Wanderblühten – Kindheit in Hüfingen – Liebe Mariann


„Zuvor muss ich abbitten, dass ich die Keckheit habe, Dich mit einem Schreiben zu belästigen. Ich kann nicht unterlassen, Dir mein ganzes Herz zu eröffnen. Ja, liebe Mariann‘, Du wirst zwar sagen, ich sei nicht beim Verstand. Ja, es kommt mir oft selber auch so vor. Ich will nur eine einzige Bitte im Vertrauen an Dich stellen, wie es wär‘, wenn ich mit Gottes Hilfe es so weit brächte, dass ich wie mein Bruder als Pächter irgendwo aufziehen könnt; und gesetzt, die liebe Mariann‘ wäre doch ledig und frei?

Ich weiß zwar wohl, dass Berg und Tal zwischen des Vogts Tochter und einem armen Knecht, wie ich bin, stehen, aber sein soll, schickt sich wohl, und ich kenn‘ Eine, kein Feuer ist zu heiß und kein Meer zu tief, als dass ich nicht für sie durchgehen wollte. Ich möchte nur wissen, ob auch Sie noch ein wenig an mich denkt. Ist dies der Fall, so wird mir alle Müh‘ und Arbeit ringer vorkommen.

Zum Schluss muss ich von Herzen bitten, mich dieses Schreibens wegen nicht auszulachen oder gar zu verspotten, denn wie es mir um’s Herz ist, muss es heraus, und ich mein’s ehrlich. Wenn es geht, wie ich hoffe, so wirst du erfahren, warum ich jetzt in diesem Augenblicke das Schreiben an dich gestellt habe. Leb tausendmal wohl und zürne mir nicht.

Und so will ich denn schließen
Mit viel herzlichen Grüßen
Dein bis in den Tod getreuer
Konrad
auf dem Waldhauser Hof.

NB. Am Donnerstag komm‘ ich hinaus zu euch zum Opfer für die Bas‘ selig, da hoff‘ ich zu erfahren, wie du gesinnt bist. Nimmst du im Heimgehen aus der Kirche den Wachsstock in die rechte Hand, so seh‘ ich es als ein günstiges Zeichen an, so du ihn aber in der Linken trägst, so erachte ich es für meinen Abschied.

Was nun am Donnerstag nach der Kirche geschah, das weiß ich nicht zu sagen, denn wer wird auch so genau hinauf sehen, ob ein Mädchen ihre Wachsstöcke links oder rechts tragen? Aber so viel ist gewiß, dass der alte Kaspar die beiden am Gartenhaag unter dem Obstbaum beisammen stehen sah, Hand in Hand. Da es jedoch heller Tag war und die Erscheinung nichts von Gespenstern an sich hatte, so behielt er sie vorläufig für sich. Der Vogt soll derweil im Adler und die Vögtin auf einem Krankenbesuch in der Nachbarschaft gewesen sein.

Ein nichtsnutzige Distelfink schrie nachher aus Leibeskräften in der ganzen Gegend herum, der Konrad habe das Mariannele frei und frank geküßt. Er hätte sie gern in’s Geschrei gebracht; aber es achtete Niemand auf ihn.

Konrad blieb auf den Wunsch seines Vetters, des Riedbauern, zwei Tage im Heimatort. Die Unterhaltung war eine sehr einsilbige. Der Tod der Base schien nichts mit dem Wesen des Mannes geändert zu haben; nur war es auffallend, wie er oft zerstreut und mit suchenden Blicken durch die Stube ging. – Das war ein langweiliger Tag für Konrad; es war ihm fatal, das Mariannele nicht mehr sprechen zu können.

Auf dem Heimwege summte der junge Bursche das Lied vor sich hin.

Keine Kohle, kein Feuer kann brennen alsi heiß.
Wie stille heimliche Liebe, die Niemand nicht weiß.

Dazwischen hielt er auch, während er wieder auf jener Höhe stehenblieb, ein Selbstgespräch, und das lautete wie folgt:
Kreuz Donner – des Vogts Mariann‘, ’s schönst Mädle im ganzen Ort, und – du! Herr Gott!

Nachdem er aber solches gesagt, hub er abermals zu singen an. Der Grund, warum unser Konrad, wie es in dem Brief heißt, „jetzt in diesem Augenblick“ auf Entscheidung gedrungen, mag in Folgendem gelegen haben.

Mehrere junge Männer aus der Nachbarschaft waren willens auszuwandern, und zwar als Landwirte nach Ungarn. Schon im vorigen Jahrhundert hatten nicht wenige Familien der Baar ihre Heimat verlassen, um als Kolonisten in jenem Lande sich ansässig zu machen; und dass die Leute dort ihr Fortkommen gefunden, erhellte aus dem Umstande, das später, während der vorigen Kriegszeiten, zuweilen ungarische Husaren in der Baar gewissen Geschlechtern nachfragten, und die verwunderten Bauern als ihre Vettern begrüßten.

Auf dieses standen sich wiederum Mehrere bewogen, ihr Glück dort zu suchen, und einer von diesen hatte sich zurzeit unserer Erzählung diesbezüglich nach Hause gewendet, um einige seiner Landsleute und Verwandten zu sich einzuladen. Auch unserem Konrad wurde der Antrag gemacht, sich anzuschließen, und einer der Auswanderungslustigen war schon wiederholt deshalb bei ihm auf dem Hofe gewesen. Der Oberknecht zögerte, sein Jawort zu geben. – Sein Hoffnungsanker hatte ja im eigenen Lande zu tiefem Grund gefaßt, als dass ihm ein Losreißen so leicht geworden wäre.

Der Gruß der Jugendfreundin war wie ein warmer Sonnenstrahl auf die verborgen keimende Saat seiner Hoffnungen und Wünsche gefallen und hatte ihn zum raschen Entschlusse gedrängt: „Ich wage’s!“ Hatte er ausgerufen; er wollte Gewissheit, und erst wenn dem Vaterlande Alles verloren sah, wollte er im fremden Land sein Glück versuchen.

Dies die Veranlassung des Schreibens.
Wie günstig aber die schriftliche Botschaft aufgenommen worden, haben wir aus der Zusammenkunft am Gartenhaag und dem Selbstgespräch des Oberknechts entnehmen können.
Das Mariannele hatte ihn um Gottes willen gebeten, er möge doch sein Vorhaben, nach dem Ungrrland zu gehen, fahren lassen; unser Herrgott könne ja leicht Alles und zum Besten lenken.

Das war nun fromm und gut gedacht, aber Konrad sah wohl ein, dass er jetzt die Hände regen müsse. Seitdem die Mariann‘ gesagt hatte, wie gern sie ihn habe, war seiner Tätigkeit und Kraft ein mächtiger Sporn gegeben. Das Ziel stand zwar noch ferne, aber nicht unerreichbar; wenn Gott will, sagte er zu sich selbst, so tagt es. – Den Auswanderern sagte er ab. – Sein Weizen blühte jetzt in der Heimat; aber nicht ohne Sturm und Gewitter sollte die Frucht zur Reife gedeihen.

Der fleißige Bursche hatte zu seinem wenigen angefallenen Vermögen bereits so viel erspart, dass es ihm möglich gewesen wäre, bei der Betrachtung eines Meierhofes die nötige Kaution zu stellen; und er wartete nur auf günstige Gelegenheit, seinen Plan zur Ausführung zu bringen.

Der Bruder Mariann’s hatte unterdessen das elterliche Gut übernommen und einer reichen Base die Hand gereicht, die Eltern aber mit der ledigen Tochter bewohnten seitdem das Nebenhaus. – Mehrere Freier hatten das Mädchen glücklich abzuweisen gewußt. Der Vogt ließ sie gewähren, ohne den Grund ihrer Weigerung zu kennen. Wohl saß die gute Mariann‘ zuweilen mit ihrem Kämmerlein und dachte darüber nach, was wohl der Vater zu ihrem Verhältnisse zu dem armen Konrad sagen würde. – Doch nur zu bald sollte sie auf dieser Frage Antwort erhalten.

Der Oberknecht hat in Erfahrung gebracht, dass einer der unweit Waldhausen gelegenen herrschaftlichen Höfe von neuem verpachtet werden solle. Er hatte Lust, als Bewerber um den Platz aufzutreten, und sein Bruder, so ungern er auch den umsichtigen Gehilfen entbehren mochte, versprach ihm mit Rat und Tat an die Hand zu gehen, weil er wohl einsah, dass es dem jungen Manne vor Allem darum zu tun sein müsse, endlich einmal selbstständig zu werden.

Bevor jedoch Konrad einen entscheidenden Schritt tun wollte, mußte er vor Allem das gute, ihm so herzlich ergebene Mädchen von dem Vorhaben in Kenntnis gesetzt und ihrer Meinung eingeholt werden.

Das Brieflein, worin er dieses tat, hatte er mit auf den Löffinger Fruchtmarkt genommen. Hier traf er gewöhnlich Landsleute. Einem Zwetschgenwasserhändler, der beim Vogt ein- und ausging, wurde das Schreiben anvertraut. Dasselbe wurde aber zufällig unterwegs aufgehalten, und weil ihm Konrad gesagt habe, es pressiere, so übergab er das Papier einem Bauern aus dessen Dorfe, dem er just im Posthaus zu Unadingen begegnete. – Er sagte ihm aber nicht, von wem das Dokument sei und was es damit für eine Bewandtnis habe, sondern schärfte ihm lediglich ein, den Brief dem Mariannele richtig einzuhändigen und dem Alten nichts davon merken zu lassen.

Der gute Mann, der keine Ahnung hatte, was in einem solchen Schreiben stehen könne, wovon der Alte nichts wissen dürfe, trug den Brief getreulich heim. Wie er ankommt, sieht er die Vögtin aus dem Hause gehen, und denkt: Jetzt ist das Nest sauber; den Vogt treffe ich ohnehin nicht, um die Zeit sitzt er im Adler drüben und trinkt sein Schöpple. Geht also gutemuths hin und macht die Türe auf. Wer aber gerade vor dem Spiegel steht und den Seifenschaum aus dem fetten Gesichte trocknet, das ist der Vogt. „Es ist doch merkwürdig, dass mich das verteufelte Katzendoktorle jedes Mal schneiden muss, wenn es mich barbiert“, spricht er dazu und legt ein Stücklein Zündschwamm auf den beleidigten Teil, welcher aussieht, als ob der Pflug über ihn gegangen wäre.

Der arme Mann erschrak und wollte wieder rücklings zur Türe hinaus. Der Vogt aber, der ihn in dem unseligen Spiegel gesehen hatte, sagte, ohne sich umzuwenden: „Du, Antoni, was bringt dir Gut’s?“

Dies machte den Liebesboten vollends ganz bestürzt und verwirrt; er stotterte etwas von einer „Commission“ und von der „Jungfer Tochter“, legte zuletzt den Brief auf den Tisch und salvierte sich zur Tür hinaus, indem er „Nichts für ungut!“ murmelte.

Der Vogt sieht ihm verwundert nach. Jetzt erst hat er sich umgekehrt, sein Auge fällt auf den Brief; den beachtet er gemächlich von allen Seiten. „Pressant“ stand auf der Adresse. An meine Tochter? fragte er: Das werde ich doch auch wissen dürfen. Krack – ist das Siegel offen und – Himmel – Kreuz – Hagel usw. usw.. – Welch ein Gewitter brach über die arme Mariann‘ herein, die in diesem verhängnisschweren Augenblicke geschäftehalber an nichts denkend, unter der Türe erschien. Der zweifelhafte Wetterprophet hätte ihr das Einschlagen prophezeit, so furchtbar tobte und fuderte der Vogt über diese „heimliche Garss“, wie er sich auszudrücken beliebte. Zu guter Zeit kam jetzt auch die Mutter nach Hause und wendete das Ärgste von der Armen ab. Die Vögtin hatte von jeher solchen Donner- und Hagelwetter gegenüber eine Art von Assecuranz geltend zu machen gewußt.

Mariannele war bis in den Tod betrübt, und konnte ihren Konrad nur so viel Wissen tun: er möge um Gottes willen nicht mehr an sie schreiben und sich ja nicht so bald wieder im Orte blicken lassen. Alles sei verraten.

So schnell Konrad im Hoffen und Vertrauen gewesen war, so schnell ließ er sich durch diese Hiobspost darnieder schlagen. Eigentlich hätte er sich von Anfang an vorstellen können, dass es über kurz oder lang so gehen werde. Aber diese jungen Brauseköpfe finden ein besonderes Vergnügen darin, sich durch jeden Hasenfuß, der ihnen über den Weg läuft, stutzig machen zu lassen. In heftiger Aufregung war er in seine Kammer gerannt, hatte dort den Deckel des Troges, der seine Habseligkeiten barg, hastig aufgerissen, und zuerst den Brief, hernach einige herumliegende Kleidungsstücke hineingeworfen, als sollte es in der nächsten Viertelstunde schon fort gehen, den Kameraden noch in’s ferne Ungarnland. – So wie er aber den Unmut vergährte und die erste Hitze verraucht war, setzte er sich an’s Fenstersims, das Gesicht auf die Faust gestemmt, und heiße Tropfen stahlen sich aus dem unbeweglich vor sich hin starrenden Augen.

Er machte sich die bittersten Vorwürfe, dieses Leid über das arme Mädchen gebracht zu haben. Zugleich war es ihm aber auch klar, dass er jetzt der Heimat und allem Valet sagen, und in die Fremde ziehen müsse. – Doch noch einmal musste er sie sehen, um Verzeihung bitten und Abschied von ihr nehmen. – Dem Bruder ließ er nichts von Allem merken und verrichtete die Geschäfte wie zuvor.

So verging Woche um Woche, Monat um Monat. Der einsilbige Mensch verlebte die Zeit in gleichgiltigem Verzicht auf alle Annehmlichkeiten, die ein junges Leben bietet.

Der Frühling und ein Teil des Sommers waren vorübergegangen, und der nahe Herbst spreitete schon sein Gewerbe von thaurigen Sommerfäden über abgemähte Wiesen und einzelne Stoppelfelder.

Konrad erinnerte sich, dass der Vogt jedes Jahr regelmäßig, und zwar meist in Gesellschaft seiner Tochter, zum Jakobifeste nach Hüfingen ging, und das ist der Grund, weshalb wir ihn diesmal auf dem Heimwege begriffen, begriffen finden. Er hoffte die „Gewisse“, mit der ihm der Franzsepp geneckt hatte, bei dem Feste zu treffen, hoffte sie vielleicht noch vorher benachrichtigen zu können. Um eine Minute flüchtigen Gesprächs oder gar auch nur einen Blick aus der Ferne zu erhaschen, hat er die Wanderung angetreten und manchen guten Schritt getan. Gott gebe ihm Gelingen! Denn wenn der Vogt morgen zu Hause bleibt, so ist die Rechnung ohne den Wirt gemacht und der Arme getäuscht.

Die Finsternis brach immer tiefer herein. Um sich das Herz frisch zu erhalten, stimmte er ein Liedchen an, das er in Löffingen von einem Handwerksburschen gehört hatte:

Es gibt keine größere Freudigkeit
Auf dieser Erde,
Als wenn zwei junge junge Leut‘
In den Ehstand treten

Da gibt’s keine Sorg‘ und Noth,
Kein Kreuz, kein Leiden.
Nichts als der bittre bittre Tod
Der kann sie scheiden.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nicht wie,
Muß er auf die Seite Seite sehen
Und schweigen still.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weißt’s nit z’machen,
Muß er auf die Steite Seite stehn
Und freundlich lachen.

Lachen, das ist ein schweres Ding,
Leichter ist’s Weinen.
Was ich am liebsten liebsten hab‘,
Das muß ich meiden.

Unversehens stand er vor dem Dorfe, wo schon alle Lichter ausgelöscht waren. Er wollte in seines Vetters Hause niemand mehr wecken und ging still und leise die hintere Treppe, die vom Garten her führte, hinauf. Auf dem Boden war ein Gelaß mit dem Rang und Charakter einer Rumpelkammer, wo nie jemand schlief. Dort gedachte er zu übernachten. Er griff durch das Katzenloch in der Türe und richtig, der Schlüssel lag an der gewohnten Stelle. Nun tappte er in die finstere Kammer hinein und zwischen ausgedienten Rossgeschirr, zerbrochenen Rechen und Heugabeln herum, bis er endlich einen Haufen „Kuder“ (Abwerg) fand. Der tut’s mit dem Fundament, sagte er und legte sich darauf, nachdem er zuvor den Schoopen ausgezogen hatte. Er konnte aber nicht lange schlafen, denn er mußte tausend Pläne schmieden, wie er morgen in aller Frühe der Mariannele ein Zeichen geben könnte. Endlich fiel er in einen unruhigen Schlaf, aus dem er bald wieder erwachte. Eine bedrückende Schwüle umgab ihn. Er stand auf und sah zum Fenster hinaus. Totenstille herrschte über dem Dorf. Kein Blatt rührte sich. Im Westen stand eine dichte Wolkenmauer, aus der es hie und da wetterleuchtete, schwarz und drohend am Himmel. Am Waldrand oben brannte einem Hause ein einzelnes Licht; vielleicht war es der Kasper, der alte Geistersehr, krank. Das Vogts Haus, mit seinem zackigen Giebeln lag stumm und finster zwischen den Obstbäumen des Gartens. Der Wächter im Dorfe unten rief Mitternacht.

Konrad ließ das Fenster offen stehen, begab sich in sein Nest zurück und schlief bald wieder ein. Da träumte ihm, er stehe bei der Mariann‘ und wolle ewigen Abschied von ihr nehmen. Wie er sie aber küssen will, wer kommt dazwischen? der Vogt! und ruft: Hab‘ ich dir nicht schon oft gesagt, du sollst nichts mit dem – Abermals musste er den unvergesslichen Ehrentitel aus seinem Knabenjahren entgegennehmen. Das Mariannele lief schreiend von ihm weg, er wollte ja noch nach, der Vogt aber hob seine gewichtige Hand auf – da weckte ihn plötzlich ein mächtiger Knall. Die Kammertüre wurde aufgerissen, das Fenster schlug klirrend zu. Eine lange weiße Gestalt stürzte zur Türe hinein, stracks auf das Fenster los und riegelte es eiligst zu, während Konrad noch schlaftrunken den Kopf erhebt. Als aber dem Gespenst einige wohlbekannte Flüche entschlüpften, erkennt er seinen Vetter. Nun ist es ihm wie ausgemacht, dass der Knall vorhin ein Schuss gewesen und das Haus von Dieben überfallen sei, weshalb der Riedbauer die Fenster zu verwahren trachte. Er springt auf, seinem Vetter beizustehen; der aber an ihm vorbei zur Kammer hinaus: „Zu Hilf‘! Schelmen, Diebe!“ Schreit er und rennt die Stiege hinab.

Ich hab‘ also doch recht, man will einbrechen, sagt Konrad, und er wischt ein altes zerbrochenes Joch: mit dem laß‘ ich mir keinen auf den Leib; wart’t, ich will es euch.

In dem hört er seinen Vetter mit den Knechten die Treppe heraufkommen. Du stellst dich mit der Mistgabel unten an’s Fenster, kommandiert der Alte im Dunkeln, und die anderen schlagt euch zu mir! Sie müssen noch im Hause sein. – Die Türe geht auf, und herein schreitet der Riedbauer voran mit dem „Heuslicher“ in der Faust. Wo sind sie? Ruft ihm Konrad entgegen.

Alle guten Geister – Dunder un’s Wetter, das ist ja bigott der Konrad! schreit der Alte, wirft die Waffe weg und leuchtet mit der trüben Laterne vor. Ein Blitz, der die Kammer erhellt, hilft nach, hilft nach, und sie erkennen sich von Angesicht zu Angesicht. Ei so b’hüt‘ mich Gott! ruft der Alte, etwas aufgeregter als gewöhnlich: du Teufelsbub‘, wie hast du mich erschreckt; es ist mir in alle Glieder gefahren.

Nun erklärte sich das Missverständnis auf. Der alte Riedbauer, der in der Nacht wenig schlafen konnte, hatte ein Gewitter herankommen hören, dem ein starker Sturm vorausging. Mit der verdrießlichen Sorglichkeit des Alters dachte er sogleich: Ich will nur sehen, ob die Magd nicht wieder einmal das Fenster droben offen gelassen hat! Und richtig, kaum gedacht, so hört er, wie das Fenster in der Rumpelkammer, das Konrad offen ließ, vom Winde hin und her geschlagen wird. Ingrimmig hebt er sich aus den Federn, macht sich hinauf und wäre beinahe nicht auf die erbaulichste Weise mit dem unvermuteten Gaste zusammengeraten.

Nachdem sie sich nun hinlänglich angeschrien und verständigt hatten, gingen sie alle in die vordere Stube hinunter, wo schon das übrige Gesinde im Gebet versammelt war. Eine der Mägde verfügte sich in der Küche, um das am Palmtag geweihte Scheit, dessen Rauch den Blitzen steuert, auf dem Herd anzuzünden.

Jetzt aber brach ein furchtbares Wetter aus, Blitz und Blitz und Schlag auf Schlag, so dass das alte Haus in seinem Grundfesten erzitterte. Der Riedbauer hatte indessen einen schlechten Rock übergeworfen, seinen breitrandigen Regenhut aufgesetzt und ging mit den Knechten in den Stall, um die Stalltüre gegen das eindringende Wasser mit Mist zu verwahren; denn der Regen fiel in Strömen und schwelte draußen das Bächlein zum wahren See.

Endlich ließ die ärgste Wut des Gewitters nach, das Donnergrollen verzog sich in die Ferne und man wollte eben Anstalt machen, wieder in’s Bett zu gehen, als Konrad auf einmal fragte: Ich glaub‘, sie schießen auf dem Fürstenberg.

Jetzt ist’s letz (schief), bemerkte der alte Riedbauer. Alle Alten vor das Haus und wendeten sich nach der Gegend jenes Berges, der eine weite Aussicht über die Baar gewährte und damals noch mit Wächtern und Kanonen für Brandfälle versehen war. Sie hatten sich nicht getäuscht. Deutlich sahen sie den Blitz des Pulvers, und bumm! hallte der Schuss nach einiger Zeit in die Landschaft heraus. Jetzt wurde es im Dorfe lebendig: da und dort klirrte ein Fenster auf. Wo brennt’s? rief man heraus. Niemand wollte es wissen. Am Horizont leuchtete eine starke Röte auf.

Konrad stieg mit seinem Vetter auf den Heuboden. Sie hoben Ziegel und lugten mit scharfen Augen, konnten aber nicht über die Brandstätte einig werden. Während sie noch hin und her riethen, kam das Geschrei, es brenne im oberen Wald, wo der Blitz eingeschlagen habe. Einige junge Burschen warfen sich auf ihre Rosse und jagten der Gegend zu, wo das, wo sie das Feuer vermuteten. Die Feuerspritze wurde aus ihrem Behältniß herausgeschoben, Laternen geisteten hin und her. Der alte Vogt, der trotz seiner Abdankung das Befehlen nicht lassen kann, kommandierte oben zum Fenster heraus; als er aber nicht gehört wurde, bemühte er sich auf die Straße hinab. Konrad, der seine Augen überall hatte, sah ihn unten erschienen, und in diesem Augenblicke kam mir mein guter Gedanke. Husch, war er drüben, wo er das Töchterlein am Fenster sprechen hörte.

Grüß Gott, Mariannele!“
„Um Gottes willen“, flüsterte sie, „du bist’s!“
Ja, ich – morgen – biet‘ Alles auf, um deinen Vater auf’s Fest nach Hüfingen . „
„Er geht ja, er geht! – Gute Nacht!“ und fort war er. Denn dass der Alte nicht allein gehe, bedurfte keiner Erörterung.

Die Unruhe wogte inzwischen im Dorfe hin und her. Endlich, nach einer halben Stunde ängstlichen Harrens, kamen die Reiter zurück und meldeten, dass die ganze Sache nichts zu bedeuten habe. Der Blitz hatte bei einem einzelnen stehenden Bauernhof in eine alte Tanne geschlagen, um welche etliche Klafter Holz aufgeschichtet lagen, sonst aber keinen weiteren Schaden gethan. Das Feuer war erloschen, das Gewitter vorbeigegangen; bald schimmerten die Sterne wieder hell und klar durch die zerrissenen Wolken, und die aufgeschreckten Bewohner des Dorfes legten sich zu Bette, um noch einen ruhigen Morgenschläfchen zu tun.

In der Stadt aber dämmerte kaum der erste Morgenstrahl, als die guten Hüfinger durch die „Tagwacht“ aus ihren Träumen aufgerufen wurden. Mit innerlichem Behagen hörten sie von ihren Federn aus, wie die türkische Musik durch alle Straßen zog. Dazwischen knallten Schüsse freudig in den jungen Tag hinein und luden Nah und Fern zum Feste. Sie kamen von vom unteren Thore, wo die kurzen Böller, Katzenköpfe genannt, aufgestellt waren, die ein grauer Veteran bediente.

Vom frühen Morgen an war das Militär auf dem Exerzierplatz beim Schützenhause versammelt. Der Major ließ es nicht an Ermahnungen fehlen, während seine Mannschaft fröhlich zusah, wie auf allen Wegen die Einwohner der umliegenden Dörfer in Scharen zu den Toren der Stadt hineinströmten. Alles freute sich über den klaren Tag und den schönen blauen Himmel.

Das Musikkorps aber hatte den goldenen Ochsen zum Sammelplatz gewählt, um sich auf die bevorstehenden Strapazen des Tages gehörig vorzubereiten. Ein ansehnliches Gabelfrühstück wurde aufgetragen, denn die Weisheit der Völker weiß, dass es sich mit leerem Magen mangelhaft musiziert, besonders was Blasinstrumente anbelangt. Eben kam noch eine volle Platte geschmälzter Kutteln auf den Tisch, als eine Ordonnanz vom Major erschien und den Tagesbefehl überbrachte: schleunig aufbrechen! Es war Zeit zum Einmarsch, die Glocken konnten jeden Augenblick in die Kirche läuten. Auf! rief der Kapellmeister. Alle griffen nach ihren Instrumenten und stürzten mit pflichtschuliger Eile zu Tür und Tor hinaus. Nur einer blieb noch ein wenig zurück. Die volle Schüssel mit der köstlichen, fein zubereiteten Leibspeise hielt seine Seele gefesselt. Wie? die sollte unberührt, gewissermaßen unbegraben bleiben? – Ich seh‘ nicht ein, warum ich dem Ochsenwirt das schenken sollte, sagte er kaltblütig, indem er das Futter seines geräumigen Tschakos aufknüpfte und den duftenden Inhalt der Schüssel hineinschüttete. Dies getan, zog er den Knoten wieder zu, setzte den Tschako auf und eilte mit der Gottesbescherung seiner Truppe nach.

Ein jeder Mensch hat seinen Geschmack, seine Leidenschaft, seine Herzensschwäche. Während solche Heldentat an der Kuttelfleckschüssel verübt wurde, befleißigte sie sich unser Konrad der Wegelagerei. Er hatte morgens bei guter Zeit seinen Lenden gegürtet und sodann bei der Höhe des Hexenberges, über den die Straße führt, seinen Stab genommen, um die Gegend auszuspionieren. Nicht lange harrte er also, da kam in der Ferne ein Bernerwägelein daher gerasselt, das es zu erkennen meinte. Wie er näher schaute, glaubte auch einen dicken Mann darauf zu erkennen. Und wer noch näher schaute, entdeckt er neben ihm einen weißen Hut, der ihm vollends gar nicht unbekannt vorkam.

Schnell sprang er hinter einem am Wege stehenden Schlehenbusch, und siehe, da kamen sie! Selbstgefällig und breit saß der Vogt – doch was kümmerte ihn der! Kein gleichgiltigeres Ding gibt es auf der Welt, als einen Schwiegervater, von dem man gar nicht weißt, ob er es jemals werden wird. Er sah an ihm vorbei auf das Töchterlein, das im dunkelgrünen Samtschoopen an seiner Seite saß, einen frischen Resedastrauß am Busen zwischen dem roten Latz und Goller, unter dem weißen Hut ein Paar sonntäglich geflochtene gewaltige hellbraune Zöpfe, und zwischen den Zöpfen das frische herzige Angesicht. Er hätte ihr weiß nicht was antun können zur Strafe, dass sie so einen schlechten Merks hatte und keinen Blick nach dem Schlehenbusche warf. Der „Tralle“! konnte er denn nicht ausrechnen, wie viele Büsche sie schon vergebens d’rum angesehen haben mochte, ob nicht ihr Holderstock dahinter wachse? Er hatte ja die Wahl: Warum stelle er sich nicht hinter einen solchen, dem ein Treffer zugedacht war? Für diesmal hatte er eine Niete gezogen. Sie sauste achtlos vorüber, und ihre schwarzseidenen Hutbänder flatterten luftig im Morgenwind. Er sah dem Wägelein nach, bis es hinter den ersten Häusern der Stadt verschwand.

Ich bin nur froh, dachte der Vogt, als er wenige Minuten nachher mit seiner Tochter den Einmarsch der Truppen erwartend, am Fenster des Goldenen Kreuzes stand: Ich bin nur froh, dass sich das Mädchen heute so gut unterhält und wieder Theil nimmt am Leben. – Ihr Köpfchen war heute ganz absonderlich in Bewegung; alle Augenblicke streckte sie es zum Fenster hinaus. Nu, so hab‘ doch nur noch ein klein wenig Geduld, sagte der Vogt zu ihr: Sie müssen ja gleich zum Tore hinein kommen – Er glaubte, ihr Herz denke an nichts and’res, als an die Stadtmiliz.

In diesem Falle hätte sie sehr ungeduldig werden müssen, denn der Einmarsch wurde wider Vermuten verzögert. Als nämlich der Major „Angetreten!“ kommandierte und die Trommler sich eben in Bereitschaft setzten, den Wirbel zu beginnen, bemerkte man erst, dass die große Trommel ihres Bearbeiters ermangele. Ohne diese Hauptperson war nichts zu machen. Noch fünf Minuten höchstens! und außer Vermutung und Gerüchte, wie sie täglich in den Zeitungen zu finden sind, war nicht Sicheres über den Vermißten in Erfahrung zu bringen. Jeder wollte ihn in einer anderen Schenke gesehen haben. Der Tambour-Major rückte seine große Bärenmütze etwas seitwärts auf das linke Ohr und murmelte Flüche. Lauf, sagte er dem Kapellmeister zu dem Triangelspieler, einem 11-jährigen Dilettanten in einem faltigen roten Frack, dessen Flügel bis auf den Boden hingen: Lauf! und zählte ihm ein halbes Dutzend Bierhäuser an den Fingern her.

Der Triangelist gab sein Instrument in die Hände des Brentenschlägers, dessen Tonwerkzeug auch Rollensieb oder zur Abwechslung Tambourin geheißen wird, nahm den großen Tschako unter den einen, den rolandsmäßigen Hirschfänger unter den anderen Arm, verteilte seine beiden Frackflügel eben so und begann nach solchen Vorbereitungen spornstreichs zum Tor hineinzurennen, als im gleichen Augenblick der sehnlichst Erwartete noch eiliger zum Thor herausrannte, so dass ihr Zusammentreffen einen musikalischen Klang, ähnlich einem Schlag auf die große Pauke, zur Folge hatte.

Nachdem der Spätling von allen Seiten gehörig abgekapitelt wurde und der verblüffte Triangulist an seinen Posten zurückgekehrt war, wirbelten die Trommeln und der Einmarsch begann. Unter dem gewölbten Tore erscholl die Musik. Zur gleichen Zeit fiel das Glockengeläut ein. Eine unabsehbare Menschenmenge wälzte sich neben und hinter dem Zuge her. Alle Fenster waren mit geputzten Menschen, mit fröhlichen Gesichtern gefüllt; über die ganze Stadt verbreitete sich das herrliche Festgefühl. Die Bajonnete der Bürgersoldaten blinkten und blitzten im goldenen Sonnenschein; die blaue Fahne mit dem Stadtwappen und dem Wahlspruch „für Gott und sein Volk“ flatterte freudig in der klaren Morgenluft. Im Taktschritte bewegte sich die Menge gegen die Kirche.

Seht! sagten die Bauersleute, der dort spielt das schwerste Instrument, der schwitzt wie ein Präceptor. Damit meinten sie ohne Zweifel den, welcher das Frühstück im Tschako hatte. Das Fett mochte durch das Futter seiner Kopfbedeckung gedrungen sein, und da und dort über das Gesicht des Musikanten herunter rieseln. Gleichwohl machte der Wackere eine so zufriedene Miene, als ob er sagen wollte: „Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an.“

Nach der Predigt erfolgte ein feierlicher Umgang durch die Stadt, wobei sechs schmucke Jungfrauen in Schappeltracht das blumengeschmückte Muttergottesbild trugen.

Hierauf begann das Hochamt. Während desselben finden wir die Mariann‘ in einem der überfüllten Kirchenstühle. Sie betete in dem bekannten schwarzen Buche so inbrünstig, als wolle sie dem Himmel all ihr Leid und ihren Kummer klagen. Als sie ein Blatt umwandelte, fiel ihr Blick auf ein eingelegten Blatt, das von der kunstreichen Hand ihres Liebsten kam, und haftete lange auf der Einlassung von Rosen und Vergissmeinnicht. In einem grünen Kranz standen die Worte:

Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn‘ aufgehet,
Und ich am Ende, wo der Abendstern entstehet,
So scheidet uns doch nichts: mein Herz bleibt dir
In Unglück und Gefahr, dein Herz bleibt bei mir.

Unter diesen Zeilen hatte er noch einen dörflichen Rebus angebracht. Derselbe lautete folgendermaßen:

Über diesen Gedanken vergaß sie alles, was sie um sie her vorging. Sie betete nur für Konrad, den sie vor der Kirche unter der Menschenmenge gesehen und dessen Gruß sie mit einem Augenzwinkern erwidert hatte. Während sie so im Gebete versunken war, erteilte der Priester den Segen. Die gläubige Gemeinde kniete nieder.

Bataillon, fertig!“ wurde vor der Kirche commandiert.
Feuer!“ und die Gewehre krachten so dass das arme Mariannele beinahe vor Schrecken das Buch zu Boden fallen ließ. Dumpfe Böllerschüsse schlugen unteren Tore her an die Kirchenfenster.

Nach dem Gottesdienst spielte die Musik noch eine Zeit lang vor dem Pfarrhofe und Rathause. Der Schmelz und die Blüte des Festes war aber jetzt vorüber. Wohl wurde noch exerziert und musiziert, manche Gewehrsalve krachte noch, aber die eigentliche Feststimmung war verflogen.

Um den rechten Übergang vom Außerordentlichen zum Alltäglichen zu treffen, gibt es eine äußerst scharfsinnige Erfindung, welche auf der Uhrtafel gewöhnlich mit der Ziffer Zwölf bezeichnet ist. Diese traten auch jetzt zur angemessenen Zeit in ihre Rechte ein, oder, wenn es sich unverblümt sagen soll, die Leute begaben sich zum Mittagessen. Die Zahl der fremden Zuschauer war bedeutend angewachsen, und die vierfüßigen sowohl als auch die geflügelten Bewohner der Baar erlitten an diesem Tage eine Niederlage, welche die Geschichte zu den schwersten zählt.

Ob und wo der Konrad gegessen hat, ist ein Geheimnis geblieben. Wir begegnen ihm erst wieder auf den Gassen, wo er hastig und Unruhe voll auf und ab rennt, um einen Blick, ein Wort von der Mariann‘ zu erhaschen. Doch der Vogt wich und wankte nicht von ihrer Seite. Missmutig und halb verzweifelnd warf er sich endlich in ein Bierhaus, dem goldenen Kreuz gegenüber, wo er durch den beweglichen Fensterschieber spionierte. Ein Mädchen kam und stellte ihm ungefragt ein Glas Bier hin, das er instinktmäßig bezahlte. Das Gebräu des Königs von Barbant ist Labsal für den Durstigen, der es mit unzweideutiger Absicht genießt; wenn man es aber bloß zum Vorwande trinkt, so wird es ihm die Menschenseele gram, und auf diese Weise ist es zu erklären, dass Konrad in seinem Hasse mehrere Schoppen nacheinander vertilgte, ohne es recht zu bemerken, dass sein Hauptberuf in genauerem Zusammenhange mit dem Fensterschieber war. Auf einmal sieht er den Vogt herauskommen, allein, das heißt ohne seine Tochter, und in eifrigem Gespräche mit einigen Bekannten, mit welchen er sich allmälig die Straße hinauf in den gold’nen Löwen hinein verfügt.
Wie ein Pfeil von der Sehne eines Starken geschleudert, fuhr Konrad ins Goldene Kreuz hinüber.

In der Wirtsstube ging es sehr lärmend und lustig her. Die halbe Baar saß da und zechte wacker. Soldaten und Musikanten der Stadt verzehrten ihre Löhnung; denn nach Beendigung der Parade war jedem 15 Kreuzer Gage aus der Stadtkasse verabreicht worden, und wer sich eines Schnurrbarts rühmen konnte, der hatte noch eine Zulage von einem Groschen erhalten. Auf den Tischen lagen musikalische Instrumente umher; an den Wänden hingen da und dort die abgeschnallten Seitengewehre.

Konrad blieb einen Augenblick unter der Türe stehen und überschaute das Getümmel. Endlich erblickte er die, welche seine Augen suchten. Sie saß bei einigen ihrer Bekannten. Diesmal war er glücklicher als hinter dem Schlehenbusche; sie sah ihn ebenfalls, so wie er nur in der Türe getreten war. Er gab ihr einen Wink mit den Augen. Stille erhob sie sich, kam herüber und stellte sich etwas abseits mit ihm in eine Fenstervertiefung. Sie hatte die Augen voll Tränen, als Konrad so vor ihr stand und ihre Hände stets in der ihrigen hielt. Eine Zeit lang schwiegen sie still, dann begann er allerlei verworrene Dinge durcheinander zu reden. Er sehe nun ein, sagte er, dass sie niemals zusammenkommen würde. Er sehe deutlich, dass er zum Unglück geboren sei, und sie solle ihn nur so schnell wie möglich vergessen. Wie ernstlich es aber mit dieser Bitte gemeint war, ist daraus abzunehmen, dass er in gleichem Atemzuge hinzusetzte, dass er jetzt fest entschlossen sei auszuwandern und es werde sein einziger Trost im fernen Lande sein, wenn er sich vorstellen könne, dass sie hie und da noch seiner gedenke. Sie erwiderte wenig darauf, denn sie war zum Tode betrübt. In drei Wochen, hatte er ja gesagt, werde er wahrscheinlich schon auf Reise sein.

Das Mädchen hatte ihn ernstlich und in allen heiligen Willen gebeten, diesen Schritt wenigstens noch auf ein halbes Jahr zu verschieben.

Konrad war beständig bange, der Vogt möge zurückkommen. Er wollte ihr eben zu verstehen geben, sie solle ihn an die Türe begleiten, um allda Abschied zu nehmen, als diese aufging und ein höchst widrige Störung den Scheidekuss der beiden Liebenden auf’s grausamste vereitelte.

Zur Tür herein kamen der oben erwähnte Wirtssohn, der im Elsass französisch geworden war, und sein Freund, der junge Krämer. Der Erstere hatte, wie wir wissen, früher der Mariann‘ aufs Angelegenlichste den Hof gemacht und Konrad hindurch aus der Heimat vertrieben. Nach dessen Abgang war er zuversichtlicher und zudringlicher geworden, und gewiss würde der Vogt seine Bewerbung mit demjenigen Nachdruck, der sich von ihm erwarten ließ, unterstützt haben, wenn nicht gerade zur nämlichen Zeit einige Liebesaffären der zweideutigen Art, die er auswärts hatte, vom Gerücht im Umlauf gebracht worden wären. Dies machte den Vogt doch etwas bedenklich, seine Tochter einen Menschen von so wurmstichigem Charakter zu geben, und da er keineswegs der Mann der versteckten Wendungen war, so konnte er nicht umhin, dem Bewerber seine Ansicht mit unverkennbarer Deutlichkeit unter die Nase zu reiben. Der Abgewiesene trug seinen seiner Korb mit großer Bosheit von dannen, die er namentlich gegen Konrad kehrte, weil er diesem den Hauptriegel erkannte, der ihm, zwar nicht in den Absichten des Vaters, aber desto gewisser im Herzen der Tochter vorgeschoben war.

Wie der Elsässer nun die Beiden so unvermutet Hand in Hand am Fenster stehen sah, fing es alsbald wie lauter Gift und Galle in ihm zu kochen an. Er und sein Freund ließen Wein aufstellen, „eine Maß vom besten“, und hierin lag eine hochmütige Herausforderung, über die man nicht einen Augenblick im Zweifel sein konnte. Um aber seinen Zorn auf geistreiche Art auszulassen, warf er den Teller mit dem Brote an die Wand, ebenso einige Gläser.

Der Mariann‘ zitterte schon das Herz im Leibe; aber es sollte noch besser kommen. Denn nun trat er halb betrunken, mit verglasten Augen, die ohnehin nicht die schönsten waren, vor die Beiden hin und fing an zu sticheln. Konrad würdigte ihn anfänglich keine Antwort. Der Andere aber wurde dadurch immer tückischer und beleidigender; er sprach von Ungarn und der Auswanderung. Da stieg dem Konrad das Blut in den Kopf, doch schwieg er noch. Aber als der Widersacher mit noch anzüglicheren Redensarten sich zur Mariann‘ wendete und fragte, ob Madame Conrade auch von der Partie sein werde? da übermannte ihn die Wut, die Besinnung verging ihm, und comme ça da flog der Franzos‘ über Tisch und Bänke, dass Gläser, Teller, Flaschen umherwirbelten und der Wein in Strömen auf den Boden floss. Allgemeine Aufruhr.

Wohlmeinende Hände griffen zu, um den wütenden Konrad zurückzuhalten. Andere halfen dem Gestürzten wieder auf die zitternden Beine und fuhren ihm säubend und dürftend über den von oben bis unten zerrissenen Rock. Sein Freund hatte eine durchaus neutrale Stellung angenommen. Der Hornist der Bürgergarde schoss wie ein Blitz herbei, um sein auf dem Tische liegendes Horn in Sicherheit zu bringen. Denn, sagte er, es ist wie wenn’s das auf sich hätte! Schon einmal wurde es mir zusammengequetscht wie ein Knöpfleteig, drauß in Behla, wo ich aufspielte und mir Zwei mitten in den besten Händeln darauf hinfielen. Ich muss es wieder austreiben lassen. Um Ton hat es nichts verloren. – contraire!

Als die größte Gefahr vorüber und die Ordnung im Groben hergestellt war, sprang auch die gerade anwesende Polizei herzu und predigte: Friede, Friede! Nur keine Händel, Kinder Gottes, sonst –

Konrads sah in das tränende todtenblasse Angesicht, das so flehend anblickte; er ließ die Arme sinken, sein Zorn schwand hin und es war ihm sehr übel zu Muthe. In diesem Augenblicke ging die Thüre auf und der Vogt kam herein.

Konrad warf der Mariann‘ einen Abschiedsblick zu und stürzte fort, am Vogt vorüber, die Treppe hinunter, zum Tore hinaus. Und so sehen wir ihn denn wieder den nämlichen Weg dahin wandern, den er gestern hergekommen ist. Er hieb aber nicht mehr mit der Gerte nach den tanzenden Mücken. Er summte kein Lied mehr vor sich hin, er hielt kein Selbstgespräch. Finster und gedankenlos rannte er über Stock und Stein, ohne zu bemerken, dass die Sonne in rotem Dunst unterging und der Himmel sich überzog. Die Nacht brach herein; es fing still und undurchdringlich zu regnen an. Als er am „Schlossbuck“ vorbeikam, sah er die alte Burgruine finster in das einsame Wiesental herab und in dien knorrigen Ästen der Birnbäume am Wege sauste der anziehende Sturm. Er blieb einem Augenblick stehen; es war ihm so Wehe, dass ihm ein böser Gedanke durch den Kopf fuhr; doch eilte er von der Stätte der Versuchung fort. Bei finsterer Nacht kam er, durchnäßt bis auf die Haut, auf dem Hofe an. Den Hut hatte ihm ein Windstoß vom Kopf gerissen und gegen die Weiden am Bache entführt. Er tappte leise zu seinem Bette; aber müd und aufgeregt zugleich, wie er war, warf er sich die ganze Nacht in qualvoller Unruhe hin und her.

Aus diesem Bette war er gestern Morgen so fröhlich, so hoffnungsreich aufgesprungen. Galt es auch seinem Abschied vielleicht fürs Leben, so galt es doch einen honneten Schmerz, und einen warmen Kuss dazu, den ein junges Blut auch unter den traurigsten Umständen nicht verschmähen wird. Nun aber, wie hatte der so lang ersehnte Tag geendigt? Statt des Kusses mit einer Prügelei. „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen!“ – Und was wird der Vogt zu der Geschichte sagen? Wie wird er toben über den Handel, der sich vor einer ganzen Stube voll Menschen um seiner Tochter willen erhob! Arme Mariann‘! Ein neues Ungewitter über dir, und dein Liebster steht nun als Unruhestifter, als Händelmacher da! Jetzt ist er endlich doch, nur leider auf eine Weise, wie er sich am wenigsten wünschte, zum Helden geworden. Das ist aber noch nicht alles. Das Schönste wird nachfolgen, wenn sein Widersacher, wie nichts anderes zu erwarten, die Sache vor das Amt bringt.

Die Gesetze für Schlaghändel waren damals etwas strenger als jetzt. Schon sah er im Geiste die Execution mit Amtsdiener und Haselnußstock vor sich gehen. Schöne Aussicht! Jetzt nur so schnell wie möglich fort! war sein erster Gedanke, als er aus einem kurzen Schlummer den anderen Tag erwachte. Er mußte doppelt wünschen, bald seine Auswanderung bewerkstelligen zu können. Es war ihm bekannt, dass noch einige Kameraden den Fortgezogenen nachkommen wollten. Mit diesen war er in Unterhandlungen getreten, doch konnte es immer noch Monate anstehen, bis alles zur Abreise fertig war. – Jeden Morgen fürchtete er eine Vorladung vom Amte zu erhalten, von wegen der fatalen Wirtshausszene. – So lebte er in beständiger Angst und Unruhe.

Ob der Vogt von dem Vorgefallenen im Kreuz zu Hüfingen Notiz genommen oder nicht, wüsste ich nicht zu sagen, gewiss dagegen ist, dass sein Töchterlein stiller und einsilbiger als sonst nach Hause gekommen.

Einige Tage nachher war ihr Namensfest. Der Vogt machte ihr jedes Mal an diesem Tag ein wertvolles Präsent. Es waren meist Sachen, die einstens als Zierde in ihrer Aussteuer glänzen sollten. Seit der Zeit aber, wo des Vaters unbeugsamer Eigenwille in so entschiedene Opposition zu ihrem Hoffen und Lieben gekommen, schien das Mädchen alle Freudigkeit verloren zu haben. Tage lang saß sie stumm und sinnend in ihrer Arbeit; bei öffentlichen Anlässen, wo der Vater gerne mit der schönen Tochter Staat machte, war sie selten mehr erschienen. Stets wusste sie, zum heimlichen Verdruss des Vaters, eine Ausrede, die als Grund ihres Zuhausebleibens gelten mußte. Die Fahrt zum Jakobifest war seit langer Zeit wieder die erste Ausflug, den sie freiwillig mitgemacht hatte.

Der Vogt gedacht ihr diesmal am Namensfeste ein besondere Freude zu machen. Aber es sollte die Wahl des Angebindes ganz dem Mädchen überlassen bleiben. Die seid’nen Tücher vom vorigen Jahr lagen noch immer unberührt in ihrem Kasten, und auch der neue silberne Gürtel und die goldenen Ringe, mit welchen die Mutter sie beschenkt hatte, schienen der Jungfrau wenig Freude zu machen.

Wähl‘ dir selbst!“ sagte der Vater, als er am Annatag seinem Töchterlein gratulierte. – „Es mag sein was ’s will, und kosten was ’s will; du siehst, dass man ja Alles tut, dir Freud‘ zu machen!“
Vater“, sagte die Tochter nach einigem Zögern, „darf ich frei reden?“
Was es ist,“ sagte der Alte lebhaft, „und wenn es das halbe Vermögen kostet!“
Das Mädchen besann sich eine Weile, dann sagte es zweifelnd: „Ist es Euch ernst?“
Da“, ließ sich der Alte vernehmen, „hast meine Hand drauf; wenn der Vogt sein Wort gibt, soll es mehr gelten als Brief und Siegel!“
So will ich denn wählen, Vater, und sage, was mir einzig Freud‘ machen kann: gebt mir den Konrad!“ – Mit diesen Worten hatte sie des Vaters dargehaltene Rechte ergriffen.
Und wie in stummer Bundesgenossenschaft hat er auch die Mutter zu Bittenden sich gesellt.
Verdutzt stand der Vogt einen Augenblick, dann fuhr er mit der Hand in die Haare und verließ mit dem Ausruf: „Weiber!“ die Stube.
Die Mutter aber folgte ihm, und nach längerem Unterreden brachte sie es zuletzt dahin, dass der Alte den Ausspruch that: er wolle den Handel überlegen!

Dies galt so viel wie ein zustimmendes Jawort, und die gute überglückliche Tochter beschloß den Tag mit einem frohen Dankgebet zu ihrer Namenspatronin, der heiligen Mutter Anna.

Ehe jedoch unser halbverzweifelter Konrad von dieser erwünschten Schicksalswendung benachrichtigt werden konnte, erschien eines Morgens der Amtsbote auf dem Hofe mit einer Invitation. – Eine böse Ahnung beengte die Brust des Geladenen. – Ertrage auch das, mein Herz! dachte er, oder wenigstens schwebte ihm ein derartiger Gedanke vor, als er dem Boten der Gerechtigkeit mit etwas zögernden Schritten folgte. Er konnte sich nicht anderes denken, als dass er wegen der bösen Händel im Kreuzwirtshause (die er längst vergessen geglaubt hatte) vor Amt geladen sei.

Amtsmiene und Amtssprache hatten, besonders dazumal noch, etwas Fürchterliches. Der Bescheid, der ihm zugedacht war, wurde in einem Tone verlesen, als ob es ihm um den Kopf gehen sollte. Aber wie war ihm, als die gefürchtete Untersuchung sich in eine Nachricht verwandelte, die ihm so unvermutet kam, als ein holländisches Erbe! Der alte Riedbauer hatte das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt, voher aber noch darüber verfügt und seinem jungen Vetter einen beträchtlichen Teil seines Vermögens hinterlassen.

Konrad hatte nie auch nur im Traume daran gedacht, dass sich sein Schicksal auf eine so einfache Weise wenden könnte. Er stand stumm und starr vor Erstaunen; der Hingang des guten alten Mannes machte ihn schmerzlich bestürzt. Als er aber von Amtswegen ein wenig angefahren wurde, kam er wieder zu sich, dankte im Stillen für die gnädige Strafe und machte, dass er weiter kam.

Jetzt nur so schnell als möglich fort!“ dies war abermals sein erster Gedanke, als er das Amthaus verlassen hatte; nur meinte er es ganz anders als jenen Morgen nach seiner Zurückkunft vom Feste. Dass er es aber anders und wie er es meinte, ersehen wir am deutlichsten daraus, dass er schon nach einer Viertelstunde auf dem Wege war, den er nie wieder zu betreten gehofft hatte. Ein Beispiel, wie der Mensch sich irren kann! Warum eilt er aber so sehr? Lag ihm denn der Mammon so gewaltig am Herzen, dass er es nicht erwarten konnte, bis er ihn gehoben hatte? Gott bewahre! Seine Absicht war eine ganz andere, obgleich der Mammon allerdings dabei eine Hauptrolle spielte.

Laßt alle Worte in der Welt zusammenkommen und ihre Schmuckkästlein umstürzen, eine Liebschaft gehörig aufzuputzen, was hilft’s? Aber werft ein paar tausend solide harte Taler dazu, die just nicht vorher gewaschen zu werden brauchen, dann, ja dann wird das Ding gleich ein anderes Gesicht haben. Warum also rennt der Pfiffikus, der Konrad, so spornstreichs dahin? Weil er sehr wohl weiß, dass er dem Vogt jetzt dreist unter die Nase treten darf, dass er diesem sogar eine Ehre sein wird, wenn er bei ihm „einkehrt“, wie auch, dass er sich wegen jener Tathandlung kein Gewissen mehr zu machen braucht, sintemal dieselbe nichts weniger als eine gemeine Rauferei, sondern eine wohlverdiente Execution, dabei aber noch ein sehr lustiger Streich und ein absonderliches Heldenstück, mit Einem Worte, um es nicht gar zu lang zu machen; er weiß, dass er aufgehört hat, ein „R…r“ zu sein!

Wie hätte er auch ahnen können, dass er Alles das nicht brauche, und das Glück ihm durch die Treue des Mädchens so freundlich die Pfade geebnet habe.

—-

Lassen wir zwei Jahre verstreichen, und machen dann noch einen flüchtigen Besuch in dem Dorfe, wo Konrad geboren war. Es ist Sonntag früh, der herrliche Sommermorgen, wo der Bauer zum Edelmann wird und der Städter ein armer Schlucker ist. Gleich beim Eintritt in’s Dorf sticht uns das weiland finstere rauchige Haus des alten Riedbauers gar stattlich in die Augen. Es ist von Grund auf „renoviert“, die Fensterläden sind frisch grün gestrichen. Der alte Spruch über der Haustür: „Laß Neider neiden, lass Hasser hassen, Was Gott mir giebt, muss man mir lassen!“ ist wieder aufgefrischt und mit einem zierlich gemalten Blumenkranz umgeben. Im Gärtlein hinter dem Hause blühen die Rosen, und der Nägeleinflor auf der Laube gilt für den schönsten im ganzen Ort.

Wir treten in die von der Morgensonne freundlich erhellte Stube. Das sitzt still und im Gebet versunken, unsere Mariann‘ bei einer Wiege. In dieser Wiege schläft ihr Konrad, aber nicht der Große, ihr Herr und Oberhaupt, denn er befindet sich soeben in der Kirche, sondern der kleine Konradle, ihr liebes Kind. In ihrer Hand erblicken wir das wohlbekannte, schwarz eingebundene Gebetbuch mit dem golde’en Schnitt. Ob sie Dank oder bittet, das läßt sich so genau nicht sagen; vielleicht ist beides der Fall. Denkt sie aber an ihren Sohn, so betet sie gewiss, dass der Herr ihm eine leichtere Jugend schenken möge als seinem Vater, und dazu ist auch alle Aussicht vorhanden. Doch blickt sie so zufrieden in ihr Buch, als ob ihr kein Wunsch mehr übrig geblieben wäre. Der größte wenigstens erfüllt: die Vereinigung mit ihrem vielgeliebten Konrad.

Soeben sind die Glocken, welche zum Gottesdienste riefen, verhallt. Durch das offene Stubenfenster sieht man noch die letzten Nachzügler in die Kirche wallen, den alten Kasper, den Geisterseher, und eine Nachbarin mit ihrem Kinde. Sonst ist’s im ganzen Dorfe still. Nur die Bienen vom nahen Immenstande summen am Fenster. Der grünende Rosmarin, von welchem vor anderthalb Jahren die Mariann‘ ihr Bräutgränzlein nahm, steht, heilig aufgehoben und gepflegt, vor dem Fenster.

Aus der Ferne aber, von Hüfingen her, hallen dumpfe Böllerschüsse. Sie feiern heute das Jakobifest.

Und eben jetzt, wo die junge Frau durch den wohlbekannten Knall an den Tag, der ihre Hoffnung so grausam knicken zu wollen schien, erinnert wird, trifft sie beim Umwenden auf das Blatt, das immer noch im Buche liegt, und liest, mit stiller Freundlichkeit: „Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn‘ aufgehet!“

Die Sonne ging jetzt über zwei glücklichen Menschen auf, die wohl sagen konnten: „Dein Herze bleibt mir, mein Herze bleibt dir!“ und wenn der Abendstern am milden Himmel glänzt, so sieht er abermals zwei glückliche Menschen, die nach vollbrachten Tagewerk froh plaudernd auf der Bank vor ihrem Hause sitzen.

Jeden Sonntag vor der Kirche kommt der Vogt mit der Vögtin herüber. Seit er nichts mehr gegen den Konrad einzuwenden hat, weil der wohl sein Schwiegersohn ist, glaubt auch dieser zu finden, dass der Alte kein so übler Mann sei. Wenigstens hat er die harte Schale abgelegt, und gleicht einer alten Nuss, die zwar vielleicht etwas ranzig, aber im ganzen doch immerhin genießbar ist. Wenn er dann wohlgefällig mit dem dickbackigen kleinen Konrad vor dem Spiegel steht, so sagt er oft: Der wird wie sein Großvater, er schlagt mir nach. – Gott gebe nur, dass er nicht gar so eigensinnig wird! pflegt die Vögtin jedesmal darauf zu bemerken.


„Hoffnung hintergehet zwar,
Aber was wandelmüthig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treu gesinnten Herzen gütig!“
v. Logau


Zu den Hüfinger Stadtanlagen gehörte das untere und das obere Tor. Im Jahre 1814 wurde zuerst das obere Tor in seiner bisherigen Form abgerissen und neu überbaut und später wurde das untere Tor abgebrochen. Dies war nötig geworden, wegen der großen Frachtwagen (Chronik von August Vetter 1984).

In dem Abschnitt beschreibt Lucian Reich auch wieder das Jakobifest in Hüfingen das am 25. Juli gefeiert wird.

Das Sommergewitter das Konrad erlebt erinnert an den Großbrand von Fürstenberg am 18. Juli 1841. Da die Geschichte um das Jahr 1825 spielt und die Wanderblühten 1855 geschrieben wurden, war Lucian Reich seinen Protagonisten hier etwas voraus.

Hexenberg

Der Hexenberg in Hüfingen, wo sich Konrad hinter einem Schlehenbusch versteckt hat, ist schon lange zugepflastert. Aber auch in Hüfingen wurden dort bis ins 18 Jahrhundert unzählige Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt. Allerdings waren die meisten Hexen damals noch Frauen, im Gegensatz zu den nostalgischen „Männerhexen“ die heute auf der Fasnet Schabernack betreiben.

In der Gemeindeversammlung am 6. Juni 1634 war das Signal zur allgemeinen Hexenjagd gegeben worden. An diesem Tag wurde eine alte, als Hexe verrufene Bettlerin „Anna Beckhin“ genannt, vors Amt geführt und peinlich befragt. Ein Bündnis und Buhlschaft mit dem Teufel gab die Beschuldigte ebenso zu wie die Teilnahme an Hexentänzen und die Schädigung von Menschen und Tieren durch Zauberei. Auf die Frage nach Gespielinnen gab sie an „Anna Bennerin, Anna Scheurin, Agatha Flammin. Alle wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

*Chronik von August Vetter 1984

Nach der Predigt erfolgte ein feierlicher Umgang durch die Stadt, wobei sechs schmucke Jungfrauen in Schappeltracht das blumengeschückte Muttergottesbild trugen. Hierauf begann das Hochamt.

Sumsergarten

Ein kleiner Ausflugstipp für den Frühling vom 6.Juni 2021:

Viele kennen den Namen Dr. Erwin Sumser nur noch im Zusammenhang mit dem Orchideenwald im Naturschutzgebiet Deggenreuschen-Rauschachen, wenn überhaupt. Manche kennen vielleicht auch das Denkmal hinterm Römerbad.

Dr. Erwin Sumser (8. Oktober 1891 in Merzhausen bei Freiburg im Breisgau als Erwin Josef Sumser – 22. Januar 1961 in Hüfingen) war ein Pionier des Naturschutzes und wir haben ihm heute in Hüfingen sehr viel zu verdanken.

Spaziergang über den Friedhof Hüfingen

Der Schutz von Pflanzen, insbesondere von Orchideen, wurde dem Arzt Dr. Erwin Sumser zur Lebensaufgabe. Seit Dezember 1931 kaufte oder pachtete er wertvolle Grundstücke, zunächst im Jennetal, dann auf der Baar. Er zäunte sie ein und verhinderte ihre landwirtschaftliche Nutzung. Außerdem zahlte er Landwirten Entschädigungen, wenn sie ihren Grund und Boden im ursprünglichen Zustand beließen, hielt Lichtbildervorträge und warb um Mitstreiter. Mit Gleichgesinnten verhinderte er das Vorhaben, die Wutach zu stauen, was das Ende der Wutachschlucht bedeutet hätte (aus Wikipedia).

Er verkaufte 1960 seine Naturreservate an das Land Baden-Württemberg in der Hoffnung, dass sie so geschützt seien. Leider ist auch zu vielen Menschen der nachfolgenden Generation die Natur egal und es wurde schon einiges zerstört.

Das von ihm gekauften Gebiet bei Ebringen hat eine Fläche von 7100 m2 und bekam den Namen Sumsergarten. Es ist auch heute noch eingezäunt und bilden ein Kerngebiet des Naturschutzgebiets Jennetal.



  • Tragopogon-pratensis-Orientalischer-Wiesenbocksbart
    Orientalischer-Wiesenbocksbart (Tragopogon pratensis)


Hier kann man sich die Kartierungsbögen der Arten anschauen:
(draufklicken)


Au des no

1. Version vom 8. Juni 2022

Fulgurit oder Blitzröhre


Des klei Muckeseckele vu me Virus frisst sich dorch die halb Welt, e Wasserwalz walzt a de Ahre alls platt, de Boris verzockt de Queen s Tafelsilber, de Kathole vertlauft s Personal und d Kundschaft, Schanzepfuscher verkaibet de guet ruf vum Waelderwald, scho wieder morkst en Holose Menscheschinder, Fraue, Kinder und Babuschkas ab, über Hungersnöt wie beim Stalin kaa der nuu schaebig grinse und d Aesche vum Pazifismus word grad im Schwarze Meer grosszügig uusgsaiet.


Und jetz au no des:
Grad wo mer sich im Wälderwald über die Urgmütliche, unterhaltliche Mühlefestli am Pfingschtmäntig freit, hauts am Obet vorher no bittlos inni. A de Öhlermilli i de Schildwendi hond s Fürderers, die guete Seele Maria und August mit de treue Helfer, alls wie immer nett und fürsorglich für de Mühletag am Pfingschtmentig grichtet.

Am Pfingssunntig zieht z mols e sau Dunderwetter über de Fürsatz is lieblich Schildwende Tal. Nochdem mer mont, es sei alls rum, krachets nomol gwaltig. Des gihts villmol bei “ positive“ Blitz. De Bode isch immer no spannungsglade und zieht vu dem abzogene Gwitter wie en Magnet, wie en Klammhoocke, doch no en Blitz aa. Und derlei Iischlaeg sind denno bis zu viermol so ghörig wie die normale, die sogenannte „negative“ Blitz.

On vu dere holose Sorte isch am Obet vor em Fescht in freie Waidberg vu s Fürderers oberhalb vu de Öhlermilli i d Matte iigschlage.


Sechs Kühe und fünf Kälbli sind absiits unter me Bomm gstande. Die mehrere hunderttausend Volt hond dene Vierbeiner wege de Schrittspannung blitzartig s Lebensliecht verloesche lau. Naehrmert im Wald kha sich erinnere, dass uffs mol so viel gütige, segensreiche Tierli umkumme sind. Und des ohne dass de Blitz direkt in mächtige Unterstands- Bomm ghaue hät, sondern i die frei Matte. Und uff s mol taucht wieder de Mythos vum Fulgurit, diesell ganz rar Blitz- Glasröhre uff.

Fulgurit

Noch sellem Muschter soll im Altertum s Glasmache aagfange haa. Zur Erinnerung a die uuschuldige Tierli isch amend en Fulgurit am Iischlagloch vum Blitz i de matte entstande?


Und no ebbis troomt eim:
Het des granate Gwitter nit paar tausend Kilometer gege Oeste uff dem platz mit dene farbige Zwiebeltuermle aabi gau kinne?

Allmaehlich daets mol lange mit so gruusige Storiax.

„Bläsi“ Glasbläser auf dem Dorfplatz Wolterdingen von Wolfgang Kleiser


Fulgurit oder Blitzröhre

Vielleicht ist dieses ganz neue Objekt in den FF Sammlungen Wolterdingen in 50 Sachen 1000 Jahre alt, vielleicht 20 000 Jahre oder noch viel älter. Denn es ist aus dem fast unvergänglichem Glas. Es ist nämlich Naturglas. Die zweite Form von natürlichem Glas neben Obsidian. Se ipse sculpcit. Schon das von Menschenhand gefertigte Glas ist fast unvergänglich. Nur vom natürlichen Glas übertroffen.


Wie also entsteht Fulgurit täglich, jährlich immer noch , oder wie ist unsere wertvolle  Blitzröhre entstanden? Die meisten der seltenen Fulgurite findet man mit viel Glück  in den grossen Sandwüsten. Aber auch in sandigen Quarzböden. Unsere Blitzröhre stammt von den Capverden, einer berüchtigten Gewitter Ecke im Atlantik. Aber die Weltinspiration, der big bang der Glasherstellung fand im Vorderen Orient statt. Die Orientalen wunderten sich über immer wieder im Dünensand anzuteffende, astartigen, knorrigen Gebilde, Skulpturen die in der Mitte Rohrkanäle aufwiesen. Bis eines Tages neben oder vielleicht in eine Karawane ein Blitz bei einem gar nicht so seltenen Wüstengewitter einschlug.

Da Kamele auf vier Beinen zu stehen pflegen, war die Wirkung wegen der Schrittspannung üblicherweise  verheerend. Direkt an der Einschlagstelle aber entstand im Sand ein Krater aus dem ein Art Aststrunk herausspickte. Der hatte diese skurrile Röhre im Zentrum. Heureka, hätten Griechen gesagt, wenn sie dabei gewesen wären und überlebt hätten. Die Orientalen aber sagten: „Jetzt haben wirs endlich kapiert“ . Wenn wir jetzt den Quarzsand erhitzen, dann können wir Glas machen. Steinkohle für hohe Schmelztemperaturen gibt es im Orient durchaus im offenen Tagebau. Mit Holzkohle wirds schon schwieriger. Das klassische Kohlenmeiler Land ist der Wüstenorient eher nicht. Aber bald haben sie es gecheckt, dass Beigaben von Naturnatron aus Gruben bei Alexandria den Schmelzpunkt von dem Quarzsand deutlich senkte. So bekamen sie früher eine Fritte, eine Glassuppe, eine Glasschmelze, eine Glasmasse erschmolzen.  Daraus machten sie zuerst Glasperlen und Ringe in Tonformen gegossen. Bald folgten in Tonformen, in Modeln gegossene Schalen, Becher und Teller. Jetzt fehlten nur noch amphohrenartige Hohlgefässe. Entweder sie mussten noch die Bronze- und Eisenzeit abwarten um Glaspfeifen zum Glasblasen zu verwenden. Es ist den pfiffigen Orientalen aber auch zuzutrauen, dass sie feuerfeste Blaspfeiffen aus Ton benutzten.

Inspiriert wurden sie auf jeden Fall von den Hohlblitzröhren. Was der Blitz kann, das kriegen wir auch erschmolzen und geblasen.

Weltwirtschaft gab es Zoll frei und  erfolgreich lange vor Trump. Luxus hatte seinen Preis, insbesonders bei den feilschenden Basaris, die den Luxushändlern vom Mittelmeer die begehrten, exquisiten, Guccimässigen Glaswaren verkauften. Hochpreissegment lockt aber auch Nachahmer und Werksspione an. Bald hatten die Römer, Griechen, Marseiller und Venezianer den Trick auch raus. Und es war nur eine Frage von kurzer Zeit bis die Wahlen, Kobolde und Veneter die Glasmacher Kunst auch in den Silva Nera brachten. Denn dort waren die Voraussetzungen, die Rohstoffe und Märkte bestens geeignet. Lediglich das Natron aus Alexandria fehlte. Aber das ersetzte man durch Potaschegewinnung aus Farn und Laubholzasche. Auch aus unserem Laubenhausen?

Vielleicht verstehen wir jetzt die fundamentale Bedeutung für das Wunder des Glases von diesem unscheinbaren neu ausgestellten Objekt, diesem Fulgurit. Nicht nur der Name hat Poesie, erst recht das zierliche, verquarzte Ding Nr. 51. Wie sagt Neil McGregor: Anhand derartiger Artefakte kann man ihre Poesie und Seele geradezu  ablauschen.

Ameisen im Wasser

Ameisen auf Hand

Liebe Bürgerpostleser, 

am Ostermontag, den 21. April 2025 hatte ich ein hochinteressantes Erlebnis. Und ich war völlig überrascht. Ich wollte mein Sonnenhutbeet mit Regenwasser gießen, das ich in in 200 und 300 Literbehältern lagere. Ich hob den Deckel, der relativ dicht aufliegt und traute meinen Augen nicht. Da lag etwas auf dem Wasser, was ich zunächst nicht genau erkennen konnte, vielleicht ein Stück Moos oder dergleichen.

Natürlich war bei genauerem Hinsehen klar, dass es sich um einen Knäuel unzähliger Ameisen handelte. Sie trieben übers Wasser, es erinnerte mich an die Szene aus dem Neuen Testament, als Jesus übers Wasser ging. Ich nahm den Knäuel mit der Hand aus dem Wasser und sogleich begann sich der Knäuel aufzulösen. Natürlich habe ich sie befreit.

Zum ersten Mal in meinen 68 Lebensjahren habe ich so etwas gesehen und war wieder sehr verwundert, was ich alles entdecken darf. Ich könnte mir vorstellen, dass es Ihnen vermutlich nicht anderst geht. Google schreibt in einer Übersicht mit KI: „Ameisen können zwar nicht schwimmen und würden bei Einzelkontakt mit Wasser ertrinken, aber sie sind nicht hilflos im Wasser. Sie können sich bei Überschwemmungen zu einem lebenden Floß zusammenfassen, um zu überleben“. In einem Artikel in Bild der Wissenschaftvom 26. April 2011 wurde diese Floßbildung bei Feuerameisen untersucht, die monatelang auf dem Wasser herumdümpeln können. Die unterste Schicht Ameisen verkackt sich so stark, dass Lufblasen zum Atmen eingeschlossen werden. Wenn das kein Hammer ist. Wichtig ist, dass die Oberflächenspannung des Wasser nicht zerstört wird, sonst naht das Ende. 



Ich finde eine fantastische Geschichte. Was ich nicht verstehen kann, wieso die Ameisen in die Tonne gingen. Tatsache ist, dass sie randvoll war und die Ameisen vielleicht in die „Wasserfalle“ gerieten. Gespannt bin ich, ob mir jemand ein ähnliches Erlebnis mitteilen kann.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Der Badische Bodensee – Karfreitag in Konstanz 1856

Nebst den Kapuzinern waren noch verschiedene andere Ordensklöster in der Stadt, die es an religiösen, im Geiste der damaligen Zeit liegenden Exhibitionen keineswegs fehlen ließen. Am Karfreitag zum Beispiel erhielten die Jesuiten einen feierlichen Umgang durch die Straßen und mit ihnen die Studenten und sämtliche Professoren. Hinter diesen Corporationen ging ein Zug, welcher sinnbildlich die Grablegung Christi vorstellte, umgeben von Büßenden, die sich geißelten, und Männern, welche schwere Kreuze und eiserne Ketten schleppten. So bewegte sich die Prozession von einer Kirche der Stadt zur anderen, um an den dort errichteten heiligen Gräbern das übliche Gebet zu verrichten.

In einer anderen Stunde, am Karfreitag, hielt die lateinische Kongregation ihren Umzug. In dieser Bruderschaft befanden sich Priester, Beamte und angesehene Bürger. An ihrem Festtage wurden in einer eigenen Kapelle im Münsterkreuzgang lateinische Predigten gehalten. – Ebenso feierte diesen Tag auch die bürgerliche Congregation. Diese hielt ihren Gottesdienst und ihre Feste in der Pfarrkirche St. Paul.

Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren.

Man möge mir verzeihen: Ist mir das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd, so ist das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind einige Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen.

Insel Mainau und der Badische Bodensee

Hier der 1. Teil vom Kapitel – Konstanz

Konstanz.

Ungern, wie von einem nach kurzer Bekanntschaft lieb gewonnenen Freunde, scheiden wir von dem schönen Eilande, um der nahen Hauptstadt des badischen Seekreises, der alten Konstanzia, einen Besuch abzustatten.

Wenn wir einen kleinen Umweg nicht scheuen, schlagen wir die Landstraße ein, über Egg, Almansdorf und die St. Lorettokapelle. Das erste Dörflein liegt der Mainau gegenüber. Es hat ein vormals orden’sches Schlösslein, in welchem der Rentmeister wohnte, der jeden Tag auf einem Schifflein nach der Insel fuhr.

Das Pfarrdorf Almansdorf ist sehr alt; es wurde im Jahr 724 von Karl Martell an das Stift Reichenau vergeben. Die Besitzungen, welche der Deutschorden daselbst besessen, haben wir oben verzeichnet.

Von hier geht die Straße über die Höhe, wo man zunächst der (aus Anlass der Pest erbauten) St. Lorettokapelle eine überraschende Fernsicht hat.

Der näher, kaum eine Stunde weite Weg führt durch den St. Katharinanwald in gerader Richtung nach der Stadt. Diese erscheint den Ankommenden von hier aus beinahe ganz verdeckt von Obstbäumen und Gärten; die alten Wälle im Vordergrund, erheben sich allein das ehemalige Kloster Petershausen und die Steinmassen des Münsters.

Zurückblickend auf die Entstehungsgeschichte des Ortes begegnen wir zuerst den Römern, welche, nach der Tradition, auf der Insel (später Dominikanerinsel) ein Kastell errichteten, von den umwohnenden Deutschen die Niederburg geheißen.

Eine alte Sage, von Schultheiß erzählt, gibt es vom Ursprunge der Stadt folgende Nachricht:

Kaiser Severus schickte, 207 Jahre nach Christus, zwei Landpfleger in das eroberte Helvetien. Der eine, Konstantinus, herrschte von der Lindmag (Limat) bis an den Vorderrein. Er saß zu Pfyn und erbaute sich auf der jetzigen Dominikanerinsel bei Konstanz ein Jagdhaus, welches er befestigte, weil er zwei gefährliche Feinde in der Nachbarschaft hatte: der eine, ein ungarischer Edler, wohnte auf der Anhöhe des jetzigen Almanansdorf, der andere, ein deutscher Herzog, hatte seine Burg zu Überlingen, wo jetzt das Johanniterhaus steht. Zur größeren Sicherheit der neu erbauten Veste gab Konstantius dem Orte allerlei Freiheiten, damit sich Leute daselbst ansiedeln sollten, was auch in kurzer Zeit geschah. – Als Konstantinus einmal von seinem Jagdgefolge abgekommen, allein in den Wäldern gegen Frutweilen und Ermatingen jagte, erschrak sein Pferd vor einem ungeheuren Wurme (Drachen), von welchem damals das Land voll war. Es wurde scheu und ging durch; Konstantinus aber blieb im Stegreife hängen und wurde weit fortgeschleppt, bis auf das Geschrei des Jägers die Knechte herbei eilten, das Pferd anhielten und den Landpfleger so schnell sie konnten nach Konstanz verbrachten, wo er an der Stelle starb, da jetzt die Kirche Sankt Stephan steht. – Nach seinem Tode setzten die vorgenannten beiden Feinde der Burg und Stadt, Niederwasserburg geheißen, so zu, dass fast alle Einwohner dieselbe verließen und der Ort wüst und öde wurde. 100 Jahre nachher schickte Kaiser Diokletian seinen obersten Feldhauptmann Konstantinus nach Deutschland und Helvetien, gegen den Herzog von Ellgen, den er mit fünf anderen Königen in der Nähe von Konstanz traf. Er überwand sie alle und machte sie den Römern untertänig. Dieses Sieges und der schönen, bequemen Lage wegen baute er die Stadt wieder auf und benannte sie nach sich – Konstantia“

„Das erste Gotteshaus, welches gebaut wurde, soll Sankt Johann gewesen sein, ein viertes Kirchlein ohne Abseiten und Chor; gleichzeitig entstand die jetzige Schreibergasse, in welcher das Rathaus zur „Tulle“ stand. Als die Stadt um diese Zeit bereits sehr mächtig geworden und viel Volk hingezogen war, erhielten Geistliche, die man jetzt (im 16. Jahrhundert) regulierte Chorherren nennt, vom Kaiser die Erlaubnis, sich darin niederlassen zu dürfen. Sie bauten, da wo jetzt das Münster steht, die Kirche in der Weite des Münsters. Wo jetzt die Sakristei ist und auf dem Kreuzgange, hatten sie ihre Schlafkammern, im Stauff, der am Kreuzgange ist, den Speisesaal und die Wohnung ihres Abtes u.s.w.“

Zu großer Bedeutung kam der Ort durch den bischöflichen Sitz, der im sechste Jahrhundert von Windisch, einem kleinen thurgauischen Flecken, nach Konstanz, verlegt wurde. – Ein weiterer Grund zum Gedeihen und stets erneuerter Lebensbewegung gab die herrliche Lage, an dem Engpass zwischen dem Ober- und Untersee, so wie nicht minder die große Handelsstraße, (die ehemalige Römerstraße), welche über hier vom Norden nach der Levante hinzog.

Infolge dieser günstigen Verhältnisse mußte frühe schon zur Erweiterung der Stadt geschritten werden, umso mehr, als nach und nach viele benachbarte edle Geschlechter ihre einsamen, oft bedrohten Burgen verließen und in der wohlbefestigten Stadt, unter dem Schutze mächtiger Bischöfe, sich niederließen.

Die trefflich gelegene Bodensee- und Bischofsstadt erlangte so gewaltiges Ansehen, dass sie von beinahe allen gekrönten Häuptern alter Zeit besucht und mit großen Vorrechten begabt wurden. So melden uns die Chronisten, dass Karl der Große, als er zur Krönung nach Rom reiste, mit seiner Gemahlin Hildegard, Konstanz und die dortige Marienkirche besucht habe. Ebenso Karl der Dicke im Jahr 828 und König Arnolf 890. – Einige Jahrzehnte später, zurzeit als der berühmte Salomo III auf dem Bischofsstuhl saß, erschien Kaiser Konrad um Weihnachten zu feiern, und zu Ende des zehnte Jahrhunderts sah man Kaiser Otto III nach glücklichen geführtem italienischen Kriege gieggekrönt in Konstanz einziehen.

Gleiches geschah unter den nachfolgenden Herrschern, die teils als Gäste, teils zur Verrichtung wichtiger Reichsgeschäfte nach Konstanz kamen. Im Jahr 1025 empfängt Kaiser Konrad II daselbst die Huldigung der Lombarden, und 28 Jahre nachher hält Heinrich III in Konstanz einen Reichstag. Auch Heinrich IV und Konrad III beehrten die Stadt mit ihren Besuchen, sowie der berühmte Hohenstaufe, Friedrich Barbarossa, welcher 1183 hier den bekannten Frieden mit den lombardischen Städten schloss und dabei der Stadt wichtige Freiheiten schenkte.

In ebenso großer Gunst stand der Ort unter den Habsburgern, wie den Rudolf, nach dem Sieg über Ottokar von Böhmen, in Konstanz sich huldigen, und den schwäbischen Adel den allgemeinen Landfrieden beschwören ließ.

Bei diesem freudigen Aufblühen nach außen und innen fehlte es jedoch nicht an mancherlei Misshelligkeiten und vorübergehenden Störungen im städtischen Haushalte. Nebst der Bischofgewalt, die allmählich zur eigentliche Landeshoheit anwuchs und die ursprüngliche Reichsfreiheit der Stadt zu vernichten drohte, waren es die adligen Geschlechter, welche Grund zur Unzufriedenheit und Streit gaben, dass sie im Verlaufe der Zeit das städtische Regiment völlig an sich gerissen hatten, während jetzt auch die Zünfte gleichen Anteil daran haben wollten. Der Hader deshalb dauerte vom 13. bis ins 15. Jahrhundert; es kam zu bewaffneten Aufläufen, infolge derer ein Teil des Adels die Stadt verließ. Der Bischof, die Nachbarstädte und selbst der Kaiser legten sich wiederholt ins Mittel, bis man zuletzt sich dahin verglich, dass die oberste Gewalt zwischen Patriziern und Bürgerlichen abwechseln solle. Doch dauerte die Rivalität beider Stände noch längere Zeit fort, und Beschlüsse wie der folgende halfen nur wenig.

1) Ein Jeder, hieß es in einer Gemeindeordnung vom Jahr 1420, solle in der Zunft verbleiben, in welcher sein Vater gewesen, und nicht zu denen auf der „Katzen“ (dem Gelaghaus der adligen Geschlechter), noch zu anderen Gesellschaften gehen. Er darf jedoch auf der andere Stubem gehen, um seinen Pfennig oder zwei x. –
2) Da die Geschlechter bisher ihre Tänze in der Ratsstube gehalten und zu derselben nur diejenigen aus der Gemeinde geladen haben, welche mit ihnen befreundet sind, so sollen die Geschlechter fürderhin keine Tänze mehr daselbst halten dürfen, ausgenommen wenn Fürsten und Herren kommen.
3) Man solle vier Tafeln mit dem jüngsten Gericht malen und solche in der Ratsstube aufhängen lassen, damit die Ratsherren desto mehr göttliche Furcht vor Augen haben. – Ähnliche Bestimmungen wiederholten sich später.

Wie sehr bereits im 14. Jahrhundert Kleiderluxus in der Stadt überhand genommen, erhellt er aus einer Kleiderverordnung vom Jahr 1390. – Jedermann, heißt es darin, kann einen Rock oder Mantel machen lassen, so lang und weit er will, jedoch nicht länger, als dass er auf die Erde gehe. Auch soll er weder Lappen noch Schnitzzle tragen, die länger seien als ein Gelaich. Auch soll er keinen zu hohen Kappenzipfel tragen. – Kein Mann, jung oder alt, soll Kränze oder große Schappel tragen, weder in der Kirche, noch auf der Gasse, zu Tänzen, zu Schimpf (Spiel) oder Ernst. Erlaubt sind nur die schlechten (einfachen) Schappel, die man von alter Gewohnheit her trug. – Es sollen auch keine Schuh auswendig Brisen haben, wie neulich vorkamen. Auch sollen sie keine Oertle haben, weder rote noch weiße, oder von anderen Farben. – Kein Mann, sei er arm oder reich, soll mehr als ein zweifarbiges Gewand haben, und die Tricco in zwei oder vier Stücken. – Ein jeglicher Mann soll an Gürteln, Ketten oder beschlagenem Gewand nicht mehr tragen als sechs Mark Silber an Wert. Ebenso soll keiner im bloßen Wams zum Tanze oder auf die Gasse gehen, sondern sich mit einem längeren Kleide ehrbar machen. – Die „Ordnung fröwlicher Zucht“ bestimmte: dass keine Frau, reich oder arm, ein Tuch trage, dass, wenn es von Seide sei, mehr habe als Zwanzigfache, und wenn von Wolle, mehr als 16Fache; und sind dieselben Tücher so zu machen in der Breite, dass sie jeglichem Weibe den Nacken, ihr Haar und Haarbändel bedecken, vornen unter dem Kinn aber zusammen gehen, gebunden mit einem Schnürlein. – Es soll auch keine Frau eine Haube tragen, die köstlicher sei an Perlen, Gestein, Ringen und Hästlein als 50 Gulden Werths. Dazu mag sie ihren Vermählungsring tragen an ihren Händen. – Es soll auch keine Frau weder ein beschlagenes noch silbernes Gürtellein, noch Halsband tragen, bei vier Mark Silbers Strafe. – Auch soll keine einen Rock noch Mantel länger machen, als dass er auf die Straße stoße, und ihr nicht nachgehe. Und endlich soll keine Frau einen Kranz noch Schnappel tragen. (Es stund dies nur Jungfrauen zu, wie noch teilweise im Schwarzwald und in der Baar bis auf den heutigen Tag Sitte ist.)

Seit dem Jahr 1384 besass der Rat zu Konstanz das von Kaiser Wenzislaus verliehene Recht, Übeltäter zum Tode zu verurteilen. Nach Beispielen, die Schultheiß in seinen Schriften anführt, war die Prozedur eine ziemlich strenge und kurze. Um 1418, erzählt er, war zu Konstanz ein Schneider, Namens Hans Ritter, der hatte, wie die meisten seiner Zunftgenossen, ein hitziges Geblüt und Anlage zum Helden – war aber dabei ein großer Prahlhans, auf dessen Rede niemand viel hielt. Dieser Mann sagte, er habe große Feindschaft gegen Radolfzell und schon viele Ritter und Knechte aufgebracht, um die Stadt zu nehmen und hernach darin nach Gutdünken zu schalten und zu walten. Die Zeller, denen das zu Ohren kam, gerieten in Angst, obwohl der Schneider nie daran gedacht hatte, das Gesagte auszuführen. Sie verklagten den Prahler beim Rate zu Konstanz, worauf ihn der Bürgermeister abends vor dem Rathause erscheinen und verhören ließ; er ward folglich verurteilt und am anderen Morgen in der Frühe – ertränkt. Als später einmal zwei Gesellen wegen falschen Spiels zum Tode verurteilt wurden, verlangten sie, dass man ihnen statt anderer Todesstrafe, den „Seemann“ gebe; worauf der Rat beschloß, künftig jedem Verurteilten den Seemann zu geben, der seiner begehre.

Aber nicht nur gegen Weltliche, auch gegen die Diener der Kirche wendete sich die Strenge, wie ein Ratsgesetz vom Jahre 1380 darthut, wonach jeder Bürger in Fällen, wo es sich um die Ehre seiner Frau oder Tochter handlte, nach eigenem Ermessen an dem Übeltäter im geistlichen Gewande Rache nehmen durfte; als bald darauf Einer vom Klerus von einem Bürger auf der Gasse angefallen wurde, verordneten die Oberen, dass kein Geistlicher Nachts ohne Licht ausgehen dürfe. – Zuweilen kommt in dieser und der späteren Zeit noch vor, dass in zweifelhaften Fällen im Gottesgerichte oder öffentlichen Zweikampfe das Recht gesucht wurde.

So zum Beispiel beschuldigte, im Jahr 1437, ein junger Geselle Wilhelm von Mengi, den anderen Hans von Lopheim, der Anstiftung zum Morde. Da sich der Fall im Thurgau ereignet haben sollte, über welche Landschaft die Stadt Konstanz die Gerichtsbarkeit besaß, so wurde die Sache von dem Landgerichte in Konstanz verhandelt. Die schweizerischen Heimatkantone nahmen sich des Handels eifrig an. – Da schlug der Anschuldiger einen öffentlichen Zweikampf vor, um zu zeigen, wie ein freier Mann einen Bösewicht behandle. Der Gegner wolle auf dieses nicht eingehen, worauf das Gericht entschied, dass er für schuldig erkannt werden solle, wenn er den Kampf nicht annehme. Es wurde ein Tag bestimmt, ein Platz, vor dem Tore abgesteckt und gleiche Kleidung, Schwerter und Schilde bereit gehalten. – Beide stellten sich, und man zog in Begleitung von 40 Gewappneten aus jeder der Zünfte hinaus vor die Stadt. – Inzwischen hatte sich der Bischof Heinrich von Höwen, (der vorher schon vergebliche Versuche gemacht hatte, den Kampf zu beseitigen), mit seinem stolz und edlen Gezeuge und 40 Pferden auf der Pfalz versammelt, und ritt zum Augustinerthor hinaus, um den Graben. Er erreichte den Zug vor dem Schnrtzthor und erwischte zuerst den Lopheimer. „Wer hat dir erlaubt zu kämpfen in meinem Bisthum!“ Rief der Bischof. „Es ist nicht erlaubt zu kämpfen und soll auch nicht seyn. Du musst mein Gefangener seyn und ich will Rath halten mit meinen Freunden, meinen Kapitelsherren, meinen Freunden in Konstanz und anderen Reichsstädten, dass ich deine Ehre besorge.“ Hierauf ließ er ihn wegführen, sowie seinen Gegner Mengi. Niemand widersetzte sich diesem Befehle, denn es geschah mit Willen der Stadt und der Anderen all. Man meinte, es wäre Alles vorher angelegt worden.

Von alters her galt die bischöfliche Pfalz als eine Freistätte für verfolgte Mörder. Als 1493 zwei Gesellen im Hause eines „guten Weiblein“ Nachts einen Edelmann von Pfirt erstochen, flüchteten die Übeltäter in die sogenannte Freiheit auf der Pfalz. Der Rat schickte in der Frühe zum Bischof und ließ ihm sagen, sie hofften, er werde den Mördern keinen Schutz gewähren. Der Bischof versammelte seine Räte und sandte nach gepflogener Besprechung seinen Hofmeister Balthasar von Randeck zu den Mördern, der ihnen die Freiheit ankündigte. Die Knechte der Stadt ergriffen sie und führten sie in den Thurm. Am Tage darauf wurden sie vom Rat gestellt, und da vielfältig für sie gebeten wurde, so enthauptete man sie „aus Gnade“ noch am nämlichen Tage.

Einem berühmten Abt in der Geschichte von Konstanz bildet das große Concil vom Jahre 1414 bis 1418. Als man bei einer Vorberatung zu Lodi wegen eines schicklichen Ortes zur Abhaltung dieser Versammlung sich besprach, lenkte der Graf von Nellenburg die Aufmerksamkeit des Papstes und des Kaisers auf Konstanz: als sei dies eine Stadt, „welche am Bodensee gelegen, wohlerbaut sey und viel Gemächer und Stallungen habe“. – Der Papst schickte Abgesandte dahin, und die Versammlung wurde nach Konstanz ausgeschrieben. – Weder vorher noch nachher hatte die abendländische Welt ein solches Zusammenströmen aller Nationen der Christenheit gesehen. Am 6. November 1414 fand die erste Sitzung in der Domkirche statt, (wo auch alle übrigen Sessionen gehalten wurden). Die Hauptresultate dieser, die Herstellung des Kirchenfriedens bezweckenden Versammlung, waren bekanntlich die Absetzung seiner Päpste gegen Päpste (Gegenpäpste), die Wahl eines neuen Papstes und die Anklage und Verurteilung des Johannes Huß von Prag und seines Schülers Hieronymus.

Von den Äußerlichkeiten jener Tage haben uns die Chronisten manch interessante Einzelheiten aufbewahrt.

Am 25. Dezember, nachdem das Konzil schon seit Wochen eröffnet war, erschien Kaiser Sigismund in Konstanz. Am Christabend war er in Überlingen angekommen und hatte von dort dem in Konstanz weilenden Papst Johann seine Ankunft auf den kommenden Dienstag melden lassen, mit der Bitte: der Heilige Vater möge mit Lesung der drei Heiligen Messe etwas zu warten, bis er, der Kaiser, angekommen. Sogleich wurden von Konstanz Schiffe nach Überlingen gesendet, auf welchen das Reichsoberhaupt mit den Seinen eine Stunde nach Mitternacht in Konstanz eintraf. In seinem Gefolge befanden sich seine Gemahlin Barbara, eine geborene Gräfin von Gilly in Steiermark, die Königin Elisabeth von Bosnien, der Kurfürst Ludewig von Sachsen, die Gräfin von Württemberg und viele andere Edle. Am Fischmarkt stieg man ans Land und begab sich in das Rathaus. Die Nacht war kalt, und die Damen eilten in die warme Ratsstube zu kommen, wo man die hohen Gäste mit köstlichem Malvasier, Bier und Konfitüre gebührender Maßen bediente.

Die Kaiserin wurden zwei große herrliche in Gold durchwirkte Tücher verehrt, die zum Traghimmel dienten, unter welchen zwei Stunden später das kaiserliche Paar, begleitet vom ganzen Hochadel, durch die schönen erleuchteten Gassen nach der Domkirche wandelte. Der regierende Bürgermeister Heinrich von Ulm, Heinrich Schilter, Altbürgermeister nebst dem Reichsvogt Hagen und Stadtmann Ehinger hatten die Ehre, den goldenen Baldachin über dem Haupte des Kaisers zu tragen, während Bürger und Ratsherren der Stadt gleicher Ehre bei der Gemahlin des Kaisers und der Königin von Bosnien sich erfreuten.

Der Kaiser wurde von lautem Zujauchzen des versammelten Volkes begrüßt. Seine hohe Gestalt hatte etwas ehrfurchtgebietendes. Ein langer Mannsbart zierte sein schmales, einnehmendes Gesicht, welches herabfallende blonde Locken umwallten. Nach der Ankunft des erlauchten Paares in der Domkirche hielt der Papst in eigener Person das Hochamt der ersten Messe. Als dieselbe zum Evangelium gekommen, bestieg der Kaiser in der Kleidung eines Diakons, begleitet von der Geistlichkeit mit brennenden Kerzen, die Kanzel und las das Evangelium: „Es ist von Kaiser August ein Gebot ausgegangen“ u. s. w. Während dieser feierlichen Handlung hielt der Kurfürst, Herzog Ludewig von Sachsen die Spitze des entblößten Schwertes, welches der Papst dem Kaiser als dem obersten Schutzherrn der Kirche übergeben hatte, gerade über letzteren Haupt. Nachdem der Gottesdienst zu Ende war, erteilte der heilige Vater auf dem Pfarraltar dem Volke den Segen und begab sich wieder in die bischöfliche Pfalz; der Kaiser aber, mit seiner Gemahlin und die Königin von Bosnien bezogen das Rrillenhaus zur Leiter.

Damit es während der langwierigen, ernsthaften Verhandlungen nicht an Abwechslung und geselliger Kurzweil fehle, war man eifrig besorgt, den anwesenden Herren und edlen Gästen Feste und Spiele mancherlei Art zu bereiten.

So gab am 2. März 1416 Herzog Ludewig von Bayern, Vikar des Konzils, zu Ehren der anwesenden Ritter und adeligen Einwohner der Stadt Konstanz ein prachtvolles Turnier, bei welchem drei Herzoge, sechs Grafen, viele Ritter und Knechte und bei 50 Helme in den Schranken erschienen; die Damen und adeligen Fräulein aber zwei Tage hindurch mit Tanz und festlichen Banketten sich lustig machten.

Von der Großartigkeit solcher Kampfspiele mögen uns die Zurüstungen zu denselben einigen Begriff geben. Als im Jahr 1434 der Kaiser Siegmund in Konstanz ein Turnier gegeben werden sollte, mussten die benachbarten Klöster und Gemeinden über 3000 Baumstämme zur Errichtung der Schranken liefern. Im nämlichen Jahr 1416, sah man am Tage des heiligen Johann Baptist die Abgesandten aus Florenz in der Stadt das Fest des Patrons ihrer Vaterstadt mit großer Pracht abhalten. Unter Pfeifen und Posaunenschall wurde am Abend vorher in allen Gassen ausgerufen: „Ihr Herren! Alle meine Herren von Florenz wollen morgen in der Kirche zu Sankt Johann das Fest des heiligen Johann Baptist feiern.“ In der Frühe versammelten sich sodann alle Florentiner bei den Franziskanern und begaben sich nebst dem Kaiser Sigismund, dem kaiserlichen Hofstaat, vielen Herzogen, Fürsten und Grafen, von denen jeder eine pfründige brennende Wachskerze trug, mit hoher und niederer Geistlichkeit in feierlicher Prozession durch die mit Blumen bestreuten und mit grünen Bäumen geschmückten Gassen nach der Kirche St. Johann alwohl der erste Kardinal und päpstliche Kanzler das Hochamt hielt.

Win ähnliches Fest feierten, am 29. Dezember, als dem Tag des heiligen Thomas von Canterbury, die in Konstanz anwesenden Engländer.

Das Prachtvollste, was man von einem einzigen sehen konnte, gab nach Versicherung der Chronisten der Markgraf Friedrich von Meißen bei seiner Ankunft in Konstanz zum besten. Mit 13 vornehmen, ihm dienenden Grafen zog er ein; 16 Gepäckwägen, 28 Lasttiere, nebst 500 Berittenen bildeten das Gefolge; letzteres samt und sonders mit ganzen und prächtigen Harnischen angethan, und geziert mit goldenen Ketten und Emblemen. Der Kaiser selbst und viele Großen ehrten den Grafen durch ihre Begleitung.

Einen besonders wichtigen Akt bildete wenige Tage nachher den 15. April 1417, die feierliche Belehnung des Burggrafen von Nürnberg auf dem oberen Markte. Dieser Akt bekommt für uns Badener durch die Verlobung einer durchlauchtigsten Urenkelin des Burggrafen mit dem Enkel und Nachfolger Karl Friedrichs ein besonderes erhöhtes Interesse. Denn durch die Belohnung, welche die Folge eines Pfandvertrages zwischen dem Kaiser und dem Burggrafen war, gelangte der fränkische (oder burggräfliche nürnbergische) Zweig des Hauses von Zollern in den Besitz der Markgrafschaft Brandenburg mit den kurfürstlichen Würde. Diese Erhebung aber verhalf ihm zu derjenigen Stellung unter den deutschen Reichsfürsten, welche das brandenburgische Fürstengeschlecht die Erreichung seiner gegenwärtigen Macht und Würde verdankt, worin er als Besitzer des zweiten Großstaates von Deutschland ein ausschlaggebendes Gewicht in die Waagschale des europäischen Gleichgewichts legt und für das Land Baden, nachdem es daselbst aus den frevlerischen Händen der Revolution errettet, nun durch die bevorstehende Verbindung der Prinzessin Luise von Preußen Königliche Hoheit mit seiner königlichen Hoheit vom Prinz-Regenten Fridrich von unberechenbarer Bedeutung wird.

Nicht minder Außergewöhnliches bot das Fronleichnamsfest, indem bei der öffentlichen Prozession drei Patriarchen, 25 Kardinäle, 300 und fünf insulirte Erzbischöfe, Bischöfe und Prälaten zugegen waren, mit einem Gefolge von 500 päpstlichen Auditoren, Schreibern, Hofbeamten und den Repräsentanten der hohen Schulen und aller Gelehrsamkeit. Ebenso zahlreich sah man dabei die weltlichen Gewalten vertreten: Kaiser Sigismund im Krönungsornate, zwei Kurfürsten, 23 Herzoge, fünf Fürsten, Landgrafen, 50 Reichsgrafen und Barone, und eine Menge Ritter und Edle mit ihren Knechten; im ganzen wohl 4000 Personen, alle mit brennenden Kerzen in den Händen.

Auch als ritterlicher Kämpfe zeigte sich einmal der Kaiser, und zwar bei einem großen Turnier, welches zu Fastnacht 1418 die Adligen in Konstanz auf dem Brühl veranstalteten. Mit verbundenen Helme ohne Wappenschild, ritt er in die Schranken, und zog, nachdem er einen Ritter und drei Knechte niedergerannt hatte, wieder ab, ohne das Visier zu lüften.

Es läßt sich denken, welch ungeheure Menge Volkes während dieser außerordentlichen Zeit nach Konstanz angelockt worden sein mag. Um den gemeinen Manne und den armen Priestern, Schülern und anderen, die des Konzils wegen in die Stadt gekommen waren, Gelegenheit zum Verdienste zu geben, ließ der Magistrat, ohne dass es durch Not geboten gewesen wäre, die Mauern und Gräben der Stadt im Tagelohn bauen und ausbessern. Ebenso arbeiteten viele Gelehrte und Priester in den Weingärten, an städtischen Gebäuden oder wo es sonst etwas zu verdienen gab.

Als nach Beendigung der allgemeinen Kirchenversammlung, der neu gewählte Papst Martin V. von Konstanz hinwegzog, ritt er, angethan mit einem goldenen Messgewande, auf einem scharlachbedeckten Pferde zur Stadt hinaus. Den Baldachin über seinem Haupte trugen zwei Ritter vom Bodnman, einer von Schellenberg und ein Herr von Klingenberg. Der Kaiser führte das Pferd am Zaune und zur Rechten ging der neue Kurfürst von Brandenburg, links der Herzog Ludewig aus Bayern, welche, mit dem nachfolgenden Herzoge Fridrich von Oesterreich die Decke des Pferdes gefasst hielten.

Nicht so glänzend war bekanntlich der Wegzug des Kaisers. Seine Dienerschaft hatte Schulden gemacht, und das Reichsoberhaupt sah sich genötigt, zu ihrer Auslösung eine Summe Geldes zu leihen und den Gläubigern (zu Konstantz, Zell, Arabon und einigen von Augsburg) einen Teil seiner kostbaren Tücher und Tapeten in Versatz zu geben, mit dem Versprechen, binnen Jahresfrist die Pfänder zu lösen. Es waren 15 seidene Tücher, (Bett- und große Wandvorhänge, auch einige Haupttücher) von schwarzer und blauer Farbe, geziert mit grünen roten Rosen, güldenen Kreuzen und dem kaiserlichen Adler, im Werte von 30.000 fl., dazu 13 Stück Tapeten mit Gold durchwirkt, gewehrthet zu 7000 fl.. Alle diese Sachen wurden im Kaufhause niedergelegt. – Als die bestimmte Frist verstrichen und keine Lösung erfolgt war, blieben die Sachen zum Schaden der Gläubiger jahrelang liegen. Angeknüpfte Unterhaltungen und Botschaften führten zu keinem Ziele, weil der Kaiser eine Gegenforderung machte, betreffend: der Stadt zu kaufen gegebene Steuern, den Kauf des Landgerichts Thurgau, und Strafgelder in Sachen des Auflaufs gegen die Geschlechter und gegen die Juden.

Als Sigismund im Jahr 1430 zu Weihnachten wiederum nach Konstanz kam, wurde aufs neue unterhandelt. Der Kaiser forderte 10.000 fl. Nachlass, oder dass man je den sechsten Pfennig an der Schuld fallen lasse, wogegen er den Gläubigern den Rest an die Juden verweisen wollte, die in Strafe verfällt waren, wegen eines zu Ravensburg 1429 an einem Christenknäblein verübten Frevels. Man wurde aber nicht einig. Zuletzt kam es dazu, „dass die Gläubiger die Pfänder unter sich vertrieben, und als sie solche verkauften, wurde kaum die Hälfte des Geldes daraus erlöst; worüber viel zu schreiben wäre.“

Während das Konzil in Basel tagte (1737), wurden von dort aus Gesandte in alle Städte geschickt, die Stöcke in den Kirchen aufrichteten, damit jedermann unrecht erworbenes Gut hinein lege und Ablass gewänne. Die geopferten Güter wolle man zur Bekehrung der Griechen verwenden. In Konstanz scheint aber die Sache wenig Anklang gefunden zu haben, denn die Tafel, welche mit Figuren und Inschrift am Stocke (im Münster) angebracht war, fand man eines Morgens zerbrochen, und als eine neue hinzukam, fand man sie gleich darauf mit schwarzer Farbe bestrichen. Der unbekannte Täter ward von der Kanzel in Bann getan und mit dem Judas Fluch belegt; wäre er entdeckt worden, so hätte er den Frevel im See gebüßt, da der Stadt übel nach geredet wurde.

Als der Stock etwa ein halbes Jahr dagestanden, fand man beim Aufschließen desselben 17 Schillinge, drei Pfennige und drei Würfel. Der Raum war so mit Sand gefüllt, dass nichts mehr Platz hatte; in einem zweiten Stock dagegen wurde viel Geld und Gut gefunden, ohne dass man wußte, woher es gekommen.

Ein eigentlich staatsbürgerliches Vergnügen und Üben war von jeher das Scheibenschießen. Auch Konstanz hatte seine wohl eingerichtete Schiessstatt. Im Jahre 1456 (am Frauentag 15. August) gab der Rat und die Schützengesellschaft in Konstanz ein großes Freischießen für Armbrustschützen, wozu Fürsten, Herren und Knechte und andere ehrbare Leute eingeladen wurden. Die Schussweite betrug 135 Schritte, anwesende Schützen waren es 285 und das Schießen dauerte zehn Tage. Unter den ausgesetzten Preisen waren ein „gedecktes Pferd“, gewerhet zu 24 fl., ein anderes zu 18 fl. und eins zu 14 fl., ferner Ochsen zu 10 – 8 und 7 fl.; mehrere silberne Pokale, eine Armbrust (für 3 fl.) und etliche goldene Ringe. Zugleich standen Preise ausgesetzt in den verschiedenen Spielen Laufen, Springen, Steinstoßen und Ballschlagen. Die Stadt schenkte dabei alle Tage 30 halbe Viertel Wein.

Im Verlauf des Festes geriet ein Konstanzer Bürger mit einem Schweizer, namens Plaphart, in Streit; der Konstanzer nannte seinen Gegner „Kuhplaphart„, welches Schimpfwort die anwesenden Schweizer als der ganzen Eidgenossenschaft zur Schmach geredet deuteten, und ein großes Geschrei darob anhuben. Es kam zu einem Tumult, den der Bürgermeister Hans von Sappel mit Mühe beschwichtigte und den Beteiligten das Versprechen abnahm, Recht zu geben und zu nehmen. Als die Eidgenössischen aber heim kamen, klagten sie, wie man sie in Konstanz behandelt habe, und ihre Mitbürger sahen darin eine solche Beleidigung der Nationalehre, dass mehrere Kantone eine Anzahl Bewaffneter, wohl an 1000 Mann, zusammenzogen und gegen die Konstanzer ins Feld rückten, ohne diesen weder geschrieben, noch sie zur Rede gesetzt zu haben. Am heiligen Kreuztag, (14. September) zogen sie über die Thur in das Dorf Weinfelden; es war zur Zeit der Weinlese und die Scheuern waren voll Korn. Als das Haus zu Weinfelden (die Veste) auf Gnade und Ungnade sich ergeben hatte, fiel der mutwillige Haufen in die Reben, hieb einen Teil davon um und stiftete viel Unfug und Schaden.

Die Konstanzer erhielten aber zur Stunde erst den Absagebrief der Eidgenossen. Man bot an, Recht bei allen eidgenössischen Städten und Kantonen zu nehmen, jedoch ohne Erfolg. Auf dieses sammelte man sich in Konstanz um den großen Banner und ordnete als Hauptleute sechs Mann von den Geschlechtern und der Gemeinde dazu ab; auch den Geistlichen wurde befohlen, was sie zu tun hatten. Die Überlinger schickten ihren Bundesgenossen in Konstanz bei 500 wohlgerüstete Männer, und die von Lindau und Buchhorn ebenfalls viele Leute.

Unterdessen hatte sich der Feind fast bis zu 6000 Mann verstärkt, und weil man weiteren Schaden an den armen umliegenden Dörfern, wo man die Weinlese erwartete und die Scheuern voll Korn hatte, abwenden wollte, schritt man zum Vergleich, den des Bischofs Vikari und andere Herren zustande brachten. Die Stadt zahlte 3000 fl. Brandschatzung und Berthold, der Reichsvogt, 2000 fl.. Die Eidgenossen zogen ab, nahmen aber zum Andenken mit sich, was sie zu tragen vermochten. An der geforderten Brandschatzung schenkten die Zürcher den Konstanzer ihren Anteil. Also endete der „Plaphartkrieg, den ein einziges Wort entzündet hatte.

Als einen Beitrag zur Sittengeschichte des vielfarbigen 15. Jahrhunderts mögen noch einige in Konstanz stattgehabte Empfangsfeierlichkeiten gelten, die eine im Jahr 1446 zu Ehren der Gemahlin des Herzogs Sigismund von Österreich. Die hohe Frau hielt ihren Einzug in einem vergoldeten Wagen mit einem Gefolge von 600 Pferden. Auf der Pfalz, wo Herberge für sie bestellt war, fand eine Beglückwünschung statt von zehn Adligen und ebenso vielen bürgerlichen Frauen, wovon die Frau des Junkers Markwart Breisacher die Rede hielt, neigte sich, so neigten sich die übrigen auch, und welcher Frau die Herzogin die Hand bot, dieselbe küßte sie ihr.

Nachdem die Herzogin die von der Stadt ihr dargebrachten passenden Geschenke an Wein, Fischen und Haber huldreich anzunehmen geruht hatte, begann bei Nacht ein „Gestech mit scharfen Spießen“, wobei die Ritter mit magisch schimmernden Kerzen auf den Schildern gegen einander sprengten.

Noch größere Ehre wurde 1592 dem Kaiser Maximilian bei einem Besuch in Konstanz erwiesen. Man fuhr ihm auf zwei Schiffen ins Buchhorn entgegen. In einem der Fahrzeuge waren die Ratsherren, im anderen viele starke Knechte. Als der Kaiser nahe der Stadt kam, erblickte er ein großes Schiff, von etlichen Gesellen zugerichtet; sie hatten eine Diele auf dasselbe gemacht und tanzten unter einer darüber gebauten Reishütte einen hübschen Mohrischen-Tanz. Die Tänzer alle waren nackt und schwarz gefärbt. Sie hatten eine Scheibe oben am Segelbaum angebracht, auf welcher drei sitzen konnten; diese sprangen herab ins Wasser und kletterten behend an den gespannten Segelseilen auf und nieder. Während dem schoss man von Raufhause aus mit vielen Hakenbüchsen strenge, und Alles gefiel dem Kaiser wohl, sowie die schöne Lage der Stadt. An der Konradsbrücke empfing ihn Bischof Thomas und sämtliche Priesterschaft und Orden, die Prälaten von Petershausen, Kreuzlingen und Schotten, alle in ihren Habiten, auf das Köstlichste, mit allen Heiligtümern. Der Bischof hielt eine lange Rede, die der Kaiser kurz beantwortete. Nach diesen empfingen ihn die von Konstanz, begleitet von 400 wohlgerüsteten Knechten in Harnisch, welche von dem Kaiser hergingen, das zahlreich vom Lande herbeigeströmte Volk abzuhalten.

Vom Fischmarkt an wurde er unter einem goldenen Himmel getragen, vom Bürgermeister Konrad Schatz, dem Reichsvogt Ludwig Appentager, dem Ritter Ludwig von Helmsdorf, und dem Hofmeister des Bischofs, Balthasar von Randeck, in das Münster begleitet, unter dem Geläute der Glocken aller Kirchen. Nach dem feierlichen Tedeum wurde er in die bischöfliche Pfalz geführt, und die 400 Knechte kamen auf den oberen Hof, ließen sich sehen und machten ein „Rädle“, was dem Kaiser sehr wohl gefiel. Er blieb über vier Wochen in Konstanz.

Begünstigt durch allgemeine wie besondere Zustände und Ereignisse hatte bis daher der Wohlstand und Flor der Stadt aufs erfreulichste zugenommen. Sehr ausgebreitet war der Handel, sowohl mit eigenen als fremden Erzeugnissen. Konstanzer Leinwand, (tele di constanza) war weit berühmt, sowie die Messen, welche, eine Vergünstigung des Kaisers Sigismund, seit dem großen Konzil alljährlich in Konstanz abgehalten wurden.

Verschriedene Umstände vereinigten sich jedoch im Verlaufe der folgenden Jahrhunderte, das rege Handels- und Verkehrsleben der Bodenseestadt allmählich zu lähmen. Die erste Ursache war das Eingehen des großen Landweges vom Norden nach der Levante; denn durch die Entdeckung des Vorgebirgs der guten Hoffnung und des neuen Weltteils Amerika büßte Italien und mit ihm die Nachbarlande den Handel mit Spezereien und anderen Produkten des Orients größtenteils ein. Nicht minder trugen später politische Ereignisse und Umgestaltung zum Verfall der einst so belebten Stadt bei.

Zu Anfang des 16. Jahrhunderts verlor Konstanz durch den unglücklich und ruhmlosen geführten Krieg mit den Eidgenossen unter Kaiser Maximilian, die bisher besessenen landesherrlichen Rechte über das thurgauische Gebiet. – Noch Schlimmeres brachten die blutigen Wirren der Reformationszeit. – Die Bürgerschaft, anfänglich der neuen Lehre zugetan, war dem Schmalkaldischen Bunde beigetreten. Der Bischof und das Domkapitel verließen die Stadt, ebenso alle geistlichen Ordensleute, mit Ausnahme einer Nonne in St. Katharina und eines Dominikaners, welche erklärten, lieber sterben als ihr Kloster verlassen zu wollen. Erbittert über diese Vorfälle schickte Karl der Fünfte ein spanisches Heer unter Alfonso de Vives, gegen die Stadt, um den Ungehorsam ihrer Bürger zu strafen. Aber die Bedrohten setzten sich mutig zur Wehr und vertrieben den Feind; der Kaiser verhängte hierauf die Reichsacht über die Widersetzlichen. Sich selbst überlassen und erschreckt durch den kaiserlichen Machtspruch unterwarf sich zuletzt die Bürgerschaft, verlor jedoch ihre Reichsfreiheit im Jahre 1549.

81 Jahre später, als der verderbliche 30-jährige Krieg bereits in schönster Blüte stand, kamen abermals schwere Tage. – Gustav Horn, der schwedische Feldmarschall, rückte im Spätjahre 1633, mit großer Macht den Rhein herauf gegen die Veste Konstanz. Überrascht sahen die Bürger von ihren Türmen den Feind im nahen Tegermoos ein Lager schlagen. Die österreichische Besatzung der Stadt war gering, aber vereinigt mit den wehrhaften Bürgern beschloss man mit Gut und Blut sich zu verteidigen. Horn, dem dieser Entschluss auf die Aufforderung, sich zu ergeben, kundgetan ward, ließ dem Stadtkommandanten Grafen Wolfegg erwidern: Je stärker man sich wehre, um so lieber wird es ihm sein! Doch fand er herzhafteren Widerstand, als ihm lieb sein mochte.

Alle Stürme wurden blutig abgeschlagen, und nach sechswöchentlicher Belagerung mußte der Schwede unverrichteter Sache das Feld räumen. Die Konstanzer aber feierten ihren Sieg am 4. Oktober mit einem feierlichen Tedeum in der Domkirche. Bis auf die neueste Zeit waren dort noch schwedische, hereingeworfene Bomben als Vodiva aufgehängt. (Im Jahr 1849 ließ der hessische General Schäfer bei der allgemeinen Entwaffnung diese ehrwürdigen Denkzeichen bestandener Gefahr wegnehmen.)

Die nachkommenden Sukccessions-Kriege gingen ohne besondere Folgen für unsere Stadt vorüber. Mehr und mehr verschwand die Regsamkeit und Behäbigkeit ihrer Bewohner. Die Kraft und Selbstständigkeit des Gemeinwesens waren längst dahin, Handel und Bautätigkeit lagen darnieder. Viele Häuser stunden leer, und wo früher stark besuchte Messen sich bewegten, blickte jetzt Merkurius mit seinem goldenen Stab von dem steinernen Brunnen der Marktstätte traurig auf den Platz, auf dem die Dammkärner ihre Mittagsruhe hielten, während ihre Tiere behaglich in dem hohen Grase schmausten, welches dem alten Straßenpflaster üppig entsproßte.

In diesem Zustande traf Kaiser Joseph II., auf seiner Rückreise von Paris im Jahre 1777, seine vorderösterreichische Provinzstadt. Der wohlwollende Monarch sah die Entvölkerung und Gewerbslosigkeit der Stadt und faßte den Plan, ihr abzuhelfen. Zur selbigen Zeit standen in Genf mehrere vermögliche Fabrikherren, ausgebrochener Mißhelligkeiten wegen, im Begriffe, ihre Vaterstadt zu verlassen. Diese Leute wandten sich an den Kaiser, und dieser lud sie ein, nach Konstanz zu kommen und sich da niederzulassen. Es wurden ihnen bedeutende Vorrechte und völlige Religionsfreiheit zugesichert. Überdies erhielt einer der möglichen Fabrikherren, J. Macaire, die schön gelegene Dominikanerinsel mit ihren Gebäuden unentgeltlich zur Errichtung einer Indienne- und Soton-fabrik. Ähnliche Vergünstigungen wurden den hereingekommenen Taschenuhrmachern und Goldarbeitern gewährt.

Noch erzählt man sich in Konstanz verschiedene Äußerungen des Kaisers aus den Tagen des Besuches. – So befanden sich unter anderem an verschiedenen Plätzen der Stadt kleine hölzerne Wachthäuslein für die städtischen Nachtwächter. Der Kaiser, den dieselben auffielen, fragte nach ihrem Zwecke und erhielt die naive Antwort: „Das sind die Häuslein, in welchem die Nachtwächter schlafen.“ – „So schlafen bei Euch die Nachtwächter“, soll der Kaiser lachend erwidert haben, „bei uns wachen sie!“ Ferner wird dem Monarchen ein hartes Wort in den Mund gelegt über den Konstanzer Klerus, dem er einen Theil der Schuld am Herabkommen der Stadt beimaß.

Der gute Kaiser, meint unser Gewährsmann, der verstorbene Zeichnungslehrer Nikolaus Hug von Konstanz, konnte schon aus dem Tun und Lassen der Jugend den vorwiegenden Einfluss der damaligen Klostergeistlichkeit abnehmen.

Viele Eltern, erzählte er, thaten, aufgemuntert durch geistliche Hausfreunde, das Gelübde, dies oder jenes Kind irgend einem Ordensheiligen zu weihen und bei seiner Volljährigkeit in ein Kloster zu bringen. Die Mütter trieben den frommen Eifer häufig so weit, dass die Kleinen bereits im zarten Alter Ordenshabitchen tragen mußten. Es war keine Seltenheit, sechs bis 8-jährige Kapuziner oder Dominikaner auf der Gasse herum balgen zu sehen. – Die Schilderung damaliger Zustände der Stadt und ihrer Umgebung überhaupt, wie sie uns Nikolaus Hug hinterlassen, ist interessant genug, um mehreres daraus hier mitzuteilen.

Im Ganzen, erfahren wir, gab es ums Jahr 1780 43 Kapuziner Klöster im Sprengel Konstanz, wovon eines in der bischöflichen Resistenz selbst sich befand. Wie in allen ihren Klöstern gab es auch hier einen sogenannten Malefitzpater, dessen Geschäft es war, Hexen und böse Leute zu bannen und den Teufel auszutreiben. Gewöhnlich wurden die unsauberen Geister in kleine Kisten beschworen und wohl verpackt, gegen Nachnahme, an entlegene Orte verschickt.

Geschah in einem Hause irgendetwas Ungewöhnliches, so nahm man seine Zuflucht zu den Vätern Kapuziner. Ja sogar die Evangelischen, aus den benachbarten Schweizer-Kantonen, kamen häufig in die Stadt, um bei den guten Patres in allerlei Angelegenheiten Hilfe zu suchen. – In Häusern, wo einige Behäbigkeit herrschte, erschien an Namensfesten oder sonstigen Familientagen gewöhnlich ein oder zwei Kapuziner, dem Hausherrn gar freundlich zu gratulieren und ihn zu versichern, dass man im Gebete seiner gedenken werde. Für diese Aufmerksamkeit wurde ihnen gebührend mit einem guten Glas Wein und einem „Leibpfeifle“ aufgewartet, später aber erst noch ein Eimer Wein, die Hälfte eines Kalbes oder 30 bis 40 Pfund guten Brotes in das Kloster gesendet wird. Wer dies unterließ, sah das nächste Jahr keinen Kapuziner mehr in seinem Haus.

Die Bettelmönche hatten darin einiges Gute, dass sie manche unserer heutigen Armen und Suppenanstalten entbehrlich machten. Allwöchentlich wurde ein gewisses Quantum Brot für die Armen gebacken, sowie reisende Handwerksgesellen jederzeit unentgeltliche Bewirtung fanden. Doch wo viele solche Almosenanstalten waren, hatten sie allerdings nicht den besten Einfluss auf Tätigkeit und Fleiß der abhängigen Bevölkerung.

Nebst den Kapuzinern waren noch verschiedene andere Ordensklöster in der Stadt, die es an religiösen, im Geiste der damaligen Zeit liegenden Exhibitionen keineswegs fehlen ließen. Am Karfreitag zum Beispiel erhielten die Jesuiten einen feierlichen Umgang durch die Straßen und mit ihnen die Studenten und sämtliche Professoren. Hinter diesen Corporationen gieng ein Zug, welcher sinnbildlich die Grablegung Christi vorstellte, umgeben von Büßenden, die sich geißelten, und Männern, welche schwere Kreuze und eiserne Ketten schleppten. So bewegte sich die Prozession von einer Kirche der Stadt zur anderen, um an den dort errichteten heiligen Gräbern das übliche Gebet zu verrichten.

In einer anderen Stunde, am Karfreitag, hielt die lateinische Kongregation ihren Umzug. In dieser Bruderschaft befanden sich Priester, Beamte und angesehene Bürger. An ihrem Festtage wurden in einer eigenen Kapelle im Münsterkreuzgang lateinische Predigten gehalten. – Ebenso feierte diesen Tag auch die bürgerliche Congregation. Diese hielt ihren Gottesdienst und ihre Feste in der Pfarrkirche St. Paul.

Wenn wir weiter auf die weltlichen Zustände, Sitten und Gebräuche blicken, wie sie vor kaum 60 Jahren noch gang und gäbe waren, so können wir uns nicht der Verwunderung enthalten, wie in kurzer Zeit so vieles im bürgerlichen Haushalte sich geändert hat.

Bekannt ist die Art und Weise, wie damals rekrutiert wurde. Die Regimenter bestanden sozusagen meist aus Strafkompagnien, weil Landläufer, Tagdiebe und Übeltäter verschiedener Art in die Soldatenjacke gesteckt wurden. Da aber die erforderliche Mannschaft durch solche Subjekte nicht immer zusammengebracht werden konnte, so nahm man seine Zuflucht zu Werbungen. Zu Konstanz hielten sich stets zwei kaiserliche Werber auf.

Als Kaiser Joseph im Jahr 1780 mit den Türken Krieg führte, wurden die Werbungen in Konstanz auf folgende Art bewerkstelligt: Ein Ratsdiener trug Geld in einer Platte von Gasse zu Gasse. Hinter ihm ging ein Stadttaglöhner mit einer 4 bis 6 mäßigen Kanne guten Weines, ein anderer trug die Gläser dazu. So zog man durch die Gassen, müßige Handwerksgesellen und gaffende Landleute zu verlocken. Jeder Rekrut erhielt 25 fl. Handgeld und einen Trunk: Vivat Maria Theresia! Vivat Kaiser Joseph! u.s.w. und fort ging’s unter Jubel und Geschrei auf eine städtische Zunft, wo die Leut wohl gespeist und von Neuem mit der süßen Bacchusgabe traktiert wurden. Nach diesem wurden sie unter Aufsicht eines Ratsdieners auf Wägen und dem vorderösterreichischen Platze Günzburg abgeführt.

Nicht minder Eigentümliches hatte der Handwerkerstand. Noch zu Anfang unseres Jahrhunderts war es Sitte, dem wandernden Gesellen statt eines polizeilichen Passes oder Wanderbuches, ein sogenannte Kundschaft oder Ausweis, von seinem Handwerke ausgestellt, mitzugeben. Diese Kundschaften bestanden in einem großen Bogen Papier mit schöner Einfassung und einer Ansicht derjenigen Stadt, wo der Geselle sein Handwerk erlernt hatte. Darunter stund mit schön verzierter Frakturschrift: Wir Bürgermeister und Rat der löblichen Stadt N.N. und die Vorgesetzten Meister des ehrsamen Handwerks der Schmiede x beurkunden hiermit u.s.w..“ Die Vollmacht, solche Kundschaften auszustellen, hatte jeder Altmeister des Handwerks. Die beigesetzten Personalschriebe fielen aber oft sonderbar aus, denn die Hälfte der Handwerksmeister konnte nur kümmerlich lesen und schreiben. Daher die Signalements sozusagen stereotyp waren. Gewöhnlich hatten die Schlosser und Schmiedegesellen schwarze Haare, schwarze Augen und waren fünf Schuh, acht Zoll groß; während die Bäckergesellen sämtliche blond und kurze fette Bürschlein waren. Oft kam es vor, dass Diebe oder faule Gesellen solche Kundschaften stahlen und unter dem Namen des ursprünglichen Besitzers Diebstähle oder gar Mordtaten begingen, enthauptet oder gehängt wurden. Kam nun die Kunde von einer solchen Exekution in die Heimat des ersten, rechtmäßigen Kundschaftbesitzers, so geriet Alles in Schrecken und Bestürzung, bis nach durchgemachter Wanderzeit der vermeintlich Hingerichtete gesund und wohlbehalten bei den Seinen eintraf, und tatsächlich jene Gerüchte widerlegte.

Fortsetzung hier:

Insel Mainau – Konstanz 2.

Über Johannes Huß von Prag und seines Schülers Hieronymus gibt es die Geschichte des Hussensteins in Constanz aus der Gartenlaube 1863:
https://de.wikisource.org/wiki/Die_Geschichte_des_Hussensteins_in_Constanz



Der Name der Sortengruppe leitet sich vom Namen der griechischen Stadt Monemvasia auf der Halbinsel Peloponnes ab, die im Mittelalter ein bedeutender Handelsplatz und eine Festung des Byzantinischen Reiches war.
Ursprünglich kommt der Malvasia-Wein (lateinisch vinum malvaticum) wohl aus Kleinasien und wurde in der Antike von der Insel Kreta aus in die Welt gebracht, wo auch der weiße Malvasia di Candia heute noch süß ausgebaut wird. Auch trocken wird er vor allem vom Weingut Douloufakis ausgebaut. Die Insel Kreta und andere Teile Griechenlands stellen somit die ursprünglichsten und ältesten Sorten (siehe Malagousia). Griechenland ist weitestgehend als Ursprungsland einiger Malvasia-Sorten anerkannt. Schon die Römer bauten diese Sorte an und süßten den daraus gekelterten Wein mit Honig. (Wikipedia)

1429/30 wurde eine Ritualmordanklage gegen die Ravensburger Juden erhoben. Man hatte einen 13-jährigen Jungen im Haslachwald zwischen Ravensburg und Weingarten erhängt aufgefunden. Zunächst war ein Fuhrmann, der den Jungen in den Wald gefahren hatte, beschuldigt worden, doch bezichtigte dieser die Juden, einen Ritualmord begangen zu haben. Hierauf wurden die Ravensburger Juden gefangen genommen. Ein Teil von ihnen wurde im August 1430 verbrannt. Andere konnten fliehen oder wurden aus der Stadt vertrieben. Diese Ritualmordgeschichte führte zu Verfolgungen und Vertreibungen auch der Juden aus Buchhorn (Friedrichshafen), Konstanz, Lindau, Meersburg und anderen Städten. 1431 beschloss die Stadt Ravensburg, nie wieder Juden in der Stadt aufzunehmen. 1559 ließ sich die Stadt dieses Verbot von Kaiser Ferdinand I. ausdrücklich bestätigen. (https://www.alemannia-judaica.de/ravensburg_juedgeschichte.htm)

Levante – altitalienisch levante, mittelfranzösisch levant, „Osten“, „Morgenland“, abgeleitet vom Sonnenaufgang, von lateinisch levare „emporheben, aufgehen“. (Wikipedia)

Vorgebirge der guten Hoffnung – vermutlich das Kap an der Südspitze Afrika’s.

Spezereien – Spezerei ist eine seit dem 14. Jahrhundert verbreitete Bezeichnung für Gewürzwaren. Auch allgemein für Delikatessen, gelegentlich für Gewürzläden und Apotheken verwendet. Spezereiwaren ist auch ein veralteter Ausdruck für Lebensmittel allgemein, in der Schweiz auch für Gemischtwaren. (Wikipedia)

Der Plaphartkrieg ist als Plappartkrieg von 1458 in die Geshichte eingegagen:
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008880/2009-11-26/

Der Schmalkaldische Bund (auch Schmalkaldische Liga oder Liga von Schmalkalden genannt) war ein am 27. Februar 1531 in Schmalkalden geschlossenes Verteidigungsbündnis protestantischer Fürsten und Städte unter Führung von Kursachsen und Hessen gegen die Religionspolitik des katholischen Kaisers Karl V. (Wikipedia)

Dammkärner – Ein Kärrner ist vermutlich ein Wort für Fuhrmann. Also sind vermutlich die Pferde der Dammfuhrleute mit „Thiere“ gemeint.

Stadtplan Konstanz von 1807, mit Dominikanerinsel unten rechts (Norden ist rechts). https://de.wikipedia.org/wiki/Dominikanerinsel

Bereits am 30. Juni 1785, noch vor Schließung des Klosters, überließ Kaiser Joseph II. die Insel dem Genfer Fabrikanten und Bankier Jacques Louis (Jakob Ludwig) Macaire de L’Or (1740–1824), mit den Gebäuden, gegen Zahlung einer geringen jährlichen Pacht von 25 Gulden, zur Einrichtung einer Indienne-Fabrik mit Indigo-Färberei.

Nikolaus Hug* (geboren 14. Juni 1771 in Konstanz; gestorben 2. Dezember 1852 ebenda) war ein badischer Maler, Kupferstecher und Radierer. https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_Hug.

*Ein Bruder des rühmlich bekannten Dr. Joh. Bernh. Hug, weiland geh. Rath und Domdekan zu Freiburg.

Malefitzpater – leider finde ich hierzu gar nichts und wäre erfreut, jemand könnte mir mehr dazu schreiben.

Insel Mainau und der Badische Bodensee

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Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen

Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stücklein blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Marien’s ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsere liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.

Den Verweis hierfür mögen Wetter- und andere Propheten führen. So viel ist entschieden gewiss, dass zu Anfang der 20er Jahre, am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blauste Himmel sich über dem alten Städtlein Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Tore gesegnet; und hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf dem Gartenhängen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüt geradezu Hosen zu nennen wagt, sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fangschnüren. In der Ferne hörte man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen entlegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen ausgeklopft. Wer im Felde zu tun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so Manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte sein Tschako noch lackieren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefel, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.

„Wenn es nur auch so hält“, sagte der alte Hafnermeister, in den er seinen Sappeursbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig heraus ausstaffierte.
Es bleibt gut“, bemerkte ein Nachbar, der sassianene Gerbermeister. „Mein Laubfrosch sitzt jetzt schon seit vorgestern früh hoch auf der Leiter, und das Männle am Rathausfähnle läßt gutes Wetter supponieren.“
Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“, erwiderte der Andere.
Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit geziemender Würde begangen wird.

Zur Zeit unserer Erzählung war dieser Tag für die ganze Baar sozusagen ein Volksfest, zu welchem die Gäste von nah und fern zusammenströmten. Nicht wenig zum Glanz des Tages trug eine bürgerliche Miliz und ein Musikkorps bei, welche beide nach dem Muster anderer kleinen Städte auch hier errichtet worden waren. Die Musik, von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs trefflichste eingeübt, hatte den Beifall aller Hörer und die wackeren Musketiere exerzierten und manövrierten, dass es eine Lust war, ihnen zuzusehen. Und weil dazumal noch nicht jeder alte Student und Gevatter Handschuhmacher sich einbildete, ein größerer Mann zu sein, der das Volk beglücken und Deutschland umgestalten müsse, so ginge alles im besten Contento, zur Freude für Jung und Alt.

Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberster, der trefflich Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah es aus, wenn er in der Uniform mit kurzen hirschledernen Beinkleidern und Suwarowstiefeln, ähnlich einem Erzherzog Karl oder Fürst Schwarzenberg, vor der Fronte stand.

Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marte, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne kein Wasser ziehe oder ob der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bub in der Eigenschaft eines Feldjägers atemlos und schwitzend daher gelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn.

Gedachter Marte war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte, und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerzieren gründlich studiert bei den Österreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, dass selbst der Major „das Meiste von ihm habe“. „Gleich!“ sagte er, „gleich werd‘ ich erscheinen.“ Er rückte noch einmal seine Waffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger vor dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgerkorps in Reih und Glied und begann sämtliche Schwenkungen und Manövers, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinter her aber zog ein Haufen von Buben mit Bohnenstecken statt der Gewehr, und machten alle Exercitien glücklich nach.

Stellt euch“, sagt der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren. „Stellt euch nur morgen auch Alle präzis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, dass wir den alten Ruhm nicht einbüßen“.

Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwebel Marte und den Korporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauen zu: „Ihr Leut‘, ich fürcht‘, dass uns die Zwei“ – hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin – „morgen bei den Salven Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten.!

„Herr Major“, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: “ das wird’s nicht wohltun; wofür verzürnen die Leutele. Ich weiß ein besser Mittel, laßt mir mich machen. Morgen, bevor und dass wir einmarschieren, will ich tun, als visitiere ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Lichtstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut‘ haben ihre Plaisir.“ – Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandierte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Alten die Musketen heimtragen durften.

Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Burschen die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf den Rücken, kam aus dem Felde. Der andere schien auf der Reise begriffen zu sein; er mochte etwa 24 Jahre zählen, ein stämmiger Bursche mit braunem Haar und rötlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit gehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: Über den neuen schwarzen Lederhosen, den neuen grünen Samtschoopen und das rote Leible. In der Hand trug eine schwanke Haselnussgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken hieb, der vor ihnen hertanzte. K

„Konrad“, sagte der mit der Sense, „das kann ich dir sagen, seit du auf dem Hofe bist, kennt man dich fast nicht mehr, du bist ein Weltkerle geworden“.
D’rum bin ich gesund, Gott Lob“, erwiderte der im Sonntagsstaat, „Essen und Trinken schmeckt mir, und überflüssige Sorgen mach‘ ich mir auch keine“.
Ja, wenn eine gewisse nicht wär!“
Du hast gehört läuten, und weißt nicht wo, Franzsepp“, meinte Konrad. „Was soll denn das für eine gewisse sein? – Vom Hörensagen lügt man gern“. –
Er suchte ablenkend das Gespräch auf eine andere Materie zu leiten, uls sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so dass man die vergoldeten Zeiger der Turmuhr sehen konnte, machte er ein Paar von den blanken runden Knöpfen an dem roten Leibe auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kirchturmuhr.-
„Sechs Uhr!“ , sagte er, „Die geht eine halbe Stund‘ früher als die Bräunlingerin. Sechse, Siebene – bis um Achte bin ich daheim.“
Ei was! kannst’s du auch Neune werden lassen“, rief der Franzsepp. „Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler miteinander trinken in der Sonne, denn so jung kommen wir doch nicht mehr zusammen.“
Nichts da, sag Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!“
„Aha, es zieht den Menschen eben heim; ei, das muss ja ein großmächtiges Zugpflaster sein, das so stark zieht. – Aber morgen kommst doch zum Fest?“
Ja, freili'“, rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Tore über die Bregach führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen wandern sie in aller Seelenruhe zum Tore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht sich ja gar so gut von Allem, was die Woche über passiert, von Altem und Neuen, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen, sie kommt auch wohlfeiler, als die im Wirtshause.

Heute, an so einem geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit alten Zeiten in Stein gehauen, auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und bedächtiger Miene sah er, wie immer, dem Lauf des Baches nach, der in einiger Entfernung die Stadtmühle treibt.

Der Wanderer verließ die Brücke und gegen den Fußweg hin, dadurch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegende, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindschritte oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zog sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde. Denn nachdem die Betglocken, welche in der Umgegend den kommenden Festtage verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathaussstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.

Was trieb ihn denn so vorwärts, und hier sind immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinem Ältern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an laue Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschen? Oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ih der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? –

Hier ist nun der Ort, wo ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündlein von Hüfingen zu dem Dorfe zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und an einen anderen Weg einschlagen; wenn wir unsere Schritte fördern, so kommen wir immer noch zur gleichen Zeit mit ihm an.

Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen.
Richtig. Der Marsch ist so weit nicht, als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein und sein Xaver aus Russland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der 13-jährige Waisenknabe nur noch einen einzigen älteren Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in den Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß. Durch Rührigkeit und Sparsamkeit hatte sich der Knecht bald so emporgeschwungen, dass er als Pächter des fürstlichen Meierhofes zu Waldhausen sich dauernd wieder niederlassen konnte. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihm ein Verwandter zu sich, der keine Kinder hatte, aber sehr für möglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer, hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf dem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegte; im Übrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt, auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der Tat im Stande gewesen, „die Laus und den Balg zu schinden“. Dieser trockene, einsilbige Vetter und dieses knickrische Weib war nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und kühle Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, dass ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da ist der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählich zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.

Dazumal war noch die Ross- und Nachtweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte Rossbubenverfassung, welche seitdem auch von dem raschen Lauf der Zeit umgestürzt worden ist. Da nämlich die jüngeren Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, dass sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektiert wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „ausfuhren“, das heißt die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeinenes Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mussten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stillieger“ und waren die Oberhäupter der anderen. Sie lagen nämlich still, das heißt müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußte ihre Unterthanen alle Arbeit für sie tun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und abzäunen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolkes. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein eingesetzt werden. So geschah es unserem Konrad, dass er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall tat und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, dass er ein Stillleger werden sollte. Der Barbier des Orts, das sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, einen wirklicher Pfleger an ihm wurde, voller Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.

Aber er hatte auch noch Muße, um anderen Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein 18. Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegte, die Mädchen des Dorfes mit anderen Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, dass dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermutet hätte. Was er auch tun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg. Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareille mit den schönen roten Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Tony’s „zumpferne“ Agnes? oder eine von des Müllers Töchtern? Keine von all diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche als Bub bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinetwillen in Tränen zu sehen, ihm ein Genuss gewesen war? Ja die, die war’s, des alten, vermöglichen Vogts sein feines Mariannle, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei.

Freilich hätte er lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliches Bild vor seinen Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden solle, denn er wusste wohl, welch Kluft sei, zwischen der reichen Tochter des Vogts und einem armen Bauernknecht. Er konnte aber nicht, denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letztlich angeschaut hatte, so dass es ihm dabei war, als sähe er in das Paradies hinein. Ihr roter Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht zu sehr zu seinen Gunsten auslegen.

Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammerfenster oben heraus sehen durfte, da konnte er noch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, dass es das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, Niemand anderes war, als das Mariannele. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpflein ein klein wenig herauf, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.

Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach der Amtsstadt zur „Ziehung“. Zu Fuß war sie ausgezogen, das ganze Dorf hatte ihnen Glück gewünscht. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der konscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammengenommen hatten, zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen.

Als der Wagen in’s Dorf hineinfuhr und an dem Hause, an welchem die Bürger und Mädchen beisammen standen, vorbeifuhr, stimmten die lärmenden Rekruten ein Lied an. Und ein Buckliger, den der lustige Zufall Nummer Eins hatte ziehen lassen, brachte mit kreischende Stimme dem Soldatenstand ein lautes Vivat.

Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf eine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: „Verspielt! Nummer 17!“ entgegenhielt, da wurden die gute Mariann‘ blass bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm doch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.

Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft losgemacht hatte, ich bin froh, dass ich fort komm‘. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann‘ kannst du dir keine Hoffnungen machen. Sie ist hübsch – dazu reicher Leute, Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser ’s Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, dass sie dir hold ist, einfältiger Kerl? Also nur fort – Unglückskind – fort, fort!

Doch so schnell sollte es nicht gehen.
Hast du denn gar keine Fehler?“ Fragte ihn sein Vetter nach einiger Zeit, als er sich zur Visitation stellen mußte.
Zwanzig Jahre und kein Fehler!“, sagte die Riedbäuerin dazwischen. „das wär mir was! Jugend hat kein‘ Tugend.“
Von solchen Fehlern ist nicht die Red‘. Annekäther“, bemerkte der alte Rittbauer.
Keinen, dass ich weiß“, erwiderte Konrad. „Den linken Arm kann ich nicht mehr ganz biegen, seit ich ihn gebrochen habe.“
Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben“, sagte sein Pfleger. – „Ja“, dachte Conrad, „das werd‘ ich wohl bleiben lassen; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.“
Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt.
Was ist’s denn mit dem Arm da?“ Fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem anderen Ton, als dass Mariannle einst gefragt hatte.
Ich hab‘ ihn vor zwei Jahren gebrochen“.
Untauglich!“ hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonderer kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, dass noch ganz andere Kerle vor der Türe standen.

Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amzhause ging: das hab‘ ich schon gemerkt, dass der Soldatenstand just kein Schleckhafen ist. – Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in die Abstandsstube unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte er in den Bart hinein, „Aufrecht, dummer Bauerntölpel!“ Wie aber der Konrad auf dieses mit einem grimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, dass der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.

So hat ihm also das Vorhaben, durch die Nötigung der Umstände aus seinem heimatlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb mir nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben?

Die Familie des Mädchens gehörte zu den wohlhabendsten der Baar. Seit mehr als einem Jahrhundert war das Vogtamt beständig bei diesem Hause verblieben. Der älteste Besitzer des Stammgutes hatte unter anderem das Recht, mit eigenem Wappen zu siegeln, und selbst die regierenden Fürsten beliebten früher Zeit während der Jagd öfters ihre Einkehr in dem wohlgelegenen Bauernhause zu nehmen.

Kein Wunder also, dass der Vogt einen gewissen angeerbten Stolz und behäbige Selbstgefühl zur Schau trug. Zudem war er der Mann, der noch viel auf alte Sitten und Bräuche hielt. So herrschte zum Beispiel in dem Dorf noch die Sitte, die Gemeindeversammlungen im Freien unter der alten Linde bei der Kirche abzuhalten. Am Sonntag, wenn Wichtiges verhandelt werden sollte, postierte sich der Bannwart jedes Mal an die Kirchtür und entbot dem herauskommen den Bürger mit den Worten: „Ihr Mannen, ’s ist G’meind, Ihr sollet warten unter der Linden!“

Als einige Neurer später darauf drangen, die Versammlung, wie bereits anderwärts, im neuen Schulhause abzuhalten, stand sich der Vogt, der bei dieser Gelegenheit in eigensinnigen Widerspruch und Wortwechsel gerathen war, bewogen, das Vogtamt abzugeben, und vom Gemeindewesen gänzlich sich zurückzuziehen.

Um diese Zeit waren namentlich Zwei, der Sohn des Krämermichels und der Sternenwirtssohn: die waren nach anderthalb jähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und konnten etwas französisch. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimatleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs taten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andere in Bern oder Lausanne ein Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu gefallen, entschlossen sie sich endlich zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. „In Frankreich ist es so und so“ pflegte der Eine, der ein halbes Jahr im Elsass gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der Andere hatte die Parole umgekehrt: „So ist’s in der welschen Schweiz nicht“, warf er hin, so oft ihm etwas mißfiel.

Leider aber stieß er erste, der Franzos‘, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann‘ auf’s Angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahrte, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe.

Sein Bruder hatte ihm schon früher den Antrag gemacht, zu ihm auf dem Maierhof zu kommen, um den Dienst eines Oberknechts bei ihm zu versehen. Ein Antrag, der unserem Konrad eben recht kam.

Am „Bündelstage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er sein Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündeleien, das er in ein rotes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, dass das Mariannele just unter der Hausthür stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitet ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim.

Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn.

Der Pachthof, zu dem wir den jungen Landwirt begleiten, liegt auf einem stillen, waldbegrenzten Tal hinter dem Städtlein Bräunlingen, auf der Grenze zwischen der Baar und dem Schwarzwald. Auf kahler Anhöhe schauen die Überreste einer Burg. Das Wiesengelände, in dessen Mitte der Maierhof, ein weitläufiges steinernes Gebäude mit zackigen Giebeln sich erhebt.

Wenn es wahr ist, dass Tätigkeit und Unmuße am Besten geeignet sind, von Fällen von selbstquälerischen Sinnen und Grillenfangen abzulenken, so hätte es hier unzweifelhaft unserem Konrad gelingen müssen, seine Gedanken loszuwerden. Denn da galt es tüchtig Hand anzulegen von morgens früh bis abends spät. So sehr der Oberknecht und Gehilfe aber auch mit Arbeit überladen war, fand er dennoch Zeit genug, sich wachend und schlafend an die Heimat zurück zu träumen. –

Wenn die Schneestürme durch die winterliche Gegend wehten oder in kalten, hellstirnigen Nächten das Eis im nahe Teiche krachte, und Abends das Gesinde um den warmen Ofen sich gelagert hatte, führten ihn seine Gedanken nach Hause. – Jetzt, dachte er, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen, und die Weiber spinnen, dass der Ofen zittert, und die Männer liegen auf der Ofenbank. Jetzt wird der alte Kasper hereinkommen, er reibt die Hände, klagt über die Grindskälte und setzt sich in den Herrgottswinkel, wo er zu erzählen anhebt.

Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Geister, um so lieber, wenn der Wind gerade recht schauerlich um Kamin und um die Dächer rumort und die „Nachtfrau“, wie er sagt, um die Häuser schleicht. – So hörte ihn Konrad alle die alten Geschichten wieder vorbringen: vom „Berchenappele“ und anderen gespenstischen Weiblein, die in den Wäldern zwischen Hüfingen und seinem Heimatorte ihr so neckisches Wesen treiben sollen. – „Der Krieg“, schloss der Alte gewöhnlich, „hat die Geister alle vertrieben, d’rum hört man auch so wenig mehr davon“.

Solche und ähnliche Szenen malte sich in ungestörten Augenblicken der Träumer gerne aus. Aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter zu kehrten in das Vogtes Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich ein kein Hausrecht hatten. – Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimat nähert, gleichen Schritt mit ihm halten wolle, denn seht, er ist auf einmal bedeutend in der Marsch geraten, und wenn ihm das „Appele“ unterwegs keinen Streich spielt, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kaspar von ihm erzählen zu hören.

An einem hellen Februartag ging Konrad, vor der Sonntagskirche, auf einen der nächsten Berge, die „Windstelle“ genannt, und erstieg hier die höchste Tanne, um nur wieder einmal den Kirchturm seines Dorfes zu erblicken. Er hatte eine weite, weite Aussicht da oben, über all die dunklen Tannenwälder hinaus, in die Baar, bis an den blauen Osterberg und den hohen Randen. Da saß er denn, während ringsum die vielen Morgenglocken zusammen klangen, und sah und suchte; aber er konnte den wohlbekannten Turm nicht finden. Da, sagte er, indem er mit der Hand gegen den Fürstenberg wies, da muss er liegen. Eine ganze Stunde saß er auf dem Baum, bis sich die Ferne in bläulich weißen Duft gehüllt hatte; dann stieg er ein wenig mißmutig herunter doch war es dabei wunderlich zu Sinne, just als schon der Frühling anbrechen wollte.

Als er auf dem Hofe zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, dass seine Base, die Riederbäuerin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich, denn er wusste wohl, dass ihm seine Frau trotz ihres unfreundlichen Wesens unentbehrliche geworden war. Die Ehe hatte unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, dass sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, dass zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so aneinander gewöhnt und gefesselt waren, dass der überlebende Teil bald seinen losgelassenen Widerpart nachwelken musste.

Am Donnerstag, sagte, der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße, darunter aber auch einen ganz besonderen vom – Mariannele.

Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmergeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! , sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Teil des Tages das Gegenteil von dem, was er Morgen gewesen. Es schien ihn etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlicht betreten umher und fast schüchtern, so dass der alte Veitle, der Karrenknecht, vermutete, es sei ihm der Geist begegnet, der in dem Hofe zu weilen sich hören lasse, wenn er mit seinem Viergespann rassend durch das Haus fahre. – So viel ist übrigens gewiss, dass der junge Mensch so zerstreut war, dass er den Pferden den Wasserkübel statt des Heu’s in die Krippe schüttete.

Was hatte er denn gewagt? Es gab Jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimnis bleiben sollte. Denn wie das Mariannele den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergeselle, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet er viele hundert Grüße aus vom Konrad, – der sei nämlich bei ihm gewesen auf dem Waldhauserhof – und praktizierte ihr dabei ein Brieflein in die Hand.

Sie wurde blass und rot vor Schrecken und hätte beinahe das schwarz im Goldschnitt eingebundene Gebetsbuch und den Rosenkranz mit den blanken silbernen „Gottesregeln“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie den Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und unter Herzklopfen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:


Das Jokobifest war in Hüfingen sehr wichtig und wird auch schon im Hieronymus behandelt.

In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder. Deshalb bemerkt der Hafnermeister (Ofenbauer) mit dem Sappeursbart (sapeur=Steinhauer):

Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“.

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe im Hieronymus Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Im Jahre 1824 fiel der Samstag auf den 24. Juli, also war das Jakobifest auf das sich Hüfingen vorbereitet am Sonntag den 25. Juli 1824.

Lucian Reich beschreibt hier genau die Vorbereitungen in Hüfingen auf das Fest, an dem er selber 7 Jahre alt gewesen ist.

Schützenhaus

Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im “unteren Angel” ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das “Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen” mit “Bürstenbüchsen” zur Pflicht gemacht. (1)

Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April).

Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)

Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises (1)

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Mit dem „Bündelstag“ ist sicher Mariä Lichtmess gemeint.
Dies war einer der wichtigsten Tage im Bauernjahr, da am 2. Februar Knechten und Mägden in der Landwirtschaft erlaubt war, ihren Dienstherrn zu wechseln.

Der Hüfinger Kirchturm hatte es damals den Menschen wohl sehr angetan. Hierzu fällt mir der Ferienbummler von Josef Schelble aus dem Jahre 1899 ein. Hier kann man auch dem Mühlenbach und dem damaligen Stadtmüller begegnen:

Nach der lieben Vaterstadt
Die den grünen Kirchturm hat

Der Maierhof und die Schafweide Waldhausen gehörte damals dem Kloster Bebenhausen, einer Zisterzienserabtei, wobei Lucian Reich schrieb „fürstlicher Maierhof zu Waldhausen“. Waldhausen gehörte tatsächlich den Fürsten zu Fürstenberg und war bis zur Eingemeindung nach Bräunlingen selbstständig.

Über das Leben der „Roßbuben“ und auch die „Stilllieger“ hat Lucian Reich auch schon im Hieronymus berichtet. Auch die Roßbubenverfassung macht er hier wieder zum Thema.
Am Ende des Kapitels wird der Pfingstritt der Knechte und Roßbuben beschrieben, an dessen Ende der Pfingsthagen in den Brunnen geworfen wurde.

Die „Riedbauern“ lebten vermutlich Richtung Rieböhringen bei Hausen vor Wald, da er ein bis zwei Stunden von Hüfingen unterwegs war, den Fürstenberg sehen konnte und der Vogt gerne im Adler einkehrt.

Melodien der Baar – Kirchenglocken Hüfingen, Behla, Hausen, Fürstenberg, Mundelfingen und Sumpfohren

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

Wanderblühten – Das Buch

Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog


„Keine Kohle, kein Feuer
Kann brennen also heiß,
Wie stille heimliche Liebe,
Die Niemand nicht weiß“
Volkslied

„Hoffnung hintergehet zwar,
Aber was wandelmüthig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treu gesinnten Herzen gütig!“
v. Logau

Was habt ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebste Bildchen! Läßt sich der Freund und Gevatter vernehmen. – Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimelig aus! Ja, eine ganze Heimat, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, Die Baar, die an den Schwarzwald stößt.-

Wie still und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchen die Seele der jungen Mutter atmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das einen kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitert sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräte, und hat sich auch des behaglichen Haustiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüffelein rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch das offene Fenster hauchte frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nötig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. – Wißt ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in dem Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“ wie Gottfried von Straßburg sagt! Nein, wir wollen’s frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.

Das kann schon werden, sagte er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypfernen Venus emporkräuselt.

Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal, jetzt handelt es sich darum, ihn weiter zu fördern.

Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: Damit ist alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke, oder mit dem weißleinen Häublein in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele ernst gewesen ist.

Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Schutzengeln überlassen, nach welchen seiner Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er seine erste Selbstständigkeit erlangt hat.

Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in den Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschlosse herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muss er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hause „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den Busch„Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hause sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim oberen Bierhaus ist’s lebendig; dort liegt die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.

Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem fliederbeschlagenen Buche gelesen hat.

Meinhalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musizieren. Aber an Regensonntage da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick.

Zwick! das ist mir eine unbekannte Gegend.
So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur.
Jetzt weiß ich, wo ich d’ran bin. Das ist die Treibschnur;
die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt.
O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, dass einem das Herz im Leibe lacht. Das ist andere Arbeit.
Nun, was hilft’s. Die Freude wird auch nicht ewig währen.
Wenn Hölth sagt:

Bald sitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero,
Verschimmeltes Latein,

So ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in dem leinenen Häublein, oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick, oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muss, und die Sonne scheint so lustig draußen, dass es einem wie Quecksilber durch die Adern ringt. –

Ja, das ist halt freilich eine harte Nuss. Wir wollen froh sein, dass wir sie durchgeknackt haben. Übrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.

Ja, im Winter tut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Eckballen, Marbel, Ball und andere Ergötzungen, und in der Schule selbst führen wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.

Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange, dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darf es mein Konrad nicht bringen; auch muss er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich‘ da nicht nur um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge. als da sind die Geschichten vom ägyptischen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgle“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt.
Halt – kann er denn die Mädchen leiden?
Das nicht gerade. Vielmehr zupft und rupft er sie, scheucht und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist‘ s ihm ein „gemähtes Wiesle“. Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei es auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen.
An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.

Noch einmal Halt – Ist keine ist keine darunter, die er, – wie soll ich mich ausdrücken? – so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wisst schon – es gibt Fälle, da hat man Beispiele.
Allemal ist so eine d’runter, das versteht sich.
Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name tut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigentümlich besonders nicht leiden kann.
Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang.
Also, Marianne?
Des erreichen Vogts Marianneli. Die Jagt er immer am hitzigsten, die kneift der am ärgsten, wenn er sie erwischen kann.
Und doch hat sie ihm gewiss nie etwas zuleide getan.
Bewahre, sie könnte keine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das kleine freundliche Mädel ja nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kammerädinnen ist.

Doch kann das im stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, dass sie ein wenig vornehmer ist als er.
Freilich tut er das, und ich will gleich so ein Zeug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützte diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh‘ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kammerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann‘, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solche sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins?
Grad‘ dir schenk‘ ich keins, sagt er: Warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in eurem Shopf Tabak rauchten?
Ich kann ja aber auch nichts dafür, sagt sie, und die Tränen fließen ihr in die Augen, dass sie allein leer ausgehen soll.
Kauf dir eins, sagt er. Ihr sind. Ihr seid ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache.
Sie sieht ihn aber nicht an?
Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule und unten an der Haustür auf sie, und sagt: da, Mariann, ich schenk es dir doch. – Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich es auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. – Nachher aber ist sie aber gleich wieder gut.
Da muss er übrigens doch noch etwas extra tun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen.
Ja, nach feiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehntscheuer. Es wird hin und her geraten, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben auszuteilen, sagt endlich der Konrad.

Das ist, schätze ich, wohl, „Engel und Teufel“?
Ja, es kommt auf eins heraus.

Die Kinder sitzen im Kreis, eines teilt die Farben oder Blumen aus, ein anderes stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum anderen und sagt ihm ins Ohr: du bist eine rote Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke und so weiter.
Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt es: du bist ein Schlehenbusch, du eine Brennessel, du ein grüner Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. – Wer ist drauß‘? fragt die Austeilerin. – Der Engel mit dem Schein. – Herein. – Was hätt Er gern? – Eine Farb‘. – Was für eine? – Eine weiße Rose. – Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel –
Den macht unser Konrad?
Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappdeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. – Wer ist drauß? – Der Teufel mit der Schürgabel. – Was hätt‘ er gern? – Nun bekommt auch der Teufel seinen Anteil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappern entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz allen Ratens nicht auf die rechte Farbe kommen kann.

Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann‘ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumenname nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muss es sich auch noch gefallen lassen, dass die Seele, und der vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wütend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorbei marschierenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann‘ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten.
Zarte Aufmerksamkeit!

Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne einen Zetermordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster raus. Was gibts? – Der Konrad hat die Mariann‘ ins Gesicht geschlagen, dass sie blutet. – Habe ich dir nicht schon oft gesagt, du sollst nichts mit dem Rotzer haben?

Welche Demütigung für seine satanische Majestät!
Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Salzsäure vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrentiteln hinnimmt, faßt in eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in Arbeit.

Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen!
Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem gestrengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer des Buben führt, zählt ihm noch etliche aus dem ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich ins Bett. – Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, besser jetzt, als später!

Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.

Wenn er das vorher wüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der hier so harmlos träumte. – Wenn ich so einen kleinen runden Kindskopf sehe, so pflegte ich immer zu denken: Du wirst mit der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.

Und doch, wie klein sind die Unfälle, über die wir zurerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Tränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!

Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.

Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr und kraus durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsren Auge das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihrer vollkommenen Gestalten, die wir in Unmuth und Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist denn manches böse Fädelein verschwunden, das uns so dick wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut, denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornämlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. – Aber nun webt mir für unseren Schützling einige freundliche Fäden ein.

Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig tut es mir leid, dass ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die mißfarbigen, denn es nötigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.

Ihr seid unerbittlich, wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.

Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen, denn seine Eltern sind sehr arm. Wie? Da sagt Euer Bildchen die Wahrheit nicht.
Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armut, und das Zimmer sieht so blank gescheuert und wohlhabend aus.

Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichtum, gilt aber doch nichts im Pfandbuch, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Haus aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unseren Konrad, wenn er in Armut aufwächst?

Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus.
Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet wacker auf dem Felde, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht 13 Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.

Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so grässlich auf! Wie und wo kommt der denn ums Leben?
Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge.
Halt, halt, Meister Lucian, man muss den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, solange er mit Ehren geschehen kann. Oder – ja, nun merk‘ ich’s. – Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während ihr mir weiß macht, dass ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecken der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.

Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus Dem abnehmen, was-

Was etwa einem Vater geschehen ist?
Nun, ich will nur so viel sagen, dass ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes und dass ich dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelsehrohr von des zugedrückten Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; den ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.

Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchlein und teilt es mit, ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.

Darauf legt der Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewusstsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.

Lucian Reich erzählt hier zuerst eine Unterhaltung mit „einem schriftgeübten Freund und Sohn der Musen“ und nennt sich hierbei selbst „Meister Lucian“.

Mater nati fata requirens – die Mutter des Sohnes sucht das Schicksal

Wachse ‚ n und trüeihe
bzw. „Wachset und trüeihet!

Johann Peter Hebel

Zwick, so heißt das vordere Ende einer Geißelschnur oder Treibschnur. Das Wort Peitsche wurde damals wohl nicht in diesem Zusammenhang benutzt.

O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht.

Rottweiler Schlinge mit Zwick

Bald schwitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero‘,
Verschimmeltes Latein,

Darauf legt Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschicht an, wie folgt.

Amalgam, Gottfrieds Lade, Uhremacher Riehle und Getti Beppi Kramer

überarbeiteter Beitrag vom 16.02.2021

„Hai,Hai,los, mirgond„

Uugeduldig ruefts dorchs Huus im Lassberg. „ Heinz, jetz sind er frisch aazoge und scho wieder dappsch i die onzig Drecklache, s Hubertle häsch au verlättertet, zienet frische Kniestrümpf aa ! dass mer eich z Hifinge zoege khaa. Hond er Zai fescht bürschtlet und d Fingernägel putzt ? Dorle , du nimmsch d Mechtild a d Hand, ab gohts. Mir gond, jetzt laufet zue bigott“. Die Fünf Mauze hoppet gattig am Rothuus vorbei gege de Bahhof. Dä gohts über de Iisesteg a de Labrante, geg de Schützeberg mit em Pavillion, em Bellvedere. A Aamedshofe vorbei verzellt d Motter no die Gschicht vum Viktor v. Scheffel über de Jüngling, Kreuzfahrer und Maidlischmecker Juniperus, der mit dem Sevelpalme. Und scho sim mit dene kortzwiehlige Gschichte vu de Motter, vum Klärle, am Schächerkäppele. Wie sichs für e streng liberal- katholische Famile ghöhrt, word dä no e Vater Unser und e Gegrüsset seist du Marial betet. Au dä verzellt d Motter, e halbe Hifingerei, die Heiligegschicht vu de Schächerkapelle und die Sage vu de Schächerkatz dezue. D Mechtild isch noch dem lange Weag scho ganz schee muuggig und drum muess sie de wuselig Heinz, dem goht de Moscht nie uus, uff de Buckel nähe und bis zum Onkel Ernscht i de Eschingerstroos trage. Dä word gschellet und es giht e gross Halloo. De Onkel Ernscht kunnt uussi, de Sohn, de Siegfried, d Tochter , d Tante Anny und de hinter, e weng hännefiddlig, d Tante Else, d Frau vum Ernscht. Sie isch e Sächsin bei Dräsden und liidet drum als derartige Fremdsprochlerin ziemlich im Huuswese und im Boor- Städtle. De Onkel Ernscht isch en erfolgriiche Zahnarzt, en Dentischt, und de Sohn Siegfried hät au scho e Behandlungszimmer im Huus und unterstützt scho anerkannt und globt de Vater Ernscht. Hifinge und halb Eschinge goht wegem guete Ruef und de nit ganz unumstrittene vergangene Beziehunge zum Kamerad Ernst Kramer gi Zai mache lau. Gi s Klavier richte lau, wie mer au salopp sait. Die jung Tante Anny, d Tochter vum Ernscht, isch au mit eme Zahschlosser verhierotet, mit em Preise Karl us Aamedshofe. Die beide triebet au scho erfolgriich e Dentischtebuddi z Blumberg um. Dä, im Schmelztiegel der Nationen uff de Boor, gihts i de Mühler, me kennt au sage i de Muhlsteibrüch vu dene Bergwerks- Haudege, fascht soviel zum Bohre, wie zu de Doggererz Bergwerksziit z Blombe i de Doggererz- Stolle. E guets Gschäft für Zahschlosser isch au de legendär und berüchtigt Boxclub Blumberg. Vu dene Max Schmeling Nocheiferer hät kaum no on die vordere Zai. Also vill Arbet für de Karl mit Gebiss mache. Im Geld aber muess er bei dene Schlawacke aber immer schwer hinnedriirenne.


Else, Amalgam aariehre ! aber zack, zack !

„So Klärle, wen nemmer mer z erscht draa ? Guet, die klei Mechtild. Die andere sollet in Garte, d Anny isch au grad uff Bsuech, no kennet sie mit em Ingridli spiele„ Dä, im pflegte und schee möbilierte, herrschaftliche Garte stond Schaukle, Sandkäschte und Spielsache die iis immer e grosse Freud und Spass machet.
Iiseri Kleini nimmt im grosse Patientestuehl platz, d Motter hebt ere eweng s Händli und hät e frisch, wiis Sackduech parat. De Onkel Ernscht nimmt uff me Art Baarhocker, der mit feinem Leder beschlage isch, platz. So Baarhocker wered später mol, wie mer no sehne wered, au e grosse, uusägliche Liedeschaft vum Onkel Ernscht. Drei, vier Zängli. silbrigi Hääckli und e winzigs Spiegeli leit er z reacht, de riesig Lampebolle word aaknips und de schattelos Strahl uffs Muul uusgrichtet und des Bohrergstellaasch word uusmöbiliert. Der Bohrergalge mit 2-3 Glenk, mit silbrige spiral- Triebrähmli und eme handliche Bohrfuetterhalter isch s angschiiflössend Gschierr i dem Raum und macht en sorrige, giigsige Contertenor- Ton. „ So , mach mol s Muul uff, Kleini, ganz guet, do hät s Klärli als Zahputzgendarm guet gschaffet. Aha, koe onzig Loch, dir momer nuu eweng Zahstoe abschliefe.“ Jetzt kunnt des Bohrergstell i Iisatz, es fangt a i hohne, gruusige Tön zum Sorre aa. En Polierbohrer word iigsetzt und eweng a de Zähnli ummegschrupperet. „Guet isch, Maidli, Klärle, kaasch se abilupfe, bisch Tapfer gsii. Gang ussi in Garte zum Spiele. Bring mer de näscht, Klärle“ Jetzt kumm ich draa und e weng goht mer s Klämmerli scho. Wieder die gliich Prozedur, aber desmol endeckt er e Loch. „ A4, obe, Else riehr Amalgam aa ! Uffpasse Biebli, jetzet bohremer e klei weng, Mosch ganz tapfer sii. So des hetemer, no verputze mit Amalgam und denno kaasch wieder Eis und Malzer schlecke uhni dass es die im Muul elektrisiert. Klärle , s Näscht “ Au beim Dorle find er nuu oe Loch und sie isch sowieso die Geduldigtscht, Liedensfähigscht und Tapferscht vu de ganz Famile. Au hit no. „Heinz du Strolch, kumm inni, häsch wieder d Maidli zwickt und pfätz und ploget, du bisch doch en Oberbandit“ De Heinz gilt als hertgsottene Eisefuess i de Stadt, dem nähmert z Noh kumme derf. Er wacht über iiseri Maidli und au über mich wie en scharfe Hofhund. Aber uff em Zahnarztschragge isch er en Hoseschiesser. De onzig wo drääset und joomeret und kum stillhebt. Natierli hät er, halt au eweng disziplinloser bim Zaiputze wie mir andere Kinder, gar zwei Löcher wo bohret, gstopf und verschliffe were mond. Sogar de zäh und hertgsotte Onkel Ernscht isch froh, wo ner den scharrige Satansbroote ab em Stuhl hät. Bei de Cousine Klärle muess au nuu Zahstoe grasplet were. Dass de Vetter Ernst gearn eweng noh a de Wiiber aalohnet und sogar vor de nette, mit keltischem Uusähne uusgstatte Cousine, die warm Nähe suucht, des büglet s Klärle couraschiert ab. D Sächsin „Äelse“ moss des all im Hintergrund vielmol aagucke und liide. „Jetztet goht s no in Garte, Else, mach dene Kinder no en Kakkoo, bring en siesse Silberperle Sprudel und Breetli. Siegfried, lass emel noo und kumm au uussi, wenn s Klärle scho mol do isch“ Silberperle Sprudel gihts nit all Tag und so gueti Breetli vum andere Bue vum Onkle Ernscht, vum Konditor Karl- Heinz, des isch erscht reacht en seltene Gnuss. So isch de erscht Bsuch z Hifinge scho e Freid und e unterhaltsams Erlebnis.

Beim Vetter Gottfried im Lade:

Die ganz Bandi rennt jetzet frsich gstärkt die paar hundert Meter geg s Städli. Dä am Peterstörle, wie mer dere Engstell zwische de Kirch St. Verena und em Schoofbuechelade sait, stürmemer de Kauflade vum Onkel Gottfreid. „Ja wa kunnt denn do, Gute Tag Bäsli- Klärle, bisch wieder mol mit de ganze Bagage do z Hiefinge. Hai kumm inni und verzell mer s Neischt vu ei und us Eschinge. Verena, bring dene Kind en Sprudel und e paar Malzer. Im Klärle e Likörle und mir en dopplete Rossler. Soso. Bim Ernscht warteter scho. Du, guck emol, do hanni no e neis Biechle; „Mi Boor mi Hoemet“. Des schenkt i der, no hät de Frieder au ebbis zum Lese am Obet, wenn die ganz Kinderbandi im Nescht isch. Ah soo, jetzt gond er zerscht no zum Riehle Wilhelm ums Eck ?, Schee dass er do waret und de Vetter Gottfried nit vergesset. Also Adee, bis denno wieder im Herbscht“.


Uhrmacherluupe, Holzfuess, Ohreringli bim Wilhelm Riehle i de Weitegass:

Die ganz Bloos rennt jetzt ums Eck ummi i d Weitegass zum kleine Lädeli vum Uhremacher Wilhelm Riehle. Des isch de Haus- und Hofuhremacher und Lieferant für Kettli, Kriezli, Uhre und Schmuck für die ganz Familie. I dere grosse Familie gihts ständig Geburtstäg, Kommunione, Taufe , Feschter, Firmunge womer ebbis netts und uuvergänglichs zum Schencke hät. D Maidli grieget Ohreringli, wo mer Löchli steche muess, zu de Kommunion en Roskranz oder au vu de Oma e goldene Uhr und zu de Firmung e Kriezli mit eme goldige Kettle. Hit sticht de Riehle, desell hät immer so e Uhrmachluppe i om Aug innizwickt und en Holzfuess,e uuseligs Kriegsaadenke, de kleine Mechthild Löchle i d Ohrläppli, weil des Äffli zu Oschtere die erschte Ohrringli grieget. Er huckt uff me runde, oefiessige Drehstuehl am Fenschter zum Liicht und käsperlet präzis und feinfühlig a ere Sackuhr ummenand und isch umgähe vu winzige Werkziig, Schruubezierli, Pinzettli, Zängli, Zahrädli, Lupe und Pinseli, die alli uff me Samett- Teppichle akkurat parat nebeenand lieget. D Mechtild word e weng abglenkt vu de Motter und scho hät de Riehle s erscht Ohrläppli gstoche, es rennet zwei Tröpfle Bluet uss und denno kunnt au s ander Orläppli draa. Tapfer hät des Maidli stillghebt und nuu paar Tränli rennet am Bäckli abi. Hoffahrt muess halt au liide. So, au des vum Hifinger Bsuech isch erlediget und me verabredet sich uff de Ostersamschtig zum Uussueche vu dene Ohrringli. D Ladeschelle macht Ding – Dong und mir wetzet gattig devuu.

Tante Emme und de Getti Wilhelm „Beppi“ Kramer, de letscht Städlibuur.

Zum näschte Bsuech sinds nuu paar Schritt ums Eck ummi, i de Süess Winkel, zum Getti vu de Motter Klare, zum Wilhelm Kramer oder, wie er im Städtli hoesst: Zum Kramer Beppi. Desell isch on vu de letschte Städlibuure, der all no kon Kramer 13 PS Alleschaffer hät und all no mit de Stier und Kuhefuhrwearch uffs Feld, gi Heibe und Öhmde, Herdepfelhacke und Mische uusfahrt. Bis er uff de Äcker mit sim klepprige Iisereife- Loeterwage a de Lorete oder am Siirebrinnili isch, sind die andere Buure mit ehrne neie, naglende Diesel- Bulldogg, mit Gummiwäge draa, scho bi de zweite Fuhri. De knitz und boemager, en Hämpfling isch er, de Getti Beppi. Er wohnt im zweite Stock im Kramer- Eckhuus und gegenüber vum Gässli isch sin Stall, wo er die klepprige Wäderkiehli, de Stier, e paar Goesse und Hiener iiquartiert hät. Es isch e hohlose Buureschafferei, bei dere er vu de walküreartige, on Kopf grössere wie de Beppi, de Tante Emme, e gebürtige, Döggingerei, fliessig und schaffig unterstützt word. Statt „suscht“ sait sie „suss“, wa ere i de Familiechronik de Übername „De Suss“ iidrait. D Tante Emme und de Beppi hät gwisst, dass die ganz Eschinger Bagage kunnt und uff Punkt Zwölfi hät d Tante Emme en grosse Hafe selbergmachti, dampfende Nuddlesuppe uff em Tisch. Dezue gihts alls us em oegene Huus- und Buurewese: En grosse Krueg kühle, frischgmolkeni Milch, wahrschienlich vum beschte Kühli, de Alma. Dezue en Riebbel Buurebrot mit eme wunderbare Guh und mit frischem Anke, wo no Wassertropfli bim Striiche uussispritzet. Die Beide sind kinderlos und hond für die ein- zwei Stunde, wo die ganz Bandi im Huus ummistricht, e grossi Freid. Sind aber au froh, wo wieder bald die gwohnt Ruhe is Huus iikehrt. Oe Attraktion isch im muffige Untergschoss: en alte Webstuhl vu de Vorfahre, die alli Weber waret und dene ihr Webgstellarsch de Beppi no i Ehre haltet, bis es bald emmol no ganz vermauchet isch und verkheit. Zum Abschied griegt jedes Kind no e greichte, duftende Brotwurscht als Wegzehrung und wieter gohts mit Karacho gege s Spitaltor.


Friedhofsbsuech

A de Bregbruck, korz vor em Friedhof, word natierli, wie sichs für e fromme Familie ghört, no schnell e „Gruesst seist du Marie“ vor em Heilige Sank Nepomuk bruddlet. Desell soll helfe, dass s Städtli nit bei dene Breghohwasser absuuft. Helfe duets aber doch nit all. Uff em Friedhof wered no alli Gräber vu de Hifinger Vorfahre bsuecht. D Motter woes gnau wo die alli lieget und a jedem Grab word no mit em alte Rasierbemsel oder eme Sevelpalme , wo im Weihwasswerkesseli a jedem Grab liet, e „Ruhe in Frieden“ gmurmlet und drei mol Weihwasser bemslet.


Bim Onkel Karl i de Autowerkstatt und de Tante Idde und de knorrige Tante Marie, de Kramer- Engländere.
De buebegrechtescht Bsuech stoht jetzt no aa. Bim Onkel Karl, im Opel Autohaus und Tankstell Schmid i de Schaffhuuserstross dürfet d Buebe mit em güetige und geduldige Onkel Karl eweng dorch die verölt Werkstatt muuse. Dä schmeckts noch Altöl, Gummi, Benzin, Schweissapparat und Kompresser Luft. En Opel Kapitän, en Opel Record und en Gogo hät er grad uff de Hebebühni i de Kur und giht de Gselle und Lehrbuebe Aawiesung, wa sie schruube mond, nochfille und iistelle sollet. D Maildi sind scho bei de Tante Idde und de Grosstante Marie i de guete Stubbe gie en Kakoo trinke. D Töchter vum Karl und de Idde, d Helene und d Elisabeth, hond Tankstelledienst und kennet nu ganz korz emol i d Stubbe innischaeche und eweng wunderfitze, wa die Eschinger Bandi so triebt. Und i jedem Kind schenket sie e Relleli rappeschwarze Bäredreck us em Tankstellekiosk. Natierli zogatet mer wieder über de ussergwöhnlich Uffenthalt vu de Tante Marie in London, wo sie als Junge Frau i „Stellung“ bei riiche, brittische Gschäftsliit war und ganz guet Oxford Englisch glehrt hät. D Motter kaa au no eweng Englisch und giht genauso mit e paar englische Sätz aa , wie d Tante Marie. Des hond beidi scho manchmol hoffährtig uussighängt. Und natierli hät d Tante Marie und Tante Idde verzellt, wa de Bue Ritschert und d Selma, die Uswanderer gi Amerika , gi Tomaston/ USA, so alls triebet und wa de Enkel- Bue, de Ritscherd- Wendelin II so macht und ob und wenn sie wiedermol i d Hoemet kummet zum de Uhrehandel mit Old Germany am Lebe z haalte.

Hoem gohts mit em Bregtäler i de Holzklass

Mensch war des wieder en Tag do z Hiefinge bei de Verwandschaft. Wieder vill erfahre, vill vu de Verwandschaft mitgriegt, d Werkstatt mit dem Riesbolle vu Auto, em Opel Kapitän, erlebt und vor allem die Stroriax vum Onkel us Amerika stolz genosse und und im Kopfkino uusgmolt. „Wa du häsch en Onkel z Amerika“ wäret sie Morge i de Schuel wieder frooge und erhabe und aageberisch saisch denno: „ Yes, his name is Ritscherd Kreimer“.

Weil alli ziemlich kaputt sind gomer as Hifinger Bahhöfle und passet der Bregtäler Arbeiterzug um Fievi ab, wo scho Arbeiter us Briilinge hucket und no e ganze Horde vu Sägwerksarbeiter vu de FF – Holzwerk uff de Fierobetzug wartet. D Motter moss no e Familiekärtli für so uugfähr Oe Mark am Schalter löse, bevor mir iis mit de Sägwerker zemet i de Bregtäler innizwänget. De Motter machet die noch Holz, Sägmeahl, Schweiss und Carbolineum stinkende Holzwürm uff eme Holzbank platz und mir Kinder stond im Gang, hebet iis a de bäppige, schweissige Lederrähme , die vu de Decke abi hanget und sehnet nomol d Schächerkapelle vu hinne, z Amedshofe d Juniperusquell, am DJK Platz de Lokfriedhof, denno s Drehkriez am Lokschuppe, de Steg a de Labrante vu unne und s Stellwerk am Eschinger Bahhof und scho simer wieder dehoem.

Jo so, wars, des mit em Almalgam, em Sprudel, de Nudlesuppe, de Brotworscht, em Ohrläpplisteche, em Holzfuess vum Riehle, em Benzinguh und em Bäredreck vum Tankstellekiosk und em Onkel us Amerika.

Heuernte in den 1930ern

Quelle: Historisches Filmmaterial aus dem Nachlass von Ernst Kramer. Die Veröffentlichung dient ausschließlich der Dokumentation der Hüfinger Ortsgeschichte. Sollten Rechteinhaber Einwände haben, bitten wir um eine kurze Mitteilung.


Solex statt Rolex versus Rupaner Luscht

Jo so wars „ Buebejohr z` Eschinge i de 50- er / 60- er Johr

Beitrag vom 2. September 2020

Studenteziit
S` giit nu on Ort uf dere Welt
Wo mir jeder winzigscht Winkel
Ganze Schare vu lebendige Erinnerunge zuewirft
Wo jedes Plätzli i jedere Gass
Ver mich ebs Erlebts, Entbehrts, Uverlierbars isch
Und no en Nochglanz vu dem fabelhafte,
riiche, lideschaftliche Lebe a sich trait
Daß ich als Student do z`Konschtanz glebt han

Hubert Mauz frei nach Hermann Hesse

Ruppaner Gluschte, oder: lieber Solex statt Rolex

„Willste nischt mein Solex, kannste für n Fünfzger ham“
S isch uugfährt anne 1972 und de Studiekolleg Peter Korb, en Nordhesse , trinkt halt sooo gern Ruppaner Bier. De Peter isch dietlich älter wie mir und de onzig verhierotet i iisere Booremer Landsmannschaftrundi z Konschtanz. Er hät scho zwei Kinder, d Pia und de Thilo, und sie leidplogeti Frau isch d Isolde us Trossinge. S Wocheend stoht aa und es isch Friitig Mittag. Mir Booremer Jungmanne gont meistens noch de Vorlesung am Friitig Mittag hoem. Dehoem wartet s Kicke, s Schifahre, d Skatrundi bim Zinke Franz im Büergerstübli und die Eschinger Kumpel zum uff Feschter gau oder au gi Bade, Wandere, Klettere oder Bergstiege.


De Peter hät e rots Velo Solex, die Solex Farb isch ziemli selten und des Mofa, des Motor- Fahrrad wies uff Behördediitsch hoesst, isch z Allemannie au dämols scho e Rarität. De Peter häts vum Saarland, eme Diitsche Velo Solex „Hot Spot“ , dät mer hitzutag sage, gi Konschtanz herbroocht und isch demit vu Wollmatinge all Tag ad Ingenieurschul am Rheinsteig gfahre.
Iiser Allemannie isch halt ziemli bucklig, nu z Friiborg, Lörach, Offeborg, Konschtanz kummt mer mit nuu 0,7 PS grad so uus. So wenig PS isch ver des krumm und bucklig Land zum mit so me Mofa ummenand z Kessle oefach z mickrig. I iiserm Gai, bsunders im no buckligere Schwarzwald , bruucht mer scho 3 – 5 Ps oder gar no meh, dass mer die Bickel und Halde uhni mittrette uffikunt. Do sind ebe NSU- Quickli, Zündapp, Hercules oder gar, für die ganz Schnelle, Kreidler Florett gfrogt. Die Kärre derf mer ab 16 Johr mit em 4-er Füherschii scho legal fahre. Vorher natierli scho schwarz uff de Wald und Feldweag. Oder au z Nacht i de Stadt, wenn d Plenker, wie d Polizei im Jugend- Jargon hoesst, im Adler hucket und Skat spilet und on Halbe noch em andere suufet bis sie um 1:00 mit em Opel Kadett oder NSU TT hoemfahret. Oder sie lond sich vu de Kollege uff Streifefahrt hoemfahre. Wenn am andere Morge de Streifewage verkotzet war, wars natierli der verkumme Landstriicher, den mer, kanonevoll vu billigem Fusel, i d Uusnüchterungszelle, penibel uff me Rodel protokolliert, broocht hät. Dass mer de Kolleg, de Kumpel au voll hoembroocht hät, des stoht dä uff dem Protokoll natierli nit.

Noire Traditionel

Vu de Studentestadt Friiborg, wa jo au ziemli noh a Fronkreisch liit, hät mer nebe Baquett, Gauloises, Gitanes und Absinth die Solex- Mopedle au scho kennt. Uff de Boor dierft dämols fascht koe onzigs ummenandpufferte sii. * So wie hit eigentlich immer no.


„La mi mol fahre „ sag i zum Peter und fahr grad mol de Rheinsteig uffi und aabi. „Du musst nur an dem Hebel über dem Kolben den Motor aufs Vorderrad legen, und paar Mal treten, dann schnurr das Ding gleich los, wenn de Halten willst, musste nur einfach bremsen“. “ Wo isch do denn de Gangschalter und d Kupplung ?“ frog i de Peter. „Das Teil hat keene Schaltung und nischt mit Getriebe“. „Und wa bruuchts Spritt ? , nur 1,2 Liter Mischung uff Hundert Kilometer ? und es rennt tatsächli 35 Sache uff de Ebene ? also guet, ich nimms. Do häsch den Fuffzger„.

Den han i grad als Vermessungsghilf am Wocheend mit em Bodo Hüttemann zämet beim Luftbildkartiere verdähnt. Ab jetzt fahr ich 2 Johr lang nimme mit em Rote Arnold, dem Konschtanzer Stadtbus, vum Bismarkturm z Wollmatinge an Rheinsteig, sondern mit em rote Ur- Solex. Am Dunschtig Nacht, wenn mir Booremer zum Wocheuusklang dorch d Niederburg , is Wiiglöckle, de Franz- Fritz, de Baarbaraossa, de Stefanskeller und s Grenzstübli ziehnet, fahri meischtens au mit paar Promillili und e paar Schlangelinie wieder hoemezue mit em Velo Solex. Beide ziemli volltankt. Wenns ganz hoess isch am Mittag und konni Klausure uumittelbar aastond, au as Hörnle oder s Kuhhorn gi badde und de Linzgazer Maildi zuegucke. E Solex isch e prima Gschier, des merk ich schnell und gniess sell während dere einmalige Konschtanzer Ziit ganz dietlich. Der Fuffzer war guet aagleit und de Dreschflegel kalberte immer no uff de Bühni: Denn zwischeziitlich dät ich wiit über en Tausender in €, wohlgmerkt, für des Solex griege. * (Z Eschinge soll oes gschnurr sii, bim Schneider Jürgen.) De Peter, der leider vor paar Woche, erstuunlicherwiis nit a Leberzirose, gstorbe isch, hät den Fuffzger zum Leidwese vu de Isolde bestimmt am gliiche Wochenend dorebroocht, versoffe und amend au verwieberet. Wenn d Isolde Glick ghet hät, isch er ihre am Sunntig Obed nit an Geldbeitel gange und hät ere de letscht Fünfer au no versoffe. Uff jede Fall war der Fuffzer für ihn uuwiederbringlich fort. Uneintreibbare Aussenstand im Gegesatz zum mim guet aagleite Fufzger Iisatz.


50 Mark, 50 Kubick, 50 Johr

Woni no wieder dehoem uff de Boor war, han i Fortbewegungsmittel mit 4 Räder bruucht und dietlich meh PS und höhere Gschwindigkeite. Baustelle und Projekt hinter Villinge, im Ostschwarzwald, später im Breisgau , im ganze Südweschte und no später z ganz Diitschland, kaasch mit em Solex hal oefach nimmi abzuckle. S Rot Velo Solex isch in Schopf kumme und d Spinnehuddle hond e Freud ghet und e wunderbaar Grundgrüscht für ihre wunderbare und mystische Netzwerk und Traumbilder.


Wonni denno nimme so vill und so schnell i de Gegend rum pforre han miesse, isch mer des total iigwobbe, abgschosse , verbleicht Solex wieder mol i d Pfote groote. Erinnerunge sind uffgstige, de Fuffzger, de Peter, die Baizetoure dorch d Konschtanzer Altstad und die nächtliche, kurvige Hoemfahrte mit dem gattige Schnurrerle. Mit em Handfeger kurz d Spinnehuddle abpinsled, guckt ob no Mischung drin isch, e wenig nochgfüllt, d`Michelin Reife nuu e klie weng nochpumpt, 10 -20 Meter aagschobe und: aatrete und : tuck, tuck , tuck, brumm, brumm, brumm, brrrrrrrr, es rennt. D Mickene dont au grad no. 35 Johr isch es gstande, so 60 Johr alt und immer no, oder au wieder Kult. Über 6 Mio. mol hond d Franzakke des Kärreli baut vu 1947 – 1982. Ganz oefach, genial, ohni Gang, Getriebe, wartungsarm, guet reparierbar sogar für uuerfahreni Schruuber, halt so wie au die Ente, de 2 C V au. Denno war es zmol altmodisch, untermotirisiert und nimme gfrogt, nimme verkaufbar. De VW Käfer isch übrigens nuu 3 mol soviel baut wore, nämli so 20 Mio. mol weltweit.


Sonnen König

Wa aber mol Kult war, kunnt zruck, word wieder Kult, fascht wie vu Geisterhand und über Naacht.
De Rote Renner han i nit nuu abgstaubt, sondern au eweng uffgmöblet, gschmiert, gwartet, iigstellt, putzt. Es rennt wieder wie e Örgeli und hilft mer beim Milch hole bis Schrenke- Michbuure am Weiherbach, bim Pilzsueche am Halleberg, bim im Wald und Feld ummistruehle und zum is Kino an Riepleplatz gau, wenn s Guckloch unter dene umtriebige Manne unterm Henry Probst au Kult zoeget, nämlich Kultige Film wie jetzet am Friitig Obet: „25 km/ H“ en wunderbare, poesivolle, amüsante, unterhaltsame, ehrlich gspielte Film über zwei schreege Kerle, zwei Brüder, die i de Jugendziit devu troomt hond mit ihrne Moped emol vu Villinge a d Ostsee z Fahre. 30 Johr später als Mitlive- Latschi machet sie den überzwerrissne, gattige Fortz, nochdem sie de Vater beerdiget hond und alli Vernunft und Aapasstheite für paar Tag über de Huufe werfet, oefach spinnig überbockle lond.


Irgendwie bin i jetzt am überlege, ob i des denne nochmache sot. Immerhin han ich zwischeziitlich e Uuswahl vu vier fahrbereite, guete, original- verschiedefarbige Velo Solex. S Rot, s verbleicht, abgschosse, des bliibt wie es isch. S word nit hochglanzpoliert, gstrieglet und bieglet und uffgmotz zum Poose und Aagähe. De Guu vu de sparige Benzin- Zweitacktölmischung muess mer i de Nase schmecke kinne, d Auge mond vu de matte Patina die gattig Ziit vu de 69- er, 70 – er Johr, vu unsere unbeschwerte, pralle Jungmanneziit ablese kinne und Ohre mond us em Schnurre, brummle, de Fehlzündunge die Wunderwelt us em allemannische Wirtschaftswunder ablausche kenne.

Jo so wars, i de 70-er. Loset genau änni, bald vergiss ichs nämli.


Allez le Bleu

Lieber Solex statt Rolex

Mi Solex rennt sit fascht sechz`g Johr,
Zerscht z` Konschtanz, jetzet uff de Boor
Mit grad me Liter kunsch gi Zuffehuuse
Dä bauet`s Kärre, es isch zum Gruuse

Die Bruuchet für den gliiche Weag 30 Liter
Ich mon des sei doch ganz schee bitter?
6 Gäng, -4 Liter- Triebwerk, riese Bolle
Die gänz bigott granate gschwolle

Mi Solex bruucht so Fürz gar nit
Koe Schaltung, Kupplung, e kleini Schnorre Sprit
Des Kölble, grad mol fuffzg Kubik
Triebt`s Reibrad aa, und des ganz quick

Sell Reibrad kippt uffs Vorderrädli
Des draiet schnell und ganz schee keckli
Dieselle Akku- Strom und Fuulenz- Geppl
All zweits Johr en Akku, sait min Spezi Seppl

Mi Solex rennt mit wenig Sprit
Und des isch jetzt de grosse Hit
I dere Ziit, siit des mich zieht
Briechts Seppli fascht 30 Akku- Kit

Öko- Ökonomisch goht des uff
Die Solex Manne, die hond`s druff
Sechs Millione so Verbrenner
0,7 PS, des waret wirkli konni Penner

Energetisch bringt de Sprit am meischte
Do könnet d` Ökologe, gosche, beischte
Untermotorisiert, so hoesst de Trick
Drum hät mi Solex den bsundre, den fronzössche Kick

Ducati, Harley, BeEm Weh
Do dont der jo scho d` Ohre weh
Ich bruuch koe Junghans und koe Rolex
D` Hauptsach isch, ich han mii Solex


Hauschronik einer Schwarzwälder Schildmalers-Familie

In Furtwangen befindet sich das Kirner-Kabinett zu dessen Besuch ich jedem nur raten kann. Dort befinden sich Zeichnungen über das Leben von Johann Baptist Kirner (1806-1866).

Johann Baptist Kirner war wie Xaver Reich in Italien und hatte auch die selbe Künstlerin porträtiert wie Josef Heinemann. Ich vermute, dass die Künstlerfamilien Kirner, Reich und Heinemann befreundet waren.

Bildnis der Malerin Ida Müller, einer Studentin der Kunstakademie Karlsruhe aus dem Jahr 1841
von Josef Heinemann der hier 16 Jahre alt war.

Bildnis der Malerin Ida Müller (verh. Maier) aus dem Jahr 1842 von Johann Baptist Kirner.

Aus dem Kirner Kabinett in Furtwangen:Die Eltern in der Stube. Mutter Genofeva, geb. Dilger 1765-1838 und Vater Johann Baptist 1767-1835 genannt Schuhpeterhänsle. Das Ölbild hat Johann Baptist Kirner fast 30 Jahre nach dem Tod seiner Eltern in Erinnerung an seine Jugendzeit im Elternhaus gemalt. Einige Details hatte er in früheren Jahren in Skizzen festgehalten. Das Gemälde hatte er seinem Neffen Hermann Duffner zur Hochzeit versprochen; es ist eines der letzten Werke vor seinem Tode im Jahre 1866.“


Badener im Russlandfeldzug 1812

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Unter solchen Gesprächen hatten wir unser Ziel, das Wirtshaus zu Ahorn, erreicht. Ich blieb jedoch nicht länger daselbst, als nötig war, um eine kleine Erfrischung einzunehmen, denn ich wollte denselben Tag noch Friedenweiler besuchen und auch wegen der besprochenen Hauschronik unterwegs Schritte thun. Deshalb verabschiedete ich mich bei Zeiten von meinem Freund und Begleiter und wanderte talabwärts in’s kleine Eisenbächele, wo das bezeichnete Haus und die Familie bald gefunden war.

Es gelang mir jedoch erst bei einem zweiten Besuch, die Chronik zu erhalten, welche wortgetreu, neben der Ansicht des oftgenannten, ehemaligen Klosters Friedenweiler, hier mitgeteilt wird.

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Wanderblühten
Hauschronik einer Schwarzwälder Schildmalers-Familie

Das Buch habe ich hier 2021 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen.
Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise.
Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz.
In blau sind unten Erklärungen dabei.

Chronik,

oder Etwas von dem Ursprung dieses Hauses, so wie über die Lebensverhältnisse der Familie Kirner.

Niedergeschrieben von Anton Kirner.

Bevor ich dieses kleine Denkmal meiner Familie zu stiften mich unterfange, bitte ich Gott, dass er dieselbe noch lange erhalten und fortgedeihen lassen wolle, und ihr zeitliches wie ewiges Wohl in seine Vaterhand nehmen möge. Ebenso bitte und bete ich für Diejenigen, welche schon vor dem Meinen in diesem Hause gewohnt und aus diesem Leben geschieden sind, sowie für alle Jene, welche in Zukunft noch darin hausen und sterben werden. Gott gebe ihnen und allen Menschen die ewige Glückseligkeit im Namen Jesu und Maria!

Wie mir meine Eltern sagten, und ihnen ihre Vorälteren erzählt haben, so begab es sich, dass ein großer Sturmwind viele Bäume in den Wäldern, welche zum Kloster Friedenweiler gehörten, niederriss. Auf einem der Klosterhöfe diente dazumal ein alter Oberknecht, der sich durch langjährige treue Dienste sehr verdient gemacht hatte; die Frau Abtissin, welche auf eine anständige Versorgung des Mannes bedacht war, verwilligte ihm schon von dem umgeworfen Holz so viel, als er zum Bau eines kleinen Häusleins notwendig hatte. Das Bauwerk wurde sodann aufgeführt auf einen früheren Kohlplatz im Walde, an derselben Stelle, wo gegenwärtiges, der Familie Kirner eigenes Wohnhaus steht. Die gnädige Frau erteilte darauf noch die weitere Gerechtsame, dass im Falle eines Brandunglücks, der Eigentümer jederzeit das Recht haben solle, zum Wiederaufbau vier der größten Baumstämme aus der Klosterwaldung anzusprechen. Alles dieses geschah nach meinem Vermuthen vor zwei bis dreihundert Jahren. Denn das Kloster bestand schon viele Jahrhunderte, ehe im kleinen Eisenbächle, wo früher nur Wald und Wildnis mit einigen Kohlhütten war, sich Menschen ansiedelten.

Vor dem Jahr 1770 gehörte dieses Haus, wie ich mit Gewissheit sagen kann, dem Joseph Schunhart, einem fürstenbergischen Untertan, und dessen Eheweib Katharina Willmann, welche, wie mir noch einer ihrer Söhne gesagt hat, ein armes Leben führen mußten. Der Vater beschäftigte sich meistens mit Erzgraben am Feldberg, und die Kinder, so lange sie noch klein waren, gingen betteln, und größer geworden kamen sie zu den Bauern in den Dienst. Als später der Vater, weil keines seiner Kinder ein selbständiges Auskommen erringen konnte, genötigt war, das Häuslein zu veräußern, brachte es mein Großvater Matthias Kirner an sich, der damals in des sogenannten Bürlis-Hof in der Schollach in Herberge war.

Er kaufte das kleine Anwesen, wie der Kaufbrief besagt, um 700 Gulden rauher Währung, mit allem Hausgerät, „Holz im Wald und Blumen im Feld“, jedoch mit der Bedingung, dass den Verkäufern lebenslang noch der Sitz daselbst verbleiben solle, und zwar hatten sie laut festgelegtem Leibgeding anzusprechen: einen Platz in der Stube, wo ihnen gestattet war, einen Tisch bei der Uhr zu stellen, ebenso eine Liegestatt im besagten Uhrenwinkel, als alleinige Wohnung, aber die Nebenkammer, dazu einen Platz in der Küche am Herd, nebst einem Stücklein Feld zu Kartoffeln und Hafer x.

Also war mein Großvater Eigentümer, und bezog das Häuslein mit seinem Eheweib Maria Winterhalter, beide von Schollach, und einem Sohn Martin Kirner, meinem Vater, der geboren ist im Jahre 1758.

Seines Geschäftes war der Großvater, und zwar bis ans Ende seines Lebens, Glasträger bei der Pfälzer Glashändler-Kompagnie. Sein Sohn Martin beschäftigte sich seit frühester Jugend mit allerlei Künstlereien: er fertigte Zifferblätter, schnitzte Vögel auf Kuckucksuhren, malte Heiligenbilderlein und Spielkarten. Besonders aber hatte er sein Augenmerk auf die Schildmalerei gerichtet, die dazumal noch manches zu wünschen übrig ließ. Als er jedoch herangewachsen war, kam er nach dem Willen seines Vaters ebenfalls zur Glashändler-Kompanie.

Die beiden schunhartischen Leibgedingsleute waren unterdessen gestorben, dafür erhielt aber die Zahl der Hausbewohner anderwertig Zuwachs. Im 20. Jahr seines Alters verheiratete sich nämlich mein Vater mit der Jungfrau Agatha Höffler aus Eisenbach, und die Vermählung fand statt in der Klosterkirche zu Friedenweiler, worauf im dortigen Wirtshause das zweitägige Hochzeitsfest fröhlich und guter Dinge abgehalten wurde. All dieses geschah über die Kirchweih des Jahres 1778.

Doch, nach dem unerforschlichen Ratschluss des Höchsten sollte der Ehebund nicht von langer Dauer sein, denn schon nach fünf glücklich verlebten Jahren starb die junge Frau und Mutter von drei Kindern und wurde am Jahrestag ihrer Hochzeit zur Erde bestattet.

So war denn mein Vater frühe schon Witwer geworden, mit drei unmündigen Kindern, zwei Buben und einem Mägdlein, welche mit ihrem Vater beim Großvater in Herberg waren. Letzterer, schon wohl bejaht, und wie die Großmutter nicht mehr ganz tüchtig zu den Hausgeschäften, drang in den Sohn, sich wieder zu verheiraten, auf dass die Kinder wieder eine Mutter, die Großeltern aber eine sorgsame Pflegerin ihres Alters erhalten sollten. Denn dieses war umso notwendiger, als mein Vater sowie auch mein Großvater, die meiste Zeit auswärts auf dem Glashandel zubringen mussten.

Zur selbigen Zeit war die Maria Rohrer, ein braves Mädchen von Oberbränd, als Dienstmagd bei dem fürstlichen Revierförster in Eisenbach. Diese wohl gesittete Jungfrau gefiel meinem Vater und nach Abschluss eines Jahres führte er sie zum Traualtar. Sie wurde kopuliert von dem damaligen tennenbachischen Beichtiger Joachim Lang in Friedenweiler. Dieser Mann starb anno 1811 in Kiechlingsbergen, und ich war im Jahre 1829 selbst alldort auf seinem Grab. – Nun muss ich aber wieder zurück zu meiner angefangenen, zu meiner angefangenen Geschichte.

Als den Eheleuten das erste Kind geboren wurde, befand sich mein Vater gerade auf dem Platz in Offenburg in Glashändlergeschäften. Damals schon lag ihm die Schildmalerei beständig im Sinne, wie mir der gegenwärtig noch lebende Einkäufer Laubis sagte. Tag und Nacht beschäftigte ihn dieser Gedanke, und er ließ kein Mittel unversucht, sich Kenntnisse in dieser Sache zu erwerben. Zur selbigen Zeit lebte in Offenburg ein Maler, der im Anstreichen und Vergolden wohl erfahren war. An diesen wendete sich mein Vater und besuchte ihn regelmäßig in seinen freien Stunden, um etwas von der Wissenschaft der Malerei von ihm zu profitieren. Dies gelang ihm auch so weit, dass er sich wenigstens einen kleinen Begriff von dem Fache aneignete; und wenn er nach Hause auf den Schwarzwald kam, so stellte er unverdrossen Versuche an, die ihm jedoch nicht immer am Besten gelingen wollten. Es war ihm nämlich hauptsächlich darum zu tun, statt der bisherigen Ölfarben einen festen trockenen Lack auf die Schilde zu bringen.

Bis zum Jahr 1787 verblieb dabei seiner Handels-Kompanie; unterdessen hatte seine Mutter das Zeitliche gesegnet und ein zweites Söhnlein, ich, der Schreiber dieser Chronik, zwar zur Welt gekommen, und zwar an einem Sonntag des Monats Dezember, im Zeichen des Fisches – Wolle Gott mich und alle die Meinigen segnen bis in den Tod!

Bald darauf wurde der Großvater von seinem Schöpfer in die Ewigkeit abgefordert. Mein Vater befand sich eben auswärts auf dem Handel, als er die Todesnachricht erhielt. Nebst diesem Trauerfall war eine weitere Veranlassung, nach Hause zu gehen, die Abrechnung der Glashändler-Kompagnie, welche alljährlich an den Tagen Katharinä und Konradi, abwechslungsweise bald in Hinterzarten, bald in Triberg stattfand.

Der Vater, welcher nun das großväterliche Haus übernehmen sollte, hatte den Entschluss gefasst, den Handel aufzugeben und daheim eine Schildmalerwerkstatt einzurichten. Weil er jedoch seiner Sache nicht ganz gewiss war, so wollte er doch nicht alle Verbindung mit der Kompagnie aufgeben und traf deshalb mit seinen Kameraden das Abkommen, dass, wenn ihm die Malerei nicht gelingen sollte, er jederzeit wieder bei ihnen eintreten könne. Für diese Verwilligung hatte er ein Kapital von 1000 Gulden unverzinslich einzulegen, wohingegen aber auch seine Söhne, wie andere Kameraden-Kinder, allezeit bei der Kompagnie angenommen werden müßten.

Hierauf wurde mit der Schildmalerei der Anfang gemacht, welche Kunst von da an bis auf den heutigen Tag im Hause mit Erfolg betrieben wird. Anfänglich wollte jedoch das Geschäft nicht sonderlich vorwärts, weil der Vater immer noch probieren und erfinden mußte und niemals ordentlich in der Lehre gewesen war und daher alles aus sich selbst schöpfen mußte. Doch mit der Zeit ging es besser, und der Verdienst wuchs allgemach heran. Von geschickten Gesellen, die er einstellte, lernte er noch manches, und an Fleiß und Ausdauer mangelte es ihm auch nicht.

Die heranwachsende Kinderzahl veranlaßte ihn, auf Vergrößerung des Häusleins bedacht zu sein, zu welchem Zweck er mit der Abtissin zu Friedenweier als der Eigentümerin des Grund und Bodens ein Übereinkommen traf wegen des nötigen Bauplatzes. Zugleich ließ er im Hause ein Kamin aufführen, eine Neuerung, die man selbige Zeit noch selbst über Wald antraf.

Wer bedenkt, dass dazumal neun lebendige Kinder im Hause waren (drei aus erster Ehe und sechs aus der zweiten), der wird wohl ermessen können, mit welcher Sorgfalt und Anstrengung müsse gearbeitet worden sein, um alles in gehörigem Stande zu erhalten. Aber der Herr im Himmel gab der Arbeit Segen und Gedeihen. Doch blieb die Familie auch nicht von schweren Heimsuchungen verschont. Im Jahr 1795 starben nämlich in kurzer Zeit nacheinander vier Kinder an der Kolik, und auch die übrigen lagen schwer krank darnieder.

Von den fünf Überlebenden waren die größeren Buben bald so weit, dass sie dem Vater bei der Arbeit gute Hilfe leisten konnten, so dass die Malerei einen erfreulichen Vorgang nahm.

Das Jahr 1796 war herangekommen und mit ihm die Franzosen als Feind. Doch hatte man im unsr’em entlegenen Tal wenig vom Kriege verspürt. Nur einmal streifte ein Trupp von zehn Mann von Friedenweiler her über das Gebirge, und raubte in einigen Höfen, aber nicht bedeutend. –

Von hier zogen sie nach Reichenbach, wo sie einen Hausmann von Schwärzenbach, der vom Berg herunter mit Steinen auf sie warf, tot schossen. Größerer Schaden jedoch geschah in Neustadt, allwo sie die Pfarrkirche samt dem Schulhaus in Flammen aufgehen ließen; ebenso beinahe das ganze Dorf Rötenbach an der Heerstraße, weil dort einige Franzosen untergebracht worden waren.

Im Kloster Friedenweiler wurde zu jener Zeit ein österreichisches Militärspital eingerichtet, in welchem während sechs Monaten über 100 Mann verstarben, und hinter dem Weiher bei der Schmiede begraben wurden. Die Abzissin mit ihrem ganzen Konvent hatte sich nach Hausenvorwald in die Baar geflüchtet, wo sie in dem dortigen Schlösslein Aufnahme fanden, nach Abzug der Österreicher, welche ihr Spital nach Villingen verlegten, aber wiederum zurückkehrten.

Von dieser Zeit an bis zum Jahr 1799 weiß ich wenig Erhebliches zu berichten; außer dass unserer Familie der siebente Sprössling zur Welt geboren wurde, so dass wieder sechs lebendige Kinder vorhanden waren. Der Vater ging jedes Jahr über Katharinen oder Konradi zur Abrechnung der Pfälzer Glashändler-Kompanie. Dies geschah auch im Jahr 1796, bei welcher Gelegenheit die Handelsfreunde meinem Vater bedeutende Erleichterung bezüglich des früheren Accordbriefes zugestanden. Es solle jetzt an alljährlich nur 32 Gulden an die Gesellschaft bezahlen und die nämlichen Vergünstigungen haben wie früher.

Nun komme ich zum Jahr 1799, welches mir zeitlebens unvergesslich bleiben wird. Im Spätjahre vorher waren die Franzosen bei uns durchmarschiert und nach Schwabenland, und im Frühjahr um Ostern kamen sie wied’rum zurück. Auf der Kirchsteig zwischen Röthenbach und Neustadt schlugen sie ein Lager, und viele Einwohner der umliegenden Orte flüchteten ihr Hausrat und vieles Vieh in unser verborgenes Tal. Dieses wurde aber dem Feinde verraten, so dass wohl die Flüchtlinge, wie auch die Einwohner in großes Unglück kamen. Es war am zweiten Sonntag nach Ostern, den 31. März, als man 4 bis 5 Franzosen über die Berge streifen sah, um das Eisenbächle ausfindig zu machen. –

Manche wollten zu scharfen Mitteln raten, dem Feinde das Handwerk zu legen; man war jedoch durch das Unglück der Röthenbacher gewitzt worden. – Montags darauf kamen schon mehrere und holten ohne viel Unterschweife einige Kälber und Schweine; am dritten Tag aber besuchten sie uns in noch größerer Anzahl und nahmen mit, was nur fortzubringen war; und am vierten Tag früh schien es, als befinde sich das ganze Lager auf dem Marsch in unser Tal. Bald waren die Häuser vollgestopft von Franzosen, und auf der Straße sah es aus, als wenn man mit groß und kleinem Vieh auf dem Markt fahren wolle – alles dem Lager zu.

Wir waren bis dahin immer in unserem Hause geblieben, wo die Plünderer, als nichts mehr zu finden war, dem Vater und bares Geld quälten, so dass man alle Augenblicke nicht wußte, wann sie ihm das Bajonett in den Leib brennen würden. Ich habe es selbst mit angesehen, wie sie unter Flüchen und Schimpfworten auf ihn zugingen und die Bajonette an seinem Kopf vorbei in die Wand spießten, (wovon jetzt noch Spuren zu sehen sind). –

Endlich schleppten sie ihn unter dem Jammergeschrei seiner Kinder und Frau, hinaus hinter das Haus in den Garten, und verkündigten ihm sein letztes Stündlein. Der Eine hielt ihn am Arm, der And’re ging etliche Schritte rückwärts, spannte den Hahn und schlug auf ihn an. – Da gab es endlich, was er noch besaß, zwei Kronentaler, die er in seinen Kleidern versteckt gehabt hatte, und flüchtete dem Wald zu, wohin ihn auch die Mutter und wir Kinder nachfolgten.

Da blieben wir den ganzen Tag und die Nacht, während die Franzosen unverdrossen in den Häusern fortwirtschafteten.

Da kam endlich unvermutet Erlösung. Kolumban Kaiser, der fürstenbergische Revierförster von Lenzkirch, ein kühner und entschlossener Mann, fand ein Mittel, die gewalttätigen Gäste uns vom Halse zu schaffen. Er wußte, dass in der Umgegend von Bondorf kaiserliche Truppen lagen. Er ging also dahin, meldete sich bei dem Kommandanten und erbat sich Mannschaft. Nachdem er mit seinem Leben für die Redlichkeit seiner Absichten sich hatte verbürgen müssen, wurde ihm eine Rotte Freikorps mitgegeben, die er mit Vorsicht und Stille, bei Nacht, durch die weitausgedehnten Waldungen seines Reviers geleitete*.- Alles ging nach Wunsch. Auf der sogenannten Klapplerhöhe standen die ersten französischen Piquets. – Augenblicklich beginnt der Kampf. – mit Franzosen. Die Franzosen werden umstellt, und wer nicht erschossen wird, flieht. Mit jedem Schuss aus einer Kugelbüchse streckte der wackere Jäger einen Franzosen zu Boden.

* Es waren Fußbänger und Reiter, welche, unter dem Commando des f.f. Hauptmanns Radwojevich und des Rittmeisters Boeiry, den Angriff ausführten, geleitet von dem fürstenbergischen Förster E. Kaiser, von dem die österreichischen Soldaten sagten, daß er zwar langsam lade, aber sicher treffe. Der Kampf dauerte, da die Franzosen Verstärkung an sich gezogen, bis Abends und hatte, wie der Chronist richtig bemerkt, den schleunigen Abzug des Feindes zu Folge.

Es war morgens zehn Uhr, als die Attacke ihren Anfang genommen. Die Plünderer, als sie das Feuern hörten, liefen über Kopf und Hals dem Lager zu, wo bald Alles in Alarm kam, aufpackte und das Weite suchte, über Neustadt und Freiburg.

Der muthvolle Förster, dem man diesen schnellen Aufbruch zu verdanken hatte, erhielt in der Folge vom Hause Österreich die goldene Ehrenmedaille.

Nachdem die Feinde abgezogen waren, wagten sich die Einwohner wieder aus den Wäldern hervor, aber sie fanden ihre Häuser leer. – Was unsere Familie anbetrifft, so hatten die Franzosen das, was versteckt gewesen, zwar nicht gefunden, dagegen Alles mitgenommen, was nur fortzuschaffen war: Kühe, Kälber, Hühner, Geld, Bettzeug, Leinwand, Kleidungsstücke aller Art, Garn, Tauftücher, Rasiermesser, Küchengeschirr, Messer, Gabeln, Salz, Brot, Feldgeschirr, ja sogar noch sämtlichen Malerapparat; in Summa über 200 Gulden Wert.

Es war nicht anders, als hätte man ein leeres Haus gekauft und wollte jetzt erst anfangen zu wirtschaften. Was man brauchen wollte, war fort. – Das Bedauernswürdigste aber war der Zustand des Vaters; denn von der Zeit an, wo er so übel traktiert und in Todesangst getrieben worden, war er niemals mehr recht gesund. Zwar arbeitete er immer noch so gut es gehen wollte, aber sein Zustand verschlimmerte sich zusehends.

In diese verwirrte Zeit fiel auch die Geburt eines Leibeserben, des achten und letzten aus zweiter Ehe. Ich erinnere mich dieses Umstandes noch recht gut, es war an einem Montag, und ich wurde, weil das Kind etwas schwächlich war, eilends fortgeschickt, um die Gothe zu holen, die Willmans-Bäuerin im Schwärzenbach.

Die zwei ältesten Söhne Nikolaus und Johann waren in der Malerei schon so weit voran, dass sie tüchtig bei der Arbeit mithelfen konnten. Demungeachtet aber war der Vater stets darauf bedacht, sie auch mit dem Glashandel vertraut zu machen, so dass sie im Notfall beide Geschäfte zugleich treiben könnten. Zu diesem Ende verordnete er, dass der Älteste, nämlich Nikolaus, zu der Kompagnie gehen solle; und weil die Mitglieder immer viele Zeit zu Hause sein mußten, so konnte er sich nebenher noch in der Malerei hinlänglich üben. Auf dieses reiste der Bruder also ab, und wurde von der Gesellschaft auf den Platz Lahr versetzt.

Des Vaters Unpässlichkeit aber war unterdessen immer schlimmer geworden. Mehrere Kuren, die er versucht hatte, blieben ohne Erfolg. Am Magdalenentag des Jahres 1800 ging die Mutter zum Ersten Mal nach Döggingen zu dem dortigen Wunderdoktor, der jedoch nicht helfen konnte. Hierauf brauchte der Kranke längere Zeit den Doktor Stegerer von Vöhrenbach, sowie zuletzt noch den Doktor Engelberger in Donaueschingen. – Aber es war kein Aufkommen mehr. Sein Zustand wurde immer bedenklicher. Seit fünf Monaten konnte er das Bett nicht mehr verlassen, und war so stark geschwollen, dass ein jammervolle Anblick war. Doch trug er Alles mit Geduld und Ergebenheit.

Als er sah, dass er sterben müßte, trat er noch folgende Anordnung:

Erstens, solle die Mutter den (Haus-) Kauf übernehmen, und zwar um die Summe von 800 Gulden.

Zweitens, solle der älteste Sohn, zurzeit noch im Lande auf dem Glashandel, wiederum nach Hause kommen und die Schildmalerei mit den übrigen Geschwistern fortführen.
Ferner solle die Mutter den zwei ältesten Buben, die beide im Malen sehr geschickt waren, sowie dem Mädchen aus erster Ehe, das mit Zurichten (Grundieren und Schleifen der Schilde) gut umgehen konnte, jedem vom Gulden Verdienst acht Kreuzer geben, nebst der Anschaffung alles Nötigen, mit Ausnahme der Kleidung, für welche sie selbst zu sorgen haben solle.

Und drittens, wenn er gestorben sein, solle man ihn in seines ersten Ehe Weibes Grab legen.

Der traurige Tag des Dahinscheidens rückte immer näher. Am 6. Mai 1801, an einem Mittwoch, entschlief er selig im Herrn, in einem Alter von 42 Jahren und 30 Wochen. Gott gebe ihm und allen Abgestorbenen die ewige Ruhe.

Man kann sich leicht denken, dass unser Hauswesen durch diesen Verlust ein betrübtes Ansehen werde bekommen haben. Das jüngste Kind war wenig über ein Jahr alt, dem ältesten aber wurde geschrieben, dass der Vater gestorben sei und er nach Hause kommen solle, was er auch gleich tat.

Hierauf wurde nach des Vaters letzten Willen verfahren und abgeteilt. Jedes der drei Kinder aus erster Ehe erhielt von dem vorhandenen Vermögen 624 Gulden. Den übrigen sowie auch der Mutter trafen jeden 570 Gulden. Mithin hatten unser gottseliger Vater ein Vermögen hinterlassen von 4722 Gulden.

Ich habe schon bemerkt, dass die Schildmalrerei von den Geschwistern fortgetrieben wurde und nach des Vaters Anordnung jeder der ersten Kinder einen gewissen Anteil von dem Verdienst anzusprechen hatte. Was mich betrifft, ich war dazumal noch Lehrjunge und bekam keinen Lohn, außer was ich in der Feierabendstunden mit Anfertigung kleiner Schilde verdiente. Daß ich aber fleißig war, kann der Umstand beweisen, dass ich im 15. Jahr meines Alters bereits 100 Gulden erspartes Geld besaß.

Kaum ein Jahr hatten wir unter diesen Umständen fort gehaust, als sich der ältere Bruder, Nikolaus, verheiratete und von uns wegzog zu seinem Schwiegervater nach Oberbrännd. Doch litt durch seinen Abgang das Handwerk nicht sonderlich; denn Johann, der zweite Bruder, ersetzte ihn vollkommen, und auch ich war unterdessen merklich vorwärts geschritten. Bei diesen Verhältnissen verblieb es bis zum Jahre 1805, wo ein neuer Vertrag abgeschlossen wurde.

Von da an arbeitete nämlich mein Bruder Johann in Verbindung mit der ältesten Schwester Katharina, für sich allein, und bezahlte der Mutter das Kostgeld. Ich aber mußte die Führung des Hauptgeschäftes übernehmen und bezog vom Gulden zwölf Kreuzer, während auch mir Katharina das Zurichten besorgte.-

Das Mädchen blieb jedoch nicht mehr lange bei uns, denn schon im folgenden Jahre verheiratete sie sich mit Anton Hoffmeier im Schwärzenbach. Am baarem Vermögen (ohne Mobilien) zog sie hinweg, 1114 Gulden. Auf dieses mußte Johann seine Arbeit sich selbst zurichten, mir aber leistete die zweite Schwester Theresia recht gute Dienste; im übrigen aber lag das ganze Geschäft allein auf mir. Demnach waren nun zwei Malerwerkstätten im Hause, aber nur kurze Zeit. Denn nach Jahresfrist verehelichte sich Bruder Johann ebenfalls und ließ sich in Neustadt nieder. Sein Vermögen bei seinem Wegzug bestund in 1500 Gulden baarem Gelde.

So waren denn alle vorhergehenden Kinder verheiratet, und die Witwe mit ihren vier eigenen Kinder war allein im Hause. Wir hatten ein ruhiges und vergnügtes Hauswesen, aber leider währte dieser angenehme Zustand nicht lange. Es war an einem Freitag nachmittag, als unsere liebe Mutter mit Steinlesen oder Säubern des Ackers beschäftigt war und plötzlich von einem heftigen Frost ergriffen wurde, so dass sie beinahe nicht mehr nach Hause kommen konnte. Sie fühlte große Schmerzen und mußte folglich zu Bette gebracht werden. Ich holte den Doktor aus der Neustadt, aber sein Mittel schlugen nicht an und das Übel wurde gefährlich.

Die Kranke verlangte nach den heiligen Sakramenten. Die Schmerzen nahmen immer mehr überhand; noch klagte sie nicht, und beschäftigte sich fortwährend im stillen Gebete. Als sie ihr Ende herankommen fühlte, versammelte sie ihre Kinder um das Krankenbett und sprach zu ihnen: „Übervorteilt und verachtet Niemand, und wenn ich werde gestorben sein, so begrabt mich in meines Mannes, Vater Mathias Kirners Grab“. Und weiters befahl sie, dass man ihr den hochwürdigen Herrn Pfarrer von Friedenweiler noch einmal herhole, was auch folglich geschah.

Als der Geistliche nach Verfluss einer Stunde in die Stube trat, fragte er, wie es gehe? – „Recht geht es!“ antwortete die Kranke und bat, dass wir für das Heil ihrer Seele fünf Vaterunser beten möchten. Während dieses geschah, übergab sie ihren Geist sanft in die Hände ihres Schöpfers. – Es war am 17. Mai 1810.

Also waren wir Kinder unseres besten Schatzes auf Erden beraubt. Doch hoffen wir, dass die Verewigte bei Gott für uns bitten würde, so wie wir auf Erden niemals Ihrer vergessen werden. Gott gebe Ihr und allen Abgestorbenen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte Ihnen!

Wir suchten nun unser Hauswesen so gut wie möglich fortzuführen. Als ältestes Kind sollte ich den Kauf übernehmen, und den Geschwistern eine Vermögensteilung vornehmen. Wir kamen überein, dass wir gegen die Summe von 950 Gulden rheinischer Währung der Hausbesitz verbleiben solle; den ledigen Geschwistern jedoch der Aufenthalt im Hause, nach Landesbrauch, bis zu ihrer Verheiratung oder Tod gestattet werde. Ferner hatte ich noch die Verpflichtung, den jüngeren Bruder in der Malerzunft zu unterrichten, so wie demselben bis zu seinem 15. Altersjahre Kleidung und Kost zu geben.

Bei der Vermögensteilung hatte sich herausgestellt, dass unsere gottselige Mutter während ihres neunjährigen Witwenstandes, unter meiner Geschäftsführung, vorwärts gehauset an barem Gelde 400 Gulden, nebst dem Lohne, den wir arbeitsfähigen Kinder von dem Einkommen bezogen hatten. Zur selbigen Zeit besaß ich aber schon 700 Gulden erspartes Geld, so dass wir der Erbportion, die mir traf, mein Vermögen in 1513 Gulden bestand. Das Notwendigste zu einem wohlgeordneten Hauswesen aber fehlte mir noch: ein braves Weib.

Bei der Brautwahl nahm mich das alte Sprichwort zur Richtschnur: Willst du weiben oder mannen, sollst du zum nächsten Nachbar langen. Demnach führte ich Katharina Schunhart, meines Nachbars Tochter, als ehelich angetrautes Weib in das Haus. Ich war 23, meine Frau aber 20 Jahre alt, und die Hochzeit wurde in Friedenweiler gehalten.

Mein jüngerer Bruder ließ sich in der Malerei sehr gut an. Den Zweiten aber hat Nicolaus zu sich genommen, der das Geschäft auch noch immer fortsetzte, und die Schwester Theresia verheiratete sich bald nachher an einem Uhrenhändler in Eisenbach, der in Graubünden Handel trieb. Die Verbindung war, wie vorauszusehen, eine unglückliche; das Mädchen jedoch hatte sich nicht von ihrem Willen abbringen lassen. Sie zog zu ihrem Manne in die Schweiz, hatte aber wenig gute Tage bei ihm. Der Kummer zog ihr zuletzt eine schmerzliche Krankheit zu, von welcher sie, in ihrem 32. Altersjahre, die Hand des Allmächtigen befreite. Gott gebe ihr und den allen abgestorbenen Christgläubigen die ewige Ruhe! Sie hinterließ zwei Mägdlein und ein Büble.

Wir dagegen führten in unserem neu angetretenen Ehestand ein gesundes und zufriedenes Leben, und der Herr schenkte unserem Hauswesen Gedeihen. Hier mußte ich aber etwas ausführen, was eigentlich billig früher hätte gesagt werden sollen.

Als mein seliger Vater noch auf dem Krankenbett lag, hatte er verlangt, dass die Mutter nach seinem Tode der Pfälzer Glashändler-Kompagnie 50 Gulden übermachen solle, als freiwillige Entschädigung für den Fall, dass er zur Zeit, wo er noch bei dem Geschäfte war, etwas vernachlässigt oder versäumt habe –

Wie die Zeit herangekommen war, wo die Männer ihre jährliche Abrechnung hielten, begab sich meine Mutter mit mir, dem noch jungen Knaben, nach Hinterzarten zu der Gesellschaft, nach des Vaters letztem Wille, das Geld zu überreichen. Als die Leute aber ihr Anliegen vernommen, verweigerten sie sich das Angebot anzunehmen. „Wir müßten,“ sagten sie, „ohne Menschengefühl sein, wenn wir das Geld annehmen würden. Euer Mann hat jederzeit redlich seine Obliegenheiten und Pflichten erfüllt. Wollte Gott, wir hätten immer Solche in der Kompagnie gehabt, wie er war. Nicht nur, dass wir die 50 Gulden nicht annehmen, auch den jährlichen Zins von 32 Gulden, den ihr uns bisher entrichtet habt, setzten wir von heute an auf zwölf Gulden herab.“ Und wirklich nahmen die Männer diesen Beschluss folglich zu Papier und fügten ihn dem früheren Accordbrief bei. –

So verblieb es bis zum Jahre 1816, wo uns der bedungene Zins gänzlich erlassen wurde, mit dem Bedeuten, dass, wenn Einer oder der Andere von uns Kirner’schen in die Kompagnie eintreten wolle, wir jederzeit willkommen sein und wie andere Kameradenkinder sollen angesehen werden.

Unsere Ehe wurde in der Folge sehr mit Kindern gesegnet; von 14 blieben jedoch nur acht am Leben, die nachmals alle glücklich ihr Auskommen gefunden und sich den Ehestand begeben haben.

Während ich mit meinem jüngeren Bruder, der als Gesell bei mir arbeitete, unverdrossen die Malerei betrieb, war ich nicht minder bedacht, durch etwas Wiesen- und Feldbau unser Haushaltung zu verbessern. Ich hatte mir an sogenannten Bachdobel einige Matten gepachtet, auch einige Plätzlein Feld urbar gemacht, sowie den Garten vergrößert. Nebst diesem verwendete ich auch viel auf die Erweiterung und bessere Einrichtung des Wohnhauses.

Unterdessen hatten sich wieder ein schlimmes Wetter über den Schwarzwald zusammengezogen. Der französische Kaiser Napoleon war in Russland geschlagen worden und die Alliierten verfolgten ihn bis nach Paris.

Dieser Umstand brachte auch uns zahlreiche Einquartierung und andere Leiden. Im Kloster wurde ein russisches Spital eingerichtet, wohin nach der Schlacht bei Belfort über 1300 Blessierte verbracht wurden, so dass nicht alle in den Zellen konnten untergebracht und viele in die Kirche und Scheuern mußten gelegt werden. Eine bösartige Nervenkrankheit, welche man die Russenkrankheit nannte, herrschte unter ihnen und verbreitete sich bald auch in der Nachbarschaft. Ich begleitete damals in unserer kleinen Gemeinde das Amt eines Gemeinderechners und mußte wegen Lieferungen, die uns auferlegt waren, viel im Kloster mich aufhalten, welchem Umstand ich es zuschreibe, dass ich samt meinem Weibe von der Krankheit ergriffen wurde und wir beide erst nach langer Zeit wieder genesen konnten.

Indem ich zu dem Jahre 1817 komme, kann ich nicht unterlassen, des traurigen Schicksals zu erwähnen, welche in dieser Zeit die Stadt Neustadt betroffen. Durch Unachtsamkeit österreichischer Soldaten war am heiligen Ostertag im Wirtshaus zum Kreuz Feuer aufgekommen, welches so schnell um sich griff, dass in wenigen Stunden das ganze Städtlein in Asche lag, mit Ausnahme weniger Häuser. Der Schaden belief sich nach dem Brandsocietäts-Anschlag, auf 77.250 Gulden.

Die schreckliche Teuerung, die im Laufe desselben Jahres aufkam, war auch hier zu Lande sehr bedrückend; und wenn nicht eine gesetzliche Tare von dem Landesregenten wäre gemacht worden, hätte der gemeine Mann zugrunde gehen müssen. – Aus dem folgenden Jahre weiß ich nichts Besonderes zu berichten, als dass ich ein neues Immenhäuslein und die Brunnenstube habe machen lassen, nicht minder eine größere Werkstatt, so wie mancherlei Nebenbesserungen im Haus und Feld.

Alles bisher Gesagte aber ist getreulich nach der Wahrheit, und ich hoffe, dass die Mühe des Schreibens von meinem Nachkommen werde nach Verdienst geschätzt werden. Nach meinem Tode aber bitte ich jeden Leser meiner zu gedenken, wenigstens mit einem Vaterunser.

Wieder zum Geschäfte zurückkehrend, bemerkte ich, dass die meiste Arbeit aus meiner Werkstatt nach London ging, an dort ansässige Schwarzwälder Handelsleute. Auch ein Bruder von mir war auswärts auf dem Handel. Joseph, der vielgeliebte Jüngste aber half mir getreulich zu Hause 14 Jahre lang, und als Lohn erhielt er während dieser Zeit 3574 Gulden nebst der Verköstigung. –

Es ist dies zwar ein schönes Geld, aber einen solchen Gesellen, wie er, gibt es in der Welt kein zweiten. Nach seiner Verheiratung zog er von uns weg nach Schwärzenbach; doch wird er mir und meiner Familie stets unvergesslich bleiben. Gott wolle ihn samt seiner Frau und uns Alle segnen auf dieser Erde und uns dereinst alle im Himmel zusammenkommen lassen!

Ich denke, dass er für meine Nachkommen nicht ohne Interesse sein wird, wenn ich eine kurze Aufzeichnung meiner Einnahmen vom Jahr 1810 bis 1830 hier einfüge. In diesem Zeitraum wurden von gefertigten Schildern eingenommen – 31.915 Gulden 33 Kreuzer – und zwar steigerte sich die jährliche Einnahme von 467 Gulden bis zum Jahre 15 allmählich auf 1066 Gulden, und stieg so immer höher bis im Jahre 1822, wo sie schon 2166 Gulden per Jahr betrug, und von dieser Summe ungefähr verblieb bis zum Jahre dreißig. Sonstige Einnahmen, während genannter Zeit füge ich noch bei – 4516 Gulden Kapitalzinsen; Besoldungen und Diäten als Gemeinderechner, nebst Gewinn von Taschenuhrenhandel – 836 Gulden; Erlös von verkaufter Butter – 492 Gulden. Also verblieb mir nach 20 Jahren ein reines Vermögen von – 12.923 Gulden.

Als eine besondere erfreuliche Tatsache muss ich noch erwähnen, dass mir im Jahre 1840 die Ehre zuteil wurde, Seine Durchlaucht den Fürsten zu Fürstenberg auf seinem Schloss Heiligenberg zu besuchen, wo mir dieser menschenfreundliche Herr, und mein besonderer Wohltäter, zum freundlichen Angedenken einen fürstenbergischen Taler aus dem Jahr 1750 schenkte.

Diese Münze soll zum ehrenden Gedächtnis in meiner Familie von Nachkommen zur Nachkommen aufbewahrt bleiben. – Gott segne den edlen Geber und seine ganze Familie fortwährend!

Ferner erwähne ich eine Lustreise, die ich im August des Jahres 1841 in Begleitung eines Freundes nach London unternahm. Nachdem wir bis nach Kehl gefahren, benützten wir rheinabwärts bis Rotterdam das Dampfboot. Von dort verfügten wir uns nach Haag, besuchten das Bad Seveningen am Meere und begaben uns dann wieder nach Rotterdam zurück, von wo wir Nachmittags um zwei Uhr auf einem englischen Dampfboote abfuhren, das anderen Tages aber um diese Zeit in London ankamen und bei einem Geschäftsfreund abstiegen.

Weil ich aus Liebe zu meinen Landsleuten die Reise unternommen hatte, so war es mein Erstes, sie Alle zu besuchen. Während unseres vierzehntägigen Aufenthaltes hatten wir dann hinreichend Gelegenheit, die Stadt mit ihren vorzüglichen Gebäulichkeiten kennen zu lernen. Das Drurylane-Theater, die Kirche St. Paul, den Dower, die königliche Residenz, die Bank, das britische Museum und den Themse-Tunnel. Sonntag Abends wohnten wir auch einem Meeting bei, welches unsere Landsleute zum Besten ihrer Kirche hielten; es waren aber 40 Mitglieder; ich werde diesen Akt niemals vergessen. – Auf der Eisenbahn machten wir einen Ausflug nach Greenwich und Windsor, alwo wir das königliche Schloss zu besuchen die Ehre hatten. Am Sonntag Morgens acht Uhr fuhren wir auf dem Dampfboot Batavia wieder von London ab, und erreichten den nächsten Tag Morgens sieben Uhr glücklich Rotterdam, von wo wir den Rückweg über Köln, Mainz und Frankfurt nahmen, und von Kehl über Offenburg durch das Kinzigthal der Heimat zueilten, wo wir nach 35 tägiger Abwesenheit bei den Unsrigen wiederum eintrafen

Der Schiffslohn von Kehl bis nach London und wieder retour betrug per Mann 53 Gulden 32 Kreuzer. Die ganze Reise aber kostete mich 144 Gulden 30 Kreuzer.

Indem ich nochmals auf die Malerei zurückkomme, bemerkte ich, dass vom 16. Juni 1810 bis zum 16. Juni 1845 gemalte Schilde in meiner Werkstatt gefertigt wurden – 116.408 Stück, und der Erlös hierfür betrug 66.005 Gulden 20 Kreuzer. Verlust (an schlechten Zahlern) habe ich in dieser Summe gehabt ungefähr 300 Gulden.

In diesem nämlichen Jahr starb auch unser verehrter, langjähriger Pfarrer Speckle in Friedenweiler; ein menschenfreundlicher und rastlos tätiger Geistlicher, dessen Andenken noch lange bei seinem Pfarrangehörigen fortleben wird.

Gottes Güte, Gottes Segen und Gottes Beistand ‚ey und Bleibe jederzeit bei uns Allen!

Lucian Reich hat hier die ganze Chronik des Anton Kirner abgeschrieben. Die Chronik existiert heute noch und wurde auf den Seiten der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg von Wolfgang Hug besprochen.

Aus der Hauschronik einer Schwarzwälder Uhrenschildmalerfamilie
Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, Wolfgang Hug

Anton Kirner, Öl auf Blech, möglicherweise von Dionys Ganter, nach mündlicher Überlieferung jedoch eher ein Selbstbildnis, um 1834

Katharina Kirner, Öl auf Blech, vermutlich von ihrem Ehemann Anton Kirner
Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, Wolfgang Hug

Eine Seite aus der Chronik die Lucian Reich abgeschrieben hatte.
Originalvorlagen von Bernhard Wangler, Titisee-Neustadt.

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