Insel Mainau – Salem und Ueberlingen

Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.

Hier der das Kapitel Salem und Ueberlingen

Salem

Salem und Uerberlingen

Von Meersburg führt ein Uferweg nach dem Dorfe Unteruhldingen. Dieser Ort, ehemals fürstenbergisch, liegt unmittelbar am See, der Mainau gegenüber, und erinnert mit seinem flachen Ufern und verpfählten Landungsplätzen an Bilder der Niederländischen Schule. – Als wohlgelegene Marktstätte hatte Uhldingen ein großes Kornhaus, welches jetzt, da der Fruchtmark sehr nachgelassen, einer Gesellschaft von acht bevorrechteten Schiffern zum Magazine dient. Noch zeigt man an einer nahen waldbewachsenen Anhöhe die „Knabenlöcher“ verlassene, in den Fels getriebene Gänge, in welchen nach einer Sage einst Gold gegraben und auf dem Heiligenberg, in den „Goldhäuslein“ bei der Heinrichsquelle, geschmolzen wurde.

Der Mittag war heiß, und ich suchte nächst einem Bauernhaus Schatten, wo ein Alter auf grünem Wiesenplatze beschäftigt war, junge nachgesetzte Stämme von Raupennestern zu säubern. Der Mann hatte bereits nahe an die 80 Frühlinge gesehen und trug, eine Seltenheit am See, noch die alte Tracht. – Er schaute den Fremden lächelnd an, als dieser unter Anderem nach den unterirdischen Gängen fragte, wo früher Gold gegraben worden. Es mochte ihm scheinen, als habe er einen Schatzgräber, oder einen goldhungernden modernen Abenteurer vor sich, der in Uhldingen ein zweites Kalifornien suche.

Er wies gleichgiltig mit der Hand nach der Berghöhe, und als ich der Sage weiter nachfragte, meinte er: „von gegrabenem Gold spüre man in der Gemeinde nimmer viel – werde auch wohl Alles nur Erdichtung und Fabelwerk sein.“ Sein großes, ehrliches Gesicht verriet einen Anflug von Beleidigung, dass man ihn für so einfältig halte, an dergleichen zu glauben.

Ich gab ihm Recht, und er erzählte mir, dass vor einigen Jahren ein paar Hirtenbuben, die im Innern der Höhle aus Wunderwitz ein Feuer angezündet hätten, vom Qualm beinahe erstickt, hervor gezogen worden seien. Er berichtete mir mancherlei aus der Zeit, da Uhldingen noch zur Grafschaft Heiligenberg gehörte. Der Fruchtmark sei dazumal ein bedeutender gewesen, und von Sulgau, Altshausen und der Umgegend befahren worden. Alle Mittwoch seien bei 400 Malter Korn von hier über’s Wasser nach Konstanz und in die Schweiz verführt worden. Der Verkehr habe seitdem aber durch die württembergische Eisenbahn sehr gelitten.

Ihre Gemarkung von geringerem Umfang sei erträglich, auch werde etwas Wein gebaut; die Gemeinde habe früher eigene Reben gehabt, und von einem Teil des Weines hätten die Bürger mit ihren Weibern alle Jahr an Fastnacht einen fröhlichen Trunk auf der Gemeindestube gehalten u.s.w.. Die gemütliche Berichterstattung wurde unterbrochen durch ein Kind, welches kam, den Großvater zum Mittagessen zu rufen.

Mein Weg aber ging nach Salem, ein Ausflug landeinwärts von ein paar Stunden. Der Reisende, begünstigt von einer Reihe schöner Tage mit immer gleicher Aussicht auf die weite Wasserfläche und ihren fernen Grenzen, kann leicht von einem Gefühle, wo nicht des Überdrusses, doch gleichgültiger Gewöhnung beschlichen werden, wodurch eine landschaftliche Abwechslung zum Bedürfnis wird.

Die Straße von Unteruhldingen nach Salem führte über Oberuhldingen und Mühlfeld, beides Dörfer an dem Flüsschen Aach. Oberhalb von Oberuhldingen bei Gerhardsberg liegt auf dem weit sichtbaren „Schlossberg„, ganz von dichten Wald umwachsen, eine gebrochene Burg mit einem Walle. Vor vielen Jahrhunderten soll hier ein Ritter von Ober-Riedern gehaust haben, dessen Besitzungen später an Salem kamen. Unter den älteren Fischern und Schiffern herrschte noch jetzt der Glaube, dieser Ritter gehe um, und bei jeder Schiffmannsnoth auf stürmischer See wird der Geist um Hilfe gebeten, und, wie versichert wird, niemals umsonst.

Weiterhin nach dem Kloster begegnen wir dem eigenthümlichen gelegenen Killiberg, einem ehemals salemischen Gute mit Jägerhaus und Kapelle, auf einem Bühel mitten in dem großen waldumgebenden Killi- oder Edelburger Weiher.

Kurz vor meiner Ankunft ward die Leiche eines jungen lang vermissten Burschen in dem Wasser gefunden; bei welcher Gelegenheit mehrere ähnliche Fälle wiederum in Erinnerung gebracht wurden, mit der herrschenden Sage, dass dem tiefen Weiher eine verderbliche, opferheischende Macht inne wohne, – So, hörte ich unter anderem, geschah es einem geachteten Bürger und Metzger von Überlingen, der bei dunkler Nacht an dem Killiweier vorüber wollte, dass eine Gestalt ihn gegen das Gewässer stießt und zuletzt erfaßte, um ihn hinein zu schleudern. Als der Morgen graute, erwachte der Mann aus tiefer Betäubung am jenseitigen Rande des Weihers.

Zwischen Waldung und fruchtbarem Ackergeländ führt der Weg durch Mimmenhausen in den grünen Linzgau, wo in herrlicher wohlbebauter Ebene das ehemalige Reichsstift Salem liegt und von luftiger Höhe die weißen Giebel des fürstenbergischen Schlosses Heiligenberg zu Tal schauen.

Der Bodensee und die Alpen sind dem Blicke verschwunden, und alle Umgebung deutet auf Verhältnisse wohl betriebener Landwirtschaft, die ihren gegenwärtigen Flor hauptsächlich dem Herrn Markgrafen Wilhelm Großherzoglicher Hoheit verdankt. Die Bewirtschaftung der markgräflichen Domaine wird nämlich höchst uneigennützig im Sinne einer Musterwirtschaft für die Umgebung behandelt; Reben-, Acker- und Wiesenbau des ganzen Gaues haben sich unter diesem Einfluss wesentlich gehoben, und die wohlthätigen Folgen werden bis ins späteste Zeiten das schönste Denkmal so ächten hochherzigen Fürstensinnes bilden.

Zu den umfangreichen Gebäulichkeiten des ehemaligen Reichsstifters führen drei Tore. Der Baustil des Ganzen ist der des 17. Jahrhunderts, mit Ausnahme des Münsters und der Vorratshäuser, welche älteren Ursprungs sind. Ein Teil der Räumlichkeiten dient zum Sitz des großherzoglichen Bezirksamtes des markgräflichen Rentenamtes und zur Elementarschule. usw.. Der Klosterbau unter Abt Stephan, 1700 ausgeführt, nunmehr ein markgräflich badische Schloss, ist zum Sommeraufenthalte JJ. HH. der Herren Markgrafen wohnlich und geschmackvoll eingerichtet. Den großen Kaisersaal in imposantem Roccocogeschmacke, zieren lebensgroße Statuen in Stuckarbeit von sämtlichen deutschen Kaisern.

Die Klosterkirche, (das Münster) stammt aus dem 14. Jahrhundert und repräsentiert würdig den reinen gotischen Stil. Ihr Inneres wurde jedoch unter Abt Robert, zu Ende der vorigen 70er Jahre, durch Zutaten (Altäre, Statuen, Reliefs x.) im Sinne dieser geschmacksverirrten Zeit dem ursprünglichen Charakter teilweise entfremdet. Wenn dies dem Eindrucke, den der herrlichen Tempel macht, natürlich nicht wenig Eintrag tut, so versöhnt einigermaßen die Solidität und Kostbarkeit des Materials der neueren Ausstattung. Der Hauptaltar, die zahlreichen Seitenaltäre, mit Reliefs, Statuen und Kandelabern, sind von weißem Alabaster, wie solche an den abschüssigen Ufern der Wutach bei Aselfingen und Achdorf vorkömmt. Nachdem die salemischen Besitzungen an das Haus Baden gefallen, überließ Großherzog Ludwig den schönen Tempel der Gemeinde Salem unentgeltlich zur Pfarrkirche.

Es war gerade Morgengottesdienst, als ich die Kirche betrat; der ehrwürdige 86-jährige Pfarrer Honoratus Hapt, der letzte der ehemaligen salemischen Klostergeistlichen, las eine stille Messe; nur wenige Andächtige waren zugegen. – Der Priester schien ein abgeschiedener Geist aus früheren Tagen, von dessen Pracht und Reichtum die hohen Säulen und Marmorbilder noch stumme Zeugenschaft gaben. Als der Greis mit zitternder Hand die Gemeinde gesegnet hatte und vom Altar zurückgetreten war, sah ich ihn nach einer Weile, umgeben von einer Gruppe Schulkinder, die ihn wie zum Schutze begleiteten, über den Platz seiner nahen Wohnung zuschreiten.

Bei einem Besuche, den ich ihm machte, erzählte er viel von den Zeiten des Klosters; ich erfuhr, dass die alabasterernen Altäre der Kirche in der Werkstätte der salemischen Laienbrüder verfertigt wurden. Bei Aufhebung des Stiftes habe die Zahl der Konventualen achtundsiebzig betragen, eine verhältnismäßig geringe Zahl, da wegen Kriegs- und anderen Umständen längere Zeit keine Novizen mehr aufgenommen werden konnten.

Unter anderem zeigte mir der alte Herr auch ein kleines Bildlein, welches, von einem Freund entworfen, ihn selbst darstellt, wie er betend und sich geißelnd in der Zelle kniet, eine dampfende Tabakspfeife im Mund. Er hatte sich, erläuterte er mit liebenswürdigem Humor, in früherer Morgenstunde einst verleiten lassen, ein Pfeifchen zum Fenster hinaus zu rauchen, als es an der Türe klopfte und der Erschrockene rasch in die Knie sank und sich, wie im Gebet begriffen stellte. Die Schauöffnung an der Türe hatte ihn aber verraten, und er mußte Buße tun.

Als ein natürliches Dokument der alten Zeit betrachtete ich die riesenhafte Linde in dem Klosterhofe. Es ist anzunehmen, dass der Baum irgend einem historischen Moment sein Dasein verdankt. – Zur Zeit aber, wo das Stift noch eigene Gerichtsbarkeit hatte, gab es ein Sprüchwort unter dem Volke: „er ist schon unter der Linde gelegen.“ -was jedoch dem, auf welchem es angewendet wurde, nicht zu sonderlichen Ruhm gereiche. Denn unter dem kühlen Schatten der altwürdigen Linde wurden der Göttin Themis von Amtswegen jene Opfer gebracht, bei welchen der Stock eine Hauptrolle spielte.

Dem Baume hatte aber der Zufall oder das Geschick noch eine Bedeutung höheren Sinnes zugedacht. – Als ich schon seit Wochen von meiner Bodensee Reise wieder zurückgekehrt war, erhielt ich ein Schreiben von achtbarer Hand* des Inhalts: „Die große Linde gehörte zu den allerältesten Bäumen in der Umgegend und erscheint in den frühesten gezeichneten Planen und Ansichten des Klosters Salem. Sie ist älter als das vorhandene Klostergebäu; eine sonderbare Fügung des Zufalls, oder wie man es nennen will, wollte, dass der Baum am 25. April des Jahres plötzlich und unerwartet, ohne dass ein Sturm oder anderes äußeres Ereignis beigetragen hätte, bei ruhiger Witterung in sich zusammenbrach. – Wenige Tage nachher, am 1. Mai, starb altersschwach der 86-jährige Pfarrer von Salem, Honoratus Hapt, der letzte Geistliche des ehemaligen Stiftes – Als er auf seinem Lager, wo ihn seine Schwäche gefesselt hielt, von dem so unerwarteten Zusammenbrechen der Linde hörte, ergriff ihn ein wehmütiges Gefühl, und er sprach gegen die Anwesende seine Ahnung aus, dass er nun bald sterben und zusammensinken werde- wie die Linde.“
*Von A. Ellensohn, Gastwirth auf der Mainau.

Das Kloster Salem oder Salmannsweiler wurde gestiftet im Jahre 1134. Es war früher ein Weiler im Besitze eines Ritters Guntram von Adelsreuthe, der ohne männliche Nachkommen war und das Gut mit verschiedenen anderen Besitzungen dem Zisterzienser-Orden vermachte. Die Schenkung geschah mit Bewilligung des Königs Conrad, des Herzogs Friderich von Schwaben und des Markgrafen Hermann von Baden. Das Stift war ein reichsunmittelbares und genoss alle Vorrechte, die einem Reichsstande zukamen. In kirchlicher und staatlicher Beziehung war das Stift lange Zeit in Streitigkeiten verwickelt, welches teils mit dem bischöflichen Ordinariat Konstanz, andererseits mit Fürstenberg wegen der Grafschaft Heiligenberg. So ging zum Beispiel die Grenzlinie der Jagdgerechtigkeit mitten durch die Münsterkirche zu Salem, und es soll ein Graf von Heiligenberg, um die Rechte zu wahren, einst mit dem ganzen Jagdgefolge durch die Kirche gezogen sein.

Vierzig Äbte bilden die Reihenfolge der Klostervorsteher, von dem ersten, Frowin, der ein Gefährte und Dolmetscher des heiligen Bernhards war, als dieser Deutschland durchzog, bis zu Caspar Öchsle von Schönberg. Von diesem Letzteren sagt Kolb viel Rühmliches. Gastfreundschaft, Liebe für Kunst und Wissenschaft, Eifer für Erziehung der Jugend usw. haben unter seiner Regierung und Fürsorge einen hohen Grad erreicht.

Wenn der Pilgrim von Salem aus seiner Fahrt weiter landeinwärts fortsetzt und dem kaum eine Stunde entfernten Heiligenberg einen Besuch machen will, so wird er den sichersten Führer durch die Hallen jenes prächtigen Fürstenschlosses finden in dem vor einiger Zeit erschienenen Schriftchen von dem vaterländischen Forscher und Geschichtenschreiber C. B. A. Fickler: „Heiligenberg in Schwaben. Mit einer Geschichte seiner alten Grafen und des von ihnen beherrschten Lintzgaues. Bei Macklot, 1853.“

Meine Zwecke führten mich wiederum dem Bodensee entgegen, auf dem Wege über Tüfingen nach Überlingen – Zwischen Salem und Tüfingen, im Walde, durch den die Straße führt, hängt an einem Tannenstamme eine von Wind und Wetter gebleichte Malerei mit einer Inschrift des Inhalts: Als zur Schwedenzeit (1643) der Feind die Kirche Altbirnau’s ruiniert habe, sei das dortige Gnadenbild, eine Mutter Gottes, allein unversehrt geblieben; der Knecht eines benachbarten Hofes habe das Bild nach Salem flüchten wollen, sei aber unterwegs von französischen Soldaten der überlingischen Besatzung (unter Corval), welche mit Kornsäcken beladen von Heiligenberg hergekommen, angehalten und gezwungen worden, seinen Schatz abzulegen und mit einem Fruchtsack beladen nach Überlingen umzukehren. Als er später wieder an die Stelle kam, fand er das Bildnis unversehrt unter der Tanne, wo er es niedergelegt hatte, und brachte es nach Salem. Zum Gedächtnis ließ er eine Votivtafel an der Tanne befestigen, die im vorigen Jahrhundert restauriert, und weil die Tanne altershalber umgefallen, in der Nähe an einem jüngeren Stamme angebracht wurde.

Ungefähr eine Viertelstunde von Überlingen liegt das Schlösslein Burgberg, von einem schilffigen Wassergraben umgeben. Dieser ehemalige Adelssitz ist gegenwärtig ein Wirtshaus, zu dem eines schönen Tages die Herren und Damen aus der Amtsstadt wallfahrten. Über die Höhe wandernd, erblicken wir bald die Stadt und den See, der nach ihr den Namen trägt.

Überlingen selbst hat, zumal in seinem Türmen, öffentlichen Gebäuden und stattlichen Patrizierhäusern noch viel mittelalterliches Gepräge; doch würde es, käme der Schwed‘ zum zweitenmal, dem Feinde nicht mehr die trotzige Stirne von ehemals zu bieten vermögen. – Die alten Stadtmauern und Wälle, da und dort durchbrochen und geebnet, erleiden mit jedem Jahrzehnt neue Einbußen. Hoffentlich werden aber nicht alle Erinnerungen einer rühmlichen Vorzeit dem kahlmachenden Neugeiste zum Opfer fallen.

Vom Ursprung der Stadt berichtet uns die Ahnfrau der Geschichte, die Sage, nichts. In frühen Jahrhunderten sollen mehrere alemannische Herzoge im Iburinga ihren Sitz gehabt haben. Von des einen Tochter, Friedeberge wird erzählt, dass sie in üblen Gemütszuständen von dem heiligen Gallus geheilt, ihrem bestimmten Bräutigam entsagend, sich der Kirche vermählt und auf dem Gallerberge ein Kloster gestiftet habe. Im Jahr 1241, nach Abgang der schwäbischen Herzoge, finden wir Überlingen als Glied des damaligen Städtebundes; unter Conradin wurde die Stadt reichsunmittelbar. Die Ortsgeschichte hat manche rühmliche Momente aufzuweisen und zeugt von kräftiger bürgerlicher Gesinnung. –

Als die aufständischen Bauern weithin im Schwäbischen und am See mit Feuer und Schwert hausten, standen die Überlingen unter dem Patrizier Reichlin-Meldegg auf Seite der Bündischen, welche den übel beratenden Bauern bei Ravensburg einen tödlichen Schlag beibrachten. Als der Aufruhr in der Seegegend von neuem begann, rückten die Überlinger, geführt von ihrem Bürgermeister Keßering, abermals ins Feld, umringten die Rebellen und stellten ihre Anführer vor ein Kriegsgericht. Hundertundfünfzig der Unglücklichen wurden auf dem Credplatze öffentlich enthauptet. Noch sieht man an der Türe auf dem Vorplatz des städtischen Rathauses ein Gemälde, welches diesen blutigen Akt zum Gegenstande hat.

Karl V. stiftete der Entschiedenheit der Reichsstadt dadurch ein Andenken, das er dem aufrecht stehenden Löwen, welcher die Helmzierde ihres Wappens bildet, ein bloßes Schwert zuerkannte.

Der 30-jährige Krieg brachte Überlingen gleiche Bedrängnis wie den Nachbarstädten Konstanz, Radolfzell und Villingen. Die Bürgerschaft hatte das Glück, einen ausgezeichneten, ächt patriotischen Mann an ihrer Spitze zu haben, in der Person des Bürgermeisters Freiherrn Heinrichs von Pflummern. –

Zweimal wurde die Stadt angegriffen, doch jedesmal ohne Erfolg. Der letztere Angriff geschah unter Gustav Horn im Jahre 1634. 24 Tage dauerte die Belagerung, aber die Bürger mit dem ringsum aufgebotenen Bauern in der Stadt wehrten sich als Männer, die um ihr Theuerstes fechten. Der Feind mußte nach großen Verlusten unverrichteter Dinge abziehen. Die Stadt mochte für die damalige Zeit als sehr wohlbefestigt gelten. Ein tiefer, in den Molaßfelsen gehauen Graben trennte sie völlig von dem übrigen Land, während die Mauern auf allen Punkten durch das Geschütz der Türme bestrichen wurden.

Fast noch Schlimmeres als die heißen Kampftage selbst brachten die nachfolgenden Zeiten. Aber auch da war es der wackere Bürgermeister von Pflummern, der mit Bewusstsein und Kraft das städtische Regiment zu führen wusste. Der lange Krieg hatte die Soldaten so sehr verwildert, dass zwischen Freund und Feind wenig Unterschied mehr war. Die Überlinger mußten den befreundeten, in der Stadt lagernden spanisch-österreichischen Kriegstruppen ungeheure Summen bezahlen, während Widerhold von Hohentwiel aus die Umgegend verheerte und endlich (den 30. Juli 1643) die Stadt überfiel und besetzte. „Viele der Bürger verloren das Leben, der Feind raubte, plünderte, was er fand. Viele Bürger verließen aus Elend die Stadt, alles, auch Hunde, waren aufgezehrt.“ –

Als nach Abzug des Feindes bayerische Truppen hereinkamen, fanden die guten Überlinger, dass die Arznei bitterer sei, als die Krankheit gewesen; denn der Freund hauste noch übler als der Feind gethan. – Auch das 7-jährige Kriegswetter verhängte großes Ungemach über den Ort, so wie die nachfolgenden größeren Stürme der französischen Invasion.

Im Äußeren der alten Stadt zeigt sich die Wohlhabenheit des mittelalterlichen, zugleich aber der Stillstand, wo nicht Zerfall der späteren Reichsszeiten. Von ersteren zeugen viele stattlichen Baudenkmale, unter denen das bedeutendste die Münsterpfarrkirche ist. Sie wurde zu bauen angefangen im Jahre 1360, nach dem Plane des Eberhard Raben. Das. Innere des Langhauses hat fünf hohe Gewölbe, getragen von 28 Säulen und 81 Pfeilern, zwischen denen zu beiden Seiten zwölf Kapellen angebracht sind. Die Altäre finden sämtlich aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sie enthalten außer einem Gemälde in einer Kapelle der rechten Abseite, Frauen und Engel um den Leichnam Jesu beschäftigt, nichts Gutes.

Der reich verzierte Hauptaltar ward aus Anlass der Pest, im Jahre 1618, vom Magistrate errichtet. Ein Seitenaltar, der von Schultheiß’sche, enthält Bilderhauarbeiten von Hans Morink, die mit Talent und großem Fleiße ausgeführt, aber, wie alle Arbeiten dieses Meisters nicht mehr der guten Zeit angehören. Der riesige Geist Michelangelo’s, der kühn bis zu den äußersten Grenzen der Plastik vorschreiten durfte, übte bereits auf die Werke des nachahmenden Deutschen beirrenden Einfluss.

Von den beiden Türmen ist nur der eine vollendet; er ist über 200 Schuh hoch und hat eine herrliche Aussicht. Im anderen hängt die große, 177 Centner schwere Osannaglocke, gegossen im Jahre 1664. Vor der Kirche steht ein Ölberg, mit architektonischem Gehäuse. Dieses Werk befand sich vor der Reformation im Münsterkreuzgange zu Konstanz.

Bemerkenswert erscheinen die Reste von Freskobildern an den Außenwänden der Kirche, in dem unter den Fenstern hinlaufenden Feldern. Sie sind biblischen Inhalts und scheinen aus der ersten Zeit des Baues herzurühren. Die Umgebung der Kirche war früher ohne Zweifel Begräbnisort, und die Bilder mochten darauf Bezug haben. Jetzt gewährt der Platz mit seinem Lindengrün und der mittelalterlichen Fassade des altstädtischen Kanzleigebäudes einen überaus malerischen Anblick. Auf dem Brunnen, welcher den Platz ziert, steht aus der Renaissancezeit die Statue eines Knaben mit einem Fisch und Fischergeräth; ob die anmutige Figur auf irgendetwas Örtliches hinweist, konnte ich nicht erfahren.

Ein herrlich Denkmal mittelalterlicher Kunst bewahrt der „zierliche Rathaussaal“ in seiner holzgeschnitzten Dekoration. Die Decke ist flach gewölbt, von braunem Holz und reich verzerrt mit Vergoldung. Die Wandverkleidungen enthalten 40 Felder, über welchen auf Consolen mit Wappen vortrefflich geschnitzte Kostümfiguren zu sehen sind. Der dem Ganzen zu Grunde liegende Gedanke ist: die organische Gliederung der Reichsverfassung deutscher Nation bildlich zu versinnlichen. Über dem Eingange prangert das Wappen des Reichs und der Stadt Überlingen; auf der einen Seite die Figur der Gerechtigkeit, auf der anderen der heilige Nikolaus als Stadtpatron; dann folgen ringsumlaufend die verschiedenen Reichsstände in beiläufig zwölf Zoll hohen Statuetten mit etwas kleineren Wappen.

Diese Gliederung, wie sie in alten Chroniken herkömmlich dargestellt ist, bildet eine Kette von zwölf Standesgruppen, deren jegliche vier Glieder zählt, nämlich

1) der Kaiser (durch das Reichswappen dargestellt) und die drei geistlichen Kurfürsten des Reichs: von Mainz, Trier und Köln;

2) die vier weltlichen Kurfürsten: von der Pfalz, von Böhmen, Sachsen und Brandenburg;

3) die vier Herzoge des Reichs: von Braunschweig, Bayern, Lothringen und Schwaben;

4) die vier Markgrafen des Reichs: von Meisen, Brandenburg, Mähren und Baden;

5) die vier Landgrafen des Reichs: von Thüringen, Hessen, Elsaß und Leuchtenberg;

6) die vier Burggrafen des Reichs: von Nürnberg, Magdeburg, Reineck und Stromberg;

7) die vier Grafen des Reichs: von Kleve, Schwarzburg, Zilli und Savoyen;

9) die vier Freiherren des Reichs: von Limburg, Thufiß, Westerburg und Altenwalden;

9) die vier Ritter des Reichs: von Andlau, von Strondeck, Meldingen und Frauenberg;

10)die vier Städte des Reichs: Augsburg, Aachen, Metz und Lübeck;

11) die vier Dörfer des Reichs: Bamberg, Schlettstadt, Ulm und Hagenau; endlich

12) die vier Bauern des Reichs: Köln, Regensburg, Konstanz und Salzburg.

An der einen Wand erscheint Christus, an der anderen Maria und Johannes, letztere betend um Erleuchtung und Gedeihen des Reichstages. – Der Name des Meisters dieser schönen Arbeiten findet sich nirgends angegeben. Manche wollen in ihm den Ulmer Holzschnitzer Hans Syrlin sehen.

Als spätere Zugabe sehen wir in Feldern der rechten Seite eine Reihenfolge von gemalten Kaiserporträts, von Rudolf II. bis zu Maria Theresia. Auffallend ist der Umstand, dass wir im Römer zu Frankfurt, noch drei leere Felder übrig sind, die für die nachfolgenden deutschen Kaiser.

Die plastischen Figuren, die Repräsentanten des Reichstags, sind mit altdeutscher Treue und Wahrheit gegeben. – charakteristische Bilder ihrer Zeit bis in’s einzelne der Tracht. – Wenn es nicht so großen Schwierigkeiten unterläge, über Holz zu formen, so müßte man wünschen, einen Teil dieser Statuetten zu Nutz und Frommen der Kunst durch Abgüsse vervielfältigt zu sehen. Der architektonische Kunstteil wird von jüngeren Baukünstlern an Ort und Stelle häufig zu Studien benützt. So belehrend solche phantasie- und gedankenreiche Vorbilder auch sein mögen, so werden nicht selten in größeren und kleineren Städten sehr kostspielige öffentliche Gebäude, Brunnen x. errichtet, ohne den mindesten Schmuck, ohne bildliche Beziehung und Bezeichnung, kahl und unerquicklich wie ein Haideland.

Was mich nicht weniger anzog, als die ebenbeschriebene Dekorierung, waren einige Möbel im Ratszimmer. Das eine ein Waschbecken, dessen hohes Gestell von dunklem Holz, herrlich verziert ist mit Wappen und einer Arabeske, Simson mit dem Löwen. Das andere ein ebenso schön verzierter Aktenkasten. Beides Arbeiten aus der Renaissance und darum in ihren freien Formen unserem Gefühle näher, als die in sich mehr abgeschlossene Gotik, die übrigens bei Möbeln, Gittern, Schmucksachen x. auch freierer Motive sich bediente und nie (wie im Neueren geschieht) den streng architektonischen, monumentalen Charakter derartigen Gegenstände geben wollte.

Bei Betrachtung der Rathstube zu Überlingen, können wir nicht umhin, einen Gemeinwesen, dem so Schönes und Würdiges entsproßte, unsere Bewunderung und Achtung zu zollen. Dieser löbliche Sinn, alles Öffentliche, dem Gemeinwesen Dienende, durch künstlerischen Schmuck und Charakter auszuzeichnen, scheint hier einigermaßen bis auf spätere Zeit sich fortgeerbt zu haben; das zeigen wenigstens die Dekorationen der Türen auf den Gängen und der Vorplätzen. Sie sind von einem Überlinger Maler, Christoph Lienhardt, im Jahre 1712 gefertigt und bestehen in grau gemalten allegorischen Figuren und Emblemen, die auf das bürgerliche Regiment Bezug haben. Derselbe Meister verzierte auch die Gänge und Türen des Klosters Salem.

Auf den Vorplätzen des Rathauses finden sich noch einige naturhistorische Merkwürdigkeiten. Auf einer Tafel das gemalte Conterfy eines riesenhaften Seeräubers, der wohl über ein Jahrhundert hindurch die Gewässer des Bodensees beunruhigt haben mag. Es ist ein Hecht, der laut beigegebenen Maßes, nicht weniger als zwölf Fuß in der Länge gemessen und anno 1570, Donnerstag, den 26. November von den Fischern und Bürgern Franz und Christen Ueberlin „in dem See, hinter der Stadt, bei der alten Badstuben an der Halde, gefangen wurde.“ Das andere ist ein Trappe, im Hornung des Jahres 1730 von einem 15-jährigen Knaben bei St. Leonhardskapelle geschossen.

Interessante öffentliche Gebäude, außer den genannten, sind: der massiv erbaute Pfennigturm neben dem Rathaus, wo das städtische Archiv aufbewahrt wird. – Die alte Stadtkanzlei mit ihrer steinernen Wappengeschmückten Fassade. – Das Credhaus (Kaufhaus) an der Schiffslande. – Das große Spital zum Heiligen Geiste, mit einer gut erhaltenen hübschen, gotischen Kapelle, die aber leider, weil das baufällige Haus niedergerissen werden soll, dem Abbruch geweiht ist. Sollte sie aber nicht geschont und erhalten werden können*. Das Spital ist sehr reich, und seine Stiftungen gehen bis in früheste Jahrhunderte zurück; es besaß in der Umgegend Dörfer und Höfe im Wert von 1,5 Millionen.
*Auch einem Teil der in den See gehenden Stadtmauer mit einem alten Turme ist, wie ich hörte, gleiches Schicksal zugedacht. Warum?

Das s.g. Steinhaus mit einer Hauskapelle, früher die Herberge der hier durchreisenden Kaiser. Sigismund stieg daselbst ab auf seiner Reise zum Konstanzer Konzil, und später im Jahre 1430; ebenso Ferdinandi I Anno 1563 x. Das Haus gehörte dem Kloster Salem und hieß deshalb Salmansweilerhof, erbaut von Abt Konrad Schäfer 1530. Jetzt dient es Privatzwecken.

Das ehemalige Franziskanerkloster mit einer Schülerkirche und dem städtischen Theater. Die Leopold- und Sophien-Bibliothek im alten Zeughaus, sie wurde gestiftet vom Dekan und Stadtpfarrer Mocheler, der einer der letzten Benediktiner von Villingen, ein tätiger Freund der Wissenschaften und Wohltäter der Armen war.

Das Reichlin-Meldegg’sche Haus, ein stattlicher Patrizierbau mit Zinnengiebeln und weiter Aussicht; er rührt aus dem Jahre 1462. Die ehemalige Rittercommende St. Johann, auf einem hochgelegenen Punkte über der Stadt und ihrem tiefen Graben mit dem mächtigen Rondellturm, jetzt Eigentum des Freiherrn von Ulm.

Der Gallerturm ein altehrwürdiger Veteran, dessen Namen an die früheste Ortsgeschichte erinnert; seine prächtige Aussicht belohnt reichlich die Mühe des Besteigens. – Das Pflummer’sche Haus, von stattlichem Äußeren mit dem Wappen der ursprünglichen Besitzer. Eingemauerte Kugeln an der Wand gegen die Heldgasse sind Denkzeichen der schwedischen Belagerung, deren Hauptsturm auf die Gasse gerichtet war. Der letzte Sprössling der um die Stadt hochverdienten Freiherrn von Pflummern starb im Jahre 1829 zu Überlingen; eine Seitenlinie hat noch ihren Sitz in Überlingen. Die ehemalige adlige Zunft, jetzt ein Wirtschaftslokal, dem Freiherrn von Bodman gehörig. Die Gaststube wurde neuerlich im Sinne der früheren Zeit mit dem Wappen der in Überlingen existierenden adligen Geschlechter dekoriert.

Das Bad Überlingen ist seit Anfang des 16. Jahrhunderts urkundlich bekannt. Es war städtisches Eigentum bis zum Jahre 1802, wo es käuflich in den Besitz verschiedener Privaten kam, um neuerer Zeit wieder von der Stadt erworben zu werden. Gegenwärtig ist es im Pacht gegeben, und bildet die Anstalt eine Hauptzierde, nicht nur der Stadt, sondern des ganzen See’s. Sie liegt in der Vorstadt zu den Fischerhäusern, mit einem großen Garten am Seegestade. Alles was Gesunden und Kranken zur Erholung und Erheiterung dienen kann, findet sich hier in wünschenswerten Maße: solide Wirtschaftseinrichtungen, gute Bedienung, geschlossene Seebäder, Gelegenheit zu Luftpartien zu Land und zu Wasser, Musik und Bälle; auch ist den Gästen die städtische Bibliothek zugänglich. Und da das Bad zugleich allgemeines Gasthaus und ein beliebter Ausflugsort der Nachbarschaft ist, so sehen wir an schönen Sonntagen seine Räume heiter belebt von Besuchern aus der Nähe und Ferne.

Die Mineralquelle befindet sich etwa 70 Schritte vom Badhaus nahe der Stadtmauer, in einem 17 Fuß tiefen Sammler, sie enthält hauptsächlich Eisen, wovon die Oberfläche des Wassers und seine steinerne Fassung gelbrötlich gefärbt erscheint, außerdem Alkali, gebundene Schwefelsäure Kalkerde und Schwefelsäure. Die Heilkräfte des Wassers sind erprobt bei allen Krankheiten, denen Schwäche, Stockungen in den feinen Geweben, Störungen normaler Funktionen x. zu Grunde liegen. Es ist frisch von der Quelle getrunken etwas herben, aber nicht unangenehmen Geschmackes. Der Gast findet die ganze Saison über stets zahlreiche Gesellschaft; doch verdienen die Vorzüge des Ortes einen viel stärkeren Besuch, denn nicht leicht wird ein Aufenthalt geeigneter sein, wohltätig-beruhigend auf Körper und Gemüt zu wirken, als der hiesige, an der sommerlich gelegenen Buch des schönen Überlingersee’s, umkränzt von Gärten und Weinbergen – mit einem Klima, welches die Nachbarschaft Italiens ahnen läßt.

Unter den wenigen neugeschaffenen Bauwerken der Stadt bemerken wir einen Brunnen in der Vorstadt; er ist von Architekt Schwab entworfen und hat als Säulenzierde einen auf das städtische Wappen bezüglichen Adler von Eisenguss aus der fürstenbergischen Gießerei Zizenhausen, nach einem Modelle von Xaver Reich*.
*Das ursprüngliche Modell diente zum Grabmale, des im Jahre 1849 zu Donaueschingen beerdigten, königlich preußischen Generals von Hannecken.

Ein alter Brunnen auf der Marktstätte wurde in einen modern-gothischen umgewandelt; ein zweiter mit dem Bildnisse Karls V., vor dem Rathause, leider ganz beseitigt, um einem neuen artesischen Quell Raum zu machen.

Wenn der Fremde nach Besichtigung aller dieser Merkwürdigkeiten noch Zeit genug übrig behält, eine Flasche feurigen Meersburger oder Hagenauer zu sich zu nehmen, so wird er gut’thun, dieses löbliche Geschäft auf der Altane des Gasthauses zum Löwen vorzunehmen. – Es gibt wohl nichts angenehmeres, als hier unmittelbar über dem plätschernden Gewoge, von schmeichlerischen Lüften umwoben ein Sommerstündlein zuzubringen; sei es, dass wir gerade unter uns dem wohligen Spiele der Fischbrut zuschauen, die in dem durchsichtigen Kristallgrün zu Tausenden die alten Hafenpfähle umschwärmt; oder dass uns das Brausen des Dampfschiffes in die Ferne zieht, wenn es von dem fernenblauen Eilande der Mainau her direkt auf uns zusteuert, um in der Nähe, am Hafenplatze, das bunte Gewimmel von Passagieren an’s Land zu setzen.

Der Hafen ist neuerer Zeit sehr belebt, namentlich durch den wöchentlichen Fruchtmarkt, dem alljährlich im Durchschnitt gegen 70,000 badische Malter Getreide zugeführt werden, die meist über den See nach der Schweiz kommen; ebenso bedeutend ist der Handel mit Obst, welches meist aus den Orten Nussbach und Sipplingen kommt und von den Bauern vom Heuberg und aus dem Hohenzollernschen als Rückfracht mitgenommen wird.

Es war abends, als ich einen Spaziergang um die Stadt machte. – Der Weg führte mich zufällig zum Gottesacker in die Kapelle, wo noch einige Denkmale aus früherer Zeit vorhanden sind. Das eine berichtet von einer grausamen Pest in den Jahren 1610 und 1611, wo so Viele starben, dass man nicht genug begraben konnte. Anno 1612 aber seien dagegen zahlreiche Ehebündnisse gefeiert worden; und unter Anderem am 5. Februar sei es geschehen:

„Dass im Pfarrmünster von jung und alten Leuten
Gehalten wurde einundzwanzig Hochzeiten.
Das Jahr nachher wurden geboren so viel Kind,
War nichts dann lauf, tauf geschwind.“

Während ich einige andere Inschriften las, kam der Meßner vorbei, ein alter Mann, den ich dem abendlichen Halbdunkel jetzt erst bemerkte. Er sagte, er habe die Obliegenheit, für das ewige Licht in dem Kirchlein zu sorgen, und jeden Abend den Kirchhof zu schließen. Mit großem Eifer erläuterte er die Bedeutung der Gedenktafeln und kam dabei auf das Ehemals und seine eigene Jugend zu sprechen. Am meisten interessierte mich sein Erzählen vom alten Maifest, wie er zu seiner Zeit noch in Überlingen, aber nur in den meist von Rebleuten bewohnten Vorstadt, die das „Dorf“ heißt, gehalten wurde. Am Vorabend war der Maien gehauen und gesteckt. In früher Morgenstunde versammelte sich dann die ledige Welt, Bursche und Mädchen, zum Tanze und um den geschmückten Baum, wobei ein Lied gesungen wurde. Sia, Sia, voll der Freuden, wollte ich, dass der Maien wär usw.. Gesang und Tanz wiederholten sich am Abend, und so ging es fort, 14 Tage lang.

Der 1. Mai war überhaupt beim Landvolk ehedem ein Festtag, an welchem Tanz und Spiele gehalten wurden. – Ein allgemeiner Brauch fand auch statt am 1. März, die sogenannte Märzen- oder Fasnachtsfunken. An diesem Tage flackerten auf Berghöhen beim Beginn der Nacht größere Feuer von Reishaufen. Am See war diese Sitte allgemein. Im südöstlichen Schwarzwald, auf den Waldhöhen um Bonndorf und die Wutach, kann man in der ersten Märznacht noch jetzt weithin die Feuer leuchten sehen. – Auch die Fastnacht wurde in Überlingen in ähnlicher Weise wie in Meersburg gefeiert. Die acht bestehenden Zünfte hatten jede ihr eigenes Gelaghaus mit Schenkrecht*, durch welche Abgrenzung in närrischen wie in ernsten Dingen ein löblicher Wetteifer entstand. – Zu den herkömmlich, en Bräuchen um diese Zeit gehörte unter anderem auch, dass die Überlinger Ratsherren im freundnachbarlichen Ritterhause zu Mainau persönlich das „Fastnachtsküchlein“ abholten, wozu begreiflicherweise der große Landeskomtur-Keller sein Edelstes zu spenden pflegte.
*Noch jetzt sagt der Überlinger statt >von Wirtshaus zu Wirtshaus<, >von einer Zunft in die andere ziehen<.

Als einheimische Fasnachtsmaske findet sich der „Hänsele“; er ist eine Abart von seinem Namensbruder in der Baar, ein Stück mittelalterlichen Pickelhäring mit buntfarbigem „Hääß“, einer Kapuze, die statt der Larve ausgeschnittene Augenlöcher, einen herabhängenden Rüssel und hinten einen Fuchsschwanz hat. – Wie sorgsam das Feld der edlen Narrheit mit unseren Altvorderen gebaut worden, mag eine ehemals bestehende Stiftung dartun. Es war früher zu Fastnacht ein eulenspiegelartiger Brauch, der den „Narren“ erlaubte, in Bäckers- und Metzgersläden, zuweilen auch in Privathäusern, Brot, Schinken, Würste x. listigerweise wegzukapern und ein Mahl daraus zu bereiten, zu dem auch der unfreiwillige Spender eingeladen wurde. Da nun der etwas plumpe Scherz, der oft einen förmlichen Unfug ausartete, zu keiner Zeit verboten werden mochte, fand sich ein möglicher „Narr“ bewogen, ein Gestift zu machen, aus dessen Zinsen den Geplünderten der Schaden jedes Mal zu vergüten sei.

Die alte Reichsstadt ist überhaupt sehr wohl bedacht mit Stiftungen aller Art. Wohl nirgends sind zum Beispiel die Armen reicher als hier; das Spital, welches, wie oben erwähnt, Millionär ist, besitzt sogar ein eigenes, gestiftet es Reben, von deren Blute alltäglich das Krüglein des sorgenfreien Spitäler sich füllt. – Nebst dieser Anstalt besteht noch die sogenannte Spendenpflege, die reichliches, wöchentliches Almosen an Hausarme spendet. – Ebenso gut ist für arme Studierende gesorgt, denen zahlreiche Stipendien zur Unterstützung gedeihen.

Eine hübsche altväterliche Einrichtung besteht noch heut zu Tag in den sogenannten Nachbarschaften. Jede Gasse oder kleinere Stadtgegend bildet nämlich eine für sich bestehende Nachbarschaft, die ihr eigenes Gemeindevermögen besitzt, aus dessen Zinsen jährlich an Johanni in einem Wirts- oder Privathause innerhalb der eigenen Nachbarschaft ein Mahl bestritten wird, dem alle Zugehörigen anwohnen. Der Zweck dieser Stiftung ist (ähnlich dem der 101. Gesellschaft zu Meersburg) Eintracht und gute Nachbarschaft zu hegen und zu pflegen, und entstandene Feindseligkeiten bei einem fröhlichen Becher Wein gütlich beizulegen. Neu hereinkommende Bürger, oder solche, die von einem Stadtteil in den anderen ziehen, kaufen sich mit einer kleinen Summe in die neue Nachbarschaft ein.

An Wein fehlt es überhaupt, den Stadtbürger nicht. Seine Gemarkung hat vorzügliche Weinlagen, die jedoch durchschnittlich mehr der Quantität als der Qualität nach ausgebeutet werden. Auch wird sehr viel Most erzeugt; die Obstbaumzucht dient beinahe ausschließlich diesem Zwecke. Bei dem Überflusse, den eine gütige Natur hier spendet, ist es ein patriarchalischer Brauch, dass zurzeit des Herbstens der ärmere Besitzlose in jedem Torkel sich ein Müsterlein holt. Gleiches tun zu Neujahr die Thurm- und Nachtwächter, Stadtdiener und dergleichen; mit einer Bütte auf dem Rücken statten sie ihren Mitbürgern die Neujahrsgratulation ab, wofür ihnen ein Krüglein oder zwei in das mitgebrachte Gefäß fließen.

Zum Schlusse sei noch eines alten Brauchs erwähnt, der geübt wird, so oft der durchlauchtigste Fürst von Fürstenberg auf Besuch nach Überlingen kömmt. Also Willkommen wird dem hohen Gaste von den Gemeindevorstehern feierlich ein Becher mit Wein kredenzt. Der Ursprung dieser Sitte ist folgender. – Im Jahr 1657 kam die Herrschaft Waldsberg durch Kauf an die Grafen Franz Christoph und Froben Maria von Fürstenberg-Meßkirch. In dieser Herrschaft hat die hiesige Spendenpflege dem zweiten Teil des Groß- und Kleinzehnten zu Salbach (im Amte Pfullendorf) zu Lehen. Es ließen sich die neueren Lehensherren, wie ihre Vorgänger in frühester Zeit, von den Lehnträger den herkömmlichen Revers ausstellen: „dass zu dem allem, so Sye oder Ihre nachkhommen in die Stadt zu Ueberlingen kommen, als dann gedachte Burgermeister und Rath daselbst als Obherrn und Pfleger gemelts Almosens (Spendenpflege) Ihnen Jedesmahls, so oft das geschieht, einen Kopff (Gefäß) mit Wein, wie von Altershero, verehren sollen.“

Am 27. Juli 1853 beerte der nunmehr in Gott ruhende, durchlautigste Fürst Carl Egon von Fürstenberg, in Begleitung Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Fürstin Amalie und Höchstdero hoher Familie, von der Sommerresidenz Heiligenberg kommend, das hiesige Bad mit seinem Besuche. Von Seiten der Stadt wurde diese Gelegenheit benützt, die alt her gekommene Sitte auszuüben. Es wurde dem durchlauchtigsten Herrn ein Becher Wein aus hiesiger Spitalkellerei auf geziemende Weise kredenzt, welcher huldreich angenommen und auf das Wohl der Stadt Überlingen geleert wurde.

Gegenwärtig beläuft sich die Einwohnerzahl auf 3400 meistenteils Katholiken. Die Stadt ist der Sitz eines großherzoglichen Bezirksamtes, einer Obereinnehmerei, Postverwaltung und eines Oberzollamtes.

Ehe wir weiter pilgern ist zu bemerken, dass durch den Ausflug nach Salem die Uferort Seefelden, Maurach und Rußdorf umgangen worden sind. Ersteres, eine Ansiedlung von wenigen Häusern, gehört in’s Amt Salem .Maurach, unmittelbar am Seeufer ist ein markgräflich badisches Schloss mit einem Meierdorf und war früher ein Nonnenkloster. Das wohlhabende, auf fruchtreicher Gemarkung gelegene Dörflein Rußdorf mit seiner alten Pfarrkirche gehört zur Gemeinde Unteruhldingen.

Von interessantesten Punkten der Umgebung Überlingens führen wir noch an: Altbirnau, die ehemalige, sehr alte Wallfahrt ,zu Salem gehörig; sie liegt seit langer Zeit in Trümmern; Sankt Leonhard, eine halbe Stunde von Überlingen, eine mittelalterliche Kapelle mit einer daneben stehenden, gut eingerichteten Wirtschaft und herrliche Aussicht; sodann Spechtshard mit einer großartiger Fernsicht; Luegen und Aufkirch.

Dieser letztere Ort liegt eine Viertelstunde nordwestlich von Überlingen. Bis zum Jahr 1357 war die Stadt hierher eingepfarrt; jetzt bildet Aufkirch eine Filiale von ihr. Das Dörflein ist klein und seine Bürger gehören zur Stadtgemeinde. Die Kirche hat sehr alte Überreste. Einige Gemälde auf Goldgrund und ein Seitenaltar stammen jedenfalls noch aus den Zeiten, da die Überlinger hierher pfarrhörig waren. Sehr schön ist der vergoldete Tabernakel auf dem Hauptaltar; es ist eine zierliche Arbeit aus der Renaissance. Aber alles Vorhandene mit der Kirche ist in äußerlicher Verwahrlosung; die Fenster sind zerbrochen und die Decke verfault und am Einstürzen. – Es scheint, als wäre seit mehreren Menschenalter nicht ein Heller von der Gemeinde, oder wem sonst die Baupflicht obliegt, zur Erhaltung des Kirchleins und seiner Einrichtung verwendet worden.

Beim Anblicke solcher Halbruinen drängt sich unwillkürlich das Gefühl auf, wie notwendig die Wiedererweckung und Befestigung conservativen Sinnes im Volksleben sei, wozu die Erhaltung und Restauration unserer Altertümer nicht wenig beitragen dürfte. – Freilich sollte Letztere, nämlich die Restauration, stets auch im conservativen Sinne, das heißt mit möglichster Pietät gegen das Alte, Vorhandene geschehen, und mit Hinweglassung moderner Schminke und Schönheitspflästerchen.





Die Auszüge unten sind aus dem Buch „Überlinger Sagen, Bräuche und Sitten mit geschichtlichen Erläuterungen“ von Medizinalrat Theodor Lachmann in Überlingen aus dem Jahr 1909. Der Autor hat teilweise bei Lucian Reich abgeschrieben und auch zitiert. Interessant, dass im Jahr 1909 die schreibweise doch etwas verständlicher war als 1856. (Meersburg, Not)

Die Kanabenlöcher bei Unteruhldingen:

Der geistende Ritter von Oberriedern.

Oberhalb von OberuhIdingen, in der Nähe von Gebhardsweiler, befindet sich der weithin sichtbare Schloßberg, ganz vom Wald umgeben. Hier stand dereinft eine Burg, welche der Sitz der Herren von Oberriedern war. Ein Burcardus von Oberriedern wird unkundlich schon 1134 genannt. Gebhardus von Oberriedern gründete 1200 Den Ort Gebhardsweiler; die Vetter Ulrich und Rudolf von Oberriedern ermordeten 1267 Den Frh. Walter von Sastell, weil er in einem Streit ihren Vetter, einen Edlen von Grieß, erschlagen hatte. Die Besitzungen des Rittergeschlechts von Oberriedern, welches Ende des 14. Jahrhunderts ausstarb, kamen an Salem; die Burg wurde im Schwabenkrieg gebrochen und im Bauernkrieg ganz abgetragen. Jetzt ist alles überwachsen, nur einzelne Gräben sind noch vorhanden. Das Wappen der Ritter von Oberriedern war ein schwarzes Schiff mit zwei braunen Rudern auf bewegter See.

Nach altem Schifferglauben geht der letze Ritter von Oberriedern hier um. Bei Schiffersnot auf stürmischem See rufen die Schiffsleute gern hinauf zum Berg und bitten um Hilfe, und nicht selten soll ihnen der Geist des umgehenden Ritters geholfen haben. (Nach Staigers „Salem“ und Reichs „Mainau“.)


Die Linde konnte ich auf den Bildern von Wikipedia nicht erkennen. Die alte Linde ist am 25.April 1855 umgefallen.

Älteste bekannte Darstellung des Salemer Münsters aus dem Jahr 1536, gezeichnet von Augustin Hirschvogel

Salem mit dem Turm des Abtes Anselm II. Schwab. Ölgemälde von Andreas Brugger um 1765

Das Kloster Salem im Entwurf des Architekten Franz Beer um 1700

Das Fenster der Nordfassade: Die repräsentative Nordseite des Münsters im Zustand vor der Restaurierung von 1890, bei der das Fenster verkleinert wurde

Das Maßwerk der Westfassade wurde erst in der letzten Bauphase vollendet. Diese Lithographie von 1823 zeigt die Fassade im Originalzustand vor den entstellenden Veränderungen durch die Restaurierung von 1890

Die Nordfassade vor der Restauration, fotografiert um 1885 von German Wolf

Liste der Äbte von Salem

Carl Borromaeus Alois Fickler

C. B. A. Fickler, (* 8. Mai 1809 in Konstanz; † 18. Dezember 1871 in Mannheim) war ein deutscher Gymnasiallehrer und Historiker. Er war 1849 Verteidiger der Angeklagten der Badischen Revolution in Rastatt. (Wikipedia)

Einen sehr interessanten Artikel über die Wallfahrtskirche Birnau gibt es von David Ganz:

Gottesmutter und Honigschlecker.

Klösterlicher Besitzanspruch und kulinarische Seherfahrung in der Wallfahrtskirche Neu-Birnau.

Originalveröffentlichung in: Ganz, David u.a. (Hrsg.): Rahmen-Diskurse : Kultbilder im konfessionellen Zeitalter (KultBild / Thomas Lentes (Hrsg.) ; 2), [Berlin] 2004, S. 173-218

Christoph Lienhardt, Wahrhaffte Abbildung der Wunderthätigen Mutter Gottes zu Birnaw (unterhalb des Gnadenbildes die Wallfahrtskirche Alt-Birnau und das Wirtshaus), aus: Apiarium Saemitanum, Prag 1706

Maria von Birnau, um 1420/30, Birnau, Wallfahrtskirche, Hochaltar

Gottfried Bernhard Göz, Kleines Andachtsbild der Maria von Birnau, 1750, Augsburg Städtische Kunstsammlungen

Das Reichlin-von-Meldegg-Haus in Überlingen gilt als eines der ältesten Renaissancegebäude Deutschlands und zählt zu den wichtigsten Kulturdenkmalen und Sehenswürdigkeiten der Stadt. (Wikipedia)


An der Südseite des Münsters steht der Ölberg, ein achteckiger Zentralbau mit Stützen aus Stein und einem Sterngewölbe, der eine betende Christus-Statue beherbergt. Der Ölberg wurde im 15. Jahrhundert von Elbeth Küfferin aus Überlingen gestiftet. (Wikipedia)

Überlinger Rathaus

Das Rathaus wurde im Jahr 1332 erstmals erwähnt, als die Stadt ein Grundstück zur Erweiterung desselben erwarb. 1394 wurde es erstmals ausdrücklich genannt, als man dort einem Priester das Mesneramt übertrug. Die noch ältesten im Westbau an der Münsterstraße erhaltenen Holzdecken werden auf das Jahr 1400 datiert. Alle Abbildungen unten sind von Wikimedia.

Vertragsentwurf zwischen Jacob Russ und der Stadt Überlingen zur Lieferung der Rathaussaal-Ausstattung, 1490/1491; in Ich-Form aus der Sicht des Künstlers geschrieben; die genannte Zeichnung ist nicht erhalten; Stadtarchiv Überlingen, fotografiert in der Ausstellung „Jacob Russ“ im Museum Humpis-Quartier, Ravensburg Transkription siehe https://archive.org/stream/zeitschriftfrdi16langoog#page/n505/mode/2up

Überlingen, Rathaussaal mit den Schnitzereien von Jacob Russ Abbildung aus: Franz Xaver Kraus: Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden. Band 1: Die Kunstdenkmäler des Kreises Konstanz. Freiburg i. Br. 1887

Der von Lucian Reich beschriebene Aktenschrank Photographie 1887

Jacob Russ: „Salzburger Bauer“; Teil der Darstellung des Quaternionen des Hl. Römischen Reichs im Rathaussaal in Überlingen (fotografiert in der Ausstellung „Jacob Russ“ im Museum Humpis-Quartier Ravensburg)

Überlingen, Rathaussaal, Stadtwappen und kaiserliches Wappen (Reichsadler mit Herzschild: Österreich und Burgund), links: Stadtpatron St. Nikolaus, rechts: Erzengel Michael

Jacob Russ: Pfalzgraf bei Rhein; Teil der Darstellung des Quaternionen des Hl. Römischen Reichs im Rathaussaal in Überlingen (fotografiert in der Ausstellung „Jacob Russ“ im Museum Humpis-Quartier Ravensburg)

Pfennigturm in Überlingen

Überlingen Rathaus mit Pfennigturm.
Bleistiftzeichung von 1877 von Karl Weysser (1833-1904).
(Quelle: Generallandesarchiv Karlsruhe)

Pfennigturm als Sitz der „reichsstädtischen Münze“. Im Hintergrund zu sehen der Turm des Münsters St. Nikolaus.

Kaiserbrunnen vor dem Pfennigturm (Wikimedia)

Unter den wenigen neugeschaffenen Bauwerken der Stadt bemerken wir einen Brunnen in der Vorstadt; er ist von Architekt Schwab entworfen und hat als Säulenzierde einen auf das städtische Wappen bezüglichen Adler von Eisenguss aus der fürstenbergischen Gießerei Zizenhausen, nach einem Modelle von Xaver Reich*.
*Das ursprüngliche Modell diente zum Grabmale, des im Jahre 1849 zu Donaueschingen beerdigten, königlich preußischen Generals von Hannecken.

Spaziergang durch Überlingen im März 2023 auf den Spuren von Lucian Reich:

  • Weinpresse



Insel Mainau – Kirchberg und Hagnau

Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.

Hier der das Kapitel Kirchberg und Hagnau.

Kirchberg und Hagnau

Es war ein warmer Sonntagvormittag, den ich zu einem Ausfluge nach dem benachbarten großherzoglichen Schloss und Pachtgut Kirchberg benützte.

Der Frühling, jung und hold, hatte bereits die Wiesengelände und ihre Einhegungen mit zartem Grün geschmückt; aber die Obstbäume und Reben warteten noch auf ihren Ostertag. – Der Weg, die Straße nach Ludwigshafen und Lindau führt durch Hagnau, welches Dorf nach wechselndem weltlichem und geistlichem Besitze durch den Preßburger Frieden an das Haus Baden gekommen. Eine kleine halbe Stunde von diesem Orte, unmittelbar an der Straße auf mäßig erhöhtem Terrain liegt Kirchberg – einer der zierlichsten Edelsitze am See. Alte Obstbaum-Alleen führen rechts von der Straße ab, zum Tor und Hofraum, in dessen Mitte ein plätschernder, von Kastanien beschatteter Brunnen erfrischende Labe spendet. Südlich, gegen den See, erhebt sich der Hauptbau des Schlosses mit einem östlich gewendeten, später erbauten Seitenflügel und Tor, während dem Commenden zur Linken die mittelalterliche Pächterswohnung und das Wirtshaus den Hof gegen die Straße hin abschließen.

Die Aussicht aus den Fenstern des Schlosses, oder von dessen Altane, gibt uns jedoch erst den wahren Begriff von der herrlichen Lage dieses behaglichen Sitzes. – In unmittelbarer Nähe ein lieblicher Park und Blumengarten; an der Abdachung gegen die grünen Seeufer sonnige Weingelände, und links ein schattiges Lustrevier junger Büsche und schlanker Buchen mit einem in der See hinaus gebauten Sommerhause. Bei Betrachtung dieses reizenden Landschaftsbildes will es uns bedünken, als sei dieser Ort von Mutter Natur eigens zu einem jener Mußeplätze geschaffen, wo der Geist, von ermüdender Beschäftigung und vom Weltgetriebe ausruhend, neue Luft und Kräfte gewinnen soll.

So trugen Tag und Stunde meines Dortseins ganz den Charakter, solch ein Gefühl zu erwecken. Ein heißer Mittag lag in brütender, allein vom Geschrei schweifender Möwen und dem fernen Rauschen eines nicht sichtbaren Dampfbootes unterbrochene Stille über Land und See, in welch‘ letztem sich strahlenden Glanzes die hochgetürmten Alpen bespiegelten. – Dieser Ruhe rings umher entsprachen die stillen Hausräume der nächsten Umgebung. Die älteren Bewohner Kirchbergs waren mit Ausnahme einiger Dienstboten nach Immenstad in die Kirche gegangen, während die Kinder in den nahen Wiesen nach Primeln und Veilchen suchten, welche die warmen Apriltage hin und wieder den blaßgrünen Teppich eingewoben hatten.

Eine Dienerin erschloss mir die Zimmer, in welchen Seine Königliche Hoheit der Prinz und Regent im Herbst des Jahres 1853 einen längeren Aufenthalt zu nehmen geruhten. Es war mir bekannt, dass das eine dieser fürstlichen Gemächer, der Speisesaal, vorzügliche altdeutsche Gemälde bewahre noch aus den Zeiten, wo Kirchberg ein Besitztum des Reichsstifters Salem war.

Diese vortrefflichen Kunstwerke, vier an der Zahl, sind von der Hand Martin Schaffner’s, und haben die Versuchungen des heiligen Antonius zum Gegenstande. *Bereits im Jahrgang 1822 des Kunstblattes (8. August) von Brouillot erwähnt. Sie sind auf Holz und Kreidegrund gemalt, in gleicher Größe, etwa zwei Fuß breit und viereinhalb hoch.

Auf der ersten Tafel erblicken wir in einsiedlerischer Landschaft den heiligen Altvater, vertieft im Lesen eines Buches. Neben ihm die halbfertige Arbeit eines Korbes von Binsengeflecht, und im Mittelgrunde seine Klause, die er, nach der Legende, über einem verlassenen Grabe errichtet hatte. Die frommen Betrachtungen des Klausners abzulenken, hat sich ihm eine reizende Jungfrau in reichem Schmuck und prächtigem Gewande genähert, welche dem Heiligen ein Gefäße von kostbarer Arbeit, wahrscheinlich eine zweite Pandorabüchse darbietet, die der angefochtene Mann jedoch misstrauisch verwundert anzublicken scheint.

Eine zweite Versuchung versinnlicht die Scene im Mittelgrunde, wo der Böse, in Gestalt eines rotgekleideten Jägers mit Hunden und einem geflügelten Schweine dem Klausner ein netzartiges Jagdgeräte vorweiset, während aus dem nahen Walde mitleidflehende trügerische Gestalten Presshafter und Bedürftiger auf die beiden zukommen. Im oberen Raum Christus in Wolken, vor dessen Erscheinung die Dämonen die Flucht ergreifen.

Die Hauptgruppe des zweiten Gemäldes zeigt den Heiligen betend, bedrängt jedoch und verwirrt von den üppigen Gestalten dreier Mädchen, deren lange rote Gewänder und zierliche Haargeflechte nur unvollkommen Bocksfuß und sprossende Hörnlein verdecken. Die eine der Schönen faßt zudringlich des frommen Vaters Kapuze, während ihre Schwestern, neben einem reich verzierten Ruhebett stehend, mit arglistigem Lächeln die Verwirrung der Heiligen betrachten. Ein Teil des Mittelgrundes rechts füllt ein prächtiges Gebäude, an dessen Treppe Antonius, umgeben von Preßhaften und den drei rot gekleideten verführerischen Weibern. Links mehr in der Ferne gerückt, schließt das Bild mit einer Szene von anmutiger Erfindung und Ausführung. An sommerlichen Tagen sehen wir den Alten in sinnender Beschaulichkeit längs eines Waldrandes dahin wandeln. – Siehe, da tritt ihm der rot gekleidete Versucher wieder in den Weg, und zeigt gegen ein klares, ruhig fließendes Waldwasser, wo drei nixenartig gestaltete Jungfrauen den schönen Leib im Bade kühlen.

Das dritte Bild stellt, im Gegensatze zu den Anfechtungen sinnlicher Begier, den Heiligen dar unter den Händen wilder Dämonen, die im Begriffe stehen, ihrem Opfer äußerliche Körperbeschädigungen beizubringen. Die eine dieser diabolischen Gestalten packt das Gewand des Alten, der in abwendender Gegenwehr nach oben blickt, wo die Lichtgestalt des Heilandes im Wolkenschimmer schwebt.

Den Schluss macht der Tod des viel Gepriesenen. – Auf einer Binsenmatte ausgestreckt findet ihn sein Mitbruder, ein benachbarter Einsiedel, während zwei Löwen, bisherige Gefährten seiner Einsamkeit, emsig bemüht sind, mit ihren Klauen ein Grab in die Erde zu scharren. Im Mittelgrunde deutet der Künstler sinnreich noch den letzten Lebensmoment des Dahingeschiedenen an. – Antonius kniet im Gebete, vor einem in tiefer Waldeinsamkeit stehenden Kruzifixe. In der Ferne wandelt sein Freund, der Waldbruder, auf steinigen Felspfade, um dem Heiligen seinen Besuch abzustatten, der ihn jedoch, wie wir gesehen haben, nicht mehr unter den Lebenden trifft. – Sämtliche Gemälde tragen das Monogramm des Künstlers und die Jahreszahl 1517.

Martin Schaffner’s Werke wurden vielfach irrtümlicher Weise mit denen des Martin Schön, aber, wie er zuverweilen auch genannt wird, Martin Schongauer, verwechselt, obwohl Letzterer früher als Schaffer lebte und bereits in den 80 er Jahren des 15. Jahrhunderts sein rühmliches Dasein in Colmar beschloß. Die Wirksamkeit Schaffner’s dagegen fällt in den Anfang des 16. Jahrhunderts, zu welcher Zeit der Meister in Ulm als Bürger und Mitglied der dortigen Malergilde lebte. Dieser Künstler hatte das sonderbare Schicksal, bis auf die neuere Zeit fast gänzlich im Dunkel geblieben zu sein, wo ihn dann erst sorgfältige Forschungen in das verdiente Licht gestellt haben. Obwohl Martin Schaffner, wie erwiesen, nie Italien gesehen, so tragen seine Werke doch noch den Stempel jener kurzen Blütezeit deutscher Kunst, in welcher die Bekanntschaft mit der italienischen Muse der strengen Charakteristik und der zwar innerlichen, aber in ihrem Äußeren allzu dürftigen Gemütlichkeit der Deutschen mehr künstlerische Freiheit und Schönheit einhauchte – ein Einfluss, der in seinem Verlaufe mißverstanden, später allerdings dem reinen Kunstelemente verderblich wurde, nicht desto weniger aber in seiner anfänglichen Reinheit das Vortrefflichste deutsch mittelalterlicher Kunst hervorbringen half.

Über die Geschichte des Schlosses Kirchberg (oder wie die frühere Schreibart „Killiberg“) berichtet Kolb, dass im Jahr 1288 das Besitztum von dem ehemals fürstlichen Stifte Kempten durch Kauf an das Gotteshaus Salem gekommen; wie denn auch der letzte Vorsteher dieses Klosters, der Reichsprälat Kaspar Öchsle, hier sein Leben beschloß. Das vorhandene Schloss ist teilweise aus späterer Zeit, zweistöckig und ganz im Sinne eines behaglichen Wohnsitzes angelegt und ausgeführt. Die Wirtschaftsgebäude dagegen tragen noch mittelalterlichen Charakter.

Nachdem dieser herrliche Sitz längere Zeit unbewohnt gestanden, würdigte ihn der höchstselige Großherzog Leopold, zu Anfang der 40er Jahre auf kurze Zeit seines Besuches. Einen zweiten Lichtpunkt in der Geschichte des Schlosses bildet das schon erwähnte Aufenthalt Seiner königlichen Hoheit des allverehrten Regenten im Herbst des Jahres 1853. Der Aufenthalt dauert über fünf Wochen und die meisten angehörigen Bodenseeorte hatten das Glück, von ihrem durchlautigsten Herrn und Regenten besucht zu werden.

An schöne Sonntagen ist die Wirtschaft zu Kirchberg ein besuchter Ausflugsort der Umgebung. Und wahrlich, es gibt wohl kaum ein einladenderes Plätzlein, die Muße, eines schönes Sommernachmittag so angenehm zu verbringen, als Kirchberg mit seinem Weinlauben, blumigen Wiesen und schattigen Gehölzen, angespült von den stillen Gewässern des mächtigen Bodan.

Der Volksglaube lässt in dieser Gegend zuweilen Wanderer nächtlicher Weile irre gehen; auch sollen nicht selten Pferde, welche an Fuhrwerken die Straße passieren, scheu werden. Im nämlichen Sinne fährt auch mit sechsspännigem Zuge der Geist des Prälaten Anselm von Salem (gestorben 1778) von seinem Kloster nach Kirchberg. Dieser Abt lebte mit Kardinal Bischof Roth in beständigen Territorial- und Rangstreitigkeiten, infolgedessen der Kardinal dem Abte, als er einstens sechsspännig von Salem über Meersburg nach Kirchberg fahren wollte, zwei Pferde an dem Wagen ausspannen ließ.

In geringer Entfernung östlich von Kirchberg schaut das Schloss Herschberg stattlich von einem rebenbepflanzten Hügel über den See. Es ist der Sitz der fürstlichen Familie von Salem-Krautheim und liegt auf württembergischem, vom badischen Gebiete umschlossenen Grund und Boden. Ein letzter badischer Uferort in genannter Richtung bildet das große Pfarrdorf Immenstad, erstmals unter fürstenbergischer Landeshoheit, ist ein Bestandteil des großherzoglichen Bezirksamtes Meersburg.

Während ich auf dem Wiesenpfade längs des Seeufern von Kirchberg zurückkehrte, zog von Westen her ein Gewitter, welches bald heftige Regengüsse über Land und See schickte, und den Wanderer am Bodensee kaum noch ungenäßt den Ort Hagnau und das Wirtshaus zum Adler erreichen ließ.

In der Nähe des Gasthauses befindet sich ein mächtiger Steinblock, ein Denkmal des gefrorenen Bodensee’s im Februar des Jahres 1830. – Als die Eisdecke Nachts unter furchtbarem Krachen sich hob und bohrst, wurde dieser Stein (wahrscheinlich eingefroren) mit vielen mannshohen tafelförmigen Eisschichten, aus dem See an das Ufer bei Hagnau geschleudert und später von den Einwohnern mittels vier Pferden in’s Dorf geschleift, um vor dem Adler zum ewigen Gedächtnis aufgestellt zu werden. Ähnliche Erinnerungszeichen warf der wunderliche Alte im Jahr 1573 zwischen Lindau und Wasserburg an’s Land, sowie 1659 bei Arbon unweit der Stadtmauern einen Stein, der nicht weniger als hundert und fünfzig Zentner wog.

Das gänzliche Gefrieren des Sees ist übrigens etwas so Seltenes, dass der gemeine Mann am See, vor dem Jahr dreißig, durchaus die Möglichkeit desselben bezweifelte und alle Berichte aus früheren Jahrhunderten in diesem Betreffe für eitel Lug und Fabel hielt. *)

*Auch von außerordentlich gelinden Wintern, berichten die Chronisten. „Anno 1287 war ein sehr warmer Winter, in welchem zu Konstanz die Bäume und Rosenstöcke geblühet, auch Veielin und andere Frühlings- und Sommerblumen gepflückt worden; da denn am Weihnachtsfest die jungen Mägdlin mit Blumenkränzen geschmückt zur Kirche gingen, und die Knaben im Bodensee badeten.

Von jeher wurde das Phänomen, wenn es eintraf, mit allerlei Festlichkeiten und Unternehmungen von den Umwohnern gefeiert. – Als im Jahr 1573, am 22. Januar der See hart gefror und es mehrere Wochen lang blieb, transportierte man schwere Lasten über das Eis, und sogar ein sechsspänniger Güterzug fuhr von Fußach nach Lindau. Bei Rorschach wurden Fastnachtsspiele und andere Lustbarkeiten auf dem Eis gehalten, und zwischen Lindau und Meheran hielten 200 Bürger zu Fuß und zu Pferde die übliche Aschermittwochschlacht. (Die Sage von dem Reiter, der die beschneite Eisdecke für eine Wiese gehalten und darüber geritten, ist bekannt.)

Ebenso lustig ging es auf der Eisdecke im Februar 1830 zu. Güter wurden hin und hergeschafft, und zahllose Spaziergänge von einem Uferorte zum anderen gemacht. Die Küsterzunft von Konstanz verfertigte ein großes Weinfass auf dem Eis, und die Immenstader benutzten die Bahn, um den f.g. Hennenzins auf einem Schlitten von ihrem Dorfe nach Meersburg zu verbringen.

Meister Sepp von Eppishusen aber hatte Laune genug, eine Schlittenpartie von seinem Schlosse (er wohnte damals in Eppishausen) über den See nach Immenstad zu machen. – Manche Wanderer, die sich zu weit in das nebelige Schneegebilde wagten, irrten lange umher und durften froh sein, mit heiler Haut das Land wieder zu erreichen. Doch sind keine eigentlichen Unglücksfälle bekannt geworden, mit Ausnahme eines badischen Soldaten, der von der Garnison zu Konstanz, welcher in eine Eisspalte fiel und nicht mehr zum Vorschein kam.

Ein ganz besonderer Brauch jedoch findet bei dem jedesmaligen Gefrieren des Sees zwischen den Bewohnern von Hagnau und dem schweizerischen Orte Münsterlingen statt. In feierlicher Prozession wird nämlich ein Heiligenbild von einer Pfarrei in die andere gebracht, wo es so lange verbleibt, bis der See wiederum Gelegenheit zu ähnlicher Transferierung darbietet. Dieses Bildnis befindet sich gegenwärtig in Hagnau, wohin es im Winter 1830 mit Kreuz und Fahnen in Begleitung der Schuljugend von Münsterlingen verbracht worden ist.

Mein kurzer Aufenthalt in Hagnau gab mir Gelegenheit, aus dem Munde eines alten Mannes noch von einem anderen ehemaligen Brauche des Dorfes Kenntnis zu erhalten. Es bestand nämlich hier die Gesellschaft der „Käseträger“ – eine Verbrüderung von 24 ledigen Burschen, mit eigenen Sittengesetzen. Von Alters her war es üblich, dass diese Gesellschaft nach verflossenen sieben Jahre jedes Mal am Neujahrstag ein besonderes Fest beging. Mit Unter- und Obergewehr bewaffnet, unter der Führung eines Oberen, den eine Hellebarde auszeichnete, rückte man früh morgens vor den Pfarrhof und die Wohnungen des Amann und der Gemeinderäte, um hier die übliche Gratulation abzustatten. Nach dem Gottesdienste begab sich die Mannschaft nochmals zum Herrn Pfarrer, um einen Käselaib dort in Empfang zu nehmen, welcher auf einer Stange, die oben ein rundes Brett hatte, im Dorf herum vor jedes Haus getragen wurde, wo man, nach Glückwunsch und Gesang, um eine Gabe bat. Wurde die Spende gereicht, so drückte der Geber oder die Geberin die hierzu bestimmte Münze in einen Apfel, steckte diesen an eine Spindel und diese wiederum in den am Fenster empor gehaltenen Käselaib. – Später ließ man wohl noch Gaben an Fleisch, Mehl, Brot und Butter folgen, was alles zusammen bei einem großen Gastmahl, woran alle Ledigen des Ortes teilnahmen, unter Gesang und Tanz verzehrt wurde. Die Beiträge fielen meist so reichlich aus, dass auch der Armen und sämmtlicher Schuljugend auf’s Freigebigste gedacht werden konnte. 3 bis 4 Zentner Fleisch und ein Dutzend saftige Schinken war keine Seltenheit gespendet zu sehen. –

Ein zweiter „Zechttag“ mit Tanz und allerlei Spielen fand an Fasnacht, ein dritter am 1. Mai u.s.w. statt. Jedes Mal durften sämtliche ledige Welt teilnehmen, mußte sich jedoch den bestehenden Gesetzen der Vierundzwanzig unterwerfen. Es war zum Beispiel Sitte, dass beim Ende der Tanzbelustigung der Obere seine Sackuhr auf den Tisch legte und die Minute bestimmte, wo die Burschen, welche Tänzerinnen nach Hause zu begleiten hatten, wieder im Saale erscheinen mußten. Versäumte einer die gegebene Zeit, so wurde er zur Buße von den nächsten Zechtagen ausgeschlossen.

Traf es sich, dass der Genosse heiratete, so „stand die ganze Mannschaft in’s Gewehr“, um unter Trommel- und Pfeifenschall dem Ausscheidenden gebührende Ehre zu erweisen. Wie das Brautpaar aus der Kirche kam, traten zwei Kameraden vor mit einem farbigen Bande, dessen Enden die Beiden, an ihre gezogenen Degen geknüpft, aus einander hielten, während der übliche Glückwunsch gesprochen, und von der Mannschaft eine feierliche Gewehrsalve gegeben wurde.

Im Jahr 1798„, schloss mein Berichterstatter, das letzte lebende Mitglied der ehemaligen Käseträgergesellschaft, „wurde das Neujahrsfest zum letzten Male von uns gehalten. – Es waren vergnügte Zeiten, lieber Herr; unter dem jetzigen Geschlecht ist nicht halb so viel Harmonie und Lustbarkeit.“

So erzählte der Alte, und es wollte mir scheinen, als liege in seiner Schlussbemerkung etwas Wahres. – Lebt die jetzige Generation, fragte ich bei mir selbst, lebt sie mit all‘ ihrem Raffinements und weltbeglückenden Ideen glücklicher als die Vorältern? – Wir sollen uns in einer Übergangs- und Entwicklungsperiode befinden, hört man vielfach behaupten. – Ist aber nicht jede Zeit eine solche? Gewiß. Keine bringt jedoch, halte ich dafür, so Wunders viel Neues, dass es sich der Mühe lohnte, entbehrend lange darauf zu warten. –

Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.“

Allerdings ist viel Poesie, oder was dasselbe ist, Gemüth, aus dem Volksleben geschwunden, vorzugsweise seit der Zeit, wo alles cosmopolitische Zwecke, sociale Ideen und Zukunft gepflegt werden wollte; worüber nothwendig die Freude am Herkömmlichen, das Behagen an der Gegenwart, verloren gehen mußte.

Mit solchen Raisonnements beschäftigt, wanderte ich Meersburg zu. – Das Gewitter war vorüber und die Luft herrlich erfrischt und klar. – In erneuter Pracht lag die noch eben von Regenschauer verhüllte Gegend vor mir, und die uralten Häupter der Alpen schauten in unwandelbarer Ruhe, verklärt durch Apollos scheidendes das Flammengespann, in’s glühende Abendroth.

In Meersburgs Hallen aber herrschte Freude. – Ein Teil der in Konstanz gastierenden Schauspielerbande war mit dem Dampfschiffe herüber gekommen, um auf dem Theater, welches noch aus Bischofszeiten im oberen Saale des Rathauses vorhanden ist, Vorstellungen zu geben. Auch ich ließ mich verlocken. Das Stück war ein wenig erbauliches modernes Lustspiel, dessen Name ich vergessen habe; doch ist mir noch so viel erinnerlich, dass es mich von Neuem in dem Verdacht bestärkte, als schwinde alle ächte Poesie aus dem Leben und der Kunst.

Joseph Maria Christoph Freiherr von Laßberg


Schloss Kirchberg

1829 wurde die barocke Schlosskapelle abgetragen. Kurz nach 1850 und ab 1880 wurden die Schlossgebäude jeweils einer tief greifenden Umgestaltung unterzogen. Durch Prinz Wilhelm von Baden wurde ab 1880 der Südflügel in seiner äußeren Gestalt soweit verändert, dass die im Bau vorhandene ältere Bausubstanz nicht mehr zu erkennen war. Das Gebäude wurde um ein Geschoß erhöht und erhielt eine neue Dachkonstruktion.

Martin Schaffner (* um 1478; † nach 1546 in Ulm). Seine Unterschrift findet sich auf dem von Stocker geschaffenen Ennetacher Altar. Schaffner wechselt später zu einer anderen Ulmer Werkstatt, um schließlich in Augsburg mit Hans Holbein dem Älteren zusammenzuarbeiten. Vom Stil des letzteren ist seine eigene Arbeit ebenso beeinflusst wie durch Albrecht Dürer und Hans Burgkmair. Wikipedia

Die von Lucian Reich erwähnten Tafeln aus dem Schloss Kirchberg befinden sich heute als „Salemer Altar Tafeln“ in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Vermutlich waren sie 1829 aus der Schlosskapelle in das Schloss Kirchberg, und dann 1880 nach Salem gewandert. Die heutig Beschreibung ist eine ziemlich andere als die unten eingefügte von Lucian Reich aus dem Jahr 1855.

Die Hauptgruppe des zweiten Gemäldes zeigt den Heiligen betend, bedrängt jedoch und verwirrt von den üppigen Gestalten dreier Mädchen, deren lange rote Gewänder und zierliche Haargeflechte nur unvollkommen Bocksfuß und sprossende Hörnlein verdecken. Die eine der Schönen faßt zudringlich des frommen Vaters Kapuze, während ihre Schwestern, neben einem reich verzierten Ruhebett stehend, mit arglistigem Lächeln die Verwirrung der Heiligen betrachten. Ein Teil des Mittelgrundes rechts füllt ein prächtiges Gebäude, an dessen Treppe Antonius, umgeben von Preßhaften und den drei rot gekleideten verführerischen Weibern. Links mehr in der Ferne gerückt, schließt das Bild mit einer Szene von anmutiger Erfindung und Ausführung. An sommerlichen Tagen sehen wir den Alten in sinnender Beschaulichkeit längs eines Waldrandes dahin wandeln. – Siehe, da tritt ihm der rot gekleidete Versucher wieder in den Weg, und zeigt gegen ein klares, ruhig fließendes Waldwasser, wo drei nixenartig gestaltete Jungfrauen den schönen Leib im Bade kühlen.

Das dritte Bild stellt, im Gegensatze zu den Anfechtungen sinnlicher Begier, den Heiligen dar unter den Händen wilder Dämonen, die im Begriffe stehen, ihrem Opfer äußerliche Körperbeschädigungen beizubringen. Die eine dieser diabolischen Gestalten packt das Gewand des Alten, der in abwendender Gegenwehr nach oben blickt, wo die Lichtgestalt des Heilandes im Wolkenschimmer schwebt.

Den Schluss macht der Tod des viel Gepriesenen. – Auf einer Binsenmatte ausgestreckt findet ihn sein Mitbruder, ein benachbarter Einsiedel, während zwei Löwen, bisherige Gefährten seiner Einsamkeit, emsig bemüht sind, mit ihren Klauen ein Grab in die Erde zu scharren. Im Mittelgrunde deutet der Künstler sinnreich noch den letzten Lebensmoment des Dahingeschiedenen an. – Antonius kniet im Gebete, vor einem in tiefer Waldeinsamkeit stehenden Kruzifixe. In der Ferne wandelt sein Freund, der Waldbruder, auf steinigen Felspfade, um dem Heiligen seinen Besuch abzustatten, der ihn jedoch, wie wir gesehen haben, nicht mehr unter den Lebenden trifft. – Sämtliche Gemälde tragen das Monogramm des Künstlers und die Jahreszahl 1517.

Die Fotos sind von Wikimedia der Text von Lucian Reich.

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Blume des Jahres 2025 ist das Sumpf-Blutauge

Das Sumpf-Blutauge (Comarum palustre) ist Blume des Jahres 2025 und liebt Schlamm, um genauer zu sein, Moore, Sümpfe, Gewässerufer und Gräben. Dort ist es wichtiger Lieferant von hochwertigem Pollen und reichlich Nektar für zahlreiche Hummeln, weitere Wildbienen.

In Hüfingen steht es für die Kloake namens Behlaer Weiher, dessen Wiederherstellung 2025 in Angriff genommen wird.

Mehr zum Sumpf-Blutauge bei der Loki Schmidt Stiftung:
blume-des-jahres-2025-sumpf-blutauge

Danke an Thomas Kring für die Fotos!

Insel Mainau – Mersburg

Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.

Hier das Kapitel Mersburg – ja, es steht Mersburg da!

Da der Text vom Programm transkribiert wurde, ist er teilweise der neuen Schreibweise angepasst

Mersburg

Wie in den vorigen Tagen, war auch bei meiner Abreise von Konstanz der See noch immer schäumender Bewegung. Aeolus blies ein altes Lied, die Aufforderung zum Tanz, so kräftig gegen den Hafen, dass selbst die hier liegende Dampfboote und schweren Segelschiffe in schaukelnde Bewegung gerieten. – Der „Friedrich“, der schnellste Fährmann des Bodensee’s, eröffnete trotz dem Aufruhr der Elemente den Reigen, um im Sturme die alte Meersburg zu gewinnen.

Sprühende Regenschauer verhüllten die fernen Gestade, und wie hinter einem wehenden Schleier erschien bald die seitwärts liegende, wellengeborene Königin des See’s, die liebliche Mainau. Mit ungehinderter Kraft durchschritt das Boot die wallende Flut, welcher bald groß und größer die Felswände Meersburgs und seine Bischofsschlösser erstiegen. – Welche Fortschritte, dachte ich, mögen nicht im Bereiche der Schifffahrt gemacht worden sein, seit den Tagen, wo unter König Dagobert der alte Turm dort oben zum Leuchtturm gedient, und später auf der grauen Meersburg die Gaugrafen von Nordorf saßen, um dem Namen des Kaisers die Überfahrt über den See zu schirmen.

Jene Zeiten mit ihren Sitten- und Kulturzuständen sind längst vorüber, aber ihr Bau, von einem guten Geiste beschützt und erhalten, grüßt noch heute wie vor 1000 Jahren den Ankömmling. Ein Geharnischten mit geschlossenem Visier, schaut er herab auf das alte Städtlein, und hinüber zu seinem jüngeren Nachbarn, der Bischofsresidenz im Gewande des Rokoko. Ein Blick auf die Lage Meersburg gibt einigen Aufschluss über seine Entstehung. Offenbar entstand die untere Stadt unter dem Schutz der Burg, als Stapelplatz von Schiffern und Fischern, während der oberen jüngere Teil den Dienstmannen und Beamten der hier wohnenden Konstanzischen Bischöfe sein Emporkommen verdankt.

Wann aber die letzteren in den Besitz der alten Burg gekommen, davon geben uns die Chronisten keine ganz sichere Nachricht. Jedenfalls diente früher schon die Veste den geistlichen Herren zum Zufluchtsort, in jenem kampferfüllten Zeiten, wo die Kirchenoberen stets in ähnlichem Falle sich befanden, wie jener italienische Meister, der von Nebenbuhler bedroht, immer das gezogene Schwert neben sich an der Staffelei liegen hatte.

Ein solcher Schutz musste die Burg im Jahr 1354 ihrem Besitzer, dem Bischof von Konstanz leisten. Nach Bischof Rudolfs III Tode waren die Wahlstimmen zwiespältig, die einen auf Albrecht von Hohenberg, die anderen auf Nicolaus von Kenzingen gefallen. Der Letztere erhielt des Papstes Bestätigung; Albrechts Vater jedoch, der mächtige Graf von Hohenberg, zog das Schwert, um für seinen Sohn das Bistum, zu gewinnen. Sein Bundesgenosse war Kaiser Ludewig selbst, welcher aus Hass gegen den Papst ein zahlreiches Volk benachbarter Städte gegen Meersburg führte, wo Bischof Nikolaus mit den Seinen das alte Schloss besetzt hielt. Als der Bedrohte das Kriegswetter kommen gesehen, hatte er mehrere 100 Bergleute berufen, welche den Fels um das Schloss abschroten und durch eine tiefe Kluft von den übrigen Lande trennen mußten. Die Bischöflichen hatten kriegserfahrene Hauptleute, einen Grafen von Toggenburg, Kanonikus von Konstanz und den gedienten Feldobersten Jasso.

Während ersterer in blutigen Ausfällen die Feinde schlug, führte Jasso einen kühnen Seekrieg, nahm des Feindes Frachtschiffe weg, und machte mit seinen Pfeilschützen wilde Jagden auf die Nachen der Belagerer; die er, wie der Chronist sagt, mit Netzen fing wie Fische, und als ergrimmter Leu unter ihrer Bemannung wütete. Dieser Widerstand brachte den Feind zum Nachgeben, ohne dass der Graf von Hohenberg seinen Schwur erfüllen gesehen hätte: „nicht eher abzulassen, bis er der hl. Jungfrau Maria (Schutzpatronin des Hochstiftes) das Hemd vom Leib gezogen habe.“ Noch bewahrt das städtische Archiv eiserne Bolzen aus dieser Fehde, die beim Abbruch eines Tores in eichenem Gebälk gefunden wurden.

Weniger glücklich war einer der nachfolgenden Bischöfe, Heinrich von Höwen. Die Bürger Mersburgs empörten sich wider ihn (1436), belagerten das Schloss und zwangen ihn zur Flucht. In die Reichsacht erklärt, mußten sie aber (1457) Stadt und Schloss ihrem Landesherrn wiederum zurückgeben.

Große Drangsale brachte auch der 30-jährige Krieg. Nach städtischen Schriften unternahmen 1647 die Schweden von der Mainau her einen Angriff auf das alte Schloss, wobei der Dachstuhl in Flammen aufging. Als drei Jahre später der Schaden ausgebessert wurde, ersuchte der Bischof seine getreuen Stadtbürger um Ehrenfuhren bei dem Bauwesen; sie wurden bereitwillig, aber mit dem Vorbehalt geleistet, dass dieser Dienst hierfür zu keiner Schuldigkeit ausgedehnt werden möge.

Auch Widerhold, der Peiniger des Volkes im Hegau und am See, suchte die Stadt vor seiner Veste Hohentwiel aus mit Erpressungen heim, wobei er mit „Schwert und Brand“ drohte.

Wie verarmt das städtische Wesen in jenen unseligen Kriegsläufen geworden, kann der Umstand dartun, dass im Jahr 1650, als die Stadt „wegen Armut und Mittellosigkeit“ ein Anlehen machte, der sämtliche Kirchenschatz einem Sohn Abraham’s in Versatz gegeben wurde.

Zu dieser Lebensnot kam bald noch eine Leibesplage, die Pest, welche so verheerend wirkte, dass kein einheimischer Priester mehr in der Stadt am Leben blieb. In diesen schrecklichen Tagen waren es die Franziskaner von Sulgau, welche täglich auf die Stätte des Todes kamen, um auf offener Straße Beichte zu hören und den Sterbenden den Trost der Religion zu bringen – ein Dienst, den die Stadt dadurch zu vergelten suchte, dass den frommen Vätern erlaubt wurde, hierfür alljährlich im Herbst in Meersburg ihr Almosen zu sammeln.

Von dem zerstörenden Wesen jener dreissigjährigen Kriegszeit überhaupt finden wir aller Orten noch schriftliche und mündliche Überlieferungen in Menge. In den Merseburger Rathsprotokollen ist unter Anderem erwähnt, wie anno 1653 im benachbarten Schwaben die Wölfe furchtbar überhand genommen und bereits 24 Kinder zerrissen hätten; weshalb auf Befehl des Erzherzogs Karl von Österreich zu Konstanz die Meersburger Büchsenschützen aufgeboten wurden zu allgemeiner Jagd auf die Bestien.

Alle diese Trübsal und Einbußen mochten jedoch bald verschmerzt sein, in einer Gemeinde wie Meersburg, die durch den fürstlichen Hofhalt der Bischöfe, durch ergiebigen Grundbesitz und lebhaften Getreidehandel über den See so vielfache Erwerbsquellen hatte. Auch gingen die nachfolgenden Zeiten ohne sonderliche Unfälle vorüber.

Im Kriegsjahr 1796 jedoch wäre der Ort durch eines jener, in neuerer Zeit berüchtigt gewordenen Mißverständnisse beinahe dem Brande und der Plünderung anheim gefallen. Die Ursache hiervon war ein französischer emigrierter Mönch, der sich einige Zeit als geistlicher Abenteurer in Meersburg und Umgebung herumtrieb. Dieser Mann kam eines Tages zum fürstlichen Präsidenten (der Hof war in Ulm auf der Flucht) und vertraute diesem, er habe erfahren, dass ein Trupp französischer Marodeurs vom Tareau’schen Corps die Stadt zu überfallen trachte. – Der erschreckte Beamte schickte nach dem Bürgermeister und Rat, und man kömmt überein, die Tore zu schließen, bis anderwärtig Hilfe käme, den eigenen Herd mit Glut und Blut zu verteidigen. Die wehrhaften Bürger schließen und besetzen also die Tore; und wirklich dauert es nicht lange, so erscheint eine starke Reiterschaar, die verwundert die Eingänge verrammelt und die Bürgerschaft in Waffen sieht. Erbittert über solche Feindseligkeit im bereits erworbenen Lande, schickt man sich an, den Eingang mit Gewalt zu erzwingen. – Indessen waren einige Bürger eiligst ins Schloss gelaufen, dem Präsidenten zu melden, dass keine Marodeurs, sondern reguläre französische Husaren vor den Toren hielten. Der gute Mann war jedoch längst über den See geflüchtet; die Bürger aber beeilten sich zu öffnen. Der Feind drohte mit Plünderung und Brand, und als man sich entschuldigte, der bischöfliche Präsident habe die Tore zu schließen befohlen, stürmten die erbitterten Soldaten in’s Schloss und ergriffen den bischöflichen Kanzler, welcher zufällig während des Handels von Ulm her in die Stadt gekommen war. Nur mit Mühe konnte der unschuldige Mann von einer Copulation mit der Seilers Tochter befreit werden. Ebenso schenkten die Republikaner, als das ganze Missverständnis aufgeklärt war, der Stadt Verzeihung, indem sie großmütig mit einer Summe Geldes sich begnügten.

Die größte Einbuße erlitt Meersburg nachmals freilich durch die Verlegung der bischöflichen Residenz. Wer die hinterlassenen großartigen Bauten und Anlagen derselben betrachtet, mag einen Schluss ziehen auf den prachtvollen Hofhalt, der hier geführt worden. Noch leben alte bischöfliche Diener in Meersburg, welche sich jener Tage mit Vorliebe erinnern.

Ihr Gedenken geht bis zu Bischof und Kardinal Fr. Konrad Roth, dem drittletzten der hier regierenden Fürstbischöfe. Er war der Sohn des österreichischen Feldzeugmeisters Baron Johann von Roth und kam im Jahr 1750 auf den bischöflichen Stuhl. Sechs Jahre später wurde er in Gegenwart des Kaisers Franz vom Papst Benedikt dem Vierten in Wien zum Kardinalpriester erhoben. Als ein Mann von großer Energie und Willenskraft hatte er nicht wenig Einfluss auf die Wahl des Papstes Evanganelli, welchem Akte er als kaiserlicher Kardinal beiwohnte.

In seinem bischöflichen Haushalte liebte Roth Pracht und zahlreiche Dienerschaft, doch verstand er auch zu sparen, was seine hinterlassenen Baarvorräthe beweisen. Die bildende Kunst hatte an ihm einen Freund, auch soll er, worauf man dazumal vieles hielt, ein guter Lateiner gewesen sein. Zudem war er ein gewaltiger Nimrod und trefflicher Schütze, der stets einen großen Wildstand unterhielt und gegen Wilddiebe unerbitterliche Strenge handhabte. Alljährlich im Herbst wurden große Hauptjagden in der Höre, um den Schienerberg abgehalten, wo Edel- und Schwarzwild in Mengen hauste. Dieser robusten Beschäftigung entsprechend war der Körperbau des Kardinals. Kaiser Joseph soll von ihm gesagt haben, dass er bei seiner ganzen Garde keinen so kolossalen starken Mann habe, wie der Kardinal Bischof Roth.

Noch erzählt man die Begegnung der beiden im Jahr 1777, als der Kaiser bei seiner Rückkehr von Paris, wo er seine Schwester Maria Antonette besucht hatte, Meersburg berührte. Der Kardinal war dem kaiserlichen Reformator, dem er als Geistlicher nicht sonderlich gewogen sein mochte, ein Stück Weges entgegengegangen, um ihn einzuladen, in dem bischöflichen Schlosse sein Absteigequartier zu nehmen. Der Kaiser bedauerte, seine Einkehr im Gasthaus zum Löwen bereits anmelden lassen zu haben; worauf Roth beleidigt erwiderte: „Nun, so behüte Gott Eure Majestät.“ – und indem er mit der Hand gegen das Gasthaus wies – „Dahinauf führt der Weg zum Goldenen Löwen“ – sich umwendet und schweigend seiner Residenz zuschritt.

Der Kardinal, welcher in seinem Leben so viele hohe Ehrenstellen begleitet hatte (er war zugleich Protektor des hohen Johanniterordens zu Malta und Abt zu Sirard in Ungarn x.), verordnete, dass bei seiner Beerdigung kein Wort in der Leichenrede zu seinem Lobe, sondern nur über die Nichtigkeit des irdischen Lebens überhaupt gesprochen werden solle.

Auf Franz Konrad Roth folgte dessen Bruder Maximilian Christoph, zum Bischof erwählt im Jahr 1775. In seiner Jugend lebhaft und heftig, zeichnete den Mann gereiften Alters, Milde und Güte gegen das Volk und die Armen aus. Unzähligen jungen Leute seines Sprengels gab er das Lehrgeld zu irgendeinem Handwerk; auch liebte er die schönen Künste, weshalb strebende Musensöhne stets erwünschte Unterstützung bei ihm fanden. Als leidenschaftlicher Musikfreund sah der Bischof darauf, dass eine Anzahl seiner Diener zugleich geübte Tonkünstler sein mußten, welche ein ständiges Quartett bildeten. Bei größeren Aufführungen kamen die Domherren von Konstanz noch hinzu. Allen wandernden Spielleuten, Bergknappen, Harfnern und Sängern von Nah und Fern war der Zutritt in’s bischöfliche Schloss gestattet.

Auch die Wissenschaften fanden an diesem Hof ihre Pflege. Das Naturalienkabinet, welches unter Maximilian in Meersburg angelegt wurde, war seiner Zeit eines der bedeutendsten in Deutschland; so dass diese Sammlung noch heute einen wesentlichen Bestandteil des Großherzoglichen Naturalienkabinetts in Karlsruhe ausmacht.

Noch hatte sich damals manches von altershergekommenen Volksfesten und öffentlichen Spielen erhalten, den gegebenen Verhältnissen und Zuständen entsprossen. Wie überhaupt an den früheren geistlichen Höfen in vielen Dingen löbliche Toleranz herrschte, so ward auch der Fastnacht, welche von jeher im Oberland heimisch, in der bischöflichen Hofburg gerne Raum gestattet. Von 4 bis 5 Stunden Weges strömten die Umwohner herbei, um die Aufführungen zu sehen, welche während jener Tage in dem, mit frischem Sand überstreuten, Schloßhofe stattfanden. Da sah man den uralten Schwerdtertanz, von jungen Burschen mit der blanken Waffe in der Hand ausgeführt; das Reiffspringen, das Ringelrennen – eine Übung zu Pferd, von welcher städtische Schriften um’s Jahr 1597 schon Erwähnung tun, und anderes mehr. Nachmittags belebte dann allgemeines Narrenlaufen die Gassen des Stadtleins, wobei der ganzen hoch ansehnlichen Narrenzunft der Zutritt ins fürstliche Tafelzimmer gestattet war.

Herrschte während dieser Lusttage auch Freiheit und buntes Leben, so war nichtsdestoweniger dafür gesorgt, dass gewisse Schranken nicht ungestraft überschritten werden durften. So zum Beispiel war es nur Erwachsenen erlaubt, sich zu maskieren. Ließ sich ein naseweiser Bube verleiten, es den Alten gleichtun zu wollen, so ward er ergriffen und zur Abkühlung des allzu hitzigen Gemüts in den Brunnen getaucht. –

Eine Gelegenheit für das Landvolk, sich hervorzutun, gab das Pfingstfest, wo die Bauernburschen den üblichen Pfingstritt in der Stadt abhielten – ein Überrest der altdeutschen Maienfeier. – In wohlgeordnetem Zug, voran die Maienführer mit grünen Tannenbäumlein in der Hand, ritten sie ein, wo nach den herkömmlichen Sprüchen der in Rinde gehüllte „Pfingstputz“ (ursprünglich den Winter vorstellend) in ein fließendes Wasser geworfen wurde; die ganze Bande aber, vom fürstlichen Hofe und den Bürgern reichlich mit Gaben bedacht, den Tag im Wirtshause bei Schmaus und Tanze beschloss.

Das mögen dann freilich für die kleine Stadt Meersburg angenehme, der Erinnerung werthe der Zeiten gewesen sein, umso mehr, da sie dem Orte nicht wenig Wohlstand brachten, indem die Anwesenheit des Hofes stets zahlreichen Besuch von Hoch und Nieder in die Stadt zog.

Maximilian Christoph schied aus dieser Zeitlichkeit in dreu und achzigjährigem Alter (1800), nachdem er längere Zeit kränklich gewesen war. Er war der Letzte des freiherrlichen Geschlechts von Roth. – Sein sämtliches Mobiliar fiel dem Verkauf anheim. Und also reichlich war die Hinterlassenschaft, dass die Versteigerung im Ganzen über ein Vierteljahr dauerte und so viele Kinder Israels herbeigelockt hatte, dass ein eigener Schächter in Meersburg genug zu tun hatte, dem auserwählten Volke den Fleischbedarf zu liefern.

Bischof Max war von großer Gestalt aber hager, von einnehmender, Wohlwollen aussprechender Gesichtsbildung. Sein Bildnis ist noch in mancher Stube des ehemaligen Sprengels anzutreffen; so wie ich mich auch eines Festkalenders von riesenhaften Formate erinnere, welcher sein Bildnis trägt. Kalender und Porträt, kaum handgroß, sind umgeben von allegorischen Darstellungen, und es mißt der aus mehreren Platten bestehende Kupferstich im Ganzen nicht weniger als fünf Fuß in der Höhe und zweieinhalb Fuß in der Breite.

Mit dem Tode dieses Fürstbischofs schließt die alte Zeit, in dem sein Nachfolger, der edle Karl Theodor von Dalberg, an Bildung und Geistesrichtung schon ganz dem neu gestalteten 19. Jahrhundert angehört. Seit dem Jahr 1788 Coadjutor am Bistum Konstanz, kam er nach Roth’s Hintritt auf den bischöflichen Stuhl, von wo ihn, wie bekannt, das Schicksal nach zwei Jahren abberief, um ihm den erledigten Sitz eines Kurfürsten von Mainz und Erzkanzler des Reiches einzuräumen. Sein kaum zweijähriges bischöfliches Regiment bezeichnen viele vortreffliche Einrichtungen und Stiftungen; sein späteres Leben und Wirken, die Erhebung zum Fürstprimas von Deutschland und Frankfurt u.s.w., hat jedoch mehr weltgeschichtliches als specielles Interesse, und darf daher bei unserer Schilderung nur noch erwähnt werden, dass Dalberg, der 90. Bischof, den würdigen Schluss einer mehr als zwölfhundertjährigen Reihenfolge von Inhabern des bischöflichen Stuhles zu Konstanz machte.

Ein Boden, ein Bauwerk, woran bedeutende historische Erinnerungen haften, übt auf gegenwärtige stets eine anziehende Macht aus. Ein der Trauer verwandtes Gefühl möchte uns beschleichen beim Hinblick auf die schattenhafte Flüchtigkeit alles Irdischen, dessen sichtbare Spuren wir dann mit desto größerem Interesse betrachten.

In solcher Stimmung betrat auch ich den Hof und die Anlagen der herrlichen, aber verlassenen Bischofswohnung, dem alten Schlosse gegenüber. – Ich stand auf der steinernen Terrasse, tief unter mir der See, über den ein heftiger Südwest daher brauste und langsam majestätisch die Wellen, gleich Sturmkolonnen, gegen den Hafen und das Gestade wälzte. Wie unwillig schreiend über die Störung, flatterten vom Winde aufgescheucht die Dohlen um die Dächer der alten Meersburg, welche im gebrochenen Lichte des trüben Tages finster zu meiner Rechten lag. – Die Dämmerung war allmählich hereingebrochen, und an einzelnen Fenstern jener mittelalterlichen Burg bewegten sich Lichter hin und her. Das neuere Schloss dagegen, in meiner unmittelbaren Nähe, stand ohne Zeichen innewohnenden Lebens; seit dem Wegzuge Karls von Dalberg ward es nicht mehr bewohnt.

Mit welchem Interesse, kam mir in den Sinn, mag nicht Bischof Anton von Sickingen aus dem alten Schlosse wegziehend, diesen Bau für ewige Zeiten geschaffen und herrlich für sich und seine Nachfolger eingerichtet haben. – Und jetzt, nach kaum 100 Jahren, steht er leer, ungewiss, ob je einmal wieder ein Besitzer sich darin häuslich niederlassen wird. – Ein glücklicheres Loos dagegen war seinem Nachbar, dem alten Schlosse, beschieden.

Nachdem es unter den Bischöfen nach Anton von Sickingen zu Kanzlei und Beamtenwohnung gedient, später aber, nach dem Anfalle an das Haus Baden und dem Wegzuge des Bischofssitz nach Freiburg, dem Hofgerichte seine Räume geliehen, erkaufte es nach längerer Verwaisung der edle Freiherr von Laßberg, um den alten Bau zum gastlichen Familiensitze und zum Horte herrlicher Sammlungen zu machen.

Doch auch dieser treffliche Mann ist seitdem heimgegangen. – Kurze Zeit vor meinem Hiersein ward er zur Erde bestattet auf dem Kirchhofe der Stadt, neben der Ruhestätte seiner Schwägerin, der zartsinnigen Dichterin Annette Droste von Hülshoff.

Der Abend, rau und unfreundlich, war unter meinen Betrachtungen weit vorgerückt, und ließ mich auf den Rückzug und ein Nachtquartier bedacht sein, welch letzteres ich in den Wirtshause fand, wo acht Jahrzehnte zuvor Kaiser Joseph, zum großen Verdruss des Kardinals Roth, ebenfalls seine Einkehr genommen.

Im Wetter war eine erwünschte Änderung eingetreten. Der Sturm hatte über Nacht das Gewölk vertrieben und den Himmel aufgeklärt. Ein sonniger Morgen folgte dem düsteren Ungestüme des vorigen Tages – und mit den Wolken war auch meine gestrige zur Beschaulichkeit geneigte Stimmung verschwunden. Die warme, frohe Gegenwart machte unbedingt ihr souveränes Recht geltend, und ich eilte, im Lichte des goldenen Morgens, die Gemächer des neuen Schlosses mit ihrer herrlichen Fernsicht in Augenschein zu nehmen.

Die Lage dieses Baues auf einer ansteigenden Terrasse ist wahrhaft imposant. Früher standen hier bürgerliche Gebäulichkeiten, die in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts abbrannten, worauf Bischof Anton das jetzige Schloss (1750) im opulenten Stile ausführen ließ, durch den komturischen Baudirector Bagnato, welcher nebst dem Schlosse Mainau auch das Kornhaus in Rorschach erbaute. Die innere Decorierung trägt vollkommen das Gepräge ihrer Entstehungszeit. – Griechenthum und Klassicität in Puder und Reifrock. – In Statuen und Gemälden, an der Treppe und den Plafonds sehen wir den ganzen Olymp versammelt, um den geistlichen Hausherrn galante Huldigungen darzubringen. Die Zimmerreihe im zweiten Geschosse ist wahrhaft fürstlich und äußerst geschmackvoll: das Getäfel von Eichenholz mit Gold, und an den Wänden große, aus dem alten Schlosse stammende Gobbelins mit Jagden und idyllischen Vorstellungen im Stile der Schule des Julius Romano. –

Und die Aussicht aus den Fenstern – in zauberischer Klarheit und Ruhe lag die noch vor kurzem unendlich aufgeregte Fläche vor meinem Blick – ein Gemälde, hingehaucht mit den zarten Luft- und Wasserfarben: vom westlichen Endpunkte, wo noch deutlich die hochgetürmte Kathedrale von Konstanz ragt, bis zu den dunklen Tannenwäldern um Bregenz; dazwischen in sanft ansteigenden Linien die Vorlande der Schweiz und ihre schneeigen Berghäupter, vom mächtigen Säntis und den Kurfürsten bis zu den blauen Hochwarten Tirols.

Dieselbe prachtvolle Aussicht haben das ehemalige bischöfliche Seminarum ad St. Carolum Boromaeum (in neuerer Zeit der Sitz eines katholischen Schullehrerseminars), die Wohnungen der großherzoglichen Beamten und anderer Teile der vielgebäudigen Hofburg.

Die großartigen Treibhäuser, welche zu Bischofszeiten den Hofgarten zierten, haben zu einem artigen Sprüchworte Veranlassung gegeben. Beim Sonnenschein nämlich strahlen die schräg liegenden Fensterflächen der Treibhäuser in so gewaltigem Glanze, dass ihr Leuchten bis weit ins Appenzeller Land hinein wahrgenommen wurde, daher dort das Sprichwort aufkam „es glänzt – wie Meersburg„.

Ein vorteilhaften Begriff von behäbigen städtischem Wesen gibt das alte Rathaus mit seinem hellen, geräumigen Saal. Obwohl Meersburg nie eine eigentlich freie Reichsstadt gewesen, so gewährte seine alte Verfassung doch große Rechte und Selbstständigkeit. Die städtische Gerichtsbarkeit reichte eine halbe Stunde außerhalb der Stadt, wo dann das heilenbergische Gebiet seinen Anfang nahm. Dem Stadtrat stand das Blut- und Malefizgericht zu, bei welchem der Regierende Bürgermeister als Reichsvogt oder Stabhalter prädierte, zu Handen das entblößte Schwert. – Außerdem bestand in Meersburg die „ehrbare Gesellschaft der Hundertundeinser.“

Diese unabhängige Korporation, welche ihre Stiftung und reichliche materielle Begabung einem Caspar Müller, in der Mitte des 16. Jahrhunderts, verdankt, hatte den Zweck, in schwierigen Fällen, bei Not und Teuerung, Krieg oder andern städtischen Angelegenheiten, bei gegenseitigen Streitigkeiten und Zerwürfnissen x. beratend und vermittelnd einzuschreiten, so wie das brüderliche Zusammenhalten der ganzen Bürgerschaft überhaupt zu hegen und zu pflegen. – Die Gesellschaft war im Besitz eines eigenen Beratungs- und Gelagehauses (das jetzige Gasthaus Zum Bären). Ihre oberste Leitung lag in der Hand eines Oberpflegers, dem einem Unterpfleger zur Seite stund, welcher das Gesellschaftsvermögen verwaltete, während ein Ober- und Unterordner die Gesellschaftsbestimmungen und die Ordnung bei Festen und Gelagen handhabten. Die ganze Verbrüderung zerfiel, hundert und ein Mitglied zählend, wiederum unter sich in Meister und Gesellen. Von dem ersprießlichen Wirken dieser Verbindung nur ein Beispiel.

Von alters her hatten die benachbarten Thurgauer (in commerzieller Beziehung stets verbunden mit der schwäbischen Bevölkerung) das Recht, in der Meersburger „Gred“ oder dem Kaufhause ihren Bedarf an Früchten vor den Einheimischen einzukaufen.

Als nun in den letztverflossenen 70er Jahren, in Folge mehrerer Mißjahre, große Teuerung, ja beinahe Hungersnot eingetreten, machten die Schweizer also ausgedehnten Gebrauch von ihrem Vorrechte, dass die zurückgesetzten Bürger Einsprache erhoben, welche bald in großen Tumult überging und damit endete, dass die zudringlichen Nachbarn mit Gewalt aus dem Kaufhaus verjagt wurden. Fürst Bischof Kardinal Roth, sehr aufgebracht über diesen Vorfall, und ohnehin nicht der Mann vieler Umschweife, ließ die schuldigen Bürger ergreifen und ohne weiteres in’s Gefängnis werfen. – Die Stadtverordneten hatten nicht den Mut, dem Landesherrn entgegenzutreten; da ließ der Oberpfleger die Hundertundeiser Gesellschaft zusammenrufen, und es ward beschlossen, in der Angelegenheit ein freimüthiges Wort zu sprechen. – Die Abgeordneten begaben sich in das Schloss, wo der Bischof in großer Aufregung sie fragte, in wessen Namen und Auftrag sie kämen? „Im Namen und Rechte der ehrbaren Gesellschaft der Hundertundeiser, lautete die Antwort. – Der Bischof mäßigte sich; die Sache wurde untersucht, und auf Grund der einsichtsvollen Auseinandersetzung der Gesellschaftsvorstände das Gesetz, welches die Schweizer beim Einkauf bevorrechtigte, für immer aufgehoben.

In neuerer Zeit besteht die Gesellschaft eigentlich nur noch dem Namen nach. Wenigstens wurden keine Beispiele ihrer Tätigkeit zu meiner Kenntnis gebracht, ausgenommen ein festliches Bankett, welches die Mitglieder jährlich in der alten Gelagestube zum Bären abzuhalten pflegen.

Von den Thoren, die Meersburg hatte, hieß einst Das Zwingtohr; der Bischof allein soll das Recht gehabt haben, durch dasselbe aus- und einzugehen. Seit Jahrhunderten aber war es zugemauert. Folgendes Begebniß soll die Schließung veranlasst haben. Ein fremder Cavalier, so berichtet die Sage, kam eines Tages gen Meersburg und wollte durch das Zwingtohr einreiten. Ein Bürger vertrat ihm den Weg mit dem Bedeuten, hier dürfe nur der Bischof durchpassieren. Der Fremde, beleidigt durch die Zurechtweisung, zieht das Schwert, der Bürger greift ebenfalls zur Wehr, und es entspinnt sich ein Kampf, in dem der Bürger getötet wird. Hierauf erhob sich ein Tumult in der Stadt; die herbeigelaufenen Bürger wollten ihren Genossen rächen, griffen zu den Waffen und verfolgten den Frevler. Dieser aber flüchtete in’s alte Schloss, wo er sich unter dem Schutz des Bischofs stellte. Vergeblich forderten die Bürger seine Auslieferung; der Bischof wollte das heilig gehaltene Gastrecht nicht verletzen. Es kam zu einer förmlichen Berennung des Schlosses und der Bischof mußte flüchten. – Die Bürger aber mauerten das Zwingtohr für ewige Zeiten zu.

Diese Sage scheint ihren Grund zu haben in den Streitigkeiten zwischen den Bischöfen und der Stadt (in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts), wo Mißverständnisse und Tumulte wegen Schließung det Tore, Verwahrung der Schlüssel, Ein- und Auslass bischöflicher Diener vorkamen, und die herrschsüchtigen Vögte der Bischöfe wiederholt zu Klagen und bewaffneten Widersetzlichkeiten von Seiten der Bürger Veranlassung gaben – worüber die Stadt einmal in die Acht geriet.

Mit einem Teil der Mauern und Tore fiel auch die alte Pfarrkirche und eine daneben stehende Kapelle dem Abbruch anheim. In letzterer befand sich altdeutsche Gemälde, die in jenen Zeiten, wo man das Gute nicht zu schätzen wußte, abhanden gekommen, und, wie versichert wird, nach Berlin in eine dortige Sammlung gewandert sind.

Ein schöner altdeutscher Altar befindet sich in der Nikolaus-Kapelle (alte Hofkapelle) der unteren Stadt, wo die Fischerzunft alljährlich einen Gottesdienst, zu Ehren ihres Schutzpatron, des heiligen Johannes von Nepomuk, abzuhalten pflegt.

Wenn der Besucher Meersburgs alle noch vorhandenen Zeugen der Vergangenheit zur Genüge betrachtet und in den Berggassen sich müde gelaufen hat, so mag er, der genussreicheren Gegenwart sich zuwendend, seine Schritte nach dem Gasthaus zum Schiffe lenken, wo das Zimmer auf den See hinaus einen herrlichen Blick über die weit ausgedehnte Wasserfläche darbietet. Sollte ihn aber an heißen Tagen etwa die Lust an wandeln, in der verlockenden Flut selbst erquickende Kühlung zu suchen, so ist ihm auch diesem Bedürfnisse Rechnung getragen, in einer erst neuerer Zeit errichteten Badeanstalt, welche ihr Entstehen zunächst der anregenden Tätigkeit des Herrn Amtmanns Speer in Meersburg verdankt.

Mir war vor meiner Abreise noch gegönnt, einen Teil der Laßberg’schen Sammlung zu sehen, welche, wahrscheinlich nur noch kurze Zeit, in den Gemächern der alten Dagobertsburg aufbewahrt sind. Durch die edle Gastfreundschaft der verwitweten Freifrau selbst wurden mir die Zimmer geöffnet, deren Wände eine Sammlung von Gemälden älterer Meister schmückt. Es war mir dies umso interessanter, da ich wusste, dass diese Kunstwerke in Bälde in meine Heimat wandern, das heißt in den Besitz Seiner Durchlaucht des Fürsten von Fürstenberg übergehen und einen ergänzenden Bestandteil der Sammlungen im Schlosse zu Hüfingen bilden würden.

Freiherr Joseph von Laßberg wurde geboren in Donaueschingen 1770. Seine Jugend fiel in eine Zeit, wo an dem kleinen fürstenbergischen Hofe alles Schöne und Veredelnde Pflege und Gunst fand. Die Anregungen, welche seine Kindheit von daher empfangen, mögen dem Jüngling und Mann wohl durch’s ganze Leben begleitet und seiner Neigung zu Literatur und bildender Kunst den Grund gelegt haben. Das Gymnasium zu Donaueschingen gab Gelegenheit zu ersten Studien, die in Straßburg und Freiburg fortgesetzt und vervollständigt wurden. Forstwissenschaft war das Fach, welchem, nach dem Beispiele des Vaters, der eines der ersten Hof-Forstämter in Donaueschingen begleitete, der Jüngling sich widmete. Bereits zu Anfang der 90er Jahre erhielt der junge Mann eine selbständige Stellung in dem Amte eines fürstlichen Oberforstmeisters zu Heiligenberg, und im Jahr 1804 wurde er zum Landesoberstforstmeister des Fürstenhauses ernannt.

Es waren die Zeiten, deren Stürmen das deutsche Reich erlag und mit dessen Auflösung Vieles im politischen Haushalte der Nation sich änderte. Die reichsfürstliche fürstenbergische Linie war mit Karl Joachim zu Grabe gegangen und das nunmehr standesherrliche Fürstentum dem erlauchten Sprössling böhmischer Linie Carl Egon zugefallen, während dessen Minderjährigkeit die Fürstin-Mutter Elisabeth, die vormundschaftliche Regierung führte. Laßberg war zum Geheimen Rat nach dem, Tode seines Vaters zum Oberjägermeister ernannt. Mit dem Aufhören der vormundschaftlichen Regierung suchte er jedoch Entlassung aus dem Dienstgeschäften, und widmete sich, in der Umgebung der hohen, durch die seltensten Herzens- und Geistesgaben ausgezeichneten Fürstin Elisabeth, ganz den Musen. Sein Mannesalter war in die Epoche gefallen, wo gleichzeitig mit dem Aufschwunge der neuen Literatur auch den Schätzen der früheren Zeit geschärfte Aufmerksamkeit zugewendet wurde. Dies konnte jedoch nicht hindern, dass bei den in bewegten Zeiten vor sich gehenden Klosteraufhebung manches Wertvolle der Kunst und Wissenschaft verschleudert, verloren oder ganz vernichtet wurde. Freiherr von Laßberg, im Besitze gründlicher Kenntnisse und auch der nötigen materiellen Mittel, hatte sich’s schon früher zur eigentlichen Lebensaufgabe gemacht, Zerstreutes zu sammeln, Verlorenes aufzusuchen, und was sich in profanen Händen befand, an sich zu bringen. So entstand nach und nach eine herrliche Sammlung von seltener Handschriften, Incunabeln und alten Malereien, wie nicht leicht ein Privatmann eine ähnliche aufzuweisen haben mochte. Der Besitzer aber war keiner jener grillenhaften Liebhaber oder pedantischen Gelehrten, welche ihre Schätze misstrauisch verschließen und möglichst unzugänglich machen; das Erworbene sollte wieder dem Leben, der Kunst und Wissenschaft zurückfließen, weshalb er um altdeutsche Literatur und Geschichte so hochverdiente Herausgeber des „Liedersaales“ sein Bestes uneigennützig seinen Freunden zu Lust und Lieb an’s Licht stellte. In Verbindung und Freundschaftsverhältnissen mit vielen Gleichgesinnten und Ähnlichstrebenden sah der gastfreie Burgherr beständig werthe Besuche von Nah und Fern bei sich. Seine geistige wie körperlich ausdauernde Gesundheit ließ den trefflichen Mann all diese glücklichen Lebensverhältnisse bis in’s höchste Alter ungeschmälert genießen. Er starb im 85. Lebensjahr, wenige Monate nach dem vielbetrauerten Hingange seines hochherzigen Fürsten und Herren, Carl Egon von Fürstenberg.

Zahlreichen Freunden aber ist die schöne Erinnerung geblieben an einen genussreichen geistigen Verkehr und manche heitere Stunden im edlen Familienkreise auf der alten Meersburg. „Da finden Sie eben mich“, schrieb von Laßberg nach dem Tode seines Sohnes, seinem Vertrauten Freunde, geistlichen Rat und Professor Fr. Carl Grieshaber in Rastatt,

da finden Sie mich mit liebem Weib und Kindern, mit weißem, schneeweißem Haupte zwar, aber mit immer grünem, warmem und fröhlichem Herzen, der von sich sagen kann:

*Ich versteh es, dem Waidwerk Zierde zu sein und dem Speer, Netzen und fliegendem Rohr.

Ach ja, fuimus Troes! Und jetzt stehe ich da, wie ein alter Baum, dem der Blitz die Krone abgeschlagen hat; denn meine Krone und mein Stolz war dieser Sohn, den mir der Himmel diesem Sommer entführt hat. (*Friedrich von Laßberg, Sohn erster Ehe, war fürstlich sigmaringscher Regierungspräsident; er starb im Jahre 1838)
In eine bessere Welt, so pflegt man zu sagen; aber auch diese wäre ihm vielleicht für viele Jahre noch gut genug gewesen, denn sie konnte ihn wohl brauchen.

Ehe wir von Meersburg schreiben, sei ein anderen verdienten Mannes gedacht. Es ist der vaterländische Geschichtsforscher und Schriftsteller Johannes Baptist Kolb, geboren in Meersburg, 1774, wo sein Vater die Stelle eines fürstbischöflichen Archivars bekleidete. Das Wenige, was ich von den Lebensumständen dieses Mannes noch erhalten, gibt Dr. Josef Bader in seinem neuesten Werke: „Meine Fahrten und Wanderungen im Heimatlande.

Das Lexicon über das Großherzogtum Baden von Kolb ist ein rühmliches Zeugnis unermüdlichen Fleißes und uneigennütziger Liebe zum Heimischen, die ihren bescheidenen Lohn meistens allein nur in den Bewusstsein findet, der Allgemeinheit einen Dienst geleistet zu haben.

Indem ich noch des Grabmals gedenke, welches die naturforschende Gesellschaft in Berlin dem in Meersburg verstorbenen Magnetiseur Dr. Mesmer, in Gestalt einer abgestumpften Pyramide auf dem Gottesacker errichten ließ, kommt mir der Vorschlag von Göthe in den Sinn, Bildnisse verdienter Mitbürger, ausgezeichneter Künstler und Gelehrter, sowie von Großen, welche den Ort durch Wohlthaten oder persönliche Gegenwart ausgezeichnet x. malen oder modellieren zu lassen und nebst dem Porträte der Landesherren in den Rathssäälen für bleibend aufzustellen. Demnach würde Meersburg das Bild von Laßberg’s, Kolb’s, nebst dem bereits vorhandenen Porträt des Bischofs Max von Roth in seiner Rathsstube der Mit- und Nachwelt aufzubewahren haben.

Möchte doch in allen Städten des Landes in diesem Sinne etwas geschehen; der Nutzen (wenn ein solcher auch nicht in der Gemeinderechnung mit Zahlen ausgedrückt werden kann) wäre kein geringer. Denn das Andenken merkwürdiger Männer regt von Zeit zu Zeit den Geist zur Betrachtungen auf, stärkt das nationale Gefühl und ermutigt auf vorgewießener Bahn Ähnliches zu erstreben.



Die Freiherren von Rodt schrieben sich bei Lucian Reich Roth.

Burg Meersburg, Eigentum und Wohnsitz von Laßberg von 1838 bis zu seinem Tode

links: von Joseph Ignaz Appiani, um 1760 das Porträt Franz Konrad von Rodt, Deckengemälde im Neuen Schloss Meersburg. Franz Konrad Kasimir Ignaz von Rodt (* 17. März 1706 in Meersburg; † 16. Oktober 1775 ebenda) war Kardinal der Römischen Kirche, Reichsfreiherr und von 1750 bis 1775 Fürstbischof von Konstanz. Wikipedia

rechts: Maximilian Christoph von Rodt, Porträt von Stephan Bildstein (ca. 1775/1780) im Neuen Schloss Meersburg. Maximilian Augustinus Christoph von Rodt (* 10. Dezember 1717 in Kehl; † 17. Januar 1800 in Meersburg) war Fürstbischof von Konstanz. Wikipedia






Den Pfingstbutz und den Pfingstritt scheint es nur noch in Wurmlingen zu geben.


Die Liste der Bischöfe von Konstanz gibt es bei Wikipedia. Lucian Reich nennt Bischof Maximilian Christoph von Rodt, „Bischof Max„. Laut der Liste ist Karl Theodor von Dahlberg nicht der 90. sondern der 99. Bischof.

Joseph von Laßberg

Joseph Maria Christoph Freiherr von Laßberg, (geboren 10. April 1770 in Donaueschingen; gestorben 15. März 1855 in Meersburg) nannte sich selber der Meister Sepp von Eppishusen. Er war Gründer des Baarvereins und auch leidenschaftlicher Sammler. Über ihn gibt es sehr viele Geschichten und auch Kontroversen wegen seines Nachlasses.

Die Magische Säule von Peter Lenk in Meersburg

Burg Meersburg, Eigentum und Wohnsitz von Laßberg von 1838 bis zu seinem Tode

Laßberg von Peter Lenk in Meersburg

Joseph Maria Christoph Freiherr von Laßberg

Lucian Reich hatte Glück die Sammlung von Laßberg noch in Meersburg bewundern zu können. 1855 kam die Sammlung, aber meines Wissens nicht in das Hüfinger Schloss, sondern in die FF-Sammlung nach Donaueschingen. Die umfangreiche Büchersammlung von Joseph Maria Christoph Freiherrn von Laßberg kam in die Bibliothek des Baarvereins die damals mit der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek zusammen war. Ab Oktober 1999 wurden der Nachlass nachts über die Schweiz aus Donaueschingen verbracht und in verschiedenen Auktionshäusern versteigert.

Mehr dazu gibt es in den Schriften der Baar Band 48 aus dem Jahr 2005:
https://www.baarverein.de/band-48-jahrgang-2005/



Ehrbare Gesellschaft der 101 Bürger von Meersburg


Das Museumsgebäude am Karlsplatz in Donaueschingen wurde im Jahre 1865 von Fürst Karl Egon III. in Auftrag gegeben. Sein Architekt, Theodor Dibold, baute eine leerstehende ehemalige Zehntscheune am heutigen Karlsplatz für seine naturkundlichen, historischen und kunstgeschichtlichen Sammlungen um. Vermutlich stand dies in Zusammenhang mit dem Nachlaß von Laßberg.

Die F. F. Hofbibliothek Donaueschingen des Hauses Fürstenberg verfügte zusammen mit dem Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, (dessen Gründer u.a. Freiherr von Laßberg war) über bedeutende Bestände aus den Gebieten Recht, Theologie, Geologie, Regional- und Familiengeschichte und 7000 seltene Musikalien (darunter Mozarthandschriften). Dazu gehörten auch die ca. 11.000 Bände umfassende Sammlung des Gelehrten Joseph Maria Christoph Freiherrn von Laßberg. Seit Oktober 1999 wurden die Druckwerke der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen – etwa 130.000 Bände – über die Schweiz verbracht und in verschiedenen Auktionshäusern versteigert oder anderweitig auf dem Antiquariatsmarkt angeboten.

Fuimus Troes ist ein Jasper Fisher zugeschriebenes Versdrama über Julius Cäsars Einmarsch in Britannien im Jahr 55 v. Chr. Es wurde 1633 in Quarto in London veröffentlicht. Das Drama ist in Blankversen geschrieben, die mit Lyrik durchsetzt sind; Druiden, Dichter und ein Harfner werden eingeführt, und es endet mit einer Maske und einem Chor. (https://en.wikipedia.org/wiki/Fuimus_Troes)

Franz Anton Mesmer
Der große Magnetiseur

in Publikationen manchmal auch Friedrich Anton Mesmer – (* 23. Mai 1734 in Iznang; † 5. März 1815 in Meersburg) war zunächst Arzt in Wien, führte dann „magnetische“ Kuren durch und begründete den animalischen Magnetismus, auch Mesmerismus genannt. Wikipedia

Ein dreieckiger gerundeter weißer Marmorblock befindet sich auf drei Stufen aus weißem Sandstein, die sich nach oben hin verjüngen und in einem ebenfalls gerundeten, dreiseitigen Grundriss liegen. Das Grabmal wurde von der Gesellschaft der Naturforscher in Berlin gestiftet, von Bildhauer Sporer in Konstanz gestaltet, 1830 errichtet und 1902 renoviert.

Mesmer von Peter Lenk auf der Hafenmole von Meersburg

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Insel Mainau – Konstanz 2.

Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.

Hier der 2. Teil vom Kapitel Konstanz

Einzelne Gewerke, wie zum Beispiel die Metzger und Gärtner, gaben den Ihrigen statt den gewöhnlichen Kundschaften große Pergamentbögen mit, auf welchen sich der wanderlustige Geselle, je nach seinem Vermögen, von einem Maler oder Schönschreiber etwas Hübsches malen ließ. Die Gärtner zum Beispiel wollten meistens den Garten ihres Lehrmeisters mit allen Gebäulichkeiten und Pflanzen darauf haben, während die Metzger schönes Vieh bestellten, nebst dem Lieblingshunde „Packan“ oder „Bläß“.

Nikolaus Hug erzählt, dass im Jahr 1797 in einer größeren Stadt des Mittelrheines ein Maler eine solche Bestellung von einem Metzger bekommen, und mit vielem Fleiß also ausgeführt habe, dass er zwischen den zierlichen Buchstaben und Worte „Wir Bürgermeister und Rath“, – Ochsen-, Kälber- und Schafsköpfe x. gemalt habe, was der Metzgerzunft ungemein, dem Rat hingegen so sehr missfallen habe, dass der arme Künstler zu einer Abbitte und Vernichtung des Lehrbriefes sich habe bequemen müssen.

Ein recht lustiges Leben führten auch die Studenten auf den Vakanzreisen. Mit ihren Zeugnissen und langen Degen an der Seite besuchten sie die Landpriester und wohlhabenden Bürger aller Orten. In jedem Kloster ward ihnen Herberge gegeben auf 6 bis 8 Tage und Essen und Trinken im Überfluss. Manche arme Schlucker brachte von einer vierwöchigen Vakanzreise 20 bis 30 Gulden bares Geld nach Hause. In der Stadt gab man armen Studenten bei Prozessionisten gerne Kostage, wofür sie dem Hausherrn, der im Schreiben und Rechnen entweder gar nicht oder schlecht unterrichtet war, die Hausbücher und Rechnungen in Ordnung halten mußten.

Eine eigentümliche Klasse von Menschen bildeten die Waldbrüder oder Eremiten, welche auf Kirchhöfen, bei Kapellen oder in Wäldern ihre Klausen hatten. Sie zeigten sich im Äußeren als sehr fromme Leute, welche in den Kirchen die Priester bedienten, dem Mesner bei Verzierung der Altäre halfen und mit dem Volke zu verschiedenen Zeiten in ihren Kirchlein Betstunde abhielten. Ein solcher Klausner befand sich noch zu Ende des vorigen Säkulums auf dem Schottenkirchhofe in Konstanz. Seine Zelle war mit passenden Symbolen und Versen geziert, zum Beispiel

Wahre Tränen, wahre Buß,
Waschen ab dem Sündenruß.“

Trotz solch frommer Äußerungen scheuten übrigens manche dieser wunderlichen Heiligen ein bisschen „Ruß“ nicht, wenn es darauf ankam, sich ein Bene zu tun.

Zu gleicher Zeit gab es auch Schwärme von Bettlern und abgedankten gardenden Soldaten mit Frauen, Kindern und kleinen Fuhrwerken. Sie zogen von einem Pfarrsprengel zum anderen und besuchten die Kirchweihen. In Konstanz hatten diese Bettler eine eigene Zunftordnung unter sich aufgeteilt. Starb ein alter Mann oder ein altes Weib, so rückte die jeweils ältere Person um einen Platz näher an die Kirchentüre, und durch die ganze Armee fand das gleiche Avancement statt.

An der Straße nach Kreuzlingen konnte man an schönen Sonntagen ganze Bettlerfamilien gelagert erblicken. Hier seufzte einer wegen Krankheit, dort schrie ein anderer seiner brennenden Wunden wegen, alle so erbärmlich wie möglich, um einen Almosen von den Vorübergehenden zu erhalten. Kam der Abend und die traurige Nacht, so hörten die Schmerzen auf; man zog in verschiedene Schenken und Herbergen und verzehrte erheiterten Gemüts, das erbettelte Geld.

Viele Bewohner des an der Straße nach Loretto gelegenen Siechenhauses, (errichtet vom Bischof Hermann III, aus dem Geschlechte von Breitenlandenberg), hatten das Recht, am Neujahrstag die Straßen der Stadt zu durchziehen. Sie sangen geistliche Lieder und führten einen Wagen mit sich zur Fortschaffung des reichen Almosens, was ihnen von mitleidigen Einwohnern gespendet wurde.

Ein anderer anmutiger Brauch war das öffentliche Singen vom Weihnachtsabend bis zur Feste der Heiligen Drei Könige. Am Weihnachtsabend setzten sich Banden alter und junger, oft seltsam verkleideter Leute in Bewegung, um vor denjenigen Häuser der Stadt zu singen, aus welchen sie bereitwillige Spenden erwarten durften. Man sang meist Lieder von der Geburt und dem Leben Jesu. Oft mit sehr schönen Klang reichen Stimmen. Hin und wieder hörte man aber auch ein Kriegs- oder Liebeslied.

War man den nächtlichen Sängern gewogen, so wickelte man die Geldspende in ein langes Papier, zündete es an und warf es zum Fenster hinaus der Bande zu. Ließ aber der flammende Dank allzulange auf sich warten, so rief man in geduldigen Tone:

Wenn ihr üs ge wend,
So gend ü’s bald,
Denn uf den Gaßen ist es kalt.“

Noch im Jahr 1792 war es in Augsburg Sitte, dass an jedem Samstag arme Studenten mit Mänteln angethan, vor jedem Hause, wo sie Wohltaten empfingen, ein deutsches Lied sangen oder ein Vaterunser beteten.

Am heiligen Dreikönigstage stand das bekannte Herumgehen der drei Könige mit dem Sterne statt. Unser Berichterstatter gibt in seinem Nachlass eine Probe von einem Liede, welches an diesem Tage in Konstanz von den verkleideten Weisen gewöhnlich gesungen wurde.

Die Heiligen Drei Könige mit ihrem Stern,
Sie suchten den Herrn und sähen ihn gern.
Sie kommen vor’s König’s Herodeßen Haus,
Herodes, der schaue zum Fenster heraus.
Herodes, der sprach mit. Falschem Verdacht:
Warum ist nur der Hintere so schwarz?“
Er ist nicht schwarz, er ist ganz weiß;
Wir suchen Ihn mit ganzem Fleiß.
Zu Nacht sind wir den Berg gegangen.
Dann ist der Stern wohl aufgestanden.
Der Sternen rückt fort, wir folgen ihm nach,
Bis wir zusammen nach Bethlehem kamen ;
Nach Bethlehem in die heilige Stadt,
Wo Jesus Christkindlein die Liegestatt hat.
Wir fallen ihm alle drei zu Füßen
Zum Opfer Ihm schenken wir Gold,
Weihrauch und Myrren.
Dies war das liebste Jesulein.“

Allgemein war auch in der Seegegend das Johannisfeuer. Vom Hafendamme aus konnte man am Abend des Johannistages weithin im Schwäbischen und benachbarten Schweizerlande die Feuer lodern sehen, und noch heute ist dieser Brauch nicht ganz erloschen. In Konstanz aber hört diese alte Sitte auf mit dem Jahre 1805, allwo ein junges Mädchen bei dem üblichen Sprung über das Feuer in die Flammen fiel und sich stark beschädigte. Die Stadtbehörde, welche das Feuermachen in den Gassen ohnehin ungerne sehen mochte, verbot die Abhaltung des Brauchs.

Zu jener Zeit hatte auch an jeder Bürger das altershergekommene Recht, seine selbst gepflanzten Wein öffentlich auszuschenken. Die Verkündigung solcher Schenkeröffnungen geschah durch einen alten Mann mit halb weißen, halb rotem Mantel. Am Sonntagmorgen, nach beendigten Gottesdienste, geschahen die Ausrufungen mittels der Schelle. Es konnte geschehen, dass 12 bis 14 Schankwirte und Weinsorten auf einmal ausgerufen wurden, was dem Aussteller ebenso viel Maßwein und Kreuzer eintrug.

Bei All‘ dem waren die öffentlichen Verkehrsanstalten, den in unserer Zeit fast übergroße Sorgfalt zugewendet wird, in sehr mangelhaften Zustande. Noch in den 80er Jahren des letzten verflossenen Jahrhunderts finden wir im ganzen Lande über kleinere Flüsse keine Brücken. Fuhrwerke und Reisende wurden auf kleinen Fähren übergesetzt. Förmliche Straßen bestanden nur zwischen den bedeutenden Orten, und da waren sie meist so schmal, dass die Pferde eines hinter dem anderen mußten eingespannt werden. Ganz besonders schwierig war das Fortkommen auf schweizerischem Boden. Bis zum Jahr 1776 zum Beispiel mussten die Reisenden auf der stark begangenen Straße zwischen Pfyn und Frauenfeld nach Frankreich, auf Flößen oder flachen Schiffen über den reißenden Thurfluss setzen. War dieser von Gewitterregen oder geschmolzenem Schnee hoch angeschwollen, so mussten die Wanderer eben Geduld haben, bis das Element sich etwas verlaufen hatte. Natürlich, dass auch das Post und Botenwesen dem Zustande der Wege entsprach.

In gedachter Zeit befand sich in Konstanz die Post auf dem oberen Markte, unter den Bögen des jetzigen Leo’schen Kaffeehauses. Ein alter Herr Namens Radergast besorgte gemächlich und ohne Gehilfen das Geschäft. Die Postkutsche fuhr etwa zweimal in der Woche nach Radolfzell. Nach der Schweiz aber gingen bis zum Jahr 1780 noch keine Fahrposten. Erst von da an wurden solche dort eingerichtet und mit der Reichspost in Verbindung gebracht. Die ersten Wagen hatten Raum für vier Personen. Die Kasten ruhten hinten auf hölzernen Eisen beschlagenen Federn und hingen in Ketten, während sie vorne unmittelbar auf der Achse auflagen. Da mochte, zumal auf dem holprigen Straßen, dem Fahrenden das einlullende Schläfchen wohl verscheucht worden sein.

Alle Postillone von der Reichsseite kamen zu Pferde. Die Briefe hatten sie in ledernen Beuteln rückwärts am Sattel festgeschnallt; die Postionen aber von Überlingen, Meersburg u.s.w. trugen kleinere lederne Brieffelleisen auf dem Rücken. Mit noch weniger Umständlichkeit betrieben die Eidgenossen das Geschäft. Von Luzern kam wöchentlich einmal ein Bote zu Fuß mit einem Tragkorb, worin die Korrespondenz sich befand. Von Weil aber brachte, patriarchalischer Sitte gemäß, eine Frau mit einem Esel, das ihr anvertraute, nach Konstanz und von da zurück.

Zwischen vielen schwäbischen und schweizer Orten und Konstanz bestand gar keine regelmässige Verbindung; man konnte von dort nichts erhalten und folglich auch nichts dahin versenden. Der Briefwechsel überhaupt ma damals ein sehr geringer gewesen sein. So genügte zum Beispiel vor 50 Jahren noch eine einzige Person, in Konstanz die Poststücke auszutragen. Es war eine alte Jungfer namens Sidonia, welche mit einem Körblein am Arme die Briefe in der Stadt umher trug; als sie alt und schwach geworden, überließ sie das Geschäft einer Base.

Regelmässige Botenfuhren für Frachtstücke kamen erst im Mitte des vorigen Jahrhunderts auf. Später verband man auch Fahrgelegenheiten für Reisende damit, jedoch nur für solche Passagiere, welche eine allzu große Eile hatten, indem die Reisewagen einfach hinten an den Güterwagen angehängt wurden.

Kutschen gab es dazumal noch wenige. Ums Jahr 1787 zählte man in Konstanz nicht mehr als zehn Kutschen, wovon zwei der Stadtgemeinde, eben so viele zweien vermöglichen Bürgern und die übrigen dem Bischof und dem Domherren gehörten.

Mustern wir Kleidung und Tracht unserer Altvorderen, so finden wir bei ihnen weniger Modewechsel, aber dafür mehr Solidität in den Stoffen. Sonntags (im Winter) ging der reichere Stadtbürger nie anders als im silberbordierten dunkelblauen Mantel; der Patrizier hatte solchen von Scharlach mit Goldborten auf dem Kragen, und als Auszeichnung den Degen, der übrigens auch dem Künstler, Beamten und wohlhabenden Kaufmanne zustand. Vermögliche Prozessionisten pflegten, ihres Handwerks goldenen Boden in massivem silbernen Rock- und Westenknöpfen zur Schau zu tragen, während vor nicht minder kostbarem Metalle die Schuh- und. Hosenschnallen, Uhrgehänge und Anderes sein mussten. Statt unseren leichten Modezeugen sah man an den Frauen fein tuchene, mit echten Silberborten besetzte Kleider, dazu die schmucke Goldhaube. Beim Kirchgang fehlte nicht das silber beschlagene Gebetbuch von kunstreicher Arbeit und der Rosenkranz von Bernstein oder Korallen mit Denk- und Schaumünzen behangen.

Die Erben bekamen damals wertvolle Hinterlassenschaften, während ihnen heute meist wertloser Modekram und verbrauchte Fetzen teil werden.

Manche, uns beinahe unentbehrliche Gerätschaften dagegen, waren dazumal noch selten oder gar nicht im bürgerlichen Hauswesen anzutreffen. Regenschirme zum Beispiel sah man nur bei Vermöglichen. Sie bestanden aus dunkelfarbiger, mit großen Blumen gezierter Wachsleinwand. Die gemeinen Bürger- und Bauernweiber aber behalfen sich bei regnerischer Witterung damit, dass sie einen Teil ihrer Obergewänder über das bedrohte Haupt zogen, wie in unseren Tagen noch auf dem Lande zu sehen.

Vom Gebrauche der Spiegel wußten unsere Landsleute ebenfalls noch wenig. Sie wendeten sich einfach an das bekannte Element, in welchem schon im frühesten Altertum Narciß seine jugendliches Bild erschaute. Samstagabends nämlich stellten die ländlichen Schönen eine Velte voll Wasser in ihre Kammer, worin sie, nach dem Ankleiden ehe sie nur zur Kirche gingen, noch einmal sich bespiegelten, ob Alles in gehöriger Ordnung sei. Also einfach waren die Sitten und Zustände der s. g. guten Zeit. Aus ihren Trümmern erwuchs in raschem Wechsel das Neue, welches zu beschreiben den Nachkömmlingen überlassen bleiben mag.

Nebst den mannigfachen Umgestaltungen der Josephinischen Zeit überhaupt, war unser Konstanz die Ansiedelung der genannten Genferkolonie von großem Einfluss. So wie alles kommende Neue Bewegung und Leben in das vorhandene Alte bringt, so wirkte auch dieses Ereignis anregend auf die Zustände der altbürgerlichen Stadt. In Folge der Ankunft so vieler tätigen und vermöglichen Fremden fing man an, die modernden Kehrichtwinkel in den Gassen zu säubern, die von Wurme zerfressenen Ingebäude der (zur Hälfte leerstehenden) Häuser auszubessern und bequemere Wohnungen darin einzurichten. Alle Handwerksleute, die gute Arbeit zu liefern vermochten, bekamen zu tun. Tagelöhner, welche früher von Almosen und Klostersuppen sich genährt, griffen ermutigt zur Arbeit. Zwischen den Neugekommenen und den ursprünglichen Bürgern bestand das freundlichste Verhältnis; die jüngeren Einheimischen lernten bald Französisch und die Genfer, wenn auch etwas langsamer, Deutsch. Mit jedem Jahr hob sich der Wohlstand.

Die Genferknaben, meist lustigen Blut, besuchten die Schule in Zofingen, so auch die Mädchen. In Religionssachen huldigte man einer gewissen Toleranz. Die Mädchen der protestantischen Genferfamilien nahmen am katholischen Religionsunterricht teil.; es hieß, sie könnten ja größer und urteilsfähiger geworden, selbst sich das Bessere wählen.

Erst nach mehreren Jahren kam ein Genfer protestantischer Geistlicher mit Familie nach Konstanz, und bereitwillig wurde ihm ein Lokal zur Abhandlung des Gottesdienstes eingeräumt.

Im ganzen bestand die Kolonie aus etwa 500 Köpfen. Dem Gewerbe- und Fabriktreibenden ward vom Kaiser 20-jährige Steuer und Militärfreiheit bewilligt. Wie schon bemerkt, bekam die Familie Macaire, zur Errichtung einer Indienne- und Cotonfabrik, die Dominikanerinsel unentgeltlich. Bei dem Einzuge hatte Jakob Macaire, wie Hug erzählt, ein sonderbares Mißgeschick. Als der erste schwer beladene Güterwagen über die Brücke zum Kloster fuhr, brach dieselbe unter der Last zusammen, und Pferde und Wagen stürzten stark beschädigt in den Wassergraben. Die vertriebenen Klostermönche und ihre Anhänger aber frohlockten und wollten eine höhere Fügung darin erkennen. So natürlich es auch war, dass die nur zu Brotfrüchten und Weinfuhren hergerichtete Brücke unter der ungewöhnlichen, übermäßigen Last einbrechen müßte. Bis auf den heutigen Tag wird dies Fabrikgeschäft mit gutem Erfolg betrieben.

Andere von den eingewanderten angefangenen Industriezweige, wie zum Beispiel die Sackuhren und Goldwarenfabrikation sind jedoch wiederum in Abgang gekommen. Um der ersteren aufzuhelfen, ward die zollfreie Einfuhr von 20 ,000 Stück Sackuhren während acht Jahren in die österreichischen Staaten gestattet. Da aber die Fabrik weit mehr zu liefern imstande war, so wurde der Überschuss im Orient verschlossen.

Am Schluss des genannten Jahrhunderts war Konstanz zum andern Mal Zeuge einer Einwanderung. Das große Ereignis der Französischen Revolution scheuchte, wie bekannt, eine Menge Priester und Mönche, welche der neuen gebietenden Macht den Eid nicht leisten wollten, über den Rhein. Unser Gewährsmann schildert sie der Mehrzahl nach als sehr unwissend. Nebst einer Menge der niederen Geistlichkeit waren auch sehr viele höhere Würdenträger der Kirche nach Konstanz gekommen. Die Fronleichnamsprozession 1793 gewährte daher das ungewöhnliche Schauspiel, dass 13 französische Bischöfe, darunter drei Erzbischöfe und nebst diesen der Malteserfürst von Heitersheim zu sehen waren.

Zu Betrachtungen entgegengesetzter Art gaben über rheinische Emigranten im Jahre 1814 Veranlassung. Es waren ehemalige Nationaldeputierte, welche zum Tode König Ludwigs des XIV.. gestimmt hatten und nach Wiederherstellung des Königsthrones aus Frankreich fliehen mussten. Der eine war, der Erdeputierte für Corrèze, Prival, welcher bei Erblickung des Blutgerüstes für den König, in der Voraussetzung, das Volk könne das Schauspiel nicht bequem genug sehen, ausgerufen haben soll. Es ist zu nieder! – Dieser Mann wurde später in Konstanz wahnsinnig, und wo er vor einem Hause eine Treppe erblickte, sprang er heftig hinauf und herunter. Die Stufen zum königlichen Blutgerüste standen immer noch vor seinen wirren Sinnen. Ein zweiter Monnel mit Namen (aus dem Departement Marne) stellte kurz vor seinem Tode in Konstanz eine öffentliche Urkunde aus, worin er seine Reue bezeugte, zum Tode des unglücklichen Königs gestimmt zu haben. – Der dritte Dübois Bellegarde, Deputierter für Charente, wird als roh und religionslos geschildert; er rühmte sich vieler Mordtaten, aß wie ein Schwein faules Fleisch und Fische, spottete über Gott und den Teufel – und fürchtete sich bei seinem Ende doch vor demselben. – Ein vierter, für das Departement Eher, La Brunerie, zeigte sich als ein braver Mann, der oft seinen Kummer aussprach, zum Tode seines Königs gestimmt zu haben. – Alle diese Männer starben während der 20er Jahre.

Bei der Wanderung durch die Stadt lenken wir billig unsere Blicke zuerst auf die altehrwürdige Domkirche. – Wie alte Berichte sagen, rührt ihre ursprüngliche Anlage vom Bischof Rumoald (1052) her. Nach anderen jedoch wäre schon früher, im Jahre 950, zurzeit Konrads des Heiligen, der Grundstein gelegt worden, und Rumoald habe nur die Einweihung des fertigen Baues vollzogen. Die 16 massiven steinernen Säulen im Inneren der Kirche sollen, nach einer Sage, unter Konrad, dem Heiligen gesetzt worden sein. Diese Säulen nebst den übrigen Bausteinen kamen aus einem Steinbruche beim Schlosse Bodman.

Die ursprüngliche Form des Ganzen ist die des Kreuzes, wozu spätere Jahrhunderte, bauend und verändernd, das Ihrige hierzu getan haben. – In früheren Zeiten hatte der Bau zwei Türme. Im Jahr 1497, am 18. April, wurde ein dritter, der „Mittel neue Münsterthurm“ zu bauen angefangen. Das Fundament dazu war drei Mann tief, weshalb etliche Steine von den anderen Türmen abrissen und beinahe fünf Knechte erschlagen hätten. Bischof Hugo (von Hohenladenberg) legte den ersten Stein durch seinen Hofmeister Walther von Hallweil. Zu gleicher Zeit waren die großen Glocken gegossen worden.

Aber die Herrlichkeit dauerte nur kurze Zeit; eine Feuersbrunst ruinierte im Jahr 1511 alle drei Türme samt den Glocken. – Zwei Dachdecker hatten am Kirchendach etwas auszubessern, dem einen entfiel der glühende Löthkolben und entzündete einen unter dem Gebälk liegenden Haufen Hobelspäne. Der Dachstuhl geriet in Flammen, welche bald riesig hoch die Türme umloderten, so zwar, dass die bleigedeckten Helme derselben mit den Glocken schmolzen, und das flüssige Metall herab träufelte wie ein Regen. Drei Tage schwebte dadurch die Stadt in Feuersgefahr, die beiden unseligen Dachdecker aber hatten ihr Heil in der Flucht gesucht.

Nach diesem Ruin ließ das Domkapitel die Werkmeister der benachbarten Städte Freiburg im Breisgau, Straßburg, Zürich, Überlingen, Neuhausen und Salmansweiler nach Konstanz berufen, um von ihnen zu hören, was zu tun sei. Die Meister gaben den Rat, das vom Brande ganz ruinierte Mauerwerk der Türme bis auf weniges abzutragen und mit verzierten Kuppeln oder Helmen zu versehen, in derselben Gestalt, wie das Bauwerk noch bis auf unsere Zeit gekommen ist.

Papst Pius III hatte allen Denen, die einen Beitrag. Zum Bau leisten, würden, einen Ablass verheißen. Nach Braunegger soll ein Amann von Rorschach unentgeltlich die Steine geliefert, und Kaiser Maximilian auf Bitte des Bischofs, Metall zum Gruße neuer Glocken, so wie zur Deckung der Türme gegeben haben.

Nachdem der ganze aus grünlichen Sandstein ausgeführte Bau im Laufe mehrerer Jahrhunderte sehr in Zerfall geraten war, wurde im Jahre 1847 unter Großherzog Leopolds landesväterlicher Regierung, zu einem großartigen Ausbau und einer Reparatur aller schadhaften Teile geschritten. Nach einem Plane von Herr Baudirektor Heinrich Hübsch, (ausgeführt von Architekt Leonhard und Bildhauer Lucas Ahorn), sehen wir jetzt die mittlere Pyramide 50 Fuß hoch den alten Dom überragen und bis in weite Ferne den See und seine herrlichen Ufer beherrschen. Von den drei Statuen, welche über das Hauptportal zu stehen kommen, ist die mittlere, die heilige Jungfrau mit dem Kinde als Kirchenheilige, gefertigt vom Bildhauer Xaver Reich, bereits aufgestellt. Die beiden Nebenfiguren, der heilige Pelagius Stadtpatron und der heilige Konrad, des Sprengels Schirmherr, werden von dem Konstanzer Bildhauer Bauer ausgeführt.

Beim Anblick der Vorhalle und des Inneren der Kirche wird der Mangel alter Skulpturen auffällig, zumal wenn wir bedenken, dass die alten Baumeister in wohlverstandenen Kunstinteresse nicht wohl ein öffentliches Gebäude herstellten, ohne Mitwirkung der Maler und Bildhauer. – Um diese Erscheinung vorliegenden Falles zu erklären, erinnern wir an die Zeiten der reformatorischen Umwälzungen, wo auch in Konstanz alle Bildnisse als anstößig entfernt oder zertrümmert wurden. Unser Gewährsmann erzählt, dass deshalb (sowie überhaupt wegen der Vorfälle zur Reformationszeit) Bischof Balthasar Mercklin sich beschwerend an den Kaiser gewendet und dieser die Bürgerschaft in eine Strafe von 100.000 fl. verfällt habe, wovon jedoch, nach längerem Unterhandeln, nur 20.000 fl. erlegt werden durften.

Trotz diesen Zerstörungen ist noch viel Herrliches von alter Kunst im Dome übrig geblieben. Gleich beim Eintritt erregen die in Eichenholz geschnitzten Türen des Portals unsere Aufmerksamkeit. Sie enthalten in 20 Feldern Reliefs, welche Momente aus dem Leben Christi darstellen. Die Inschrift nennt Simon Baider als den Fertiger (1470).

Von ungleich mehr künstlerischem Werthe sind jedoch die mittelalterlichen Domherren Stühle im Chor des Mittelschiffs. Es war die Aufgabe des Künstlers, drei übereinanderstehende Reihen von hölzernen Sitzen (72 an der Zahl) würdig und sinnreich zu schmücken. Wir sehen deshalb (sehr ähnlich der meist bild- und phantasievollen Gotik unserer Zeit) eine Menge Bildwerke der trefflichsten Erfindung, mit den architektonischen Teil organisch verbunden. Alles, was in der Seele des Künstlers von Gemüt, Phantasie und originellem Humor lebte und webte, erscheint darin wieder gegeben: Die Urängste des Menschengeschlechts, die Verheißung und Erlösungsgeschichte, Legenden, Allegorien und Gestalten aus dem wirklichen Leben.

Von ganz köstlicher Erfindung sind unter anderem die Consolchen auf der Kehrseite der beweglichen Spitzbretter. Gewiss würde es lohnend sein, diese zierlichen Kunstwerke abzuformen und zu vervielfältigen. Bedauerlich ist hierbei allerdings der Anstrich von dicker Ölfarbe, welcher wahrscheinlich im vorigen Jahrhundert dem Ganzen gegeben wurde. – Der Name des Meisters findet sich nirgends verzeichnet. Allem nach aber fällt die treffliche Arbeit in das letzte Viertel des 15. oder in den Anfang des folgenden Jahrhunderts.

Nicht minder schätzbare Skulpturen sind die Bischofsgrabmäler in einigen Seitenkapellen. Sämtliche Monumente sind nach gewohnter Darstellungsweise des Mittelalters auf Särgen liegend, Porträtgestalten, im Kostüm bis ins einzelne ein charakterisches Bild ihrer Zeit, aber groß in der Auffassung und durchaus edlen Stils.

Eigenschaften, welche diesen Denkmälern fern von allem akademisch römernden Pomp und Konventionellidealen, nebst großem Kunstwerk, wahrhaft historischen Gehalt geben. – Wenn da und dort noch schulweise Bedenken entstehen möchten, ob dem Plastiker erlaubt sei, bei Porträtgestalten der Neuzeit das herrschende Kostüm anzuwenden, so lehren uns die vernünftigen Alten ganz einfach das Rechte. Eines der interessantesten dieser Monumente ist das Grabmal des Bischofs Otto dem dritten eines badischen Markgrafen von Hachberg und Röteln, in der mit alten Glasmalereien gezierten, (von Otto erbauten) Margarethenkapelle. Über dem Grabmal erblicken wir in einer Nische ein gleichzeitiges, leider aber stark beschädigtes Freskobild, Christus am Kreuz mit den knienden Gestalten des Bischofs und eines Ritters, wahrscheinlich eines Bruders des ersteren. Otto’s III kirchliches Regiment fällt in die Zeit der großen Kirchenversammlungen; er war einer der gelehrten Männer seiner Zeit und äußerst kunstliebend, nach Schulthaiß besaß er eine ansehnliche Bibliothek und wohl für 3000 fl. silberne Heiligenfiguren, welche letzterere, nach seiner Abtretung des Bisthums an Heinrich von Zollern, das Domkapitel erkaufte und zwei Tafeln daraus machen ließ. Nach seiner Abdankung zog er nach Schaffhausen in das Kloster, kehrte aber bald wieder nach Konstanz zurück, wo er 1437 starb.

Aus dem Chor der linken Seite führen Stufen abwärts in die Kapelle des heiligen Konrad. Neben dem Altar befindet sich ein Sarg ohne Inschrift und auf dessen Deckel, wie angenommen wird, das Bild des Bischofs. – Diesem nach wäre Konrad der Heilige schlanken Wuchs gewesen; das längliche Gesicht ist von einem schwachen Barte eingefaßt, ein Zug von Wohlwollen und Humanität schwebt um das wohlgebildete Antlitz.

Von dieser Kapelle kommt man in die unterirdische Krypta, ohne Zweifel der älteste Teil der Kirche. Aus ihr zurückkehrend, beschreiten wir den Kreuzgang an der nördlichen Seite des Doms, wo sich in einer eigene Kapelle das Grabmal des im Jahre 1398 verstorbenen Bischofs Burckard von Höwen befindet. Weiter gegen Osten führt eine Pforte in die Kapelle des Heiligen Grabes. Bischof Konrad der Heilige, soll sie erbaut haben. Das steinerne Grabgebäude in Mitte der düsteren Kapelle wurde ehedem in der Karwoche abends von vielen 100 Lampen festlich erleuchtet. Die Figuren im Innern des Grabhauses sind sehr alt und geben uns wahrheitsgetreu Trachten der Johanniter oder Spitalbrüder aus den Zeiten der ersten Kreuzzüge.

Verzichtend jedoch auf eine Beschreibung aller Sehenswürdigkeiten, wollen wir noch einige Arbeiten älterer Konstanzer Meister erwähnen. Eine detaillierte Beschreibung des Doms gibt das Schriftchen: „Führer durch die Münsterkirche in Konstanz bei Stadler 1853.“ Ebenso das fragmentarische Werk von Josua Eifelein, „Geschichte der Stadt Konstanz und ihrer nächsten Umgebung. Konstanz, bei W.Meck“.

Im Langhause rückwärts um das große Portal befindet sich ein großes allegorisches Ölgemälde, ein Denkmal für den Canonicus Georg Müller. Es ist das nicht unverdienliche Werk Christoph Storer’s, welcher in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Konstanz lebte. – Bei seinem Vater Lucas erlernte er die Anfangsgründe der Kunst, und bildete sich in der Werkstätte des damals berühmten Malers Herkules Proccacini in Mailand weiter aus. Als praktischer Meister malte er mehrere Bilder für die Kirchen zu Mailand und die Kartause in Pavia. Der junge Mann liebte eine schöne Mailänder, Angelica Phamphora, welche im Jahr 1652 seine Gattin wurde, nachdem die Jungfrau seinem Wunsche gemäß in Konstanz als Bürgerin aufgenommen war. Kurze Zeit nachher ehrte ihn die Vaterstadt durch die Ernennung zum Mitgliede des inneren Rates. Sein Ende fällt in das Jahr 1671. Auf dem Schottenkirchhof in Konstanz ist sein Grab –

Von einem anderen Konstanzer, Ludwig Herrmann, sehen wir auf der linken Seite in zwei Kapellen Altarbilder, jedoch von untergeordneten Wert; das eine die für Marter des Apostels Bartholomä, das andere die Weisen aus dem Morgenland, (gemalt 1750)*
* Ein Sohn Herrmann’s verzierte unter Anderem die Narrenstube, worin die Konstanzer Fasnachtsgesellschaft ihre Versammlungen hielt, mit Arabesken und Masken komischen Genres, welche Arbeit viel Beifall fand.

Einheimische Bildhauer, die für den Dom arbeiten, werden außer dem erwähnten Simon Baider nur die Gebrüder Schenk mit gewiss angeben. Das zwölf hohe Kruzifix im linken Seitenchor soll von ihnen sein. Die beiden lebten zurzeit des 30-jährigen Krieges. – Ungleich besser, als die genannte Arbeit, ist ein steinernes Grabmal: die sterbende Maria von den Aposteln umgeben, im linken Seitenchor. Von besonderer Zartheit erscheint die Hauptfigur. Dieses Werk soll nach Braunecker, der Bildhauer Waldmann dem Andenken seiner geliebten, früh verstorbenen Tochter Sabina zum Gedächtnis errichtet haben.

Auf der südlichen Seite des Domes mit demselben verbunden, stand ehedem die bischöfliche Pfalz, erbaut von Bischof Salomo III im Jahr 891. Bischof Otto III ließ das Bauwerk, „das vorher ein altes, liebloses Ding war“, erneuern und zum würdigen Empfang des Papstes und des Kaisers, kurz vor dem Konzil herrlich restaurieren und ausschmücken. Der kunstsinnige Herr gab den Wänden des großen Saales ein eichenholzenes Getäfel von künstlichem Schnitzwerk mit dem Wappen der damaligen Domherren; an den Säulen, welche die Decke trugen, sah man die Wappen des Papstes und des Kaisers, sowie das des Hochstifts und des hachbergischen Geschlechts; der obere Stock enthielt Wandgemälde von demselben Meister, der den herrlichen alten Saal im alten Kloster zu Stein am Rhein gemalt hat.

Bis zur Reformation war die Pfalz von 52 Bischöfen bewohnt. Hugo von Landenberg, ums Jahr 1527 Bischof, verlegte die Residenz nach Meersburg, wo nach ihm alle Bischöfe residierten.

Im 19. Jahrhundert befanden sich in der verlassenen Pfalz nur noch wenige bewohnbare Zimmer. Alle übrigen waren ohne Fenster und Verschluss; das Ganze gewährte den Anblick einer halb zerfallenen Ruine. Im Jahre 1830 wurde der Bau niedergerissen – und ein f. g. Museum an dessen Stelle gebaut.

Ein schönes wohlerhaltenes Baudenkmal des Mittelalters ist die Pfarrkirche St Stephan. Bischof Salomo III aus dem alten Grafengeschlechte von Ramschwag wird als ihr Erbauer genannt. Vor dem Jahr 900 befand sich diese Kirche noch außerhalb der Stadtmauern und kam erst bei der dritten Erweiterung, um 919 innerhalb derselben zu stehen. Der mehrerwähnte Bischof Otto III renovierte den alten Bau von Grund aus und zierte seine Fenster mit herrlichen Glasgemälden, von welchen noch Reste vorhanden sind. Zur Zeit der Reformation hatte die Kirche, wie alle übrigen das traurige Loos durch Beschluss des übelberatenden Stadtrates (1529) all ihres Schmuckes an Bildsäulen, Grabmäler und Gemälde beraubt zu werden. – Erst nach 100 oder mehr Jahren konnte sie durch milde Beiträge wieder verschönert und zur Pfarrkirche erhoben werden.

Der Hochaltar enthält ein Gemälde, die Weisen aus dem Morgenlande, von dem Konstanzer Meister Philipp Memberger. Das Leben dieses Künstler fiel in die Zeit der vorerwähnten Bilderstürmerei. Als der gute Mann so viel Herrliches der Kunst, welcher sein ganzes Leben geweiht war, in Staub sinken sah, ergriff ihn Unwille und Schmerz, und er lieferte in heftigen Reden gegen den Stadtrat und die fanatischen Predikanten. Da ließen ihn die Stadtverordneten ins Gefängnis werfen, aus dem er erst nach langer Zeit, als die Spanier im Jahr 1548 die Stadt besetzten, wiederum befreit wurde. Nach diesem Umschwung der Dinge malte der misshandelte Künstler das oben genannte Bild.

Von einem anderen einheimischen Künstler des 17. Jahrhunderts, dem bekannten Bildhauer Hans Morink, sehen wir in der Kirche einige Reliefs; ebenso Altarbilder von den Malern Christoph Storer und Ludwig Herrmann.

Eine dritte Pfarrkirche ist die Spitalkirche in dem ehemaligen Augustinerkloster, ihr Hauptschmuck ist ein schönes Altargemälde von der rühmlich bekannten Konstanzer Malerin Maria Ellenrieder.

Ein sehr interessanter Bau ist die alte Stadtkanzlei; sie scheint von einem Italiener erbaut zu sein; der Charakter ihrer Fassade und des äußerst malerischen Hofes erinnern an venezianische Bauwerke.

Bereitwillig werden dem Fremden die wertvollen Dokumente alter Zeit gezeigt, welche das städtische Archiv enthält: darunter die bildreiche Chronik von Ulrich von Richenthal (aus der Zeit des Konzils), die handschriftlichen Sammlungen von Schulthaiß (aus dem 16. Jahrhundert), Zündele, Mangold und Braunecker. Auch einige Glasgemälde von lokalem Interesse sind (durch die Vorlage der Herren Dr. Stanz und Stadtrechner Molitor) dem Verderben früherer geringschätzender Zeiten entronnen. Die Kunst der Glasmalerei war von alters her in Konstanz heimisch. Beinahe alle öffentlichen Gebäude prangten in diesem herrlichen Schmucke. Namentlich reich ausgestattet war die Schießstazt, in welcher alle Gänge und Stuben mit den Wappen von vielen 100 der ältesten Schützen geziert waren. Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts jedoch finden sich Namen der Künstler angegeben. Die Glieder der Familie Sprengler übten diese Kunst über zwei Jahrhunderte lang in Konstanz. Das Altertumskabinett des Herrn Nikolaus Vincent in dem großen Saale auf dem Münster Kreuzgang enthält viele Arbeiten von ihnen.

Das Beste aber, was dem Freunde des Schönen in Konstanz werden kann, ist ein Besuch der vorzüglichen Sammlung von Kunstwerken im Hause des verehrten Freiherrn v. Wessenberg. Sowohl bei den Ölgemälden als Kupferstichen gibt sich der fein gediegene Sinn und Geschmack des edlen Besitzers kund. Eine außerordentliche bändereiche Bibliothek schließt sich würdig diesen bildlichen Schätzen an, die mit Liberalität jedem Fremden gezeigt werden.

Unter den Gebäuden, welche noch unverändert aus dem Mittelalter in die Neuzeit hereinragen, zeichnet sich vor allem das Haus zur Katze aus, der ehemalige Versammlungsort der adligen Geschlechter. Der wahrhaft ritterliche Bau enthält einen geräumigen, wohlerhaltenen Saal.

Ein anderes öffentliches Gebäude aus dem 15. Jahrhundert dagegen mußte sich eine Umwandlung ins fahle Moderne gefallen lassen: das Rathaus am Fischmarkt, im Besitze eines Privatmanns. Die schöne alte Portalverzierung ist ihm geblieben; sie ist eine Arbeit des Konstanzer Meisters Ulrich Preysenberg, „welcher den Schildstein anher verehrte“. Wir sehen in ihm die Wappen des Reichs und der Stadt, gehalten von dem Papste und dem Kaiser, mit der Jahreszahl 1479.

Besonderes Interesse hatte im Laufe der Zeit das Kaufhaus erlangt, in dem so genannte Konziliumssaal, (erbaut 1388) obwohl hier nie eine Sitzung des Konzils, wohl aber die Wahl des Papstes Martin V. stattgefunden. Das kolossale Haus mit seinem hölzernen Überbau und mächtigem Dache ist sozusagen das Wahrzeichen der Stadt, – ein Denkmal der großen Kirchenversammlung geworden. Kein Fremder wird Konstanz verlassen, ohne dem Bau und seinem Sehenswürdigkeiten ein paar Augenblicke geopfert zu haben.

Aus der Zeit des Konzils zeigt uns der alte Custos den Thronsessel Kaiser Sigismunds, den Altar auf dem der Papst eine heilige Messe gelesen, ein Stück von Hußens Kerker, den Angeklagten und seine Widersacher selbst, naturwahr fast bis zum Erschrecken; sodann einen städtischen, altväterlichen Galgenwagen, Schilde aus den Kreuzzügen, etwelche heidnische Götzenbilder und diverse Ölgemälde. Wahrlich, wir werden in diesem Umgebungen unwillkürlich in die Vorzeit zurückversetzt, zumal wenn, wie bei meiner Anwesenheit, der Sturm um den riesenhaften Dachstuhl saust und unheimlich mit den Windfahnen musiziert und ächzt, als lebten sie wieder auf die streitenden Geister der alten Tage.

Ich wandelte eine Weile im Gespräch mit dem Custos zwischen den massiven Eichenholzsäulen des weiten Saales auf und ab. Der Mann verbreitert sich gerne über die Zustände der früheren Zeit, deren Zeuge er noch gewesen. – „Gab es“ fragte ich, als der polternde Sturm einige Augenblicke schwieg, „gab es zu jener Zeit auch viele Geister und Gespenster in der Stadt?“ – „Ja wohl!“ erwiderte der launige Altvater, „zumal in guten Weinjahren. – Bei der Stadtmauer, vom Paradieserthor bis zum Pulverturm und Rheintor, beim Kaufhaus u.s.w. sah man bei Nacht Geister, feurige Geissböcke und Gespenster, die einem auf dem Weg standen, so dass man sich kaum getraute, bei Nacht auszugehen. – Nicht viel besser war es hinter dem Franziskanerkloster und bei den Dominikanern, wo einer, der keine Ortskenntnis hatte, nicht leicht ohne Büffe oder sonstige derbe Lektion davon kam. Dann gab es auch noch, das ich’s nicht vergesse, das wohlbekannte Stadtthier, – ein Gespenst, von dem alte Leute noch viel zu erzählen wissen.“ Hierauf kam er auf seine Jugend zu sprechen: wie damals so viel Geselligkeit und Harmonie unter den Bürgern geherrscht habe. Der Hauptspaziergang der alten Konstanzer sei gewesen zum „Schäpfle“ drüben in der Schweiz (wir hatten zufällig die Aussicht durch die hohen Fensteröffnungen dahin); weil der Schoppen groß und der Wein gut gewesen, so sei auch er vom 18. bis gegen sein siebzigstes Jahr regelmäßig dahin gewandelt, und so mäßig er stets im Trinken gewesen, so habe ihm neulich noch Einer ausgerechnet, dass er im Ganzen in selbigen Schäpfle vertilgt habe – „wie viel meinen Sie? – 16 Fuder, 20 Eimer und ungerade Schoppen“ referierte er mit großer Befriedigung.

Unter solchen Gesprächen war sein Stündlein gekommen, wo er gewöhnlich den „Conciliumssaal“ zu verlassen und sich in seine Wohnung zurückzuziehen pflegte. Mir aber gab der Rest des Tages noch Muße genug, am Hafen umher zu schlendern und einen Gang zu machen, um die alten Wälle, Stadtmauern und Tortürme, welche erhaltenswerte malerische Denkmäler der Ortsgeschichte sind.

Der See wälzte stürmisch seine weißgekrönten Wellen gegen den steinernen Damm und die Ufer und ließ erhöhtem Maaße die Wohlfahrt des schimmernden Hafens fühlen. Und wenn wir aus der Gegenwart in vergangene Zeiten zurückschauen, gewahren wir auch hier die mannigfachen Segnungen einer friedlichen Zeit. Denn wo ehedem nur eine einfache Reihe von Pfählen notdürftig den Landungsplatz schützte, sehen wir jetzt den stattlichen Hafenbau, zu welchem unter Großherzog Leopold’s väterlicher Regierung, im Jahre 1836, der Grund gelegt wurde. Mit vielen Freiheiten begabt, hob sich der Platz halb zu großer Bedeutung für das Verkehrsleben der herrlich gelegenen Stadt, welche den natürlichen Mittelpunkt der jetzigen Dampfschifffahrt bildet. Konstanz, der Sitz der großherzoglichen Kreisregierung, eines Hofgerichts, eines Lyzeums, und seit neuester Zeit einer Garnison, zählt, letzterer nicht gerechnet, beiläufig 6500 Einwohner, von denen etwa 350 protestantisch, die übrigen katholischer Konfession sind. Die Stadt besitzt mit ihren drei Vorstädten Kreuzlingen, Paradies und Petershausen einen Umfang von 4000 geometrischen Ruthen. Sie ist bei ziemlich mannigfachen Annehmlichkeiten des geselligen Lebens, umgeben von einer paradiesischen Landschaft und vereinigt alles, was dem Fremden einen längeren Aufenthalt erfreulich machen kann.

Und sollte in je eine Sehnsucht anwandeln nach dem fernen blauen Seegestaden mit den riesigen Massen der Alpen im Hintergrunde, so gibt die tägliche Einkehr bequemer Dampfboote Gelegenheit, dem Zuge des Herzens zu folgen. Aber auch die Nähe bietet unzählige erquickende Luft- und Erholungsorte: die Wirtschaften zum Gütle, Fürstenberg, Käntle, die Insel Mainau und Reichenau, sowie die im obst- und weinreichen Garten des Thurgau’s liegende Orte Kreuzlingen, Emmishofen, Gottlieben, x. die genussreichen Ausflüge und Ruheplätze gewähren.

Liebt aber der Erholungssuchende fern von heiterer Lust Gewühl, mit sich und seinen Träumen allein zu sein, so vertraue er der leicht beweglichen Gondel sich an, dass sie ihn hinaus trage, in das weite, herrliche Element, in der Kühle des duftigen Morgens, zur sommerlich hellen Mittagsstunde, oder am Abend, wenn das Flammenauge des Tages hinabgezogen ist hinter die fernen glutumfangenen Bergschlösser des Hegaus, und eine milde, sternendurchlebte Nacht ihren Zauber ausbreitet über dem tiefen, geheimnisvoll ruhenden Gewässer.

Wir scheiden von Konstanz mit reich gelabter Seele, aber auch mit einem schmerzlichen Blicke voll jener Erinnerungen, welche das Bild einer ehemaligen alten Reichsstadt immer in uns hervorruft. Es erinnert an so manche schöne Blüte, die durch Ungunst der Veränderungen im großen politischen Lebens um ihre Entwicklung gekommen. – Nichts kann uns über diesen Verlust besser trösten, als die Wohlthat guter Fürsten, welche mit edler Liebe zu Land und Volk überall das Gute und Schöne großherzig zu fördern bestrebt sind, und uns so, im Strome der allgewaltigen Zeit, noch die Früchte eines befriedigenden Daseins gewinnen lassen.

Fortsetzung hier:

Insel Mainau – Mersburg

Ausflug an den Bodensee 1931 von Ernst Kramer.

Stadtteile von Konstanz (Quelle: Wikiwand)


Kundschaft des Zimmeramts Hannover handschriftlich datiert vom 15. September 1829 von den beiden Amtsvorstehern, dem Zimmermeister Heinrich Striehl und dem Ratszimmermeister Johann Ludwig Holekamp. Der wohl als Kupferstich geschaffene, nicht mit einer Künstlersignatur signierte Vordruck enthält folgenden Text: Hannover Wir Geschworne, Vor- und andere Meister.
Unterzeichner als Vorsteher des Zimmeramts Hannover: Zimmermeister Heinrich Striehl und Ratszimmermeister Johann Ludwig Holekamp – Freunde des Historischen Museums e.V. (Historisches Museum Hannover): https://ein-stueck-hannover.de/schatzkammer/objekt/handwerkskundschaft-zimmerer/ (Wikipedia)

Nikolaus Hug* (geboren 14. Juni 1771 in Konstanz; gestorben 2. Dezember 1852 ebenda) war ein badischer Maler, Kupferstecher und Radierer. https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_Hug.

Ein Felleisen ist ein lederner Rucksack, der früher von Handwerksgesellen auf Wanderschaft getragen wurde.

Narciß – Narziss (griechisch Νάρκισσος Nárkissos, lateinisch Narcissus) ist in der griechischen Mythologie ein schöner Jüngling, der die Liebe anderer zurückwies und sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte.

Bereits am 30. Juni 1785, noch vor Schließung des Klosters, überließ Kaiser Joseph II. die Insel dem Genfer Fabrikanten und Bankier Jacques Louis (Jakob Ludwig) Macaire de L’Or (1740–1824), mit den Gebäuden, gegen Zahlung einer geringen jährlichen Pacht von 25 Gulden, zur Einrichtung einer Indienne-Fabrik mit Indigo-Färberei.

Prozess und Hinrichtung Ludwig XVI.

Am 14. Januar 1793 begannen die Beratungen über das Urteil. Die erste Frage, ob Ludwig sich „der Verschwörung gegen die öffentliche Freiheit und der Anschläge gegen die nationale Sicherheit“ («la conspiration contre la liberté publique et la sûreté générale de l’État») schuldig gemacht habe, beantwortete der Konvent in namentlicher Abstimmung einmütig mit Ja, nur elf Abgeordnete weigerten sich, mit abzustimmen. .. Die dritte Abstimmung über die Strafe zog sich vom 16. Januar vormittags bis zum 17. Januar 1793 am späten Abend hin, denn fast jeder Abgeordnete begründete sein Votum. Im Ergebnis stimmte eine knappe Mehrheit von 366 Abgeordneten für die Todesstrafe, mehrere Abgeordnete waren dem Votum des Girondisten Jean-Baptiste Mailhe gefolgt, der zwar für die Todesstrafe, aber für eine Aussetzung der Vollstreckung gestimmt hatte. Die Abstimmung wurde wiederholt, was eine Mehrheit von 387 : 334 ergab, doch zog man die 26 Stimmen von Mailhe und den Befürwortern seines Vorschlags ab. Somit ergab sich die knappestmögliche Mehrheit von 361 von 721 Abgeordneten für die Todesstrafe. Vom 19. bis zum 20. Januar wurde dann darüber abgestimmt, ob man das Urteil vollstrecken oder aussetzen solle. Bertrand Barère argumentierte, eine Aussetzung würde die inneren Auseinandersetzungen in Frankreich verlängern und somit nur den Invasionstruppen nutzen. Die Aussetzung wurde mit 380 : 310 Stimmen abgelehnt.

Am Vormittag des 21. Januar 1793 trat Ludwig zum Schafott auf der place de la Révolution, vormals place Louis XV. Die Guillotine war sinnfälligerweise direkt neben den Sockel des Reiterdenkmals Ludwigs XV. platziert worden, das beim Tuileriensturm im August 1792 entfernt worden war. 20.000 Menschen sahen zu, wie Ludwig sich kurz gegen den Henker Charles Henri Sanson wehrte, der ihm Handfesseln und Augenbinde anlegen wollte, und zu einer Ansprache ansetzte: «Peuple, je suis innocent! Je pardonne …». Der Kommandant der Garde nationale Antoine Joseph Santerre befahl seinen Trommlern zu spielen, um dessen weiteren Worte zu übertönen. Ludwig wurde unter die Guillotine gelegt und enthauptet, seinen Kopf zeigte der Henker der Menge, die in den Hochruf «Vive la nation!» ausbrach. (Wikipedia).

Über den „Erddputierten?“ Prival, der gerufen haben soll „Es ist zu nieder!“ findet sich heute gar nichts mehr. Auch die öffentliche Urkunde von Monnel (aus dem Departement Marne) worin er seine Reue bezeugte, zum Tode des unglücklichen Königs gestimmt zu haben, ist nicht auffindbar. Auch über Dubois Bellegarde, der Deputierter für Charente, und La Brunerie findet sich nichts.

Standbild des Konstanzer Bischofs Konrad von Xaver Reich.

Marienfigur von Xaver Reich in der Mitte über dem Hauptportal des Konstanzer Münster

Standbild des Konstanzer Bischofs GebhardII. von Xaver Reich.

„Von den drei Statuen, welche über das Hauptportal zu stehen kommen, ist die mittlere, die heilige Jungfrau mit dem Kinde als Kirchenheilige, gefertigt vom Bildhauer Xaver Reich, bereits aufgestellt. Die beiden Nebenfiguren, der heilige Pelagius Stadtpatron und der heilige Konrad, des Sprengels Schirmherr, werden von dem Konstanzer Bildhauer Bauer ausgeführt.“

Xaver Reich ist der Bruder von Lucian Reich.

Links Selbstbildnis der Marie Ellenrieders im Alter von 28 Jahren, 1819.

Rechts Informationstafel in Konstanz, Fischmarkt 2. am Wohnhaus von Marie Ellenrieder.

Wikipedia

Ignaz Heinrich Karl, Freiherr von Wessenberg (* 4. November 1774 in Dresden; † 9. August 1860 in Konstanz) war ein aufgeklärter römisch-katholischer Theologe aus schwäbischem Adel. https://de.wikipedia.org/wiki/Ignaz_Heinrich_von_Wessenberg

Die Gesellschaft Zur Katz war eine Vereinigung einflussreicher Familien in Konstanz, die bald nach 1342 gegründet wurde; das genaue Gründungsdatum ist nicht bekannt, jedoch 1351 wurden die Mitglieder in den Steuerlisten der Stadt aufgeführt. Sie diente vordergründig der Geselligkeit, hatte jedoch in erster Linie politische und wirtschaftliche Funktionen und ähnelte darin den politischen Zünften des ausgehenden Mittelalters. Zunächst bestand sie als reine „Geschlechtergesellschaft“, als Vereinigung der Familien, die im Groß- und Fernhandel mit Leinwand zu Reichtum und Ansehen gelangt und bereits in den Stadtadel aufgestiegen waren. Die bürgerlichen Leinwandhändler gehörten hingegen der Krämerzunft an und waren Mitglieder der Gesellschaft Zum Rosgarten.
https://de.wikipedia.org/wiki/Zur_Katz_(Konstanz)

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Wo mer no mit Gummistiefel Schi gfahre isch

Jo so wars „ Buebejohr z` Eschinge i de 50- er / 60- er Johr.

von Hubert Mauz am 27. Dezember 2021

Mi Familie kaa mit villne Oageheite aagähe. E Schifamilie isch sie aber konni gsi. Des hät zwei Hauptgründ. Eimol häts konni gschiede Bickel um Eschinge rum und s‘ Andermol hät de Vatter nit emol Fahrradfahre, erscht reacht nicht Skifahre kinne. Und es hät fascht konn Schnee im Winter im Laßberg, am Buechberg und z Uufe. Trotzdem waret mir us de Ziiting, de Nochberschaft zum Wälderwaald aber au vu dene Heldegschechte vum Skiclub Feldberg, vum Akademische Skiclub Friiborg und dene legendäre Schwarzwälder Skizünft doch eweng aagfresse. Mi oageni Skigschecht fangt mit eme gruusige Erlebnis aa. Hit dät mer sage mit eme Trauma. Unterm Gräch über de Garage hani vum Grossi e Paar Ski gfunde. Wiis aagmolt, mit eme olivgräne Mittelstriech. D´ Bindung hät vorne e Querrähmli ghet und hinne au e Lederrähmli mit eme Spanner, mit ere Schnalle. E paar Haselnussstäcke mit vermauchete Lederschlaufe und eme suppetellergrosse Schneereife us Mehrröhrli und Ledergflecht und eme Iise- Spitzli sind au dobe gstande. Uusnahmswies häts wieder mol ziemli Schnee kaa. Als kleine Hoseforzer mit so 120 cm Grössi und Schugrössi 35 isch om des Schneeboard i de Laßbergstroos wie e alpine Schneewäechte us dene heroische Trenkerfilm vorkumme. Also hanni die Latte und die Stäcke vu de Garagebihni abigholt. S’einzig Schuhewerch im Huus wo uf die Bindung passt hät, des waret d` Gummistifel vu de Motter, so greessi 39. Uf dere Bindung isch „ Kandahar“ gschtande. Also hond die Wehrmachtgebirgsjäger au mit dere Bindung und dene wiise Latte mit dem gräne Mittelstrich Skifahre miesse. Im Hindukusch sind nämlich i de Naziziit so Berg- und Schihelde Epe gschriebe und propagandamässig, heroisch verzapft wore.

Zerscht also die Gummistiefel a die Bindung gschnallt und no mit 2 paar Socke i die Stiefel inni. Später hät mer des grad andersch rum gmacht. D`Haselnusstäcke mit de Lederschlaufe hond wiit über mech drübert ussi guckt. Die 2,10 m lange Schi hond usgsänne a dem kleine Maali wie Dielebretter a me lottrige Baugrischt vum Finke-Hermann.

So bin i denno mit minere gressere Schweschter Dorle, diesell hät e Schlitteli debei khaa, de Laßberg hinderi und in Hindeborg iiboge. Mir hond a dielegendär Eschinger Kandahar-Abfahrt welle, a diesell Thedys- Wies. Womer uf de Höh vum erschte grosse Kaserne Garnisonsblock gsi sind, hät oe Franzesli zum Fenschter usiguckt. Konni 10 Sekunde später sind 10 a de Fenschter ghanget und noch 20 Sekunde waret alli Fenschter belegt mit korzgschorene Frantösli Köpf und alli hond luut glachet, Schräe abglau, gfeixt und gjohlet wie Aabrennti. 30 Sekunde später war alli Fenschter und die ganz Huusfront vu dem Riesehuus voll vu dutzende vu dene Franzake. Jetzt hät en Schpetakel, e Gjohl, e Feixe, e Gläächter aagfange. Zerscht hommer gmond die hetet e sau Kummedi und en Feetz mit ebbis anderem. Wo sie aber nu no uf mech, des herzig „ Petit Enfant „mit denne trollige riese- Latte, denne Gummistifel- Skischuhe, denne Bohnestäkelange-Schistäcke und dem Zipfelkäppli und mit dene z’grosse Fuschthändsche dietet hond, denno hanni gmerkt, dass der Hohn und der Spott mir ganz aloanig gilt. De erscht Applaus als Skiheld hani mir werklich ganz andersch vorgschtellt. Do sind Welte ufenand prallt. Savoir- vivre und Ost- Schwarzwälder Schihochkultur. Ech glaub ech ha au baald mol aagfange z’bläre und mich denno gschämt wie en Roßbolle. So hanni mer die erscht gloreich Skiexpedition nit vorgschtellt khaa. Mi Skiheroevorstellung isch zämet kheit wie e Kartehuus. Zerstäubt wie in ere Pulverschneelawin.

S’geduldig Dorle war au gherig vergelschteret und hät mi güetig a de Hand gnomme und so schnell wie mi die riese Wehrmachtslatte drait hond zruck in Schutz vum Laßbergsträssli gfiehrt. Und dert häts sie mir die Tränebächli abgwischt und trocknet. Erscht dert waremer vor dere erschte herbe Skiniederlag secher. So mond sich die
Skispringer um de Dieter Thoma Aafang 2000 gfühlt haa wo sie mol als Suppehiener i de Presse verhöhnt wore sind. Jetzt im hoemdappe hanni schwer bereut dass ech nit de gross Brueder, de Heinz, debei khet han. Desell war i de ganze Stadt als min scharfe, bissige Wachund bekannt. Der het bigott die Wackis aagjoolt und denne ganze Franzesli de Ranze verschlage, dass dene die Versecklerei und Uuslacherei vergange wär. Mon dieu.

Obwohl d’Motter nint vu dem Skidebakel mit dene Wehrmachtski mitkriegt hät, s’Dorle war die verschwiegescht Schweschter, hanni so lang dribuliert bis ich anere Wihnächte Ski vum Schi-Wanger, vum Gaisser Karle i de Milligass, mit Stahlkante,eme rote Sohlelack und eme glänzend rote Oberdekor kriegt han. D’Bindung war au e „ Kandahar „aber scho mit eme Vorderstrammer. Und d’Skischuhe waret vus Volze us de Eile. De Skigott hät e IIsähne mit mer kaa, aber zu mim große Verduß nu ganz korz. Am erschte Wihnächtsdag häts den so heissersehnte Schnee kaa. Also nint wie ab mit denne niegelnagelneie Schi as Uufemer Kriitz. Dert waret die paar Skiverruckte und die guete, zümpftige Skifahrer us de Stadt und vu Uufe versammlet. A de Thedyswies waret nu die oafältige Schlittefahrer und die dappige Skiaafänger, die nit emol en Stemmboge zämetbroocht hond. Nuu pfluuge hond die kinne. Die Reachte, die Oarchene, sind a de Riviera unterm Buechberg, am Uufemer Bahhöfli vorbei, dorchs Ort as Eschinger Skimekka, as „Uufemer Kriitz“ gange. Dert hät mer ebbis sehne und lehre kinne. Über drei gherigi Haselnusshecke-Absätz häsch e Schuss-Abfahr vu sage und schreibe guet 100 m und so 25 Höhemeter mache kinne. Die längscht und die schwerscht Abfahrt z’Eschinge.

Die grosse hond au e Schanz baut mit eme Spicker vorne am Tisch, dass es di reacht i d’Luft gjagt hät, und abi kumme bisch wie en Stoa uff des zemetbräglet, veriiset Schneeli. Beschtimmt 10 bis 20 mol isches guet gange. Aber denno: D’Katastroph : De reacht Ski hinter de Spitz abbroche. Nocheme wiite Gumpp hanni mit em Spitz iibohret, wie mer i de Fachsproch sait. Aus der Traum vum Skispringe wie de Sepp Bolkart us Oberstdorf. Mit om Ski hoam fahre häsch nit kinne. Also Ski uf de Buckel und den Hohn und Spott vu de Spaziergänger a de Riviera heldemüetig aber au stolz ertrage. „Biebli häsch d’Schi broche, hä do wort aber d’Motter e Freid haa und gosche“ so giffizigi Sprech vu dene Oafalte häsch demüetig trage miesse. Zum Glick waret konni nähere Bekannte debei, die dech verschwätze hond kinne. Dehoam denno, hählinge die Ski in hinterschte Winkel vu de Garage verschoppet. Und a dem gute Wihnächst-Obetesse häsch des grenzelos Schiglück am Uufemr Kriiz verzelle messe mit dene neie Ski, die „rennet wie de Deifel und d’Stahlkante biisset wie e Zange“. Des moss ech ziemlich überziegend und strahlend ghiechlet haa. Natierlich wars saubleed dass am 2. Wihnächtsfiirtig de Gaisser Karle si Wanger – Werkstatt nit ufghet hät. No nie hanni e saumässigs Tauwetter so innbrünstig herbeigsehnt, nu dass d’Eltere nint merket. Uf die Frog am zweite Wihnächsttag : „Wit hit nit gi Schii Fahre?“ hanni über e granate Widergente, en Muskelkater räsoniert und wehliedig dräesset. Am andere Morge bin i mit dem brochene Ski und dem Spitz hählinge zum Karle i d’Werkstatt gschleche: „Lek mi am Arsch, des häsch aber kinne, fascht nint wie Spriesseli. Ob i des nomol änni krieg, des kaa der no nit verspreche“. Mi Seelenot hät de Skiverruckt Karle aber genau gspiert. Wonni ihm no kleiluut verklikkeret han, dass d’Motter natierli nint merke dierft und ech de erscht Bestechungsversuech i mim Lebe mit mim korz vorher verdähnete Minschtrantegeld gmacht han, hät er willig und verständnisvoll gsait, dass er sofort draa gähng und natierli schwiege dät wie e Grab. Aber Silveschter däts scho were, aloanig scho wegem Liim der trechne miesst und au wegem Lack. No nie hanni en sauwarme Föhn oder en Rege, der den ganze Schnee rubis und stubbis putz, herbetet und ersehnt.

Aber die Skigötter sind halt nit katholisch, des sind nordische, heidnischi, hinterhältige Wikingerheiligi, die uf mich überhaupt koa weng gloset hond. S‘ war abzumsenne dass die Uusred mit dem Muskelkater nimme lang verhebt. Jede Morge bin i beim Karle i de Werkstatt gstande und ha treuherzig wie en gschlagene Hund im Karle i d Auge guckt. „Biebli, schneller gohts oafch nit, solli mol mit de Motter schwätze?“ Am dritte Dag hät si de Broote mit em utrügliche, mütterliche Instinkt gschmeckt; „Gel du häsch die neie Ski verkaibet? Sunsch wärsch nit die ganz Ziit nu zum Schlittefahre uf Thedyswies?“ Jetzt wars dusse und liege hät konn Zopf kaa. Uff die Güeti vu de Motter hanni setzte kinne, erscht reacht wenn i nit lieg: „ Jo, bim greeschte Satz vum Dag, mit de Beschtwiiti, hani iigschpitz und en Spitz am Ski broche“ hann i kleilut zuegähe und halt doch au eweng gflunkeret. „ Morge kann ech se bim Gaisser Karle wieder hole und zahle duen is vum Minschtrantegeld“. Ech glaub nu so knapp über 10 DM hät mer de Karle gnädig und ganz im Sinn vu de Jugend- Skiförderung verlangt. S‘ wär nit mii güetigi und verständigi Motter gsi, wenn sie nit doch au no 5 Mark dezueglait het. De Karle hanni no vu sim Biichtgeheimnis, vum Verschwiegeheitsgebot entbinde kinne. Noch de Neujohrsmess trifft de Karle d Motter: „ Guete Nobet Frau Mauz, eiern Kleine war zwische de Johr jede Dag i de Werkstatt, entweder der word mol Skiwanger oder doch de erscht Skispringer vu Eschinge „ Us Beidem isch, wie mer jetzt woess, nint woore.

Womer no als Studente i de 70-er Johr vu Konstanz manchmol an Säntis gi Schi Fahre gange sind, hät de hartnäckig Skiverweigerer, de Metzger- Josef us Ippinge, bim Abfahre zuegucket, wie mer grad die neimodische Metall- Ski, die neischte Plaschtik- Schnalleschischuhe vum Henke us Tuttlinge und Alu- Stäcke uf de VW- Käfer-Heckträger gschnallt hond. De aaltmodisch Ippinger Ostbaaremer Josef hät dappig und oafältig mit eme uugläubige, verwunderte Kopfschittle gfroget :

„Jo saget bloss, fahrt mer hit zu Tag nimme mit Gummi- Stiefel?“

Jo so wars.

Insel Mainau – Insel Mainau Teil 3.

Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.

Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren.

Man möge mir verzeihen: Ist mir das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd, so ist das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind einige Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen.

Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz.
In blau einige Fotos und Erklärungen.

Hier der 3. Teil vom Kapitel Mainau

Die folgenreichen Weltereignisse zu Anfang unseres Jahrhunderts nötigten auch den Deutschorden, mit vielen anderen abzutreten vom viel gestalteten Nationaltheater. Der Preßburger Frieden brachte ihn um seine Selbstständigkeit. Die Mainau samt dem zugewendeten Ordensgebiet kam an das Haus Baden.

Der letzte Contour zu Mainau war Konrad Joseph Siegmund Reich von Reichenstein-Brombach. Er starb im 72. Altersjahr, am 30. August 1817 und liegt nicht wie seine Vorgänger in der Mainauer Gruftkapelle begraben, sondern gemäß seines letzten Willens auf dem Kirchhofe zu Almansdorf. Ein einfacher Stein, außen an der Kirchmauer bezeichnet sein Grab.

In einem Zeitraum von 500 und 33 Jahren (1272 bis 1805) residierten auf der Insel 66 Komture, in nachfolgender Ordnung.

I. Frater Rudolf v. Schafhus, Komt. und Landkomt. v. J. 1264 – 1272 (zu Mainau).
II. Frater Ulrich v. D. Jestetten, Komt. v. J. 3. 1291 bis 1295.
III. Frater Joh. v. Klingenberg, Komt. – 1301.
IV. Frater Eberhard v. Steckborn, Komt. – 1307.
V. Frater Wolfram v. Nellenburg, Komt. – 1316.
VI. Arnold v. Langenstein, Komt. – 1319.
VII. Heinrich v. Dettingen, Komt. – 1327.
VIII. Ulrich v. Königsegg, Komt. – 1350.
IX. Rubolf v. Homburg, Komt. – 1357.
X. Gottfried v. Homburg, Hauskomt. – 1357.
XI. Eberhard v. Königsegg, Komt. – 1365.
XII. Joh. v. Rothenstein, Komt. – 1373
XIII. Wilh. v Seckendorf, Hauskomt,- 1387.
XIV. Rudolf v. Randegg, Komt. – 1394.
XV. Heirich v. Schletten, Land- und Komt. – 1401.
XVI. Stephan Strowin, Hauskomt. – 1402.
XVII. Jakob v. Blumberg, Hausfomt. – 1424.
XVIII. Kaspar v. Möckingen, Hausfomt. – 1428.
XIX. Marquard v. Königsegg, Landkomt. und Komt.- 1429.
XX. Rudolph v. Rechberg, Conventualis – 1432.
XXI. Otto D. Hörnlingen, Hauskomt. – 1433.
XXII Joh. v. Mülhausen, Haustomt. – 1436.
XXIII. Wilh. v. Helfingen, Komt. -1450.
XXIV. Hans v. Ischall, Hausfomt. – 1450.
XXV. Herm. v. Luternau, Haustomt. – 1452.
XXVI. Burkard v. Schellenberg, Land= und Hausfomt. – 1453.
XXVII. Georg v. Neuhaufen, Komt. – 1471.
XXVI. Georg v. Homberg, Hauskomt. – 1482.
XXIX. Wolfgang v. Klingenberg, Land – und Hauskomt. – 1484.
XXX. Bernard v. Helmsborf, Hauskomt, – 1494.
XXXI. Sebaftian v. Stetten, Komt. – 1518.
XXXII. Hans Heinr. Vogt v. Summerau, Komt. – 1537.
XXXIII. Sigmund v. Hornftein, Komt. – 1545.
XXXIV. Franz v. Fridingen, Komt. – 1553.
XXXV. Ludwig Walter v. Pleideck, Hofmeister – 1558.
XXXVI. Wolfgang v. Hohenegg, Komt. – 1562.
XXXVII. Sigmund v. Reinach, Hofm. – 1567.
XXXVIII. Joh. Jak. Rauch v. Minada, Hofm. – 1577.
XXXIX. Werner Schenck v. Staufenberg, Komt. – 1579.
XL. Joachim v. Bubenhofen, Hofm. – 1584.
XLI. Georg v. Hemmingen, Komt. – 1589.
XLII. Christoph Thumb v. Neuburg, Komth. – 1592.
XLIII. Jakob Gremblich v. Jungingen, Komt. – 1615.
XLIV. Hans Christoph v. Ramstein, Hofm. – 1619.
XLV. Kappar v. Stadion, Land = und Komt. – 1626.
XLVI. Philipp AIbrecht v. Berndorf, Komt. zu Mülhaufen und Statthalter zu Mainau – 1628.
XLVII. Joh. Werner Hundbiß v. Walbrams, Komt. – 1647.
XLVIII. Philipp Albrecht v. Berndorf, Land = und Komt. – 1660.
XLIX. Georg Christoph Rinck v. Baldenstein, Hauskomt., nachher Komt. – 1673-1688.
L. Joh. Hartmann v. Roggenbach, Land = und Komt. – 1674.
LI. Melchior Heinr. v. Grandmont, Komt. – 1689.
LII. Joh. Adam Speth, Freih. v. Silzburg, Hauskomt. – 1710.
LIll. Joh. Karl Freih. v. Schönau, Statthalter zu Mainau – 1712.
LIV. Georg Balthasar, Freih. v. Weitersheim, Komt. – 1717-1720.
LIV. Joh. Karl, Freih. v. Schönau, Statth. – 1720.
LVI. Franz Anton, Freih. v. Reinach, Komt. – 1721-1731.
LVII. Reinhard, Freih. v. Schönau, Komt. – 1736.
IVIII. Servat Ignaz, Freih. v. Roll zu Bernau, Komt. – 1737.
LIX. Friderich, Freih. v. Baden, Komt. – 1745 bis 1751.
LX. Jak. Joseph Ignaz, Freih. v. und zu Hagenbach – 1756.
LXI. Beat. Konr. Philipp Friedrich, Freih. Reuttner v. Reil, Landkomt. – 1785.
LXII. Franz. Nik. Fridolin, Freih. v. Schönau – 1792.
LXIII. Freih. v. Ramschwag – 1792.
IXIV. Franz Peter, Freih. v. Lerchenfeld – 1795.
LXV. Franz Fidel, Erbtruchseß, Reichsgraf v. Waldburg zu Zeil =Wurzach – 1802.
LXVI. Konrad Jos. Sigmund Reich v. Reichenstein-Brombach, Komt. – 1805.

Im Jahre 1827 kam die Insel durch Kauf an den Fürsten Esterhazy und nach dessen Ableben 1830 in den Besitz seines Sohnes Freiherr Nicolaus von Mainau; und als dieser 1839 das Zeitliche segnet, wurde laut Vertrag vom 18. August desselben Jahres die Frau Gräfin Katharina von Langenstein Besitzerin, welche (8. Juni 1850) das schöne Gut samt aller Zubehöre ihrer Tochter, der Frau Gräfin Louise von Douglas, käuflich überließ. – Nach diesem schnellen Wechsel des Besitzes fiel dem reizenden Eiland das Loos auf das Lieblichste: es wurde, nach Übereinkommen vom 12. Oktober 1853, Eigenthum Seiner königlichen Hoheit, des durchlauchtigsten Prinzen und Regenten Friderich von Baden.

Der Flächeninhalt des Insellandes beträgt 110 badische Morgen, wovon gegenwärtig etwa 80 Morgen an geblümt sind. Das Ganze bildet eine eigene Gemarkung zur Gemeinde Almansdorf, Bezirksamt Konstanz gehörig. Wenn der Wanderer am klaren Tage über den waldigen Rücken von Lützelstetten herkommt, liegt der wellenumspülte Lustgarten, ein grüner Smaragd, auf silberplänzigen Schilde in geringer Entfernung vor ihm zu seinen Füßen. Den Vordergrund bilden die Felder und Obstbäume der Lützlestädter Gemarkung. Links und rechts ziehen die vaterländischen Ufer hin, und im Hintergrunde schauen die schneereichen Alpen. Haupt an Haupt, riesig groß über die weitgedehnte Wasserfläche.

Ein hölzerner Steg über 500 Schritte lang, führt vom Ufer der Landzunge zur Insel. Der See hat in dieser Richtung eine Untiefe, so dass bei niedrigem Wasserstand der stete Grund zum Vorschein kommt. Links vom Steg erblicken wir die See, ein großes und zwei kleinere metallene Kreuze, an ersteren den Heiland, an den beiden anderen die Schächer; laut einer Inschrift im Jahr 1855 vom Komtur Schenck von Staufenberg „Jesu Christo geweiht“, nach einer Tradition wegen glücklich vollbrachte Meeresfahrt. Dieses Denkmal hat sich der Staat allein beim Verkaufe zum bleibenden Eigentum vorbehalten.

Nach einer Sage wollten die Schweden die drei Kreuze mitnehmen. Sie brachten sie aber mit sechs Rossen nicht weiter als bis an den Lützstetter Berg. Später schafften sie die Bauern mit zwei gewöhnlichen Ackergäulen mit leichter Mühe wieder an ihre alte Stelle. In dem Stege war früher eine Fallbrücke angebracht.

Am Ende des Weges, nahe am schilfigen Ufer, wohnt der Lauenführer (Fährmann), dessen Geschäftes ist, auf einem Lauen (Floß) ankommende Chaisen und Pferde, beim Hochwasser wohl auch Fußgänger überzusetzen. Zugleich ist der Lauenführer ein gelernter Fischer, dem die ringsum zur Insel gehörigen Fischereigerechtigkeit Gelegenheit zur Ausübung seines Handwerks gibt. Neben der Fährmannswohnung unter den alten Bäumen hält der Patron der Schiffsleute und Fischer, der heilige Johann von Nepomuk in Stein gehauen, Schildwache; einen verwitterten Wappen am Fußgestell deutet auf Kultur. Johann Hartmann von Roggenbach (1647).

Von hier führt der Weg zwischen Obstbäumen zuerst über ein flaches, wohl angebautes Vorland, dann mittels Treppen aufwärts, wo ein einfaches Häuslein der Vogelherd (noch aus der Zeit des Ordens), von der Höhe schaut. Hier auf der Bank unter schattigen Kastanien, mag der Wanderer eine kurze Rast sich gönnen. Zur ersten Überschau das nahe Horn bei Lützelstetten zur Linken öffnet sich gegen Nordwesten die Bucht des schönen Überlinger Sees, dessen Einfahrt die Mainau majestätisch überwacht.

Vom Punkt zu Punkt, von einem zierlichen Bilde zum anderen schweift der Blick bald mit dem weißglänzenden Segel des Schiffleins über die ruhig ausgebreitete Fläche, bald mit dem einsamen Fluge des Reihers in hoher Luft über dem Berg und Wald zu den grauen Felsen um Sipplingen und Goldbach, über die gelben Kornfelder bei Überlingen und Seefelden zu den stillen Waldhöhen des Linzgaus, dem luftigen Gipfel des heiligen Bergs, und zu dem Turm von Hochbodman oder wo tief am sonnigen Gestade Maurach ruht mit seinen friedlichen Nachbardörfern. Dann zurück zur nächsten Umgebung, zu Füssen das geräumige Vorland der Insel, seine blumigen Wiesen, Gehölze und gesegneten Weizenfelder über den Steg nach dem langgedehnten grünen Buchwald von Sankt Katharina und wo auf vorspringendem Horn das friedliche, Lützelstetten sich darstellt.

Doch so gerne wir lange betrachtend hier verweilen möchten, es zieht uns weiter, wo aus dem Grün der Büsche und Bäume alte Mauern und Türme hervorschauen zu dem festen Haus und dem pläsierlichen Schloss.

Über den Rücken der Anhöhe führt der Weg dahin vor dem Tore, welches in dem rings abgeschlossenen Hof führt. Zur Linken liegt die Pächterwohnung mit ihren Nebengebäuden und einem Brunnen. Das jetzige Wohnhaus hieß zu Ordenszeiten der Einsatz und diente zur Überwinterung der Topfpflanzen.

Eine feste Brücke führte sodann über den malerisch bewachsenen Wallgraben, wo als Torwächter ein massiver Rundturm sich erhebt, aus dessen zwölf Fuß dicken Mauern und weit klaffenden Schießscharten, der einst dem Feinde eine unhöfliche eurer Gruß entgegendonnern mochte. Das geräumige Torgebäude beherbergte früher das ordentlsche Oberamt und die Beamten. In dem südlichen Theile wohnte der Hofrat. Unter dem Torbogen links wurde vom Torwart eine Wirtschaft betrieben. Er erhielt von der Herrschaft, für welche er in der holzgetäfelten Wirtsstube Wein ausschenkte, den sogenannten Maßpfennig. Abends wurden die Tore geschlossen. Innerhalb des Schlosses, etwa 15 Schritte vom Torgebäude, stand ein zweiter Turm, ebenfalls verschließbar mittels eines Tores.

Gegenwärtig dient das ganze Gebäude zum Gasthaus zur „Insel Mainau“, in dem der Ankömmling alles wünschenswerte, Bequemlichkeit und die beste Bedienung findet. Der älteste Teil des Hauses gehört dem Ende des 15. Jahrhunderts an. Das Ganze scheint im Jahre 1626 unter Komtur Caspar von Stadion repariert und durch Anbau erweitert worden sein.

Eingetreten in den Schlosshof überwachen uns die lieblichen, größtenteils unter dem jetzigen durchlauchtigsten Besitzer angelegten Gartenanlagen. Hier, wo früher weitläufige Gebäulichkeiten, zwei Bauernhäuser, Stallungen, Weintrotten (unter Fürst Esterhazy 1828 abgetragen), alle Aussicht hemmten, sehen wir einen kleinen Feengarten mit dem anmutigsten fernsichten. Wir wandeln in einer Galerie der zierlichsten Landschaftsbilder und Seestücke, welche durch die Lichtung der Gesträuche und eingefaßt von ihren grünen Rahmen, im Zauber einer wechselnden Beleuchtung uns entgegen schimmern. In der Mitte von Blumenbeeten und Rosenbüschen umgeben, plätschert ein Springquell und füllt ein steinernes Bassin. Sein Ursprung liegt außerhalb der Insel im benachbarten Walde von Sankt Katharina.

Nachdem wir hier eine Weile auf das angenehmste verträumt, wendet sich unsere Aufmerksamkeit dem stolzen Schlosse zu, welches in großen Dimensionen die Stirne der Insel bekrönt. Mit der Hauptfassade nach Osten schließt es mittels zwei westlich laufender Flügel einen weiteren Hof von drei Seiten rechtwinklig ein. Es ist aus rotem Sandstein im Stile des vorigen Jahrhunderts, erbaut nach dem Plane des komturischen Baudirektors Johann Caspar Bagnato zu Altshausen. Nach der Jahreszahl, dem östlichen Giebel der Hauptfassade, wurde es vollendet im Jahre 1746. Das westliche Giebelfeld enthält die Wappen der Bauherren. Das erste links, dem Komtur Servat Ignaz von Roll zu Bernau gehörig, bedeutet, dass unter diesem Komtur der Bau angefangen worden; das zweite überrascht uns durch ein bedeutungsvolles Zusammentreffen. Es weist auf den Komtur, unter dem das Schloss seine Vollendung erhalten – Friderich von Baden – , zugleich der Name des jetzigen durchlauchtigsten Herren und Besitzers. Über beiden Wappenschildern ist ein drittes, dem damaligen Deutschmeisters August Clemens, Prinzen von Baiern repräsentierend.

Wenn der mainauische Komtur Friedrich von Baden, auch seiner Blutsverwandtschaft mit dem berühmten Ahnen unseres erlauchten Fürstenhaus sich rühmen konnte, so standen seine Vorfahren doch in enger Beziehung zu ihnen. Er stammt nämlich aus dem breisgau’schen Adelsgeschlecht von Baden, welches ein weiß und schwarz gewürfelten Schild im Wappen führte. Es verdankte seinen Ursprung einem Dienstmann der Herzoge von Zähringen, mit dessen Beneficium der Wachdienst auf der Burg Baden bei Weiler, (daher Badenweiler) verbunden sein mochte. Denn diese Burg gehörte zu den ältesten Besitzungen des zähringerischen Hauses und die Familie von Baden zu dem ältesten Dienstadel desselben, wie die von Rockenbach. Schon unter Herzog Konrad (von 1122 bis 1152) erschienen ex hominibus ducis als Urkundenzeugen die ministeriales Heinricus de Badin et Wernherus de Roggenbach, und 1260 nannte sich Ulrich von Baden bereits miles (Ritter).

Nach dem Erlöschen der Zähringer war die Baden’sche Familie mit der Herrschaft Badenweiler an die Grafen von Freiburg geerbt und erwarb sich nun im oberem Breisgau verschiedene Lehen, zum Ziel aber ihren bleibenden Sitz. Unter diesen Lehen befand sich namentlich auch hachbergische, und als die Herrschaft Badenweiler mit dem hachbergischen Erbe an das markgräfliche Haus Baden fiel, erschienen die Herren von Baden sofort als badische Dienst und Lehnmänner.

Schon 1413 befand sich Albert von Baden im Gefolge der Markgrafen Bernhard auf dem Konzil zu Konstanz, während ein anderer, Albert von Baden 1439 als Statthalter des Markgrafen Wilhelm von Hachberg und Rudolf von Baden, welcher Johanniter-Komtur zu Heitersheim war, 1474 als Statthalter des Markgrafen Karl von Baden, den Interessen des badischen Hauses dienten. Im übrigen gehörte die Familie von Baden zum breisgauischen Ritterstande, dessen Directorium wiederholt an ihre Glieder gelangte, wovon der letzte 1830 zu Freiburg verstarb.

Um nun in den Bau des Komturs Friedrich zu gelangen, melden wir uns beim herrschaftlichen Verwalter, der seine Wohnung im unteren Geschosse des nördlichen Flügels hat. Die Stiegenhäuser befinden sich in den beiden Seiten Gebäuden. Im ganzen enthält das Schloss zwei Säle, 57 Zimmer mit elf sonstigen Räumlichkeiten an Küchen und Kammern und vieles mehr. Das zweite Stockwerk enthält die fürstlichen Wohngemächer, deren eine Reihe im nördlichen Flügel für den zweiten Aufenthalt Seiner Königlichen Hoheit des Regenten auf das Geschmacksvollste neu eingerichtet ist.

Die Fenster dieser Zimmer haben die herrliche Aussicht auf den Ueberlingersee und seine Ufer. – Dort am fernsten Punkte gegen Norden, Sipplingen und seine Molaßwände, von welchen der weit sichtbare Haldenhof niederschaut, und die gebrochene Burg Hohenfels, die Heimat des Minnesänger Burkhard von Hohenfels; herwärts, hart der See, das weiß schimmernde Felshorn mit seinen rätselhaften Heidenlöchern, die Mauern und Türme der alten Reichsstadt Überlingen, das Dörflein Nußdorf, Schloss Maurach und auf dem freien Hügel die stattliche Kirche Neubirnau.

Im Hintergrund der hohe Waldkopf bei Pfaffenhofen mit den Türmen der Burg Kabpellinz, deren Stelle fernhin drei große Fohren bezeichnen, die bei Durchholzung des alten Dorfes auf Befehl seiner großherzoglichen Hoheit des Markgrafen Wilhelm stehengeblieben; rechts einsam in die Luft ragend, der runde Turm von Hochbodman, wo einst ein Zweig des Geschlechts von Bodman hauste, und oberhalb Frickingen, zwischen Heiligenholz und Heiligenberg, ein erhabener Waldgipfel, die Schanze genannt, wohin, nach einer Tradition, ehemals bei Feindesgefahr die umliegenden Bewohner durch Feuersignale berufen wurden; sodann im Verlauf Bergrückens Allerheiligenberg, die zerfallene Veste, und ein weiß glänzender Punkt auf dunklem Grunde Heiligenberg, das herrliche, an Erinnerungen reiche Fürstenschloss; endlich weiter östlich das Höchste auf demselben Höhenzuge, welchen Platz (mit prachtvoller Fernsicht) eine, vom höchstseligen Fürsten Karl Egon von Fürstenberg errichtete Pyramide krönt. Oberhalb erblicken wir noch den Hof Lichteneck, den höchsten Punkt im Seekreis.

Von den Zimmern, die wir durchschreiten, enthält das eine, das Eckzimmer, noch Reste ehemaliger Dekorierung. Es findet in Öl gemalte Tapeten, in idyllischen Darstellungen mit Geschmack der Zeiten Ludwigs XIV. Die meisten Zimmer aber hatten Sommertapeten von verschiedenen Lokalfarben, oft mit Gold und Silber durchwirkt. Die Vorhänge waren schwere Seidenstoffe, die Möbel massiv, von Mahagoni und Nussbaum. Etwas sehr Schönes, was noch aus alten Tagen vorhanden, sind eigene gute erhaltene Öfen in den eigentlichen Wohngemächern Seiner Königlichen Hoheit des Regenten. Sie sind wahrhafte Kunstwerke und um so höher zu schätzen, als sie eine, in unserer Zeit gänzlich vernachlässigte künstlerische Technik im Fache der Töpferei repräsentieren. Auf weißglassierten Kacheln sehen wir in meisterhaft gezeichneten blauen Umrissen und Schraffierungen Szenen aus dem Kriegs- und Jagdleben, dazwischen Figuren aus der älteren und mittleren Geschichte. Der Verfertigung ist ein Hafner, (der wohl mit mehreren Gliedern einer Künstlerfamilie) zu Ende des 17. oder Anfang des folgenden Jahrhunderts in Steckborn lebte.

Ähnliche Öfen fanden sich vor kurzem noch in demhauensteinischen Schlosse Gurtweil, se wie an manche anderen Orten der oberen Gegend. Es wäre von Interesse, Näheres von diesem Meister zu erfahren.

Bei diesen trefflichen Werken von der Hand eines Schöpfers drängt sich unwillkürlich ein Vergleich auf zwischen den kunstfähigen Gewerken des Mittelalters, der Renaissance und denen der Neuzeit.
Zu wessen Gunsten wird wohl das Urteil ausfallen?
Sicherlich nicht zum Vorteil der Letzteren. Die gemeine Routine, das fabrikmäßige Raffinement, ist allerdings heut zu Tage ungleich mehr, fast bis zum Äußersten, ausgebildet, aber im eigentlichen Kunst- und Geschmackselemente waren uns die wackeren Altmeister durchaus überlegen.
Doch kehren wir zurück zu unserer Mainau.

Eine steinerne Treppe führt uns in die dritte Etage der Hauptfacade, wo ein großer Saal, der ehemalige Ordenssaal, uns aufnimmt. Wände Decken sind in Rocco leicht verziert, links und rechts an den Seitenwänden befinden sich zwei Altanen, welche dem hohen Raume etwas Festliches geben; wir denken ihn belebt durch die Anwesenheit edler Herren und Gäste, durch ein fröhliches Bankett, bei dessen Trinksprüchen lustig von oben die Instrumente schallen.

Durch eine große Flügeltüre treten wir hinaus auf den luftigen Balkon. – welch ein Gemälde entrollt sich hier! In seiner ganzen Länge und Breite liegt der herrliche Obersee von den letzten badischen Uferorten Meersburg und Kirchberg und dem württembergischen Friedrichshafen, bis wo, von Sonnenschein und Duft umworben, die Fürsten des Hochlandes am Horizonte stehen – über Lindau und dem Waldgebirge und Bregenz die schneelosen Kalkfelsen der Vorarlberger Alpen und der Vorgebirge Tyrols, der Grindelkopf, das Rangiswangerhorn; weiter rechts der Hirschberg und der Künzlesspiz, höher ragend sodann der Hochlichtspitz, der Löffelspitz, die Kalkwände des Montafun, der Rauchberg, der Schenakopf und andere. Über diesen meist doppelt übereinander gereihten Bergkolossen zeigen sich bei einem Himmel noch in scharfen Konturen die beeisten Zacken der höchsten Tyroler- und Bündner-Alpen, der Chapoltspitz, der Hundskopf und manche ungenannte, bis zum weißglänzenden Brandjoch, den Zimpaffspiz und den Seekopf.

Über dem weit ansteigenden Schweizer-Ufer bei Arbon und Romanshorn beginnen die Appenzeller Berge, deren höchster der hohe Säntis, wie ein gewaltiges Bollwerk die übrigen kühn beherrscht, unter ihnen der Altmann und der Ehrenspiz, zur Linken bei niedrigeren Knochen des Föneren und des Kamor, des Hohenkarpfen und Anderer, zur Rechten die Schwägalp, und weiter die Berge des Toggenburgs und die kahlen Zinnen der lieben Kurfürsten, hinter ihnen der beschneiter Spitzweiler, der Ischingen und der Osen bis wo die glänzenden Eisberge des Glarus sich in die Luft erheben.

Wie hier das Großartigste überrascht und fesselt, so ziehen die nahen vaterländischen Ufer, vom südlichen Flügel aus gesehen, durch ihre traute Heimlichkeit und Ruhe an das prächtige Grün der Buchenwälder, gehoben durch den Ernst der eingemengten Tannen, von Bäumen halb verdeckt der Dörflein Eck mit seinem weiland komtur’schen Schlösslein, Staad der Stappelort harmlos ab- und zugehender Segelschifflein und Fischernachen, weiter hin die sonnigen Schweizerufer und über ihnen die in stiller Größe wiederum die Alpen. – Wahrlich, du empfindest, warum die Gegend um den Bodensee die Heimat so vieler Minnesänger ist und warum die treuherzigen Alten das Blüteneiland, auf dem du stehst, die Mainau genannt haben – enn Mai und Freude und Lust waren im sinnigen Mittelalter gleich bedeutende Worte.

Nach diesem Schweifen in die Ferne haftet unser Interesse gern wieder an der nächsten Umgebung. Eine heraldische Stammtafel, im Stiegenhaus des Mittelbaus aufgehängt, erinnert an das hohe Alter und die Geschichte des Ritterhauses. Sie enthält die „Schild und Wappen deren hochwürdigen Herren Commandeurs und Statthalters, Hauscommandeurs und Hofmeisters der Reichskommende Mainau“, von Frater Rudolf von Schafus, (1264) bis zu Komtur Georg Christoph Rinck von Waldenstein (1678); oben thront die Heilige Jungfrau mit dem Kinde, als Beschützerin und Fürbitte des Ordens, ihr zur Seite Als Vorbilder der Ordenspflicht stehen, der heilige Georg, der Ritter und Verfechter des christlichen Glaubens, und die heilige Margaretha, die Mildtätige und Pflegerin der Kranken und Preßthaften.

Ein zweites späteres Tableau führt die Reihenfolge der Komture weiter bis zum Letzten, Karl Reich von Reichenstein Brombach.

Um diese Erinnerung einer sich abgeschlossenen Vergangenheit schlingen sich überall die frischen grünen Ranken der Gegenwart. Mit einem reichen, geschmackvollen Hausrat sehen wir bereits manch wertvollen Schmuck der bildenden Kunst durch den kunstliebenden, durch lautichsten Besitzer hierher verpflanzt. Als von speziell vaterländischem Interesse heben wir hervor: die Cartons von Hofmalerin Fräulein Maria Ellenrieder, ein Enclus von Ansichten badischer Städte und Gegenden von Landschaftsmaler Moosbrugger in Konstanz und von einem älteren Meister die Ahnenbilder Friedrich Magnus Markgrafen von Baden und seine Gemahlin.

Außerhalb des Schlosses, aber doch in seinem Umfange liegt die Ordenskirche zu unserer lieben Frauen. Sie ist in gleichem Stile wie das Schloss. Ihr Turm bekrönt ein zierliches Zwiebeltuch, auf dessen Spitze das goldene Ordenskreuz blinkt. Das Innere des freundlichen Tempels schmücken drei von Ordensheiligen geweihte Altäre. Rechts mit einem Seitenanbau des Chores befindet sich die Gruft der Ritter und im Langhause die Beamtengruft, in welcher auch der Baumeister des Schlosses und der Kirche Johann Caspar Bagnato, gestorben 1757, einer fröhlichen Urstände harrt.

Früher bestand hier eine Bruderschaft zu Ehren des Märtyrers und Ritters Sacet Sebastian, errichtet mit päpstlicher Bestätigung von Komtur Georg von Emmingen anno 1587, „damit Gott durch die Verdienste und Fürbitte des Heiligen abwende alle Pestilenz und ansteckende Krankheiten, nicht allein von dem Haus Mainau, sondern vom ganzen Land.“ Die einverleibten Brüder und Schwestern waren vorzugsweise zur Ausübung der Werke der Barmherzigkeit verpflichtet. Am Sebastianstag, (20. Jänner) wurde im Ritterhause ein allgemeines, außergewöhnliches Almosen gespendet. –

Gegenwärtig findet alle Samstag ein Gottesdienst darin statt, den der Geistliche von Lützelstetten zu besorgen hat. Es ist dies eine Stiftung des Engländers Darby, welcher unter Esterhazy längere Zeit zur Miete im Schlosse gewohnt, Orgel und Messparamente verdanken ihr Dasein der Freigebigkeit dieses Fürsten.

Nahe der Kirche stand ehedem das Zeughaus. Die Franzosen sollen sechs Kanonen und 20 gute Panzer daraus entführt haben. Das Haus selbst wurde unter Langensteinscher Verwaltung abgebrochen. In dem nämlichen Richtung, (gegen Südosten) ragte früher ein Turm, der zum Gefängnis diente und die Katze hieß. Gegenwärtig finden wir in dieser Gegend das Treibhaus, eine Schöpfung des Grafen Douglas, ferner einen schönen Blumengarten, über einem Teile der abgebrochenen Fortifikationen angelegt.

Ein wohl erhaltenes Gebäude innerhalb des Burgfriedens ist der Reitstall. Er soll späteren Ursprungs sein als das Schloss und seine Lage vor dem Schloßhof die Laune eines Komturs sein, der, leidend am Podagra (Gicht) und Liebhaber von Pferden, von seinem Fenster aus die Reitübungen überwachte und leitete.

Hinter diesem Gebäude stand früher eine Schmiedewerkstätte und ein großes Waschhaus, in welchem zugleich eine Obstdörre angebracht war, und mehr gegen die Kirche zu fanden sich die Bäckerei und eine Schreinerwerkstatt. Bei Musterung der noch vorhandenen Befestigungswerken müssen wir den viereckigen Turm an der Schloßhalde, das höchste Alter, zu erkennen. Sein Dach wurde unter dem vorigen Besitzer abgetragen und zur Plattform hergerichtet. Es mochte der massive Bau mit der einst um 20 Fuß höheren Ringmauer dem alten Schlosse zur Verteidigung gedient haben. Von den übrigen Türmen haben sich außer dem bereits genannten Torturm nur zwei vollständig erhalten. Der Gärtnerturm am Wallgraben und ein runder Wartthurm im Rebberge gegen Süden. Ein dritter Rundturm, der Jägerturm, stand im südlichen Verlaufe des Grabens, etwa 50 Schritte vom Gärtnerturm, während nordwestlich ein ähnliches, noch als Fragment vorhandenes Rondell gegen den See hinschaute.

Unten am Ufer gegenüber heißt jetzt noch ein Platz, die Schwedenschanze, ein etwas kleinerer „das Schwedenschänzle“, findet sich hinter dem Haus des Pächters im nordwestlichen Teile der Insel. Beide wurden, wie oben gehört beim Herannahen der Gefahr, gegen die Schweden errichtet.

Eine der wichtigsten Einrichtungen der Insel ist der Hafen. Er leistet nicht nur den Inselbewohnern gute Dienste, auch für die Schifffahrt überhaupt ist er von Bedeutung, teils als gelegentlicher Ruhepunkt zwischen dem Ober und Überlinger See, teils als sicherer Hort bei Stürmen, die ja besonders verderblich werden können.

Wenn nämlich die Föhn weht und große Wassermassen in die Bucht des Überlinger Sees schwellt, der Gegendruck aber, das Gleichgewicht mit dem oberen Wasserstand herzustellen kämpft, wird der See vom Grund aus bewegt – Der Schiffer nennt es das Grundgewelle, was besonders in der Gegend der Mainau fürchterlich und höchst gefahrvoll werden kann. Wie alte Schiffsleute behaupten, wäre schon manches Unglück geschehen, wenn der Mainauerhafen nicht ein schimmerndes Asyl gewährt hätte.

Die ganze Anlage ist eine sehr solide, und es scheint ihre gegenwärtige Beschaffenheit wie ein erneutes Wappen schließen läßt, aus der Zeit des Komturs von Stadion (1626) herzurühren. Den Eingang bewacht das über der Mauer angebrachte Bildnis der heiligen Jungfrau, während am Ufer ein kleines Wohnhaus wie zur Aufsicht herniederschaut. Unterhalb diesem Häuslein war an der östlichen Hafenmauer eine leichte Bedachung angebracht für die herrschaftlichen Schiffe, unter denen sich ein großer Segler befand, in welchen der Komtur, begleitet von sechs Matrosen, seine Spazierfahrten zu machen pflegte. Das Schiff beschattete ein weißes Baldachin mit schwarzer Einfassung, Troddeln und Glöcklein von eben denselben Farben. Auch der Segelbaum war also gefärbt, weil schwarz und weiß die Farben des Ordens im Frieden waren.

Zwischen dem Hafen und dem viereckigen Turme an letzteren angebaut, stand in der Richtung, gegen das Häuslein an Hafen der große Landeskomturkeller, dessen oberer Teil zur Fruchtschütte diente. Ein zweiter, der sogenannte Seekeller, fand sich etwas entfernt nördlich vom Thurme. Er war viel geräumiger als der Landeskomturkeller und erhielt das größte Faß der Commende mit 60 alten Seefudern, (das Fuder zu 30 Eimer, der Eimer zu 32 Maaß). Außerdem hatte er noch Fässer von 40, 50, 60 Fudern und obenauf ebenfalls Getreidespeicher. Weiter nördlich, hart am Ufer und zum Teil über dasselbe hinaus gebaut, hatten die Kiefer ihre Werkstatt, sie hieß das Bindhaus. Und daß Nichts fehlte, was zu einem wohlgeordneten Gemeinhaushalt gehört, war am südlichen flachen Ufer unten am Rebberge ein Platz und großer Schopf für die Zimmerleute.

Das anmutige Wäldchen am nordöstlichen Ufer beherbergte ehedem jenes „hohe Obrigkeits- Signum“ von dem vorne Seite 46 gesagt wird, dass es ein solches ums Jahr 1671 noch nicht auf der Insel vorhanden gewesen. Der Platz hat noch heutzutage den artigen Namen das „Galgentöbele“.

Wenn wir längs der Ufermauer durch die Ahorn und Nußbaumallee, dem südlichen Ende der Insel zuwandern, kommen wir zum Badplatz, der noch aus alten Zeiten mit steinernen Treppen und Platten zum Baden im Freien hergerichtet ist.

Weiterhin gelangen wir in denjenigen Teil des Eilandes, der ausschließlich landwirtschaftlichen Zwecken gewidmet ist. Terrassenförmig steigen üppige Wiesen an, fruchtbares Ackerland und sonnige Rebhallen. So klein die Gemarkung am Umfang ist, so fruchtbar und reich ist sie an Produkten aller Art Getreide, vorzüglichem Wein, feines Obst, Gemüse, gewürzige Fruchtfutterkräuter, Hanföl, Holz, kurz alles, was ein vollkommener Landwirt sich nur wünschen mag.

Das nutzbare Feld der Insel ist, mit Ausnahme der Reben, teils an den Pächter, teils an den Gastwirt zu Mainau verpachtet. Die hiesige Ernte fällt in die Zeit um Jakobi.

Was nebst einer üppigen abwechselnden Vegetation das Landschaftliche, Angenehme belebt, sind die vielen gefiederten Gäfte, die von „Luftes-wegen“ in dem grünen Eilande ihren Aus- und Einflug haben. Von den bedächtigen Weih, der lauernd über den Feldern schwebt, bis zum zierlichen kleinen Sänger, sind beinahe alle heimischen Gattung vertreten. Auch die Nachtigall fehlt nicht. Ihre süß lockende Weise ertönt während mehreren Frühlingswochen regelmäßig im Park an der Schloßhalde. Ein eigentliches Heimatrecht aber scheint die Schwalbe auf dem Eilande zu beanspruchen. Die offene Vorhalle des Schlosses dient ihr zu familiären Ansiedelungen. Ebenso häufig hält sich auch die Wildente in der Nähe der Insel auf. Ihr Luftrevier ist das schilfreiche Ufer gegen den Lützelstetter Berg.

Ein wenig gern gesehener Gast ist ein Insekt, die wilde Biene; sie verklebt mit ihrem Gehäuse von feinem Sand alle Türen und Fenstergesellstelle des Schlosses.

Zur Zeit des humoristischen Wirthes Schnettz, der noch aus der Verlassenschaft des Ordens bis vor kurzem auf der Insel lebte, waren die Gehölze und Anlage mit einer zahlreichen Familie von Kanarienvögeln bevölkert, die, sobald der Winter heranrückte, freiwillig sich wiederum zu ihrem Herrn in Kost und Logis zu begeben pflegte. Unter dem letzten Komtor war stets auch ein kleiner Wildstand von Hirschen und Rehen unter Aufsicht des Jägers im Wallgraben unterhalten, ebenso ein Fasanenhaus.

Zu jener Zeit erstreckte sich ein Zier- und Lustgarten, vom Gärtnerthurm bis gegen den Vogelherd. Alte komturische Unterthanen wissen noch viel von seiner „himmlischen Schönheit“ zu erzählen.

Oft ist das liebliche Eiland auch von jeher einer der reizendsten Punkte des südlichen Deutschland gewesen, so wird ihm doch jetzt erst durch die Munificenz seines hohen Besitzers die gebührende Rücksicht und Pflege. Sehr Vieles ist bereits im Laufe dieses Sommers geschehen. das regste Leben in allen Richtungen herrschte auf dem freundlichen Insellande. Gärtner, Bauleute, Dichter und Maler zogen herbei zur Verschönerung und Verherrlichung des würdigen Fürstensitzes .

Eine der größeren neueren Unternehmungen ist die Anlage eines Reit- und Fahrweges längs den Ufern rund um die Insel. (Der schönen Gartenanlagen im Schlosshofe haben wir bereits gedacht.) Wichtig ist auch die erst kürzlich getroffene Einrichtung des regelmäßigen hierortigen Landons der Dampfschiffe und ihrer Tour von Konstanz nach Meersburg und Überlingen; so wie zuweilen noch extra Fahrten stattfinden, unternommen von größeren Gesellschaften, die unter Sang und Klang einziehen und fröhliche Gelage auf dem grünen Plane halten.

Aber auch in höherer Beziehung ist der Übergang des Besitztums an den jetzigen durchlauchtigsten Herren von Bedeutung. Der Bewohner des Seekreises glaubt nämlich darin, die Gewähr eines längst gehegten Lieblingswunsches zu finden, seinen allverehrten, ritterlichen Landesfürsten – wohl bald an der Seite einer hohen minniglichen Gemahlin, höchstderen Stammburg eine dem See benachbarte ist – einen Teil der schönen Jahreszeit in den oberen Gauen zubringen zu sehen.

Sicherlich aber wird die Auszeichnung, welche der Seegegend durch die Erwerbung der Mainau geworden, nicht verfehlen, auf den fremden Besuch überhaupt Einfluss zu üben. Es sind ja doch namentlich die schönen, an Abwechslung so reichen badischen Ufer noch viel zu wenig besucht und gekannt. Denn nicht nur dem flüchtigen Durchstreifen gewähren sie hohen Genuss, auch der länger Verweilende wird alles finden, was ihm den Aufenthalt lieb und wert machen kann.

Ein paar Wochen zum Beispiel auf unserem grünen Eilande Mainau – welch ein Herz und Sinn erquickend der Aufenthalt! Das geräumige Gasthaus, wenn auch nicht ein Hotel ersten Ranges, läßt billigem Verlangen gewiss nichts zu wünschen übrig. Die edle Liberalität, durch welche dem Fremden die ganze Insel mit ihren Einrichtungen zur Verfügung gestellt ist, gewährt dem Gaste Annehmlichkeiten, die er anderwärts für schweres Geld nicht haben kann, und ist das Wohnen umgeben von solch Anmut, Heiterkeit und Güte der Natur nicht an sich schon ein Hochgenuss?

Wenn ein goldener Morgen glänzend über den Wellen erwacht, über der einen von Tau befeuchteten Luftbezirke früh schon das hohe Lied der Lerche klingt und um die Berge Morgennebel ringen mit dem Strahl der Sonne -wie fühlt sich da der Geist gehoben und zu neuen Lebenslust erregt. Und in der stillen Mittagsstunde – wo verträumte sich ein Stündlein besser, als unter dem Blütenbüschen, neben dem geschwätzigen Springquell im Schlosshof, in den luftigen Saal mit den grünen Fenstern und ihren lieblichen Fernsichten!

Zwischen den Häuptern, dunkel belaubten Nussbäume und alten Tannen, die wie verwundert über die Ringmauer hereinschauen, der Blick der Sonne, die Silberwellen des Sees und die lichtblauen Gebirge des schwäbischen Ufers.

Über Dir tänzelndes Gelispel der Silberpappel, der Atem süßer Maienlüfte und das luftige Zwischenspiel schnell hinschießender Schwalben. Dazu das Gefühl, rings von Wasser umschlossen, unnahbar alles, was dich stören könnte.- Eine selige Einsamkeit. – Am langen Sommernachmittag ein Gang durch das Inselfeld, wo im grünen Wiesenplan geschäftige Gruppen um duftende Holzschober sich mühen, oder Schnitter und Schnitterin gelben Weizenfelde, während dort schon wieder im frühherbstlichen Stoppelfelde der Pflug seine braunen Furchen zieht.

Oder du steigst hinab durch die kühlen Schatten der Ahorn- und Nussbäume zum Hafen, um eine Luftfahrt zu machen, auf weiter ungemessener Wellenbahn – in zierlicher Gondel allein, umrudernd das stille Inselland, das hohe Schloss am Meere und seinen schattigen Park, widergespiegelt im feuchten, tiefen Grüne der kristallenen Flut, wankend und schwebend, in ungewissen Umrissen; hinaus in den offenen See, der von sonnigen Dünsten zum Meer erweitert scheint oder blau bis zu den Alpen, deren Bild lieblich im Gewässer badet. Wieder zurück am Abend, wenn rosiger Schein der Wellen säumt und Geläute deutlich, nah, von den Ufern hallt; beim Sinken des Tages, in der Dämmerstunde, wenn Ruhe, sanfte, süße Schwermut sich zum Herzen drängt – wenn Dunkelheit dem Mantel bereitet, Nebel aus der Tiefe steigen und über dem Gebirge leise Glut dem auftauchenden Vollmond verkündet.

Ja selbst Sturm und Gewitter, der trüb umdüsterte Tag, die Schauer der Nacht haben, hier erlebt, ihr Bedeutendes und Schöne. Wenn das bekannte Sturmsignal, der weißegraue Nebel – Brähme nennt ihn der Schiffsmann – aufsteigt und zuletzt zur finsteren Wolke gestaltet heranzieht, so sucht jeder Fährmann so rasch wie möglich das tückische Element zu verlassen.

Mit welcher Teilnahme verfolgst du dann den Segler, der mit Getreide von Überlingen oder mit Ziegelwaaren vom Bodman kömmt, – wie er auf und nieder schwankt in dem mehr als Klafterhohen Gewoge, wie er rudert und ringt, den Hafen der Mainau zu gewinnen, der hilfreich seine starken Arme in den gefahrenbringenden Wellenkampf hinausstreckt.

Welch ein Anblick, wenn ein plötzlicher, ein hereingebrochener Gewittersturm mannshoch die Wogen aufregt, dann in rasendem Gewirbel die Spitzen der Wellen zum sprühenden Nebel zerstiebt, der im Nu weit umher den See verhüllt.

Du stehst am Ufer – ein gewaltiger Ost oder Nord durchströmt den herbstlichen fahlen Tag; in Schlangensprüngen, weit, unabsehbar, tobt die weißbeschäumte Woge – und die Brandung am alten Gemäuer führt zur Musik des Sturmes einen wilden, dämonischen Tanz auf, hochspritzend, zischend, lärmend, wie in toller verzweiflungsvoller Lust.

In mitternächtlicher Stunde, wenn es über den See, um die alten Mauern und Türme tobt und schnaubt, als er klängen im Winde wallende Geisterstimmen aus den Tagen Wrangels und des Komturs von Hundbiß.

Oder Du wandelst in lauer Frühlingsnacht um dein träumerisch stilles Blüteneiland; aus halbverschleiertem Himmel blinken einzelne Sterne, am Horizont zuckt es wie Wetterleuchten; um die jungen Wipfel flüstert der Nachtwind, am Bord leis andrängender Wellen Gemurmel – verstohlen wie Geplauder der Liebe, und dazwischen, entlang gehaltenen Pausen, der süße Schlag der Nachtigall in verschwiegenen Park des hehren Schlosses, – wie klagend um das verlorene Glück der treuen Maid vom Bodman und des Ritters Hug von Langenstein.

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Fortsetzung hier:

Im 30-jährigen Krieg gelangte die Insel Mainau im Bodensee 1647 nach einer verheerenden Niederlage gegen die Schweden für einige Monate in deren Besitz. Unter Mitnahme alles Wertvollen – nur das sogenannte Schwedenkreuz blieb zurück – zogen die Schweden 1649 wieder ab. Foto: Böhringer Friedrich (Wikipedia)

Schwedenkreuz. Aufnahme von 1887 (Quelle: Wikiwand)

Johann Nepomuk auf der Mainau von Gerhard Eichinger: eichinger.ch

Stadtteile von Konstanz (Quelle: Wikiwand)

St. Marien auf Mainau (Quelle: Wikiwand)

Gärtnerturm auf Mainau (Quelle: Wikiwand)

Selbstbildnis Marie Ellenrieders im Alter von 28 Jahren, 1819. Foto: Wikipedia

Insel Mainau – Insel Mainau Teil 2.

Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.

Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren.

Man möge mir verzeihen: Ist mir das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd, so ist das oft zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind einige Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen.

Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz.
In blau einige Fotos und Erklärungen.

Hier der 2. Teil vom Kapitel Mainau

Mainau (Fortsetzung)

Der Deutschorden wurde gegründet 1190 von Herzog Friedrich von Schwaben zurzeit der Belagerung von Akkon während eines Kreuzzuges. Der Zweck war ursprünglich ein ähnlicher wie bei den Johannitern. Verteidigung der christlichen Religion gegen die Ungläubigen und Verpflegung christlicher Wallfahrer im Heiligen Lande.

Der Orden war der Heiligen Jungfrau geweiht, weshalb die Ritter sich auch Brüder des deutschen Hauses Unserer Lieben Frau zu Jerusalem nannten. Das Haupt des geistlichen Ordens war der Groß- oder Deutschmeister. Er hatte anfangs seinen Sitz in Jerusalem, später als das Heilige Land Schritt für Schritt an die Ungläubigen verloren gegangen war, zu Venedig und zu Marburg (1297), seit 1309 aber zu Marienburg in Preußen und zuletzt (seit 1527) im Meisterthurme zu Mergentheim auf dem dortigen Bergchlosse Neuhaus.

Die Ritter mussten Deutsche adliger Herkunft sein und durften sich nicht verehelichen. Die Ordenstracht bestand in einem schwarzen Kleide und weißem Mantel, auf dem ein schwarzes Kreuz mit silbernen. Randes prangte. Die Besitzungen des Ordens waren in Valleien oder Provinzen und diese wieder in Sommenden oder Commenden oder Kommtureien abgeteilt, denen ein Komtur (Landeskomtur) vorstand.

Die oben erzählte Schenkung der Insel Mainau an den Orden machte nun dieses schöne Eiland zum Mittelpunkte einer Kommende, deren Erwerbung und Bestandteile außer der Insel folgende waren. Zu Almansdorff: Das Ritterhaus empfängt 1272 vom Stifte Reichenau halb Schenkung, halb kaufweise den Kenhhof. Im 15. und 16. Jahrhundert erkaufte der Orden daselbst mehrere Rebstücke. Überhaupt besitzt er zu Almansdorff, (wie zu Eck, Egelsee, Hard und Sirenmoos) etliche Lehnhöfe, Silten und Zehnten.Zu Hinterhausen, Hausen, Eichhorn, Sonnenbühl und Stad ist das Ritterhaus im Besitze verschiedener Güter seit dem Jahr 1493.

In Dettingen wird der mindere Kelnhof erkauft von Heinrich Soldat, Kirchherrn zu Wollmatingen 1349; „die Veste und Leibeigenen“ aber werden von der Familie von Westerstetten erkauft um 300 £ Heller im Jahr 1362. Der bisherige Lehnsherr, der Abt von Reichenau, verzichtet völlig darauf, so dass das Ritterhaus die Veste eigenthümlich besitzt. Weiteren Zuwachs erhält der Orden daselbst im Jahr 1372 von einem Werner von Dettingen, der dem Ritterhaus seine Hälfte des Dorfes überlässt und 1405 erkauft dasselbe von dem Blarer zu Konstanz, dem Burgstall „zu der alten Burg“ zu Dettingen mit Umgebung und etlichen Höfen; für 743 £ Heller, ebenfalls mit Bewilligung des reichenauischen Abtes.

Zu Wallhausen erwirbt es 1488 den größeren Kelnhof von Hans von Liebenfels, und Mehreres bis zum Jahre 1629.

– In Dingelsdorf beginnen die Ankäufe mit 1327 und gehen bis 1629 – In Lützelstädten seit 1286, wo Ulrich von Alga mit lehnsherrlich reichenauischer Bewilligung seine Güter an das Ritterhaus verkauft. Weitere Gerwerbungen zu Lützestetten sind, die Mülhalde, Neuhaus und Ronhausen. – Zu Oberndorf, seit 1568 bis 1628 – Zu Wollmatingen endlich seit 1349 bis 1614.

Auf solche Weise erhielt der Orden mit all diesen Orten die Grundherrlichkeit, während die Gerichtsherrlichkeit vom Jahr 1431 kommt, wo König Sigmund dem Ritterhaus die drei Gerichte Almannsdorf, Dettingen und Dingelsdorf mit aller Jurisdiktion, auch Stock und Galgen verleiht. Die ganze Herrschaft war in die oberen und niederen Gerichte eingeteilt unter jenen waren begriffen: Stad und Almannsdorf ,und unter diesen Oberndorf, Dingelsdorf, Lutzelstetten und Dettingen. Überdies besaß die Commende noch eine Herrschaft Blumenfeld, (Schloss und Städtlein) mit Weiterdingen, Leipferdingen, Weil, Beueren nebst (Schloss und Städtlein) Thengen, Uttenhofen, Nordhalden, Epfenhofen, Thalheim, Tegerhofen mit allen Rechten und Zubehörden.

Im Jahr 1463 war besagte Herrschaft von der Familie von Klingenberg an die Herren von Bodman und Jungingen für 10.000 fl. rhein. verkauft worden; 17 Jahre später aber brachten die Herren Albrecht, Eberhard und Kaspar von Klingenberg zu Hohentwiel das Ganze wiederum an sich, worauf sie es dem Ritterhaus Mainau für die Summe von 12,000 fl. überließen. Zur selben Zeit war Wolfgang von Klingenberg Landkomtur des Deutschordens im Elsaß.

Was andere Herren noch im Blumenfeldischen besaßen, suchte der Orden nach und nach ebenfalls an sich zu bringen. Während die Verhältnisse der Herrschaft zu den Nachbarn und einigen Untertanen durch Verträge geordnet wurden. Das kleine Städtlein Blumenfeld liegt ungefähr neun Stunden von Mainau, im Hegau. Aus einem engen Tale erhebt sich ein steiler Hügel, auf dem das ehemals deutschordische Schloß ruht, umgeben von Nebengebäuden und Wohnhäusern. Der Gesamtanblick erinnert an eine merianische Darstellung – an das vielgestaltete, enge, fehdereiche Mittelalter, dessen Überreste stets ein Gefühl der Romantik erwecken. Das Schloss enthält interessante Lokale; sehr hübsche Vorplätze mit Welschkaminen aus der Renaissance, ebenso einen schönen Erker. Es ist gegenwärtig der Sitz eines großherzoglichen Bezirksamtes. Der Himmel möge dem alten Bau sein ritterliches Ansehen bewahren.

Auch zu Immenstad erwarb sich die Ritter Güter in dem Zeitraum von 1422 bis 1622. In Jettenhausen aber vergab Hermann von Raderach 1250 dem Orden den Kirchplatz, und in Überlingen, wurde demselben im Jahre 1312 ein Haus mit Reben schenkweise überlassen. Auch Ankäufe kommen daselbst vor wie in den Jahren 1324 und 1350. Bald nachher (1357) wurde die Pfarrei zu Aufkirch, wohin Überlingen gehörte, vom Papst dem Ritterhaus Mainau, einverleibt.

In Lippersreute erwirbt der Orden von den Johannitern in Überlingen den Haupthof, zu welchem Zwing und Bann und Kirchplatz gehört. Zu Mindersdorf kommt 1362 das Reichenauische Besitztum gegen das mainauische zu Wollmatingen an die Ritter und 1292 vergab ihnen Heinrich von Deutingen den Kirchplatz zu Pfaffenhofen.

Im Hermannsberg verwilligte 1360 der mainausche Komptur und Ulrich von Königseck vier Klausnerinen, sich auf der ordentlichen Hofstatt niederlassen und ansiedeln zu dürfen. Von dem an besteht dort ein Klösterlein bis in die neuere Zeit. War nun hiermit ein wohl begründeter und weit unterlassener Besitzstand hergestellt, so mußte, um ihn ungeschmälert zu erhalten, noch für hinreichenden Schutz und Schirm von oben gesorgt werden. Wer aber konnte solchen wohl nachdrücklicher gewähren als das mächtige Erzhaus Österreich? Der Kaiser selbst? Der sogenannte Schirmbrief, den das Haus Mainau von dort sich erwirkt hatte, enthielt die vertragsmäßige Zusage, dass Österreich das Haus bei seinen rechten Gütern und seinem Frieden schützen wolle und vieles mehr.

Als daher die Mainauer (1473) mit Itelhans von Stoffeln ihrem Nachbarn „in eine Vehd und Feindschaft“ gerieten, weil derselbe mit seinen Gesellen das Haus und dessen armen Leute leibeigene Untertan mutwillig angriff und schädigte, nahm der mainausche Komtur Georg von Neuhausen seine Zuflucht zu dem österreichischen Herren Räten in Konstanz mit Berufung auf den Schirmbrief. Die Räte versprachen Hilfe mit dem Beding, wenn man von Mainau aus in etwaigen Kriegsfall des Erzhauses mit Häusern, Schlössern und Leuten ebenfalls Beistand leisten wolle. Der Deutschorden Landeskomtur aber meinte, dies würde dem Orden schwerfallen bei den Kriegen Österreichs mit den Eidgenossen. Das meiste Ordensgut liege dort oder in der Nachbarschaft und es könne leicht kommen, dass es der Orden verlöre. Die Räte würdigten diesen Grund und nahmen die Eidgenossen aus. Dem Stoffler wurde hierauf von Nellenenburger (österreichischen) Vogte geschrieben, er möge die Mainauer fortan unbehelligt lassen.

Eine Ernennung dieses Schutzverhältnisses fand statt im Jahre 1523 Erzherzog Ferdinand von Österreich im Namen seines Bruders, des Kaisers Karl der Fünfte, nimmt den Komtur Rudolf von Friedlingen, Gebieter des Deutschordens-Ballen Elsaß, mit seinen Freiheiten, Leuten und Gütern in den Schutz des Hauses Österreich. Dagegen soll das Haus Mainau in allen „offenen Vehten und Kriegen“ des Erzhauses dessen offenes Haus sein – Vor der Hand auf 35 Jahre. – Vom Jahr 1521 findet sich weiter ein Schreiben des Statthalters der Regierung zu Innsbruck und den Hauskomtur Sebastian von Stetten des Inhalts:“ er (der Statthalter), habe vernommen, wie das Haus Mainau mit den Leuten und Nothdürften so wohl versehen sei ,und welcher gute Wille sich dort zeige, um dasselbe Haus bei Reiche zu erhalten, und bei den Schirmverwandtniß mit dem Erzhause. Das solle kaiserlicher Majestät gemeldet werden.

Mögen Streit und Fehden im Mittelalter auch häufig gewesen sein, den Fortschritt der Kultur, Wohlstand und Behäbigkeit im Ganzen störten sie nicht. Anders verhält es sich mit dem 30-jährigen Krieg. Sein tief einschneidendes Weh brachte Ruin und Verdruss über alle Teile des Reiches. Besonders aber war es die Gegend, welche alle Drangsale jeder langwierigen Kriegszeit auszustehen hatte. Im Jahr 1633 erschien zum Ersten Mal eine schwedische Armee unter Feldmarschall Gustav Horn am See. Sie mußte jedoch nach fruchtloser Belagerung der Stadt Konstanz vor der heran kommenden kaiserlichen Übermacht sich zurückziehen. Im folgenden Jahr kam der Feind unter Horns Oberbefehl zum Zweiten Mal in die Gegend. Die Stadt Überlingen hatte den ersten Sturm auszuhalten, der jedoch von einer tapferen Garnison und Bürgerschaft mutvoll aufgeschlagen wurde. Radolfzell und Buchhorn waren die einzigen Orte am See, die in die Gewalt der Schweden fielen. In Bregenz, Lindau, Überlingen und Konstanz lagen Kaiserliche. Die Schlacht bei Nördlingen brachte das schwedische-weimarische Heer abermals zum Abzug.

Nach großen, wechselvollen Kriegsläufen wurden die Seeufer bald wieder der Schauplatz furchtbarer Kämpfe und Verheerungen. Die schwedische Armee, von Wrangel commandiert, eroberte 1646 die Bregenzer Klause und belagerte Lindau, dessen Besatzung sich mannhaft und siegreich verteidigte.

Die Mainau war bisher von feindseligen Besuchen verschont geblieben. Bereits im Jahr 1632, als der Schwede zum ersten Mal in die Gegend kam, hatte der kaiserliche Obrist von Ossa die Garnison von Überlingen nach dieser Insel geführt, welcher Letztere, wie auch die benachbarte Reichenau, von den Kaiserlichen gut befestigt wurde. Doch scheint man nach Abzug des Feindes wiederum sehr lässig geworden zu sein. Der Landkomtur zu Altshausen schrieb deshalb 1642 An den Komtur Johann Werner Hundbiß von Waldbrahms zu Mainau. „Das Geschrei wegen bevorstehender Gefahr werde immer größer, sei auch kein Wunder, denn man könne nicht bemerken, dass irgendeine Anstalt zur Ab- oder Gegenwehr gemacht werde, was doch vermittelst der Garnisonen zu Lindau, Konstanz, Zell und den Bregenzischen Bauern unschwer geschehen könnte. Es verlautet, dass zu Hohentwiel viele Schiffe ausgerüstet würden, woraus zu ersehen, dass es auf ein und anderen Ort am See abgesehen sei.“

Von gleicher Besorgnis geleitet, schrieb auch 18. Oktober 1642 der Rat von Konstanz an den komturischen Amman zu Almansdorf. „Nachdem dem Commandanten Widerhold zu Twiel die geforderte Contribution von der Stadt und dem Bischof abgeschlagen worden, sei derselbe Vorhabens, sie mit Abbrennung der Weintrotten, Häuser und anderer Gebäude, auch Verderbung des von Gott erhaltenen leben Weinnutzens, feindlich zu verfolgen. Daher verstehe man sich zu den kompturischen Unterthanen nachbarlich, daß sie dem Commandanten den Paß durch das orden’sche Gebiet nit werden offen lassen, sondern zur mehreren Versicherung des geliebten Vaterlandes (da ja eine Nachbarschaft der anderen in solchen Fällen mit behülflich an die Hand gehen soll) durch Fällung der Bäume alle Wege, außer der Landstraße, verlegen werden, damit man in Konstanz mit einstmals übereilt, sondern zeitgleich zur nöthigen Defension gelangen möge.“

Als das vorausgesehene Kriegswetter wirklich über den See ausgebrochen und zuerst über Lindau sich entlud, schrieb am 15. Jänner 647 der dortige kaiserliche Commandant, Graf von Wolfeck, an den Komtur von Hundbiß zu Mainau: „Er habe aus erheblichen Ursachen schon früher begehrt, seine darunten (zu Mainau) liegende Mannschaft durch die von Kostischen Knechte ablösen und nach Lindau in die Festung folgen zu lassen, indem von der besseren Verwahrung dieses importierenden Postens das Heil der übrigen Seeplätze abhänge. Er ersuche daher wiederholt den Herrn Komtur, das Interesse des kaiserlichen Kriegsdienstes zu erwägen, und dieser Ablösung keine weitere Verhinderung zu machen.“

Dieses Verlangen des Kommandanten wurde am 19. Jänner wiederholt, mit dem Anfügen: daß auch die Munition, Stück und Schiffe von Mainau nach Lindau möchten salviert werden, damit dortige Garnison den Nutzen davon haben, der Feind aber, im Fall er Mainau begkomme, sich solcher Vorteile nicht bedienen könne.

Dem Komtur wolle aber dieses nicht einleuchten.; er antwortete deshalb (unterm 20ten) dem Commandanten: „Auch die geringe Verfassung von Mainau zuzugeben, finde er doch nicht, daß man dem Feind so geschwind solle Tür und Tor öffnen. Durch Verlassung von Mainau würden dann Ueberlingen und Konstanz auch gefährdet werden. Er hoffe, dem Feind zu widerstehen und ihn bis zu einem Succurs wenigstens aufzuhalten.“

Unter solchen Verhandlungen war der 11. Februar herangekommen. Das sah man von Mainau aus eine Flottille geraden Weges den See herabsegeln und auf die Insel lossteuern. Es waren Schweden, welche von der noch immer belagerten Stadt Lindau her kommend, die Mainau anzugreifen trachteten. Ihre Ausrüstung bestand aus elf größeren und zwei kleineren Fahrzeugen, die 1000 Musketiere und vier Stück an Bord hatten.

Die Insel schützten südöstlich und westlich wohl angelegte Schanzen sowie eine doppelte Reihe föhrender Pfähle rings um die Ufer das das Landen verhindern solle. Doppelte Mauern und Gräben umgaben von drei Seiten die Schlossgebäude, während gegen Nordosten die steile übermauerte Burghalde Schutz genug gewähren mochte; 14 stete Thürme vollendeten der das ganze Vertheidigungswerk.

Gleich bei der Ankunft des feindlichen Geschwaders verließen die Kaiserlichen die westlichen Schanzen, und auch die Verteidigung aus den übrigen vermochte nicht die feindliche Landung zu verwehren. Des anderen Tages schon wurde das Schloss teilweise genommen, und am vierten kapitulierte der Komtur, Obristleutnant von Hundbiß, mit Überlassung der Insel an die Schweden. Der Besatzung war freier Abzug zugesagt, das Versprechen aber nicht gehalten worden.

Der Komtur wendete sich daher am 16. Februar schriftlich an Feldmarschall Wrangel: „Er werde sich seiner Zusage erinnern, was maßen er ihm (dem Komtur) seiner Mannschaft, bei der gezwungenen Abtretung des Postens Mainau schriftlich und mündlich freien Abzug zugesichert. Nun aber seien seine Soldaten zurückbehalten worden; er bittet daher um ihre Auslieferung, damit ihm bei Seiner Majestät nicht Etwas zur Verantwortung gereiche.

Ob diesem Verlangen gewillfahrt worden, wird in dem Akten nicht gesagt. Wohl aber findet sich in einem Schreiben des Landlomturs aus Hizkirch an den Erzherzog Hochmeister Einiges über die Einnahme der Insel. Der Landkomtur meldet dem Hochmeister „daß mit dem Ruin des ganzen Schwabenlandes auch ihm, (dem Landkomtur) sein Haus Altshausen mit Zubehör, Dörfer und Unterthanen so verderbt worden, daß nichts mehr übrig, als der Brand, und er sich kurz vor Ankunft des Feindes in die Mainau retirirt, und daselbst bis auf den unvorhergesehenen Übergang von Bregenz aufgehalten; als nur der Feind viele Schiffe ausgerüstet und damit angefangen, den Bodensee unsicher zu machen, Lindau zu belagern, Ueberlingen zu blockieren x, habe er sich wegen hohen Alters und Leibesbeschwerden in die Eidgenossenschaft begeben, in Hoffnung, es solle der Posten Mainau desto besser mit Lebensmitteln versehen und füglicher defendiert werden. Der listige Feind aber habe durch ein Strategem diesem Posten, welcher wegen Mangel an Mannschaft nicht gehalten werden konnte, alle Succursmittel abgeschnitten und durch Schießen, Stein- und Granatenwerfen, auch Sprengung einer Mine, den Herrn Komtur gezwungen, den Platz per Accord zu übergeben.“

Den Siegern waren große Schätze in die Hände gefallen, Messgewänder und Edelsteinen besetzt, herrliche Pokale, Gold und Silbergeschirr, auch fünf halbe Karthaunen, alles zusammen 5 Millionen Gulden an Werth.

Im März desselben Jahres mußte Wrangel die Belagerung von Lindau wieder aufgeben und sich nach Ravensburg zurückziehen. In Mainau, Langenargen und dem Schlosse Neuenburg bei Gosiz lagen noch schwedische Besatzungen. Die Kaiserlichen erschienen wieder am Bodensee. Eine Abteilung 300 Mann, die von Villingen nach Konstanz kommen waren, rüsteten 17 Schiffe aus, um von Lindauern unterstützt, einen Angriff auf die Mainau zu wagen. Aber die Schweden schlugen die Stürmenden tapfer zurück und machten überhaupt mit ihrer Flottille bald den ganzen Bodensee unsicher. So ging es fort bis zum Frieden des Jahres 648. Am 30. September verließ die schwedische Besatzung auf Mainau unter klingendem Spiel, laut eines Accords, die Insel.

Der See öffnete sich wieder dem Handel und der Schifffahrt, und alles schien das alte harmlose Ansehen gewonnen zu haben. Doch aber war solches nur eine Täuschung. Die Wunden, durch den langen Krieg geschlagen, brauchten manch Jahrzehnt um nur oberflächlich zu heilen. Nicht der dritte Unterthan hatte ein Bett mehr. Vor dem Kloster Weingarten lagen, wie Gustav Schwab berichtet, noch in der Winterkälte des Januar 1649 verlassene, unschuldige Kinder und flehten jämmerlich um Brod und Obdach.

Auch die mainauischen Hausacten wissen von Schäden und Wehen zu erzählen. „Betreffend den Selbstbau in der Insul“, berichtet der mainausche Hausmeister an den Landeskomtur im Jänner des Jahres 1638, „kann und mag derselbe bei so starker Haushaltung wenig erklecken. Denn wenn man wiederum über Herbst (davon) säät, die Haushaltung davon führet, wie auch das wöchentliche Almosen, (welches bei so schweren und theuren Zeiten niemalen abgebrochen, sondern jederzeit treulich geraicht worden) erstattet, kann Ew. Exzellenz dero hochbegabtem Verstand nach selbsten gnädig ermessen, daß wenig mehr übrig bleibt.“

Vor diesem hat man den Dienern in den Gesindtstuben jedem fünf kleine schwarze Brote täglich gegeben, weil man es aber bei so geringem Einkommen und schlechten Fruchtwar nicht mehr continuiren konnte, hat sich jeder, wie auch noch, mit zwei Brot täglich contentieren müssen.“

„Zu Allmansdorff und Dingelstorff liegen beide Kelnhöfe, wie auch andere güether, sodann zu Oberndorff und Lüzelstetten, etliche Höff ganz wüst; davon seyndt jeden orts etliche tausend ackers vom Hauß aus angeblümt worden, weil aber dieselbe durch die vorigen Inhaber wegen beschwerlichen lang gewehrten Kriegsläufen (und weil ihnen ihr Vieh und Roß viel unterschiedliche mal, sowohl von Freund als auch Feind genommen) mit der gebühr nach gebawen werden mögen, und man die Mittel auch noch nicht hat, gemelte Güter mit s.v. Tung zu versehen, ma der Nutzen von denselben etwa auch wenig thun. Zudem so seyndt die Sommerfrüchten wegen der großen Hitz noch gar dahinden geblieben, und hat mancher den Samen nicht mehr bekommen. Es seien zwar zu Allmannsdorf ein guter Teil Felder von den Untertanen anblümt worden, es gehört aber der mehrenteil Zehnten dasselbsten dem groß und kleinen Spitel zue Konstanz und dem Gotteshaus Reichenau.“

„Zue Egg seyndt unter wehrender konstantzischer Belägerung von dem Feind die Mühle darselbsten neben dreien Häusern und einer Scheune abgebrannt worden.“

Zu Litzelstetten seien die Untertanen unter erstgemeldeter Belagerung auch gänzlich ruiniert und spoliert, und als man die Stadt Radolfzell von Lindau aus plogieren wollen, aber unverrichteter Sachen wiederum abziehen müssen, hat der Feind dem Kahs. noch nachgesetzt, Selbiges bei und um Litzelstetten erdapt, teils beschädigt, teils gar niedergemacht, und elf Häuser in Brand gesteckt.“

Zu Dingelsdorf hat es der Unterthanen halben eine gleiche Verwandten ist wie oben, und stehen desselben auch auch unterschiedliche Häuser ganz öd und wüst.“

Zu Tetingen und Walhausen wird von diesem auf die 60 bis 70 Unterthan gewest, und unizo befinden sich doch 20 daselbst; und Feind dieselbe des Feindes Gefahr, als die weit entseßenen, am aller mehrischen unterworfen gewesen. Zue vorgemeldetem Tetingen stehen uff die 27 Häuser ganz öd, so von niemandem bewohnt werden.“

„Zu Walhaußen feind bey wehrender feindlicher Belagerung der Stadt Konstanz, außerhalb dreyer Häuser, alle übrigen samt dem Torckel (Kelter) verbrennt worden.“

„Der Hof zu Mülhalden liegt gleicher gestalt, ganz öd und wüst, von niemandem bewohnt.“

Zue alten Burg und Neuhauß hat es von diesem eigne Haushaltungen, Knechte und Mägde, Roß und Vieh und stattliche Äcker, Gebäu, ja sogar bei gemelter Burg eine eigene Sennerei gegeben, deren Ross und Vieh, wie auch auf die 200 wägen mit Heu alles in Feindeshand kommen. Die Güter liegen nun von etlichen Jahren her öd und wüst und können dieselbe wegen Mangel der Vorlagen (Ausslagen), Item wegen Mangel an Leuten und Rossen nit gehörig gebawen werden, sodann müssen beede mit einem Paar Chevolk (Dienstboten) bestellt werden.“

Durch das langegewehrte Kriegswesen feind sind vil Unterthan verjagt, Hungers gestorben und verdorben, und was noch übrig geblieben, hat der liebe Gott hernach durch die leidige contagion (Pest) hinweggenommen. Welches verursacht, dass bei so wenigen Leuten die Reben nicht mehr alle gebawen werden mögen, und liegen sonderlich zu Dinglstoff, Tetingen und Walhaußen ein guter Teil Reben von etlichen Jahren her ganz öd und wüst, und es sieht ihme gleich, es werde noch kein Aufhören sein; denn ein armer Rebmann der eigene Reben hat und wolt dieselbe gern bawen, hat daselbst nichts zu essen. Wann er nun Weib und Kinder mit Ehren fortbringen und erhalten will, wird er getrungen, andere Reben anzunehmen und die seinen wüst liegen zu lassen. Baut aber der gemeine Mann seine eigene Reben und gibt den Wein auf Rechnung, so wird besagte Rechnung bei guten Jahren also spottwolfeil gemacht, dass er das ganze Jahr sein Müh und Arbeit schier vergeblich anwendt und nichts damit ausrichten kann.“

„In guten Jahren hat man allzeit bei dem newen Hauß einen aignen Ziegler gehabt; weil aber die Mittel anjezt hierzu mangeln, hat man damit, wie auch noch, innhalten müssen. Interime aber gehen die Dächer, sowohl bei dem Haus Mainau, Burg, Rewenhaus, Rohhaußen und anderen Orten übel zue Grundt; und wären auch unterschiedlicher orten allerhand bauselligkeiten bei besagten Haus Mainau zu reparieren, welches man alles wegen Mangel der Vorlagen einstellen und allein dahin sehen muß, wie das Hauswesen und der Rebbau vortgebracht werden möge. Sintemalen man alles, was man zur menschlichen notdurft vonnöthen, tewer erkaufen muß, und hierzu keine andere losung hat, als den Wein, in welchem gar kein Vertrieb mehr vorhanden.

„Vor diesem hat es zu Almanenstorff 13 bis 15, zu Litzlstetten 8, zu Dingelsdorf acht und zu Tettingen auf die 13 Züg gehabt, anizt kann man in den Oberen und underen Gerichten mit deren 13 zusammenbringen; und es scheint die Roß also beschaffen, dass wenn sie einen Tag zu acker gehen oder andere Arbeiten verrichten, daß sie den nächsten Tag wiederum rasten müssen.“

„Bei dem Haus allhier befinden sich noch uff die 17 Stuck Vich, junges und altes, und 12 Zugroß, welches sich allein mit rowem und saurem Heu behelfen müssen und keinen Hafer haben“

Die Zehenden zu Jettenhausen, Ober- und Unterraderach und Lewenthal haben etliche Jahr her gar nichts ertragen, liegt alles ohngebaut. Lewenthal und Hoffen sind verbrannt, die anderen in Grund ruiniert, die Leut gestorben und verdorben, und die wenigen übrig gebliebenen durch die leidige Pest dezimiert.“

„Im übrigen werden die Untertanen fast allerorten von den fremden mit geistlichen und weltlichen Gerichten stark tribuliert; es will eben niemand mehr mit dem anderen Gedult tragen. Das verursacht, dass sie zu haußen schlechte Luft, und wann nicht bald remedirt und mit dem vielfältigen Tribulationen inngehalten wird, der mehrerteil Untertanen Haus und Hof verlassen und davonziehen müssen. Man will die langgewehrte Kriegspressuren und den Ruin, da man doch die Unmöglichkeit vor Augen sieht, gar nit in Obacht nehmen und considerieren.“

“ Im Wein ist fast gar kein Vertrieb, und wird von dem Kauf- und Handelsleute aller orten ein solcher Spott darauf gelegt, sonderlich wo sie wissen, daß man gedrängt, daß zu besorgen, der liebe Gott werde uns noch alle strafen, daß man die Gnad Gottes also verachtet. Die vermögenlichsten Unterthanen, sonderlich in oberen Gerichten, haben fast alle etwas weniges Wein in Kellern, und wo einer in die Stadt Konstanz etwas schuldig ist und erbittet sich, daran Wein zu geben, so hat gemelte Stadt ein Statutum gemacht, daß kein Bürger fürderhin Wein mehr hinein führen darf. Wie ich berichte, solle verwichenen Herbst bei allen Toren auf die 7000 fueder Wein in die Stadt kommen und sonsten noch ein schöner Vorrat an altem Wein vorhanden sein. Dieweil aber die Untertanen kein ander Mittel als den Wein haben, dasselbe aber für diesmal nicht angenommen, noch anderen Orten verkauft werden kann, so werden sie obengezogener maßen umb die baare Bezahlung tibuliert.“

„Dieweil man den Untertanen von dem Haus Mainau zum fuccurieren die Mittel nicht hat, werden sie notgedrängter Weis verursacht, die Hülf anderer Orten zu suchen, welches aber mit ihrer der Unterthanen großer beschwerd geschieht; dann wenn man weißt, dass man gedrängt, wird keinem nichts vorgeliehen, wenn der Verleiher mit doppeltem Gewinn oder Profit dabei hat, und wann einer mit Weib und Kind nicht Hunger und Mangel haben und leiden will, muss er diesen weggeben. Vor wenigen Wochen hat zudem der liebe Gott in den oberen und unteren Gerichten eine Krankheit unter das Vieh verhängt, dass dasselbige gällig worden, und ein guter Teil entweder mit Schaden, oder noch etwas wenigem Nutz weggeschafft werden mueßte.“

„Demnach wird F.Fr. auß obengezogenen Punkten dero hocherleuchtem Verstand noch selbst gnädig ermessen können, weil bei allerorten mangelnden Zins- und Fruchtgefällen ,Abgang der Reben und Felder, Mangel der Leut, Roß, Vieh und anderer Notwendigkeitenn die Schuldigkeit wie zuvor nicht mehr erstattet werden kann, wie beschwerlich man bis dato gehauset und noch hauset, sintemalen ausser des geringen Selbsthawens in der Insel und etliche außerhalb angebliemten Jaucherten Ackers, konnten einige Fruchtmittel nicht vorhanden, sondern alles durch Verkauffung des Weins, bei dem ganz und gar kein Vertrieb, zuwege gebracht werden muss. Anno 1636, Weil die Früchten allerorten so übel gefehlt hat man für die Haushaltung hernach ein halb Jahr alles bis zur Ernte erkaufen und in hohem Geld bezahlen müssen. Mit Früchten sind wir dem ungefähren Überschlag noch bis in Monat April versehen, hernach wird man auf Mittel bedacht sein, woher man die fernere Vorlag nehmen wolle.“

Aus den Amt. Blumenfeld ist seit anno 1631 an Geld und Früchten nichts, als ferndt und dies Jahr etlich wenig Malter hierher geliefert, wie es nun bei selbigen Amt und den Unterthanen beschaffen, werden F.Fr. uß Herrn Obervogt daselbsten hie beigelegtem Bericht gnädig vernehmen.“

„Aus dem Amt Überlingen ist gar nichts hierher geliefert, sondern ist an Geld und Früchten von etlichen Jahren her so viel nit eingegangen, dass die Priester und ihren corpora, und den Herren Kapucinern ihr wochentlich Almueßen allzeit gereicht werden mögen; wie man das Einkommen jetziger Zeit beschaffen, das belieben F.Fr. uß Herrn Obervogt zue Hochenfels übersandten ungefährem Überschlag gnädig abzulesen.“

Sonsten kann ich wohl mit Wahrheit schreiben“ schließt der Bericht, „dass man einer von etlichen Jahren in diesem Revier gewesen, und anizt widerumben dahin kommen sollte, er sich selbsten nit mehr erkennen würde, so ist alles verwildert und verwachsen.“

„Und doch war dies nur der Anfang der Wirren, wie ma es wohl nach dem Jahr 1848 ausgesehen haben! Einen beiläufigen Maßstab, wie durch den Eintritt des Krieges plötzlich alles ins Stocken geraten, gibt eine Übersicht der Mainauischen Zinsrodel. Anno 1632 z.B. betrug das Einkommen aus dem komturischen Amte Überlingen:

in Geld 53 £,
Zehnt-Besen 177 Malter
Zehnt-Roggen 104 Malter
Zehnt-Hafer 103 Malter
Landgrab-Besen 43 Malter
Landgrab-Roggen 32 Malter
Landgrab-Hafer 42 Malter
Hühnern 693 Stück
Eiern 1590 Stück

Drei Jahre später gingen jährlich im ganzen kaum noch 25 Malter Getreide ein, und an Hühnern, Eiern und barem Gelde gar nichts. Auch finden wir, dass der Güterwerb des Ritterhauses von dem 30-jährigen Kriege an fast gänzlich aufhört.

Der Orden im allgemeinen hatte um jene Zeit bereits viel von seiner politischen Wichtigkeit eingebüßt, nachdem er im Laufe der Zeit zu großen Reichtümern gelangt war und zu Anfang des 15. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hatte, ging es allmählich mit der alten Kraft und Sinnmüthigkeit abwärts.

Um das Jahr 1229 erbaten sich die Polen die Hälfte des Ordens gegen die Preußen, welche nach 53-jährigen Kampfe die Oberhoheit der deutschen Ritter anerkennen und dem Christentum huldigen mußten.

Ein großes Verdienst haben die tapferen Ritterbrüder um die Germanisierung der slawischen Länder am baltischen Meere. – Als im Laufe des 16. Jahrhunderts diese Ländereien eine Beute der Polen und das Heldenschwert der christlichen Verbrüderung allmählich stumpf und schartig geworden, nahm, wie oben erwähnt, der Hochmeister seinen Sitz in Mergentheim, in denen er zugleich die Würde eines geistlichen Reichsfürsten bekleidete. Er herrschte über ein in verschiedenen Ländern zerstreut liegendes Gebiet von etwa 40 Quadratmeilen, aufgeteilt in elf Commenden.

Von Zeit zu Zeit liehen die Ritter ihre Waffen nach den Kämpfen gegen den gefürchteten, weiter vorrückenden Halbmond. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als die Türken die venezianische Insel Kandia angriffen, waren die Päpste eifrig bemüht, die Hilfte der christlichen Potentaten und Herren zu gewinnen. – Papst Clemens der Neunte wendete sich im Jahre 1668 den 3. März schriftlich an den Hochmeister des Deutschordens, Graf von Stadion, mit der dringenden Bitte um baldige Hilfe. Die Art und Weise, wie diesem Gesuch entsprochen worden, gibt ein nicht uninteressantes Bild von der damaligen Wehrverfassung des Ordens.

Der Hochmeister schrieb auf das päpstliche Ansinnen, dem Komtur von Elsass und Burgund Hartmann von Roggenbach zu Altshaußen : „Obwohl man gegenwärtig im deutschen Vaterlande selbst sehr bedrängt sei und löschen solle, wo das Feuer am nächsten brennt, so wäre er doch der Meinung, dass dem Begehren des Papstes entsprochen werden solle, und zwar mittels Sendung einer Kompagnie zu Fuß, eine solche einzurichten komme auf etwa 6000 fl., und zu unterhalten nicht viel über 1000 fl. monatlich. Doch gebe er zu bedenken, ob nicht auch dem Wunsche des Papstes mit einer Geldsendung entsprochen werden könne, da das Anwerben einer Mannschaft jetzt, wo allenthalben für den Kaiser nach Spanien geworben werde, ziemlich schwierig sei und viel Zeit erfordere, die Hilfe aber verlangtermaßen schnell geleistet werden müsse.“

Der Komtur entschied für Anwerbung einer Kompanie von circa 130 Mann, „welches dem Orden an reputierlichsten und auch nützlicher als Geldsendung sein möchten, die, wenn sie nicht sehr groß, wenig beachtet und halb vergessen sein werde.“-

Nach längerem hin- und her schreiben kamen endlich die Majora überein, dass der geforderte Beistand in einer Volkshilfe bestehen und der Offizier, dem die Führung anvertraut werden solle, ein mit dem Kriegshandwerk vertrauter Ritter aus dem Orden sein müsse, ebenso auch der Fähnrich. Der ausgeschlagene Geldbetrag für Mainau und einige andere Ritterhäuser betrug 1000 fl. Unter den zwölf Häusern war Altausen das höchstbetreffende mit 300 fl., das geringste Kaisersberg mit 4 fl. 6 Kreuzer. Die Kompagnie zu 150 Mann samt dem Generalstab wird in monatlichen Sold zu 733 fl. berechnet, jährlich zu 8796 fl. Anwerbungskosten per Kopf 18 fl..

Am 24. September benachrichtigte der Komtur zu Mainau, der das Werbegeschäft zubesorgen hatte, die Komture zu Freiburg, Ludach und Nixen: „daß sie von sämtlichen Komturen des Ordens bewilligte Kompagnie vollzählig sei und nächstens ausmarschieren werde. Er bittet daher um die aufgeschlagenen, von ihm einstweilen ausgelegten Geldbeiträge und hoffe, man werde ihn nicht stecken lassen, da ja allerwärts ein guter Herbst zu hoffen.“

Im November kam die Mannschaft auf Kandia an. Die Gelder zu ihrer ferneren Verpflegung, wurden nicht ohne vieles Hin- und Herschreiben von den betreffenden Summen ausbezahlt. – Unterm 20. März 1689 berichtet der Kompaniechef, Leutnant von. Metzhausen, dem Deutschmeister, das Zusammenschmelzen der Kompagnie auf 154 Köpfe und fragte an, ob man die Mannschaft nach Ablauf des Jahres zurückziehen oder wegen dringender Gefahr noch ein Jahr belassen solle. Von der Commende Mainau erging die Antwort, „die Kompagnie habe zu bleiben und die Unterstützung werde fernerhin ausbezahlt werden.“

Als im November desselben Jahres die Veste Kantia durch Kapitulation an die Türken übergegangen, wurde die Kompagnie entlassen und nach Corfu eingeschifft, dem Orden aber von der Republik Venedig für bereitwillig geleistete Hilfe gedankt. Das Korps, nur noch aus 80 Köpfen bestehend, hatte auf dem Heimzug viel Ungemach und Unglück zu bestehen. Nachdem es auf dem Meere Schiffbruch gelitten und von dem venezianischen Podesta sehr schlecht behandelt worden war, zählte es nur noch 49 Mann, die ihren Marsch nach Mergentheim nahmen. Aber auch diese geringe Zahl verringerte sich bis dahin, (wahrscheinlich durch Ausreißerei) auf 31 Köpfe. Es ward beschlossen, die Mannschaft bedenklicher Zeitläufe wegen noch ferner auf den Beinen zu behalten und nach Mainau zu schicken.

Als der martialische Zug gegen Ende des Jahres 1670 sich seinem Bestimmungsorte näherte, führte der österreichische Kommandant zu Konstanz einige Beunruhigungen und ließ auf meine Anfragen, was es mit dem heranziehenden Fähnlein von 30 Mann auf sich habe, damit er solches Kaiserliche Majestät berichte.

Der Kontur setzte den Deutschmeister von der Anfrage in Kenntnis und machte nebenbei den Vorschlag allgemein bedenklicher Zeitumstände wegen, die Insel wiederum zu befestigen und mit Munition zu versehen. Der Deutschmeister erwiderte, die österreichischen Bedenken seien beseitigt, und die Befestigung der Insel aber werde gutgeheißen.

Die wackeren kandischen Veteranen zogen also in Mainau ein, doch scheint ihnen der Friedensdienst auf dem stillen Eilande nur wenig behagt zu haben. Denn schon nach einigen Wochen war man genöthigt die Mannen von etlichen Ausreißern in Altshausen und Mergentheim („da in Mainau kein dergleichen hohes Obrigkeit Signum vorhanden“) an den Galgen schlagen zu lassen und andere Mannschaft dafür zu werben. Trotz der guten Verpflegung und den neuen Uniformen von grauem Tuch glaubten die Unteroffiziere noch Ursache zu haben, sich beklagen zu dürfen, und über Wachdienst, den sie in Ermangelung der Gemeinen tun mußten, deren eine Hälfte nach Mergentheim geschickt hatte. Und als der „Kompagnie-Feldherr“ wegen gröblicher Insubordination und weil er sich so weit vergessen, den Bedienten des Komtur zu prügeln, seines Dienstes entlassen und mit Frau und Kindern über den See geschafft wurde, schien man der Soldateska auf Mainau als alsgemacht herzlich überdrüssig. Der Rat zu Mergentheim schickte zwar, um strengere Zucht einzuführen, die Kriegsartikel ad normam, überschrieben: „Der Kaiserlichen Majestät und heiligen römischen Reichs Teutscher Knechten Artikuln, Speyer 1570,“ aber der Komtur glaubte, dass es besser sein möchte, sich der kostspieligen Last ganz zu erledigen, in welchem Sinne er sich wiederholt an den Deutschmeister wendete.

Zur gleichen Zeit, 1673, beschäftigte sich der Komtur angelegentlich mit dem Entwurfe seiner Allianz mit Österreich im Falle eines Bruches mit Frankreich, gegen welches Kaiser Leopold I. zu Gunsten Hollands in die Schranken trat. Dem Entwurf zufolge sollte keine andere als kaiserliche Besatzung auf Mainau zugelassen werden, auf welch letzterer der Kaiser blos das jus praesidii ohne alle jurisdiktion und nicht länger als bis die Gefahr vorüber haben solle. „Müsse die Insel befestigt werden, so habe der Orden nichts daran zu tragen, und nach dem Frieden müsse alles in statu quo im Zeughause hergestellt und die Verfestigung nicht demoliert, sondern dem Orden überlassen werden. Ebenso soll den Rittern die Retirade nach Mainau beständig offen gehalten werden. Dagegen verpflichtete sich das Haus Mainau entweder einen Ausschuss von Untertanen oder, was am verständigsten sein werde, sein zum schwäbischen Kreis erforderliches Kontingent einzuwerfen.“

In wieweit dieser Entwurf zur Ausführung gekommen, ist aus dem Akten nicht mehr zu entnehmen. Gewiss ist aber, dass die Zeitläufte unserem Eilande keine hervorragend politischen Ereignisse weiter zuführen. Die Waffen rasteten und rosteten in den Rüstkammern, und die Nachfolger stets kampfbereiter Ritter verlebten auf ihrem ländlichen Besitzungen ruhige Tage im patriarchalischen Wohlbefinden, was bei der geringen Zahl von Untertanen und einfacher Verwaltung niemals durch große Regierungsgeschäfte unterbrochen wurde.

Im ganzen kann das deutschordensche Regiment ein mildes genannt werden. Die Untertanen waren „eigen“ und zu bestimmten Frohnden verpflichtet. Sie hatten aber sonst wenig Abgaben und immer reichliches Almosen und Unterstützung an Geld vom Ritterhause zu erwarten. Bis zur Aufhebung der Commnde wurden alle Samstage, das wöchentliche Almosen auf der Insel ausgeteilt, und weil die großen Einkünfte in späteren Friedenszeiten stets viel bares Geld übrig ließen, so erhielt der Bauer auf einem guten Leumund hin Vorschüsse und Kapitalien geliehen, die ihm, wenn er richtig zinste, nicht selten teilweise geschenkt wurden.

Besonders wird in dieser Hinsicht einer der letzten Komtur gerühmt, der „Graf Fidele“ von Wurzach. Der Wahlspruch dieses guten Herren war „leben und leben lassen“. – Als er einst in den großen Landkomturkeller kam und der Kellermeister in unterthänigster Ehrfurcht fragte, „was Ihre Gnaden für einen Wein zu trinken wünschten“?, antwortet der gnädige Herr ironisch „aus deinem Fäßle!“

Die Revenüen aus Gefällen und Zehnten (der Ertrag des Selbstbaus ungerechnet) sollten jährlich 30.000 fl. abgeworfen haben. Die Komture saßen allein mit ihrer zahlreichen Dienerschaft und den Beamten auf der Insel. Im Schlosse herrschte große Gastfreundschaft, und Gäste von Konstanz und den umliegenden Edelsitzen waren jederzeit willkommen und trefflich bewirtet, und dass es dabei nicht an guten Humor breche, dafür sorgte unter Graf Fidele, der Narr „Baron Quaker„. Dieser launige Kauz, so erzählt man, hatte eine große Vorliebe für Katzen, deren zur Sicherung der reichen Frucht, Speicher und Vorräte ein ganzes stehendes Heer auf der Insel unterhalten wurde. Er wußte diese Tiere durch natürliche Sympathie so an sich zu locken, dass sie ihm dutzendweise bis vor das Tor das Geleite gaben, wenn er ausging, um für die Herrschaft Botengänge zu machen.

Die Verwaltung der kleinen Landschaft war eine sehr einfache familiäre. Der Amtmann hatte keine Ortsdiener. Wenn bewohnt werden sollte, begab er sich bei Tagesanbruch vor die Häuser der Pflichtigen, wo er mit einem Pfiff und Namensruf den Unterthan zur Fron in die Mainau beorderte. Die verschiedenen ordentlichen Hofgüter wurden durch die sogenannten Bauleute auf Rechnung der Herrschaft umgetrieben. Die Handwerker und Dienstboten auf der Insel erhielten an Geld wenig Lohn, wurden aber dafür mit allem nötigen Lebensbedarf auf das Beste versehen. So große Verdienste die früheren Deutschritter um Ausbreitung christlicher, germanischer Kultur und Sitte sich erwarben, so wenig geschah unter den späteren behaglichen Herren für höhere Interessen der Nation, obwohl es ihnen weder an Muße noch Mitteln gefehlt hätte, für Kunst und Wissenschaft und anderes tätig zu sein. Doch in einer Zeit, wo der Nationalhorizont in allen Teilen so wässrig und trübe geworden wie im 17. und 18. Jahrhundert, der Deutsche wieder billigerweise nicht verlangen wollten, dass es an einzelnen Punkten ausnehmend hell und sonnig sein solle. Nachdem der Orden als seine politische Bedeutung verloren hatte, waren die Enden lediglich nur noch große Gutsverwaltungen mit gewissen Hoheitsrechten gegenüber der zugehörigen Bevölkerung.

Hier gehts weiter:

Hexenprozesse im Meistertum Mergentheim
In den Hexenprozessen im Meistertum Mergentheim wurden 584 Personen zwischen 1450 und 1665 wegen Hexerei, „Unholdtum“, Zauberei und Abfall vom Christentum verhaftet in vier Wellen von Hexenverfolgung in den Jahren 1590/91, 1601/02, 1617/18 und 1628 bis 1631. Nach heutigen Angaben überlebten 387 Menschen den Prozess nicht. Weitere acht starben in Haft. Lediglich 27 Verdächtigte kamen frei. Bis heute ist das Schicksal von 93 Personen unbekannt. Das Alter der Angeklagten lag zwischen elf und 70 Jahren. Wikipedia

Hermann von Salza, der IV. Hochmeister in den Jahren 1210–1239; Spätere historisierende Darstellung aus einer Chronik des 16. Jahrhunderts; Rüstung und Kopfbedeckung des Hochmeisters entsprechen nicht der dargestellten Zeit. Quelle: Wikipedia

Im 30-jährigen Krieg gelangte die Insel Mainau im Bodensee 1647 nach einer verheerenden Niederlage gegen die Schweden für einige Monate in deren Besitz. Unter Mitnahme alles Wertvollen – nur das sogenannte Schwedenkreuz blieb zurück – zogen die Schweden 1649 wieder ab. Foto: Böhringer Friedrich (Wikipedia)

Seekrieg auf dem Bodensee 1632–1648

Komtur Franz Fidel Reichserbtruchseß zu Zeil-Wurzach ist vermutlich 1805 gestorben:
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/NUXF4GVUZFDYIS6OOH7ET3TGVWDHFBLK
Über „Baron Quaker“ lässt sich leider nicht mehr finden.

Kleine Fürstenberg Spitzschnecke

Märzenschnecke

Artikel vom 16. Juni 2020

Bei einem Spaziergang auf dem Fürstenberg habe ich im Winter Kinder gesehen, die leere Schneckenhäuser der „kleinen Fürstenberg Spitzschnecke“ gesucht hatten. Und tatsächlich, es gibt dort sehr viele der wunderschönen marmorfarbenen Häusschen.

Also hatte ich mich im Frühjahr daran gemacht, diese Schnecke lebend zu finden, zu fotografieren und zu bestimmen.

Es ist eine Märzenschnecke und wird auch als Weiße Turmschnecke, Zebraschnecke oder Kaiserstuhlschnecke bezeichnet und gehört zur Familie der Vielfraßschnecken.

Märzenschnecke

Fotos aus den Jahren 2021 und 2022 sind aufgrund eines mangelhaften Plugins nicht mehr verfügbar.

Die Märzenschnecke bevorzugt sonnige und trockene Standorte wie Magerrasen und Weinberge. Deshalb wurde sie im Kaiserstuhl von den Winzern nahezu ausgerottet. Unsere Märzenschnecke hier lebt auf dem Magerrasen am Hang vom Fürstenberg.

Die Märzenschnecke wird in Deutschland als stark gefährdet angesehen und steht auf der Roten Liste Kategorie 2.

Wen es interessiert, was ich hier tue und wie die 16S rDNA sequenziert wurde, bitte hier schauen.

Zebrina detrita|24|42AF37
GTGCTATCCTGCCCGGTGATTTTGTTTAACGGCCGCAGTACTTTGACTGTGCTAAGGTAGCATAATCACTTGTCTTTTAAATGGGGACTGGAATGAAAGGATGTTTGGATTGAGGCTGTCTTCATACTACTTATATTAAATTGCTAAAGGGGTGAAAATTCCCCTAATGGAACATTAGACGAGAAGACCCTTAGAATTATTACAAAAATAGTGTTAACTATGAAGTGTTTGTTGGGGCAACAGGGTATTTATATAACATACTTATATATATATGTAAACAAGCAGATAATTTTATGCATGAATAATTACCTGAGGGATAACAGCATAATTTACTATAAGATTGTGACCTCGATGTTGGACTAAGGAGTTAACTTATTAGACGTAAGTTAAGATGGTTCTGTTCGAACCCTGTACCTTACATGATCTGAGTTCAGACCGG

Mit nur 80% Übereinstimmung scheint unsere Fürstenberg Spitzschnecke recht einmalig zu sein!

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