Wanderblühten – Einungsmeister Konrad Ebner

Konrad Ebner ist verliebt

Acht Jahre nach dem Tod des Vaters beschloss auch der Großvater, der viel Geprüfte Einungsmeister, sein bewegtes Leben. „Fliehe, weltliche Eitelkeit, vertraue dem Höchsten und behalte dein Gewissen lauter zu aller Zeit„, waren die letzte Worte des Sterbenden an seine Enkelin, die jetzt mit ihrer Mutter alleine stand in liebleerer Zeit, die, wie die kalte Luft nach einem Gewitter, den unglückseligen Empörungsjahren gefolgt war.

Am Tage des Begräbnisses war der junge Ebner früh im Trauerhause angelangt. Oft, noch in besseren Tagen, hatte er die Familie besucht; sein verstorbener Vater, ein Blutsverwandter des Einungsmeisters, gehörte entschieden zur sogenannten Tröndlin’schen Partei, deren Geschick er in guten wie bösen Zeiten redlich geteilt hatte. Ohne Worte, im Gefühl des bitteren Leides, hatten die Frauen den Jüngling empfangen. Stumm reichte ihm Katharina, das einzige Töchterlein, die Hand, ihr Gesicht an seinen Arm gelehnt. Es lag in der Gebärde etwas Flehendes, als suche das schwache, hilfsbedürftige Kind Schutz an der Brust des Verwandten und Jugendfreundes. – Ernste Augenblicke, in welchen der Seele alles Kleinliche und Erkünstelte unzulänglich ist, haben meist etwas Großes, und verketten gleichgesinnte Menschen oft unauslöschlicher als die Momente der Lust und Freude.

Der junge Mann fühlte sich sonderbar ergriffen. Nur wenige Worte des Trostes kamen über seine Lippen. – Mehrere Verwandte waren unterdessen erschienen, die Stube füllte sich mit Leidtragenden. In der Kammer stand der Sarg, an welchem betend die Hinterlassenen knieten, umgeben von Frauen in Trauertracht, mit brennenden Wachskerzen in den Händen.

Wie ein Traumbild ging Alles an dem Vetter und Freund vorüber. – Die Glocken erschallten, und der lange Zug setzte sich in Bewegung. Fast mechanisch folgte er der Bahre, welche von acht Einungsmännern getragen wurde. – Wenig blieb ihm von der Leichenrede, und noch weniger beteiligte er sich an dem üblichen Leichenmale. Es trieb ihn hinaus, um mit sich und seinen Gedanken allein zu sein; darum verabschiedete er sich bald, auf ruhigere Zeiten sein Besuche versprechend.

Auf dem Nachhauseritt hatte der Bursche erwünschte Muße, das Erlebte noch einmal an seinem Sinnen vorübergleiten zu lassen. – Wie ein Glasgemälde, von dem Strahl der Sonne getroffen, plötzlich in harmonischen Farben erglüht und in bestimmten Umrissen sein Gegenstand sich erzeigt, also hatte der Blick der Liebe all sein Denken und Wünschen entflammt und zu einem einzigen lichten Bilde gestaltet. Er gedachte der Tage und Stunden, die er früher, in den bewegten Zeiten des Bürgerkrieges mit der schönen Base zusammen gelebt. Aus dem zarten morgendlichen Dunst der Jugend trat ihr Bild lieblich in den Vordergrund der Gegenwart. Seine frühere verwandtschaftliche Gleichgültigkeit gegen das Kind war mit einem Mal, wie durch Zauber, umgewandelt in Liebe gegen die hehre Jungfrau, die in verschönender Glorie des Leides unablässig vor seinen Blicken stand.

Mehrmals war die Kleine während der frühen Unruhen im Ebner’schen Hause untergebracht worden. Einmal mehrere Wochen zur Zeit, als die Salpeterrt sich geweigert, den Franzosen, welche von Konstanz her das Land überschwemmten, Kontribution zu leisten, und der Großvater als Einungsobmann dafür Execution und Einquartierung erhalten hatte. Ein andermal befanden sich Beide auf der Flucht im Hause des Landvogts zu Waldshut, wo die Landkinder in der vornehmeren Umgebung nur um so kameradschaftlicher sich aneinander anschlossen. Auch jenes Tages erinnerte sich der Jüngling, wo er mit seinem Vater, auf die Nachricht von der Misshandlung des Müllers, nach Alpfen gefahren, und mit dem Mädchen und anderen Nachbarskindern in der Kirche des Dorfes beten mußte für den tödlich verwundeten Mann.

Unter solchen Grübeleien hatte er unbewusst den größten Teil des Weges zurückgelegt, vorüber an Wiesen und segenverheißenden Kornfeldern, ja sogar an deneigenen, ohne sie zu beachten; und wenn der Blick des sonst aufmerksamen Landwirts je einmal darüber hinweg schweifte, so sah er nur rote Rosen und blaue Kornblumen, und Schmetterlinge, die sich in den sommerlich heißen Lüften wiegten. – Und in dieser Stimmung haben wir den jungen Mann damals nach Hause kommen und seinem Vetter und Götti den bewußten Besuch abstatten sehen.

Mehr noch als die fragliche Einwilligung der Mutter, die allerdings gewohnt war, in häuslichen Angelegenheiten ein entscheidendes Wort zu sprechen, war dem Hoffenden der Wille, die unerforschte Neigung des Mädchens ein Gegenstand peinlicher Unruhe. Jetzt erst fiel ihm wieder ein, was kürzlich die Base im Gespräch mit der Mutter geäußert: dass nämlich Katharina durch Verwendung der Frau Waldvögtin, einer Freundin der Fürst-Abtissin zu Säckingen, wahrscheinlich im dortigen Kloster Aufnahme finden und den Schleier nehmen werde.

Was er früher nur mit halbem Ohr gehört, fiel ihm jetzt wie ein schwerer Stein aufs Herz. Schon sah er das Mädchen eingekleidet, der Welt für immer Lebewohl sagen; sich selbst aber als armen Adam hinausgestoßen aus dem sehnsüchtig erträumten Paradiese. Tausendfach verwünschte er die Zutuhnlichkeit der Frau Waldvögtin; je mehr er die Sache überlegte, desto mehr drängte es ihn, so bald wie möglich etwas Entscheidendes zu wagen. Vor allen Dingen mußte er über des Mädchens Gesinnung ins Klare kommen; dann erst sollte sein Alliierter, der Götti, geeignete Schritte tun. Ehe jedoch noch irgend etwas geschehen konnte, spielte eine zufällige Begegnung, die Gunst des Augenblickes, freundlich die Vermittlerin.

Konrad Ebner spricht mit seiner Mutter und der Götti vermittelt

Am nächsten Sonntagnachmittag, es war herrliches Wetter und die Luft träumerisch und heiß, sehen wir den jungen Ebner gedankenvoll, wie sich’s für einen Grillenfänger geziemt, am Fenster stehen. – Gilt sein Blick etwa dem Wetter, weil die Ernte bereits in Angriff genommen? Oder schweben seine Gedanken mit den Raben dort, die in Zügen über die Wälder sittichen gegen die Berge Unteralpfens? – Wäre das letztere der Fall, so dürfte das Lied, welches die fröhlichen Bursche hinter seinem Rücken in der Wirtsstube singen, wohl als Text zu seiner augenblicklichen Stimmung gelten.


„Nur dein gedenk ich, bin ich erwacht,
Du bist mein Stern in dunkler Nacht;
Um blauen Himmel seh ich dein Bild,
Beim Sternenschimmer strahlst du mir mild.“

Ehe noch das Lied zu Ende, rasselte eine zweispännige Kutsche heran und hielt vor dem Hause. Der dienstbeflissenen Wirt eilte hinaus, die Gäste zu bewillkommen. Und siehe – es war die gestrenge Frau Waldvögtin mit ihrem Töchterlein – und noch Jemand, dessen Anblick dem Auwartenden am Kutschenschlag überraschend das Blut ins Gesicht trieb – Katharina, die Enkelin des Einungsmeisters. Der höfliche Wirt zieht die grüne, mit Gold und Pelzwerk verbrämte Samtkappe vom Haupte, bückt sich und schlägt den Wagentritt auseinander.

Ob die Mutter zu Hause? Fragt die adlige Dame grüßend mit herablassender Bewegung des Fächers, und steigt, als jener bejaht, gestützt auf den Arm des jungen Mannes, aus dem Wagen, ebenso das hochgetürmte Puderköpfchen mit der Wespentaille, und zuletzt – das schöne Kind vom Lande, welches in seiner gefälteten Jüppe, dem dunklen Goller und schwarzseidenen Plunderkäpplein einen auffallenden Kontrast bildete gegen die modischen Damen der Stadt.

So freudig Konrad anfänglich auch überrascht schien, so schnell verdüsterte sich sein Blick, denn eine bedenkliche Ahnung raubte ihm jedes Wort, was er zum Empfange entbieten gewollte. War es nicht offenbar, dass allein die leidige Klostergeschichte die Damen mit dem Müllerstöchterlein zusammenführt? Er mußte äußerlich freundlich scheinen, während ihm innerlich doch wind und wehe war. Konnte am Ende die Angelegenheit nicht schon weiter gediehen sein, als er nur dachte?

Es kam ihm vor, während er die Frauen ins Haus geleitete, als ginge er hinter seiner eigenen Bahre her, als müsse er sein fröhlich hoffendes Gemüt bereits verwelkt zu Grabe tragen helfen. In steigendem Unmute machte er sich Luft in geheimen Verwünschungen über die vornehme unberufene Unterhändlern und die Fürst-Abtissin zu Säckingen. Und wahrhaftig, ein Glück konnte es genannt werden, dass die Mutter gleich bei der Hand war, die Gäste gebührend zu empfangen, denn der Sohn hätte in diesem Augenblicke, statt unterwürfiger Worte, lieber gleich polternd seinem Ingrimm die Zügel schießen lassen, das sein angezettelte Planwerk zu zerreißen.

Die Herrschaften, wie er hörte, kamen mit der Tat von Alpfen, wo die gnädige Frau im Tröndlin’schen Hause, gegen welches man österreichischer Seits so viele Verbindlichkeiten zu haben glaubte, Beileidsbesuch gemacht, und mit Einwilligung der Witwe-Mutter das Töchterlein auf einige Zeit zur Erholung mit nach der Stadt genommen hatte.

Von früher her war man aber gewohnt, bei Spazierfahrten sein Absteigequartier im befreundeten Hirschenwirtshause in Dogern zu nehmen. Die gnädige Frau, eine berechnende Haushälterin, glaubte gefunden zu haben, dass auf dem Lande alles besser und wohlfeiler zu bekommen sei als in der Stadt, daher sie in der Regel ihren Hausbedarf an Obst, Butter, Leinwand und Anderem durch Vermittlung der gefälligen Wirtin in Dogern bezog; und selbst der gestrenge Herr Waldvogt hatte früher das Ländliche so große Vorliebe, dass er behauptete, dass Waldshuter Brot durchaus nicht essen zu können, weshalb nur solches von Dogwen auf seinen Tisch gebracht werden durfte. Natürlich, dass man für solche schuldige Dienstleistungen die Rechnung oft sehr spät, zuweilen gar nicht abzuverlangen beliebte.

Auch diesmal hatten ähnliche Bedürfnisse die Gnädige ins Haus geführt. Man war durch die Wirtsstube, vorüber an den honneurs-machenden Bauersleuten in das Nebenzimmer geschritten, wo die Gesellschaft sich niedergelassen hatte, um einen kleinen Imbiss einzunehmen.

Während des Mahles setzte die adlige Dame ihren ländlichen Vertrauten gesprächig auseinander, welch große Teilnahme sie und ihr Mann an den Geschichten der Tröndlin’schen Familie nähmen; zumal jetzt, nach dem Hingang des Großvaters, dessen weniges hinterlassenes Vermögen wohl am besten für die Uneigennützigkeit und Amtstreue des vielfach verleumdeten Mannes Zeugnis gebe und wie die sich es jetzt zur Pflicht mache, mit Hilfe ihrer Connexionen für die Zukunft Katharinens, des letzten Sprößlings des einungsmeisterlichen Hauses, Sorge zu tragen u.s.w.

Katharina saß, ohne einen Bissen von dem Frühstück anzurühren, geschämig neben der Frau, die also unschonlich fortfuhr, über die Verhältnisse des elterlichen Hauses zu verhandeln und ihre eigene Mildtätigkeit in den günstigen Licht zu stellen. Konrad, der argwöhnisch jeden Worte gelauscht, schloss funkelnde Blicke nach der Sprecherin. Er glaubte zu wissen, wo das Ganze hinaus wollte, und fühlte sich mächtig versucht, jetzt gleich vor aller Augen sich zum Ritter des verlassenen, arglosen Geschöpfes aufzuwerfen.

Doch bald lenkte die redselige waldvögtische Ehehälfte das Gespräch wieder auf Wirtschaftsgegenstände, und nachdem der Imbiss eingenommen, erhoben sich die Frauen, um, geleitet von der Hausfrau, einen Rundgang durch Küche und Vorratskammer zu machen. Unaufgefordert hatte sich Konrad dem Zuge angeschlossen. – Der Augenblick war kostbar; konnte nicht heute oder morgen schon dem harmlosen Mädchen ein bindendes Wort, ein Versprechen abgerungen werden? Aus dem Hofe, wo man dem Hühnervolk eine flüchtige Beachtung geschenkt hatte, ging es über die breiten Gänge und Stiegen ins obere Stockwerk, wo einige Zimmer ganz neu hergerichtet und aufs schönste möbliert worden waren.

Es war nicht mehr als billig, dass, während die Wirtin zu den vorausschreitenden Damen hielt, Konrad sich der bescheidenen Jugendfreundin beigesellt. Die Mutter, als man die unbewohnten Zimmer betreten und die grüngestrichenen Fensterläden geöffnet hatte, gab nicht undeutlich zu verstehen, dass all diese Herrlichkeiten nur auf die Zeit warteten, wo dereinst (wo möglich recht bald) eine brave Schwiegertochter die bejahrte Mutter im Hauswesen ablösen und die Pflegerin ihres Alters werden sollte: „Denn“, setzte die Sprecherin hinzu „ein so großer Umtrieb ist mit fremden Leuten nicht immer am Besten versorgt, und ich kann halt auch nicht mehr überall nachkommen; will aber Einer, daß’s ihm g’lingt, so lueg er selber nach sein’m Ding, war das Sprichwort meines Mannes selig.!“

Es wird“, bemerkte lächelnd die Frau Waldvögtin, „nur auf Euch ankommen, in diesem Punkte eure Wünsche recht bald erfüllt zu sehen“. – War es ja doch kein Geheimnis mehr, dass der Sohn so gut wie verlobt sei und im Begriffe stehe, dem reichen Fränzle die Hand zu reichen. – Und auch Katharina mochte in diesem Augenblick an die Glückliche denken, die bestimmt war, in diese wohnlichen Räume als waltende Hausfrau eingeführt zu werden. Ihr Begleiter aber stand wie auf Kohlen – sein Bekenntnis schwebte ihm auf den Lippen. – Die Mutter schritt nun mit den Damen ins Nebenzimmer, wo Vorräte von gedörrtem Obst und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen aufbewahrt lagen.

Konrad aber, der zögernd zurückgeblieben war, trat mit seinem Bäschen an ein offenes Fenster, wo auf zierliches Straußbrett ein lieblicher Blumenflor sproßte. – Weiter hinaus sah man über dunkelbelaubte Obstgärten und zwischendurch die sonnig glitzernden Wellen des nahen Rheins. Jetzt mußte ein keckes Wort, eine kühne Werbung versucht werden. – Er ergriff ihre Hand: „Katharina“ – sagte er mit ungewisser Entschlossenheit, „teile mit mir; du siehst, zum Guten fehlt mir noch das Beste -wähle, – sprich ja oder nein“. Er hielt inne und stand vor ihr, wie der Rekrut, im Begriffe die gezogene Nummer zu öffnen. – Das Mädchen schaute ihn verwundert an. – Das war nicht der Ton, nicht die Miene des Schmerzes. – Er aber glaubte in dem schönen feuchten Augen zu lesen, – dass er gewonnen habe; und ihre schüchternen Einwand: ob sie auch wohl im Stande sein werden, alle Ansprüchen einer solchen Familie zu genügen, sagte eben nur, was ihr geliebter Mund verschwieg: dass er glauben und hoffen dürfe.

Doch es war nicht die Zeit zu langen Erörterungen; eben rief die Mutter aus dem Nebengemache, wo der Sohn Auskunft geben solle über die Preise verschiedener Fruchtgattungen.

Hochzeit und Karriere des Konrad Ebner

Mit fröhlichem Mute geleitete der Wirt die Gäste zum Wagen, als er sie vor einer Stunde empfangen hatte. Sein Gesicht schien vergnügter beim Abschied, als es beim Willkommen gewesen; und vermutlich war er jetzt auch gegen die Frau Waldvögtin und gegen die Fürstabtissin zu Säckingen um ein gutes milder gestimmt.

Sein Missmut war wie weggewischt, und in der Freude des Sieges konnte er unmöglich auf halbem Weg stehen bleiben und der Mutter die Sache länger verschweigen; auch war er zu ungeduldig und aufgeregt, um die Vermittlung des bedächtigen Götti abzuwarten. – Noch vor Sonnenuntergang wollte er ins Klare kommen, und keine quälende Ungewissheit mit sich zu Bette nehmen.

Wahrscheinlich war es mehr die Hast und stürmische Art, wie er das Anliegen der Mutter vortrug, als die Sache an sich, was der Frau missfiel und der Widerstand hervorrief. Mit etwas mehr Ruhe und Schmiegsamkeit würde er leicht auch diesen entwaffnet haben, aber heute glich er einen Strom, der beim geringsten Hinderniss aufbraust und überschwillt. -Er drohte, wenn man ihm das Mädchen nicht lassen wolle, Haus und Hof im Stich zu lassen und unter fremden Menschen sein Glück zu suchen.

Schmerzlich überrascht schwieg die Frau, der Sohn aber rannte hinaus ohne Hut, unter den glühenden Abendhimmel, durch Felder und Wiesen an die Gestade des mächtigen Rheins. – Und wie die Wellen zischten und schäumten und am Ufer sich brachen, also legte sich allmählich seine Leidenschaft. – Ruhe und Besonnenheit kehrten wieder, und er glaubte, je mehr er über die Sache nachdachte, zu fühlen, dass er sich übereilt und Unrecht habe.

Unterdessen hatte ein guter Geist den Götti in den Hirschen geführt. Gewöhnlich Sonntagabends pflegte er dort Besuch zu machen. – Wenige Gäste traf er in der Wirtsstube; im Nebenzimmer aber sass die Wirtin, den Kopf in die Hand gestützt, seufzend und in Tränen. – Der Hausfreund stutzt, eine leise Ahnung läßt ihn das Vorgefallene halb erraten, und die abgegriffenen Antworten und Ausrufe, als er gefragt, Was geschehen, geben ihm vollends Gewißheit. Solchen Undank, jammerte die Frau, müsse man mit den eigenen Kindern erleben – man setze die Mutter auf die Seite, und zeige ihr, dass sie unwert sei – kleine Kinder, kleines Kreuz, große Kinder, großes Kreuz – und hierauf wieder eine neue Flut von Tränen.

Also, dachte der Gevatter bei sich selbst, hat Konrad, der Kindskopf, das ganze Spiel verdorben, und meinen fein ausstudierten Plan zu Wasser gemacht. – Doch nach kurzem Überlegen faßte er sich und bedachte, dass jetzt erst sein erstes Vermittlungswerk beginnen müsse.

Frauke Gevatterin“, begann der Familienrat mit Würde, „wenn ich recht berichtet bin, so handelt es sich um den Konrad und das Kätherle; – die Wahl ist, beim rechten Licht betrachtet, so gar weit gefehlt nicht. – Luegt, die Jugend will auf ihre eigene Art leben, also war es auch zu unserer Zeit; und wider die Liebe, das wißt ihr ja wohl, ist kein Kräutle gewachsen. – Das Mädel aber, muss Ein’s sagen wie’s Ander, ist gut und schaffig auferzogen, und zudem aus eurer nächsten Verwandtschaft; und ihr könnt schon um der Freundschaft und Liebe willen, so ihr zu dem tröndlin’schen und österreichischen Namen traget, dem Kätherle nicht abhold sein.- Lueget, der Alte, tröst in Gott, hat’s um euer Haus gar wohl verdient; und was sein Großkind, das Kätherle anbelangt, so denke ich, wird euch das Mädle zu ehren und zu schätzen wissen, und euch, hol‘ es mich, Gott, auf den Händen tragen; – hat auch alle Ursach dazu, und wollt ihm’s nicht anders raten; wer weißt aber ob’s Fränzle — .“

Aber du lieber Gott, gegen das Kätherle hatte ja die Mutter eigentlich nichts einzuwenden. – Das truzliche und ungattige Wesen, womit ihr die Sache als bereits aus- und abgemacht zu wissen getan worden, das war es ja eigentlich, was ihr die Seufzer an Tränen ausgepreßt hatte.

Doch auch dieser letzten Vorbehalt wusste der Freund zu entkräften. An dem ganzen Missverständnis, sagt er, sei er alleine Schuld. Konrad habe ihm die Sache anvertraut und ihn ersucht, ein gutes Wort deshalb bei der Mutter einzulegen, wozu er halt bis jetzt noch keine Gelegenheit gefunden habe wegen der vielen Erntegeschäfte. Wenn sie also partout auf Jemand bös sein wolle, so müsse sie es auf ihn sein, so unlieb ihm’s auch wäre. „Dass aber Unfried und Zank deswegen im Hause obwalten soll“, schloss er, „das kann ich nun und nimmer zugeben, Frau Gevatterin. Der Konrad ist wohl e‘ bissel rasch und hitzig, aber sonst kein bös Fünkle in ihm, und wenn man ihn zu behandeln versteht, die gut‘ Stund selber. – Darum, Frau Bas, die Hand d’rauf: essen und vergessen; alles Andere will ich über mich nehmen und ausfechten.“

Mit also beredetenn Worten wußte der Götti den Unmut der Frau abzulenken und den Boden zu lockern, auf welchem die Ölpflanze des Friedens wieder Wurzel schlagen und grünen konnte.

Und sicherlich wäre denselben Abend noch das Fest der Versöhnung unter den drei Menschen gefeiert worden, wenn Konrad, von seinem Gang an den Rhein zurückkommend, nicht sogleich auf seine Kammer geschlichen wäre, und verstimmt über sein Dareinfahren sich zu Bette gelegt hätte.

Doch der folgende Morgen versöhnte vollends die Herzen, und der Götti, der alsobald herübergekommen, erschien noch zu rechter Zeit, um dem neu aufgerichteten Bunde sein Bravo und Amen sprechen zu können.

So kam es, dass man noch in selbigem im selbigen Jahr ein glückseliges Paar zum Altare treten sah; und weder die Hochzeiter noch die Braut sollen den Schritt je bereut haben, sowie nicht minder die beiden Mütter alle Ursache hatten, mit dieser Wendung der Dinge zufrieden zu sein.

Aber – wird die schöne Leserin fragen, wo bleibt denn die projectierte Klostergeschichte? – Ei nun, diese wird eben nur Projekt gewesen sein, und zwar allein nur im Kopfe der fürsorglichen Frau Waldvögtin und ihrer Freundinnen.

Von dem goldlockigen Fränzle aber weiß ich nicht mehr zu sagen, als dass es noch vor der Hochzeit seines wetterwendischen Liebhabers, um diesen zum Schabernack, den reichsten Bauern der Umgegend, den Untervögtle von Birndorf, geheiratet habe.

Das Hochzeitsfest des jungen Hirschwirts gestaltete sich zum kleinen Volksfeste, an dem viele freundlich Gesinnte von nah und fern Anteil nahmen; und auch das waldvögtische Ehepaar versäumte nicht, den Tag mit seiner Gegenwart zu beehren. Der gestrenge Herr Waldvogt selbst brachte den ersten Trinkspruch aus auf das Wohl des der Neuvermählten und den dauernden Frieden des Landes, und alles griff zu den Gläsern, und die Spielleute machten Tusch. Der Götti aber, welcher das Amt eines Brautführers begleitete, war besonders vergnügt und aufgeräumt, weil er mit Fug und Recht das Ganze für sein Werk und die Frucht seiner diplomatischen Gewandtheit ansehen durfte.

Auf dem Hirschenwirtshause ruhte fortan der Segen einer wohlgeordneten Häuslichkeit. Wie ein Baum aus rauhem Klima, unter mildem Himmel versetzt, freudiger grünt und ausdauernder alles Ungemach erträgt, also nach trüber Jugendzeit die Enkelin des Einungsmeister, die treue dem Treuen zugewendete Gattin und dankbar anhängliche Schwiegertochter. Wohl kamen noch schwierige Zeiten. Der halberloschene Brand bürgerlicher Unruhen zuckte noch einmal empor und drohte allen Besseren Verderben; aber aus den Wirren und Trübnissen, ging von Allen männlich und besonnen Konrad Ebner hervor, der Hirschenwirt in Dogern. Ein Mann des allgemeinen Vertrauens, ward er bald zum Einungsmeister, später sogar zur obersten Würde eines Redmanns auserwählt.

Der Geist des alten Tröndlin schien sich fortgeerbt zu haben auf den würdigen Schwiegersohn. An Kraft, Gesinnung und Sitte den Alten ähnlich, zeigte er sich jedoch keineswegs störrisch oder abhold den Fortschritten und Forderungen der Zeit, und war er da ganz der Mann, welcher das Land zu seinem Frieden und seiner Wohlfahrt von Nöten hatte.

Geschätzt und geachtet von den kaiserlichen Oberbeamten und ihrer Vertrauter, wusste er doch stets seine bürgerliche Selbstständigkeit und die Interessen seines Landes zu wahren. Als einst die Regierung im Lande eine Vermehrung der Steuern zugedacht hatte, berichtete der Redmann freimütig an die Landesstelle, dass er für seine Person dem Kaiser mit Gut und Blut ergeben sei, jedoch aus diesen und jenen Gründen die angekündigte Maßregel als unbillig erachtete, und nicht dafür einstehen könne, wenn seine Hauensteiner unzufrieden und schwierig würden usw.. Die Sache wurde hierauf in nochmalige Berathung gezogen, und man fand sich bewogen, von den Verordnungen Umgang zu nehmen; jedoch keineswegs, wie es in dem Rescripte hieß, der ausgesprochenen Drohung wegen, sintemalen Oesterreich scharfe Bajonette genug besitze, seine Beschlüsse aufrecht zu erhalten, sondern lediglich auf Grund genommener näherer Einsicht.

Ein besonderer Ehrentag war dem redmännischen Hause bei Gelegenheit der Reise, welcher Kaiser Joseph im Jahr 1777 durch seine österreichischen Vorlande machte. Von Freiburg kommend, hatte der Monarch seinen Weg über die Vorburg Hauenstein und Dogern genommen, wo er vor dem Hirschenwirtshause der Redmann und die Einungsmeister in ihrer Amtstracht, und den mittelalterlichen Hellebarden in den Händen, zu seinem Empfange bereit standen. Nachdem der erste Willkomm vorüber, fragte der Kaiser, ob sie keine Beschwerden vorzubringen hätten, und als ihm mit Nein geantwortet wurde, sagte er lächelnd: „Das wundert mich, ihr habt doch sonst immer was zu sagen gehabt!“ Der wohlwollende Fürst beliebte hierauf sein Absteigequartier im Hirschen zu nehmen, in dem stets gut kaiserlich gesinnten Hause. Katharina, die stattliche Wirtin, hatte die Ehre, ihrem Kaiser eigenhändig aufwarten zu dürfen, während ihr Mann den Mundschenk machte.

Anerkennend erinnerte sich der Landesherr auch der Verdienste des Großvaters, dessen Andenken er wohl durch seine Einkehr bei der Enkelin zu ehren gedachte, und schon hatte er sich entschlossen, die Nacht über hier zu verbleiben, als zum Verdruss des Redmanns Abgeordnete von Waldshut kamen, ihre Majestät zu bitten, das Nachtlager innerhalb der Mauern ihrer getreuen Waldstadt nehmen zu wollen, ein Gesuch, welches der gütige Fürst nicht wohl abschlagen konnte. Er ließ sich daher nach der Zeche fragen; aber der galante Wirt und seine Frau versicherten, dass die Ehre, ihren Herrn und Kaiser bewirtet zu haben, der einzige Lohn ihrer schuldigen Dienstleistung sei, und sie bäten nur, so vorliebnehmen zu wollen.

Der hohe Gast lud das ehrenwerte Paar freundlich ein, ihn auch einmal in Wien zu besuchen, und schied, nachdem er zehn Dukaten als Trinkgeld in die Küche geschenkt hatte.

Tod des Redmanns und letzten Einungsmeisters Konrad Ebner

Nach langer glücklicher Ehe trennte endlich der Tod die treuen Gatten. – Der Rebmann starb zu Anfang der 90er Jahre, und 30 Jahre später schied auch die Witwe aus dieser wechselvollen Zeitlichkeit.

Das deutsche Reich ist unterdessen untergegangen und die Grafschaft Hauenstein und das Haus Baden gediehen, unter dessen Zepter manch altes Vorurteil erloschen, und viel Gutes und Übereinstimmung mit den Bruderstämmen gepflanzt und gepflegt worden.

Noch aber erinnern sich Viele mit Anhänglichkeit und Vorliebe des wackeren Redmannes Konrad Ebner, welcher zugleich einer der letzten Einungsmänner des haunsteinischen Waldvolkes war.

Ehe ich das freundliche Dogern verließ, wollte ich dem Wirtshause zum goldenen Greif noch einen flüchtigen Besuch abstatten. Hier in diesem mittelalterlich-gebauten Hauses wurde ehedem die Wahlen der Einungsvorstände durch gemeinsame Mahlzeiten festlich begangen, weshalb man früher an der Außenwand des Gebäudes auf diesen Brauch bezüglich Gemälde sah, welche zechende Unterwältler beim Schmausen versammelt zum Gegenstande hatten. Nachdem aber Konrad Ebner die Redmanns-Würde erlangt hatte, wurden diese Feste in dem Hirschen abgehalten, was der Wirt zum Greif so übel nahm, dass er die Kunstzierden an seinem Hause auslöschen und übertünchen ließ. Doch hat Letzteres in so fern noch einige historische Bedeutung, als in seinem Kellergewölbe bis auf den heutigen Tag das hauenstische Landesarchiv aufbewahrt wird, und mit ihm, wie der Hauensteiner träumt, die kostbaren Dokumente des Grafen Hans und andere vorgebliche Freiheitsbriefe und Urkunden.

Es war schon völlig Nacht und ein schweres Gewitter am Himmel, als ich Waldshut erreichte. Grelle Blitze erleuchteten auf Augenblick die Gassen und Plätze der alten Stadt, und bald rauschte ein heftiger Platzregen hernieder, der auch teilweise noch den folgenden Tag anhielt und dem Fremden wenig Freiheit gestattete, außer dem Hause, sich umher zu treiben.

Die Stadt mit ihren wohlerhaltenen Toren und Mauern hat noch viel mittelalterliches Ansehen, was dem landschaftlichen Bilde sehr vorteilhaft zustatten kommt*. Mein hiesiger Aufenthalt dauerte länger, als ich anfangs im Sinn hatte. Das leidige Wetter machte alles Wandern zur Unmöglichkeit, so den ersten wie den zweiten Tag. – Der Wind peitschte den Regen in Strömen aus den nahen Schweiz über die hochgehenden Wogen des Rheins und die waldigen Höhen des Haspel und Hungerbergs. Der Wanderstab mußte deshalb bei Seite gestellt, und zu einem Fuhrwerke Zuflucht genommen werden.
*Wie viel Erhalungswürdiges wird dagegen nicht da und dort durch städtische wie höhere Verwaltungsbeamte einer verkehrten Verschönerungsflucht und leeren Nutzenjägerei zum Opfer gebracht. Ein Büchlein, wo die Sünden der Art alle verzeichnet wären, müßte eine ebenso unterhaltende, als übel erbauliche Lectüre sein.

Vom Rhein Abschied nehmend, ging die Fahrt über Thiengen und Uehlingen aufwärts, die Straße nach Lenzkirch. Die finsteren Tannen schüttelten im kahlen Wehen melancholisch ihre regenschweren Häupter und verliehen der öden Berggegend noch trübseliger Ausdruck. Einige vierspännige Züge, welche schwere Baumstämme hinunter an den Rhein schleppten, waren fast das einzige Lebendige, was dem Reisenden und seinem einsilbigen Wagenlenker auf der Straße begegnete.

Am Posthause zu Lenzkirch, wo ich übernachtete, wollte ich günstigerer Witterung abwarten, allein die Aussichten dazu wurden immer schlechter, und kaum einmal machte der Regen eine Pause, die ich benützte, um nach Friedenweiler überzusiedeln. Der einsame Titisee, an dem der Weg vorüber führte, spiegelte nur schwarzes Gewölk ab, und weil unser Inneres wie der Spiegel des Sees seine Färbung gerne von der Umgebung annimmt, so war auch die Stimmung des Reisenden nicht die heiterste. Mißmutig und trübsinnig, wie der Titisee traf ich im Klosterwirtshause zu Friedeneeiler ein, wo ich auf mehrere Wochen mich einquartierte.

Hier, in dieser stillen Bucht, wo kaum eine Welle des Unruhesames am Weltenleben sich verliert, verbrachte ich mehrere Wochen. Das anhaltende Regenwetter war ganz geeignet zu beschaulicher Abgeschlossenheit, und nur selten konnten größere Ausflüge in die Umgegend unternommen werden.

Beschränkt auf meine Stube, wendete ich zunächst meine Aufmerksamkeit dem ehemaligen Kloster zu, welches ohne allen baulichen Schmuck meinem Fenster gerade gegenüber lag.

Friedenweiler“, sagt ein fliegendes Blatt, welches mir zufällig in die Hände kam, „ist anno 1123 von Johann Freiherrn von Zimmern, und Abt zu St Georgen, für Benediktinerinn gestiftet worden. Nachdem aber dieses Kloster durch widerwärtige Zeiten ganz abgegangen und ausgestorben, wurde solches von Heinrich Grafen von Fürstenberg wieder auferweckt, und um das Jahr 1570 mit Zisterzienserinnen von Lichtenthal besetzt.“

Eine Legende, welche bildlich dargestellt in der Klosterkirche zu sehen, schreibt die Veranlassung der Gründung folgendem Vorfall zu. Als obengenannter Abt von St. Georgen, so wird erzählt, einst auf einer Jagd verirrt, nächtlicher Weile an die Stelle des Waldes gekommen, wo ein jäher Fels ins Tale sich senkt. (Der jetzige Stationenweg), seien Ross und Mann in die Tiefe gestürzt; der Abt jedoch, durch die Hilfe der heiligen Jungfrau, die er während des Falles angerufen, sei unversehrt am Leben geblieben und habe später aus Dankbarkeit das Kloster gestiftet.

Gegenwärtig sind hierher noch pfarrhörig die Talgemeinden Eisenbach, Schwärzenbach, Langenordbrach und Rudenberg. Alle diese Orte, und viele umliegende, sind heut zu Tage vorzugsweise der Sitz schwarzwäldischer Uhrmacherei. Ganz besonders ist es aber die Schildmalerei (wer kennt nicht die bunt bemalten Zifferblätter der Schwarzwälder Uhren), welche hier betrieben wird, und einem zu Friedenweiler Geborenen sogar ihre Mitbegründung und erste erfolgreiche Ausübung verdankt. Da ich zufällig eine kleine Hauschronik, von diesem Manne verfaßt, zur Hand bekommen und glaube, dass es für Viele nicht ohne Interesse sein dürfte, einen Blick in das Innere einer gewerbstätigen schwarzwälder Haushaltung zu tun, so mögen die wenigen Blätter eine Stelle finden. Vorangestellt diesen eigenhändigen Umrissen finden wir in dem Gedenkbuche eine Schilderung, die wir, als im Zusammenhange mit jener, hier ebenfalls zuerst mitteilen wollen.

Auf dem Bild von Lucian Reich oben ist der Einungsmeister und Müller Josef Tröndlin mit seiner Frau Maria Zimmermännin etwa um 1730 dargestellt.

Der goldene Greif in Dogern existiert heute noch, aber nicht mehr als Gaststätte. Das Hauensteinsche Landesarchiv, wie es Lucian Reich nennt, wird hier als „legendäre Landeslade“ bezeichnet.

Wanderblühten – Die beiden Schwestern

Wanderblühten – Das Buch

Wanderblühten – Die Familie des Einungsmeisters

Einführung über Konrad Ebner

Liebet Friede, legt zu Seiten
Haß und Streiten,
Als den Brunnquell aller Pein.
Werdet nicht hierinnen müde,
Weil zum Friede
Wir von Gott berufen seyn.

Paul Flemming


„Es isch e brave Ma, in alle Stücke biwandert,
u si Frau, Statthalters Blut, mit Tugend bihaftet.“
Johann Peter Hebel

In den fünfziger Jahren des letztverflossenen Jahrhunderts hauste auf dem Wirtshaus zum goldenen Hirsch in Dogern die Witwe des verstorbenen Wirtes Ebner. Einsichtsvoll und verständig hatte die Frau, während der bösen Zeiten der Salpetererhändel, ihr Hauswesen nicht nur gut durchzuführen, sondern auch das Vorhandene nicht unbedeutend zu mehren gewußt. Mit Beharrlichkeit und Selbstgefühl konnte sie daher auf einen wohlgeordneten Hausstand blicken, der bei bürgerlicher Sinnesart kaum mehr zu wünschen übrig ließ. Eine Tochter war glücklich, das heißt in einen vermögenden Mann verheiratet, und dem einzigen Sohne, einem feurigen jungen Burschen, Konrad, durfte man wohl mit Recht zutrauen, dass er in dieser Beziehung auch keinen Fehlgriff tun werde. Die fürsorgliche Mutter, längst geneigt, die Zügel ihres häuslichen Regiments teilweise einer wackeren Schwiegertochter in die Hände zu legen, hatte bereits in Gedanken sich umgesehen, wo für den Sohn wohl eine passende Partie zu finden wäre. Und nicht nur der Mutter, auch ihrer Mitbürgerinnen war die Brautwahl des jungen Mannes Gegenstand angelegentlicher Sorge, und die Frage: Seyn oder nicht seyn? unter ihnen förmlich an der Tagesordnung.

Glücklicherweise schien der Gusto des Sohnes diesmal mit dem Wünschen der Mutter in schönster Übereinstimmung. Denn es war so viel wie entschieden, dass der junge Hirschenwirt sein Augenmerk auf das goldlockige Fränzele, die Tochter eines sehr vermöglichen Hofgutbesitzers in der Nachbarschaft geworfen, und schon einmal mit der beneideten Schönen den Josephs-Markt in Hauenstein besucht habe; ein Umstand, in welchem die ländliche Politik so viel wie eine offizielle Erklärung erblicken wollte. Und als man kurz darauf die beiden als Gevattersleute bei der Taufe des Erstgeborenen der verheirateten Schwester des Konrad zur Kirche schreiten sah, mußte auch der letzte Zweifel schwinden. Weil jedoch, wie man zu sagen pflegte, bei der gleichen Angelegenheit allemal der Himmel hauptsächlich mit dem Spiele ist, so erwies sich auch hier menschliche Berechnung als zu kurzsichtig. Ein in dieser Zeit fallendes Ereignis brachte mit einem Mal eine Veränderung in der ganzen klug ausgesponnenen Familienplan. Es war der Tod des Einungsmeisters Tröndlin, der dem Ebner’schen Hause verwandt und befreundet, nach langem, vielbewegten Leben eingegangen war zur ewigen Ruhe.

Konrad kam von einer Fahrt, die er mit seinem vierspännigen Zuge für einen Kaufmann nach Zurzach getan, noch zur rechten Zeit nach Hause, um der Beerdigung des Vetters beiwohnen zu können. Die Leiche war mit allem, einem Einungsvorstand gebührenden Ehren zur Erde bestattet worden. Der kaiserliche Waldvogt selbst, die Achtmannen, die Einigungswaibel mit ihren Hellebarden und hochroten Röcken, nebst einer großen Menge Volkes hatten den Verblichenen zum Grabe begleitet. Früh morgens war der junge Ebner nach Alpfen geritten, und gegen Mittag, nach beendigter Trauerzeremonie, kehrte er wieder zurück, auffallend zerstreut und nachdenklich. Die Mutter, welche auf ihre Frage nur wortkargen Bericht über die Begräbnisfeier erhalten, schrieb sein bestimmtes Wesen dem Eindruck zu, den das frische Grab, das Leid und die Klage der Anverwandten auf sein mitleidiges Herz gemacht habe, und schmeichelte sich, dass der Sohn in dieser in diesem Punkte ganz der Mutter nachschlage, welche bei fremdem Unglück bekanntlich niemals ungerührt bleiben könne.

Wider seiner Gewohnheit hatte er sonst so gesprächige lebensfrohe Mensch Abends, statt sich zur Gesellschaft an den vorderen Tisch zu setzen, im Finstern auf der Ofenbank Platz genommen, und nachdem er eine Zeit lang mit geschlossenen Augen, und zuweilen seufzend wie in schwerem Traume, dagelegen, begab er sich früh auf seine Kammer, wo er aber, wie es sich herausstellte, nicht allsogleich einschlafen konnte; denn als die Gäste spät nach Hause gingen, sah man den Träumer noch unter seinem Fenster in die laue Sommernacht hinauslugen.

Am anderen Morgen war aber der junge Mann früh im benachbarten Hause seines Vetters und „Göttes“ erschienen. Dieser, ein Vertrauter und Freund des Ebner’schen Hauses, saß eben mit den Seinigen bei der Morgensuppe und sprach seine Verwunderung aus, sein Patenkind so früh schon bei sich zu sehen. Die Base aber hatte sogleich einen Stuhl zurecht gerückt mit der Einladung, der Vetter möge mithalten beim Frühstück. Dieser jedoch dankte für Alles und beschäftigte sich, bis das Essen vorüber war, mit dem kleinen Kinde, welches in seinem großen blauen Augen so verständig aus dem bauschigen, rotgeblümten Kissen schaute, als verstünde es den Zuspruch des freundlichen Vetters.

Als das Mahl vorüber und das Tischgebet gesprochen war (die Base trug eben die leere Schüssel hinaus), wendete sich Konrad zu dem Götti: er habe etwas unter vier Augen mit ihm zu reden. Und sie gehen in die Kammer, und der Götti zieht die Tür geheimnisvoll hinter sich zu; denn aus der Miene des jungen Vetters zu schließen, muss es wohl etwas Wichtiges sein, was er mitzuteilen hatte.

Ich möchte“, fing hierauf Konrad mit etwas gedämpfter Stimme an, „ich möchte in einer Sach‘, die mir sehr am Herzen liegt, Euren Rat erbitten.“
Und das wäre“? fragte der Götti erwartungsvoll.
Ihr wißt“, versetzte der Andere, „daß ich auf Jakobi den Kauf übernehmen soll, und, wie es sich von selbst versteht, bald eine Frau -“
Aha“, fiel ihm der Göttie in die Rede, „versteh‘ dich schon, du möchtest die Sache beschleunigen, vielleicht noch vorher den Ehebund –
„hört mich nur weiter“, unterbrach der junge Mann; der Götti aber ließ ihn nicht zu Wort kommen: „die Sache ist schon eingefädelt“, fuhr er fort, „Schatz, überlaß nur mir die Leitung; erst gestern habe ich mit des Fränzeles Vater über die Angelegenheit verhandelt; der Alte ist content, und was das Mädel anbetrifft – „
Daraus wird nichts, kann nichts werden“, fuhr der Jüngere hastig dazwischen, „mich bindet kein Verspruch, wir beide sind ganz und gar nicht für einander, und war Alles mehr das Werk meiner Mutter und Schwester. Schaut, Götti, ich muss offen bekennen: – keine Andere als des Müllers Kätherle will und kann ich heiraten!“

Der Familienrat machte große Augen, drehte sich halb auf dem Absatz herum und schaute mit einem Ausruf des Erstaunens an die hölzerne Decke des Gemaches, als solle er ein Wunder schauen; dann wendete sich der fast merklich beleidigt an den Sprecher: „wenn der Handel“, warf er empfindlich hin, „denn schon so sicher und abgemacht ist, was soll denn noch mein Rat?“

Götti“, fing hierauf der Andere etwas geschmeidiger an, „ich weiß, dass Ihr’s gut mit mir meint; auf Ehr und Seligkeit versichere ich Euch, dass ich bis jetzt mit keinem Menschen noch ein Wort über die Sach gesprochen habe, als mit Euch; schaut, ich werde noch manchem Berg zu übersteigen haben, bis ich am Ziel bin, weiß ja doch selbst noch nicht einmal, ob’s Kätherlr will und wie es gestimmt ist; auch wird es sonst noch manchen Strudel absetzen. Doch, ich denk‘, wenn ich nur Euch zu meinem Beistand hab‘, so wird sich das Andere finden.“

Sichtlich geschmeichelt durch dieses Zutrauen, schwieg der Rat eine Weile, dann hub er an: „Also das Kätherle! – ei was man doch nicht Alles erleben muss – hm, das Ding wird seine Häckle haben und will überlegt sein. Vor Allem nur nichts übereilt; es ist bälder etwas verrennt als verschlichen, sagt das Sprichwort. Ja freilich wird es noch Berg‘ zu übersteigen geben. Potztausig! deine Mutter – die Weiber sind eigensinnig, und eine Hauensteinerin vorweg, wie ich aus meinem 20-jährigen Ehepraxis selbst am besten weiß. So viel mir bekannt ist, Vetter, steht die Tröndlin’schen nicht am Besten – zwar, des Hirschwirtssohn von Dogern braucht nicht auf Geld und Geldwert zu schauen, ob aber deine Mutter auch so rechnet, nu das wird sich geben; was sein soll schickt sich wohl. Was ich aber fragen will: tu‘ vor der Hand keinen Zug, ich will’s mir überlegen und einleiten – Der Dunder! ’s. Und da Feänzle das dauert mich; doch es hat Geld, und Geld ist die Welt!“

Nach langem Hin- und Herreden mußte der Freier wiederholt geloben, keine übereilten Schritt zu tun. Dafür sagte eben der Vetter feierlich seine Dienste und Hilfe zu; auch der Vater des Fränzles wollte er über sich nehmen und die Sache, wenn es denn einmal nicht anders sein solle, schlichten, ohne dass eine Todfeindschaft daraus entstünde. Soweit die Verabredung.

Doch, hören wir den Leser oder vielmehr die geneigte Leserin neugierig zu fragen: wer ist denn dieses Kätherle, und durch welche Mittel gelang es ihm, die Seele des jungen Burschen also so zu verhexen und einzunehmen? Ehe sich aber hierauf antworten. Sei uns erlaubt, einen Blick in die Vergangenheit zu tun, und Einiges über die Geschichte des älterlichen Hauses der Schönen und damit zusammenhängender Zustände des Landes zu sagen.

Der Müller und Einungsmeister Josef Tröndlin und seine Familie in den Salpeterkriegen

Begeben wir uns deshalb landeinwärts näher an das Gebirge, wo zwischen Kornfeldern und Tannenhügeln das Dorf Unteralpfen liegt. Dort, wo ich das kleine, aus dem „Hirschmatten“ rinnende Bächlein mit dem „Steinbache“ vereinigt, unterhalb des Dorfes, steht am kleinen Weiher eine Mühle und Wohnhaus, ehemals das Eigentum des Einungsmeisters Joseph Tröndlin, desselben Mannes, von dem bereits gesagt ist, dass er während der Zeit der Salpeterkriege stets an der Spitze der besonnenen Partei gestanden, die sich nach ihm die Müller’sche oder Tröndlin’sche genannt habe.

Das Ländchen hatte zu jener Zeit noch seine althergebrachte Gauverfassung; ein Bund zu gegenseitigem Schutz und Trutz von dem Waldvolke beschworen, der zum Zwecke hatte, die überkommenen Freiheiten und Rechte allzeit gebührend zu wahren, sowie bei Kriegsgefahr die Grenzen des Landes zu verteidigen: Alles jedoch unbeschadet der kaiserlichen Obergewalt.

Die oberste Leitung des bürgerlichen Wesens lag in der Hand eines vom Volke gewählten Redmann’s, dem als Vertreter kaiserlicher Hoheitsrechte ein Waldwaldvogt gegenüberstand, nebst einem Waldpropst, welcher die Ansprüche des benachbarten Stiftes St Blasien, welches im Lande viele Zinsverpflichtete hatte, überwachen soll. Das Land zerfiel wiederum in acht Distrikte, deren jeder eine, der Gesamtheit angeschlossene Einung bildete, in der ein alljährlich neu gewählter Einungsmeister die oberste Stelle einnahm.

Eine große Anhänglichkeit an das Altererbte machte, das diese Einrichtung Jahrhundete lang erhalten blieben; doch war dieser löbliche Zug im Charakter des Volkes bei Vielen auch mit einem störrischen Misstrauen und unbelehrbaren Eigensinn gepaart, der jede, auch die wohltätigste Neuerung, als gefährlich erscheinen ließ; und gewiss trug diese Sinnesart nicht wenig zu der Langwierigkeit der hässlichen Salpeterhändel bei, welche während eines halben Jahrhunderts den Frieden des Landes störten. – Die Veranlassung zu diesem Wirren lag in dem Verhältnisse Hauensteins zu dem Stifte St. Blasien.

Viele Einwohner nämlich waren als ehemals Leibeigene dem Stifte noch zinsbar. Während langer Kriegszeit aber waren diese Verbindlichkeiten nicht mehr geltend gemacht worden und daher fast in Vergessenheit geraten. Da geschah es im Jahr 1719, dass die Abtei ihre Rechte aufs Neue wieder bestätigen und in Kraft treten lassen wollte. Auf dem längst nicht mehr gehaltenen Dinggericht zu Remetsweil sollte durch einen Bevollmächtigten des Klosters und zwölf vom Volke gewählten Richter die Angelegenheit ins Reine gebracht werden.

Während der Verhandlung erhob sich ein früherer Einungsmeister, Fridolin Albig von Buch, seines Geschäftes ein Salpeterdieder, und machte Einsprache: der Dingrodel sei verjährt, behauptete er, die Leibeigenschaft durch die Gnade Kaiser Leopolds abgeschafft, daher die Ansprüche St. Blasiens ungerecht.

Es fruchtete nichts, dass der Waldvogt die Erklärung gab: es handele sich nicht um die allerdings abgeschaffte Leibeigenschaft, sondern um daher stammende Rechte und Abgaben, die kaiserlicher Seits anerkannt, dem Stifte rechtlicherweise zukämen. Ohne ein Verständnis erzielt zu haben, gingen die Versammlung lärmend auseinander. Der Funke der Widerspenstigkeit hatte getzündet, die Zahl Derer, welche den Forderungen des Stiftes ihre Anerkennung versagten, wurde mit jedem Tag größer; dieses aber hatte seine Sache vor dem Kaiser als den Schutzherren des Klosters gebracht, während andererseits Albiz, der Salpeterer, sich an die Spitze der Protestierenden stellte.

Dieser Mann war wie gemacht zum Parteihaupte. Bei einem männlich ausdrucksvollem Äußeren besaß er die Gabe der Rede wie Wenige, und an Schlauheit und Energie fehlte es ihm ebenfalls nicht. Starrsinnig und zugleich rauen Gemüts war er aber jeglicher Belehrung unzugänglich, und weil er kräftig den Rosenkranz betete und fleißig zur Kirche ging und wallfahrte, so stand er im Rufe besonderer Frömmigkeit, und Alles, was er sagte und behauptete, ward von seinen Anhängern den Aussprüchen eines Orakels gleich geschätzt.

Das Land“, so lautete seine halb auf wiedertäuferischen Vorstellung beruhende religiös-politische Lehre, „sei nach dem letzten Willen des Grafen Hans von Hauenstein eine freie Reichsgrafschaft unter dem Schutze des Kaisers; St. Blasiens angebliche Rechte seien treulos erworben und erkauft – Bald werde jedoch unter Gottes Leitung die goldene Zeit des Patriarchalen-Lebens zurückkehren. Jedermann werde frei sein, jnd Gottes Wort allein, ohne andere Zuthat, richten. Nachdem die Bundesbrüder die Güter der Gegner unter sich geteilt, werde jeder Hausvater unter dem Baume vor seiner Hütte die Angelegenheiten der um ihn versammelten Angehörigen schlichten. – Doch werde bis dahin mancher Jünger im Gefängnis schmachten, ja sogar Marter und Tod erleiden müssen“, u.s.w.

Es ist begreiflich, dass solcherlei Grundsätze und Ideen ganz geeignet waren, die Menge zu gewinnen. Je mehr deshalb auf der einen Seite Hindernisse sich gestalteten, desto größer ward auf der anderen Trotz und Leidenschaftlichkeit- – Mag auch über die unchristliche Leibeigenschaft und ihre Ausflüsse, zumal von einem geistlichen Stifter ausgeübt, verschieden gedacht werden, so muss doch die Art und Weise, wie die Salpeteranhänger den Streit führten, und zugleich fanatisch-feindselig gegen ihre übrigen Mitbürger auftraten, entschieden mißbilligt werden.

Um den Schritten St. Blasiens in Wien entgegen zu arbeiten, hatte der Häuptling, unterstützt von seinen Freunden, eine Reise in die Kaiserstadt unternommen. Verwiesen an die Landesregierung zu Freiburg, wo seine Beschwerden vorzubringen habe, kehrte er in die Heimat zurück, Wunderdinge erzählend von dem guten Empfange, der ihm beim Hofe geworden. – Er gab vor, sogar einen kaiserlichen Gnadenbrief zu besitzen, der ihm der Monarch selbst eigenhändig habe, und als bald darauf bei einer Einungs-Vorstandsgswahl, die alljährliche im Frühling vorgenommen wurde, seine verblendeten Anhänger auf die Veröffentlichung des Dokuments drangen, fragte er schlau und berechnend: Ob ihnen denn der Brief noch nicht zugestellt worden sei? Der Einungsmeister Tröndlin, sein Hauptgegner, müsse in entweder unterschlagen, oder treuloserweise an das Stift St. Blasien verkauft haben!

Dergleichen schlauberechnete Ausfälle verfehlten natürlich ihre Wirkung auf die erhitzten Gemüter nicht. Die Aufregung wuchs mehr und mehr, und als der unruhige Mann bald darauf verstarb, führten seine Anhänger den Streit weiter, der in kurzer Zeit über den ganzen Unterwald sich verbreitete.

Im Jahr 1727 wollte St. Blasiens Abt im Lande die Huldigung vornehmen lassen, sie ward aber verweigert; und als die Regierung schärfere Maßnahmen gebrauchte, kam die lang verhaltenen Flamme zum Ausbruch. Der Waldvogt hatte die, um selbige Zeit von den Salpetern eigenmächtig erwählten Achtmannen greifen und ins Gefängnis nach Freiburg verbringen lassen.

Dies war die Losung zu rachsüchtiger Erhebung. Wie vorauszusehen, entlladete sich die drohende Wolke zuerst über dem Hause des besonnenen Einungsmeisters zu Alpfen, der stets zur Besonnenheit und billigen Verständigung der Parteien geraten. Mit Knitteln bewaffnet streiften nächtlicher Weile wildtobende Rotten vom Gebirge her über den Wald. Raub und Gewaltthätigkeit droht allen sogenannten Ruhiggesinnten, die erschreckt sich flüchten. Die Mühle zu Alpfen wird überfallen; man raubt Pferde und Hausrat, läßt den Mühlteich ab, fischt ihn aus und verstopften die Deichel; kaum dass der Einungsmeister dem Tode von der Hand heimlich Auflauender entgeht.

Endlich zieht von Freiburg her kaiserliches Militär mit etlichen Geschützen auf; in ihrem Rücken aber erhebt sich der Landsturm, über 1000 Salpeterer mit einigen 100 gewaltsam fortgerissen „Ruhigen“. Auf den Feldern bei Dogern schaart sich der Haufe um die altehrwürdige Landesfahne, den heranziehenden Grenadieren die Spitze zu bieten.

Doch schon nach den ersten Schüssen stiebt der Haufen auseinander, und die Flüchtigen berichten den Ihrigen daheim: St. Blasien habe sich zum Nachgeben bereit erklärt, daher weiteres Blutvergießen unnötig.

Nachdem mehrere Haupträdelsführer ergriffen und zur Strafe an die ungarische Militärgrenze abgeführt worden waren, kam einige äußere Ruhe über das Land – Doch im Inneren der erbitterten missgeleiteten Gemüter gärte noch der alte Groll und die Hoffnung, dereinst dennoch zu obsiegen.

Trotz der Stürme von aussen war die Mühle zu Alpfen die Stätte glücklicher Häuslichkeit. Der Sohn des Einungsmeisters mit einen tätigen braven Weibe verheiratet, besorgte das Müllgeschäft, während der Großvater den einungsmeisterlichen Geschäften oblag. Ein Töchterlein war von mehreren Kindern allein noch am Leben und daher mit doppelter Sorglichkeit von den Eltern gepflegt und behütet. Und wenn auch die Störungen und Beschädigungen, welche dem Hause von Seite irregeleiteter Mitbürger widerfuhren, keineswegs geeignet waren, Wohlstand und Besitztum zu mehren, so fand dafüer die Familie ein solideres Glück in treuem Zusammenhalten in guten und schlimmen Zeiten und dem Selbstbewusstsein besserer Naturen, gegenüber äußerlicher Anfeindung und Verkennung.

Noch war aber der Streit im Allgemeinen nicht zu Ende. Nach längerem Verhandeln war man zwar mit St. Blasien einig geworden, dem Land allen Lasten, welche der ehemaligen Leibeigenschaft entstammten, gegen gewisse Loskaufssumme zu erlassen, und alle Billigdenkenden, welche es mit dem Lande gut meinten, wünschten sich Glück zur endlichen Beilegung der unseligen Händel; nicht so die Salpeterer. Diese schrieen über Verrat, hielten wieder bei Tag und Nacht Versammlungen, warben Anhänger und bereiteten sich zum abermaligen Widerstande vor. 20 Männer, der Häuptling Fridolin Gerspach an der Spitze, machten sich unverzüglich auf den Weg nach Wien, um bei dem Kaiser Beschwerde einzulegen wegen der Schließung des Vertrages.

Zugleich unternimmt ein Schwärmer, Leontius Brutschi von Dogern, eine Wallfahrt nach Einsiedeln mit hundert und elf Jungfrauen, um für glückliche Verrichtung der Geschäfte zu beten. Zwei Männer aus jeder Einung ordneten die Reihen, während eigend bestellte Weiber für den täglichen Anzug und die Zöpfe der Pilgerinnen Sorge tragen müssen.

Aber weder er die Gunst des Himmels noch die Zustimmung des Kaisers ward den Unzufriedenen. Es erschien vielmehr eine landesherrliche Botschaft, welche das Getriebe offen mißbilligte, so wie ein kaiserliches Sendgericht, beschützt von militärischer Macht, um die Zustände des Landes einer Prüfung zu unterwerfen.

Joseph Tröndlin, der einsichtsvolle Einungsmeister, mit den übrigen Obmännern und einem freigewählten Landesausschuß traten mit dem Abgesandten in’s Einvernehmen. Die Salpeterer, um alle Verständigung zu hindern, nahmen ihre Zuflucht abermals zur Gewaltthätigkeit. – Bewaffnete Rotten erheben sich im Gebirge, bei Gurtweil und dem wilden Tiefenstein; ein verabschiedeter Soldat ordnet die Reihen und führt sie gegen die heranrückenden Milizen. – Wie bei Dogern folgt auch hier auf die ersten Schüsse übereilte Flucht, und mehrere der Anführer werden mit dem Waffen der Hand ergriffen. – Doch konnte weder das Hochgericht zu Albbruck, noch die Strafen der Verbannung den tiefgewurzelten bösen Schaden heilen, welcher vier Jahre später wiederholt zum Ausbruch kommen sollte.

Mildgesinnt hatte die Kaiserin Maria Theresia den Verbannten Rückkehr in die Heimat gestattet. Manche, welche die Unverbesserlichkeit dieser Schwärmer kannten, schüttelten bedenklich die Köpfe, als sie von dieser Maßregel hörten. „Setze eine Katze in’s Taubenhaus wie du willst, sie bleibt eine Katz und wird miauen!“ sagte der alte Tröndlin, als er die Rückkehr der erzunruhigen Parteigänger vernahm. Und siehe, er hatte sich nicht getäuscht. Denn alsbald erscholl erwartungsvoll die Kunde von der Freilassung der Verbannten, und wieder begann das alte Spiel. Die Männer, hieß es, seien ins Land geschickt, um die Beschwerden der Salpeterer zu sammeln und ihren Handel aufs Neue zur Entscheidung von den kaiserlichen Thron zu bringen.

Ein Anschlag der Anführer, sich des Landesarchiv in Dogern zu bemächtigen, wird durch die besonnene Dazwischenkunft des Einungsmeisters Tröndlin vereitelt, der schleunigst die Schriften nach Waldshut zu bringen sucht. Aber nur mit Mühe gelingt es durch Schließen der Stadttore, den nachstürmenden Tross von der Verfolgung abzuhalten.

Dieses war jedoch Alles nur der erste Akt des beginnenden Drama’s, in welchem die berüchtigten Anführer: das begnadigte „Tochtermännle“, der „Preuß“, „Gudihans“ und Andere die Heldenrollen übernehmen.

Vor allen Dingen sollte ein vernichtender Schlag gegen die Hauptgegner Joseph Tröndlin in Alpfen und den gleichnamigen Einungsmeister in Rotsel ausgeführt werden. Beide Männer waren bisher zum großen Verdruss der Unruhestifter immer wieder durch des Volkes Stimme zu den obersten Einungsstellen berufen worden. Ein Advokat aus Basel, welcher die Sache der Salpeterer zu führen unternommen, hatte er in langer Schrift die Beschwerden seiner Partei der Landesregierung zu Freiburg übergeben, und besonders heftig gegen die obengenannten Männer losgezogen und auf ihre Beseitigung gedrungen. Diese verfaßten eine Gegenschrift, die mit biderbem Spotte, scharfstimmig und schlagend die Gegner entwaffnete, zugleich aber ihren Hass aufs höchste steigerte.

Der unterdessen hereingebrochene 7-jährige Krieg hatte dem Lande drückende Lasten und Einquartierungen gebracht. Natürlich, dass an allem Diesen niemand Schuld ist, als die beiden Trödlin. Eine Deputation der Unzufriedenen geht deshalb abermals an den Wiener Hof, die Unbill dem Kaiser vorzustellen. – Verderbensträchtige Dünste sammeln sich, die bald wieder als Gewitter über dem Müllerhause zu Alpfen sich entladen sollten.

Dem anhebenden Sturme zu begegnen, hatte der Obrist des über den Wald verlegten österreichischen Regimentes mehrere der Aufwiegler gefänglich einbringen lassen. Vergeblich. – Schon zeigten sich wieder die bekannten Sturmvögel: Bettler, Kesselflicker, Wahrsager und Gaukler, und durchziehen in Scharen das Land, die unsinnigen Gerüchte verbreitend. Der wackere Einungsmeister Tröndlin, hieß es, sollte bald verrückt geworden, bald erschlagen oder landesflüchtig sein.

Es war zu Anfang des August. Eine trübe regnerische Luft lag über der Landschaft. – Wohl mochten böse Ahnungen den Bewohnern der Mühle am Steinbach Unheil künden. – Im Hause des Mayrer, eines Bruders des berüchtigten Tochtermännle, ging’s geschäftig aus und ein. Bis tief in die Nacht dauerten die heimlichen Zusammenkünfte. Eine Lumpensammlerin, die dort übernachtete, hatte die Müllersfamilie gewarnt, auf der Hut zu sein, herumstreifendes Gesindel habe verlauten lassen: dass der alte „Halunke“, der Einungsmeister, von einem hingerichteten Salpeterer in Josaphat’s Thal geladen, im nächsten Frühjahr seine Felder nicht mehr selbst ansehen werde u.s.w. Und schon gab es Manche, die, auf allgemeine Verbrüderung hoffend, diesen aber jenen Acker des Müllers als ihr dereinstiges Eigenthum ansehen mochten.

Tiefhängende Wolken verfinsterten die Nacht. Ein schnaubender Wind schweifte um die Halden, über die weiten Getreidefelder, und flüsterte unheimlich in den Erlen am Mühlbache.

Da weckte Gepolter die Hausbewohner; der Müller sprang aus dem Bette, donnert’s? fragte ihn erschreckt und ängstlich sein Weib. – ehe ihr Mann aber noch antworten konnte, begann der Lärm von Neuem. Die Haustür wurde eingeschlagen; – vergeblich war das mannhafte Entgegentreten des Müllerknechts. Die Verschworenen dringen ein, die Stiege herauf, Mayer, des Tochtermännles Bruder, voran. „Landesverräter“, schreit der Troß dem Müller entgegen, der mit einer Hellebarde mutig sich zur Wehr setzt. Er wird übermannt, der obere Stock erstürmt, die Türen erbrochen und der Einungsmeister ergriffen und gebunden herausgeschleppt. Jammernd und halbtot vor Schrecken waren Mutter und Tochter eine Zeit lang in der Kammer geblieben; als das wilde Getöse verhallt und Stille eingetreten, wagten sie sich heraus. Betäubt und blutend von einem schweren Schlage über den Kopf liegt der Müller auf dem Boden. – Mit Hilfe eines Müllerknechts gelingt es der jammernden Frau, dem Mann wieder ins Leben zurückzurufen.

Katharina, das Töchterlein, war dazumal neun Jahre alt. In ein und derselben Nacht war auch das Haus des Einungsmeisters in Rotsel und andere Männer von der Gegenpartei überfallen und die Inwohnenden abgeführt worden. Unter den rohesten Mißhandlungen wurden die Unglücklichen fortgeschleppt in die rauhe entlegene Gegend Gerweil’s, wo man sie im dortigen Wirtshaus in enge feuchte Kellerlöcher eingesperrte. Sie schienen verloren, denn der rasende Haufen verlangte ihren Tod. Vergeblich waren die Befehle des Waldvogts, sie freizulassen; erst nachdem der Waldkommandant Pommer mit Grenadieren und Husaren heranzieht und die Verschworenen überwältigt, gelingt die Befreiung.

Aber noch waren die Tage des Schreckens und der Verwirrung nicht vorbei. Das Gift gehässiger Spaltung war bis tief ins Innere einer jeden Gemeinde und Familie gedrungen; ja, sogar die Spielplätze der Kinder waren in zwei feindliche Lager geteilt. Die ganze Einung bot ein Bild der traurigsten Zerrissenheit. Männlichkeit und besonnen hatten die Tröndlin auf einer Landgemeinde zu Gerweil zur Besonnenheit gemahnt. Der zudringliche Baseler Advokat spielt im Lande den Gesetzgeber und ordnete den Landsturm. Fanatisierte Haufen durchziehen das Land; von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte werden die Tröndlin’schen verfolgt, mißhandelt und im wilden Taumel teilt man sich ihre Güter. Gaudihans als Diktator der freien Grafschaft landete die beiden verhaßten Einungsmeister von Alpfen und rote Rotsel vor seinen Richterstuhl. Sie mußten flüchten, zuerst nach Waldshut, dann über den Rhein, geächtet und mit dem Tode bedroht.

Und über die Mühle zu Alpfen bricht abermals ein böses Verhängnis herein. – Was geschah, melden die Familienpapiere mit kurzen Worten:

„†1745 wurde Konrad Tröndlin (der Sohn des Einungsmeisters) von den Salpeteren so erbärmlich mißhandelt, dass er das Leben dadurch einbüßen müßen“.

Noch vor Ablauf desselben Jahres war die Macht der Empörer in zwei kurzen Treffen gebrochen. Die rings aufgeboten de Landwehr, Bruder gegen Bruder, ein Trupp Husaren und wendige Infanterie trieben die Empörer, welche Waldshut vergeblich berennt hatten, in die Enge. In den wilden Bergen und Feldschluchten um Herrischried, wohin selbst im Schwedenkriege nie der Fuß eines Kriegers gekommen, wurde der letzte Kampf gekämpft, und geendet zum Nachteile der Meuterer –

Aber das tiefe Leid mancher Familie, der Schmerz um verlorene Angehörige, gesunkener Wohlstand und was sonst noch für bittere Früchte der Aufruhr und Krieg gebracht – das Alles konnte nur allmählig die Zeit heilen und die Hand dessen, welcher die Schicksale der Völker lenkt.

Auf dem Bild von Lucian Reich oben ist der Einungsmeister und Müller Josef Tröndlin
mit seiner Frau Maria Zimmermännin etwa um 1730 dargestellt.


Die Ursula Binkerin von Birndorf muss bald nach dem frühen Tod ihres Mannes den »Hirschen« veräußert haben. Der Käufer war Johann Baptist Tröndlin, Sohn des von den Salpeterern am meisten gehassten Einungsmeisters Josef Tröndlin, des Müllers von Unteralpfen.
Im Juli 1757 ging der »Hirschen« in Flammen auf.
Tröndle ließ das heute noch bestehende Haus bis 1758, zwar nicht mehr in der alten Größe aber immer noch in einem stattlichen Ausmaß errichten.
Im Februar 1759 heiratete Johann Konrad Ebner, Sohn des von den Salpeterern zu Tode gequälten Redmanns Johann Michael Ebner, die einzige Tochter Katharina des Hirschenwirts Johann Tröndle und der Katharine, geb. Iselin. Von der Webpage des Hirschen

Laut Lucian Reich ist die Geschichte etwas anders als oben auf den Seiten des Hirschen zu Dogern erläutert.

Des Hirschwirts Sohn (Konrad Ebner) von Dogern braucht nicht auf Geld und Gelderwerb zu schauen. Seine Mutter führte das Wirtshaus durchaus sehr erfolgreich alleine.

Womöglich wurden diese alten patriarchalen Gesetzte damals nicht ganz so gelebt, wie es heute den Anschein hat. Auch soll Konrad Ebnerauf Jakobi den Kauf übernehmen„. Womöglich ist damit der Hirschen zu Dogern gemeint.

Laut Lucian Reich ist auch des „Müllers Kätherle“ die einzige noch lebende Tochter des Johannes Michael Tröndlin. Dies stimmt auch mit dem Stammbaum der in der Mühle hängt überein. Hier steht eine Katharina Theresia geboren 18.3.1736 deren Mutter Katharine, geb. Iselin ist. Johannes Baptista Tröndle war also ein Bruder des Müllers Johannes Michael. Dies ist auch sehr verwirrend, da der Einungsmeister Josef Tröndlin von seinen 9 Kindern drei Johannes getauft hatte und gleich fünf Maria.

Vermutlich war der namentlich nicht erwähnt Götti und „Familienrat“, der Johannes Baptist Tröndlin, auf dem Papier der Besitzer des Wirtshauses Hirschen, das dann später an Jakobi offiziell an den Konrad Ebner ging.

Stammbaum der Familie des Einungsmeisters an der Wand in der Einungsmeistermühle.

Die alte Mühle in Unteralpfen war über Jahrhunderte im Besitz der Familie Tröndlin und wurde vor etwa 20 Jahren an einen Schweizer verkauft. Dieser Herr war so nett, mir die Mühle zu zeigen und zu erklären.

Vielen Dank!

  • in der Mühle in Alpfen

Bei den Salpeter-Aufständen oder Salpeterunruhen handelte es sich waren mehrere Bauernaufstände, die sich im Hotzenwald des 18. und 19. Jahrhunderts ereigneten.

In der „Grafschaft Hauenstein“, einem Verwaltungsbezirk des ehemaligen Vorderösterreich, gab es Anfang des 18. Jahrhunderts eine Besonderheit in den absolutistisch regierten deutschen Staaten. Hier hatte sich eine Schicht „freier“ Bauern erhalten, die sich direkt und ausschließlich dem habsburgischen Kaiserhaus zugehörig wussten.

Auch am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts regte sich Widerstand. Einer, der Gefahren für Freiheit und Verfassung heraufziehen sah, war der Bauer und Salpetersieder Johann Fridolin Albiez (1654-1727), Salpeterer-Hans genannt, aus Buch. Der damals schon über Siebzigjährige genoss großes Ansehen im Wald. Seine Agitation gegen das Kloster und für die „alten Rechte und Freiheiten“ fand Gehör. Und als im Mai 1727 die Bewohner der Grafschaft einem neuen Abt, Franz II. Schächtelin, ein Treuegelöbnis ablegen sollten, verweigerten sie die „Huldigung“. Die Verweigerung der Huldigungsleistung gegenüber einer Obrigkeit aber galt als Aufstand. Es wurde Militär auf den Wald geschickt und in die Bauernhöfe einquartiert, so dass der Widerstand gegen die Huldigungsleistung rasch zusammenbrach. Der Salpeterer-Hans saß währenddessen in Freiburg im Breisgau, dem damaligen vorderösterreichischen Regierungssitz, im Gasthaus „Bären“ in Arrest. Dort starb er im September 1727.

Andere Bauern, wie Johannes Thoma oder Josef Meyer übernahmen die Führung der Salpeterer, wie sie nun genannt wurden, und sorgten dafür, dass das Misstrauen gegen das Kloster und seine Bestrebungen, aber auch gegenüber den anderen Obrigkeiten nicht einschlief. Unter der Bauernschaft selbst bildeten sich Gruppen für und gegen die salpeterischen Bestrebungen und verschärften die Situation. Die den Salpeterern gegenüberstehenden Bauern nannte man nach den Namen der Anführer die „Tröndlinschen“ oder auch die „Ruhigen“. Die „Salpetererkriege“ fanden darum auch überwiegend zwischen den gegnerischen Bauerngruppen statt – also jenen, die gegen den Ausverkauf alter Rechte und Freiheiten unüberhörbar Widerstand leisteten und den anderen, die zwar dasselbe wollten, aber andere „ruhige“ Wege beschreiten wollten, wie zum Beispiel sich frei zu kaufen.

Als aber das Kloster sich 1738 entschloss, in den von den Einungen betriebenen Freikauf aller Bauern in den Einungsbezirken einzuwilligen und eine Volksabstimmung eine Mehrheit für den Loskauf erbrachte, wollten die salpeterisch gesinnten Einungsgenossen nicht zahlen. Es kam sogar zu einem Treffen zwischen einem Bauernaufgebot der Unruhigen auf der einen und Militär auf der anderen Seite im Mai 1739 bei Etzwihl. Schüsse trieben die Bauern in die Flucht. Dieser zweite Salpetereraufstand endete mit Todesurteilen gegen einige Anführer. 1745 kam es zu zwei weiteren Unruheperioden. Im Frühling gab es sogar für zwei Wochen eine „Salpetererregierung“ in der Grafschaft, und im Herbst versuchten die Salpeterer zweimal, Waldshut zu stürmen, um dort einige inhaftierte Gesinnungsgenossen zu befreien. Diese Belagerung und versuchte Erstürmung von Waldshut und in diesem Zusammenhang stattfindende große nächtliche Schlägereien zwischen „Unruhigen“ und „Ruhigen“ oberhalb Schmitzingen bildeten einen vorläufigen Schlusspunkt der Salpetererunruhen. Es gärte aber „auf dem Wald“ noch einige Jahre weiter. Erst mit der Deportation aller führenden Salpetererfamilien ins Banat (Lucian Reich schreibt von der ungarischen Militärgrenze) erloschen die Unruhen zunächst. Sie fanden jedoch im neunzehnten Jahrhundert eine religiös legitimierte und stark veränderte Neuauflage.

nach Wikipedia

Über diese religiös legitimiert Neuauflage spottet Lucian Reich:

Bald werde jedoch unter Gottes Leitung die goldene Zeit des Patriarchal-Lebens zurückkehren. Jedermann werde frei sein, und Gottes Wort allein, ohne andere Zutat, richten. u.s.w.

Weiter berichtet Lucian Reich:

Zugleich unternimmt der Schwärmer Leontius Brutschi eine Wallfahrt nach Einsiedeln mit hundert und elf Jungfrauen, um für glückliche Verrichtung der Geschäfte zu beten.

Die Zahl der 111 Jungfrauen stimmt laut Mitteilung von Heinrich Dold. Diese Pilgerfahrt sei am 29. April 1739 unternommen worden. Vielen Dank an Herrn Heinrich Dold, den Hauensteiner Ehrenredmann!

Auf der Seite von Dogern gibt es folgendes dazu:

Schlimm erging es dem Dogerner Leontius Brutsche nach dem „Gefecht“ von Etzwihl (Gemarkung Albbruck) 1739. Trotz seiner Wallfahrt mit 111 Jungfrauen nach Einsiedeln, und obwohl viele Frauen und Jungfrauen beim österreichischen Waldvogt in Waldshut für ihn um Gnade baten, musste er seinen Freiheitsdrang mit dem Tode büßen. Er wurde auf der Richtstätte in Albbruck enthauptet.

https://www.dogern.de/de/gemeinde-dogern/gemeindeportrait/geschichte-dogern

Das Kloster Einsiedeln mit der Gnadenkapelle und einer Figur der Schwarzen Madonna, ist Etappenort des Jakobsweges. Hier wird die Geschichte mit Hüfingen verknüpft, das es seit dem Mittelalter auf dem Jakobusweg ist. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder.

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute in Hüfingen an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß gefertigt (siehe Kapitel 17 vom Hieronymus). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Lucian Reich berichtet,

dass die Kaiserin Maria Theresia den Verbannten Rückkehr in die Heimat gestattet. Manche, welche die Unverbesserlichkeit dieser Schwärmer kannten, schüttelten bedenklich die Köpfe, als sie von dieser Maßregel hörten. „Setze eine Katz in’s Taubenhaus wie du willst, sie bleibt eine Katz und wird miauen!“

Am Ende des Kapitels schreibt Lucian Reich, die Familienpapiere melden mit kurzen Worten:

1745 wurde Konrad Tröndlin (der Sohn des Einungsmeisters) von den Salpeterern so erbärmlich mißhandelt, daß er das Leben dadurch hat einbüßen müßen.

Konrad Tröndlin war vermutlich ein Bruder des Josef und eins der neun Kinder vom Einungsmeister Adam Tröndlin.

Wanderblühten – Einungsmeister Konrad Ebner

Wanderblühten – Das Buch

Wanderblühten – Geschichten aus der Region um Staufen

Der Herr zu Bamlach

Auf dem Schlosse der Herren zu Bamlach, einem Pfardorfe am Rhein unweit Mülheim, hauste vor Zeiten der gewaltige Marschall, gefürchtet und gehasst von seinen Untertanen. Alle Ortseinwohner mußten ihm Frondienste tun, und wie und wann es seinem Übermuthe gutdünkte. – Einmal hatten die Frauen im Schlosse eine Wäsche, wobei die meisten Weiber des Dorfes fronweise mittun mussten. Nach vollbrachte Arbeit wurde die Leinwand auf einer Wiese, nächst dem Dörflein, zum Trocknen ausgebreitet. Da begab sich später, dass ein Stück Wäsche vermisst wurde, worüber der Burgherr so aufgebracht ward, dass er einem armen Manne, der viele Kinder hatte, einen Acker wegnehmen ließ, bloß weil das Grundstück an jene Wiese grenzte. Durch solche und ähnliche Gewalttaten vergrößerte er sein Gut immer mehr, und wenn auch das Flehen und der Jammer der Armen zum Himmel stieg, so wollte die Strafe immer noch nicht kommen, denn der Böse sollte den Ritter noch mehr in seine Gewalt bekommen. Nachdem endlich das Maß seiner Sünden voll war, bekam der Kaiser Kunde von diesen Ungerechtigkeiten und ließ den Marschall zur Verantwortung und Strafe nach Wien fordern. Der Geladene erschien, ohne im mindesten Reue über das Geschehene an den Tag zu legen. Der Kaiser und sein Gericht sprachen das Urteil: dass er zur Strafe seiner Vergehungen die „Jungfrau küssen“ und noch drei Tage zur Reue und Buße haben solle. Nachdem der Ritter hingerichtet war, sandte der Kaiser, zum Zeichen der vollzogenen Strafe, den Bamlachern des Marschalls Hut mit dem Befehl, dass den Beraubten ihr früheres Eigentum wieder zurückerstattet werden solle. Ehe aber das Wahrzeichen noch an Ort und Stelle ankam, war der ruchlose Geist des Verurteilten schon da, und rumorte auf dem Schlosse und den Gütern, wo oft in finsteren Nächten Vorübergehende beunruhigt und in die Irre geführt werden. Und noch bis auf den heutigen Tag geht man den Bamlacher Weg nach dem Schlosse nicht gern um Mitternacht,, ohne vorher den Memento gemacht zu haben.

Bamlach ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Bad Bellingen. Laut Wikipedia gehörte Bamlach von 1417 bis 1805 den Freiherren von Rotberg.
Die Herren von Rotberg waren Mitglieder des Kantons Donau der schwäbischen Reichsritterschaft. Jakob von Rotberg verlegte 1516 den Sitz der Familie nach Rheinweiler. 1747 verzichteten die Rotberg auf ihren reichsfreien Stand, da sie von den Habsburgern als Landesherren im umgebenden Vorderösterreich vom 16. Jahrhundert an „beinahe gewaltsam zum landsäßigen Adel herabgedrückt“ wurden.
Die Familie v. Rotberg hatte bis ins 20. Jahrhundert ihren Stammsitz auf dem Schloss Rheinweiler, das Anfang des 18. Jahrhunderts anstelle eines 1676 zerstörten Vorgängerbaues erbaut wurde. 1928 verkaufte die Familie das Bamlacher Schlossgut an die „Anstalt von Herten“.
nach https://de.wikipedia.org/wiki/Rotberg_(Adelsgeschlecht)

Die Geschichte geht um einen Herrn von Bamlach, der mit seinen Untertan nicht gut umging und scheinbar vom Habsburger Kaiser deshalb verurteilt wurde „die Jungfrau zu küssen“. Das heißt wohl ein Herr von Rotberg wurde vom Kaiser hingerichtet.

Vermutlich spielt die Geschichte um 1747 als die Rotbergs von den Habsburgern „beinahe gewaltsam herabgedrückt“ wurde.

Die Geschichte vom Postboten im alten Grubenschacht bei Grunern

Eine halbe Stunde von Staufen, an den wein- und obstreichen Anbergen des Schwarzwaldes, liegt das freundliche Dorf Grunern. In früherer Zeit wurde in seiner Gemarkung Bergbau getrieben auf Bleierze, wovon eine Menge Schachten Zeugnis geben.

Im August des Jahres 1825 sollte ein Bote von Badenweiler einen Brief ins Münsterthal tragen. Der Mann schlug den Weg über das Gebirge ein, verlor aber den rechten Fußpfad, und nachdem er eine zeitlang in der Gemeindeverwaltung Grunern mühsam durch Gras und Gestrüpp sich fortgearbeitet, hatte er das Unglück in den Schacht einer verlassenen Grube zu fallen. Als er von der Betäubung wieder zu sich gekommen, sah er bald die Unmöglichkeit, aus der Tiefe herauszukommen. Der Tag verging, die Nacht brach an, es wurde morgen und wieder Abend, ohne dass dem Unglücklichen Rettung geworden wäre. Und schon bereits zum Zweiten Male sangen die Vögel über seinem Grabe er fröhliches Morgenlied, zum zweiten Mal schon hallten die Morgen- und Mittagsglocken der benachbarten Dörfer in die fürchterliche Stille seines Aufenthalts – und alle Hoffnung schwand; denn ach! keines Menschen Tritt noch eine Stimme nah und fern wollte sich hören lassen; nur der Wind raschelte in den hohen Haselnussbüschen. Von Hunger und Durst entsetzlich geplagt und entkräftet, legte sich der Lebendigbegrabene nieder und bereitete sich zum Sterben vor. Unterdessen war das Ausbleiben des Briefträgers aufgefallen. Man suchte nach ihm und forschte – aber alles vergebens. Gegen das Ende des dritten Tages führte das Geschick den Bannwart von Ballrechten, der in Staufen bei den Vätern Kapuzinern die Vesper besucht hatte, ihm Nachhause gehen durch den Wald. Als er zufällig in die Nähe des Schachts gekommen, ließ er, wie er schon öfters gethan, im Vorbeigehen ein Steinchen in den Abgrund rollen – und horch – aus der Tiefe tönt ein Schrei – die Stimme eines Menschen. Sogleich fällt dem Bannwart der Vermißte ein, und er ruft dem Untenbefindlichen zu, guten Mutes zu sein, er werde Hilfe bringen. Eiligst läuft er in das nächste Dorf und bringt Leute und Stricke, mit welchen der arme Mann glücklich heraufgebracht wird.

Oft erzählte der Gerettete nachher, wie er, von Hunger und Durst entsetzlich geplagt, sich niedergelegt und mit dem Gedanken des nahen Todes beschäftigt habe, da sei von Oben das Steinlein herabgekommen und habe ihm die Nähe eines menschlichen Wesens verkündet. Mit einem Male sei die Liebe zum Leben wieder erwacht, und er habe die letzten Kräfte zusammengenommen und einen lauten Schrei ausgestoßen, der seine Rettung herbeigeführt habe. – Er konnte es sagen, wie es einem Lebendigbegrabenen zumute ist. – Der Schacht aber, in dem einige Jahre früher auch eine Ziege verunglückt war, wurde zugeworfen.

Die Geschichte der Stadt Kems und das versunkene Heer

An den Ufern des Neumagens, zwischen Staufen und dem Rhein, liegt Krozingen mit drei Höfen, welche den Namen Kams tragen. In alter Zeit, so berichtet eine Sage, kam einst ein großes christliches Heer bis an den Schliengener Berg, wo es sich in zwei Teile sonderte; die eine Hälfte wendete sich gegen Frankreich auf das „Ochsenfeld“, die andere nach der Stadt Kems, (auch Tonsal und Ehrenstätten genannt), welche vier Stunden im Umfange gehabt haben soll. Auf dem Platze, wo jetzt die Pfarrkirche steht, heißt es, soll ein Schloss und die Sankt Ulrichskapelle gestanden haben, und die sogenannten Weingärten hätten zu einem in der Nähe befindlichen Frauenkloster gehört. An der Stelle aber, wo heut zu Tage der Laufbrunnen ist, wäre der Marktbrunnen und nicht weit davon im Sumpfe ein prächtiges Münster gestanden. Die Stadt und das Heer, welches sich vor ihr gelagert, sollen, ohne dass man weiß warum, in die Erde versunken sein. Steht aber dem Reiche ein Krieg bevor, so ertönt aus der Tiefe Trommelschlag und das dumpfe Geläut der Münsterglocken. Sind, so lautet die Sage weiter, die Christenheere im Kampf gegen die Ungläubigen zu einem kleinen Häuflein zusammengeschmolzen, so kommen ihnen die geisterhaften Heere zu Hilfe, worauf diese zur ewigen Ruhe gelangen und die geretteten Christen in Heiligkeit leben werden, wie zu den Zeiten der Apostel.

Der Hunnenfürst in Schlatt

Ähnliches berichtet eine Sage von Schlatt, einem Dorfe unweit Krozingen in der Rheinebene. Als die Hunnen einst nach Deutschland gekommen, zerstörten sie in hiesiger Gegend Schlatt und ein Frauenkloster in der Nähe der Quelle, welche am Hügel entspringt und als Bächlein bei Feldkirch in den Rhein sich ergießt. Auf dieser Fläche kann es zwischen den Deutschen und den Hunnen zur Schlacht, wobei erstere siegten und der Hunnenfürst selbst erschlagen wurde. Die Seinigen legten den Leichnam eiligst in einen silbernen Sarg, der wiederum in Holz und Eisen eingeschlagen ward, und an der Stelle verscharrt wurde, welche jetzt noch der „Heidenbuck“ heißt. Auch sollen dem Toten große Schätze, unter Anderem ein gegossenes Kalb von massivem Golde, mitgegeben worden sein, nach welchen bis auf den heutigen Tag vergebens gesucht und gegraben wird.

In manchen Nächten, um die Zeit des Advents und der Fasten, will man auf dem alten Schlachtfelde Waffengetöse und Kampfgeschrei unsichtbar Streitender gehört haben.

Der Neugierige von Kirchhofen

Am Sigristenhause zu Kirchhofen ist noch ein alter Stein zu sehen, worauf ein Kopf ausgehauen ist, in dem ein Nagel steckt. Es soll dieses Monument, wie eine wunderliche Sage berichtet, von folgenden Ereignissen herrühren.

Es war in der Fronfastennacht, als ein Mann von Kirchhofen sich unter die Kirchenlinde stellte, um die „Fronfastenweiber,“ von welchen er schon so viel erzählen gehört, vorbeireiten zu sehen. Er stand nicht lange da, als um Mitternacht der ganze Zug auf Besen vorbei galoppierte. Eines der gespenstischen Weiber, das den Lauscher bemerkt hatte und ihn für seinen Vorwitz bestrafen wollte, sagte: „Ich will einen Nagel in den Pfosten dort einschlagen“, und im Nu stark dem Manne einen schuhlanger Nagel im Kopfe. Der arme Gefoppte trug dieses Zeichen bis über’s Jahr herum, wo er sich abermals in der Fronfastennacht unter die Linde stellte und das vorbeiziehende Weiblein flehentlich bat, ihm doch wieder von der fatalen Zierde zu befreien, worauf ihm die Alte den Nagel wiederum herauszog. Später soll diese Geschichte zur Warnung vorwitziger Lauscher, in Stein ausgehauen und an oben genannten Orte eingemauert worden sein.

Ein Sigristenhaus ist das Haus vom Mesner (Küster) oder von Lucian Reich meist Bruderhaus oder Waldbruderhaus genannt. Leider konnten wir das Haus 2021 nicht mehr finden. Wann und warum die Fronfastennacht ist, konnte ich nicht raus finden. Aber in dieser Nacht geschehen um Mitternacht viele wunderliche Dinge. Meine Vermutung ist, dass dieser Tag mit Maria Lichtmess zusammenhängt. Dies war einer der wichtigsten Tage im Bauernjahr da am 2. Februar Knechten und Mägden in der Landwirtschaft erlaubt war, ihren Dienstherrn zu wechseln.

Die fleißige Spinnerin von Bollschweil

In dem Dorfe Bollsweil beim sogenannten Kuckuck lebte in früheren Zeiten eine Frau, bekannt durch übergroße Häuslichkeit und Knausererei. Sie spann oft ganze Nächte hindurch. Als sie eines Samstags um Mitternacht noch am Spinnrad saß, klopfte es von Außen an ihrem Fenster, und als sie geöffnet, reichte eine weiße, hagere Weibsgestalt drei leere Spulen herein mit den Worten: „In fünf Minuten müssen die Spulen voll sein, sonst sehe zu, wie es dir geht!“ Die Frau weckte ihren Mann, der schon längst schlafen gegangen war, und erzählte ihr mit Zittern und Beben die Forderung der Gestalt. Der Mann aber besann sich nicht lange und riet ihr eiligst drei Fäden auf jede Spule zu spinnen. Nachdem dieses geschehen, legte die Frau die gefüllten Spulen vor das Fenster, und sogleich erschien die weiße Gestalt wieder und sprach: „Du hast einen guten Gedanken gehabt, ohne welche es dir schlecht gegangen wäre.“ – Von dieser Zeit an soll das Weib nie mehr so geackert und bis Mitternacht gesponnen haben. Auch sey, setzt die Sage bei, unter den Mädchen und Frauen Bollsweil’s das Arbeiten am Spinnrocken seitdem außer Mode gekommen (was auch anderwärts im lieben Vaterlande der Fall geworden).

Vermutlich ist mit Bollsweil Bollschweil gemeint.

Durch die Gründung der ersten fabrikmäßigen mechanischen Spinnerei auf dem europäischen Festland durch Johann Gottfried Brügelmann 1783 in Ratingen gab es für die Frauen abends zum Glück andere Beschäftigungen.

Der prügelnde Edle von Bellingen

Es war im Jahr 1813, erzählt der alte Lehrer von Bellingen, als ich zu meiner Erholung gegen Abend einen Spaziergang nach Schliengen machen wollte. Wie ich zu dem alten Bannkreuzlein komm‘, fährt eben ein beladener Waidling den Rhein aufwärts gegen Basel. Als ich so in Gedanken dastehe und dem Schifflein zuschaue – bekomme ich plötzlich von hinten ein paar so tüchtige Ohrfeigen, dass ich niederstürze – hör‘ und seh‘ aber Niemand. Dieses Schlagen soll schon Mehreren (Schulmeistern?) begegnet sein, ohne dass man weiß, wie und woher. Einige aber behaupten, es kommt von einem Edlen des Dorfes her, der geisterweise gehen müsse, weil er teuflisch gelebt habe und immer noch nicht erlöst sei, und deshalb sein Spuk treibe in heiligen Zeiten. – Genug, Ich hatte den Schaden und durfte für den Spott nicht sorgen.

Der Prior von Heitersheim und das Johanniterschloss

An den Verläufern des Gebirges gegen den Rhein liegt das Städtlein Heitersheim in einer der lieblichen Lagen des heiteren Markgräflerlandes, umgeben von Rebengeländen, Obstbäumen und Wiesen. Etwas entfernt von dem Städtlein erhebt sich aus der Ferne die johannitergemeindliche Burg, einst der Sitz der Großpriore deutscher Zunge; heutzutage aber Privateigentum und größtenteils unbewohnt. Das weitläufige Gebäude mit seinen massiven Ecktürmen und Gräben macht zwar von außen noch immer den Eindruck geziemender Festigkeit, wenn wir aber durch das verwitterte Tor in das Innere schreiten, so mahnt an uns Alles an die Vergänglichkeit irdischer Macht und Einrichtung in der. In dem Querbau, welcher den grasbewachsenen Hofraum in zwei Hälften scheidet, werden die Zimmer gezeigt, wo ehedem der Prior gewohnt; aber die weiland fürstlichen Gemächer sind leer, und ihre eingebrochenen Decken und zerissenen Tapeten dienen nur noch den Spinnen und Mäusen zum Aufenthalt, während die übel verwahrten Fenster dem Wind und Wetter Einlass geben.

Zu Ende des zwölfte Jahrhunderts soll die Veste von einem Markgrafen von Hachberg dem Johanniterorden geschenkt worden sein, welch‘ Letzterer in der Gegend verschiedene Besitzungen hatte, und zu Anfang des 16. Jahrhunderts in Heitersheim seinen Hauptsitz aufschlug. Der letzte Statthalter daselbst war Ignaz Rink von Baldenstein, welcher im Jahre 1817 verstarb, nachdem der Orden schon zwei Jahre früher aufgelöst gelöst worden war.

Das alte Schloss hatte im Lauf der Zeiten manche Unbilden erfahren. Im Bauernkrieg wurde es beinahe gänzlich zerstört und verwüstet. Die Aufrührer hatten ein Lager bezogen hart an der Grenze der comturischen Herrschaft gegen Wettelbrunn auf dem „Buck“. Nachdem sie unter Anführung des Stadtschreibers Müller von Staufen den johannitischen Zehntkeller zu Brinzingen geplündert und in den umliegenden Dörfern übel gehaust hatten, rückten sie vor das Schloss und nahmen es nach harter Belagerung, auf welcher eine teilweise Zerstörung folgte. Ähnliches geschah im Jahr 1675 durch den französischen Mordbrenner Melack.

In den Zeiten, wo noch die geistlichen Ritter hier hausten, war das Schloss der Hauptschauplatz manch fröhlicher Feste und Zusammenkünfte sowohl der Herren wie ihrer Untergebenen.

Alljährlich im Mai hielten die Ritter zu Heitersheim das Kapitelfest ihres Ordens, dem oft mehr als 60 Mitglieder an wohnten. Bei dieser Gelegenheit gab es stets großartige Bankette und Festlichkeiten, wobei nicht wenig Luxus herrschte. Namentlich war dies in der späteren Zeit des Ordens der Fall. Der letzte große Prior war ein sehr prachtliebender Herr. Wenn er ausfuhr, so geschah es immer mit einem Viergespann kleiner polnischer Pferdlein, mit Kammerdiener und Leibkutscher auf dem Bocke, während hinten oben ein Haiduck und der Schalksnarr sich präsentierten. Vor dem Wagen sah man in einiger Entfernung den Läufer springen, in roter Jacke, kurzen weißen Beinkleidern und einem schwarzen Samtbarette, worauf eine mächtige Straußenfeder prangte, in der Hand eine Pritsche, womit er entgegenkommende Fuhrwerke auf die Seite wies, um den nachkommenden Herrschaften Platz zu machen. Der Herr selbst saß in der Regel allein im Wagen, angetan mit einem schwarzen Talar, auf dem Haupte ein Sammtbarett und auf der Brust das große goldene Ordenskreuz.

Bei der Tafel war es gebührender Weise das Amt des Schalksnarren durch allerlei Possen für die Heiterkeit der Gäste zu sorgen, und selbst der große Prior blieb nicht immer von seinen Bolzen verschont. Mancher dieser Schwänke lebt noch im Andenken des Volkes. Vor allem war es der Haushoffmeister mit seinen langen, roten Nase, welchen sich der Narr zur Stichplatte seines Witzes gemacht hatte. Einmal begegnete Jenem das Unglück, an reich besetzter Tafel dem Grossprior einen Teller voll Sauce über den Rücken zu schütten, was der Schalksnarr dahin deutete: der Haushofmeister habe seinen Herren geschmiert, um eine fette Pension von ihm zu erhalten.

Es herrschte an dem fürstlichen Hofe die alte Sitte, dass die Abgaben, welche die Untertanen dahin zu geben hatten, stets mit einer Gegnerkenntlichkeit in Empfang genommen und vergoldet wurde. So mußte eben zum Beispiel die Einwohner der Orte Britzingen, Muggert, Dattingen und Güttingen den Frucht- und Weinzehend stellen und in das Schlosse verbringen, wogegen ihnen sodann für jede traubengefüllte Bütte ein Laib Brot verabreicht wurde. – Ein alter Brauch war es auch, dass die Ritter zweimal des Jahres sämtliche Weiber des ganzen Kirchspiels auf ihrer Veste bewirteten mußten, einmal auf den Tag Bartholomäi zur Zeit der Heitersheimer Kirchweih, das andermal nach beendigter Weinlese. Es läßt sich denken, welch ergiebiges Feld diese Anlässe für die Launen des Schalksnarren gewesen, „der die Weiber manchmal nicht übel traktierte, was aber weder diese noch ihre Männer zu Hause bös aufgenommen haben“. Auf einen anderen Tag im Spätjahr wurden nicht minder auch die Kinder der genannten Orte in den Zehnthof geladen, wo ein jedes, groß und klein, ein „Mütschelein“ Brot von selbstgesetztem Gewichte gereicht bekam. Es waren alle diese Tage eigentlich Volksfeste, worauf sich Jung und Alt das ganze Jahr hindurch gefreut. Mit der Aufhebung des Ordens aber hörte Alles auf, und die betreffenden Gemeinden erhielten nach langwierigen Prozessen endlich vom Staate eine Abfindungssumme von 9000 Gulden.

Über die Herrschaft Heitersheim gibt es auf Wikipedia eine umfassenden Artikel.

St. Gotthardshof, Waldbruderhäuschen und die Gotthardus Kapelle

Ehe ich von dem schönen Rheintal Abschied nahm, machte ich noch eine kleine Wallfahrt zu dem Gotthardshof, an einem waldbegrenzten Vorhügel des Gebirges, in der Nähe Staufens. Die Gnaden, die an diesem freundlichen Orte zu gewinnen sind, bestehen in nichts weniger als in einer herz- und gemütserhebenden Blick über die wohlbebaute Ebene bis hinaus in die „kristallene Ringmauer Deutschlands“, und weiter über das herrliche Elsass. Ferner in einem Glase vortrefflichen Markgräflers aus dem Keller des Hofbauern und Schenkwirths, eine Labe, die mit Maß und Ziel getrunken, alle Schwermut bannt und alle Sorgen verseucht.

In dieser traulichen Waldstille ward es etwa dreihundert Jahren dem heiligen Gotthardus eine Kapelle erbaut, weil durch seine Fürbitte die Pest abgewendet worden. Ein Waldbruder besorgte den Dienst des Kirchleins bis zu Anfang unseres Jahrhunderts unter einem seiner Nachfolger die Zelle so baufällig geworden, dass der Bruder ausziehen mußte und eine neue wieder Niederlassung auf dem benachbarten Johannisberglein gründete. Der Vogt und das städtische Gericht hatten ihm hierzu das benötigte Bauholz unentgeltlich folgen lassen, „damit er dem Gebet obliege, und Gott auf die Mutter Maria anflehe, dass endlich das leidige Kriegsungemach aufhöre.“

Eine Erzählung, die sich von einem zufälligen Reisegefährten hatte und hier wiedergeben wollte, gab Veranlassung zu dem im Anfange dieses Abschnitts beigegebenen Bildlein, welches eine solche Klausenwirtschaft von ehemals darstellen soll. Ich fand jedoch später, dass das Blättchen auch ohne weitere Beziehung bestehen könne, und es daher dem Beschauer überlassen bleiben mag, nach Belieben einiges hinein zu denken.

Den St. Gotthardshof und die Kapelle gibt es heute noch.

Das „Bildlein“ soll also eigentlich nicht die Johanneskapelle, sondern eine „solche Klausenwirtschaft“ wie den St. Gotthardhof und die Gotthardus-Kapelle daneben darstellen.

„Ne gattig Chilchli hen si do,
so sufer wie in menger Stadt,
s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“
Johann Peter Hebel

Das Münstertal mit St. Trudpert und den „Spukenden“ die auf den Feldberg verbannt wurden

Unmittelbar hinter Staufen betritt der Wanderer das Münstertal, aus dem stattlich ein First des Gebirges, der Belchen, hervorschaut. In seinen Vorbergen wird seit Jahrhunderten Bergbau betrieben, und zwar auf Kobalt und Silber. Die Gruben „Teufelsgrund“ und „Schindler“ sollen, der Sage nach, früher sehr mächtig an edlen Erzen gewesen, die Grubenarbeiter aber in der Folge so übermütig geworden sein, dass sie einst einem lebendigen Ochsen die Haut abzogen, ob welchem Frevel der Segen Gottes und die Stollen verschwunden seien und Not und Armut eingerissen habe.

Auch wird erzählt, wie zu den Zeiten, als die wundergläubige Phantasie die wenig erforschten Reiche der Natur gern mit geheimnisvollen Geisterwesen bevölkerte, in jenen Gruben sich Bergmännlein aufgehalten haben, die wohlwollend die Geschäfte der Menschenkinder förderten und ihnen in den dunklen Schachten entgegenarbeiteten: eine Freude für die dankbaren Bergleute, wenn sie die dumpfen Hammerschläge der Geheimnisvollen in der Tiefe des Berges vernahmen.

Gerne erinnern ältere Bergleute sich der Zeit, wo der Grubenbau noch von der Abtei Sankt Trudpert betrieben wurde. Manch heiteres Fest gewährte damals dem mühseligen arbeitenden Bergmann Erholung und Freude. Ein Hauptfest aber war am Tage Sankt Barbara als der Schutzpatronin der Bergleute, welch letztere sich aus den Gruben „Teufelsgrund“ und „Gotteseintracht“ bei Badenweiler alljährlich zur gemeinsamen Feier vereinigten. Früh morgens versammelten sich die ganze Gewerkschaft bei der Münstertaler Boche und Schmelze. Von da ging es im Zuge, voran die Bergwerksfahne, die Ober- und Untersteiger und eine Musikbande, zur Klosterkirche, allwo ein feierliches Hochamt abgehalten wurde. War dieses zu Ende, so begab man sich wieder auf den Sammelplatz, um die Regeln und Satzungen zu verlesen und ein förmliches Sittengericht über Zuwiderhandeln abzuhalten. Nebst diesem wurde strenge Ermahnung gegeben zur Haltung der Gebote Gottes und der Kirche.

Die zweite Hälfte des Tages sodann war der Fröhlichkeit gewidmet. Ein reichbesetztes Mahl im Klosterhofe erwartete die Teilnehmer, deren Zahl zuweilen über dreihundert stieg. Jedes Mal während dem Essen erschien auch der Prälat, der mit seinem Mohren und Heiducken im prächtigen, mit Mauleseln bespannten Gallawagen daher fuhr und seine Leute begrüßte. Später begann der Tanz, zu dem die Dirnen des Tales gerne sich einladen ließen, und wobei es gebräuchlich war, dass jede Schöne ihrem Liebhaber ein farbiges Sacktüchlein zum Geschenk machte. Zuweilen kam es auch vor, (wenn der eine oder andere Knappe ein Glas bösen Wein getrunken oder die Fratze Eifersucht ihn quälte), dass, wie bei Verbrüderungsfesten sich ziemt, ergötzliche Händel und Prügeleien ausbrachen, die nicht selten mit blutigen Köpfen endigten.

Die Kriegsjahre und endlich die Aufhebung des Klosters machten diesen Zuständen ein Ende. Seitdem, heißt es, wolle aber auch der Bergbau nicht mehr recht gedeihen; der Grubenbau ward immer lässiger betrieben und wurde zuletzt in den 20er Jahren, vom Staate an eine Privatgesellschaft verpachtet, die wenig mehr auf die Bräuche und Feste der Gewerkschaft hielt, und auch das stets so feierlich begangene St. Barbarafest eingehen ließ, nachdem die Schutzheilige bei der Knappschaft doch so viele Jahrhunderte lang in dankbaren Andenken gestanden hatte.

Wenn mit dem „Rufe Glückauf“ der Bergmann beim Schein seines Grubenlichtes in die Schachten einfuhr, und mit bösen Wettern kämpfend die reichhaltigen Adern der Erde aufschloß und zutage förderte – war sein Gedanke: Heilige Barbara, bitte für uns!

Weiter in dem Tale führt der allmählich aufsteigende Weg an den Gebäuden der ehemaligen Abtei St. Trudpert vorüber. Die Geschichte nennt diesen Ort eine der ersten Stätten unseres Vaterlandes, wo das junge Christentum Wurzeln geschlagen. Der Irländer Trudpert, der hier das Evangelium predigte, soll die einsame Talgegend von einem Ritter Otbert zum Geschenk erhalten haben. Der Bau selbst, wie er heute zu Tage mit seinem inneren kirchlichen Prunk von unseren Blicken steht, gehört einer späteren, geschmacklosen Zeit an. Ein älterer Überrest scheint allein der steinerne Brunnen zu sein in einer halb unterirdischen Seitenkapelle, welches Monument die Form eines Sarges hat, auf dessen Deckel die liegende Gestalt des Ortsheiligen ausgehauen ist.

Die Volkssage gedenkt eines Abtes, der mit zwei seiner Untergebenen ruhelos umher geistern müsse, weil er mit deren Hilfe manche Bedrückung verübt habe. Später seien die Spukenden von einem Kapuziner aus Staufen in das hohe Schneerevier des Feldberges, der bekannte Aufenthalt der Geister, gebannt worden, wo sie noch zuweilen als wunderliche Fischer oder Jäger in weidmännischen Aufzügen den Vorübergehenden erscheinen sollen.

Einem Bürstenhändler von Mezenschwand, und später einem Todtnauer Zundlhändler (ich weiß nicht, hatten die Beiden im Adler oder Sternen einige Schoppen über den Durst getrunken), begegneten die Drei in ihrer Ordenstracht an der Bärenhalde, Einer hinter dem Andern hergehend. Der Vorderste, mit einem goldenen Kreuze auf der Brust, sprach: „o weh!“ der Zweite, „die Armuth!“ und der Dritte endlich „das ungerechte Gut!“

Der Weg nach Hauenstein und Pater Lorenzo

Der Prälatenhof war eine Schaffnei des Klosters St. Trupert, welches Rebgüter und Gülten dort besaß. Ein Aufseher besorgte die Geschäfte. Zur Zeit der Weinlese, die mehrere Wochen dauerte und vom Gesinde des Klosters besorgt wurde, ging es hier besonders lustig zu; man sang und sprang bis in die späte Nacht hinein:

Viel Ochsen, viel Kühe,
Viel Maidle sind hie,
Sind Alle wol dran!
Hat keine ein Mann!“

Von Kirchhofen durften wohl junge Bursche nicht aber Mädchen an der Lustbarkeit teilnehmen.


Nach alten Berichten stand ehemals in dem Tale eine Stadt, Münster genannt, die in einer Fehde um’s Jahr 1320 von den Bürgern Freiburgs eingenommen und zerstört wurde. Dem Münsterischen Krieger, heißt es, zogen gegen Krozingen in der Absicht, die Feinde dort zu überfallen; unterdessen waren diese von Freiburg her über das Herenthal und den Kohler (einen Teil des Bölchen) gegangen, eroberten die Stadt und zerstörten sie von Grund aus. Die Einwohner sollten sich später in Staufen angesiedelt haben.

In unseren Tagen dagegen gewährt das stille Tal mit seinen wasserreichen Wiesen und hohen Bergweiden nur das Bild friedlichen Besitztumes. Das Klima Klima ist so mild, dass noch allenthalben der Nussbaum gedeiht. Die breiten Vorberge des Belchen, wohin den Sommer über die Kühe getrieben werden, liefern vortreffliche Futterkräuter, weshalb unter den Künsten des Friedens, die hier florieren, Käserei die namhafteste ist.

Noch hatte ich das Wirtshaus im „Spielweg“ nicht erreicht, als ein heranziehendes Gewitter meine landschaftlichen Betrachtungen störte. Das Sprichwort: Morgens um zehn am Bölchen ein Nebel – Mittags zwei Uhr im Thal ein Wetter, war vor meinen Augen zur Wahrheit geworden. Denn bei meiner Abreise von Staufen hatte leichter Nebel das Haupt des Alten verhüllt, die jetzt in heftigen ergüssen zu Tale gingen. Der hochanschwellende Neumagen wälzte trübes Gewässer in seinem Bette, und von allen Bergen und Berglein liefen die Wasserrinnen und überschwemmten den Weg.

Ich hatte meine Zuflucht in einem Haus an der Straße genommen, in dessen Hausgang bald noch mehrere wasserscheue Flüchtlinge sich einfanden. Zuerst ein hinkendes Männlein, dann zwei meisterlose Handwerksburschen, wovon der Eine, kaum angelangt, seine Wasserstiefel auszog und im Hausgang ausschüttete; ein Metzger mit seinem Hunde, ferner ein bemooster Waldhüter und zum Schluss ein ländliches Ehepaar mit seinem einzigen Kinde und Regenschirm. Die Hauseigentümer, wie ich hörte, ein paar fromme Betschwestern, hatten vor den unberufenen Gästen scheu die Stube abgeschlossen, wahrscheinlich weil sie in ihrer in ihren Nächstenliebe wenig gekümmert hätte, die sündigen Menschenkinder draussen in der Sintflut umkommen zu sehen.

Als das Ärgste vorüber war, verließ einer nach dem anderen die Arche. Ich hatte den, weit hinter den Fortschritten der Jüngeren zurückbleibenden hinkenden Alten, der eine kranke Schwester im entfernten Seitental besuchen wollte, unter mein schützendes Dach genommen; und zum Danke dafür erzählte er mir die Geschichte (eine Art ländlichen Romeo und Julia mit einem Vater Lorenzo auf dem Johannisberglein), die mir zum Entwurf des vorgenannten Bildleins Veranlassung gegeben.

Bald hatten wir das Wirtshaus zum Hirsch erreicht, wo mein Begleiter, nachdem wir ein Gläslein zusammen getrunken, schied, um vor Nacht noch bei der Schwester einzutreffen. – Mir aber blieb während drei langer Regentage Muße genug, Betrachtungen anzustellen, nicht sowohl über die Gegend, denn diese war meist von Nebel und Wolken verhüllt, aber viel mehr über die Abhängigkeit des Menschen von der Laune der Elemente und deren Einflüssen auf das Ding, welches man Gemüt nennt. Hier hieß es nun sich üben in jener Tugend, die nach dem Sprichwort Rosen bringt, und die, wie ich einmal irgendwo gelesen, als heilsamer Trank gegen die Unruhsamkeit des Herzens dienen und den Unmut brechen soll.

Endlich am vierten Tage schien der bleifarbene Himmel wiederum sich aufheitern zu wollen; der Regen ließ nach, und der Fremdling schnürte ungesäumt sein Ränzlein, um weiter zu wandern. Tiefhängende Wolken zogen noch um die Berge, und der kühnanstrebende Scharfenstein schaute verdüstert in das enge Tal, durch welches der alte Weg gegen Wieden, Utzenfeld und Schönau führt.

Etwa anderthalb Stunden hinter dem Wirtshause geht es durch Waldung steil bergan, längs eines berausenden Sturzbaches, der in siedender Hast durch Wurzeln und Gestein sich Bahn bricht, um unten im Tale dem Neumagen sich zu vermählen. Nach mühsamen kaum halbstündigen Besteigen sieht sich der Wanderer aus blütenreicher Landschaft plötzlich in das hohe schweigsame Revier des Schwarzwaldes versetzt, wo der alte Winter noch ungestört sein Schläflein macht, wenn unten schon lange der Frühling eingezogen. – Diesmal hatte jedoch der Überlästige bereits das Feld geräumt und kaum an den höchsten Kuppen und Bergklüften eine weiße Spur seines Daseins hinterlassen.

Wahrlich, es ist ein innerlich wohltuendes Gefühl, wenn man aus dem geräuschvollen Straßen und Märkten der Rheinebene herauf steigt zu dieser friedvollen, großartigen Ruhe des Hochlandes, zu diesem einsamen Stillleben der Natur. – Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt, und die Sonne überschaute groß und warm die Täler und Wälder. Nicht lange aber, so zogen wiederum Gewölk und Nebel, gleich den Kolonnen eines geisterhaft flüchtigen Heeres über die menschenleeren Haiden, und der Gedanke an ein schützendes Dach und etwas zur Herzstärkung verdrängte jedwede andere Betrachtung. – Ich weiß nicht mehr, war es ein Adler oder Bär, wo ich endlich fand was ich suchte, nur so viel ist mir noch erinnerlich, dass der Imbiss und das Glas Wein, kredenzt von der Hand einers schlanken, stillen schwarzwälder Kindes, welches verständig und sinnend aus seinen schwarzen Augen lugte, dem Gaste trefflich schmeckten.

Um mir einen Begriff von der Höhe meines gegenwärtigen Standpunktes zu geben, erzählte der Wirt, dass oft gegen Ende Oktober die Herren von Staufen und der Umgegend zu ihm kämen, um die reifen Kirschen zu essen. Dann kam er auf das Jahr 48 zu sprechen, und schilderte die Retirade der Freischärler nach dem fehlgeschlagenen Putsch in Staufen; und wie sich dann hier in seinem Hause der Anführer demokratisch zum Bauern verpuppt habe, während die Angeführten, ähnlich einem Schwarm wandernder Heuschrecken, alle Vorräte des Hauses aufgezehrt hätten; und wie ihm später die gezwungene Maskenverleihung und Anderes übel genommen worden sei x.

Draußen hatte es sich unterdessen wieder etwas freundlicher gestaltet, und ich sollte nicht länger meinen Gebirgsübergang fortzusetzen. Nachdem man die Wasserscheide des westlichen und südlichen Schwarzwaldes überschritten, geht es allmählich abwärts dem hinteren Wiesental entgegen, wo uns bei Utzenfeld des Feldberges bewegliche Tochter mit rauschenden Wellen ihre Grüße bringt. Wer am schönen Tage dieses Tal durchwandert, wird unwillkürlich an Hebels liebliche Muse erinnert. Natur und ihr dichterisches Bild scheinen vor dem Aug und Ohr des Beschauers in Eins zu verschmelzen; wir lesen das schöne Gedicht so zu sagen im Original, und Eines wird gehoben und gewinnt durch die Anmut des anderen:

Alles lebt und webt, und tönt in freudige Wiise;
alles grünt und blüeiht in tusigfältige Farbe;
alles isch im Staat, und will mi Meiddeli grüße!“

Meine Fahrt ging jedoch nur bis Schönau, wo ich Halt machte, um den Sonntag in der freundlichen Waldstadt zuzubringen. Die Lage dieses Ortes, an einem Ausläufer des Bölchen, unmittelbar an der Wiese, hat in der Tat etwas so Einladendes, dass, wenn je in der Brust eines fahrenden Ritters der Gedanke aufkommen dürfte, sich irgendwo bürgerlich niederzulassen, Schönau vor Allem zu berücksichtigen wäre. Ich benütze den Rasttag zu einem Spaziergang in die malerischen Gründe des Höllentales am Fuße des Hochblauen. Weil aber mein nächstes Ziel das Albthal war, so verließ ich des anderen Tages Schönau, um stromaufwärts über Utzenfeld und Bernau nach St. Blasien zu pilgern.

Begleitet von einem Schuhflicker-Altgesellen, den ich als Träger meiner fahrenden Habe aus der Amtsstadt mitgenommen, hatte ich mich auf den Marsch begeben. Trotzdem, dass mich die Straße durch den wildesten Schwarzwald führte, kann von erlebten Abenteuern so gut wie nichts berichtet werden, mit Ausnahme etwa eines lustigen Handels, den mein Sancho Pansa unterwegs in einem Wirtshause mit einem quieszierten Amtsrevisoratsgehülfen zum Besten gab. Der etwas branntweinbegeisterte Schreiber nämlich hatte die Behauptung hingeworfen, dass er bei seiner Durchreise hier zu Land missfällig bemerkt habe, wie so viele Steine in den Feldern lägen, was jedenfalls von einer schlechten Bewirtschaftung zeuge u.s.w. Mein Knappe dagegen nahm den hingeworfenen Federhandschuhe im Namen der geschmähten Landsleute auf, und suchte darzutun, dass eine gewisse Bodenart zu ihrer Fruchtbarkeit dieser Vermengung mit Steinen verlange, so wie auch durch sie Schutz erhalte bei starken Stürmen, die ohne dieselbe den Boden aufwühlen und entführen würde. Dies ungefähr das einfache Thema, über welches die Beiden mit der Verrücktheit moderner Virtuosen Pariationen machten, welche zum betäubendsten, sinnlosesten Spektakel sich steigerten, und mit einem Finale von erbaulichen Schimpfwörtern endigten.

Zum Weiterziehen fragte sodann mein sieghafter Schuhflicker, wie ich mit ihm zufrieden sei, und ob er nicht als kluger, mutiger Schildknappe mir, seinem Herren, alle Ehre gemacht habe?

Bei herrlichem Wetter durchzogen wir das Prähthal, vorüber am Singlerkopf und der einsamen Machthöh‘. Von der Steige des hohen Blößlings kletterten mühselig Wallfahrer, die wir halb eingeholt hatten, und in ihrer Gesellschaft den mächtigen Gebirgstock, welcher die Wasserscheide zwischen der Wiese und Alb bildet, erstiegen.

Die Sonne brannte heiß und zog durstig an dem Schneefeldern, welche da und dort noch um die Berghänge lagen, als wir das Albtal betraten. Diese Gegend ist eine der schwermütigsten des Schwarzwaldes; in einer Höhe, fast 3000 Fuß über der Meereshöhe, liegen die Häuser und Hütten Bernau’s, und nur die Alb, die kaum erst dem großen Mutterhaus der schwarzwälder Ströme, dem Feldberg, entquollene Schwester der Wiese, verleiht der Landschaft einiges Leben. Die Straße führt von hier zunächst nach dem ehemaligen Stift des St. Blasien. Den Anblick dieses Kloster macht einen eigentümlichen Eindruck, indem der Fremde kaum erwarten dürfte, inmitten schwarzwälderisch einsamer Tannenberge nach einem italienischem Muster der Kirche Maria della Notonda erbauten Tempel mit seinen mächtigen Kuppeln emporragen zu sehen. Es ist dieser Bau, eine Schöpfung des berühmten Abtes Gerbert, unter dessen Verwaltung in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts das Gotteshaus großen wissenschaftlichen Ruhm erlangt hatte.

Das Tal wird von hier ab etwas mannigfaltiger, doch mag es den Wanderer noch überall daran erinnern, dass er inmitten des hohen Schwarzwalds sich befindet. Weiter hinaus begegnen wir schon hin und wieder den malerischen Trachten des hauensteinischen Unterwaldes; das Tal wird enger und düsterer und bietet in seinem Verlaufe bis zum Rheine manches Bild schauerlich erhebender Naturgröße.

Ich hatte jedoch die Albufer verlassen und mich links gewendet, um durch den Hagwald über Birndorf und Alpfen zu wandern. Die südlich abfallende Gegend verliert hier allmählich ihren unmilden Charakter, und Obstbäume, Kornfelder und zuletzt die Weinrebe treten an die Stelle der einförmigen Tannenforste und spärlichen Bergfelder.

In den Dörfern, die ich durchzog, wurden schon überall auf das nahe Feste des Fronleichnamtages gerüstet. Die Kirchen prangten bereits im sinnigen Schmucke grüner Laubbäume, und die Kinder liefen überall mit Körben und Blumen am morgen den farbigen Teppich bereiten zu können, auf welchem die Prozession wandeln sollte.

Es war bereits Abend, als ich in Hauenstein ankam und im schwarzen Adler, dem einzigen und deshalb besten Gasthofe der Stadt, mein Absteigequartier nahm. Ich mußte der Tochter meines Wirts Recht geben, als sie mich, als sie mich versicherte, man nenne Hauenstein eigentlich nur aus Spaß eine Stadt. Der Ort nämlich besteht lediglich aus einer kurzen Reihe Häuser, welche mit der Rückseite die unmittelbare Nachbarschaft des Rheins haben, während vorne der schroffansteigende Burgfels kaum notdürftig Raum zur Führung einer Landstraße übrig gelassen.

Entstanden aus den Nachkömmlingen der Dienstleute der alten Burggrafen, besitzt die Bürgerschaft nur einige spärliche Gartenplätze an der Schloßhalde und im Inneren des alten Gemäuers, wo einst die stolzen Herren des Landes saalten. Hauenstein ist gewiss die einzige Stadt im Badischen, welche kein Museum, keine Lesegesellschaft, keinen Gesangsverein, ja nicht einmal ein abonniertes Bierstüblein besitzt; ob aber die dortigen Beamtenfrauen (nebst den Ortsvorgesetzten finden sich einige Grenzzollwärter daselbst stationiert) auch bei Kartenspiel und Tee in den ehrbaren Wochenvisite sich versammeln, ist mir nicht bekannt.

Während ich mein Nachtessen einnahm, erzählte mir die Wirtstochter mancherlei von ihrem Vaterort. Unter Anderem gab sie auch ein artiges Rätsel zum Besten, welches also lautete: Ist es eine Stadt im Badischen, worin 30 Sigristen sind, und jeder hat zwei Glocken zu läuten! Als ich hierauf zweifelnd Hauenstein nannte, sagte die Schöne „ja, denn es sind im Ganzen hier 30 Bürger, und jeder hat die Verpflichtung, zweimal des Jahres das Glöcklein in der Kapelle im Schlossberg zu läuten.“ Das Städtlein hat nämlich außer einer kleinen Kapelle keine Kirche, und ist nach Luttingen, einem größeren Dorfe am Rhein, eingepfarrt.

Da heißt der Tagesmarsch hatte mich ziemlich müde gemacht und ich begab mich bald in mein Schlafgemach, dessen Fenster auf den Rhein hinaus gingen, der, unruhig, als spüre er schon den Fall des nahen Laufen’s, in breitwallenden Strudel vorüberflutete und in seinem Schlagen und Tosen den Bewohnern Hauensteins sein Schlummerlied singt.

Am folgenden Morgen bestieg ich früh den Schlossberg, um dem alten gräflichen Hause, an dessen Thore seit Jahrhunderten weder Schloss noch Riegel dem Ankömmling den Eingang wehren, einen Besuch abzustatten. Die Burg muß einst von beträchtlichem Umfang gewesen sein; ihre gebrochene Mauern sind aber bis auf weniges abgetragen, weil bei Sturm und Wetter oft losgebröckelte Steine herunter fielen und auf die Dächer und Straßen des Städtleins. Von dem Geschlechte, welches hier gehaust, berichtet die Geschichte wenig. Nur so viel ist gewiss, dass der Gau, über den die Grafen einst geherrscht, noch deren Aussterben, im Laufe des 13. Jahrhunderts, an das Haus von Habsburg kam. Der Hauensteiner aber spricht noch heutigen Tages von ihnen, als habe er sie bei Lebzeiten gekannt, und die Privilegien, welche der letzte hauensteinische Herr, Graf Hans, dem Volke verliehen haben soll, sind noch frisch im Angedenken.

Halbverhüllt von Nebel lag das Land zu meinen Füßen; der Tag schien blass und trübsinnig, noch nicht völlig erwacht zu sein. Aber die Morgenglocken rings umher und die Vögel in den rückwärts liegenden Laubhölzern, sowie die Menschen, welche schon geputzt vor den Häusern standen, hatten oft offenbar Festtag. Und als später die Sonne aus den Dunstgebilden hervorgetreten und die Glocken von Luttingen her zur Kirche riefen, zogen die Einwohner truppweise aus dem Städtlein; die alten in ihrer ehrenfesten Landestracht, die Jungfrauen und die Kinder begränzt; und auch der Träumer auf dem alten Gemäuer verließ seinen Platz, um sich dem Zuge zum schönen Feste anzuschließen.

„Ne gattig Chilchli hen si do,
so sufer wie in menger Stadt,
s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“
Johann Peter Hebel

Hauenstein ist laut Wikipedia seit dem 1. Januar 1972 ein Stadtteil von Laufenburg im Landkreis Waldshut. Bis dahin war Hauenstein die kleinste Stadt Deutschlands.


Trachtenträgerin und Trachtenträger aus dem Hauenstein von Rudoph Gleichauf.
Bilder im Kelnhof in Bräunlingen.

In Dogern auf der Suche nach einer Chronik

Von meinem Wirte in Hauennstein hatte ich erfahren, dass sein Genosse, der Hirschwirth wird in Dogern, eine geschriebene Chronik besitze, von einem seiner Vorfahren verfasst, der lange Zeit das Amt des Einungsmeisters bekleidet habe. Da ich ohnehin die Stadt Waldshut besuchen wollte, so beschloß ich, in jedem Dorfe einzusprechen und der alten Schrift nachzufragen.

Dogern liegt in der Nähe des Rheines sehr angenehm zwischen Wiesen und Baum- und Weingärten, die einigermaßen an die gesegnete Fluren des Breisgau erinnern. Das Wirtshaus zum Hirsch zeigt in seinem Äußeren etwas bürgerlich Wohlhabendes, so wie überhaupt der ganze Ort. Die Straßen waren bei meiner Ankunft vom vormittägigen Feste her noch mit Blumen bestreut; aus den Wirtsgarten zogen weißgekleidete Stadtjungfern als Priesterinnen der Flora mit Sträußen in den Händen. Im Wirtshause aber ging es ziemlich lebhaft und munter her, weshalb ich meine Altertumsforschung auf den stilleren Morgen versparen wollte.

Was mir aber gleich beim Eintritt in die Trinkstube aufgefallen, waren einige Familienporträts, die an den Wänden hingen. Das Eine, halbe Figur, hatte besonders meine Aufmerksamkeit erregt. Es stellte einen Mann vor in reiferem Alter mit langem Barte, verständigem Blicke und scharf ausgeprägten Zügen. Die dunkelgrüne Jacke ohne Kragen, sowie das rote, bis auf die Knie gehende Unterwams bezeichneten den Hauensteiner, während das Schwert an seiner Seite und eine große goldene Medaille, welche an roten Bande auf seiner Brust hing, besondere Würde und Auszeichnung vermuten ließen. Als ich näher schaute, las ich auf einem entrollten Blatte, welches der Maler dem Manne in die Hand gegeben, die nähere Bezeichnung; „Gnadenbrief“, hieß es, „von Carlo, dem VI. Römische kais. Majestät dem Joseph Tröndlin von Alpfen, Einungsmeister der Grafschaft Hauenstein.“

Da ich zufällig kurz vorher einiges über die Geschichte der Grafschaft gelesen hatte, so reichte mir meine historische Kenntnis gerade hin, zu wissen, welch bedeutende Stellung dieser Mann in den Wirren des sogenannten Salpeterkrieges, im Laufe des vorigen Jahrhunderts eingenommen. Joseph Tröndlin war nämlich in jener Zeit das Haupt der rechtlich gesinnten Partei im Lande, welche, gegenüber dem fanatisch verblendeten Salpeterbunde, die Tröndlin’sche, oder, weil jener zugleich Müller war, die Müllerische genannt wurde. Der wackere Einungsmeister war von den Gegnern so sehr gehasst und gefürchtet, dass einst ein Weib aus dem Volke öffentlich aussprach: es wünsche mit diesem Mann in ein und derselben Stunde zu sterben, weil dann alle Teufel nur auf ihn Acht haben müßten, dass ihnen die Seele dieses Bösewichts nicht entgehe. –

Zwei andere Bildnisse, die ich jedoch wegen der einbrechenden Dunkelheit nur unvollkommen betrachten konnte, hatten, wie mir später der Wirth bedeutete, das eine den Redmann Konrad Ebner, weiland Hirschwirt in Dogern, das andere seine Ehefrau Katharine zum Gegenstande. In der Hoffnung, mehr von dem Leben dieser ehrsamen Einungsvorstände zu erfahren, hatte ich mich entschlossen, im Wirtshause zu übernachten. Am folgenden Morgen beim Frühstück lenkte ich sodann den Diskurs wieder auf die Bildnisse, und versäumte nicht, auch nach der Chronik zu fragen. Das Dokument war jedoch nicht mehr vorhanden; mein Herbertsvater hatte es, wie er mir sagte, vor längerer Zeit einem Schweizer sogenannten Altertumsfreund geliehen, aber trotz aller angewandten Mühe nicht mehr zurück erhalten.

Der gefällige Mann, als er mein Interesse an Allem, was die Verhältnisse seiner Vorfahren betraf, wahrgenommen, erzählte mir noch Manches aus der früheren Zeit, und legte mir unter Anderem auch einige abgerissene Blätter aus einem Tagebuch vor, welche kurz Notizen der Familie enthielten. Und weil Bauwerke, Möbel und andere Hinterlassenschaften uns in der Regel ein anderes Bild vergangener Tage vergegenwärtigen, als selbst Worte und Schriften, so folgte ich dem Wirte gern durch alle Räume seines Hauses, welches von dem Redmann Konrad Ebner erbaut, noch in Allem so ziemlich die alte gute Zeit repräsentierte. Auf den breiten, mit hölzernen Docken und Geländern eingefassten Gängen, hingen verschiedene Bildnisse aus dem österreichischen Kaiserhause, die wohl in die Gesinnung des früheren Besitzers andeuten mochten, und in einem geräumigen Zimmer des oberen Geschosses erinnerte noch Vieles an die Solidität alt bürgerlicher Einrichtung. Auch ein großes Porträt, welches den Redmann Ebner in seiner Amtstracht vorstellte, war an dem an der Wand zu schauen, sowie dessen Kanzlei noch in einem rückwärts gelegenen Anbau des Hauses gezeigt wurde.

Alle diese Erinnerungen ließen in mir den Wunsch entstehen, die gewonnenen Materialien zur kleinen Geschichten zu ordnen und mit einem bildlichen, dem Familienportrait entnommenen Darstellung zu ergänzen, welche Arbeit im nächstfolgenden Kapitel eingefügt werden soll.

Fortsetzung hier:

Wanderblühten – Die Familie des Einungsmeisters

Wanderblühten – Das Buch

Zackeneule

Liebe Bürgerpostleser,  

darf ich Ihnen die Zackeneule vorstellen? Vielleicht kennen Sie diesen Nachtfalter ja schon. Das Besondere ist, dass er als Falter den Winter übersteht wie einige bekannten Tagfalter auch: Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, Aurora- und Zitronenfalter um die wichtigsten zu nennen. 

Das Bild zeigt ihn innen an unserer Garagenwand hängend am Fastnachtsdienstag, den 4. März 2025. Ich war sehr überrascht und wußte nicht, ob er tot war oder lebte. Ich getraute mich auch nicht ihn zu berühren, nicht dass ich ihn im Winterschlaf störte. Warten war meine Devise und tags darauf war die Zackeneule verschwunden. Der Hammer war, dass am 5. März 2025 Dr. Hans-Peter Straub aus Königsfeld das Bild unten schickte, eine wache Zackeleule. Zwei Standorte und die gleiche Situation mit Faltern, die frisch aus der Winterruhe gekommen sind. Außer die Hausener Zackeleule ist über Nacht nach Königsfeld geflogen, das wäre doch der Oberhammer.

Die Beine sind weiß und braun gemustert. Die Raupen werden ca. 50 Millimeter lang und haben einen schlanken Körper. Die Tiere sind weit verbreitet, unter anderem in Europa, Asien und Nordafrika. Sie leben in verschiedensten Lebensräumen, wie z. B. in Laubwäldern, an Gewässerufern und am Rand von Mooren und Sümpfen, aber auch in Gärten und Parks. Die nachtaktiven Falter können mit ihrem starken Saugrüssel Früchte, wie etwa Brombeeren, anstechen und aussaugen. Sie überwintern als Falter an Orten mit hoher Luftfeuchtigkeit, wie z. B. in Höhlen oder feuchten Kellern und Garagen. 

Die Zackeneule fliegt jährlich in zwei Generationen von Juni bis Juli und von August über den Winter bis in den Juni des nächsten Jahres. Die Raupen findet man von Mai bis Juni und von Juli bis September. Sie ernähren sich vor allem vom Laub von Salweide, Korb-Weide und Zitterpappel sowie von weiteren Arten der Gattungen Weide und Pappel. Die Verpuppung findet an der Basis der Pflanzen zwischen Blättern oder direkt am Boden statt. Die Puppe ist schwarz.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Wanderblühten – Pilgerfahrten

Pilgerfahrten durch das Breisgau und den Schwarzwald

Es war, soviel ich mich erinnere, am 9. Mai, als ich aus dem Unterlande kommend, am Freiburger Bahnhof ausstieg, um von dort meine Reise zu Fuß weiter fortzusetzen.

Das Wetter, auf welches ein Fussgänger immer zuerst achten muss, zeigte mitunter schon jene Laune zu Regen und Wind, die bis tief in den Sommer hinein anhielt und gerechte Besorgnisse einer Missernte erregte. – Den Tag vorher hatte ein heftiger, aus Südwesten tosender Sturm mit Regenschauer die umliegenden Berge, den nahen Brunnberg, den Roßkopf, Schauinsland und Gerstenhalm bis tief herunter in das Tal mit Schnee bedeckt, und den ohnehin grauen Scheiteln des Kandel, Feldberg und Bölchen frischen Puder aufgestreut. Die folgenden Tage jedoch waren leidlich und mitunter so schön, wie sie ein fahrender Ritter nur immer sich wünschen mag.

Der junge Mai hatte allenthalben schon sein Panier entfaltet; in warmen Tagen sproßten bereits Roggenähren, und die Kirschbäume in ihrer Blütentracht standen wie weißgekleidete Ehrenmägdlein des Frühlings in der lichten grünen Landschaft.

Nach kurzem Aufenthalte in der alten Zähringerstadt wendete ich mich längs der westlichen Vorhügel des Schwarzwaldes hin, wo an der Grenze des heiteren Markgräflerlandes, am Ausgang des Münstertales das Städtlein Staufen liegt. Bei einer verwandten Familie, die in dem ehemaligen Kapuzinerkloster ihre Wohnung hat, nahm ich mein Absteigequartier. Von diesem Punkte aus hatte ich nun die beste Gelegenheit, in Kreuz- und Querzügen die Gegend zu durchstreifen. Und weil bekanntlich jeder Mensch seine besondere Interessen und Liebhabereien auf der Welt hat, so war es mein Geschäft, mancherlei Geschichtliches und Sagenhaftes* nebenbei zu sammeln und meinem Gedenkbuche einzuverleiben.

Hieraus entstand nun zunächst eine kleine Mosaik von örtlichen Zügen und Begebenheiten, welche zur Kurzweil des geneigten Lesers hier eine Stelle finden mag.
*Größtenteils Mittheilugen des Oberlehrers Seyferle in Staufen.

Johanneskapelle

Wenn der Wanderer auf der Straße von Krozingen gegen Staufen kommt, erschaut er links auf einer weinbegrenzte Höhe die Trümmer des ritterlichen Hauses der ehemaligen Herren von Staufen. Unten an der Burghalde, wo jetzt Rebenfeld ist, stand früher eine zum Schlosse gehörende Kapelle. Als die Ritter einst im Felde lagen mit dem Schweizer Herren Schaler von Benken, geschah es bei einem Überfalle, dass die Burgherren durch einen unterirdischen Gang nach der nahen Rödlesburg sich flüchteten, ihre weiblichen Dienstboten aber, die Mägde und Köchinnen, allein auf der bedrohten Burg zurückblieben.

Wie nun die verlassenen Weiber die Gefahr, in der sie schwebten, wahrgenommen, lief ein Kammerfräulein in die Burgkapelle, fiel vor dem gemalten Bilde der heiligen Jungfrau auf die Knie und flehte um die Rettung der aus der großen Not. Als wäre ihr während des Gebetes ein kühner Rettungsgedanke geoffenbart, wendete sich das beherzte Mädchen hierauf zu den Übrigen: „Zünden wir die Burg an“, rief sie, „das gnadenreiche Muttergottesbild mit dem heiligen Kinde will ich flüchten. Wenn die Feinde das Haus in Flammen sehen, werden sie ablassen, und wir sind gerettet!“ Sie selbst legte den Feuerbrand ein, und als die Lohe emporschlug, nahm sie das Muttergottesbild und warf es über die Mauer in das Gehürst, welches die Halde bedeckte.

Nachdem die Kriegsknechte abgezogen, wurde das Bildnis wiedergefunden und in der neu erbauten Kapelle an der Burghalde aufgehängt. Welcher Dank jedoch der mutigen Jungfrau von ihren Herren, den furchtsamen Rittern, geworden, wüßte ich nicht zu berichten.

Das Rebenfeld an der Burghalde ist einem Baugebiet gewichen, aber der Stationenweg an die Johanneskapelle ist noch da. Laut Wikipedia wurde die Kapelle im Jahre 1685 von dem Eremiten Johannes Willi nach Zerstörung seiner alten Einsiedelei beim Gotthardhof errichtet und Johannes dem Täufer geweiht.

Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in
menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“
Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von
J. Nepomuk Heinemann

Bei einem Einbruch 2006 in die Johanneskapelle wurden das Altarbild, Holzskulpturen sowie zwei Votivbilder gestohlen. Wobei der Hochaltar, der 1730 der St.-Sebastian-Kapelle auf dem Friedhof gestiftete wurde, erst Ende des 19. Jahrhunderts in die Johanneskapelle kam. Also hat Lucian Reich den Altar damals nur in der Friedhofskapelle besichtigen können.

Auf den Fotos ist eine Leihgabe der Erzdiözese: Eine barocke Muttergottes und darüber das Haupt Johannes des Täufers. Zur Info: Wenn man auf die einzelnen Bilder klickt, erscheint unten die Beschriftung.

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Rödelsburg

Von der Rödelsburg, (deren wenige Mauerreste von einem einsam, mit tannenbedeckten Hügel herabschauen), wohin sich jene salviert, meldet eine Sage Folgendes.

Es war vor etwa zwölf Jahren, als ein Hirtenbub seine Schafe in der Nähe einer Brunnenquelle am Rothenhofe waidete. Als er, um zu trinken, gegen das Brünnlein schritt, vertrat ihm ein schönes Edelfräulein den Weg mit dem Ansuchen, es zu erlösen. Um Mitternacht, bat sie ihn, solle auf die alte Rödelsburg kommen, an deren Tor er eine Kröte und eine Schlange als Wächter finden werde. Was dieses Paar auch gegen ihn unternehmen würde, er solle unverzagt vorüber in den Hofraum schreiten, wo sie ihn dann in das Burggewölbe führen werde zu dem Schatze, durch den sie alleine erlöst werden könne. Vollbringe er aber das Werk der Erlösung nicht, so müsse sie wiederum warten, bis die Zeit gekommen, wo ein Rabe eine Eichel fallen lasse, und diese zum Baume heranwachsen sey, aus dessen geschnittenen Brettern der Schreiner eine Wiege gefertigt, in welcher ein Knäblein großgezogen werde, welches ihre Erlösung zu bewirken vermöge. Dieses aber könne 100 Jahre gehen.

Der Bub ging nach Hause und erzählte die wundersame Geschichte seinen Eltern, die ihr Söhnlein allfolglich zum Pfarrer führten, der ihm zusprach und ihr heilige Sakramente spendete, auf dass er das Abenteuer ohne Schaden bestehen möge. In mitternächtlicher Stunde nähert sich der Bursche der verödeten Burg. Ein furchtbarer Sturm wühlt in den Bäumen und Hürsten; es blitzt, donnert und kracht als käme der jüngste Tag. Die wackeren Torwächter speien Feuer und Flammen gegen den Eindringling, welcher entsetzt sich flüchtet und den Berg hinunter eilt, ohne das verdienstliche Werk vollbracht zu haben.

Ob nun, seitdem der Rabe erschienen, weiß ich nicht zu sagen, eben so wenig den Grund der Ruhelosigkeit des wandelnden Fräuleins. – War es vielleicht eine Spekulationsheirat, die sie um den Frieden ihrer Arm Seele gebracht? Oder hing ihr Herz im Leben allzufest an dem betrügerischen Mamon, der noch nach dem Tode sie beunruhigte? – Genug, das Erlösungswerk soll bis heute noch nicht vollbracht sein.

Ein Hirtenbub sollte hier ein Edelfräulein erlösen. Das Tor wurde aber so sehr von einer Kröte und Schlange bewacht, dass der Bub reißaus nahm. Jetzt muss das Fräulein auf seine Erlösung warten, bis ein Rabe eine Eichel einpflanzt, aus deren Samen ein Baum wächst und deren Bretter für den Bau einer Wiege verwendet werden, in der ihr Retter als Baby schläft.

Geschichtsfunde aus Staufen

Im folgenden listet Lucian Reich einige Geschichtsfunde aus Staufen auf.

Im Jahre 1106 herrschte großer Schrecken in den Breisgauischen Landen. Die Sonne hatte nämlich die dreifarbige Cokarde aufgesteckt und Alles war, wie eine Privatchronik sagt, bestürzt und glaubte, der jüngste Tag wäre nahe.


Vom Jahr 1400 wird berichtet, dass der Winter übermäßig streng gewesen, und viele gefräßige Wölfe über den Rhein herübergekommen seyen, welche das Land unsicher gemacht hätten. Ähnliches soll auch später geschehen sein, zum Beispiel im Melakischen Kriege und anno sechsundneunzig.


Weiter erzählt der Chronist, wie im Jahr 1401 die Juden aus Staufen vertrieben worden sein. Die Weiber der guten Israeliten wurden beschuldigt, Christenkinder in ihre Wohnung gelockt, ihnen die Kleider abgezogen und die Beraubten mit schlechten Fetzen bekleidet wieder entlassen zu haben. (Wahrscheinlich nur im figürlichen Sinne gemeint.) Als zu dieser Beschuldigung noch weitere unheilvolle Gerüchte kamen, geschah es, dass die Häuser der Juden angezündet wurden, worauf ihre Bewohner unter Wehklagen abzogen und die Stadt verließen.


Später, im Jahr 1551, kam ein großes Brandunglück über die Stadt und hätte, wie man später oft sagen hörte, noch Schlimmeres geschehen können, wenn der Jude Aaron Levin von Sulzburg, der zufällig hier gewesen, das Feuer durch seine Kunst nicht gestillt hätte.


Als in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts der Bauernkrieg ausbrach, stellte auch Staufen seine Leute. Es war am 19. Mai 1525, als die Schlösser Höhingen, Dachswangen und Kranznau von den Aufrührern eingenommen und verwüstet wurden. Bei der Plünderung des letzten Schlosses zeichnete sich besonders ein gewisser Faßlin, Beutemeister von Staufen aus. Dieser Mann hatte sich mit seinem Haufen etwas verspätet und kam, weil nicht mehr viel zu finden war, mit dem „langen Fischer“ in heftigen Streit. Endlich fand er noch in einer entlegenen Kammer einen eisernen Ofen, den er an Etliche von Schaffhausen um vier Gulden verkaufte, und hernach dem Hans Karrer dem Auftrag gab, das Schloss anzuzünden, welches bald in hellen Flammen aufloderte und in Trümmer sank.


Im Jahre 1586, meldet eine alte Schrift, habe in Staufen ein gottesfürchtigen Weib gelebt, Anna Sütterlin, das, hundert und vier Jahre alt, noch viel von den Schlossherrn und den Bauern Krieg zu erzählen wusste.


Die bösen Wetter des 30-jährigen Krieges, dessen Schläge so tiefe Narben im Leben des deutschen Volkes hinterließen, berührten vorzugsweise auch die breisgauischen Lande und mit ihnen das Städtlein Staufen.

Die Jahre 1621 und 1622 waren der Anfang einer bösen Zeit; nichts als Kriegspräsentationen zur Anwerbung von Leuten zu Ross und zu Fuß; und je länger desto böser wurde es, so dass die Münzen so hoch im Wert stiegen, dass im Jahr 1623 der Reichstaler sechs fl. galt, eine Dublone aber 20 fl.

Bei diesen verderbten Kriegswesen wollte alles in den Krieg laufen, inmaßen Viele von hier weggezogen, aber mit wenig Ruhm heimkamen. – Das Land ist in Zerfall geraten, und waren überall schlechte Sitten, so dass viele Leute, wenn alltäglich, die große Glocke um zwölf geläutet wurde*, leider nicht darauf achteten, ja Manche den Hut nicht einmal mehr abgezogen.“
*in katholische Landen zum Gedächniß der „sechsten Stunde“, da Christus am Kreuze hieng und Finsterniß über die Erde kam.


Ein Menschenleben galt dazumal wenig. Es wurde oft Bürger in den Städten, Bauern im Felde, Hirten, reisende Kaufleute erschlagen, mir nichts, dir nichts, ohne dass ein Hahn nach innen gekräht hätte. Zuweilen wurden die Leute, und zwar von beiden kriegsführenden Parteien gleich, „so unmenschlich behandelt, dass alles in die Wälder fliehen musste.“ Viele Kinder wurden auf der Flucht geboren und getauft im Walde, in Kohlhütten und auf freiem Felde; und nicht selten setzte es in den Häusern der Quartierträger blutige Händel ab. Im Jahre 1642 hatte, wie man sich noch in Staufen erzählt, der alte Schneider Galli einen rabiaten Schweden im Quartier, der weder mit Kost noch Logis zufrieden sein wollte. Der Schneider sagte, dass er nichts Besseres zu geben imstande sei, indem er durch die früheren Einquartierungen alles eingebüßt habe. Der Soldat aber, nicht faul, stößt ihm den Spieß durch den Leib, so dass der Galli in drei Stunden darauf den Geist aufgeben musste. Die Schneidersfrau aber und ihre drei Buben fielen über den Schweden her und erschlugen ihn, worauf die Schwedischen fünf Häuser in Brand steckten und wohl noch mehr getan hätten, wenn sie nicht eiligst hätten abziehen müssen, weil die Kaiserlichen in Anzug waren.


Infolge einer Missernte und der vielen Einquartierung war im Jahr 1630 große Teuerung entstanden. Der Wein jedoch war geraten und sehr wohlfeil. „Da war ein solch übermütiges Zechen bei Reich und Arm, Mann und Weib (denn der Wein war sehr gut, aber das Brot schlecht und teuer), dass immer Alles voll war, Jung und Alt, alldieweil mit das Weinlein gewähret“-


Um die nämliche Zeit starb hier in des Willis Stall der hinterlassene 9-jährige Knabe des Michael Wüst, dieses gottlosen, flüchtigen und treulosen anjezo Soldaten unter Frankreich. Niemand war bei dem Kleinen. Er ging lange Zeit, „als armes vater- und mutterloses Waislein gänzlich ausgehungert, krank und elend herumben und wurde auf dem Kirchhof an der Mauer begraben.


Die „dreifarbige Cocarde“ die das Breisgau in Angst und Schrecken versetzte war wohl keine Sonnenfinsternis. Es gab zwar eine am 1. August 1106, aber die war in Deutschland gar nicht zu sehen. Vielleicht konnte man Teile davon sehen und deshalb die „dreifarbige Cocarde“ oder es war ein Vulkanausbruch irgendwo auf der Welt.

Ebenso finde ich nichts zu den Melakischen Kriegen im 14 Jahrhundert.

Juden in Staufen

Die Ratsherren von Freiburg unterzeichneten 1401 feierlich den Beschluss, „daz dekein Jude ze Friburg niemmerme sin sol“.[Wikipedia] Vermutlich haben dies die Staufener nach gemacht.

Im Jahr 1551 rettete der Jude Aron Levi Staufen vor einem größeren Feuer durch „seine Kunst“

Bauernkriege in Staufen

Am 19. Mai 1525 wurden die Schlösser Höhingen, Dachswangen und Kranznau verwüstet. Bei der Versüstung von Kranznau war ein gewisser Faßlin von Staufen und der lange Fischer als Beutemeister, besonders beteiligt. Faßlin von Staufen und der lange Fischer stritten, da sie wohl zu spät zum plündern kamen. Sie raubten dann einen eisernen Ofen und verkauften ihn nach Schaffhausen. Danach zündeten sie das Schloß an.

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Dreißigjähriger Krieg in Staufen

Hier erzählt er unter anderem die Geschichte vom alten Schneider Galli von 1642. Dieser wurde von einem Schweden mit einem Spieß erstochen, weil der Soldat mit dem Quartier nicht zufrieden war. Der Schwede wurde darauf hin von der Frau und den drei Söhnen des Schneiders erschlagen. Aus Rache hätten die Schwedischen fünf Häuser in Brand gesteckt und hätten wohl noch mehr getan, wenn die Kaiserlichen nicht im Anzug gewesen wären.

1630 scheinen sich die Staufener von Wein ernährt zu haben. Ebenso um diese Zeit starb ein neunjähriges Kind, dessen Vater, der Michael Wüst, in den Krieg gezogen war. Allem Anschein nach hat man den Jungen verhungern lassen und an der Friedhofsmauer begraben.

Kirchhofen

In dieser Zeit wurde auch das Pfarrhaus Kirchhofen durch die Schweden zerstört. In der Kirche dieses Ortes befindet sich am Hochaltar ein Stein mit folgender Inschrift:

„Anno 1633 den 19. Brachmonat, ist Kirche, Schloss und Kirchspiel verbränt und kam das Land in schwedische Händ; ungefähr 500 Bauersleute erbärmlicher Weis totgeschlagen, darunter 89 vom Pfaffen- und Oelinsweiler waren. Gott wolle ihnen und allen geben ein fröhlich Auferstehen. Amen – Gott und Maria seiner lieben Mutter zu Lob, hab ich Hans Scherlin und Anna Göpfridin mein ehelich Frau, weil uns Gott, durch Fürbitt Maria wunderbarlich durch das leidig Kriegswesen erhalten, den Stein anher verehret.“

Eine alte Schrift im Pfarrarchive zu Kirchhofen erzählt Die Begebenheit, welcher das Denkmal seine Entstehung verdanken soll, auf folgende Weise. – Zur Zeit, als die Schweden unter General Horn das Breisgau überzogen und Breisach belagerten, versammelte der greise Kastellan des Schlosses (ein Dienstmann derer von Weyher) zu Kirchhofen die streitbaren Männer des Kirchspiels, und stellte ihnen die gefahrdrohende Lage des Landes vor mit der Aufforderung, die Waffen zu ergreifen und den Feind von vaterländischen Boden verjagen zu helfen. Unter der Führung des jugendlichen Waldmeisters Hans Scherlin ordneten sich die willfährigen Kirchenspielsgenossen, um, vereinigt mit den Truppen des Herzogs Feria, vor Breisach zu ziehen, welches von den Schweden belagert wurde. Vor dem Ausmarsch überreichte Anna, des Kastellans Töchterlein, dem mutigen Scherlin, ihren Verlobten, eine Rose, welche sie einst von einem Pilgrim aus dem Morgenland erhalten hatte, und die Demjenigen, welcher sie trug, geheime Kräfte verleihen sollte.

Die Schar zog aus und schlug sich rühmlich, wurde aber zuletzt genötigt, von den überlegenen Feinden zurückzuweichen und sich wieder in’s Kirchhofer Schloss zurückzuziehen. In diesem vesten Baue hatten sich auf die Kunde von dem Auszug des Feindes bereits 90 Bauern von Oelinsweiler und Pfaffenweiler versammelt, um den Platz auf Tod und Leben zu verteidigen. Scherlin mit seiner Schar postierte sich am Fuße des Hügels vor der Kirche, wo ein Verhau von Reiswellen und Baumstämmen den Weg versperrte. Als die Feinde nahten, ertönten die Sturmglocken, und mancher „ketzerische Schwed“ ward von den Verteidigern zu Boden gestreckt, bis Letztere endlich im Rücken angegriffen sich auf’s Schloss zurückziehen mussten. Ein Wassergraben, über den eine Zugbrücke führte, umgab die Veste, hinter deren Mauern die Kirchspielgenossen mit Karthaunen und Doppelhacken dem Feind weidlich aufzuspielten.

Unterdessen hatten die Schweden das Dorf eingeäschert und auch die Kirche wurde ein Raub der Flammen. In diesem heiligen Orte war kurz vorher Anna, des Kartellans Tochter, mit mehreren Jungfrauen im Gebete versammelt, als die wilden Soldaten heranstürmten. Nirgends mehr einen Ausweg vor sich sehend, betete Anna zur Muttergottes; da schien es dem Mädchen, als winke das Gnadenbild von der Hand zur Seite nach der Türe des Turmes, die offen stand und ins Freie führte. Die Jungfrau folgte dieser Eingebung und führte ihre Gespielinnen glücklich hinaus über die Türme dem Walde zu, worin schon vorher die Einwohner sich geflüchtet hatten.

Die Nacht war unterdessen hereingebrochen und an den rauchenden Feuerstätten ragte allein noch unversehrt das Schloss. Es war dem Feinde gelungen, die Schleusen des Wassergrabens zu zerstören und so diesen trocken zu legen. Früh am Tage stürmten sie die Mauern. Der heftige Kampf fand am Tore bei der Falltür statt, wo Schafffaluzki, der schwedische Obrist, selbst, den Angriff leitete. Durch Feuerbrände, welche über die Mauern in’s Schloss geschleudert wurden, kamen die Belagerten in Gefahr, unter den einstürzenden Giebeln begraben zu werden. Hans Scherlin, der tapfere Führer, war gefallen, und die Überlebenden suchten durch Capitulation freien Abzug zu gewinnen. Es wird in solcher zugesagt; aber beim Herauskommen werden die Wehrlosen Einer nach dem Anderen mit Keulen erschlagen.

Nach dem Abzug des Feindes wagen die versprengten Weiber und Kinder sich wieder aus den Wäldern hervor, um die gefallenen Angehörigen auf dem Kampfplatz aufzusuchen und zu bestatten. Also hat auch die Tochter des Kastellans, die der Verlust des Vaters und Geliebten zu beklagen hatte. – Doch siehe, als sie unter Tränen um die Leiche des erschlagenen Waldmeisters sich beschäftigte, erwacht der Schwerverwundete aus seiner Betäubung, um unter der liebenden Pflege der Jungfrau und Braut dem Leben wiedergeschenkt zu werden.

Auf Veranlassung des geretteten Paares wurden später die Gebeine der erschlagenen Kirchspielgenossen gesammelt und begraben, die Schädel aber mit den sichtbaren Todeswunden in einer eigens erbauten Kapelle zur ewigen Erinnerung aufbewahrt.

Mit welcher Pietät das Volk noch lange diese Überreste betrachtete, mag aus dem Umstande erhellen, dass die Kapelle, welche die Gebeine in sich schloß, erst nach langem Widerstreit der Gemeinde (im Jahre 1812) konnte abgebrochen und ihr Inhalt zur Erde bestattet werden. Der Pfarrer, welcher den Abbruch betrieben, weil die Kapelle die Aussicht aus dem Pfarrhof hemmte, soll noch auf dem Totenbett reuevoll ausgerufen haben: „Wieder aufbauen das Todtenhäuslein!“ Auch sagen die Pfarrangehörigen, dass der Maurer, welcher die Demolierung vollzogen, noch in selbigem Jahr, wo der Geistliche verstarb, beim „Holzriesen“ erschlagen worden sei.

Anno 1633 den 19. Bachmonat, ist Kirche, Schloß und Kirchspiel verbrännt und kam das Land in schwedische Händ; ungefähr 500 Bauersleut erbärmlicher Weis todtgeschlagen, darunter 89 von Pfaffen- und Oelinsweiler waren. Gott wolle ihnen und allen geben ein fröhlich Auferstehen. Amen. – Gott und Maria seiner lieben Mutter zu Lob, hab ich Hans Scherlin und Anna Gottfriedin mein ehelich Frau, weil uns Gott, durch Fürbitt Maria wunderbarlich durch das leidig Kriegswesen hindurch erhalten, den Stein anher verehrt.

Inschrift auf dem Stein am Hochaltar laut Lucian Reich.

Die Geschichte vom Massaker 1633 und über Hans Scherlin läßt sich auf den Seiten vom Arbeitskreis Ortsgeschichte Ehrenkirchen nachlesen:

http://www.arbeitskreis-ortsgeschichte-ehrenkirchen.de/Personlichkeiten/Hans-Scherlin/Die-Weisse-Rose/die-weisse-rose.html

Staufen nach dem Dreißigjährigen Krieg

Neue Kriegsunruhen brachten die 70er Jahre des 17. Jahrhunderts. In jener Zeit beklagte sich der Ortsvorstand von Staufen, dass während mehrerer Jahre keine Rechnung gestellt werden konnte, weil der leidige Krieg alles in Unordnung gebracht habe, so dass weder Gefälle noch Zinsen bezahlt und auch keine Steuern mehr bezogen werden konnten. Die Bürger seien zu öfteren Malen versprengt und verjagt worden, sogar der Stadtvogt und der Richter hätten in dieser Drangsal keine bleibende Stätte mehr gehabt und seien während der Zeit vielmal ausgeplündert und verjagt worden; ihre Schriften hätten sie nach Schönau geflüchtet, aber leider in dem dortigen großen Brand verblieben und verloren gegangen seyen.

Aus jenen Zeiten finden wir verzeichnet, dass dem „Waldhans“ drei Batzen verehrt worden sind, „weilen er einen Bären geschossen“; ebenso dem „Hafengrunder“ von zwei Wölfen sechs Batzen, den Schützen von Kirchhofen für sechs erlegte Wölfe 18, und denen aus dem Münstertal für drei solcher Raubtiere neun Batzen.


Nach der unglücklichen Zeit des 30-jährigen Krieges soll die Stadt Staufen infolge der Pest ganz ausgestorben gewesen seyn bis auf eine Magd (in’s Barbier alt Maiers Haus). Diese ging eines Morgens an den oberen Brunnen, um Trinkwasser zu holen. Als sie dort ankam, sah sie einen Handwerksgesellen bei des obern Martins Haus auf einem Eckstein sitzen. Sie sagte zu ihm: ob er nicht wisse, dass der Ort ganz ausgestorben sei? – Der Handwerksbursche erwiderte: er komme eben hierher gereist und wollte auf diesem Stein ein wenig ausruhen; er bitte von ihr einen Trunk Wasser, sonst, sagte er, wäre er gesund! – Die Magd gab ihr zu trinken und setzte naiv hinzu: „Wir wollen einander heiraten und die Stadt, so Gott will, wieder bevölkern.“ – Der Handwerksbursch war nicht abgeneigt; sie wurden einig, schlossen das Ehebündnis und erfüllten später die Worte der Schrift: Machet und vermehret euch! – Noch heut zu Tage aber ist jener Eckstein zu sehen vor des Fr. Xaver Martins Haus.

Später, bemerkte die Sage weiter, ist dieses Ehepaar nach dem Dorfe Gunnern gezogen, weil es ihm in Staufen nicht mehr gefallen habe.

Zu der Sage am Eckstein an Xaver Martins Haus in Staufen kann ich leider nichts finden. Auch gibt es keine genaue Bezeichnung des „Oberen Brunnens“. Ich bin mir aber sicher, dass der Eckstein von dem Lucian Reich redet, auch heute nach 200 Jahren noch da ist.

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Anno 1702 begann ein neues Kriegsgetümmel im badischen Oberland, unter dem bald in Pforzheim, bald in Durlach regierenden Markgrafen Friederich Magnus. Es war der spanische Sezessionskrieg, der damals seinen Anfang nahm. Der französische General Villars war bei Hünningen über den Rhein gegangen, um sich mit den Bayern zu vereinigen; Markgraf Ludwig von Baden, der gefürchtete Held, aber sie suchte dieses zu verhindern, weshalb es am 7. Oktober 1702 zu dem blutigen Treffen bei Friedlingen, eine Stunde von Lörrach, kam. Die Franzosen hatten bei 15.000 Mann 3000 Tote, darunter 200 Offiziere, der Markgraf aber zählte bei seinen nur 8000 Mann starken Korps 1500 Tote, worunter auch der Graf von Fürstenberg. Der Erbprinz von Baden-Durlach, Markgraf Wilhelm, der auf dem Berge „Käferhölzlein“ bei Schliengen focht, von einer früheren erhaltenen Wunde noch nicht ganz hergestellt, wurde hier abermals verwundet; der Obrist Gagern aber an seiner Seite von einer Kartäschenkugel tödlich getroffen. Die deutschen Truppen unter Markgraf Wilhelm zogen hernach hier in Staufen ein, während die Franzosen, welche Neuenburg noch in Händen hatten, die Umgegend brandschatzten.


Als im Jahr 1713 Marschall Villars mit 7000 Mann von der Stadt Staufen erschienen war, und die Bürger, weil sie „gut kaiserlich“ waren, die Tore nicht gleich öffnen wollten, wurden 15 Häuser angezündet und der Bürgerschaft eine Brandschatzung von 1200 Gulden auferlegt. Dieser Summe wurde, da Geld sehr rar war, bei der Familie Litschgi in Krozingen entlehnt. Der Gläubiger mußte der Folge dadurch befriedigt werden, dass man ihm freistellte, hundert und zwanzig Stück der schönsten Eichen aus dem hiesigen Stadtwalde sich auszulesen.


Es wird erzählt, dass dem ersten Rheinübergang unter Moreau im Jahr 1796 allerlei überrheinisches Gesindel bei der französischen Division Ferino sich befunden, welches die Gegend weit umher unsicher gemacht habe. Besonders meisterlos erzeigten sich herumschwärmende Husaren, die gerne Frauen und Mädchen in den Feldern überfielen und ängstigten. Als einst ein Weib von Staufen im „oberen Steiner“, nahe an dem Zollhäuslein bei Grunern, in den Reben arbeitete, sprengte ein französischer Reiter, der diese Frau erblickt hatte, in tollem Ritte über Stock und Stein in das Rebfeld. Das Weib flüchtete von einem Stück Reben zum anderen und erreichte glücklich das Zollhäuslein, sprang hinein und hinten wieder hinaus, aber auch hier folgte ihr der wilde Reiter. Mit bloßem Säbel sprengte er hinter ihr her und erreichte fast gleichzeitig mit der Verfolgten das untere Tor der Stadt Staufen. Da stürzten plötzlich vor den Augen der verwunderten Zuschauer Ross und Mann – wie von unsichtbarer Hand getroffen – zu Boden und beide, der Mensch und das Tier, waren tot.

Ein französischer Reiter jenes Korps, so erzählte ein glaubwürdiger Zeuge, der einen mit Geld ziemlich erfüllten Beutel bei sich hatte, ritt, wahrscheinlich mit einer gefahrbringenden Order beauftragt, bei dem Kruzifixe am Wege von Staufen nach Kirchhofen vorbei, und sagte, dem Bilde sich nähernd: „Da – heb mir diesen Beutel auf“, legte den Schatz hinter das Haupt des Gekreuzigten und ritt seines Wegs. Als nach Jahresfrist die Kriegsläufe den Soldaten wieder in hiesige Gegend brachten, hielt er bei dem Kreuze an – und siehe – der Beutel lag noch unversehrt am nämlichen Orte. – Der Reiter, ein Elsässer und etwas „religionsspöttisch“, erzählte die Geschichte nachher seinen Quartiersleuten.


Seltsameres soll dem alten Boten Pfefferle von Staufen passiert sein, als er im Jahre 1812 auf seinem Gange nach Freiburg an dem Kreuze am Kirchhoferweg vorbeikam. Eine hagere Gestalt trat ihm plötzlich in den Weg, so dass er stehenbleiben mußte; in den Lüften hörte er Getöse wie Schwertergeklirr von Geharnischten. Als zufällig Bekannte von Staufen des Weges kamen und den alten Geisterseher anredeten, verschwand das Phantom. – Kurze Zeit darauf kamen Soldaten aller Waffengattungen der Alliierten auf ihrem Wege nach Frankreich durch diese Gauen und nahmen Paris ein.


Als die Franzosen unter Moreau auf ihrem Rückzug im Oktober 1796 von Schwaben her gegen das Breisgau kamen, herrschte daselbst große Angst und Verwirrung. „Die Franzosen sind geschlagen und retiriren“ hieß es, „sie rauben und plündern, sengen und brennen, wo sie hinkommen.“ – In Heitersheim flüchteten die Einwohner mit Allem, was sie in der Eile fortbringen konnten, in die Wälder. Eine arme Wittwe, die krank lag, mußte mit ihrer Tochter, in die ihre Pflegerin war, zurückbleiben. Am nächsten Morgen kamen mehrere Banden Reiter und Fußvolk in das Städtlein, brachen in die verschlossenen Häuser, raubten was sie fanden und trieben mit den zurückgebliebenen Einwohnern schnöden Mutwillen. Ein Soldat mit bärtigem, sonnenverbrannten Gesichte voller Schrammen kommt aus einem Hause, mit einem Geldbeutel in der Hand, den er dort geraubt. Gierig nach weiterer Beute schaut er umher und sieht im Nachbarshause ein schönes Mädchen furchtsam hinter dem Fenstervorhang stehen. In wilder Begehrlichkeit rennt er gegen das Haus und tobt und rüttelt an der verschlossenen Türe, bis diese endlich einbricht. Hastig eilt er durch den Hausgang, die Treppe hinauf, wir aber die Türe aufreißt, begierig sein Opfer zu erhaschen – tritt die Jungfrau, ihr blaues Auge nach Oben, dann nach der kranken Mutter gerichtet, vor ihn hin und spricht: „Tu mir kein Leid, meiner armen, kranken Mutter bin ich die einzige Stütze!“ und schaut dem rauhen Kriegsmanne treuherzig und mild in’s verderbenblitzende Auge. Überwältigt und gerührt durch die Unschuld der Schönheit des Mädchens, steht der Soldat da, ohne ein Wort hervorzubringen, und Tränen rollen über die gebräunte Wange. Er wirft den vollen Beutel mit den Worten zu den Füßen: „da nimmt für deine Mutter – eine brave Tochter du!“ und stürzt zur Türe hinaus auf die Straße, und das Mädchen berührt zu haben.

Zwei Tage nachher war die Schlacht bei Schliengen und Kandern.
Mutter und Tochter sind längst gestorben, und auch der Soldat wird das Zeitliche geschieden sein, aber die That lebt bis heute noch im Andenken des dortigen Volkes.

Der spanische Erbfolgekrieg

Der Spanische Erbfolgekrieg war ein Kabinettskrieg zwischen 1701 und 1714, der um das Erbe des letzten spanischen Habsburgers, König Karl II. von Spanien, geführt wurde.

Am 24. September umging Willard mit 30 Bataillonen, 40 Schwadronen und 33 Geschützen das Gebirge durch den Güninger Durchgang und erreichte Güningen, wo er den Bau einer Brücke anordnete, die am Mittag des Oktobers fertig gestellt wurde. In Sichtweite des Feindes überquerte der Marschall am 2. Oktober das rechte Rheinufer (ein Kunststück, das zu seiner Zeit als herausragende Episode des gesamten Feldzuges hoch angesehen wurde) und beschloss, die Kaiserlichen unter Umgehung von Wilz anzugreifen und dann den Bayern, auf deren Vereinigung der französische König aus politischen Gründen besonders drängte, die Hand zu reichen.

Nach einer Reihe von Manövern und Umwegen griff er den Markgrafen bei Frillingen (14. Oktober) an. Die Franzosen hatten 17.000 Mann in ihren Reihen, die Kaiserlichen 14.000. Die 2-stündige Schlacht war hart umkämpft, und der Sieg geriet ins Wanken. Die Einnahme von Schützengräben auf den Friedlinger Höhen und ein brillanter Angriff der Kürassiere entschieden die Schlacht zugunsten der Franzosen, die 2.500 Gefallene und Verwundete verloren; die kaiserlichen Verluste betrugen bis zu 2.000 Mann. Markgraf Ludwig zog sich nach Staufen zurück, wo er auf Verstärkung stieß.

Nach der Kapitulation von Friedlingen (15. Oktober) wurden die feindlichen Armeen in Winterquartiere verlegt.

https://www.trenfo.com/de/geschichte/spanischer-erbfolgekrieg

Koalitionskrieg

Der Erste Koalitionskrieg war der erste Krieg einer großen Koalition zunächst aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 zur Verteidigung der Monarchie.

Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: https://www.ghv-villingen.de/.
Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution (1770-1815) von Michael Tocha.

Erzherzog Carl Ludwig Johann Joseph Laurentius von Österreich, Herzog von Teschen, (* 5. September 1771 in Florenz; † 30. April 1847 in Wien) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war ein österreichischer Feldherr…. Die Zurückdrängung der französischen Rhein-Mosel Armee unter General Moreau über den Rhein nach der Schlacht bei Emmendingen verschafften Karl große Popularität in Deutschland.

aus Wikipedia

Die Schlacht bei Schliengen war eine Schlacht des Ersten Koalitionskrieges, in der sich die Armeen Österreichs und der französischen Republik gegenüberstanden. Sie fand am 24. Oktober 1796 im Markgräflerland zwischen Basel und Freiburg im Breisgau statt. Das Kampffeld erstreckte sich auf Schliengen (mit seinen heutigen Ortsteilen Mauchen, Liel, Obereggenen, Niedereggenen), Steinenstadt, Sitzenkirch und Kandern.

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Schliengen

Fortsetzung hier:

Wanderblühten – Geschichten aus der Region um Staufen

Wanderbluehten – Das Buch

Wanderblühten – Das Burgele

Dr. Ursula Speckamp schrieb hier über Heinrich Jansjakob (1837-1916) aus seinem Reisetagebuch, Verlassene Wege unterm 21. Juni 1900:

Ehe ich heute meine Reise fortsetzte, besuchte ich noch einen alten Ehrenmann, der einst in Rastatt mein Zeichenlehrer war – den Maler und Volksschriftsteller Lucian Reich. – Im dritten Stock eines kleinen Häuschens in Hüfingen, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinen Besuch, der dreiundachzigjährige Greis, in dessen Zügen Bitterkeit und Biederkeit sich die Waage halten. – Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. – Unermüdlich ist er aber noch geistig tätig, liest und zeichnet und schriftstellert.

Wanderblühten
aus dem
Gedenkbuche eines Mahlers.
Von
Lucian Reich.

Mit einem Titelblatt von Rudolf Gleichauf und Bildern
von L. Reich,

mit der Feder auf Stein gezeichnet
von
Johann Nepomuk Heinemann.

Karlsruhe.
Herder’sche Buchhandlung (A. Geßner).

1855


Das Buch habe ich hier im Januar 2022 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen.
Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise.
Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz.
In blau sind unten Erklärungen dabei.

Eingang

Eingang

Mehrere durch Lebensberuf und Neigung gleichgesinnte Freunde, welche in ihrer kleineren Stadt des badischen Oberlandes ihren Sitz hatten, waren gewohnt, ihre abendlichen Mußestunden vereint im häuslichen Kreise einer befreundeten Familie zuzubringen.

Es war in Zeiten gesellschaftlicher Verwirrung und Zwiespältigkeit, die Manchen, dem es unerquicklich erscheinen mochte, dem Tagesgetriebe sich hinzugeben, auf sich selbst oder den Umgang Weniger zurückwiesen. Das Haus, wo die Verbündeten ihre Zusammenkünfte hielten, war eine freundliche Gartenwohnung am Rande der Stadt, und hatte, um mich eines beschreibenden Vergleiches zu bedienen, einige Ähnlichkeit mit der Villa des Cicero bei Tusculum, wo bekanntlich dieser Philosoph öfter mit seinen Freunden zusammenkam, um diejenigen Materien zu besprechen, die er später niederschrieb, und nach dem Namen seines Landhauses betitelte, der Nachwelt hinterließ.

Wenn unser schwarzwäldisches Tuskulanum, welches, beiläufig gesagt, dem Italienischen gleichen mochte wie etwa einer Tanne dem Lorbeer, wenn es auch nicht das Glück hatte, Philosophen und große Gelehrte unter seiner seine Besucher zu zählen, so steht, so fehlte es doch keineswegs an Stoff zu gegenseitiger Unterhaltung und probaten Mitteln, den einförmigen Tageslebens eine farbige Folie unterzulegen.

Die Zeit, wo die Sonne im Zeichen der Waage zum zweiten Mal, dem Tage und der Nacht gleiche Dauer gibt, war vorüber, und der Winter begann bereits sein ganzes Aufgebot von dienstbaren Geistern: Frostn Nebel und Stürme, mobil zu machen und über das Land zu schicken, so dass jedermann wieder gerne zu Stuben und Ofen seine Zuflucht nahm.

Auch in unserem Tuskulanum hatte die Behaglichkeit einer stillen Häuslichkeit sich wieder geltend gemacht, und statt wie noch vor Kurzem die Abende im Freien zu verbringen, saßen jetzt die Freunde in dem Stüblein am runden Tische in der Nähe des Ofens, in welchen ein tüchtiges Feuer brummte, wie um die Wette mit dem eisigen Nordwinde, der draußen über die herbstlichen Stoppelfelder brauste und im Kamin seine Klagelieder sang.

Eines Abends, als ein junger Mann, der gewöhnlich das Amt eines Dorflehrers bekleidete, der Gesellschaft eine Novelle vorgetragen, bemerkte der Zuhörer, als jener geendet: „das ist wieder einmal eine jener romanhaften Liebesgeschichten, wie sie gewöhnlich in Büchern, aber selten oder nie im Leben vorkommen.“

Ja wohl“, versetzte daraufhin ein Anderer, „man sieht auf den ersten Blick, dass das Ding keinen wahren Boden hat, also rein aus der Luft gegriffen und lediglich nur Machwerk ist. – Es gibt aber, sollte man meinen, im Leben genug Motive, die zu solchen Schilderungen recht guten Stoff abgeben und jedenfalls mehr Interesse erregen würden, als solche oberflächliche Erzeugnisse. – Mir fällt gerade ein Geschichtchen ein, welches ich einst von einem gesprächigen Alten vernommen, und wenn ihr mir Gehör schenken wollt, so will ich es gerne zum Besten geben.“

Es soll uns willkommen sein!“ hieß es von allen Seiten, und nachdem der Freund sein Pfeifchen gestopft und angezündet hatte, begann er seinen Vortrag.

„Druf bruckt er ’s Füür mit de Fingeren abe,“ und macht ’s Deckli zu.
„Se willi den näumis verzehle,“ seit er,
und sizt nieder, „doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;“
von Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann

Die erste Geschichte ist die eines alten Herren, des Baschi, den der Erzähler bei einer seiner Wanderschaften in einer alten Friedhofskapelle trifft. Der alte Baschie erzählt, wie er seine Frau, das Burgele, kennenlernte.

Das Burgele

Als ich einst, fing er an, nach längerer Abwesenheit meinen Aufenthalt wieder auf einige Monate im elterlichen Hause genommen, ward mir manche freie Zeit zu Ausflügen in die Umgegend und den angrenzenden Schwarzwald.

Auf einer dieser Wanderung in den nächsten Schwarzwaldtäler wollte ich bei einem alten Bekannten nicht vorübergehen. Es war dies ein schon bejahrter Mann mit gutem Gedächtniß, welcher mancherlei von der alten Zeit und ihren Sitten zu erzählen wußte.
Seine Wohnung lag etwas abseits des Städtleins, dicht neben dem Kirchhofe, auf welchem er das Geschäft seines Totengräbers zu verstehen, eines Totengräbers zu versehen hatte.

Eine in der Mitte des Platzes stehende, halb zerfallene Kirche war ihres hohen Alters wegen schon oft der Gegenstand meiner Betrachtung geworden. Einst die Pfarrkirche des Dorfes, war sie, seit der Erbauung einer neuen Kirche innerhalb des Städtlein selbst verlassen, und seit Menschengedenken kein Gottesdienst mehr in ihr gehalten worden. Von den verödeten, entweihten Altären blickten noch alte holzgeschnitzte Heiligenbilder, als Denkmäler jener kräftigen, begeisterten Zeit, welche dem Leben und der Kunst einen goldenen Boden bereitete und an den Wänden zeigten sich noch hie und da Überreste von alten Malereien; aber die Fenster waren zerbrochen und das Blei hing schlotternd herab, dem Wind und Wetter seinem Durchzug gewährend. Nur noch einzelnen Betern diente jetzt die Kirche zur einsamen Gottesverehrung, und in den hinteren Räumen, neben zertrümmerten Kirchenstühlen, bewahrte der Totengräber die Bahre auf und sein übriges Geschirr. Denn der Kirchhof ist immer noch wie vor Zeiten die Begräbnisstätte der Ortseinwohner, und die Glocken im alten Turme läuten noch jeden Abgeschiedenen auf dem Heimweg.

Diesmal fand ich das Haus des Totengräbers verschlossen und suchte deshalb meinen Mann auf dem Kirchhof. Es war zur schönen Sommerzeit; der alte Lindenbaum an der Mauer stand in vollen Blüten, und einige Kinder waren beschäftigt, diese in Körbchen zu sammeln, zum heilsamen Tranke. Ein paar fromme Mütterlein wandelten betend zwischen den Gräbern, und weiterhin sah ich endlich den Alten, wie er eben einem Verstorbenen seine letzte Ruhestätte bettete.

Ich trat näher und grüßte ihn; er reichte mir die Hand aus dem halbfertigen Grabe und sagte, wie es ihn freue, mich wieder einmal hier zu sehen. Zugleich erkundigte er sich nach meinem bisherigen Aufenthalte, und als ich ihm gesagt, ich komme aus ich komme aus dem Unterland, so fragte er mit Theilnahme nach Neuigkeiten von dort.

Das Neueste“, antwortete ich, „ist jetzt die Eisenbahn, an welcher über Kopf und Hals gearbeitet wird, so dass schon eine Strecke unterhalb Karlsruhe befahren werden kann.“ Es war nämlich zu Anfang der vierziger Jahre.

Hm!“ sagte er, „was der Mensch doch für Erfindungen macht, um schneller durch’s Leben z’kommen – es geht ja ohnehin schnell g’nug, d’Zeit selber ist en Eisenbahn.“

Und ihr seid der Bahnwärter an der letzten Station, nicht wahr?“ erwiderte ich, auf das offene Grab deutend, „da müssen eben alle Passagiere aussteigen, weil jenseits eine andere Spurweite beginnt, zu welcher die irdischen Räder nicht mehr passen“, setzte ich bei, sein Gleichnis weiter ausmalend.

Er nickte, obwohl er mich nicht ganz verstanden haben mochte. „Ja, ja“, sagte er nach einer Weile, „’s geht rasch mit dem Lebe, das ist jetzt das dritte Mal, dass ich den Kirchhof umgab‘. Ihr könnt Euch denke, wie Mängem ich schon sein Bettle g’macht hab‘. Da schaufle ich eben dem Kranzwirth aus, en Mann, der seiner Zeit in Ehr und Reichtum g’standen, es weiß kein Mensch wie groß, er und seine seine vier schönen Töchter, -und jetzt ist keins mehr da von Allen nix als Knoche – lauter Vergänglichkeit.“

Der Mann fragte mich hierauf, wo ich hin wolle, denn er hatte bemerkt, dass ich Kappe und Regenschirm bei mir trug, und auf meinem meine Erwiderung, dass ich eine kleine Reise vorhabe und beim Rückweg wieder bei ihm zu sprechen gedächte, um mit ihm mehr noch von den alten Zeiten zu plaudern, deutete auf ein altes, graues Männlein, welches mühsam den Hügel herauf gegen die Kirche kam. „Der kann doch von Allerlei erzähle“, sagte er, „das ist einer der Ältesten im Ort, der alt‘ Baschi.“

Dieser Weisung zufolge verabschiedete ich mich von meinem nimmer rastenen Gärtnersmann und schritt auf die Kirche zu, in der Absicht, mit dem Alten anzuknüpfen. Er war schon innerhalb des Gotteshauses angekommen und hatte ermüdet in einem der Kirchstühle Platz genommen.

Geht’s immer noch ein wenig, Großvater?“ fing ich an.
Kann’s nicht lobe“, gab er zur Antwort, „’s ist bald Mathä am Lezte mit dem Baschi – wär’aber auch kein Wunder“, setzte er lächelnd bei.

Wie alt, Mann, seyd ihr wohl?“ fragte ich weiter.
Ihr könnt denke, es sind jetzt schon 65 Jahr, seit ich geheiratet habe, und 15 Jahre sind’s, seit’s Bugele selig tot ist – und ich leb‘ alleweil noch.“
s’Burgele war euer Weib?“ fragte ich, und als es bejahte, erkundigte mich, ob es auch aus dem Städtlein gewesen.
Ah, b’hütesgott!“ sagte er kopfschüttelnd, „es ist in der Schollach daheim g’wese, wenn Ihr wisset, wo die liegt.“
Recht wohl“, versetzte ich, „aber wie habt Ihr sie denn kennengelernt?“
Auf sonderbarliche Art, Herr, unsere Liebe hat mir Prügel eingefangen – abt Ihr auch schon mal so was gehört – mit Prügel!“ sagte er lachend.
Das ist allerdings ein wunderlicher Anfang“, bemerkte ich; „denn dass schon manche Liebe auf diese Art geendet hat, ist bekannt, aber damit angefangen, das ist unerhört – Bin doch begierig, zu hören, wie sich’s zugetragen.“
Von Profession“, fuhr der Baschi fort, „bin ich ein Zimmermann, weil es aber daheim mit allsfort Arbeit gebe hat, so bin ich ‚rum zogen im ganzen Fürstenbergischen und weiters; denn, Herr, dazumal sind nicht noch so viel Häuser im Rauch aufgegange, wie jetzt, und d’rum auch weniger gebaut worden. Vor sechsundsechzig Jahren aber hat es sich ereignet, dass der Wolfshalder-Hof verbronne; ’s hat selbige Tag ein entsetzlich‘ Wetter am Himmel gehabt, und man hat sagen wollen, es sei unter erschröckliche Schlägen en feurige Drach‘ aus finsteren Wolken auf’s Haus ‚rab g’fahre. Gesehen habe ich es nicht, aber so viel ist richtig, dass selbigmal der Wolfshaber-Hof verbrannt worden ist bis auf den Grund. Der Schaden ist groß gewesen, aber das Vermögen vom Wolfshalderbauer noch größer; das Holz zum Bau hat er im eigenen Wald geschlagen, und die Bretter auf der eigenen Sägemühle schneiden lassen, und an baarem Geld hat es ihm nicht gefehlt. – Da habe ich denn auch Arbeit gefunden als junger Zimmergesell. Mein Meister ist der Seppetoni selig gewesen, ein Ausbund von Geschicklichkeit, wie man in siebe Herre Länder kein‘ mehr antrifft, Herr! – Gegen den Herbst ist der Hof wieder gestanden, größer und properer als z’erst, und am Donnerstag nach Michäli ist der Dachstuhl aufgeschlagen worden. Dazumal aber habe ich noch keine Bekanntschaft gehabt; doch bekennen muss ich, s’Zinkebaure Jüngste hat mir gefallen, ne bundesnett Weibsbild, gesund und frisch wie eine Rose. Das Mädel aber hat nichts von mir wissen wollen, und das hat mich bitterlich verdrossen. Wie nun der Dachstuhl glücklich aufgeschlagen gewesen war, habe ich den üblichen Spruch gehalten, denn in derartigen Dingen habe ich meines Gleiche g’sucht. Mein Vater selig ist der Spielhans gewesen, ein Tanzgeiger und Reimereißer obenaus; aber ’s Geigen ist jetzt abgekommen beim Tanz, es muss jetzt Alles pfiffen und trompetet sein. – Des Zinkebaure Jüngster und ihre Kamerädine zum Schabernack, habe ich aber in den Spruch noch das Versle eingflickt:

„Von schöne Mädle, das ist bekannt,
hat es die feinste hierzuland;
Doch will ich nicht lang suchen und laufen,
Will ein Dutzend um ein alt’s Strohseil kaufen“,

und da sind sie halt waidlich ausgelacht worden.
Darnach aber ist der Schmaus angangen und alle Nachbarn und Bekannten sind dazu invitiert worden. Herr! das ist en Esse g’wese – potz Dunder! Zuerst sind komme: Knöpfle im Specksuppe, Leberwürste und zwei Dudelsäck, d’rauf grüner Speck, Schulterblättle und Rippestückle, nach dem geräucherten Speck und Bratwürste, und auf das erste noch vier Hammestoze* und Stücker habe wir davor ‚runter gsäbelt, wie Brieftasche – e Sauerkräudle dazu, so schön wie en Goldfaden; aber z’allereletzt sind noch aufgetrage worden zwei Guckinofen** und Torten und Muskete“.
* Schinken
** Gugelhopf

Pasteten, wollt Ihr sagen“, unterbrach ich ihn.
Nun ja, ich sage ja nur Muskete, mit Mandeln und Zibeebe, denn ihr müsst wissen, dass die jüngste Tochter vom Wolfshalder Klosterfrau gewesen ist in Friedenweiler, und die hat das Backwerk spendiert; und was an Wein draufgegangen, ist nicht zum sage.
Am Samstag darauf bin ich heim, um meiner Mutter, tröstet sie Gott, die schwarz Wäsche z’bringe, und wie ich da mit meinem Bündel unterm Arm guten Mutes fort marschiere und zum Bildstöckle komme -was geschieht? Die Mädel passe mir auf, von wegen dem Spruch. „Da kommt er mit seinem wüsten Maul“, höre ich sagen, „und da hat’s Trinkgeld“. Jetzt aber ist es losgegangen mit Ruten und Besen über mich her! Da ist dabeigewesen ’s Zinkebaure Jüngste, ’s Fralkebühlers Rosle, das Brunnenbachers Kätherle, s‘ Bierwirths Sepperle, s‘ Waldbauers Burgerle und noch drei Andere. Da habe ich denn für jedwedes unnütz‘ Wort, was ich gesprochen habe, ein Paar Flausen überkommen und es ist mir ganz recht geschehen.

Die aber, die mir’s am Allerärgsten gemacht hat, die ist s’Burgele gewesen. „Du wirst an mich denken“, sagte es und versetzte mir noch ein Paar herzhafte mit den bloßen Händen und seine weißen Arme – gibt mir en Blick und macht sich aus dem Staub mit den Anderen.

Die Geschicht aber hat mir z’denke g’macht, absonderlich s’Burgele’s Benehmen und seine Wort‘, und ihr dürft mir’s glauben, Herr, es ist mir zur Nacht verkommen im Traum – und fein lieblich Gestalt ist wieder vor mir gestanden, und es sagt mit freundliche Worte zu mir: „Du wirst an mich denken“, und gib mir, statt den Streichen, e‘ Schmüzli und rennt fort .- ‚s ist e‘ Sach, Herr, um d‘ Jugend!

Am Montag darauf komme ich wieder zurück; da habe ich denn für den Spott auch nicht sorgen dürfe, von wege dem Trinkgeld. Am nämlichen Nachmittag aber sehe ich, nit weit von unserem Zimmerplatz s’Burgele, wie es auf dem Grasplatz vor ihrem Haus Garn spreitet; es ist ein schöner Tag gewesen. – Ich lug hinüber, und wie ich so während der das Holz’bschlagen nüber schiel, glitscht mir’s Breitbeil aus am Holz und fahrt mir tief in den Waden am linken Fuß, und das Blut ist rausgesprungen wie ne Brunnenröhre; –s Burgele sieht’s und springt rüber.

Um Gotteswille“, ruft es, „was hast g’macht und was ist passiert, o Baschi!“ Und es reißt in der Eil sein Fürtuch vom Leib und will mir’s Blut stille, nimmt mich am Arm und führt mich in ihr Haus; und die Anderen sind her g’sprungen und haben mich noch gar verbunden. Zum Glück ist grad das Kräuter-Toneli bei der Hand mit seiner Kunst und Sympathi; es nimmt e‘ Gläsle mit Kupferwasser und lasst etliche Blutstropfen d’rein fallen und sagt: „das Glas muss jetzt ‚e reine Jungfrau in ihrem Kleiderkasten aufhebe, doch so, dass weder Sonne noch Mond dazukommt“, und s’Burgele springt auf und sagt: „gebt’s mir her, Tonele!“ und es nimmt’s und verschließt’s in seinem Kasten, und im nämlichen Augenblick ist s’Blut gestillt, und d’Schmerze sind weg, wie weg g’wischt.

O Burgele, Burgele, sag ich, was tust du am mir, ich kann’s dir mein Lebtag nicht vergelten.“
Es ist ja gern geschehen“, sagt es, „und wenn’s nur bald wieder gesund wirst, Baschi!“
Ich aber bin bald wieder heil worde, denn es hat sich schnell bessert, und s’Burgele ist bei mir bliebe früh und bis spät und hat mir abg’wartet. Schon nach acht Tagen habe ich wieder marschieren können und bin heim gegangen. Wie ich aber daher oben angekommen, so fangt die Blessur unverhofft wieder an zu bluten und die Mutter meint, es kommt von der Mühe im Laufe; sie rennt fort und holt den Scharfrichter-Hans, der hat auch verstanden z‘ „stille“. – Ich sage ihm, so und so ist’s gegangen und das und das hat mir geholfen; er aber macht seine Spargelementer und sagt, dass ich mindestens acht Tage Hausarrest haben soll. – „Aber das kann ich euch sagen“, macht er, „wenn ich nicht dazugekommen wäre, hätte es euch könne das Leben kosten, Baschi; ich vermute nämlich nichts anderes, als dass das Fläschle, von dem er mir sagt, an der Sonne oder an’s Feuer gekommen ist.“

So wird mir doch, denke ich, s’Burgele den Streich nicht gespielt haben, es täte mir wahrhaftig weher als der böse Fuss, und macht mir so meine Gedanken. Zwölf Tage habe ich d’Stube hüte müssen und wie ich wieder hoch marschieren können, ist der erste Gang – in d’Schollach.

Wie ich zu s‘ Waldbauers Haus hin komm‘, treffe ich gerad ’s Kräuterweible vor der Tür, und es winkt mir und nimmt mich zur Seite.
Baschi“, sagt es, „Ihr habt nicht gut g’handelt am Bugele“, und Dies und Jenes.
Warum?“ sagt ich. „und was meint ihr damit?“ und sie erzählte mir Alles.
Drum hat es en „Anhalter“ g’habt ’s Zinkebauers Franz, und Vater und Mutter haben ihm zugesprochen, es soll ihn nehme. Geld hat er und Haus und Hof dazu; aber s’Burgele will nit. Lieber ledig sterben als den Franz! sagt es, und wie sie ihm weiters zuspreche, wird es krank und ißt nicht und trinkt nicht, denn die Liebe ist eine Krankheit, sagt das Sprichwort. Keinem Menschen aber hat es anvertraut, was ihm fehlt und wo sein Kummer sitzt, als mir.“
Ich habe ’s im Vertrauen in den Baschi gesetzt.“ sagt es, „und keinen Anderen will ich und mit keinem Anderen kann ich leben; wenn er nur käme und wenn ich mit ihm reden könnt“. – Aber wer nicht kommt, das ist der Baschi, und es wartet und wartet, und es kommt kein Baschi. „Er hat mich vergessen“, seufzt es und brieget. Und so, Freund, stehe jetzt die Sache“, sagt’s Toneli, „sprecht, wie seyd ihr g’sinnt, und was ist z’machen. Euer Zuspruch wird besser helfen als alle meine Kräuter und alle Sympathie.“

Ihr könnt euch vorstellen, Herr, wie groß auf einmal meine Freude und meine Hoffnung geworden sind, und ich sag ihm, wie es mir gegangen, wie mein Fuß wieder rebellisch worden sey und was mir der Scharfrichter-Hans bedeutet habe, von wegen dem Gläsle. Aber s’Töneli erklärt und mir d’Sach.

s’Burgele ist unschuldig, und ihr könnt ihm keine Schuld beimessen; s’Barbele, seine jüngste Schwester, hat den Streich gespielt und s’Gläsle heimlich aus dem Kasten genommen und an die Sonne gestellt aus Wunderwitz. s’Burgele ist dazugekommen und zum Tod erschrocken, und rennt schnell zu mir und sagt mirs.“

„Burgele, habe ich gesagt, es gibt Gegenmittel und ich will es anwenden, Dir und dem Baschi zuzlieb, aber hätte gefährlich ablaufen können, mit solchen Sachen lässt sich nicht spaßen.“

Tonele“, sag ich, „Ihr seid mein guter Engel, der mich leitet und führt, und grüßet mir s’Burgele, es soll mir verzeihe, wenn ich es erzürnt habe, und ich wollte selber noch mit ihm reden“, und so und so und so.

Den nämlichen Tag noch ist es aufgestanden, und am anderen Morgen hat es eine Wallfahrt gemacht, mit dem Bärbele und dem alte Tonele nach, Tryberg zur Kreuztanne; und wie sie wieder retour kommen, so stehe ich ihnen auf dem Weg beim Bildstöckle, wo ich vor 14 Tagen die Flause bekommen habe.

Es ist schon ziemlich dunkel gewesen, und wie sie daherkommen, so gehe ich aufs Bugele zu und sage „Verzeiht mir Burgele (denn ich hab’s Herz nimmer g’habt, „Du“ zu ihm z’sagen) und zürnet mir nicht.“ Es aber gibt mir die Hand und sagt „ich wüßte nicht wegen was, Baschi“ zieht e’Betbüchle heraus und reicht mir e‘ Helgele: „da hast dein’n heilige Namenspatron, und wir haben auch e‘ wenig für dich betet bei der Kreuztanne, und du darfst mich aber wohl noch duzen!“ sagt es. Und s’Tonele winkt mir mit den Auge.

Und das ich’s kurz mache, Herr, wir haben einander geheiratet trotz meiner Armut und alle Hindernissen. Aber Harz hat es kostet, das kann ich sagen, bis die Älteren das Jawort gegeben haben und bis alles in Richtigkeit gewesen ist. Denn, selbiger Zeit ist’s Hochzeitmachen nicht so leicht gegangen, wie heut zu Tage; aber ich habe gute Patrone gehabt und unser Bürgermeister hat mir geholfen mit guten Attestate, sonst wär es auch nicht gegangen.

Mit der Arbeit und Sparsamkeit haben wir uns durchgeschlagen, und wenn auch im Anfang Schulden vorhanden gewesen sind, so haben wir uns doch in kurze Jahre frei gemacht. – Freud und Leid, gute und böse Tage haben wir miteinander ertragen und unser Herrgott hat uns geholfen. d‘ Burgele ist jetzt schon 15 Jahre tot, aber kein Stund vergeht dem Tag, wo ich nicht an ihn’s denke, und sein Tag im Jahr und kein Tag im Jahr, wo ich nicht für ihn‘ s bet. – Ich denke, Der, der das Menschenherz trennt, wird’s auch wieder vereinigen. – Das, sagte er, an seinem abgetragenen blauen Rock deutend, ist mein Hochzeitsrock und mit dem soll man mich auch ins Grab legen. – Wenn’s nur bald Gotteswill wär.

Der Alte schwieg, und seine Lippen bewegten sich wie in stillen Gebete. Ich legte ein Geldstücklein in seinen nebenan stehenden Hut und er nickte stumm zum Abschied.
Als ich nach einigen Wochen wieder von meinem Ausflug zurückkam und meinem Versprechen gemäß beim alten Totengräber einsprach, rief mir dieser schon von weitem entgegen „der Baschi ist fort, – er ist erlöst, unser Herr Gott hat ihn endlich zu sich genommen. – Dort hinten bei der Linde habe ich ihm’s Bett gemacht, nicht weit von seinem Burgele. Er hat sich gefreut auf sein‘ Sterbestund, tröst ihn Gott – er hat’s überstanden!“

So erzählte der Freund, und alle baten ihn, diese Geschichte doch aufzuschreiben, dem guten Burgele und dem Baschi zum Gedächtnis und ihren, den Zuhörern, zur freundlichen Erinnerung an eine angenehm verbrachte Stunde.

Der Erzähler hatte der Gesellschaft zu willfahren versprochen und brachte wirklich nach einiger Zeit die kleine Novelle Schwarz auf weiß. – „da bekanntlich“, sagte er mit sehr ernsthafter Miene, indem er das Werk den Freunden reichte, „Bescheidenheit schriftstellerischer Verdienste holdefte Tochter ist, so glaube auch ich mit unserem gefeierten Landsmann und Dichter von dieser Arbeit sagen zu dürfen, dass ihr Inhalt und ihre Manier sie besonders für die Freunde ländlicher Natur und Sitten eignet; und wenn Herren und Damen höherer Bildung sie nicht ganz unbefriedigt aus den Händen legen, so ist der Wunsch des Verfassers erreicht. Ich habe“, schloss er, „der kleinen Gabe nach eine bildliche Darstellung beigegeben, gleichsam als heimatlichen Boden und Fundort des Blümleins, welches also ausgestattet ich Euch überreiche.“

Wie zu erwarten, erntete der Autor großes Lob – ein Ding, womit Freunde in der Regel nicht allzu sparsam umgehen zu pflegen. Auch wurde dabei der Wunsch ausgesprochen, es möchte dem Einzelnen Mehreres dere Art angereihet werden, so dass es, wie eben Kranze die Blume (welche oft für sich alleine wenig ist) im Verein mit anderen gehoben und bedeutsamer erscheine.

Gut!“ ließ sich der Erzähler der freundlichen Idylle vernehmenm „um also den Anforderungen wohlmeinender Freunde zu entsprechen, wie es gewöhnlich in Vorreden heißt, will ich Eurem Begehren nachkommen und dem Versuch machen. – Was ich jedoch geben möchte, sind, und bei dem gewählten Bild stehen zu bleiben, weniger künstlich gezogene Zier- und Prachtblumen, als vielmehr solche, wie sie etwa ein Wanderer am Wege durch Felder und Wälder zu pflücken Gelegenheit findet, oder mit anderen Worten, Schilderungen aus dem Gedenkhefte eines Reisenden. – Was aber die Art und Weise der Darstellung betrifft, so wolle der geneigte Leser, wie ein alter Scribent in seiner Vorrede sich ausdrückt, dieselbe sich wohl gefallen lassen und wenn einige Fehler und Mängel sich eingeschlichen, dieselben mit seiner Nachsicht und gewohnten Leutseligkeit wohlgeneigt zudecken; was mich nicht allein unendlich obligieren, sondern auch ermutigen würde, in Zukunft mehr Anderes mitzuteilen, sintemal in einige Jahre über durch selbst eigene Notierung, als auch nach gepflogener Korrespondenz, verschiedene Historien zusammen bekommen, welche der wißbegierigen Welt keineswegs verdeckt werden, noch in ewige Vergessenheit geraten sollen. – Indessen bleibe das liebe Publikum mir gewogen und lebe verpflichtet, dass ich ihm zu dienen allzeit bereitwillig verbleibe u.s.w.“

Nach diesen und ähnlichen Präliminarien wurde ganz weiter ausgemacht, dass einige Abende in der Woche den Mitteilungen gewidmet werden sollen, vorausgesetzt, dass nicht etwa wichtige Stadt- und Landneuigkeiten einliefern, die eine gründliche patriotische Besprechung vor Allem notwendig machten. Zum Schluss versprach noch ein Mitglied, den ganzen ehrenwerten Club in Tusculanum, wie er leibte und lebte, zu Papier zu bringen und sollen je die Abhandlung, etwa unter dem ansprechenden Titel: „Wanderblühten“ oder „fliegende Blätter aus der Reisetasche eines modernen Pilgers“, gedruckt und herausgegeben werden, so, meinte er, könne das Ding eben so gut, wie manche bescheidene Neuere ihr eigenes Bildnis als empfehlendes Tavernschild vor ihren Werken aushängen, dem Ganzen als Titelblatt beigegeben werden.

So viel über die Veranlassung, welcher die nachfolgenden Mitteilungen zunächst ihr Entstehen verdanken.

„Und woni gang, go Gresgen oder Wies in Feld und Wald,
go Basel oder heim, s’isch einerlei, igang im Chilchhof zu“
Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann

Der Baschi war Zimmermann und hat das Burgele bei Arbeiten an einem niedergebrannten Hof kennengelernt. Aus Unachtsamkeit haut er sich mit dem Breitbeil in die linke Wade. Zum Glück kommt gerade „das Kräuter-Toneli“ vorbei, nimmt ein Gläschen mit Kupferwasser und läßt etliche Blutstropfen hinein fallen. Das Glas muss dann bei einer reinen Jungfrau in ihrem Kleiderkasten aufbewahrt werden. Es darf aber weder Sonne noch Mond drauf scheinen. Burgerle nimmt das Gläschen zu sich in ihren Kleiderkasten. Der Baschi ist sehr dankbar, dass sie ihm das Leben gerettet hat. Die Blutung hört sofort auf.

Danach geht der Baschi zu seiner Mutter ihr die Schmutzwäsche zu bringen. Bei der Mutter angekommen blutet das Bein wieder. Die Mutter holt den Scharfrichter-Hans, der auch verstehen würde Blut zu stillen. Der befiehlt zwölf Tage Hausarrest. Und meint, dass das Fläschle mit dem Blut an die Sonne gekommen sei. Baschi wundert sich, dass das Burgele ihm solch einen Streich gespielt hat, der ihm fast das Leben kostet.

Als es ihm wieder besser geht, trifft er an dem Bildstock das Kräuter-Toneli. Toneli erzählt Burgele hätte einen reichen Mann heiraten sollen, aber sie würde ich weigern und nur den Baschi wollen. Dann sei die kleine Schwester an ihren Kleiderkasten und habe das Fläschchen mit dem Blut am Fenster angeguckt. Kräuter-Toneli wurde sofort von Burgele dazu gerufen und konnte Baschi gerade so nochmal retten, sonst wäre er jetzt tot.

Da lässt Baschi dem Burgele Grüße ausrichten. Darauf hin geht das Burgele mit Freundinen nach Tryberg an die Kreuztanne zum beten. Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen. Diese kommt nämlich schon im Kapitel 22 vom Hieronymus vor.

Als das Burgele mit den Freundinnen zurück kommt, wartet der Baschi an dem Bildstock auf sie. Die zwei sprechen sich aus und werden heiraten.

Nach der Geschichte mit dem Baschi und seinem Burgele, entschließen sich die Freunde von nun an Geschichten zu sammeln und aufzuschreiben.

Pilgerfahrten
durch
das Breisgau und den Schwarzwald.

Die Pilgerfahrt beginnt in Staufen an der Johanneskapelle.

„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“
Johann Peter Hebel
Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann

Wanderblühten – Pilgerfahrten

Jung – liberal – Bundestagskandidat/in

Offener Brief am 15.03.2025 von Dr. Gerhard Bronner für die Umweltgruppe Südbaar

Offener Brief an die vier jüngsten Bundestagskandidaten in unserem Wahlkreis 

Sehr geehrte Frau Schmidt, geehrter Herr Dold, sehr geehrter Herr Hohensee, sehr geehrter Herr Weißer,

Sie haben für den Bundestag kandidiert und einen Wahlkampf geführt. Dafür meinen Respekt, auch wenn es (diesmal) nicht für ein Mandat gereicht hat. Sie sind jung und politisch engagiert, werden also potenziell noch sehr lange in der Politik aktiv sein können. Deshalb möchte ich Ihnen einige Gedanken auf Ihren weiteren Weg geben, auch wenn die Wahl vorbei ist und Sie Ihre Zeit vorerst nicht im Bundestag verbringen werden. 

Weil mein Interesse besonders dem Umwelt- und Naturschutz gilt, ganz kurz einige Fakten:

  • Wir verbrennen derzeit jedes Jahr die Menge an fossilen Energieträgern, die in 1 Million Jahren entstanden ist
  • Jedes Jahr sterben etwa durch menschliches Handeln 1000 mal mehr Arten aus, als der natürlichen Aussterberate entspricht
  • die etwa 5500 wildlebenden Säugetierarten machen 3 % der Säugetier-Biomasse aus, der Mensch und seine Haustiere 97 %.
  • 360.000 Menschen sterben in Europa jährlich vorzeitig durch die Luftverschmutzung.

Drei von Ihnen haben jüngst an der Podiumsdiskussion der Umweltgruppe Südbaar in Donaueschingen teilgenommen. Sie haben dort dezidiert liberale, teilweise ultraliberale Thesen vertreten. Sie, Herr Dold, haben sich auf die Anfrage nicht gemeldet, aber nach Ihren Aussagen in den Medien würde ich sie ebenso einordnen. Liberal heißt, dem Bürger größtmögliche Freiheit zu gewähren, ihn nicht zu gängeln und ihm Eigenverantwortung zuzubilligen, aber sie auch einzufordern. Das ist eine gute Sache – ohne Frage! Aber die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo sie die Freiheit seiner Mitmenschen beeinträchtigt. Sie, Herr Weißer, wollen im Umweltschutz den Menschen gar keine Vorschriften machen und auch bestehende abschaffen. Warum nur im Umweltbereich? Ist der weniger wichtig als die Bildung (Schulpflicht), die Sicherheit (Waffenrecht),  die Gesundheit (Verbot harter Drogen), die Verkehrssicherheit (Straßenverkehrsordnung)? Möchten Sie wirklich jedem erlauben, seinen Müll egal wo wegzuwerfen, den Sie dann – wie Sie sagten – beim Wandern aufsammeln?

Sie, Herr Hohensee, wollten dem Gesetzesdschungel auf dem FDP-Parteitag mit der Motorsäge zu Leibe rücken, was dann wegen Sicherheitsregeln des Veranstaltungsortes nicht geklappt hat (Bürokratie!). Ja, eine erstickende und übertriebene Bürokratie abzubauen, ist ein hochaktuelles politisches Anliegen. Aber bitte bedenken sie eines: Bürokratie heißt die Anwendung von Regeln, die einem sinnvollen Zweck dienen. Das ist das Herz des Rechtsstaates. Der Verzicht auf Regeln bedeutet das Recht des Stärkeren. Es kann also nicht darum gehen, Regeln abzuschaffen, sondern sie möglichst schlank und effizient zu gestalten. Das erfordert aber mühsame Detailarbeit mit Pinzette und Zange – und nicht mit der Motorsäge und dem Holzhammer.

Etwas ratlos machen mich Ihre Thesen, Herr Dold. Aussagen wie „Streichung sämtlicher Dokumentationspflichten“, Forderungen nach Beendigung der Energiewende oder die Beobachtung, alles werde in der Bundespolitik immer schlimmer (seit wann? 1949?) lassen nicht erkennen, dass Sie sich mit den Problemen tiefer beschäftigt hätten. Bauchgefühl mag manchmal hilfreich sein, aber Politik macht man dann doch besser mit anderen Organen (Kopf und Herz). Wenn Sie an unserer Diskussion teilgenommen hätten, hätten Sie mitbekommen, dass man bei manchen Problemen doch etwas tiefer einsteigen muss, wenn man echte Lösungen sucht. Die Auswirkungen Ihres Programmes legen einen Faktencheck per Taschenrechner nahe: Steuern radikal runter, aber mehr staatliches Geld für Handwerksausbildung und Kitas. Es wäre spannend, Ihre Haltung zur Schuldenbremse zu kennen… Die Flächenprämien für die Landwirtschaft sollen ja wohl schon noch fließen…

Frau Schmidt, Sie bekennen sich klar und eindeutig zu Europa. Auch dazu, dass Europa Regeln erlässt, die die Spielräume der Einzelstaaten (und auch der Kommunen, meine Herren!) einschränken. Europa ist – bei aller berechtigten Kritik an Bürokratie und Kakophonie – unsere einzige Hoffnung, wenn man sieht, von welchen Gestalten Russland, China, Indien und neuerdings die USA regiert werden. Dass Sie die Inhalte des Natur-Wiederherstellungs-Gesetzes nicht kannten: geschenkt! Es ist wohltuend, von einer Politikerin ein klares „ich weiß es nicht“ anstatt eines nichtssagenden Herumgeredes zu hören. Und beim nächsten Mal werden Sie sich kundig gemacht haben, gell?

Menschen leben in Gemeinschaften – da sind Regeln etwas (über-)lebensnotwendiges. Wenn ich mich besonders umweltbelastend verhalte, so schädige ich nicht nur die Umwelt, sondern auch meine Mitmenschen. Damit widerspricht eine regulatorische Umweltpolitik gerade nicht dem liberalen Prinzip. Den Menschen zu sagen, sie sollen sich umweltfreundlich verhalten, Rad und Bahn fahren oder sparsame Autos kaufen, weniger fliegen, reicht nicht. Es tritt nämlich das „Trittbrettfahrerproblem“ auf: wenn ich mit Bahn oder Flixbus statt mit Lufthansa oder Ryanair verreise, schone ich zwar die Umwelt. Ich habe aber mehr Zeitaufwand und teils auch höhere Kosten. Den Nutzen dieses Verhaltens habe aber nicht ich, sondern die gesamte Gesellschaft – bzw. hätte ihn, wenn sich alle oder zumindest viele so verhielten. Das hat in der Vergangenheit nie funktioniert und wird es auch in Zukunft nicht tun. Wenn sie also wirklich etwas erreichen will, muss die Politik regulieren, Gesetze erlassen, gleiche Spielregeln für alle schaffen. Das bedeutet auch Verwaltungsaufwand. Es sollte eine kluge Mischung aus Ordnungsrecht (Vorschriften, Grenzwerte) und ökonomischen Anreizen sein.

Auch in der Innenstadt von Schwenningen können wir die Luft atmen, ohne gleich krank zu werden. Können. Donau und Neckar sind (halbwegs) sauber und beherbergen Fische. Wilde Mülldeponien in jedem Dorf wie noch vor 50 Jahren gibt es nicht mehr. Das liegt daran, dass in den 70er-Jahren liberale Innenminister wie Hans-Dietrich Genscher und Gerhart Baum eine Vielzahl von Regeln und Gesetzen zum Schutz der Umwelt geschaffen haben. Und die weiteren Fortschritte der letzten 30 Jahre liegen daran, dass die EU das Thema Umwelt übernommen hat. 

Ich gebe Ihnen Recht, Herr Hohensee: der Emissionshandel sollte das zentrale Steuerungselement im  Klimaschutz sein. Wenn man ihn konsequent durchzieht, und nicht – wie jüngst der ADAC – einen Ausgleich für die kommenden Benzinpreissteigerungen durch die CO2-Zertifikate fordert. Spannend bleibt dabei, wie man soziale Verwerfungen vermeidet. Vielleicht wäre ja ein vom Staat an die Bürger gezahltes „Klimageld“ wie in der Schweiz ein Instrument, auf das Sie sich alle vier einigen könnten?

Auch Liberalismus kann zur Ideologie ausarten – wie jede andere politische Richtung auch. In der Geschichte zählt dazu die Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert, als die liberale englische Regierung Nahrungsmittelhilfe verweigerte, weil sie angeblich den Arbeitswillen der irischen Bevölkerung schmälere. Und aktuell beobachten wir gerade, welche Verheerungen ein verquerer „Liberalismus“ in den USA anrichtet.

Ich wünsche Ihnen allen ein erfolgreiches politisches Wirken im Sinne des Gemeinwohls, und beherzigen Sie in allen Diskussionen den Hinwies des Philosophen Hans Georg Gadamer:  „Man muss immer damit rechnen, dass der Andere recht haben könnte.“

Wanderblühten – Das Buch

Wanderblühten
aus dem
Gedenkbuche eines Mahlers.
Von
Lucian Reich.

Mit einem Titelblatt von Rudolf Gleichauf und Bildern
von L. Reich,

mit der Feder auf Stein gezeichnet
von
Johann Nepomuk Heinemann.

Karlsruhe.
Herder’sche Buchhandlung (A. Geßner).

1855

Wanderblühten – Das Burgele

Wanderblühten – Pilgerfahrten

Wanderblühten – Geschichten aus der Region um Staufen

Wanderblühten – Die Familie des Einungsmeisters

Wanderblühten – Einungsmeister Konrad Ebner

Wanderblühten – Die beiden Schwestern

Wanderblühten –  Badener im Russlandfeldzug 1812

Wanderblühten – Hauschronik einer Schwarzwälder Schildmalers-Familie

Wanderblühten – Friedenweiler und Fürstenberg

Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog

Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen

Wanderblühten – Liebe Mariann

Wanderblühten – Johann Baptist Seele

Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble – Prolog

Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble

Wanderblühten – Schlußwort

IGEL-Gefahren – Was jeder tun kann!

21. März 2022 von Manuela Martin von der Igelhilfe Eigeltingen

GEFAHR Mähroboter
Rasentrimmer und Motorsensen

Tagsüber schlafen Igel in hohem Gras, unter Hecken, Büschen, Bodendeckern oder Laub. Der Igel ist kein Fluchttier, er rollt sich bei Gefahr nur ein oder bleibt auf der Stelle sitzen. Dies wird ihm leider oft zum Verhängnis. Igel geben selten Schmerzenslaute von sich. Ein verletzter Igel schleppt sich mit letzter Kraft ins Gebüsch und verendet dort qualvoll.

Setzen Sie MÄHROBOTER nur tagsüber (zwischen 10.00-17.00 h) ein, wenn das Nachttier Igel schläft. Aber Achtung: In den Monaten August und September wärmen sich Igelbabys schon mal auf dem Rasen in der Sonne auf und erkunden die Gärten! Machen Sie den

„Apfel-Test“.

Legen Sie dazu einen 200 gr. Apfel ins Gras und beobachten Sie, ob das Gerät über das Hindernis oder drum herum fährt. Stellen Sie dem IGEL zuliebe einen

Bodenabstand von 4,5 cm oder weniger ein!

Rasentrimmer und Motorsensen können unsere kleinen stachligen Igelfreunde schwer verletzen oder gar töten. Mähen Sie nur bis ca. 30 cm über dem Boden.

Dann sieht man ob ein Igel sich dort zum Schlaf hingelegt hat. Sie können den Bereich auch vorsichtig mit einem Rechen absuchen.

Ein kleiner Gartentipp: Da motorbetriebene Gartengeräte auch Insekten häckseln, sparen sie Blühinseln aus, als Refugium für Insekten und Käfer und als natürliche Nahrungsquelle für Bienen und Igel.

Danke, dass Sie mithelfen, unnötiges Tierleid zu vermeiden!

Rohrdommel

Liebe Bürgerpostleser, 

diese spannende Geschichte beginnt am 9. Februar 2025. Reinhold Mayer aus Tennenbronn schickte mir das Bild und schrieb: „Wir haben heute im Wald oberhalb des Kesselbergs bei Oberkirnach (über 1.000 m NN) eine Rupfung gefunden. Diese Feder ist 20 cm lang. Kann es wirklich eine Rohrdommel sein?
Wow, eine gerupfte Rohrdommel im Schwarzwald. Mein „google lens“ kam zum gleichen Ergebnis. Ehrlich gesagt finde ich das Erkennen von Vögel anhand von Federn sehr schwierig. Ich wälzte mein dickes Buch über Federn, das ich mir vor Jahren anschaffte, und hielt auch einen Turmfalken für möglich. Jemand brachte eine Waldohreule ins Spiel. „Mein“ Hinterwälderzüchter und Naturmensch Paul Franck aus Kraichtal-Neuenbürg bot folgende Hilfestellung an: „Eulen fliegen lautlos, deshalb die Feder am Ohr auf- und abbewegen, wenns sehr leise ist, dann war es eine Eule“. Reinhold Mayer machte das und kam zum Ergebnis Eule. Was alle Experten erkannt hatten, dass eine Raubsäugetier die Rupfung vorgenommen hatte, wissen Sie wieso?

Weil die Federkiele durchbissen waren, man sieht das sehr deutlich auf dem Bild oben. Jetzt, was war es nun für ein Vogel? Ein Eulenexperte tippte auch auf Rohrdommel und leitete die Federbilder an einen Federexperten weiter. „Das sind definitiv Rohrdommelfedern“ schrieb er. Ouod erat demonstrandum. Klasse. 

In Deutschland kommt die Rohrdommel als ziehender Brutvogel vor allem im Nordosten, besonders in der Mecklenburgischen Seenplatte vor. Sie lebt in ausgedehnten Schilf- oder Röhrichtbeständen am Wasser. Man schätzt den Bestand nur noch auf einige hundert Brutpaare. In Westdeutschland ist sie weitgehend verschwunden. 

Jetzt noch zur Deutung des Fundortes Schwarzwald: Möglicherweise befand sie sich auf dem Durchzug nach Nordwesten und machte Rast in einem Feuchtgebiet mit Biberteichen am Rohrbach 500 m unterhalb des Fundortes. Vielleicht ist sie dort Opfer eines Fuchses geworden, der sie zur Rupfung wegschleifte. Manchmal trifft eben auch das Unwahrscheinliche zu. 

Ich habe aus dem kosmos Vogelführer die Abbildung oben eingefügt, das die Rohrdommel im Laufen und im Flug zeigt. Bekannt ist ihre Pfeilstellung bei Gefahr, sehen Sie, wie hervorragend sie getarnt ist?

Reinhold Mayer und allen beteiligten „Detektiven“ vielen Dank.

Herzliche Grüße
Franz Maus

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