus alles gut stehe. – Vielleicht glaubte er auch auf eine Nachricht stoßen zu müssen, auf welche er zwar gefaßt war, wovon er übrigens nicht recht wußte, ob er sie endlich herbeiwünschen solle oder nicht.

Seit Jahr und Tag war dem geheimen Korrespondenten der Name Florentina nicht mehr aus der Feder geflossen; da meldete er eines Tages die – Verheiratung der Hofbauerntochter Florentina mit dem Handelsmann und „Packer“ Dionys. „Er hat schon“, hieß es in dem Schreiben, „im vorletzten Herbst förmlich um sie angehalten; der Vater und die Verwandten hatten zugesprochen, das Mädchen aber sich ein Jahr Bedenkzeit ausgebeten – endlich hatte sie nachgegeben. – Hat sie vielleicht auf einen Ritter gehofft, der aus fremden Landen, etwa aus dem Schwäbischen kommend, sie vom Scheiterhaufen befreien würde? Der Laubhauser hat Verwandte von nah und fern zur Hochzeit eingeladen und in jede Hütte der Gemeinde Wein und Brot geschickt: die Leute sollen wissen, sagte er, daß der Laubhauser heut ein Fest feiert.“ Der Stabhalter, hieß es weiter, sei an selbigem Tag kreuzfidel gewesen und habe schon bei der Morgensuppe, wo er den Kaffee aus einem Milchbecken getrunken, seine gewohnten Späße zum Besten gegeben usw.

Lange schon hatte der Geselle ausgelesen, aber noch hielt er unbeweglich den Brief mit beiden Händen. Da hob sich die Brust, und ein tiefer Atemzug erleichterte die Last des gepreßten Herzens. Ein halb entwurzelter, ausgerissener Baum grünt und blüht wohl noch eine Zeitlang fort, genährt von Tau und Luft, bis ein Windstoß ihn gänzlich zu Boden wirft. – Also ein anhänglich liebendes Gemüt.

Der Schluß von Romulus‘ Brief hatte noch eine Nachricht enthalten, von welcher Hieronymus unter andern Umständen schmerzlich berührt worden wäre, die aber jetzt eine fast entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte, eine Art Trutz gegen das Schicksal. Es war nämlich die Nachricht von dem Tode des alten Stoffel, welchen man eines Morgens tot in seiner Hütte gefunden.

Der treue Dachshund lag zu den Füßen des Leichnams und wollte keinen Menschen sich diesem nähern lassen. Die Hütte stand seitdem leer, niemand mochte sie bewohnen.

Des andern Tages nach dem Empfang dieser Nachrichten hatte unser Geselle zum erstenmal in seinem Leben einen „Blauen“ gemacht, jedoch keineswegs bei Spiel und Wein, sondern in blauer, frischer Luft. Frühe schon war er aufgestanden, hatte sich, damit die Nebengesellen ihm nichts ansehen sollten, am Brunnen die Augen gewaschen, und dann die Werkstatt betreten. Zu arbeiten aber war ihm unmöglich; er kleidete sich vollständig an, wanderte hinaus vor das Tor, durch Felder und Gründe, durch Dörfer und Wälder und kehrte des Abends ziemlich versöhnt, in äußerlich beruhigter Stimmung nach Hause.

Der Aufenthalt in Augsburg aber blieb von jenem Augenblick an dem Gesellen verleidet, er kündigte dem Meister auf und wanderte München zu. Die wenn auch kurze Reise genügte, ihn von allen bösen Wettern, die allenfalls noch im tiefen Schachte seiner Seele gelagert sein mochten, gründlich zu befreien; und der fahrende Geselle betrat die Stadt in einer Stimmung, wie es etwa einem Schwimmer zumute ist, wenn er nach vielem Ringen wieder festen Grund unter seinen Füßen spürt. Ein starkes Band, das ihn an die Heimat gefesselt und heimlich zurückgezogen – er fühlte es jetzt gelöst. In der Fremde wollte und konnte er ja sein Glück machen, auch von da aus dann den Eltern hilfreich sein, sie unterstützen.

Doch was sind Vorsätze, Zukunftspläne! – Auch der stärkste Steuermann vermag ja nichts gegen Sturm und Wogendrang. – Die politische Atmosphäre war – in wie heftigen Schlägen auch die Wetter sich entladen hatten – stets noch eine schwüle – ein dauernder Friede für die nächsten Zeiten nicht zu hoffen. Namentlich unser südwestlicher Winkel Deutschlands sollte sobald nicht zur Ruhe kommen, und fast schien es, als sollten die Prophezeiungen unseres Severin zur Wahrheit werden.

Einigemal schon hatte der Freund dem Freunde geschrieben; und jetzt erhielt Hieronymus wieder ein Brieflein von Severin. Er könne nicht unterlassen, schrieb er, ein paar Zeilen zu schreiben und zu melden, daß es bei ihnen wieder verwirrter und trostloser aussehe denn je. – „ Wie Du wissen wirst, ist es schon wieder losgegangen. Der Franzos will eben mit keinem Nachbar in Frieden leben. Ach, das ist ein trauriger Anblick gewesen die vorige Woche, die Wägen voll Schwerblessierter, so auf dem blutigen Stroh von der Bataille von Stockach her vor’s Zuchthaus hier angefahren sind, wo abermals ein Spital eingerichtet ist: denn die Sträflinge sind ausquartiert und nach dem festen Schloß Wildenstein verbracht worden. Der ganze Vorplatz, das Stiegenhaus und die Gäng und Stuben im untern und obern Stock, alles voll mit Blessierten, überall nix als Ach und Weh. Die französischen Chasseurs, so hat mir der Schwarz Weißgerber gesagt, hätten vor der Schlacht geschworen, sie wollten den östreichischen Kostbeuteln die langen Nasen schon abhauen. Aber ich mein‘, sie haben diesmal ihren Meister gefunden am Erzherzog Karl! – Du kannst Dir eine Vorstellung machen, seit vierzehn Tagen bin ich in kein Bett mehr kommen, weil mein’s belegt ist gewesen mit der Einquartierung. Im Stüblein sieht es aus wie mit der Heugabel durcheinandergeschüttelt. Heut ist der erste Tag, wo wir wieder schnaufen können. – Der Feldwaibel, hieß es am Schluß, „ist seit vorem Jahr schon zum Invalidenkorps versetzt worden. Er und die Annakäther lassen Dich tausendmal grüßen sowie auch des Amtsdieners. NB. Bald hätt ich’s vergessen – der Schwarz Weißgerber laßt Dir sagen, Du sollest ihm doch einen schönen Ulmerkopf schicken, den seinigen hab er verloren durch die Spitzbuben-Einquartierung.“

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Nicht lange – und der Briefbot brachte auch ein Schreiben von Romulus, mit Nachrichten, die unserm Hieronymus schon mehr zu Herzen gingen. Auch Romulus meldete, welch große Drangsale ihnen der diesmalige Feldzug über Wald gebracht. Viele Leute an der Heerstraße, schrieb er, hätten ihre Habseligkeiten in das Tal geflüchtet, in der Meinung, auch jetzt würde der Feind diesen abgelegenen Winkel nicht heimsuchen. Dies müsse verraten worden sein. Die retirierenden Franzosen, die bei Röthenbach und Neustadt ihr Lager gehabt, hätten Spione herübergesandt, und seien dann in hellen Haufen, gleich einem toll gewordenen Bienenschwarm, angerückt, um zu plündern und zu rauben. „Es war anzusehen“, schrieb Romulus, „wie wenn irgendwo Viehmarkt wär, und würden s. v. Ochsen, Kühe, Kälber und Schweine alles fort, zu Markt getrieben. Ein Glück war’s für unser Haus, daß ich just daheim gewesen bin, denn weil ich ein paar Brocken Französisch mit ihnen hab welschen können, so haben sie’s in betreff des Hausrates noch gnädig gemacht; aber dem Vieh im Stall haben sie kein Pardon gegeben.

Koalitionskriege
Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution(1770-1815) von Michael Tocha. Für Hüfingen ist in der Chronik von August Vetter (1984) einiges dazu nachzulesen.

Im Laubhauserhof aber hat’s viel bösere Auftritt abgesetzt; da haben sie nebst alldem noch bares Geld verlangt, und mit „Bougre und andern französischen Titeln dem konsternierten ‚Außvater‘ Peter die Bajonnets auf die Brust gesetzt. Ein Glück für ihn, daß die Bäurin, das Agathle, so resolut gewesen ist und ihnen gleich einen Beutel voll Kronentaler nebst dem Schlüssel zur Speis- und Speckkammer eingehändigt hat. Der alte Laubhauser soll unsichtbar gewesen sein und sich auf dem Heustall unterm Heu verkrochen gehabt haben. – Dem Stabhalter haben sie den Wein im Keller gesoffen, und zwar aus Kübeln und Gelten, und hernach die Fässer eingeschlagen. Wie aber dieses Bachusfest im besten Zug ist gewesen – kam einer auf abgetriebener Mähre dahergaloppiert – allons toutsvite aufgepackt und fort – dem Lager zu. Von der Ferne her krachte es durch die Waldungen. – Was war’s? – Der fürstliche Revierförster Columban, den Du auch kennst, der war’s, der sie so schnell auf die Weichseiten und zur Höllenfahrt getrieben hat. Er wußte, daß die Kaiserlichen schon Bondorf besetzt hatten; er begab sich hin, erbat sich Mannschaft, mit denen er auf Waldwegen beikam – und piff, paff, ging’s über die Piquets und Vorposten her. Alles kam in Alarm und packte auf – dem Höllenpaß zu.

Wie ich nun nachderhand in Euer Haus kommen bin, hab ich Deinen Vater betrübt vor den leeren Kästen und Trögen in der Stube stehen sehen. Die Stalltür fand ich eingeschlagen, die Kuh und die Geiß fort. „Es ist‘, hat Dein Vater mit nassen Augen zu mir gesagt, ,wie wenn wir jetzt erst frisch zu hausen anfangen müßten. – Am meisten aber kränkt es Deine Mutter, daß ihr die Schlingel auch den schönen Ballen Flächsetuch, so sie für Dich gesponnen und umgelegt hat, erwischt haben. ‚Hab immer glaubt‘, sagte sie traurig zu mir, ‚es werd‘ dem Hieronymus einmal die Aussteuer geben. – Wer weiß, was für ein Lumpenkerl nun Staat mit dem Weißzeug machen wird! – Dein Vater aber wünscht und laßt Dir sagen, daß Du je eher je lieber heimkommen möchtest, um ihn zu unterstützen. Er ist den ganzen Winter her kränklich gewesen, und so liegt jetzt die ganze Last allein auf der Mutter.“ – Am Schlusse gestand der Korrespondent, daß er mit den praktischen Ausführungen der neufränkischen Ideen durchaus nicht mehr einverstanden, und von manchem, für das er früher geschwärmt, so ziemlich kuriert worden sei.

Wie stand es nun mit unseres Gesellen hochfliegenden Plänen, sein Glück draußen in der Fremde machen und der Heimat Adjeu sagen zu wollen?

Rief ihn jetzt nicht eine heiligste Pflicht zurück ins Vaterhaus zur Unterstützung der alten Eltern? – Das nächste, was er tat, war, daß er seine Sparpfennige – darunter auch das Goldstück, welches er vor Jahren von der Emigranten-Familie erhalten, samt dem Ulmergulden – zusammenpackte und mit einem Trostschreiben begleitet an den Vater schickte. – So lange, schrieb er, wolle er noch außen bleiben, um seine Wanderjahre vorschriftsmäßig vollenden zu können; was er nebenbei zur Unterstützung des heimatlichen Hauswesens nur immer tun könne, wolle er tun usw.

Mit verdoppeltem Eifer und Fleiß wendete er sich jetzt wieder seinem Geschäfte zu. Er hatte einsehen gelernt, daß die unerbittliche Notwendigkeit den Menschen entweder immer wieder seiner Pflicht – oder dem Abgrund zuführen müsse. – In München hatte er vollauf Gelegenheit, im Fache sich weiter auszubilden und Kenntnisse aller Art zu erwerben. – Und schon gegen den Herbst hin erfreuten ihn auch wieder bessere Nachrichten von daheim.

Das Unheil im Haus hatte sich später denn doch minder groß herausgestellt, als es im ersten Schrecken den Anschein gehabt. Manches, was versteckt gewesen, wurde wieder gefunden, anderes, was die Plünderer auf dem Wege als unnütz oder lästig befunden, weggeworfen, war wieder beigebracht worden. Und selbst die Kuh stand längst wieder gesund und munter im Stall.

Die Franzosen, schrieb der Vater, hätten, als sie das Schießen vom Überfall des Försters gehört, das Tier, das ohnehin nicht gut französisch gesinnt und nur mit Gewalt fortzubringen gewesen, alsbald im Stich gelassen. Verwildert sei dasselbe mehrere Tage im Wald herumgelaufen, endlich aber glücklich wieder eingefangen worden. – Und was das erfreulichste war, auch die Gesundheit des Vaters hatte sich wieder gekräftigt; dies und die Unterstützung des Sohnes benebst einer guten Ernte hatten den Hausstand bald wieder auf den alten Stand gebracht. Und so schrieb der Vater, er sei ganz damit einverstanden, wenn Hieronymus noch ein paar Jahre in der Fremde bleiben wolle, um sich noch vollends auszubilden.

Auf dem Walde verliefen im übrigen die Dinge so ziemlich, wie es vorherzusehen war. – Dionys, welcher jetzt über ein ansehnliches Vermögen verfügte, war neben seinem Krämergeschäft auch noch Packer geworden, d. h. er versendete Uhren, mit deren Anfertigung er verschiedene Meister beschäftigte; sein Geschäft wuchs und gewann mit jedem Jahr an Ausdehnung.

Die Uhrenmacherei hatte zur selben Zeit überhaupt einen mächtigen Aufschwung genommen. Gleich wie ein Samenkorn, vom Winde auf rauhe Felsen getragen, sich selbst überlassen im spärlichen Boden keimt und Wurzeln schlägt und zuletzt zum fruchtbaren Baum erwächst, so ähnlich war der Anfang und so gesegnet der Fortgang dieser neuen Industrie. Im siebenzehnten Jahrhundert aus unscheinbaren Anfängen und Versuchen auf dem Glashof bei St. Peter entstanden, hatte sie sich mehr und mehr ausgebreitet; und zur Zeit unserer Erzählung wurden bereits schon ganze Ladungen von Uhren ins Ausland versendet.

Unser Geschäftsmann Dionys hatte schon mehrere Reisen nach Frankreich gemacht, und von daher nebst fremder Sprache, fremdländischen Manieren und Mode auch fremdes Geld mitgebracht. Dazu im Besitze einer reichen Frau konnte es ihm bei seinen Mitbürgern nicht wohl an Ansehen fehlen, denn auch das bißchen Großtun fand man bei Gelegenheit ganz am Platze, „er kann’s machen!“ hieß es, „er hat’s!“

Doch, wieviel auch der Mensch mit äußerlichen Glücksgütern gesegnet sein mag – vor Schmerz und Leid schützen sie nicht. Auch Florentina, die emsig und treu waltende Hausfrau, mußte dieses erfahren. Ihre ganze Liebe, ihr Lebensinteresse war den beiden Kindern zugewendet, welche der Himmel ihrem Mutterherzen anvertraut hatte. Aber der Tod entriß ihr die Mutter, nicht lange danach auch das einzige Söhnlein.

Längst verhallt war das Grabgeläute und dargebracht das übliche Opfer für die Dahingeschiedenen; aber von der Zeit an blieb ihr liebster Ausgang – auf die Gräber der geliebten Toten. – Wenn am schönen Sonntagnachmittag ringsum alles sich Erholung gönnte und die Menschen singend, plaudernd auf Wegen und Stegen dahinzogen, konnte man in der kleinen Totenkapelle auf dem stillen Gottesacker einsam eine Frau in Trauertracht knien sehen. Die klagte Gott ihr bitteres Leid und suchte Tröstung vor dem Bilde der Mutter, die auch einst mit zerrissenem Herzen an dem Kreuz des Sohnes stand.

Endlich jedoch übte die Zeit auch auf ihr Gemüt wohltätigen Einfluß aus. In dem noch übrigen Kinde, im Familienleben überhaupt, fand sie Ersatz für so manchen Verlust, so manche Lebenstäuschung.

Mann mit Pfeife von Luzian Reich dem Älteren
Es würde mich sehr freuen, wenn jemand die Schrift unten entziffern kann!

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Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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