Die Turmfalken von der Zehntscheuer sind zurück!

Dieses Jahr konnte Jessy sogar einen Film beim Fressen machen.
Vielen Dank!

11. Juni 2024

Auch dieses Jahr haben die Turmfalken wieder in der Zehntscheuer gebrütet.
Vielen Dank an Jessy Kasprzak für die Fotos!


Turmfalken in der Zehntscheuer am 9. Juni 2022
Turmfalken in der Zehntscheuer am 9. Juni 2022
Foto: Thomas Kring
Turmfalken in der Zehntscheuer am 9. Juni 2022
Foto: Thomas Kring
Turmfalken in der Zehntscheuer am 9. Juni 2022
Foto: Thomas Kring



Kreistag erhöht die Kreisumlage

Damit es bei den nächsten Kreistagswahlen nicht wieder untergeht möchte ich hier einen kleinen Artikel veröffentlichen bei dem ich Hüfingen erzähle, was unser Kreistag und sein Landrat so treibt.

Es ist nämlich so, dass hier draußen in Hüfingen sich aufgeregt wird, wenn man mit dem Landratsamt zu tun haben muss, aber sonst nicht hin guckt. Der Landrat, der nicht mal von uns gewählt werden darf und der Kreistag bestimmen nämlich sehr viel über unser Leben. Auch die hohen Beamten (Landrat, Landesbeamter, Amtsleiter) verdienen sehr viel Geld – unser Geld – und wenn unsereins was möchte, stellen die sich tot. Es sei denn, man zwingt sie sich mit uns Bürgern abzugeben, dann kann man sicher sein, dass der Aktionismus sehr steigt, um dem Störenfried zu zeigen wo der Hammer hängt. Siehe auch: Fremdverwaltet von oben herab

Heute geht es als Einstieg um die Erhöhung der Kreisumlage.

Kreisumlage

Finanztechnisch und rechtlich ist die Kreisumlage ein Instrument des interkommunalen Finanzausgleichs in Form einer öffentlich-rechtlichen Geldleistung der kreisangehörigen Gemeinden an den Kreis. Die Festsetzung der Kreisumlage ist unabdingbarer Bestandteil der Haushaltssatzung des Landkreises. (*aus Wikipedia)

Kreisumlage im Schwarzwald-Baar-Kreis

Die Verwaltung – also der Landrat – forderte eine Erhöhung dieser Umlage auf 33 %. Also mehr Geld von uns und der Stadt Hüfingen. Jetzt muss man fast von Glück sprechen, dass der Kreistag nur eine Erhöhung auf 32 % genehmigt hat. Die Stadt Hüfingen rechnete im Haushalt 2025 mit 32,50 % .

Steuern, Zuweisungen und Umlagen aus dem Haushalt 2025,

Hüfingen muss also mehr bezahlen für Nichts! Wenn wir krank werden oder was brauchen, müssen wir nach VS fahren. Die Kreisaufgaben, wie der Sozialbereich, beschränken sich nämlich auf das Oberzentrum. Hier in der zahlenden Provinz sind wir auf das Ehrenamt angewiesen wie unsere unermüdlichen Helfer vor Ort .

Die Deckelung der Personalkosten auf 76,5 Millionen Euro trifft wieder nur die Angestellten vom Landratsamt. Diese müssen jetzt mehr arbeiten, weil vakante Stellen nicht besetzt werden. Aber die wichtigen Männer, die bedeutsam für ein sehr hohes Gehalt auf Fotos posieren, betrifft dies nicht.

55 Jahre Eingemeindung Sumpfohren

Immer mehr setzte sich 1969 die Gewissheit durch, dass die Eingemeindungen nicht mehr abzuwenden sein würden. So begannen im »Sternen« Gespräche zwischen Hüfingen und Sumpfohren mit dem Ziel der Eingemeindung.*

Am 18. Februar 1970 stimmten die wahlberechtigten Sumpfohrener über die Eingemeindung nach Hüfingen ab. 64% der Wahlberechtigten gingen an die Urne und stimmten mit 91% für die Eingemeindung. Sie erteilten damit Bürgermeister und Gemeinderat einen klaren Auftrag. Die endgültigen Verhandlungen konnten beginnen. In einer gemeinsamen Sitzung billigten die Gemeinderäte der beiden Orte Hüfingen und Sumpfohren die Vereinbarung über den Anschluß Hüfingens während der ersten Märzwoche, und am 10. März ratifizierten die beiden Bürgermeister Batsching und Gilly den Vertrag über die erste Eingemeindung im Landkreis Donaueschingen.*

Nach diesem Vertrag wurde Sumpfohren Stadtteil von Hüfingen und erhielt den Namen Stadt Hüfingen-Stadtteil Sumpfohren. Als Gesamtrechtsnachfolgerin Sumpfohrens trat die Stadt Hüfingen in alle Rechte und Pflichten der bisherigen Gemeinde ein.*

Die Sumpfohrener erhielten die gleichen Rechte wie die Hüfinger und haben auch die gleichen Pflichten zu erfüllen. Der Bürgernutzen blieb bestehen. Das gemeindliche Eigenleben sollte erhalten und die Grundschule nur aufgelöst werden, wenn es gesetzliche Bestimmungen geboten. Die kirchlichen, caritativen, kulturellen und sportlichen Einrichtungen im neuen Stadtteil sollten ebenso gefördert werden wie diejenigen Hüfingens. Es wurde vereinbart, im Gewann Espel einen Teilbebauungsplan aufzustellen. Unmittelbar nach dem Inkrafttreten der Vereinbarung war mit dem Bau der Kanalisation zu beginnen. Die Anlage sollte nach zwei Jahren abgeschlossen sein. Eine Feuerwehrabteilung ist in Sumpfohren zu unterhalten, das Rathaus blieb bestehen.*

Bis zur nächsten Gemeinderatswahl im Jahre 1971 war Sumpfohren im Gemeinderat der Stadt mit vier und in der folgenden Wahlperiode mit drei Gemeinderäten vertreten. Mindestens bis 1974 sollte auch der bisherige freie Finanzspielraum von jährlich 35000 DM erhalten bleiben. Bis 1974 sollte die unechte Teilortswahl gelten und schließlich im Gemeinderat Hüfingen nur noch ein Gemeinderat aus Sumpfohren Sitz und Stimme haben. Nach der Bestätigung durch das Regierungspräsidium trat die Vereinbarung am 1. April 1970 in Kraft.*

*Aus der Chronik der Stadt Hüfingen von August Vetter 1984

Karte aus 1848 vom Landesarchiv BW

Die Eingemeindungen von Sumpfohren war also heute vor 55 Jahren. Aus diesem Grund krame ich hier den Spaziergang mit der Ortsvorsteherin aus dem Jahr 2019 wieder hervor.

von Hannah Miriam Jaag am 16.09.2019

Spaziergang mit der Ortsvorsteherin von Sumpfohren

Bei wunderschönen Wetter warte ich an unserem Treffpunkt vor der Kirche auf die Ortsvorsteherin. Mein Auto steht vor dem merkwürdig stillen und leeren Kindergarten. Aber dazu später mehr.

St. Silvester Sumpfohren

Unsere erste Station ist das einstige Rathaus, das heute das Zuhause der 5 Vereine ist und für die Ortschaftsratssitzungen den ehemaligen Kerker bereit hält.

Rathaus Supmfohren

Die erste urkundliche Nennung des Ortsnamens ist in der Tauschurkunde vom 14. Februar 883 die im St. Gallener Stiftsarchiv verwahrt wird. Im Buch von August Vetter, das 1989 von der Stadt Hüfingen herausgegeben wurde steht zum Tausch folgendes:

Kaiser Karl, der die Urkunde besiegelte und den Tausch mit dem Kloster St. Gallen vornahm, war der unglückliche Karolingerkaiser Karl III., der auch „der Dicke“ genannt wird. Als Sohn des Kaisers Ludwig des Deutschen (843-876) erhielt er beim Tode seines Vaters Alemannien und Churrätien als Erbe. Durch den frühen Tod seiner beiden Brüder wurde er Herrscher des gesamten Ostfränkischen Reiches. 879 zum Kaiser gekrönt, konnte er von 885 an, noch einmal des Reich Karls des Großen unter einer Krone vereinigen, aber es gelang ihm nicht, das Reich vor den Normannen, den Sarazenen und den Mähren zu schützen. Deshalb wurde er 887 auf dem Reichstag zu Tribur von Arnulf von Kärnten, einem unehelichen Sohn seines Bruders Karlmann, zur Abdankung gezwungen. Arnulf wies ihm „die Pfalz“ Auf Hof als Aufenthaltsort an. Der abgesetzte und kranke Kaiser, der im gesunden Mannesalter als Pflalzgraf Auf Hof gewirkt hatte, verbrachte nur wenige Wochen in der Baar, denn schon im Januar des Jahres 888 fand er einen mysteriösen, gewaltsamen Tod in der Nähe seines Verbannungsortes. Die Mönche des Klosters Reichenau holten den Leichnam in ihr Inselkloster, wo sie ihn im Chor des Münsters beisetzten. Wenn die Sage recht hat, fand Karl III. keine Ruhe nach dem Tod, denn als Wiedergänger müsse er in der Entenburg geisterweis umgehen. In Pfohren kennt man ihn als „Schnufer“

Das Rathaus wurde laut Vetter* womöglich 1840 erbaut und am 01. August 1918 stimmten die Bürger darüber ab, ob es versteigert werden solle. Die Abstimmung ergab 9 Stimmen für und 15 Stimmen gegen den Verkauf. Nach der Eingemeindung Sumpfohrens verlor es seine Funktion und wurde nach einem gründlichen Umbau den Vereinen des Stadtteils zur Verfügung gestellt.

Kerker im alten Rathaus der dem Ortschaftsrat als Sitzungsraum dient

Hinter dem Rathaus entsteht momentan ein Abenteuerspielplatz für die älteren Kinder.

Skaterrampe hinterm Rathaus

Für die jüngeren Kinder ist schon ein Abenteuerspielplatz gegenüber vom Rathaus bei der Kirche.

Wasserspiele in Sumpfohren

Genau gegenüber vom ehemaligen Rathaus befindet sich das, laut Ortsvorsteherin, schönste Gemeinschaftshaus der Region.

Gemeinschaftshaus Sumpfohren

Von aussen vielleicht doch recht unspektakulär, eröffnen sich innen ganz andere Ansichten.

Gemeinschaftshaus

Was vielleicht ein Tipp ist, für alle denen der Bahnhofssaal in Hüfingen zu poplig oder zu ausgebucht ist: Man kann sich diesen wunderschönen Saal für Feierlichkeiten mieten!

Unten im Gemeinschaftshaus befindet sich die Feuerwehr Sumpfohren.

Ebenfalls im Dorfzentrum befindet sich die wohl bei allen Hüfingerinnen und Hüfinger berühmte Le Frombaar GbR. Den Käse kann man direkt in Sumpfohren oder im Ölzweig in Hüfingen kaufen.

Le Frombaar GbR

Der gußeiserne Brunnentrog aus dem 19. Jahrhundert diente über lange Zeit dem Vieh als Tränke. Sein Wasser kommt aus einer eigenen Quelle unterhalb des Fürstenbergs.

Brunnentrog aus dem 19. Jahrhundert

Der Rundgang führt uns dann wieder zurück am Acker vorbei zum Kindergarten.

Kindergarten und St. Silvester

1972 wurde die Schule in Sumpfohren zum Kindergarten für die Stadtteile Sumpfohren und Behla. Im Jahr 2007 war das Gebäude in solch einem schlechten Zustand, dass eine weitere Unterbringung des Kindergartens im Haus aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich war. Daraufhin wurde ein Neubau beschlossen. Mit viel ehrenamtlichem Einsatz, Geld und großer Ausdauer wurde ein neuer Kindergarten geschaffen. Die Einweihung fand am 26. September 2009 statt.

Kindergarten St. Silvester

Der neue Kindergarten wurde als Passivhaus konzipiert und nach strengen Umweltkriterien erbaut. Dafür bekam die Stadt Hüfingen einen Preis von 40.000 Euro im Bundeswettbewerb kommunaler Klimaschutz 2013.

“Sumpfohren erhielt den Bundespreis für sein in mehr als 700 freiwilligen Arbeitsstunden aufgebrachtes Projekt der Umsetzung von klimaschonenden Maßnahmen im Kindergarten St. Silvester. Fünf Tonnen Kohlendioxid spart dieser jährlich gegenüber einem konventionellen Bau ein.” Aus dem Schwarzwälder Boten am 24.01.2014

Da fragt man sich: Wo sind die Kinder?

Bestandsargantie für den Kindergarten St. Silvester

Es wurde vom Gemeinderat Hüfingen beschlossen, dass sich der Kindergarten im September 2019 in die neue Kindertagesstätte Behla komplett integriert.

So wurde im Sommer 2019 aus laufendem Betrieb heraus und vor Augen der Kinder sogar der selbst gepresste Apfelsaft nach Behla abtransportiert.

Nur die Marienstatue wurde zurückgelassen und winkte mit dem Jesuskind zum Abschied.

leerer Kindergarten

So ist der viel gelobte Kindergarten St. Silvester von Sumpfohren nicht mal 10 Jahre nach seiner glorreichen Einweihung schon wieder Geschichte.

Hier endet der Spaziergang durch Sumpfohren mit der Ortsvorsteherin wieder an der Kirche auf dem Parkplatz des Kindergartens St. Silvester.

*August Vetter. Sumpfohren. Herausgegeben von der Stadt Hüfingen, Ortsverwaltung Sumpfohren, 1989

Wer ist aggressiv? Der Gejagte oder der Jäger?

Die Nilgans – ein afrikanischer Zuwanderer oder auch Gefangenschaftsflüchtling macht sich wohl zunehmend unbeliebt. Die Ankunft von neuen Arten ist sicherlich nicht immer unproblematisch. Der Unmut den gerade mal wieder einen dieser Zuwanderer trifft, ist allerdings unbegründet. Natürlich verteidigt jede brütende Mutter ihr Nest. Das ist aber nicht aggressiv, sondern normal für jede Mutter. Daher ist dieser Grund sicherlich nur vorgeschoben, um die Liegewiesen in Schwimmbädern und Freibädern vom Kot der Tiere, die Grasfresser sind, zu befreien. Nur rechtfertigt dies einen Abschuss?  Ein solcher Abschuss wäre nur dann sinnvoll, wenn die Jagd nachhaltig ist und  die Tiere wie anderes geschossenes Federvieh anschließend zur Gewinnung von Fleisch als Nahrung genutzt würden. Dann jedoch wäre die Jägerschaft verpflichtet, wie auch bei anderen Wildtieren im Sinne der Hege sich um den Erhalt gesunder Bestände zu kümmern. Da dies bisher nicht der Fall ist scheidet die reguläre Jagd als Methode der Reduzierung dieses Bestandes aus.


Dass die Jungtiere teilweise ganzjährig geschossen dürfen führt dazu, dass bis zu 20.000 Tiere jedes Jahr ohne Sinn und Verstand geschossen werden. Dabei sterben wahrscheinlich auch geschützte Gansarten die auf dem Durchzug sind oder sich unter die Nilgänse mischen. Daher sollte, wenn überhaupt, eine Jagd nach Ende der Brutzeit und bevor andere Gänsearten ankommen oder durchziehen beendet werden.

Wer ist hier also aggressiv?

Probleme mit Nilgänsen in Parks, Schwimmbädern, Freibädern, landwirtschaftlichen Flächen rechtfertigen jedenfalls nicht  den Abschuss der Tiere. Es gibt wohl keine nachweisbare Gründe, die es verdienen gewürdigt zu werden. Dagegen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, deren Effektivität zunehmend nachgewiesen werden, um die Tiere zu verscheuchen. Jedenfalls die im Südkurier genannten dienen lediglich dazu  sinnloses und offensichtlich auch lustvolles Töten zu rechtfertigen.

Freuen wir uns lieber an Zuwanderern, denn die heimische Tierwelt ist ohnehin nur noch ein Hauch von dem, wie sie einmal war.

Am Donauzusammenfluss

Mit Halali auf die Scheiße

vom 17. November 2023

Es ist schon erstaunlich, dass ein vom Landratsamt Donaueschingen seit 1960 ausgewiesenes Landschaftsschutzgebiet nun zum Schutzgebiet für Badende umgewandelt wird. In der Regel sind bestimmte Maßnahmen und Handlungen im Landschaftsschutzgebiet verboten oder eingeschränkt. Dies kann beispielsweise das

  • Abholzen von Bäumen oder das
  • Betreten von sensiblen Bereichen betreffen.

In solchen Gebieten kann und soll man die Natur in ihrer Vielfalt genießen, einzigartige Tier- und Pflanzenwelten entdecken und die Vielfalt der Landschaft erleben. Sogar Jäger beobachten mit Besorgnis die anhaltende Beeinträchtigung, Gefährdung und die Inanspruchnahme von Lebensraum und den damit verbundenen Rückgang von Pflanzen- und Tierarten. In den vergangenen Jahren wurde der See immer mehr für Badende geöffnet, was zur Folge hatte, dass die Autos schon fast keine Platz mehr hatten und die Stadt sich dazu gezwungen sah, dies durch Parkgebühren und Zufahrtsregelungen zu steuern.  Diverse Maßnahmen führten dazu, dass der einstige schöne Rundweg begradigt wurde, Bäume verschwanden und Liegewiesen entstanden, von einem Landschaftsschutzgebiet also schon lange nichts mehr zu erahnen war. Was hartnäckig blieb und sich bisher nicht vertreiben ließ, egal was der Mensch mit seinen ständigen Eingriffen tat, waren die Gänse. Nun also die Gänse. 

Was ich durchaus nachvollziehen kann ist, dass der Landwirt, dem die Wiesen gehört, über die Masse an Gänsen nicht erfreut ist. Doch in manchen Fällen können Eigentümer auch Ansprüche auf Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen haben, wenn ihnen durch die Schutzmaßnahmen im Landschaftsschutzgebiet wirtschaftliche Nachteile entstehen, und diese sind unzweifelhaft gegeben. Was ich aber nicht nachvollziehen kann ist, dass aufgrund von Grillfreunden und Partygängern nun ein Gemetzel stattfindet. Wie viel Schwimmbäder gibt es in der Region und wie viel Seen, an denen es nicht das Problem von Gänsekot gibt?  Im Übrigen, wenn wir von Kot sprechen – was ist mit den Hundehaufen und den Haufen im Wald? Die stören offensichtlich nicht.  Welche Scheiße ist erlaubt und welche nicht? 

Wenn wir uns in der Natur aufhalten gibt es nun mal Natur und dazu zählen auch Gänsekot und Insekten im Bierglas. Wenn wir das nicht wollen, sollten wir uns ein gekacheltes Schwimmbad aussuchen und den Eintrittspreis zahlen. Dass für Menschen die lieber bis auf die Parkgebühr, die ja der eine oder andere inzwischen auch weiß zu umgehen, umsonst in einem See baden, nun die Tierwelt dort dezimiert wird ist mehr als bedauerlich. Übrigens sollte dann auch das Schild entfernt werden, dass das Gebiet als Landschaftsschutzgebiet ausweist und sogar die Gans dort abbildet, denn mit etwas zu werben, was ja nicht gewünscht ist, ist Hohn.

Weidmannsheil

Vogelschutz am Kirnbergsee

Wanderblühten –  Badener im Russlandfeldzug 1812

Mit großer Hast trieb ich an den Vogt, dass er mit mir gehe; und als wir nach Neustadt kamen zum Justizmann, der übrigens unserer Familie von früher her wohlgewogen war, wurde ich freilich anfangs hart angefahren; doch als ich ihm die Sache auseinandersetzte und meine Entschließung kundtat, wurde er etwas glimpflicher und sprach eine Zeit lang unter vier Augen mit dem Vogt. – Bis zum anderen Morgen jedoch erhielt ich Quartier beim Schließer, worauf mir dann die nötigen Papiere nach Karlsruhe zum betreffenden Kommando eingehändigt wurden. – Ich hatte noch vor meinem Abmarsch die Beruhigung, wiederholt zu erfahren, dass mit meinem Gegner nicht gefährlich stehe, und er selbst bezeugt habe, dass er durch den Fall in’s eigene Messer sich verwundet habe, überhaupt den ganzen Handel für mich nicht ungünstig darstellte.

Wohl dachte ich schmerzlich an das Mädel, aber die Hoffnung, der Trost aller Verliebten, stärkte mich: Hoffnung, sagte ich zu mir selber, zeigt sich immerdar, treugesinnten Herzen gütig u.s.w. Das Einzige, was mir schwer fiel, war, dass ich sie nicht nicht mehr sehen und sprechen konnte, denn wir Rekruten hatten Ordre, der nächsten Tag schon einzurücken. Meinen Bruder hatte ich zu meinem Meister geschickt, dort meine Habseligkeiten in Empfang zu nehmen.

Der Abschied daheim war kurz, aber schwer. Meine Mutter ging es vor, als wolle sie mich nicht mehr sehen.

Am 12. August zogen wir in Karlsruhe ein, wo wir 14 Tage exerzieren, danach folglich abmarschieren mußten. – Vorher hatte ich der Philippine ein Schreiben zugehen lassen, worin ich ihr den ganzen Sachverhalt genau auseinandersetzte und sie versicherte, dass ich stets unerlosch’ner Lieb‘ und Treu ihrer gedenken werde und nur in Sorgen stehe, sie möchte mir diesen Schritt zum Gegenteil auslegen. – Übrigens, schrieb ich, sehe ich das Ganze als eine Schickung von Oben und als den Probierstein ihrer Gesinnung und Standhaftigkeit an, und indem ich alles Andere unserem Herrgott überlasse, erinnere ich sie an das Sprüchlein auf der hohen Ahorn u.s.w.

Unser Abmarsch ging zu schnell vor sich, dass noch Antwort von ihr hätte eintreffen können. Unser Korps, elfhundert Mann stark, unter Major Brückner, war als Ergänzungskorps nach Russland bestimmt. Der Kapitän meiner Kompagnie hieß Dalberg, ein guter Mann, den ich später eine Zeit lang bediente. Es hieß, wir seien nach Stralsund bestimmt, wir erreichten jedoch diese Festung nicht, denn schon hinter Berlin begegnete uns da und dort Kosackenchwärme, und bedenkliche Gerüchte verlauteten von Napoleons Missgeschick in Russland.

Eines Tages, als wir guten Muts auf der Heerstraße fortmarschierten, begegnete uns ein Soldat im grauen Mantel und fragte die Vordersten, ob er nicht Badener vor sich habe; und als man mit Ja antwortete, stellte er sich den Offizieren als Landsmann vor, der von Russland komme und die gerettete Fahne vom ersten Regiment, um dem Leib gewickelt, bei sich trage. – Sie können sich den Jubel der Leute denken; die Offiziere umarmten und küßten den braven Mann, fragten ihn über Alles, und gaben ihm Bedeckung bis nach Berlin. – Wir aber stießen weiterziehen auf immer bedrohlichere Anzeichen, und eines Morgens, Angesichts der Festung Stralsund, hieß es plötzlich „Kehrt“ und man sagte uns, dass es nach Großglogau gehe, wo wir mit verschiedenen Corps der retirirenden französischen Armee die Besatzung bilden sollten.

Es wurde so weitschichtig sein, wollte ich alle Einzelheiten dieses langwierigen Festungsdienstes aufzählen. Über zehn Stunden im Umkreis mußten wir Streifzüge tun, um Fourrage und Proviant herbeizuschaffen, oft auch wurden wir als Exekutionsmannschaft in die Dörfer und Edelmannshöfe gelegt, wenn es sich darum handelte, Kontributionen einzutreiben. Also wollte der französische General.

Als die Festung später, im Jahr dreizehn, belagert wurde, kamen wir zum Ersten Mal Pulver zu riechen. Bei einem der vielen Ausfälle, die wir machten, wurde ich stark blessiert. Ein Bajonnet, welches eine Kanonenkugel meinem Vordermann vom Gewehr wegriß, traf mich in die Brust, so dass ich lange Zeit im Spital kampieren musste.

Dreiviertel Jahr lagen wir in Glogau eingepfercht; hernach ging’s in’s Lager bei Lüben. – Freund, das war ein Leben, hei! Denken Sie sich den Anblick, in fünf unabsehbaren Reihen stunden wohl fünf Stunden weit die Zelte. Für die Offiziere aber wurden besondere hölzerne Baracken gezimmert, förmliche Hütten und mehrenteils proper ausstaffiert. Da streiften wir Soldaten oft fünf, sechs Stunden weit auf die Edelhöfe, um Blumentöpfe und anderen Zierrat für unsere Kapitänszelte zu requirieren.

Napoleon hielt auch einmal große Heerschau über’s ganze Lager, wohl an die einmalhunderttausend Mann; ein andermal wurde sein Geburtstag gefeiert, das war eine Wirtschaft, Herr, ein Schmausen, Poculieren und Vivatgeschrei; Deutsch und Französisch durcheinander; und weil ich’s Geigen nicht weniger als verlernt hatte, so spielte ich auf gut operländisch die fidelsten Länder und Walzer dazwischen, dass es manchem Landsmann ganz warm um’s Herz wurde, wenn er dabei die daheim an Die daheim dachte.

Zehn Wochen dauerte das Leben, lustig und in Floribus, dann ging der Teufel von Neuem los. – Jeden Tag Alarm, Gefecht, Vor- und Rückmarsch. Doch war das Alles nur das Vorspiel zur großen Schlacht bei Leipzig. Wir gehörten zum elfte Armeekorps, 39. Division, und standen unter General MacDonald und unserem Major Brückner. – Das waren heiße Tage, Freund, die wohl keiner vergessen wird, der sie mitgemacht hat; aber die Meisten sind unterdessen schon zur großen Armee abberufen worden, hinüber in’s Jenseits. Doch, der gemeine Soldat befindet sich bei solchen Affären gleichsam im Nebel, er steht in Reih und Glied, wie ein Halm im Kornfeld und hat keinen Überblick über’s Ganze. Hatte man zum Beispiel am Abend eine Stellung eingenommen, dem Feind gegenüber, so war am Morgen schon das ganze Theater wieder verändert; so ging es hin und her, vor- und rückwärts, und Keiner kam aus den Kleidern.

Zweimal mußten wir durch einen Fluss warten, bis an den Hals, im Wasser, und wer nicht verstand schräg gegen die Wellen zu marschieren, den spülten sie weg suf niemals Wiedersehen. – Beim Anfang der Schlacht standen wir bei Holzhausen, wohl fünf Stunden von Leipzig. Am ersten Tag (wir hatten tapfer gestürmt gegen die Schwedenschanzen) Abends lief ein Vivatgeschrei durch alle Reihen; also hatte es Napoleon befohlen, der sich schon Sieger glaubte. Unser Corps hatte auf einem Berg Posto gefasst, und wir unterhielten die ganze Nacht hindurch Freudenfeuer aus verbrochenen Lasseten und Bagagewägen; und wie das Feuer von Berg zu Bergen loderte und es ringsum krachte und blitzte, und Keiner wußte, was wohl die nächste Minute bringen werde, stand ich auf meinem Posten und machte Kalender.

Sonderbar, zum Kriegshandwerk hatte ich von Jugend auf nicht die mindeste Lust gehabt und hätte mir im Traume niemals einfallen lassen, jemals Soldat zu werden, und auch jetzt war ich nicht mit Leib und Seele dabei. – Dass wir Deutsche gegen Deutsche im Feindschaft stunden, machte mir und Keinem groß Bedenken; man wußte von früher her nicht anders, und dass sie aufeinander schlagen mußten, während der Ausländer den Meister spielte; doch wurmte mir, ich darf es wohl sagen, unsere Kameradschaft mit dem Franzos, von dem ich von Kindesbeinen an so viel Übles aus den vorigen Kriegen sagen hören müssen, nicht anders, als wäre er der eigentliche Reichsfeind, was er auch bei all‘ seiner Höflichkeit von jeher gewesen ist und bleiben wird, so lang es in Deutschland für ihn was zu holen gibt.

Mitten in dem gewaltigen Feldlager, Freund, zwischen Mord und Tod, desertierten meine Gedanken oft heimatzu, zu dem waldigen Hohberg und Roßbühl zur hohen Ahorn. – Wie wenig doch der Mensch voraussehen kann, dachte ich dann; wie standen wir junge Blutes damals so fröhlicher Hoffnung, und meinten so nah am Ziel zu sein,- und jetzt in so weiter, weiter Trennung, – vielleicht auf immer, denn der nächste Augenblick schon konnte mich unter die Toten werfen.

Näher und näher rückten wir gegen die Stadt Leipzig. Die ganze Armee kam in Bewegung; nicht anderst, wie ein großmächtiger Eisgang. Die Erde bebte unter dem Donner der großen Geschütze, die bei tausend gegeneinander spielten. Als wir uns durch ein österreichisches Carré durchschlagen mußten, erhielt ich einen Streifschuss am linken Fuß; bei Leipzig selbst, als wir am vierten Tag durch die Vorstädte stürmten, traf mich eine Kugel durch den Kragen in’s Halstuch, doch ohne weiteren Schaden.

Da aber begann ein fürchterliches Gedränge gegen die Stadttore, die wir gegen die andringenden Alliierten verteidigen sollten, um der geschlag’nen Armee den Rücken zu decken; doch aus allen Winkeln und Gassen starrten uns bald, wie ein eiserner Wald ,die Bajonnete der Verbündeten entgegen, welche in die Stadt eingedrungen waren. Es waren Preußen, vor denen wir die Waffen strecken mußten. Unter starker Bedeckung wurden wir vor die Stadt auf’s freie Feld eskortiert, wo wir einen Tag und eine Nacht, bei Schnee und Regen kampieren mußten, ohne Speis und Trank. Überall umher war der Landsturm aufgeboten worden, die versprengten, abgeschnittenen Schaaren zu fangen und zu bewachen. Auch wir wurden einer Abteilung Landwehrmänner übergeben, die Befehl hatten, uns landeinwärts zu transportieren.

In Kirchen und Schafställen, wie es sich gerade traf, wurden wir die Nacht über untergebracht. Unsere Nahrung bestand lediglich nur in geschrotetem Brod, was man uns jedes Mal Abends in Körben vor die Eingänge brachte, sowie eine einige Fässer mit Wasser.

Eines Tages, als wir durch den Wald marschierten, kommt ein Kamerad, der einen unserer Offiziere zum Vetter hatte, zu mir und anvertraute mir, dass er von seinem Vetter erfahren habe, geh‘ es schnurstracks Sibirien zu; weil er aber von dem dortigen Aufenthalt sich gar wenig Plaisier verspreche, so habe er vor, heut Nacht zu desertieren, und wenn ich von der Partie sein wolle, so sei ich höflichst invitiert. – Ich schwankte lange, was ich tun sollte, endlich resolvierte ich mich zum Bleiben, und mit den übrigen Kameraden das Schicksal zu teilen, komme was wolle. Also ging es weiter der russischen Grenze zu; es war kein Geheimnis mehr, dass man in Sibirien für uns Quartier bestellt habe.

Aus dieser Not befreite uns der Markgraf Wilhelm, unser tapferer Chef, der im Felde immer so väterlich für die seinigen sorgte. Es war an der Grenze, als dieser Herr zu uns kam mit der Freundensbotschaft, die Rückkehr in’s liebe Vaterland sei uns gestattet. Sie können sich den Jubel der Mannschaft vorstellen, und sich vom Volk, die sich schon verloren geglaubt hatte.

Unser Weg ging zurück über Berlin, wo man uns wieder militärische Ehren zuteilwerden ließ, weil auch unserer Großherzog Karl den Alliierten sich angeschlossen hatte. Mehrere Wochen wurden wir in Dörfer um Berlin einquartiert, und als wir wieder etwas zu Kräften gekommen waren, (denn unser Zustand war nach und nach ein erbärmlicher geworden) ging’s weiter dem Vaterlande zu.

Bei Durlach kam uns der Großherzog entgegen. Er weinte, als er das kleine, elend aussehende Häuflein sah. Von den elfhundert, die vor fünf Vierteljahren Jahren ausmarschiert waren, kamen nicht mehr als sechzehn Mann zurück. Er befahl, un, in gute Quartiere zu verlegen, aber sein Adjutant machte ihm Vorstellungen: Die Leute, meinte er, wären nicht in dem Zustand, bei Bürgern untergebracht zu werden; und er hatte Recht. Denn als wir in die Kaserne zu Karlsruhe kam, war es das Erste, unsere alten, übel zugerichteten Monturen auszuziehen und im Kasernenhof den Flammen zu übergeben. So endete unser Feldzug gegen Russland.

Die Verbündeten waren unterdessen über den Rhein gegangen. Nach kurzem Aufenthalte in Karlsruhe wurden auch wir nachgeschickt, und mit der Landwehr bei der bei dem Blockadekorps um Straßburg und Kehl verwendet.

Vor Straßburg kam ich in das letzte Mal in’s Feuer; es war beim Ausfall, den die Besatzung machte, am 9. Juli anno 15. Es ging da heiß her, war aber ein Bagatell gegen die Schlacht bei Leipzig, drum sagte auch unser General Laroche, der bei der Affaire einen Fuß verloren hatte: Es ärgert mich nur, dass ich bei dieser Hasenjagd den Fuß hab verlieren müssen!

Der anhaltende Felddienst, mehr aber die Strapazen des früheren Feldzuges hatten meine Gesundheit untergraben, so dass ich eine Geschwulst an Händen und Füßen festsetzte, und ich ins Spital verbracht werden mußte, welches dazumal im Kloster Schuttern eingerichtet war.

Mehrere Monate lag ich, und das Üble wollte weder vor- noch rückwärts. – Mein Sohn, sagte der Stabsmedicus Meier zu mir, du sollst allein schon von der herrlichen Aussicht, die du hier hast, gesund werden. Ich hatte nämlich von meinem Lager aus den Blick durchs Fenster über das schöne Breisgau voller Gärten und Fruchtfelder, und im Hintergrund die schwarzwälder Berge. – Seit Jahr und Tag hatte ich nichts mehr direkt von der Heimat in Erfahrung gebracht. Nur so viel konnte mir ein Rekrut sagen, dass meine gute Mutter unterdessen das Zeitliche gesegnet, mein Bruder aber sich verheiratet habe. – Von der Schildmalerfamilie wusste er nichts Näheres.

Mein Sinnen und Trachten ging nunmehr dahin, vom Militär frei zu werden. Wohl fürchtete ich oft, mein Lebtag ein Krüppel und untauglich zu aller Arbeit zu werden. – Eines Tages stellte ich an der an den Stabsmedicus die Bitte: mir doch behilflich sein zu wollen, dass ich in’s Bad käme, wo so Viele von uns geheilt worden waren. Der menschenfreundliche Mann sagte mir meine Verwendung zu; und richtig, in kurzer Zeit darauf erhalte ich die Erlaubnis, das Freibad in Baden Baden einige Zeit benutzen zu dürfen.

Anfänglich verursachte mir die Bäder die ärgsten Schmerzen, der Bademeister aber lachte dazu und meinte, dass dies ein gutes Zeichen von der Wirksamkeit des Bades sei. Nach längerer Zeit konnte ich wieder langsam am Stock herumgehen, und als ich einmal mit mehreren invaliden Kameraden auf der Promenade auf einem Bänklein sitze und mich sonne, kommt zufällig mein Stabdmedicus daher. – So, mein Sohn, sagte er, als ich aufgestanden und ihm einige Schritte entgegen gegangen war, so bist du wieder so gut auf den Füßen, und ich werde dafür sorgen, dass du noch länger das Bad gebrauchen kannst, und dann bei deinen Abschied kriegst; die schwarzwälder Luft wird dich vollends kurieren.

Und er hielt Wort. Ich durfte noch bis zum Herbst bleiben. Ein ehrenvoller Abschied wurde mir zu Teil, und meine Gesundheit hatte sich so weit wieder eingestellt, dass ich die Heimreise zu Fuß unternehmen konnte.

So war ich denn wiederum mein eigener Herr; aber um nichts besseres, ja noch Schlimmeres dran, als vor fünf Jahren, wo ich zum Ersten Mal aus der Fremde heimgekommen. – Was nun anfangen? – Zu Hause bei meinem Bruder hatte ich noch ein kleines Kapital stehen, eine Ersparnis aus früherer Zeit, dazu ein weniges angefallenes Vermögen.

Bis nach Offenburg benützte ich ein Fuhrwerk, von da ging es zu Fuß durch das Kinzigerthal über Waldkirch und Waldau der Heimat zu.

Es war ein freundlicher Herbstmorgen, als ich über das Höchst, Friedenweiler zu wanderte. Wie ich ins kleine Eisenenbacherthal herabkomm, begegnen mir ein einzelne Kinder mit Kränzlein. Was gilt’s, denk‘ ich, sie feiern heut‘ in Friedenweiler eine Hochzeit und du triffst dort Bekannte! frag also eines der Mädle: wo es hin gehe? Nach Friedenweiler in die Hochzeitskirche! – Wer dort Hochzeit mache? – Der Valentin! – Mit wem? frag ich verzagt. – Mit der Hochberghansen Tochter! – Donner und sWetter! Wie hatte mich das Wort getroffen, also wenn mir zum zweiten Mal ein scharfes Bajonnet in die Brust führ‘. Hochberghans, so hieß nämlich der Philippine ihr Vater.

Das Kind war vorüber geeilt; ich aber musste mich auf meinen Stock stützen; so miserabel war’s mir auf einmal, als wenn ich Gift und Opperment im Leibe hätt‘. – Zum Glück war ein laufendes Brünnlein in der Näh, an dem ich mir die Stirne und Hände kühlen konnte. – Indem läuten sie in Friedenweiler das erste Zeichen; und hinter mir herkommen truppenweis schon mehrere Hochzeitsgäst. Jeden Augenblick konnten die Brautleut selbst des Weges daher, an mir vorüber, kommen. Um Alles in der Welt wollte ich ein Zusammentreffen meiden, laufe also quer über die Bergfelder den nahen Waldungen zu.

Tausendmal verwünschte ich mein Schicksal und Alles, wäre es nichts besser gewesen, der Tod auf dem Schlachtfeld hätte mich getroffen, und ich läge jetzt, der Marter ab, in kühler Erde? – Hoffnung, Treue! ja ein Narr, wer daran glaubt, sagte ich zu mir selbst. – Hoch, eben ertönte Musik vom Tal her, richtig, es ist der Brautzug auf den Weg zur Kirche, und ich Unglücksmensch, muss just am heutigen Tage heimkehren. Verdammt, murmle ich, und knirsche vor Ingrimm mit den Zähnen

Die Musik kam näher und näher, – und mein Unmut verlor sich zuletzt in ein dumpfes Grübeln und Sinnen. Sie hat recht, sagte ich, es war das Vernünftigste, was sie tun konnte; er der Sohn eines vermöglichen Mannes, – ich so zu sagen ein Krüppel, ein Invalid, ein Landfahrer! und Geld ist der Kompass, nachdem ich sich die ganze Welt richtet. Aber – wo wollte ich denn eigentlich hin? Ohne Zweck und Ziel war ich auf den Feldern weiter gestolpert, und eine zeitlang in dem Holz fortgegangen. – Wenn ich den Weg durch den Klosterwald einschlug, so könnte ich auf einem Umweg nach Hause gelangen. – Also wende ich mich links, die Halde hinauf.

Ein gutes Stück war ich schon im Walde fortgewandert, als es in Friedenweiler zum Zweiten Mal läutete. Unwillkürlich horchte ich nach der Gegend hin, woher der Ton kommt und fernhin im Rauschen der Tannen verhallt. – Vielleicht, denke ich, hält sie mich für tot. Seit Jahr und Tag hatte ich ja kein Lebenszeichen mehr von mir gegeben. Mein unvermutetes Erscheinen müßte jetzt in diesem Augenblicke ein so so überraschenderen Eindruck machen. Eine halbe Stunde war es noch bis zur Trauung – wer weiß, wenn ich jetzt umkehre. – Ja – Nein – doch, denke ich endlich, einmal will ich sie noch sehen, noch einmal! dann fort so weit die Welt geht, und vergessen, was ich vergessen muss. – Also kehre ich um durch Stauden und Hecken und gerader Richtung auf das Kloster zu, so eilig, dass mir der Schweiß von der Stirne rinnt.

Wie ich aber an das Ende des Waldes komm‘ – läuten die Glocken zusammen. – Also zu spät – denke ich, und schreite langsam vor bis auf den Feldern der Kirche gegenüber. – Da stand ich denn unter dem verwitterten hölzernen Feldkreuz und höre eine Weile den Gesang der Orgel zu. Sonst war es still im ganzen Tal und der Himmel so blau und so sonnig, als gelte es allein nur dem Hochzeitstag.

Ich weiß nicht, als ich mein Schnupftuchtüchlein hervorzog und mir die Schweißtropfen von der Stirne wischte, ob nicht auch ein paar Tränen mitgingen. – Schäme dich, sagte ich zu mir selbst, ein Soldat, der dem Tod so oft ins Gesicht geschaut, soll sich jetzt von einem Mädchen über den Haufen werfen lassen. Verlasse also meinen Posten und schreitet den Kreuzweg herab, um, mir selbst und meiner Weichherzigkeit zu Trotz, in die Kirche zu gehen und die Kopulation mit anzusehen.

Es war in der Kirche sehr voll Menschen. Mit Mühe konnte ich noch ein Plätzlein im Gange finden, wo ich eine Aussicht auf den Altar hatte. – Jetzt schritten die Brautleute vor an der Hand der Zeugen. Schon knieten sie am Altar, reichten sich die Hände, und der Priester sprach den Segen. Ich hatte mich etwas vorgedrängt. Das Herz klopfte mir hörbar. – Philippine erschien mir fast als eine Heilige an den Stufen des Allerheiligsten. Jetzt erhoben sie sich um wieder zurück auf ihre Plätze zu schreiten. – Ein Blick nach dem Gesicht der Braut – unwillkürlich entfährt mir ein halblauter Schrei – es ist nicht Philippine – es ist Martha, ihre Schwester!

Aufmerksam hatten meine nächsten Nachbarn auf den Soldaten geschaut, der jedoch bald wieder gefasst erschien. Bei einer Wendung des Kopfes erkenne ich jetzt auch Philippine, die in ihrer jungfräulichen Schappelkrone neben der bräutlichen Schwester im Kirchenstuhl steht. – Wie froh machte mich dieser einzige Blick. Alle Hoffnung kehrte wieder, und ich weiß nicht, war es ein Bitt- oder Dankgebet, welches jetzt aus meinem Herzen zum Himmel aufstieg.

Nach dem Gottesdienst mischte ich mich unter die Zuschauer, welche an der Kirchentür Posto gefasst hatten, um den Zug mit den Spielleuten vorbeidefilieren zu sehen. Sittsam und anmutig schritt Philippine, das schöne Ehrenmägdlein an mir vorüber, ohne aufzuschauen. Die Menge verlief sich, und der verabschiedete Soldat stand zuletzt beinahe allein noch auf dem Platz.

Ich machte den Plan, im Bierhäuslein, gegenüber dem Wirtshaus, Quartier zu nehmen, um vor der Hand das Terrain auszukundschaften. Bei einem Glase Gerstensaft hatte ich die Gelegenheit, unerkannt die Frau Wirtin, die als echte Tochter Eva’s von den Verhältnissen der Brautleute genau unterrichtet sein mußte, auszuforschen.

Ich laß mich also mit ihr ins Gespräch ein: – Das war ein beharrlicher Liebhaber, meinte die Frau, wie es wenige gibt. Wieso? Frag ich, und tu, als wär ich landsfremd. – Ei, sagte sie, der ist ein zweiter Jakob, der sieben Jahr um die kleine Rachel gedient hat. Anfangs galt er der Jüngsten, der Schwester seiner Braut, und er soll, wie man sagen will, auch eine zeitlang bei bei ihr Hahn im Korb gewesen sein, als ihm ein Anderer in’s Gräu kam, wie Sie sagen, Einer von des Hohbergbauern, – ein rabiater, nichtsnutziger Bursch und verwegener Mensch, der, nicht faul, dem guten Valentin bei einer Hochzeit auf der Ahorn auf dem Weg steht, und ihm aus purer Eifersucht ein Messer in den Leib rennt. Mein Mann, der auch bei selbiger Hochzeit anwesend war und spät in der Nacht heimkommt, trifft den Valentin auf der Straße ganz blutig kommt heim, und erzählt mir die ganze Geschicht. Der Valentin aber, die beste Seel von der Welt, der wahrscheinlich die Sach dem Mädel zu lieb vermänteln will, sagt aus: er sei gestolpert und in sein eigenes Messer gefallen. – Nun, zum Glück war der Stich nicht bedeutend. Dem Anderen aber, dem Schlänckel, läßt das böse Gewissen keine Ruh, er laßt sich engagieren beim badischen Militär. – Es ging dazumal in Russland zu. – Das Mädel aber hat seitdem seinen Kopf gesetzt – entweder, erklärt sie, er kommt wieder heim, und da wird sich zeigen, – oder er bleibt fort, – und da weiß ich Eine, die ledig bleibt, und so und so. Dem guten Valentin aber, dem nun einmal partout Eine von der Hohberghansen sein muß, hat sie keine andere Wahl, als die Schwester zu heiraten, die wahrhaftig ihren Vorteil besser verstanden zu haben scheint, auch, wie es heißt, dem Valentin schon von früher her hold gewesen ist. – Doch, setzt sie bei, woher geht der Weg, wenn man fragen darf? es ist mir fast, als sollt‘ ich den Menschen kennen.
Natürlich, daß ich keine Lust hatte, ihr die volle Wahrheit zu sagen.

Vom Militär, aus dem Feld, antwortete ich, und den Bursch, von dem ihr so sprecht, des Hohbergbauernsohn, kenne ich gut; der Mann hat sich gemacht beim Militär und hervorgetan so viel ich weiß, hat er eine gute Stelle und wird nächstens nächstens kommen, wahrscheinlich um sein Mädel abzuholen.

Ei, was Ihr nicht sagt! rief die Frau voll Verwunderung, und schlug die Händ zusammen, wie wird sich die Philippine freuen. – Ja, so ist’s halt, wenn’s Glück will, dem grünt ein Besenstiel; hab ich’s doch immer gesagt, die versteht Ihren Vorteil besser. Ja des Hohberbauern Söhn‘, das will ich meinen, dir sind Beide nicht auf denKopf gefallen u.s.w.

Unter solchen Reden war die Frau hinausgegangen, wie ich glaubte, in Hausgeschäften. Ich aber überlegte, wie ich mich am Besten der Philippine vorstellen könnte: wenn ich eine Geige geliehen bekäme, dachte ich, so könnte ich gar wohl als Invalide drüben bei der Hochzeit auftreten und so die Sach‘ lustig einleiten; frage also, als die Frau wied’um hereinkommt, ob nicht ein Instrument in der Nähe zu haben sei, sage ihr aber nicht, was ich im Schilde führe.

Während wir aber noch über die Sach‘ hin und her reden, geht die Tür auf, und mit freudigem Schrecken seh ich – wen meint Ihr – hereinkommen? – Die Philippine mit einer ihrer Gespielinnen. – Die Frau Wirtin hat es nämlich nicht über sich gewinnen können, die Sache zu verschweigen, und war sogleich in die Küche gelaufen, um mein Kind in’s Wirtshaus hinüber zu schicken: Die Philippine soll einen Augenblick herüber kommen, es sei ein Soldat da, der mit ihr reden wolle!

Wie oft hatte ich mir einen einsamen Stunden das Wiedersehen ausgemalt, und jetzt stund ich vor dem herzigen Mädel mit militärischem Gruß, die Hand an der Mütze, halb Spaß, halb Ernst. – Herr Jesus, der Friedli, mi Friedli isch do! – Kennen Sie das Gedicht von Hebel? – Tausendmal, wenn ich’s gelesen habe, hat es mich auch an mein eigenes Leben erinnert. – Ja, wahrhaftig, Ihr bekümmertes Herz, wie es dort heißt, hatte mich begleitet durch schwere Schwerter und Kugeln mit Hoffnung und Schmerz, – das konnte ich jetzt an ihren freudigen Tränen und heißen Küssen abnehmen. Alles Ungemach voriger Zeit aber war aufgegangen in dem einzigen glückseligen Augenblick; denn einen freudige Stund, Freund, lass tausend bittere vergessen.

Kaum hatte ich mich aus ihren lieben Armen losgemacht, als Valentin daher gerannt kam, dem die Neuigkeit auch schon hinterbracht worden war. – Ist er endlich da? – rrief er schon von weitem, als er mich sah, ei, ei, Ihr habt lang auf euch warten lassen, Freund. Eure Hand her! wir sind Narren gewesen, und damit punktum; wenn’s euch so recht ist! Und wir umarmten uns brüderlich, denn alle Feindschaft war längst ausgetilgt aus unseren Herzen. – Aber jetzt allons hinüber, kommandierte er; das freut mich am allermeisten, dass Ihr euer Kommen g’rad auf meinen Hochzeitstag gerichtet habt.

Ich machte Umständ, in meinem abgeschabten grauen Soldatenmantel am Hochzeitstisch zu erscheinen, aber da half keine Ausred, ich mußte mit.

Drüben stellte mich der Bräutigam seiner Braut vor. – Wenn die Liebe nicht blind wär‘, sagte er scherzhaft, so hätt‘ ich von allem Anfang an sehen müssen, dass Martha, meine gute Martha, vom Himmel ausersehen war, mein Lebensglück zu machen. -Und wir Beide, Freund, hätten einen Narrenstreich weniger zu machen gehabt!

Also herzlich aufgenommen, kam es mir vor, als wär ich unter lauter lieben Verwandten und Angehörigen. Und als im Laufe des Tages noch mein Bruder als Gast mit seiner jungen Frau daher kam, war die Freude erst recht groß.

Da saß ich denn wieder neben meinem Mädchen, wie vor fünfthalb Jahren in der hohen Ahorn, und wir hatten einander so viel und noch mehr zu sagen als dazumal. – Selbiges Sprüchlein aber war jetzt zur schönsten Wahrheit geworden.

Unterdessen hatte die Musik begonnen. Allons frisch, rief uns Valentin zu, und winkte zum Tanz, den er extra für uns Zwei bestellt hatte.

Halt, sagte ich und lachte, Freund, so schnell wird’s wohl nicht geh’n, spür‘ den Tanz bei Leipzig noch immer ein wenig in den Gliedern, und zeigte auf meinen Stock; denn so sehr es sich auch von Tag zu Tag mit meiner Gesundheit gebessert hatte, so war doch immer noch ein Rest zurückgeblieben.

Doch, was soll‘ ich Ihnen viel erzählen? Von nun an war meinem Leben die Sonn‘ aufgegangen; und wer am 23. Mai des Jahres 1817 nach Friedenweiler gekommen wäre, der hätte ein zweites Hochzeitsfest mitfeiern können, wobei Philippine und ich die Hauptpersonen waren.

Die Uhr aber mit dem gold’nen Herz und Sprüchlein, welche Sie vorhin mit mir gesehen haben, überreichte mir die Braut am Hochzeitstag.

Nun aber hieß es sich um tun. Ich hatte ein Geschäft angefangen: ordinäre Musik-Spieluhren, wobei mir meine Musikkenntnisse trefflich zu statten kamen. Ich hielt mehrere Gesellen, darunter ein Schreiner und auch einige Uhrenmacher. – Die Zeiten waren dem Handel günstig; von Jahr zu Jahr steigerte sich der Absatz, und bald hatte ich mit meinem Weiblein ein recht wohlhäbiges vergnügtes Hauswesen eingerichtet. Sie triebt die Schildmalerei noch lange mit großem Erfolg, bis vermehrte Haushaltungsgeschäfte und Kinder sie endlich nötigten, die Kunst aufzugeben. Nach wenigen Jahren schon war ich im Stand, ein eigenes Anwesen zu kaufen, und später, als durch Thätigkeit und Gottes Hilf der Vermögensstand auf das Erfreulichste sich gemehrt hatte, kauften wir das Wirtshaus, worin ich heute das Vergnügen hatte, sie zu bewirten.

Der Herr, fing er nochmals an, Ihr Tod hat einen schweren gewaltigen Riss in mein Leben gethan. Schauen Sie, seitdem freut mich eigentlich nichts mehr recht von Grund aus. – Nächsten Monat wird’s ein Jahr sein, dass sie dahingeschieden ist. – Die älteste Tochter, an einen Uhrenhändler verheiratet, der sich in Amerika häuslich niedergelassen hat, ist vor zwei Jahren ihrem Manne nachgefolgt – zum großen Leidwesen der Mutter, die es sehr ungern gesehen hatte. – Weiber, meint sie, bleiben in der Fremde immer fremd, und seyen dort niemals recht daheim. – Meine Jüngste aber kennen Sie ja, ganz das Ebenbild der seligen Mutter!

Also schloss der Erzähler, und ich spendete ihm und der Verblichenen ein warmes Lob. – „Aber“, fügte ich bei, „über Eines hab‘ ich im Verlauf der Geschichte vergeblich nähere Auskunft erwartet, über das Abenteuer nämlich mit dem nächtlichen Gespenst; habt Ihr von der Geschichte niemals etwas Näheres in Erfahrung gebracht?“

Ei freilich, erwiderte er, das muss ich noch erzählen; die Sache ist wichtig. Ich weiß nicht, haben Sie schon von dem alten Salefi gehört, seines Zeichens ein Uhrenmacher und Tausendkünstler? – Jahre lang beschäftigte sich das Männlein mit der Erfindung des Perpetuum-Mobile, oder, wie man es hier zu Lande heißt, mit dem ewigen Lauf, und wohnte in einer Hütte am Hohberg. – Eines Tages treff‘ ich ihn im Wirtshaus, wo er neben mich zu sitzen kommt. Es war zur Zeit, als der Hohberghof, nachdem er lange Jahre leer gestanden, zum Dritten Mal zum Verkauf, zum Verkauf ausgeschrieben ward. – Was mich anbetrifft, sagte der Salefi, so möchte ich das Haus nicht geschenkt, wenn ich drin wohnen müßte.

Warum? Fragte ich, Ihr seid ja sonst ein Freund von der Einsamkeit und gerne ungestört.
Allerdings, Freund! hab‘ auch meine Ursachen dazu; aber seht, der Hof ist ein Palast gegen die Baracke, in der ich wohne, und doch – habt ihr niemals etwas Ung’rades in dem Heidengebäu verspürt? – Ihr versteht mich schon.
Hm, versetzte ich, es ist sonderbar, Ihr glaubt doch, so viel ich weiß, an der gleichen Sachen nicht!
Ich? es gab früher keinen ungläubigeren Thomas, als ich war, Freund, ein abgesagter Feind von dergleichen Altweibermährlein, wofür ich alles Dieses gehalten hab‘. – Aber jetzt soll mir Einer kommen und beweisen wollen dies und das; – die Hand ließ ich mir d’rauf abhauen!
Da wär ich doch begierig zu hören, sragte ich, und rückte etwas etwas näher.
Euch, fing der Alte mit gedämpfter Stimme wiederum an, Euch kann ich’s wohl anvertrauen. Schaut, es war im Jahr zwölf, im Sommer, ich hab‘ dazumal schon, wie Ihr wisst, an dem ewigen Lauf herumstudiert, nur dass ich die Sach‘ noch nicht beim rechten Zipfel gepackt hab‘ und an der rechten Spur gewesen bin wie jetzt; in vier Wochen, mein Schatz, wird sich viel zeigen; schaut, man wird noch vom alten Salefi sagen; denn er wird reussieren, glänzend, allen Spöttlern und neidischen Menschen zum Trotz, die an seinem Untergang arbeiten, so gewiss, als das Glas da auf dem Tische steht. – Wenn ich schon ein armer Teufel bin und –
Aber Salafi, unterbrach ich ihn, Ihr habt mir ja von dem Gespenst erzählen wollen.
Allerdings, ja, doch was ich jetzt sagen will gehört auch dazu. Es war im Jahre zwölf, ich hab‘, wie gesagt, dazumal schon an dem ewigen Lauf, oder wie das Ding auf Lateinisch heißt, am perpetum moberum herumstudiert, war aber noch nicht auf dem Wahren; es ist auch überhaupt noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und Rom auch nicht in einem Tag gebaut worden. Habt Ihr die Lebensbeschreibung von Kolumbus schon gelesen? was der Mann alles hat ausstehen müssen, bis er zum Ziel gekommen ist, und nichts als Schimpf und Spott davon getragen. – Wär‘ ich in England, Freund, statt in Deutschland auf dem Schwarzwald – Da wäret Ihr schon längst ein reicher, weltberühmter Mann, nicht wahr? fiel ich ein, aber die Geistergeschichte?

Nun ja, so hört: wie ich einmal so Nachts auf meinem Strohsack lieg‘, und über die Erfindung nachsimulie, was ich wohl für ein Material auftreiben könnte, das nicht schwindet, und das weder Hitz noch Kälte Einfluss hat, fällt mir auf einmal die Kunst der alten Heiden ein: das Holz im rechten Licht und unter Gestirn zu schlagen. Wie wär’s, denke ich, Wie wär’s, wenn du eine Prob‘ machtest, im Hohnerghof aus den Küchenbalken ein Stück heraussägelst? Ich wusste nämlich von Eurem Vater selig, was es mit selbigem Holz für eine Bewandtnis hat. Halt, denke ich, da steckt was dahinter, mach‘ mich also, weil mich der Gedanke nicht schlafen läßt, sogleich mit meinem Laternle und Werkzeug ’nüber in euer Haus, das dazumal leer stand, um einen Klotz heraus zu sägen.

Wie ich in die alte Spelunke hinein komme, ist es mir gleich, als witt’re ich was Ungrad’s, und bin doch von Natur nichts weniger als furchtsam und abergläubisch; aber es muss ein verworf’ner Tag gewesen sein, denn kaum hab‘ ich den Herd bestiegen und mich frisch ans Werk gemacht, – so murrte es und schnarcht es unter mir, – hol‘ mich Gott, ein Rhinozeros hat einen leichteren Atmen; und wie ich hinschau, steigt ein abscheulicher Kerl, ein wahrer Goliath, wie aus dem Boden empor, ich lüg‘ nicht, mit einem Gesicht und Augen – ja, lacht nur; nicht wahr, das kommt Euch übertrieben vor?

Kurzum in diesem Ton erzählt mir der Alte weiter, wie die Laterne ausgelöscht sei, und er das Hasenpanier ergriffen habe. – Natürlich, dass ich ihm klaren Wein einschenkte, und ihn und mich tüchtig ausgelacht hab‘. Aber da hättet Ihr das Männlein sehen sollen: Carle, sagt er empfindlich, da müßt Ihr ein wenig früher aufsteh’n, wenn ihr den alten Salefi blauen Dunst vormachen wollt; treibt eure Narrenposen mit einem anderen; ich bin zu alt dazu; – hab‘ Euch für gescheidert gehalten, Adjes! – und damit trank er sein Gläslein aus und entfernte sich beleidigt. – Der gute Salefi! der ewige Lauf der Welt, der Tod, hat ihn ereilt, eh‘ er mit seiner Erfindung im Reinen war.

Unter solchen Gesprächen hatten wir unser Ziel, das Wirtshaus zu Ahorn, erreicht. Ich blieb jedoch nicht länger daselbst, als nötig war, um eine kleine Erfrischung einzunehmen, denn ich wollte denselben Tag noch Friedenweiler besuchen und auch wegen der besprochenen Hauschronik unterwegs Schritte thun. Deshalb verabschiedete ich mich bei Zeiten von meinem Freund und Begleiter und wanderte talabwärts in’s kleine Eisenbächele, wo das bezeichnete Haus und die Familie bald gefunden war.

Es gelang mir jedoch erst bei einem zweiten Besuch, die Chronik zu erhalten, welche wortgetreu, neben der Ansicht des oftgenannten, ehemaligen Klosters Friedenweiler, hier mitgeteilt wird.

Głogów

Im Krieg mit Frankreich fiel Głogów am 3. Dezember 1806 in die Hände französischer Truppen, die es auch nach dem Frieden von Tilsit besetzt hielten. In den Befreiungskriegen verteidigten etwa 9.000 französische Besatzer, geplagt von Kälte bis zu −26 Grad im Winter, Lebensmittelmangel und Desertionen, die Festung Głogów vierzehn Monate lang gegen preußische und russische Truppen. Am 10. April 1814 kapitulierten die 1.800 überlebenden Besatzer unter General Jean Grégoire Laplane vor den Belagerern (Wikipedia).

Laut des Erzählers wurde Niederschlesien auf Befehl des französischen Generals geplündert und die Festung wurde 1813 von Preußen belagert. 1813 kam der Erzähler dann in ein Lager nach Lüben (Lübben).

Lübben

Da Napoleon ein Regiment auf der so genannten Schweineweide in Lübben hatte, ist hier wohl nicht das Niederschlesische Lüben (Lubin) gemeint. Lübben ist eine Stadt im heutigen Brandenburg.

Napoleon war nachweislich ein paar Stunden im Lübben. Das Regiment waren aber nicht „hunderttausend Mann„, sondern eher nur 35 000 Mann.

Völkerschlacht bei Leipzig

Die Schlacht von Leipzig dauerte vom 16. bis 19. Oktober 1813 und war eine der wichtigsten Schlachten während der Befreiungskriege. Der Erzähler gehörte zu 11. Armekorps, 39. Division und stand unter General MacDonald und dem Major Brückner.

Nach der verlorenen Schlacht ergeben sich die Überlebenden den Preußen, die die Badischen Soldaten anscheinend nach Sibirien marschieren lassen wollten. Aus „dieser Noth“ befreite sie der Markgraf Wilhelm „unser tapfere Chef

Nachdem das Großherzogtum Baden sich von Napoleon lossagte und am 20. November 1813 bei den Befreiungskriegen auf die Seite Preußens, Österreichs und Russlands wechselte, wurde nach preußischem Vorbild Landwehr und Landsturm aufgestellt (Wikipedia).

Der Sommerfeldzug von 1815 war die letzte militärische Aktion Napoleons und dauerte vom März bis Juli 1815. Mit der Niederlage Frankreichs in diesem Feldzug endete auch die Ära Napoleons. Dieser Feldzug war Teil der Koalitionskriege. Es endete mit dem Zweiter Pariser Frieden. (Wikipedia)

Russenkreuze erinnern an die Russen, die nach der Völkerschlacht von Leipzig die napoleonischen Truppen verfolgt hatten. Seit der Schlacht an der Beresina (Nov. 1812 – 29. Nov. 1812) jagten die vereinigten Truppen die Franzosen buchstäblich nach Hause.

Bei allen Russenkreuzen sind Gedenksteine aus der Zeit der Befreiungskriege zu finden. Sie wurden für russische Soldaten errichtet, die beim Durchzug erkrankten und starben – meist an Ruhr, Typhus oder Pocken (Blattern). Dass sie im Gelände bestattet wurden, liegt daran, dass sie orthodoxe Christen waren und nicht in der katholisch geweihten Erde beigesetzt werden durften.

Der Erzähler heiratet am 23. Mai 1815 seine Philippine im Ahorn.

Der Verfasser bekommt im Ahorn die Chronik einer Schwarzwälder Schildmaler Familie.

Fortsetzung hier:

Hauschronik einer Schwarzwälder Schildmalers-Familie

Wanderblühten – Das Buch

Alle Vögel sind schon da!

Sind sie das? Haben Sie heute Morgen schon einen Vogel singen hören? Leider werden es immer weniger, an denen wir uns erfreuen können. Viele Vögel kommen bei ihren Routen aus den Winterquartieren um, weil sie über Ägypten, Malta und in vielen anderen Ländern abgeschossen werden. Viele verhungerten in ihren Winterquartieren, weil nicht genügend Bäume zum übernachten dort vorhanden waren und die Tiere wenig Nahrung fanden. Und hier?

Hier kämpfen sie mit Pestiziden und Überdüngung in der konventionellen Landwirtschaft und damit einhergehend ebenfalls mit immer weniger Nahrungsangebot an Insekten. Auch hierzulande gibt es kaum noch alte Baumbestände für Bruthöhlen oder an Häusern passende Möglichkeit ein Nest zu bauen. Immer mehr Gärten gleichen Steinwüsten in denen weder ein Vogel Nahrung findet, geschweige denn brüten kann. 


Schätzen wir den Gesang der Vögel im Frühling? Bewundern wir ihre kunstvollen Nester und ihre wunderschönen Gefieder? Oder wissen wir nichts über die Vogelwelt auf der Baar?  

Haben Sie schon einmal einen Zaunkönig singen hören? Sein Gesang gehört mit zu den lautesten in der Vogelwelt. Oder erfreuten Sie sich an dem frühmorgentlichen Gesang der Amsel auf den Dächern? Haben Sie die Storchennester auf den Strommasten an der B27 entdeckt oder unser Nest auf dem Kirchendach? Haben Sie das Klappern bei der Begrüßung des Paares gehört und wissen sie, dass die beiden ein Leben lang zusammenbleiben? Haben Sie den Gesang der Goldammer gehört der sich anhört wie der Vers: „Wie, wie hab ich dich so lieb“? Oder sahen Sie schon einmal einen Spatz genüsslich ein Sandbad nehmen?  Leider sind diese Anblicke immer seltener geworden. Wie sehr schätzen Sie unsere Biodiversität? Wir können alle etwas dafür tun, dass die bunten gefiederten Freunde noch weiter singen. 

Über die App Forest könnten Sie zum Beispiel für wenig Geld helfen Bäume in Afrika zu pflanzen.
Sie können Ihre Fenster gegen Vogelschlag sichern.
Sie könnten ihren Garten naturnah gestalten und in ihm Bäume pflanzen.
Sie könnten sich für den Schutz von alten Streuobstwiesen stark machen.
Sie könnten Nisthilfen aufstellen.
Sie könnten ihre Freigänger-Katze während der Ausflüge von Jungvögeln zu Hause lassen.
u.v.m.

In früheren Zeiten nahmen Bergleute einen Kanarienvogel mit in die Bergstollen. Wenn er nicht mehr sang, wussten die Bergleute, dass der Tod nahte. Wenn die Vögel nicht mehr singen, geht uns nicht nur viel verloren. Wir, die wir maßgebend am Klimawandel und an der Vernichtung von Biodiversität unseres Planeten teilhaben, sind ein Teil dieser Erde. Wenn die Vögel sterben, sterben auch wir.

Sorgen wir deshalb dafür, dass unsere Vögel noch lange singen!

Stunde der Gartenvögel 2025
Die 21. Stunde der Gartenvögel findet vom 9. bis 11. Mai 2025 statt.

Wanderblühten – Die beiden Schwestern

O Tannenbaum, o Tannenbaum!
Wie treu sind deine Blätter.
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,
Nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannanbaum, o Tannenbaum!
Wie treu sind deine Blätter!

In dir ruht Herr! mein ganz Gemüthe.
Psalm

Es war ein klarer Sommermorgen, erzählt ein Reisender, als ich frühe mein Schwarzwälder Wirtshaus verlassen hatte, um weiter in die benachbarten Täler zu wandern. Die Sonne machte heiß, und nach einigen Stunden mühsamer Bergwanderung sehnte ich mich nach einem Labsal unter dem schattigen Dache irgendeiner Schenke. Von der eigentlichen Straße abgehend, hatte ich auf gut Glück einen Fußweg eingeschlagen, der mich aus grünen Wiesen aufwärts durch lange Strecken, Wald und Gestrüpp führte, ohne Ausflucht, bald menschliche Wohnungen anzutreffen.

Als irrender Ritter wendete ich mich an ein Hirtenmädchen, welches mit seinem Strohgeflecht in der Hand am Wege saß, und die in dem niederen Gehölz verstreut grasenden Kühe hütete. Das Kind, nachdem es vernommen, was ich suchte, führte mich zu einer Lichtung des Waldes und zeigte auf ein Haus mit großen, überhängenden Schindeldach, wo neben ein schlanker Tannenbaum mit grünem Busch dem durstigen Wanderer schon von weitem das Ziel seiner Wünsche zu erkennen gab.

Ich spendete meinen guten Engel ein kleines Trinkgeld und schritt auf das ländliche Hotel zu, bei dem ich näher gekommen, eine Schar festlich gekleideter Kinder gewahrte, die, gemustert von einem größeren Mädchen, nur auf Zuzug zu warten schienen, um sich alsbald in Marsch zu setzen. Der Wirt unter der Haustüre willkommente mich mit der Gesprächigkeit eines Weltners und bedeutete mir, dass die Größere seine Tochter sei. Die Kleineren aber im Begriffe stünden, nach Friedenweiler zu gehen, wo heute eine Trauung vollzogen werden solle, welche nach alter Sitte sämtliche weibliche Schulkinder des Kirchspiels als Gränzlejungfern anwohnen würden.

Bei so einem Anlass“, erläuterte der Mann, können sie oft 50 bis 60 Kinder dem Zug in die Kirche begleitet sehen; Mädchen von jedem Alter, von seidenem Putz der Reichen bis herab zum barfüßigen Hirtenkind im grünen Röcklein und gelben Strohhut; – ist die Trauung vorüber und der Zug im Braut- oder Wirtshaus angekommen, so reichen die zwei Gespielinnen im Namen der Braut jedem, der Eherenägdlein ein Stück farbigen Zeuges zu einem Goller oder Brustlatz, während der Hochzeiter herumgeht und Brot und Wein unter sie spendiert.“

Auf die Weise“, versetzte ich, „wird ja hierzuland jede Hochzeit zum kleinen Kinderfeste“.

Zum Volksfest, wenn Sie wollen“, entgegnete der Wirt, „denn wie in anderen Landesgegenden Jahrmärkte und Kirchweih die Leute zusammen führen, so findet sich der zerstreut in den Tälern lebenden Wäldner gerne 5 bis 6 Stunden weit zu einer Hochzeit ein, wo er voraussetzen darf, Bekannte und Freunde zu treffen; ja, selbst der Geschäftsmann benutzt solche Gelegenheiten, um mit seinen Abnehmern oder Handelsfreunden sich ins Benehmen zu setzen. – Da sollten Sie einmal die Wirtschaft sehen, bei schönem Wetter finden Sie das Haus ringsum mit Stühlen und Tischen besetzt und im Inneren, in der Wirtsstube, auf der Scheuertenn, wie im Leibgedingstüblein, wohin überall die Spielleute sich vertheilt haben, wird getanzt. Denn sie müssen wissen, Freund, der Wäldner ist ein Hauptliebhaber vom Tanz, obwohl er auch ein gutes Gläslein und saftiges Essen nicht verschmäht. – Und mit Recht – denn wer die ganze Woche, das Jahr durch redlich das Seine thut, dem soll es auch gegönnt sein, bei schicklicher Gelegenheit einmal vom Grund aus sich lustig zu machen. – Ich hoffe nämlich nicht, dass Sie auch zu denen gehören, die, wären Sie sich Alles recht wohl schmecken lassen, beständig über das verdorbene, genusssüchtige Volk raisonnieren. Bei solchen Anlässen aber bringt der echte Wäldler auch keinerlei Ungemach der Witterung und des Weges in Anschlag. – So zum Beispiel habe ich oft von meinem Großvater, tröst in Gott, erzählen hören, wie einmal junge Burschen, die mit ihren Mädchen beim Nachhausegehen von einer Tanzbelustigung zu Lenzkirch in den dazumal noch unwegsamen Seitentälern von einem Schneesturm überfallen und am anderen Tag samt und sonders erfroren gefunden worden sein; ein beweglicher Anblick soll es gewesen sein, die Mädchen in den Armen an der Brust ihrer Liebsten, als hätten sie dieses vor grauem Unwetter schützen wollen. – So hatte Alle der Tod überrascht, und Schnee und Kälte ihnen einen schauerliches Grab gebettet.“

Während dieser Reden waren mir die holzgetäfelte, von vielen Fenstern erhellte Wirtsstube getreten, wo ich mir einen Imbiss von schwarzwälder Käse und einem Glas Markgräfler trefflich schmecken ließ.

An der Wand, meinem Platz gegenüber, bemerkte ich mehrere Schwarzwälder-Uhren, deren besonders zierlich bemalte „Schilde“ mir eine beiläufige Äußerung entlockten, welche von dem Wirte mit augenfälligem Behagen aufgenommen wurde. Als hätte er nur auf schickliche Einleitung gewartet, verbreitete sich jetzt der Mann redselig über diesen Gegenstand. Ich erfuhr, dass seine verstorbene Frau die Künstlerin sei, welche die hübschen Tableaus mit ihrem Blumen und Blätterschmuck gefertigt habe. Als besonders wertgeschätzt bezeichnete er mir das eine, welches im Halbbogen über dem Zifferblatt ein goldenes Herz mit einer Inschrift, von Immergrün umgeben, zur Schau trug.

Es mußten diese Sinnbilder den Mann wohl ein schönere Tage mahnen, denn aus seinen Augen blitzte es wie Erinnerung, und seine Rede gewann merklich an Wärme, als er mir die Tugenden der Seligen schilderte und den Riss, den er tot in sein Leben gerissen hatte, und wie er, seitdem der halbe Mann nimmer sei, nimmer sei. „Oh, sie war eine Künstlerin“, sagte er, „die ihresgleichen gesucht hat. Bei richtiger Anleitung hätte sie es gewiss auch in der größeren Welt zu etwas gebracht. Aber so fehlt es eben manchen Bäumlein im schattigen Wald an Licht und Luft, emporzuwachsen. – Haben Sie vorig meine Jüngste betrachtet, wie sie draußen mit den Kindern abgegeben“ – das vollkommene Ebenbild der seligen Mutter, die blauen Augen, das helle Haar und auch die Größe – „

In diesem Tone fuhr der begeisterte Witwer und Vater noch eine Zeit lang fort. Dann lenkte ich die Rede wieder auf die Uhrmacherei und die mit ihr verwandten Gewerbe. Ich konnte aus allem, was ich hörte, entnehmen, dass der Mann über die heimatlichen Zustände ziemlich unterrichtet war, und aus der Art und Weise zu schließen, wie er sich ausdrückte, auch schon die Welt gesehen haben mußte. Nachdem er mir das Entstehen der Uhrmacherei auf dem Wald auseinandergesetzt, fragte ich, ob ihm nicht bekannt sei, wie die Schildermalerei ihren Anfang genommen, und wer sie zuerst mit Erfolg betrieben habe.

Wie man an den alten Uhren sieht“, berichtete er, „wurden die Ziffern anfangs schlechtweg nur mit Tinte oder schwarzer Ölfarbe ausgezogen, später kamen gedruckte Papierschilde auf, die meistens von Augsburg bezogen wurden, bis endlich in den vorigen 70er Jahren die Lackfarben erfunden wurde und angewendet wurden. – Einer der Ersten, die sich in dieser Kunst hervortaten, war meines Wissens der Maler Konrad Kirner im kleinen Eisenbächele, und wenn Sie die Sache besonders interessiert, so können Sie vielleicht von einem Tagebuch Einsicht nehmen, welches, so viel mir bekannt, jener Mann eigenhändig verfasst und seiner Familie hinterlassen hat.“

Ich zeigte mich bereitwillig den Wink zu benützen, worauf mir der Wirt Haus und Gegend, wo jene Familie wohnte, näher bezeichnete und sagte, weil er ohnehin heute Mittag zur Hochzeit müsse, die im Wirtshause zur hohen Ahorn gefeiert werde, so könnten wir ein Stück des Weges zusammen gehen, da auch jenes Haus in dieser Richtung liege.

Nachdem ich meine Zeche berichtigt hatte, säumten wir nicht, uns alsbald auf den Marsch zu begeben. Begleitet vom herrlichen Wetter, schritten wir bergan gegen das bezeichnete Wirtshaus. Kein Lüftchen wehte, und das Geklingel der Herden in der nahen Matten sowie das dumpfe Klopfen, der Sägemühle im Tal waren die einzigen Laute in dem stillen Sommertage. Eine Ruhe lag über der Landschaft, wie man sie nur im Hochlande trifft.

Ein schöner Tag“, bemerkte ich.
Accurat wie vor 34 Jahren um diese Zeit“, erwiderte er, „wo ebenfalls eine Hochzeit auf der Ahorn gefeiert wurde. – Ei, du lieber Gott, wie doch die Zeit vergeht, Freund, es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen. – Dazumal freilich war unsereiner noch ein anderer Bursch. Die Welt bleibt jung, aber wir, Freund, wir werden älter. – Kaum dass die Sonn‘ am höchsten steht, neigt sich schon wieder zum Untergang. – Doch, um wieder auf derselbigen Hochzeit zu kommen: – vor 34 Jahren war es, als ich dort mein gottseliges Weib kennengelernt habe. – Der Tag steht mir noch so lebhaft im Gedächtnis bis auf den geringfügigsten Umstand. Und hintennach die verteufelte Geschichte mit dem Valentin; – es kam mir wahrhaftig zu gut, dass der damalige Justizamtmann ein guter Bekannter von meinem Vater selig, und ein vernünftiger Mann dazu war, sonst hätt’s am End noch zu bösen Häusern geführt.“

„Ich denk'“, nahm ich das Wort, „Ihr erzählt mir die Geschichte, wir haben eine tüchtige Strecke bis zum Wirtshaus und ein gutes Gespräch verkürzt den Weg.“

Wenn es Ihnen Vergnügen macht, von einem närrischen Patron, wie ich damals einmal war, erzählen zu hören, so soll es geschehen. – Zuerst muss ich Ihnen aber einiges aus meiner frühesten Jugend sagen, um zu zeigen, wie oft geringfügige Umstände uns die Richtung geben können.

Ich weiß nicht, kennen Sie das Schwärzenbachtal, wenn Sie von Ebnemoos, welches wohl einer der höchst bewohnten Stellen des Waldes ist, nach Schwärzenbach kommen, finden Sie mehrere große Einödhöfe. – Die Alten sagen, die Heiden hätten sie erbaut und sie wären feuerfest, obwohl ganz von Holz. Ich geb‘ zwar wenig auf abergläubisches Wesen, doch habe ich mich mit eigenen Augen überzeugt, dass, wären die Balken so nah überm Feuerherd von gewöhnlichem Holz, sie schon längst in Flammen aufgegangen sein müßten, wie denn schon oft auch die Probe gemacht worden ist mit untergehaltenen Feuerbränden. Die Heiden, behaupten unsere Vorälteren, hätten das Geheimnis gekannt, das Holz im rechten Zeichen, nach Gestirn und Mond zu schlagen, also dass es weder leicht verbrennbar, noch durch Wesen oder Schwinden untauglich geworden wäre. Damit will ich aber nur sagen, dass eben das Haus ein sehr altes war, so wie auch unser Geschlecht, welches seit Menschengedenken darauf gehaust hat. Sie können sich wohl vorstellen, dass man in solcher Einöde von nichts anderem wußte als vom Ackerbau und einer großen, ausgebreiteten Viehzucht. Ja, so menschenscheu waren die Bewohner, daß, wie ich mich noch gut erinnere, wenn je einmal im Jahr ein Fremder das Haus betrat, wir Kinder uns hinter dem Ofen, oder die Kleinen gar ins Bett sich verkrochen. Das Jahr 96 brachte soviel ungebetene Besucher, dass dieses schüchterne Wesen hinlänglich abgestumpft werden konnte. In dem selbigen Jahr nämlich hielten die Condéer und Österreicher die alten Schanzen am holen Graben besetzt, wo es bald auch zum Treffen kam. Bei dieser Affaire bekamen wir die ersten Einquartierung, zuerst Condéer und Kaiserliche, dann Franzosen. – Das Haus war oft so überfüllt, dass wir selbst ausquartieren mußten und in die Scheuer und Stall übernachteten.

Und wenn man den Deutschen nachsagt, sie seien tapfere Trinker, so gaben ihnen damals die Republikaner kein Haar breit nach, denn sie tranken den Wein oft aus Kübeln und Gelten, nicht viel anders als das Unvernünftige. Erst vor Kurzem habe ich noch einen alten Kalender aus des Vaters seligen Nachlass gefunden, worin aufgezeichnet ist, wie einmal zwei Fuhrknecht und zehn Infanteristen in anderthalb Tagen zusammen getrunken 34 Maß Wein und vier Maß Brännts, dazu anderthalb Pfund Zucker und Weißbrot bis genug. Man kann sich denken, was bei solcher Wirtschaftlichkeit alles d’raufgegangen ist. – Nach den Franzosen kamen ungarische Husaren, die’s auch nicht besser machten, denn nicht nur, dass sie bares Geld verlangten und für den Wachtmeister und seine gnädige Frau Etwas extra, trieben sie’s so weit, dass man ihnen noch Honig für die Pferde geben mußte.

So empfindlich diese Einbußen auch immer für unsere Haushaltung waren, konnten sie doch leicht verschmerzt werden, weil sie vorüberging; das Schlimmste war nach war ein Prozess, der sich schon beinahe eine ganze Generation hindurch auf dem Gute fortgeschleppt hatte und endlich die Familie um Haus und Hof brachte. Ich mag damals ungefähr acht Jahre alt gewesen sein, und denk mir’s, als wäre es eben heut. – Der Vater kam aus der Neustadt, wo ihm bei Amt der Entscheid des leidigen Streites publiziert worden war. Es war Abend und ein schweres Wetter am Himmel. Wir Kinder hatten uns um die Mutter und in der Küche versammelt, wo sie zu Nacht kochte, als der Vater hereintrat, verstört und blass wie der Tod am Fahnen, und wir konnten bald merken, dass er etwas zu viel getrunken hatte; denn wie ihn die Mutter fragen will, wie es gegangen und was er Gutes bringe, geht’s los; Donner und’s Wetter, wie hat der Mann geflucht und hasseliert, und wirft die Schrift, welche aus dem Rocksack zieht, das Urteil, in’s Feuer, rennt hinaus in die Stubenkammer und kommt zurück mit einer Lad, worin die alten Hausbriefe und Gerechtsame des Hauses aufbewahrt lagen, und schleuderte das alte Möbel dem anderen nach in die Flamme, dass dieses hoch aufflackerte an dem alten rußigen Kaminschloss.

Um Gotteswillen!“ ruft die Mutter, und will ihn beschwichtigen, er aber flucht alle Wetter vom Himmel und verwünscht alles Herren- und alles Schreiber Volk in den Erds-Grundboden und das ganze Haus dazu, bis aufs Kind und Kindeskinder. – Indem fährt ein furchtbarer Blitz und Donnerschlag über das Dach, und wir Alle fahren zusammen und fangen an zu schreien und zu weinen und die Mutter mit uns. Denn so jung wir Kinder waren, so merkten wir doch, um was es sich handle, und dass Alles verloren sei. Der Prozess nämlich betraf den großen Wald am Hohberg, der von Seitenverwandten des Vaters angefochten worden war, dazu das Waidrecht auf einem großen Teil unseres Gutes.

Dieser Verlust, das lange Prozessieren vorher, und des Vaters beständige Anwesenheit in der Amtsstadt, wo sich hinter den Trunk machte, sowie zuletzt die Zechen der Advokaten, hatten unser Hauswesen ruiniert und ein längeres Verbleiben auf dem Hof zur Unmöglichkeit gemacht. Nach dem endlichen Verlauf des Anwesens zogen wir, weil es weh tut im Vaterort zu verarmen, nach dem Städtchen Löffingen, wo sich der Vater ein Haus und kleines Gütlein kaufte.

Ich, ein Knabe von neun Jahren, freute mich über diese Veränderung; das Städtlein war für mich eine ganz anderer Welt, als der einsame Hochberghof in der Lage, wo sich Fuchs und Hase gut Nacht sagen, und wo ich keine andere Beschäftigung kennen lernte, als den Sommer über auf den weitläufigen Bergweiden die Kühe zu hüten, und zur Winterzeit, meist ins Haus eingepfercht, Lichtspän schnitzen und den Stall besorgen.

Unter den Kindern, mit denen ich im Städtlein Kameradschaft machte, war auch ein Söhnlein des damaligen Obervogts. Der Vater, früher beim Militär, hatte dem Kleinen eine Trommel gekauft und mir, als den Gespann seines Sohnes, eine sogenannte Klotzpfeife, und lernte uns das Spiel regieren. Das Ding machte mir Freud, denn ich hatte von Haus aus ziemlich viel Musikgehör. Bald jedoch war es mir zu kindisch, und ich machte mich an den Vater, dass er mir eine Geige kaufen sollte, wie der alte Spielhannes eine hatte, der oft in unserem Haus nachts Herberge nahm. Ich bekam ein solches Instrument und der alte Hans lernte mir die Griffe und ein paar Melodien, so dass ich bald allerlei aus mir selbst dem Gehör nach spielen konnte. – Weil aber mein Vater aus Allem sehen konnte, dass ich zu nichts weniger Freud hatte als zum Bauern, so war er bedacht, mich ein Handwerk lernen zu lassen. Ich kam deshalb mit meinem 16. Jahr zu einem Schreiner, und nach der Lehrzeit machte ich mich fröhlich auf die Wanderschaft.

Einige Zeit schaffte ich in Freiburg, dann ging’s in’s Elsass, wo ich, angetrieben von meiner Neigung zur Musik, bei einem Orgelmacher Arbeit sucht und fand. Obgleich ich hier nur die eigentliche Schreinereiarbeit zu machen hatte, so konnte ich durch Aufpassen und Nachdenken doch vieles von der Kunst des Orgelbauers nebenbei profitieren. Der Meister hatte ein hübsches Töchterlein, eine wohlunterrichtete Klavierspielerin und Sängerin, die auch bei der Kirchenmusik mittat, wo ich als Geiger ebenfalls mitwirkte. In der Abwesenheit des Meisters lernte mir das Mädel, welches mich wohl leiden konnte (denn ich war dazumal ein hübscher Bub), zu meiner großen Freude das Klavierstimmen, und wie und wo man den Misston, der sich aus der reinen Oktave ergibt, sitzen lassen und auf die ganze Harmonie verteilen müsse. – Nelbst dem fand ich Gelegenheit, in unbelauschten Stunden dem Meister, der ein großer Geheimniskrämer war, seine Mensuren und Einteilungen nachzustechen und aufzuzeichnen, wodurch ich nach und nach einen richtigen Begriff von der schwierigen Wissenschaft des Instrumentenbaus erlangte.

Zu meinem 20. Altersjahre musste ich der Konscription wegen nach Haus. Mein Vater war unterdessen gestorben, und die Mutter hauste allein mit dem jüngeren Bruder und meiner Schwester. – Das Glück war mir hold, und ich spielte mich frei. Die Mutter wollte durchaus, ich sollte nur nicht mehr fort, sondern daheim für mich ein Geschäft anfangen. Ohne dass ich noch einen bestimmten Plan gefasst hatte, war ich vorläufig bei einem Meister in dem benachbarten Rötenbach in Arbeit getreten. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte ich.

Ein Jahr war so verflossen, da geschah es, dass ein Bäslein von mir sich verheiratete auf den Hochebnemooshof, den sie in der Ferne dort auf der Höhe am Waldeck hervorschauen sehen; in der Ahorn soll die Hochzeit gefeiert werden. Natürlich war das für den lustigen Schreinergesellen eine erwünschte Gelegenheit, bei Musik und Tanz sich wieder einmal weidlich zu lustigen. Zum ersten Mal seit langer Zeit führte mich dieser Anlass wieder in die alte Heimat, wo ich sozusagen ein Fremdling geworden.

Der Tag ist gewesen wie heut so sonnig und heiß, und das Wirtshaus war förmlich belagert von Gästen, so dass bis hinaus in den Hof und Garten die Tische und Bänke standen, allwo die Jugend ihr fröhliches Wesen trieb.

Als Vetter von der Braut war mir gebührendermaßen innen am Hochzeitstag gestruhlt worden, wo man dem weitgereisten munteren Gesellen natürlich alle Ehre erwies. Ich trug mich ganz nach der damals städtischen Mode: Schiffhut, brauner Frack mit metallenen Knöpfen, kurzen Hosen und Halbstiefel mit gelben Klappen; eine Tracht, die wie ich meinte, mir ganz proper stund; dazu kam noch ein jugendlich Blut, und das Sprichwort: Eine ledige Haut schreit überlaut, war auf mich wie gemacht.

Ich hatte den ganzen Nachmittag tapfer getanzt und verließ gegen Abend das Haus, um draußen ein wenig Luft zu schöpfen. – Es war schon ziemlich spät; der Mond stand bereits als silberne Sichel am Himmel, und unten in den Tälern dunkelte es schon. – An einem der Tische am Gartenhag bemerkte ich ein Mädchen, welches nachdenklich den Kopf auf die Hand gestützt, allein bei den verlassenen Tischen und Bänken saß. Da der Tanz so eben wieder angefangen hatte, so glaubte ich, das schöne Kind engagieren zu müssen, und näherte mich galant, um sie anzureden. Sie schaute auf, und die Sonne wirft ihren rosigfarbigen Schein über das anmutigste Gesichtlein von der Welt. – Sonderbar! ich war schon sonst kein Scheupeter, und jetzt, wahrhaftig, war ich verlegen und verdattert, als ich ihr den Antrag zum Tanze stellte. Die Kleine aber gibt mir einen Korb: So eben, sagt sie, hätte sie es auch Einem abgeschlagen und wolle diesmal aussetzen. Ich konnt‘ ihr’s nicht übel nehmen, vielmehr suchte ich ein weiteres Gespräch mit ihr anzuknüpfen. Aber zu meiner Verwunderung fängt das schnippische Ding an, halb und halb beleidigt, mir Vorwürfe zu machen: Wie es komme, meint sie, dass der stolze und gar so fremdtuerische Herr sich endlich herunterbegebe, mit ihr ein Wörtlein zu reden, und habe sie bis jetzt doch keines Blickes oder Grußes gewürdigt – und seien doch früher Jugendfreunde gewesen und so weiter.

Betroffen und in Zweifel schaute ich ihr ins Gesicht, die Züge heimelten mich an und es dämmerte mir wie aus frühster Jugend eine Ähnlichkeit und Bekanntschaft entgegen. Philippine? Fragte ich erfreut, – und erkenne jetzt erst die Tochter eines ehemaligen Hausmannes von unserem Hof. Diese Familie hatte nämlich, wie ich eigentlich schon früher hätte erzählen sollen, in der sogenannten Hoherberghütte im Zins gewohnt. Der Vater betrieb notdürftig die Schildmalerei und etwas Feldbau, seine beiden Töchter aber waren als Kinder meine Gespielinnen, doch weil ich, wie gesagt, selten oder nie mehr die Gegend betreten hatte, so waren mir die Mädel ganz gut aus dem Gesicht entwachsen, und nur später hörte ich zuweilen, die Eine hätte sich als Schildmalerin trefflich hervorgetan.

Verzeih mir, Philippine, sagte ich, wenn ich dich jetzt erst grüße, es ist allerdings schon eine schöne Zeit her, seit wir als Kinder am Hoherg zusammen hüteten, oder am Salenfels uns Hütten bauten, oder Heidelbeeren gewannen. –

Oder, fiel sie ein, durch die Wiesen wandelten am Siefenbach, oder im Beringtobel, wo wir aus rosenroten Engelsblümlein den Geisen Kränze um die Hörner flochten, um eure gute Mutter zu erfreuen, die uns beim Nachhausekommen jedesmal mit Butter- oder Honigbrot belohnte. – O, ich habe Euch auf den ersten Blick wieder erkannt, und so auch meine Schwester Martha, aber ich meinte, setzt sie treuherzig bei, Ihr wollt uns nimmer kennen; und das tät mir weh. Vorhin seid ihr beim Tanz neben mir im Rheihen gestanden mit des Scheunenwirts Tochter von Rudenberg.

Ich entschuldigte mich abermals, und redete er mit vielen freundlichen Worten zu, meines ungeschickten Benehmens wegen doch ja nicht bös auf mich zu sein. – Es war mir wahrhaftig nicht anders, als hätte ich großes Unrecht begangen, und um Alles in der Welt wollte ich nicht, dass sie mir zürnen sollte.

Die Sonne war am Untergehen, für mich aber ging sie auf; denn mein Glück und mein Stern sah ich von nun an in den Augen der schönen Jugendgespielin, die auch ihrerseits mir so herzlich zugetan war. Es brauchte wenig, und das Mädchen folgte mir zum Tanz. Eben warf die Sonne ihren letzten Schein durch die offene Einfahrt in die Scheurentenn, wo der Tanzplatz war, der mir mit diesem Augenblick herrlicher vorkam, als der kostbarste Saal. – So ist die Jugend, Freund; ein alter staubiger Heuboden kann ihr zum Wunderpalast werden.

Nachdem die Tour zu Ende war, stellte mich meine Tänzerin ihrer Schwester Martha vor, die an der Hand eines jungen Menschen auf uns zukam. Wir grüßten einander als alte Bekannte; ihr Begleiter aber, den ich anfänglich für den Freiwerber der Martha hielt, sah sauer drein, und als ich ihn näher ins Aug faßte, erkannte ich einen Sohn jener Familie in ihm, die uns durch den Prozess um Haus und Hof gebracht hatte. Ich schrieb sein kühles Benehmen diesem Verhältnisse zu, obwohl wir beide Beide uns eigentlich im Leben nie etwas zuleide getan hatten; doch bald nachher mußte ich erfahren, dass noch etwas anderes dahinter steckte.

Vom Tanzboden waren wir in das untere Wirtschaftslokal gegangen. Ich hatte dem Mädel den Vorschlag gemacht, ihren Platz draußen in der kühlen Abendluft aufzugeben und bei mir am Hochzeitstisch sich niederzulassen. Im Hauseingang, durch den wir gehen mußten, hatte ich eine alte Weibsperson mit einem kleinen Lottospiel etabliert. Auf dem Tischlein stand das Glücksrad und daneben sah man appetitliche Lebkuchen als lockende Gewinnste aufgeschichtet.

Allons, junger Herr, ruft uns die Alte zu, versuchen Sie auch einmal Ihr Glück der lieben Liebsten zu Gefallen! Wir schauen einander an und lachten, „der Liebsten zu Gefallen“, das Wort hatte mir höchst angenehm geklungen, und ich trete an das Tischlein, meinen Einsatz zu machen. – Das Glücksrädlein drehte sich – steht still; Die Alte ruft die Nummer, und richtig – ich habe gewonnen. – Ein ansehnlicher Lebkuchen in Form eines Herzens wird meiner Kleinen gereicht. – Ihre Augen sagen mir freundlichen Dank, und halb aneinander gelehnt, lesen wir zusammen das Verslein, welches auf einem Papierstreifen in der Mitte des Herzens aufgeklebt ist; es hieß so:

Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur etwas wankelmüthig
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treugesinnten Herzen gültig.
Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz nicht den Mund.“

Während wir nun einander das Sprüchlein vorlesen und jeder sein Teil dazu denkt, entspinnt sich am Spieltisch ein Streit. – Der Gewinnst gehört mein, sagt eine Stimme hinter uns, da, die Kugel liegt auf meiner Nummer!

Es war der junge Mann, Mata’s Tänzer, welcher auch gesetzt hatte und also Einsprache machte. – Alles schaute natürlich auf das Lottorädlein; die Glückskugel lag wirklich zweifelhaft auf der Grenze zwischen seiner und meiner Nummer. – Der Gewinnst wär‘ also mein gewesen, sagte der junge Bursche zur Philippine; die aber legt mit den Worten: Potz Dunder, ich gebe’s ja her! die Glücksgrab erzürnt und truzlich wieder auf den Tisch.

Valentin, so hieß nämlich der Störenfried, mochte einlenken und beschwichtigen wie er wollte, das Mädchen blieb dabei, und zog mich hinweg gegen die Stube, wo wir uns am Hochzeitstisch setzen. Bald nachher kam auch Martha, die Schwester, die, wie es schien, über das Benehmen des Jüngeren am Spieltisch etwas ungehalten war, und ihre Vorstellungen machen wollte, aber umsonst. Die Kleine glaubte in ihrem Recht zu sein.

Wir beide aber hatten den Vorfall halb vergessen, denn wir wußten uns ja so vieles zu erzählen und aus vergangenen Zeiten nachzuholen, dass wir uns nur wenig um andere kümmern konnten. Das Mädel erzählte von ihrem Vaters Tod, und wie es anfänglich bei ihnen so schmal hergegangen sei, wie sie aber später durch die Schildmalerei und den wenigen Feldanbau sich doch ziemlich herausgeschwungen hätten und zu einem gefreuten Hauswesen gekommen wären. – Natürlich dass auch ich meine Historie seit dem Wegzug vom Hohberghof ausführlich mitteilen mußte. – Die Lichter waren unterdessen angezündet worden, und wir saßen noch lange Hand in Hand, ohne viel auf die Wirtschaft um uns herum zu achten.

Während wir so seelenvergnügt beisammen saßen, kommt die Alte vom Spieltisch zu uns herein und bringt den liegengebliebenen Kuchen, wahrscheinlich eines guten Gläsleins oder Trinkgelds wegen, das sie von mir zu erhalten hoffte. Sie reichte mir die Süßigkeit mit der Versicherung, dass der Preis von Gott und Rechtswegen mir gehöre, und sie sich ein Gewissen daraus machen würde, einen so raisonnablen jungen Menschen um sein Geld zu betrügen u.s.w. Ich spendierte der Alten großmütig ein Trinkgeld, denn ich war in einer Laune, dass ich ein Königreich verschenkt hätte, wenn mir eines zur Verfügung gestanden wäre.

Mit großer Inbrunst lasen wir dann das Verslein wieder, und erachteten das, was es sagte, als ein Evangelium. – Denn so ist der Mensch, Freund, er knüpft seine Hoffnung an einen Strohhalm, wenn es seinen Wünschen schmeichelt. – Aber unser Glück war nur von kurzer Dauer; der Abend roth, – der Morgen grau, hieß es da.

Der Wein hatte mir die Zunge gelöst, und nicht undeutlich gab ich zuletzt dem herzigen Kinde zu verstehen, dass ich vorhätte, in der Heimat mich zu etablieren und an der Seite eines lieben Weiblein so recht glückselige Tage zu erleben hoffe. – Natürlich, dass ich sie dabei gar zärtlich anblickte und ihr die Hand drückte, wie es für einen Liebhaber schicklich ist. Ja, wir wußten uns alles schon so hübsch und nett auszumalen, dass nach unserem Dafürhalten nichts mehr fehle als ein Geistlicher, der uns folglich zusammengegeben und eingesegnet hätte.

Wohl hatte ich bemerkt, wie Valentin sich uns gegenüber gesetzt hatte und von Zeit zu Zeit finsterere Blicke nach uns schoß. Offenbar ärgerte ihn die Zuthunlichkeit des Mädchens gegen mich, und er saß da, als hätt‘ ihm Einer mit Gift vergeben; und wenn die Gesellschaft einmal kameradschaftlich anstieß, merkte ich wohl, dass er mich mit seinem Glas absichtlich zu meiden bestrebte. – Holla, denke ich, dem bist du am End ins Gäu gerathen! Und als ich bei dem Mädel seinetwegen anklopfte, kann ich wohl merken, dass ich auf der rechten Spur bin. – Ei Nu, denke ich, dem Einen lieb, dem Anderen leid, das ist der Liebe Gewohnheit, und such‘ mir die Bedenklichkeit aus dem Kopf zu schlagen. Das ganze Wesen des Mädchens hatte mich halt schon so sehr eingenommen, dass ich an eine Trennung von ihr nur mit Schrecken denken konnte. Es wollte mir scheinen, als habe uns der gütige Himmel nicht ohne Zweck zusammengeführt und die Hoffnung uns in dem Sprüchlein am Glücksrad eine Bürgschaft geben wollen.

Die Feierabendstunde war herangekommen; schon längst hatten sich die Brautleute entfernt und auch die beiden Schwestern trieben alsgemach zum Aufbruch. Ein alter Vetter, mit dem sie hergekommen waren, stellte sich ein, um sie nach Hause zu begleiten. Ich hörte aber erst später, dass eigentlich Valentin die Mädchen hergeführt habe, und dass der junge Mensch ein Freund ihres Hauses sei, und allgemein als Bewerber um die Jüngere gelte, was ich übrigens schon selbigen Abend hatte merken können. Man schien auch wirklich auf ihn warten zu wollen, wenigstens fragte Martha mehrere Male verlegen nach ihm, ich aber hatte meiner Kleinen schon resolut den Arm gegeben, und schritt mit ihr hinaus in die schwüle Sommernacht.

Ich war der glücklichste Mensch unter den Sternen und hätte gewünscht, der Weg bis zum Hause des Mädchens möchte ein zehnmal längerer sein. Was ich ihr vorher nur verblümt gesagt hatte, wiederholte ich jetzt, dass nämlich nur sie meine Herzkönigin und dereinstige Weib sein solle, und als wir in diesem Gedanken fröhlich dahin wandelten, schießt ein Stern am Nachthimmel, für uns ein günstiges Zeichen, nach dem alten Glauben, das Dasjenige, was man denkt und wünscht in dem Augenblick, wo ein Stern am Himmel schießt, in Erfüllung gehen werde. – Wahrhaftig für uns hing der Himmel nicht nur voller Sterne, sondern voll Geigen.

Schweigsam folgte die Martha mit dem alten Vetter hinter uns drein. Wie wir nur in den Wald gegen die Kohlscheuer kommen, steht ein Mensch mitten im Weg, scheinbar als wolle er auf uns warten. – Es war Niemand anders als der Valentin.

Mord, Schwernot, wie kochte es in dem, als er mich mit dem Mädel am Arm daherschreiten sah. Denn zu seiner Eifersucht hin hatte er dem Wein etwas zu stark zugesetzt, und auch ich hatte das Adlerwirts Zwölfer keineswegs geschont; er aus Verdruss, ich aus Fröhlichkeit und guter Laune, wie denn Liebe und Nacht zu solcher Stimmung Veranlassung gaben. Da braucht es nur ein Fünklein und der Brand kam zum Ausbruch.

Es ist mir jedoch von allem nur so viel noch erinnerlich, dass Valentin, der Philippine spitzige, beleidigende Reden hinwarf: – sie sei auch eine von Denen, welche an allen Brünnlein trinken, und dieses und jenes. Und wie Stein und Stahl beim Aufeinandertreffen Feuer geben, also ging’s los zwischen uns Beiden. Denn ich merkte wohl, dass ich allein die Ursache war, warum er dem Mädchen solche Reden gab, daher ich mich auch trutzig vor den Riss stellte und dem unhöflichen Angreifer tüchtig auftrumpfte. – Die beiden Mädchen aber legten sich in’s Mittel und bitten und beten an uns herum, aber da wollte nichts batten: Wir kamen immer gehässiger aneinander, und wären einander sicherlich noch in die Haare geraten, wenn nicht endlich die Mädchen, Philippine mich, die Anderen den Valentin, am Arme genommen und auseinander gebracht hätten. Doch riefen wir uns beim Abschied noch trotzig diese Herausforderung zu, dass wir uns später noch finden würden!

Valentin hatte sich in großer Erbosung davon gemacht, und ich zog mit den beiden Schwestern wieder fürbass (der alte Vetter, und Begleiter, der sich wenig um den Streit der jungen Narren kümmerte, war unterdessen weit voraus geschritten). – Mich aber hatte der Handel so in Harnisch gebracht, dass ich hoch und theuer verschwor, dem Valentin, wo ich ihn auch finden würde, den Garaus zu machen. Natürlich, dass die Schwestern sich alle Mühe gaben zu besänftigen und mich zur Raison zu bringen; und als wir bei ihrem Hause angelangt waren, ich aber durchaus nicht eintreten wollte, mußte ich der Kleinen feierlich in die Hand hinein versprechen, ihr zu lieb alles Zusammentreffen mit dem Valentin zu meiden, und in Frieden mich auf dem Heimweg zu begeben.

Wir sagten uns gute Nacht und schieden; aber ich bemerkte wohl, dass sie, statt in’s Haus hinein zu gehen, noch eine Weile an der Türe stehen blieben und schauten, ob ich auch wirklich den Weg nach Hause einschlage.

Ich ging allerdings anfänglich in jener Richtung, als ich ihnen aber aus dem Gesichte war, und mir der Handel erst recht wurmte, machte ich linksum gegen den Wald, über das Bächlein, um das Haus zu umgehen und oberhalb an demselben wieder die Straße zu gewinnen.

Was ich wollte geschah. Bei dem alten Feldkreuz, wo es gegen das Höchst zugeht, kommt Jemand langsam des Weges daher. Der halbe Mond lugte trübselig und blass aus dem Nebel, der über den Bergen hing. Das Herz klopfte mir hörbar, und ich zitterte vor Ingrimm und Verlangen, mich an dem Beleidiger zu rächen. Ein böser Geist gab mir zur Eifersucht noch den Gedanken ein, ich hätte es mit dem Sohne Desjenigen zu tun, der uns aus um Haus und Hof vertrieben habe.

Valentin drang zuerst auf mich ein, und zwar so gewalttätig, dass ich in den Straßengraben gestolpert wäre, hätte ich nicht an einem dornigen Hagebuttenstock am Weg einen Halt gefunden; da ich aber der Stärkere war, und Wein, Zorn und Alles durcheinander auch das Ihrige taten, so hatte ich meinen Gegner nach kurzem Ringen unter mir. – Jetzt aber ging erst der Tanz los.- Der Valentin, voll Wut, raffte sich wieder auf, greift nach seinem Messer und flunckert mir damit bösartig vor der Nas‘ herum; ein braver Kerl, denke ich, wehrt sich seiner Haut, und im Hu küsst er zum zweiten Mal den Boden; – stöhnt aber und keucht wie Einer, der am Abschnappen ist. – Jesus, Maria! – über meiner Hand läuft’s warm wie Blut. – Einen Augenblick stehe ich wie versteinert. – Dann will ich dem Blessierten helfen sich aufzurichten; aber im nämlichen Moment höre ich Stimmen hinter mir auf der Straße. Es waren heimkehrende Hochzeitsgäste, welche der laute Wortwechsel und Streit aufmerksam gemacht haben mußte, und aus der nahen Sägemühle kommt Einer mit ’ner Laterne gestolpert, und fragt, was es gebe?

In großer Angst, und ohne dass ich weiß, was ich will, springe ich über den Graben durch die Wissen gegen den Wald. Da stehe ich still und schaue auf den Kampfplatz herüber, wo mehrere Leute um den Gefallenen sich beschäftigen. – Es war mir sogar, als sehe ich die Uniform eines Gardisten; wahrlich kam der Mann auch vom Wirtshaus her. – Ich stiere dem Trupp nach, bis Alles mit dem Licht in der Nacht und Nebel verschwunden ist.

Es schien mir Alles nur ein Traum, und doch war ich vollständig nüchtern geworden, denn Weindunst und Zorn hatte einer unsäglichen Angst Platz gemacht, und es kam mir vor, als wäre ich ein zweiter Kain mit blutigen Händen. In Verwirrung lief ich waldeinwärts. – Der Mond war eben betrübt untergegangen und die Nacht stockfinster geworden. – Nur eins war mir im Augenblick klar, dass ich fliehen und das Land meiden müsse. – Es schwebte mir etwas vor, wie ein hochnotpeinliches Gericht mit Turm und langer Untersuchung, und hintennach vielleicht gar noch Schlimmeres. – Und wenn ich an meine alte Mutter daheim und an Philippine dachte, mich aber als Sträfling ihnen gegenüber, – so ging es mir siedend heiß auf, und ich glaubte, die Knie wollen mir einsinken. – Ich beschloß vorerst über den Rhein ins Elsass zu gehen, und dort abzuwarten, was das Schicksal weiter über mich verhängen würde.- In der Richtung gegen das Breisgau lief ich also fort, bergauf, bergab.

Ein dicker Nebel, der über die Berge zog, hinderte alle Aussicht, so dass ich mich in der Gegend unmöglich zurechtfinden konnte. Der Morgen dämmerte bereits ermüdend, und von dem Tau in dem hohen Waldgras ganz durchnäßt, setzte ich mich auf einen umgeworfen Baumstamm, um zu überlegen, was weiter geschehen sollte. Die Morgenluft hatte mich vollends nüchtern gemacht, aber zugleich auch alle heroischen Entschließungen, mit dem ich das Schicksal Trotz bieten wollte, und mein Merkliches herabgestimmt, und eine katzenjämmerliche Stimmung wandelte mich an. – Wie schnell doch der Mensch in ein Labyrinth und Umstände verwickelt ist, dachte ich, von höchstem Glück herabgestürzt in Not. – Lange saß ich so da, den Kopf in die Hand gestützt wie der blessierte Grenadier bei Waterloo; – endlich tönte ein Betglöckleib aus dem ungewissen Nebelmeer. Ich glaubte, die Stimme eines menschlichen Wesens zu hören, und betete in der Stille ein Paar Vaterunser mehr für den unglücklichen Valentin, als für mich.

Endlich raffte ich mich auf; ich wusste jetzt, wo ich an der Zeit sei, und dass es Morgens 4:00 früh sein müsse. Ein Paar Büchsenschüss weit und ich sah Waldau vor mir liegen. An einem Brünnlein vor einem großen Bauernhof wusch ich mir das Gesicht und die Hände und schlug dann einen Weg gegen den hohlen Graben ein.

Links vom Wirtshaus geht es, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, nach St. Märgen, rechts über den Thurner nach Freiburg. Ich wählte den letzteren Weg.

Die Sonne war unterdessen allgemach in die Höhe gerückt. Ich verwünschte aber tausendmal den hellen Tag und seinen Strahl, und blickte hie und da zurück, ob mich Niemand verfolge; und als ich einmal in der Ferne einen Reiter näher kommen sah, sprang ich schnell von der Straße ins nahe Holz und ließ den Kerl vorbei traben. Aber selbst das Rascheln des Laubes, das Sausen der hohen Tannen erschreckte mich.

Oft schon hatte ich mir früher gedacht, wie es wohl einem Malefikanten, dem das Urteil gesprochen ist, zu Mut sein möchte – jetzt hatte ich einen Vorgeschmack davon. – Die nächtliche Unglücksgeschichte stand wie ein blutiger Grenzpfahl in mein Leben. Ich sah jetzt erst, wie sorglos und glücklich ich bis dahin gelebt hatte, und meine Gedanken führten mich unwillkürlich zurück in die Kindheit zu jenem Tage am Hohberg und Siefenbach zu der lieben Jugendgespielin. – Was mußte das Mädchen nun von mir denken! Am Ende konnte es sich auch noch in die unselige Geschichte mit hineingezogen werden. – Mußte ihr mein Verschwinden nicht auffallen und ganz zweideutig vorkommen? – und wenn ich mir den Kummer der Meinigen, das Leid mit meiner alten Mutter vorstellte, so fing ich beinahe an, meine übereilte Flucht zu verwünschen.

Dann zog ich auch wieder alle Einzelheiten des Unfalls umständlich durch den Kopf. – War nicht Valentin der Angreifer, und der, welcher das Messer gezogen? Offenbar hatte er im Fallen sich selbst verwundet; freilich mußte ich mich nicht beschuldigen, dass ich es war, der ihn aufgesucht und ihm so zu sagen aufgepaßt hatte. – Grund genug, mich vor Gericht schwer zu gravieren, – und wenn er vielleicht gar an der Blessur gestorben wäre?

Kurzum, je weiter ich kam, desto unschlüssiger wurde ich. – Mein Stolz und mein Ehrgefühl sträubte sich gegen diese verzagte Ausreißerei, die mir allgemach unmännlich vorkommen wollte. – Im Grunde genommen aber war es Philippine, die mir keine Ruhe ließ und mich heimwärts zerrte: und doch hatte ich nicht Courage genug „rechts umkehrt“ zu machen – Mittag mußte vorüber sein, das konnte ich am Stand der Sonne und der Stille im Felde vernehmen. – Aus dem wolkenlosen Himmelszelt schaute die Sonne heiß und brandig in die tiefgeschnittenen Täler des Spirzen, über denen ich wanderte.

Ich hatte einen Augenblick Halt gemacht, um zu überlegen. – Wollte ich denn wie ein Narr weiter rennen? – Gedankenvoll lug ich in die blaue Luft; ein majestätischer Weih kreist eben langsam über den nahen Bergwald, den ich von meinem Standort aus übersehen konnte. – Da kommt mir ein wunderlicher Gedanke: – Laßt er sich nieder, sagte ich zu mir selbst, so soll es mir ein Zeichen sein, wiederum heimzukehren; fliegt er in’s Weite, so will auch ich weiter zieh’n, fremd in die fremde Welt.

In immer engeren Bogen schwebte der Vogel über die Tannenwipfel – tiefer und tiefer sinkt er herab, – und schon glaub‘ ich gewonnen zu haben, als er plötzlich wie erschreckt emporflattert und seinen Flug über Berge und Tal nimmt, bis er meinen Augen entschwindet, gegen das Breisgau und den Rhein hin. – Eine Weile schau‘ ich ihm nach, das leere Blau, dann sage ich zu mir selbst: Larifari -was frag‘ ich nach Allem – und wenn sich die ganze Zeit gegen mich verschwört und der Teufel dazu, so kehr‘ ich jetzt doch um!

Gesagt, getan. – Mein Plan war zuerst, die Meinigen im elterlichen Haus aufzusuchen, um zu hören, wie die Sachen stünden, dann beim Amt mich zu stellen und auf Untersuchung zu dringen. Ich wollte abgelegene Wege einschlagen, auf dass ich nicht etwa den Gardisten in die Hände rannte, denn meine Siftierung sollte als freiwilliger Entschluss gelten. – Die Landstraße mußte daher gemieden und entlegene Fußwege eingeschlagen werden.

Die Fenster am Wirtshaus auf dem Turner funkelten schon im Abendgold, als ich links an den Schweighöfen vorbei wieder auf die Straße kam, wo ich am Morgen hergekommen war. Unbeschrieben lief ich über die Höh‘ bei Waldau und erreichte glücklich das Schwärzenbachtal. – Es war bereits Nacht; die Anstrengung und die Hitze hatten mich abgemattet, und zudem hatte ich den ganzen Tag über noch nichts gegessen.

Ohne eigentlichen Weg schweifte ich über Halden, durch Wiesen und Wälder. Eine kühle Nachtluft schnaufte über die Berge, und ich sehnte mich nach einem Plätzlein, wo ich eine Stunde liegen und ruhen konnte; denn nach meiner Berechnung mußte ich immer noch vor Tagtdas elterliche Haus erreichen.

Unverhofft stand ich vor dem Hohberghof, meiner alten Heimat. – Eh‘ ich aber weiter erzähle, was mir in dem alten Gebäude zugestoßen, muss ich einiges Andere voranschicken. Als mein Vater selig gezwungen worden, das Haus zu verkaufen, hatte es zwei Brüder an sich gebracht, die es gemeinschaftlich bezogen und bewohnten. Aber es ruhte einmal kein Segen auf dem Haus. Denn nicht lange, so gerieten die beiden in Zerwürfnis und Unfried, und zwar von wegen der Reparaturen ihrer gemeinschaftlichen Behausung. Viele Jahre vorher hatte mein Vater, in der Voraussicht, den Hof verkaufen zu müssen, wenig oder nichts mehr auf die Instandhaltung des Gebäude verwendet, und so war es gekommen, dass es ziemlich verwahrlost an den neuen Besitzer gelangte. Einer wollte dem Anderen den größten Teil der Baupflicht aufhalsen, und nach langem Streit fielen sie endlich den Advokaten in die Hände. Unterdessen war die Herberge immer baufälliger, und als einst ein großer Sturm einen Teil des Daches und der hinteren Wand eingerissen, sahen sich die feindlichen Brüder genötigt, auszuziehen. Seitdem stand das Anwesen leer.

Der verwitterte Bau mit seinen vernagelten Türen und Fenstern schaute mich an, als wolle er die Lehre geben, nur Eintracht baue Häuser, die Zwietracht aber reiße sie nieder. Die Tageslichter in der Küche standen offen. – Da, denk‘ ich, könntest du einen Augenblick rasten, ohne dich dem kalten Nachtthau auszusetzen; und obwohl es mir ein wenig schaudrig zu Muth werden wollte, steig ich hinein, tappe im Finstern herum und finde endlich neben dem Herd einen Haufen Stroh und dürres Laub, wahrscheinlich die Liegerstatt von Bettlern oder Hirten, die sich zuweilen hier einquatieren. Mit einem Seufzer warf ich mich auf das Lager, wo der müde Körper die nöthige Ruhe fand, während die Gedanken noch eine Weile herumschweiften und mich wach erhielten.

Hier lag ich nun an derselben Stelle, wo vor Jahren der Vater seinen Fluch ausgesprochen hatte, und über das Haus und alle Einwohner; ich, ein heimatloser Flüchtling, der vielleicht in diesem Augenblick von den Hatschieren gesucht wurde. – Seltsame Gedanken brachen ein in mein Gehirn, und bei jedem leisen Geräusch, das der Nachtwind machte, der durch die alte, verwahrloste Spelunke zog, schreckte ich auf. – Hatte man früher uns Kindern nicht allerlei Geschichten erzählt von Geistern der alten Heiden, die sich zu gewissen Zeiten in dem Haus noch regen sollten? – Und wer ist nicht abergläubisch, Freund, an gewissen Orten und zu gewissen Zeiten? – Bete also ein andächtiges Vaterunser, empfehle mich dem Schutz meines heiligen Namenspatron und drehe mich auf’s andere Ohr. – Soweit war alles Recht, – aber hören Sie, was weiter geschieht. Der Schlaf hatte mich endlich überkommen, da höre ich, es mag so um Mitternacht gewesen sein, einen seltsamen Lärm. – Es hatte mir eben schwer geträumt: Ich sah mich hinaus geführt zum luftigen Hochgericht und hörte die Meister Hämmerlin schon über mir auf die Leiter steigen, – als ich aufwachte. – Wahrhaftig, meinem Kopf, auf dem Herd, stand eine Gestalt. In der Küche ist’s hell, – und ein Kerl im grauen Mantel mit einem Beil in den Händen hantiert oben auf dem rußigen Balken herum. – Ich stoße ein Schrei aus – alle guten Geister loben Gott! – Der Große stiert mich an mit seinen glasigen Augen, dann rumpelt er zusammen; das Laternlein verlöscht, und einige schwere polterige Tritte, die sich entfernen, sind Alles, was ich noch höre. – Darauf ist’s wieder totenstill.

Eine Weile liege ich noch wie angespitzt auf meinem Platz, – dann springe ich auf, schwing mich auf die Fensterbrüstung – und mit einem Satz bin ich im Freien.

So hatt‘ es also doch seine Richtigkeit, denk‘ ich, mit dem Hausgeist. – Nun soll mir noch Einer kommen und mir beweisen wollen, es gäbe nichts dergleichen. – Doch – hatte ich nicht früher oft sragen hören, es stehe Demjenige aus der Familie, dem der Kobold erscheine, ein schweres Unglück bevor? – Ich seufzte unwillkürlich, schnappte nach Luft und schaute hinauf zum stillen Nachthimmel. – O, ihr friedvollen Sterne, rief ich, wohnt auf euch auch so viel Kreuz und Not. Ihr seligen Geister, die ihr droben wandelt, wißt ihr etwas von den armen Menschengeschöpfen da unten auf dem dunklen Erdenball? – o kommt und beschützet mich! – Ich stand still, als sollt ich von oben ein Zeichen, eine Antwort vernehmen. – Aber nur die Nachtluft raschelte in dem Hürsten, und im Tal brauste der Waldbach.

Es ging schon dem Morgen entgegen, als ich in die Gegend von Friedenweiler kam. Das ewige Licht in der Klosterkirche zuckte wie am Erlöschen, und über dem Stationenberg tagte es bereits, und auch die Vögel regten sich schon in den Wäldern. Ich mußte mich sputen, wenn ich noch am Tage heimkommen wollte.

Es gelang mir, unbeachtet das elterliche Haus zu erreichen. – Der Willkomm war ein verstörter. Die Mutter hatte in großer Angst um mich gelebt, die auch bei meiner Rückkehr nicht ganz weichen wollte. – Die Diener der Gerechtigkeit hatten sich, wie ich hörte, wirklich schon nach mir in dem Hause erkundigt; doch dies war nicht noch nicht Alles. – Ich wußte, dass dieser Tage mein Bruder zur Konscription geladen war. – Es war im Jahr zwölf, und sollten dem Napoleon schleunigst Hilfsvölker nach Russland geschickt werden. – Gestern hatte die Ziehung stattgefunden. – Meinem Bruder hatte das Loos getroffen. – Sie können sich dem Jammer der alten Mutter denken; der Sohn, dir einzige Stütze ihres Haushalts, dazu die Kriegszeiten; und ich mit der Aussicht, in langer unehrenhafter Untersuchung herumgezogen und vielleicht gar noch bestraft zu werden. – Einen Augenblick war ich ganz kleinmütig und verzagt; da kam mir plötzlich ein Ausweg- – Seyd getrost, sagte ich, es kann Alles recht werden! und ging hinüber zum Vogt.

Dieser wunderte sich anfangs über den Besuch, denn er glaubte mich über Berg und Tal. Richtig, der nächtliche Schreck war durch selbigen Gardisten, der zufällig des Weges gekommen war, schon zur Anzeige gebracht. – Zu meinem Trost hörte ich jedoch, die Blessur des Valentin sei nicht gefährlich. Aber unangenehme Geschichte, sagte der Vogt, konnte es für mich doch noch absetzen.

Hierauf sagte ich ihm, dass ich, wenn ich einigermaßen tunlich, für meinen Bruder einstehen und Soldat werden wolle, vorausgesetzt, dass die Untersuchung niedergeschlagen werde, und bat ihn, mich zum Amt zu begleiten. – Vorher aber wolle ich noch einmal nach Haus und meinen Leuten die Sach‘ vortragen.

Der Vogt billigte diesen Entschluss. – Die Mutter aber, als sie davon hörte, jammerte auf’s Neue, und auch der Bruder machte Einwendungen; – doch zuletzt mußten sie sich d’rein ergeben, denn mein Entschluss stand fest, es schien mir der einzige ehrenvolle Ausweg, und für die betagte Mutter und unsere Hauswesen die einzige Rettung.

Winterhalder & Hofmeier Uhrenfabrikation

Konrad Kirner war vermutlich ein Vorfahre/Verwandter des damals berühmten Johann Baptist Kirner (1806-1866).

Der Schwager von Lucian Reich, J. Nepomuk Heinemann hatte eine neue Methode zum Abziehen von Litographien erfunden. So wurde auf besonderes Papier gedruckt und dann die Bilder auf Holz abgezogen. Heinemanns Umrißvordrucke zum Abziehen wurden von der Uhrenmacherschule Furtwangen vertrieben.*

Auf dem Ebenemooshof in Schwärzenbach kann man heute Urlaub machen, sich selbst die Gegend anschauen und womöglich noch Geister von Kobolden finden.

Schwarzwaldhochzeit

(…) Da hörte man die Musikklänge
Alles bewegt sich – die ganze Menge
Und betreten den Tanzboden
Treten mitunter auf die Füß und knoten
Die Strümpfe werden oft ganz grau –
Und die Füße oft schwarzblau.
Ordnung halte und anschließe,
Des dät scho manche verdrieße;
Sie schwitze un schlegle in dem Getümmel,
Und glaube doch sie seie im Himmel,
Und sind gar lustig, heiter und froh,
Bei Wäge, Leitere Heu und Stroh. (…)

Der Ahorn wo damals die Hochzeiten gefeiert wurden gibt es heute noch. So steht auf der Seite des Gasthofes:

In einer wissenschaftlichen Untersuchung von entnommenen Holzproben des Hauses wurde die Bauzeit des Hofes in seiner heutigen Grundform auf das Jahr 1455 datiert.

* Die Uhrenmacher des hohen Schwarzwaldes und ihre Werke von Gerd Bender. Verlag Müller 1975

Fortsetzung hier

Wanderblühten – Badener im Russlandfeldzug 1812

Wanderblühten – Das Buch

Windpark Länge, Gasthaus Frank, Bauhof Umbau, Erweiterung Feuerwehr, Kanalbefahrungen, Vergaberichtlinie, Aubachhalle, Spendenbericht, Hüfinger Bote und App

Hier geht es um die Sitzung am 27. März 2025

Unterlagen wie immer hier: https://huefingen-sitzungsdienst.komm.one

Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Technik

– 07/2025- Dem Umbau und der Sanierung eines Zweifamilienhauses mit Errichtung von zwei Gaupen in Hüfingen, Kernstadt wird einstimmig zugestimmt.

– 08/2025- Dem Anbau von einer Außen-Stahltreppe an ein bestehendes Wohnhaus im Hohen II wird auch einstimmig zugestimmt.

– 09/2025- Unterirdischer Löschwassertank für den Windpark Länge

Die solarcomplex GmbH & Co KG beantragen die Errichtung eines unterirdischen Löschwassertanks auf auf Gemarkung Fürstenberg. Eigentümer des Grundstücks ist die Stadt Donaueschingen.

Unterirdischer Löschwasserbevorratungstank mit einem Volumen von 100m³ und mit einem Durchmesser von 2,90m und eine Länge von 16,0m.

Die geplanten sechs neuen Windkraftanlange auf der Länge

Hier gibt es keine Einwendungen und auch der Ortschaft hat einstimmig zugestimmt.

– 10/2025- Der Errichtung von Gaupen im 2. Dachgeschoss eines Wohn- und Geschäftshauses an der Hauptstraße in Hüfingen wird einstimmig zugestimmt.

– 11/2025- Umbau Wohnhaus zu zwei Wohneinheiten

Die Erwerber eines Hauses in der Grabengasse beantragen den Umbau des bestehenden Wohnhauses zu zwei Wohneinheiten. Bei dem Gebäude handelt es sich um ein zweigeschossiges Wohnhaus mit Satteldach aus dem 17. Jahrhundert. In der Denkmalliste des Landesdenkmalamtes ist das Gebäude als „Prüffall“ eingetragen. Der bestehenden Schleppdach-Anbau soll entfernt werden. Als Befreiung von den Festsetzungen des Bebauungsplans muss die Ausführung als Flachdach anstatt eines Steildach mit einer Dachneigung von 45-55° wird einstimmig zugestimmt.

– 12/2025- Dem Neubau eines Einfamilienhauses mit Garage in Behla an der Römerstraße wird auch einstimmig zugestimmt.

– 13/2025- Der Errichtung einer Mehrfachgarage mit 7 Stellplätzen im Dreiangel wird auch einstimmig zugestimmt. Die überplanten Flächen sind bereits versiegelt und werden z.Zt. als Lagerplatz, Stellplätze und Containerstellplätze genutzt.

Öffentliche Gemeinderatssitzung ab 18:30 Uhr

Der Gemeinderat hat beschlossen für 750.000 € das Grundstück vom Gasthaus Frank zu kaufen! Super! Danke!

Frank in Hüfingen ist Geschichte

TOP 4
Umnutzung und Umbau der Lagerfläche im DG des städt. Bauhofes zur Schaffung von Büro- und Sozialräumen, 2. BA – Vergabe der
Planungsleistungen

Der Bauhof soll umgebaut werden.
Hierbei wird die ehemalige Lagerfläche im Dachgeschoß, mit Umkleideräumen, mit Duschen und WC‘s für die Mitarbeiter des Bauhofs, der Stadtwerke, Wasserwerk und neu auch des Forstbetriebes umgebaut. Zusätzlich wird auch ein schwarz-weiß Bereich für den Kanalreiniger geschaffen.
Der Forstbetrieb erhält im Erdgeschoss des Gebäudes eine Werkstatt zur Wartung der Gerätschaften, da die Forsthütte auf Loretto zukünftig entfallen wird. Der neue Sozialraum wird künftig groß genug für die gesamte Belegschaft sein. Um zukünftig auch weibliches Personal im Bauhof einstellen zu können, erhalten die Damen einen eigenen Dusch- und Umkleidebereich. Die Planungsleistungen werden 47.762,32 € kosten und es soll der übliche Architekt beauftragt werden.

Der Gemeinderat lässt sich erklären warum die Planungsleistungen so teuer sein sollen und wurde anscheinend vom Bauamtsleiter überzeugt. Der Gemeinderat hat dann einstimmig zugestimmt.

TOP 5
Erweiterung FGH Hüfingen – Vergabe von Erd- und Rohbauarbeiten

Die Submission zur Vergabe Erweiterung Feuerwehrgerätehaus fand am 06.03.2025 statt. Bei der öffentlichen Ausschreibung haben sechzehn Firmen die Angebotsunterlagen angefordert, insgesamt sieben Firmen haben ein Angebot abgegeben.


Nach der Nachberechnung und fachtechnischen Überprüfung durch ein Ingenieurbüro ergab sich eine Bieterreihenfolge. Das wirtschaftlichste Angebot kam von einer Firma aus Hohentengen mit einer Bruttoangebotssumme 654.015,52 €.

Hier stimmt der Gemeinderat mit einer Enthaltung zu.

TOP 6
LRS Trafostation – Vergabe Lieferung Trafostation und Erdarbeiten

Die Submission zur Vergabe „Neue Stromversorgung Lucian-Reich-Schule“ fand am 07.03.2025 statt. Es wurden zwei Angebote abgegeben. Nach der Nachberechnung und fachtechnischen Überprüfung durch ein Planungsbüro aus Donaueschingen ergab sich, dass eine Firma aus Hüfingen als wirtschaftlichster Bieter mit den Arbeiten für die Trafostation mit Mittelspannungsanlage in Höhe von 333.277,08 € beauftragt werden soll.

Hier stimmt der Gemeinderat einstimmig zu.

TOP 7
Vergabe Umbau barrierefreie Bushaltestellen Hüfingen und Ortsteile

Zur öffentlichen Ausschreibung des barrierefreien Ausbaus der Bushaltestellen wurden sechs Angebote und ein Nebenangebot abgeben. Die Submission zur Vergabe „Barrierefreier Ausbau Bushaltestellen“ fand am 07.03.2025 statt. Nach der Nachberechnung und fachtechnischen Überprüfung durch ein Ingenieurbüro aus Donaueschingen wird ein Angebot von 361.626,59 € brutto ausgewählt. Hier werden 75% über Fördermittel vom Land Baden-Württemberg finanziert, da in jeder Ortschaft mindestens ein barrierefreier Zugang nachgewiesen werden muss. Der von Behla wird verbunden mit der neuen Ortsmitte.

Auch dies wird einstimmig beschlossen.

TOP 8
Vergabe EKVO 2025 Hüfingen 2. Abschnitt

Die Stadt plant die Befahrung der Kanalisation in Hüfingen gemäß der Eigenkontrollverordnung (EKVO). Die Schmutz- und Regenwasserkanäle sollen durch eine Kanaltechnikfirma gereinigt und befahren werden. Die Dokumentation der TV-Befahrung soll in die Kanaldatenbank übernommen und hinsichtlich der Schäden ausgewertet werden.

Bellemer Kanallabyrinth

Es wird Zeit, dass hier mal Pläne angefertigt werden durch die auch jemand durchsteigt. Hoffentlich gibt es dieses Mal auch Männer die kapieren was auf den Plänen steht. Ich freue mich, wenn zukünftig alles Schmutzwasser ins Klärwerk kommt und nicht in unseren Biotopen endet.

Die Verwaltung schlägt den günstigsten Bieter für 55.657,73 € vor. Auch diesem wird einstimmig zugestimmt.

TOP 9
Vergaberichtlinien der Stadt Hüfingen
Antrag der CDU-Fraktion

Gemäß dem Antrag der CDU-Fraktion folgt eine Erläuterung zu den Vergaberichtlinien der Stadt Hüfingen:

Ausschreibungen werden prinzipiell nach der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) und der Vergabe- und Vertragsordnung für Leistungen (VOL) getätigt.

Direktvergabe:
Die Stadt Hüfingen vergibt Aufträge bis zu einer Gesamtsumme von 5.000 € als Direktvergabe.
Hier werden zwischen zwei bis vier Firmen direkt aufgefordert, ein Angebot für die zu vergebende Leistung abzugeben. Die Vergabe der Leistungen erfolgt formfrei, d. h. es bedarf keines vorherigen Vergabeverfahrens und es kann verhandelt werden.
Ab einer Gesamtsumme von 5.000 € werden mindestens 3 Angebote von Firmen eingeholt.

Reparaturvergabe:
Praxisbeispiel: Heizungsausfall im Winter in den Turnhallen.
Ein ortsansässiger, für die Leistung qualifizierter Handwerker kann direkt für die Leistung der Ersatzbeschaffung/Reparaturarbeiten angefragt und beauftragt werden. Die Höhe der Gesamtsumme des Auftrags ist hier nicht von Bedeutung. Dies steht mit den Vergaberichtlinien für Kommunen im Einklang. Es geht darum, bei unvorhersehbaren Ausfällen/Schäden schnellstmöglich handeln zu können.

Beschränkte Ausschreibung:
Die Vergabestelle überlegt im Vorfeld, welche Firmen für die Ausführung der auszuschreibenden Leistungen qualifiziert sind. Dies kann z. B. aufgrund Bekanntheit aus früherer Zusammenarbeit, guter Referenzen, räumlichen Aspekten (Ortsansässigkeit), etc. geschehen. Es handelt sich hier um eine Ausschreibung im nationalen Bereich.

Öffentliche Ausschreibung:
Die Vergabestelle fordert eine unbegrenzte Anzahl von Firmen öffentlich zur Abgabe eines Angebots auf. Hierfür wird ein Leistungsverzeichnis auf der Vergabeplattform „AI Vergabemanager“ eingestellt, auf das berechtigte Unternehmen über die Plattform zugreifen und ein Angebot abgeben können. Die Plattform filtert die Unternehmen bereits vor. Das heißt: Wenn eine Vergabe zu Straßenbauarbeiten geplant ist, haben auch nur Firmen mit Zugang als Straßenbaufirma die Möglichkeit auf Einsichtnahme des
Leistungsverzeichnisses. Für einen Schreiner z. B. ist diese Ausschreibung dann nicht
ersichtlich. Bei der öffentlichen Ausschreibung liegt die Gesamtsumme des Auftrags noch unterhalb des
EU-Schwellenwerts von derzeit 5.538.000 € (ohne USt.) bei öffentlichen Bauaufträgen und
221.000 € (ohne USt.) bei öffentlichen Liefer- und Dienstleistungsaufträgen 1. Es fällt somit
unter das nationale Vergaberecht.

Offene Ausschreibung:
Bei der offenen Ausschreibung wird ebenfalls, wie bei der öffentlichen Ausschreibung, eine unbegrenzte Anzahl an Firmen zur Abgabe eines Angebots aufgefordert. Unterschied ist, dass der EU-Schwellenwert mit der Vergabesumme überschritten wird. So haben Firmen aus dem gesamten EU-Raum die Möglichkeit, das Leistungsverzeichnis herunterzuladen und mit einem Angebot an der Vergabe teilzunehmen.
Laut Vergaberecht und Gemeindeprüfungsanstalt (GPA) ist die öffentliche und offene Ausschreibung bevorzugt zu behandeln, weil hier der Wettbewerb unter den Unternehmen am ehesten erhalten bleibt (unbegrenzte Anzahl an Unternehmen kann teilnehmen). Zudem sorgt das EU-Recht bei der offenen Ausschreibung dafür, dass qualifizierte Unternehmen aus dem gesamten EU-Raum die Möglichkeit auf Teilnahme an der Ausschreibung erhalten.

Der CDU Fraktionssprecher möchte die Richtlinien etwas präzisieren und eigentlich eine Entlastung. Die SPD Fraktionssprecherin und der Sprecher vom Freien Forum wollen das Bauamt nicht mit Vorschriften überlasten, ebenso nicht die LBU. Der CDU Sprecher präzisiert dann nochmal sein Vorhaben. Er möchte nur einen verbindlichen Handlungsrahmen schaffen der dann den Handwerkern bekannt ist. Unser Bürgermeister meint, dass die Vergabe oft schwierig sei, damit sich niemand zurückgesetzt fühlt und alles möglichst transparent zu machen. Das Bauamt und der Bürgermeister hätten fast täglich damit zu tun. Deswegen wird das Thema nochmal in die Fraktionssprechstunde gelegt.

TOP 10
Erwerb und Umrüstung der PV-Anlage auf der Aubachhalle in Mundelfingen

Die Stadt Hüfingen hatte bis zum 31.12.2025 die Dachfläche auf der Aubachhalle an die Solargemeinschaft Mundelfingen GbR verpachtet. Bislang speiste die PV-Anlage der Solargemeinschaft in das Stromnetz der ESB ein.

Die Solargemeinschaft Aubachhalle GbR hat der Stadt Hüfingen angeboten, die PV-Anlage auf der Aubachhalle mit 39,1 kWp zu erwerben. Die PV-Anlage ist nach 20 Jahren vollends abgeschrieben. Die Stadt Hüfingen hat der Solargemeinschaft für die PV-Anlage I mit 39,1 kWp ein Kaufpreis von netto 5.000 € geboten.

Die PV-Anlage I auf der Aubachhalle soll zu einem Kaufpreis von netto 5.000 € von der Solargemeinschaft Mundelfingen GbR erworben werden.

Die Arbeiten für die Umrüstung auf Eigenverbrauch nebst Erwerb eines Stromspeichers mit 13,8 kWh sollen für 16.426,08 € netto vergeben werden.

Dies wird auch einstimmig beschlossen.

TOP 11
Beschluss über die Annahme der Geld- und Sachspenden 2024; Spendenbericht 2024

Den Spendenbericht kann ich hier nicht veröffentlichen, aber es wurden 2024 insgesamt 7.600 € an Spenden eingenommen. Der größte Anteil macht das Sommertheater mit 6.400 € und enttäuschend klein sind die Spenden für die Jugendfeuerwehr. Irgendwie sind unsere Unternehmer hier sehr knausrig. Schade eigentlich für das tolle Projekt.

Die Spenden und Zuweisungen sollen gemäß dem beiliegenden Spendenbericht zur
Kenntnis genommen und angenommen werden. Dem wird auch einstimmig zugestimmt.

TOP 12
Finanzielle Beteiligung von Umlandgemeinden an weiterführenden Schulen – Villingen-Schwenningen, Sanierung Gymnasium Romäusring, Investition Gymnasium am Hoptbühl, Sanierung und Ausbau Sprachheilschule

Nach Furtwangen kommt nun die Stadt Villingen-Schwenningen und will auch die Umlandgemeinden zur finanziellen Beteiligung der Schulbauinvestitionen heranziehen. Dies umfasst das Gymnasium Romäusring mit 2 Schülern, das Gymnasium am Hoptbühl mit 1 Schüler und die Sprachheilschule mit 2 Schülern.

Diese Thema war schon in der Sitzung am 24. Oktober 2024 und in der Sitzung am 20. Februar 2025. Es geht wieder um dieses obsolete VGH-Urteil vom 6. Dezember 2022. Seitens des Gemeindetags gibt es Bestrebungen hier Lösungen zu erarbeiten, allerdings ohne einen ungefähren Zeitrahmen nennen zu können.

Diese Thema ist meiner Meinung nach Teil unseres dysfunktionalen Staates, absolut unnötige Arbeitsbeschaffung und hetzt die Kommunen gegenseitig auf. Vor allem auch angesichts der Tatsache, dass Stuttgart sich selber nicht sonderlich um Gesetze schert, aber die Kommunen sollen es dann, aber auch nur bei bestimmten Themen. Nicht nur beim Lidllager wurde EU Recht gebrochen, ich habe weiteres hier aufgeführt: Fremdverwaltet von oben herab . Gesetzte werden nur dort eingehalten bei denen auch jemand klagen darf und kann.
Stuttgart schaut dem Gemetzel der Gemeinden untereinander tatenlos zu.

Wenn die Gemeinden die Freiwilligkeitsphase ablehnen, dann wird das Verfahren beschleunigt. Also müssen die Gemeinderäte hier mal wieder zustimmen, was sie auch mit einem Stöhnen tun.

TOP 13
Antrag der CDU-Fraktion – Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit

Unten sind nur die Antworten, die ich für wichtig erachte. Wer alle will, möge selbst schauen.

zu 1. Welche (kommunalverbandlichen / gewerblichen) Anbieter gibt es?
Es gibt eine sehr große Auswahl an App-Anbietern aus der freien Wirtschaft. Darüber hinaus wird auch über Komm.One als kommunales Rechenzentrum eine Bürger-App angeboten.
Eine sinnvolle Lösung kann auch der jeweilige Homepage-Anbieter sein, da hier die Inhalte
nur einmal gepflegt werden müssen und sich somit automatisch synchronisieren.

zu 3. Welche Städte und Gemeinden haben bereits eine kommunale App?
Villingen-Schwenningen bietet seit 2016 eine App für die Bürger an, die zum Informieren, Parkplatz suchen, Tickets kaufen, Kita finden usw. ausgelegt ist. Umgesetzt wurde die App vom Anbieter „Make a Smile Media“ aus Villingen-Schwenningen. Mönchweiler nutzt seit 2017 die „City Hub App“ vom Schramberger Unternehmen digital softfolio. Die App hat in ganz Baden-Württemberg die gleiche Oberfläche. Jede Kommune kann ihren persönlichen Auftritt selbst gestalten. Durch die optische und digitale Mängelverwaltung können die Meldungen über Lob und Tadel direkt mit einem Bild (inkl. Standortlieferung über Google Maps) an die Gemeindeverwaltung übersendet werden.
St. Georgen (seit 2020) und Bad Dürrheim (seit 2021) nutzen den „digitalen Dorfplatz“ vom Schweizer Anbieter „Crossiety“, der als App genutzt werden kann. Besonders ist die Kommunikationsmöglichkeit für die Bürger untereinander.
Unterkirnach nutzt eine Bürger-App vom Anbieter „Hirsch & Wölfl“ aus Vellberg. Auch hier sind die informativen Inhalte der Webseite verfügbar.
Furtwangen nutzt seit 2024 eine Park-App zur Bezahlung der Parktickets (Anbieter ist „Parkster GmbH“ aus München).
Donaueschingen bietet seit 2024 die Erlebnis-App „Donaueschingen erleben“ an, die eine interaktive Tour durch Donaueschingen ermöglicht.
Blumberg bietet „Blumberg digital“ als App an, mit der Funktion 3D-Modelle, historisches Film- und Bildmaterial, interaktive Bildergalerien und Animationen anzeigen zu lassen. Zukünftig werden auch aktuelle kommunale Themen wie z.B. Baugebiete ebenfalls bereitgestellt.

zu 7. Wie viele Bürger (in der Kernstadt und je Ortsteil) haben den Hüfinger Boten zum Stichtag 31.12.2024 abonniert?

Hüfingen: 627 Exemplare
Behla: 67 Exemplare
Fürstenberg: 78 Exemplare
Hausen vor Wald: 95 Exemplare
Mundelfingen: 125 Exemplare
Sumpfohren: 38 Exemplare

zu 16. Welche Kosten kämen auf die Stadt Hüfingen bei einer Vollverteilung zu?
Für die Stadt Hüfingen würden nach heutigem Stand folgende Positionen anfallen:
12.100€ Herstellungskosten (48 Ausgaben á 12 Seiten, 3.337 Exemplare)
49.300€ Zustellung über Austräger (Mindestlohn)
3.900€ Verwaltungskosten für die Angestellten Austräger

65.300€/Jahr

zu 17. Gäbe es ein Modell, nachdem der Verlag die Kosten trägt und durch den Anzeigenteil refinanziert?
Eine Finanzierung ausschließlich von Anzeigen ist nicht möglich. Die Kosten können durch Reduzierung des Redaktionellen Umfanges erreicht werden. Ebenfalls können die Kosten bei Verzicht auf die 4-farbigkeit im Innenteil stark reduziert werden. Eine weitere Reduzierung der Kosten ist möglich, wenn der Produktionsverlauf optimiert wird (Anpassung der Abgabe und Freigabe-Zeiten).

Der CDU Fraktionssprecher bedauert, dass sich dann wohl eine kostenlose Vollverteilung ausschließt, da es leider viel zu viel Geld kostet. Die SPD fragt wie wohl eine App angenommen wird, ob man da was weiß. Der Bürgermeister war mit dem Hauptamtsleiter in St. Georgen und konnte sehen wie die App dort ein ganz großer Erfolg ist. Über 7.000 Leute hätten die App und sie würde sehr gut angenommen. St. Georgen hat laut google 8.500 Einwohner. Der Bürgermeister schlägt vor mit dem Hüfinger Boten alles so beizubehalten und parallel eine App zu entwickeln.

TOP 14
Informationen der Verwaltung und Anfragen aus dem Gemeinderat

Es gibt einige neuen Stellenbesetzungen und Hüfingen ist Gewinnerin bei Natur nah dran!

Mete Ünal soll im Namen der Nachbarskinder die Frage stellen, wann man wieder auf dem Spielplatz Bleichewiese spielen darf.

Das Regierungspräsidium hat noch immer nicht geantwortet. Der Bauamtsleiter hat schon 6 x nachgefragt.

Absperrungen am Spielplatz Bleichewiese

Ebenso sei beim RPF Straßenbau niemand zu erreichen wegen der Lärmschutzwand.

Fremdverwaltet von oben herab

Am 20 Mai wird eine Verkehrsschau an der LRS stattfinden.

Präsentation 5000 Jahre Siedlungsgeschichte im Ziegeleschle – Werkstattbericht der Rettungsgrabung

Patrick Haas beim Vortrag


von Rolf Ebnet am 26. April 2025

Am 20. März 2025 wurden in der Hüfinger Stadthalle vor ca 170 interessierten und beeindruckten Zuschauern die Ergebnisse der 17-monatigen Rettungsgrabung präsentiert.
Zuerst möchte ich die nicht nur für mich überraschenden Erkenntnisse wiedergeben.

Die Siedlungsgeschichte bei Hüfingen begann bereits vor mindestens 4500 Jahren und fußte letztendlich in der Gründung der Stadt Hüfingen.

Wie sagte Herr Dr. Jenisch vom Landesdenkmalamt (LDA) in der abschließenden Diskussionsrunde?
„Es ist gut möglich, dass es noch heute einen Hüfinger Bürger geben kann, der die Gene der frühen Bewohner vom Ziegeleschle in sich trägt.“
Wie kommen das LDA zusammen mit den Archäologen der Firma ArchaeoTask zu den Erkenntnissen?
Dazu bedarf es Funde aller Art wie Scherben, Knochen, Skelette, Eisenfunde, Gräber, Brunnen etc. Aus den Funden, aber auch aus den Fundlagen (exakte Positionen, wie und wo die Funde entdeckt wurden) schließt letztendlich der Archäologe auf den Befund, der nun eine rund 2500 Jahre längere Siedlungsgeschichte bei Hüfingen erkennen lässt und bisher so nicht bekannt war.

Während der 17-monatigen Rettungsgrabung wurden auf der rund 1,7 Hektar großen Fläche rund 6.900 archäologische Strukturen, sogenannte Befunde, entdeckt und dokumentiert. Die daraus geborgenen Funde, hauptsächlich Tonscherben von Gefäßen, wurden gereinigt, katalogisiert und hinsichtlich ihrer zeitlichen Einordnung bestimmt. Dadurch lassen sich im Ziegeleschle mehrere Siedlungen verschiedener Zeitstellung nachweisen. Die in einem digitalen Plan kartographierten Befunde zeigen eindeutige dörfliche Strukturen mit Straßen und Wegen, möglicherweise lassen sich sogar einzelne Hofstellen mit Häusern, Werkhütten und Zäunen voneinander abgrenzen. Zur Siedlung gehören darüber hinaus Brunnen, ein Teich und Feuerstellen, dazwischen finden sich einzelne Gräber.

Die erste Besiedlung begann bereits am Ende der Jungsteinzeit, fast 3000 Jahre vor Christus, in der Zeit der Schnurkeramik. Aus dieser Zeit stammt das Grab eines Mannes, der eine Axt und eine Klinge aus Feuerstein bei sich hatte, die in den Zeitraum zwischen 2800 bis 2500 v. Chr. datieren. Einzelne Scherben, Steinartefakte und Gruben zeigen darüber hinaus, dass sich hier eine der selten nachweisbaren Siedlungen der Schnurkeramik befunden haben muss.
Weitere Funde wie eine Vasenkopfnadel und Tonscherben schließen auf eine Nutzung des Areals während der späten Bronzezeit (1300-800 v. Chr.), die vor allem vom Mühlöschle und dem Galgenberg bekannt ist. Auch römische Funde zeigen, dass das Ziegeleschle um die Zeitenwende immer wieder aufgesucht wurde.
Die Hauptphase der Siedlung liegt im Hochmittelalter (1000-1250 n. Chr.), zu der auch die 14 Brunnen und der Teich gehören. Die Menge und Verteilung der Brunnen lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass jede Hofstelle ihren eigenen Brunnen errichten wollte. Ein bisher noch undatiertes und beigabenloses Grab dürfte ebenfalls in diese Zeit fallen.
Einzelne Scherben aus dem Spätmittelalter und Funde aus der Neuzeit (Musketenkugeln, Münzen und eine Maultrommel) belegen, dass das Ziegeleschle auch nach der Aufgabe der Siedlung immer wieder genutzt und aufgesucht wurde, wenn auch nicht mehr in dem Maße wie zuvor.
Das Gewann Ziegeleschle ist durch die vielen unterschiedlichen Funde sicherlich ein Hotspot der südwestdeutschen Besiedlungsgeschichte, die noch nicht zu Ende geschrieben ist. Das Gewann Lorettenacker wurde bisher noch nicht detailliert untersucht und birgt sicherlich noch weitere Funde, die die Geschichte von Hüfingen mit Hilfe der Archäologen weitererzählen werden.

Steinaxt und Silexklinge aus dem Endneolithikum.

Fragment eines Mühlsteines aus dem Hochmittelalter (11./12. Jahrhundert)

Eine Silexklinge wird durch Abschlag aus Feuerstein (Silex) hergestellt.

Bleibt zu wünschen, dass die Funde in Verbindung mit der Hüfinger Geschichte bald in Hüfingen im Stadtmuseum präsentiert werden. Sicherlich sollten in solch einer Ausstellung die früher gemachten Funde, angefangen beim Römerbad, die zukünftige Hüfinger Sammlung ergänzen um die Hüfinger Siedlungsgeschichte ganzheitlich als Dauerausstellung zu präsentieren. In der Diskussionsrunde steht Bürgermeister Haas einer solchen Ausstellung sehr positiv gegenüber, ist sich aber bewusst, dass der Aufwand nicht unterschätzt werden darf. Eine Arbeitsgruppe die sich aus Bürgermeister Haas und ehrenamtlichen Helfern rekrutiert, wäre ein Anfang.

Im Heimatmuseum Niedereschach/Fischbach wurde zusammen mit dem LDA ein Römerzimmer eingerichtet, wo man viele Fundgegenstände aus der Grabung eines Römerbades und römischen Gutshofes (villa rustica) aus dem 2. Jahrhundert besichtigen kann.

Dies als Beispiel, dass die kompletten Ausgrabungen mit Willen und Einsatz der Gemeinde als Dauerausstellung präsentiert werden kann.

Foto: Simon Rottler von ArchaeoTask

Zwetschgensteine

Zwetschgensteine

Liebe Bürgerpostleser,
eine Geschichte, wie sie im Buch stehen könnte. Am Montag Morgen lag dieser liebe Brief in unserem Briefkasten. Im Adressfenster sehen Sie gleich, worum es geht, um Zwetschgensteine, die jemand gelöchert hat, um an den nahrhaften Kerninhalt zu gelangen.


Schauen Sie, wie elegant das aussieht, da war kein Hammer oder Brecheisen am Werk.
Nun, wie kams zu dem Brief? Hildegard Leibl aus Döggingen war zu Besuch bei unseren Nachbarn. Sie erzählte, dass Ihre Schwester Angelika Baumann in Mundelfingen beim Holzholen im zweijährigen Holzstapel massenweise Zwetschgensteine mit Löchern finde.

Foto: Angelika Baumann

Sie sei am Rätseln, von wem die herrührten. Darauf sagte ich zu Hildegard, es wäre toll, wenn ich ein paar dieser Steine untersuchen könnte. Und es dauerte nicht lange, bis der Brief im Briefkasten lag. Das ist doch eine prima Zusammenarbeit. Und nun, wer wars? Ich ließ google lens darüber und es kam Haselmaus als Ergebnis, was mir sehr gefiel. Gott sei Dank schickte ich das Bild an Dr. Hans-Peter Straub, der an der Haselmaus zweifelte. „Die Frassspuren der Haselmaus sind immer kreisrund und auf der Seite der Nuß“.

Bestimmungshilfe vom Österreichischen Bundesforst

Also, es wäre zu schön gewesen mit der Haselmaus. Aber dass Langschwanzmäuse wie die in diesem Fall ziemlich wahrscheinliche Hausmaus solche Löcher auch hinbekommen, ist doch auch etwas Beachtliches.
Bleibt die Frage, wieviele gewußt haben, wer der Zwetschge an den Kern ging. Auf jeden Fall gebührt Hildegard Leibl und Angelika Baumann vielen Dank für die Ermöglichung dieser interessanten Geschichte.

Herzliche Grüße
Franz Maus

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